Subtitle: Berichte vom Krieg
Other, 2008, 34 Pages
Author: Andreas Raffeiner
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology
Details
Institution/College: University of Innsbruck (Philosophisch-Historische Fakultät)
Tags: Briefe, Front, Proseminar, Krieg, Kultur
Year: 2008
Pages: 34
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 25 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-14238-5
ISBN (Book): 978-3-640-14349-8
File size: 991 KB
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Abstract
Einleitend möchte ich darauf hinweisen, dass zu Beginn dieser Arbeit keine besonders ins Auge gefasste Aufgabe, sondern eine rein persönliche, beileibe nicht methodisch durchdachte Interessenslage zur Thematik der Mentalitätsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges stand. Allerdings verdichtete sich meine Beflissenheit mit der Phase des Materialsammelns und dem theoretischen Aufarbeitungsversuch der Feldpostbriefe meines Großvaters zu ausführlicheren Fragen unter ethnologischem Gesichtspunkt. Vereinzelt gibt es im Bereich der Frontbriefaufarbeitung Rekurse im militär-soziologischen Bereich. Leider gehen diese vergleichsweise spärlich auf die persönlichen Erlebnisse der Soldaten fern der Heimat und deren Kriegswahrnehmung und -bewältigung ein. Somit möchte ich mit dieser Arbeit ein wenig Licht in das Dunkel dieses sozial- und alltagsgeschichtlichen Teilbereiches bringen. Ethnologisch wie soziologisch konnte ich dem Ziel, individuelle Gedankengänge und das subjektive Wahrnehmen der menschenverachtenden Wirklichkeit des Krieges nachzuvollziehen, ein wenig näher kommen. Demzufolge war es naheliegend, Quellen aus der persönlichen Familiengeschichte als Arbeitsgrundlage einzusetzen. Dabei habe ich mich weniger auf Kriegsliteratur, Zeittafeln und andere herkömmliche Materialien des Zweiten Weltkrieges beschränkt, sondern das Hauptaugenmerk auf die Briefe meines Großvaters gelegt und die anderen angeführten und keinesfalls unwichtigen Überlieferungen als Vervollständigung miteinbezogen. Diese vorab gestellten, bei weitem aber nicht erschöpfenden Überlegungen lassen Frontbriefe zur Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges als ziemlich aussichtsreich erscheinen, da man dabei auf einen relativ leicht erreichbaren, aber noch kaum genutzten Fundus der Alltagsgeschichte jener Zeit zurückgreifen kann.
Excerpt (computer-generated)
Universität Innsbruck
Philosophisch-Historische Fakultät
Institut für Geschichte und Ethnologie
Berichte vom Krieg
BRIEFE VON DER FRONT
von
Andreas Raffeiner
Proseminar
Krieg
und
Kultur
Sommersemester
2008
Bozen, Innsbruck im Juni 2008
In Erinnerung an Karl Mock
* 14.05.1910- 30.01.1943
1
INHALTSVERZEICHNIS
1 EINFÜHRUNG
3
1.1 Interesse und Entscheidung für den Quellenbereich persönlicher Briefe
3
1.2 Vorstellung
des
Brieflots
4
2 HISTORISCH-BIOGRAFISCHER EXKURS
4
2.1 Unter der Willkürherrschaft des italienischen Faschismus
4
2.2
Über
die
Option
5
2.3
Der
Briefschreiber 6
3 DIE FELDPOST MEINES GROSSVATERS
7
3.1
Definition
der
Feldpost
7
3.2 Der Feldpostbrief als Form privater Verständigung im 2. Weltkrieg
9
3.3 Fundamentale Ansichten zur Feldpost
10
4 FALLANALYSE
11
4.1 Möglichkeiten der Analyse
11
4.2 Analyse der Briefe meines Großvaters
12
5 NACHWORT
19
6 BILD- UND LITERATURVERZEICHNIS
20
6.1
Persönliche
Quellen
20
6.2
Literaturverzeichnis
20
7 TRANSKRIPTION ALLER ERHALTENEN DOKUMENTE
23
2
1 EINFÜHRUNG
1.1 INTERESSE UND ENTSCHEIDUNG FÜR DEN QUELLENBEREICH PERSÖNLICHER BRIEFE
Einleitend möchte ich darauf hinweisen, dass zu Beginn dieser Arbeit keine besonders ins Auge gefasste Aufgabe, sondern eine rein persönliche, beileibe nicht methodisch durchdachte Interessenslage zur Thematik der Mentalitätsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges stand. Allerdings verdichtete sich meine Beflissenheit mit der Phase des Materialsammelns und dem theoretischen Aufarbeitungsversuch der Feldpostbriefe meines Großvaters zu ausführlicheren Fragen unter ethnologischem Gesichtspunkt.
Vereinzelt gibt es im Bereich der Frontbriefaufarbeitung Rekurse im militär-soziologischen Bereich. Leider gehen diese vergleichsweise spärlich auf die persönlichen Erlebnisse der Soldaten fern der Heimat und deren Kriegswahrnehmung und -bewältigung ein. Somit möchte ich mit dieser Arbeit ein wenig Licht in das Dunkel dieses sozial- und alltagsgeschichtlichen Teilbereiches bringen. Ethnologisch wie soziologisch1 konnte ich dem Ziel, individuelle Gedankengänge und das subjektive Wahrnehmen der menschenverachtenden Wirklichkeit des Krieges nachzuvollziehen, ein wenig näher kommen.
Demzufolge war es naheliegend, Quellen aus der persönlichen Familiengeschichte als Arbeitsgrundlage einzusetzen. Dabei habe ich mich weniger auf Kriegsliteratur, Zeittafeln und andere herkömmliche Materialien des Zweiten Weltkrieges beschränkt, sondern das Hauptaugenmerk auf die Briefe meines Großvaters gelegt und die anderen angeführten und keinesfalls unwichtigen Überlieferungen als Vervollständigung miteinbezogen.
Diese vorab gestellten, bei weitem aber nicht erschöpfenden Überlegungen lassen Frontbriefe zur Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges als ziemlich aussichtsreich erscheinen, da man dabei auf einen relativ leicht erreichbaren, aber noch kaum genutzten Fundus der Alltagsgeschichte jener Zeit2 zurückgreifen kann. Zum Schluss des ersten Teilabschnittes der vorliegenden Arbeit bleibt mir noch, den vielen Personen, die mich mit Material, Informationen, aber auch Gedankenanstößen und Ermunterungen versorgten, zu danken. Ohne meinen Professor, Herrn Mag. Dr. Karl C. Berger, der mich als Student der Geschichte an seinen Ethnologie-Lehrveranstaltungen teilnehmen ließ, und ohne seine Wissensvermittlung und sein Entgegenkommen wäre diese Proseminararbeit schwer möglich gewesen.
1Vgl. dazu: Meyer, Peter: Das Kriegssystem. Zur Entstehung und Bedeutung des Krieges für Individuum und Gesellschaft, Diss. Arb., Heidelberg 1970.
2Siehe dazu: Buchbender, Ortwin; Sterz, Reinhold (Hg.): Das andere Gesicht des Krieges. Deutsche Feldpostbriefe 1939-1945, München 1982.
3
1.2 VORSTELLUNG DES BRIEFLOTS
Von der wissenschaftlich-inhaltlichen Auslegung bot sich das kleine Feldpostlot3 meines Großvaters vom 14. September 1941 bis zum April 1943 als Quelle einer soziologischhistorischen, aber auch ethnologischen genaueren Analyse an. Zunächst zeichneten sich einige problembezogene Fragen ab, welche die Typologie der Soldatenbriefe zum Gegenstand hatten. Bei ausführlicherer Begutachtung derartiger Briefe stellte sich schon bald heraus, dass eine wissenschaftliche Aufarbeitung einer zweckmäßigen, aber auch überzeugenden inhaltlichen Bearbeitung des Hintergrundes der Lebensgeschichte des Verfassers bedurfte. Meine Wahl fiel daher auf die Briefe, die den oben angeführten Zeitabschnitt von etwas mehr als anderthalb Jahren abdeckten.
Es ist gewiss vermessen, von einer kompakten und folglich lückenlosen Sammlung von Briefen zu sprechen. So will ich von einem Lot von neun noch erhaltenen Briefen und einer Urkunde schreiben. Anzumerken ist ferner auch, dass die meisten Briefe aus dem Kriegswendejahr 1942 stammen.
Die Briefe von meiner Großmutter an die Front sind leider nicht mehr vorhanden. Ob meine Großmutter sie nach der offiziellen Vermisstenmeldung ihres Ehemannes mitsamt anderen wichtigen Dokumenten zurückerstattet bekommen und sie in der Folge vernichtet hat, ist genauso so ungeklärt wie die Antwort auf die Frage, wie oft sie im Zeitraum vom Herbst 1941 bis April 1943 Neuigkeiten aus der Heimat an die Front geschrieben hat. Dass sie es tat, geht aus den Briefen hervor.
2 HISTORISCH-BIOGRAFISCHER EXKURS
2.1 UNTER DER WILLKÜRHERRSCHAFT DES ITALIENISCHEN FASCHISMUS
Als Folge des verlorenen Ersten Weltkrieges wurde Südtirol im Friedensdiktat von Saint Germain 1919 gegen den erklärten Willen der ansässigen Bevölkerung Italien zugesprochen.4 Der italienische König Viktor Emanuel III., Ministerpräsident Giolitti und Außenminister Tittoni gaben häufig Erklärungen ab, dass ihre liberale Staatsmacht die angestammte Sprache und Kultur der Südtiroler anerkennen und respektieren werde. Doch alle diese Versprechungen wurden der steigenden nationalistischen Ekstase unter den italienischen Bürgern geopfert.
3Siehe dazu die Transkription der noch vorhandenen Briefe im Anhang.
4Vgl. Parteli, Othmar: Geschichte des Landes Tirol, Bd. 4/1, S. 36-54.
4
Als 1922 die Faschisten in Italien die Befehlsgewalt ergriffen hatten, begann für Südtirol eine durchaus harte Zeit. So wurden 1923 Südtirol und das Trentino zur Provinz Venezia-Tridentina vereinigt, an deren Spitze ein Präfekt in der Hauptstadt Trient stand. Die Stellung des Faschistischen Großrates in Rom zu Südtirol wurde durch Ettore Tolomei geprägt, der am 15. 7. 19235 im Bozner Stadttheater die sogenannten Bestimmungen für das Oberetsch (Provvedimenti per l′Alto Adige) manifestierte. Dieses Italienisierungsprogramm betraf viele Seiten des Lebens der Südtiroler und sollte mit der vordergründigen Intention der Vernichtung der deutschen Sprache und Kultur durchgeführt werden. Dabei waren die Unterdrückung des deutschen Schulwesens und die Einführung der italienischen Unterrichtssprache die ersten und wirkungsvollsten Waffen. Der Name Tirol wurde verboten, die italienische Amts- und Gerichtssprache eingeführt und die traditionsreiche, althergebrachte Tiroler Gemeindeautonomie beseitigt. Darüber hinaus wurde auch eine Unzahl von Edelobstanlagen und Weingütern enteignet und in Bozen eine Industriezone errichtet. Wie das Land selbst, so sollten auch die Einwohner und Orte nur noch italienische Namen tragen. Die Südtiroler fühlten sich behandelt wie ein Kolonialvolk. Doch es wurde noch schlimmer ...
2.2 ÜBER DIE OPTION
Auf dem Parkett der großen Politik kam es 1939 zu einer ungeahnten Wendung, die in der im Folgenden beschriebenen Option endete.
Der nationalsozialistische Führer Adolf Hitler und sein italienischer Verbündeter, der faschistische Duce Benito Mussolini, waren sich schon einige Jahre vorher, nach dem Abessinienfeldzug, näher gekommen. Beide brauchten einander zur Verwirklichung ihrer Hegemonialbestrebungen. Das Südtirolproblem war demzufolge ein Störfaktor für ein deutsch-italienisches Achsenbündnis. Nach einigen Verhandlungen kam es zur Berliner Vereinbarung. Demnach sollten alle Südtiroler, die deutsch bleiben wollten, ins Deutsche Reich abwandern, und diejenigen, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, die deutsche Sprache und Kultur aufgeben und zwangsitalianisiert werden.
Als man im Land von Etsch, Eisack und Rienz von dieser Abmachung erfuhr, breiteten sich rasch lähmende Bestürzung, blankes Entsetzen, aber auch großes Chaos aus. Man wusste durchaus nicht, was zu tun war und wie man sich entscheiden sollte. Zu Beginn wollte man gar das Abkommen boykottieren und nicht zur Wahl gehen. Die Südtiroler waren in ihrer Gewissensnot mehrheitlich auf sich allein gestellt; die Entscheidung fiel erdenklich schwer.
5Siehe dazu http://zis.uibk.ac.at/stirol_doku/stirol.html, Unterseite des Weltnetzportals des Instituts für Zeitgeschichte. (Stand: 22. April 2008).
5
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