Untertitel: Eine Bestandsaufnahme zur Lage zweier Schulfremdsprachen im allgemeinbildenden Sekundarschulbereich
Autor: M.A. Frank Günther-Spohr
Fach: Romanistik - Französisch - Didaktik
Details
Jahr: 2000
Seiten: 152
Note: gut (2,0)
Literaturverzeichnis: ~ 240 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 745 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-13600-1
ISBN (Buch): 978-3-640-13627-8
Eingereicht 1999 als Hausarbeit für das Erste Staatsexamen (Note: 1,3) Erstveröffentlichung durch das Institut Français Düsseldorf (ISBN: 3-00-005831-1)
Zusammenfassung / Abstract
Sechsunddreißig Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik über die deutsch-französische Zusammenarbeit, landläufig besser unter der Kurzbezeichnung Elysée-Vertrag bekannt, erschien es mir interessant, im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit für die Staatsprüfung der Frage nachzugehen, welche Rolle dem Deutschunterricht in Frankreich und dem Französischunterricht in Deutschland zukommt. Darüber hinaus wollte ich zumindest in Ansätzen auch darstellen, wie es um die Verbreitung beider Sprachen im Partnerland im allgemeinen bestellt ist. Wie der Titel dieser Erörterung andeutet, erstreckt sich die Untersuchung nicht auf das gesamte Schulwesen, sondern beschränkt sich auf allgemein-bildende Schulen im Sekundarbereich. Die Entscheidung, den berufsbildenden Bereich wie auch den Primarbereich unberücksichtigt zu lassen, erschien mir notwendig, um den Rahmen nicht zu sprengen. Im übrigen war ich bemüht, ein möglichst umfassendes Bild der gegenwärtigen Lage zu vermitteln. Die Arbeit gliedert sich in fünf Hauptteile
Textauszug (computergeneriert)
Deutschunterricht in Frankreich und
Französischunterricht in Deutschland.
Eine Bestandsaufnahme zur Lage zweier Schulfremdsprachen
im allgemeinbildenden Sekundarschulbereich
Schriftliche Hausarbeit
für die Magisterprüfung der Fakultät für Philologie
an der Ruhr-Universität Bochum
(Magisterprüfungsordnung vom 30. April 1981)
vorgelegt von
Günther, Frank
31. Januar 2000
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
2
Vorwort des Verfassers
Bei der vorliegenden Schrift handelt es sich -- von geringfügigen Nachbesserungen abgesehen
-- um die unveränderte Fassung meiner Hausarbeit, die ich im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für die Lehrämter für die Sekundarstufe II und die Sekundarstufe I Anfang 1999 angefertigt und
dem Staatlichen Prüfungsamt für Erste Staatsprüfungen für Lehrämter an Schulen zu Dortmund,
Außenstelle Bochum, im Mai 1999 vorgelegt habe.
Ich danke an dieser Stelle allen Personen und Institutionen, die in unterschiedlicher Form zum
Erfolg dieser Studie beigetragen haben.
Für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Materialrecherche in Frankreich und für ihre Auskünfte
zum dortigen Deutschunterricht bin ich Frl. Magalie Trognon, Alfortville (Val-de-Marne), zu
großem Dank verpflichtet.
Herrn Dipl.-Ök. Christoph Heise, Herne, der das Typoskript Korrektur gelesen hat, verdanke ich
neben Verbesserungsvorschlägen sprachlicher Art auch wertvolle inhaltliche Anregungen, insbe-
sondere zum 5. Kapitel.
Meinem Themensteller und Erstgutachter, Herrn Prof. Dr. Karl-Richard Bausch vom Seminar für
Sprachlehrforschung der Ruhr-Universität Bochum, danke ich sehr herzlich für die überaus gute
Beratung und Betreuung vor und während der Prüfungsphase und für das Interesse, das er dieser
Arbeit entgegengebracht hat.
Schließlich gilt mein Dank Herrn Dr. Alexandre Pajon vom Institut français Düsseldorf für sein
Interesse an meinem Vorhaben und seine Bereitschaft, meine Untersuchungsergebnisse einem
breiteren Leserkreis zugänglich zu machen.
Herne, im Februar 2000
Frank Günther
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
3
Inhaltsverzeichnis
0.
EINLEITUNG 5
1.
PROBLEMAUFRIß 7
1.0
Allgemeines 7
1.1
Vertragliche Fundamente 11
1.2
Das Deutsch-Französische Jugendwerk 18
1.3
Austausch von Fremdsprachenassistenten 22
1.4
Zum Fremdsprachenbedarf in der Gesellschaft 25
2.
DEUTSCHUNTERRICHT IN FRANKREICH 30
2.0
Allgemeines 30
2.1
Historische Einführung 31
2.2
Fremdsprachenunterricht im Sekundarbereich 34
2.3
Relevante Faktoren bei der Sprachenwahl 41
2.4
Deutsch im Hexagon: Ein aussterbendes Fach? 48
2.5
Motivation für mehr Deutsch in Frankreich 51
3.
FRANZÖSISCHUNTERRICHT IN DEUTSCHLAND 56
3.0
Allgemeines 56
3.1
Historische Einführung 57
3.2
Fremdsprachenunterricht im Sekundarbereich 61
3.3
Französischunterricht in Deutschland 63
3.3.1
Übersicht 63
3.3.2
Baden-Württemberg 66
3.3.3
Bayern 68
3.3.4
Berlin 70
3.3.5
Brandenburg 72
3.3.6
Bremen 76
3.3.7
Hamburg 78
3.3.8
Hessen 79
3.3.9
Mecklenburg-Vorpommern 82
3.3.10
Niedersachsen 84
3.3.11
Nordrhein-Westfalen 85
3.3.12
Rheinland-Pfalz 86
3.3.13
Saarland 88
3.3.14
Sachsen 89
3.3.15
Sachsen-Anhalt 90
3.3.16
Schleswig-Holstein 92
3.3.17
Thüringen 94
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
4
3.4
Zusammenfassung 96
4.
SYNTHESE 100
4.1
Zum Schwierigkeitsbegriff 100
4.2
Motivation bei Wahl und Abwahl 102
5.
PERSPEKTIVEN 108
5.1
Bilinguale Zweige: Qualität statt Quantität? 108
5.2
Die Weichenstellung: Diversifizierung oder Monopol 112
5.3
Beseitigung von ,,unlauterem" Wettbewerb 118
5.4
Plädoyer für eine offensive Vermarktungsstrategie 120
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 124
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 125
LITERATURVERZEICHNIS 126
STATISTIKEN 144
INTERNETSEITENVERZEICHNIS 150
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
5
0. Einleitung
Sechsunddreißig Jahre nach der Unterzeichnung des
Vertrages zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und der Französischen Republik über die deutsch-französische Zusammenarbeit
,
landläufig besser unter der Kurzbezeichnung
Elysée-Vertrag
bekannt, erschien es mir interessant,
im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit für die Staatsprüfung der Frage nachzugehen, welche
Rolle dem Deutschunterricht in Frankreich und dem Französischunterricht in Deutschland zu-
kommt. Darüber hinaus wollte ich zumindest in Ansätzen auch darstellen, wie es um die Verbrei-
tung beider Sprachen im Partnerland im allgemeinen bestellt ist.
Wie der Titel dieser Erörterung andeutet, erstreckt sich die Untersuchung nicht auf das gesamte
Schulwesen, sondern beschränkt sich auf allgemeinbildende Schulen im Sekundarbereich. Die
Entscheidung, den berufsbildenden Bereich wie auch den Primarbereich unberücksichtigt zu las-
sen, erschien mir notwendig, um den Rahmen nicht zu sprengen.
Im übrigen war ich bemüht, ein möglichst umfassendes Bild der gegenwärtigen Lage zu vermit-
teln.
Die Arbeit gliedert sich in fünf Hauptteile:
1. Im ersten Teil
(Problemaufriß)
führe ich den Leser in den Problembereich der Fremd- und
Partnersprachen ein und gebe einen Überblick über die wichtigsten bilateralen Abkommen,
die die deutsche und französische Seite in den vergangenen Jahrzehnten in dem Bestreben un-
terzeichneten, der Partnersprache im Schulwesen des eigenen Landes mehr Gewicht einzu-
räumen. Anschließend wird mit dem Deutsch-französischen Jugendwerk eine in der Welt über
lange Zeit einzigartige Institution vorgestellt, die die Aufgabe hat, die Jugend beider Partner-
länder in sprachlicher wie kultureller Hinsicht zusammenzuführen. Der folgende Abschnitt ist
dem Austausch von Fremdsprachenassistenten gewidmet, bevor sich Überlegungen zum
Fremdsprachenbedarf in Wirtschaft und Gesellschaft anschließen.
2. Der zweite Teil ist dem Deutschunterricht in Frankreich gewidmet. Nach einer allgemeinen
Einführung wird auf die historische Entwicklung und die Tradition der Schulfremdsprache
Deutsch an französischen Schulen eingegangen. Im Anschluß werden Strukturen und Fakten
zum Fremdsprachenunterricht im Sekundarschulbereich vorgestellt. Nach einem Kapitel, in
dem dargestellt wird, welche Faktoren bei der Wahl einer Fremdsprache ausschlaggebend
sind, folgt ein Abschnitt, der sich mit dem rückläufigen Deutschunterricht in Frankreich ausei-
nandersetzt. Hieran schließt sich ein Kapitel zu den Motivationen für mehr Deutsch in Frank-
reich an, bevor eine kurze Zusammenfassung den zweiten Teil beendet.
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
6
3. Der dritte Teil widmet sich dem Französischunterricht in Deutschland. Nach einigen einlei-
tenden Bemerkungen allgemeinerer Art schließt sich ein Kapitel an, in dem auf die historische
Entwicklung des schulischen Französischunterrichtes in Deutschland eingegangen wird. Nach
einem Kapitel zum Fremdsprachenunterricht im Sekundarbereich im allgemeinen schließt sich
eine Überblicksdarstellung zum Französischunterricht in Deutschland an. In den folgenden
Kapiteln wird detailliert die Rolle des Französischunterrichtes in den 16 Bundesländern auf-
gezeigt, die in alphabetischer Reihenfolge nacheinander abgehandelt werden. Eine Zusam-
menfassung beendet den dritten Teil.
4. Im vierten Teil der vorliegenden Arbeit sollen in Form einer Synthese übergreifende Frage-
stellungen erörtert werden, die mit Fremdsprachenunterricht eng verbunden sind: Einerseits
werden Betrachtungen zum Schwierigkeitsbegriff angestellt, andererseits soll der Frage nach-
gegangen werden, welche Beweggründe Schülerinnen und Schüler dazu bringen, bestimmte
Fremdsprachen zu wählen oder nicht zu wählen oder bereits gewählte Fremdsprachen wieder
abzuwählen.
5. Der fünfte Teil skizziert Perspektiven für den Unterricht in der Partnersprache: Im ersten Ka-
pitel werden die unterschiedlichen Typen von bilingualen Bildungsgängen in ihrem Span-
nungsfeld zwischen Qualität und Quantität vorgestellt. Das folgende Kapitel verläßt den rein
schulischen Rahmen und ordnet die gegenwärtige Situation der Partnersprachen in einen er-
weiterten Kontext ein; hierbei wird die aktuelle fremdsprachenpolitische Kontroverse zwi-
schen den Antipolen diversifizierte Fremdsprachenlandschaft und Leitsprachenmodell nach-
gezeichnet. Das nächste Kapitel ist dem Lateinischen und seiner Rolle im Fremdsprachenun-
terricht gewidmet, bevor der Verfasser im letzten Kapitel der Arbeit zu einer offensiveren
Vermarktung der Partnersprachen auf beiden Seiten des Rheins aufruft.
Zum methodischen Vorgehen sei an dieser Stelle kurz angemerkt, daß die Hauptteile 2 und 3 zu
einem Großteil auf statistischem Material beruhen, das mir von den unterschiedlichsten Behörden
und Institutionen zur Verfügung gestellt wurde. Zu nennen sind hierbei erster Linie die Dienst-
stellen des französischen Erziehungsministeriums (für den Deutschunterricht in Frankreich), die
Kultusministerien der Länder, die Statistischen Landesämter, die KMK und das Statistische Bun-
desamt (für den Französischunterricht in Deutschland) sowie das Goethe-Institut, die Instituts
français, das DFJW und der PAD. Die jeweilige Quelle ist im Einzelfall nachgewiesen.
Das Ende der vorliegenden Hausarbeit bilden ein Abkürzungsverzeichnis, ein Abbildungsver-
zeichnis sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis. Ein Verzeichnis der konsultierten Internet-
seiten schließt meine Erörterung ab.
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
7
1. Problemaufriß
1.0 Allgemeines
Aus einer neueren Statistik der Europäischen Kommission geht hervor, daß 28 % aller französi-
schen Sekundarschüler Deutsch lernen. Damit liegt Frankreich deutlich über dem EU-
Durchschnitt (18 %), während die Zahl der Sekundarschüler mit Französischunterricht in
Deutschland mit 24 % deutlich unter dem EU-Mittelwert von 33 % liegt.1 Beiden Ländern ist je-
doch gemeinsam, daß Englischunterricht dort überdurchschnittlich stark vertreten ist.2
Betrachtet man die beiderseits des Rheins vorhandenen Fremdsprachenkenntnisse3, so fällt zu-
nächst einmal die doch relativ hohe Zahl der Menschen auf, die überhaupt keine FS beherrschen:
56 % der deutschen und knapp 50 % der französischen Bevölkerung geben an, nur ihre Mutter-
sprache zu beherrschen. Die in beiden Ländern am weitesten verbreitete FS ist das Englische; 41
% der Deutschen und 36 % der Franzosen stufen ihre Kenntnisse als zumindest verwertbar ein.
Mit den Kenntnissen der Partnersprache ist es schlechter bestellt: Während 6 % der Deutschen
über sehr gute oder ziemlich gute und weitere 12 % über nicht sehr gute Französischkenntnisse
(zusammen also 18 %) verfügen, geben nur gut 11 % der Franzosen an, verwertbare Deutsch-
kenntnisse zu haben.
Von den deutschen Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung geben immerhin 37
% der West-, aber nur 12 % der Ostdeutschen an, Französisch ,,mit einiger Leichtigkeit" zu spre-
chen.4 Bei den deutschen Hochschulabsolventen überwiegt mit 70,4 % die Gruppe derer, die
,,nicht sehr gut" oder ,,überhaupt nicht gut" Französisch spricht, während nur 19,5 % ihre Kennt-
nisse in dieser Sprache mit ,,sehr gut" oder ,,ziemlich gut" bezeichnen.5
Das Ausmaß der mangelnden Präsenz der Partnersprache mag folgendes Beispiel aus dem Be-
reich der neuen Medien6 veranschaulichen: Alle sechzehn deutschen Bundesländer sind mit einer
offiziellen Präsentation im Internet vertreten. Neun davon bieten neben einer deutschsprachigen
1 Eurostat 1998, p. 220/221.
2 Während in der Europäischen Union 90 % der Sekundarschüler Englisch lernen, betragen die Anteile für Deutschland 93
% und für Frankreich gar 95 %; vgl. ibdm.
3 Allensbach 1994; INSEE 1998.
4 Allensbach 1994.
5 MediMACH-Marktstrukturanalyse auf Basis der AWA ′98. Kategorie ,,Abgeschlossenes Studium an Universität, (Fach-
)Hochschule oder Polytechnikum; Abgeschlossenes Universitäts- bzw. Hochschulstudium, 18-34 Jahre"
6 Nur am Rande sei hier die Frage angeschnitten, inwiefern neue Medien, wie etwa die Kommunikation via e-Mail, die Nut-
zung der englischen Sprache nachgerade erzwingen, indem sie die Anwendung anderer Sprachen erschweren. ZIMMER 1996
geht auf die technischen Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von Umlauten und Sonderzeichen ein und kommt zu dem
Schluß: ,,Kein französischer oder deutscher Text, der zum Druck bestimmt ist, läßt sich per E-Mail verschicken oder in
Newsgroups ans Schwarze Brett heften."
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
8
auch eine englischsprachige Version an, sieben offerieren ihre Hinweise ausschließlich auf
Deutsch, und lediglich vier Bundesländer bieten auch Seiten in französischer Sprache an.7 Wäh-
rend Bundeskanzleramt, Bundesregierung und Bundespräsidialamt zumindest teilweise Informa-
tionen auf Französisch bereitstellen, sucht man diese beim Deutschen Bundestag und beim Bun-
desrat vergeblich.8 Wenn sich selbst Bundes- und Landesbehörden bei der Umsetzung der aus
dem Elysée-Vertrag resultierenden Verpflichtungen derart schwertun, dann wundert es kaum,
daß man weder bei international operierenden Verkehrsträgern wie der Deutschen Bahn oder der
Lufthansa noch bei weltweit agierenden Konzernen wie der Deutschen Bank oder Siemens Inter-
netpräsentationen in französischer Sprache findet.9
Nur geringfügig anders sieht es jenseits des Rheins aus: Auf den Internetseiten des Staatspräsi-
denten, des Premierministers und des Außenministeriums werden Informationen auch in deut-
scher Sprache angeboten, die Nationalversammlung bietet nur den Text der französischen Ver-
fassung auf Deutsch an und beim Senat gibt es überhaupt kein deutschsprachiges Angebot.10 Bei
der SNCF und der Air France sucht man ebenso vergeblich nach Hinweisen in deutscher Sprache
wie bei der Post und der France Télécom.11
Während auf französischer Seite mit den Mitteln einer rigorosen Sprachgesetzgebung dem In-
filtrationsprozeß des Englischen Einhalt geboten wird, kommt für die Lage in Deutschland er-
schwerend hinzu, daß selbst in deutscher Sprache verfaßte Texte häufig derart stark von Angli-
zismen durchsetzt sind, daß nicht ganz ohne Grund von deutscher Anglomanie die Rede ist.12
Diese Mischung aus Hilf- und Sorglosigkeit in Verbindung mit Fahrlässigkeit im Umgang mit
der eigenen Sprache wird natürlich auch jenseits des Rheines verfolgt und entsprechend zur
Kenntnis genommen. So widmete
Le Figaro
unlängst unter dem Titel ,,Le virus du «Denglish»"13
diesem Thema einen Beitrag, der mit der Feststellung ,,Décidément, nos voisins d′outre-Rhin
n′ont aucun respect pour la langue de Goethe." beginnt und schließlich bei der Sprachenpolitik
7 Eine von mir am 16.01.1999 durchgeführte Momentaufnahme ergab, daß nur Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg und
Hessen Informationen in französischer Sprache vorhielten.
8 Die Seiten des Bundestages sind auf Deutsch und Englisch, die des Bundesrates nur auf Deutsch verfügbar. Bundeskanzler,
-regierung und -präsident bieten ihre Hinweise in deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache an.
9 Die Deutsche Bahn bietet für Ausländer Informationen in Englisch an; bei der Lufthansa und Siemens werden parallel eine
deutsche und englische Version angezeigt, wobei die englische dominiert; die Deutsche Bank schließlich bietet eine mit zahl-
reichen Anglizismen durchsetzte ,,deutsche" Version und eine englische an.
10 Meine Stichprobe am 23.01.1999 ergab, daß Staatspräsident, Premierminister und Außenministerium ein relativ umfas-
sendes Informationsangebot in vier Sprachen (französisch, deutsch, englisch, spanisch) bereithielten; die Nationalversamm-
lung bot die Vollversion in französisch, englisch und spanisch, auf deutsch nur den Wortlaut der Verfassung; der Senat bietet
ausgewählte Informationen auf englisch, eine Vollversion aber nur in französisch an.
11 SNCF, Air France und France Télécom bieten Informationen in französischer und englischer Sprache an, während die Post
ihre Präsentation einsprachig französisch gehalten hat.
12 Vgl. hierzu RADDATZ 1997.
13 SAINT-PAUL 1999.
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
9
der Deutschen Telekom14 endet, über deren Vorstandsvorsitzenden mit unüberhörbarer Süffisanz
berichtet wird, daß ihm von der Gesellschaft zum Schutz der Deutschen Sprache der ,,Sprachpan-
scher" für das Jahr 1998 verliehen wurde:
Celui-ci s′est distingué en faisant de la publicité pour des tarifs «moonshine» et «sunshine». Et en classant les
appels en trois catégories sur les notes de téléphone: «Citycall», «Germancall» et «Globalcall» ...
Unter der Überschrift ,,Verlorene Illusionen Den französischen Deutschlehrern laufen die Schü-
ler weg" war in der
Süddeutschen Zeitung
vom 10. November 1998 zu lesen:
Kein Nachbarschaftsverhältnis zwischen zwei Ländern ist dichter als das deutsch-französische, keines wird
politisch stärker gewollt und institutionell entschlossener gefördert. Rund 2000 Städtepartnerschaften beste-
hen zwischen den Ländern, das deutsch-französische Jugendwerk veranstaltet jährlich 7000 Treffen mit 150
000 Jugendlichen, tausende Unternehmen haben Filialen im Nachbarland. Aber den französischen Deutsch-
lehrern laufen die Schüler weg und den deutschen Französischlehrern zum Teil zumindest ebenso.
So erschreckend diese Meldung auch sein mag, so gering ist der ihr zukommende Neuigkeitsge-
halt. Daß es mit dem wechselseitigen Sprachenlernen nicht zum besten steht, wird seit einigen
Jahren beiderseits des Rheins immer wieder sporadisch festgestellt. In
Le Point
vom 15. Juli 1995
konnten die Leser unter dem Titel ,,Sprechen sie français?" erfahren:
Dans l′enseignement secondaire, toutes filières confondues, 25 % des élèves allemands apprennent notre lan-
gue. [...] Du même coup, on assiste à un décrochage brutal et massif en fin de second cycle. Dans les lycées,
par exemple, le pourcentage des élèves qui font du français tombe de 73 % à 25 % dans les trois dernières
classes. Une véritable hécatombe!
Ein hoher Bundesbeamter hat die Schuldigen an dieser Misere gleich ausgemacht und präsentiert
sie dem französischen Leser: ,,L′éducation est `le′ domaine réservé des Länder, et le gouverne-
ment fédéral n′a pratiquement pas de prise sur leur politique dans ce domaine.", während ein
Bonner Kollege in Anspielung auf den 35. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages
fast schon resignativ zugibt: ,,C′est l′échec politique numéro un du pacte franco-allemand."
Anläßlich der Verabschiedung Erwin Teufels als Bevollmächtigter der Bundesrepublik Deutsch-
land für kulturelle Angelegenheiten im Rahmen des Vertrages über die deutsch-französische Zu-
sammenarbeit schrieb
Die Welt
in ihrer Ausgabe vom 16.12.1998:
Kein Nachbarschaftsverhältnis in Europa ist so eng geknüpft und wurde mit soviel politischem Willen geför-
dert. Nirgendwo sind zwei Länder durch so viele Städtepartnerschaften mehr als 2000 [...] verbunden.
Und in die Hunderttausende geht die Zahl der Jugendlichen, die an gemeinsamen Austauschprogrammen des
Deutsch-Französischen Jugendwerks teilgenommen haben.
Doch mit der Sprache des Nachbarn stehen
die meisten Deutschen und Franzosen mehr denn je auf dem Kriegsfuß.
14 Die Telekom ist weder Einzelfall noch Vorreiter, gab es doch schon in den 1980er Jahren Überlegungen bei der Deutschen
Bundesbahn, die Generalkasse in ,,Cash Management" und die Fahrgelderstattungsstelle in ,,After Sales Service" umzube-
nennen; vgl. BÄR 1989, p. 68.
Deutschunterricht in Frankreich und Französischunterricht in Deutschland
10
zitiert den baden-württembergischen Ministerpräsidenten mit den Worten ,,Die Sprache ist ein
Dauerproblem.", um dann in einer Aussage zu kulminieren, die die gegenwärtige Situation nicht
deutlicher auf den Punkt bringen könnte: ,,[W]as die Kulturvölker auf beiden Seiten des Rheins
heute am engsten verbündet: die englische Sprache."15
Diese wenigen Zitate machen deutlich, daß das Problem mit der Sprache längst nicht mehr aus-
schließlich von interessierten Fachkreisen in Politik, Hochschule, Schule und Kultusbürokratie
diskutiert wird, sondern bereits seinen Weg in die Tagespresse gefunden hat. Sie reichen aus, um
die Frage aufkommen zu lassen, wie es mit der Verbreitung des Deutschen in Frankreich und des
Französischen in Deutschland gegenwärtig bestellt ist. Insbesondere drängt sich in diesem Zu-
sammenhang 36 Jahre nach der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages die Frage nach der
Verankerung der beiden Sprachen im Fremdsprachenkanon des Schulsystems des Partnerlandes
auf. Haben beide Seiten, die deutsche wie die französische, ihre 1963 gesteckten Ziele erreicht
oder sind sie ihnen zumindest nähergekommen?
Daß hier akuter Handlungsbedarf besteht, wird dadurch offensichtlich, daß die Goethe-Institute in
Frankreich und die Instituts français in Deutschland eine gemeinsame Broschüre16 entwickelt ha-
ben, die Anfang 1999 in einer Auflage von 2 Mio. Exemplaren erschienen ist und an Schüler bei-
derseits des Rheines verteilt werden soll, die vor einer FS-Wahlentscheidung stehen. In optisch
wie sprachlich ansprechender und der jugendlichen Zielgruppe adäquater Form werden Argu-
mente für das Lernen der Partnersprache aufgezählt und traditionelle Vorurteile aus dem Wege
geräumt.
15 HEHN 1998, eigene Hervorhebung.
16 Goethe-Institut Paris/Instituts français in Deutschland (Hgg.),
L′allemand, une clé pour l′avenir. Französisch, ein Schlüssel
zur Zukunft,
Paris/ Bonn 1999.
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