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Kulturwissenschaft als Zeichen der Moderne

Subtitle: Sammelrezension

Literature Review, 2008, 17 Pages
Authors: Dr. Stefan Schweizer, M.A. Pia-Johanna Schweizer
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Literature Review
Year: 2008
Pages: 17
Language: German
Archive No.: V112356
ISBN (E-book): 978-3-640-10441-3
ISBN (Book): 978-3-640-10530-4
File size: 226 KB

Abstract

Man kommt angesichts der hohen Anzahl neuer Publikationen nicht umhin, den kulturwissenschaftlichen Diskurs kritisch nach innovativen Einsichten zu befragen. Dabei ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass die meisten Publikationen nicht eben selten bekannte Standpunkte festigen möchten. Die kulturwissenschaftliche Debatte zeichnet sich zudem durch Unübersichtlichkeit aus. Folglich besteht Systematisierungs- und Klassifizierungsbedarf, welcher Orientierung in Form von Grundlagenreflexion ermöglicht. Für dieses Desiderat scheint die Form eines Handbuchs prädestiniert. Das voluminöse „Handbuch der Kulturwissenschaften“ von Friedrich Jaeger et. al. verschafft mehr als einen leitenden Überblick im Bereich der Kulturwissenschaften. Einige Artikel setzen Kennerwissen des kulturwissenschaftlichen Diskurses voraus und erreichen eine Detailkenntnis und -tiefe, welche ansonsten spezialisierten Diskursen in einschlägigen Fachzeitschriften vorbehalten ist. Das Handbuch stammt aus dem Hause Metzler, welches sich zunehmend verkaufs- und auflagenorientierten Bücher zuwendet, wie z.B. Lexika und Handbücher. Das Gros der in den drei Handbüchern vertretenen Autoren orientiert sich, soweit sie sozialwissenschaftlich einzuordnen sind, am empirisch-analytischen Wissenschaftsverständnis. Mit der Ausrichtung am empirisch-analytischen Wissenschaftstheorie einher geht generell eine Überschätzung der Reichweite des methodologischen Individualismus inklusive seiner mikroanalytisch fundierten Handlungstheorie(n). Dasselbe gilt für das Korrelat in den Geschichtswissenschaften: Die Autoren argumentieren für einen Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft, was mit den Stichworten Geschichte als narrativer und ggf. fiktionaler Text, oral history etc. umschrieben werden kann. So verwundert es nicht, dass der prominente Mannheimer Soziologe Hartmut Esser mit seiner Werterwartungstheorie aufwarten darf. Eigentlich wohnt Essers eklektischem Theorienmix wenig Eigenleistung inne. Insbesondere vom amerikanischen Soziologen James Coleman hat Esser viele Theoriebausteine übernommen, nicht zuletzt die sogenannte essersche Badewanne. Allerdings finden - und dies ist als Pluspunkt zu verzeichnen - auch konstruktivistisch-systemtheoretische Varianten à la Luhmann und Schmidt Berücksichtigung, wenngleich geringfügiger.


Excerpt (computer-generated)

Kulturwissenschaft als Zeichen der Moderne

Friedrich Jaeger/Burkhard Liebsch (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Band

1. Grundlagen und Schüsselbegriffe. Stuttgart 2004, 558 S., gb., 59.95 ; Friedrich

Jaeger/Jürgen Straub (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Band 2.

Paradigmen und Disziplinen. Stuttgart 2004, 694 S., gb., 59.95 ; Friedrich

Jaeger/Jörn Rüsen, Handbuch der Kulturwissenschaften. Band 3. Themen und

Tendenzen. Stuttgart 2004, 551 S., gb., 59.95 .

Man kommt angesichts der hohen Anzahl neuer Publikationen nicht umhin, den

kulturwissenschaftlichen Diskurs kritisch nach innovativen Einsichten zu befragen.

Dabei ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass die meisten

Publikationen nicht eben selten bekannte Standpunkte festigen möchten. Die

kulturwissenschaftliche Debatte zeichnet sich zudem durch Unübersichtlichkeit aus.

Folglich besteht Systematisierungs- und Klassifizierungsbedarf, welcher

Orientierung in Form von Grundlagenreflexion ermöglicht. Für dieses Desiderat

scheint die Form eines Handbuchs prädestiniert. Das voluminöse ,,Handbuch der

Kulturwissenschaften" von Friedrich Jaeger et. al. verschafft mehr als einen

leitenden Überblick im Bereich der Kulturwissenschaften. Einige Artikel setzen

Kennerwissen des kulturwissenschaftlichen Diskurses voraus und erreichen eine

Detailkenntnis und -tiefe, welche ansonsten spezialisierten Diskursen in

einschlägigen Fachzeitschriften vorbehalten ist. Das Handbuch stammt aus dem

Hause Metzler, welches sich zunehmend verkaufs- und auflagenorientierten Bücher

zuwendet, wie z.B. Lexika und Handbücher.

Das Gros der in den drei Handbüchern vertretenen Autoren orientiert sich, soweit sie

sozialwissenschaftlich einzuordnen sind, am empirisch-analytischen

Wissenschaftsverständnis. Mit der Ausrichtung am empirisch-analytischen

Wissenschaftstheorie einher geht generell eine Überschätzung der Reichweite des

methodologischen Individualismus inklusive seiner mikroanalytisch fundierten

Handlungstheorie(n). Dasselbe gilt für das Korrelat in den

1


Geschichtswissenschaften: Die Autoren argumentieren für einen

Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft, was mit den Stichworten

Geschichte als narrativer und ggf. fiktionaler Text, oral history etc. umschrieben

werden kann. So verwundert es nicht, dass der prominente Mannheimer Soziologe

Hartmut Esser mit seiner Werterwartungstheorie aufwarten darf. Eigentlich wohnt

Essers eklektischem Theorienmix wenig Eigenleistung inne. Insbesondere vom

amerikanischen Soziologen James Coleman hat Esser viele Theoriebausteine

übernommen, nicht zuletzt die sogenannte essersche Badewanne. Allerdings finden -

und dies ist als Pluspunkt zu verzeichnen - auch konstruktivistisch-

systemtheoretische Varianten à la Luhmann und Schmidt Berücksichtigung,

wenngleich geringfügiger. Eine Konzeptionierungsschwäche des Handbuchs kann

man darin sehen, dass eine Unterscheidung zwischen dem genuin geistes- und

sozialwissenschaftlich ausgerichteten Begründungszusammenhang so gut wie nicht

vorgenommen wird. Der Versuch einer Nivellierung von Sozial- und

Geisteswissenschaften unter dem Dach der Kulturwissenschaft ist keinesfalls

apriorisch zu verwerfen, zumal so ein ernst zu nehmendes Gegengewicht zu den

Naturwissenschaften, nicht zuletzt bezüglich ressourconaler Verteilungskämpfe,

aufgebaut werden kann.

Nicht unproblematisch ist die Gliederung des Handbuchs und die damit

zusammenhängende Redundanz der Artikel. So finden sich v.a. zwischen Band 1

und 2 Überschneidungen.

Das Vorwort (S. VII-VIII, Bd. 1) ist in den drei Bänden des Handbuchs identisch

und mit zwei Seiten nicht allzu umfangreich. Diese zwei Seiten sind relativ

nichtssagend. Damit verspielen die Herausgeber die Chance, Klärungsarbeit zu

leisten und aussagekräftige Standpunkte zu beziehen. Jaeger, Liebsch, Rüsen und

Straub plädieren für die Überschreitung des traditionellen Methodenkanons bei

gleichzeitiger Wahrung der institutionellen Disziplinarität. Damit verbunden wird

die Forderung nach einer stärkeren Vernetztheit bisher vorhandener trans- und

interdisziplinärer Fragestellungen unter kulturwissenschaftlichen Vorzeichen. Diese

wissenschaftspolitische Forderung steht diametral zur Argumentation von Böhme et.

al., welche offen für die Errichtung einer eigenständigen Disziplin

2


Kulturwissenschaften eintreten. Damit beziehen die Autoren eindeutig bei einer der

wesentlichen Fragen der kulturwissenschaftlichen Debatte Stellung. Es versteht sich

jedoch, dass die Diskussion um die Kulturwissenschaften mit dieser Frage nicht

einmal ansatzweise angestoßen ist. Eingängig, aber banal ist der Verweis auf die

Differenzen französischer, anglo-amerikanischer und deutscher

kulturwissenschaftlicher Konzepte. Eine solche Aussage birgt keinen besonderen

Erkenntnisgewinn. Vielmehr wäre ein methodischer Hinweis angebracht, dass sich

der Forscher nicht dogmatisch einer kulturwissenschaftlichen Richtung anschließen

solle, sondern die im Begründungszusammenhang (!) erfolgende Selektion der

Theorie vom Forschungszuschnitt und von der Aufgabenstellung abhängt. M.E. ist

sogar innerhalb einer jeweiligen national-kulturwissenschaftlichen Strömung ein

hohes Maß an Theorien- und Methodenheterogenität gegeben. Durch das Handbuch

wird, so die Autoren, das Desiderat der Errettung des Kulturbegriffs vor der

Banalität erfüllt. Darüber hinaus möchte das Handbuch, ,,das die

Kulturwissenschaften mit ihren bereits erwiesenen Stärken, aber auch mit ihren

offenen Fragen vorstellt und aufeinander bezieht, einen Überblick über den Stand

der Diskussion bieten, der zu weiterer Klärung und Kooperation motiviert." (S. VII,

Bd. 1) Durch die Systematisierungs- und Klassifizierungsleistungen des Handbuchs

wird systematische Reflexion kulturwissenschaftlichen Denkens nur teilweise

möglich. Vor dem Hintergrund einer nicht immer unproblematischen Gliederung des

Handbuchs kann dieser Anspruch nicht durchgehend eingelöst werden.

Für Band 1 ,,Grundlagen und Schlüsselbegriffe" sind kulturwissenschaftlich-

theoretische Leitkategorien wie Erfahrung, Sprache, Handlung und Geschichte

leitend. Der zweite Band ,,Paradigmen und Disziplinen" untersucht gemäß des im

Vorwort bezogenen Standpunkts die methodisch-fachlichen Grundlagen einzelner

Disziplinen hinsichtlich ihrer kulturwissenschaftlichen Anwendbarkeit. ,,Themen

und Tendenzen" als dritter Band expliziert aktuell in der Forschungspraxis

angewendete Interpretationsmodelle von Kultur, Wirtschaft, Politik und Recht.

Monieren lässt sich die wenig eindeutige Gliederung der Bände. Wieso Richard

Münchs Artikel ,,Strukturen - Die Ausdifferenzierung und Institutionalisierung von

Handlungsräumen" in Band 1 unter der Rubrik Handlung zu finden ist, bleibt

3


beispielsweise unverständlich. Hinter dem Namen Münch verbirgt sich ein die

parsonssche Systemtheorie normativ überhöhender und das AGIL-Schema und

Vierfeldertabellen predigender Soziologe. Hauptangriffspunkt gegen solch ein

Wissenschaftsverständnis ,,ist das völlige Ausblenden des Individuums und damit

verbundener Handlungstheorien".1 Der Mensch verhält sich, aber handelt nicht.

Ärgerlich ist der polemische Versuch Münchs, seinem Intimus Luhmann zu

unterstellen, seine Systemtheorie sei eine evolutionstheoretische Legitimation des

Neoliberalismus.2 (S. 178, Bd. 1) ,,Paradigmen und Disziplinen" ist mit Abstand der

interessanteste der drei Bände, entgegen der ansonsten so weit verbreiteten Maxime:

,,Grau, mein Freund, ist alle Theorie". Band drei fällt ab. Hier leitete die

Herausgeber wohl das Motto, dass Artikel, welche bereits geschrieben und ggf.

anderweitig abgelehnt wurden, noch in einem dritten Band des Handbuchs

zusammengefasst werden können. Alles, was nicht in Band 1 oder 2 passte, findet

sich in Band 3 wieder. Womit genug zur nicht immer unproblematischen Gliederung

gesagt ist.

Mit Jan Assmann ist ein prominenter Vertreter kulturwissenschaftlichen Arbeitens

im ersten Band des Handbuchs in der Rubrik ,,Geschichte" vertreten. Er fragt in

seinem kurzen, ungegliederten Artikel nach ,,Sinnkonstruktionen im alten Ägypten".

Nach Assmann lassen sich drei kulturelle Sinnbegriffe unterscheiden. Es gibt

transzendente, immanente und soziale Sinnquellen. Transzendente Sinntheorien

greifen auf den Sinn ordnenden und planenden Willen Gottes zurück, während

immanente Sinntheorien Sinn aus dem Kosmos bzw. der Natur ablesen. Soziale

Sinntheorien insistieren auf der sozialen und kulturellen Konstruiertheit von Sinn.

(S. 454) Assmann besitzt hier einen blinden Fleck. Durch das Einnehmen einer

Beobachterposition höherer Ordnung kann dieser verschwinden: An Assmanns

Einteilung ist problematisch, dass sowohl transzendente als auch immanente

Sinnkategorien immer soziale und kulturelle Dimensionen besitzen. Insofern gibt es

ausschließlich soziale und kulturelle Sinnkonstruktionen, auch wenn sie

transzendenten oder immanenten Inhalt besitzen. Diese Einsicht ist modern und wird

vom forschenden Subjekt eingenommen und kann nichts über das Sinn-

1 Stefan Schweizer, Politische Steuerung selbstorganisierter Netzwerke. Baden-Baden 2003, S. 55

2 Luhmann hatte die Angriffe Münchs mit Schweigen gestraft.

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