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Magisterarbeit, 2008, 95 Seiten
Autor: M.A. Torsten Blut
Fach: Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik
Details
Tags: Eine, Sprache, Sprachverfallsdebatte, Aufarbeitung, Nachrichtenmagazin, SPIEGEL
Jahr: 2008
Seiten: 95
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 110 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-14939-1
ISBN (Buch): 978-3-640-32015-8
Dateigröße: 316 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Der Topos vom Verfall der Sprache ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert Element der deutschen Sprachkritik. Mit dem Aufkommen der historisch vergleichenden Methodik in der Sprachwissenschaft wurde die Entwicklung der Sprache seit dem Mittelhochdeutschen zunehmend als Sprachverfall betrachtet1. Schopenhauer vertrat beispielsweise die Ansicht, dass die Sprache „stufenweise immer schlechter“ werde. Sprachgebrauch, der als falsch eingestuft wird, schlechter Stil oder die Einführung von fremden Wörtern und Wendungen aus anderen Sprachen werden seitdem regelmäßig als Belege für den Verfall der Sprache angeführt. Diese Skepsis gegenüber dem Wandel von Sprache setzt sich bis zum heutigen Tage fort und dominiert insbesondere die öffentliche Sprachkritik in den Massenmedien. Überschriften wie „‚Eine unsäglich scheußliche Sprache’“, die eine SPIEGEL- Titelstory benennt, zeugen von einer hauptsächlich von Pessimismus geprägten Sicht von Sprachwandel. Kritik an Sprache und Sprachgebrauch wird zumeist vor dem Hintergrund der Annahme eines stetig fortschreitenden Verfalls der Sprache geübt. In der Linguistik hingegen wird, wie schon bei Saussure, der das Prinzip der Transformation der Sprache in der Zeit formuliert hat4, von einem stetigen Sprachwandel entsprechend der sich ändernden sprachlichen Bedürfnisse angesichts einer sich verändernden Umwelt ausgegangen. Die vorliegende Arbeit untersucht mittels einer Analyse der seit 1964 bis 2007 im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL und bei SPIEGEL Online erschienenen Beiträge zur Sprachverfallsthematik, mit welchen Argumenten die These vom Sprachverfall belegt wird, um die Begründungen und Implikationen daraufhin linguistischen Grundannahmen und Erkenntnissen zum Wandel von Sprache gegenüberzustellen. Die untersuchten Artikel stellen dabei einen Ausschnitt des öffentlichen Diskurses über die Entwicklung der Sprache dar. Sowohl die als Wochenzeitschrift erscheinende Printausgabe als auch die Onlineversion des SPIEGEL sind aufgrund ihrer großen Reichweite, die im folgenden Kapitel anhand von Zahlen belegt wird, als führend in ihrem jeweiligen Bereich und somit als besonders einflussreiche Medien des öffentlichen Diskurses anzusehen. Aus diesem Grund konzentriert sich die Analyse auf diejenigen Artikel in beiden Medien, die implizit oder explizit die Tendenz zu einer Meinung ausdrücken, um zu ermitteln, ob der SPIEGEL in der Sprachverfallsdebatte eine klare Position bezieht und welche dies ist.
Volltext (computergeneriert)
Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen
Lehrstuhl für Deutsche Philologie
Magisterarbeit im Fach Kommunikationswissenschaft
,,Eine unsäglich scheußliche Sprache"
Die Sprachverfallsdebatte und ihre
journalistische Aufarbeitung im
Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL
vorgelegt von Torsten Blut
Aachen, 27. Mai 2008
,,Languages, like governments, have a natural tendency to degeneration."
Samuel Johnson (1775): A Dictionary of the English Language. London.
,,Die Sprache zeigt sich überall haushälterisch, sie wendet die kleinsten, unscheinlichsten Mittel auf und reicht damit doch zu großen Dingen hin. Jeder Verlust wird aus der Mitte des Ganzen ersetzt, aber zugleich von dem Ganzen empfunden, so dass in dem Leben der Sprache zwar eine Änderung, doch nirgends eine Hemmung erfolgt. Sie hat also auch die andere mütterliche Eigenschaft, die Unermüdlichkeit, und gleicht nach A.W. Schlegels schöner Bemerkung einem Eisengeräth, das, wenn es schon zerbrochen wird, nicht verloren geht, sondern aus den Stücken immer wieder neu geschmiedet werden kann. Wäre sie verschwenderisch und verdrossen, so würde sie sich in Kurzem erschöpfen, verwirren oder ermattet liegen bleiben."
Jacob Grimm (1819): Deutsche Grammatik. Erster Theil. Göttingen. S. XXX f.
1
Inhalt
1 Einleitung 3
2 Die Konzeption des SPIEGEL 5
2.1 ,,Das deutsche Nachrichten-Magazin" 5
2.2 Die Darstellungsform SPIEGEL-Story 6
2.3 Sprache und Stilmittel des SPIEGEL 8
2.3.1
Sprachliche Charakteristika des SPIEGEL 9
2.3.2
Funktionen und Wirkungen der Sprache des SPIEGEL 13
2.3.3
SPIEGEL Online 14
3 Die Sprachverfallsdebatte im SPIEGEL 17
3.1 Anglizismen 17
3.1.1
Untersuchungskorpus 17
3.1.2
Quantitative Analyse der Artikel 22
3.1.3
Implizite Argumentation 24
3.1.4
Argumente für Anglizismen 34
3.1.5
Argumente gegen Anglizismen 36
3.1.6
Auswertung 42
3.2 Sprachverfall 54
3.2.1
Untersuchungskorpus 54
3.2.2 Quantitative Analyse der Artikel 56
3.2.3
Implizite Argumentation 58
3.2.4
Explizite Argumentation: Kein Sprachverfall 61
3.2.5
Explizite Argumentation: Sprachverfall 62
3.2.6
Auswertung 67
4 Abschließende Betrachtung 79
5 Tabellenverzeichnis 84
6 Quellenverzeichnis 85
2
1 Einleitung
Der Topos vom Verfall der Sprache ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert Element der deutschen Sprachkritik. Mit dem Aufkommen der historisch vergleichenden Methodik in der Sprachwissenschaft wurde die Entwicklung der Sprache seit dem Mittelhochdeutschen zunehmend als Sprachverfall betrachtet1. Schopenhauer vertrat beispielsweise die Ansicht, dass die Sprache ,,stufenweise immer schlechter"2 werde. Sprachgebrauch, der als falsch eingestuft wird, schlechter Stil oder die Einführung von fremden Wörtern und Wendungen aus anderen Sprachen werden seitdem regelmäßig als Belege für den Verfall der Sprache angeführt. Diese Skepsis gegenüber dem Wandel von Sprache setzt sich bis zum heutigen Tage fort und dominiert insbesondere die öffentliche Sprachkritik in den Massenmedien. Überschriften wie ,,,Eine unsäglich scheußliche Sprache′"3, die eine SPIEGEL-Titelstory benennt, zeugen von einer hauptsächlich von Pessimismus geprägten Sicht von Sprachwandel. Kritik an Sprache und Sprachgebrauch wird zumeist vor dem Hintergrund der Annahme eines stetig fortschreitenden Verfalls der Sprache geübt. In der Linguistik hingegen wird, wie schon bei Saussure, der das Prinzip der Transformation der Sprache in der Zeit formuliert hat4, von einem stetigen Sprachwandel entsprechend der sich ändernden sprachlichen Bedürfnisse angesichts einer sich verändernden Umwelt ausgegangen.
Die vorliegende Arbeit untersucht mittels einer Analyse der seit 1964 bis 2007 im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL und bei SPIEGEL Online erschienenen Beiträge zur Sprachverfallsthematik, mit welchen Argumenten die These vom Sprachverfall belegt wird, um die Begründungen und Implikationen daraufhin linguistischen Grundannahmen und Erkenntnissen zum Wandel von Sprache gegenüberzustellen. Die untersuchten Artikel stellen dabei einen Ausschnitt des öffentlichen Diskurses über die Entwicklung der Sprache dar. Sowohl die als Wochenzeitschrift erscheinende Printausgabe als auch die Onlineversion des SPIEGEL sind aufgrund ihrer großen Reichweite, die im folgenden Kapitel anhand von Zahlen belegt wird, als führend in ihrem jeweiligen Bereich und somit als besonders einflussreiche Medien des öffentlichen Diskurses anzusehen. Aus diesem Grund konzentriert sich die Analyse auf diejenigen Artikel in beiden Medien, die implizit oder explizit die Tendenz zu einer Meinung ausdrücken, um zu ermitteln, ob der SPIEGEL in der Sprachverfallsdebatte eine klare Position bezieht und welche dies ist. Das Ergebnis dieser Analyse wird im Hinblick auf die führende Stellung der beiden untersuchten SPIEGEL-Medien abschließend kritisch diskutiert.
1 Vgl. Polenz (1999), S. 238.
2 Schopenhauer (1977), zitiert bei Schiewe (1998), S. 178.
3 Unbekannter Autor (09.07.1984), S. 126.
4 Vgl. Saussure (1997), S. 258.
3
Die sprachkritischen Artikel werden in dieser Arbeit ausschließlich auf textlicher Ebene untersucht; Visualisierungen werden nicht mit berücksichtigt. Neben einer Betrachtung von quantitativen Merkmalen der ermittelten Artikel, die durch die Einteilung nach ihrer jeweiligen Tendenz und zeitlichen Verteilung erfolgt, ist das Hauptaugenmerk der Untersuchung auf die inhaltliche Analyse gerichtet. Zu diesem Zweck werden zunächst die sprachlichen Stilmittel, die zur impliziten Argumentation eingesetzt werden, identifiziert und erläutert. Anschließend wird die explizite Argumentation in den Artikeln herausgearbeitet und zusammenfassend dargestellt. Angesichts der Vielfalt der verschiedenen argumentativen Ansätze, die in den Artikeln entwickelt werden, konzentriert sich die darauf folgende kritische Auseinandersetzung auf die wichtigsten, das heißt die jeweilige Tendenz entscheidend prägenden Annahmen und Schlussfolgerungen. Die Gegenüberstellung mit linguistischen Erkenntnissen und Theorien beschränkt sich dabei aufgrund des Umfangs der Arbeit auf die entscheidenden Unterschiede zwischen öffentlichem und wissenschaftlichem Diskurs. Grundlegendes Wissen über das Wesen von Sprache und Kommunikation wird vorausgesetzt und demzufolge an den entsprechenden Stellen angeführt, jedoch nicht vertiefend, wie zum Beispiel durch die Besprechung sprachphilosophischer Grundfragen, dargestellt.
Als einleitendes Kapitel wird der Analyse der Artikel eine kurze Einführung zum Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL und der Nachrichtenseite SPIEGEL Online vorangestellt. Darin wird die Konzeption beider Medien erläutert, das heißt ihre thematische Ausrichtung, die Form der journalistischen Darstellung sowie die sprachliche Gestaltung der Darstellungsform erfasst. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse werden in der abschließenden Betrachtung, in der die Haltung des SPIEGEL im Hinblick auf die Untersuchungsergebnisse kritisch diskutiert wird, wieder aufgegriffen.
4
2 Die Konzeption des SPIEGEL
Im Folgenden wird das Nachrichtenmagazin Der SPIEGEL kurz vorgestellt und seine Konzeption erläutert. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen vor allem die SPIEGEL-Story als häufigste und charakteristische Darstellungsform sowie Sprache und Stilmittel des SPIEGEL. Anschließend werden die Funktionen der SPIEGEL-Sprache sowie ihre Wirkungen in anbetracht der Bedeutung des SPIEGEL für die öffentliche Meinungsbildung in Deutschland zusammengefasst.
Des Weiteren erfolgt eine kurze Darstellung der Konzeption der Internetseite SPIEGEL Online. Dabei geht es um den Wirkungsradius sowie wiederum um Form und sprachliche Gestaltung der Artikel, die im Hinblick auf die im Vergleich zur Printausgabe unterschied-lichen Rezeptionsbedingungen von Online-Texten betrachtet werden. Die Merkmale der Konzeption des SPIEGEL und von SPIEGEL Online bilden die Grundlage für die darauf folgende Analyse der Artikel zum Sprachverfall. Ausrichtung und Vorgehensweise des SPIEGEL werden zudem in der abschließenden Betrachtung kritisch diskutiert.
2.1 ,,Das deutsche Nachrichten-Magazin"
Der seit dem 04. Januar 1947 wöchentlich erscheinende SPIEGEL bezeichnet sich selbst als ,,Nachrichtenmagazin", hat seit 1968 im Jahresdurchschnitt eine Auflage von über einer Million Exemplare5 und eine Reichweite von circa 6 Millionen Lesern6. Der SPIEGEL wurde der Nachfolger der im November 1946 durch einen Angehörigen der britischen Militärregierung, Major John Chaloner, nach Vorbild britischer und amerikani-scher ,,news magazines" ins Leben gerufenen Zeitschrift ,,Die Woche". Besonders das amerikanische Nachrichtenmagazin TIME gilt als Vorbild für die Konzeption des SPIEGEL. TIME entwickelte sich seit seiner Gründung 1923 zu einem neuartigen Zeitschriftentyp, der seine Berichterstattung ausdrücklich an den Bedürfnissen des Lesers orientiert: ,,People are uninformed because no publication has adapted itself to the time which busy men are able to spend on simply keeping informed."7. Die hier formulierte Ausrichtung beeinflusst die Themenauswahl, Gliederung und Darstellungsweise eines Nachrichtenmagazins, das sich dementsprechend definieren lässt:
5 Vgl. Media.Spiegel.de (Datum unbekannt).
6 Vgl. Media.Spiegel.de (23.01.2008).
7 TIME-Gründer Henry Luce und Briton Hadden, zitiert nach Just (1967), S. 17.
5
,,Das Nachrichtenmagazin trifft eine Auswahl aus den Nachrichten einer Woche, die, in festliegenden Sparten geordnet, anonym und uniform gestaltet, reichlich illustriert, durch einen eigenwilligen Stil erzählend dargeboten, im Zusammenhang und vor einem Hintergrund geschildert und mit besonderer Zuspitzung und Voranstellung ihres menschlichen, persönlichen Elements in meist kritischer Interpretation dargestellt werden. Eine Ergänzung können mit Namen gezeichnete Kommentare bilden. Es dient somit als Zeitschrift fortlaufend und in regelmäßiger Folge einer bestimmten Stoffdarbietung, die in ihrer Universalität eine sekundäre, begrenzte Aktualität und eine wöchentliche Erscheinungsweise bedingt."8
Die Auswahl der Themen erfolgt, wie schon im SPIEGEL-Statut von 1949 zu lesen, im Hinblick auf ,,die aktuellen Vorgänge [...], von denen angenommen werden kann, dass sie einen breiten Kreis normal interessierter Laien angehen und beschäftigen."9 Aktuelle Nachrichten sowie Vorgänge mit ,,zeittypischer Bedeutung"10 sollen, im Unterschied zur Tagespresse und diese ergänzend, detaillierter, hintergründiger und aus anderen Perspektiven beziehungsweise andere Aspekte betonend vermittelt werden. Diese Zielsetzung verlangt eine spezifische journalistische Darstellungsweise, die in Form der so genannten Story oder Nachrichtengeschichte realisiert wird, welche durch eine spezifische sprachliche und stilistische Gestaltung gekennzeichnet ist. Im Folgenden werden diese konstituierenden Elemente des Nachrichtenmagazins besprochen und auf ihre Funktionen und möglichen Wirkungen untersucht.
2.2 Die Darstellungsform SPIEGEL-Story
Die Story oder Nachrichtengeschichte, eine Sonderform des Feature, ist die am häufigsten verwendete journalistische Form der Darstellung im SPIEGEL11 und charakteristisch für die Nachrichtendarbietung des Nachrichtenmagazins. Sie wird von mehreren Autoren bearbeitet, die zumeist anonym bleiben. Nach Just kann zwischen vier verschiedenen Story-Typen differenziert werden12, die allerdings meist als Mischformen auftreten:
- die Nachrichten- oder Enthüllungsgeschichte, die ein bisher unbekanntes, von der übrigen Presse noch nicht aufgegriffenes Ereignis schildert,
- die Supplement- oder Aspektgeschichte, die einem bereits bekannten Vorgang neue Bedeutung verleiht, indem sie das Ereignis in größere Zusammenhänge einordnet
8 Magnus (1967), zitiert nach Carstensen (1971), S. 20f.
9 Spiegel-Verlag (1949), zitiert nach Just (1967), S. 52.
10 Vgl. Jacobi (1962), zitiert nach Carstensen (1971), S. 21.
11 Vgl. Jacobi (1962), zitiert nach Carstensen (1971), S. 31:,,Das SPIEGEL-Statut sagt zur Story-Form: ,Die Form, in der der SPIEGEL seinen Nachrichten-(Neuigkeits-)Gehalt interessant an den Leser heranträgt, ist die Story. Damit ist gemeint, dass der Bericht über ein aktuelles Geschehen in Aktion (Handlung) umgesetzt werden sollte. Der Leser soll dadurch den Eindruck gewinnen, dass er selbst bei dem Geschehen dabei ist, es in allen Phasen miterlebt. Der Mensch wird im SPIEGEL handelnd dargestellt, das heißt er ist in Bewegung, er tut etwas, oder mit ihm wird etwas getan.′"
12 Just (1967), S. 57.
6
oder neuartig interpretiert und einzelnen Faktoren besonderes Gewicht verleiht,
- das Round-up, in dem durch Zusammenfassung mehrerer, innerhalb eines längeren Zeitraumes eingegangener und meist in der Tagespresse bereits veröffentlichter Nachrichten zum gleichen Thema ein Gesamtüberblick vermittelt wird,
sowie
- die Lesegeschichte, in der ein erzählenswertes Ereignis beispielsweise liebevoll oder spannend geschildert wird und die sich der ,,Story" im literarischen Sinne nähert.
Die Nachricht wird in Form einer Geschichte präsentiert, hat somit einen jeweils exponierten Anfang und Schluss und soll möglichst hohen menschlichen Bezug13 herstellen.
Der Anfang besteht aus dem so genannten Lead, in dem das Interesse des Lesers geweckt werden soll. Um dieses Ziel zu erreichen sollte das Thema effektvoll eröffnet werden wie zum Beispiel durch die Schilderung einer bestimmten Szenerie, der kurzen Zusammenfassung der wichtigsten Fakten, durch ein griffiges Zitat oder die Nennung eines Konflikts. Auch die Überschrift des Artikels sowie der Titel bei Titelgeschichten14 dienen dazu, die Aufmerksamkeit des Lesers zu wecken oder zum Lead hinzuführen, zum Beispiel wenn Überschrift beziehungsweise Titel so gestaltet sind, dass dem Leser sich daraus nicht eindeutig erschließt, worum es in dem Artikel gehen könnte, und er daraufhin den Lead liest, um es herauszufinden.
Im Idealfall gelingt es, Handlungen von Personen, einen Konflikt und eine aktuelle Problematik dramaturgisch miteinander zu verknüpfen und dadurch Spannung aufzubauen.
Der erste Satz des Hauptteils soll die durch Lead und Überschrift geweckte Aufmerksamkeit des Lesers möglichst hochhalten:
,,SPIEGEL-Geschichten sollen
1. mit der Tür ins Haus fallen, das heißt gleich im ersten Absatz sagen, warum und aus welchem aktuellen Anlass sie geschrieben wurden;
2. den ersten Satz wie eine Fangschnur dem Leser zuwerfen. Im ersten Satz liegt der Anreiz zum Lesen. Gleichsam mit einem ,Hoppla′ soll der Leser in die Sache hineinspringen; [...]"15
Zeitlicher Ausgangspunkt im Lead ist die Gegenwart. Im Hauptteil werden dann oft mehrmalige Zeit- und Ortswechsel vorgenommen16, um die Geschichte lebendiger wirken zu lassen und dem Leser Einblick in Hintergründe zu ermöglichen. Je nach Story-Typ
13 Vgl. Spiegelgruppe.de (Datum unbekannt):,, [...]Nachrichtengeschichten, die so geschrieben werden, dass die handelnden Personen hinter den Ereignissen zu erkennen sind."
14 Der Titel der Umschlagseite und der Titel des dazugehörigen Artikels im Textteil weichen oft voneinander ab, vgl. z. B. SPIEGEL-Ausgabe 40/2006: Titel Umschlagseite: ,,Rettet dem Deutsch! Die Verlotterung der Sprache", dazugehörige Titelgeschichte: ,,Deutsch for sale".
15 Jaene (1968), S. 100.
16 Vgl. Just (1967), S. 124.
7
(siehe oben) kann die Akzentuierung der insgesamt recht einheitlich gehaltenen Storys variiert werden. So werden sehr häufig Aspekt- sowie teilweise Nachrichtengeschichten mit kommentarähnlichen Interpretationen versehen, während Round-ups durch einen roten Faden - meist durch kausale Verknüpfung von Ereignissen oder Orientierung an den beteiligten Personen - Kohärenz erhalten sollen. Lesegeschichten bieten den größten stilistischen Spielraum, da in ihnen vor allem Themen behandelt werden, deren Unterhaltungspotential verwertet werden soll.
Am Schluss wird zumeist wieder in die Gegenwart zurückgekehrt und der Leser mit einem Fazit entlassen. Ein solches Fazit kann zum Beispiel die jüngste Entwicklung zusammenfassen, einen Ausblick geben oder auch in Form einer wichtigen Teilnachricht17 auftreten. In jedem Fall soll der Schluss pointiert und effektvoll sein18 und idealerweise aus einem ,,knappen, feststellenden Tatsachensatz"19 bestehen.
Zur Erfüllung der gewünschten Wirkungen bedarf es einer spezifischen sprachlichen Gestaltung. Darstellungsform und Sprache stehen somit in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Die Sprache des SPIEGEL ist mehrfach empirisch untersucht und analysiert worden. Die für den weiteren Verlauf dieser Arbeit wichtigsten Ergebnisse von Studien zur Sprache des SPIEGEL im allgemeinen Sinne und insbesondere der sprachlichen Mittel zur Realisierung der Funktionen des Texttyps Story sollen im folgenden Abschnitt erörtert werden. Darauf aufbauend werden die Funktionen der SPIEGEL-Sprache thematisiert und mögliche Wirkungen abgeleitet.
2.3 Sprache und Stilmittel des SPIEGEL
Die SPIEGEL-Artikel zum Thema Sprachverfall werden in Kapitel 3 zunächst einer quantitativen Analyse unterzogen. Dafür werden die Meinungen und Wertungen enthaltenden Anteile der Artikel identifiziert, um die Artikel sodann nach ihrer Tendenz zu kategorisie-ren. Daraufhin folgt die inhaltliche Analyse, in der die implizite, das heißt durch eine bestimmte Sprache und verschiedene Stilmittel realisierte Argumentation, sowie die explizite Argumentation untersucht werden. Im Fokus der sich daran anschließenden Auswertung stehen das aus der Argumentation zu erschließende Verständnis von Sprache und ihren Funktionen, die Wirkungen, die durch die Argumentation beim Leser hervorgerufen wer
17 Vgl. Just (1967), S. 125.
18 Vgl. dazu sehr bildhaft Kuby (1987), S. 37: ,,Er [der unsichtbare große Bruder] befiehlt ihnen unter anderem auch, wie eine Geschichte zu enden habe, nämlich wie ein Feuerwerk, das nicht langsam verebbt mit immer bescheideneren Lichteffekten, sondern mit einem letzten Höhepunkt pyromani-scher Künste, mit dem Abbrennen einer besonders hoch steigenden, zum Superlicht-schirm sich entfaltenden Rakete, die das entzückte ,Ah!′ der Zuschauer ein letztes Mal hervorlockt".
19 Jacobi (1962), zitiert nach Carstensen (1971), S. 33.
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