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Das Krankenhaus und seine ‚negotiated order’ vor dem Hintergrund des Symbolischen Interaktionismus

Scholary Paper (Seminar), 2005, 18 Pages
Author: Carolin Kohlmeier
Subject: Sociology - Medical Care

Details

Event: Einführung in die Medizinsoziologie
Institution/College: Bielefeld University
Tags: Krankenhaus, Einführung, Medizinsoziologie, symbolischer Interaktionismus, Soziologie, Anselm Strauss, Psychiatrie
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2005
Pages: 18
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V115290
ISBN (E-book): 978-3-640-16939-9

File size: 119 KB

Abstract

Als Anselm Strauss, Leonard Schatzman, Danuta Ehrlich, Rue Bucher und Melvin Sabshin im Herbst 1958 begannen, das Psychosomatic and Psychiatric Research and Training Institute des Michael Reese Hospital in Chicago und die psychiatrischen Abteilungen des Chicago State Hospital zu untersuchen, galt ihr primäres Interesse der Frage, wie sich die unterschiedlichen vertretenen „psychiatric ideologies“ auf die Arbeit der Fachkräfte in den Einrichtungen auswirkten (Strauss 1978, 107). Im Verlauf der Studie gewann jedoch ein Phänomenen zunehmend an Beachtung, nämlich die Aktivität des Aushandelns und Vereinbarens im Rahmen der Zusammenarbeit auf den Stationen. Strauss beschreibt diese Entdeckung wie folgt: „The problem forced itself on our attention, as we observed personnel and patients . . . , for everyone seemed to be negotiating about something” (1978, 5). In der späteren Auswertung der Untersuchung wurde das Aushandeln als ein Eckpfeiler der soziologischen Erforschung des Krankenhauses aufgezeigt und es wurde der Terminus der ‚negotiated order’ eingeführt, der die so entstandene soziale Ordnung benennt.Im Kontext dieser Studie wird von Strauss u.a. in Anlehnung an George Herbert Mead die Frage aufgegriffen, wie angesichts unvermeidbarer Veränderungen von sozialen Gebilden Ordnung aufrecht erhalten werden kann. Mead sagt hierzu, das Problem sei, „to incorporate the method of change into the order of society itself“ (Mead 360f., zit. nach Strauss u.a. 1963, 148). Das Modell der ‚negotiated order’ bietet einen theoretischen Rahmen, eben solche Kombinationen aus Veränderung und Aufrechterhaltung von Ordnung aufzuspüren und zu analysieren, da es dem dynamischen Charakter sozialer Systeme zentrale Bedeutung verleiht.Insofern haben Strauss u.a. mit ihrer Analyse des Krankenhauses einen Gegenentwurf sowohl zum traditionalen Ansatz des Krankenhauses als effizienter Organisation als auch zur funktionalistischen Perspektive vorgelegt, obgleich sie Grundannahmen beider Ansätze in ihre Arbeit aufgenommen haben. Die Konzeption der ‚negotiated order’ zeigt ihre Stärke letztlich in eben den Bereichen, in denen dem funktionalistischen Zugang Defizite angekreidet werden: Sie erklärt gesellschaftlichen wie institutionellen Wandel und sieht den Konfliktfall nicht als Kontrolle fordernden Ausnahmezustand, sondern als erwartbares Grundelement sozialer Prozesse.


Excerpt (computer-generated)

Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie

Veranstaltung: Einführung in die Medizinsoziologie

WiSe 2004/05

Das Krankenhaus und seine

,negotiated order′

vor dem Hintergrund des

Symbolischen Interaktionismus


Inhaltsverzeichnis

1

Einleitung 1

2

Die qualitative Erforschung von Psychiatrien durch Strauss u.a 2

2.1

Ablauf, Techniken und Strategien 2

2.2

Die ausgehandelte Ordnung des Krankenhauses 4

3

Die Theorie des Symbolische Interaktionismus 7

3.1

Symbole und die ,Definition der Situation′ 8

3.2

Die symbolische Interaktion im Kontext des Krankenhauses 10

4

Resümee und Ausblick 13

Literaturverzeichnis 15





























1.

Einleitung


Als Anselm Strauss, Leonard Schatzman, Danuta Ehrlich, Rue Bucher und

Melvin Sabshin im Herbst 1958 begannen, das Psychosomatic and Psychiatric Re-

search and Training Institute des Michael Reese Hospital in Chicago und die psychi-

atrischen Abteilungen des Chicago State Hospital zu untersuchen, galt ihr primäres

Interesse der Frage, wie sich die unterschiedlichen vertretenen ,,psychiatric ideolo-

gies" auf die Arbeit der Fachkräfte in den Einrichtungen auswirkten (Strauss 1978

,

107). Im Verlauf der Studie gewann jedoch

ein

Phänomenen zunehmend an Beach-

tung, nämlich die Aktivität des Aushandelns und Vereinbarens im Rahmen der Zu-

sammenarbeit auf den Stationen. Strauss beschreibt diese Entdeckung wie folgt:

,,The problem forced itself on our attention, as we observed personnel and patients . .

. , for everyone seemed to be negotiating about something" (1978, 5). In der späteren

Auswertung der Untersuchung wurde das Aushandeln als ein Eckpfeiler der soziolo-

gischen Erforschung des Krankenhauses aufgezeigt und es wurde der Terminus der

,negotiated order′ eingeführt, der die so entstandene soziale Ordnung benennt.

Im Kontext dieser Studie wird von Strauss u.a. in Anlehnung an George Her-

bert Mead die Frage aufgegriffen, wie angesichts unvermeidbarer Veränderungen

von sozialen Gebilden Ordnung aufrecht erhalten werden kann. Mead sagt hierzu,

das Problem sei, ,,to incorporate the method of change into the order of society itself"

(Mead 360f., zit. nach Strauss u.a. 1963, 148). Das Modell der ,negotiated order′

bietet einen theoretischen Rahmen, eben solche Kombinationen aus Veränderung

und Aufrechterhaltung von Ordnung aufzuspüren und zu analysieren, da es dem dy-

namischen Charakter sozialer Systeme zentrale Bedeutung verleiht.

Insofern haben Strauss u.a. mit ihrer Analyse des Krankenhauses einen Gegen-

entwurf sowohl zum traditionalen Ansatz des Krankenhauses als effizienter Organi-

sation als auch zur funktionalistischen Perspektive vorgelegt, obgleich sie Grundan-

nahmen beider Ansätze in ihre Arbeit aufgenommen haben. Die Konzeption der ,ne-

gotiated order′ zeigt ihre Stärke letztlich in eben den Bereichen, in denen dem funk-

tionalistischen Zugang Defizite angekreidet werden: Sie erklärt gesellschaftlichen

wie institutionellen Wandel und sieht den Konfliktfall nicht als Kontrolle fordernden

Ausnahmezustand, sondern als erwartbares Grundelement sozialer Prozesse. Auch

aus diesem Grunde hat sich ihre Bedeutung in der Wissenschaft zunehmend vergrö-

ßert und ihr Anwendungsbereich auf immer neue Forschungsfelder ausgeweitet.

1


Im Folgenden soll nachgezeichnet werden, wie Strauss u.a. von ihrer Feldstu-

die zu dem Entwurf der ,negotiated order′ gelangt sind und welche die Kernelemente

dieses Konzeptes sind. Anschließend soll das Konzept der ,negotiated order′ im

Kontext der Theorie der Symbolischen Interaktion näher beleuchtet werden, da

Strauss′ Theoriebildung von diesem Ansatz stark geprägt wurde und diese Perspek-

tive ein umfassenderes Verständnis der Konzeption ermöglicht.

2

Die Qualitative Erforschung von Psychiatrien durch Strauss und andere


Wie von Strauss u.a. wiederholt betont wird, lag die Zielsetzung ihres Projektes

nicht darin, die Arbeitsweise in den Psychiatrien zu verändern oder hierzu Rat-

schläge zu geben (1981, 31); es ging den Beteiligten vielmehr in Weberscher Tradi-

tion ganz bewusst um die Ermittlung und Ergründung des ,Seienden′, nicht aber um

Schlüsse normativer Natur (Helle 1999, 117). In dieser grundlegenden Ausrichtung

der Studie zeigt sich bereits die enge Bindung an die verstehende Soziologie, die

Strauss′ Arbeiten durchgehend auszeichnet.

Zunächst soll im nächsten Abschnitt dargelegt werden, wie die ,Ermittlung des

Seienden′ methodisch erfolgte. Im zweiten Schritt soll dann das aus den Ergebnissen

abgeleitete Konzept der ,negotiated order′ in seinen Grundzügen dargestellt werden.

2.1 Ablauf, Techniken und Strategien

Die Studie wurde in Zusammenarbeit von drei Soziologen (Anselm Strauss,

Leonard Schatzman und Rue Bucher), einer Sozialpsychologin (Danuta Ehrlich) und

einem Psychiater (Melvin Sabshin) durchgeführt. Die untersuchten psychiatrischen

Abteilungen waren die des Chicago State Hospital (CSH) und das Psychosomatic

and Psychiatric Research and Training Institute (PPI) in Chicago.

Ziel war es, die Bedeutung der Zugehörigkeit des Personals zu unterschiedli-

chen psychiatrischen Schulen für die Zusammenarbeit auf den Stationen zu erfor-

schen, wobei zu diesem Zeitpunkt der somatotherapeutische Ansatz, der psychothe-

rapeutische Ansatz und die Milieutherapie das Feld der ,Konkurrenten′ ausmachten

(Strauss u.a. 1981, 3f.). In die Untersuchung einbezogen wurden sowohl Psychiater,

Krankenschwestern, Psychologen, Sozialarbeiter, Allgemeinärzte und Psychothera-

peuten als auch das als ,,nonprofessionals" klassifizierte Pflege- und Hilfspersonal

(Strauss u.a. 1981, 4). Die Methoden, die zur Ermittlung relevanter Abläufe und Ge-

schehnisse eingesetzt wurden, waren qualitative Befragungen, Feldforschung und auf

2



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