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Zum Ritualbegriff in „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ von Émile Durkheim

Essay, 2007, 8 Pages
Author: Diplom-Kommunikationswirtin Aline Skibitzki
Subject: Cultural Studies

Details

Category: Essay
Year: 2007
Pages: 8
Bibliography: ~ 5  Entries
Language: German
Archive No.: V115504
ISBN (E-book): 978-3-640-17008-1

File size: 46 KB
Notes :
Quellenangaben vollständig in den Fußnoten zitiert.Quellenangaben vollständig in den Fußnoten zitiert.



Excerpt (computer-generated)

Aline N. Skibitzki

Zum Ritualbegriff in Émile Durkheims ,,Die elementaren Formen des religiösen Lebens" (org. 1912)

Was ist Religion? Was sind ihre grundlegenden Formen? Und welche Funktion erfüllt die Religion für die Menschen, für die Gesellschaft? Diesen zentralen Fragen wendet sich Émile Durkheim in seiner im Jahr 1912 veröffentlichten Studie zu. ,,Die Elementaren Formen des religiösen Lebens" zählt zweifellos zu den Standardwerken der Religionswissenschaft, ihr Autor zu den prominentesten Vertretern eines empirischen Positivismus. Aus dieser Perspektive etablierte Durkheim die Soziologie in Frankreich maßgeblich als Wissenschaft ,sozialer Fakten′.
Vor dem Hintergrund eines rapiden Wandels in der zeitgenössischen Moderne ­ vor allem eine fortschreitende Arbeitsteiligkeit ­ führte Durkheim die Beschäftigung mit den Mechanismen sozialer Ordnung und Integration zur Untersuchung der Religion.1 In der Einleitung seines Buches betont Durkheim die Notwendigkeit Religion aus soziologischer Perspektive zu verstehen, entgegen einer voreiligen Diskreditierung von wissenschaftlich-säkularer Seite. Die Funktion der Religion zu unterschätzen oder sie gar als Illusion abzutun, ist nach Durkheim ein schwerwiegender Fehler. ,,Es ist nämlich unzulässig, dass Ideensysteme wie die Religionen, die in der Geschichte einen so bedeutenden Platz eingenommen haben und aus denen die Völker zu allen Zeiten die Energie geschöpft haben, die sie zum Leben brauchen, nur Illusionen sind. Heute erkennt man allgemein an, dass das Recht, die Moral, das wissenschaftliche Denken selbst aus der Religion gekommen sind, dass sie lange mit ihr vermischt waren und von ihrem Geist durchdrungen sind."2 Gerade in Hinblick auf die zunehmend säkularisierte Gesellschaft des beginnenden 20. Jahrhundert stellt Durkheim die Religion unter dem Aspekt ihrer gesellschaftlichen und politischen Bedeutung als ordnungs- und moralstiftender Faktor in das Zentrum seiner Studie.3

1 Vgl. hierzu auch Durkheims Studie ,,Über soziale Arbeitsteilung." (org. 1893) und Bremer, Helmut: Vorlesungshandout Einführung in die Religions- und Kirchensoziologie, S. 2 unter www.uni-leipzig.de/~prtheol/ Vorlesung_SS-06_09_30-06_Handout.pdf, Stand: 22.03.2007.
2 Durkheim, Émile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Frankfurt a.M. 1984, S. 104.
3 Vgl. u.a. ebd., S. 572. Zu diesem Aspekt siehe auch Von Braun, Christina: Anmerkungen zum Begriff ,,Säkularisierung". In: Religion und Säkularisierung. Rückkehr des Religiösen in die Politik? Hrsg. von der Grünen Akademie in der Heinrich-Böll-Stiftung, 2006, Bd. 6, S. 39f.

1

 


Im Rahmen eines Überblicks werde ich im Folgenden Durkheims Definition von Religion und seine zentralen Thesen zu ihrer Funktion in menschlichen Gesellschaften darstellen. Die Thesen bilden den maßgeblichen Zusammenhang und Hintergrund für sein Verständnis von Ritualen. Die Bedeutung und Funktion von Ritualen bei Durkheim wird anschließend näher diskutiert.

Ein zentrales Erkenntnisinteresse Durkheims richtet sich auf die Erhellung der Funktion von Religion. Vor diesem Hintergrund interessieren ihn die grundlegenden, die elementaren Formen der Religion. Ausgehend von der Frage nach den Grundzuständen, die für die religiöse Mentalität im Allgemeinen charakteristisch sind, wendet er sich in seiner Untersuchung den ,,primitiven" Religionen zu. Die ,,primitiven" Religionen erlauben es, so Durkheim, die Bauelemente der Religion herauszuarbeiten und ihre Erklärung zu erleichtern. Seine Vorgehensweise basiert auf der teils bis in die Gegenwart populären Annahme, dass es einfache und komplexe Religionen gibt und man von einer historischen Entwicklung hin zur Komplexität ausgehen kann. In den komplexen Religionen (beispielsweise Ägyptens, Indiens oder des klassischen Altertums) sei schwerlich das Elementare zu erkennen. Hingegen ermögliche das Studium der niedrigen Gesellschaft und der primitiven Religion mit ihrem geringen Individualitäts-, Komplexitäts- und Reflexivitätsgrad das Wesentliche freizulegen, das allen Religionen zu Grunde liegt und in diesem Sinne Allgemeingültigkeit besitzt.4 Durkheim wendet sich mit dieser Annahme dem Totemismus australischer Volkstämme als Fokus seiner Studie zu. In seiner Darstellung des Totismus stützt sich Durkheim auf Forschungen der zeitgenössischen Religionswissenschaft und Anthropologie. Für ihn ist deutlich, dass es sich beim Totemismus um eine Elementarreligion handelt, die noch als Vorform von Naturismus und Animismus gelten kann.5

Im Ersten der drei Bücher seiner Studie entwickelt Durkheim seine Definition der Religion. In Ablehnung einer Definition, die mit einem Gottesbegriff arbeitet oder annimmt, dass eine Religion aus einer einzigen Idee oder einem einzigen Prinzip bestehen müsse, geht Durkheim davon aus, dass religiöse Phänomene auf natürliche Weise in zwei Kategorien aufgeteilt werden können: in Glaubensüberzeugungen (Vorstellungen) und Riten (bestimmte Handlungsweisen). Zusammen bilden sie als System die Religion. Dabei scheint es ihm vorrangig, den Glauben zu definieren, da Riten nur durch die spezielle Natur ihres Zieles bzw. ihres Objektes ­ den Glauben ­

4 Vgl. Durkheim 1984, S. 21-24.
5 Vgl. ebd., S. 127f.

2

 


von anderen menschlichen Handlungen definiert und unterschieden werden können.6 In seiner Betrachtung der religiösen Überzeugungen kommt er zu einem ersten gewichtigen Charakteristikum des Glaubens, das nicht nur die Religionswissenschaft entscheidend prägen sollte: ,,Die Aufteilung der Welt in zwei Bereiche, von denen der eine alles umfasst, was heilig ist, und der andere alles, was profan ist (...)."7 Im religiösen Denken werde eine Unterscheidung in ,,profan" und ,,heilig" vorgenommenen, die sich für Durkheim durch die Klassifizierung beider Kategorien als absolut andersartig auszeichnet. In der Welt werden zwei andersartige und unvereinbare Welten gesehen. Als ein zweites bestimmendes Charakteristikum definiert Durkheim die Kirche und bezeichnet damit ,,eine Gesellschaft, deren Mitglieder vereint sind, weil sie sich die heilige Welt und ihre Beziehungen mit der profanen Welt auf die gleiche Weise vorstellen und diese gemeinsamen Vorstellungen in gleiche Praktiken übersetzen, (...)."8 In der Definition von Religion misst Durkheim den gemeinsamen Glaubensvorstellungen und kollektiv durchgeführten, gleichen Praktiken (,,Kult") auch insofern Bedeutung zu, dass Religion nach Durkheims Definition zu Folge als wesentlich kollektive Angelegenheit aufzufassen ist und in diesem Merkmal auch von der Magie abgegrenzt werden kann.9

In der Untersuchung des australischen Totemismus wird für Durkheim deutlich, dass die Totems als Symbole die herausragende Rolle im religiösen Leben spielen. Ihrer figürlichen Darstellung, den Wappen und den Totemsymbolen aller Art wird das Maximum an Heiligkeit zugewiesen, wobei ,,das Totem (...) vor allem ein Symbol, ein materieller Ausdruck von etwas anderem" ist.10 Es steht einerseits für die äußere und sinnhafte Form des Totemprinzips oder Totemgottes, andererseits ist es auch das Symbol der spezifischen Gesellschaft, des Klans. Diese Doppeldeutigkeit der Totems führt Durkheim zu der These, dass die Gesellschaft (Klan) und ihr Gott (Totemprinzip) nichts verschiedenes sein können, sondern eins bilden.11 Von dieser These aus entfaltet Durkheim in seiner Studie eine Perspektive auf die Religion, die eine Parallelisierung und in gewissem Maße Identifizierung der Religion mit der Gesellschaft vornimmt. In seiner Betrachtung der Funktionen der Religion setzt er diese einerseits in Beziehung mit der Gesellschaft, zugleich sind religiöse Phänomene für Durkheim aber auch in der

6 Vgl. ebd., S. 61.
7 Ebd., S. 62.
8 Durkheim 1984, S. 71.
9 Vgl. ebd., S. 75.
10 Ebd., S. 284.
11 Ebd.

3

 



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