Die gesellschaftlichen Grundlagen des Sciencefiction Genres close Bitte warten


Details

Institution/Hochschule: Universität Duisburg-Essen
Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 99
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 49  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 380 KB
Archivnummer: V113890
ISBN (E-Book): 978-3-640-13819-7
ISBN (Buch): 978-3-640-13839-5

Zusammenfassung / Abstract

Sciencefiction ist das Unterhaltungsgenre, welches hauptsächlich belletristisch und filmisch Zukunft, Wissenschaft, Fortschritt und Technik, aber auch generell Veränderung und gesellschaftlichen Wandel thematisiert. Es ist zu einem festen Bestandteil der Medienlandschaft geworden und konfrontiert Konsumenten und Rezipienten tagtäglich mit seinen Motiven, Stilmitteln und Inhalten. Regelmäßig sind auf den verschiedenen Fernsehkanälen Sciencefiction-Filme und Sciencefiction-Serien zu sehen. Viele Kinofilme benutzen Sciencefiction-Elemente, auch wenn es sich nicht explizit um Sciencefiction-Filme handelt. Die Werbung spielt mit Sciencefiction-Motiven, um die Fortschrittlichkeit und Überlegenheit ihrer Produkte zu unterstreichen. Betrachtet man die Popularität des Genres, stellt sich die Frage, welchen Einfluss Sciencefiction auf die Gesellschaft hat, beziehungsweise welchen Einfluss sie haben kann.

Textauszug (computergeneriert)

Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

Inhaltsverzeichnis


Einleitung

03

1. Definition, Diskussion und Abgrenzung von Sciencefiction 06

1.1

Definition

von

Sciencefiction

07

1.2 Das Neuartige in der

Sciencefiction

10

1.3

Sciencefiction

und

Film

12

1.4

Zusammenfassung

17

2. Motive des Sciencefiction Genres

17

2.1 Kontakte der Menschheit mit fremden Wesen und

fremder Intelligenz

18

2.2 Entdeckungsreisen durch die Galaxie

19

2.3 Gegenwelt, Parallelwelt und Alternativwelt

20

2.4

Zeitreisen 21

2.5 Die Katastrophe und das Danach

22

2.6

Die

wissenschaftlich-technische oder biologische

Veränderung

23

2.7 Utopien, Dystopien und gesellschaftlicher Wandel 23

2.8

Zusammenfassung

24

3. Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres 25

3.1 Sciencefiction als Genre bezogen auf die Zukunft

27

3.1.1

Sciencefiction

als Mittel der Prognose

27

3.1.2 Sciencefiction als Beeinflussung der

Zukunftsrezeption

29

3.1.3 Sciencefiction als Teil eines gesamt-

gesellschaftlichen Zukunftsentwurfes

31

3.2 Sciencefiction als Genre bezogen auf die Gegenwart 32

3.2.1

Sciencefiction

als Spiegel der Gegenwart

33

3.2.2 Sciencefiction als kritische Beleuchtung

der Gegenwart

37

3.3 Sciencefiction als ein Denkmodell

38

3.4 Das Szenario als darstellende

Form

40

3.4.1

Das

Szenario

in der Zukunftsforschung

41

3.4.2 Das Szenario in der Sciencefiction

42

3.5 Sciencefiction als Bewertung von Technik

45

3.6

Zusammenfassung

46

1


Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

4. Sciencefiction und Social Fiction

48

4.1 Definition und Verwendung des Begriffs

,,Social Fiction"

48

4.2 Beispiele für Social Fiction in der Sciencefiction

52

4.3 Social Fiction als Technikfolgenabschätzung

55

4.4 Utopisches Denken als Social Fiction

61

4.4.1

Sciencefiction

und

Utopie 61

4.4.2

Die

utopische

Methode

64

4.4.3

Utopiegehalt

der

Sciencefiction am Beispiel

Star

Trek

71

4.4.4

Dystopien

75

4.5 Sciencefiction und

,,Cyberpunk"

77

4.6 Sciencefiction und die Geschlechterthematik

81

4.7

Alternativwelten

84

4.8

Zusammenfassung

86

Fazit

87

Literaturverzeichnis

92





















2


Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

Einleitung

Zu Beginn des neuen Millenniums ist Sciencefiction populärer

denn je. Luke Skywalker, Captain Kirk, Spock und E.T. sind

Namen, die jeder schon einmal gehört hat. Der Erfolgskurs

der US-amerikanischen

Star Trek-

Serien1 scheint nahezu

ungebrochen. Das Internet trägt seinen Teil dazu bei, die

Produktion von Sciencefiction Filmen in der Art von

Das Netz,
Strange Days

oder der

Matrix

-Trilogie anzuregen. Umso

überraschender ist es, dass Sciencefiction im Bereich der

offiziellen universitären Lehre sowie der wissenschaftlichen

Forschung auch weiterhin eine relativ unbedeutende Rolle

spielt.

Sciencefiction ist das Unterhaltungsgenre, welches

hauptsächlich belletristisch und filmisch Zukunft,

Wissenschaft, Fortschritt und Technik, aber auch generell

Veränderung und gesellschaftlichen Wandel thematisiert. Es

ist zu einem festen Bestandteil der Medienlandschaft

geworden und konfrontiert Konsumenten und Rezipienten

tagtäglich mit seinen Motiven, Stilmitteln und Inhalten.

Regelmäßig sind auf den verschiedenen Fernsehkanälen

Sciencefiction-Filme und Sciencefiction-Serien zu sehen.

Viele Kinofilme benutzen Sciencefiction-Elemente, auch

wenn es sich nicht explizit um Sciencefiction-Filme handelt.

Die Werbung spielt mit Sciencefiction-Motiven, um die

Fortschrittlichkeit und Überlegenheit ihrer Produkte zu

unterstreichen.

Betrachtet man die Popularität des Genres, stellt sich die

Frage, welchen Einfluss Sciencefiction auf die Gesellschaft

hat, beziehungsweise welchen Einfluss sie haben kann. Von

sozialwissenschaftlicher Seite kann daher gefragt werden, ob

die Sciencefiction ein gesellschaftliches Potenzial besitzt, das

heißt, ob sie in besonderer Form mit der Gesellschaft

wechselwirkt und potenziell gesellschaftsrelevant wirksam

werden kann. Kann die Sciencefiction dazu beitragen,

gesellschaftliche Zusammenhänge aufzudecken, bestimmte

Sachverhalte sozial zu vermitteln, aus ungewohnter

Perspektive zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen?

Die zugrunde liegende Frage dieser Arbeit lautet, ob

Sciencefiction auf Grund ihres spekulativen Charakters und

1 Die nunmehr fünfte

Star Trek

-Serie mit dem Titel

Enterprise

wird seit dem Jahr 2002

produziert..

3


Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

der genrebedingten Besonderheiten, wie beispielsweise die

Thematisierung von Zukunft, ein spezifisches

gesellschaftliches Potenzial besitzt. Die Arbeit versucht die

These zu untermauern, dass durch die Benutzung von

Sciencefiction-spezifischen Elementen und Stilmitteln, wie

Utopie und Dystopie, Szenario-Ansatz sowie der

Thematisierung von Wissenschaft, Technik und Zukunft das

Genre ein Potenzial besitzt, das es von anderen

Unterhaltungsgenres eindeutig absetzt und das soziologisch

zu erklären ist.

Interessant ist hierbei die Analyse der Sciencefiction als

,,soziale Fiktion" (im Folgenden mit Social Fiction bezeichnet).

Hier kann man ein besonderes Potenzial erwarten, da sich

Social Fiction gesellschaftlichen Problemstellungen in

erkenntnisorientierter Weise nähert und im Gegensatz zum

generellen gesellschaftlichen Potenzial es sich hierbei um die

Analyse des bewusst genutzten Potenzials der Sciencefiction

als gesellschaftlich orientiertes Denkmodell handelt.

Dem Thema Sciencefiction soll sich in inhaltlicher Weise

genähert werden, das heißt, es soll keine Analyse anhand

einer bestimmten soziologischen oder

kommunikationswissenschaftlichen Theorie durchgeführt

werden, sondern ausgehend von den Eigenheiten des

Genres, auf gesellschaftliche Wirkungszusammenhänge

aufmerksam gemacht werden, die der Produzent dem

Rezipienten vermitteln will.

Die Arbeit beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der

Sciencefiction, nicht jedoch zwingend mit den tatsächlichen

Auswirkungen. Eine empirische Wirkungsanalyse soll im

Rahmen dieser Arbeit nicht erbracht werden. Aus diesem

Grund steht das theoretische Potenzial des Genres im

Vordergrund.

Die Sciencefiction ist als Untersuchungsgegenstand der

Soziologie ein eher vernachlässigtes Thema. Die Literatur,

welche sich von soziologischer Seite mit der Sciencefiction

beschäftigt, ist äußerst spärlich. Es existiert wissenschaftliche

Literatur, die sich zwar nicht mit der Sciencefiction an sich,

wohl aber mit einem ihrer Sub-Genres, der Utopie,

beschäftigt. Dort wird Sciencefiction aber in den meisten

Fällen bewusst ausgegrenzt und nicht mit in die Analyse

einbezogen, da sie im Gegensatz zur Utopie als trivial

angesehen wird. Außerdem wird in der Utopieforschung nur

selten dezidiert auf die Utopie als Unterhaltungsprodukt

4


Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

eingegangen, wie es sich in der Sciencefiction darstellt,

sondern sie wird eher als literarisches Traktat zur

Gesellschaftspolitik gesehen.

Auf Grund des aktuellen Sciencefiction-Booms seit Beginn

der 90er Jahre ist allerdings in den unterschiedlichen

Fachrichtungen vermehrt eine wissenschaftliche

Beschäftigung mit der Sciencefiction zu erkennen, von

philosophischen Arbeiten über medien- bzw.

kunstwissenschaftliche Arbeiten und Betrachtungen bis hin

zu den Sozialwissenschaften. Aber auch in Verbindung

moderner Informations- und Kommunikationstechniken und

unter dem Einfluss einer zunehmenden Virtualisierung der

Gesellschaft, wie sie in der Sciencefiction bereits seit den

80er Jahren thematisiert wird, erscheint eine Beschäftigung

mit dem generellen Einflusspotenzial der Sciencefiction

notwendig. Die vorliegende Arbeit soll daher ein Schritt in die

Richtung der soziologischen Entschlüsselung des

Phänomens Sciencefiction, seiner Strukturen, Stilmittel und

Motive und des daraus resultierenden gesellschaftlichen

Potenzials sein.

Die Sozialwissenschaften, darunter auch die hauptsächlich

empirisch arbeitende Kommunikationswissenschaft, sollten

nicht nur in der Lage sein, allgemeine Theorien über

gesellschaftliches Zusammenleben aufzustellen und

quantifizierbare Ergebnisse empirischer Sozialforschung zu

liefern. Sie sollten ebenso auch sehr spezielle (durchaus

vermeintlich triviale) Aspekte von Gesellschaften analysieren

und deren Wirkungszusammenhänge aufdecken und

erklären.

Als ein solcher Beitrag versteht sich die vorliegende Arbeit,

welche sich in vier Teile gliedert.

Der erste Teil behandelt verschiedene Definitionen von

Sciencefiction und skizziert die Geschichte von Sciencefiction

und Film.

Im zweiten Teil wird eine Übersicht über die Themengebiete

gegeben, die unter der Bezeichnung Sciencefiction

zusammengefasst werden. Es wird eine Einteilung in sieben

Motivkategorien vorgenommen, um den

Forschungsgegenstand thematisch einzugrenzen und zu

gliedern.

Im dritten Teil wird auf das generelle gesellschaftliche und

soziale Potenzial der Sciencefiction eingegangen. Hier wird

besonders die Frage untersucht, inwieweit die Sciencefiction

5


Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

als zukunftsbezogen angesehen werden kann, bzw. als

gegenwartsbezogen angesehen werden muss und damit in

gesellschaftskritischer Weise potenzielle Auswirkungen auf

die Gesellschaft haben kann. Des Weiteren wird auf das

Potenzial der Sciencefiction als erkenntnisorientiertes

Denkmodell eingegangen.

Der vierte Teil der Arbeit führt den Aspekt der Sciencefiction

als Denkmodell in Form der oben erwähnten Social Fiction

konkreter aus. Es soll erörtert werden, inwieweit die

Sciencefiction in der Lage ist, mit Hilfe soziologischer

Kategorien erkenntnisorientiert gesellschaftlich relevante

Problemstellungen zu veranschaulichen und diskutierbar zu

machen. Es werden Beispiele für Social Fiction anhand der

sieben Motivkategorien dargestel t und danach idealtypische

Anwendungen von Sciencefiction als erkenntnisorientiertes

Denkmodell in Form von Social Fiction untersucht.

Ein abschließendes Fazit, welches die Ergebnisse

zusammenfasst und bewertet, soll die vorliegende Arbeit

abrunden.

1. Definition, Diskussion und Abgrenzung von

Sciencefiction

Mit der Bezeichnung ,,Sciencefiction" gewisse Bilder, Motive

und Begriffe wie zum Beispiel Roboter, Raumfahrt oder

Zeitreisen zu assoziieren, fällt nicht schwer. Wenn man

jedoch versucht zu definieren, was Sciencefiction tatsächlich

ist, stößt man sehr schnell an Grenzen und an das Problem,

dass der Begriff ,,Sciencefiction" seit den Anfängen des

Genres beziehungsweise seit Beginn der Begriffsbenutzung

in unterschiedlicher Form verwendet wurde. Daher sollte der

Begriff grundlegend definiert werden und die Sciencefiction

gegenüber anderen Genres abgegrenzt werden.






6


Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

1.1 Definition des Sciencefiction Genres

Der Begriff ,,Sciencefiction" wurde zuerst von William Wilson

1851 in dem Essay ,,A little earnest Book upon a great old

Subject" benutzt, wurde aber erst 1929 von dem

Sciencefiction-Autor und Herausgeber Hugo Gernsback in

seiner heutigen Form geprägt. Dies geschah durch das US-

Magazin ,,Science Wonder Stories", dem ersten Magazin,

welches sich ausschließlich der Sciencefiction widmete und

zum Entstehen der publizistischen Kategorie Sciencefiction

beitrug. In Deutschland waren noch bis in die 50er und 60er

Jahre die Begriffe ,,Utopischer Roman" oder ,,Zukunftsroman"

gebräuchlich, bis sich auch hier der Begriff Sciencefiction als

Name des Genres durchsetzte. Seitdem der Begriff

Sciencefiction geprägt wurde und das Genre als

eigenständige Kategorie existiert, haben Autoren,

Herausgeber, aber auch Theoretiker und Kritiker immer

wieder versucht, eine erschöpfende und befriedigende

Definition der Sciencefiction zu finden. Ein Hauptproblem

dieser Definitionsdebatte ist die Tatsache, dass häufig

versucht wird, zu definieren, was Sciencefiction sein sollte,

nicht, was Sciencefiction tatsächlich ist. Es handelt sich also

in der Mehrzahl nicht um analytische, sondern um normative

Definitionen. Oft soll gezeigt werden, dass Sciencefiction zu

Unrecht der Minderwertigkeit und der Trivialität bezichtigt

wird.

Praktisch stellt der Begriff Sciencefiction immer noch eher

eine publizistische als eine inhaltliche Kategorie dar. Aus

diesem Grunde wurden und werden Bücher mit klaren

Sciencefiction-Themen und Sciencefiction-Inhalten, die aber

von renommierten Nicht-Sciencefiction-Autoren geschrieben

wurden, nicht unter dem Begriff Sciencefiction publiziert. Das

führt auf der einen Seite zu der Bewertung der gesamten

Sciencefiction als Trivialliteratur und erschwert auf der

anderen Seite die Arbeit mit der Sciencefiction als

wissenschaftlichen Gegenstand, da das Forschungsobjekt

nur schwerlich befriedigt eingegrenzt werden kann.

Ulrich Suerbaum führt in dem Buch

Science-Fiction: Theorie
und Geschichte, Themen und Typen, Form und Weltbild2

zwei archetypische Definitionstraditionen der Sciencefiction

2 Suerbaum 1981.

7


Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

an, deren Vertreter er ,,Puristen" und ,,Universalisten" nennt.

Einen klassischen Vertreter der Puristen stellt für ihn der

Sciencefiction-Autor Robert A. Heinlein dar. Die Puristen

legen großen Wert auf das Kriterium der Wissenschaftlichkeit

und sehen Sciencefiction als Extrapolation auf der Grundlage

des aktuellen Stands von Forschung und Technik innerhalb

der gegebenen Naturgesetze. Würde man dieses Kriterium

jedoch tatsächlich anlegen, dürfte ein Großteil dessen, was

als Sciencefiction bekannt ist, nicht zu dieser Kategorie

zählen. Sciencefiction handelt oft entweder nicht von

Wissenschaft, sondern höchstens von Pseudowissenschaft

oder Wissenschaft wird tatsächlich gar nicht erst thematisiert.

Ebenfalls sehr wichtig ist den Puristen der prognostische

Anspruch der Sciencefiction, der aus der Annahme der

Wissenschaftlichkeit der Sciencefiction erwächst. Die

Universalisten auf der anderen Seite legen mehr Wert auf

allgemeine Kriterien der anerkannten Literatur und sehen den

Wissenschaftsbezug nur als sekundäres Kriterium. Hier lässt

sich eine eher humanistische Tendenz erkennen. Die

,,Aufgabe" der Sciencefiction ist bei den Universalisten

deutlich weiter gefasst und impliziert einen literarisch höheren

Anspruch. In diesem Sinne wird kein prognostischer Wert des

Genres postuliert, aber wie auch bei den Puristen lässt sich

feststellen, dass hier eher ein Anspruch an das Genre

formuliert wird als eine richtige Definition. Obwohl der

,,Science" ­ Aspekt nicht mehr im Vordergrund steht, ist

immer noch von dem kaum erfüllbaren Anspruch der

Wissenschaftlichkeit die Rede. Neuere Definitionsversuche

räumen der Wissenschaftlichkeit nicht mehr den gleichen

Stellenwert ein wie es noch Heinlein tat, sondern versuchen

den Anspruch der Wissenschaftlichkeit durch die

Thematisierung von Technik zu ersetzen.

Einen anderen Ansatz verfolgt der Sciencefiction-Theoretiker

Darko Suvin, der in seiner normativen Definition auf den

Aspekt der Wissenschaft völlig verzichtet. Er konzentriert sich

als primäres Definitionskriterium von Sciencefiction auf den

Unterschied zwischen der erfahrbaren Welt des Autors und

der fiktionalen Welt der Geschichte. Der Versuch,

Sciencefiction als ein Genre darzustellen, in dem eine Welt

beschrieben wird, die von der empirisch erfahrbaren Welt

abweicht, macht Sinn. Das Kriterium sollte also die

Fiktionalität sein, ähnlich der Verfremdung und des

imaginativen Rahmens im Sinne Suvins. Dabei darf jedoch

8


Das gesellschaftliche Potenzial des Sciencefiction Genres

nicht der Anspruch an die Erkenntnis aufrechterhalten

werden, die von dem größeren Teil der Sciencefiction weder

geleistet noch überhaupt angestrebt wird.

Karl Heinz Steinmüller definiert Sciencefiction ebenfalls über

den Unterschied zwischen realer Welt und Sciencefiction-

Welt. Seine in zwei Schritte gegliederte analytische Definition

grenzt im ersten Schritt die phantastische Literatur von der

realistischen Literatur ab:

,,In der realistischen Literatur wird eine Welt vorausgesetzt,
die im Prinzip unserer empirisch erfahrbaren Welt entspricht.
Die Welt der phantastischen Literatur weicht für den Leser
erkenntlich von unserer Wirklichkeit ab." 3

Im zweiten Schritt wird die Sciencefiction von der ,,reinen"

Phantastik, wie Märchen, Horror und Fantasy unterschieden:


,,In der Sciencefiction wird im Unterschied zur ,,reinen"
Phantastik die Abweichung der Welt des Werkes von der
Realität des Konsumenten unter Bezugnahme auf ein
wissenschaftliches Weltbild legitimiert (als plausibel
dargestellt)." 4

Diese zweiteilige Definition bezieht sich genau auf jene

Elemente der Sciencefiction, die im Kontext des

gesellschaftlichen Potenzials und der Besonderheit der

Sciencefiction gegenüber anderen Genres wichtig sind.

Steinmüller bezieht sich bewusst nicht auf den Aspekt der

Wissenschaftlichkeit, sondern spricht vom wissenschaftlichen

Weltbild. Sciencefiction soll jene Phantastik sein, die diesem

Weltbild nicht explizit widerspricht. Damit werden die in der

Sciencefiction üblichen pseudowissenschaftlichen

Erklärungen von Situationen, Handlungen und Neuerungen

ebenfalls eingeschlossen, die zwar nicht wissenschaftlich

sind, wohl aber auf dem wissenschaftlichen Weltbild

basieren. Ebenso werden Utopien, Dystopien und andere

gesellschaftliche Veränderungen, die einen wichtigen

Teilbereich der Sciencefiction darstellen, nicht

3 Steinmüller 1995, S.12

4 Steinmüller 1995, S.14

9


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