Autor: Carolin Kohlmeier
Fach: Frauenstudien / Gender-Forschung
Details
Institution/Hochschule: Universität Bielefeld
Jahr: 2004
Seiten: 23
Note: keine
Literaturverzeichnis: ~ 15 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 77 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-16232-1
Zusammenfassung / Abstract
Sigrid Metz-Göckel konstatiert in ihrem Aufsatz zum Verhältnis von neuerer Frauenforschung und neuer Frauenbewegung, diese seien „in ihren jeweiligen Kontexten ungeliebte Schwestern, weil sie die impliziten und manifesten Hierarchien zwischen Brüdern und Schwestern in ihren verinnerlichten und historisch ‚zufälligen’ Formen nicht mehr akzeptieren“ (1987, 49). In dieser Behandlung des Themas soll es weniger um das Verhältnis von Frauenforschung und Frauenbewegung zu ihrer Außenwelt gehen, als vielmehr um die Beziehung der beiden ‚Schwestern’ untereinander. In der Beschäftigung mit theoretischen Abhandlungen zur neueren Frauenforschung wird stetig Bezug auf die neue Frauenbewegung genommen, da beide von Grund auf miteinander verbunden sind. Jedoch wird dieses Verhältnis in unterschiedlicher Art und Weise ausgelegt, wie etwa am Beispiel der Diskussion um die von Maria Mies veröffentlichten Postulate zur Frauenforschung deutlich wird. Inwiefern sich die Frauenforschung an den Entwicklungen der Frauenbewegung orientieren und sie somit zu einem Einflussfaktor ihrer wissenschaftlichen Arbeit machen sollte, ist kontrovers und in zahlreichen Texten zur Frauenforschung thematisiert worden. In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie es zu einer solchen Differenz der Positionen kommen konnte, wie also die divergierenden Ansichten zu erklären sind, und es soll ebenso erörtert werden, welche Auswirkungen die Diskussion um ihren Bezug zur Frauenbewegung für die Frauenforschung gehabt hat. Es wird also im Schwerpunkt ein kritischer Blick auf die rund um die 1980er Jahre geführte Debatte erfolgen, da in diesem Zeitraum die Diskussion auf ihrem Höhepunkt war und die eigentlichen Weichenstellungen erfolgten. Dabei soll ausschließlich die deutsche Frauenforschung und Frauenbewegung zum Gegenstand genommen werden, da hier besondere Charakteristika relevant sind, die nicht international verallgemeinerbar sind. Zudem ist eine Abgrenzung der Art vorzunehmen, dass sich die hier zu analysierende Diskussion auf die Frauenforschung im Sinne einer kritischen Sozialforschung bezieht, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Gegenstand hat, und nicht auf ihre in verschiedenen Disziplinen entwickelte Wissenschaftskritik, die sich mit dem Androzentrismus etablierter Wissenschaften auseinandersetzt. [...]
Textauszug (computergeneriert)
Universität Bielefeld
Fakultät für Soziologie
Sommersemester 2004
Veranstaltung: ,,Integration I: Geschlechterverhältnisse und sozialer Wandel"
Die (un)geliebten Schwestern:
zum Verwandtschaftsverhältnis von
Frauenforschung und Frauenbewegung
Carolin Kohlmeier
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2
Die neue Frauenbewegung 4
2.1
Entstehung und Entwicklungslinien der Frauenbewegung 5
2.2
Erwartungen der Frauenbewegung an die neuere Frauenforschung 8
3
Grundzüge der neueren Frauenforschung 10
3.1
Entwicklungen und Diskurse der Frauenforschung 11
3.2
Der Blick der Frauenforschung auf die neue Frauenbewegung 14
4
Das Politische in der Frauenforschung 16
5 Fazit 19
Literaturverzeichnis 21
2
1
Einleitung
Sigrid Metz-Göckel konstatiert in ihrem Aufsatz zum Verhältnis von neuerer
Frauenforschung und neuer Frauenbewegung, diese seien ,,in ihren jeweiligen Kontexten
ungeliebte Schwestern, weil sie die impliziten und manifesten Hierarchien zwischen Brüdern
und Schwestern in ihren verinnerlichten und historisch ,zufälligen′ Formen nicht mehr
akzeptieren" (1987, 49). In dieser Behandlung des Themas soll es weniger um das Verhältnis
von Frauenforschung und Frauenbewegung zu ihrer Außenwelt gehen, als vielmehr um die
Beziehung der beiden ,Schwestern′ untereinander.
In der Beschäftigung mit theoretischen Abhandlungen zur neueren Frauenforschung
wird stetig Bezug auf die neue Frauenbewegung genommen, da beide von Grund auf
miteinander verbunden sind. Jedoch wird dieses Verhältnis in unterschiedlicher Art und
Weise ausgelegt, wie etwa am Beispiel der Diskussion um die von Maria Mies
veröffentlichten Postulate zur Frauenforschung deutlich wird. Inwiefern sich die
Frauenforschung an den Entwicklungen der Frauenbewegung orientieren und sie somit zu
einem Einflussfaktor ihrer wissenschaftlichen Arbeit machen sollte, ist kontrovers und in
zahlreichen Texten zur Frauenforschung thematisiert worden.
In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie es zu einer solchen Differenz der
Positionen kommen konnte, wie also die divergierenden Ansichten zu erklären sind, und es
soll ebenso erörtert werden, welche Auswirkungen die Diskussion um ihren Bezug zur
Frauenbewegung für die Frauenforschung gehabt hat. Es wird also im Schwerpunkt ein
kritischer Blick auf die rund um die 1980er Jahre geführte Debatte erfolgen, da in diesem
Zeitraum die Diskussion auf ihrem Höhepunkt war und die eigentlichen Weichenstellungen
erfolgten.
Dabei soll ausschließlich die deutsche Frauenforschung und Frauenbewegung zum
Gegenstand genommen werden, da hier besondere Charakteristika relevant sind, die nicht
international verallgemeinerbar sind. Zudem ist eine Abgrenzung der Art vorzunehmen, dass
sich die hier zu analysierende Diskussion auf die Frauenforschung im Sinne einer kritischen
Sozialforschung bezieht, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Gegenstand hat, und
nicht auf ihre in verschiedenen Disziplinen entwickelte Wissenschaftskritik, die sich mit dem
Androzentrismus etablierter Wissenschaften auseinandersetzt.
Um zu einer Einschätzung des Verhältnisses zwischen Frauenforschung und
Frauenbewegung zu gelangen, soll zunächst die neue deutsche Frauenbewegung
nachgezeichnet werden sowie ihre Sicht auf die neuere Frauenforschung. Im Anschluss wird
die Entwicklung der Frauenforschung in den Blick genommen werden, woraus dann ihre
3
Stellung zur Frauenbewegung abgeleitet werden soll. Im letzten Schritt soll gezielt der
politische Gehalt der neueren Frauenforschung diskutiert werden, da sich in diesem
Kernpunkt der Diskussion der Einfluss der Frauenbewegung in der feministischen
Wissenschaft manifestiert.
Als Grundgedanke ist das Bild von Frauenforschung und Frauenbewegung als
Schwesternpaar in Anlehnung an Metz-Göckel meines Erachtens ein anschaulicher Zugang zu
diesem Thema. Es soll im Folgenden zugunsten der Sachlichkeit und Kohärenz jedoch
unterlassen werden, diese Metapher weiter auszuführen. Trotzdem wird sichtbar werden, dass
auch in der Konfrontation zwischen Frauenbewegung und Frauenforschung
,schwesterntypische′ Charakteristika und Probleme auftreten über ein simples Motto wie
,Sie liebten sich und sie schlugen sich′ werden diese jedoch bei weitem hinausgehen.
2 Die
neue
Frauenbewegung
Für das Verständnis der Diskussion um verschiedene Entwürfe zur neueren
Frauenforschung ist ein differenziertes Verständnis der neuen Frauenbewegung unerlässlich.
Denn diese Bewegung hat nicht nur einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der
Frauenforschung geleistet, sondern hat auch ihre weitere Entwicklung maßgeblich beeinflusst.
Die Wechselbeziehung zwischen Frauenforschung und Frauenbewegung wird von
unterschiedlichen Betrachtern höchst kontrovers beurteilt, sie war und ist zuweilen
schmerzhaft, jedoch herrscht wohl in diesem einen Punkt Einvernehmen, dass die in diesem
Zusammenhang geführten Diskussionen für den Fortschritt auf beiden Seiten von
unschätzbarem Wert gewesen sind.
Zunächst soll ein Überblick über die deutsche Frauenbewegung gegeben werden, der
sich auf die Phase nach 1968 konzentrieren, jedoch auch die früheren Ereignisse aufgreifen
wird. Dabei sollen Strömungen und Zielsetzungen aufgezeigt werden, die auch für die
Entwicklung der Frauenforschung von zentraler Bedeutung waren. Auf dieser inhaltlichen
Ebene soll im Anschluss dann der Blick der Frauenbewegung auf die Frauenforschung in
seinen unterschiedlichen Facetten untersucht werden.
4
2.1
Entstehung und Entwicklungslinien der Frauenbewegung
Vereinfachend könnte gesagt werden, das Ziel der Frauenbewegung bestehe darin,
,,zur Emanzipation der Frauen beizutragen und soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit im
Geschlechterverhältnis aufzuheben" (Gerhard 1994a, 12). Genau genommen ist dies jedoch
nur
eine
mögliche Sichtweise, und um die vielfältigen Aspekte der deutschen
Frauenbewegung, auch die der neuen, zu verstehen, sollte der Blick auf ihre Anfänge
gerichtet werden, die weit zurückreichen.
Die Frauenbewegung ist im Kontext der Emanzipationsbewegungen des 18. bis 20.
Jahrhunderts zu sehen (Gerhard 1994b, 145) und kann in Deutschland zurückverfolgt werden
bis in die Zeit der 1848er Revolution (Gerhard 1995, 254). Bereits 1849 wurde von Louise
Otto-Peters die erste deutsche politische Frauenzeitung herausgegeben; 1865 gehörte Otto-
Peters zu den Organisatoren der ersten Frauenkonferenz Deutschlands, die zur Gründung des
Allgemeinen Deutschen Frauenvereins führte (Opitz 2002, 117). Es folgten Gründungen
weiterer Vereine und Verbände, die sich für die Rechte der Arbeiterinnen und verbesserte
Bildungschancen für Frauen einsetzten, ebenso aber auch Themen wie Prostitution und
Sexualmoral aufgriffen; auch die Regelungen des Paragraphen 218 wurden bereits zu Beginn
des 20. Jahrhunderts diskutiert, wenn auch nur von einer Minderheit (Opitz 2002, 117 f.). Die
diversen Vereine, in denen Frauen sich organisierten, vertraten unterschiedliche Meinungen
zu den diskutierten ,Frauenfragen′, jedoch zeigten sich deutliche Erfolge, wie etwa das
Erlangen des Frauenwahlrechts 1918; die freigesetzten Energien und weiterführenden Ideen
kamen jedoch zum Erliegen mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus (Opitz 2002, 117
f.).
Zwar gründeten sich deutsche Frauenverbände nach dem Ende der Nazi-Diktatur 1945
neu, jedoch schien der Bruch zu groß, als dass an die alten Traditionen hätte angeknüpft
werden können. Während beispielsweise in den angelsächsischen Ländern zwar eine erste und
zweite Welle der Frauenbewegung unterschieden werden, die aber trotzdem als eine Einheit
angesehen werden, fand in der Bundesrepublik zunächst eine strikte Abgrenzung statt, so dass
die Frauenbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg vor einem Neuanfang stand (Gerhard
1994b, 145 f.). Erst lange Zeit später erinnerte man sich der vergangenen Anstrengungen und
begann, sich mit ihnen auseinander zu setzen.
In den 1960er und 1970er Jahren kam es weltweit zur Entstehung neuer
Frauenbewegungen, so auch in Deutschland. Der Auftakt zu dieser neuen Frauenbewegung
wird gern auf den 13. September 1968 datiert, als es auf der Delegiertenkonferenz des
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