Auf dem Weg zum Volkssport close Bitte warten
Auf dem Weg zum Volkssport

Untertitel: Einführung und Verbreitung des Fußballs in Deutschland
Autor: Folko Damm
Fach: Sport - Sportgeschichte

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Details

Kategorie: Bachelorarbeit
Jahr: 2007
Seiten: 36
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 22  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 350 KB
Archivnummer: V116666
ISBN (E-Book): 978-3-640-18469-9
ISBN (Buch): 978-3-640-18471-2

Zusammenfassung / Abstract

[…] Welchen gesellschaftlichen Stellenwert der Sport heute besitzt, demonstrierte nicht zuletzt vergangenes Jahr die Weltmeisterschaft in Deutschland, die Millionen Menschen weltweit in ihren Bann zog und sie für rund vier Wochen auf ein sportliches Großereignis fokussieren ließ. Die Zusammensetzung aktueller Profi- und Amateurmannschaften sowie des Publikums von den Bundesligastadien bis hin zu den Dorf- und Kleinstadtplätzen kommt einem Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft gleich. Fußball hat heute in allen Schichten und Milieus Anhänger und aktive Teilnehmer und wird damit zu Recht als Volkssport bezeichnet. Dass dem jedoch nicht immer so war, liegt auf der Hand. Vielmehr dauerte es nach der Einführung des ,englischen Spiels‘ in den 1870er-Jahren über ein halbes Jahrhundert, ehe der Fußball die deutsche Bevölkerung in größerem Ausmaß erfasste. Diese Arbeit befasst sich daher mit der Einführung und Verbreitung des Fußballsports in Deutschland. Sie untersucht die Faktoren, die für die Verbreitung des Spiels von Bedeutung waren und fragt nach den hauptsächlichen sozialen Trägern seiner Entwicklung. Zu klären ist weiterhin, welche gesellschaftlichen und politischen Umstände den Etablierungsprozess des Fußballs verlangsamten bzw. beschleunigten. Der Betrachtungszeitraum erstreckt sich von der Einführung des Spiels in den 1870er-Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, der wie für Deutschland generell auch für die Fußballgeschichte eine Zäsur darstellte. Mehr als einen knappen Ausblick auf die weitere Entwicklung in der Weimarer Republik kann diese Arbeit aufgrund des vorgegebenen Umfangs nicht leisten. Die Herausbildung des modernen Fußballs in England und Erläuterungen über das Turnen als dem deutschen ,Sport‘ des 19. Jahrhunderts markieren den Ausgangspunkt der Arbeit. Das erste Hauptkapitel umfasst die Frühphase des Fußballs im Kaiserreich, in der sich abzeichnete, in welchen Teilen der Gesellschaft das Spiel sich etablieren und wo es auf Widerstände treffen würde. Im zweiten zentralen Abschnitt liegt der Schwerpunkt auf der Zeit nach der Jahrhundertwende, in der sich der Fußball organisatorisch weiterentwickelte und zu einem ,deutschen Spiel‘ wurde. Im Rahmen der Arbeit spielt die Streitschrift von Karl Planck „Fusslümmelei – Über Stauchballspiel und englische Krankheit“ aus dem Jahr 1898 eine wichtige Rolle.

Textauszug (computergeneriert)

Historisches Seminar

Abteilung für Neuere Geschichte

Sommersemester 2007

Erweiterungsmodul: Bachelorarbeit

Prüfer:

Zweitprüfer:

___________________________________________________________________________

Auf dem Weg zum Volkssport: Einführung und

Verbreitung des Fußballs in Deutschland

Vorgelegt von: Folko Damm

Studiengang: B.A.

Studienfächer: Geschichte/Germanistik

Fachsemester: 6

Vorgelegt am: 20. Juni 2007


INHALTSVERZEICHNIS



1. Einleitung

3

2. Das ,Mutterland`: Herausbildung des modernen Fußballs in England

4

3. Turnen ­ der ,Sport` im Deutschland des 19. Jahrhunderts

6

4. Der Fußball kommt nach Deutschland: Die Anfänge im Kaiserreich

8

4.1 Pionierarbeit durch Engländer und Konrad Koch

9

4.2 Erste Vereinsgründungen, erste Spiele

10

4.3 Eine Sache des Bürgertums und der Mittelschichten

12

4.4 Arbeiter im Fußball

15

4.5 Vorbehalte gegen den neuen Sport

17

5. Um die Jahrhundertwende: Organisation und ,Eindeutschung` des Fußballs

21

5.1 Der Deutsche Fußball-Bund schafft Strukturen

21

5.2 Nationale Aneignung: Fußball wird ein ,deutsches` Spiel

23

5.3 Tendenz zur Militarisierung und politischen Funktionalisierung des Fußballs? 25

5.4 Der DFB zwischen ,Lobbyarbeit` und nationalem Konservatismus

28

6. Schlussbetrachtung

31

Literaturverzeichnis

2


1. Einleitung

,,Einige Leute behaupten, Fußball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese

Haltung nicht. Ich kann denen versichern, dass es viel ernster ist als das."1 Diese

berühmten Sätze stammen von der schottischen Fußball-Legende Bill Shankly (1913-

1981). Auch wenn dieser Ausspruch Shanklys, der als Trainer des englischen

Traditionsklubs FC Liverpool in den 60er- und 70er-Jahren zu Ruhm und Ehren kam,

jeden rationalen Rezipienten schmunzeln lässt, so sagt er doch einiges aus über die

Bedeutung, die der Fußball im 20. Jahrhundert gewonnen hat. Er zeigt erstens, mit welcher

ideologischen Überhöhung der Sport heute teilweise beladen wird. Er verdeutlicht

zweitens, welche Relevanz das Spiel, individuell oder kollektiv, besitzen kann.

Dass Shanklys Äußerung die

Initialzündung für die Geschichtswissenschaft war, sich mit

dem Fußball auseinanderzusetzen, ist kaum anzunehmen. Dennoch ist das

Massenphänomen auch an der Forschung nicht vorbeigegangen und gibt seit den 1970er-

Jahren Anlass zu einer Vielzahl von Publikationen über den Fußball. Bis zum verstärkten

Aufkommen der Alltagsgeschichte galt der Gegenstand als unseriös. Wichtiges Merkmal

der Sportgeschichte ist ihr interdisziplinärer Charakter: Historiker, Sozialwissenschaftler

und Sportwissenschaftler beteiligen sich an der Erforschung des Themenfeldes.2 Die

Etablierung ist in Deutschland noch nicht abgeschlossen, aber der Fußball ist definitiv zu

einem sozial- und alltagsgeschichtlichen Gegenstand geworden.

Welchen gesellschaftlichen Stellenwert der Sport heute besitzt, demonstrierte nicht zuletzt

vergangenes Jahr die Weltmeisterschaft in Deutschland, die Millionen Menschen weltweit

in ihren Bann zog und sie für rund vier Wochen auf ein sportliches Großereignis

fokussieren ließ. Die Zusammensetzung aktueller Profi- und Amateurmannschaften sowie

des Publikums von den Bundesligastadien bis hin zu den Dorf- und Kleinstadtplätzen

kommt einem Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft gleich. Fußball hat heute in

allen Schichten und Milieus Anhänger und aktive Teilnehmer und wird damit zu Recht als

Volkssport bezeichnet.

Dass dem jedoch nicht immer so war, liegt auf der Hand. Vielmehr dauerte es nach der

Einführung des ,englischen Spiels` in den 1870er-Jahren über ein halbes Jahrhundert, ehe

der Fußball die deutsche Bevölkerung in größerem Ausmaß erfasste. Diese Arbeit befasst

sich daher mit der Einführung und Verbreitung des Fußballsports in Deutschland. Sie

1 Zitiert nach: Schulze-Marmeling, Dietrich: Fußball: Zur Geschichte eines globalen Sports. Göttingen 2000, S. 8.

2 Zum Stand der Forschung und ihrer Geschichte siehe Pyta, Wolfram: Einleitung: Der Beitrag des Fußballsports zur

kulturellen Identitätsstiftung in Deutschland. In: Ders. (Hrsg.): Der lange Weg zur Bundesliga: Zum Siegeszug des Fußballs

in Deutschland. Münster 2004, S. 1 ff; Zimmermann, Moshe: Die Religion des 20. Jahrhunderts: Der Sport. In: Dipper,

Christoph u.a. (Hrsg.): Europäische Sozialgeschichte. Berlin 2000, S. 331-350, hier 331 ff.

3


untersucht die Faktoren, die für die Verbreitung des Spiels von Bedeutung waren und fragt

nach den hauptsächlichen sozialen Trägern seiner Entwicklung. Zu klären ist weiterhin,

welche gesellschaftlichen und politischen Umstände den Etablierungsprozess des Fußballs

verlangsamten bzw. beschleunigten. Der Betrachtungszeitraum erstreckt sich von der

Einführung des Spiels in den 1870er-Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, der wie für

Deutschland generell auch für die Fußballgeschichte eine Zäsur darstellte. Mehr als einen

knappen Ausblick auf die weitere Entwicklung in der Weimarer Republik kann diese

Arbeit aufgrund des vorgegebenen Umfangs nicht leisten.

Die Herausbildung des modernen Fußballs in England und Erläuterungen über das Turnen

als

dem

deutschen ,Sport` des 19. Jahrhunderts markieren den Ausgangspunkt der Arbeit.

Das erste Hauptkapitel umfasst die Frühphase des Fußballs im Kaiserreich, in der sich

abzeichnete, in welchen Teilen der Gesellschaft das Spiel sich etablieren und wo es auf

Widerstände treffen würde. Im zweiten zentralen Abschnitt liegt der Schwerpunkt auf der

Zeit nach der Jahrhundertwende, in der sich der Fußball organisatorisch weiterentwickelte

und zu einem ,deutschen Spiel` wurde. Im Rahmen der Arbeit spielt die Streitschrift von

Karl Planck ,,Fusslümmelei ­ Über Stauchballspiel und englische Krankheit" aus dem Jahr

1898 eine wichtige Rolle.

2. Das ,Mutterland`: Herausbildung des modernen Fußballs in England

England gilt gemeinhin als ,Mutterland` für den heute weltweit verbreiteten Fußball. Dort

bildeten sich alle Strukturen, die den Sport bis heute prägen, als erstes aus, seien es Regeln,

Verbände, Wettbewerbe, Kommerzialisierung oder Professionalisierung. Die Anfänge des

Spiels gehen bis auf das Hochmittelalter zurück. Ein erster schriftlicher Beleg für seine

Existenz stammt allerdings erst aus dem 14. Jahrhundert, als der englische Herrscher

Edward II. den

folk

oder

village football

1313 per königlichem Dekret verbot. Das

auffälligste Merkmal dieser Frühform des Fußballspiels: Sie wurde ohne fixierte Regeln

hinsichtlich der Spieldauer, des Spielfeldes oder der Anzahl der Spieler praktiziert. Weitere

Charakteristika waren die explizite Körperbetontheit (daraus resultierte, dass

folk football

in erster Linie von Männern gespielt wurde) sowie die hauptsächliche Verbreitung in den

niedrigen Ständen.3 Das Spiel erfreute sich bei der Obrigkeit keiner großen Beliebtheit,

sondern wurde von Monarchie und Kirche zumeist argwöhnisch betrachtet. Spiele an

kirchlichen Feiertagen ließen den

folk football

in Konkurrenz zur Religion treten, stellten

eine Gefahr für die öffentliche Ordnung dar, waren in Fällen der Verletzungen von

3 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 11 ff.

4


Spielern der englischen Militärkraft abträglich, so lauteten die Bedenken. Auch in der

entstehenden Arbeiterschaft existierten Anfang des 19. Jahrhunderts Vorbehalte dergestalt,

es sei eine für die Klassenbelange nutzlose Tätigkeit. Die Begleiterscheinungen der in der

zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzenden Industrialisierung, wie fixe Arbeitszeiten

und Platzmangel infolge der Urbanisierung, zählen zu den Ursachen, die das vorläufige

Ende des Volksfußballs bedeuteten, das auf Mitte des 19. Jahrhunderts zu datieren ist.4

Zum Fortbestand bzw. zur Fortentwicklung des

folk football

trugen die

public schools

entscheidend bei, indem sie ihn als Schulspiel institutionalisierten:

,,Die Bedeutung der Public Schools sollte vorrangig darin bestehen, dass hier das rohe Spiel

einem Verregelungs- und Zivilisierungsprozess unterzogen wurde. In den Public Schools

wurde der Volksfußball sukzessive zu einem modernen Sportspiel ­ mit fester und formaler

Organisation und einem vielfältigen und schriftlich niedergelegten Regelwerk."5

Indem der Volksfußball an den

public schools

Einzug hielt, entwickelte er sich zunächst

von einem Massensport zu einer exklusiveren Betätigung des Bürgertums und des niederen

Adels. Besonders die Schulen in Eton, Rugby und Harrow machten sich um die

Modernisierung des Fußballs verdient.6 So wurde Rugby Vorreiter eines pädagogischen

Modells, das die Schüler zu mehr Verantwortungsbewusstsein, Disziplin, Altruismus,

moralischem Verhalten und Gemeinschaftssinn erziehen sollte. Als Mittel dienten hierfür

vor allem Fußball und Cricket als Spiele mit hohem Organisationsgrad und festen Regeln.

Erfolg war dem

football

schon dadurch beschieden, dass er im auslaufenden 19.

Jahrhundert zum Bestandteil der Lehrpläne wurde.7 Auf die

public schools

gehen auch die

ersten Regelwerke zurück. Rugby gab 1846 eines heraus, das Regeln zur Art des

Körpereinsatzes und zum formellen Rahmen des Spiels aufstellte. Drei Jahre später zog

Eton nach. Ein gravierender Unterschied bestand darin, dass die

etonian rules

das

Handspiel kategorisch ausschlossen. Damit war der Weg zur späteren Aufteilung des

football

in ein

handling game

und ein

kicking game

, in Rugby und Soccer, vorgezeichnet.8

Den wohl wichtigsten Schritt zum Fußball moderner Prägung verkörperte die Gründung

der

Football Association (FA)

durch Londoner Vereine am 26. Oktober 1863, deren Ziel

die Vereinheitlichung der Regeln war, um der Verwirrung durch die verschiedenen

nebeneinander bestehenden Regelwerke entgegenzuwirken. Am 8. Dezember desselben

Jahres wurden die Regeln beschlossen, Handspiel und Attacken gegen die Beine des

Gegners wurden verboten. Zudem legte die

FA

einen runden Ball statt des eiförmigen

4 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 13 ff.

5 A.a.O., S. 16.

6 Vgl. a.a.O., S. 17 f.

7 Vgl. a.a.O., S. 20 f.

8 Vgl. a.a.O., S. 23.

5


Rugby-Leders als Spielgerät fest, erteilte Schiedsrichter-Lizenzen und publizierte ihre

Regeln. Das erste Spiel nach diesen Regularien absolvierten Barnes und Richmond (0:0)

am 19. Dezember 1863. Bis 1877 existierten jedoch weitere

Associations

in England mit

eigenen Regelwerken. Erst danach wurde die

FA

zur zentralen und führenden Instanz.9

Zunächst dominierte aber Rugby weiterhin das Sportgeschehen, obwohl sich die Aktiven

erst 1871 zu einem eigenen Verband, der

Rugby Football Union (RFU)

,

zusammenschlossen. Dass Soccer10 dem Rugby in dem Jahrzehnt ab 1880 den Rang ablief,

lag vor allem an dem weniger komplexen Regelwerk sowie an der größeren Attraktivität

und dem höheren Unterhaltungswert durch mehr Abwechslung und mehr Spielfluss.11 Die

Sozialstruktur der aktiven Fußballer und der Zuschauer änderte sich durch den größeren

Bekanntheitsgrad, als Mittelschicht und Arbeiterklasse hinzustießen.12 Obwohl von

Bürgerlichen und Adligen entscheidend forciert, besaß Soccer früh den Charakter eines

Sports der arbeitenden Bevölkerung. Ihm haftete nicht der Geruch eines elitären Sports wie

Rugby oder Cricket an, zu dem er ebenfalls in Konkurrenz stand.13 Fußball avancierte

Ende des 19. Jahrhunderts zur Hauptfreizeitbeschäftigung der Arbeiter, und diese

dominierten Mitgliederschaft und Publikum der großen Klubs.14 Die Gründung der Profi-

Liga zur Saison 1888/89 verlieh dem Soccer einen erneuten Schub: Es entwickelte sich

eine höhere Spielkultur, weshalb noch mehr Zuschauer zu den Spielen strömten.15 Damit

war die Grundlage für den Siegeszug des Fußballs auch in Kontinentaleuropa gelegt.

3. Turnen ­ der ,Sport` im Deutschland des 19. Jahrhunderts

Wenn heutzutage in Deutschland von einer ,Sportlandschaft` die Rede ist, so ist dieser

Begriff definitiv zutreffend angesichts eines äußerst komplexen Angebots und zahlreicher

ausdifferenzierter Sportarten. Für das 19. Jahrhundert hingegen genügt dafür im Grunde

ein Wort: Turnen. Denn das deutsche Turnen beherrschte das Feld der Leibesertüchtigung

und -erziehung zu dieser Zeit. Die damalige Vorstellung von Körperkultur war quasi

gleichbedeutend mit Turnen.16 Als Gründervater der Turnbewegung in Deutschland gilt

Friedrich Ludwig Jahn, der diese Form der sportlichen Betätigung als Reaktion auf die

preußische Niederlage gegen Napoleon und die französische Besatzung initiierte.

9 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 25 f; Eisenberg, Christiane: Einführung. In: Dies. (Hrsg.):

Fußball, soccer, calcio: Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997, S. 7-21, hier S. 8.

10 Abgeleitet von

Association

, daher als Kurzform für das

association game

in Abgrenzung zum Rugby verwendet.

11 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 27.

12 Vgl. Mason, Tony: Großbritannien. In: Eisenberg, Fußball, soccer, calcio, S. 23 ff.

13 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 29.

14 Vgl. a.a.O., S. 30 und Mason, Großbritannien, S. 27.

15 Vgl. Mason, Großbritannien, S. 29.

16 Vgl. Hopf, Wilhelm: ,,Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?". In: Ders. (Hrsg.): Fußball: Soziologie und

Sozialgeschichte einer populären Sportart. Münster 1998, S. 54-80, hier S. 56.

6


Vorrangiger Zweck dabei: die Wehr

ertüchtigung

und Steigerung der Wehr

fähigkeit

der

deutschen Bevölkerung.17 Jahn institutionalisierte das Turnen mit Gymnastik und

Geländespielen 1811 auf der Berliner Hasenheide, die zum festen Übungsplatz für die

Aktiven wurde. Die Teilnehmer setzten sich vorrangig aus Schülern und Studenten

zusammen, später stießen auch junge Berufstätige hinzu.18 Christiane Eisenberg verweist

darauf, dass bei den Übungen kein Kasernenhof-Ton herrschte, spricht aber von einer

,,unterschwellige[n] Militarisierung, die die Jahnsche Initiative charakterisierte und ihren

Erfolg begründete".19 Eine wichtige Erfolgsvoraussetzung lag auch in der forcierten

Verbreitung deutscher Fachausdrücke für die Turnübungen.20 Nationalistische und

sprachpuristische Gründe dürften dafür den Ausschlag gegeben haben.

Im Sinne einer gesteigerten Volkswehrfähigkeit stand das Kollektiv beim Turnen im

Mittelpunkt. Eine turnerische Gesinnung wurde vor allem durch das Prinzip der Gleichheit

gefördert: Alle trugen eine ,Turnuniform`, als Anrede untereinander dienten ,,Du" und

,,Bruder". Dennoch schlug sich der Leistungsgedanke in der Turnbewegung nieder (wenn

auch auf andere Weise als später beim Fußball): Die so genannten Turnriegen wurden nach

Größe und Fähigkeit der Turner eingeteilt und wählten jeweils ihren Besten zum

Vorturner.21 In Verbindung mit dem ebenfalls gewählten Turnrat drückte sich in der Wahl

nach Wilhelm Hopf der demokratische Geist des Turnens aus.22 Das Turnen unter freiem

Himmel gilt zudem als eine der ersten öffentlichen Versammlungsformen des deutschen

Bürgertums.23 Die Turnerschaft bewegte sich in einem breiten politischen Spektrum,

wurde aber von Konstitutionellen und Liberalen dominiert.24

Zieht man die integrierende Kraft des Turnens und die Ausbildung eines bürgerlichen

Bewusstseins mit liberalen und nationalen Tendenzen in Betracht, verwundert es nicht,

dass die Karlsbader Beschlüsse von 1819 auch die Turnbewegung trafen. Im Zuge der

Reaktion wurde 1820 (bis 1842) die so genannte Turnsperre verhängt, Jahn für sechs Jahre

inhaftiert. Das Verbot hing auch mit der engen Assoziation der Turnbewegung ,,mit den als

subversiv betrachteten studentischen Burschenschaften"25 zusammen. Dennoch blieb

Turnen als Unterrichtsfach an Schulen bestehen, weil der Nutzen für die Wehrkraft

17 Vgl. Hopf, ,,Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?", S. 56; Eisenberg, Christiane: ,,English sports" und deutsche

Bürger: Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn u.a. 1999, S. 108, die eine äußerst detaillierte Beschreibung der

Entstehung der Turnbewegung und über deren Hintergründe bietet.

18 Vgl. Eisenberg, ,,English sports", S. 109 f.

19 A.a.O., S. 111.

20 Vgl. a.a.O., S. 113.

21 Vgl. a.a.O., S. 113 f.

22 Vgl. Hopf, ,,Wie konnte Fußball ein deutsches Spiel werden?", S. 58.

23 Vgl. Schulze-Marmeling, Geschichte eines globalen Sports, S. 64.

24 Vgl. Eisenberg, ,,English sports", S. 123.

25 Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal!: Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fussballs. Zürich 2002, S. 39.

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