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Realismus als literaturwissenschaftliche Epoche

Essay, 2008, 15 Pages
Author: Dr. Stefan Schweizer
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Tags: Realismus, Epoche
Category: Essay
Year: 2008
Pages: 15
Language: German
Archive No.: V112359
ISBN (E-book): 978-3-640-10442-0
ISBN (Book): 978-3-640-10531-1
File size: 343 KB

Abstract

Defizite und damit verbundenen Probleme von Epocheneinteilungen in Literaturgeschichten sind hinlänglich bekannt und thematisiert worden. Beispielsweise wird Epochenkonzepten das prädestinierte Manko einer spezifischen Historisierung1 vorgehalten, in denen die polyfaktoriellen und -kontextualen epochenspezifischen Einflussfaktoren nicht ausreichend gewürdigt werden. Heute versteht man allgemein die Epochenbegriffe als kritisch-heuristisch2 bzw. man schreibt ihnen hinsichtlich ihrer Funktionalität eine kritische und heuristische Funktionsleistung zu. Primäres Verdienst eines dergestalt verstandenen Epochenbegriffs sind Klassifizierungs- und Systematisierungseffekte, die kategoriale Differenzierungen innerhalb der Literaturgeschichte und somit Zugehörigkeitsdistinktionen ermöglichen, die dann häufig als Diskussionsgrundlage für spezifische Themenbereiche dienen.3 Diese Diskussionsgrundlage bildet häufig die Basis für Fragestellungen einschlägiger Monografien. Da die neue Theorienvielfalt in der neueren Literaturgeschichte auch eine Art Paradigmenwechsel4 dahingehend ermöglicht hat, Literaturgeschichte5 in ihrem Verhältnis zum allgemeinen Prozess der Geschichte zu betrachten6 empfiehlt sich beispielsweise eine kritische Reflexion der sozialgeschichtlichen Implikate des Realismus. Fokussiert werden dabei gesamtgesellschaftliche, aber auch subsystemische - hierbei vor allem genuin politische - Entwicklungen. Dabei ist von einem Zusammenhang von Komplexität und Systemdifferenzierung auszugehen, wobei der Grad und die Form der Systemdifferenzierung des Gesellschaftssystems als erklärende Variablen das Explanans der Gesellschaftsstruktur bedingen.7 In einem weiteren Schritt wird versucht, die sich aus (gesamt-) realistische Programmatik mit ihren relevantesten Axiomen darzustellen. Hierbei gilt, dass die Wissenschaft und Kunst als soziale gesellschaftliche Teilsysteme sich selektiv verhalten „zu derjenigen Selektivität, mit der ihre Objektsysteme sich auf je ihre Umwelt ... (wieder die Kunst, S.S.) einstellen.


Excerpt (computer-generated)

Realismus als literaturwissenschaftliche Epoche

von

Stefan Schweizer

1. Realismus als Epochenproblematik 2

2. Sozialgeschichtliche Implikate 3

3. Programmatik des Realismus 5

3.1 Figurenbeschaffenheit 9

3.2 Stil 9

3.3 Der Roman im Realismus 10

4. Fazit 11

Literatur 13


1. Realismus als Epochenproblematik

Defizite und damit verbundenen Probleme von Epocheneinteilungen in Literaturgeschichten

sind hinlänglich bekannt und thematisiert worden. Beispielsweise wird Epochenkonzepten das

prädestinierte Manko einer spezifischen Historisierung1 vorgehalten, in denen die

polyfaktoriellen und -kontextualen epochenspezifischen Einflussfaktoren nicht ausreichend

gewürdigt werden. Heute versteht man allgemein die Epochenbegriffe als kritisch-heuristisch2

bzw. man schreibt ihnen hinsichtlich ihrer Funktionalität eine kritische und heuristische

Funktionsleistung zu. Primäres Verdienst eines dergestalt verstandenen Epochenbegriffs sind

Klassifizierungs- und Systematisierungseffekte, die kategoriale Differenzierungen innerhalb

der Literaturgeschichte und somit Zugehörigkeitsdistinktionen ermöglichen, die dann häufig

als Diskussionsgrundlage für spezifische Themenbereiche dienen.3 Diese

Diskussionsgrundlage bildet häufig die Basis für Fragestellungen einschlägiger Monografien.

Da die neue Theorienvielfalt in der neueren Literaturgeschichte auch eine Art

Paradigmenwechsel4 dahingehend ermöglicht hat, Literaturgeschichte5 in ihrem Verhältnis

zum allgemeinen Prozess der Geschichte zu betrachten6 empfiehlt sich beispielsweise eine

kritische Reflexion der sozialgeschichtlichen Implikate des Realismus. Fokussiert werden

dabei gesamtgesellschaftliche, aber auch subsystemische - hierbei vor allem genuin politische

- Entwicklungen. Dabei ist von einem Zusammenhang von Komplexität und

Systemdifferenzierung auszugehen, wobei der Grad und die Form der Systemdifferenzierung

des Gesellschaftssystems als erklärende Variablen das Explanans der Gesellschaftsstruktur

bedingen.7 In einem weiteren Schritt wird versucht, die sich aus (gesamt-) realistische

Programmatik mit ihren relevantesten Axiomen darzustellen. Hierbei gilt, dass die

Wissenschaft und Kunst als soziale gesellschaftliche Teilsysteme sich selektiv verhalten ,,zu

derjenigen Selektivität, mit der ihre Objektsysteme sich auf je ihre Umwelt ... (wieder die

Kunst, S.S.) einstellen. Die Asymmetrie und Unumkehrbarkeit des Verhältnisses von

Gegenstand und Erkenntnis wird systemtheoretisch als Steigerungsverhältnis von aufeinander

1Rohe, W., Roman aus Diskursen, S. 5

2Vgl. Bahr, E., Vorwort, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 1, S. X

3So zum Beispiel die Frage wie stark der Romantik zugehörig der "alte" Goethe betrachtet werden kann oder die

Frage der Möglichkeit einer Epochenzugehörigkeit von Heinrich Kleist.

4Zum Begriff des Begriffs Paradigmenwechsels vgl. Kuhn, T., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen

5 Einen guten Überblick über die Theorieentwicklungsgeschichte der Literaturwissenschaft erhält man z.B. in

Rainer Rosenberg, Verhandlungen des Literaturbegriffs, S 8-25

6Vgl. Bahr, E., Vorwort, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 1, S. X mit Verweis auf

Jauß, H.R.

7 Vgl. Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Band 1, S. 21

2


bezogenen Selektivitäten dargestellt."8 Nicht zuletzt durch diese Überlegungen wird eine

Plausibilisierung der These der gegenseitigen Bedingtheit von künstlerischer Programmatik

und sozialgeschichtlichen Implikate ermöglicht. Die Programmatik einer Epoche bietet

bildlich gesprochen sozusagen den Ariadnefaden, der einen bei der analytischen

Durchleuchtung dieser Epoche zugehörigen Werke an der Hand nimmt und leitet.

Abweichungen von epochenbestimmenden Programmatiken sind für den

Literaturwissenschaftler von besonderem Interesse, da durch sie eine Epochen-unabhängige9

Strukturierung eines Werks erkenntlich werden kann. Solche Fälle lassen auf Grund

semantisch-poetischer Leerstellen und Ambiguitäten besonders viel Spielraum für

tiefschürfende Interpretationen. Bleibt das Problem, dass Epochenprogrammatiken selten

einheitlich sind und vor allem, dass sie nicht für die gesamte Epoche gleichverbindlich gelten.

So kann man beispielsweise den Realismus in eine poetische, bürgerliche und psychologische

Phase untergliedern, wobei auch andere Kategorisierungen aufzufinden sind. Bleibt man

beispielsweise bei der gerade genannten Einteilung, so stellt sich unter anderem die Frage, ob

diese als deskriptiv oder analytisch zu verstehen ist. Bei ersterem Verständnis stellt sich das

Problem, dass häufig Elemente aller drei Realismen in einem Werk aufzufinden sind. Wird sie

analytisch postuliert, so wird zwar auf theoretischer Ebene potentiell Theoriebildung

ermöglicht, bewegt man sich dann aber auf die Textebene herunter, ergibt sich wieder die

Problematik einer Vermischung und Überlappung der Realismuskonzepte.

2. Sozialgeschichtliche Implikate

Um sozialgeschichtliche Implikate namhaft machen zu können, sollte die jeweilig anvisierte

Epoche zeitlich fixiert werden. Am heftigsten war der Begriff des Realismus in den Jahren

von 1830 bis 1880 in der Diskussion.10 Anderswo findet sich die Datierung des Realismus

von 1830-1890.11 Generell kann man für die Länge dieser Epochendatierungen gravierende

Veränderungen der Bevölkerungsstruktur durch die industrielle Revolution konstatieren. Die

industrielle Revolution ermöglichte nämlich einen qualitativen und quantitativen

produktionstechnischen Wandel. Gleichzeitig fand flächendeckend ein enormes

Bevölkerungswachstum statt. Auch im wissenschaftlichen Bereich vollzogen sich

8 Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Band 2, S. 188

9Epochen-unabhängige Texte gibt es nicht, da niemand in einem zeitlosen Vakuum Texte produzieren kann.

Gemeint ist vielmehr der Sachverhalt, dass Normabweichungen bezüglich der Programmatik eine Distanzierung

von derselben erlauben, letztlich aber immer noch eine Auseinandersetzung mit derselben darstellen.

10Metzler Literatur Lexikon, S. 376

11Frenzel, H.A. und E., Daten deutscher Dichtung, Band 2, S. 411

3


entscheidende Neuerungen. Die Transformation Deutschlands von einem Agrar- zum

hochentwickelten Industriestaat vollzog sich innerhalb weniger Jahrzehnte. Auch wird ein

gesteigertes nationales Bewusstsein im Zusammenhang mit der Entwicklung von

merkantilistischer zu kapitalistischer Produktionsweise gesehen.12 Zwar wurde per Gesetz

bestimmt, dass die Bauern den feudalen Verpflichtungen enthoben wurden; ihre geringen

finanziellen Kapazitäten trieben sie aber praktisch wieder in die Arme der Gutsherren. Durch

diese Art der Besitzumschichtung entstanden die Gruppen der landwirtschaftlichen

Unternehmer, der Pächter sowie der Lohnarbeiter. Es setzte eine große Abwanderung der

Landbevölkerung in industrielle Großstädte ein. Durch den 1834 von Preußen gegründeten

Zollverein wurden Großbetriebe, Gewerbe und Industrie rentabler. Adelsschichten beteiligten

sich wegen vorhandener Finanzressourcen aktiv am Wirtschaftsleben.

Arbeiterklasseninteressen wurden seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts durch

Arbeiterorganisationen vertreten. Die Beurteilung der vor allem seit Mitte des Jahrhunderts

"durch die industrielle Revolution ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen und die

Auswirkungen naturwissenschaftlicher Untersuchungen"13 gestaltete sich äußerst ambivalent,

denn die "Deutungen reichen von dem optimistischen Vertrauen auf die

Entwicklungsmöglichkeiten der Technik und dem Glauben an die freie Selbstbestimmung des

Menschen ... bis zu den Entwürfen einer pessimistischen Weltanschauung(,) ... von Ludwig

Büchners ... materialistischer Auslegung der Naturprozesse ... und Ernst Haeckels ... kausaler

Monismuslehre ... der Sehnsucht nach einer heilen Welt in der Pflege übernommener

christlicher Ideale ... bis zur Angleichung der christlichen Geistesart an eine germanisch-

deutsche Gesinnung ..."14 Die festgestellte Meinungsheterogenität hinsichtlich der

zeitgenössischen Beurteilung von gesellschaftlichen Epochenerscheinungen scheint aus

heutiger Sicht allzu verständlich. Für die literarische Produktion (und wohl auch Rezeption)

werden den misslungenen Revolutionsbestrebungen des Jahres 1848 eine große Bedeutung

zugesprochen,15 denn sie zeichnen sich für ein Drängen nach nationaler Einheit, zum

bürgerlichen Staat und allgemeinen sozialen Umgestaltungen verantwortlich. Ferner sind der

Trend zu unpersönlichen Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sowie

sich verschärfende Klassengegensätze und damit verbunden eine zunehmende Hässlichkeit

der Fabriken und Mietskasernen in diesem Kontext zu nennen. Insofern gehen die

misslungenen politischen Revolutions- und Reformversuche Hand in Hand mit einer

12 Gerhard Schulz, Romantik, S. 24

13Daemmrich, H.E., Realismus, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur 3, S.10 f.

14Daemmrich, H.E., Realismus, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur 3, S. 11

15Hahl, W., Reflexion und Erzählung, S. 200

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