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Textbook, 2008, 77 Pages
Author: Mag. Johanna Vedral
Subject: Psychology - Clinic and Health Psychology, Abnormal Psychology
Details
Year: 2008
Pages: 77
Bibliography: ~ 113 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-12876-1
ISBN (Book): 978-3-640-13022-1
File size: 857 KB
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Abstract
Für meine Diplomarbeit im Fach Psychologie befragte ich Frauen, die sich ihre Gebärmutter herausoperieren hatten lassen. Ich wollte wissen, welche „subjektiven Theorien“ Frauen zur Bedeutung dieses wichtigen weiblichen Organs haben: wie es zu dem Entschluss zu einer Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) kam, wie sie die Operation erlebt haben, wie es ihnen nach der Operation erging, was das für ihre Sexualität und Partnerschaft bedeutete und was sie aufgrund ihrer Erfahrungen betroffenen Frauen raten. In Deutschland werden pro Jahr etwa 150.000 Gebärmutterentfernungen durchgeführt, meist wegen Blutungsstörungen oder Myomen: 70 bis 90 Prozent der Gebärmutterentfernungen wären aber unnötig, sagt der Gynäkologe Dr. Möller. Er ist einer der deutschen Gynäkologen, die derartige Beschwerden gebärmuttererhaltend operieren, d. h. wenn eine Gebärmutterentfernung notwendig ist, bietet er Methoden an, bei denen nur jener Teil der Gebärmutter entfernt wird, der die Beschwerden verursacht. Dadurch werden die Senkungsbeschwerden, die gewöhnlich in Folge einer Gebärmutterentnahme auftreten, nämlich Harninkontinenz oder sexuelle Probleme, weitgehend vermieden. Ich wollte wissen, was Frauen dazu bewegt, sich ein so wichtiges Organ „abschwatzen“ und wegoperieren zu lassen. Ich wollte wissen, was diese Frauen mit einer Operation loswerden bzw. gewinnen wollten. Am Anfang dieser Arbeit nahm ich an, dass die Hysterektomie einen Versuch darstellte, etwas in Ordnung zu bringen, das mit dem eigenen Frausein zu tun hat - ein Versuch, Probleme auf der körperlichen Ebene zu lösen, wobei die Gebärmutter stellvertretend für etwas /jemand steht, von dem frau sich trennen will/ muss. Nach Abschluss dieser Arbeit sehe ich die Gebärmutter nicht mehr nur als Projektionsfläche für Probleme, sondern vor allem als Chance, eine eigene, ganz subjektive Definition von Weiblichkeit zu finden:
Excerpt (computer-generated)
,,Sie brauchen die Gebärmutter ja nicht mehr..."
Frauen berichten über Gebärmutterentfernung und die Folgen
Mag. Johanna Vedral, 2008
2
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 4
1 DIE GEBÄRMUTTER - medizinisches Grundlagenwissen 7
1.1 Aufbau und Lage der Gebärmutter 7
1.2 Funktionen der Gebärmutter 10
1.2.1 Die Gebärmutter als Sexualorgan 10
1.2.2 Einfluss der Gebärmutter auf die Eierstöcke und deren Hormonproduktion 11
1.2.3 Einfluss der Gebärmutter auf das Nervensystem 11
1.2.4 Die weiblichen Sexualhormone und ihre Rolle im ovariellen und uterinen Zyklus 12
1.2.5 Zusammenhänge zwischen dem Regelkreis der Sexualhormone und der Beta-
Endorphine 12
2 Medizinisches Grundwissen über die Hysterektomie 14
2.1 Indikationen für eine Gebärmutterentfernung 14
2.2 Operationstechniken 15
2.3 Körperliche Reaktionen als Folge der Operation 16
2.4 Die Indikationendiskussion 17
3 Die ,,Krankheit Frau" 19
3.1 Medizingeschichtliche Betrachtung der Gebärmutter 19
3.2 Wissenschaftsmythen - die Erfindung der "Krankheit Frau" 19
3.3 Aus Sicht der Frauen: die Gebärmutter als Symbol 21
3.4 Selbstkonzept, Körperbild und "Vollwertigkeitsgefühl" 23
3.5 Das Objekt der Gynäkologie schaut zurück 24
4 Exkurs: Klimakterium 26
4.1 Ein Vergleich zwischen "natürlicher" und operationsbedingter Menopause 26
4.2 Einige spezielle Probleme der Wechseljahre 27
4.2.1 Das Ende der Reproduktionsfähigkeit 27
4.2.2 Klimakterium und Sexualität 27
4.2.3 Die Wechseljahre als Lebensabschnitt 27
5 Welche Bedeutung kann eine Gebärmutteroperation für die Psyche der betroffenen
Frau haben? 29
5.1 Hysterektomie und Depression 29
5.2 Hysterektomie bei psychisch gestörten Patientinnen 29
5.3 Risiko- Patientinnen 30
5.4 Untersuchungen zum Stellenwert der präoperativen Aufklärung 32
5.5 Hysterektomie, Sexualität und Partnerschaft 33
6 Interviews mit Frauen, die sich die Gebärmutter entfernen ließen 35
3
Schlusswort: Der lange Weg 70
Literaturverzeichnis 71
4
Vorwort
Für meine Diplomarbeit im Fach Psychologie befragte ich Frauen, die sich ihre Gebärmutter
herausoperieren hatten lassen. Ich wollte wissen, welche ,,subjektiven Theorien" Frauen zur
Bedeutung dieses wichtigen weiblichen Organs haben: wie es zu dem Entschluss zu einer
Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) kam, wie sie die Operation erlebt haben, wie es ihnen
nach der Operation erging, was das für ihre Sexualität und Partnerschaft bedeutete und was sie
aufgrund ihrer Erfahrungen betroffenen Frauen raten.
Das Thema ,,Hysterektomie" drängte sich mir geradezu auf - in Wartezimmern von Ärzten, im
Autobus, sogar an der Supermarktkasse hörte ich Frauen über Gebärmutteroperationen
sprechen.
Die Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) ist eine der häufigsten Operationen bei Frauen über
40. Im Frauengesundheitsbericht Bremen 2001 heißt es:
,,Jede vierte Bremer Frau zwischen 50 und 54 Jahren hat keine Gebärmutter mehr, bei den 55 bis
59 Jährigen ist es bereits jede dritte und bei den 65 bis 69 Jährigen sind es 40%. In der
überwiegenden Mehrzahl waren gutartige Erkrankungen der Grund für die Entfernung der
Gebärmutter. Konsequenzen für gesundheitspolitisches Handeln ergeben sich in erster Linie im
Zusammenhang mit der Gebärmutterentfernung. Diese richten sich vor allem darauf, dass Frauen
in der Lage sind, informiert darüber zu entscheiden, ob und wie sie ihre Beschwerden behandeln
bzw. auch eine Hysterektomie durchführen lassen. Hierzu gehören sowohl eine bessere
Information der Frauen wie eine höhere Transparenz des Angebots von Seiten der
Krankenhäuser."
In Deutschland werden pro Jahr etwa 150.000 Gebärmutterentfernungen durchgeführt, meist
wegen Blutungsstörungen oder Myomen: 70 bis 90 Prozent der Gebärmutterentfernungen wären
aber unnötig, sagt der Gynäkologe Dr. Möller. Er ist einer der deutschen Gynäkologen, die
derartige Beschwerden gebärmuttererhaltend operieren, d. h. wenn eine Gebärmutterentfernung
notwendig ist, bietet er Methoden an, bei denen nur jener Teil der Gebärmutter entfernt wird,
der die Beschwerden verursacht. Dadurch werden die Senkungsbeschwerden, die gewöhnlich in
Folge einer Gebärmutterentnahme auftreten, nämlich Harninkontinenz oder sexuelle Probleme,
weitgehend vermieden.
Ich wollte wissen, was Frauen dazu bewegt, sich ein so wichtiges Organ ,,abschwatzen" und
wegoperieren zu lassen. Ich wollte wissen, was diese Frauen mit einer Operation loswerden
bzw. gewinnen wollten. Am Anfang dieser Arbeit nahm ich an, dass die Hysterektomie einen
Versuch darstellte, etwas in Ordnung zu bringen, das mit dem eigenen Frausein zu tun hat - ein
Versuch, Probleme auf der körperlichen Ebene zu lösen, wobei die Gebärmutter stellvertretend
für etwas /jemand steht, von dem frau sich trennen will/ muss.
Nach Abschluss dieser Arbeit sehe ich die Gebärmutter nicht mehr nur als Projektionsfläche für
Probleme, sondern vor allem als Chance, eine eigene, ganz subjektive Definition von
Weiblichkeit zu finden:
Die Gebärmutter ist ein auch nach der Reproduktionsphase wichtiges Organ, das stark
symbolisch besetzt werden kann. Die von Männern geprägten Bilder von Weiblichkeit sind in
der Gesellschaft wie in unseren Köpfen sehr dominant, und es ist für viele Frauen ein langer
Weg, sich hier von der Fremdbestimmung und vom Objektstatus zu befreien, ihre eigene
Weiblichkeit zu finden und sich als Subjekt zu erleben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen
Körperlichkeit ist hier sicher eine zentrale Frage: ganz speziell hat die positive Besetzung der
Gebärmutter über die Funktion der Reproduktion hinaus etwas mit der eigenen Wertschätzung
als Frau zu tun.
5
Meine subjektive Einstellung zu Theorie und Praxis der Mainstream-Gynäkologie ist kritisch -
es behagt mir nicht, dass die FRAUEN-Heilkunde vorwiegend in männliche Hände geraten ist.
Frauenforscherinnen wie auch kritische GynäkologInnen stellen fest, dass allzu oft
Frauenfeindlichkeit in gynäkologischen Lehrbüchern und in der einschlägigen Fachliteratur in
so genannten objektiven Theorien festgeschrieben wird. Deshalb sind Forschungen von Frauen
an Frauen für Frauen besonders wichtig, gerade bei gynäkologischen Fragen.
Die operierenden Gynäkologen setzen ihre Patientinnen bezüglich möglicher negativer Folgen
meist nur ungenügend in Kenntnis bzw. bagatellisieren sie die Fragen und Sorgen aber auch die
Beschwerden der Frauen oft.
Tatsache ist, dass die Bedeutung des Uterus für die Gesundheit der Frau auch nach den
Wechseljahren noch nicht ausreichend erforscht wurde und deshalb jeglicher Eingriff an diesem
Organ sorgsam abzuwägen ist. Dem Gynäkologen obliegt hier die Pflicht, seine Patientinnen
ausreichend nach dem neuesten Stand der Forschung über die Funktionen des Uterus für die
Gesundheit der Frau zu informieren.
Von den 18 für meine Diplomarbeit interviewten Frauen erhielt nur eine einzige(!) von ihrem
Gynäkologen Informationen über Methoden zur (Gesund-)Erhaltung des Uterus. Allen anderen
wurde mit stereotypen Formulierungen ("Sie wollen sowieso keine Kinder mehr!" -
"Krebsrisiko" etc.) als einzige Therapie für Myome, Senkungsbeschwerden oder Blutungen die
Hysterektomie angeboten.
Die von mir befragten Frauen berichteten über die mangelnde Einfühlungsgabe ihrer
männlichen Gynäkologen und ,,äußerten Misstrauen bezüglich ihrer Aussagen über ein Organ,
das sie selbst nicht hätten und deshalb leicht als entbehrlich betrachten könnten. Und wenn frau
Bedenken über die Entfernung ihrer Gebärmutter anmeldet oder gar kundtut, dieses Organ auch
ohne weiteren Kinderwunsch bzw. nach den Wechseljahren behalten zu wollen, ist sie
hysterisch, was sonst?
Wenn Frauen sich Gedanken über die Auswirkungen einer Hysterektomie auf ihre postoperative
Sexualität machen, werden sie darauf hingewiesen, dass sowieso nur bereits vorher
psychologisch auffällige Frauen nachher Probleme hätten. Der Frau wird mitgeteilt, sie leide an
der "Krankheit Frau".
Wenn eine Frau sich mit psychosomatischen und/oder gynäkologischen Beschwerden zum
Facharzt begibt, hat sie das (Menschen-)Recht, mit ihren Beschwerden ernst genommen zu
werden.
Da sich immer mehr Forscherinnen und auf dem Gebiet der Frauengesundheit Frauen für eine
Gynäkologie für Frauen engagieren, besteht die Hoffnung auf eine frauengerechte medizinische
und therapeutische Versorgung.
Im 1. und 2. Kapitel des vorliegenden Buches finden Sie medizinisches Grundlagenwissen zur
Bedeutung der Gebärmutter. Sie können sich über unterschiedliche Gebärmutteroperationen
informieren und in welchen Fällen Ihr Gynäkologe Ihnen wahrscheinlich zu einer
Gebärmutterentfernung raten wird.
Im dritten Kapitel begleite ich Sie auf einem Streifzug durch die Rolle der Gebärmutter in der
Medizingeschichte wie die Medizin die ,,Krankheit Frau" erfand. Die Betrachtung der
Gebärmutter ist ambivalent - in der männlich geprägten Medizin- und Geisteswelt ebenso wie
im Erleben der Frauen. Früher wie heute ranken sich um die Gebärmutter kollektive Phantasien
und Symbolisierungen, die sie mit Potenz und lebensspendender Kraft, aber auch mit nervöser
Schwäche oder Minderwertigkeit in Verbindung bringen.
6
Im vierten Kapitel erfahren Sie, welche Bedeutung eine Gebärmutteroperation für die Psyche
der betroffenen Frauen haben kann.
Der 2. Teil des Buches ist den Frauen gewidmet, die so mutig waren, sich durch eine
Gebärmutteroperation als Subjekte ihres Lebens kennen zu lernen. An dieser Stelle sei ihnen
Dank gesagt dafür, dass sie andere Frauen durch ihre Offenheit davor bewahren wollen, sich
allzu bereitwillig unter das chirurgische Messer zu legen. In biographischen Interviews erzählen
Frauen, welche Bedeutung die Gebärmutter für ihr Selbsterleben und ihre weibliche Identität hat
und wie es dazu kam, dass sie sich ihre Gebärmutter entfernen ließen. Sie berichten von
Beschwerden vor und nach einer solchen Operation, über die frau meist nur hinter vorgehaltener
Hand spricht. Allen von mir interviewten Frauen war es ein besonderes Anliegen, ihre
Erfahrungen mit anderen betroffenen Frauen zu teilen.
Ich hoffe, dieses Buch kann dazu beitragen, dass Sie die bestmögliche Hilfe und Information
bekommen, wenn Sie vor der Entscheidung einer Gebärmutterentfernung stehen!
7
1 DIE GEBÄRMUTTER - medizinisches Grundlagenwissen
1.1 Aufbau und Lage der Gebärmutter
Die Gebärmutter ist ein kräftiges Muskelorgan, das im kleinen Becken zwischen Blase und
Enddarm an Bändern aufgehängt und gestützt ist, so dass sich die Gebärmutter im Beckenraum
bewegen oder wachsen kann.
Abb. 1: Ein Blick auf die Gebärmutter (Blase, Dünn- und Dickdarm nicht abgebildet), aus: Föderation der
Feministischen Frauen-Gesundheitszentren (USA)(Hg.): Frauenkörper - neu gesehen, S.67
Bei einer nicht schwangeren Frau ist die Gebärmutter etwa 7 bis 9 cm lang und hat eine
längliche Form. Die Gebärmutter kann ihre Lage verändern und tendiert dazu, sich bei
Berührung zurückzuziehen. Bei sexueller Stimulation, beim Orgasmus, beim Stillen und auch
bei der Menstruation zieht sich die Gebärmutter ebenso zusammen. Während der
Schwangerschaft nimmt die Größe der Gebärmutter um das 20 bis 30fache zu. Diese enorme
Vergrößerungsfähigkeit ist in der spiralförmigen Anordnung der Gebärmuttermuskelfasern
begründet.
Man unterscheidet den Uteruskörper (Corpus uteri), der die oberen zwei Drittel des Organs
ausmacht, den Gebärmuttergrund (Fundus), der die oberste Kuppe bildet, und den
Gebärmutterhals (Cervix uteri), der in die Vagina hineinreicht (siehe Abb. 3).
8
Abb. 3: Die weibliche Gebärmutter, hervorgehoben ist die Zervix. Aus: Cutler/ Minker: Die fragwürdige Operation,
S. 45
Die Außenwand der Gebärmutter (Myometrium) besteht aus glatter Muskulatur, deren
Kontraktionen vom vegetativen Nervensystem sowie von Hormonausschüttungen beeinflusst
werden (z.B. zieht sich die Gebärmutter bei hohem Östrogenspiegel als Ganzes zusammen,
während sich bei hohem Progesteronspiegel nur einzelne Muskelpartien zu Klümpchen
zusammenziehen).
Die innere Schleimhaut (Endometrium) ist weich und schwammig und während der
prämenstruellen Phase in jedem Zyklus mit zahlreichen Blutgefäßen durchsetzt (siehe Abb. 4).
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