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Hauptseminararbeit, 1998, 25 Seiten
Autor: Alexander Huber
Fach: Theaterwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München (Institut fuer Theaterwissenschaft)
Tags: Henry, Inszenierungen, Vergleich, Looking, Richards, Henrys, Henry IV, Shakespeare
Jahr: 1998
Seiten: 25
Note: 1
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-09388-5
Dateigröße: 204 KB
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Zusammenfassung / Abstract
BBC Television Shakespeare; English Shakespeare Company; Inszenierungsvergleich; Heinrich IV; Shakespeare, William;
Volltext (computergeneriert)
Hauptseminar
"Looking for Richards and Henrys":
Shakespeares histories
Sommersemester 1998
1, 2 Henry IV
: zwei Inszenierungen im Vergleich
(Seminararbeit)
15. Juli 1998
Bearbeiter: Alexander Huber
INHALTSVERZEICHNIS
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
3
2 Vergleich
4
2.1 Konzeption und Form .
4
2.1.1 Der BBC Television Shakespeare .
4
2.1.2 Die English Shakespeare Company .
6
2.2 Inhalt .
9
2.2.1 Anschluß an
Richard II
.
9
2.2.2 Verbindung von Historie und Kom¨odie 10
2.2.2.1
Hal und das EastcheapMilieu 11
2.2.2.2
Falstaff 14
2.2.3 Rollenspiele und Identifikationsangebote 16
2.2.4 Herrschaftslegitimationen und Rebellionen 17
2.2.4.1
Herrschaftslegitimationen 18
2.2.4.2
Rebellionen 20
3 Res¨umee
23
Literatur
24
1 EINLEITUNG
3
1 Einleitung
Das Doppelst¨uck
1, 2 Henry IV
1 (ca. 1596/97 bzw. 159798) nimmt die zentrale Stelle
in der zweiten Tetralogie (LancasterTetralogie) von Shakespeares Historien ein. Es ver-
bindet einerseits in seiner formalen Struktur genauso wie durch seine Inhalte die St¨ucke
Richard II
(1595) und
Henry V
(1599) und diskutiert andererseits in der Chronologie des
Shakespeareschen Werks, letztmalig in breit angelegter Form, die großen politischen Fra-
gen der bewegten nationalen Vergangenheit Englands: das Verh¨altnis zwischen K¨onig,
Adel und Volk, die Frage nach Thronfolge, Machterhalt und Herrschaftslegitimation, die
theatrale Inszenierung von politischer Macht, die Ursache und L¨osung von regionalen
Konflikten sowie die Eigenschaften eines perfekten K¨onigs.
Als historischer Dramatiker sch¨opft Shakespeare dabei f¨ur seinen eigenst¨andigen fik-
tionalen Entwurf aus einer Vielzahl ¨außerst divergierender historischer und literarischer
Quellen, etwa Chroniken, historischen Epen oder politischen Dramen.2 Dabei setzt er
beim zeitgen¨ossischen Publikum Faktenwissen voraus, selektiert und modifiziert es, deu-
tet und erg¨anzt es imaginativ, um anhand der historischen Ereignisse von 1399 (Kr¨onung
Henry IV) bis 1413 (Kr¨onung Henry V) eine eigene Deutung nach dem "Fall of Princes"
Modell zu pr¨asentieren. Diese unterliegt dabei weniger dem Diktat einer "Gattungstradi-
tion"
history play
, den Zw¨angen einer orthodoxen elisabethanischen Weltsicht oder der
Konformit¨at mit der herrschenden Klasse, sondern ist prim¨ar den dramatischen und thea-
tralen Notwendigkeiten der Zeit verpflichtet.
Die Arbeit will im folgenden Hauptteil zwei Produktionen dieses wichtigen Doppel-
st¨ucks im Vergleich analysieren: die BBC Television Shakespeare Produktion (im fol-
genden: BBC) aus dem Jahr 19793 in der Regie von David Giles und die Inszenierung
der English Shakespeare Company (im folgenden: ESC) aus dem Jahr 1989, als Teil
des Zyklus "The Wars of the Roses", in der Regie von Michael Bogdanov.4 Nach einer
einf¨uhrenden Charakterisierung der formalen Aspekte der Inszenierungen und des, aus
den Ergebnissen der Analyse abgeleiteten, zugrundeliegenden Inszenierungskonzeptes in
Abschnitt 2.1 (S. 4ff.) sollen anschließend anhand von ¨ubergeordneten inhaltlichen Kate-
gorien in Abschnitt 2.2 (S. 9ff.) einzelne ausgew¨ahlte Szenen aus beiden Produktionen in
Gegen¨uberstellung genauer interpretiert werden.
1Textgrundlage: [1]
William Shakespeare: The Complete Works (Compact Edition)
hrsg. von Stanley
Wells und Gary Taylor. Oxford, 1988.
2Hauptquellen f¨ur das Doppelst¨uck waren R. Holinsheds
Chronicles of England, Scotland and Ireland
(1587) und S. Daniels
The First Fowre Bookes of the Civile Wars Between the Two Houses of Lancaster and
Yorke
, Bd. 3 (1595). Vgl. [8] Ina Schabert (Hg.),
ShakespeareHandbuch
, Stuttgart, 1992 [1. Aufl. 1972],
S. 4124.
3Aufgenommen in den BBC Studios, London. Genaue Daten der Produktionen in [7] Kenneth S. Roth-
well und Annabelle Henkin Melzer,
Shakespeare on Screen. An International Filmography and Videogra-
phy
. London, 1990, S. 902. Eine Auswahl von Besprechungen der Erstausstrahlungen findet sich in [4]
J. C. Bulman und H. R. Coursen,
Shakespeare on Television. An Anthology of Essays and Reviews
. Hanover
und London, 1988, S. 25760.
4Daten der Produktionen in [3] Michael Bogdanov und Michael Pennington,
The English Shakespeare
Company. The Story of `The Wars of the Roses′ 19861989
. London, 1992, Anhang 14.
2 VERGLEICH
4
2 Vergleich
2.1 Konzeption und Form
2.1.1 Der BBC Television Shakespeare
Die BBC Shakespeare Verfilmungen stehen in der langen Tradition der sog. "period ad-
aptations" ber¨uhmter Werke der englischen Literatur f¨ur das Fernsehen.5 Dabei steht die
Nostalgie einer vergangenen, miniaturisierten Welt im Vordergrund: die Zuschauer treten
aus ihrer eigenen modernen Welt in einen Illusionsraum der einfachen, abgeschlossenen
und v. a. verlorengegangenen elisabethanischen Welt. Die Kamera ist Beobachter: das
"showcasing of Englishness and of history" ist ein Grundmerkmal der Verfilmungen. Es
handelt sich dabei haupts¨achlich um ein Kulturprogramm mit bildungspolitischem Ziel,
da das Fernsehen, so die Theorie in den 60er und 70er Jahren, als "new public theatre"
das beste Medium f¨ur Shakespeare sei.6 Cedric Messina, Initiator des BBC Television
Shakespeare und Produzent der fr¨uhen Verfilmungen (auch von
1, 2 Henry IV
), sieht die
besondere Bedeutung des BBC Shakespeare als Exportprodukt des britischen Kulturgutes
"William Shakespeare" und f¨uhrt zu den Zielen aus:
The guiding principle behind the BBC Television Shakespeare is to make the plays,
in permanent form, accessible to audiences throughout the world, and to bring to
these many millions the sheer delight and excitement of seeing them in performance
in many cases, for the first time.
Die BBCProduktionen bringen dem Sender einerseits "cultural status" andererseits
beachtliche Einschaltquoten. Der Name Shakespeare ist der Markenname f¨ur Qualit¨at:
"The BBC Shakespeare". Aus dieser ¨ubergeordneten Konzeption der BBCVerfilmungen
ergeben sich freilich weitreichende Konsequenzen f¨ur die Umsetzung der St¨ucke: viele
der Striche, z. B. von Gewaltszenen oder ¨Außerungen ¨uber Gewalt und sexuelle An-
spielungen, sind nicht einfach auf K¨urzungsw¨unsche oder eine tats¨achliche interpreta-
torische Absicht zur¨uckzuf¨uhren, sondern m¨ussen auch dem Diktat der Entsch¨arfung
Shakespeares zugerechnet werden. Sicher mußte die BBC bis zu einem gewissen Maß
einen Balanceakt zwischen einer jugendfreien Fassung, die nach dem Bildungsanspruch
auch f¨ur Schulkinder in aller Welt geeignet ist, und einer nicht v¨olligen Entstellung der
St¨ucke bewerkstelligen.7 Daß das Ergebnis dieses Kompromisses den St¨ucken nat¨urlich
5Teile der Charakterisierung und Zitate entstammen der Mitschrift und
handouts
einer Vorlesung von
Prof. Roger Sales mit dem Titel "Visions of British Culture" gehalten im Sommersemester 1991 am Institut
f¨ur Englische Philologie der LMU M¨unchen.
6Fernsehgeschichtlich war die BBCProduktion, "the most ambitious and expensive project in the
history of TV" mit 37 Verfilmungen zwischen Dezember 1978 und April 1985, ein Flop. Relativ bald
wurden die St¨ucke von BBC 1 auf BBC 2 verschoben und von den Hauptsendepl¨atzen auf Randbereiche
verlagert.
7An amerikanischen Schulen und Universit¨aten ist der BBC Television Shakespeare zum Standardwerk-
zeug der Interpretation der St¨ucke mit Unterst¨utzung des Mediums Video geworden.
2 VERGLEICH
5
nie angemessen sein kann, bedenkt man v. a. den urspr¨unglichen Auff¨uhrungskontext f¨ur
ein erwachsenes Publikum im Am¨usierviertel Londons, ist offensichtlich. Das kriminelle
Unterwelt und Rotlichtmilieu Eastcheap wird so in
1, 2 Henry IV
auch aus diesem Grund
fast g¨anzlich unterdr¨uckt.
Das Ziel der im Zitat genannten "permanent form", die nicht veralten w¨urde, schließt
nat¨urlich Experimente oder (im Sprachgebrauch der Produzenten) "modish influences"
aus. Die Verfilmungen folgen daher formal und inhaltlich einem bis ins Detail gehen-
den, rekonstruierten "authentic Elizabethan style". Der Eindruck einer konsistenten hi-
storischen Authentizit¨at bezieht sich bei der BBC allerdings nicht auf den dargestellten
Inhalt, sondern auf die Darstellung: der Stil ist elisabethanisch, nicht mittelalterlich, es
wird keine mittelalterliche Szenerie gezeigt, sondern die Verfilmung einer elisabethani-
schen Produktion der Historien f¨ur ein "idealiter" elisabethanischdenkendes Publikum.
Auf der formalen Ebene wurde die Forderung nach Authentizit¨at in der Verfilmung von
1, 2 Henry IV
, die aus dem ersten (von drei unterscheidbaren) Inszenierungsstilen der
Fernsehproduktionen stammt, durch PseudoNaturalismus, architektonischen Realismus,
epochenspezifische Dekoration, Kost¨ume und Details (Hals Haarschnitt) und einer weit-
gehend statischen Kamera, dem sogenannten "theatrical framing", erf¨ullt. Genuin filmi-
sche Mittel, wie etwa ¨Uberblendungen, Effekte, Montagen, Kamerafahrten und wechseln-
de einstellungen, werden nicht oder nur sehr sp¨arlich eingesetzt; die Verfilmung wurde
komplett im Studio gedreht. Inhaltlich, d. h. interpretatorisch, kann die Forderung nach
einer ¨uberdauernd g¨ultigen Inszenierung der St¨ucke nur durch die Orientierung an der li-
terarischen MainstreamKritik der Historien zu dieser Zeit erf¨ullt werden.8 Der Hauptver-
treter dieser MainstreamKritik war seit dem Erscheinen seines epochemachenden Werks
Shakespeare′s History Plays
(1944) bis weit in die 70er Jahre E. M. W. Tillyard.9
Tillyards Interpretation der Historien erhebt den "Elizabethan style" gerade zum allein
g¨ultigen Interpretationsansatz, die Ideologie einer optimalen historisierenden Inszenie-
rung der BBCProduktion wird somit geradezu theoretisch untermauert. Zwei zentrale
Postulate des "Old Historicism" Tillyards10 werden so zu "guiding principles" der Ver-
filmung von
1, 2 Henry IV
: erstens, die Historien sind nur aus der exakten Rekonstrukti-
on der ¨außeren lebensweltlichen Umst¨ande und der Gedankenwelt der elisabethanischen
Zeit verstehbar ("historical fact"), die historische Distanz ist dabei gerade kein Rezepti-
onshindernis, sondern notwendig zum Verst¨andnis der St¨ucke; zweitens, Shakespeare ist
als Dramatiker dem
Tudor myth
verpflichtet, er stellt seine St¨ucke in den Dienst dieser
postulierten orthodoxen Sicht, die den B¨urgerkrieg und die Leidens und Krankheits-
phase Henrys als Gottes gerechte Strafe f¨ur die Usurpation beschreibt. Die entstellende
Krankheit, unter der Henry laut den Quellen gelitten haben soll, die Shakespeare aber
8Cedric Messinas Anweisung an seine Regisseure "to let the plays speak for themselves", i. e. die Fiktion
eines quasineutralen interpretatorischen Umgangs mit den St¨ucken, ist bezeichnend.
9Die "modish influences" meinen im Klartext also die PostTillyard Kritik, die sich seit den 70er Jah-
ren langsam durchsetzt, etwa "New Historicism", "Cultural Materialism", Feminismus und Dekonstruktion.
Einen ¨Uberblick ¨uber neuere Ans¨atze speziell zur LancasterTetralogie liefert [5] Graham Holderness,
Sha-
kespeare′s History Plays:
Richard II
to
Henry V. New Casebooks Series. London, 1992.
10Das Etikett "Old Historicism" wurde nachtr¨aglich von der PostTillyard Kritik vergeben, nachdem die
Forderung nach Erneuerung des historischen Interpretationsansatzes immer lauter wurde.
2 VERGLEICH
6
unterschl¨agt, wird in der Inszenierung tats¨achlich dargestellt. Die folgende Analyse der
Inszenierung zeigt sehr deutlich, daß die BBCProduktion bis in Einzelheiten Tillyards
Interpretation des Doppelst¨ucks verpflichtet ist.
2.1.2 Die English Shakespeare Company
Bei der ESCProduktion handelt es sich um die Aufnahme einer Auff¨uhrung aus der
dritten Welttournee der Truppe 19889, die 1989 live vor Publikum im Grand Thea-
tre, Swansea gespielt wurde.11 Dabei zeugt die von Bogdanov selbst besorgte Schnitt
Fassung (aus sieben Kameras) von einer bewußt eingesetzten Kameraregie, wodurch sich
die beiden Produktionen, die weitgehend (die Kampfszenen ausgenommen) statische Ka-
meraeinstellungen und
medium closeups
der Figuren aneinanderreihen, gut vergleichen
lassen. Anders als die BBC versucht die ESCProduktion allerdings gezielt die histori-
sche Distanz zum St¨uck und auf einer zweiten Ebene zur darin dargestellten Zeit zu ¨uber-
br¨ucken. Die aktualisierende Inszenierung versucht das St¨uck f¨ur ein heutiges Publikum
zu erschließen, sie generiert bewußt keinen Schaukasten in eine nostalgisch gesehene,
fremde Vergangenheit. Vielmehr zeigt der Verzicht auf jegliche epochenspezifische oder
illusionistische Dekoration und die Fokussierung auf wenige gezielt eingesetzte B¨uhnen-
versatzst¨ucke und auf das dominante Zeichensystem Kost¨um, daß die Rezeptionserleich-
terung des Regiekonzepts durch unmittelbareren Zugang im Vordergrund steht.
Michael Bogdanov begr¨undet das aktualisierende Inszenierungskonzept mit der poli-
tischen Analogie zwischen der Herrschaft Henrys und dem deprimierenden HochThat-
cherismus im England der sp¨aten 80er Jahre. Beide Regierungszeiten seien demnach von
bigottem, xenophobischem Patriotismus, von Imperialismus und dem "New Brutalism"
der R¨uckkehr zum viktorianischen ManchesterKapitalismus gepr¨agt. Zudem w¨urden
durch den Zentralismus in London die berechtigten Interessen der Regionen Schottland
und Wales unterdr¨uckt. Die thematischen Parallelen sind demnach offensichtlich:
The Henrys
were plays for today, the lessons of history unlearnt. [. . . ] How could
the plays
not
be understood in a contemporary context? The Irish problem still with
us; the Scots clamouring for devolution and the desire to assert their own distinctive
culture; the Welsh beleaguered in their welcoming hillsides, fighting a reargued ac-
tion to save their language, a million people speaking Welsh; the North laid waste by
speculative bulldozers and lack of investment; urban decay hastened by the plethora
of concrete car parks and highrise, highrent office blocks. Nothing had changed in
six hundred years, save the means.12
Formal ist die ESCInszenierung in Anlehnung an die elisabethanische B¨uhne gepr¨agt
durch den leeren Raum, der fast ausschließlich durch die "Wortkulisse", einige wenige
funktionale Versatzst¨ucke und das Erscheinungsbild der Figuren semantisiert wird. Den
11Vgl. [3] Bogdanov/Pennington (1992), S. 216233.
12In [3] Bogdanov/Pennington (1992), S. 24f. Das 2. Kapitel des Buchs ist dem Regiekonzept gewidmet.
2 VERGLEICH
7
Grundtenor der Inszenierung legt die Verlagerung in die Gegenwart fest. Das epochen-
spezifische Potential der St¨ucke kommt ¨uber anachronistische Zitate mittelalterlicher und
elisabethanischer Details herein, z. B. Kettenhemden und Schwerter in der Schlacht von
Shrewsbury oder Dolche und Federh¨ute in Eastcheap. Das Zeichensystem Kost¨um13 (und
Maske) wird hier durch die Freiheit eines uneinheitlichen Stils bewußt als interpreta-
torisches Mittel (Raumsemantisierung, Charakterisierung) eingesetzt: auf der Hofebene
herrscht sehr f¨ormliche Kleidung und Uniformen aus der Gegenwart vor, w¨ahrend die re-
bellische Haltung der Wirtshausebene durch Kost¨ume und Masken ausgedr¨uckt wird, die
deutlich einem Unterweltmilieu, einer pseudoelisabethanischen Kultur und der Jugend-
kultur entlehnt sind (unpassende Anz¨uge, pseudoelisabethanische Kost¨ume der Bedien-
ten, zerissene Hosen, Ohrringe, Irokesenschnitt). Die regional zerstreuten Rebellen sind
schl¨ussigerweise mit der Kleidung des Landadels (
gentry
) versehen. Den eklektischen
Stilpluralismus der Inszenierung f¨uhrt Bogdanov auf das elisabethanische Theater selbst
zur¨uck, er will dadurch auch das formbetonte englische Theater n¨aher an die europ¨aische
Inszenierungspraxis heranf¨uhren. Generell beschreibt er den Stil des Theaters der ESC,
in Anlehnung an Peter Brook, als "rough theatre":
We would provide a space that would allow the plays to range over the centuries in
imagery. We would free our, and the audiences′, imaginations by allowing an eclectic
mix of costumes and props, choosing a time and a place that was most appropriate
for a character or a scene. Modern dress at one moment, medieval, Victorian or Eliza-
bethan the next.14
Inhaltlich zeigt sich die ESCProduktion in ihrer Interpretation der St¨ucke n¨aher am
Shakespeareschen Original als die k¨urzere Strichfassung der BBC, es wird hier nicht ver-
sucht, den Zuschauer in die vermeintlich einzig richtige Reaktion auf die St¨ucke, i. e.
die historisch distanzierte, hineinzudr¨angen. Die offensichtliche Widerspr¨uchlichkeit der
in sich konsistenten Positionen der verschiedenen Gruppen (K¨onig, Hal und Eastcheap,
Rebellen) bleibt erhalten.
Die ESCProduktion muß im Jahr 1989 nat¨urlich, wie jede Inszenierung, die selbst in
England in irgendeiner Form Beachtung finden will, Position beziehen in Hinblick auf
ihre Darstellung der Geschichte bei Shakespeare. Die Abkehr von Tillyards "Old Histor-
icism" macht den Einfluß der breiten Akzeptanz neuerer Theorien zu Shakespeare als
Dramatiker der nationalen Vergangenheit f¨ur seine Zeit sp¨urbar. Ziel kann danach nicht
die Festschreibung der St¨ucke durch konservatorische Entr¨uckung in einen stilisierten or-
thodoxen "Elisabethanismus" sein. Zu offensichtlich sind in der historischen Forschung
inzwischen die Erkenntnisse ¨uber die "Vielstimmigkeit" der elisabethanischen Zeit, als
13"From the moment when an
Ur
production of
Romeo and Juliet
, set in Renaissance Verona, went
down the tubes in Leicester in 1976, my work with Shakespeare had been exclusively modern dress. Each
production was successively an attempt to relate and clarify the language and open the plays out for new,
young audiences." In [3] Bogdanov/Pennington (1992), S. 26. Den R¨uckgriff auf elisabethanische oder mit-
telalterliche Kleidung und Waffen begr¨undet Bogdanov mit der Notwendigkeit tats¨achlicher ausgespielter
Konfrontation.
14In [3] Bogdanov/Pennington (1992), S. 29.
2 VERGLEICH
8
daß man noch von einer einheitlich uniformen Weltsicht sprechen k¨onnte, unter deren
Diktat Shakespeare seine St¨ucke gestellt habe. Nimmt man Shakespeare vielmehr als
historischen Dramatiker ernst, der f¨ur ein zeitgen¨ossisches elisabethanisches Publikum
schreibt und ihm seine Interpretation der nationalen Geschichte vermitteln will, so m¨ussen
die Historien, als Dramen (wie die Kom¨odien und Trag¨odien) und nicht als Geschichts-
werke verstanden, einem heutigen Publikum ebenso zug¨anglich sein, wie sie es einem
zeitgen¨ossischen Publikum waren.
Generell halten sich beide Inszenierungen mit SzenenStrichen weitgehend zur¨uck,
die BBC streicht nur im 2. Teil die Szene V,4 (Verhaftung von Mistress Quickly und Doll
Tearsheet) und den Epilog. Die ESC streicht die Szenen II,1 (Vorbereitung der Pilgerreise)
im 1. Teil und IV,2 (ColevilleEpisode) und den Epilog im 2. Teil.
2 Henry IV
wird in
beiden Inszenierungen großz¨ugig (ca. 25% des Texts) zusammengestrichen.
2 VERGLEICH
9
2.2 Inhalt
Anhand ¨ubergeordneter thematischer Komplexe werden im folgenden einzelne repr¨asen-
tative Szenen aus beiden Inszenierungen kontrastiv verglichen. Das inhaltliche Spektrum
umfaßt dabei den Kontext von
Richard II
f¨ur
1, 2 Henry IV
, die Verbindung von Historie
und Kom¨odie, die Darstellung von Rollenspielen und Identifikationsangeboten und die
Konzepte von Herrschaftslegitimation und Rebellion.
2.2.1 Anschluß an Richard II
Beide Inszenierungen kn¨upfen bewußt an
Richard II
an, dessen Thematik der Usurpation
der Macht und Ermordung Richards die beiden Teile von
Henry IV
von
1 Henry IV
(I,1
KreuzzugVorhaben in Jerusalem als S¨uhne f¨ur die S¨unde der Usurpation) bis
2 Henry
IV
(IV,5 Tod Henrys in der Jerusalem Chamber) rahmt. Bereits große Teile des V. Akts
von
Richard II
dienten der Vorbereitung des Doppelst¨ucks
1, 2 Henry IV
, etwa Richards
Prophezeihung ¨uber die Zerstittenheit und den Untergang der Rebellen Bolingbroke und
Northumberland in V,1:5568 oder Henrys Klagerede ¨uber Hal zu Beginn von V,3:1
12, wodurch bereits die zentralen Sph¨aren und Thematiken der Hof (Rebellionen) und
Wirtshausebene (Hals Wandlung) eingef¨uhrt wurden. In
Henry IV
spielt die Regentschaft
Richard II dar¨uberhinaus immer wieder den Referenzpunkt f¨ur die Argumentationen der
Antagonisten. Die Rebellen etwa berufen sich st¨andig auf ihren Thronanspruch und die
Notwendigkeit der Verteidigung gegen Henry.
Die BBCFassung zeigt zu Beginn die Ermordungsszene Richards in Pomfret Castle
aus der BBCVerfilmung von
Richard II
mit dem letzten Halbsatz Richards "here to die"
(V,5:112) und ¨uberblendet dann auf den betenden Henry IV (Jon Finch). Damit wird
geschickt der Grundtenor f¨ur die gesamte Regentschaft Henrys gesetzt, die von Selbst-
vorw¨urfen, Angst und Schuldbewußtsein ¨uber die Ermordung von Richard und die dar-
aus resultierende Uneinigkeit des Landes gepr¨agt ist. Das Gebet als Akt der S¨uhne f¨ur
die "Gottesstrafen", denen sich der illegitime K¨onig Henry ausgesetzt sieht (Rebellionen,
"Feind" Hal), schließt gleichzeitig auch an die Bestrebung Henrys an, seine Regentschaft
als gottgewollt legitimiert darzustellen. An der fehlenden Einsicht in die Notwendigkeit
der Legitimation der Herrschaft, ¨uber die transzendente Legitimation der Macht hinaus,
war bereits Richard II gescheitert. Die im St¨uck aufgebaute Analogie zwischen Hals (Da-
vid Gwillim) Ausschweifungen bzw. Umgang und den Verfehlungen Richards (Henrys
Vergleich Hals mit Richard II in
1 Henry IV
, III,2:94) mit dem Resultat des Verlusts des
Ansehens wird durch diese vielschichtige prospektive Geste des betenden Henry beson-
ders unterstrichen.
Einen anderen Ankn¨upfungspunkt w¨ahlt die ESCInszenierung, die ja den Zugang zum
St¨uck m¨oglichst erleichtern will. Am Beginn steht dort ein Prolog, auch in Anlehnung an
Praktiken des elisabethanischen Theaters: das Ensemble pr¨asentiert auf der Theaterb¨uhne
die von Bogdanov/Pennington stammende Ballade `Harry Le Roy′, die den
plot
von
Ri-
chard II
in den wesentlichen Grundz¨ugen zusammenfaßt. Das entscheidend Wichtige ist
2 VERGLEICH
10
dabei der h¨aufig wiederholte Refrain "Of a King who was mighty but wild as a boy,//
And list to the ballad of Harry le Roy".15 Einerseits erf¨ullt der Prolog also durch die Zu-
sammenfassung von
Richard II
prim¨ar expositorische Funktionen (notwendiger Kontext
f¨ur
Henry IV
16), andererseits wird die in den Quellen zum St¨uck immer wieder beschrie-
bene "wild youth" Hals in den Mittelpunkt ger¨uckt. Dies bereitet das Publikum auf die
breite Darstellung der Ausschweifungen Hals vor, die eines der zentralen Charakteristika
der ESCInszenierung im Kontrast zur BBC ist. Interessant ist dabei, daß die ESC Hal
mit dem gleichen Schauspieler besetzt (Michael Pennington), der in der ESCProduktion
von
Richard II
K¨onig Richard spielte (chronologisch allerdings umgekehrt), wodurch die
schon erw¨ahnte Analogie zwischen Richard und Hal zus¨atzlich pointiert wird.
In viel st¨arkerem Maße als die BBC versucht die ESC Shakespeares heute selten ge-
spieltes Doppelst¨uck einem jetzigen Publikum verst¨andlich zu machen. Dies ¨außert sich
in einer ganzen Reihe von Rezeptionshilfen, die die Regie dem Publikum anbietet. Da-
zu geh¨ort beispielsweise der Strich von Henrys Klagerede auf Hal, die gleichzeitig eine
Lobrede auf Hotspur ist, in
1 Henry IV
, I,1:7789. Die Wunde, die Westmorlands Kom-
mentar reißt, wird hier vom Darsteller Henrys (Michael Cronin) nur mimisch und gestisch
ausgedr¨uckt. Stattdessen wird an den Schluß der Szene eine Rede Henrys aus
Richard II
,
V,3:112 angeh¨angt, die in deutlicherer Weise als Z. 7789 die n¨aheren Umst¨ande von
Hals Fehlverhalten einf¨uhrt und dabei gleichzeitig das Milieu charakterisiert in dem sich
Hal bewegt. Die expositorische Hilfestellung ist dabei offensichtlich: Hal h¨alt sich nicht
prim¨ar am Hof auf, er ist seinem Vater entfremdet, treibt sich in ber¨uchtigten Etablisse-
ments herum mit ungeeignetem Umgang, er verh¨alt sich unm¨annlich und seiner prinz-
lichen Rolle unangemessen, ist moralisch verwerflich und sexuell ausschweifend. Dabei
erreicht die Inszenierung durch diesen Kunstgriff nicht nur eine Rezeptionserleichterung
des Folgenden, sondern setzt gleichzeitig den Grundton f¨ur die viel versch¨arfter gezeich-
nete Unmoral und Kriminalit¨at des Milieus. Atmosph¨arische Szenen, wie etwa die sich
unmittelbar anschließende I,2, die eine halbbekleidete Prostituierte zeigt, die aus Hals
Zimmer kommt und ihre auf dem Boden verstreute W¨asche aufsammelt, schließen sze-
nisch in st¨utzender Weise an die Fremdcharakterisierung Hals durch Henry an. Hierher
geh¨ort auch die Szene zu Beginn von II,5, die einen betrunkenen Hal zeigt, der sich erneut
im Rotlichtmilieu am¨usiert.
2.2.2 Verbindung von Historie und Kom¨odie
Nachdem Shakespeare in
Richard II
das
history play
mit der Trag¨odie verbunden hat-
te, folgt mit
1, 2 Henry IV
das literaturgeschichtlich einmalige Experiment der Verbin-
dung der Historie mit der Kom¨odie. Die Struktur des Doppelst¨ucks folgt dabei einem dra-
matisch ¨außerst effektvollen alternierenden Parallel und Kontrastprinzip von Hof und
Wirtshausebene, wobei sich die beiden Ebenen im 1. Teil durch die Rebellion und Hal
15Text und Melodie der Ballade finden sich in [3] Bogdanov/Pennington (1992), Anhang 5. Vgl. hierzu
auch S. 56f.
16Bogdanov betont immer wieder, daß er sich an ein breites, multikulturelles Publikum wende, das nicht
notwendigerweise mit Shakespeare oder der englischen Geschichte vertraut sei.
2 VERGLEICH
11
und Falstaffs ¨Ubertritt in die Hofebene immer mehr ann¨ahern, im 2. Teil aber vollst¨andig
getrennt werden. Das politische Grundthema der beiden Sph¨aren ist dabei dasselbe: die
Bedrohung des Staates, i. e. der Herrschaft Henrys, durch Rebellion auf der Hofebene
und Anarchie auf der Wirtshausebene. Das Darstellungsprinzip beider Entwicklungen ist
dabei die Steigerung und Degeneration, die die letztliche Zerschlagung erm¨oglicht und
erzwingt. Die Darstellung des Verh¨altnisses von Hal als zuk¨unftigem K¨onig zu Falstaff
und Eastcheap steht im Zentrum dieses Abschnitts.
2.2.2.1 Hal und das EastcheapMilieu
Am anschaulichsten wird der grundlegende Unterschied der beiden Inszenierungen von
Henry IV
gerade an diesem Verh¨altnis Hals zu Eastcheap und der Darstellung des Milieus
als Aktionsraum f¨ur den Thronfolger. W¨ahrend die BBC auf formaler Ebene durch den
einheitlichen pseudonaturalistischen Stil kaum b¨uhnenbildnerische Akzente bei der Se-
mantisierung der R¨aume setzen kann, erreicht die ESC allein durch die M¨oglichkeiten der
Versatzst¨ucke auf der B¨uhne eine st¨arkere Differenzierung und Kontrastierung der beiden
Ebenen: die Hofebene wird z. B. repr¨asentiert durch den Staatssitz, schwere Holztische,
symmetrisch angeordnete St¨uhle, Fahnen, ger¨aumige Raumaufteilung, die Wirtshausebe-
ne dagegen u. a. durch eine Schlafcouch, Bettlaken, Wirtshaustische und b¨anke und eine
intime Raumatmosph¨are.
Die Charakterzeichnung Hals als Bindeglied zwischen der Wirtshaus und Hofebene,
des Karnevals im Sinne Bakhtins und der Ordnung ist in beiden Inszenierungen des 1.
Teils ebenfalls v¨ollig unterschiedlich. Die BBCInszenierung zeigt in ihrer Strichfassung
eine konsequent positive Darstellung des Thronfolgers. Shakespeare selbst hatte die ex-
trem negative Schilderung Hals als betrunkener, gewaltt¨atiger Wegelagerer, die er aus
den Quellen und kursierenden Anekdoten kannte, bereits abgemildert und machte seine
Wandlung plausibel. In der BBCFassung dagegen erscheint Hal von Beginn an als der
k¨onigstreue, n¨uchtern berechnende Realpolitiker und daher innerlich distanzierte Erkun-
der des EastcheapMilieus, als den ihn Warwick erst nach allen Wandlungen am Ende
des 2. Teils beschreibt (
2 Henry IV
, IV,3:6778). Die BBC folgt hier, wie schon erw¨ahnt,
g¨anzlich der Tillyardschen Interpretation, die Hal schon in
Henry IV
als den perfekten,
vollendeten k¨oniglichen Typus beschreibt; ¨uber die deutlichen Br¨uche in Hals Pers¨onlich-
keit geht sie, wie Tillyard, hinweg:
The Prince as depicted in
Henry IV
[. . . ] is a man of large powers, Olympian lofti-
ness, and high sophistication, who has acquired a thorough knowledge of human
nature both in himself and in others. He is Shakespeare′s studied picture of the king-
ly type: the fulfilment of years of thought and of experiment.17
Von Beginn an baut die BBCFassung daher nachdr¨ucklich eine innere Distanz zwi-
schen Hal und Falstaff auf: auf Falstaffs "I′ll be damned for never a king′s son in Chris-
tendom" (I,2:96f.) etwa folgt die Großaufnahme des Geringsch¨atzung und Verachtung
17In [9] E. M. W. Tillyard,
Shakespeare′s History Plays
, London, 1959 [1. Aufl. 1944], S. 269
2 VERGLEICH
12
ausdr¨uckenden Gesichts Hals, die die Zeile eindeutig als ins Positive gewendete "self
fulfilling prophesy" markiert. Gleichzeitig streicht die BBC im 1. Teil mit erstaunli-
cher Akribie s¨amtliche Passagen, die auch nur den geringsten Verdacht auf Hals mora-
lischen Status oder K¨onigstreue werfen k¨onnten: die Passage ¨uber Hals Finanzierung der
EastcheapBande (I,2:54f.) fehlt ebenso wie z. B. seine vermeintliche Zustimmung zum
¨Uberfall "Well then, once in my days I′ll be a madcap" (I,2:140f.). Bereits Hals Mo-
nolog in I,2:192214 verdeutlicht, daß seine Insubordination weitgehend als Rollenspiel
angesehen werden muß, sein Pers¨onlichkeitszentrum ist fr¨uhzeitig klar, es geht also nicht
um die tats¨achliche Gefahr von Hals Abdriften ins Milieu. Zentral f¨ur die historische
Authentizit¨at des fiktionalen Entwurfs aber bleibt die Notwendigkeit der Konsistenz von
theatralem Text und B¨uhnenaktion. Daf¨ur ist die Glaubw¨urdigkeit der "wilden Jugend"
Hals, die Holinshed sehr anschaulich beschreibt und die in Henrys Klagen bis zum Vor-
wurf des Vatermordes geht (
2 Henry IV
, IV,4:2357) von besonderer Bedeutung. Diese
Authentizit¨at wird in der ESCProduktion, so wird sich zeigen, weit klarer realisiert als
in der BBCInszenierung.
Die Darstellung des ¨Uberfalls auf die Pilger in II,2/3 ist mit das beste Beispiel f¨ur
die Schilderung des EastcheapMilieus in der BBCFasssung: die kaum 10 Sekunden
dauernde Szene betont ausschließlich das komische Moment des ¨Uberfalls, d. h. die ei-
gentliche Intrige von Hal und Poins, Falstaff als Feigling und Prahlhans zu entlarven, ist
der Anlaß f¨ur den ¨Uberfall, nicht der Raub des Geldes, das in der King′s Tavern f¨ur Wein
und Weib ausgegeben werden kann. Die K¨urze der Szene, Resultat des Verzichts auf eine
tats¨achliche Darstellung des ¨Uberfalls, steht zudem in auff¨alligem Kontrast zur darauf-
folgenden langen Szene, die den Vorfall in aller Breite ins Zentrum der Unterhaltung im
Wirtshaus stellt. Das zumindest unmittelbar gegebene, potentiell kriminelle Verhalten des
K¨onigssohns wird also zugunsten der Kom¨odie des unschuldigen Zeitvertreibs aufgel¨ost.
Andererseits nutzt die Verfilmung schnelle, kontrastreiche ¨Uberblendungen zwischen den
Szenen der Hof und Wirtshausebene, die die Opposition zwischen Hal und Hotspur und
Hals Verantwortungslosigkeit gegen¨uber der Monarchie verdeutlichen. Dies ist ein offen-
bar gezielt eingesetztes Stilmittel, um trotz des ¨außerlich einheitlichen Stils der Produkti-
on die Wirtshaus und Hofebene doch ¨uberzeugend zu kontrastieren.
Die ESCInszenierung baut die ¨Uberfallszene, die das Inszenierungskonzept der brei-
ten Darstellung der "wild youth" Hals nat¨urlich st¨utzt, aus: im Zentrum stehen hier offene,
unn¨otig brutale Gewaltakte gegen die Pilger, die keinerlei Gegenwehr leisten. Nicht allein
der Spaß der Entlarvung der Feigheit Falstaffs, als dem einzigen Unterhaltungsgrund des
¨Uberfalls, ist vordergr¨undig, sondern v. a. die milieutypische Verhaltensform aus Gewalt
und Kriminalit¨at. Szenisch betont wird dies durch den am Ende herbeilaufenden Bob-
by18, der den ¨Uberfall und Hal als Beteiligten in ein eindeutig kriminelles Milieu versetzt,
die Entfremdung von der Staatsgewalt dokumentiert und den ¨Uberfall keineswegs nur als
komisch, sondern als kriminellanarchisch beschreibt. Dadurch wird zus¨atzlich die Dop-
pelbedrohung mit einer staatsgef¨ahrdenden Komponente als ¨aquivalent zur Rebellion auf
der Staatsebene offensichtlich.
18Bezeichnenderweise taucht der Polizist noch einmal in Szene V,4 im 2. Teil auf, als er Mistress Quickly
und Doll Tearsheet verhaftet.
2 VERGLEICH
13
Der Strich der FrancisEpisode (II,5:19101) in der BBCFassung ist das beste Bei-
spiel f¨ur die Konsequenz einer historisierenden Inszenierung nach dem Tillyardschen Po-
stulat. Die Szene wirft als Ausdruck seiner "wild youth" ein ¨außerst problematisches
Licht auf Hal, er erscheint als gef¨uhlloser, herablassender H¨ofling, der sich auf Kosten
Schw¨acherer (Pilger, Diener) am¨usiert. Das Vergn¨ugen steht an oberster Stelle und ist ein
klarer Ausdruck im St¨uck f¨ur die tiefe Verwurzelung Hals im Milieu. Die Szene st¨utzt
als Pendant zur ¨Uberfallszene die Charakterisierung Hals als unreifen, herrschaftsgef¨ahr-
denden Rebellen als den Henry ihn sp¨ater schildert. Der Erkl¨arung der problematischen
FrancisEpisode, die immer wieder Stein des Anstoßes ist, widmet Tillyard aus diesem
Grund auch eine l¨angere Erkl¨arung19: Hal meine die Veralberung Francis′ gar nicht wirk-
lich ernst, er habe Francis nur auf die Probe stellen wollen, außerdem sei Francis am an-
deren Ende der gesellschaftlichen Schichtung und Hal habe sozusagen das Recht ihn als
einen "subhuman" zu behandeln. Das elisabethanische Publikum habe durch den Schich-
tenunterschied die Szene als nicht so unmenschlich und grausam wahrgenommen. Das
Credo, die Historien seien nur in ihrem unmittelbaren, i. e. von Tillyard selbst konstruier-
ten, zeithistorischen Kontext verstehbar, ist offensichtlich.
Ein heutiges Publikum freilich, das diese "Erkl¨arung" nicht hat, reagiert ganz anders:
Hals Verhalten ist herablassend und abstoßend. Wenn das vermeintlich zum Verst¨andnis
n¨otige Hintergrundwissen also beim Publikum fehlt, kann es nur zu einer "Fehlinterpre-
tation" der Szene kommen, die Hal schnell vom "Olymp" st¨urzen w¨urde. Da nach dieser
Theorie ein Verst¨andnis der St¨ucke nur in ihrem historischen Kontext m¨oglich ist, dieser
Kontext beim Publikum aber nicht vorausgesetzt werden kann, so m¨ußte die Inszenierung
das St¨uck eigentlich erkl¨arend kommentieren. Da sie das nicht kann, m¨ussen Szenen, die
beim Publikum eine unmittelbare und nicht "historisch korrekte" Reaktion hervorrufen
k¨onnten, notfalls gestrichen werden, damit das Verst¨andis der St¨ucke im Sinne der von
Tillyard vermittelten Intention Shakeseares gew¨ahrleistet ist. Diese Bevormundung des
Publikums ist nat¨urlich erneut vor dem schon erw¨ahnten Bildungsauftrag f¨ur ein breites
Fernsehpublikum zu sehen. Die sp¨atere Wandlung Hals wird im St¨uck selbst viel st¨arker
motiviert, dieser Kontrast wird in der BBCVerfilmung nicht aufgebaut.
Die Tillyardsche Interpretation kann heute nicht mehr ¨uberzeugen, zumal der Elisa-
bethaner Poins im St¨uck selbst den Sinn dieses "Scherzes" nicht versteht und Hal nach
dessen Bedeutung fragt. Begreift man Shakespeare vielmehr tats¨achlich als historischen
Dramatiker, so dient die Szene zweifelsohne der impliziten Selbstcharakterisierung Hals
als dem nicht st¨andig rational kalkulierenden Prinzen, dessen "offence" nicht immer nur
"a skill" (I,2:213) ist. So charakterisiert die ESC Hal in der atmosph¨arischen Szene vor
der FrancisEpisode ausdr¨ucklich als liederlichen Trunkenbold, der tats¨achlich eine wilde
Jugend auslebt und sich erst nach Reflexion f¨ur den Scherz bei Poins quasi entschuldigt,
indem er zugibt noch nicht so ernst und verantwortungsvoll zu sein wie Hotspur. Gleich-
zeitig r¨uckt die ESC die Verantwortung f¨ur sein Handeln weit mehr in Hals eigene H¨ande,
seine deutlicher als in der BBCFassung angelegte Unreife kontrastiert umso st¨arker mit
Henrys Vorw¨urfen, wodurch der VaterSohn Konflikt eine prominentere Rolle einnimmt.
Genau dieser Konflikt ist in der ESC dominant und wird szenisch vielf¨altig ausgestaltet.
19In [9] Tillyard (1959), S. 2747.
2 VERGLEICH
14
2.2.2.2 Falstaff
Auch die Charakterzeichnung Falstaffs unterscheidet sich in den beiden Inszenierun-
gen des Doppelst¨ucks, was nat¨urlich mit der g¨anzlich verschiedenen Charakterisierung
des EastcheapMilieus zusammenh¨angt. Die BBCFassung betont das komische Element
des EastcheapMilieus und von Falstaffs Verhalten (ab IV,2 und im gesamten 2. Teil) ein-
seitig als Gaunereien im typischen Stil der
vicefigure
, die auf der B¨uhne sowohl auf dem
inneren als auch auf dem ¨außeren Kommunikationssystem aktiv ist. Dabei vertraut Fal-
staff seine Schandtaten dem Publikum an, seine langen Monologe spricht der Darsteller
(Anthony Quayle) konsequenterweise auch in die Kamera als dem filmischen ¨Aquivalent
des Publikums. Im moralistischen Rahmen der Tillyardschen Interpretation aber wird die
Volkstradition des Karnevalesken als erlaubtes und zeitlich begrenztes, spielerisches Ele-
ment abgewertet.20
Die ESC kontrastiert Sein und Schein Sir John Falstaffs in der zweiten H¨alfte des
1. Teils bereits ¨außerlich sehr geschickt, indem sich Falstaff (Barry Stanton) als herun-
tergekommener Adliger in die gleiche Uniform zw¨angen darf, wie die H¨oflinge. Gerade
durch seine ordenbehangene Uniform und den Wagen, in dem Falstaff sich ziehen l¨aßt,
erscheinen seine folgenden Monologe, die ebenfalls direkt zum Publikum gesprochen
werden, besonders pointiert. Das zugrundeliegende Problem ist klar: solange Falstaff und
Eastcheap allein auf der Wirtshausebene angesiedelt waren, waren die Schurkereien zwar
bedrohlich f¨ur die zivile Ordnung, nicht aber von staatsbedrohender Qualit¨at. Mit Aus-
bruch der Rebellion allerdings, da Falstaff seine ¨Ubeltaten in die Staatsebene hereintr¨agt,
sich das zun¨achst getrennte Personal also mischt, werden sie bedrohlich f¨ur den K¨onig:
Falstaffs Unterschlagung von Mitteln und absichtliche Rekrutierung ungeeigneter Solda-
ten schaden der eigenen Armee und beg¨unstigen die Rebellen, seine Feigheit im Kampf
bringt seine Mitstreiter, wie etwa Hal in V,3:4055, in Gefahr, da kein Verlaß auf ihn
ist. Gleichzeitig nimmt der schlechte Einfluß auf Hal als dem Thronfolger kein Ende und
bringt erneut Zwietracht zwischen Henry und Hal. Das Resultat dieser Entwicklung des
1. Teils ist die Einleitung der vollst¨andigen Trennung der Staats von der Wirtshausebene.
Im 2. Teil, in dem die Kom¨odie einen noch gr¨oßeren Teil einnimmt, steht nicht mehr
die Komik des ungez¨ugelten Lebenswandels im Zentrum, sondern die Problematik von
Falstaffs zunehmend kriminelldekadentem Verhalten. Der Wortwitz des "Fool" bleibt
erhalten, aber die Opposition durch den Lord Chief Justice als dem neuen Gegenspieler
und die Isolation von Hal zeigen einen dunkleren Ton der Kom¨odie. Mistress Quick-
lys beschimpfende Fremdcharakterisierung (II,1:1438) Falstaffs als r¨ucksichtsloser, ge-
waltt¨atiger ¨Ubelt¨ater, Heiratsschwindler und Betr¨uger, Zechpreller und z¨ugelloser Hu-
renbock bleibt zwar nur in der ESC auch in ihrer ganzen (sexuell konnotierten) Breite
erhalten, dennoch wird, im Kontrast zum integren Lord Chief Justice, der Falstaff durch-
aus gewachsen ist, die Sympathie des Zuschauers von Falstaffs Schurkereien zunehmend
abgezogen, zumal Hal nicht mehr, wie im 1. Teil, f¨ur ihre Wiedergutmachung aufkommt.
Falstaff bleibt in seinen urspr¨unglichen Verhaltensmustern der Lasterallegorien und eines
20Vgl. zus¨atzlich zu Tillyard auch [11] J. Dover Wilson,
The Fortunes of Falstaff
. Cambridge, 1943 und
[2] C. L. Barber,
Shakespeare′s Festive Comedy
. Princeton, 1959.
2 VERGLEICH
15
miles gloriosus
, er ver¨andert sich nicht. BBC und ESC zeigen gleichermaßen unmiß-
verst¨andlich, wie Falstaffs Witze durch seine Isolation ins Leere laufen. Falstaff ist im
2. Teil von Hals fortgesetztem Wandlungsprozeß, der in der Thronrede in V,2 gipfelt, aus-
geschlossen. Er wird, trotz der sich schon in der Schlacht von Shrewsbury andeutenden
Entfremdung, am Schluß g¨anzlich ¨uberrascht und glaubt bis zum Ende Hal spiele nur eine
¨offentliche Rolle. Die ESC betont jetzt v. a. den ausschweifenden Lebenswandel Falstaffs,
den er sich zu unrecht erschwindelt hat. Auf der Ebene des Kost¨ums ist die Prahlsucht Fal-
staffs wieder eindeutig markiert, die Orden auf seiner Milit¨aruniform im 1. Teil tr¨agt er
jetzt auch ¨offentlich auf seinem Zivilanzug.
Auch die Komik des EastcheapMilieus geht zunehmend verloren, sie wird ersetzt
durch Fl¨uche, Gewaltt¨atigkeiten und pers¨onliche Angriffe. Die BBC zeigt hier einen ¨uber-
raschend deutlichen Wechsel in der Milieuschilderung, der mit den Vergn¨ugungen im
1. Teil nichts mehr zu tun hat, durch die Darstellung im 1. Teil allerdings nicht vorbe-
reitet wurde. Zwistigkeiten ersetzen zunehmend die Gemeinsamkeiten, das Milieu kann
jetzt, da Hal ihm nicht mehr angeh¨ort, auch von der BBC als das dargestellt werden das
es ist. Die Dekadenz des Milieus erscheint auch in der ESC in voller Breite: der Streit
zwischen Pistol und Doll Tearsheet in II,4 wird tats¨achlich mit Pistolen ausgetragen, der
Kampf zwischen Falstaff und Pistol findet tats¨achlich statt. Die Szene endet in einer rie-
sigen Wirtshausschl¨agerei, die zerst¨orte Wirtshauseinrichtung weist dabei metonymisch
auf die Selbstzerst¨orung des Milieus voraus. Verbale und physische Gewalt werden auch
als solche dargestellt.
Trotzdem streicht die BBC, was f¨ur die ShakespeareVerfilmungen generell untypisch
ist, am Schluß die ganze Szene V,4, die letzte Steigerungsstufe der Darstellung der Deka-
denz und Gewaltbereitschaft des EastcheapMilieus als potentielle Gef¨ahrdung der Ge-
sellschaft. Dramatisch ist der Hauptzweck der Szene die St¨utzung der Verbannung Fal-
staffs am Ende, da dieser durch Mistress Quickly ausdr¨ucklich in dieses Milieu mitein-
bezogen wird. Der Strich durch die BBC ist vermutlich darin begr¨undet, zu verhindern,
daß EastcheapAssoziationen, wie Mord, Raub etc., mit denen Henry selbst Hal noch in
IV,3 in Verbindung gebracht hatte, nocheinmal beim Publikum aufkommen. Gleichzeitig
verliert die Inszenierung dadurch aber eine wichtige Milieucharakterisierung: Falstaffs
Verbannung am Schluß erscheint in der BBC also eher als erbarmungslose K¨alte als das
St¨uck dies sehen will. Zumal die BBC Falstaffs Dekadenz und Betr¨ugereien auch im
2. Teil nicht mit der letzten Sch¨arfe darstellt. Dies hat durchaus auch mit dem Darsteller
Anthony Quayle zu tun, der Falstaff weitestgehend als liebenswertes Unikat erscheinen
l¨aßt, dessen Verlust einer Verarmung der "Menschlichkeit" und der Komik gleichkommt.
Allerdings wird nach der Tillyardschen Interpretation Falstaff ohnehin nur mit einem
Hund assoziiert, dem Hal am Schluß einen Tritt gibt: die richtige Sicht ist, wie immer,
die der "Elizabethans", die Falstaff trotz seiner Faszination am Schluß ohne einen Funken
sentimentalen Mitleids als untragbar verachtet h¨atten.21
In der ESCInszenierung erscheint am Ende die Verbannung Falstaffs, gleichzeitig das
endg¨ultige Ende der Kom¨odie, durch dessen Auftreten und Handeln wesentlich gerech-
21In [9] Tillyard (1959), S. 291.
2 VERGLEICH
16
ter und verst¨andlicher. Der Ausschluß des St¨orfaktors Falstaff als Respr¨asentant einer
tats¨achlich alternativen, d. h. nicht positiv oder negativ vereinleibbaren Welt sichert eine
innenpolitisch ruhigere Regentschaft durch die Zerschlagung der Bedrohung durch An-
archie. Der innere Kontrast zwischen Hal und Falstaff wird jetzt auch ¨außerlich ¨uber das
Kost¨um vermittelt: Hal erscheint, stark kontrastiert zu seiner Eastcheap bzw. Hofklei-
dung, in voller k¨oniglicher Montur, mit Robe und Hermelin. Konsequenterweise wenden
sich am Schluß der ESCInszenierung auch alle seine Kumpane von Falstaff ab, als sie
nichts mehr von ihm erwarten k¨onnen. Falstaffs Ann¨aherung an Hal erscheint hier deut-
lich nicht als Akt der pers¨onlichen Zuwendung, sondern als karrieristische Gier. W¨ahrend
Hal in ¨Ubereinstimmung mit dem Inszenierungskonzept zumindest mimisch noch Mit-
leid f¨ur Falstaff erkennen l¨aßt, greift die Ordnungsmacht ¨uber ihren Repr¨asentanten, den
Lord Chief Justice, am Ende mit aller H¨arte und Unbarmherzigkeit gegen die Eastcheap
Gemeinde durch. Den Platz des Volkes nehmen nach diesem Ausschluß in
Henry V
dann
die Soldaten ein.
2.2.3 Rollenspiele und Identifikationsangebote
Das Rollenspiel und die Identit¨atsbestimmung, die sich in den immer wieder auftauchen-
den Phrasen "
myself
", "
my former self
", "
the thing I was
" zeigt, ist ein zentrales Merkmal
der Charaktere in
1, 2 Henry IV
. Es zieht sich etwa f¨ur Hal von der Wirtshausebene in
1
Henry IV
, I,2 (Hals Verstellungsmonolog) bis zur Staatsebene in
2 Henry IV
, V,2 (Hals
Thronrede) und klingt noch in V,5 (Hals Verbannungsrede) an, f¨ur Henry von
1 Henry
IV
, I,3 (Anklage gegen Worcester) bis
2 Henry IV
, IV,3 (Aussprache zwischen Henry und
Hal). Dabei ist die Rolle als eine Form der Anpassung an die jeweilige Kommunikati-
onssituation (K¨onig, Eastcheap, regionale Konflikte) zu verstehen. Auch der R¨uckbezug
auf die mittelalterliche Moralit¨atenstruktur eines verf¨uhrbaren J¨unglings (Hal) im Kr¨afte-
spiel verschiedener Identifikationsangebote (Henry, Hotspur, Falstaff) ist offensichtlich.
Wenngleich aber mit Hotspur das Vorbild soldatischer Ehrgeiz, mit Henry das Vorbild
Ordnungs und Machtbewußtsein (als Ersatzlegitimation) und mit Falstaff das Vorbild
Lebensgenuß als die Extrempole angeboten werden, besteht der Unterschied zur Mora-
lit¨at darin, daß sich Hal am Schluß nicht f¨ur eines dieser Angebote entscheiden muß,
sondern als Resultat der erzieherischen Angebote eine eigenst¨andige Herrscherrolle als
Volksk¨onig findet. Das Doppelst¨uck zeigt im 1. Teil den Wandlungsprozeß Hals zur Eh-
renhaftigkeit und heldenhaften Tapferkeit (offeriert Zweikampf mit Hotspur), im 2. Teil
die Wandlung zum perfekten Herrscher, der die Krone als Aufgabe zur Einigung aller
Volksgruppen versteht, nicht als Machtinstrument.
Als wichtigste Auspr¨agung des Rollenspiels konzentriert sich dieser Abschnitt auf das
Spiel im Spiel in
1 Henry IV
, II,5, das gleichzeitig eine Spiegelszene f¨ur die tats¨achliche
Konfrontation zwischen Henry und Hal in III,2 darstellt. Dieses wichtige Spiel im Spiel ist
in der BBCFassung erneut auf das Komische reduziert, die spielerische Frage Falstaffs
(als Henry), ob Hal ¨uberhaupt sein leiblicher Sohn sei (Z. 404414) ist bezeichnender-
weise gestrichen. Die gewaltigen Implikationen dieser Frage in bezug auf Legitimit¨at der
K¨onigsw¨urde sind durch die Spiegelungsfunktion f¨ur die Hofebene besonders brisant. Ei-
2 VERGLEICH
17
ne ernsthafte Distanz aber, wie sie im St¨uck immer wieder differenziert aufgeworfen wird,
kann in der BBCInterpretation nicht gestellt werden, der perfekte Thronfolger kann nicht
einmal spielerisch unw¨urdig sein. Auch in der Fortsetzung des Spiels im Spiel in II,5:445
86 f¨allt Hal (als Henry) dann bereits ab Z. 460 aus seiner Rolle und spricht als Hal.22 Die
von Beginn an vorhandene Distanz zwischen Hal und Falstaff, die Tillyard theoretisch
mit der intellektuellen ¨Uberlegenheit Hals erkl¨art, der mit Falstaff nach Belieben spiele,
ist hier erneut deutlich herausgearbeitet.
Nat¨urlich ist der Text so lesbar und die Lesart ist erneut stimmig mit dem Regiekonzept
der BBC, die Hal nie im Milieu verhaftet zeigt, sondern seine Jugend als Lehrjahre f¨ur
eine K¨onigsw¨urde begreift, die sich das Volk nicht nur zunutze macht, sondern es als Legi-
timationsfaktor f¨ur die eigene Regentschaft ernst nimmt. Auf der Strecke bleibt in dieser
Lesart aber das Karnevaleske, i. e. der ernsthafte Ausnahmezustand, der zumindest po-
tentiell radikal, rebellisch und staatsgef¨ahrdend ist. Der Wandlungsprozeß, wie ihn Hal in
seinem Monolog in I,2 beschreibt, wird in dieser Inszenierung nie ernsthaft verwirklicht.
In dieser Rollenspielszene wird dies immer wieder durch Großaufnahmen von Hals Ge-
sicht verdeutlicht, dessen Mimik unmißverst¨andlich Abscheu und Mißtrauen gegen¨uber
Falstaff signalisiert und auf die letztendliche Verbannung vorausweist. Aufgegeben wird
in dieser Interpretation zus¨atzlich die klimaktische Steigerung bis zum
foreshadowing
"I
do; I will." (Z. 486), das der Text als Klimax zur Steigerungsrede Falstaffs anlegt.
In der ESCFassung spielt Hal dagegen bis zu "I know thou dost." (Z. 470) seinen
Vater Henry. Er wird erst w¨ahrend der sich anschließenden Verteidigungsrede Falstaffs
ernst, wobei dieser Einschnitt szenisch dadurch makiert wird, daß Hal sich als zuk¨unftiger
K¨onig auf den falschen Thron setzt. Als Hal auf dem Thron f¨angt er an ¨uber die Worte
Falstaffs zu reflektieren und sich seines Vorsatzes aus dem Monolog in I,2 zu erinnern.
Dann erscheint die klimaktische Rede Falstaffs als die ernsthafte Frage an Hal, wie dieser
seine zuk¨unftige PostEastcheap Phase als Herrscher gestalten will. Die ESC inszeniert
bewußt nur dieses Ende von Falstaffs Rede, nicht die ganze Rede wie die BBC, in ernstem
Ton. Stimmig damit ist das aggressivherablassende Verhalten Hals gegen den Sheriff
gleich im Anschluß, das erneut die in der ersten H¨alfte des 1. Teils sp¨urbare Diskrepanz
zwischen Position und Verhalten dokumentiert.
2.2.4 Herrschaftslegitimationen und Rebellionen
Mit dem ausgehenden Mittelalter vollzieht sich in England eine Zeitenwende in der Herr-
schaftslegitimation. Das mittelalterliche Gottesgnadentum Richards wird von der Ein-
sicht in die Notwendigkeit der pers¨onlichen Verantwortung abgel¨ost, Attribute wie Recht-
m¨aßigkeit werden zur¨uckgedr¨angt zugunsten von konkreten Erfordernissen, wie St¨arke
oder Sicherheitsgarantie f¨ur die Untertanen. So gewinnt die Schuldfrage etwa in
Henry IV
entscheidende Bedeutung. Herrschaft kann nun auf unterschiedliche Weise definiert wer-
den: Henrys Herrschaftslegitimation beruht auf geplanter Inszenierung, Machtdemonstra-
tion und Unterdr¨uckung, die Antwort des Adels (der "K¨onigsmacher") ist die Rebellion
22Interessanterweise beschreibt auch [9] Tillyard (1959), S. 290, daß Hal ab diesem Zeitpunkt spreche.
2 VERGLEICH
18
mit dem Vorwurf des Treuebruchs, Stolzes, der Entrechtung und Lebensgefahr. So ist
der R¨uckbezug auf K¨onig Richard II auch die Legitimation f¨ur die Rebellionen in bei-
den Teilen von
Henry IV
(I,3 Hochmutsvorwurf und Undank Henrys bzw. I,1 Verkl¨arung
des Absolutismus Richards). In dieser Legitimationsnotlage l¨aßt Hal Henry im Stich und
ironischerweise kann der Usurpator Henry selbst nicht den machtbewußten Hotspur zu
seinem Nachfolger machen, sondern ist selbst wieder an die Thronfolge Hals gebunden.
Indem Henry seine Macht verliert zeigt der 2. Teil parallel die Entwicklung Hals zum
perfekten K¨onig. Hals Legitimation der Macht beruht auf der Einigung des Volkes durch
die B¨undelung der Kr¨afte auf den gemeinsamen Feind Frankreich in
Henry V
. Dazu muß
Hal die Volksgruppen allein mit Argumenten ¨uberzeugen k¨onnen, er muß als K¨onigsfigur
auch Identifikationsfigur f¨ur das Volk sein. Die Berufung Hals f¨ur diese Funktion stellt das
Doppelst¨uck auch durch den Untergang der Rebellionen dar, der als Legitimationsbeweis
gesehen werden kann.
2.2.4.1 Herrschaftslegitimationen
Das theatralvisualisierte Pendant zur literarischtheoretischen Diskussion ¨uber das
Herschaftsverst¨andnis und die Legitimationsproblematik ist der VaterSohn Konflikt. Be-
sonders wichtig ist f¨ur diesen Abschnitt die Konfrontation zwischen Hal und Henry in
Szene III,2 des 1. Teils, die einerseits das Herrschaftsverst¨andnis Henrys im Unterschied
zu Richard II und indirekt auch zu Hal verdeutlicht, andererseits den Beginn f¨ur Hals
Wandlungsprozeß im 1. Teil markiert. Gerade an dieser Szene wird die Diskrepanz zwi-
schen Text und BBCInszenierung besonders sichtbar, Hal ist nicht der Rebell, die Gottes-
strafe, die Henry beschreibt. Setzt man nicht Tillyards strenges Idealbild f¨ur einen Thron-
folger an, so machen die Vorw¨urfe Henrys hier kaum Sinn, Hal erscheint in der Szene
bereits v¨ollig "reformiert" und ernst: er tr¨agt die prinzliche Montur und steht fixiert mit
gesenktem Blick vor seinem Vater. In der BBC findet die ¨Uberzeugung isoliert zwischen
Vater und Sohn statt, alles nach Henrys Vers¨ohnung mit Hal inklusive Blunts Auftritt ist
gestrichen. Es ist einerseits offensichtlich, daß die BBC im Rest der Szene eine Anti-
klimax zur klimaktischen Vers¨ohnungsszene zwischen Vater und Sohn sah und deshalb
streicht, andererseits ist das Hereinbrechen der Außenwelt in diese VaterSohn Szene
auch konsequenterweise ausgeklammert: da der potentiell staatsgef¨ahrdende Aspekt von
Hals Verhalten weitgehend in der Inszenierung unterschlagen wird, muß der Konflikt auf
die VaterSohn Problematik und die Legitimit¨at der Thronfolge reduziert werden; der
Strich unterst¨utzt dies wesentlich. In der sich anschließenden Szene III,3 erscheint Hal
dann in der BBC bereits tief ernst, er benutzt ab jetzt seine Freundschaften in Eastcheap
gezielt f¨ur seine k¨onigliche Aufgabe, den Kampf gegen Hotspur. Die Inszenierung zeigt
dabei gut, wie Hal seine Freunde f¨ur den Kampf motivieren kann.
Die ESC nutzt die klimaktische Szene III,2 f¨ur ihr Inszenierungskonzept, das die Op-
position zwischen Henry und Hal als Vertreter der ¨offentlichen bzw. privatisierten ¨offent-
lichen Sph¨are in den Mittelpunkt stellt. Hal erscheint hier in unangemessener Kleidung
und macht sich zu Beginn durch das Zusammenschlagen der Hacken noch ¨uber die mi-
lit¨arische Steifheit seines Vaters lustig. Er l¨aßt die Strafpredigt ¨uber sich ergehen wie ein
rebellischer Junge, der sichtlich gelangweilt die Ernsthaftigkeit der Vorw¨urfe f¨ur seine
2 VERGLEICH
19
Zukunft als Thronfolger nicht versteht. Hal erkennt erst am Schluß, daß er zuerst einmal
K¨onig werden muß, bevor er seine Legitimationsvorstellungen eines Volksk¨onigs in die
Praxis umsetzen kann. Hals Umstimmungsrede wird in der Auff¨uhrung stark visualisiert,
indem Aufnahmen von Henrys Gesicht in den Stadien Skepsis, Erstaunen, Anerkennung
bis zur Vers¨ohnung gezeigt werden, die Auskunft ¨uber Hals F¨ahigkeit geben, allein mit
Worten zu ¨uberzeugen, so wie es ihm nocheinmal in der zweiten großen Umstimmungs-
rede in
2 Henry IV
, IV,3 nach seinem pseudousurpatorischen "Kronraub" gelingt. Die
dritte große ¨Uberzeugungsrede in Szene V,2 von
2 Henry IV
wird in der BBCFassung
vom Hofstaat ganz am Ende mit der neu eingef¨ugten Zeile "God save the King!" gutiert.
Den Auftritt Blunts gestaltet die ESC so, daß zu einer differenzierteren Darstellung der
VaterSohn Problematik im St¨uck kommt. Nach der verbalen Vers¨ohnung machen Henry
und Hal in der Inszenierung einen Schritt aufeinander zu, um sich zu umarmen, wovon Hal
allerdings zur¨uckweicht, als Blunt hinzutritt. Vordergr¨undig will Hal seine ¨außere Wand-
lung also nicht zu fr¨uh ¨offentlich zeigen, um den beabsichtigten Effekt nicht zu gef¨ahr-
den. Eine alternative konsistente Lesart ist, daß Hal in diesem Moment seine Pflicht als
Thronfolger ernst nimmt, die K¨onigsw¨urde und die Notwendigkeit ihrer Verteidigung ak-
zeptiert (Ann¨aherung zwischen Vater und Sohn), allerdings unf¨ahig ist, gegen¨uber Dritten
Zuneigung zu seinem Vater zu zeigen, die ¨uber seine prinzlichen Pflichten hinausgehen.
Dazu sind die Differenzen in der gesamten Vorstellungswelt ¨uber ein gutes K¨onigtum
zu unterschiedlich: Hal n¨ahert sich also der Institution K¨onigtum an, nicht aber seinem
Vater als einem Repr¨asentanten einer Konzeption dieses Abstraktums (Gewaltherrschaft,
Mythenbildung). Die Einsicht der unmittelbaren Notwendigkeit seines ¨außeren Transfor-
mationsprozesses wird auch im abschließenden Verhalten Hals augenf¨allig, er wischt sich
¨uber die Stirn und tritt dann in einem Wutausbruch gegen den Tisch auf der B¨uhne. Die
ESC inszeniert Hals Erkenntnis, daß er seine Zukunft als Thronfolger fast verspielt h¨atte,
sein Wandlungsprozeß nimmt hier seine Initialz¨undung, er eilt am Schluß hinter seinem
Vater, als Garant seiner Zukunft, her.
Die BBC konzentriert sich am Schluß des 1. Teils auf Hals Heldenhaftigkeit und Eh-
renhaftigkeit, die er als k¨onigliche Tugenden so verinnerlicht hat, daß er sie nicht mehr
beweisen muß, er ¨uberl¨aßt Falstaff großz¨ugig den Ruhm f¨ur Hotspurs Tod (V,4). Dies ist
die offensichtlich vom St¨uck nahegelegte Lesart. In diesem lockeren Umgang mit Jacks
L¨ugen soll sich v. a. die ¨Uberlegenheit Hals zeigen und die Souver¨anit¨at mit der Hal Fal-
staff und seine Feigheit bereits ¨uberwunden hat. Die intellektuelle Trennung ist am Ende
vollzogen, wenngleich Hal Falstaff trotz seiner Verfehlungen noch dulden kann. Die Dul-
dung oder sogar Unterst¨utzung dieses karnevalesken Milieus ist in der Forschung freilich
auch immer wieder mit seiner herrschaftsst¨utzenden kollektiven Ventilfunktion erkl¨art
worden, die f¨ur autorit¨are, streng hierarchisch gegliederte Gesellschaften notwendig ist.
Dies ¨andert sich im 2. Teil grundlegend, wenn Eastcheap außer Kontrolle ger¨at und Hal
die Gruppe verbannen muß. Die BBC kann es im 1. Teil bei dieser souver¨anen Geste Hals
bewenden lassen, da Hal ja in der Inszenierung nie wirklich dem Milieu glaubw¨urdig
verhaftet war. Ob der Zuschauer diese Geste Hals zu diesem Zeitpunkt so versteht ist
zumindest fraglich, es k¨onnte leicht so ausgelegt werden als seien Hal und Falstaff im-
mer noch emotional verbunden. Doch hat die BBC durch ihr ganzes Regiekonzept ver-
2 VERGLEICH
20
sucht diese Interpretation der Szene beim Publikum auszuschließen. Die Schlußszene der
BBCVerfilmung zeigt große Eintracht zwischen Henry und Hal, sie sind kaum unter-
scheidbar; daß es sich bei ihren Vorstellungen von Herrschaftsstil und legitimation um
v¨ollig unterschiedliche Konzepte handelt, ist hier theatral nicht realisiert.
Im V. Akt zeigt auch die ESC die neuentstandene Allianz von Henry und Hal. Genutzt
wird hierf¨ur wieder das Zeichensystem Kost¨um, Henry und Hal tragen das k¨onigliche
Kettenhemd, w¨ahrend alle anderen moderne Uniformen haben, die Einheit des institu-
tionalisierten K¨onigtums erscheint hier bereits ¨außerlich symbolisiert. Dennoch ist die
Bedrohung Falstaffs f¨ur diese Einheit immer noch pr¨asent. Die ESC macht dieses Bedeu-
tungsspektrum am Ende durch einen inszenatorischen Kunstgriff greifbar, den Bogdanov
Orson Welles′
Chimes at Midnight
entlehnte.23 Dabei betont die ESC nocheinmal die Ge-
fahr, die der Staatsebene durch die unheilige Allianz von Hal und Falstaff droht. In der
ESC schließt sich, nach Falstaffs Monolg in V,4:127, in dem er Hotspurs ¨Uberwindung
f¨ur sich reklamiert, die letzte Szene V,5 an. Henry bleibt dann im Anschluß bei Falstaffs
L¨ugengeschichte ¨uber seinen Sieg ¨uber Hotspur in V,4:128Ende anwesend. Das Bild der
Harmonie zwischen Henry und Hal, das sonst also am Ende des 1. Teils in V,5 steht, wird
durch Falstaff zerst¨ort. Dessen L¨ugengeschichte am¨usiert nur Hal, der sichtlich froh ist
Falstaff am Leben zu sehen, st¨oßt Henry aber ab, weil dieser die Gefahren des negativen
Einflusses auf seinen Sohn kennt. Henry bedroht Hal daher wortlos mit seinem Schwert,
als Hal versucht Henrys Verst¨andnis f¨ur die Komik an Falstaffs Prahlsucht und Unehren-
haftigkeit zu finden, und geht mit drohender Geste ab.24
Der VaterSohn Konflikt ist damit noch im 1. Teil wieder offen wie zu Beginn von
III,2 und die Inszenierung baut durch das Mienen und Gestenspiel Hals nach Henrys
Abgang dieses Problem aus: Hal erkennt jetzt Falstaffs Niedertr¨achtigkeit und daß dieser
mit Absicht einen Keil zwischen Hal und Henry und schlimmer zwischen Hal und sein
zuk¨unftiges K¨onigtum treibt, nur um seine eigene Karriere zu sichern. Als dann auch noch
Hals Bruder John of Lancaster abgeht ist Hal, wie zu Beginn in Eastcheap, erneut isoliert
und seinem Vater entfremdet, die Fr¨uchte seines glorreichen Wandlungsprozesses sind in
Gefahr. Einerseits werden durch diese Szenenumstellung also die Konflikte des 2. Teils
mit Hals vermeintlichem R¨uckfall in sein fr¨uheres Fehlverhalten, seinem "Kronraub" und
Henrys fortschreitendem Machtverlust spannungsreich vorbereitet. Andererseits weist die
Szene auf die Verbannung Falstaffs am Ende des 2. Teils voraus: Hal erh¨alt hier endg¨ultig
Klarheit dar¨uber, daß nur eine vollst¨andige L¨osung von Eastcheap und Verbannung Fal-
staffs ein K¨onigtum nach seinen Vorstellungen f¨ur ihn erm¨oglicht.
2.2.4.2 Rebellionen
Auch in der Darstellung der Rebellion ist die BBCFassung deutlich von Tillyards ne-
gativer Bescheibung Hotspurs und der Rebellen gepr¨agt: die bei Shakespeare in sich kon-
sistente und nachvollziehbare Argumentation der Rebellen wird rigoros verk¨urzt, so daß
23Vgl. [3] Bogdanov/Pennington (1992), S. 54f.
24In
2 Henry IV
, I,2:203 wird berichtet, daß Henry Hal und Falstaff getrennt hat und an verschiedenen
Fronten k¨ampfen lassen will.
2 VERGLEICH
21
wichtige Motivationen der Rebellionen sogar v¨ollig wegfallen, so fehlt etwa die Diskus-
sion der Rebellen und Hotspurs wichtige Rede in I,3:145185, die ¨uberhaupt erst erkl¨art,
wie sich die Rebellion ¨uber einen eigenen Anspruch auf den Thron legitimiert. Aus dieser
Perspektive erscheint die Rebellion als pflichtbewußter Akt der g¨ottlichen Gerechtigkeit:
die Wiederherstellung der Thronfolge und damit der gottgewollten Ordnung wird Henrys
Frevel der Usurpation entgegengestellt. Die BBC sieht die Rebellion, Tillyard folgend,
nat¨urlich als uneinig und ungerechtfertigt und betont durch den Wegfall der wohl¨uber-
legten und tektonisch gebauten Rede den unzufriedenen Choleriker Hotspur und nicht
den ¨uberzeugten Rebellen, als den Shakespeare ihn schildert. Es ist der darstellerischen
Leistung Tim PigottSmiths als Hotspur zu verdanken, daß Hotspur trotzdem erstaunlich
glaubw¨urdig wirkt. Die ESC vereinfacht hier nicht, sie wertet die Rebellion gegen den
"imperialistischen Unterdr¨ucker" Henry nat¨urlich nicht ab: Hotspurs Monolog zeigt Hen-
ry IV unmißverst¨andlich als Usurpator, M¨order und Verr¨ater, der ¨uber die Leichen seiner
ehemaligen Freunde und Helfer geht, um seine Macht zu sichern.
Das differenziertere Bild der Rebellion im St¨uck wird in der BBCFassung generell
einer unn¨otigen verdeutlichenden Interpretation geopfert. Gleiches ist sp¨ater in IV,1 bei
der Diskussion zwischen Hotspur und Worcester ¨uber die Gefahren von Northumber-
lands Ausbleiben zu beobachten. Ein weiteres alternativer Erkl¨arungspotential f¨ur das
Scheitern der Rebellion wird unterschlagen: allein die "Wandlung" Hals und die Akzep-
tanz seiner Verantwortung ¨uberwinden die Rebellion, deren aus Sicht der Rebellen legiti-
mierten Motive und deren Scheitern erneut von der BBC weniger komplex gesehen wer-
den als vom St¨uck. Gleichzeitig wird dadurch der un¨uberlegte Hochmut Hotspurs betont,
der also durch Hal gerecht zu Fall gebracht wird, weil er die Rebellion zur pers¨onlichen
Anh¨aufung von Ruhm mißbraucht und nicht ¨uberlegt an sie herangeht wie Worcester. Die
Rebellion als "gerechte Sache" wird dadurch nat¨urlich g¨anzlich diskreditiert. Ihrer Inter-
pretation der Rebellionen gegen Henry bleibt die BBC auch im zweiten Teil des St¨ucks
treu, die Rebellion wird durch K¨urzungen in ihren Legitimationsdialogen (z. B. I,3:36
62, IV,1:23748) erneut als un¨uberlegt und ¨uberheblich charakterisiert. Die ¨Uberlegung
eines genauen Plans der Rebellion wird hier nicht erw¨agt, stattdessen herrscht erneut die
fanatische Blendung ¨uber die eigene St¨arke (Annahme vs. Realit¨at) vor.
Die Argumente der einzelnen Gruppen, die Shakespeare durchaus nebeneinander im
St¨uck gelten l¨aßt, werden von der BBC durchweg, nach der globalen Interpretation der
St¨ucke, durch die Inszenierung klargestellt, so daß der komplexere St¨ucktext verk¨urzt
wird. Die Hierarchisierung der Standpunkte der verschiedenen Gruppen ist ein durchge-
hendes Ph¨anomen. Die interpretatorische Verdeutlichung ist nat¨urlich kein spezifisches
Charakteristikum der BBCInszenierung, jede Inszenierung interpretiert den Text, seine
ganze Komplexit¨at kann nie vollst¨andig dargestellt werden, dennoch erscheint das In-
terpretationsschema in diesem Fall so einseitig zu sein, daß der Anspruch einer zeitlos
g¨ultigen, quasi wertungsfreien Interpretation ("Werktreue") in ¨außerst weite Ferne r¨uckt.
In der sich anschließenden Lobesrede Vernons auf Hal erstarrt Hotspur dann auch vor
Ehrfurcht, nachdem er zuvor noch Hals Unerfahrenheit bel¨achelt hatte: die Furcht aus-
dr¨uckende Geste der Hand vor seinem Mund ist hier bezeichnend.
Bedeutsam ist die Rebellion aber auch vor dem Hintergrund der Funktion f¨ur die Cha-
2 VERGLEICH
22
rakterisierung Hals. So ist die Passage V,2:823, in der Worcester und Northumberland
die Verantwortung f¨ur die Rebellion ¨ubernehmen in der BBC gestrichen. Hotspur wird
hier als Rebell weitgehend entschuldigt, seine Jugend und die schlechten Einfl¨usse h¨atten
ihn verleitet, d. h. sein Tod w¨are als Opfer zu begreifen und w¨are nicht gerechtfertigt.
Hotspur muß untergehen, aber er hat durchaus eine noble Absicht (Hals Lobrede). Die
Rede, bleibt sie erhalten, l¨aßt Hals Sieg als wesentlich geringer erscheinen, denn ohne die
Rede erscheint Hotspur als Antreiber der Rebellion, mit ihr nur als Mittel zum Zweck,
dessen ¨Uberwindung nicht die glorreichen Implikationen beinhaltet. Denn Hal ¨uberwin-
det zwar den Rebellen Hotspur, aber er schl¨agt damit nicht der Rebellion selbst den Kopf
ab, sondern vernichtet lediglich einen ihrer Anf¨uhrer.
In der ESC ist auch Hals ¨Uberwindung Hotspurs nuancierter dargestellt als in der
BBC. Hal erscheint hier keineswegs als der strahlend glorreiche ¨Uberwinder des Rebel-
len, Hotspur erweist sich vielmehr als soldatisch ehrenhafter K¨ampfer, den Hal erst nach
Gew¨ahrung einer zweiten Chance nur mit M¨uhe und Not ¨uberwindet. Es zeigt sich hier
auch die Schw¨ache Hals, der vor Angst zittert und winselt als Hotspur ihn entwaffnet und
ihm das Schwert zur¨uckgibt. Im Gesamtkontext der Inszenierung, die Wert auf Nachvoll-
ziehbarkeit legt, erscheint dies erneut glaubw¨urdier als ein Prinz, der aus dem Nichts, d. h.
allein metaphysisch gest¨arkt durch die gerechte Sache, einen m¨achtigen Feldherrn besiegt.
Zudem wird als Rezeptionshilfe der sich anschließende Nekrolog Hals auf Hotspur, der
auf die R¨omertrag¨odien vorausweist, szenisch motiviert. Augenf¨allig wird die menschli-
che Seite Hals erneut, als er ¨uber den vermeintlichen Tod Falstaffs weint, die ESC zeigt
sogar noch in der Verbannung am Ende des 2. Teils mimisch, daß die Trennung einseitig
durch Falstaff verschuldet wurde.
3 RES ¨UMEE
23
3 Res¨umee
Der Vergleich der Inszenierungskonzepte der beiden Produktionen von
1, 2 Henry IV
hat die wesentlichen Unterschiede in der Darstellung Hals und der Charakterisierung des
EastcheapMilieus gezeigt. Die BBCInszenierung bevorzugt, der Tillyardschen Werkin-
terpretation folgend, eine Lesart, die von Beginn an Hal als Prototyp eines Musterk¨onigs
in den Mittelpunkt stellt, als solcher er dann auch in der BBCVerfilmung von
Henry V
er-
scheint. Die Strafe f¨ur die Urs¨unde der Usurpation wird dabei durch seine Ehrenhaftigkeit
f¨ur die Zeit seiner Regentschaft ausgesetzt. Die ESC dagegen nimmt weniger interpretato-
rische Texteingriffe vor und versucht in vielerlei Hinsicht (Aktualisierung, "leere" B¨uhne)
einen unmittelbaren Zugang zu den Historien auch f¨ur ein heutiges Publikum zu errei-
chen. Die dadurch entstehenden Rezeptionsprobleme (unaufgel¨oste Widerspr¨uche) l¨aßt
die Inszenierung bewußt offen und integriert sie in ihr ¨uberspannendes Inszenierungskon-
zept der quellen und st¨uckn¨aheren Betonung der "offence" in Hals wilder Jugend.
Ausgehend von den in Abschnitt 2.1 (S. 4ff.) dargelegten Grundpositionen des Hi-
storismus bzw. der Aktualisierung, k¨onnen beide Inszenierungen durchaus als "gelun-
gen" angesehen werden. Der historisch distanzierte Zugang zu den St¨ucken ist von der
BBC, unter dem Blickwinkel der Tillyardschen Postulate, formal und inhaltlich konse-
quent durchgehalten. Der Ansatz einer rezeptionserleichternden Aktualisierung in der
ESCFassung hat sich ebenfalls in einer Vielzahl von Szenen best¨atigt. Genausowenig
wie die BBCFassung aber eine zeitlos g¨ultige, weil historisch authentische, Interpreta-
tion darstellt, kann die ESCProduktion Anspruch auf das Etikett "progressives Regie-
theater" etwa im Stil der psychoanalytischfeministischen Interpretation einer Deborah
Warner bei
Richard II
erheben. Es sollte hier trotz der klaren Unterschiede der beiden
Inszenierungen nicht der Eindruck einer wertenden Bin¨aropposition erweckt werden, bei-
de Inszenierungen m¨ussen vor dem Hintergrund ihres eigenen vorgegebenen Anspruchs
beurteilt werden.
Die BBC erhebt mit ihrem authentisch historischen Stil den Anspruch auf eine "werk-
treue" Inszenierung, die, frei von methodologisch raffinierten Interpretationen, den Text
quasi f¨ur sich selbst sprechen l¨aßt. Historische und literaturwissenschaftliche Forschung
ist hier nicht mehr nur Grundlage, sondern das Konzept der Inszenierung. Verloren geht
dabei nat¨urlich die vielschichtige Mehrdeutigkeit einzelner Szenen, das Hauptaugenmerk
liegt auf der nicht kompromitierenden und daher leider auch h¨aufig unpolitischen vor-
dergr¨undigen Bedeutung. Die ESCProduktion aktualisiert
1, 2 Henry IV
allerdings auch
nicht als politisches Lehrst¨uck, wie es in Bogdanovs Begr¨undung der Inszenierung noch
anklingt. Die unmittelbare politische Relevanz der Historien f¨ur die Zeit der Thatcher
Regierung ist theatral kaum markiert. Generell stellt sich also die Frage, inwiefern sowohl
den "basic `classic′ interpretations" (Cedric Messina) des Zyklus der BBCVerfilmungen
der Historien als auch dem Zyklus "The Wars of the Roses" der ESC eine eigenst¨andige,
theatral realisierte und ¨ubergeordnet sinnstiftende Geschichtsdeutung zugrundeliegt. Dies
k¨onnte nur die Gesamtschau einer Analyse aller Inszenierungen endg¨ultig beantworten.
LITERATUR
24
Literatur
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