Autor: Christian Horn
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Details
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin
Tags: Kafka, Comic, Kafka, Medien
Jahr: 2007
Seiten: 31
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 17 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 2511 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-18515-3
ISBN (Buch): 978-3-640-18516-0
Zusammenfassung / Abstract
Leben und Werk Franz Kafkas haben auf die Literatur der Moderne nachhaltig eingewirkt und sind auch in den übrigen Künsten vielfach adaptiert worden, vor allem im Kino (etwa bei Orson Welles, Michael Haneke oder Steven Soderbergh), aber auch in der Malerei (zum Beispiel bei Hans Fronius) und – das ist kaum bekannt – zwei Mal explizit in der Comic-Kunst . Die vorliegende Hausarbeit rückt diese beiden Comicadaptionen ins Blickfeld: „Kafka for Beginners“ (1993) mit Texten von David Zane Mairowitz und Zeichnungen von Robert Crumb, sowie „Give it up!“ (1995) von Peter Kuper. Auf dem ersten Band, der eine Comic-Biographie darstellt, liegt der Schwerpunkt, während die Adaption von Kuper in erster Linie mit Blick auf Mairowitz und Crumb untersucht wird. Um die Analysen auf ein Fundament zu stellen, werden in einem ersten Schritt zunächst theoretische Grundlagen erarbeitet: auf eine Definition des Mediums Comic folgt eine kurze Einführung in die Sprache desselben. Im zweiten Teil der Arbeit, in welchem zunächst „Kafka for Beginners“ analysiert wird – und das vor allem im Hinblick auf die Darstellung der Beziehung zwischen Kafka und seinem Vater – begibt sich die Arbeit in unerforschtes Gebiet. Ist die wissenschaftliche Literatur zu Comics und deren spezifischen Eigenschaften ohnehin recht knapp bemessen, so findet sich zu den beiden Kafka-Comics, abgesehen von ein paar verstreuten, wenig hilfreichen Einträgen im Internet, keinerlei Sekundärliteratur. Der Umfang der Arbeit erklärt sich durch die eingefügten Abbildungen, die im Kapitel über die Comicsprache und bei den Analysen im zweiten Teil zur Verdeutlichung und als Belege dienen.
Textauszug (computergeneriert)
Veranstaltung:
,,Kafka und die Medien"
(Hauptseminar)
Hausarbeit
im Sommersemester 2007
(7. Fachsemester)
zum Thema
Kafka im Comic
(Abb. 1)
Verfasser:
Christian Horn
Berlin, im November 2007
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
3
II. Theoretische Grundlagen
4
1. Definition des Mediums Comic
4
2. Comicsprache
7
2.1.
Das Panel 7
2.2.
Die Sprechblase 8
2.3.
Der Blockkommentar 8
2.4.
Bewegungslinien 9
2.5.
Onomatopöetische Wörter 10
2.6.
Induktion 10
III. Zwei Comic-Adaptionen zu Kafka
11
1. ,,Kafka for Beginners" (1993)
12
1.1.
Inhaltlicher Überblick
12
1.2.
Formale Gestaltung
14
1.3.
Die Beziehung zum Vater
16
2. ,,Give it up! and other Short Storys" (1995)
23
2.1.
Inhaltlicher Überblick
23
2.2.
Formale Gestaltung 24
2.3.
Kupers Adaption des ,,Hungerkünstlers" in Bezug
zu der Adaption von Mairowitz und Crumb
25
3. Abschließendes Fazit
28
Literaturverzeichnis
29
Abbildungsverzeichnis
30
2
I. Einleitung
,,Die Bildhaftigkeit von Kafkas Sprache, seine Gleichnisse und seine immer
wieder in der Realität wurzelnden Traum- und Schreckensszenen zwingen
mit seltener Eindringlichkeit zum visuellen Nachvollzug. Keiner, der Kafka
liest, kann sich auf die abstrakte, rein gedankliche Rezeption des
Geschriebenen beschränken, seine Texte tragen den Zwang zum Bild in
sich."1
,,Ich zeichnete keine Menschen. Ich erzählte eine Geschichte. Das sind
Bilder, nur Bilder." (Franz Kafka)2
Leben und Werk Franz Kafkas haben auf die Literatur der Moderne nachhaltig
eingewirkt und sind auch in den übrigen Künsten vielfach adaptiert worden, vor
al em im Kino (etwa bei Orson Wel es, Michael Haneke oder Steven Soderbergh),
aber auch in der Malerei (zum Beispiel bei Hans Fronius) und das ist kaum
bekannt zwei Mal explizit in der Comic-Kunst3. Die vorliegende Hausarbeit rückt
diese beiden Comicadaptionen ins Blickfeld: ,,Kafka for Beginners" (1993) mit
Texten von David Zane Mairowitz und Zeichnungen von Robert Crumb, sowie ,,Give
it up!" (1995) von Peter Kuper. Auf dem ersten Band, der eine Comic-Biographie
darstel t, liegt der Schwerpunkt, während die Adaption von Kuper in erster Linie mit
Blick auf Mairowitz und Crumb untersucht wird.
Um die Analysen auf ein Fundament zu stel en, werden in einem ersten Schritt
zunächst theoretische Grundlagen erarbeitet: auf eine Definition des Mediums
Comic folgt eine kurze Einführung in die Sprache desselben.
Im zweiten Teil der Arbeit, in welchem zunächst ,,Kafka for Beginners" analysiert
wird und das vor al em im Hinblick auf die Darstel ung der Beziehung zwischen
Kafka und seinem Vater begibt sich die Arbeit in unerforschtes Gebiet. Ist die
wissenschaftliche Literatur zu Comics und deren spezifischen Eigenschaften
ohnehin recht knapp bemessen, so findet sich zu den beiden Kafka-Comics,
abgesehen von ein paar verstreuten, wenig hilfreichen Einträgen im Internet,
keinerlei Sekundärliteratur.
Der Umfang der Arbeit erklärt sich durch die eingefügten Abbildungen, die im
Kapitel über die Comicsprache und bei den Analysen im zweiten Teil zur
Verdeutlichung und als Belege dienen.
1 Hilger 1994, S. 6.
2 Zitiert nach Politzer 1965, S. 10.
3 Indirekte oder partiel e Referenzen an Kafka sind in mehreren Comics zu finden.
3
II. Theoretische Grundlagen
In einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über Comics erscheint es sinnvol ,
zunächst einige theoretische Grundlagen dieses Mediums zu umreißen. Denn trotz
einer al mählichen Anerkennung des Comics als eigenständige Kunstform, die in
Deutschland lange auf sich warten ließ4, wendet sich die Literaturwissenschaft den
spezifischen Erzählmustern und Eigenheiten der ,,Neunten Kunst" nur sehr zögerlich
zu. Freilich kann eine umfassende Auseinandersetzung mit den Zeichensystemen
der Comics auch an dieser Stel e nicht geleistet werden; eine Einführung in die
wichtigsten Bestandteile der Comicsprache, auf deren Grundlage die beiden Kafka-
Adaptionen untersucht werden, wird nachfolgend jedoch unumgänglich sein.
1. Definition des Mediums Comic
Der Begriff ,,Comic" geht auf die amerikanische Bezeichnung ,,comic strip"
(komische Bildstreifen) zurück, die sich um 1900 in den USA herausgebildet hat und
auf die in erster Linie komischen, zunächst in Tageszeitungen publizierten
Bildgeschichten angewendet wurde. Heute hat diese Bezeichnung sich nahezu
weltweit als ungenauer, einzelne Genres und Spielarten umfassender Oberbegriff
manifestiert. Der Comiczeichner und -theoretiker Wil Eisner prägte darüber hinaus
die Bezeichnung ,,Graphic Novel" (grafische Literatur), die den literarischen Gehalt
vieler Comics hervor hebt und den Aspekt des Komischen nicht unmittelbar
impliziert.
Darüber wie Comics zu definieren sind besteht kein Konsens und es zeigt sich bei
genauerem Hinsehen, dass eine eindeutige Definition sich schwieriger gestaltet, als
zunächst anzunehmen ist. Das liegt unter anderem daran, dass die
Literaturwissenschaft ,,dem Phänomen Comics [bislang] wenig Beachtung
geschenkt"5 hat, und wenn, dann meist in stark verkürzender und mitunter
abwertender Form. So definierte Gero von Wilpert in seinem ,,Sachwörterbuch der
Literatur" noch 1989 Comics in einer literaturwissenschaftlich-konservativen Art und
Weise als
4 Dies ist wohl in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass sich in Deutschland eine eigene
Comicproduktion wesentlich später als etwa in den USA, Frankreich oder Asien entwickelte (erst ab
etwa 1945) und der deutsche Comic-Markt bis heute überwiegend fremdbestimmt ist . Vgl. Dolle-
Weinkauff 1990, S. 15 und Grünewald 2000, S. 2.
5 Dolle-Weinkauff 1990, S. 9.
4
,,die unterste, ästhetisch, lit[erarisch] und gehaltlich mangelhafte Stufe der
Bildergeschichte, bestehend aus e[iner] Kombination von gezeichneten
Bildstreifen (panels, bandes), Erzähltext und Dialog. Die oft primitiv
ausgeführten Zeichnungen, die die Handlung in Phasenverschiebungen
oder Kernpunkten vorantreiben, überwiegen an Informationswert die
gelegentlich eingeschobenen knapp Sprünge ergänzenden oder
erläuternden Zwischentexte sowie den Dialog, der den Figuren in den für die
C[omics] typ[ischen] Sprechblasen (engl.
balloons
, ital.
fumetti
, Wölkchen)
aus dem Munde quil t."6
Weiterhin spricht er von der ,,Primitivität des Aufbaus, der ein episodisches
Nacheinander ohne festere gedankliche Bindung und Spannungssteigerung liebt"7
und stel t letztlich fest:
,,Es ist bezeichnend für den Trivialcharakter der C[omics], daß alle in
Anspruch genommenen Vorläufer (außer den Bilderbogen) auf künstlerisch
höherem Niveau stehen."8
Diese recht unreflektierte, von moderneren Ansätzen längst überholte Definition
spricht den Comics eine eigenständige Sprache gänzlich ab, verortet das Medium
als triviale Spielart der Literatur und verweist plastisch auf das mangelnde Interesse
der Literaturwissenschaftler an Comics.
Ein wesentliches Charakteristikum des Mediums taucht al erdings auch in Wilperts
Ansatz auf: die ,,Kombination von gezeichneten Bildstreifen, Dialog und Erzähltext"
anders ausgedrückt ,,das gleichzeitige Auftreten eines verbalen und visuellen
Zeichensystems"9. Wesentlich in diesem Zusammenhang ist vor al em das
,,innige[s] Zusammenspiel [dieser beiden Systeme], welches sich in der
durchgängigen Verbindung in das Bild integrierter Textformen sei es als
Inserttext, Blockkommentar, Blasentext oder onomatopöetische Graphik10
ausdrückt."11
Diese Synthese aus Formen der Literatur und der Bildenden Kunst reicht als
Definition jedoch nicht aus; ein zweites notwendiges Kriterium des Comics ist
,,die Präsentation von Handlung in einer Folge von Einzelbildern; d.h. um
von einem Comic sprechen zu können, müssen mindestens zwei
erzählerisch aufeinander bezogene Panels12 vorhanden sein."13
6 Wilpert 1989, S. 158.
7 Ebd.
8 Ebd., S. 159.
9 Dolle-Weinkauff 1990, S.14.
10 Als Onomatopöien werden die lautmalerischen ,,Peng-Wörter" bezeichnet, die in vielen Comics
Verwendung finden (siehe Kapitel 2.5).
11 Dolle-Weinkauff, S. 15.
12 Als ,,Panel" wird das Einzelbild eines Comics bezeichnet (siehe Kapitel 2.1.).
13 Dolle-Weinkauff, S. 15.
5
Dieser zweite Schritt, den Wil Eisner 1995 in dem Schlagwort ,,sequentiel e Kunst"
formuliert hat14 und auf den die meisten Comic-Definitionen rekurrieren, wird
teilweise in Frage gestel t beispielsweise von Dietrich Grünewald:
,,Genau betrachtet stellen erzählende Einzelbilder den prägnant-signifikanten
Moment eines Geschehens dar, werden somit vom Betrachter, der das
Davor und Danach imaginiert, auch in eine (imaginäre) Bildfolge gereiht. Das
narrative Einzelbild ist m. M. n. die kürzeste Form einer Bildgeschichte, eine
Bildfolge mit nur einem (sichtbaren) Panel und vom Comic nicht strikt zu
unterscheiden."15
Als treffender und den spezifischen Eigenarten des Mediums gerechter werdend
erscheint jedoch die Definition als sequentiel e Kunst, also das Vorhandensein von
mindestens zwei Panels; ein Ansatz von dem auch der angesehene
Comictheoretiker Scott McCloud in seinem Standardwerk ,,Comics richtig Lesen"16
ausgeht. Als Comic-spezifisch erweist sich hierbei die
räumliche
Abfolge der
Sequenzen, im Gegensatz zu der
zeitlichen
Abfolge im eng verwandten (und mit
den Comics in beständiger Wechselwirkung stehenden) Medium Film.
Zusammengefasst definiert McCloud Comics
,,als zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen,
die Informationen vermitteln und/oder eine ästhetische Wirkung beim
Betrachter erzeugen sol en."17
McClouds viel zitierte Definition hat den Vorteil, dass sie die Verbindung von
verbalen und visuellen Zeichensystemen im Comic nicht zwingend voraussetzt,
womit sie auch jene Comics einschließt, die gänzlich auf Text verzichten und rein
visuell erzählen18.
14 Vgl. Eisner 1994.
15 Grünewald 2000, S. 12.
16 Einzelbilder mit narrativer Qualität bezeichnet Scott McCloud in ,,Comics richtig Lesen"16 in
Abgrenzung zum Comic als ,,Cartoons". Vgl. McCloud 1994, S. 13ff. McClouds theoretische
Auseinandersetzung mit dem Medium Comic gilt als Standardwerk der Literatur über Comics. Als
besonderer Clou erweist sich, dass der Autor seine weitgreifenden Ausführungen zu Geschichte,
Sprache und Möglichkeiten des Mediums in Form eines Comics darbietet und seine Analysen somit
unmittelbar bildlich darstellen und erläutern kann.
17 Ebd., S. 17.
18 Von seinen Ausführungen ausgehend bezeichnet McCloud selbst bild-narrative Malereien der Inkas
als Comics (was allerdings als zu weit gefasster Begriff erscheint).
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