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Massenwahn

Termpaper, 2002, 17 Pages
Author: Patrick Nitsch
Subject: Sociology - Miscellaneous

Details

Event: Populärkultur
Institution/College: University of Freiburg (Institut für Soziologie)
Tags: suggestion, hysterie, wahn, masse, menge
Category: Termpaper
Year: 2002
Pages: 17
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V11270
ISBN (E-book): 978-3-638-17475-6

File size: 171 KB
Notes :
Gute Arbeit über Massenwahn, Hysterie, Suggestion, Menschenmengen etc. 288 KB



Excerpt (computer-generated)

Massenwahn

Patrick Nitsch

 

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG  2

2. HAUPTTEIL  4
2.1 Die Masse  4
2.2 Suggestion  6
2.3 Die Führung von Massen  8
2.4 Beispiele des Massenwahns  11

3. SCHLUSS  14

Literaturverzeichnis  16

1. Einleitung


„Wer den Gesetzmäßigkeiten des Massenwahns nachspüren will, der muß vor allem vor den Massenwahnvorstellungen auf der Hut sein, in denen er selbst befangen ist, wie jeder sterbliche Mensch. (..) Wenn wir von ‚Zeitströmung’, ‚herrschender Meinung’, ‚allgemeiner Ansicht’ sprechen, wenn wir Aussagen machen oder hören, die mit ‚bekanntlich’ beginnen oder die ‚man’ sagt, so betreten wir damit schon den Herrschaftsbereich des Massenwahns, das heißt einer Denkweise, die sich vom Schlüsseziehen des einzelnen, selbstständigen Kopfes wesentlich unterscheidet.“1

Kaum einer, der es nicht erlebt hat und kopfschüttelnd der Hunderten von Menschen gedenkt, könnte sich heute vorstellen, ein aktives Mitglied der Menschenmenge gewesen zu sein, die nach dem „Totalen Krieg“ im Berliner Sportpalast zur Zeit des Nationalsozialismus schrie.

Wer sich als rational denkendes Individuum versteht, aber dennoch eine Vorliebe für deutsche Punkmusik besitzt, kann auch heute noch dieses Phänomen an der eigenen Person entdecken. Man muss nur inmitten Tausend Anderer die Berliner Band „Die Ärzte“ nach dem „Totalen Brötchen“ fragen hören, um spätestens bei der Wiederholung der Frage ein langanhaltendes „ja“ vom gesamten Publikum, sich selbst eingeschlossen, zu bekommen.

Der entscheidende Punkt dieser Beobachtung ist nicht, dass Menschen, die in einer Menge aufgehen, noch absurderen Fragen zustimmen können - außerhalb der Frage steht auch, wie die Masse antworten soll (das alles kann befohlen werden). Daraus ist vielmehr die Tatsache abzuleiten, dass sich ein Individuum durch die Masse verliert und in einen irrationalen Herdenrausch eintritt, der leicht zu beobachten, aber nur schwer zu begründen ist.

Der Einzelne ist an sich, auch ohne die Anwesenheit anderer, durch die permanenten gesellschaftlichen und „institutionellen Reize“2 als „ständiger Massenmensch“ anzusehen, als welcher er wenig Individualität besitzt undgrößtenteils ausschließlich von „Glücks, Herrschafts-, und Anpassungsmotiven“3 bestimmt wird. Individuell kann nur noch die Wahl der Massen sein, für die man sich entscheidet. Jeder findet sich in Massen wieder, die völlig unterschiedlich motiviert sein können. Eine „organisierte Masse“4 kann ohne sichtbare Zusammenscharung aus einem ganzen Volk bestehen, das ihrem Führer bedingungslos folgt, wie die Ratten aus Hameln ihrem Fänger. Eine „psychologische Masse“5 können aber auch ein halbes Dutzend Hausfrauen ausmachen, die bei Schlussverkäufen unter dem sich öffnenden Gittervorhang des Kaufhauseingangs durchrobben, um sich anschließend beim Kleiderstand die Herrenhemden aus den Händen zu reißen. Tut man diese Illustration nach allllgemeiiner Ansiicht als Verrücktheit oder als Dummheit ab, und sieht man das Beispiel des Nationalsozialismus einfach nur als Zeiitströmung, geht man fehl und betritt bekanntlliich schon selbst den Herrschaftsbereiich des Wahns.

2. Hauptteil

2.1 Die Masse

Was soll unter „Masse“ verstanden werden?


„Jede Gruppe von Menschen, innerhalb deren der einzelne Mensch bis zu einem gewissen Grad seiner Persönlichkeit verlustig gegangen ist und durch wechselseitige Beeinflussung von ähnlichen Gefühlen, Instinkten, Trieben und Willensregungen erfüllt ist. [...]“6

In einer Menschenmasse ist beizeiten weder das richtige noch das gerechte Denken zu finden. Logik und Ethik sind ausgeschaltet. Die Vernunft findet sich beim einzelnen, nicht in der Menge, wo sie eine „eigenartige Verbindung (..) mit Gemütsregungen der dunklen Seelentiefe, des Unterbewusstseins“7 eingeht. Baschwitz beschreibt weiter, dass es das simple Gefühl ist, mit vielen anderen Menschen gleicher Meinung zu sein, das die Verantwortung vor dem eigenen Verstand teilweise, manchmal sogar völlig aufhebt.

Ein Mitglied in einer Masse zu sein, erlaubt die unbewusste Befreiung aus dem Selbst, der Persönlichkeit, die unter normalen Umständen das urteilende und unterscheidende Denken übernimmt. In der Masse existiert nur noch das Zusammensein und eine allgemein geteilte Erregung – eine „kollektive Selbstentfremdung“.8

Wenn man dabei von „Wahn“ spricht, verdeutlicht, dass diese Massen in ihrem gemeinsamen Denken zu Urteilen kommen können, die dem einzelnen nicht immer richtig oder sogar glaubhaft erscheinen. Bevor allerdings auf den Wahn der Massen genauer eingegangen wird, muss erst die Masse für sich mit ihren Eigenschaften und Gesetzen betrachtet werden:

Das wichtigste Geschehen in einer Masse ist ihre Entladung. Ab diesem Zeitpunkt verlieren die Individuen ihre Verschiedenheit und verschmelzen zur „psychologischen Masse“, ab jetzt hat sie, was eine Masse braucht: eine Richtung, ein Ziel, das für alle gilt.

[....]


1  Kurt Baschwitz: Der Massenwahn. Seine Wirkung und seine Beherrschung, München (1924 ?:handschriftlicher Eintrag), Becksche Verlagsbuchhandlung, S.1
2  vgl. Walter Beck: Sozialpsychologie, Hamburg 1948, Verlag H.H. Nölke
3  Wilhelm Gubisch: Hellseher, Scharlatane, Demagogen. Eine experimentelle Untersuchung zum Problem der außersinnlichen Wahrnehmung und der suggestiven Beeinflussung einzelner Menschen und Menschenmassen. Kritik an der Parapsychologie, München 1961, Ernst Reinhardt Verlag, S.201
4  & 5 Le Bon: Psychologie der Massen, Leipzig, Alfred Kröner Verlag, S.10
6  Kröners Philosophisches Wörterbuch, 13.Auflage 1955
7  Kurt Baschwitz: a.a.O., S.51
8  Aldous Huxley: Die Teufel von Loudun, 2. Auflage, München 1992, Piper Verlag, S.377


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