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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 29 Pages
Author: Toni Hildebrandt
Subject: Musicology
Details
Institution/College: LISZT SCHOOL of Music Weimar (Institut für Musikwissenschaft)
Tags: Geschichte, Erinnerung, Werk, György, Kurtág, Studi, Roma, Assman, Adorno, Ligeti, Bartók, Stockhausen, Yates, Bruckner, Mahnkopf, Budapest, Boulez, Messiaen
Year: 2007
Pages: 29
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 39 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-11975-2
ISBN (Book): 978-3-640-11996-7
File size: 4046 KB
Toni Hildebrandt studiert Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Romanistik in Jena, Weimar und Rom. Bei Mario Bertoncini studierte er am Conservatorio "Santa Cecilia" Komposition. In Rom lernte er Karlheinz Stockhausen kennen und besuchte Hans-Werner Henze in Marino. Bei Ennio Morricone besuchte er Seminare über Filmmusik.
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Abstract
Der Autor studierte Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Jena, Weimar und Rom.
Excerpt (computer-generated)
Hochschule für Musik ,,Franz Liszt" Weimar
Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena
Università degli Studi di Roma ,,La Sapienza"
Dipartimento di Musicologia
Hauptseminar (Laurea specialistica): L′eredità musicale del passato: reinventare la tradizione
nella prospettiva contemporanea
WS 2006/07
Geschichte und Erinnerung im Werk von
György Kurtág
von
Toni Hildebrandt
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1. György Kurtág in Budapest und Paris musikalische Prägung und Neuanfang 5
1.1. Budapest 5
1.2. Paris 7
2. Abarbeitung an der Vergangenheit 8
3. Zitate, Widmungen und Verweise. György Kurtágs Werk als Kompendium der
abendländischen Musikgeschichte 9
4. Mnemomik. Kurtágs Versuch Geschichte und Erinnerung kompositorisch zu verarbeiten 12
5. Stele () Op. 33 14
Bibliographie 26
2
Ankündigung des Seminars im Semesterhandbuch der Università degli Studi di Roma
,,La Sapienza":
Il corso, che sarà svolto in forma seminariale, affronta lo studio della musica colta
contemporanea focalizzando l′attenzione su un aspetto che ha profondamente condizionato
gli sviluppi dell′esperienza creativa novecentesca: il rapporto con l′eredità della tradizione.
Un esame delle principali questioni estetiche legate alla poetica delle avanguardie e delle
neoavanguardie fornirà una cornice di riferimento utile a sviluppare una riflessione critica
sulla dialettica tra invenzione musicale e memoria. Verrano quindi analizzati in dettaglio, con
l′ausilio di schizzi e abbozzi compositivi, alcuni pezzi di Luciano Berio, Bruno Maderna e
Luigi Nono caratterizzati dall′impiego di materiali preesistenti mutuati da diverse epoche e
tradizioni musicali.
(Prof.ssa Susanna Pasticci)
3
Einleitung
An Studien und Beiträgen zum künstlerischen Werk und der Biographie György Kurtágs ist
die Literatur nicht gerade reich. Es existieren lediglich ein monographischer Aufsatzband zu
Kurtágs 60. Geburtstag1, ein ausführliches Programmbuch der Salzburger Festspiele aus dem
Jahr 19932, sowie eine handvoll wertvoller Aufsätze und Publikationen in
Musikzeitschriften.3 Eine Kurtág-Forschung hat sich im Prinzip, trotz des hohen
Bekanntheitsgrades des Komponisten und der hohen Wertschätzung seines musikalischen
Werkes, bis heute nicht entwickelt. Die folgende Arbeit will somit nicht vordergründig auf
ein spezielles Werk oder einen Einzelaspekt in Kurtágs Schaffen eingehen, sondern stellt sich
einem zentralen Thema in seinem Werk, mit dem Versuch einen roten Faden in Kurtágs
Denken sichtbar zu machen: dem künstlerischen Umgang mit persönlicher Erinnerung, dem
kulturellen Gedächtnis und dem musikgeschichtlichen Erbe.
Die entscheidende Frage war dabei zu klären, wie Kurtág es schafft, stets der Tradition und
dem kulturellen Gedächtnis verpflichtet zu bleiben, und sich gleichzeitig von der ,,Last"
dieses Erbes befreiend, in einer neuen, authentischen, und nur ihm eigenen musikalischen
Sprache ausdrücken zu können.
,,Die ganze Kraft, Ausstrahlung und Haltung der Kurtágschen Kunst dürfte wohl dem
Umstand zu verdanken sein, dass er den neuen Klang, die neuen Werte durch größte
Verantwortlichkeit gegenüber der Vergangenheit erkämpft", betonte István Balázs.4 Summa
summarum vertritt auch diese Arbeit im Folgenden die These, dass der Wert der Musik
Kurtágs, oder um mit Claus-Steffen Mahnkopf zu sprechen, deren ,,Kairos"5, in der Fähigkeit
besteht, Musik aus kulturellem und musikgeschichtlichem Gedächtnis kritisch zu entwickeln
und ihr als Erinnerungskunst einen vielschichtigen Sinn zu geben. Die Arbeit nähert sich
Kurtág methodologisch zunächst also nicht musikanalytisch, sondern auf musikästhetischem
und biographischem Wege. Abschließend wird eine Betrachtung des Werkes
Stele
die These
einer ,,Musik als Mnemonik" unterstützen.
1 Friedrich Spangemacher (Hrsg.):
György Kurtág. Musik der Zeit. Dokumentationen und Studien
, Bonn 1986.
2 Ulrich Dibelius (Hrsg.):
Ligeti und Kurtág in Salzburg
, Zürich 1993.
3 Hervorzuheben sei hier der Sonder-Band
Hommage à Kurtág
der ungarischen musikwissenschaftlichen
Periodika
Studia musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae
, 43 (2000).
4 István Balázs: ,,Zu Kurtágs Persönlichkeit und Kunst II", S. 97/98, in:
Ligeti und Kurtág in Salzburg
, hrsg. von
Ulrich Dibelius, hier: S. 97.
5 Claus-Steffen Mahnkopf:
Kritische Theorie der Musik
, Weilerswist 2006.
4
1. György Kurtág in Budapest und Paris musikalische Prägung und Neuanfang
1.1. Budapest
György Kurtág, geboren 1926 in Lugosch/Rumänien, studierte seit 1946 an der
Musikakademie in Budapest. Er besuchte dort nicht nur, wie sein Freund György Ligeti, die
Kompositionsklasse von Sándor Veress, sondern schrieb sich auch für Klavier bei Pál Kadosa
und Kammermusik bei Leo Weiner ein. Von 1949 bis 1955 studierte er Komposition bei
Ferenc Farkas, ohne jedoch seine Klavier- und Kammermusikstudien zu vernachlässigen.6
Kurtág belegte in Budapest also zunächst ganz akademisch alle musiktheorie- und
kompositionsrelevanten Fächer in der Methodik der ,,Kodály-Schule". Ligeti und Kurtág
haben später diese ,,handwerkliche" Ausbildung immer als sehr wichtig für ihren Werdegang
angesehen.7 Man sollte jedoch auch bedenken, dass die, an und für sich vorbildliche,
Methodik der ,,Kodály-Schule" ihre Kehrseite in ihrer Abhängigkeit zu einer isolierenden,
anti-westlichen Kulturpolitik hatte und damit ihren Schülern im Bezug auf den musikalischen
Zeitgeist ab 1948 Grenzen setzte. ,,Ungarische Präsenz begleitete und prägte die Darmstädter
Ferienkurse seit ihrer Gründung. Galt es doch als vorrangige Aufgabe, sich schon im
Gründungsjahr 1946 mit der Musik Béla Bartóks auseinanderzusetzen."8 Mit der politischen
und kulturellen Isolation des Ostblocks im Jahre 1948 fanden diese Bemühungen auf lange
Zeit ein rigoroses Ende. Der Beschluss der kommunistischen Partei vom 10. Februar 1948 mit
der Verurteilung der ,,dekadenten, formalistischen Tendenzen in der Musik", für unter
anderem Schostakowitsch und Prokofjew, bewies endgültig, dass nun auch osteuropäische
Komponisten unterdrückt wurden, die durch ihr avantgardistisches Komponieren, nicht in die
Kulturpolitik des ,,Sozialistischen Realismus" passten. Dies betraf nun auch entscheidend die
Musikentwicklung in Ungarn. Zoltán Kodáy, der ,,große Volkserzieher", stand als
unbestrittene und unantastbare Autorität dem stalinistischen Manifest keineswegs eindeutig
ablehnend gegenüber.9 Und das Werk Béla Bartóks, das für die junge
Komponistengeneration, für Ligeti und Kurtág, die wegweisende Richtung markierte10, wurde
6 Bis heute wirkt dies prägend auf Kurtágs Musikphilosophie. Als einer der wenigen großen Komponisten des
20. Jahrhunderts hat Kurtág keine Schüler im engeren Sinne. Statt Komposition unterrichtet Kurtág seit 1969
Kammermusik. Von 1969 bis 1986 hatte er den Lehrstuhl für Kammermusik an der Musikakademie in Budapest
inne. Seit den 1990er Jahren beschränkt sich Kurtágs Lehrtätigkeit auf ausgewählte Meisterkurse und Festivals,
so zum Beispiel 2006 auf dem Kunstfest pèlerinages in Weimar.
7 Ulrich Dibelius (Hrsg.):
Ligeti und Kurtág in Salzburg
, Zürich 1993
8 Imre Fabian: ,,Die neue ungarische Musik und Darmstadt. Eine schwierige Beziehung", in:
Von Kranichstein
zur Gegenwart. 50 Jahre Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik
, S. 360-365, hrsg. von Rudolf Stephan u.a.,
Stuttgart 1996, hier: S. 361.
9 Ebd., S. 361.
10 ,,Beide waren wir Bartók-Anhänger und sehen in Bartóks Musik die Grundlage für eine weitere Entwicklung
eines neuen, chromatisch-modalen musikalischen Idioms, das international sein sollte, und dennoch in den
ungarischen Traditionen verwurzelt.", in: György Ligeti: ,,Begegnungen mit Kurtág im Nachkriegs-Budapest",
5
nur einseitig rezipiert. Auf dem Kongress der kommunistischen Partei im Jahre 1951 konnte
der stalinistische Kulturminister József Révai eine Aussage Kodálys zitieren, der ihm
gegenüber vermerkte, ,,Bartóks Musik spricht tausend Menschen an, meine vielleicht
zehntausend." Und Révai fügt hinzu: ,,Kodály hat damit Bartóks Grenzen klar
aufgezeichnet."11 Die ungarische Kulturpolitik vollzog nun eine Spaltung des Werkes
Bartóks, in eine Gegenüberstellung der Werke mit folkloristischer Neigung und denen, die
nach Adorno zu den ,,fortgeschrittensten der europäischen Kunstmusik"12 gehören, nur dass
diese in Ungarn nicht positiv bewertet wurden. Sinnbild für diese Bartók-Rezeption ist das
folkloristische Epigonentum der ,,Kodály-Schule", das bis zur Generation von Ligeti, Kurtág
und Eötvös die ungarische Musik bestimmte. Im Westen hatte nicht nur Adorno, sondern
bereits René Leibowitz (1947) und später Pierre Boulez betont, dass der eigentliche Wert
Bartóks in seinem avantgardistischen Werk liege.13 Dem entgegnete in der Heimat András
Mihály: ,,Leibowitz findet Gefallen ausgerechnet an jenen Werken, die wir als Experimente
des großen Meisters betrachten, auf der Suche nach neuen, sprechen wir es offen aus, falschen
Wegen." Und Mihály weiter: ,,Wir sollten nicht jenem Bartók folgen, der die
menschenzerstörende westliche Dekadenz der Moderne nicht richtig erkannt hat, sondern dem
Künstler, der die fortschrittlichen Gedanken in der Kultur seiner Heimat anzusiedeln wusste.
Eine ähnlich fortschrittliche Kultur, auf die wir bauen können, ist die sozialistische Kultur der
Sowjetunion."14
Auf lange Zeit war es nun schwer für ungarische Musiker den ganzen Bartók zu studieren, da
selbst der Moderne gegenüber aufgeschlossene Komponisten wie Mihály vom
,,Sozialistischen Realismus" verblendet schienen.15 Wenn also schon der eigentliche
,,Nationalheld" Bartók in Budapest zensiert wurde, kann man sich leicht vorstellen, dass von
anderen westeuropäischen Tendenzen der Neuen Musik keine Informationen an die
Musikakademie gelangen konnten. Rudolf Maros erinnerte sich an diese Zeit: ,,Wir waren
von der musikalischen Entwicklung vollkommen isoliert, wir kannten praktisch gar nichts. In
der Bibliothek der Musikhochschule war die Wiener Schule bis 1956 nur mit Partituren
vertreten, die man dort schon 1938 finden konnte. Gelegentlich konnte man im Bayrischen
Rundfunk moderne Musik hören und sich so ein wenig informieren. Aber das war viel zu
in:
György Kurtág. Musik der Zeit. Dokumentationen und Studien
, hrsg. von Friedrich Spangemacher, Bonn
1986, S. 15.
11 Fabian Imre: ,,Die neue ungarische Musik und Darmstadt", S. 361.
12 Theodor W. Adorno: Philosophie der neuen Musik, Frankfurt am Main, 1975, S. 41.
13 Vgl. Ebd., S. 362.
14 zit. nach: Ebd., S. 362.
15 Dies konnte Kurtág nicht davon abbringen, Mihály später das wichtige Klavierstück
In memoriam András
Mihály
zu widmen.
6
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