Bei GRIN registrieren oder einloggen

Your e-mail-address or password is wrong
Jetzt registrieren
Für neue Autoren: kostenlos, einfach und schnell
Dies wird Ihr Benutzername, bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse an

Passwort vergessen

Your e-mail-address or password is wrong

Neues Passwort anfordern
"Das Schweigen der Lämmer": Das Verhältnis zwischen Hannibal Lecter und Clarice ... close

Bitte warten

Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.

"Das Schweigen der Lämmer": Das Verhältnis zwischen Hannibal Lecter und Clarice Starling und dessen Deutungen

Seminararbeit, 2004, 32 Seiten
Autor: Sarah Göttges
Fach: Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Details

Veranstaltung: Einführung in den Medienstudiengang, Medienplanung, -entwicklung und -beratung
Institution/Hochschule: Universität Siegen
Tags: Schweigen, Lämmer, Verhältnis, Hannibal, Lecter, Clarice, Starling, Deutungen, Einführung, Medienstudiengang, Medienplanung
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 32
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 19  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V111822
ISBN (E-Book): 978-3-640-16510-0

Dateigröße: 183 KB

Zusammenfassung / Abstract

Das Schweigen der Lämmer hat eine enorme Erfolgsbilanz aufzuweisen. 1991 gewann der Film fünf Oskars für den besten Film, den besten Hauptdarsteller (Anthony Hopkins), für die beste Hauptdarstellerin (Jodie Foster), die beste Regie (Jonathan Demme) und für das beste Drehbuch nach einer Vorlage (Ted Tally). ‚Schnitt’ und ‚Ton’ waren ebenfalls nominiert. Nicht nur die Jagd auf den Serienmörder Buffalo Bill macht Das Schweigen der Lämmer zu einem der spannendsten Filme seit Langem , sondern auch das Verhältnis, das sich zwischen der FBI-Agentin Clarice Starling und dem Kannibalen Hannibal Lecter entwickelt. Mit diesem Verhältnis möchte ich mich in meiner Hausarbeit näher beschäftigen. Im ersten Teil meiner Arbeit gehe ich in Form einer Charakterisierung näher auf die beiden Hauptpersonen Clarice Starling und Hannibal Lecter ein. Die Charakterisierung Hannibal Lecters fällt hierbei detaillierter aus, da ich in einem zusätzlichen Kapitel noch auf seine Sprache und ihre Wirkung, die wichtige Bestandteile Lecters Erscheinung sind, eingehe. Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich die Entwicklung des Verhältnisses zwischen den beiden Protagonisten chronologisch untersuchen. Dieses Verhältnis wurde bereits auf die verschiedensten Arten gedeutet. Ich werde mich hier nur mit den drei meist verwendeten Deutungen befassen, da das Aufzeigen aller bisher verfassten Deutungsversuche den Umfang meiner Arbeit bei Weitem übersteigen würde.


Volltext (computergeneriert)

Universität Siegen, Sommersemester 2004

Grundkurs: Einführung in den Medienstudiengang

Medienplanung, -entwicklung und beratung

,,Das Schweigen der Lämmer":

Das Verhältnis zwischen Hannibal Lecter und Clarice Starling

und dessen Deutungen


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

02

2.

Das Schweigen der Lämmer

2.1

Inhaltsangabe

02

2.2

Charakterisierung der Hauptfiguren

03

2.2.1

Hannibal Lecter

03

2.2.1.1

Hannibal Lecters Sprache und ihre Wirkung

04

2.2.2

Clarice Starling

05

3. Das Verhältnis der Hauptfiguren

3.1

Die Entwicklung des Verhältnisses

06

3.2

Ansätze zur Deutung des Verhältnisses

13

3.2.1

Das Vater-Tochter-Verhältnis

13

3.2.2

Das perverse Monster und sein Opfer

15

3.2.3

Der Psychiater und seine Patientin

15

4. Resümee

17

Quellenverzeichnis

18

Anhang

Transkription der Gespräche von Clarice Starling und Hannibal Lecter

21

1


1. Einleitung

Das Schweigen der Lämmer

hat eine enorme Erfolgsbilanz aufzuweisen. 1991 gewann der

Film fünf Oskars für den besten Film, den besten Hauptdarsteller (Anthony Hopkins), für die

beste Hauptdarstellerin (Jodie Foster), die beste Regie (Jonathan Demme) und für das beste

Drehbuch nach einer Vorlage (Ted Tally). ,Schnitt′ und ,Ton′ waren ebenfalls nominiert.

Nicht nur die Jagd auf den Serienmörder Buffalo Bill macht

Das Schweigen der Lämmer

zu

einem der spannendsten Filme seit Langem1, sondern auch das Verhältnis, das sich zwischen

der FBI-Agentin Clarice Starling und dem Kannibalen Hannibal Lecter entwickelt.

Mit diesem Verhältnis möchte ich mich in meiner Hausarbeit näher beschäftigen. Im ersten

Teil meiner Arbeit gehe ich in Form einer Charakterisierung näher auf die beiden

Hauptpersonen Clarice Starling und Hannibal Lecter ein. Die Charakterisierung Hannibal

Lecters fällt hierbei detaillierter aus, da ich in einem zusätzlichen Kapitel noch auf seine

Sprache und ihre Wirkung, die wichtige Bestandteile Lecters Erscheinung sind, eingehe. Im

zweiten Teil meiner Arbeit werde ich die Entwicklung des Verhältnisses zwischen den beiden

Protagonisten chronologisch untersuchen. Dieses Verhältnis wurde bereits auf die

verschiedensten Arten gedeutet. Ich werde mich hier nur mit den drei meist verwendeten

Deutungen befassen, da das Aufzeigen aller bisher verfassten Deutungsversuche den Umfang

meiner Arbeit bei Weitem übersteigen würde.

2. Das Schweigen der Lämmer

2.1 Inhaltsangabe

Die junge FBI Schülerin Clarice Starling wird von ihrem Vorgesetzten und Lehrer Jack

Crawford zur Aufklärung einer Mordserie hinzugezogen. Der als Buffalo Bill bekannte

Mörder verschleppt kräftige Frauen, hält sie gefangen bis sie etwas abgenommen haben, um

sie dann zu ermorden und zu enthäuten.

Starling wird auf den im Hochsicherheitstrakt verwahrten Psychologen und Kannibalen

Hannibal Lecter angesetzt. Jack Crawford vermutet, dass Lecter dem FBI bei der Suche nach

Buffalo Bill helfen kann und hofft, dass Clarices Attraktivität den Psychologen zur Mitarbeit

bewegen kann. Es ist aber nicht die Schönheit Clarices, sondern ihr Ehrgeiz und das

Abkommen, dass sie für jede Information von seiner Seite eine Geschichte aus ihrer

Vergangenheit erzählt, was Lecter dazu bewegt, sie bei ihrer Jagd auf den Serienmörder zu

unterstützen. Diese Jagd ist für das FBI ein Rennen gegen die Zeit, da Buffalo Bill bereits ein

1 Vgl. hierzu Tasker 2002, 7.

2


neues Opfer, Catherine Martin, die Tochter der Senatorin von Tennessee, Ruth Martin,

entführt hat. Auf der Suche nach ihr handelt Doktor Chilton, der karrieresüchtige Leiter der

Anstalt, in der Lecter inhaftiert ist, einen Vertrag mit Lecter und der Senatorin aus, in dem

Lecter bessere Haftbedingungen zugesichert bekommt, wenn er der Senatorin persönlich den

Namen des Mörders nennt. Er nennt dem FBI nicht den richtigen Namen des Gesuchten und

schafft es zu fliehen. Während das FBI dieser falschen Spur nachgeht, stellt Clarice Jame

Gumb, bisher nur bekannt als Buffalo Bill, und erschießt ihn in Notwehr.

Clarice wird für diese Tat vom FBI ausgezeichnet. Bei dieser Feierlichkeit ruft Lecter, der

sich noch immer in Freiheit befindet und Dr. Chilton verfolgt, um sich an ihm zu rächen,

Clarice an und gratuliert ihr.

2.2 Charakterisierung der Hauptfiguren

2.2.1 Hannibal Lecter

,Hannibal der Kannibale′, so wurde Hannibal Lecter von der Presse betitelt. Er tötete

insgesamt zwölf Menschen, die er dann als Gourmet-Mahl zu sich nahm, oder sie seinen

unwissenden Gästen kredenzte.

Bevor der Zuschauer das erste Mal Hannibal Lecter sieht, wird er schon durch die Aussagen

Jack Crawfords und Dr. Chiltons, die Clarice vor ihm warnen, auf ihn vorbereitet:

Jack Crawford

: ,,Seien Sie äußerst vorsichtig bei Hannibal Lecter. Dr. Chilton, der Leiter

der Anstalt, wird Sie über alle Vorsichtsmaßnahmen, die anzuwenden sind, informieren.

Weichen Sie auf keinen Fall davon ab, gleichgültig aus welchem Grund, und erzählen Sie

nichts Persönliches von sich, Starling. Glauben Sie mir, Sie wollen doch nicht Hannibal

Lecter in Ihrem Hirn haben? Erledigen Sie Ihre Arbeit, aber vergessen Sie nicht, was er

ist."

Clarice Starling

: ,,Und was ist er?"

Dr. Chilton

: ,,Oh, er ist ein Monster, ein Psychopath schlimmster Sorte, so gut wie nie

erwischt man einen lebend. Vom Stand der Forschung aus ist Lecter unser wichtigster

Aktivposten." (s. Demme 1994, 00:07:32).

Mit diesen ersten Eindrücken, macht sich Agentin Starling auf den Weg zu Lecter. Sie muss

zahlreiche Gänge durchschreiten, Türen passieren, an Zellen von Inhaftierten, die sie lüstern

betrachten, vorbei, bis sie endlich bei Hannibal Lecter angelangt. ,,Die Kamera fährt in einer

Halbtotalen an ihn heran und bleibt ihm gegenüber fast frontal stehen." (s. Domschky, 1996,

101). Wider Erwarten trifft sie nicht auf ein äußerlich abstoßendes, vulgäres Monster, sondern

auf

,,einen sehr ruhig und aufrecht dastehenden Mann, mit herunterhängenden, aber nicht

kraftlosen Armen und bewusst zurückgehaltenen Händen. Er vermittelt Entspannung und

höchste Anspannung zugleich. Seine Körperhaltung zeigt gezügelte Kraft und kultivierte

3


Vitalität. Sein ganz leicht erhobenes Gesicht verrät Neugier, Interesse, Erstaunen, er sieht

sogar erwartungsvoll aus [...]. Gleichzeitig bleibt er zurückhaltend und undurchschaubar,

er bewegt sich nicht, seine Augen bleiben im Dunkeln" (ebenda).

Lecter ist nicht nur ein kannibalistisches Monster, er ist auch ein hochkultivierter Ästhet. Er

zeichnet aus dem Gedächtnis den Dom von Florenz, ist sehr belesen, hört klassische Musik

und legt größten Wert auf Höflichkeit. Außerdem ist er als Psychiater ein ausgezeichneter

Menschenkenner und hat die Gabe, sich in Menschen und ihr Denken hinein zu versetzten,

weshalb er auch vor seiner Inhaftierung der Polizei bereits mehrere Male als Profiler2 bei

Ermittlungen zur Seite stand.3 Er besitzt auch sonst ein enormes Wissen und es macht ihm

Freude, es seinen Zuschauern zu präsentieren, sie mit seinem Wissen über sie selbst und ihre

Aktivitäten zu beeindrucken und zu beängstigten.4

2.2.1.1. Hannibal Lecters Sprache und ihre Wirkung

"Lecter′s position [...] is borne out in his relation to language and the word." (s. Wolfe 1995,

163)

.

Hannibal Lecter hat ein besonderes Verhältnis zur Sprache. Er spricht langsam und sehr

deutlich, was seine Bildung und Kultiviertheit unterstreicht und ihm Autorität verleiht. Durch

seine Betonungen verleiht er seinen Feststellungen, Forderungen usw. besonderen Nachdruck,

wodurch sich ihm keiner entziehen kann. Dies zeigt sich nach Clarices erstem Besuch bei

ihm. Die Szene läuft im Off ab, so dass man davon nur durch ein Gespräch zwischen

Crawford und Starling erfährt:

,,merely by talking quietly to Miggs for the better part of an afternoon, he somehow

managed to get Miggs to swallow his own tongue. In making the symbolic exchanges of

an analytic session eventuate in this grotesque substantialization, Lecter offers his most

concise lesson in the workings of the analytic monster and gives a rather different spin

indeed to the `talking cure.′" (ebenda, 164).

Lecter besitzt allein durch seine Worte Macht. ,,The people he meets cannot [...] help giving

themselves away in the small details of their dress and mannerisms." (s. Tasker 2002, 84). Er

benutzt Sprache als sein Werkzeug und als seine Waffe. So schreibt Yvonne Tasker:

,,Verbally he is at his most brutal when bound and masked." (ebenda, 10). Beispielsweise bei

seinem Treffen mit der einflussreichen Senatorin Ruth Martin in Memphis sollte eigentlich

Lecter der Unterlegene sein.5 Er ist derjenige, der lebenslänglich im Gefängnis sitzt und auf

eine Sackkarre gebunden, mit einer Zwangsjacke und einer Art Maulkorb bekleidet der

2 Profiler sind psychologisch geschulte Menschen, die für die Polizei ein möglichst genaues Bild des gesuchten

Täters entwerfen, um die Anzahl der möglichen Täter einzuschränken.

3 Vgl. hierzu: Harris 2001, Red Dragon.

4 Vgl. hierzu: Tasker 2002, 85.

5 Vgl. hierzu Demme 1994, 00:57:36.

4


Senatorin vorgeführt wird, um ihr den Namen des Entführers ihrer Tochter mitzuteilen. Aber

durch seine taktisch kluge Gesprächsführung, seiner Fähigkeit Menschen zu durchschauen,

ihre Verletzlichkeit bloßzulegen und sie zu demütigen, gelingt es ihm, die Machtverhältnisse

umzukehren.6

Die Worte Lecters sind durch ,,literalization and demetaphorization" (s. Wolfe 1995, 163)

gekennzeichnet. ,,`Look inside yourself,′ says Lecter, and only clever Starling knows that

lurking behind the vapid psychobabble `message′ is a material and literal truth: `yourself′ is

not the sacred desubstantialized interior of the humanist individual but a storage building

outside Baltimore." (ebenda). Lecter liebt es, Leuten Rätsel aufzugeben, sie mit Wortspielen

auf falsche Fährten zu locken und sie durch seine Scherze in die Irre zu führen. Als Beispiel

hierfür dienen seine Anagramme7. Bei dem Treffen mit Senatorin Martin nennt Lecter dem

FBI den Namen ,Ned Fisiuels′ und allein Clarice Starling findet heraus, dass, wenn man die

Buchstaben verdreht, Eisen Sulfid gemeint ist.

"And most memorable, of course, are Lecter′s final words, which offer the best evidence that

his literalizing, demetaphorizing strategy is intimately linked to his desire to take the

sacrificial economy all the way, to take it, precisely, at its word: "I′m having an old friend for

dinner." (ebenda).

2.2.2 Clarice Starling

Clarice Starling ist eine junge, ehrgeizige FBI Schülerin, die zu den besten ihres Jahrgangs

gehört.8 Ihr besonderes Interesse gilt der Verhaltensforschung, weshalb sie zur Erstellung

eines verhaltenspsychologischen Profils zu Hannibal Lecter geschickt wird. Außerdem kennt

sie sich in der Forensik9 aus, weshalb sie auch von ihrem Vorgesetzten dazu aufgefordert

wird, das letzte Opfer Buffalo Bills zu obduzieren.10

Sie ist in einer Kleinstadt aufgewachsen und wurde von ihrem Vater, einem Polizisten,

aufgezogen, da ihre Mutter bereits früh starb. Nachdem ihr Vater bei einem Polizeieinsatz von

Einbrechern getötet wurde, kam Clarice mit zehn Jahren zu Verwandten auf deren Ranch in

Montana. Allerdings wurde sie nach zwei Monaten bereits in ein Waisenhaus übergeben, da

sie versucht hatte, die Lämmer der Ranch vor der Schlachtbank zu retten und mit einem dieser

Lämmer weggelaufen war. Dieses Kindheitserlebnis verfolgt Clarice bis heute.

6 Vgl. hierzu Domschky 1996, 108.

7 Anagramm: Umstellung der Buchstaben eines Wortes, durch die ein neues Wort entsteht.

8 Vgl. hierzu Demme 1994, 00:06:10.

9 Forensik ist die Bezeichnung für die gerichtliche Medizin und für die gerichtliche Psychologie.

10 Vgl. hierzu Demme 1994, 00:41:05.

5


3. Das Verhältnis der Hauptfiguren

3.1 Die Entwicklung des Verhältnisses

Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen findet Clarice, wie bereits beschrieben, einen höflichen

Hannibal Lecter vor, der sie mit einem harmlosen ,Guten Morgen′ begrüßt. Clarice reagiert

darauf kühl und distanziert:

Clarice

: ,,Doktor Lecter, mein Name ist Clarice Starling. Darf ich mit Ihnen sprechen?"

(s. Demme 1994, 00:12:05)

Mit dieser Frage ,,wird klar, dass Lecter von Anfang an der Überlegene ist" (s. Domschky

1996, 102):

,,Seine Dominanz kommt in den Großaufnahmen seines Gesichtes, dessen Augen Starling

durchdringend ansehen, zum Ausdruck, während die FBI-Agentin in halbnahen

Einstellungen zu sehen ist." (ebenda, 103).

Er stellt zurecht fest, dass Clarice wohl zu Jack Crawfords Leuten gehört und möchte ihren

FBI-Ausweis sehen. Eine unerwartete Bitte, da sie ihm bereits angekündigt wurde und es für

irgendwelche Zivilisten nicht gerade leicht sein dürfte, durch den Hochsicherheitstrakt zu ihm

zu gelangen. Mit einem durchdringenden Blick fordert er Clarice auf, näher zu kommen.

Sofort stellt er fest, dass ihr FBI-Ausweis nur vorübergehend ausgestellt ist und bald abläuft.

Clarice wird immer kühler und distanzierter, sie ist verunsichert. Lecter ist überrascht, dass

eine Anfängerin zu ihm geschickt wurde. Er bittet Clarice sich zu setzen. Von oben auf sie

herabblickend, ein Zeichen für seine Überlegenheit, übernimmt er die Gesprächsführung. Er

ist derjenige, der Fragen stellt, obwohl es eigentlich umgekehrt sein sollte:

"He immediately seizes control of the situation by forcing her to repeat what Miggs

said to her ­ she must repeat the words `I can smell your cunt′ ­ and then sniffing the

air being filtered into his cell, only to report that `I myself cannot smell it.′ What

occurs here is both the terrifying resurgence of the animal olfactory [...] and its

effortless surpassing in Lecter′s substitution of

culturally

determined olfactory signs ­

Starling′s cold cream, her perfume ­ for what is coded as her `animal′ scent." (s.

Wolfe 1995, 156).

Clarice versucht diese unangenehme Situation zu überspielen, und spricht Lecter auf seine

Zeichnungen an, um anschließend auf ihr eigentliches Anliegen zurück zu kommen, das

Ausfüllen des für Lecter vorbereiteten Fragebogens. Lecter tadelt Clarice für diese ,,plumpe

Überleitung" (s. Demme 1994, 00:14:36) wie ein kleines Kind und zeigt ihr deutlich, dass er

nicht zur Mitarbeit bereit ist. Stattdessen spricht er sie, den Plan Jack Crawfords bereits

durchschauend, auf Buffalo Bill an und bringt sie dazu, eine FBI interne Information

preiszugeben:

Clarice Starling:

,,Es begann als schlechter Scherz bei der Mordkommission in Kansas

6


City. Die sagten dort: Er häutet seine Miezen ab."

Hannibal Lecter:

Was denken Sie? Wieso zieht er denen wohl die Haut ab, Agentin

Starling? Faszinieren Sie mich durch Ihren Scharfblick!

Clarice Starling:

,,Das geilt ihn auf. Die meisten Serienmörder behalten eine Art Trophäe

von ihren Opfern."

Hannibal Lecter:

,,Tat ich nie."

Clarice Starling:

,,Nein, nein. Sie haben Ihre gegessen." (ebenda, 00:15:05).

Lecter scheint so eine kesse Antwort nicht erwartet zu haben, er blickt Clarice an und bittet

sie dann, ihm den Fragebogen durch die in der Glasscheibe eingelassene Eisenlade zu

schicken. Er blättert den Fragebogen durch, sieht Clarice dabei an und zwinkert ihr zu. Clarice

scheint erleichtert zu sein, da der Psychologe den Anschein macht, als wolle er doch

kooperieren. Aber Lecter zeigt schnell, dass er davon nichts hält und beleidigt Clarice:

Hannibal Lecter:

,,Ach, Agentin Starling, denken Sie etwa, Sie könnten mich mit diesen

plumpen Mitteln analysieren?"

Clarice Starling:

,,Nein, aber ich habe gedacht bei Ihren Kenntnissen..."

Hannibal Lecter:

,,Sie sind von Ehrgeiz geradezu zerfressen, nicht? Wissen Sie, wie Sie

mir vorkommen mit Ihrem hübschen Täschchen und Ihren billigen Schuhen? Wie ein

richtiger Bauerntrampel, ein von oben bis unten gut abgeschrubbter, emsig bemühter

Bauerntrampel mit ein bisschen Geschmack. Die gute Ernährung ist für Ihren Körperbau

erfolgreich gewesen, aber Sie sind erst eine Generation vom schlimmsten weißen

Abschaum entfernt, nicht wahr, Agentin Starling? Und Sie können anstellen was Sie

wollen, Ihre gewöhnliche Herkunft dringt bei Ihnen aus sämtlichen Poren. Was macht Ihr

Vater? Ist er Bergarbeiter? Stinkt er nach Ruß, wenn er nach Hause kommt? Ich weiß, wie

rasch die Jungs zu Ihnen gefunden haben. Immer wieder all diese öden schmuddeligen

Fummeleien auf den Rücksitzen irgendwelcher Autos während Sie nur davon geträumt

Habe, all dem zu entkommen, irgendwohin abzuhauen, den ganzen Weg bis zum FBI."

(ebenda, 00:16:01).

Diese Demütigung zeugt nur so von Lecters Menschenkenntnis und wie Yvonne Tasker

(2002) sagt: ,,Lecter′s uncanny ability to deduce events and emotions from scents and other

slight clues." (ebenda, 85). Er verletzt bewusst Clarices Gefühle, um ihr seine Macht und sein

Wissen zu demonstrieren:

,,Hannibal Lecter elicits Starling′s poor little flashbacks only to demonstrate that stripping

the mind is no less a violation than stripping the body and that mind and body are no

longer split" (s. Halberstam 2000, 64).

Clarice, der man ansehen kann, dass Lecters Vermutungen über sie größtenteils zutreffen,

braucht etwas, um sich wieder zu fassen. Sie versucht nun Lecters eigene ,Waffen′ gegen ihn

zu verwenden:

Clarice Starling:

,,Sie sehen eine Menge. Aber sind Sie auch stark genug, um diese

enorme Beobachtungsgabe bei sich selbst anzuwenden? Wie steht′s damit? Wieso

betrachten Sie sich nicht selbst und schreiben auf, was Sie erkennen? Vielleicht fürchten

Sie sich vor sich?" (s. Demme 1994, 00:16:56).

7


Starling schafft es, Lecter mit dieser Frage zu provozieren. Er gibt ihr mit einem lauten Knall

der Eisenlade den Fragebogen zurück und

,,gibt ihr drohend zu verstehen, dass Fragen, die seine Person betreffen nicht zu stellen

sind. [...] Sein Gesicht, dass während des ganzen Gespräches kalt und starr war,

nimmt jetzt einen ernsthaften und offen aggressiven Ausdruck an. Durch die Scheibe

hindurch bedroht er Starling mit der Geschichte vom Meinungsforscher, dessen Leber

er mit einem ,ausgezeichneten Chianti′ genoss [...] und fletscht dabei die Zähne."

(s. Domschky 1996, 106).

Clarice sieht, dass sie gescheitert ist und will unter dem spöttischen ,,Flieg, flieg, flieg" von

Lecter den Hochsicherheitstrakt verlassen. Auf ihrem Weg wird sie von Lecters

Zellengenossen Miggs mit dessen Sperma beschmissen. Da für Lecter, wie schon

beschrieben, es nichts Verachtenswürdigeres als Unhöflichkeit gibt, ändert er daraufhin seine

Meinung und ist bereit Clarice zu helfen:

Hannibal Lecter:

,,Kommen Sie zurück Agentin Starling, Agentin Starling. Das wollte

ich nicht, dass Ihnen so etwas passiert. Taktlosigkeiten sind für mich

verabscheuenswürdig."

Clarice Starling:

,,Machen Sie den Test für mich!"

Hannibal Lecter:

,,Nein, aber ich werde Sie glücklich machen. Ich verhelfe Ihnen zu

dem, was Sie sich am meisten wünschen."

Clarice Starling:

,,Was ist das Doktor?"

Hannibal Lecter:

,,Karriere." (s. Demme 1994, 00:18:13).

Für Claudia Domschky (1996) bedeutet dieser Sinneswandel Lecters nichts als Heuchelei. Er

wolle auch hier beweisen, dass er Herr der Lage ist und übernehme deshalb die

Verantwortung für Miggs Tat: ,,Aber was können seine Beteuerungen angesichts seines

eigenen entwürdigenden Benehmens [...] anderes bedeuten als Heuchelei" (ebenda, 107).

Lecter gibt Starling einen Hinweis für ihre Suche nach Buffalo Bill, ein Rätsel, dass sie zu

lösen hat:

Hannibal Lecter:

,,Sie müssen tief in Ihr innerstes Selbst schauen. Gehen Sie und spüren

Sie Miss Morphet auf, eine alte Patientin, Morvet."

Somit leitet er die nächste Begegnung mit der FBI-Agentin ein, die er also nicht so sehr zu

verachten scheint, wie er es ihr zu Beginn des Gespräches zeigte. Er traut ihr zu sein

Wortspiel zu entschlüsseln und mimt eine Art ,,Beschützer und Helfer Starlings" (ebenda,

108).

Bei ihrem zweiten Zusammentreffen wirkt ihr Verhältnis schon wesentlich vertrauter. Clarice,

vom Regen durchnässt, setzt sich im Schneidersitz direkt vor die Glasscheibe von Lecters

verdunkelter Zelle. Sie spricht Lecter direkt und weniger formell als noch bei ihrem letzten

Gespräch an. Sie fragt ihn nach dem Lagerhaus, in dem sie einen eingelegten Männerkopf

8


fand, aus. Als Antwort schickt Lecter ihr mit einem großen Knall in der Eisenlade ein

Handtuch hinüber. ,,In der brutalen Bewegung steckt feinfühlige Fürsorge" (ebenda, 113).

Lecter bemerkt, dass Clarices Wunde, die sie sich beim Inspizieren der Lagerhalle zugezogen

hat, nicht mehr blutet. Lecter besitzt zwar einen animalischen Geruchssinn, so dass er ihre

Wunde riechen kann, aber dennoch zeigt er sich mitfühlend. Er macht Clarice erneut

Hoffnung auf die Lösung des Buffalo Bill Falles, da er nach der Akte verlangt. Clarices

bereitwillige Auskunft auf seine Frage nach ihren Empfindungen beim Anblick des

abgetrennten Kopfes und ihre Billigung der plötzlichen Anrede mit ihrem Vornamen,

veranlassen Lecter dazu, ihr intimere Fragen zu stellen:

Hannibal Lecter

: ,,Jack Crawford ist Ihnen bei Ihrer Karriere behilflich, nicht wahr?

Kein Zweifel, dass er Sie mag und Sie auch Ihn mögen."

Clarice Starling

: ,,Hab nie drüber nachgedacht."

Hannibal Lecter

: ,,Glauben Sie, dass Jack Crawford Sie haben will, ich meine sexuell?

Gewiss er ist viel älter, aber glauben Sie, dass er sich im Geiste ausmalt, Situationen,

Praktiken, wie es wäre Sie zu ficken?"

Clarice Starling

: ,,Das interessiert mich nicht, Doktor. Offen gesagt, es...es gleicht dem,

was Miggs fragen würde." (s. Demme 1994, 00:28:14).

Clarice scheint trotz dieser intimen sexuellen Anspielung Lecters nicht irritiert. Das Licht in

Lecters Zelle geht wieder an und man sieht, dass der Raum ganz kahl ist, alle Zeichnungen

wurden von den Wänden genommen. Unter diesen Umständen, auf dem Boden sitzend mit

geschlossenen Augen, sieht Lecter Mitleid erregend aus, und nutzt dies um Clarice einen

Handel vorzuschlagen:

Hannibal Lecter: ,,

Ich biete Ihnen ein psychologisches Profil von Buffalo Bill an auf der

Grundlage des Beweismaterials. Ich werde Ihnen helfen, ihn zu schnappen, Clarice."

Clarice Starling: ,,

Sie wissen wer er ist, nicht wahr? Sagen Sie mir, wer Ihren Patienten

enthauptet hat, Doktor!"

Hannibal Lecter:

,,Sie wissen doch, gut Ding will Weile haben und ich habe lange

gewartet, Clarice, aber die Frage ist, wie lange können Sie und der alte Jack Crawford

noch warten? Unser kleiner Billy wird sich bereits auf der Suche befinden nach der

nächsten Dame seines Interesses." (ebenda, 00:29:43).

Lecter demonstriert hier wieder seine Überlegenheit, indem er bewusst Informationen

zurückhält. Dies ist auch eine Methode, Sprache als sein Werkzeug zu benutzten. ,,Hinter der

Maske der Menschlichkeit hat er Starling für beide seiner Interessen ködern können: Er

versucht vertrauenswürdig zu wirken, um sich an Starlings Gefühlswelt zu delektieren, zum

anderen koppelt er sein Wissen im Fall Buffalo Bill an die Chance seiner Verlegung, bzw.

seiner Flucht" (s. Domschky 1996, 114).

Bei der dritten Begegnung der FBI Agentin und des Psychologen scheinen sich die

Machtverhältnisse verändert zu haben. Clarice tritt sehr selbstsicher auf und scheint diesmal

9


überlegen zu sein. Sie steht, Lecter ein falsches Angebot, das ihm seine Verlegung nach New

York verspricht, unterbreitend, aufrecht und euphorisch direkt an der Glasscheibe, Lecter sitzt

in seiner Zelle vor ihr. Er ist jetzt derjenige, der etwas von ihr will, und sich dementsprechend

fügen sollte. Aber auch hier gewinnt Lecter sofort wieder die Oberhand. Obwohl Clarice

seine Bedingung scheinbar erfüllt hat, macht Lecter sie darauf aufmerksam, dass sie diejenige

ist, die etwas von ihm möchte. Er stellt eine neue Bedingung auf:

Hannibal Lecter:

,,Wenn ich Ihnen helfen soll, bestehe ich auf einer Gegenleistung von

Ihnen, quid pro quo. Ich erzähle Ihnen etwas, Sie erzählen mir etwas. Aber nicht über

diesen Fall, über sich selbst. Quid pro quo. Ja oder nein? Ja oder nein, Clarice? Die arme

kleine Catherine, die wartet." (s. Demme 1994, 00:51:29).

Lecter zwingt Clarice in ein Abhängigkeitsverhältnis hinein. Sie kann sich nicht dagegen

wehren, denn sobald sie versucht ihm auszuweichen, ,,erpresst [er] ihr Sprechen mit dem

Leben Catherine Martins und mit ihrem Wunsch beim FBI Karriere zu machen" (s.

Domschky 1996, 114). Genau vor dieser Situation hat ihr Vorgesetzter Jack Crawford sie

gewarnt, aber da sie keine andere Wahl hat, erzählt Clarice dem Psychologen von ihrem

schlimmsten Kindheitserlebnis, dem Tod ihres Vaters. ,,Sein Gesicht ist in Großaufnahmen zu

sehen, seine sonst starren und kalten Augen zeigen Bewegung." (ebenda). Lecter ist sehr

interessiert an Starlings Geschichte, stellt immer wieder Fragen und entwickelt eine tiefe

Sympathie für sie: ,,Once he has got into her memories, Lecter openly admits a fascination

with Starling: ,I think it would be quite something to know you in private life.′" (s. Tasker

2002, 13).

Carrie Wolfe (1995) sieht hierin den Ausdruck seines sexuellen Begehrens:

,,Lecters desire to know Starling′s secrets is clearly a substitute for the sexual knowledge

he would like to have of her [...] a fact more than underscored by his forcing her to talk

dirty, so to speak, by asking her to recount what Miggs said to her. Short of that, Lecter

will demand that she make herself vulnerable to him, that she becomes the object of

knowledge for his gaze ­ in short, that she emotionally disrobe." (ebenda, 157).

Seine Gefühle für Clarice lassen ihn bereitwillig und ohne Anflüge seines sonst typischen

Zynismus′ oder sonstiger Wortspielereien antworten und Clarice als ebenbürtigen

Gesprächspartner behandeln.

Das vierte Treffen findet in Memphis statt. Lecter wird dort vorübergehend in einer Zelle, die

einem großen vergitterten Käfig gleicht, verwahrt. Diese Begegnung Clarice Starlings und

Hannibal Lecters zeigt deutlich, dass das Vertrauen und die Vertrautheit, die beide aufgebaut

haben, stark beschädigt wurden. Als Clarice auf Lecters Zelle zugeht, sitzt Lecter ihr den

Rücken zugewandt auf einem Stuhl und liest. Er weiß, dass sie es ist und begrüßt sie, ohne

10


sein Buch wegzulegen oder sich umzudrehen. Der Psychologe macht den Eindruck eines

verletzten, zutiefst beleidigten Kindes. Als Clarice ihm seine Zeichnungen überreichen will,

eine Art Friedensangebot und Versuch, das verlorene Vertrauen wieder herzustellen, dreht er

sich immer noch nicht zu ihr um. Hierauf geht Clarice, beteuernd, dass sie nicht im Auftrag

des FBIs sondern aus freien Stücken zu ihm kam, um die Zelle herum. Durch diese

Beteuerung scheint Clarice Lecter etwas milder gestimmt zu haben, denn er dreht sich zu ihr

um. Aber Lecter ist immer noch gekränkt, deshalb verfällt er wieder in seinen bereits

bekannten Zynismus:

Hannibal Lecter:

,,Man wird noch sagen wir seien verliebt. Eine Milzbrand-Insel. Mich

mal eben dorthin schicken zu wollen ist ein hübscher Schachzug. Ihrer?" (s. Demme 1994,

01:04:42).

Lecter lobt hier zwar Clarices kluge Idee, ihn mit einem falschen Angebot zu ködern, aber

zeigt ihr direkt wieder, dass er derjenige ist, der die Oberhand hat:

Hannibal Lecter:

,,Ja, das war gut. Pech aber mit der armen Catherine. Wirklich. Tick,

tack, tick, tack, tick, tack, tick, tack." (ebenda, 01:04:57).

Clarice versucht unbeeindruckt zu wirken und spricht sachlich über sein Anagramm, das sie

gelöst hat. Aber Lecter geht nicht darauf ein. Er will nicht sachlich über den Fall sprechen. Er

lässt Clarice zappeln und beleidigt sie wieder:

Hannibal Lecter:

,,Oh, Clarice. Ihr Problem ist, dass Sie aus Ihrem Leben nicht mehr

Spaß holen." (ebenda, 01:05:14).

Aber Clarice lässt sich nicht einschüchtern:

Clarice Starling:

,,In Baltimore haben Sie mich mit der Wahrheit konfrontiert. Machen

Sie da weiter, Sir." (ebenda, 01:05:19).

Lecter spottet über Clarice, dass sie mit Hilfe der Ermittlungsakte noch nicht weiter

gekommen ist. Seine Worte ,,Was Sie brauchen, um ihn zu finden, steht alles dort auf diesen

Seiten" verweisen auch darauf, dass er Clarice eine Notiz mit einem Hinweis in die Akte

geschrieben hat, die sie bis dahin aber noch nicht lesen konnte. Clarice, die immer mehr an

der störrischen Art Lecters zu verzweifeln scheint, fordert ihn auf, ihr mehr zu sagen.

Unerwarteter Weise folgt Lecter dieser Forderung, aber nicht in der professionellen Art, wie

bei ihrem dritten Treffen. Er ist wesentlich einsilbiger, seine Stimme ist barsch und er spricht

mit Clarice auch nicht wie mit einer ebenbürtigen Partnerin, sondern eher, wie mit einem

dummen Kind, dem er etwas beibringen muss:

Hannibal Lecter:

,,Oberste Prinzipien, Clarice. Simplifikationen. Lesen Sie bei Marc

Aurel nach! Bei jedem einzelnen Ding die Frage was ist es in sich selbst. Was ist seine

Natur? Was tut er, dieser Mann, den Sie suchen?"

Clarice Starling:

,,Er tötet Frauen."

Hannibal Lecter:

,,Nein, das ist nebensächlich. Was ist das Vordringliche bei all seinem

11


Tun? Die Frage ist welche Bedürfnisse er durch Töten befriedigt."

Clarice Starling:

,,Abreaktion der Wut. Versuch gesellschaftlicher Anerkennung und

Überwindung sexueller Frustration."

Hannibal Lecter:

,,Nein, er begehrt. Das ist seine Natur. Und wie beginnen wir zu

begehren, Clarice? Suchen wir uns Dinge zum Begehren aus? Strengen Sie sich mit allen

Kräften an jetzt eine Antwort darauf zu finden!" (ebenda, 01:05:31).

Mit dieser Taktik verunsichert er Clarice immer mehr. Sie geht aufgeregt vor seiner Zelle hin

und her während er, stillstehend, sie mit seinem bedrohlichen Blick zu durchdringen scheint.

Als Clarice antworten will unterbricht Lecter sie ungeduldig:

Hannibal Lecter:

,,Nein, wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen. Spüren

Sie nicht Blicke über Ihren Körper wandern, Clarice? Und gleiten Ihre Augen nicht auch

manchmal über Dinge, die Sie sich wünschen?" (ebenda, 01:06:21).

Claudia Domschky (1996) sieht in Lecters Betonung des Begehrens ein Anzeichen für sein

sexuelles Interesse an Clarice. Die angehende FBI Agentin ist es, die er sieht, direkt vor

seinen Augen. ,,Abrupt geht Lecter zur seelischen Vergewaltigung Starlings über, die er

weder körperlich, noch emotional besitzen kann" (ebenda, 172).

Hannibal Lecter:

,,Nein. Jetzt sind Sie dran, mir etwas zu sagen. Sie können mir keine

Badeferien mehr andrehen. Warum hatten Sie die Ranch verlassen?" (s. Demme 1994,

01:06:36).

,,Starling will sich wehren, aber Lecter nutzt ihre Zwangslage brutal aus und dringt mit

harten fordernden Blicken in sie ein. Die Kamera fährt immer näher an Lecters Gesicht

heran, bis es bildfüllend zu sehen ist, und kennzeichnet somit seine Dominanz. Lecters

Augen bleiben kalt und starr gegenüber Starling, die in ihrer Hilflosigkeit angesichts ihrer

schmerzlichen Erinnerungen Lecters auf Zwang beruhendes Vertrauensangebot nicht

mehr durchschauen kann und sich ihm ,hingibt′." (s. Domschky 1996, 173).

Lecter lässt nicht locker bevor Clarice ihm die ganze Geschichte erzählt hat. Sie erzählt ihm,

wie sie nach dem Tod ihres Vaters zu Verwandten auf eine Ranch kam. Eines nachts wurde

sie vom Schreien der Lämmer der Farm geweckt, die geschlachtet wurden. Sie versuchte ohne

Erfolg, die Lämmer zu retten. Sie steht unter äußerst hoher emotionaler Spannung, da ihre

Erinnerungen für sie immer noch quälend sind. Yvonne Tasker (2002) beschreibt ihr

Verhalten wie folgt: ,,Starling seems to loose herself in her recollections, almost as if she were

hypnotized by Lecter′ s voice and fixed to the spot." (ebenda, 15). Immer wieder schaut sie

ins Leere, ihre Augen sehen aus, als müsste sie die Tränen zurückhalten. Auch ihre Art zu

sprechen zeigt, wie sehr dieses Kindheitserlebnis sie immer noch mitnimmt.

Gedankenverloren wiederholt sie sich mehrfach:

Clarice Starling:

,,Ich weiß es nicht. Ich hatte nichts dabei, nichts zum Essen, nichts zum

Trinken und es war bitter kalt...bitter kalt. Ich dachte: könnte ich doch wenigstens eines

der Lämmer retten, aber es war so schwer...es war so schwer." (s. Demme 1994,

01:08:30).

12


Dieses Versagen beim Retten der Lämmer, denn nicht mal ein einziges konnte sie retten, hat

so weit reichende Folgen, dass Clarice immer noch nachts aufwacht und das Schreien der

Lämmer hört. Lecter stellt einen Zusammenhang zwischen dem missglückten Versuch die

Lämmer zu retten und Clarices Suche nach Catherine Martin her. Nachdem er nun alles, was

er wissen wollte erfahren hat, dankt er Clarice und lässt von ihr ab. Clarice, die langsam die

Fassung zurück erlangt, will nun als Gegenleistung von ihm den Namen des gesuchten

Serienmörders. Aber Lecter, der bemerkt, dass Dr. Chilton sich mit drei Polizisten nähert, gibt

ihn nicht preis. Die Polizisten müssen die sich wehrende Clarice mit Gewalt abführen.

Hannibal Lecter:

,,Tapfere Clarice. Sie werden mich wissen lassen, sobald die Lämmer

schweigen."

Clarice Starling:

,,Sagen Sie mir seinen Namen, Doktor!"

Hannibal Lecter:

,,Clarice, Ihre Ermittlungsakte." (ebenda, 01:10:14).

Clarice reißt sich los, rennt zurück zu Lecters Zelle und nimmt von ihm durch die Gitterstäbe

ihre Ermittlungsakte entgegen. Leise sagt ihr Lecter ,Lebewohl′ und streicht dabei zärtlich

mit seinem Finger über ihren.

3.2 Ansätze zur Deutung des Verhältnisses

Das Verhältnis zwischen Hannibal Lecter und Clarice Starling ist auf mehrere Arten deutbar.

Zum einem ist es vordergründig ein rein berufliches Verhältnis, denn es ist Clarices Auftrag

mit Lecter zu sprechen. Sie arbeiten zusammen als FBI Agentin und Profiler, was nicht

gerade unüblich ist. Der einzige Unterschied zu solch einer ,normalen′ Konstellation ist, dass

Hannibal Lecter nicht nur Psychologe und Profiler, sondern auch Psychopath und

Serienmörder ist und Clarice nur bedingt hilft. Im Folgendem werden drei Deutungsansätze

vorgestellt.

3.2.1 Das Vater-Tochter-Verhältnis

Man kann es wie Sara Martin Alegre (1996) deuten, welche in dem Verhältnis zwischen

Clarice und Lecter ein stellvertretendes Vater-Tochter-Verhältnis sieht. Clarice, die den Tod

ihres Vaters, wie bereits erläutert, nicht überwunden hat, setzt an dessen Stelle zwei andere

autoritäre Figuren: Jack Crawford und Hannibal Lecter. Beide dieser Männer, egal wie

unterschiedlich sie sein mögen, sind Clarice bei ihrer Karriere, dem Versuch über sich selbst

hinaus zu wachsen, behilflich. Schon bei der ersten Begegnung Crawfords und Clarices merkt

man, dass er ihr sehr wohlwollend gesonnen ist. Er stellt fest, dass Clarice nach ihrem

13


Abschluss gerne in seiner Abteilung arbeiten möchte und scheint darüber erfreut zu sein.11

Am Ende des Films gratuliert er ihr stellvertretend für ihren toten Vater zu ihrer Graduierung

zur FBI Agentin:

"When she earns her FBI shield, her surrogate symbolic father, Crawford, speaks the

necessary, hopelessly banal words: `Your father would have been proud of you.′" (s.

Wolfe 1995, 160).

Auch Hannibal Lecter zeigt väterliche Merkmale Clarice gegenüber, beispielsweise indem er

ihr, wie bereits beschrieben, ein Handtuch für ihre regennasse Haare gibt oder sich nach ihrer

Verletzung erkundigt. Auch er ist Clarice bei ihrer Karriere behilflich, denn durch ihn findet

sie Buffalo Bill. Carry Wolfe (1995) bemerkt hier:

,,Lecter′s own protectiveness of Starling, his readiness to help her `get ahead,′ can itself

be seen as a kind of paternalistic pleasure."(ebenda, 160).

Diese väterliche Freude zeigt Lecter auch, als er Clarice bei ihrer letzten Begegnung zärtlich

über den Finger streicht. Auch er meldet sich während der Feier zu ihrer Beförderung

Beförderung bei ihr und erkundigt sich nach ihrem Wohlbefinden:

,,Nun, Clarice! Haben die Lämmer aufgehört zu schreien?" (s. Demme 1994, 01:47:24).

Außerdem versichert er Clarice, dass er nicht die Absicht hat, sie aufzusuchen:

,,Die Welt ist interessanter mit Ihnen darin." (ebenda, 01:47:39).

Yvonne Tasker (2002) allerdings sieht kein Vater-Tochter-Verhältnis in der Beziehung

Clarices zu Lecter und Crawford:

"Clarice′s relationship with Lecter and Crawford has been widely read as paternalistic ­

they are seen as representing bad and good fathers respectively [...]. Yet, although

Lecter and Crawford are both figures of authority, there is no reason to assume that

they are father figures." (ebenda, 71).

Die beiden Männer sind nach Tasker also Clarices Lehrer und Mentoren, aber keinesfalls

vergleichbar mit einer Vaterfigur, denn Clarice braucht keinen Ersatz für ihren Vater: ,,her

cure is not to run back to Daddy, but to take his place." (ebenda, 73). Aber auch sie bestreitet

nicht, dass Clarice diese männlichen Autoritätspersonen sucht und deren Hilfe in ihrem

Reifungsprozess braucht. Gerade aber diese männliche Autorität ist ein patriarchalisches

Symbol und somit ist die Schlussfolgerung, dass es sich bei Lecter und Crawford um

Ersatzväter handelt nicht abwegig.12

11 Vgl. hierzu Demme 1994, 00:06:02.

12 Vgl. hierzu Martin 1996, 445.

14


3.2.2 Das perverse Monster und sein Opfer

Besonders auffallend an Lecters Verhalten ist, dass er keine Gelegenheit auslässt, anderen

Menschen Angst und Respekt vor ihm einzuflössen. Seine Waffe ist, wie bereits

herausgestellt, seine Sprache. Mit ihr er schafft es immer wieder Clarice zu verletzten und

macht sie somit zu seinem Opfer. Mit seiner Sprache und mit seinen Blicken dringt er in

Clarice ein, so dass Claudia Domschky (1996) seine Bedrängung Clarices mit einer

Vergewaltigung gleichsetzt.13 Sie sieht hierin ein einseitiges perverses Liebesverhältnis, das

von Lecters sexuellem Begehren nach Clarice und dem Begehren nach ihren innersten

Gedanken bestimmt ist. Ihrer Meinung nach benutze Dr. Lecter Starling zur ,,Versicherung

seiner Macht und zur Herstellung der Illusion eines Liebesverhältnisses" (ebenda, 119). So

sind auch seine bereits mehrfach zitierten sexuellen Anspielungen zu erklären.

Auch Carol Watts (1993, 70) beschreibt die Opferrolle Starlings: ,,Clarice truly becomes the

`victim′ of another′s appetitive gaze.". Indem sie sich auf Lecters ,quid pro quo′-Spiel und

somit auf ,,eine Art Psychoflirt mit dem Monster" (s. Theweleit 1994, 38) einlässt, wird sie zu

seinem Opfer. Lecter schafft es, sich Zugang zu Clarices Gehirn zu verschaffen, und ist von

diesem Zeitpunkt an fest in Clarices Kopf verankert.14 So schreibt Slavoj Zizek15, zitiert von

Carol Watts (ebenda, 71): ,,Lecter is truly cannibalistic, not in relation to his victims but in

relation to Clarice Starling.". Lecter ist nicht darauf aus, Clarice nach seiner Flucht zu töten,

zu verspeisen und sich so durch sie Genuss zu verschaffen. Es ist für ihn der größte Genuss,

Clarice zu manipulieren, mit ihr zu spielen und sich an ihren Kindheitserinnerungen zu

weiden:

,,Lecter′s goal might not be to drive Clarice Starling mad [...] but he is set on playing

with her mind ­ right down to his final phone call." (s. Tasker 2002, 67).

3.2.3 Der Psychiater und seine Patientin

Slavoj Zizek, zitiert von Carol Watts (1993), stellt fest, dass die Beziehung von Clarice

Starling und Hannibal Lecter Ähnlichkeit mit dem Verhältnis des Psychiaters und seiner

Patientin hat:

"their relation is a mocking imitation of the analytic situation, since in exchange for his

helping her to capture "Buffalo Bill", he wants her to confide ­ what? Precisely what the

analysand confides to the analyst, the kernel of her being, her fundamental fantasy (the

crying of the lambs)." (ebenda, 71).

13 s.o.

14 Vgl. hierzu Hawkins 1993, 259.

15 Slavoj Zizek ( *21.03.1949) ist ein slowenischer Psychoanalytiker, Philosoph und Kulturkritiker.

15


Hannibal Lecter ist ja bereits als angesehener Psychoanalytiker bekannt und hat seine

Fähigkeit sich in Menschen hinein zu denken mehrfach bewiesen:

,,As an unscrupulous but gifted psychiatrist he invades the most private dreams and

fantasies." (ebenda, 73).

Ohne, dass Clarice etwas über sich erzählt hat, weiß er schon so gut wie alles über sie,

besonders ihr schon fast krankhafter Ehrgeiz fällt ihm sofort auf. Er erkennt, dass es eine

besondere Motivation für ihr Streben nach Karriere geben muss. Er sucht in einer Art

Gesprächstherapie, in der er Clarice gezielt Fragen nach ihrem schlimmsten Kindheitserlebnis

stellt, weiter nach der Ursache dafür. Sehr passend ist, dass ihre `letzte Sitzung′ in Memphis

stattfindet. Seine provisorische Zelle dort ist wesentlich komfortabler ausgestattet,

beispielsweise mit Büchern, mit einem Schreibtisch und einem dazu passenden Stuhl, so dass

Yvonne Tasker (2002) bemerkt: ,,The cell has the faux-domesticity that we might expect of a

therapist′s office." (ebenda, 61). Als Clarice Lecter ihr Geheimnis offenbart, erkennt er, dass

ihr Versuch Catherine Martin zu retten nichts weiter als der kompensatorische Versuch ist, ihr

Kindheitstrauma zu überwinden:

"Lecter well recognizes that in traditional psychoanalytic terms, Starling′s desire to

protect the innocent by pursuing a career in law enforcement is a blatantly compensatory

attempt to resolve the trauma of her father′s death that was only reoccasioned by the

failure of her

original

compensatory effort with the lambs." (s. Wolfe 1995, 158).

Er macht Clarice auf diesen Zusammenhang aufmerksam:

Hannibal Lecter:

,,Und Sie glauben, wenn Sie die arme Catherine retten, dann würde all

das aufhören. Sie glauben wenn Catherine lebt würden Sie nie wieder im Dunklen

aufwachen durch dieses grauenhafte Schreien der Lämmer." (s. Demme 1994, 01:09:23).

Als ,sich um seine Patientin sorgender Psychiater′ meldet Lecter sich nach Clarices

erfolgreicher Beendigung des Buffalo Bill Falls bei ihr:

Hannibal Lecter:

,,Nun, Clarice? Haben die Lämmer aufgehört zu schreien?" (ebenda,

01:47:25)

Er hat Clarice nicht nur dabei geholfen Buffalo Bill zu fangen, ihr, wie versprochen, zu ihrer

Karriere zu verhelfen, sondern auch, über sich selbst hinaus zu wachsen: ,,The advancement

here is not just professional or social, it is psychic" (s. Hawkins 1993, 260).

16


4. Resümee

Insgesamt kann man festhalten, dass die Beziehung zwischen Clarice Starling und Hannibal

Lecter ein Verhältnis ist, das auf gegenseitigem Interesse beruht:

,,From their first encounter to the last, their relationship is reciprocal:

quid pro quo

. In

their parting scene, he thanks her before she thanks him. In his last communication to

his

protégée

[...] he tells her that he has no plans to come after her [...] and

respectfully requests her to extend `the same courtesy′ to him." (s. Hawkins 1993,

259).

Clarices Interesse liegt darin, Lecters Denkweise in Hinblick auf die Erstellung eines

Täterprofils zu erlernen und mit seiner Hilfe den Fall zu lösen. Sie will ihn weder analysieren

noch nach Gründen für seine Morde suchen.16 Lecters Interesse hat, wie schon berichtet,

zweierlei Gründe: er kann sich eine Verlegung und somit die Möglichkeit einer Flucht sichern

und er genießt es sich an Clarices schmerzhaften Kindheitserinnerungen zu laben. So macht

es den Anschein, als wäre er freiwillig so lange in Haft geblieben, bis er alles erfahren hat,

was er von der FBI-Agentin wissen wollte:

"But even he was in the cage, Hannibal was not bound by his chains, indeed he seemed

only to be there because he wanted to be, because he wanted to hear the end of Starling′s

story. Sitting calmly behind the bars, his hands on his knees, his mouth open, the story of

Starling′s personal horror issuing from his lips" (s. Halberstam 2000, 66).

Es ist die spannende Erzählweise Jonathan Demmes und Ted Tallys, die dieses Verhältnis

zum sicherlich spannendsten Teil des Films werden lässt, obwohl doch eigentlich die Jagd des

FBIs und somit das Rennen gegen die Zeit, ob Catherine Martin noch rechtzeitig gerettet

werden kann, im Mittelpunkt stehen müsste. Durch die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten

ist der Film

Das Schweigen der Lämmer

für eine breite Masse des Publikums zugänglich, da

jeder etwas anderes in ihm sehen kann:

,,Der oscarprämierte Film hat [...] nicht nur beim Publikum, sondern auch im

akademischen Bereich (...) Beachtung gefunden, er ist vermutlich einer der meist

interpretierten Serienkiller-Filme überhaupt." (s. Schwab 2001, 295).

16 Vgl. hierzu Tasker 2002, 59.

17


Quellenverzeichnis



Bally, Gustav

(1961):

Einführung in die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Mit Originaltexten

Freuds

. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.

Demme, Jonathan

(1994):

Das Schweigen der Lämmer.

[Original 1990] Berlin: Columbia

TriStar Film GmbH.



Domschky, Claudia

(1996):

Das Schweigen der Lämmer von Jonathan Demme: Motive und
Erzählstrukturen

. Alfeld: Coppi-Verlag.

Farber, Joachim

(2001):

Zwischen Kathedrale und Cinedom ­ ein Dialog

. S. 191-217 in:

Lothar Warneke / Massimo Locatelli (Hrsg.), Transzendenz im populären Film. Berlin: Vistas

Verlag GmbH.

Field, Syd

(2001):

Filme schreiben. Wie Drehbücher funktionieren

. Hamburg/Wien: Europa

Verl. GmbH.

Halberstam, Judith

(2000):

Skinflick: Posthuman Gender in Jonathan Demme´s

The Silence
of the Lambs

. S. 56-68 in: Neil Badmington (Hrsg.), Posthumanism. Basingstoke: Palgrave.

Harris, Thomas

(2001):

The Hannibal Lecter Omnibus. Red Dragon ­ The Silence of the
Lambs ­ Hannibal

. London: William Heinemann.

Hawkins, Harriet

(1993):

Maidens and monsters in modern popular culture: The Silence of
the Lambs and Beauty and the Beast

. Textual practice 7, 258-266.

Kirsner, Inge

(2001):

Verzehrende Leidenschaft und andere Kannibalismen: Zum Schweigen
der Lämmer (Jonathan Demme, USA 1990) und der Erlösung im Film

. S. 179-190 in: Lothar

Warneke / Massimo Locatelli (Hrsg.), Transzendenz im populären Film. Berlin: Vistas Verlag

GmbH.

Martin Alegre, Sara

(1996):

Not Oedipus´ sister: the Redefinition of Female Rites of
Passage in the Screen Adaptation of Thomas Harris´s

The Silence of the Lambs

. S. 439-450

in: Chantal Cornut-Gentille D´Arcy (Hrsg.), Gender, i-deology: essays on theory, fiction and

film. Amsterdam: Rodopi.

Nagele-König, Andrea

(1993):

Zum Schweigen der Lämmer

. Klagenfurt: Kärntner Druck-

und Verlagsgesellschaft m.b.H.

Rall, Veronika

(1991):

"Miss the Rest of Me" Jonathan Demmes

The Silence of the Lambs

.

Ein Nachtrag zum Horrorfilm

. Frauen und Film 50/51, 134-146.

Schwab, Angelica

(2001):

Serienkiller in Wirklichkeit und Film: Störenfried oder
Stabilisator? Eine sozioästhetische Untersuchung

. Hamburg: LIT Verlag.

Tasker, Yvonne

(2002):

The Silence of the Lambs

. London: British Film Istitute.

18


Theweleit, Klaus

(1994):

Sirenenschweigen, Polizistengesänge. Zu Jonathan Demmes ,,Das
Schweigen der Lämmer"

. S. 35-68 in: Andreas Rost (Hrsg.), Bilder der Gewalt. Mit einer

Kontroverse zwischen Hans Günther Pflaum und Klaus Schreyer. Frankfurt a. M.: Verlag der

Autoren.

Watts, Carol

(1993):

From Looking to Coveting: The `American Girl′ in

The Silence of the
Lambs

. Women 4, 63-77.

Wolfe, Carry

(1995):

Subject to Sacrifice: Ideology, Psychoanalysis, and the Discourse of
Species in Jonathan Demme´s Silence of the Lambs

. Boundary 2 22, 141-170.

Wuss, Peter

(1993):

Filmanalyse und Psychologie. Strukturen des Films im
Wahrnehmungsprozeß

. Berlin: rainer bohn verlag.


Internetadressen:

Titelbild: http://www.theobjectworks.com/portfolio/pages/045Silence_Lambs_jpg.htm.

19


Anhang

Transkription der Dialoge zwischen Clarice (C) und Lecter (L):

Erstes Gespräch: 00:11:55 ­ 00:18:45

L: Guten Morgen!

C: Doktor Lecter, mein Name ist Clarice Starling. Darf ich mit Ihnen sprechen?

L: Sie gehören zu Jack Crawfords Leuten.

C: Das stimmt, ja.

L: Darf ich Ihren Ausweis sehen?

C: Gewiss.

Starling zeigt Lecter Ihren Ausweis.

L: Näher, bitte...Näher!

Starling folgt der Anweisung und tritt näher an Lecters Zelle heran.

Der läuft ab in einer Woche. Sie gehören nicht wirklich zum FBI, oder?

C: Ich bin noch in der Ausbildung an der Akademie.

L: Jack Crawford schickt eine Anfängerin zu mir?

C: Ja, ich studiere wieder. Ich bin hier um von Ihnen etwas zu lernen. Vielleicht könnten Sie

selbst die Entscheidung treffen, ob ich dafür qualifiziert bin.

L: Sie sind eine ziemlich gerissene Person, Agentin Starling. Setzen Sie sich, bitte!

Nun denn, erzählen Sie mir, was hat Miggs zu Ihnen gesagt? Der multiple Miggs in der

Zelle nebenan. Er hat Ihnen zugezischt. Was hat er gesagt?

C: Er sagte: Ich kann deine Fotze riechen.

L: Ich verstehe. Ich selbst vermag das nicht.

Lecter hebt seine Nase und schnüffelt.

Sie

benutzen Evian-Hautcreme...und manchmal tragen Sie L´Air du Temps, aber nicht heute.

C: Sind die von Ihnen, all die Zeichnungen?

L: Ja. Das ist der Dom von Belvedere aus gesehen. Kennen Sie Florenz?

C: All die Details nur aus dem Gedächtnis, Sir?

L: FBI Agentin Starling, Gedächtnis ist das, was ich statt einer Aussicht habe.

C: Nun, möglicherweise hätten Sie auch Interesse uns Ihre Sicht in Bezug auf diesen

Fragebogen zu gewähren.

L: Oh nein, nein, nein, nein. Dabei hatten Sie es gut gemacht. So aufmerksam waren Sie und

hatten Aufmerksamkeit verdient. Sie hatten begonnen Vertrauen aufzubauen durch die

peinliche Wahrheit über Miggs und jetzt plötzlich diese plumpe Überleitung zu Ihrem

Fragebogen. So wird das nichts.

C: Ich bitte Sie nur sich ihn anzusehen, Doktor. Sie machen was Sie wollen.

20


L: Ja. Jack Crawford muss enorm beschäftigt sein, wenn er schon Hilfe aus dem Nachwuchs

zwangsverpflichtet. Er ist bestimmt damit beschäftigt diesen Neuen zu jagen, Buffalo

Bill. Was für ein ungezogener Bursche. Ist Ihnen bekannt, warum man ihn so nennt?

Buffalo Bill? Verraten Sie es mir? In der Presse ist nichts zu finden.

C: Es begann als schlechter Scherz bei der Mordkommission in Kansas City. Die sagten dort:

Er häutet seine Miezen ab.

L: Was denken Sie? Wieso zieht er denen wohl die Haut ab, Agentin Starling? Faszinieren

Sie mich durch Ihren Scharfblick!

C: Das geilt ihn auf. Die meisten Serienmörder behalten eine Art Trophäe von ihren Opfern.

L: Tat ich nie.

C: Nein, nein. Sie haben Ihre gegessen.

L: Schicken Sie mir das jetzt rein.

Lecter blättert Fragebogen durch.

Ach, Agentin Starling,

denken Sie etwa Sie könnten mich mit diesen plumpen Mitteln analysieren?

C: Nein, aber ich habe gedacht bei Ihren Kenntnissen...

L: Sie sind von Ehrgeiz geradezu zerfressen, nicht? Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen mit

Ihrem hübschen Täschchen und Ihren billigen Schuhen? Wie ein richtiger Bauerntrampel,

ein von oben bis unten gut abgeschrubbter, emsig bemühter Bauerntrampel mit ein

bisschen Geschmack. Die gute Ernährung ist für Ihren Körperbau erfolgreich gewesen,

aber Sie sind erst eine Generation vom schlimmsten weißen Abschaum entfernt, nicht

wahr, Agentin Starling? Und Sie können anstellen was Sie wollen, Ihre gewöhnliche

Herkunft dringt bei Ihnen aus sämtlichen Poren. Was macht Ihr Vater? Ist er Bergarbeiter?

Stinkt er nach Ruß, wenn er nach Hause kommt? Ich weiß, wie rasch die Jungs zu Ihnen

gefunden haben. Immer wieder all diese öden, schmuddeligen Fummeleien auf den

Rücksitzen irgendwelcher Autos, während Sie nur davon geträumt haben, all dem zu

entkommen, irgendwohin abzuhauen, den ganzen Weg bis zum FBI.

C: Sie sehen eine Menge. Aber sind Sie auch stark genug, um diese enorme

Beobachtungsgabe bei sich selbst anzuwenden? Wie steht′s damit? Wieso betrachten Sie

sich nicht selbst und schreiben auf, was Sie erkennen? Vielleicht fürchten Sie sich vor

sich?

Lecter gibt Clarice mit einem lauten Knall den Fragebogen zurück.

L: Einer dieser Meinungsforscher wollte mich testen. Ich genoss seine Leber mit ein paar

Faver Bohnen, dazu einen ausgezeichneten Chianti.

Lecter fletscht die Zähne.

Jetzt wieder marsch zurück auf die Schulbank, kleine Starling! Flieg, flieg, flieg! Flieg,

flieg, flieg! Flieg, flieg, flieg!

Clarice steht auf und ist im Begriff den Hochsicherheitstrakt zu verlassen. Sie geht an

21


Miggs (M) Zelle vorbei, der sich auf seinem Bett liegend befriedigt und zu ihr spricht.

M:

Ich hab mir ins Handgelenk gebissen, damit ich sterben kann. Ah, siehst du das

Blut?

Miggs bewirft Clarice mit seinem Sperma.

M:

Hab ich dich!

Die anderen Inhaftierten werden laut und beschimpfen Miggs.

L: Kommen Sie zurück, Agentin Starling, Agentin Starling! Das wollte ich nicht, dass

Ihnen so etwas passiert. Taktlosigkeiten sind für mich verabscheuenswürdig.

C: Machen Sie den Test für mich!

L: Nein, aber ich werde Sie glücklich machen. Ich verhelfe Ihnen zu dem, was Sie sich am

meisten wünschen.

C: Was ist das Doktor?

L: Karriere. Hören Sie mir aufmerksam zu! Sie müssen tief in Ihr innerstes Selbst schauen.

Gehen Sie und spüren Sie Miss Morvet auf, eine alte Patientin von mir, Morvet!

Ich glaube nicht, dass Miggs das so schnell noch einmal zu Stande bringt, wenn er auch

verrückt ist. Gehen Sie jetzt!

Unter dem lautem Tumult der übrigen Inhaftierten verlässt Clarice die Anstalt.

Zweites Gespräch: 00:26:08 ­ 00:30:19

Clarice sitzt, vom Regen durchnässt, vor Lecters Zelle auf dem Boden. Dieser sitzt im Dunkel

und ist nicht zu sehen. Neben Clarice steht ein Fernseher, in dem lautlos ein religiöses

Programm läuft.

C: Sedrine Morvet. Das ist ein Anagramm, Doktor, nicht wahr? Aus den Buchstaben des

Namens Sedrine Morvet kann man den Satz ,,der Rest von mir" bilden. Der Rest von

mir. Heißt das Sie haben diese Garage gemietet?

Mit einem lauten Knall schickt Lecter

Ihr ein Handtuch auf die andere Seite der Zelle.

Danke.

L: Es hat aufgehört zu bluten.

C: Woher wissen...es ist nichts. Bloß ein Kratzer. Doktor Lecter, wessen Kopf ist in dem

Glasbehälter?

L: Warum fragen Sie mich nicht nach Buffalo Bill?

C: Weshalb? Wissen Sie etwas über ihn?

L: Möglich wär′s, wenn ich die Akte kriegen würde. Sie könnten sie mir beschaffen.

C: Warum reden wir nicht über Miss Morphet. Sie wollten, dass ich ihn finde.

L: Sein richtiger Name ist Benjamin Raspail. Ein früherer Patient von mir dessen

22


romantische Neigungen mehr und mehr sagen wir mal ins Exotische abglitten. Ich

versichere Ihnen, ich habe Ihn nicht getötet bloß bei Seite geschafft, als ich Ihn zufällig

gefunden habe. Er hatte nämlich drei Termine versäumt.

C: Aber, wenn Sie es nicht getan hat, wer hat es dann getan?

L: Wer kann das sagen? Es war für Ihn das Beste, wirklich. Die Therapie brachte ihm nichts.

C: Dieses Kleid, das Make-up...Raspail war ein Transvestit?

L: Im täglichen Leben? Oh nein. Eine häufige Spielart des manisch Depressiven. Eine öde

simple Sache. Es ist inzwischen für mich eine Art Experiment. Erste Bemühungen eines

flügge gewordenen Mörders zur Transformation. Was haben Sie bei dem Anblick

empfunden, Clarice?

C: Zuerst war ich erschrocken, dann belustigt.

L: Jack Crawford ist Ihnen bei Ihrer Karriere behilflich, nicht wahr? Kein Zweifel, dass er

Sie mag und Sie auch Ihn mögen.

C: Hab nie drüber nachgedacht.

L: Glauben Sie, dass Jack Crawford Sie haben will, ich meine sexuell? Gewiss er ist viel

älter, aber glauben Sie, dass er sich im Geiste ausmalt, Situationen, Praktiken, wie es

wäre Sie zu ficken?

C: Das interessiert mich nicht, Doktor. Offen gesagt, es, es gleicht dem, was Miggs fragen

würde.

L: Nicht mehr.

Plötzlich geht das Licht an.

Danke, Barney!

C: Was ist mit Ihren Zeichnungen passiert?

L: Bestrafung, verstehen Sie? Für Miggs. So auch das religiöse Programm. So bald Sie weg

sind stellen Sie es wieder auf vollste Lautstärke. Dr. Chilton genießt seine hübschen

Foltermethoden.

C: Was meinten Sie mit Transformation, Doktor?

Lecter steht auf und tritt an die Scheibe seiner Zelle.

L: Ich bin jetzt acht Jahre in diesem Raum hier, Clarice. Ich weiß, dass die mich niemals hier

heraus lassen werden, so lange ich am leben bin. Was ich will ist eine Aussicht. Ich will

ein Fenster, damit ich einen Baum sehe oder vielleicht Wasser. Ich will in eine

Bundesanstalt verlegt werden, weit weg von Doktor Chilton.

C: Flügge gewordener Mörder, was soll das heißen? Heißt das, dass er erneut getötet hat?

L: Ich biete Ihnen ein psychologisches Profil von Buffalo Bill an auf der Grundlage des

Beweismaterials. Ich werde Ihnen helfen, ihn zu schnappen, Clarice.

Clarice steht auf.

C: Sie wissen wer er ist, nicht wahr? Sagen Sie mir wer Ihren Patienten enthauptet hat,

23


Doktor.

L: Sie wissen doch, gut Ding will Weile haben und ich habe lange gewartet, Clarice, aber die

Frage ist, wie lange können Sie und der alte Jack Crawford noch warten? Unser kleiner

Billy wird sich bereits auf der Suche befinden nach der nächsten Dame seines Interesses.

Drittes Gespräch: 00:50:00 ­ 00:55:22

Nach einer Auseinandersetzung mit Dr. Chilton, der mehr Informationen über ihre Gespräche

mit Lecter fordert, steht Clarice mit verschiedenen Akten dicht an Lecters Zelle. Lecter sitzt

neben der Eisenlade.

C: Wenn Sie uns behilflich sind, Buffalo Bill so rechtzeitig zu schnappen, dass Catherine

Martin unversehrt gerettet werden kann, verspricht Ihnen die Senatorin eine Verlegung

in das bestens renommierte Krankenhaus Oneda Park New York mit Blick auf die

umliegenden Wälder. Maximale Sicherheitsvorkehrungen gelten selbstverständlich weiter.

Sie hätten dort angemessenen Zugang zu Büchern. Das Beste allerdings ist, einmal pro

Jahr, eine Woche ist es Ihnen erlaubt das Krankenhaus zu verlassen. Dann können Sie hier

her gehen, nach Plum Island. Jeden Tag dieser Woche können Sie spazieren gehen am

Strand, dürfen im Meer herumschwimmen bis zu einer Stunde, natürlich unter

Überwachung eines Sondereinsatzkommandos.

Clarice überreicht Lecter die Akten.

Und hier haben Sie alles. Eine Kopie der Buffalo Bill Ermittlungsakten, von Senatorin

Martins Angebot. Dieses Angebot ist unwiderruflich. Wenn Catherine Martin stirbt

bekommen Sie gar nichts.

Clarice legt die Akten in die Eisenlade und schiebt sie zu

Lecter. Er nimmt die Akten und sieht sie durch.

L: Plum Island Forschungszentrum für Tierkrankheiten.

Lecter schmeißt die Akten wieder in

die Eisenlade zurück.

Klingt viel versprechend.

C: Das ist bloß ein Teil der Insel. Dort gibt es einen wunderbaren Strand,

Seeschwalbennester und ein bildschöner...

L: Seeschwalben, mh...Wenn ich Ihnen helfen soll bestehe ich auf einer Gegenleistung von

Ihnen, quid pro quo. Ich erzähle Ihnen etwas, Sie erzählen mir etwas. Aber nicht über

diesen Fall, über sich selbst. Quid pro quo. Ja oder nein?

Lecter wendet sich von ihr ab.

Ja

oder nein, Clarice? Die arme kleine Catherine, die wartet.

C: Fragen Sie, Doktor!

L: Was war Ihr schlimmstes Erlebnis während Ihrer Kindheit?

C: Der Tod meines Vaters.

L: Erzählen Sie mir davon! Aber lügen Sie nicht, ich würde es merken.

24


C: Er war Polizeibeamter und eines nachts, da überraschte er zwei Einbrecher, die grad aus

einem Supermarkt verschwinden wollten. Sie schossen.

L: War er auf der Stelle tot?

C: Nein, er war sehr stark, er hat noch einen Monat überlebt. Meine Mutter war schon

gestorben als ich ganz klein war. Deshalb wurde mein Vater zur ganzen Welt für mich

und als er mich verließ blieb mir gar nichts. Ich war zehn Jahre alt.

L: Wie offen Sie sprechen, Clarice. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch schön wäre mit

Ihnen privat zusammen zu kommen.

Er wendet sich ihr wieder zu.

C: Quid pro quo, Doktor.

L: Erzählen Sie mir von Miss West Virginia! War Sie ein großes Mädchen?

C: Ja.

L: Mit ausladenden Hüften?

C: Alle waren so.

L: Was sonst?

C: Ihr ist vorsätzlich etwas in die Kehle eingeführt worden. Aber das ist bisher nicht

veröffentlicht worden. Wir wissen nicht, was das bedeutet.

L: War es ein Schmetterling?

C: Ja. Ein Schwärmer. Und genau der gleiche, wie wir ihn vor einer Stunde in Benjamin

Raspeils Kopf vorgefunden wurde. Wieso platziert er so etwas dort, Doktor?

L: Die große Bedeutung des Schmetterlings liegt in der Metamorphose. Die Larve bzw.

Raupe wird zur Puppe, die sich nunmehr in Schönheit verwandelt. Unser Billy will sich

auch verwandeln.

C: Es ist kein Zusammenhang in der Literatur zwischen Transsexualismus und Gewalt zu

finden. Transsexuelle sind betont passiv.

L: Kluges Mädchen. Sie sind ganz nah an der Möglichkeit wie Sie ihn fangen können. Ist

Ihnen das klar?

Lecter sieht Clarice nicht an.

C: Nein, inwiefern?

L: Sie waren nach der Ermordung Ihres Vaters verwaist. Was passierte danach? Ich kann mir

nicht vorstellen, dass die Antwort darauf Ihre zweitklassigen Schuhe geben, Clarice.

C: Ich wurde von der Cousine meiner Mutter und ihrem Mann aufgenommen. In Montana

hatten sie eine Ranch.

L: War es eine Rinder-Ranch?

C: Schafe und Pferde.

L: Wie lange lebten Sie dort?

25


C: Zwei Monate.

L: Weshalb bloß so kurz?

C: Ich lief davon.

L: Wieso, Clarice? Hat der Rancher Sie vielleicht zu Fellatio gezwungen oder zur Sodomie?

C: Nein. Er war ein sehr anständiger Mann. Quid pro quo, Doktor!

L: Billy ist kein richtiger Transsexueller, aber er glaubt es und versucht einer zu sein,

verstehen Sie? Er hat versucht alles Mögliche zu sein.

C: Sie haben gesagt ich wäre nah an der Möglichkeit Ihn schnappen zu können. Wie haben

Sie das gemeint, Doktor?

L: Es gibt drei Hauptzentren für Geschlechtsumwandlungen: Johns Hopkins, die

Universitätsklinik in Minnesota und das Columbus Hospital. Ich wäre nicht überrascht,

wenn Billy in einem oder in allen drei Fällen um eine Geschlechtsumwandlung ersucht

hätte, aber abgelehnt worden wäre.

C: Mit welcher Begründung dürften die ihn ablehnen?

L: Suchen Sie nach schweren Verhaltensstörungen in der Kindheit, in Verbindung mit

Gewalt. Unser Billy ist nicht als Verbrecher geboren worden, Clarice.

Man sieht ab hier

nur noch Dr. Chilton, der das Gespräch abhört und aufzeichnet.

Er wurde durch

jahrelange systematische Misshandlung dazu gemacht. Billy hasst die eigene Identität.

Verstehen Sie? Und er denkt das mache ihn zu einem Transsexuellen. Aber seine

pathologische Veranlagung ist tausendmal grausamer und erschreckender.

Viertes Gespräch: 01:04:02 ­ 01:10:44

Clarice besucht Lecter in Memphis, obwohl sie keine Befugnis dazu hat. Lecter sitzt in

seinem Käfig und liest, Clarice den Rücken zugewandt.

L: Guten Abend, Clarice.

C: Ich dachte, Sie möchten vielleicht gerne Ihre Zeichnungen wieder haben.

Clarice legt die

Zeichnungen auf den Boden des Käfigs.

Jedenfalls bis Sie Ihre Aussicht bekommen.

L: Wie überaus aufmerksam! Oder hat Jack Crawford Sie zu einem letzten heuchlerischen

Überredungsversuch hergeschickt, bevor man Ihnen beiden den Fall wegreißt?

C: Nein, ich kam aus freien Stücken.

Lecter dreht sich um.

L: Man wird noch sagen wir seien verliebt. Eine Milzbrand-Insel. Mich mal eben dorthin

schicken zu wollen ist ein hübscher Schachzug. Ihrer?

C: Ja.

26


L: Ja, das war gut. Pech aber mit der armen Catherine. Wirklich. Tick, tack, tick, tack, tick,

tack, tick, tack.

C: Ihre Anagramme klären sich, Doktor. Ned Fisiuels? Eisen Sulfid, auch bekannt als...als

Katzengold.

L: Oh, Clarice. Ihr Problem ist, dass Sie aus Ihrem Leben nicht mehr Spaß herausholen.

C: In Baltimore haben Sie mich mit der Wahrheit konfrontiert. Machen Sie da weiter, Sir!

L: Ich habe die Ermittlungsakte gelesen. Sie auch? Was Sie brauchen, um ihn zu finden,

steht alles dort auf diesen Seiten.

C: Dann sagen Sie mir wie!

L: Oberste Prinzipien, Clarice. Simplifikationen. Lesen Sie bei Marc Aurel nach! Bei jedem

einzelnen Ding die Frage was ist es in sich selbst. Was ist seine Natur? Was tut er, dieser

Mann, den Sie suchen?

C: Er tötet Frauen.

L: Nein, das ist nebensächlich. Was ist das Vordringliche bei all seinem Tun? Die Frage ist

welche Bedürfnisse er durch Töten befriedigt.

C: Abreaktion der Wut. Versuch gesellschaftlicher Anerkennung und Überwindung sexueller

Frustration.

L: Nein, er begehrt. Das ist seine Natur. Und wie beginnen wir zu begehren, Clarice? Suchen

wir uns Dinge zum Begehren aus? Strengen Sie sich mit allen Kräften an jetzt eine

Antwort darauf zu finden!

C: Nein, wir können...

Clarice geht aufgeregt vor dem Käfig hin und her während Lecter sie

durchdringend anblickt.

L: Nein, wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen. Spüren Sie nicht Blicke

über Ihren Körper wandern, Clarice? Und gleiten Ihre Augen nicht auch manchmal über

Dinge, die Sie sich wünschen?

C: Na schön, ja. Jetzt bitte sagen Sie mir, wie...

L: Nein, jetzt sind Sie dran mir etwas zu sagen. Sie können mir keine Badeferien mehr

andrehen. Warum hatten Sie die Ranch verlassen?

C: Doktor, wir haben jetzt keine Zeit mehr für derartige Spielchen.

L: Wir haben eine unterschiedliche Zeitvorstellungen, nicht? Jetzt bleibt Ihnen alle Zeit der

Welt, die Sie haben.

C: Später, bitte, hören Sie auf mich...wir haben wirklich nicht mehr viel Zeit.

L: Nein, ich werde zuhören. Jetzt gleich. Nach der Ermordung Ihres Vaters wurden Sie zur

Waise. Sie waren zehn Jahre alt. Sie lebten dann bei Verwandten auf einer Schaf- und

27


Pferde-Ranch in Montana. Und?

C: Und eines morgens bin ich einfach ausgerissen.

L: Nicht einfach, Clarice. Was hat Sie fort getrieben? Wann genau brachen Sie auf?

C: Früh, es war noch dunkel.

L: Irgendetwas hat Sie aufgeweckt. War es ein Traum? Was war es?

C: Ich hörte ein seltsames Geräusch.

L: Was war es?

C: Es war...ein Schreien war′s. Es war ein Schreien wie von einer Kinderstimme.

L: Was taten Sie?

C: Ich lief nach unten, nach draußen. Ich schlich mich in den Viehstall. Ich war voller Angst,

wollte nicht hinsehen, aber ich musste hinsehen.

L: Und was, Clarice, erblickten Sie? Was, Clarice?

C: Lämmer! Die Lämmer haben geschrieen.

L: Die wurden geschlachtet, die Frühlingslämmer?

C: Die Lämmer haben geschrieen.

L: Und Sie liefen fort?

C: Nein! Zuerst versuchte ich Sie zu befreien, ich...ich öffnete das Tor zu ihrem Gehege, aber

sie wollten nicht weglaufen, sie standen nur da, ganz verwirrt, sie wollten nicht

wegrennen.

L: Aber Sie konnten wegrennen und taten es auch, nicht?

C: Ja, ich nahm ein Lamm mit und rannte davon, so schnell ich konnte.

L: Wohin wollten Sie, Clarice?

C: Ich weiß es nicht. Ich hatte nichts dabei, nichts zum Essen, nichts zum Trinken und es war

bitter kalt...bitter kalt. Ich dachte: könnte ich doch wenigstens eines der Lämmer retten,

aber es war so schwer...es war so schwer. Nur einige Kilometer kam ich weiter, dann

griff mich der Sheriff auf. Der Rancher war außer sich vor Zorn, deshalb schickte er mich

ins Waisenhaus nach Boseville. Ich war nie wieder auf der Ranch.

L: Was wurde aus Ihrem Lamm, Clarice?

C: Er tötete es.

L: Sie wachen immer noch manchmal auf, nicht wahr? Wachen auf im Dunklen und hören

die Lämmer schreien.

C: Ja.

L: Und Sie glauben, wenn Sie die arme Catherine retten, dann würde all das aufhören? Sie

glauben wenn Catherine lebt würden Sie nie wieder im Dunklen aufwachen durch dieses

28


grauenhafte Schreien der Lämmer?

C: Ich weiß es nicht...ich weiß es nicht.

L: Danke, Clarice, danke.

C: Sagen Sie mir seinen Namen, Doktor.

Lecter schnüffelt, man hört, dass jemand kommt.

L: Doktor Chilton, nehme ich an. Ich glaube Sie kennen einander.

Dr. Chilton (CH) betritt

zusammen mit drei bewaffneten Polizisten den Raum, unter ihnen Lt. Boyle (B).

CH:

Oh, wie schön. Gehen wir?

C: Sie sind am Zug, Doktor

CH:

Raus hier!

C: Sagen Sie mir seinen Namen!

B:

Tut mir leid, aber ich habe Befehl, Sie in ein Flugzeug zu setzten. Kommen Sie

schon!

Die Polizisten versuchen mit Gewalt die sich wehrende Clarice abzuführen. Lecter folgt

ihnen an den Gitterstäben entlang.

L: Tapfere Clarice. Sie werden mich wissen lassen, sobald die Lämmer schweigen.

C: Sagen Sie mir seinen Namen!

L: Clarice, Ihre Ermittlungsakte.

Clarice reißt sich los, rennt zurück und nimmt sich Ihre

Akte.

Leben Sie wohl, Clarice.

Für einen Moment berühren sich Clarices und Lecters

Finger.

Fünftes Gespräch: 01:47:23 ­ 01:48:12

Lecter ruft Clarice nach ihrer Beförderung zur FBI-Agentin von einer Bar auf den Bahamas

aus an.

C: Starling.

L: Nun, Clarice! Haben die Lämmer aufgehört zu schreien?

C: Doktor Lecter.

L: Wär zwecklos den Anruf zurück zu verfolgen, ich bleib nicht lang genug dran.

C: Wo sind Sie, Doktor Lecter.

Clarice schaut sich um.

L: Ich habe keine Pläne Sie aufzusuchen, Clarice. Die Welt ist interessanter mit Ihnen darin.

Sie sollten acht geben, mir die gleiche Gefälligkeit zu erweisen.

C: Sie wissen, ich kann Ihnen das nicht versprechen.

Lecter sieht zu, wie Dr. Chilton aus einem Flugzeug aussteigt.

L: Zu gerne würde ich mit Ihnen noch plaudern, aber ich habe ein Festessen mit einem alten

29


Freund. Auf Wiedersehen!

Lecter legt auf und folgt unauffällig Dr. Chilton.

C: Doktor Lecter? Doktor Lecter? Doktor Lecter? Doktor Lecter?

30



Kommentare

Bisher keine Kommentare

Kommentar hinzufügen
Ihr Kommentar wird redaktionell geprüft und dann freigeschaltet

Andere Nutzer haben sich auch für folgende Titel interessiert:


Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

http://www.grin.com/e-book/111822/das-schweigen-der-laemmer-das-verhaeltnis-zwischen-hannibal-lecter-und
please wait Bitte warten