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Termpaper, 2008, 25 Pages
Author: Michael Gsell
Subject: Communications: Movies and Television
Details
Tags: Hypostasierte, David, Lynch
Year: 2008
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 11 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-10751-3
File size: 379 KB
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Excerpt (computer-generated)
Wintersemester 2007/2008
Seminar: Lynch
Modul: Mediengeschichte (MEDM01)
Verfasser: Michael Gsell, 1327021
Abgabetermin: 15. März 2008
Titel:
Hypostasierte (T)räume idealisierende Überschreibungen bei David Lynch
Inhalt
1. Träume, Filme und das Kino ________________________________ 3
2. Hypostasen, Räume und die aktive Imagination _________________ 5
2.1. Interne Fokalisierung durch Ferrettis hypostasierten Raum _____ 5
2.1.1. Aktive Imagination _________________________________ 5
2.1.2. Die beiden Räume des Films _________________________ 6
2.1.3. Von idealisierenden Überschreibungen _________________ 7
2.2. Diane und die Verschwörungstheorie in Mulholland Drive ______ 8
3. Weitere Filmbeispiele_____________________________________ 11
4. Die hypostasierte Bühne Medienreflexion und das alte Hollywood 15
5. Idealisierung als Prinzip Americana ________________________ 17
6. Ideal oder Ironie? ________________________________________ 17
7. Filminformationen und Einstellungsprotokolle der Übergänge in
den/aus dem hypostasierten Raum ____________________________ 18
7.1. Mulholland Drive (2001, 145 Min.) _______________________ 18
7.2. Eraserhead (1977, 89 Min.)_____________________________ 19
7.3. Lost Highway (1997, 135 Min.) __________________________ 20
8. Quellenverzeichnis_______________________________________ 23
1. Träume, Filme und das Kino
Der Mensch träumt. Denn Träume sind eine grundlegende Voraussetzung für
das menschliche Überleben. 1 Mit Ihnen werden die wichtigen Ereignisse des
Tages mental verarbeitet und nicht zuletzt dient der mit den Träumen
verbundene Schlafzustand der Regeneration von Körper und Geist.
Im Gegensatz dazu erfüllen Filme sicherlich keinerlei lebensnotwendige
Aufgaben. Sie dienen vielmehr dem menschlichen Bedürfnis nach Unterhaltung
und erschaffen zu diesem Zweck neue Welten, die in ihrer Beschaffenheit
jedoch den menschlichen Träumen recht ähnlich sein können.
Die Filme David Lynchs werden häufig mit Traumerfahrungen verglichen. So
schreibt beispielsweise Anne Jerslev über Lynchs ersten Spielfilm
Eraserhead
:
,,
Eraserhead
erinnert an einen Traum, ohne daß jemals geklärt wird, wer ihn
träumt."2
Diesbezüglich ist weiterhin zu beachten, dass nicht nur ein Film an sich,
sondern auch dessen kinematographische Präsentationsform ihren Teil zu
dieser traumhaften Wirkung beiträgt. Dazu komme ich nun im Folgenden.
1.1. Das Subjekt und der Kinosaal
Betrachtet man allein die Situation des Zuschauers im Kinosaal, so sind doch
gewisse Parallelen zum Zustand eines Träumenden erkennbar. In beiden Fällen
befindet sich der Körper des Subjekts beispielsweise an einem abgedunkelten
Ort an dem sich sogleich eine Neuordnung der Elemente der bekannten Welt
vollzieht. Auf diese Ordnung hat das Subjekt jedoch weder im Kino noch im
Traum eine Möglichkeit der aktiven (=bewussten) Einflussnahme. Demzufolge
kann es die sich darbietenden Eindrücke in beiden Fällen nur aus einer passiven
Position beobachten. Der Träumende ist hierbei sicherlich direkter ins
,,Geschehen" eingebettet als der Kinobesucher. Doch auch dieser kann sich mit
den Charakteren im Film identifizieren und sich selbst dadurch direkt in die
Handlung auf der Leinwand projizieren. Dabei ist es dem Zuschauer möglich
,,gegenwärtig zu sein, ohne der sein zu müssen, für den [er sich hält]" 3 .
Weiterhin bezeichnet Michael Kötz das
,,Kino als [...] Gelegenheit eines Kollektivtraums vom intensiven Realen, wo die
Leinwand nur die Funktion einer Maske, eines durchlässigen Schirms hat, den
Beteiligten Schutz zu geben vor dem, was sie doch zugleich fürchten wie
1 Vgl. Lenk (1983, S. 84ff.)
2 Jerslev (2006, S. 69)
3 Kötz (1986, S. 70)
begehren und weswegen sie eigentlich ins Kino gehen: vor einer anderen
Wirklichkeitserfahrung einer anderen Wirklichkeit, die es beide gibt."4
Das Subjekt erlebt demzufolge im Traum wie im Kino einen alternativen
Realitätseindruck, der sich vom alltäglichen deutlich unterscheidet.
1.2. Der Raum des Traums
Nun soll kurz skizziert werden, wie sich die Ähnlichkeit des Films zum Traum
bei Lynch manifestiert. Maurice Lahde unterscheidet hierbei folgende Aspekte: 5
Zum einen sind die Handlungsorte räumlich wie zeitlich nicht genau
einzuordnen und erleben stetig zusätzliche Veränderungen. Die Personen
erscheinen dort physikalisch instabil und sind nicht selten in ihrer
Körperlichkeit deformiert.
Zum anderen wirkt die Erzählstruktur oftmals brüchig und unlogisch. Diese
Wirkung
entsteht
auch
aufgrund
der
zahlreich
begonnenen
Nebenhandlungsstränge, die später nicht mehr fortgesponnen werden.6
Weiterhin besitzen die Charaktere kaum Reflexionsvermögen und sind dadurch
in ihrer Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt. Sie hegen keinerlei Zweifel an
der bezweiflungswürdigen Beschaffenheit ihrer Umwelt und sind äußeren
Einflüssen meist hilflos ausgeliefert.
Lahde beweist in seinen Ausführungen die Traumähnlichkeit von Lynchs
Filmen. Dabei wird jeweils der ganze Film als Traumsequenz betrachtet. Später
möchte ich jedoch zeigen, dass nur Teile der einzelnen Filme als solche
traumhaften Episoden gesehen werden können, die in eine Rahmenhandlung
auf anderer Ebene eingebettet sind.
4 Kötz (1986, S. 132)
5 Vgl. Lahde (1998, S. 106f.)
6 Vgl. Lahde (1998, S. 102)
2. Hypostasen, Räume und die aktive Imagination
Ähnlich zum Traum verhält es sich mit einer anderen Form des Raumes im
Film. Victor Ferretti führt hierzu den Terminus des ,,hypostasierten
Raumes" ein. Dabei greift er auf Kants Definition der Hypostase zurück.
Nachfolgend soll nun die Beschaffenheit dieses Raumes untersucht werden, den
Ferretti in seinem Aufsatz mithilfe des Films
Mulholland Drive
exemplifiziert.
2.1. Interne Fokalisierung durch Ferrettis hypostasierten
Raum
Als problematisch erweist sich bei der Betrachtung von Lynchs Werken oftmals,
dass ,,eine deutliche Trennung des objektiven und des subjektiven Raums in
den Filmen zunächst nicht möglich"7 ist. Dieser subjektive Raum wird bei Orth
durch das ursprünglich literaturwissenschatliche Konzept der internen
Fokalisierung beschrieben. 8 Die Unterscheidung zum objektiven Raum der
externen Fokalisierung erweist sich dabei als schwierig, weil die filmische
Gestaltung beider Räume sich nicht voneinander unterscheiden lässt. Auch die
Übergänge sind nicht gleich ersichtlich, woraus auch die Verwirrung und
Orientierungslosigkeit des Rezipienten resultieren.9
Mithilfe der Einführung des bereits erwähnten hypostasierten Raums lässt sich
jedoch Licht ins Dunkel der Unterscheidungsfindung bringen.
2.1.1. Aktive Imagination
Zunächst möchte ich hier darauf eingehen, wodurch Ferrettis hypostasierter
Raum sich manifestiert. So basiert dieser Raum auf den Prinzipien der aktiven
Imagination, die von Carl Gustav Jung eingeführt wurde.10 Ammann beschreibt
sie als eine ,,aktive Hervorrufung innerer Bilder"11. Den Ausgangspunkt bildet
dabei meist eine vorhergehende Traumsituation, die unbefriedigend oder
unvollständig geblieben ist.12 An diesem Bild hält der Imaginierende fest, bis es
sich spontan assoziativ weiterentwickelt und er schließlich aktiv in die
Handlung eingreifen kann.13 Ammann konstatiert: ,,Es handelt sich bei diesem
7 Orth (2005, S. 42)
8 Vgl. Orth (2005, S. 42ff.)
9 Vgl Orth (2005, S. 44)
10 Vgl. Ferretti (2004, S. 273)
11 Ammann (1978, S. 9)
12 Vgl. Ammann (1978, S. 10)
13 Vgl. Ammann (1978, S. 10)
Prozedere um eine Art Nachdichtungen im Sinne des Traumes."14 Dabei muss
das bewusste Ich des Imaginierenden ,,mit dem Unbewußten in Beziehung
treten, ohne sich von ihm überwältigen zu lassen"15. Den Vorteil der aktiven
Imagination gegenüber dem Traum fasst Ammann folgendermaßen zusammen:
,,Im Unterschied zum Traum zeichnet sich die aktive Imagination durch eine
bessere Form aus: Sie ist weniger sprunghaft, einheitlicher, konsequenter,
konzentrierter, oft auch dramatischer. Die Phantasien aus dem Unbewußten
werden eben von einem wachen, nicht von einem träumenden Bewußtsein
aufgenommen."16
2.1.2. Die beiden Räume des Films
Kommen wir nun zurück zu Ferretti. In
Mulholland Drive
unterscheidet er zwei
verschiedene Räume voneinander, in denen die Handlung sich abspielt.
Zunächst erkennt er den ,,traditionellen Bildraum, den man als Fiktion des
Films bezeichnen kann"17. Dieser beinhaltet Personen, Objekte und Orte, die in
der fiktionalen Realität des Films existieren und deren Handlungen abgefilmt
werden. Eingebettet in diesem Raum liegt jedoch noch ein zweiter, ,,rein
virtueller Raum, der seine Aktualisierung in der [aktiven] Imagination einer
fiktionalen Figur [...] erfährt"18: Der hypostasierte Raum. Er verwendet dabei
den Begriff der Hypostase, den Kant in seiner
Kritik der reinen Vernunft
definiert
hat. Ferretti hält fest: ,,Die Hypostase ist [...] als Medium intelligibel, das
Abstrakta wie Gedanken und Triebe fassbar werden lässt." 19 Trotz dieser
Fassbarkeit bleibt die Hypostase jedoch eine illusionäre Kopfkamera, die eine
imaginäre Scheinwelt verfilmt, die niemals Materialität annehmen kann.20 Es
handelt sich also um
,,ein[en] Raum, der in scheinbarer Autonomie existiert, der dennoch als
außersubjektive Welt scheitert, gerade deswegen, weil er sich ihrer Personen
14 Ammann (1978, S. 11)
15 Ammann (1978, S. 19)
16 Ammann (1978, S. 13); an anderer Stelle (S. 26) erwähnt Ammann noch kurz die Ähnlichkeit
der aktiven Imagination zu buddhistischen Meditationspraktiken. Da Lynch selbst als Anhänger
transzendentaler Meditationstechniken gilt, scheint die in dieser Arbeit präsentierte Lesart der
beispielhaften Filme ganz im Sinne des Regisseurs zu sein.
17 Ferretti (2004, S. 271); dieser Raum entspricht bei Orth der externen Fokalisierung (Vgl. Orth,
2004, S. 42ff.)
18 Ferretti (2004, S. 272)
19 Ferretti (2004, S. 272)
20 Vgl. Ferretti (2004, S. 272ff.)
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