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Die Ereignisse des Herbsts 1923 - Widerspiegelung der Probleme der Weimarer Republik

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 26 Pages
Author: Maike Doll
Subject: History - World War I, Weimar Republic

Details

Event: Entstehung und Anfänge der Weimarer Republik
Institution/College: University Karlsruhe (TH) (Institut für Geschichte)
Tags: 1923, Krisenjahr, Weimarer Republik, Herbst 1923
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 26
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V116235
ISBN (E-book): 978-3-640-17780-6
ISBN (Book): 978-3-640-17784-4
File size: 155 KB

Abstract

Ganz besonders das Jahr 1923, das fünfte Jahr nach der Gründung der Republik, steht im Zeichen der Krise, denn „in jenem Jahr [wird die deutsche Republik] heftiger denn je von einer ganzen Serie schwerer wirtschaftlicher und politischer Krisen geschüttelt“. Der Ruhrkampf, auf den mit dem Aufruf zum passiven Widerstand reagiert wurde, ruinierte die schon längst angeschlagene Währung völlig. Die Alimentierung der Ruhrbevölkerung und der nun notwendig gewordene Zukauf von Kohle im Ausland zwang die Regierung, immer neue Noten zu drucken, um die Ausgaben bestreiten zu können. Ab August 1923 begann das „aberwitzige Finale der Hyperinflation“: Um die täglichen Lebenshaltungskosten zu bestreiten, benötigte man bereits Milliarden Mark. Um der rasanten Geldentwertung Herr zu werden, wurde der passive Widerstand beendet. Doch kaum war dieses Problem in Angriff genommen, drohte die nächste Existenzkrise. Innerhalb kurzer Zeit putschten Separatisten in Bayern, Sachsen und Thüringen, im Rheinland und in der Pfalz. Den Höhepunkt des Krisenjahres, aber gleichzeitig auch die Wende stellt der Hitlerputsch dar . Sind diese Ereignisse Ursache oder Auswirkung der Probleme der Jahre seit Entstehung der Republik?


Excerpt (computer-generated)

Universität Karlsruhe (TH)

Institut für Geschichte

WS 2007/2008

Hauptseminar: Entstehung und Anfänge der Weimarer Republik

Die Ereignisse des Herbsts 1923 ­ Widerspiegelung der

Probleme der Weimarer Republik

Maike Doll

Geschichte (KB) / Germanistik (NB), B.A.

5. Fachsemester


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Die Probleme der Weimarer Republik bis 1923 3

3. Die Ereignisse des Herbstes 1923 7

3.1 Das Ende des passiven Widerstandes 7

3.2 Die Hyperinflation und die Währungsreform 8

3.3 Die Separationsversuche 12

3.3.1 Bayern 12

3.3.2 Sachsen und Thüringen 13

3.3.3 Rheinland und Pfalz 14

3.4 Der Hitlerputsch 15

4. Die Widerspiegelung der Probleme 18

5. Fazit 21

6. Literaturverzeichnis 22

7. Anhang 24

1


1. Einleitung

,,Denn auch fünf Jahre nach ihrer blutigen, revolutionären Gründung ist in der ersten

deutschen Demokratie nur eines dauerhaft: die Krise."1

Ganz besonders das Jahr 1923, das fünfte Jahr nach der Gründung der Republik, steht im

Zeichen der Krise, denn ,,in jenem Jahr [wird die deutsche Republik] heftiger denn je von

einer ganzen Serie schwerer wirtschaftlicher und politischer Krisen geschüttelt"2. Der

Ruhrkampf, auf den mit dem Aufruf zum passiven Widerstand reagiert wurde, ruinierte die

schon längst angeschlagene Währung völlig. Die Alimentierung der Ruhrbevölkerung und der

nun notwendig gewordene Zukauf von Kohle im Ausland zwang die Regierung, immer neue

Noten zu drucken, um die Ausgaben bestreiten zu können. Ab August 1923 begann das

,,aberwitzige Finale der Hyperinflation"3: Um die täglichen Lebenshaltungskosten zu

bestreiten, benötigte man bereits Milliarden Mark. Um der rasanten Geldentwertung Herr zu

werden, wurde der passive Widerstand beendet. Doch kaum war dieses Problem in Angriff

genommen, drohte die nächste Existenzkrise. Innerhalb kurzer Zeit putschten Separatisten in

Bayern, Sachsen und Thüringen, im Rheinland und in der Pfalz. Den Höhepunkt des

Krisenjahres, aber gleichzeitig auch die Wende stellt der Hitlerputsch dar4.

Sind diese Ereignisse Ursache oder Auswirkung der Probleme der Jahre seit Entstehung der

Republik? In dieser Arbeit soll versucht werden, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Zunächst werden die Probleme der Republik bis zur Mitte des Jahres 1923 erläutert. Danach

werden die Ereignisse des Herbstes 1923, also der Zeitraum vom Ende des passiven

Widerstandes im August bis zum Hitlerputsch im November, dargelegt. Im folgenden Kapitel

wird untersucht, in wie weit diese Ereignisse die Probleme der jungen Weimarer Republik

widerspiegeln. Im Fazit sollen die wichtigsten Ergebnisse noch einmal betont werden. Um

den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, bleiben die außenpolitischen Ereignisse

weitgehend außer Betracht. Nur die außenpolitischen Vorkommnisse, die sich innenpolitisch

massiv auswirken, finden Beachtung.

1 Rademacher, Cay: Hitlerputsch, 1923: München unterm Hakenkreuz, In: Gaede, Peter-Matthias (Hrsg.):

GeoEpoche. Das Magazin für Geschichte: Die Weimarer Republik. Drama und Magie der ersten deutschen

Demokratie, Nr. 27, Hamburg 2007, S. 56.

2 Sturm, Reinhard: Kampf um die Republik 1919 ­ 1923, In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.):

Informationen zur politischen Bildung, Heft 261: Weimarer Republik, überarbeitete Aufl. Bonn 2003, S. 27.

3 Berhorst, Dr. Ralf: Hyperinflation, 1923: Stunde der Spekulanten, In: Gaede, Peter-Matthias (Hrsg.):

GeoEpoche. Das Magazin für Geschichte: Die Weimarer Republik. Drama und Magie der ersten deutschen

Demokratie, Nr. 27, Hamburg 2007, S. 97.

4 Vgl. Köhler, Henning: Geschichte der Weimarer Republik, In: Haungs, Peter / Jesse, Eckhard (Hgg.): Beiträge

zur Zeitgeschichte, Bd. 4, 2. durchgesehene Aufl. Berlin 1982, S. 43.

2


2. Die Probleme der Weimarer Republik bis 1923

,,Die Weimarer Republik entstand [1919] nach Ende des Ersten Weltkrieges [...] aus der

Novemberrevolution [...] und der Weimarer Nationalversammlung"5. Bereits bei der

Vorbereitung zur Wahl der Nationalversammlung zeigte sich die Uneinigkeit der

verschiedenen Parteien über das einzuführende Staatssystem. So wollte beispielsweise die

Sozialdemokratische Partei Deutschland (im Folgenden SPD) demokratische Wahlen und eine

Verfassung nach dem Vorbild anderer westlichen Demokratien, die Mehrheit der

Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschland (USPD) wollte die revolutionäre

Umgestaltung von Staat und Wirtschaft, der Spartakusbund, der ultralinke Flügel der USPD,

wiederum wollte die Räterepublik nach dem Vorbild der Sowjetunion6.

Ebenfalls 1919 musste die neue Regierung den Versailler Vertrag ratifizieren, der von der

Bevölkerung vielfach als Schmachfrieden angesehen wurde. Deutschland unterwarf sich

damit den mit dem Frieden verbundenen Bestimmungen der Alliierten. Die Höhe der

vereinbarten Reparationszahlungen sollte das größte Problem werden. Viele jedoch hofften

,,unausgesprochen auf eine schnelle Revision sowohl der materiellen als auch der

psychologischen Folgen"7.

Die Belastungen durch den Versailler Vertrag stellten allerdings nicht das einzige Problem

dar, das in der damaligen Situation zu lösen war. Daneben mussten insbesondere die sieben

Millionen Soldaten, die im Krieg gekämpft hatten, wieder ins zivile Leben eingegliedert, die

Lebensmittelversorgung musste gesichert und die Wirtschaft von Kriegs- auf

Friedensproduktion umgestellt werden8. Dazu kamen die bereits bestehenden finanziellen

Probleme der jungen Republik, deren Ursprünge in den 1914 getätigten ,,Maßnahmen der

wirtschaftlichen Kriegsführung, [...] der ungehemmten staatlichen Kreditschöpfung und der

Ausweitung des Zahlungsmittelumlaufs"9 lagen. Durch die Niederlage und die Revolution

1918/19 wurde die Inflation nun entscheidend beschleunigt. Durch die Wiedereingliederung

der Soldaten in die Wirtschaft und in die Gesellschaft sowie ,,durch fühlbare

Lohnerhöhungen"10, durch die die Bevölkerung beruhigt werden sollte, entstanden riesige

Defizite. Diese wurden durch Gelddruck ausgeglichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Reich

5 Geiss, Imanuel: Geschichte griffbereit, Bd. 4: Begriffe, 3. Aufl. München 2002, S. 922.

6 Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933: Neues Deutschland, In: Gaede, Peter-Matthias (Hrsg.):

GeoEpoche. Das Magazin für Geschichte: Die Weimarer Republik. Drama und Magie der ersten deutschen

Demokratie, Nr. 27, Hamburg 2007, S. 20.

7 Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik, In: Bauerkämper, Arnd / Steinbach, Peter / Wolfrum, Edgar (Hgg.):

Kontroversen um die Geschichte, Darmstadt 2002, S. 11.

8 Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933, S. 20.

9 Köhler, Henning: Geschichte der Weimarer Republik, S. 35.

10 Köhler, Henning: Geschichte der Weimarer Republik, S. 35.

3


allerdings schon 155 Millionen Mark Schulden11, zu denen nun die Reparationszahlungen

kamen. Außerdem stand ,,der im Vergleich zur Vorkriegszeit um das Zehnfache erhöhten

Papiergeldmenge Ende 1918 kein entsprechend vergrößertes Warenangebot gegenüber"12, so

dass eine erhebliche Teuerungsgefahr bestand.

Die Inflation war jedoch kein deutsches Phänomen, sondern betraf alle vom Weltkrieg direkt

oder indirekt betroffenen Länder13. Die Regierungen der Siegermächte hatten ähnliche

Probleme. Sie bekämpfen diese jedoch im Gegensatz zu Deutschland mit einer rigorosen

Sparpolitik. Dafür mussten sie jedoch einen wirtschaftlichen Abschwung in Kauf nehmen. In

Deutschland dagegen wurde die Geldentwertung fast schon bewusst vorangetrieben. Die

Verantwortlichen in Deutschland hofften, dass eine schwache Mark die Alliierten davon

überzeugen würde, dass ,,Deutschland nicht in der Lage ist, große Beträge an Devisen zu

bezahlen"14. Ein weiterer Beweggrund war die Angst vor Unruhen in der Arbeiterschaft, da es

vor allem für die zurückgekehrten Soldaten nicht genug Arbeit gab. Durch den Druck neuer

Banknoten konnten die Unternehmen unterstützt werden und so wurden neue Arbeitsplätze

geschaffen. Während also in anderen Staaten eine tiefe ökonomische Depression herrschte,

blühte in Deutschland die Wirtschaft. Es herrschte nahezu Vollbeschäftigung15. Trotzdem

konnte die Regierung noch nicht einmal die erste Reparationszahlung finanzieren. Sie musste

dazu neue Schulden bei der Reichsbank machen.

Zwar hätte eine größere Steuererhöhung dem Staat mehr Einnahmen gebracht und die

Inflation damit zumindest verlangsamt, doch scheute die Regierung davor, das Risiko

einzugehen, den fragilen sozialen Frieden zu gefährden16.

Die Vernachlässigung der Risiken, die von der Inflation ausgehen könnten, führten dazu, dass

die wirtschaftliche Entwicklung in den ersten fünf Jahren der Weimarer Republik

entscheidend vom Prozess der Inflation bestimmt waren17.

Reichspräsident Friedrich Ebert glaubte, die bestehenden Probleme nur in Zusammenarbeit

mit dem ehemaligen Militär Wilhelm Groener lösen zu können. Ähnlich wie er wurden viele

der Monarchie verbundene alte Eliten in ihren Ämtern belassen. Die Regierung versäumte

eine durchgreifende Demokratisierung und Erneuerung des Staatsapparates18. Dieses

Versäumnis zeigte sich auch bald im Handeln der Reichswehr, die das einzige exekutive

11 Vgl. Berhorst, Dr. Ralf: Hyperinflation, S. 91.

12 Ebd.

13 Vgl. Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik, S. 38.

14 Berhorst, Dr. Ralf: Hyperinflation, S. 93.

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. ebd., S. 94.

17 Vgl. Köhler, Henning: Geschichte der Weimarer Republik, S. 35.

18 Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933, S. 20.

4


Machtinstrument war, ,,das die Verfassung der Reichsregierung zur Durchsetzung ihrer

Politik"19 zur Verfügung stellte. Die Armee war allerdings nicht bereit, für die demokratische

Regierung zu kämpfen. ,,Vielmehr tendierten die ehemals kaiserlichen und an

monarchistisches Denken gewöhnten Soldaten häufig nach rechts und fanden nur zu einer

indifferenten, wenn nicht gar ablehnenden Haltung gegenüber der Weimarer Republik."20 So

verweigerten sie bei Putschversuchen, die oft durch Freikorps getragenen wurden, der

Regierung den Gehorsam und weigerten sich, auf ihre ehemaligen Kameraden zu schießen.

So geschwächt ,,litt die junge Republik unter dem Kapp-Putsch [...], Aufständen der KPD [...]

[und] politischen Morden rechtsradikaler Gruppen [...]. In schweren innenpolitischen

Konflikten und extremer Zersplitterung des politischen Spektrums wechselten die

Regierungen häufig."21

1922 bat die deutsche Regierung die Alliierten um Zahlungsaufschub bei den

Reparationszahlungen. Frankreich lehnte dies jedoch strikt ab. Da Deutschland bis Ende des

Jahres die geforderten Lieferungen nicht leisten konnte, wurde im Januar 1923 eine

französische Ingenieurskommission ins Ruhrgebiet geschickt. Diese sollte unter dem Schutz

der ,,erforderlichen Truppen"22, 60.000 französische und belgische Soldaten23, die

Kohlegruben unter militärisches Ausnahmerecht stellen24 und die Kohlegewinnung

kontrollieren.

Dieses Vorgehen löste in Deutschland eine Protestwelle aus. Behörden und Betriebe riefen

zum passiven Widerstand auf. Auch die Reichsregierung unter Wilhelm Cuno verweigerte die

Zusammenarbeit und reagierte mit einem Aufruf zum passiven Widerstand. Jede

Zusammenarbeit mit den Besatzern wurde unter Strafe gestellt25. Neben dem passiven

Widerstand entwickelte sich aber auch ein aktiver Widerstand rechtsradikaler

Sabotagegruppen, die zum Teil aus ehemaligen Freikorpsmitgliedern bestanden. Sie

versuchten beispielsweise durch Sprengstoffattentate den Abtransport von Reparationen zu

verhindern26.

Zur selben Zeit legten die Besatzungsmächte Firmen still und beschlagnahmten öffentliche

Gelder und Firmenkassen, so dass den Arbeitern kein Lohn mehr ausgezahlt werden konnte.

19 Klein, Michael: Die Herbstkrise 1923 zwischen dem Reich, Bayern und Sachsen im Spiegel zeitgenössischer

deutscher Zeitungen, In: Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften,

Bd. 683, Frankfurt am Main 1995, S. 46.

20 Ebd., S. 47.

21 Geiss, Imanuel: Geschichte griffbereit, S. 922.

22 Sturm, Reinhard: Kampf um die Republik, S. 27.

23 Vgl. Otto, Dr. Frank: Weimarer Republik 1919-1933, S. 21.

24 Vgl. Gessner, Dieter: Die Weimarer Republik, S. 15.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. Sturm, Reinhard: Kampf um die Republik, S. 27.

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