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"...da hab ich mich so frei gefühlt." - Spielstunden im SOS-Beratungszentrum aus der Sicht der Kinder

Untertitel: Interviews mit Kindern und Beraterinnen/Beratern in der Beratungsstelle
Autor: Dipl. Soz.-Päd., Dipl. Psych. Ines Schelhas
Fach: Psychologie - Beratung, Therapie

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Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2007
Seiten: 132
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 53  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 639 KB
Archivnummer: V116489
ISBN (E-Book): 978-3-640-18225-1

Zusammenfassung / Abstract

Erziehungsberatung ist dem Wort nach ein Angebot für Eltern, die Hilfe bei der "Erziehung" ihres Kindes suchen. Seit den 1970er Jahren ist in diesem Zusammenhang jedoch auch der Kontext der Familie ins Blickfeld gerückt. Die Kinder werden stärker miteinbezogen und erhalten parallel zur Beratung der Eltern oftmals Einzelspielstunden in der Erziehungsberatungsstelle – heute versteht sich Erziehungsberatung als Erziehungs- und Familienberatung (vgl. Lenz 2001, S.7). Doch wie nehmen Kinder eigentlich die Angebote wahr, die ihnen in der Erziehungsberatungsstelle gemacht werden? Welche Sicht haben sie auf sich selbst, ihre Familie und auf die BeraterInnen? Kinder werden in der Kinder- und Jugendhilfe nicht automatisch als Klienten, als eigenständige Personen wahrgenommen, die etwas zur Problematik der Familie zu sagen und eine Meinung zu der (mit ihnen durchgeführten) Maßnahme haben. Ihre Meinung ist aber hörenswert, weil es sich um die Wahrnehmung der Betroffenen handelt. Schließlich suchen Eltern eine Erziehungsberatungsstelle auf, weil etwas mit dem Kind "nicht stimmt" und das Kind familiäre Konflikte verursacht oder deutlich macht. Die Stimme der Kinder ist wertvoll, weil niemand bessere Anregungen für die Optimierung und Weiterentwicklung von pädagogischen oder therapeutischen Maßnahmen liefern könnte als sie. Ihre Stimme ist wertvoll, weil Kinder ein Recht haben, gehört und ernst genommen zu werden. Und sie ist wertvoll, weil Kinder eine leise Stimme haben, die nicht von alleine hörbar ist, sondern erfragt werden muss. Die "neue Kindheitsforschung" betont die Notwendigkeit, "Kindern ‘Gehör’ zu verschaffen, ihnen eine Stimme zu geben" (Mey 2001, Absatz 11) seit vielen Jahren. Die Kinder, die ich im Rahmen dieser Arbeit befragt habe, besuchten die Spielstunden in der SOS-Beratungsstelle in München Berg-am-Laim und haben mir Antworten auf folgende Fragen gegeben: Wie bewerten die Kinder die Spielstunden im SOS-Beratungszentrum? Was finden sie gut oder schlecht? Über welche Veränderungen können sie berichten? Im Rahmen dieser Arbeit können zwar nicht die Wirkfaktoren der Spielstunden benannt werden, ich möchte jedoch die Veränderungen beschreiben und vorsichtige Schlussfolgerungen ziehen, womit sie zusammenhängen könnten. Die Aussagen der BeraterInnen sollen dabei helfen, das Bild der Kinder um einige Facetten aus der Sicht der Erwachsenen zu bereichern.

Textauszug (computergeneriert)


"...da hab ich mich so frei gefühlt".

Spielstunden im SOS-Beratungszentrum aus der

Sicht der Kinder


Interviews mit Kindern und Beraterinnen/Beratern in der

Erziehungsberatungsstelle

Diplomarbeit im Fach Psychologie

an der Ludwig-Maximilians-Universität

vorgelegt von Ines Schelhas

München im September 2007


1

Einleitung

S.5

1.1

Begriffsdefinition

S.6

2

Konzept und Fragestellung

S.7

2.1

Zur

"Grounded

Theorie"

S.8

2.2

Die Entwicklung der Fragestellung

S.9

2.3

Reflexive Sozialpsychologie und qualitative Sozialforschung

S.10

3

Überblick zum Stand der Forschung

S.12

3.1

Quantitative

Studien

S.13

3.2

Qualitative

Untersuchungen

S.14

4

Kinder in der Erziehungsberatung

S.16

4.1

Effekte

der

Erziehungsberatung

S.17

4.2

Beurteilung der Erziehungsberatung aus Kindersicht

S.18

4.3

Die Entwicklung des Settings in der Beratung

S.21

4.3.1 Das familienorientierte Setting

S.21

4.3.2 Die Kombination aus Einzel- und Familiensetting

S.22

5

Das SOS-Beratungs- und Familienzentrum

S.24

5.1

Konzept der Einrichtung und Leitbild

S. 24

5.2

Praxisforschung und Qualitätsmanagement

S.27

5.3

Der Weg zur Erziehungsberatungsstelle

S.28

5.3.1 Das Aufnahmeverfahren

S.29

5.3.2 Die Beratungsanlässe

S. 29

5.4

Beratung oder Therapie?

S.31

5.4.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede

S.31

5.4.2 Die Spielstunden in der Beratungsstelle

S.33

5.5

Emotionale Störungen bei Kindern

S.34

5.5.1 Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung

S.35

5.5.2 Merkmale emotionaler Störungen

S.37

6

Spieltherapie

S. 37

6.1

Die Nichtdirektivität in der Spieltherapie

S.39

6.2

Die Rolle der TherapeutInnen

S.40

6.3

Das Spielzimmer als Schutzraum

S.42

6.4

Spieltherapie

als

"Reifungshilfe"

S.43

6.5

Abgrenzung zur Lösungsorientierten Therapie

S.44

6.6

Die Einbeziehung der Eltern

S. 44

1


6.7

Wirksamkeit

von

Psychotherapie

S.46

7

Methodisches Design

S.48

7.1

Das

Leitfaden-Interview

S.49

7.1.1 Die Erstellung des Interviewleitfadens

S.50

7.1.2 Die Entwicklung des Playmobiltests

S.51

7.2

Die Durchführung der Interviews und des Playmobiltests

S.52

7.2.1 Das Problem der Suggestion

S.53

7.3

Die Untersuchungsgruppen

S.55

7.3.1 Vorstellung der Kinder

S.56

7.3.2 Die Beraterinnen und Berater

S.57

7.3.3 Exkurs: Zur Methodologie der Kindheitsforschung

S.58

7.4

Die Methodik der Auswertung

S.59

8 Ergebnisse

der

empirischen

Untersuchung zum Zeitpunkt I

S.62

8.1

Die Lebenssituation der Kinder

S. 62

8.1.2 Die Problemdefinition der Kinder

S. 62

8.1.3 Die Lebenssituation aus Sicht der BeraterInnen

S.65

8.1.3.1 Exkurs: gegenwärtige Lage von Kindern als Asylbewerber in Deutschland

S.66

8.1.4 Die familiären Beziehungen der Kinder

S.69

8.1.5 Wünsche und Phantasien der Kinder

S.71

8.1.6 Bisherige Lösungsversuche und Ressourcen

S.73

8.2

Der Zugang zur Beratungsstelle und zu den Spielstunden

S.75

8.2.1 Partizipation der Kinder an Entscheidungsprozessen

S.

75

8.2.2 Erwartungen der Kinder

S.79

8.3

Die Spielstunden

S.80

8.3.1 Das Setting der Spielstunden

S. 80

8.3.2 Die Spielstunden als Freiraum

S.82

8.3.2.1 Die Spielstunden als Freiraum: die Sicht der Kinder

S.83

8.3.2.2 Die Spielstunden als Freiraum: die Sicht der BeraterInnen

S.85

8.3.3 Die Beziehung zwischen Kindern und ihren BeraterInnen

S.87

8.3.3.1 Die Beziehung aus der Sicht der Kinder

S. 87

8.3.3.2 Die Beziehung aus der Sicht der BeraterInnen

S.90

8.4

Vorläufiges Resümee nach den ersten Interviewgesprächen

S.92

2


9 Ergebnisse

der

empirischen

Untersuchung zum Zeitpunkt II

S.93

9.1

Die Lebenssituation der Kinder

S. 92

9.1.1 Die externen Veränderungen

S. 92

9.1.2 Individuelle Veränderungen beim Kind

S.95

9.1.2.1 Die individuellen Veränderungen aus der Sicht der Kinder

S. 95

9.1.2.2 Die individuellen Veränderungen aus der Sicht der BeraterInnen

S.97

9.1.3 Veränderungen der familiären und sozialen Beziehungen

S.100

9.2

Die

Spielstunden

S.101

9.2.1 Das Setting der Spielstunden

S.102

9.2.2

Die

Spielstunden

als

Freiraum S.

102

9.2.2.1 Die Spielstunden als Freiraum: die Sicht der Kinder

S.103

9.2.2.2 Die Spielstunden als Freiraum: die Sicht der BeraterInnen

S.107

9.2.3 Die Beziehung zwischen Kindern und ihren BeraterInnen

S.109

9.2.3.1 Die Beziehung aus der Sicht der Kinder

S.109

9.2.3.2 Die Beziehung aus der Sicht der BeraterInnen

S.110

9.2.4 Der Abschied von den Spielstunden

S.112

9.3

Wünsche und Phantasien der Kinder

S.113

10

Persönliche Stellungnahme

S.116

10.1 Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse

S. 116

10.2 Ausblick und Folgerungen für die Praxis

S.120

11

Literaturverzeichnis

S.123

3


Danksagung

Für seine Beratung und Unterstützung möchte ich Dr. Bernhard Kühnl vom SOS-

Beratungszentrum danken. Mein Dank gilt auch seinen Kolleginnen und Kollegen, deren

Kooperation diese Arbeit ermöglicht hat. Weiter möchte ich Dr. Joachim Hohl für die

Betreuung der Arbeit von Seiten der Universität danken sowie Renate Laub, die mir bei

der Vorbereitung zu den Interviews geholfen hat. Frau Mittelsten Scheid dafür, mir

geduldig Gehör zu schenken und natürlich meinem Mann für seine Anteilnahme und

Unterstützung. Besonderer Dank gilt auch meinen Eltern.

4


1 Einleitung

Erziehungsberatung ist dem Wort nach ein Angebot für Eltern, die Hilfe bei der

"Erziehung" ihres Kindes suchen. Seit den 1970er Jahren ist in diesem Zusammenhang

jedoch auch der Kontext der Familie ins Blickfeld gerückt. Die Kinder werden stärker

miteinbezogen und erhalten parallel zur Beratung der Eltern oftmals Einzelspielstunden in

der Erziehungsberatungsstelle ­ heute versteht sich Erziehungsberatung als Erziehungs-

und

Familienberatung (vgl. Lenz 2001, S.7).

Doch wie nehmen Kinder eigentlich die Angebote wahr, die ihnen in der

Erziehungsberatungsstelle gemacht werden? Welche Sicht haben sie auf sich selbst, ihre

Familie und auf die BeraterInnen?

Kinder werden in der Kinder- und Jugendhilfe nicht automatisch als Klienten, als

eigenständige Personen wahrgenommen, die etwas zur Problematik der Familie zu sagen

und eine Meinung zu der (mit

ihnen

durchgeführten) Maßnahme haben. Ihre Meinung ist

aber hörenswert, weil es sich um die Wahrnehmung der

Betroffenen

handelt. Schließlich

suchen Eltern eine Erziehungsberatungsstelle auf, weil etwas mit

dem Kind

"nicht stimmt"

und das Kind familiäre Konflikte verursacht oder deutlich macht. Die Stimme der Kinder

ist wertvoll, weil niemand bessere Anregungen für die Optimierung und

Weiterentwicklung von pädagogischen oder therapeutischen Maßnahmen liefern könnte als

sie. Ihre Stimme ist wertvoll, weil Kinder ein Recht haben, gehört und ernst genommen zu

werden. Und sie ist wertvoll, weil Kinder eine leise Stimme haben, die nicht von alleine

hörbar ist, sondern erfragt werden muss. Die "neue Kindheitsforschung" betont die

Notwendigkeit, "Kindern `Gehör′ zu verschaffen, ihnen eine Stimme zu geben" (Mey

2001, Absatz 11) seit vielen Jahren.

Die Kinder, die ich im Rahmen dieser Arbeit befragt habe, besuchten die Spielstunden in

der SOS-Beratungsstelle in München Berg-am-Laim und haben mir Antworten auf

folgende Fragen gegeben: Wie bewerten die Kinder die Spielstunden im SOS-

Beratungszentrum? Was finden sie gut oder schlecht? Über welche Veränderungen können

sie berichten?

Im Rahmen dieser Arbeit können zwar nicht die Wirkfaktoren der Spielstunden benannt

werden, ich möchte jedoch die Veränderungen beschreiben und vorsichtige

Schlussfolgerungen ziehen, womit sie zusammenhängen könnten. Die Aussagen der

BeraterInnen sollen dabei helfen, das Bild der Kinder um einige Facetten aus der Sicht der

Erwachsenen zu bereichern. Ich möchte dazu beitragen, die Spielstunden und die Beratung

5


der Familie im Sinne der Klienten (und eben nicht nur der erwachsenen Klienten!)

weiterzuentwickeln.

Durch mein Praktikum in der SOS-Beratungsstelle konnte ich selbst Einblicke in die

Spielstunden gewinnen und mich langsam der oben genannten Fragestellung annähern.

Außerdem habe ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Sozialpädagogin in einer

sozialpädagogischen Tagesgruppe erlebt, dass bei allem guten Willen und den

Bemühungen um Hilfestellung für die Familien oftmals die Kinder aus dem Blickfeld

rücken; vielleicht auch, weil es "einfacher" ist, Maßnahmen ohne deren Mitwirkung zu

planen (gemäß dem Motto "wir wissen, was gut für dich ist"). Ohne die Beteiligung der

unmittelbar Betroffenen läuft man jedoch allzu leicht Gefahr, völlig an deren Bedürfnissen

vorbei zu agieren. Meine Motivation, mich der Befragung der Kinder zuzuwenden,

entstand zudem in Folge der Tatsache, dass bisher nur wenige Publikationen existieren, die

die Wahrnehmung der Kinder als Klienten, Patienten oder gar "Kunden" von psycho-

sozialen Einrichtungen beschreiben. Obwohl die Maßnahmen sich in der Kinder- und

Jugendhilfe um das Wohl und die Entwicklung der Kinder bemühen, laufen

Entscheidungen und Prozesse häufig ohne Partizipation der Kinder ab, so dass den Kindern

oft kaum mehr bleibt, als sich in das bereitgestellte Helfer-System einzufügen.

Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich versuchen, den Fokus auf die Wahrnehmung der

Kinder als junge Klienten zu richten und die wissenschaftliche "Lücke" in diesem Bereich

damit ein Stück weit zu schließen.

Ich möchte den Kindern für ihre Bereitschaft

mir

zu helfen, meinen Fragen auf die Spur zu

kommen, danken. Die Interviews waren für mich ein eindrucksvolles Erlebnis. Sie haben

mir gezeigt, dass, wer zuhört, von Kindern Erstaunliches erfahren kann. Die Gespräche

waren bereichernd und haben mich in meiner Vermutung bestätigt, dass Kinder sehr viel

zu sagen haben und erstaunlich reflektiert über sich und ihre Umwelt berichten können.

1.1 Begriffsdefinition

Um Missverständnissen vorzubeugen, erscheint es mir wichtig, zwei Begriffe zu erläutern,

die in der vorliegenden Arbeit zentral sind:

·

Spielstunde: In der Einleitung war von den "Spielstunden" die Rede, die die Kinder

im SOS-Beratungszentrum besuchen. Dabei findet wöchentlich für 50 Minuten ein

Einzelkontakt einer/s Beraterin/s mit dem Kind im Spielzimmer der Einrichtung statt. Das

6


Setting unterscheidet sich formal und inhaltlich kaum von dem einer "Spieltherapie". Die

Beratungsstelle stellt aber nur Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) VIII bereit,

so dass keine heilkundlichen Leistungen angeboten werden dürfen. Rechtlich gesehen

handelt es sich deshalb nicht um Therapie. Im Konzept des SOS-Beratungszentrums ist

von "Einzelbetreuung" für Kinder mit einer "eindeutigen emotionalen Problematik" (SOS-

Beratungs- und Familienzentrum 2003, S.8) die Rede. Weiter heißt es: "Methodisch dient

das Spiel als Hauptmedium. Die konkreten Umgangsweisen sind nondirektiv oder

verhaltenstherapeutisch/ gestalttherapeutisch" (ebd.). Auch wenn praktisch gesehen also

die Spielstunden einer Therapie entsprechen, dürfen sie nicht als solche bezeichnet werden.

Ich werde aus diesem Grund im Folgenden den Begriff "Spielstunde" verwenden. Eine

vertiefte Auseinandersetzung zur Unterscheidung der Begriffe "Therapie" und "Beratung"

findet sich unter Punkt 5.4.

·

BeraterInnen: Die Spielstunden werden von den Beraterinnen und Beratern des

SOS-Beratungszentrums durchgeführt, die den "Fall", also die Familie übernehmen und

neben dem Kind auch die Eltern regelmäßig zu Gesprächen sehen. Es arbeiten Diplom-

PsychologInnen und Diplom-PädagogInnnen sowie Diplom-SozialpädagogInnen mit den

Familien. Die FachmitarbeiterInnen verfügen in der Regel über eine therapeutische,

mediatorische oder supervisorische Zusatzausbildung. "Mehrere MitarbeiterInnen sind als

Psychologische Psychotherapeuten bzw. Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen

approbiert" (SOS-Beratungs- und Familienzentrum 2003, S.11). Die Spielstunden werden

jedoch nicht zwingend von KinderpychotherapeutInnen durchgeführt. Außerdem können

auch StudentInnen der Psychologie oder Sozialpädagogik im Rahmen eines Praktikums im

SOS-Beratungszentrum Spielstunden mit einzelnen Kindern abhalten (was während

meines Praktikums auch der Fall war). Sie werden dabei von einer Fachkraft angeleitet und

supervidiert, führen die Stunden aber eigenverantwortlich durch.

Im Folgenden werde ich im Sinne einer einheitlichen Formulierung von "BeraterInnen"

sprechen, um den beschriebenen Personenkreis abzudecken.

2 Konzept und Fragestellung

In diesem Kapitel möchte ich den Prozess der Entwicklung, ausgehend von meinen noch

vagen Fragen bis hin zum Konzept für die vorliegende Arbeit darstellen. Diese

Entwicklung zu skizzieren erscheint mir wichtig, da es sich um eine zirkuläre Annäherung

zu einer Fragestellung handelt und nicht um ein Konzept mit klaren Hypothesen, das von

7


Anfang an feststand. Die Untersuchung wurde mit den Methoden der qualitativen

Sozialforschung durchgeführt, die ich später genauer erläutern werde. In diesem

Zusammenhang ist ein Verweis auf das Vorgehen nach der sogenannten "Grounded

Theorie" angebracht, um darzulegen, wie sich die Fragestellung und somit das Konzept

prozesshaft weiterentwickeln konnten.

2.1 Zur "Grounded Theorie"

Die "Grounded Theorie" wurde von B.G. Glaser und A.L. Strauss in den 50er und 60er

Jahren des 20. Jahrhunderts innerhalb der amerikanischen Soziologie entwickelt. Sie geht

davon aus, dass der Forscher während der Datensammlung theoretische Konzepte,

Konstrukte und Hypothesen entwickelt, verfeinert und verknüpft, so dass Erhebung und

Auswertung sich überschneiden. Damit wird ausdrücklich

zugelassen,

dass sich das

Konzept während der Datenerhebung weiterbildet und sich erst im Laufe der Zeit ein

theoretisches Gerüst entwickelt, das Stück für Stück vervollständigt wird. Stößt der/die

ForscherIn während der Arbeit auf interessante Aspekte, kann davon ein neuer Impuls zur

Datenerhebung ausgehen. Diese Kreisprozesse führen dann zur endgültigen Fassung der

theoretischen Konzepte (Mayring, S. 82f.). So steht also nicht eine Theorie, die verifiziert

oder falsifiziert werden soll, am Anfang der Untersuchung, sondern ein eher weitgefasster

Untersuchungsbereich, dem sich der/die ForscherIn annähert. Im Voraus getroffene

theoretische Annahmen und Erwartungen haben einen "offenen" Charakter und können

sich im Laufe des Forschungsprozesses verändern. Dabei "sollten [sie] ­idealiter ­ in

einem steten Austauschprozess zwischen qualitativ erhobenem Material und zunächst noch

wenig bestimmtem theoretischen Vorverständnis präzisiert, modifiziert oder revidiert

werden" (Hopf 1979, S.15).

So galt meine Neugier zu Anfang ganz generell den Meinungen der Kinder über die

Spielstunden und erst im Laufe der Zeit kristallisierte sich heraus, was im Bezug darauf

bedeutsam ist (z.B. die Zuschreibungen der Kinder, weshalb sie zur Spielstunde gehen).

Die "Grounded Theorie" bietet die Möglichkeit, Neues zu entdecken und sich auf ein

Terrain zu begeben, das sich erst mit der beginnenden Untersuchung eröffnet, weil

Datensammlung, Auswertung und das Entwickeln einer Theorie in einer wechselseitigen

Beziehung zueinander stehen. Mit anderen Worten: "Der Forscher arbeitet nicht mit einer

vorgefertigten Theorie, die er durch seine Untersuchung bestätigen möchte, sondern

8


entwickelt im Rahmen seiner empirischen Vorgehensweise seine Theorie weiter" (Kühnl

2000, S.60).

Im vorliegenden Fall habe ich zunächst einen Leitfaden für die Interviews erarbeitet, der so

offen gehalten wurde, dass alle möglichen und interessanten Aspekte zur Sprache kommen

konnten. Der Interview-Leitfaden stellt vorerst eine grobe Strukturierung dar, die dem/der

ForscherIn im Gespräch Orientierung verschafft und den Befragten gleichzeitig die

Möglichkeit lässt, neue Aspekte und Bereiche anzusprechen. Diese neuen Aspekte werden

im Sinne der "Grounded Theorie" in die Entwicklung der Theorie aufgenommen. Kurz

gesagt, der/die ForscherIn sucht nicht nur nach "Beweisen" für eine bestehende Theorie,

sondern arbeitet mit dem, was auf dem "Weg" liegt und sich als bedeutsam erweist.

Im Verlauf der Datenerhebung wurde mir deutlich, in welche Richtung die Fragestellung

weist. Die Schwierigkeit bestand für mich vor allem darin, Wesentliches zu erkennen und

mich für eine von vielen möglichen Richtungen zu entscheiden. Die größte

Herausforderung lag darin, mich auf wenige interessante Aspekte zu beschränken und auf

andere Bereiche (im Rahmen dieser Arbeit) nicht weiter einzugehen.

2.2 Die Entwicklung der Fragestellung

Nach dem eben erfolgten Verweis auf das Vorgehen im Rahmen der "Grounded Theorie"

möchte ich einen Schritt zurück gehen und die Entwicklung der Fragestellung darstellen:

Mein Interesse für dieses Thema wurde geweckt durch meine eigenen Erfahrungen im

Umgang mit Kindern und dem Wunsch danach, deren Bedürfnisse besser zu verstehen und

angemessen darauf reagieren zu können. Die Perspektive der Kinder ist den Erwachsenen

fremd und vertraut zugleich, da jeder von uns einmal Kind war und dennoch die meisten

"verlernt" haben, wie ein Kind zu denken und zu fühlen. Es ist deshalb oftmals nicht

einfach, die Lebenswelt des Kindes aus dessen Perspektive zu sehen.

Durch den intensiven Einzelkontakt zu einem Jungen während der Spielstunden im

Rahmen meines Praktikums in der SOS-Beratungsstelle wollte ich

mehr

über die

Wahrnehmung der Kinder in Bezug auf die Spielstunden erfahren.

Nach Sichtung der Literatur erstellte ich eine Liste mit interessanten Aspekten, die ich kurz

benennen möchte:

- Wie definieren die Kinder das "Problem?

- Wie steht es um die Beteiligung der Kinder an Entscheidungen?

- Welche Erwartungen haben sie bezüglich der Spielstunden?

9


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