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Sprachwandel

Essay, 2008, 9 Pages
Author: Patrick Hillegeist
Subject: German Studies - Linguistics

Details

Category: Essay
Year: 2008
Pages: 9
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 6  Entries
Language: German
Archive No.: V116523
ISBN (E-book): 978-3-640-18191-9

File size: 62 KB
Notes :
"Überzeugende Arbeit" - Kommentar des Dozenten.


Abstract

n einem wissenschaftlichen Streitgespräch über den (vermeintlichen oder tatsächlichen) Sprachverfall vertritt der Sprachwissenschaftler Rudi Keller die Ansicht, die deutsche Sprache sei nicht heute, sondern „im 16. und 17. Jahrhundert“ bedroht gewesen: „Damals sprachen der Adel Französisch, die Gelehrten Latein und nur die Bauern Deutsch. Es gab zu der Zeit sogar den ernst gemeinten Vorschlag, in Deutschland das Französische als allgemeine Umgangssprache einzuführen, anstatt mühsam zu versuchen, die deutsche Sprache zu kultivieren. Heute sehe ich dagegen keine Bedrohung; die deutsche Sprache ist gut in Schuss. Was wir als Sprachverfall wahrnehmen, ist nichts anderes als der allgegenwärtige Sprachwandel. Und den hat es immer schon gegeben.“ Nehmen sie zu dieser Einschätzung Stellung, indem Sie a.) einleitend kurz und prägnant (auch unter Bezugnahme auf weitere Ansätze) den Terminus des Sprachwandels klären und b.) Kellers Ansicht unter Bezugnahme auf seine Theorie der unsichtbaren Hand deuten. Reflektieren Sie abschließend c.) die Rolle und Bedeutung, die dem einzelnen Sprecher in diesem Entwurf zukommt. 2.) Begreift man Sprache als ein komplexes System konventioneller Regeln, verdient die Übertretung dieser Konventionen durch den Einzelnen in der Erklärung von Sprachwandelprozessen besondere Beachtung. Begründen Sie diese Einschätzung, indem Sie auf die von Hermann Paul vertretene Auffassung eines solchen Wandels zurückgreifen. 3.) Folgt man der sprachwissenschaftlichen Überzeugung von der Erklärbarkeit sprachlichen Wandels, müssen die Gründe für die Abweichung vom Sprachusus, die am Beginn des Prozesses stehen, aufzeigbar sein. Skizzieren Sie für die folgenden Fälle jeweils eine in sich konsistente Erklärung für den sich abzeichnenden Wandel. Gegeben seien drei Beispiele: a.) ein Deklinationsproblem: Im Herbst diesen Jahres sehen wir uns wieder (statt des korrekten im Herbst dieses Jahres) – Wieso wählen selbst gebildete Sprecher diese Form, während sie niemals die Hosen diesen Kindes oder der Motor diesen Autos sagen würden? b.) ein syntaktisch-semantisches Problem: Ich muss jetzt gehen, weil die Geschäfte machen gleich zu. Welcher Prozess ist hier im Gang?; c.) eine lexikalische Neuerung: son, in seiner femininen Form sone, z.B. Son Ding/Sone Maschine hab ich nich nie gesehen bzw. im Dativ som/sone, z.B. Mit som Ding/soner Maschine geht das wunderbar. Um welche Wortkreation handelt es sich hierbei und was leistet sie?


Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig

Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften

Institut für Germanistik

- Germanistische Sprachwissenschaft -

Aufbaumodul 5, Teilmodul II :

Sprachwandeltheorien: Das Werden der Sprache durch das Sprechen.

Form - Funktion - Ästhetik

Wintersemester 2007/2008

Essay

Sprachwandel







Patrick Hillegeist

23. Januar 2008


Inhaltsverzeichnis

1.) In einem wissenschaftlichen Streitgespräch über den (vermeintlichen oder

tatsächlichen) Sprachverfall vertritt der Sprachwissenschaftler Rudi Keller die

Ansicht, die deutsche Sprache sei nicht heute, sondern ,,im 16. und 17.

Jahrhundert" bedroht gewesen: ,,Damals sprachen der Adel Französisch, die

Gelehrten Latein und nur die Bauern Deutsch. Es gab zu der Zeit sogar den ernst

gemeinten Vorschlag, in Deutschland das Französische als allgemeine

Umgangssprache einzuführen, anstatt mühsam zu versuchen, die deutsche

Sprache zu kultivieren. Heute sehe ich dagegen keine Bedrohung; die deutsche

Sprache ist gut in Schuss. Was wir als Sprachverfall wahrnehmen, ist nichts

anderes als der allgegenwärtige Sprachwandel. Und den hat es immer schon

gegeben." Nehmen sie zu dieser Einschätzung Stellung, indem Sie

a.) einleitend kurz und prägnant (auch unter Bezugnahme auf weitere Ansätze)

den Terminus des Sprachwandels klären und

b.) Kellers Ansicht unter Bezugnahme auf seine Theorie der unsichtbaren Hand

deuten. Reflektieren Sie abschließend

c.) die Rolle und Bedeutung, die dem einzelnen Sprecher in diesem Entwurf

zukommt.

2.) Begreift man Sprache als ein komplexes System konventioneller Regeln,

verdient die Übertretung dieser Konventionen durch den Einzelnen in der

Erklärung von Sprachwandelprozessen besondere Beachtung. Begründen Sie

diese Einschätzung, indem Sie auf die von Hermann Paul vertretene Auffassung

eines solchen Wandels zurückgreifen.

3.) Folgt man der sprachwissenschaftlichen Überzeugung von der Erklärbarkeit

sprachlichen Wandels, müssen die Gründe für die Abweichung vom Sprachusus,

die am Beginn des Prozesses stehen, aufzeigbar sein. Skizzieren Sie für die

folgenden Fälle jeweils eine in sich konsistente Erklärung für den sich

abzeichnenden Wandel. Gegeben seien drei Beispiele:

a.) ein Deklinationsproblem: Im Herbst diesen Jahres sehen wir uns wieder (statt

des korrekten im Herbst dieses Jahres) ­ Wieso wählen selbst gebildete

Sprecher diese Form, während sie niemals die Hosen diesen Kindes oder der

Motor diesen Autos sagen würden?

b.) ein syntaktisch-semantisches Problem: Ich muss jetzt gehen, weil die

Geschäfte machen gleich zu. Welcher Prozess ist hier im Gang?;

c.) eine lexikalische Neuerung: son, in seiner femininen Form sone, z.B. Son

Ding/Sone Maschine hab ich nich nie gesehen bzw. im Dativ som/sone, z.B. Mit

som Ding/soner Maschine geht das wunderbar. Um welche Wortkreation handelt

es sich hierbei und was leistet sie?

Literaturverzeichnis

8

2


Zu 1a.):

KELLER1 beschreibt den Sprachwandel als existentiellen Bestandteil

einer Sprache, ,,so lange sie in aktivem Gebrauch [...]" (KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 7)

ist. Grundsätzlich folgt er damit den Gedanken von William D. WHITNEY, Hermann

PAUL oder Eugenio COSERIU, der als Negativbeispiel das ,,Latein Ciceros [...]"

(COSERIU 1974: 24) anführt, um deutlich zu machen, dass eine statische, festgezurrte

Sprache nur eine begrenzte Lebensdauer erfahren kann.2 In diesem Punkt der

Auswirkungen von ausbleibendem Sprachwandel, kann man einen erheblichen

Unterschied fest machen. Als Beispiel für ein hohen Grad an Wandel führt KELLER

Latein an, welches in weiterentwickelten Versionen, wie beispielsweise der

italienischen Sprache, durchaus noch existiert und gerade nicht leblos ist

(KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 8). Demnach kann eine Sprache nur aussterben, wenn

die gesamte Sprechergemeinschaft mit einem Schlag ausstirbt und vorher kein

Kontakt mit anderen Sprechergemeinschaften stattgefunden hat.

COSERIU und KELLER legen Wert darauf, den Sprachgebrauch als Impulsgeber und

Indikator von Sprachwandel hervorzuheben und rücken somit den einzelnen

Sprecher in das Blickfeld des sprachwissenschaftlichen Interesses. Da der

individuelle Sprecher oder die individuelle Sprecherin aber niemals in seiner

beziehungsweise ihrer Gesamtheit erfasst werden kann, ist eine praktische

Anwendung einer solchen Theorie nicht möglich, da auch sie keine Antwort auf die

Fragen nach dem Erscheinungszeitpunkt und der darauf folgenden Tendenz von

Sprachwandel bereithält (NÜBLING 2006: 123).

Zu 1b.):

Dieser Ansicht ist für meine Begriffe schwer zu folgen. Zunächst mal ist

es so, dass der angesprochene Adel und die Zahl der Gelehrten, einen im Verhältnis

zur damaligen gesamten Sprechergemeinschaft verschwindend geringen Anteil

darstellen. Von der fehlenden Lese- und Schreibkompetenz großer Teile der

damaligen Bevölkerung ausgehend, hätte der angesprochene Verfall wohl nur auf

der Ebene der angesprochenen Adeligen und Gelehrten stattfinden können. Hier

verweise ich auf Nikolai Marr und seine

Lehre von der ,,Stadialität" der Sprache

(PORZIG 1982: 296-298).

1 Im Folgenden spreche ich von Keller als Einzelperson, wohl wissend, dass Kirschbaum bei der

Entstehung mitgearbeitet hat. Aus früheren Publikationen geht aber hervor, dass speziell Keller sich

mit dem Begriff des Sprachwandels beschäftigt hat.

2 Coseriu weist hier noch auf die weitere Nutzung des Lateinischen in Form eines Codes hin, was an

seiner finiten Einstellung aber nichts ändert.

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