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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 32 Pages
Author: Theuer Eun Soon
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Cologne (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Tags: Kafkas, Urteil, Eine, Deutung, Hauptseminar, Kafkas, Erzählungen
Year: 2005
Pages: 32
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 23 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-18676-1
File size: 214 KB
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Abstract
In der vorliegenden Hausarbeit soll die Erzählung ‚Das Urteil’ von Franz Kafka untersucht werden. Diese Erzählung ist Gegenstand zahlreicher, unterschiedlichster literaturwissenschaftlicher Untersuchungen geworden, so dass von Matt mit Recht über Kafkas Werk schreibt: „Kein anderes Werk […] wird so wild, so tausendfältig anders ausgelegt.“ Gerhard Neumann unterteilt den Forschungsdiskurs zunächst in ganzheitliche Interpretationen und ´einseitige´ Deutungsansätze. Ganzheitliche Ansätze versuchen aus der Analyse der Erzählung ‚Das Urteil’ heraus, unter Berücksichtigung familiärer, biografischer und kultureller Hintergründe Kafkas, eine Gesamtinterpretation für Kafkas Werk zu liefern. Einseitige Deutungsansätze hingegen nehmen sich einzelner Aspekte des Werks an. Nach Neumann lassen sich die verschiedenen einseitigen Deutungsansätze unter vier Interessenszusammenhängen der Forschung einordnen: Unter einem idealistischen, einem materialistischen, einem strukturalistischen und einem meta-hermeneutischen Ansatz. Die Erzählung wurde bereits auch unter eher ungewöhnlichen Aspekten betrachtet, wie etwa juristischen, die den Aspekt der Schuld ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen, oder Gender-spezifischen, die Geschlechterrollen überprüfen. Eine der Forschungsperspektiven besteht darin, die Erzählung ‚Das Urteil’ aus psychoanalytischer Sicht zu betrachten. Diese Deutungsweise bietet sich bei der Erzählung geradezu an, da sie viel Züge eines Traumes aufweist und der Vater-Sohn-Konflikt im Mittelpunkt steht. Einige Interpreten versuchen den psychoanalytischen Interpretationsansatz mit einem Tagebucheintrag Kafkas am 23. September 1912 zu rechtfertigen, in dem Kafka über seine Erzählung ‚Das Urteil’ schreibt: „Gedanken an Freud natürlich“ . Dieser Eintrag ist allerdings äußerst vage und noch kein Nachweis, dass Kafka die Erzählung mit der Absicht schrieb, Freudsche Theorien aufzugreifen und zu verarbeiten.Denkbar ist, dass ihm erst nach der Beendigung der Erzählung Parallelen zu Freud aufgefallen sind, oder dass die ´Gedanken an Freud` nicht den Inhalt der Erzählung, sondern eher die Arbeitsweise betreffen, durch die die Erzählung entstanden ist; eine Arbeitsweise, die derjenigen Freuds gleicht.
Excerpt (computer-generated)
UNIVERSITÄT ZU KÖLN
Institut für deutsche Sprache und Literatur
Hauptseminar:
,,Kafkas Erzählungen"
Sommersemester 2005
,,Kafkas Urteil"
Eine psychoanalytische Deutung
von:
Eun Soon Theuer
Staatsexamen
Deutsch / Pädagogik / Geschichte
8. Semester
Köln, den 15. Oktober 2008
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Einleitung 3
Hauptteil 5
1. Die Grundzüge der Psychoanalyse Freuds 5
1.1. Das dualistische System der Psyche und die Verdrängung 5
1.2. Freuds Trieblehre und das dreiteilige Model der Psyche 6
1.3. Die Traumlehre 8
1.4. Der ödipale Konflikt 10
2. Die Psychoanalyse Freuds als Instrument der Literaturwissenschaft ...11
3. Psychoanalytische Deutungsweise der Erzählung ,Das Urteil′ 12
3.1. Die Erzählung ,Das Urteil′ analysiert als Traum 12
3.1.1. Literarisches Schaffen als Triebabbau analog zum Traum 13
3.1.2. Die traumähnliche Unwirklichkeit der Erzählung 13
3.2. Dechiffrierung des ,manifesten Textes′ anhand der
Figurenkonstellation 16
3.2.1. Die Beziehung zwischen Georg und dem Freund 16
3.2.2. Die Beziehung zwischen Georg und seiner Verlobten 19
3.2.3. Die Beziehung zwischen Georg und seinem Vater 20
3.2.3.1. Rollentausch 20
3.2.3.2. Der ödipale Konflikt 22
3.2.3.3. Befestigung alter Familienrollen durch Strafrede und Urteil 23
Schlussbetrachtung 28
Quellen- und Literaturverzeichnis 30
2
Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit soll die Erzählung ,Das Urteil′ von Franz Kafka untersucht werden. Diese Erzählung ist Gegenstand zahlreicher, unterschiedlichster literaturwissenschaftlicher Untersuchungen geworden, so dass von Matt mit Recht über Kafkas Werk schreibt: ,,Kein anderes Werk [...] wird so wild, so tausendfältig anders ausgelegt." 1
Gerhard Neumann2 unterteilt den Forschungsdiskurs zunächst in ganzheitliche Interpretationen und ´einseitige´ Deutungsansätze. Ganzheitliche Ansätze versuchen aus der Analyse der Erzählung ,Das Urteil′ heraus, unter Berücksichtigung familiärer, biografischer und kultureller Hintergründe Kafkas, eine Gesamtinterpretation für Kafkas Werk zu liefern. Einseitige Deutungsansätze hingegen nehmen sich einzelner Aspekte des Werks an. Nach Neumann lassen sich die verschiedenen einseitigen Deutungsansätze unter vier Interessenszusammenhängen der Forschung einordnen:
Unter einem idealistischen, einem materialistischen, einem strukturalistischen und einem metahermeneutischen Ansatz. Die Erzählung wurde bereits auch unter eher ungewöhnlichen Aspekten betrachtet, wie etwa juristischen, die den Aspekt der Schuld ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen, oder Genderpezifischen, die Geschlechterrollen überprüfen.
Eine der Forschungsperspektiven besteht darin, die Erzählung ,Das Urteil′ aus psychoanalytischer Sicht zu betrachten. Diese Deutungsweise bietet sich bei der Erzählung geradezu an, da sie viel Züge eines Traumes aufweist und der Vater-Sohn-Konflikt im Mittelpunkt steht.
Einige Interpreten versuchen den psychoanalytischen Interpretationsansatz mit einem Tagebucheintrag Kafkas am 23. September 1912 zu rechtfertigen, in dem afka über seine Erzählung ,Das Urteil′ schreibt: ,,Gedanken an Freud natürlich"3.
Dieser Eintrag ist allerdings äußerst vage4 und noch kein Nachweis, dass Kafka die Erzählung mit der Absicht schrieb, Freudsche Theorien aufzugreifen und zu
1 von Matt, Peter: Verkommene Söhne, missratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur. 2. Aufl.
München: Hanser, 1999. S.305.
Nach der ersten Nennung einer Literaturangabe eines Textes verwende ich im Weiteren den
unterstrichenen Teil der Literaturangabe als Kurzangabe, unter dem dieser im Literaturverzeichnis zu
finden ist.
2 Vgl.: Neumann, Gerhard: Franz Kafka. Das Urteil. München: Hanser, 1981. S.198ff.
3 Kafka, Franz. Tagebücher. Hans- Gerhard Koch u. a. (Hg.) Frankfurt a. M.: Fischer, 1990. S.460.
4 Vgl.: Anz, Thomas. Praktiken und Probleme psychoanalytischer Literaturinterpretationen - am
Beispiel von Kafkas Erzählung Das Urteil. In: Oliver Jahraus; Stefan Neuhaus (Hg.): Kafkas ,,Urteil" und die Literaturtheorie: Zehn Model analysen. Stuttgart: Reclam, 2002. S.126.
3
verarbeiten. Denkbar ist, dass ihm erst nach der Beendigung der Erzählung Parallelen zu Freud aufgefallen sind, oder dass die ´Gedanken an Freud` nicht den Inhalt der Erzählung, sondern eher die Arbeitsweise betreffen, durch die die Erzählung entstanden ist; eine Arbeitsweise, die derjenigen Freuds gleicht.
Der Eintrag Kafkas ist also erst einmal interpretationsbedürftig und kann deshalb nicht allein dazu dienen, eine psychoanalytische Deutungsweise zu legitimieren. Was dieser Eintrag aber zeigt, ist, dass Kafka Freuds Theorie bekannt war und dass er sich mit ihren Grundgedanken auseinander gesetzt hat.5
Eine psychoanalytische Deutung der Erzählung ,Das Urteil′ ist auch insofern nahe liegend, als der Mensch und sein Handeln im Zentrum der Erzählung stehen. Der Autor will Menschen darstellen, die Gefühle und Konflikte haben, miteinander agieren und universelle Erfahrungen machen. Die Basis einer Deutung ist oft der Vergleich des Lesers mit eigenen Lebenserfahrungen:
,,Da der primäre Gegenstand der Literatur eben das menschliche Leben ist, wie wir es alle gleich und miteinander erleben, so ist sie in ihrem Kern und in ihrer Grundvoraussetzung unbestreitbar psychologisch. "6
In meiner Arbeit werde ich also eine Textanalyse der Erzählung ,Das Urteil′ durchführen, die auf der psychoanalytischen Theorie Freuds basiert. Dazu soll zunächst im ersten Teil die Grundzüge der Psychoanalyse Freuds dargelegt werden, die ich später zur Interpretation der Erzählung ,Das Urteil` benötige. Der nächste Schritt besteht darin zu zeigen, dass es sinnvoll ist, literarische Werke psychoanalytisch zu deuten, wie Freud es bereits schon praktizierte.
Im zweiten Teil der Hausarbeit erfolgt die Analyse der Erzählung ,Das Urteil′ unter psychoanalytischen Gesichtspunkten. Zunächst soll en hier das Unwirkliche und Traumähnliche der Erzählung sowie die angewendeten Traummechanismen7 betrachtet werden. Außerdem soll auf die Figurenkonstellation, besonders die Beziehung zwischen Vater und Sohn eingegangen werden und die vorherrschenden Konflikte. Dabei werden der ö d i p a l e K o n f l i k t und die Frage der Schuld Georgs näher behandelt und es wird gezeigt, wie es zu dem Urteil und seiner Vollstreckung kommen konnte.
5 Vgl.: Kaus, Rainer J.: Erzählte Psychoanalyse bei Franz Kafka: eine Deutung von Kafkas Erzählung ,,Das Urteil". Heidelberg: Winter,1998. S.15.
6 Wyatt, Frederick: Das Psychologische in der Literatur. In: Wolfgang Paulsen (Hg.): Psychologie in
der Literaturwissenschaft. Heidelberg: Lothar Stiehm, 1971. S.22.
7 Erläuterungen zu diesem Begriff: Kapitel 1.3.
4
Hauptteil
1. Die Grundzüge der Psychoanalyse Freuds
1.1. Das dualistische System der Psyche und die Verdrängung
Bereits 1899 entwickelte Freud in seinem damals erschienenen Werk ,T r a u m d e u t u n g ′ 8 ein dualistisches Model der menschlichen Psyche, welches diese beschreibt als in zwei psychische Instanzen9 geteilt: das System ´Unbewusst´ und das System ´Bewusst´10. Dieses Model stellt lediglich eine ,,Konstruktion, mit deren Hilfe sonst ungreifbare Impulse vorläufig benannt, geordnet, klassifiziert werden"11 können dar.
alles was uns aktiv bewusst ist, ordnet Freud in das System ´Bewusst´, alle unbewussten Inhalte ins System ´Unbewusst´. Er unterscheidet dabei zwischen ,,Unbewusst im deskriptiven und Unbewusst im dynamischen Sinne"12. Deskriptiv unbewusst, auch ´Vorbewusst´ genannt, meint, dass meist nebensächliche Ereignisse zum momentanen Zeitpunkt nicht abrufbar sind, die wir aber eigentlich kennen (wie etwa die eigene Telefonnummer). Dynamisch unbewusst bedeutet hingegen, dass intensive unterdrückte Erfahrungen mit starker Relevanz für die Persönlichkeit dem Bewusstsein fernbleiben, jedoch in einem ständigen Prozess unterbewusst auf uns einwirken.
Die dualistische Teilung der Psyche und das Vorhandensein eines Systems ´Unbewusst´ erschienen Freud als plausibel, da er bei seinen Patientinnen beobachtete13, dass sie unterdrückte Wunschvorstellungen hatten, die ihnen nicht bewusst waren, dennoch immensen Einfluss auf sie ausübten. Sich diesen Wünschen mittels Assoziationen zu nähern, war nicht möglich.14 Die
Wunschvorstellungen wurden nicht nur unterdrückt, sondern sogar verdrängt, was bedeutet, dass ein
8 Freud, Sigmund: Studienausgabe. Bd.II. Die Traumdeutung. Alexander Mitscherlich (Hg.). 8. Aufl.,
Frankfurt a. M.: Fischer,1989.
9 Vgl.: de Berg, Henk: Freuds Psychoanalyse in der Literatur- und Kulturwissenschaft. Tübingen: Narr,
2005.S.7.
10 Vgl.: Köhler, Thomas: Freuds Psychoanalyse: Eine Einführung. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer,
1995. S.38.
11 von Matt, Peter: Literaturwissenschaft und Psychoanalyse. Freiburg: Rombach&Co, 1972. S.11.
12 Köhler, S.38.
13 Vgl.: de Berg, S.5ff.
14 Vgl.: Köhler, S.51.
5
,,prinzipiell bewußtseinsfähiger Akt, also einer der dem System Vorbewußt angehört, unbewußt gemacht, also in das System Unbewußt zurückgeschoben wird"15.
Diese verdrängten Wünsche versuchen dynamisch aus dem System `Unbewusst` wieder in das System Bewusst vorzudringen, was zum Beispiel durch Träume oder Fehlleistungen geschieht16. Dabei bedrängen nicht nur ´aktuelle´ verdrängte Wünsche das Bewusstsein, sondern verdrängte Wünsche und Erfahrungen seit der frühesten Kindheit, die im System Unbewusst gespeichert sind und nebeneinander existieren. Deshalb betont von Matt, dass das Unbewusste zeitlos und die "Gegenwart aller Erfahrungen nebeneinander"17 sei. Das Hauptinteresse Freuds galt den unbewussten Vorgängen in der menschlichen Psyche.
1.2. Freuds Trieblehre und das dreiteilige Model der Psyche
In der Psychoanalyse Freuds sind den beiden Systemen ´Bewusst´ und ´Unbewusst´verschiedene Inhalte zugeordnet. Während sich im System ´Bewusst´ Inhalte, die mit der Realität vereinbar sind, vereinen, so umfasst das System ´Unbewusst´ irreale Vorstellungen und Wünsche oder sollche, die der betreffenden Person irreallerscheinen.
Im System Unbewusst herrscht das ´L u s t p r i n z i p ´ vor, nach dem alle seelischen Vorgänge danach streben, Lust zu erlangen und Unlust zu vermeiden. Dabei haben weder die Außenwelt noch das Individuum als Ganzes Einfluss auf diese seelischen Wünsche. Lusterwerb kann durch die Erfüllung von Wünschen erreicht werden, die bei Freud als ´Triebe´ bezeichnet werden. Diese Bezeichnung umfasst wie man meinen könnte nicht nur sexuelle Wünsche, sondern jede Art von sinnlichem Genuss.18 Das Bewusstsein wirkt als zensierende Instanz über das ´Lustprinzip´, da aufgrund von realen Anforderungen die Triebe unterdrückt, umgeleitet oder kanalisiert befriedigt werden müssen19, im Extremfall sogar ins Gegenteil verkehrt werden können.
,,Das ganze Leben ist also ein ständiges Wechselspiel von unbewussten Sexualtrieben und bewussten Entscheidungen."20
Freud entwickelt jedoch in einem fortgeschritteneren Model die Theorie, dass nicht nur das Bewusstsein gegen die Triebe ankämpft, sondern dass im Unbewussten selbst ein Druck existiert, der gegen die Triebsteuerung arbeitet und bestimmte
15 Freud, Sigmund. Gesammelte Werke. Bd.11. Anna Freud (Hg.). F.a.M.: S. Fischer, 1968. S. 354.
16 Erklärung dazu: Kapitel 1.1.2. und 1.1.3.
17 von Matt, S.14.
18 Vgl.: de Berg, S.12.
19 Erklärungen dazu: S.8f.
20 de Berg, S.11.
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