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Essay, 2008, 15 Pages
Author: Dr. Stefan Schweizer
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
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Abstract
Defizite und damit verbundenen Probleme von Epocheneinteilungen in Literaturgeschichten sind hinlänglich bekannt und thematisiert worden. Beispielsweise wird Epochenkonzepten das prädestinierte Manko einer spezifischen Historisierung1 vorgehalten, in denen die polyfaktoriellen und -kontextualen epochenspezifischen Einflussfaktoren nicht ausreichend gewürdigt werden. Heute versteht man allgemein die Epochenbegriffe als kritisch-heuristisch2 bzw. man schreibt ihnen hinsichtlich ihrer Funktionalität eine kritische und heuristische Funktionsleistung zu. Primäres Verdienst eines dergestalt verstandenen Epochenbegriffs sind Klassifizierungs- und Systematisierungseffekte, die kategoriale Differenzierungen innerhalb der Literaturgeschichte und somit Zugehörigkeitsdistinktionen ermöglichen, die dann häufig als Diskussionsgrundlage für spezifische Themenbereiche dienen.3 Diese Diskussionsgrundlage bildet häufig die Basis für Fragestellungen einschlägiger Monografien. Da die neue Theorienvielfalt in der neueren Literaturgeschichte auch eine Art Paradigmenwechsel4 dahingehend ermöglicht hat, Literaturgeschichte5 in ihrem Verhältnis zum allgemeinen Prozess der Geschichte zu betrachten6 empfiehlt sich beispielsweise eine kritische Reflexion der sozialgeschichtlichen Implikate des Realismus. Fokussiert werden dabei gesamtgesellschaftliche, aber auch subsystemische - hierbei vor allem genuin politische - Entwicklungen. Dabei ist von einem Zusammenhang von Komplexität und Systemdifferenzierung auszugehen, wobei der Grad und die Form der Systemdifferenzierung des Gesellschaftssystems als erklärende Variablen das Explanans der Gesellschaftsstruktur bedingen.7 In einem weiteren Schritt wird versucht, die sich aus (gesamt-) realistische Programmatik mit ihren relevantesten Axiomen darzustellen. Hierbei gilt, dass die Wissenschaft und Kunst als soziale gesellschaftliche Teilsysteme sich selektiv verhalten „zu derjenigen Selektivität, mit der ihre Objektsysteme sich auf je ihre Umwelt ... (wieder die Kunst, S.S.) einstellen.
Excerpt (computer-generated)
Realismus als literaturwissenschaftliche Epoche
von
Stefan Schweizer
1. Realismus als Epochenproblematik 2
2. Sozialgeschichtliche Implikate 3
3. Programmatik des Realismus 5
3.1 Figurenbeschaffenheit 9
3.2 Stil 9
3.3 Der Roman im Realismus 10
4. Fazit 11
Literatur 13
1. Realismus als Epochenproblematik
Defizite und damit verbundenen Probleme von Epocheneinteilungen in Literaturgeschichten
sind hinlänglich bekannt und thematisiert worden. Beispielsweise wird Epochenkonzepten das
prädestinierte Manko einer spezifischen Historisierung1 vorgehalten, in denen die
polyfaktoriellen und -kontextualen epochenspezifischen Einflussfaktoren nicht ausreichend
gewürdigt werden. Heute versteht man allgemein die Epochenbegriffe als kritisch-heuristisch2
bzw. man schreibt ihnen hinsichtlich ihrer Funktionalität eine kritische und heuristische
Funktionsleistung zu. Primäres Verdienst eines dergestalt verstandenen Epochenbegriffs sind
Klassifizierungs- und Systematisierungseffekte, die kategoriale Differenzierungen innerhalb
der Literaturgeschichte und somit Zugehörigkeitsdistinktionen ermöglichen, die dann häufig
als Diskussionsgrundlage für spezifische Themenbereiche dienen.3 Diese
Diskussionsgrundlage bildet häufig die Basis für Fragestellungen einschlägiger Monografien.
Da die neue Theorienvielfalt in der neueren Literaturgeschichte auch eine Art
Paradigmenwechsel4 dahingehend ermöglicht hat, Literaturgeschichte5 in ihrem Verhältnis
zum allgemeinen Prozess der Geschichte zu betrachten6 empfiehlt sich beispielsweise eine
kritische Reflexion der sozialgeschichtlichen Implikate des Realismus. Fokussiert werden
dabei gesamtgesellschaftliche, aber auch subsystemische - hierbei vor allem genuin politische
- Entwicklungen. Dabei ist von einem Zusammenhang von Komplexität und
Systemdifferenzierung auszugehen, wobei der Grad und die Form der Systemdifferenzierung
des Gesellschaftssystems als erklärende Variablen das Explanans der Gesellschaftsstruktur
bedingen.7 In einem weiteren Schritt wird versucht, die sich aus (gesamt-) realistische
Programmatik mit ihren relevantesten Axiomen darzustellen. Hierbei gilt, dass die
Wissenschaft und Kunst als soziale gesellschaftliche Teilsysteme sich selektiv verhalten ,,zu
derjenigen Selektivität, mit der ihre Objektsysteme sich auf je ihre Umwelt ... (wieder die
Kunst, S.S.) einstellen. Die Asymmetrie und Unumkehrbarkeit des Verhältnisses von
Gegenstand und Erkenntnis wird systemtheoretisch als Steigerungsverhältnis von aufeinander
1Rohe, W., Roman aus Diskursen, S. 5
2Vgl. Bahr, E., Vorwort, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 1, S. X
3So zum Beispiel die Frage wie stark der Romantik zugehörig der "alte" Goethe betrachtet werden kann oder die
Frage der Möglichkeit einer Epochenzugehörigkeit von Heinrich Kleist.
4Zum Begriff des Begriffs Paradigmenwechsels vgl. Kuhn, T., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
5 Einen guten Überblick über die Theorieentwicklungsgeschichte der Literaturwissenschaft erhält man z.B. in
Rainer Rosenberg, Verhandlungen des Literaturbegriffs, S 8-25
6Vgl. Bahr, E., Vorwort, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 1, S. X mit Verweis auf
Jauß, H.R.
7 Vgl. Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Band 1, S. 21
2
bezogenen Selektivitäten dargestellt."8 Nicht zuletzt durch diese Überlegungen wird eine
Plausibilisierung der These der gegenseitigen Bedingtheit von künstlerischer Programmatik
und sozialgeschichtlichen Implikate ermöglicht. Die Programmatik einer Epoche bietet
bildlich gesprochen sozusagen den Ariadnefaden, der einen bei der analytischen
Durchleuchtung dieser Epoche zugehörigen Werke an der Hand nimmt und leitet.
Abweichungen von epochenbestimmenden Programmatiken sind für den
Literaturwissenschaftler von besonderem Interesse, da durch sie eine Epochen-unabhängige9
Strukturierung eines Werks erkenntlich werden kann. Solche Fälle lassen auf Grund
semantisch-poetischer Leerstellen und Ambiguitäten besonders viel Spielraum für
tiefschürfende Interpretationen. Bleibt das Problem, dass Epochenprogrammatiken selten
einheitlich sind und vor allem, dass sie nicht für die gesamte Epoche gleichverbindlich gelten.
So kann man beispielsweise den Realismus in eine poetische, bürgerliche und psychologische
Phase untergliedern, wobei auch andere Kategorisierungen aufzufinden sind. Bleibt man
beispielsweise bei der gerade genannten Einteilung, so stellt sich unter anderem die Frage, ob
diese als deskriptiv oder analytisch zu verstehen ist. Bei ersterem Verständnis stellt sich das
Problem, dass häufig Elemente aller drei Realismen in einem Werk aufzufinden sind. Wird sie
analytisch postuliert, so wird zwar auf theoretischer Ebene potentiell Theoriebildung
ermöglicht, bewegt man sich dann aber auf die Textebene herunter, ergibt sich wieder die
Problematik einer Vermischung und Überlappung der Realismuskonzepte.
2. Sozialgeschichtliche Implikate
Um sozialgeschichtliche Implikate namhaft machen zu können, sollte die jeweilig anvisierte
Epoche zeitlich fixiert werden. Am heftigsten war der Begriff des Realismus in den Jahren
von 1830 bis 1880 in der Diskussion.10 Anderswo findet sich die Datierung des Realismus
von 1830-1890.11 Generell kann man für die Länge dieser Epochendatierungen gravierende
Veränderungen der Bevölkerungsstruktur durch die industrielle Revolution konstatieren. Die
industrielle Revolution ermöglichte nämlich einen qualitativen und quantitativen
produktionstechnischen Wandel. Gleichzeitig fand flächendeckend ein enormes
Bevölkerungswachstum statt. Auch im wissenschaftlichen Bereich vollzogen sich
8 Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Band 2, S. 188
9Epochen-unabhängige Texte gibt es nicht, da niemand in einem zeitlosen Vakuum Texte produzieren kann.
Gemeint ist vielmehr der Sachverhalt, dass Normabweichungen bezüglich der Programmatik eine Distanzierung
von derselben erlauben, letztlich aber immer noch eine Auseinandersetzung mit derselben darstellen.
10Metzler Literatur Lexikon, S. 376
11Frenzel, H.A. und E., Daten deutscher Dichtung, Band 2, S. 411
3
entscheidende Neuerungen. Die Transformation Deutschlands von einem Agrar- zum
hochentwickelten Industriestaat vollzog sich innerhalb weniger Jahrzehnte. Auch wird ein
gesteigertes nationales Bewusstsein im Zusammenhang mit der Entwicklung von
merkantilistischer zu kapitalistischer Produktionsweise gesehen.12 Zwar wurde per Gesetz
bestimmt, dass die Bauern den feudalen Verpflichtungen enthoben wurden; ihre geringen
finanziellen Kapazitäten trieben sie aber praktisch wieder in die Arme der Gutsherren. Durch
diese Art der Besitzumschichtung entstanden die Gruppen der landwirtschaftlichen
Unternehmer, der Pächter sowie der Lohnarbeiter. Es setzte eine große Abwanderung der
Landbevölkerung in industrielle Großstädte ein. Durch den 1834 von Preußen gegründeten
Zollverein wurden Großbetriebe, Gewerbe und Industrie rentabler. Adelsschichten beteiligten
sich wegen vorhandener Finanzressourcen aktiv am Wirtschaftsleben.
Arbeiterklasseninteressen wurden seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts durch
Arbeiterorganisationen vertreten. Die Beurteilung der vor allem seit Mitte des Jahrhunderts
"durch die industrielle Revolution ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen und die
Auswirkungen naturwissenschaftlicher Untersuchungen"13 gestaltete sich äußerst ambivalent,
denn die "Deutungen reichen von dem optimistischen Vertrauen auf die
Entwicklungsmöglichkeiten der Technik und dem Glauben an die freie Selbstbestimmung des
Menschen ... bis zu den Entwürfen einer pessimistischen Weltanschauung(,) ... von Ludwig
Büchners ... materialistischer Auslegung der Naturprozesse ... und Ernst Haeckels ... kausaler
Monismuslehre ... der Sehnsucht nach einer heilen Welt in der Pflege übernommener
christlicher Ideale ... bis zur Angleichung der christlichen Geistesart an eine germanisch-
deutsche Gesinnung ..."14 Die festgestellte Meinungsheterogenität hinsichtlich der
zeitgenössischen Beurteilung von gesellschaftlichen Epochenerscheinungen scheint aus
heutiger Sicht allzu verständlich. Für die literarische Produktion (und wohl auch Rezeption)
werden den misslungenen Revolutionsbestrebungen des Jahres 1848 eine große Bedeutung
zugesprochen,15 denn sie zeichnen sich für ein Drängen nach nationaler Einheit, zum
bürgerlichen Staat und allgemeinen sozialen Umgestaltungen verantwortlich. Ferner sind der
Trend zu unpersönlichen Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sowie
sich verschärfende Klassengegensätze und damit verbunden eine zunehmende Hässlichkeit
der Fabriken und Mietskasernen in diesem Kontext zu nennen. Insofern gehen die
misslungenen politischen Revolutions- und Reformversuche Hand in Hand mit einer
12 Gerhard Schulz, Romantik, S. 24
13Daemmrich, H.E., Realismus, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur 3, S.10 f.
14Daemmrich, H.E., Realismus, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur 3, S. 11
15Hahl, W., Reflexion und Erzählung, S. 200
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