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Anarchie: Chaos oder Freiheit?

Untertitel: Bedeutungsunterschiede im öffentlichen Sprachgebrauch und in der Sprache des Linksextremismus

Hauptseminararbeit, 2007, 30 Seiten
Autor: M.A. Torsten Blut
Fach: Sprachwiss. / Sprachforschung (fachübergreifend)

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 30
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 40  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V117016
ISBN (E-Book): 978-3-640-19406-3

Dateigröße: 146 KB

Zusammenfassung / Abstract

Das Wort Anarchie begegnet uns im alltäglichen Sprachgebrauch immer wieder, sei es im Rahmen der Berichterstattung von Massenmedien oder auch in Liedtexten oder als Symbol. Die Bedeutung des Wortes indes bleibt undeutlich. Anarchie steht jeweils für eine bestimmte Auffassung, was darunter zu verstehen ist und umfasst daher eine ganze Argumentation. Je nachdem wie diese Auffassung ausgeprägt ist, wird Anarchie, abhängig vom jeweiligen Zusammenhang, dementsprechend im positiven oder negativen Sinne verwandt. Im Rahmen der Informationsvermittlung durch Massenmedien wirkt sich diese Verwendung demzufolge auf die öffentliche Meinungsbildung aus, da das Wort die dahinter stehende Auffassung transportiert. Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des Wortes Anarchie sowohl im öffentlichen Sprachgebrauch als auch im Speziellen, bezogen auf das Thema des Seminars, in der Sprache des Linksextremismus. Zu diesem Zweck werden Beispiele aus der Literatur sowie Internetquellen herangezogen. Die Bedeutung des Wortes Anarchie wird aus dem Bedeutungszusammenhang sowie der zugrunde liegenden Argumentation ermittelt. Internetquellen bieten sich in diesem Zusammenhang durch die Möglichkeit der elektronischen Stichwortsuche an. Zur Untersuchung der Wortverwendung im öffentlichen Sprachgebrauch wurden deshalb die Internet-Auftritte von vier bedeutenden deutschen Printmedien ausgewählt. Im Bereich des Linksextremismus wurden bereits im Seminar besprochene Internetseiten untersucht. Die Vielfalt der Bereiche des öffentlichen Sprachgebrauchs, in denen das Wort Anarchie zu finden ist, zeugt von einer gewissen Willkür des Gebrauchs des Begriffs Anarchie. Die folgenden Untersuchungen sollen zeigen, dass das ursprünglich ausschließlich im politischen Bereich verwendete Wort Anarchie im öffentlichen Sprachgebrauch eine gewisse Reizabnutzung erfahren und an Aussagekraft verloren hat. Im Hinblick auf den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung durch die Informationsvermittlung mittels der Massenmedien ist die mangelnde sprachliche Präzision, die aus der willkürlichen Verwendung geschlussfolgert werden kann, kritisch zu betrachten.


Textauszug (computergeneriert)

Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft

der RWTH Aachen

Lehrstuhl für Deutsche Philologie

Seminararbeit im Fach Kommunikationswissenschaften

Hauptseminar: Sprache des Linksextremismus

WS 2006/07


Anarchie:
Chaos oder Freiheit?


- Bedeutungsunterschiede im öffentlichen

Sprachgebrauch und in der Sprache des

Linksextremismus -






vorgelegt von

Torsten Blut

Aachen, 05.07.2007


Inhalt

1. Einleitung ______________________________________________2

2. Der Anarchiebegriff ­ Herkunft, Geschichte, Lexikographie ____3

2.1 Wortherkunft____________________________________________________ 3

2.2 Zur Begriffsgeschichte ___________________________________________ 3

2.2.1 Staatsformenlehre I ____________________________________________ 3

2.2.2 Andere Anwendungsgebiete _____________________________________ 5

2.2.3 Staatsformenlehre II ___________________________________________ 6

2.2.4 Zwischenfazit_________________________________________________ 7

2.3 Lexikographie___________________________________________________ 7

2.3.1 Anarchie als Schlagwort ________________________________________ 7

2.3.2 Wörterbücher und Lexika _______________________________________ 8

3. Die Bedeutung des Wortes Anarchie ______________________10

3.1 Anarchie im öffentlichen Sprachgebrauch __________________________ 10

3.1.1 Literaturstudie _______________________________________________ 10

3.1.2 Online-Archive der Leitmedien in Deutschland ______________________ 12

3.1.3 Zwischenfazit II ______________________________________________ 15

3.2 Anarchie in der Sprache des Linksextremismus _____________________ 16

3.2.1 Literatur ____________________________________________________ 16

3.2.2 Anarchistische Internetseiten ___________________________________ 17

3.2.3 Zusammenfassung ___________________________________________ 18

4. Fazit _________________________________________________19

5. Quellenverzeichnis _____________________________________23

5.1 Literatur_______________________________________________________ 23

5.2 Internetquellen _________________________________________________ 25






1


1. Einleitung

Das Wort Anarchie begegnet uns im alltäglichen Sprachgebrauch immer wieder, sei es im

Rahmen der Berichterstattung von Massenmedien oder auch in Liedtexten1 oder als

Symbol2. Die Bedeutung des Wortes indes bleibt undeutlich. Anarchie steht jeweils für

eine bestimmte Auffassung, was darunter zu verstehen ist und umfasst daher eine ganze

Argumentation. Je nachdem wie diese Auffassung ausgeprägt ist, wird Anarchie, abhängig

vom jeweiligen Zusammenhang, dementsprechend im positiven oder negativen Sinne

verwandt. Im Rahmen der Informationsvermittlung durch Massenmedien wirkt sich diese

Verwendung demzufolge auf die öffentliche Meinungsbildung aus, da das Wort die

dahinter stehende Auffassung transportiert.

Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des Wortes Anarchie sowohl im

öffentlichen Sprachgebrauch als auch im Speziellen, bezogen auf das Thema des

Seminars, in der Sprache des Linksextremismus. Zu diesem Zweck werden Beispiele aus

der Literatur sowie Internetquellen herangezogen. Die Bedeutung des Wortes Anarchie

wird aus dem Bedeutungszusammenhang sowie der zugrunde liegenden Argumentation

ermittelt. Internetquellen bieten sich in diesem Zusammenhang durch die Möglichkeit der

elektronischen Stichwortsuche an. Zur Untersuchung der Wortverwendung im öffentlichen

Sprachgebrauch wurden deshalb die Internet-Auftritte von vier bedeutenden deutschen

Printmedien ausgewählt. Im Bereich des Linksextremismus wurden bereits im Seminar

besprochene Internetseiten untersucht.

Die Vielfalt der Bereiche des öffentlichen Sprachgebrauchs, in denen das Wort Anarchie

zu finden ist, zeugt von einer gewissen Willkür des Gebrauchs des Begriffs Anarchie. Die

folgenden Untersuchungen sollen zeigen, dass das ursprünglich ausschließlich im

politischen Bereich verwendete Wort Anarchie im öffentlichen Sprachgebrauch eine

gewisse Reizabnutzung erfahren und an Aussagekraft verloren hat. Im Hinblick auf den

Prozess der öffentlichen Meinungsbildung durch die Informationsvermittlung mittels der

Massenmedien ist die mangelnde sprachliche Präzision, die aus der willkürlichen

Verwendung geschlussfolgert werden kann, kritisch zu betrachten.

Die Verwendung des Wortes Anarchie in der Sprache des Linksextremismus soll der

Verwendung im öffentlichen Sprachgebrauch gegenübergestellt und bezüglich der

Wortbedeutung und der Funktionen der jeweiligen Verwendungsweise verglichen werden.

Dabei ist der Schlagwortcharakter des Anarchiebegriffs herauszustellen und zu

analysieren.

1 U. a. Sex Pistols: ,,Anarchy in the UK", U2: ,,Anarchy in the USA", NOFX: ,,Anarchy Camp", Busta

Rhymes: "Anarchy", Joachim Deutschland: "Ein wenig Anarchie" etc.

2 Anarcho-Zeichen, auch Anarcho-A oder Circle-A, erste öffentliche Verwendung wahrscheinlich im

spanischen Bürgerkrieg von 1936-1939, vgl. dazu Anarchopedia.org (07.06.2007)

2


Um die Entwicklung der Wortbedeutung bis heute zu erläutern, wird zunächst die

Wortherkunft thematisiert, um daraufhin die Begriffsgeschichte des Wortes Anarchie zu

beleuchten. Zur Einleitung der Untersuchung der Bedeutung von Anarchie im heutigen

Wortgebrauch werden die in Wörterbüchern verzeichneten Bedeutungsvariationen

dargestellt.

2. Der Anarchiebegriff ­ Herkunft, Geschichte, Lexikographie

2.1 Wortherkunft

Das Wort Anarchie entwickelte sich aus dem griechischen Ursprung

ánarchos

, was direkt

übersetzt ,,ohne (

an

) Führer, Herrscher, Feldherr (

archós

)" oder auch ,,führerlos, zügellos"3

bedeutet. Das griechische Wort

archós

entstand aus

árchein

(führen, herrschen) und

dieses wiederum aus

arche

, was ,,Ursprung, Anfang"4, des Weiteren auch ,,erste Stelle,

oberste Hoheit, Herrschaft, Regierung, Oberbefehl, Obrigkeit" und schließlich ,,höchste

Gewalt, Kaisertum, Königtum, obrigkeitliches Amt, Staatsstellung" bedeuten kann5.

Ánarchos

und sein Abstraktum

anarchía

werden zunächst von Homer und Herodot unter

der Bedeutung ,,ohne Anführer, ohne Heerführer" sowie von Euripides als Bezeichnung für

,,führerlose Seeleute" verwendet6 und entwickelten sich daraus zur Bezeichnung des

Zustands der Herrschaftslosigkeit. Xenophon (um 430­ nach 355 v. Chr.) nutzt das Wort

anarchía

zur Bezeichnung eines Jahres, in dem es keinen Herrscher (

archon

) gab7.

Die Neutralität des Begriffs ging im Zuge seiner Verwendung schnell verloren, was in den

folgenden Ausführungen zu den wichtigsten Stationen der Entwicklung des

Wortgebrauchs erläutert werden soll.

2.2 Zur Begriffsgeschichte

2.2.1 Staatsformenlehre I

Der griechische Philosoph Platon (427-347 v. Chr.) erklärt in seiner Schrift

Politeia

die

Anarchie zu einer logischen Folgeerscheinung der Demokratie, da diese ohne Herrscher

keine bindende Einheit bilden könne und somit unter dem Deckmantel der Freiheit

Unordnung (

anarchía

) und Gesetzlosigkeit entstünden. Der Charakter des in der

3 Kluge (1989), S. 28

4 Ebd.

5 Vgl. Eltzbacher (1987), S. 165

6 Vgl. Ritter (1971), S. 267

7 Ebd.

3


Demokratie ungebundenen Menschen tendiere zur Zügellosigkeit (

anarchía

) und

Unsittlichkeit, was schließlich nur in der Tyrannei enden könne8.

Diese Gefahr sieht auch Aristoteles (384-355 v. Chr.), der

anarchía

unter anderem auch

als den Zustand von Sklaven ohne Herrn bezeichnet9.

Mit der verstärkten Aristotelesrezeption im Spätmittelalter wurde

anarchía

zunächst in die

lateinische Sprache und schließlich durch Nicolaus von Oresme in seiner französischen

Aristotelesübersetzung 1371 als Fremdwort in die Nationalsprachen eingeführt10.

Durch den großen Einfluss von Aristoteles auf die politischen Theorien am Ende des 16.

und Anfang des 17. Jahrhunderts schließen diese an Aristoteles′ Verständnis von

Anarchie an und sehen sie, wie schon Macchiavelli (1469-1527), als eine Entartungsform

der Demokratie11, in der Herrschaftslosigkeit und Unordnung die entscheidenden

Merkmale sind12. Gemeinhin wird Anarchie als denkbar schlimmstes Übel, schlimmer noch

als das ihr entgegen gesetzte Extrem Tyrannei, die zumindest eine gewisse Ordnung

gewähre, angesehen (vgl. Erasmus von Rotterdam, Johann Calvin, Jean Bodin)13. Aus

dieser Perspektive ist Anarchie der Gegenbegriff jedweder staatlichen Macht und ihrer

gesetzlichen Gewalt14.

Neue Ansätze, unter anderem von Fénelon (1651-1715), Berkeley (1685-1753),

Montesquieu (1689-1755), Godwin (1756-1836) und Anderen, vergleichen Anarchie mit

dem Naturzustand der Menschen als dem der Gesellschaft und dem Staat

vorhergehenden Zustand. Anarchie und Despotismus werden in einem gemeinsamen

Zusammenhang gesehen, da diese sich gegenseitig hervorbrächten und zwei falsche

Extreme darstellten, in deren Abgründe der Mensch ständig in Gefahr sei zu stürzen15. In

Übereinstimmung gelten beide als unerwünschte negative Herrschaftsformen. Laut

Condorcet (1743-1794) und Godwin bereite die Anarchie den Nährboden für

Revolutionen, die bessere Regierungsformen hervorbrächten. Hier klingen erste

Anzeichen einer positiveren Auffassung von Anarchie an16.

Erstmals in den Auseinandersetzungen der englischen Reformation, wird Anarchie auf

politischer Ebene fortan als polemischer Ausdruck verwendet, um, wie bereits Thomas

Hobbes (1588-1679) feststellt, seinen politischen Standpunkt auszudrücken und als

politisches Schlagwort Propagandazwecke zu erfüllen17. Als ein solches Schlagwort wird

Anarchie vielfach im politischen Alltag der französischen Revolution eingesetzt, um

8 Vgl. Ritter (1971), S. 267

9 Ebd., S. 268

10 Ebd., S. 268 f

11 Voser (1982), S. 8

12 Vgl. Ritter (1971), S. 270 f

13 Voser (1982), S. 8

14 Ludz (1972), S. 57

15 Vgl. Ritter (1971), S. 273

16 Ebd., S. 273 f

17 Ebd., S. 272

4


Vorurteile zu schüren, sich gegenseitig zu diffamieren und politische Gegner als

,,Anarchisten" zu disqualifizieren. Aber auch die Verwendung im positiven Sinne erfährt

einen Aufschwung: Anarchie wird, als Reaktion auf die Denunziation des Gegners, von

den Linken zur ,,bewegenden Kraft"18 erklärt und sowohl als Bewegungs- als auch als

Kampfbegriff in Gebrauch genommen. Der inflationäre Gebrauch während der

französischen Revolution verstärkt eine bereits ablaufende Dynamisierung der

Verwendung des Anarchiebegriffs und seine damit einhergehende Ausbreitung in

außerpolitischen Zusammenhängen.

2.2.2 Andere Anwendungsgebiete

Außerhalb der Sprache der Politik findet der Begriff der Anarchie seit der Mitte des 18.

Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung Verwendung auf anderen geisteswissenschaftlichen

Gebieten, wie der Philosophie oder Theologie, wo weiterhin die Bedeutung ,,Unordnung,

Zügellosigkeit" Geltung hat. Bereits Leibniz (1646-1716) übertrug den Begriff im Hinblick

auf die nahende europäische Krise auf den ethisch-philosophischen Bereich19. Voltaire

(1694-1778) prägte den Begriff der ,,Feudalanarchie" in seiner Kritik an den Institutionen

und Bräuchen des Mittelalters20, der auch im Artikel ,,Anarchie" in Rotteck und Welckers

,,Staats-Lexikon" von 1834 anklingt, wo von ,,Lehens- und Faustrechtsanarchie" sowie von

der ,,Anarchie des Mittelalters"21 die Rede ist. Hier findet sich also ein Anarchiebegriff, der

auf das Mittelalter zurückbezogen wird und somit sowohl zum historischen Verständnis

dient, als auch zur Kritik bestehender Verhältnisse verwendet werden kann22.

Auf soziologischer Ebene definiert Brockhaus′ ,,Conversations-Lexikon" von 1814 Anarchie

als einen ,,Volksverein ohne gemeinschaftliche Regierungsform"23. Auguste Comte (1798-

1857) spricht davon, dass ,,die einzelnen Subjekte keine absolut gültigen Gesetze über

sich mehr anerkennen"24 und eine ,,immense anarchie mentale et morale"25 herrsche.

Anarchie erscheint hier als Zustand der Zügellosigkeit, in dem die Gesellschaft ihren

Zusammenhalt zu verlieren droht.

Bei Goethe (1749-1832) klingen erste Anzeichen einer positiveren Sinngebung des

Anarchiebegriffs an. Er bezeichnet den literarischen Alltag seiner Zeit als ,,aristokratische

18 Ludz (1972), S. 74

19 Ebd., S. 59

20 Ebd., S. 65

21 Ebd., S. 69

22 Ebd., S. 67

23 Ebd., S. 68

24 Vgl. Ritter (1971), S. 277

25 Ebd.

5



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