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"Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht?" - Der Diskurs um neuere Formen der Erwerbsarbeit am Beispiel der digitalen Boheme

Thesis (M.A.), 2008, 99 Pages
Author: Sarah Kröger
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2008
Pages: 99
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 58  Entries
Language: German
Archive No.: V117198
ISBN (E-book): 978-3-640-19635-7

File size: 865 KB

Abstract

Meine erste Begegnung mit dem Schlagwort der digitalen Boheme war ein Artikel in der IQ Style vom Juli 2007. Die Zeitschrift machte sich auf die Suche nach dem "digitalen Lebensstil" in Berlin, New York und Buenos Aires: „Die Boheme von heute ist digital, sitzt beim kreativen Schaffen im Freien und nennt das einfach Arbeit. Junge Freiberufler aller Art bevölkern mit Laptops die Parks der Städte und planen bei einem Milchkaffee ihre Projekte. Sie sind jung, mobil und verdienen ihr Geld als Grafiker, Designer oder Medienarbeiter für verschiedenste Auftraggeber. Sie kennen weder Chefs noch geregelte Arbeitszeiten; Papierkram und Steuer erledigen sie selbst. Statt eines Büros brauchen sie nur ihr Notebook, einen WLAN-Zugang und ab und zu einen Auftrag." Eine Flut von Artikeln beschäftigte sich seit Ende 2006 mit der sogenannten digitalen Boheme: Der Stern schrieb über die neue Cafékultur der FreiberuflerInnen , die FAZ titelte „Sie nennen es Arbeit“ , der Spiegel berichtete über die Anti-Angestellten. Die meisten Beiträge gingen vor allem auf die Veröffentlichung des Buches „Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung." im November 2006, von Holm Friebe und Sascha Lobo, zurück. Die beiden Autoren (Holm Friebe, Jahrgang 1972, ist Volkswirt und Journalist, Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist Werbetexter) beschreiben dort auf knapp 300 Seiten die digitale Boheme als neue Avantgarde der Erwerbsarbeitgesellschaft. Doch was verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung? Im Vorwort schreiben die Autoren: „Die digitale Bohème, das sind Menschen, die sich dazu entschlossen haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, dabei die Segnungen der Technologie herzlich umarmen und die neuesten Kommunikationstechnologien dazu nutzen, ihre Handlungsspielräume zu erweitern." Der Wunsch das Arbeitsfeld individuell zu gestalten ist groß, das Konzept lautet: „So arbeiten, wie man leben will, und trotzdem ausreichend Geld damit verdienen“. Dabei wird Festanstellung und eine geregelte 9-to-5-Woche als „verlorene Lebenszeit“ rigoros abgelehnt. Jedoch denken Friebe und Lobo, dass sie – im Gegensatz zur klassischen Boheme - durch das Internet durchaus finanziell bessere Chancen haben.


Fulltext (computer-generated)





,,Ist das noch Boheme oder schon die

Unterschicht?"

Der Diskurs um neuere Formen der Erwerbsarbeit am

Beispiel der digitalen Boheme






Magisterarbeit

Sarah Kröger

Am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt zu Berlin

Berlin 13.08.08


Vielen Dank

an alle, die mir mit Korrekturen und Anregungen geholfen haben!

Mein besonderer Dank gilt

Mareike Merk

, die mir (wenn nicht anders angegeben) ihre

wunderschönen Fotos für diese Magisterarbeit zur Verfügung gestellt hat. Sie schrieb ihre

Diplomarbeit im Wintersemester 2007/2008 an der Hochschule für Gestaltung, Merz

Akademie in Stuttgart zum Thema: ,,

Arbeit ist da, wo ich Netz" habe - Die digitale
Bohème zwischen traditioneller Subkultur und neuen Lebensmodellen"

(Betreuende

Professorin: Heidemarie von Wedel). Die Arbeit besteht aus einem theoretischen Teil und

zwei Bildstrecken, letztere sind in Stuttgart entstanden.

Die

Café-Reihe

versucht die Atmosphäre der Aufenthaltsorte der digitalen Boheme, also

der Cafés, einzufangen.

Die (inszenierte)

Tisch-Reihe

thematisiert die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit im

Alltag eines digitalen Bohemiens. Die Bilder sind jeweils als Paare angeordnet, jede

Situation ist einmal mit und einmal ohne Laptop fotografiert worden. Der Laptop

symbolisiert hier die Vermischung der Bereiche Erwerbsarbeit und Freizeit.

Mareike Merk freut sich über Interesse an ihren Arbeiten und ist am Besten via E-Mail zu

erreichen:

mareike-merk@web.de


In meinem

Blog

zur Magisterarbeit werde ich mich weiterhin inhaltlich mit neueren

Formen der Erwerbsarbeit auseinandersetzen. Über Kommentare und Anmerkungen

freue ich mich:

http://digitalbohemian.wordpress.com/



















6


Inhaltsverzeichnis

1. Die digitale Boheme

1.1. Das Phänomen der digitalen Boheme ­ eine Annäherung

1.2. Fragestellung, Literatur und Gliederung

2. Erwerbsarbeit

2.1. Erwerbsarbeit im wissenschaftlichen Diskurs

2.2. Wandel der Erwerbsarbeit

2.2.1. Flexibilisierung

2.2.2. Subjektivierung

2.2.3. ,,Transformationsverlierer" und ,,Transformationsgewinner"

2.3. Prekarisierung auf hohem Niveau

3. Boheme

3.1. Begriffsgeschichte

3.2. Die Anfänge der Boheme

3.3. Boheme heute

3.4. Die bohemianische Ethik

4. Forschungsfeld und methodisches Vorgehen

4.1. Beschreibung der Feldforschungsphase

4.2. Methodenreflektion




















7


5. Die Diskussion

5.1. Die digitale Boheme im O-Ton: ,,Wir nennen es Arbeit"

5.1.1.

,,So arbeiten, wie man leben will" - das Plädoyer für Selbstständigkeit

5.1.2. ,,und trotzdem ausreichend Geld damit verdienen" - über ökonomischen

Erfolg und prekäre Lebenslagen

5.1.3. ,,das Ganze ermöglicht und befördert durch das Internet"

5.1.4. ,,Menschen sitzen mit ihren Laptops ganztägig im Café und nennen es

Arbeit" - das Lebensgefühl Boheme

5.2. Luxeriöses Lotterleben, urbanes Pennertum oder menschenfreundliche Nische? - Die

Zeitschriftenartikel


5.2.1. ,,...wirklich erwachsen werden will die digitale Bohème nicht" ­

der skeptische Blick

5.2.2. ,,Es geht ihnen gut" - optimistische Töne aus den Reihen der New Economy

5.2.3. ,,lieber ein paar schnuckelig-kreative Urbane Penner als gar keine Kunden"

­ Selbstständige zwischen stolzer Identifikation und Hilflosigkeit

5. 3. Sieben Innenansichten von kreativen (Allein)Selbstständigen

5.3.1. Colin: ,,I′m gonna really try it, because it′s really worth it"

5.3.2. Federico: ,,Flexibilität? - ich kann davon erzählen"

5.3.3. Brian: ,,You must be the right character for doing this"

5.3.4. Alina: ,,Also, ich versteh den Vorwurf nicht."

5.3.5. Natalie: ,,I feel like the generation now is not interested in beeing stuck

like that."

5.3.6. Nils: ,,dass man sich selbst ausbeutet (...) klar macht man das!"

5.3.7. Steven: ,,I′m lazy"

5.3.8. Exkurs - Leo: ,,...das sind Pseudo-Designer"

5.3.9. Die AkteurInnen im Vergleich

6. ,,Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?"

6.1. Zusammenfassung

6.2. Fazit

Anhang


Interviewleitfaden

Literaturverzeichnis

8


9


1. Die digitale Boheme

1.1. Das Phänomen der digitalen Boheme ­ eine Annäherung

Meine erste Begegnung mit dem Schlagwort der digitalen Boheme war ein Artikel in der

IQ Style

vom Juli 2007. Die Zeitschrift machte sich auf die Suche nach dem "digitalen

Lebensstil" in Berlin, New York und Buenos Aires:

,,Die Boheme von heute ist digital, sitzt beim kreativen Schaffen im Freien und nennt das
einfach Arbeit. Junge Freiberufler aller Art bevölkern mit Laptops die Parks der Städte
und planen bei einem Milchkaffee ihre Projekte. Sie sind jung, mobil und verdienen ihr
Geld als Grafiker, Designer oder Medienarbeiter für verschiedenste Auftraggeber. Sie
kennen weder Chefs noch geregelte Arbeitszeiten; Papierkram und Steuer erledigen sie
selbst. Statt eines Büros brauchen sie nur ihr Notebook, einen WLAN-Zugang und ab und
zu einen Auftrag."1

Eine Flut von Artikeln beschäftigte sich seit Ende 2006 mit der sogenannten digitalen

Boheme: Der Stern schrieb über die neue Cafékultur der FreiberuflerInnen2, die FAZ

titelte ,,Sie nennen es Arbeit"3, der Spiegel berichtete über die Anti-Angestellten.4 Die

meisten Beiträge gingen vor allem auf die Veröffentlichung des Buches

,,Wir nennen es
Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung."5

im

November 2006, von Holm Friebe und Sascha Lobo, zurück. Die beiden Autoren (Holm

Friebe, Jahrgang 1972, ist Volkswirt und Journalist, Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist

Werbetexter) beschreiben dort auf knapp 300 Seiten die digitale Boheme als neue

Avantgarde der Erwerbsarbeitgesellschaft. Doch was verbirgt sich hinter dieser

Bezeichnung? Im Vorwort schreiben die Autoren:

,,Die digitale Bohème, das sind
Menschen, die sich dazu entschlossen haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen,
dabei die Segnungen der Technologie herzlich umarmen und die neuesten
Kommunikationstechnologien dazu nutzen, ihre Handlungsspielräume zu erweitern."6

Der Wunsch das Arbeitsfeld individuell zu gestalten ist groß, das Konzept lautet:

,,So
arbeiten, wie man leben will, und trotzdem ausreichend Geld damit verdienen".7

Dabei

wird Festanstellung und eine geregelte 9-to-5-Woche als

,,verlorene Lebenszeit"

8 rigoros

abgelehnt. Jedoch denken Friebe und Lobo, dass sie ­ im Gegensatz zur klassischen

Boheme - durch das Internet durchaus finanziell bessere Chancen haben.

1 Apin, Nina: Digital ist besser. In: IQ Style, Ausgabe 7/07. Berlin. S. 90 ­ 96. Hier S. 91.

2 Vgl. Bock, Caroline: Von Urbanen Pennern zur Digitalen Bohème. In: Stern vom 02.11.06.

3 Rathgeb, Eberhard: Sie nennen es Arbeit. In: FAZ vom 18.12.06.

4 Vgl. Kruse, Kathrin (u.a.): Die Anti-Angestellten. In: Spiegel vom 23.10.06.

5 Friebe, Holm / Lobo, Sascha: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der

Festanstellung. München 2006.

6 Friebe / Lobo 2006, S. 15 / 16.

7 Ebd., S.15.

8 Ebd., S. 58.

10


In ihre Hymne auf die glorreiche Zukunft durch Internet und Selbstbestimmung stimmen

allerdings längst nicht alle mit ein. Von Selbstausbeutung ist die Rede, davon, dass der

Staat seine Verantwortung geschickt durch Subjektivierung der Arbeit und ein

Arbeitsethos der Selbstverantwortung auf die Individuen abwälzt. 9

,,Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht"? fragt auch die Berliner Band Britta in

ihrem Lied ,,Wer wird Millionär?". 10 Ich habe ihre Frage als Leitfrage meiner Arbeit

gewählt, da sie das Spannungsfeld, indem sich die kreativen Selbstständigen befinden,

am besten beschreibt.

Wer oder was ist die digitale Boheme?

Die Autoren berichten, dass sie das Buch in einer Phase schrieben, als sie entdeckten,

dass sie mit ihrem Lebensstil nicht alleine waren:,,

Überall gab es Anzeichen dafür, dass
immer mehr Menschen so lebten wie wir."11

Das vermittelt den LeserInnen das Bild von

einer steigenden Anzahl junger Selbstständiger in Deutschlands Großstädten, die sich als

digitale Bohemiens bezeichnen. Nach meinen ersten Erkundungen im Feld merkte ich,

dass das Bild der digitalen Boheme differenzierter zu betrachten ist. Ich traf auf

Personen, die genau das lebten, was in dem Buch beschrieben war, jedoch den Begriff

der digitalen Boheme nicht kannten oder aber kritisch sahen. Dann traf ich wiederum

auch auf Menschen, die stark mit dem Begriff sympathisierten, deren Lebenskonzept sich

jedoch von dem im Buch beschriebenen unterschied. Und schließlich hörte ich bei einer

Podiumsdiskussion zum Wandel des Arbeitsbegriffes Sascha Lobo sagen:,,...

die digitale
Boheme ­ die zum Teil gar nicht wissen, dass sie digitale Boheme sind, wir haben ihnen
den Begriff einfach übergestülpt, aus marketingtechnischen Gründen"12.

Das ergab Sinn.

Schließlich brauchten die Autoren, um für ihren Lifestyle werben zu können, einen

einprägsamen Namen.

So steht der Begriff der digitalen Boheme vor allem für den engen Kern von Menschen,

der sich aus den Buchautoren und dem Dunstkreis von Leuten um die Zentrale

Intelligenz Agentur (ZIA)13 herum zusammensetzt. Alexandra Manske, die 2007 ihre

Dissertation14 über AlleinunternehmerInnen in der IT- Branche schrieb, hat im letzten Teil

auch einige Seiten der digitalen Boheme gewidmet.

9 Vgl. zum Beispiel Klopp, Tina: Frei und willig. In: Konkret. Heft 12. Hamburg 2006.

10 Das Lied erschien 2006 auf dem Album ,,Das schöne Leben" bei dem Label FLITTCHEN RECORDS. Den Begriff

der Unterschicht werde ich nicht weiter in dieser Arbeit verwenden, stattdessen spreche ich von prekären

Lebenslagen, weitere Erläuterungen dazu finden sich im Kapitel 2. 3..

11 Ebd., S. 15.

12 Die Diskussion von 15.02.2008 in den Räumen der NGBK (Neue Gesellschaft für bildende Kunst) in Berlin

unter dem Titel

,,Was ist Arbeit und seit wann?"

statt.

13 Die ZIA ist ein von Holm Friebe und Kathrin Passig 2001 ins Leben gerufene Selbstständigen-Netzwerk. Auf

ihrer Internetseite http://www.zentrale-intelligenz-agentur.de (Zugriff 11. 02. 2008) wird das, rein virtuelle,

Unternehmen als ein

,,kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture"

beschrieben, das den Anspruch habe

,,neue
Formen der Kollaboration zu etablieren"

und ein Angebotsspektrum zwischen Journalismus, Wirtschaft,

Wissenschaft und Kunst abdecken würde.

14 Manske, Alexandra: Prekarisierung auf hohem Niveau: Eine Feldstudie über Alleinunternehmer in der IT-

Branche. München 2007 (b).

11


Ihr zufolge handelt es sich bei den AkteurInnen um etwa zwei Dutzend, um 1970

geborene, Mitglieder der Berliner Kulturszene, mit überdurchschnittlicher Bildung und

unterdurchschnittlichem Einkommen.15 Auch im Profil der Blogszene, zu der, Holm und

Friebe zufolge, viele Menschen der von ihnen beschriebenen digitalen Boheme gehören16,

finden sich ähnliche Charakteristiken wieder: Nach der Studie des

Kommunikationssoziologen Jan Schmidt sind die durchschnittlichen BloggerInnen

mehrheitlich männlich, ungefähr 30 Jahre alt und besitzen ein hohes Bildungslevel.17 Nina

Apin grenzte in der IQ-Style außerdem noch die digitale Boheme von den

Urbanen
Pennern18

ab

(die immer Projekte, aber keine Auftraggeber haben), von der

transglobalen Elite

(die als Vorgesetzte die digitalen Bohemiens ausbeutet) und der

analogen Boheme19

(welche mit Modem ins Internet geht und Telefonnummern statt E-

Mails austauscht). Diese Kategorien helfen bei der ersten Annäherung, jedoch

verschaffen sie keinen wirklichen Überblick über die unterschiedlichen Biografien.

Die oben genannten Angaben sind eine erste Annäherung auf ein mögliches Profil der von

mir untersuchten AkteurInnen. Jedoch ist der Begriff der digitalen Boheme nach wie vor

zu diffus, um ihn für meine Fragestellung verwenden zu können. Deswegen bezeichne ich

die für meine Forschung in Frage kommenden Personen in dieser Arbeit bewusst nicht als

digitale Bohemiens, sondern als kreative (Allein)Selbstständige (den schillernden Begriff

der digitalen Boheme hebe ich mir als Interpretationsgrundlage für die Auswertung auf).

Zudem lege ich dem Terminus der kreativen (Allein)Selbstständigen vier

Definitionsmerkmale zugrunde, die die wesentlichen Attribute des in ,,Wir nennen es

Arbeit" beschriebenen Lebensstils zusammenfassen. Die Merkmale lauten wie folgt:

Die AkteurInnen...

1. ...sind in irgendeiner Form

kreativ (im Sinne von innovativ) tätig.

2. ...arbeiten größtenteils

selbstbestimmt und freiberuflich.

3. ...setzen sich dem Risiko eines

prekären

Lebens aus, das heißt sie arbeiten oft

in kurzfristigen, unsicheren Beschäftigungsverhältnissen bei geringer Bezahlung.

4. ... verwenden das

Internet

als eine wichtige oder als wichtigste Grundlage

ihrer Arbeit

Mit dieser Klassifizierung grenze ich die kreativen (Allein)Selbstständigen nicht nur von

den klassischen UnternehmerInnen ab, sondern auch von anderen freiberuflich Tätigen.

15 Vgl. Manske, Alexandra: Die Großstadt und das Geistesleben in Zeiten der Unsicherheit oder: Zur

Geisteshaltung der >Digitalen Bohème 16 Vgl. Friebe / Lobo 2006, S. 187 ff.

17 Jedoch sind die Personen unter 20 Jahren mehrheitlich weiblich. Vgl. dazu Stöcker, Christian: Blog ­ Studie.

Der Nachwuchs ist weiblich. In: Spiegel Online vom 10.02.06.

18 Den Begriff des Urbanen Penners prägte Mercedes Bunz in ihrem Artikel

Meine Armut kotzt mich an

. In: zitty

vom 16.02.06. Mehr dazu in Kapitel 5.1.

19 Im Diskurs um die digitale Boheme wird immer wieder auf die analoge Boheme zurückgegriffen (also auf

KünstlerInnen, deren Alltagswelt nicht vom Internet geprägt ist) und als Vergleichspunkt herangezogen.

Vergleiche dazu zum Beispiel Friebe / Lobo 2006, S. 15.

12


1.2. Fragestellung, Literatur und Gliederung

Der Diskurs um die digitale Boheme wirft ein, oben schon beschriebenes, Spannungsfeld

auf, das die kreativen (Allein)Selbstständigen ­ je nach Interpretation ­ irgendwo

zwischen Selbstbestimmung und Selbstausbeutung verortet. Ich möchte mit

diskursanalytischen Methoden20 unterschiedliche Argumentationsstrategien im Diskurs

um neuere Erwerbsarbeitformen am Beispiel der digitalen Boheme herausarbeiten. Dabei

konzentriere ich mich bei meinen Ausführungen auf Berlin. Mich interessiert, wie

spezifische Erwerbsarbeitsituationen gedeutet werden und welche individuellen

Handlungsstrategien präsentiert werden. Die Erwerbsformen werde ich anhand folgender

Diskursfragmente untersuchen:

1. Das Buch ,,Wir nennen es Arbeit". Es repräsentiert eine Gruppe, die sich tatsächlich

auch digitale Boheme nennt und aus dem, oben beschriebenen, engen Kern von Lobo,

Friebe und der ZIA besteht. Diese AkteurInnen bestimmen den Diskurs über die digitale

Boheme maßgeblich mit bzw. haben ihn in Gang gesetzt und weisen allein deshalb ein

gewisses Interesse an einer positiven Besetzung des Begriffes auf.

2. Sieben Interviews mit kreativen (Allein)Selbstständigen21, die ähnliche

Arbeitsstrukturen aufweisen, sich jedoch sehr unterschiedlich zu einer digitalen Boheme

positionieren und zusätzlich differenziertere Einstellungen, als die im Buch

beschriebenen, zur Erwerbsarbeit haben.

3. Drei Zeitschriftenartikel, die sich - kritisch oder euphorisch - zur digitalen Boheme

äußern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Journalisten und Journalistinnen zum

Teil oft auch freiberuflich arbeiten und somit doppelt Teil des Diskurses sind.

4. Zusätzlich dazu runden Websites und Blogs der beteiligten Personen die Auswertungen

ab.

Im Laufe der Arbeit komme ich immer wieder auf drei Monografien zurück, die ich hier

kurz vorstellen möchte.

Richard Lloyd

beschreibt in seiner Dissertation die

Verschränkungen von Kunst und Kommerz in den Jahren 2001 / 2002 in Wicker Park,

einem Stadtviertel in Chicago. 22 Das einstige Industriegebiet hat sich im Laufe seines

Gentrifizierungprozesses zum KünstlerInnenviertel entwickelt, seine BewohnerInnen zur

neuen Avantgarde für Modetrends. Lloyd wirft einen kritischen Blick auf diese, von ihm

als Neo-Boheme bezeichnete Gruppe, deren antikapitalistische Ideologie im Gegensatz zu

ihrer immer größer werdenden Relevanz für die Ökonomie steht.

20 Dazu mehr im Kapitel 4.

21 Und zudem noch ein informelles Gespräch mit einem Grafik-Design-Studierenden.

22 Lloyd, Richard: Neo-Bohemia: Art and commerce in the postindustrial city. New York 2006.

13


Sigfrid Betzelt

interviewte 2003 und 2004 42 AlleindienstleisterInnen in sekundären

Kulturberufen (LektorInnen, JournalistInnen, DesignerInnen und ÜbersetzerInnen) in

Deutschland. 23 Das Arbeitspapier präsentiert die zentralen Ergebnisse des DFG-Projekts

,,Neue Formen von Selbstständigkeit in Kulturberufen" an der Universität Bremen und

weist auf den Trend zur Alleinselbstständigkeit, Akademisierung und Feminisierung in den

Kulturberufen hin. Es arbeitet unterschiedliche subjektive Berufsverständnisse heraus

und stellt eine relativ große Kontinuität der Erwerbsbiografien fest, die allerdings mehr

subjektiven als materiellen Erfolg aufweisen. Die oben schon erwähnte Monografie von

Manske

ist eine qualitative Feldstudie über alleinunternehmerische WebdesignerInnen,

die 2001 ­ 2002 in Berlin durchgeführt wurde. Sie untersucht Formen der sozialen

Ungleichheit, die sich auch in der Prekarisierung von Hochqualifizierten ausdrücken und

arbeitet die jeweiligen Handlungsstrategien heraus. Ihre These ist, dass sich ihre

InterviewpartnerInnen in einem Zwischenraum von Priveligierung und Prekarisierung

bewegen.

Die untersuchten Gruppen in den drei Studien weisen einige Parallelen im Hinblick auf

Kreativität, Selbstständigkeit, Prekarität und IT-Affinität zu meinem Forschungsfeld auf.

Sie waren zudem die einzigen thematisch passenden Studien aus einer

sozialwissenschaftlichen Perspektive, die ich als Vergleich gefunden habe. Generell habe

ich im theoretischen Teil nicht nur auf ethnologische, sondern auch auf soziologische und

ökonomische Literatur zurückgegriffen. Diese Tatsache ist einerseits dem in Kapitel 2.1.

beschriebenen Forschungsstand zu Selbstständigen in der Europäischen Ethnologie

geschuldet. Die soziologische und ökonomische Literatur sehe ich aber auch als eine gute

Ergänzung der ethnologischen Perspektive.

In der Arbeit werde ich im theoretischen Teil die aktuellen wissenschaftlichen

Diskussionen über den Wandel der Erwerbsarbeit beschreiben, und einen besonderen

Fokus auf die Situation von hochqualifizierten Selbstständigen legen (Kapitel 2).

Außerdem widme ich mich dem Begriff der Boheme, ihren Anfängen und aktuellen

Ausprägungen und untersuche, wie ihre Werte in die Vorstellungen von Erwerbsarbeit mit

einfließen (Kapitel 3). Im Anschluss darauf beschreibe ich mein Forschungsfeld und mein

methodisches Vorgehen (Kapitel 4), um dann im empirischen Teil (Kapitel 5) zunächst

die Zeitschriftenartikel, dann das Buch ,,Wir nennen es Arbeit" und schließlich die

Interviews auszuwerten. Auf die Auswertung folgt eine Zusammenfassung der

unterschiedlichen Diskursstränge und der aus der Forschung gewonnen Ergebnisse

(Kapitel 6).

23 Betzelt, Sigrid: Flexible Wissensarbeit. AlleindienstleiterInnen zwischen Privileg und Prekarität. Zentrum für

Sozialpolitik, Arbeitspapier Nr.3/2006. Bremen 2006.

14


15


2. Erwerbsarbeit

Im Folgenden möchte ich einen kurzen Einblick in den wissenschaftlichen Diskurs um die

Erwerbsarbeit geben. Danach gehe ich auf den strukturellen Wandel ein, der seit den

1980er Jahren die Arbeitswelt prägt und werde mich zum Schluss ausführlich der

Prekaritätsdebatte, mit speziellem Blick auf höher Qualifizierte, widmen.


2.1. Erwerbsarbeit im wissenschaftlichen Diskurs

Den Startpunkt des volkskundlichen

Diskurses

zur Erwerbsarbeit setzte 1862 Riehls

Monografie

,,Die deutsche Arbeit"

. Der anfängliche Fokus lag auf Beschreibungen von

Arbeitstechniken und ­ materialien. Erst in den 1930ern lassen sich erste Belege eines

vokskundlichen Interesses an den eigentlichen Arbeits

vorgängen

finden.24 Im 20.

Jahrhundert erstarkte das Interesse an einer Kultur der Arbeit. Hier stand anfänglich die

bäuerliche oder handwerkliche Arbeit im Zentrum, die es zu ,,bewahren" galt.25 In der

Weimarer Zeit wurden vermehrt Forderungen nach einer Gegenwartsvolkskunde laut. Ein

besonderer Schwerpunkt lag nun auf der Industriearbeit. Nach 1945 widmete sich die

Volkskunde umfassender der Erwerbsarbeit. Dabei macht Lauterbach vor allem zwei

Strömungen aus, die Münsteraner Schule und die DDR-Volkskunde. Beide setzen sich mit

den

,,Beziehungen zwischen Arbeitsumwelt, Arbeitsgerät, Arbeitsvorgängen,

Arbeitsprodukten und Formen der Gesinnungen"

26 auseinander. Einen Trendwechsel

markierte dabei auch der Marburger Volkskundekongress ,,

Arbeit und Volksleben"

1965.

Der Kongress stand für eine Bewegung hin zum objektbezogenen, funktionalen und

theoriegeleiteten Zugang zur Erwerbsarbeit. 27 Als 1998 die Kommission

Arbeiterkulturforschung

in

Arbeitskulturenforschung

umbenannt wurde, kristallisierte sich

eine weitere inhaltliche und methodische Neuorientierung der Volkskunde heraus, die

Konsequenzen aus der fortschreitenden Deindustrialisierung zog. Es fand eine

Ausdifferenzierung der Forschungsfelder statt, der enge Blick auf die Industriearbeit, der

Kultur vor allem als Gegenkultur verstand28, weitete sich. Im Hinblick auf meine Arbeit

lässt sich feststellen, dass die meisten aktuellen volkskundlichen/europäisch-

ethnologischen Forschungen sich jedoch um einen Einblick in Unternehmen und das

Arbeitsverhältnis von Festangestellten bemühen. Erst langsam rücken Selbstständige in

den Mittelpunkt des Interesses.29

24 Götz, Irene / Wittel, Andreas (Hrsg.): Arbeitskulturen im Umbruch. Zur Ethnographie von Arbeit und

Organisation.

Münchner Beiträge zur Volkskunde, Bd. 26. München 2000, S.20.

25 Vgl. Hirschfelder, Gunther: Die historische Dimension der Arbeitskulturen. In: Hirschfelder / Huber 2004, S.

27 ­ 46. Hier S. 35.

26 Vgl. Hirschfelder / Huber 2004, S. 23.

27 Vgl. Hirschfelder / Huber 2004, S. 37.

28 Vgl. Bachmann, Götz: Der Belegschaftskultur-Ansatz und Links-Volkskunde. Ein Blick zurück nach vorn. In:

Götz / Wittel 2000.S. 35 ­ 52.

29 Siehe. z.B. den Beitrag von Albrecht Witte über Ich-Ags (In:Seifert, Manfred (Hg.), Götz, Irene (Hg.), Huber,

Birgit (Hg.): Flexible Biografien? Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt a.M. 2007.),

den Beitrag von Klara Löffler zu Unternehmerinnen (Götz / Wittel 2000) oder Alexandra Hesslers Dissertation

zu Existenzgründern (Hessler, Alexandra: Existenzgründer als Leitbild: zum Umgang mit einem Erfolgsmodell

der modernen Arbeitswelt. Münster 2004.) Auch im Bereich der Entrepreneurship-Forschung gibt es einige

16


Ein Grund für das (noch) geringe Interesse ist der magere prozentuale Anteil von

Selbstständigen an der Gesamtbevölkerung.30 Als eine weitere Ursache vermutet

Alexandra Hessler die Angst der Links - Volkskunde vor einem kapitalistischen Feld:

,,Unternehmer werden dabei - etwas überspitzt ausgedrückt - unter Generalverdacht
gestellt, kapitalistische Ausbeuter zu sein, die in ihrer Gesamtheit einem einzigen
sozialen Milieu (oder gar einer

Klasse

) zuzuordnen seien."31

Hier eröffnet sich noch ein

weiteres Arbeitsfeld für die Volkskunde.


2.2. Wandel der Erwerbsarbeit

In den letzten zwei Jahrzehnten unterliegen die Strukturen und Formen der

Erwerbsarbeit in Deutschland einem grundlegenden Wandel, der oft mit den Begriffen

Flexibilisierung und Subjektivierung beschrieben wird. Dieser Wandel, der aus dem

Übergang von einem fordistischen zu einem postfordistischen Arbeitsparadigma besteht,

ist allerdings nicht als abgeschlossen zu verstehen, sondern vielmehr als eine

Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Erwerbsarbeitsformen. Als Ursachen können unter

anderem der Einfluss der Globalisierung, die Deindustralisierung, das Entstehen neuer

Managementkonzepte und der immer breitere Einsatz von Informations- und

Kommunikationstechniken genannt werden.32 Es ist wichtig, bei einer aktuellen

Betrachtung der Erwerbsarbeit auch die historische Perspektive beizubehalten. Das ist

insofern von Bedeutung, als dass Licht auf einige oft vorschnelle Bewertungen der

aktuellen Veränderungen in der Arbeitswelt geworfen wird. Das von vielen Seiten

idealisierte Konzept eines gesellschaftlich anerkannten Berufs, der in einem unbefristeten

Arbeitsverhältnis ein Leben lang, 40 Stunden pro Woche, bei dem gleichen Unternehmen

ausgeübt wird, ist relativ jung.33 Die Geschichte präsentiert uns vielmehr

unterschiedlichste arbeitskulturelle Erscheinungsformen: Selbstständige in Handwerk und

Landwirtschaft, Fabrikarbeit, Heimarbeit, das Verknüpfen unterschiedlichster

Erwerbsquellen zu einem Einnahmekonzept, die 90 - Stunden Woche, die Familie als

Betrieb etc. Auch die Bewertung der Arbeit variiert: Mal symbolisiert Arbeit die Strafe

Gottes, mal wird sie als gottgefällig gesehen, mal als Menschenrecht, mal als

identitätsstiftend.34 Manfred Seifert bemerkt, dass das postfordistische Arbeitsmodell

nicht so neu ist, wie oft impliziert wird.

Publikationen aus einer gender- oder migrationsspezifischen Sichtweise heraus.

30 Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland lag nach dem statistischen Bundesamt 2007 bei knapp

35,3 Millionen, die Zahl der Selbstständigen bei 4,4 Millionen.(Vgl. http://www.destatis.de/jetspeed/

portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2008/01/PD08__001__13321

,templateId=renderPrint.psml ).

31 Hessler 2004, S. 18.

32 Vgl. Seifert/Götz/Huber 2007, S. 9.

33 Kocka, Jürgen: Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit. Aus Politik und Zeitgeschichte. B 21/2001.

Bonn 2001. S. 8 ­ 13. Hier S. 9. Verfügbar unter: http://www.bpb.de/files/G7VSG2.pdf (Zugriff am

26.05.08)

34 Vgl. Hirschfelder / Huber 2004, S. 28 ff. und Kocka 2001, S.8.

17


Denn tatsächlich lassen sich Aspekte der Flexibilität, Prekarität, Subjektivierung,

Autonomisierung und eine Entgrenzung der Arbeits- und Lebenswelt auch schon in

vorindustriellen Kontexten feststellen. Gleichzeitig sieht er jedoch auch signifikante

Unterschiede: Das Arbeitsverhältnis ist individualistischer geworden, spielerischer und

hat an existenzieller Bedeutung verloren.35 Diese konkreten Veränderungen werde ich

nun im nachfolgenden Kapitel genauer ausführen.

2.2.1. Flexibilisierung

Flexibilisierung bezeichnet, auf die Erwerbsarbeit bezogen, den Übergang von regulierten

Arbeitsverhältnissen zu deregulierten Verhältnissen ohne feste Vorgaben. Dabei ist oft,

neben einer Flexibilisierung der Arbeitszeitmodelle und der daraus folgenden

Entdifferenzierung von Arbeit und Freizeit, eine Verflachung von Hierarchien und

verstärkte Teamarbeit die Folge.36

Richard Sennett

warnt vor den Auswirkungen eines flexiblen Kapitalismus. Die

zunehmende Flexibilisierung der Arbeitsformen wäre ein Angriff auf den Charakter und

würde Werte wie Treue und Loyalität, soziale Bindungen und Vertrauen in ihren

Grundfesten erschüttern und die Menschen verunsichert zurücklassen.38 Trotz seines

kulturpessimistischen Tenors sind einige seiner Kritikpunkte sehr treffend. Er schreibt,

dass die Flexibilität vordergründig mehr Freiheit gibt, gleichzeitig aber die Gefahr

besteht, dass sie die ArbeitnehmerInnen noch mehr als zuvor an die Arbeitgeber bindet,

da diese nun vollständig über ihre Zeit verfügen können.39 Auch die Verflachung der

Hierarchien und die von allen Seiten geforderte Teamarbeit sieht er kritisch, da sie von

den eigentlichen Konflikten der Machtausübung ablenke. Keiner würde dann mehr die

Verantwortung tragen, alle seien ein Opfer des wirtschaftlichen Wandels,

,,...aber der
Wandel ist keine Person".

40 Zudem weist er darauf hin, dass der flexible Kapitalismus

spezifische Eigenschaften verlangt ­ Anpassungsfähigkeit, eine Vorliebe für Kurzlebigkeit,

die Fähigkeit mit Fragmentierung umgehen zu können - um in ihm überleben zu können.

Es braucht

"...das Selbstbewusstsein eines Menschen, der ohne feste Ordnung auskommt,
jemand, der inmitten des Chaos aufblüht."

41

Das nicht alle über diese Eigenschaften

verfügen, ist klar. Gerade auch die familiären Bedingungen werden in einem solchen

System nicht berücksichtigt, bemerkt

Schönberger

. So werde die Frage nach dem

35 Vgl. Hirschfelder / Huber 2004, S. 350.

36 Vgl. Schönberger, Klaus: Widerständigkeit der Biografie. In: Seifert, Manfred (Hg.), Götz, Irene (Hg.), Huber,

Birgit (Hg.): Flexible Biografien? Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt a.M. 2007,

S. 63-94.

38 Vgl. Sennett, Richard: Der Flexible Mensch. Berlin 1998, S. 31.

39 Vgl. Sennett 1998, S. 75.

40 Ebd., S. 154.

41 Ebd., S. 79.

18


Geschlecht und der familiären Situation schnell zum entscheidenden Faktor über Erfolg

oder Misserfolg.42 Die negativen Folgen der Flexibilisierung fürchtet auch

Ulrich Beck

,

der von einer zunehmenden

,,Brasilianisierung"

43 der Erwerbsarbeit spricht. Dieser

(unglücklich gewählte) Ausdruck soll die vielfältigen, aber fragilen Beschäftigungsformen

aus so genannten Entwicklungsländern bezeichnen. Beck schreibt dazu:

"Das kann man
als ,Flexibilität′ heiligen, heißt jedoch: Mache dich selbst leichter kündbar und sei damit
zufrieden, dass dir niemand sagen kann, ob deine Qualifikation in Zukunft noch
gebraucht wird."44

Er denkt, dass der Beruf mittlerweile weder Sicherheit noch

Schutzfunktion bieten kann, und so den Menschen ein wichtiger Fixpunkt im Leben

genommen wird.45 Außerdem geht er davon aus, dass die Veränderungen nicht

einkommensneutral vonstatten gehen können.46

Richard Florida

beschreibt in seinem Buch ,,The Rise of the Creative Class"47 die

veränderten Anforderungen, die auf eine neue Klasse der Gesellschaft zukommen. Er

sieht die Flexibilisierung zwar längst nicht durchweg positiv, glaubt aber auf der andere

Seite auch nicht, dass eine sichere Festanstellung notwendig für die psychische Stabilität

der ArbeitnehmerInnen sei. Auf Sennetts prognostizierte Zerstörung des Charakters

anspielend, fragt er:

,,Can we really believe that long-term employment in a large
organization is a necessary element in building one′s character?"48

Vor der industriellen

Revolution hätten die Menschen ihre Identität auch anders als über eine Firma definiert,

meint er, deswegen wären sie auch heutzutage in der Lage das zu tun.


Gabriele Fischer

,

Gründerin des New-Economy Magazins

brand eins

, postuliert eine

optimistische und visionäre Grundhaltung und sagt über die KritikerInnen der flexiblen

Wissensarbeit:

,,Viele schieben momentan doch nur die Schwierigkeiten vor (...) Aber um
die Zukunft kommen wir ohnehin nicht herum: Macht es da nicht mehr Sinn, statt die
Zukunft zu fürchten, sich eine auszudenken, zu der man hingelangen will?"49

Anstatt

sich von negativen Erwartungen lähmen zu lassen, sei die Frage zu stellen, wie möglichst

viele von den Veränderungen profitieren können. Auch der Wirtschaftswissenschaftler

Börsch-Supan

argumentiert in eine ähnliche Richtung. Er sieht die momentane Situation

in Deutschland als eine wirtschaftliche Übergangsphase, die er mit dem damaligen

Wandel von der Agrarwirtschaft zur industriellen Gesellschaft vergleicht. In dieser Phase

seien Übergangsprobleme normal, sollten aber nicht als Untergang der Arbeit im

Allgemeinen überbewertet werden. Allerdings wäre es schlecht sich auf den alten

42 Vgl. Seifert / Götz / Huber 2007, S. 82.

43 Beck, Ulrich: Abschied von der Utopie der Vollbeschäftigung. Neue Zürcher Zeitung Online. November 2006.

44 Beck 2006.

45 Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M. 1986. S. 222.

46 Vgl. Beck 1986, S. 226.

47 Florida, Richard: The rise of the creative class ... and how it′s transforming work, leisure, community and

everyday life. New York 2002.

48 Florida 2002, S. 109.

49 Engelmann, Jan / Wiedermeyer, Michael [Hrsg.] : Kursbuch Arbeit : Ausstieg aus der Jobholder-Gesellschaft

- Start in eine neue Tätigkeitskultur? München 2000. S. 384.

19


Strukturen auszuruhen, es müsste umgedacht werden:

,,Die Weigerung, Strukturen zu
ändern, weil uns die Übergangsprobleme als zu schmerzhaft erscheinen, lässt
Arbeitsplätze untergehen, aber nicht der Fortschritt per se.

" 50

Die KritikerInnen zeigen einige sehr ernstzunehmende Aspekte auf, die die Exklusion

und die Gefahr der Transformation von Fremd- in Selbstausbeutung betreffen. Gerade

deswegen ist es wichtig, an den strukturellen Herausforderungen zu arbeiten.

2.2.2. Subjektivierung

Der Prozess der Subjektivierung der Erwerbsarbeit beschreibt eine umfassende

Identifikation der ArbeitnehmerInnen mit der Erwerbsarbeit, die persönliches

Engagement, Emotionalität, Improvisation etc. beinhaltet.51

Voß und Pongratz

haben diese Entwicklung, die einerseits mit mehr Eigenbestimmung,

andererseits mit größerer Verantwortung einhergeht, in dem Begriff des

Arbeitskraftunternehmers

,

als einen neuen gesellschaftlichen Leittypus,

zusammengefasst.52 Dieser Typus zeichnet sich durch eine verstärkte Selbstkontrolle,

eine erweiterte Selbst-Ökonomisierung und eine Selbst-Rationalisierung aus, die von

einer Verbetrieblichung der Lebensführung gekennzeichnet ist. Nicht mehr die

Unternehmen sind dafür verantwortlich, dass Arbeitskraft tatsächlich in Arbeitsleistung

transformiert wird, sondern die ArbeitnehmerInnen selbst.

Beck

sagt, dass der Mensch in einer individualisierten Gesellschaft lernen muss

,,...sich
selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf,
seine eigenen Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen"53

Ein Stichwort, das im Kontext der Subjektivierung oft auftaucht, ist die

Employability,

also die eigene Beschäftigungsfähigkeit. Diese wird ständig neu verhandelt und ist nur

durch einen kontinuierlichen Ausbau wichtiger Schlüsselqualifikationen gewährleistet, um

attraktiv für den Arbeitsmarkt zu bleiben.

Boltanski und Chiapello

sehen den Zuwachs an Selbstverantwortung vor allem als eine

Strategie der Unternehmen, um die Angestellten zur Mitarbeit an der Profitmaximierung

zu bewegen. Dieser Prozess würde ganz subtil geschehen, indem

,,...der Kult der
individuellen Leistung und das Loblied auf die Mobilität mit netzartigen Konzeptionen des
gesellschaftlichen Zusammenhalts verbunden..."54

würde. Diese Entwicklungen gehen

ihrer Meinung nach auch mit einer deutlichen Verschlechterung der finanziellen und

sozialen Situation einher.

50 Engelmann / Wiedermeyer 2000, S. 114.

51 Vgl. Seifert / Götz / Huber 2007, S. 63 ­ 92 oder .Schönberger, Klaus: ,,Ab Montag wird nicht mehr

gearbeitet." Selbstverwertung und Selbstkontrolle im

Prozess der Subjektivierung von Arbeit. In: Huber, Birgit/ Hirschfelder, Gunther (Hg.): Die Virtualisierung der

Arbeit. Zur Ethnographie neuer Arbeits- und Organisationsformen. Frankfurt/M. u. a. 2004, S. 239-266. Hier

S. 242.

52 Vgl. Voß, G. Günter / Pongratz, Hans J.: Der Arbeitskraftunternehmer Eine neue Grundform der Ware

Arbeitskraft? In:

Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie

, Heft 1, S. 131­158. Köln 1998.

53 Beck 1986, S. 217.

54 Boltanski, Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz 2003, S. 261.

20


Jürgens und Voß

argumentieren in eine ähnliche Richtung und befürchten in ihrem

Aufsatz vor allem eine

Vereinnahmung des ganzen Menschen durch den Betrieb als Folge,

der nun noch mehr die Unternehmensziele und -logiken verinnerlichen muss. Sie

beklagen außerdem die Dominanz der wirtschaftlichen Anforderungen über das private

Leben der ArbeitnehmerInnen.55 Einen weiteren Kritikpunkt bringt

Beck

in der Hinsicht,

dass durch die Verstärkung der Eigenverantwortung auch das persönliche Risiko zunimmt

und so selbst ,,Schicksalsschläge" in individuelles Versagen verwandelt werden. Das lässt

neue Formen der persönlichen Schuldzuweisungen aufkommen, die manchmal aber eher

an die gesellschaftlichen Strukturen gerichtet werden müssten als an die

ArbeitnehmerInnen. Auch

Huber

sieht die Neigung zu individuellen Erklärungsmustern

von gesellschaftlich geschaffenen Strukturen als eine Tendenz der Subjektivierung von

Erwerbsarbeitsformen.56 Und schließlich bemerkt

Schönberger

, dass der Strukturwandel

von der Gesellschaft ein hohes Maß an Umdenken und die Entwicklung neuer

Kompetenzen verlangt, viele diesen Anspruch aber nicht erfüllen können:

,,Wer ein
intelligentes, strategisches Wissensmanagement nicht leisten kann, die erforderliche
Motivation und Selbstdisziplinierung sowie Qualifikation nicht aufweist, für den nehmen
die Unsicherheiten und die psychischen Belastungen in weit größerem Umfang zu."

57

Als positive Folgen der Subjektivierung hingegen werden vor allem der Autonomiegewinn

und die Identifikation mit der Arbeit und dem Arbeitsumfeld genannt.

Genkova

betont

die Wichtigkeit der subjektiven Bewertung von Lebenssituationen für das persönliche

Wohlbefinden der AkteurInnen. Ihrer Einschätzung nach ist das subjektive Empfinden

hier ausschlaggebender als soziale Faktoren.58 Diese Position verleiht der individuellen

Einschätzung der AkteurInnen ihrer Erwerbsarbeitsituation einen hohen Stellenwert und

argumentiert deutlich gegen Behauptungen, die den AkteurInnen eine verzerrte

Selbstwahrnehmung zuschreiben.

Florida

bemerkt, im Gegensatz zu der oben

genannten These über die Vereinnahmung des ganzen Menschen durch den Betrieb, dass

die subjektive Sicht auf Erwerbsarbeit davor schützt, den Wert und die Identität von

einer Firma abhängig zu machen:

,,Very few of us work for the same large company or
organization for life, and we are far less likely to pin our identity or sense of self-worth
on whom we work for. We balance financial considerations against the ability to be
ourselves"

59

55 Vgl. Jürgens, Kerstin / Günter Voß: Gesellschaftliche Arbeitsteilung als Leistung der

Person. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Nr. 34/2007..

56 Vgl. Huber, Birgit: ,,Transformationsgewinner" und ,,Transformationsverlierer". Möglichkeiten für Erfahrung

und Lebensführung jenseits fordisitischer Konditionierungen. In: Seifert / Götz / Huber 2007, S. 97 ­ 102.

Hier S.98.

57 Schönberger 2007, S. 83.

58 Vgl. Genkova, Petia: Berufkarriere und Lebenszufriedenheit ­ psychologische Aspekte. In: Seifert / Götz /

Huber 2007, S.227 ­ 237. Hier S. 236.

59 Vgl. Florida 2002, S. 10.

21


Auch

Baethge

sieht die Bindung an die Unternehmen eher labiler werden, da die

Identifikation mit der Tätigkeit nicht unbedingt Identifikation mit der Organisation

bedeuten muss. Die ArbeitnehmerInnen seien durch ihre höheren Sinnansprüche an die

Arbeit schneller bereit, bei Nichterfüllung den Arbeitsplatz zu wechseln.60 Er spricht von

einer anti-imperialistischen, subversiven Unterwanderung der hegemonialen Strukturen

und stellt die Frage, ob die Unternehmen durch das subjektzentrierte Arbeitsverständnis

nicht viel mehr endlich dazu gezwungen werden, den Bedürfnissen ihrer MitarbeiterInnen

mehr Aufmerksamkeit zu widmen.61


In der Debatte stehen positive Konnotationen, von Autonomiegewinn einerseits und

negative Zuschreibungen von Selbstökonomisierung andererseits, dicht nebeneinander.

Wichtig ist jedoch zu sehen, dass der Hang zur Subjektivierung nicht einseitig ist.

Schönberger spricht von einer

doppelten Subjektivierung

62

der Erwerbsarbeit, da das

Interesse sowohl von ArbeitgeberInnenseite ausgeht, als auch von

ArbeitnehmerInnenseite. Denn auch die ArbeitnehmerInnen haben mit der Zeit verstärkt

subjektive Ansprüche an ihre Arbeit entwickelt.63 Es handelt sich hier nicht einfach um

eine neue kapitalistische Strategie der Ausbeutung, sondern um

,,...eine zutiefst
ambivalente neue Form des Lebens sowie des Selbst- und Gesellschaftsverständnisses,
deren Konsequenzen für Gesellschaft und Politik heute erst in Ansätzen erkennbar
sind."64

2.2.3. ,,Transformationsgewinner" und ,,Transformationsverlierer"

Huber sieht, dass sich aufgrund der oben genannten Veränderungen tendenziell zwei

Gruppen herauskristallisieren: die ,,Transformationsgewinner" und die

,,Transformationsverlierer".71 Wer über die entsprechenden Kompetenzen verfügt, die der

flexible Kapitalismus verlangt, ist auf der sicheren Seite, die anderen sind mit einigen

Problemen konfrontiert. Neben der Euphorie im Sinne von a

lles ist nun möglich

, ist auch

eine große Unsicherheit entstanden und hat viele kritische Stimmen wachgerufen: Denn

nun ist a

lles

möglich!


60 Baethge, Martin: Arbeit und Identität. In: Beck, Ulrich /Beck-Gernsheim: Riskante Freiheiten:

Individualisierung in modernen Gesellschaften Frankfurt a. M : 1994, S. 245 ­ 261.Hier S. 248.

61 Baethge 1994, S. 254 / 255.

62 Schönberger 2007, S. 78.

63 Vgl. auch Baethge 1994, S. 245.

64 Eberlein 2002, S. 133. Zitiert nach Schönberger 2004, S. 263.

71 Vgl. Seifert / Götz / Huber 2007, S. 97.

22


Auffallend ist, dass tendenziell in der Bewertung des Strukturwandels von Seiten der

Wirtschaft eine positive Grundhaltung ausgeht, und von Seiten der Sozialwissenschaft

und Psychologie eine kritische bis kulturpessimistische Einstellung an den Tag gelegt

wird. Das mag darauf beruhen, dass die Wirtschaft sich eher auf die Chancen dieses

Strukturwandels und die Sozialwissenschaften sich eher auf dessen Risiken

konzentrieren. Richard Florida, der übrigens von beiden wissenschaftlichen Disziplinen

beeinflusst ist, beschreibt die beiden ideologischen Strömungen und stellt fest, dass

beide dabei implizit von einer externen Macht ausgehen, die für diese Veränderungen

verantwortlich ist. Dabei werde völlig die soziologische und kulturelle Dimension

vergessen als auch die Frage:

,,Why are we choosing to live and work like this? Why do
we want this life, or think that we do?"72

Der Frage möchte ich in meiner Arbeit nachgehen. Sie stellt sich besonders auch bei der

Prekaritätsdebatte um hochqualifizierte Selbstständige, auf die ich nun im nächsten

Kapitel eingehen werde. Dabei ist mir eine ausgewogene Haltung wichtig, die auf keinen

Fall die unfreiwilligen Verlierer des Wandels vergisst, aber gleichzeitig auch die

Möglichkeiten erkennt, die sich für viele auftun.

2.3. Prekarisierung auf hohem Niveau

,,In welcher Weise die genannten Tendenzen in ein personales Konzept alltäglicher
Lebensführung integriert, genutzt oder bewältigt werden können, hängt von den jeweils
zur Verfügung stehenden individuellen Möglichkeiten und Ressourcen ab, die wiederum
gesellschaftlich vermittelt sind."73

Schönberger zählt zu den geforderten Qualifikationen, die zum Überleben in einem

flexiblen Kapitalismus befähigen, ökonomische Ressourcen, die Position in der

betrieblichen Hierarchie, kulturelles Kapital, Inhalt der Arbeit, Arbeitsmarktlage,

Geschlechtszugehörigkeit, Familiestand etc.74 Über viele dieser Ressourcen verfügen

Selbstständige.75 Sie haben somit weniger Probleme sich unter solchen Anforderungen zu

behaupten. Das nimmt der Wirtschaftskritiker

Jeremy Rifkin

allerdings als einen Grund

zur Beunruhigung. Das nahende Ende der Arbeit progostizierend 76, sieht er den einzigen

Zuwachs von Erwerbsarbeit im Feld der Wissensarbeit. Dieses Feld werde jedoch nur

einer kleinen Elite zugänglich sein, die sich bald zur neuen Aristokratie entwickeln und die

Kluft zwischen Arm und Reich drastisch vergrößern würde.77 Der elitäre Charakter ist,

meiner Meinung nach, jedoch aufgrund der oben ausgeführten Folgen, die

Subjektivierung und Flexibilisierung mit sich bringen, zu relativieren:

72 Florida 2002, S. 16.

73 Schönberger 2007, S. 81.

74 Schönberger 2007, S. 84.

75 Das werde ich in Punkt 2.3. noch näher ausführen.

76 Vgl. Rifkin, Jeremy: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Neue Konzepte für das 21. Jahrhundert. Frankfurt

am Main 1995, S. 11.

77 Vgl. Rifkin 1995, S. 140 / 141.

23


Denn der Lebensstil der kreativen (Allein)Selbstständigen bringt nicht nur Privilegien,

sondern auch eine höhere Eigenverantwortung und somit ein größeres Risikopotential mit

sich. Allerdings haben die kreativen (Allein)Selbstständigen aufgrund ihrer

herausragenden Qualifikationen auch weniger als andere mit den negativen

Auswirkungen der Flexibilisierung und Subjektivierung zu kämpfen.

Betzelt

schreibt

hierzu, ,,...dass

es bestimmten Erwerbsgruppen mit einer guten Ausstattung an
kulturellem und sozialem Kapital sehr wohl gelingt, sich unter flexibilisierten
Marktbedingungen (selbst-) kritisch und reflexiv handelnd zu behaupten und sich von
Marktzwängen abzugrenzen, um eigene subjektive Ansprüche an berufliches Handeln zu
realisieren.78


Prekariat - Ein Begriff wird populär

,,Prekarität ist überall"

79 konstatiert Bourdieu und bringt damit die Dringlichkeit der

Prekaritätsdebatte auf den Punkt. Die Unsicherheit bezüglich der Erwerbsarbeit hat seit

seinem Vortrag 1997 nur noch mehr zugenommen und beschäftigt Medien, Politik und

Wissenschaften gleichermaßen. 2006 wurden die Ergebnisse der Studie ,,Gesellschaft im

Reformprozess" der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben, die 8 % der Bundesbürger

zum ,,abgehängten Prekariat"80 deklarierte. Dabei bezeichnet die Kategorie

abgehängtes
Prekariat

in dieser Studie eine Gruppe von Personen, die einen hohen Anteil von

Arbeitslosigkeit aufweist und zugleich männlich und ostdeutsch dominiert ist. Zur Zeit

werden Wörter wie Prekariat81 oder Prekarität immer häufiger für die unterschiedlichsten

Missstände im Bereich der Erwerbsarbeit verwendet.82 Der Ausdruck Prekariat wurde

2006 neben Wörtern wie ,,Generation Praktikum" oder ,,Fanmeile" sogar von der

Gesellschaft für deutsche Sprache als Wort des Jahres gewählt.83 Doch gerade die

Tatsache, dass Prekarität als ständiges Schlagwort, nicht nur in den Medien, sondern

auch in wissenschaftlichen Debatten verwendet wird84, hat dazu geführt, dass der Begriff

unscharf verwendet wird. So kritisiert Manske, dass mit

prekär

meistens alle atypischen

Beschäftigungsverhältnisse gemeint werden, die sich nicht an dem Konstrukt des

Normalarbeitsverhältnis orientieren.85

78 Betzelt 2006, S. S. 46.

79 Bourdieu, Pierre: Prekarität ist überall. In: ders.: Gegenfeuer. Konstanz 2004, S. 107 ­ 113. Hier S. 107.

80 Müller ­ Hilmer, Rita: Gesellschaft im Reformprozess - Umfrage im Auftrag der Friedrich - Ebert-Stiftung. Juli

2006, S.22. Verfügbar unter:

http://www.fes.de/inhalt/Dokumente/061017_Gesellschaft_im_Reformprozess_komplett.pdf . (03.04.08)

81 Der Neologismus

Prekariat

setzt sich aus den Wörter

prekär

(= unsicher, schwierig) und

Proletariat

zusammen.

82 Vgl. zum Beispiel Gross, Thomas: Von der Boheme zur Unterschicht. In: DIE ZEIT, 27.04.2006

83 Vgl. http://www.gfds.de/aktionen/wort-des-jahres (05.05.08)

84 Vgl. zum Beispiel Altenhain, Claudio (Hrsg.) u.a.: Von ,,Neuer Unterschicht" und Prekariat : Gesellschaftliche

Verhältnisse und Kategorien im Umbruch - kritische Perspektiven auf aktuelle Debatten. Bielefeld 2008 oder

Bourdieu 2004.

85 Vgl. Manske 2007 b, S. 25

24


Das wirft mehrere Probleme auf: Zum einen ist die Orientierung an ein grundsätzlich

androzentrisches Normalarbeitsverhältnis kritisch zu sehen, das vorrangig Männer in die

Position versetzt, einer sicheren Erwerbsarbeit nachgehen zu können, und Frauen davon

weitestgehend ausschließt. Gleichzeitig beschreibt das Normalarbeitsverhältnis meistens

einen industriegesellschaftlichen Arbeitstypus abhängiger Erwerbsarbeit und beeinhaltet

weder dienstleistungbezogene noch selbstständige Arbeitsformen. Diese atypischen

Arbeitsformen müssen aber nicht zwangsläufig prekär sein. Es ist sogar so, dass der

Beschäftigungszuwachs in den letzten zwanzig Jahren vorrangig in diesen Randbereichen

der Erwerbsarbeit stattfand.86 Ein weiterer Kritikpunkt, den Manske aufführt, ist dass in

dem Begriff

prekär

immer die Dimension der ,,social underclass" mitschwingt. Die

Diskussionen konzentrieren sich auf niedrigqualifizierte Personengruppen und lassen so

die immer größer werdene Gruppe der hochqualifizierten Prekären außen vor. Auch

Bourdieu greift das auf, wenn er von den vielen, scheinbar überflüssigen, Arbeitskräften

spricht,

,,...die man aufgrund der Überproduktion an Diplomen längst nicht mehr nur auf
den untersten Qualifikationsebenen findet".

87 Das bedeutet: Die Prekarität hat

mittlerweile längst auch die gebildeten und über hohes soziales und kulturelles Kapital

verfügenden Bevölkerungsgruppen erreicht. Diese ,,Prekarisierung auf hohem Niveau"88

spiegelt sich Manske zufolge aber bisher nur teilweise im sozialwissenschaftlichen Diskurs

wieder.

Netzwerke

Ein weiterer Schwachpunkt der Prekaritätsdebatte, speziell bei flexiblen

Wissensarbeitern, ist, dass oft die stabilisierende Funktion von sozialen Netzwerken

unterschätzt wird. Manske formuliert die These, dass die hohe Bedeutung von

Netzwerken für WebdesignerInnen ein

,,Indikator für die labile soziale Lage"

89 sei. So

eine Einschätzung ist, meiner Meinung nach, zu kurz gegriffen. Hier wird das staatliche

System als einzig legitime Institution zur finanziellen Absicherung anerkannt. Doch die

informellen und halb-formellen Netzwerke, in die Selbstständige eingebunden sind,

schaffen durchaus eine Form von subjektiver Sicherheit90 und bieten die Vorteile der

sogenannten

weak ties

.91

86 Vgl. Manske 2007b, S. 34.

87 Bourdieu 2004, S. 108

88 Manske 2007 b.

89 Manske 2007 b, S. 191.

90 Vlg. Grunt, Julia: Analyse der Arbeitsbedingungen von Freelancern. Ergebnisbericht über die mediafon ­

Erhebung von Dezember 2006 / Januar 2007. Hamburg 2007.

91 Vgl. Granovetter, Mark: The strength of Weak Ties. In: American Journal of Sociology, Vol. 78, Nr.

6., May 1973, S. 1360-1380.

25


Ein Beispiel für derartige Netzwerke ist die ZIA (Zentrale Intelligenz Agentur). Sie

vernetzt eine Auswahl von Selbstständigen im Dunstkreis derjenigen, die sich gerne als

digitale Boheme bezeichnen und vermittelt Projekte und Jobs. Aber auch

xing

, die social

networking Plattform für Geschäftsleute, die mittlerweile über 5, 7 Millionen Mitglieder

verzeichnet92, ist ein beliebter Anlaufpunkt für Selbstständige. Labil wird die soziale Lage

für sie allerdings dann, wenn sie

nicht

über solche ausgeprägten Netzwerke verfügen.93

Opfer oder AkteurIn?

Problematisch ist außerdem die Tendenz in der Diskussion um prekäre Arbeitsformen den

AkteurInnen eigenständiges Handlungsvermögen abzusprechen und sie als Spielball der

Politik hinzustellen. Das mag aus einer guten Absicht heraus geschehen, ist jedoch etwas

kurzsichtig. Auch Betzelt kritisiert diese Haltung:

,,In dieser Perspektive erscheinen die
Erwerbstätigen in erster Linie als Opfer fremdbestimmter Veränderungen der
Arbeitsbedingungen"94

. Diese Sichtweise, sagt sie, hätte einen gewissen

,,paternalistischen Beigeschmack"

95 . In der Tat muss bei meiner Untersuchungsgruppe,

ohne die Unsicherheit der Lage zu vernachlässigen, vorsichtig mit Wertungen bezüglich

der Erwerbslage umgegangen werden. Bourdieu beschreibt dramatisch die Auswirkungen

der Prekarität auf die Menschen als einen

,,...Verfall jeglichen Verhältnisses zur Welt, zu
Raum und zu Zeit

"96 , der ihnen jedes

,,...Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die
Zukunft..."

97 nehmen würde. Das trifft sicherlich auf viele Menschen in prekären

Lebenssituationen zu. Diese Beschreibung aber auf alle Menschen in flexibilisierter

Erwerbsarbeit zu übertragen, wäre falsch. Dörre zufolge sind flexible und prekäre

Beschäftigungsverhältnisse nicht identisch. Seiner Einschätzung nach gehören

Selbstständige aus der IT-Industrie noch in die Zone der Integration in den Arbeitsmarkt

und nicht zur Zone der Prekarität.98 Er zählt sie zu den ,,Selbstmanagern", einer Gruppe

die die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse als grundsätzlich positiv erlebt. Prekär ist

somit nicht gleich prekär99, denn Prekarität besitzt neben der ökonomischen auch eine

subjektive Dimension. Betzelt beschreibt es für ihre Untersuchungsgruppe treffend:

,,Zentrale Merkmale der subjektiven Sichtweisen prekär Beschäftigter wie Sinnverluste,
soziale Isolation, Statusunsicherheit, Anerkennungs- und Planungsdefizite, sowie eine
Schwächung sozialer Netze (...) sind hier mitnichten zu finden."100

92 Stand 1. Quartal 2008. Quelle: www.xing.com (05.06.08)

93 Vgl. Grunt 2007.

94 Betzelt 2006, S. 7

95 Ebd., S. 7.

96 Bourdieu 2004, S. 108.

97 Ebd., S. 108.

98 Vgl. Dörre, Klaus (u.a.): Prekäre Arbeit: Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive

Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Wirtschafts- und Sozialpolitisches Forschungs-

und Beratungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Abt. Arbeit und Sozialpolitik, Bonn 2006, S. 60.

99 Vgl. Manske 2007b, S. 203.

100 Betzelt, S. 63.

26


Gerade die soziale Isolation ist bei den kreativen Selbstständigen nicht vorzufinden, da

sie über weitreichende soziale Netzwerke (siehe weiter oben) verfügen. Lloyd schreibt

über die Neo-Boheme in Chicago, dass sie oft ein sehr ausgeprägtes soziales Leben führt,

das aufgrund ihres Einkommens nicht zu vermuten wäre.101

Die Selbstständigen besitzen nicht nur das von Bourdieu vermisste Mindestmaß an

Hoffnung, sondern sehen sich weder als Opfer der Gesellschaft, noch erleben sie sich als

völlig machtlos. Denn ihrer Meinung nach haben sie sich ihre Erwerbssituationen selbst

gewählt102, ein entscheidener Unterschied zu anderen prekarisierten Arbeitsformen.103

Manske findet in ihrer Studie über WebdesignerInnen in Berlin bewusst agierende

AkteurInnen vor: ,,

Vielmehr treten sie strukturellen Unsicherheiten offensiv entgegen,
versuchen sie produktiv zu wenden und ihre ungewisse soziale Lage möglichst zu ihren
Gunsten zu gestalten."104

Die AkteurInnen sehen sich nicht als Opfer und handeln auch

nicht aus einer Opferposition heraus. Sie verstehen sich als GestalterInnen ihrer

Erwerbsbiografie und erleben sich als handlungsmächtig.

Diese erlebte Handlungsmacht kommt auch aufgrund des Bewusstseins zustande, dass

sie oft herausragende Qualifikationen besitzen, die sie ­ wenn sie es wollten ­ zu einem

höheren Preis, allerdings unter anderen Voraussetzungen, verkaufen könnten. Bei den

AkteurInnen handelt es sich, wie oben schon erwähnt, um Personen, die in der Regel

über hohes kulturelles Kapital, einen überdurchschnittllichen Bildungsgrad und immense

soziale Kompetenzen verfügen.105 Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf bringt das in

einem Interview auf den Punkt: ,,

Nur ist das mit einer echten Unterschicht-Armut eben
nicht zu vergleichen. Weil, das ist ja eine priveligierte Armut, wenn man hochqualifiziert
ist und sich jederzeit anders besinnen könnte."

106 Der Terminus

priveligierte Armut

beschreibt die Situation treffend: Es geht hier um eine Art freiwillige Armut, die zwar

nicht geschätzt, aber bewusst in Kauf genommen wird, da der Schwerpunkt auf anderen

Werten wie Selbstbestimmung oder Selbstverwirklichung liegt.107 Auch die von Lloyd

untersuchte Neo-Boheme in Chicago beschreibt sich als ,,poor by choice" und genau das

macht für ihn einen entscheidenden Unterschied aus.108 Hier wird ein Prioritätenwechsel

deutlich: Bei solchen Einstellungen steht die finanzielle Sicherheit nicht primär im

Vordergrund, sondern die Möglichkeit zur individuellen Gestaltung und Identitfikation mit

der Erwerbsarbeit.

101 Vgl. Lloyd 2006, S. 160,

102 Vgl. Manske 2007 b, S. 208

103 Vgl. Götz / Wittel 2000, S. 23-24.

104 Manske 2007, S. 210.

105 Vgl. Manske 2007 b, S. 207 und Betzelt S. 63.

106 Morisse/Engler, S. 128

107 Mehr zu Selbstbestimmung im Kapitel...

108 Vgl. Lloyd 2006, S. 161.

27


Zusammenfassend lässt sich die generelle Haltung vieler Freelancer gegenüber ihrer

prekären Lage mit den Worten von Manske, als

,,...Wille zur Selbstbestimmung, der eher
einer nüchternen als einer verzweifelten Analyse des Verhältnisses zwischen Erwartungen
und Chancen entspringt..."

109

,

zusammenfassen.

Aber auch wenn solche Erwerbsbiografien selber gewählt sind, stehen sie doch in der

Gefahr, von Politik und Wirtschaft missbraucht zu werden. Bourdieu warnt vor politischen

Prekarisierungsstrategien, welche die, von manchen ersehnte, von manchen gefürchtete,

Flexibilität auf

alle

zwangsweise übertragen. Diese neue Form der Herrschaft drückt sich

für ihn in dem Begriff

Flexploitation110

aus; der Ausbeutung der ArbeitnehmerInnen durch

Flexibilität. Es ist für den weiteren Verlauf der Arbeit wichtig, diesen Aspekt - die Gefahr

der Flexploitation - mitzudenken.


Exkurs: Internationalität der Prekaritäts-Debatte

Interessant ist, dass die Debatte um flexibilisierte und prekäre Erwerbsarbeit von jungen

Hochqualifzierten längst nicht auf Deutschland beschränkt ist. In Frankreich wird

ängstlich über die

,,intellos précaires"

111

diskutiert, in England euphorisch über die

,,new
independents".

112 Japan macht sich Sorgen um seine Generation der

,,freeter"

113

und

Amerika feiert die

,,yetties".114

Diese Gruppen haben natürlich, neben einiger auffälliger

Gemeinsamkeiten, auch ihre jeweils spezifischen Ausprägungen. Aber auch Ulrich Beck

betont, dass es eines kosmopolitischen Blicks bedarf, um die Diskussionen um Armut und

prekäre Erwerbsarbeitbedingungen aus der ,,nationalstaatlichen Sackgasse"115 zu holen.

Auch wenn ich im theoretischen Teil meiner Arbeit nicht näher auf diese internationale

Ebene eingehen kann, wird bei den Auswertungen meiner Feldforschungsergebnisse

diese Ebene wieder zum Tragen kommen, da meine InterviewpartnerInnen

unterschiedlichste kulturelle Hintergründe besitzen.

109 Manske 2007 b, S. 208.

110 Bourdieu 2004, S. 111.

111 Vgl. Rambach, Anne und Rambach, Marine: Les intellos précaires. Paris 2001..

112 Vgl. Leadbeater, Charles und Oakley, Kate: The new Independents. Britain′s new cultural entrepreneurs.

London 1999.

113 Siehe z.B. Matanle, Peter und Lunsing, Wim: Perspectives on Work, Employment and Society in Japan. New

York 2006.

114 Diese Abkürzung steht für: "young, entrepreneurial, tech-based, twentysomething".

115 Vgl. Beck 2006.

28


29


3. Boheme

In diesem Kapitel möchte ich Anfänge, Entwicklungen und Ausprägungen der Boheme

beleuchten. Dann werde ich mich den aktuellen Erscheinungsformen der Boheme widmen

und Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Rückblick auf die Anfänge herausarbeiten.

3.1. Begriffsgeschichte116

Anfänglich stand der Begriff Bohemiens für die als ,,Zigeuner" bezeichneten

Menschengruppen im Frankreich des 15. Jahrhunderts. Die abschätzige Formulierung

sollte nicht angemessene Sitten ausdrücken, die mit Nichtsesshaftigkeit und scheinbarer

Verwahrlosung einhergingen. Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts

kristallisierte sich eine zweite Bedeutung des Boheme-Begriffs heraus. In dem Maße, in

dem das Bild des ,,Zigeuner-" oder Vagabundenlebens allmählich als eine ungezwungene,

mutige und ursprünglichere Lebensweise romantisiert wurde, wandelte sich auch das

Selbstverständnis der KünstlerInnen, die sich immer mehr von der bürgerlichen Welt

ablösten.117 Mit Murgers ,,Scènes de la Vie de Bohème" (1851) ging die Bedeutung des

Ausdrucks Boheme in die Bezeichnung nichtbürgerlicher Gruppierungen von

KünstlerInnen und deren Lebensstil über und nahm die Assoziationen von Wildheit und

Unkonventionalität der ,,Zigeuner" mit. Diese Entwicklungen galten zunächst einmal für

Frankreich. In Deutschland kursierten sehr unterschiedliche Selbstbezeichnungen der

Szene: Vagabunden, Zigeuner, Bettler, Abenteuerer etc. Erst Ende des 19. Jahrhunderts

verbreitete sich das Wort Boheme in deutschen Literaturkreisen und wurde nun im

Rückblick auch auf die erste Jahrhunderthälfte angewandt.118 Seidem ist der Diskurs um

die Boheme nie wirklich abgerissen, auch wenn er sporadisch auf andere Bezeichnungen

zurückgreift. Charakteristisch ist für die Diskussionen, dass immer wieder ein Ende der

Boheme prognostiziert wird und der Idealtypus des Bohemien generell in der

Vergangenheit liegt. Weiterhin typisch ist, dass sich die AkteurInnen selbst gerne

jedweder Klassifikationen entziehen und sich bewusst von ihnen distanzieren. Sobald ein

Begriff gefunden wird, ist er für die eigentlichen AkteurInnen schon wieder überholt.119




116 In Punkt 3.1. werde ich mich in meinen Ausführungen im Wesentlichen auf Kreuzer beziehen, der das bisher

umfangreicheste und genaueste Werk über die deutsche Boheme herausgebracht hat (Vgl. Kreuzer, Helmut:

Die Boheme. Analyse und Dokumentation der intellektuellen Subkultur vom 19. Jahrhundert bis zur

Gegenwart. Stuttgart 1971.)

117 Vgl. Kreuzer 1971, S. 3.

118 Ebd., S. 12.

119 Ebd., S. 23.

30


3. 2. Die Anfänge der Boheme
Kreuzer

bezeichnet die Boheme als eine den industriellen Gesellschaftsformen inhärente

,,Subkultur von Intellektuellen" mit ,,betont un- oder gegenbürgerlichen Einstellungen und

Verhaltensweisen". 120 Dabei sieht er die Boheme nicht als eine ästhetische, sondern als

eine sozialgeschichtliche Kategorie, die immer einen historischen Bezug hat.

Die Anfänge der Boheme liegen nach

Kreuzer

schon im 18. Jahrhundert, er erkennt

erste Tendenzen einer Vorboheme im Umfeld der französischen Revolution.121 Als

wichtigste Vorform der Boheme sieht er die Künstler des Sturm und Drangs. Der Prototyp

der Boheme befand sich allerdings im Paris des 19. Jahrhunderts. Ihn zeichnete

programmatischer Individualismus, eine antimaterielle Haltung und ein intentionell

unbürgerlicher Lebensstil aus. Die Boheme setzte sich damals vorrangig aus den

klassischen Künsten, also aus MalerInnen, SchriftstellerInnen etc. zusammen. Ihr

Feindbild war das Bürgertum, das durch seine Spießigkeit und Autoritätshörigkeit alles

verkörperte, was die KünstlerInnen nicht sein wollten. Auch hier handelte es sich um

stereotypische zugeschriebene Eigenschaften, die die Grundlage zur Abgrenzung und zur

Definierung der eigenen bohemianischen Identität bildeten. Wichtig ist zu sagen, dass die

Grenzen zwischen Vorboheme und Boheme und zwischen Boheme und Bourgeoisie oft

fließend waren.

Kreuzer

unterscheidet zwischen drei unterschiedlichen Wahrnehmungen innerhalb der

Diskussionen über die Boheme: Das Bild der grünen Boheme steht für die glanzvollen

Aspekte (Freiheit), die schwarze Boheme für die bedrohlichen (Armut), die rote Boheme

für die politischen.122 Alle drei Aspekte sind für die damalige Zeit gleich wichtig, jedoch ist

später, in Punkt 3.3., noch zu sehen, wie sich in postfordistischen Zeiten der

Schwerpunkt verlagert.

Überlebensdruck versus Selbstbestimmtheit

Besonders wichtig war den KünstlerInnen im 19. Jahrhundert ein individueller Lebensstil,

den sie, so gut es ging, gegen den verpönten bürgerlichen Arbeitsalltag verteidigten.

Einer

klassischen

Erwerbsarbeit nachzugehen, kam für sie nicht in Frage, da sie die

Geldwirtschaft verachteten, die sie als eine systematische Ausbeutung durch die

Bourgeoisie verstanden. Das versetzte sie allerdings in ein Spannungsverhältnis zwischen

ihren künstlerischen Idealen im Sinne von

l′art pour l′art

und dem Druck, trotzdem

finanziell über die Runden kommen zu müssen. Sie mussten oft auf nichtkünstlerische

Arbeiten zurückgreifen, um überleben zu können123. Jedoch war das stets nur eine

Notlösung. Ihre Arbeitskritik implizierte unterschiedliche Haltungen:

120 Ebd., S. V.

121 Ebd., S. 44.

122 Vgl. ebd., S. 7.

123 Vgl. ebd., S. 253.

31


Von bewusstem Konsumverzicht über einer Geldverachtung, die in Geldverschwendung

endete, bis hin zu moralisch-revolutionären Ansätzen, die sich gegen den Kapitalismus

generell richteten124. Ihr künstlerisches Schaffen sahen sie nicht im Sinne von

Arbeit

. In

der finanziellen Not halfen oft Verwandte und Freunde aus oder andere Förderer ihrer

Kunst. Auch unter den Bohemiens selbst herrschte eine finanzielle Solidarität.

Kreuzer

zählt einen gewissen Teil der Boheme zur

Armutsboheme

, die er als eine Gruppe von

Bohemiens mit hoher Bildung, keiner statusadäquaten Beschäftigung, jedoch mit gleich

gebliebenen Bedürfnissen bezeichnet. Diese Beschreibung erinnert stark an die Prekären

auf hohem Niveau, die Manske beschreibt.


Gegen erstarrte Normen

Stabilität war ein weiteres Feindbild der Boheme, denn sie verkörperte Langeweile und

erstarrte Konventionen. Stattdessen waren Spontaneität und Flexibilität erstrebenswert:

,,Immerhin ist ein unruhiges Kulturnomadentum, sei es auch nur in der Form des
häufigen Wechselns von Wohnung und Wohnort, charakteristisch für einen Teil der
Bohemiens."

125 Die generelle Offenheit der Boheme und ihre prinzipielle Skepsis

gegenüber Altem war die Voraussetzung für ihren großen Einfluss auf die Entwicklung

neuer Stilrichtungen innerhalb der Kunst.

Ihr Hass auf bürgerliche Normen drückte sich in einer totalen Absage an die Gesellschaft

aus, sie setzten den Kompromissen der Bourgeoisie Radikalität entgegen. Allerdings

bemerkt

Kreuzer

, dass die Boheme nur durch die Duldung der Bourgeoisie überhaupt

bestehen konnte und kann. Es bedarf gewisser gesellschaftlicher Voraussetzungen, damit

innerhalb der Gesellschaft gegenkulturelle Strömungen zu ihrer vollen Blüte kommen

können: das Fehlen außenpolitischer und innenpolitischer Bedrohung, wirtschaftliche

Prosperität und eine relativ liberale Gesellschaft126.

Kreuzer

sieht daher die Boheme

nicht nur als ein gegensätzliches Element zur hegemonialen Gesellschaft, sondern auch

als ihr Produkt.

Cafés

,,Du Seele der Zeit. Du schwingende Glocke des Diesseits. Du Schule hoher Geister. Du
beschwingter Kämpfer Rendez-vous, Du tumultuöse Arche der Dichter.(...) Du
Lebendiges, du Caféhaus."127

Mit hymnischen Worten feiert der Expressionist Meidner hier das Café. Die Boheme traf

sich in zumeist informellen Gruppen in Cafés oder Salons und debattierte über Politik und

Kunst.

Kreuzer

zählt den Cafébesuch zu einem der wichtigsten und übergreifenden

Merkmale der Boheme überhaupt:

124 Vgl. ebd., S. 258 ff.

125 Ebd., S. 49.

126 Ebd., S. 47.

127 Vgl. Ludwig Meidner, Im Nacken das Sternenmeer, Leipzig 1918, S. 29. Zitiert nach Kreuzer 1971, S. 209.

32


,, Der Cafébesuch ist voll ritualisiert; die Bindung ans Café erscheint als ,Wesenszug′, als
fixierte Eigenschaft des typischen Bohèmiens."128

Die

Cafés und Lokale hatten eine

wärmende Funktion im Winter, waren für den allein stehenden Junggesellen eine

günstige Möglichkeit zum Essen und dienten auch als Arbeitsplatz. Aber vor allem

befriedigten sie den Wunsch nach Austausch mit Gleichgesinnten und Förderern. In ihrem

Ambiente konnten die sozialen Netzwerke gepflegt, fachkundige Meinungen ausgetauscht

und eine Gegenwelt zur Bourgeoisie konstruiert werden. Nicht nur die Pariser Cafés,

sondern auch die Kaffeehäuser in Wien oder München und in anderen europäischen

Großstädten wurden von den KünstlerInnenn als soziale Plattform genutzt. Die

zunehmende Entwicklung der Boheme ging parallel mit dem Verstädterungsprozess im

19. und 20. Jahrhundert einher. Dabei wurden die Stadtviertel bevorzugt, die

ökonomisch günstig waren, eine geeignete Infrastruktur boten (Ateliers, Akademien,

Lokale etc.) und vor allem die passende Bevölkerungsstruktur besaßen (andere

KünstlerInnen, Studenten) ­ der Ort musste ein ansprechendes Flair besitzen129.




3.3. Boheme heute

In den letzten Jahrzehnten tauchten immer wieder antibürgerliche Strömungen auf, die

sich auf die Boheme oder auf deren Werte beriefen. Zu nennen wären da die Beatniks in

den Fünfzigern oder die Hippies in den Sechzigern und Siebzigern130. Auch heutzutage

finden sich in Deutschland KünstlerInnenkreise mit sehr ähnlichen Wertvorstellungen

wieder und nicht nur das, es ist sogar in den letzten Jahren ein massiver Anstieg der

künstlerischen Berufe zu vermerken. So stieg zwischen 1995 und 2003 die Zahl der

Erwerbstätigen in Kulturberufen jährlich um 3,4%, das Wachstum der gesamten

erwerbstätigen Bevölkerung blieb dagegen in diesem Zeitraum bei 0%131.








128 Vgl. Kreuzer 1971, S. 202.

129 Vgl. ebd., S. 217.

130 Vgl. ebd., S. 22.

131Söndermann, Michael: Kulturberufe. Statistisches Kurzportrait zu den erwerbstätigen KünstlerInnenn,

Publizisten, Designern, Architekten und verwandten Berufen im Kulturberufemarkt in Deutschland 1995 ­

2003. Im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Bonn 2004, S. 5.

33


Alles beim Alten

,,Ich wundere mich oft über die Sorgen und Ängste anderer. Ich habe es gut dadurch,
dass ich kein Karrieremensch bin. Geld ist mir überhaupt nicht wichtig, lieber habe ich die
Freiheit, meine Ziele durchzusetzen."132

(Johanna, 36, Malerin)

,,(...) der existenzielle Druck ist in diesem wie in jedem anderen künstlerischen Beruf
auch eine Katastrophe. Zumal es in der Schauspielerei noch zu Lebzeiten klappen muss
mit der ganz großen Nummer. Das Risiko, unterwegs im Straßengraben zu verrecken, ist
dabei eine Grundvoraussetzung."133

(Alexander, 35, Schauspieler)


Vieles erinnert an die alte Boheme: Die neuen KünstlerInnen kennzeichnet ein hoher

Grad der Akademisierung, kombiniert mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen134.

Auf der einen Seite hat für sie ein selbstbestimmtes Leben und Individualität höchste

Priorität. Sie sind gegen das

,,... grimmige Regiment der Bourgeoisie"135

, das sie mit

Konformität und erstarrter Traditionalität verbinden. Dem setzten sie das

,,Prinzip des
Unsteten, Spontanen und Ungewissen"136

entgegen, das ihrem Bedürfnis nach Autonomie

am meisten entspricht. Gleichzeitig wird ihr Ideal von einem künstlerisch freien,

marktunabhängigen Leben immer wieder von finanziellen Notlagen überschattet.

Prekäre Lebenslagen sind keine Seltenheit, auch wenn die Armut vielleicht nicht mit den

damaligen Lebensumständen zu vergleichen ist. Auch sie müssen auf familiäre Hilfe

zurückgreifen137 und auf sogenannte ,,Brotjobs" ausweichen138. Dieser Balanceakt

funktioniert mal mehr und mal weniger gut. Lobo und Friebe formulieren es für die

digitale Boheme so, dass es darum ginge, die Arbeit zu lieben und währenddessen nicht

zu verhungern139.

Place does matter

Auch im Zeitalter der Globalisierung ist der Ort für die Boheme ein wichtiger Faktor.

Florida

bemerkt:

,,Creative people, in turn, don′t just cluster where the jobs are. They
cluster in places that are centers of creativity and also where they like to live."

140

Die Bevölkerungsstruktur einer Stadt und möglichst geringe Lebenshaltungskosten sind

ein wichtiger Pull-Faktor für hinzuziehende KünstlerInnen.

Das zeigt das Beispiel der Neo-Boheme, die Richard Lloyd in seinem Buch über die

Gentrifizierung von Wicker Park, einem Stadtteil von Chicago, beschreibt

141

. Wicker Park

wandelte sich in den letzten Jahren vom Industriegebiet zum hippen Medienviertel.

132 Morisse, Jörn / Engler, Rasmus (Hrsg.): Wovon lebst du eigentlich? Vom Überleben in prekären Zeiten.

München 2007, S. 189.

133 Morisse / Engler 2007, S. 176.

134 Vgl. Betzelt 2006, S. 66.

135 Friebe / Lobo 2006, S. 27.

136 Ebd., S. 28.

137 Vgl. Betzelt 2006, S. 54.

138 Vgl. Friebe / Lobo 2006, S. 101.

139 Vgl. ebd., S. 94.

140 Florida 2002, S. 7.

34


Der Stadtteil gewann durch den Zuzug von jungen KünstlerInnen142 an Anziehungskraft

und wurde so zu einem wichtigen Verhandlungsort von Lebensstil und Status

: ,,(...) the
persistent emergence of recognizable urban districts as priviliged platforms for artistic
experimentation and lifestyle eccentricity demonstrates that place does matter. Better
stated, then, bohemia is both a place and a state of mind."

143

Mit Wicker Park vergleichbar sind auch Bezirke in Berlin wie Prenzlauer Berg oder

Friedrichshain, die ein ganz ähnliches Klientel anziehen. Berlin ist deutschlandweit die

kostengünstigste Großstadt und somit für viele KünstlerInnen die einzige Chance, ihre

Arbeitsideale mit ihrem Einkommen und ihrem Anspruch an einen bestimmten Lebensstil

(der örtliche Nähe zu einer urbanen Kunstszene beinhaltet) in Einklang zu bringen. Und

spätestens seitdem Berlins Bürgermeister

Klaus Wowereit

der Stadt den Titel ,,

Arm
aber sexy"144

verliehen hat, ist ihr Image als äußerst attraktiver Standort für Menschen

mit vielen Ideen, aber geringem finanziellen Einkommen, deutlich geworden.

Die gastronomischen Einrichtungen sind noch immer wichtige Orte der neuen Boheme.

Lobo

und

Friebe

schreiben:

,,Dennoch sind es auch heute wieder die Cafés und Clubs,
die als Neuauflage der Kaffeehäuser und Salons aus den Anfangstagen der europäischen
Bohème zu den bevorzugten Arbeitsstätten der digitalen Bohème werden."145

Die sogenannten

third places

dienen als ein Zwischenraum oder auch verlängertes

Wohnzimmer, das Arbeit und Freizeit miteinander verbindet und dem Café so einen

besonderen Stellenwert als öffentlicher Arbeitsplatz verleiht.

Gleiche Inhalte - nachlassende provokative Wirkung

Das klassische Spektrum der Boheme wird heute um die so genannten sekundären

Kulturberufe wie Grafik, Design, Ton-/ Bildingenieurwesen etc. erweitert. Diese Gruppe

vermerkte in den letzten Jahren das größte Wachstum. Zudem geht der Trend hin zu

verstärkter Selbstständigkeit und Feminisierung innerhalb der Kulturberufe146. Doch nicht

nur die Erweiterungen des Repertoires und der Personenstruktur unterscheidet die neue

von der alten Boheme. Sie ist auch weniger provokativ geworden. Der Journalist

David

Brooks

fasst die Tendenz der jungen amerikanischen Elite, bohemianische Ideale

(Nonkonformismus) mit einer bourgeoisen Praxis (Karrieredenken) zu kombinieren, in

dem Begriff

Bobo

zusammen147. Erwerbsdenken ist nicht mehr ganz so abwegig

geworden in der neuen Boheme. An dieser Stelle komme ich noch einmal auf die

Kategorisierung von

Kreuzer

zurück.

141 Lloyd 2006.

142 Auch in den USA steigt seit den Siebzigern die Anzahl der Erwerbstätigen in den KünstlerInnenberufen

rapide (Vgl. ebd., S. 65).

143 Ebd., S. 48.

144 Thibaut, Matthias: ,,Arm, aber sexy": Wowereit warb in London für Berlin. In: Tagesspiegel vom 4.12.2003.

145 Friebe / Lobo 2006, S. 150.

146 Vgl. Söndermann 2004, S. 5. und Betzelt 2006, S. 26.

147 Vgl. Brooks, David: Bobos in Paradise : The New Upper Class and How They Got There.

New York 2000.

35


Während die Aspekte der schwarzen und der grünen Boheme auch heute nach wie vor

aktuell sind, sind Elemente der roten Boheme nur dezimiert vorzufinden. Die neue

Boheme ist weniger aggressiv, provokativ und politisch. An manchen Stellen hat sie ihren

gegenkulturellen und antikapitalistischen Charakter verloren. Diese Diagnose verabreicht

zumindest

Richard Lloyd

der Neo-Boheme. Sie würde zwar inhaltliche Kontinuität

gegenüber des Konzepts der Boheme bewahren, strukturell gesehen jedoch dem

Kapitalismus in die Hände spielen:

,,Rather than looking at artists as a resistant
subculture, I became compelled to think of artists as useful labor, and to ask how their
efforts are harnessed on behalf of interests that they often sincerely profess to
despise."

148

Die einstmalige Rolle der alten Boheme als eine der Mehrheitsgesellschaft

entgegengesetzte Minorität sei hinfällig geworden. Ihre Werte, wie Flexibilität, Non-

Konformität und Diversität, werden mit in das kapitalistische System integriert. Die

Tatsache, dass sich die Neo-Boheme dennoch von der Konsumgesellschaft abgrenzt,

bedeute lange noch nicht, dass sie nicht für die Ökonomie von Interesse sei149. Im

Gegenteil:

"The commitment of contemporary bohemians to the romanticized images of
starving artists and the primacy of the aesthetic does not confound the instrumental
interests of the culture industries. Instead, the ideological features of bohemia work to
the benefit of these industries, sustaining a pool of potential labor that largely bears its
own costs of reproduction. "

150

Das sind massive Vorwürfe. Gerade der Verzicht auf finanziellen Luxus zu Gunsten der

eigenen Ideale ist eine Haltung, von der der Kapitalismus am meisten profitiert. Die Idee,

dass die Boheme eigentlich dem Kapitalismus zuarbeitet, erinnert auch an den


Mainstream der Minderheiten

, mit dem die Autoren

Mark Terkessides

und

Tom Holert

die individuellen Strömungen unserer Zeit zusammenfassen. Die Herausgeber des

gleichnamigen Buches151 gehen davon aus, dass sämtliche pop- und subkulturellen

Bewegungen von einem Differenzkapitalismus gelenkt werden.

Doch nicht alle unterstellen den KünstlerInnen völlige Steuerung durch den Kapitalismus.

Betzelt

sieht ihre AkteurInnen (JournalistInnen, DesignerInnen, LektorenInnen und

ÜbersetzerInnen) in einem differenzierteren Licht. Sie denkt, dass es ihnen sehr wohl

gelingen kann, sich von den Marktzwängen abzugrenzen und einen

,,subjektiven
Eigensinn"

zu bewahren - vorausgesetzt sie sind gut mit kulturellem und sozialem Kapital

ausgestattet. In ihren Fällen würden die

,,... in die Arbeitssubjekte inkorporierten
normativen Bindungen marktlichen Imperativen sogar zuwiderlaufen."152

Diese doch sehr

ambivalenten Thesen möchte ich im empirischen Teil meiner Arbeit genauer überprüfen.

148 Lloyd 2006, S. 239.

149 Vgl. Lloyd, Richard: Postindustrial Bohemia. Culture, Neighborhood, and the Global Economy. In: Saskia

Sassen (Hrsg.): Deciphering the Global. Its Scales, Spaces and Subjects. New York 2007, S. 21 ­ 39.

Hier S. 32.

150 Lloyd 2006, S. 157.

151 Holert, Tom / Terkessides, Mark: Mainstream der Minderheiten: Pop in der Kontrollgesellschaft. Berlin 1997.

152 Betzelt 2006, S. 47.

36


3.4. Die bohemianische Ethik

Immer schon hätte die Boheme kulturellen Einfluss gehabt, sagt

Lloyd

, doch in den

1960ern sieht er einen Wendepunkt. Die bohemianischen Impulse sind nun nicht mehr

marginal, sondern plötzlich von erhöhter ökonomischer Bedeutung für die

Gesamtgesellschaft153. Und anstelle nur Anregungen für Freizeit und Konsum zu geben,

fließen sie in das Feld der Erwerbsarbeit ein, wie es hier die Wirtschaftswissenschaftler

Düren

und

Wiedemeier

darstellen:

,,Es mehren sich die Anzeichen, dass diese
bohèmehafte Arbeitshaltung in ihrer ganzen Ambivalenz Einzug hält in weite Bereiche des
Beschäftigungssystems. Das künstlerische Berufsethos wird zum Leitprinzip in immer
mehr Berufsfeldern mit all seinen Vor- und Nachteilen."

154

Die Tendenz einer zunehmenden Subjektivierung und Flexibilisierung der Erwerbsarbeit

habe ich in Kapitel 2 ausführlich beschrieben. Bei der Betrachtung von inhaltlichen und

strukturellen Ausprägungen der Boheme wird eine Parallele zwischen postfordistischen

Anforderungen an die ArbeitnehmerInnen und bohemianischen Wertvorstellungen

deutlich. In der 2004 von der Bundesregierung herausgegebenen Studie zur Lage von

erwerbstätigen KünstlerInnen wird festgestellt: ,,

Die häufig zitierten Merkmale der
Kulturberufe, wie Flexibilität, Mobilität, Teilzeit- oder kurzfristige Projektarbeit prägen
immer mehr auch andere Berufsgruppen. Anscheinend passen sich die strukturellen
Merkmale der allgemeinen Erwerbstätigkeit immer mehr den Strukturen der kulturellen
Erwerbsarbeit an."155

Lloyd

sieht in dieser Entwicklung viel mehr als nur eine temporäre Modeerscheinung. Für

ihn ist die

"bohemian ethic"

die prägende Geisteshaltung in Zeiten eines neoliberalen

Kapitalismus156. Jedoch ist es für ihn bedenklich, dass die finanzielle Unsicherheit, eine

typische bohemianische Begleiterscheinung, immer breitere Bereiche der

Gesamtwirtschaft beeinflusst. Auch die Selbstbestimmung sieht er skeptisch

: ,,The
traditional do-it-yourself ethos of bohemia fits in well with the entrepreneurial
imperatives of neoliberal capitalism."157

Florida

greift die neue Arbeitsethik wesentlich euphorischer auf. Sie würde sich in dem

Entstehen einer ganzen neuen kreativen Klasse abzeichnen. Er zählt dazu Menschen, die

in Wissenschaft, Architektur, Design, Literatur, Musik etc. tätig sind, aber auch Personen,

die ihre Kreativität als wesentlichen Faktor in ihrem Job nutzen, zum Beispiel im

Gesundheitswesen oder Erziehungswesen. Diese Klasse würde in den USA immer mehr

an politischem und ökonomischem Einfluss gewinnen und sich vor allem auch durch ihr

hohes Einkommen von den anderen beiden Klassen unterscheiden158.

153 Lloyd 2006, S.65.

154 Engelmann / Wiedermeyer 2000, S.174.

155 Söndermann 2004, Seite 6.

156 Vgl. Lloyd 2006, S. 236.

157 Ebd., S. 241.

158 Vgl. ebd., S.9.

37


Die Boheme macht nur einen Bruchteil seines sehr weiten Begriffs der kreativen Klasse

aus, von den Einkommensunterschieden mal ganz abgesehen. Wichtig ist jedoch, dass er

sich bewusst von der Definition eines Wissens- oder Informationszeitalters distanziert,

dafür die Kreativität als die wichtigste Kraft unserer Zeit deklariert.

,,(...) all members of
the Creative Class ­ whether they are artists or engineers, musicians or computer
scientists, writers or entrepreneurs ­ share a common creative ethos that values
creativity, individuality, difference and merit."159

Florida sieht die protestantische

Arbeitsethik nach Max Weber, die auf harter Arbeit begründet ist, mit der

bohemianischen Ethik, die Spaß und Genuss verspricht, zu einem kreativen Ethos

verschmolzen160.

Boltanski

und

Chiapello

beurteilen es sehr kritisch, dass sich die Themen der

68er-Bewegung (Autonomie, Mobilität, Kreativität, Netzwerkkompetenz etc.)

verselbstständigt haben. Als ein klassisches Beispiel nennen sie die Vermarktung der

Ökoprodukte, die anfänglich von privaten, konsumkritischen Initiativen aufgegriffen

wurde und mittlerweile in einer Welle von Öko-Supermärkten geendet ist. Ihrer Meinung

nach würden die kritischen Gegenbewegungen innerhalb einer Epoche jeweils die

Voraussetzungen für die Bildung des neuen kapitalistischen Geistes der folgenden Epoche

bilden161. So würde auch heute das System unterstützt werden, das ursprünglich zerstört

werden sollte162.

Egal welcher Name dem Phänomen gegeben wird - bohemianische Ethik, kreatives Ethos

oder neuer Geist des Kapitalismus - momentan weisen viele Stimmen aus den

unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen auf eine veränderte Beziehung der

Menschen zur Erwerbsarbeit hin, die oft an die Boheme erinnert. Wie sich das neue

Arbeitsethos allerdings in den unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft strukturell

ausprägen wird und ob es ein neues Leitbild der Erwerbsarbeit geben wird, kann sich nur

in Zukunft zeigen.

Götz

weist daraufhin, dass normierte Orientierungsmuster in

postfordistischen Zeiten unwahrscheinlicher werden:

,,Auch oder gerade in der späten
Moderne scheint es weniger denn je das eine hegemoniale Leitbild für die alltägliche
Lebensführung im Kontext ,,Arbeit" zu geben, sondern eben nur plurale, sektorale
Leitbilder in unterschiedlichen Lebenswelten".

163 Vielleicht fungiert das neue Arbeitsethos

dann eher als eine Art flexibler Faden, der sich durch das bunte Patchworkmuster der

Erwerbsarbeit webt.

159 Ebd., S.8.

160 Vgl. ebd., S. 192.

161 Vgl. Boltanski / Chiapello 2003, S. 142.

162 Vgl. ebd., S. 144.

163 Seifert / Götz / Huber 2007, S. 24.

38


Abschließend

lassen sich die Unterschiede zwischen der neuen und der alten Boheme

folgendermaßen auf den Punkt bringen: Die alte Boheme formiert sich aus den

klassischen Kunstberufen und hat einen idealistischen Lebensstil-Anspruch in dem Sinne,

dass sie klassische Erwerbsarbeit ablehnt. Sie besteht aus einer elitären Minderheit, die

sich vom Mainstream abgesetzt.

Die neue Boheme ist um die sekundären Kulturberufe erweitert und lehnt den Verdienst

von Geld nicht unbedingt ab, auch wenn sie sich weiter durch Distinktionsstrategien klar

gegen die Bourgeoisie positioniert. Sie besteht aus einer elitären Minderheit, die zum

Trendsetter für eine ganze Gesellschaft geworden ist.

Es ist wichtig zu bemerken, dass nicht alle KünstlerInnen heutzutage notwendigerweise

der neuen Boheme zugehören, einige folgen weiter dem alten bohemianischen Ethos.

Auch das wird in meiner Analyse zu berücksichtigen sein.
































39


40


4. Forschungsfeld und methodisches Vorgehen

In diesem Kapitel beschreibe ich zunächst einmal die ersten Schritte meiner

Feldforschung, um im Folgenden auf allgemeine methodische Ansätze, die Interviews und

auf die Auswertung der Materialien zu sprechen zu kommen.

4.1. Feldforschungsphase

Nachdem ich einmal auf die digitale Boheme aufmerksam geworden war, musste ich

mich ziemlich schnell der Frage stellen: Existiert sie eigentlich als ein subkulturelles

Phänomen oder basiert sie ausschließlich auf euphorischen Berichten in den Medien? Ich

sah mir schon mein Thema entgleiten:

"Gibt es die digitale Boheme wirklich, oder ist sie Medienhype und ein bisschen
Ideologie von Leuten, die mal ein Buch schreiben wollten? Mein Gefühl ist: Es gibt

analoge Bohemians und Bohemians, die komplett von der IT-Infrastruktur abhängig
sind. >> Das bedeutet aber lange noch nicht, dass sie das Internet ideologisieren bzw.
sich als eine neue Bewegung sehen. Friebe und Lobo erkennen eine Tendenz zur

Digitalisierung, jedoch sprechen sie nicht von einem Lebensgefühl einer ganzen

Gruppe!"

(Feldtagebuch, 12.12.07)

Kurz darauf fand das Festival ,,9 to 5 ­ Wir nennen es Arbeit" statt, das von Holm Friebe

und der ZIA organisiert wurde164. Das Festival verstand sich als ,,Branchenmesse für

Menschen, die Branchenmessen aus guten Gründen meiden" - so hieß es im Vorwort des

Festivalheftes. Die Fünf-Tage Woche von 9 bis 17 Uhr wurde auf den Kopf gestellt, die

Veranstaltungen begannen um 9 Uhr abends und endeten um 5 Uhr morgens. Sie waren

als eine Mischung aus Club, Seminar und Diskussion komponiert. Gleichzeitig gab es auf

dem ganzen Gelände die Möglichkeit, W-Lan zu nutzen und Tag und Nacht am Laptop an

diversen Projekten zu arbeiten. Hier ein Auszug aus meinem Feldtagebuch dazu:

,,(...) so ist das 9 to 5 Festival angelegt: Laptops neben Milchkaffee, ökonomischer Vortrag mit
Bierflasche, gesellschaftskritische Hörspiele im Liegestuhl auf dem Sonnendeck. Von neun Uhr
abends bis fünf Uhr morgens wird hier gelebt, gefeiert und gearbeitet. Das Publikum ist
interessant: Von den Geschäftsmännern in Bügelfaltenhose und schwarz glänzenden Schuhen,
über die hippen Prenzlauerbergschnitten im Gummizugkleid, bis hin zu denen in locker
gekleideten Weder-Arbeit-noch-Freizeit-Outfits: Anzug, T-Shirt und Sneakers - gebügeltes
Hemd, Jeans und Allstars."

(Feldtagebuch, 24.08.07)

164 Das Festival fand vom 23 ­ 26.08.2007 im Radialsystem V, einem alternativen Veranstaltungsort in Berlin-

Friedrichshain statt.

41


Ich nahm einen Tag an dem Festival teil, mehr gab mein studentisches Budget nicht her

­ ein Tagesticket kostete 20 Euro165. Was ich allerdings vermisste, bei dem ansonsten

sehr durchdachten Konzept, waren die konkreten Kontaktmöglichkeiten. Es gab sehr

wenige Gelegenheiten des Austauschs und der Information über die Projekte der

Selbstständigen. Die Idee einer Kommunikationsplattform ließ sich kaum umsetzen. Das

lag auch an dem Festivalcharakter: Das unverbindliche Gespräch wurde erschwert, da die

TeilnehmerInnen, ins Programmheft versunken, hektisch die Treppen rauf und runter

liefen, auf dem Weg zum nächsten Vortrag oder zur Tanzfläche. Für mich als Forscherin

erschwerte sich so die Kontaktaufnahme mit potentiellen InterviewpartnerInnen, was

neben der teilnehmenden Beobachtung ein weiteres Vorhaben meinerseits gewesen war.

Ich kannte mich in der Szene nicht aus:

,,Keine Ahnung, wie man diese jungen Businessmänner anquatscht, habe keinen Schimmer
von einem Smalltalk bei Bionade Litschi. Ich weiß nicht, worüber ich mich unterhalten kann,
weiß nicht, ob Leute, die hinter ihrem Apple sitzen, lieber nicht gestört werden wollen."

(Feldtagebuch, 24.08.07.)

Im Anschluss des Festivals hatte ich zwar einen ersten Einblick gewonnen, war allerdings

etwas frustriert, weil ich nicht wusste, wie ich an weitere InterviewpartnerInnen gelangen

sollte. Ich nahm daraufhin an einem Workshop teil, der unter dem Motto ,,

Und was
machst du so? Leben mit der Doktrin der Erwerbsarbeit"

166 ein Wochenende lang

Konzeptionen von Arbeit und alternative Lebensformen in einer kleinen Gruppe

diskutierte. Ich traf zwar auf eine große Bandbreite von Menschen (Arbeitslose,

Studierende, Festangestellte und auch Selbstständige) und Arbeitsformen (Projektarbeit,

Existenzgründungen, Hartz IV, Selbstständigkeit, Tauschringe und Subsistenzwirtschaft),

jedoch fiel die ganzen drei Tage das Wort

Internet

nicht einmal ­ auch wenn es

selbstverständlich von allen TeilnehmerInnen genutzt wurde. Da niemand das Internet

als Arbeitsgrundlage nutzte, kamen auch diese Personen als InterviewpartnerInnen für

meine weitere Forschung nicht infrage.



Um an InterviewpartnerInnen zu gelangen, konnte ich auch meine persönlichen Kontakte

nicht nutzen, da niemand von ihnen selbstständig arbeitete. So schrieb ich

unterschiedliche Mailinglisten an, zudem auch Sascha Lobo und Holm Friebe, aber ohne

Erfolg. In der Zwischenzeit konnte ich ein ausführliches Gespräch mit einem

Grafikdesignstudent führen.

165 Soviel zur prekären Lebenslage der digitalen Boheme ­ der Eintritt ist so hoch, dass ich ihn mir als Studentin

nicht leisten kann!

166 Dieser Workshop fand vom 23.11. ­ 25.11.2008 in Berlin statt und wurde von der Soziologin Danijela Cenan

und der Politologin Archana Krishnamurthy geleitet. Einer der Sponsoren war die Workstation Berlin, eine

Initiative, die sich mit den Themen Arbeit, Existenzsicherung und Lebensgestaltung kritisch

auseinandersetzt.

42


Durch Zufall gelangte ich an meinen ersten Interviewpartner bei einer Mitfahrgelegenheit

von München nach Berlin. Jedoch konnte auch er keine weiteren Kontakte vermitteln.

Dann konzentrierte ich mich auf zwei so genannte Social-Networking-Platforms:

studivz.de167 und couchsurfing.com168. Der Grund für die Auswahl war, dass ich in beiden

Netzwerken selbst aktives Mitglied war und hoffte, so schneller Zugang zu Personen zu

bekommen, als in Netzwerken, in denen ich mich neu registrieren lassen würde. Auf

beiden Internetseiten sind, meinem Eindruck nach, vorrangig Menschen mit

akademischem Hintergrund aktiv, und somit war ein gewisser Bildungsgrad gegeben,

zudem konnte ich einen häufigen Umgang mit dem Internet voraussetzen. Bei

couchsurfing

war zudem noch die Tatsache ausschlaggebend, dass ein solches Angebot

gerne von Menschen genutzt wird, deren prekäre Lage ihnen sonst nicht ermöglichen

würde zu reisen. Ich suchte nach entsprechenden Foren, die sich mit den Themen

Selbstständigkeit oder idealerweise digitaler Boheme auseinander setzten. Tatsächlich

fanden sich bei

studivz

Gruppen, die sich ,,Wir sind digitale Boheme" oder auch ,,gegen

urbane latte-machiatto-boheme" nannten. Auf meine Interviewaufrufe in diesen Foren

bekam ich zwar einige Antworten, die Personen arbeiteten aber nicht als kreative

(Allein)Selbstständige. Bei couchsurfing setzte ich einen Eintrag in die Berlin-Gruppe und

schrieb außerdem einzelne Personen gezielt an. Die Reaktionen waren überraschend.

Innerhalb von zwei Stunden bekam ich die ersten begeisterten und auch skeptischen

Reaktionen, noch am gleichen Abend hatte ich ca. zehn Interviewangebote. In den darauf

folgenden Wochen interviewte ich insgesamt sieben AkteurInnen169. Der Zugang zu

meinem Feld war demnach nicht so leicht, wie ich anfänglich gedacht hatte. Das kann

unterschiedliche Gründe haben. Eine Vermutung ist, dass der Lebensstil der digitalen

Boheme, angeregt durch den Diskurs in den Medien, gerne diskutiert ­ aber weniger

praktiziert wird. Vielleicht fungiert er momentan vorrangig als Denkmodell und prägt

noch wenige Erwerbsarbeitsbiografien. Weiterhin war meine mangelnde Kenntnis der

richtigen Kontaktadressen oder Schlüsselpersonen ein weiterer Grund für die

Schwierigkeit, an InterviewpartnerInnen zu gelangen.

Mangelnde Erfahrung war auch der Hauptgrund für den geringen Erfolg meines

Forschungs-Blogs170. Es war ursprünglich als eine Art Online-Feldforschungstagebuch

gedacht, dann aber hoffte ich durch die Beiträge, die das Phänomen digitale Boheme

behandeln, eine Diskussion unter Selbstständigen in Gang setzen zu können, die ich für

den Analyseteil verwenden wollte. Auch hier bekam ich wenig Resonanz.

167 Studivz wurde 2005 als privates Netzwerk für Studierende in Deutschland, der Schweiz und Österreich

gegründet. Mit mittlerweile über 8 Millionen Mitgliedern, ist es aber über seine eigentliche Zielgruppe

herausgewachsen.

168 Couchsurfing (1999 gegründet, eine halbe Million Mitglieder) ist eine internationale Plattform, auf der

Reisende kostenlos einen Schlafplatz für andere Mitglieder anbieten oder selbst diesen Dienst in Anspruch

nehmen können.

169 Mehr zu den Interviews unter Punkt 4.2.

170 Verfügbar unter: http://digitalbohemian.wordpress.com/

43


Das lag zum einen daran, dass ich erst seit einer Weile in der Blogszene aktiv war und

noch nicht viel Erfahrung in Blog-Vernetzung hatte, um eine höhere Anzahl von

LeserInnen zu erreichen. Um mein Blog aktiv mit den Top 50 der deutschen Blogszene zu

vernetzen, fehlte mir im Endeffekt das Insiderwissen. Ein solches Vorhaben hätte

intensivere Einarbeitung benötigt, die ich zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr leisten

konnte. Ein anderer Grund war vielleicht auch das mangelnde Interesse seitens der

Blogosphäre171. Eine Interviewpartnerin, gelernte Online-Journalistin, erzählte mir, dass

viele der Blogs sich thematisch hauptsächlich um das Web 2.0. 172 drehen würden. Es

stellte sich also hier die Frage, inwieweit die BloggerInnen an einem (wissenschaftlichen)

Austausch über internetbezogene Erwerbstätigkeit bei Selbstständigen interessiert waren

und nicht vielmehr die neuesten Entwicklungen im Web 2.0. diskutieren wollten.

Trotzdem sehe ich das Blog als eine Möglichkeit, die Forschung für meine

InterviewpartnerInnen und andere InteressentInnen transparenter zu gestalten und

außerdem als ein allgemeines Ideen-Pool für Menschen, die sich mit dem Thema

auseinandersetzen möchten. Andere für die Blogosphäre wichtige Blogs, wie zum Beispiel

basic thinking

173 oder

Spreeblick

174, verwendete ich, um einen besseren Einblick in

aktuelle Themen und Diskussionen zu erhalten. Speziell für den Analyseteil bezog ich die

Blogs meiner InterviewpartnerInnen mit ein.

Neben den Interviews führte ich in unterschiedlichen Cafés in Berlin, die über W-Lan und

eine hohe Laptop-Dichte verfügten, teilnehmende Beobachtung durch. Besonders

interessant war für mich das Café St. Oberholz, das durch zahlreiche Artikel in den

Medien175 und auch durch die explizite Benennung in ,,Wir nennen es Arbeit" populär

geworden war. Weiterhin begleitete ich eine Akteurin auch einen Tag bei ihren

Aktivitäten. Das war allerdings nur möglich, weil sie einen sehr abwechslungsreichen

Tagesablauf hatte, der nicht nur aus Zeit vor dem Computer bestand. Einem anderen

Akteur schlug ich auch ein solches Unternehmen vor, er lehnte aber ab, da er meinte, es

wäre zu langweilig für mich, ihn den ganzen Tag auf den Bildschirm starren zu sehen.

Somit war eine teilnehmende Beobachtung bei meinen InterviewpartnerInnen nur

begrenzt möglich und bezog sich vorrangig auf das ,,Wir nennen es Arbeit" Festival und

die Cafés.

171

,,Der Begriff Blogosphäre (engl. ,,blogosphere") beschreibt die Gesamtheit der Weblogs und ihrer
Verbindungen. Er entspringt der Wahrnehmung, dass Blogs durch ihre Vernetzungen gemeinsam eine oder
eine Vielzahl von Communities bilden, beziehungsweise ein soziales Netzwerk darstellen."

Quelle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Blogosph%C3%A4re (06.06.08) (In diesem speziellen Fall erscheint mir

Wikipedia tatsächlich als das qualifizierteste Nachschlagewerk)

172 Der Begriff Web 2.0. bezeichnet die Entwicklung von einer eher passiven Nutzung des Internets zu

verstärkter Interaktion der NutzerInnen, die sich in der aktiven Beteiligung in Foren, Blogs oder sozialen

Online-Netzwerken ausdrückt.

173 Verfügbar unter: http://www.basicthinking.de/blog/

174 Verfügbar unter: http://www.spreeblick.com/

175 Zum Beispiel: Denk, David: Bin ich drin? In: taz vom 13.11.2006.

44


4.2. Methodenreflektion


Gerade weil ich mich auf fast unerforschtem Terrain befand, half es mir mit Hilfe des

Verfahren des theoretischen Samplings176, das empirische Material erst im

Forschungsverlauf einzugrenzen und zu bestimmen. Wie schon beschrieben kombinierte

ich Interviews mit der Analyse von Medienberichten und dem Buch von Lobo und Friebe.

Es war mir wichtig, sehr unterschiedliche Perspektiven zur Beantwortung meiner

Fragestellung hinzuzuziehen. Das Buch ,,Wir nennen es Arbeit", das Manske als ein

,,Manifest für einen Arbeits- und Lebensstil, der auf der Höhe eines neoliberalen
Zeitgeistes steht"177

beschreibt, zielt in erster Linie darauf ab, den speziellen Lebensstil

der digitalen Boheme möglichst ansprechend und attraktiv zu skizzieren. Aus einer

Außenperspektive blicken die Zeitschriftenartikel auf das Phänomen der digitalen

Boheme: Mal kritisch, mal fasziniert, versuchen sie, diese neuartigen Formen der

Erwerbsarbeit in ihrer Gesamtheit zu beschreiben und in einen gesellschaftlichen Kontext

einzuordnen. Die Innenperspektive einzelner kreativer (Allein)Selbstständiger beleuchten

die Interviews. Ähnlich wie bei dem Buch geht es den Interviewten um eine subjektive

Einschätzung ihres Lebensstils, allerdings fehlt hier die Absicht, den Begriff der digitalen

Boheme für ein breites Publikum zu vermarkten. Die Außen-, die Innen- und die

Lobbyistenperspektive sollen so einen Einblick in die Diversität des Diskurses um neuere

Formen der Erwerbsarbeit am Beispiel der digitalen Boheme geben.

Dabei orientiere ich mich in dieser Arbeit an Siegfried Jägers Diskursanalysebegriff. Ihm

zufolge untersucht die Diskursanalyse die Konstruktion von Wirklichkeit und Ereignissen

oder auch den

,,Fluß von Wissen durch die Zeit."

178

Bei der Diskursanalyse steht die Frage

im Vordergrund: Wie wird Wissen oder Wahrheit produziert? Jäger beschreibt die

Ansammlung einer gewissen Menge Diskursfragmente (Textteile) als einen

Diskursstrang. Diese Diskursstränge ergeben gebündelt einen Diskurs.179 Diese Arbeit

sieht den Diskurs in seiner ethymologischen Bedeutung als Erörterung eines Themas180

oder eben auch, nach der oben erwähnten Definition Jägers, als Fluss von Wissen durch

die Zeit. Diese gemeinsame Grundlage teilen die von mir ausgewählten

Diskursfragmente: Sie erörtern neuere Formen der Erwerbsarbeit. Das geschieht durch

sehr unterschiedliche Kommunikationselemente (Buch, Interview-Transkripte,

Zeitschriftenartikel).

Mit Hilfe der Analyse von sprachlich-rhetorischen Mitteln und inhaltlich-ideologischen

Aussagen und deren Kontextualisierung werden in der Diskursanalyse ausgewählte

Diskursfragmente dekonstruiert.

176 Flick, Uwe: Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek bei Hamburg 2007. S. 159.

177 Manske 2007 a), S. 294.

178 Jäger, Siegfried: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Duisburg 1993. S. 182.

179 Vgl. Jäger 1993, S. 181 ff.

180 Vgl. Kluge, Friedrich: Ethymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. (Bearbeitet von Elmar Seebold).

Berlin; New York 2002, S. 204.

45


Der dekonstruierende Ansatz der Diskursanalyse ist meiner Meinung nach für die

Diskussionen um neuere Formen der Erwerbsarbeit besonders geeignet, da er gängige

Normen und Argumentationsweisen hinterfragt, die in diesem Zusammenhang immer

wieder angebracht werden. Bei den unterschiedichen theoretischen Ansätzen zur

Diskursanalyse sind zwei Richtungen besonders hervorzuheben: Die kritische

Diskursanalyse nach Foucault legt einen besonderen Schwerpunkt auf die herrschenden

Machtverhältnisse und fragt, was gesagt und was nicht gesagt werden darf. Im

Gegensatz dazu steht der Ansatz von Habermas, der, anstelle den Fokus auf die Ordnung

des Diskurses zu richten, ihn auf die AkteurInnen legt. Er geht von einem rationalen und

symmetrischen Diskurs aus, der erst einmal alle Parteien gleich mit einschließt und nicht,

wie bei Foucault, auf Ausgrenzung beruht.181 Ich möchte bei meiner Analyse nicht

vorrangig Machtverhältnisse in den Blick nehmen, da für mich die subjektive Perspektive

der AkteurInnen im Vordergrund steht. Zudem lassen sich auch die unterschiedlichen

Interessenslagen nicht immer so scharf trennen, da diejenigen, die in den Medien über

die digitale Boheme schreiben, teilweise auch als Selbstständige arbeiten. Gleichzeitig

würde ich aber auch nicht so weit gehen und den Diskurs als symmetrisch und frei von

Ausschlussprinzipien beurteilen. Mich interessieren, wie schon in der Einleitung erwähnt,

die unterschiedlichen Deutungs- und Handlungsstrategien der AkteurInnen. Konkret

beschäftigen mich folgende Fragen:

Was wird in Bezug auf Erwerbsarbeit als normal gesehen? Was wird verschwiegen? Was
wird relativiert und was verallgemeinert?

Die für meine Arbeit relevanten Diskursfragmente werde ich auf unterschiedliche

Diskursstränge, Schlüsselwörter

und

Argumentationsstrategien

untersuchen182.

Wichtig ist nach Jäger auch die

Kontextualisierung

der jeweiligen Texte.183 Ein der

Diskurstheorie zugrunde liegender Gedanke ist, dass der Diskurs immer eng an soziale

Praktiken gebunden ist.184 Auf der anderen Seite lässt er sich jedoch nicht eins zu eins in

die gesellschaftliche Praxis übertragen und so bleiben Forschungen, die auschließlich

diskursanalytisch vorgehen, immer theoretisch. Dies ist auch einer der Gründe,

weswegen ich mich bei meiner Forschung für eine Verwendung diskursanalytischer

Methoden entschieden habe, aber bewusst nicht zu einer kompletten Diskursanalyse. Die

persönlichen Begegnungen, die ergänzenden Recherchen im Internet und die

teilnehmende Beobachtung waren eine unverzichtbare Ergänzung und Abrundung.

Zudem würde eine vollständige Diskursanalyse auch den Rahmen meiner zeitlichen

Kapazitäten sprengen.

Ein weiteres Problem stellte sich mir in der Aufgabe, den wissenschaftlichen Diskurs vom

Diskurs meines Forschungsfeldes abzugrenzen.

181 Vgl. Kaschuba, Wolfgang: Einführung in die Europäische Ethnologie. München 1999.S. 238 ff.

182 Vgl. Meier ­ Schuegraf, Stefan: Diskursanalyse. IMIK Ringvorlesung an der TU Chemnitz 2005.

183 Vgl. Jäger 1993, S. 188.

184 Vgl. ebd., S. 152.

46


Während der Forschung lag es manchmal nahe, die wissenschaftliche Literatur genauso

zu analysieren wie die von mir untersuchten Diskursfragmente. Denn auch in der von mir

als Arbeitsgrundlage genutzten theoretischen Literatur, ließen sich typische

Argumentationsstrategien erkennen, die auf eine bestimmte Position im Diskurs

hinwiesen. Diese konnte ich jedoch nicht in die Auswertung mit einbeziehen, weil sie den

theoretischen Rahmen der Arbeit bildeten. Die Dichotomisierung in externe und interne

Faktoren, die für die ethnologische Wissensproduktion typisch ist185, empfand ich daher

als sehr problematisch, da meiner Meinung nach auch der wissenschaftliche Diskurs zu

neueren Formen der Erwerbsarbeit immer wieder hinterfragt und dekonstruiert werden

sollte.

Die Präsentation meiner InterviewpartnerInnen im

Internet

, sei es auf einer Social-

Networking-Plattform oder auf privaten / beruflichen Blogs und Websites, beinhaltete

einige Vorteile für die Forschung: Schon im Vorfeld konnte ich Informationen über sie

beziehen und so die Interviews besser individuell zuschneiden. Ich hatte vor allem auch

die Möglichkeit, unbeobachtet einen Blick auf das Feld zu werfen. Zudem konnte ich im

Nachhinein die virtuelle Darstellung der AkteurInnen mit ihrer Präsentation im Interview

vergleichen. Gleichzeitig ging ich natürlich auch mit Vorannahmen in das Interview. Zum

Beispiel sah ich einige sehr private Fotos auf der Seite eines Akteurs. Ich wusste nun

mehr über ihn, als ich eigentlich wissen wollte, ohne ihn je persönlich getroffen zu haben.

Mit diesen Bildern im Kopf ging ich auch in das Interview. Das Internet war jedoch nicht

nur Forschungswerkzeug, sondern auch Forschungsgegenstand in meiner Arbeit. Im

Rahmen der Auswertung in Punkt 5 habe ich untersucht, inwieweit es von einigen

AkteurInnen als Zugang zu mehr Selbstbestimmung und Freiheit oder auch als Lösung

für soziale und politische Probleme gesehen wird.

Interviews

Ich entschied mich für offene, leitfadengestützte Interviews. Dabei versuchte ich, mit

einer verdichtenden Methode zu arbeiten: In einem freien Teil ließ ich die Personen

zuerst über ihre Erwerbsarbeit erzählen, was sie arbeiten, wie sie arbeiten etc. Dem

schloss ich einige spezifischere Fragen an, die sich auf die Fragenkomplexe

Selbstständigkeit, Prekarität, Internet und digitale Boheme bezogen. Im letzten Teil

klärte ich einige biografische Details und ließ Freiraum für Ergänzungen oder Fragen

seitens der InterviewpartnerInnen. Die Interviews, die zwischen 30 und 70 Minuten

dauerten, nahm ich digital auf und transkribierte sie zu Hause. Auch die Notizen, die ich

während der Interviews gemacht hatte, halfen mir als Kontextualisierung bei der

späteren Auswertung.

185 Vgl. Beck, Stefan: Rekombinante Praxen. Wissensarbeit als Gegenstand der Europäischen Ethnologie. In:

Zeitschrift für Volkskunde II, München 2000. S. 218-246. Hier S. 234.

47


Die Kommunikation mit den InterviewpartnerInnen fiel mir sehr leicht, es entstand

schnell eine entspannte Atmosphäre. Das lag wahrscheinlich zum einen am ähnlichen

Alter und gemeinsamen Interessen, zum anderen sicherlich auch daran, dass sie

wussten, dass ich auch ein aktiver Couchsurfer war. Die meisten Interviews fanden in

Cafés in Berlin-Friedrichshain und Berlin­Prenzlauerberg statt ­ also sozusagen im Wohn-

und Arbeitszimmer der digitalen Selbstständigen. Leider war die Lautstärke mancher

Cafés im Nachhinein beim Transkribieren der Interviewaufnahmen ein wenig störend.

Vier der Interviews führte ich auf Englisch, die anderen auf Deutsch. Ein deutsches

Interview wurde dabei mit einem Italienisch-Muttersprachler und ein weiteres deutsches

mit einer Russisch-Muttersprachlerin gehalten. Generell ist die Internationalität meiner

AkteurInnen ein Charakteristikum für diese Arbeit186. Zum einen verschafft dieser Fakt

einen ergänzenden Blick auf die AkteurInnen der Kulturszene in Deutschland.187 Zum

anderen war das natürlich auch eine größere Herausforderung, nicht nur bei der

Transkription, sondern auch bei der Interpretation der Interviews. Diese Personen

brachten einen anderen Hintergrund in Bezug auf Erwerbsarbeit mit, der zu

berücksichtigen war.

Bevor ich mit der Auswertung starte, ist es mir wichtig, meine eigene Forscherinnenrolle

transparenter zu machen, indem ich kurz eine ,,Standortbestimmung im

Diskursuniversum"188 vornehme. Wie zu Anfang der Arbeit schon angedeutet, bin ich

zwar noch Studentin, stehe jedoch kurz vor dem Abschluss eines

geisteswissenschaftlichen Studiums. Selbstständigkeit ist durchaus eine Option für mich

und ich fühle mich bei den Diskussionen um Selbstausbeutung vs. Selbstbestimmung

tendenziell zu der Betonung der individuellen Freiheit hingezogen. Mir ist trotzdem

bewusst, dass die geforderten Kompetenzen innerhalb dieser neueren Felder der

Erwerbsarbeit nicht für alle zugänglich sind und gleichzeitig auch negative Konsequenzen

nach sich ziehen.

186 Das liegt vorrangig daran, dass ich meine InterviewpartnerInnen über das Forum Couchsurfing kontaktierte.

Über die Internationalität der kreativen (Allein)Selbstständigen in Deutschland lässt sich im Rahmen dieser

Arbeit keine Aussage treffen.

187 Statistische Studien, wie die von Söndermann 2004, gehen nur auf die in Deutschland (zumeist von der

Künstlersozialkasse) erfassten Personen ein. Drei meiner AkteurInnen arbeiteten zwar von Deutschland aus,

aber nur für ausländische Firmen und erhielten ihr Geld zumeist über PayPal (ein Online-Zahlungsservice).

Sie waren also nicht in den deutschen Arbeitsmarkt integriert und konnten so von Erhebungen nicht erfasst

werden.

188 Kaschuba 1999, S. 243.

48


5.

49


5. Digitale Boheme

26.04.08, Feldtagebuch

Ich sitze in einer Galerie in Prenzlauer Berg. Weiße Wände, konzentriertes Summen vom

Beamer, der eine Videoinstallation an die Wand projiziert. Skulpturen, Bilder, Lichtreflexe.

Es ist ruhig, die Straße lebt draußen entspannt vor sich hin, ich kann mich bestens auf

meinen Laptop konzentrieren. Hier in der Galerie kommt nur alle paar Stunden jemand

vorbei. Es ist wie im Büro, nur schöner: Kunst umgibt mich. Es ist wie zu Hause, nur

ruhiger: Kein Telefon klingelt. Ich bin inmitten von Szene, Kunst, Wissenschaft und

urbaner Kultur und darüber hinaus unglaublich produktiv. Irgendwo, nicht weit von hier,

müssen sie sitzen, die DiBo′s. Ich spüre eine Verbundenheit durch Mauern oder

Straßenzüge hinweg. Eigentlich biete ich ein klassisches Bild: Eine karge Spanplattenplatte

auf zwei Balken in einem Berliner Altbau mit Dielen. Ein Laptop. Eine Tasse Kaffee und ein

paar Skripte. That′s boheme, darling! And digital anyway!

Um mich den unterschiedlichen Diskussionen über das Phänomen der digitalen Boheme

anzunähern, möchte ich zunächst einmal die Namensgeber der digitalen Boheme zu Wort

kommen lassen und ihre Thesen in dem Buch ,,Wir nennen es Arbeit" untersuchen.

Daraufhin werde ich drei ausgewählte Zeitschriftenartikel analysieren und anschließend

die Interviews von sieben Selbstständigen interpretieren, die ich zur Selbstständigkeit im

Allgemeinen und speziell zur digitalen Boheme befragt habe.

5.1. Die digitale Boheme im O-Ton: ,,Wir nennen es Arbeit"

Das Buch ,,Wir nennen es Arbeit" lässt sich in zwei Teile unterteilen. Im ersten

beschreiben die Autoren das Konzept der digitalen Boheme, indem sie ihr Verhältnis zur

Wirtschaft, zum Angestelltendasein und zur Kunst beschreiben und auf symbolisches

Kapital, Projektarbeit und die Bedeutung des Ortes eingehen. Der zweite Teil führt in die

weite Welt des Internets ein. Er erklärt in anschaulichen Beispielen die Funktion des Web

2 0. - besonders der Blogs ­ und stellt Möglichkeiten des Gelderwerbs via Internet dar.

Das letzte Kapitel ist eine Art Zukunftsprognose und Vorausschau auf die Veränderungen,

die sich durch neue Informationstechnologien für die Gesellschaft und speziell die

Selbstständigen ergeben.

50


,,So arbeiten, wie man leben will, und trotzdem ausreichend Geld damit verdienen; das
Ganze ermöglicht und befördert durch das Internet"189

beschreiben

Lobo und Friebe den

Lebensstil der digitalen Boheme. Dieses Zitat macht zentrale Aspekte ihres Konzeptes

deutlich, die ich im Folgenden analysieren möchte: Es bezieht sich auf die

Selbstbestimmtheit der Erwerbsarbeit, den finanziellen Erfolg und geht auf

die Betonung

des Internets ein. Als vierten Aspekt werde ich zudem noch das Verständnis des Begriffs

der Boheme untersuchen. Aufgrund der Komplexität war es mir nicht möglich, sämtliche

für das Buch zentralen Themen zu berücksichtigen und ließ Thematiken wie Projektarbeit,

Blogs oder auch Open Source Software außen vor, um eine bessere Vergleichsebene mit

den Interviews und Zeitschriftenartikeln zu gestalten.

Eine besondere Herausforderung bei der Analyse von

,,Wir nennen es Arbeit"

war die

umfangreiche Intertextualität des Buches. Die vierseitige Literaturliste im Anhang

umfasst neben einigen populär-wissenschaftlichen oder literarischen Büchern auch viele

soziologische und ökonomische Werke. Immer wieder ziehen die Autoren

wissenschaftliche Literatur (Sennett, Voß, Kreuzer, Florida, Bourdieu, Boltanski /

Chiapello etc.) für ihre Argumentationen heran.190

5.1.1. ,,So arbeiten, wie man leben will" - das Plädoyer für Selbstständigkeit

,,Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?"191

fragen

Lobo und Friebe mit Brecht und präsentieren schon auf der ersten Seite der Leserschaft

ihr Feindbild: die Festanstellung. Die Festangestellten sind das Schreckensbild der

digitalen Boheme: Ängstlich würden sie sich an ihre Vollzeitstellen und ergonomisch

geformten Bürosessel klammern192 und auf Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten

verzichten müssen, da die Unternehmen mehr als nur ihre Arbeitskraft verlangen:

,,Es
geht um die Seele."193

Die Angestellten hätten mit ihrer ganzen Person so sehr die

Firmenlogik verinnerlicht, dass sie eines Tages nicht nur über die Witze des Chefs lachen,

sondern sie auch lustig finden würden.194 Die Vorteile des sicheren Angestelltenlebens

hätten ihren Preis, sie würden in eine mentale Abhängigkeit führen:

,,Sobald (...) die Tinte
unter dem Festanstellungsvertrag getrocknet ist, beginnt ein schleichender Prozess
der strukturellen Verblödung"195

, stellen die Autoren fest.

Das

,,System"

196

der Firma oder der Festanstellung

würde von den Angestellten


gleichzeitig Flexibilität und bedingungslose Loyalität fordern und sie so zu ,,

Kandidaten
für Schizophrenie197"

werden lassen.

189 Lobo / Friebe 2006, S. 15.

190 Zu ihrer Interpretation der Literatur, siehe 5.1.1.

191 Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper. Zitiert nach: Lobo / Friebe 2006.

192 Vgl. Lobo / Friebe 2006, S. 51.

193 Ebd., S. 56.

194 Vgl. ebd., S.57.

195 Ebd., S.54.

196 Ebd., S. 14. und 57.

197 Ebd., S. 54.

51


Dabei würde das Leben im ,,

Reich des Bullshit"198

auch nicht schöner durch ein

regelmäßiges Einkommen werden, sondern nur erträglicher.

Interessant ist bei dieser

Argumentationsweise, dass sämtliche Probleme, die aufgrund der Flexibilisierung und

zunehmenden Selbstverantwortung innerhalb der Erwerbsarbeit entstehen können,

ausschließlich auf das Angestelltenverhältnis projiziert werden. Um ihre These der

Ausbeutung durch die Festanstellung zu stützen, interpretieren die Autoren soziologische

Argumentationen neu.199 Beispielsweise gehen sie auf den neuen Geist des Kapitalismus

bei Boltanski und Chiapello ein oder schildern die Folgen der zunehmenden

Verbetrieblichung des Selbst bei Voß und schreiben dann:

"Fast, als hätten wir es geahnt.
Unternehmen, die auf Bohème machen, bleiben also mit Vorsicht zu genießen".200

In

keiner Form schließen sie ihre eigene Erwerbssituation in diese Kritik mit ein. Sie werfen

den Angestellten ein widerspruchsloses Verharren in einem Zustand der Ausbeutung,

unter scheinbarem Zugewinn von Autonomie und Selbstverwirklichung, vor. Genau diese

Kritik wird aber auch am Lebensstil der digitalen Boheme geübt: Sie würde ihre

Selbstausbeutung aufgrund der vermeintlichen Freiheit und Selbstbestimmung

akzeptieren. Für die Autoren allerdings gibt es trotzdem keinen Grund weiter in einem

Unternehmen zu arbeiten:

,,Etwas Besseres als die Festanstellung findet sich allemal"201.


,,Strukturelle Verblödung"?

Der Cartoon des amerikanischen Comiczeichners Scott Adams202 bringt die Abneigung

gegen eine Festanstellung in der obigen Szene auf den Punkt: Es scheint keine andere

Erklärung zu geben, in einer Festanstellung zu arbeiten, außer die eigene ,,Dummheit".

Lobo und Friebe bieten als Lösungsstrategie den Weg in die Selbstständigkeit an ­

,,ein
erster Schritt in Richtung Freiheit"203.

Sie sehen die Vorteile des selbstständigen Daseins

198 Ebd., S. 59.

199 Vgl. Manske 2007 (a), S. 5 und 6.

200 Lobo / Friebe 2006, S. 134.

201 Ebd., S. 66

202 Dieser Cartoon gehört zu der Reihe der Comicstrips ,,Dilbert" von Scott Adams, die den stumpfsinnigen

Alltag eines fest angestellten Softwareentwicklers in einem Großraumbüro beschreibt. Der Cartoon ist zu

finden unter: http://dilbert.com/strips/ (12.04.08)

52


in der persönlichen Autonomie. Selbstständige hätten mehr Gelegenheiten Projekte zu

verfolgen, die den

,,eigenen und ursprünglichen Neigungen entsprechen"204

würden. Das

von künstlerischer Seite oft negativ bewertete Wort ,,Selbstvermarktung" sehen die

Autoren aus einem emanzipatorischen Blickwinkel: Im Gegensatz zur analogen Boheme,

die keinerlei Macht über den Vertrieb ihrer künstlerischen Produkte hatte, würde die

digitale Boheme durch die Aneignung der Vertriebswege und der Werbung vom

,,Kofferraum in den Fahrersitz"

steigen und sich aus der ,,

selbstverschuldeten
Technologie-Unmündigkeit"205

befreien. Das sei ein entscheidender Schritt in Richtung

einer ,,

erwachsenen Selbstständigkeit"

206

.

Die Wortwahl deutet an, dass

Selbstbestimmung nicht nur als positiv, sondern auch als notwendig bewertet wird.

Die verstärkte Freiheit stellen Lobo und Friebe als einen entscheidenden Faktor für die

persönliche Zufriedenheit dar:

,,Wir müssen uns den digitalen Bohème-
Unternehmer als glücklichen Menschen vorstellen."207

Im Kontrast zu dem tristen

und abhängigen Leben des Festangestellten, der sich seine Situation nur schön reden

würde208, steht das

,,riskante, aber vielversprechende Leben in der digitalen Boheme"209.


5.1.2. ,,und trotzdem ausreichend Geld damit verdienen" - über ökonomischen
Erfolg und prekäre Lebenslagen

Im Buch werden auf dreihundert Seiten unzählige

Erfolgsgeschichten

innovativer,

risikofreudiger und unkonventioneller Selbstständiger aneinander gereiht. Ob dekorierte

Lichtschalter, biochemische Problemlösungen oder virtuelle Spielcharaktere ­ es scheint,

als ließe sich alles über das Internet verkaufen. Die Aufmerksamkeit, die ihre eigenen

diversen Projekte (das Blog Riesenmaschine, das Format ,,Power-Point-Karaoke", die

Veröffentlichung von ,,Wir nennen es Arbeit" etc.) erlangen, machen wohl auch Lobo und

Friebe selbst zum Beispiel für den Erfolg eines Lebensstils à la digitale Boheme. Im Buch

sprechen sie von den Veränderungen im Kultursektor, die eine

,,neue Welle von
Erfolgsprojekten"210

entstehen und die digitale Boheme in marktwirtschaftliche

,,Schlüsselpositionen"211

aufrücken lassen. Es ist von einem neuen Selbstbewusstsein der

digitalen Boheme die Rede, mit dem sie sich der Wirtschaft präsentiert und ihre Stärken

wie Kundenmacht und Popularkulturkenntnis ausnutzt, um die Bedingungen der

Zusammenarbeit zu bestimmen.212

Trotzdem sehen die Autoren die finanzielle

Prekarität

als einen elementaren Bestandteil

ihres propagierten Lebensstils:

203 Ebd., S. 66.

204 Ebd., S. 40.

205 Ebd., S. 58.

206 Ebd., S. 29.

207 Ebd.,S. 99.

208 Vgl. ebd., S.67.

209 Ebd., S. 19.

210 Ebd. S. 36

211 Ebd. S. 36

212 Vgl. ebd., S. 136.

53


,,Armut und Geldknappheit sind somit häufig und fast zwangsläufig die Kehrseite großer
Hoffnungen und idealistischer Vorstellungen."213

Sie merken an, dass es um die

ökonomische Situation der kreativen Selbstständigen

,,nicht immer rosig bestellt"

214

sei.

Besonders die Familienplanung sei schlecht in den Einklang mit den

,,Selbstverwirklichungsmaximen"215

einer digitalen Boheme zu bringen, genauso wie sich

Probleme für ältere Menschen ergeben würden. Diese Form zu leben und zu arbeiten

könnte, aufgrund der prekären Situation, der sich die Selbstständigen aussetzen, nur als

Modell für einen Teil der Gesellschaft gelten.216 Die Darstellung prekärer Lebenslagen fällt

allerdings nicht so negativ aus, wie in Bunz′ Artikel oder anderen Beschreibungen. Das

liegt zum einen daran, dass sie zwar erwähnt werden, aber, neben den anteilig weit

überwiegenden Erfolgsgeschichten, eher wie ein peripheres Phänomen erscheinen.217

Aber auch an anderer Stelle drückt sich die

Relativierung

der Prekarität aus: Die

Autoren bemerken, dass sie aus einer privilegierten Position heraus agieren - viele

digitale Bohemians könnten in finanzieller Not immer noch auf die Familie

zurückgreifen.218.

Generell ist der Schreibstil durch eine optimistische Grundhaltung gekennzeichnet:,,

Wo
hoch gepokert wird, kann auch viel gewonnen werden"219

, schreiben die Autoren an einer

Stelle, an einer anderen:

,,Es gibt viel zu gewinnen und wenig zu verlieren"

220. Sie

scheinen die digitale Boheme als kompetent genug zu erleben, um Strategien für die

prekäre Situation zu entwickeln. So sei ein kreativer Umgang mit der temporären Armut

und die ,,

Fähigkeit, ein gewisses Maß an Zukunftsangst und Unsicherheit auszuhalten"221

Voraussetzung für diesen Lebensstil. Die Aufforderung, angesichts der prekären Lage

nicht zu verzweifeln, impliziert eine gewisse Form des Vertrauens: ,,

Die verschlungenen
Pfade, auf denen Geld, das man mit Enthusiasmus zum Fenster hinauswirft, irgendwann
durch die Tür zu einem zurückkehrt, sind unkalkulierbar und mysteriös. Es gibt kein
Naturgesetz, dass es sich so verhält, aber ein gesundes Urvertrauen in diesem
Zusammenhang erleichtert das Leben ungemein."222

In dieser, fast ein wenig religiös

anmutenden Passage wird der ökonomische Erfolg als eine Art Wunder dargestellt, das

niemand erklären kann, auf das die Selbstständigen allerdings hoffen können.

213 Ebd. S. 34.

214 Ebd. S. 35.

215 Ebd. S. 284.

216 Ebd., S. 284.

217 Die Unbekümmertheit der AkteurInnen zeigt sich auch in der humorvollen Interpretation der prekären

Situation anhand der T-Shirts, die es auf dem 9 to 5 Festival zu erwerben gab: Die TeilnehmerInnen hatten

unter anderem die Auswahl zwischen Aufschriften wie ,,Ich bin nicht prekär, ich bin nur scheisse angezogen"


oder ,,Arm, aber W-Lan".

218 Vgl. ebd. S. 280.

219 Ebd. S. 36.

220 Ebd., S. 269.

221 Ebd., S. 100.

222 Ebd.,.S. 110.

54


Der Markt wird als eine zwar unberechenbare, aber zugleich vertrauenswürdige und

,,gute" Größe dargestellt. Eine ähnliche Schreibweise ist auch noch an einigen anderen

Stellen des Buches zu finden, wenn von der

,,Verheißung"223

des digitalen Lebensstils die

Rede ist, die

,,Segnungen der Technologie"224

thematisiert werden oder die

Vereinnahmung der

,,Seele"225

der Angestellten durch die Unternehmen.226 Pointiert

gesagt ist der Glaube an die Versprechen der digitalen Boheme eine der

Lösungsstrategien des Buches für die angedeuteten prekären Erwerbssituationen.

Manchmal reicht das Warten auf bessere Zeiten allerdings auch nicht aus:

,,Irgendwann
nervt diese romantisierte Armut aber gewaltig"227,

stellen Lobo und Friebe fest.

Ihr

pragmatischer Ratschlag besteht in der Kombination individueller Projekte (die

eigentliche Arbeit) mit so genannten

,,Brotjobs"

, die als (oft auch interessensfremde)

Gelegenheitsarbeiten die nächste Miete und das Überleben sichern. Allerdings wäre es

wichtig, dabei nie die eigenen Projekte aus dem Blick zu verlieren. Es stellt sich die

Frage, wie selbstbestimmt jemand arbeiten kann, wenn er dringend die nächste Miete

bezahlen muss und deswegen einen beliebigen Aushilfsjob annimmt, der nichts mit

seinen eigentlichen Interessen und Vorlieben zu tun hat. Hier zeigen sich Grenzen des

Konzeptes selbstbestimmter Arbeit, auch wenn insgesamt vielleicht mehr Zeit für

individuelle Projekte bleibt als in der Festanstellung.

Neben Lösungsansätzen, die das Agieren der Selbstständigen mit einplanen, sehen die

Autoren einen Teil der Verantwortung auch beim Staat. Diese könnte zum Beispiel durch

die Einführung eines Bürgergeldes oder die Anpassung der Öffnungszeiten von

Kindergärten zum Tragen kommen.228 Sie denken, dass die Politik dafür verantwortlich

sei, die erforderlichen Rahmenbedingungen für die digitale Boheme zu schaffen, zeigen

jedoch auch ihre Zweifel und damit ihre neoliberale Gesinnung:

,,und es ist schon einiges
gewonnen, wenn sie einfach nichts tut, also nicht nervt."229

In punkto gesicherter

Existenz seien noch einige offene Fragen zu klären, die sie zumindest für dieses Buch

beiseite schieben.

223 Ebd.,S. 17.

224 Ebd., S. 16.

225 Ebd., S. 56.

226 Trotzdem erscheint die Wortwahl der Autoren insgesamt weniger emotional und ihre Reflektiertheit

ausgeprägter, als die mancher WissenschaftlerInnen, denen ich mich im Rahmen dieser Arbeit widmete. Ob

melodramatisch, wie bei Sennett:

"Der Pfeil der Zeit ist zerbrochen; er hat keine Flugbahn mehr in einer sich
ständig umstrukturierenden, routinelosen, kurzfristigen Ökonomie. Die Menschen spüren das Fehlen
anhaltender persönlicher Beziehungen und dauerhafter Absichten."

(Sennett 1998, S. 131) oder

apokalyptisch wie Rifkin:

,,(es werden)Verelendung und Gesetzlosigkeit unsere Gesellschaften erfassen, sie
werden zerfallen, und niemand wird sie retten können."

(Rifkin 1995, S. 218) ­ die Beispiele machen

deutlich, dass die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema dringend einer genauen Sprach-

Analyse unterzogen werden müsste, um z.B. moralische und subjektive Argumentationsstrukturen

herauszuarbeiten.

227 Ebd., S. 100.

228 Vgl. ebd., S. 280 und 284.

229 Ebd., S. 147.

55


Lösungen würden sich nicht durch das

,,Lamentieren230"

über die eigene ökonomische

Situation ergeben, schreiben sie und fordern zum Abschluss des Buches mit einem

Rainald Goetz Zitat:

,,Don′t cry ­ work."

231

5.1.3. ,,das Ganze ermöglicht und befördert durch das Internet"

Friebe und Lobo beschreiben das Internet als

,,Schlüsseltechnologie der digitalen
Bohème"232.

Obwohl es nicht völlig kritiklos präsentiert wird (Stichwort mangelnder

Datenschutz, Kollektivismus), erscheint es doch vorrangig positiv besetzt. Das Internet

sei zwar kein Allheilmittel

,

betonen die Autoren, aber wer die

,,Segnungen der
Technologie

herzlich" 233 umarmt

,

muss ihnen schon überwiegend Offenheit und

Sympathie entgegenbringen. Sie betonen die Chancen, die sich aus der Nutzung des

Internets ergeben können, nicht nur für viele Selbstständige, sondern auch für ältere

Menschen oder beispielsweise für Schulkinder in Problembezirken.234 Es seien

,,mehr
Dinge zwischen Himmel, Erde und Internet machbar (...) als sich Politiker trauen ins
Parteiprogramm zu schreiben"235.

Lobo und Friebe stellen das Internet als ein

elementares Werkzeug

für
ökonomischen Erfolg und Selbstbestimmtheit

der Selbstständigen dar.

Früher hätten Menschen, deren Lebensstil nicht dem Gesellschaftskonsens entsprach,

noch unter finanziellen Problemen leiden müssen. Heutzutage seien mehr Freiheiten

bezüglich der Art zu leben und zu arbeiten möglich, ohne gleich um die finanzielle

Zukunft bangen zu müssen. Zu einem großen Teil wäre das dem Internet zu

verdanken.

236

So würde die

,,Eroberung der Technologie"237

und die Aneignung der

Vertriebskanäle für einen verstärkten Einfluss der Selbstständigen innerhalb der

Kulturindustrie sorgen und ihnen zu einem höheren Einkommen verhelfen.


Auch ein stärkerer Grad an Selbstbestimmung würde vor allem durch das Internet

möglich gemacht: Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die sich dadurch ergeben,

würde die digitale Boheme dazu verwenden, die eigenen

,,Handlungsspielräume zu
erweitern"238.

Zudem würde das Internet sich durch seine Benutzerorientiertheit239 den

Lebens- und Arbeitsbedürfnissen anpassen und so mehr individuelle Freiheit

gewährleisten.

230 Ebd., S. 289.

231 Ebd., S. 289.

232 Ebd., S. 41.

233 Ebd., S. 16.

234 Vgl. ebd., S. 266. Als Beispiel nennen sie die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln.

235 Ebd., S. 289.

236 Vgl. ebd., S. 15.

237 Ebd., S. 40.

238 Ebd., S. 16.

239 Vgl. ebd., S. 182.

56


5.1.4. ,,Menschen sitzen mit ihren Laptops ganztägig im Café und nennen es
Arbeit" - das Lebensgefühl Boheme

,,Auf jeden Fall weist der allgemeine Trend der Arbeitsgesellschaft in Richtung
Bohème"240,

konstatieren Lobo und Friebe. Ihre Vorstellungen einer Boheme schließen nicht nur das

Konsum- und Freizeitverhalten, sondern ausdrücklich auch das Spektrum der

Erwerbsarbeit mit ein.241 Die Festanstellung vertrüge sich nur sehr schwer mit ihren

Vorstellungen einer Boheme. Ihrer Definition nach nimmt die neue Boheme ,,

ihr Schicksal
arbeitstechnisch in die eigenen Hände"

und legt mehr Wert auf ,,

individuelle
Freundschaften (...) als auf karrierefördernde Anpassung".

Der grundlegende Unterschied

zur alten Boheme, liegt, Lobo und Friebe nach, in der Digitalisierung der Boheme, die so

immer mehr an gesellschaftlichen Einfluss erlangen und die Bourgeoisie infiltrieren

würde. Der

,,Siegeszug der Bohème"242

würde allerdings auch die Fragestellung

aufwerfen, inwieweit sich Professionalisierung und bohemianische Werte in Einklang

bringen lassen.243


Die neue Boheme sei zudem ein

,,wichtiger Wirtschafts- und prägender
Standortfaktor"

244. Lobo und Friebe nehmen Berlin als ein Beispiel heraus, um die

Anziehungskraft von bestimmten Orten auf kreative UnternehmerInnen darzustellen.

Dabei ist ihnen der positive ökonomische Einfluss auf die Stadt durch die Anwesenheit

der digitalen Boheme ein wichtiger Argumentationspunkt. Sie schließen sich Richard

Floridas Ausführungen zum regional-wirtschaftlichen Einfluss der kreativen Klasse an und

sehen die digitale Boheme in einer

,,Hebelfunktion"245

. Sie würde, neben ihrem real

verursachten Wirtschaftseinkommen, zusätzlich weitreichende ökonomische Effekte auf

die von ihnen besiedelte Region oder Stadt haben. Gleichzeitig würden die günstigen

Lebensbedingungen Berlin für KulturdienstleisterInnen besonders attraktiv machen ­

,,trotz ­ oder gerade wegen ­ seines ökonomischen desolaten Zustands." 246

Diese

Attraktivität bewerten sie zwar positiv, sehen aber auch, dass die Kreativität

,, kein
Allheilmittel für die handfesten ökonomischen Probleme einer Stadt und ihrer
Bewohner"

247sei.

Von der digitalen Boheme werden Plätze bevorzugt, die für die

Entgrenzung von Arbeit
und Freizeit

stehen, an denen der öffentliche Raum zum halböffentlichen Raum wird.

Diese

,,Aura des Sozialen und des Urbanen"

würde sich besonders in Cafés zeigen, die oft

als Arbeitsplatz zentrale Orte der digitalen Boheme

248

seien.

240 Ebd. S. 28.

241 Vgl. ebd. S. 28.

242 Ebd., S. 26.

243 Vgl. ebd, S. 38.

244 Ebd., S. 31.

245 Ebd., S. 142.

246 Ebd., S. 147.

247 Ebd., S. 147.

248 Vgl. ebd., S. 150.

57


Eine

,,unsichtbare Verbindung"249

zwischen den Arbeitenden und eine

,,inspirierende
Atmosphäre"

250 produzieren ein Lebensgefühl, das mittlerweile zu einem

Gesellschaftsphänomen geworden sei:

,,Menschen sitzen mit ihren Laptops ganztägig im
Café und nennen es Arbeit."251

Dabei spielt der (kostenlose) Zugang zu einem

W-LAN-
Netz

eine Schlüsselrolle: Er ist das Hauptkriterium für die Aufenthaltsortswahl des

digitalen Bohemien und wertet den entsprechenden Ort auf. Das ideale Büro der digitalen

Boheme besteht aus

,,vorne Café, hinten Schreibtisch und überall W-LAN"252.

Die im Buch dargestellten Werte wie Flexibilität, Selbstbestimmung, informelle Netzwerke

und die Abgrenzung zu bourgeoisen Strukturen (in diesem Fall Festanstellung) sind

klassische Merkmale der von Kreuzer beschriebenen Boheme. Neben der Digitalität

kristallisieren sich allerdings noch weitere grundlegende Unterschiede zur alten Boheme

heraus. Wie schon im Kapitel 3 beschrieben, fehlt in vielen Bereichen das provokative

Element. Der Aussage von Lobo und Friebe nach, würde die digitale Boheme nicht

,,auf
Konfrontationskurs"

253gehen. Sie geben sich auch nicht negativ gegenüber Wirtschaft und

Konsum eingestellt, im Gegenteil: Die Boheme sei schon immer von der Wirtschaft

abhängig gewesen, schreiben sie, die Wirtschaft aber auch immer von der Boheme.254

Die Frage sei vielmehr, wer wen benutzen würde und sie schlagen vor, die Ökonomie für

die eigenen Zwecke zu verwenden, um die

,,Spielräume der Kunst zu erweitern"255.

Der

Kapitalismus wird also nur in dem Maße kritisiert, indem er die Freiheit, Kreativität und

Individualität der AkteurInnen einschränkt. Aber auch die generelle Arbeitskritik der alten

Boheme teilen die Autoren nicht, da sie Arbeit an sich nicht verurteilen. Es ginge ihnen

mehr darum herauszufinden, wie Menschen arbeiten und zugleich glücklich sein

können.256 So richtet sich ihre Kritik gegen die Festanstellung, aber nicht gegen

Erwerbsarbeit im Allgemeinen.

Gleichzeitig jedoch besitzt ihre massive Kritik der Festanstellung durchaus einen

provokativen Charakter: Das Rütteln an dem bürgerlichen Konstrukt des

Normalarbeitsverhältnisses und die Beschreibung der Angestellten als eine Art

Marionetten, die dem Prozess einer schleichenden ,,Verblödung" unterliegen, lassen

gegenkulturelle Züge erkennen.

249 Ebd., S. 150.

250 Ebd., S. 151.

251 Ebd., S. 150.

252 Ebd., S. 161.

253 Ebd., S. 130.

254 Vgl. ebd., S. 119.

255 Ebd., S. 132.

256 Ebd., S. 92.

58


,,Zurück also auf den Boden der Tatsachen."

Das Buch ,,Wir nennen es Arbeit" zeichnet ein negatives Bild der Festanstellung, die mit

Abhängigkeit und ausbeutenden Strukturen verbunden wird. Im Gegensatz dazu steht

die Freiheit, das Glück und der Erfolg im Leben von Selbstständigen. Lobo und Friebe

thematisieren die prekäre Lage von Selbstständigen, die sie immer als AkteurInnen und

GestalterInnen ihrer eigenen Erwerbssituation beschreiben. Sie bieten unterschiedliche

Handlungsstrategien im Umgang mit der Prekarität an. Das Internet schildern sie als

wichtiges Hilfsmittel, das den Selbstständigen Chancen auf mehr ökonomischen Erfolg

und Selbstbestimmtheit bietet.

Festzustellen ist, dass nicht jeder es sich leisten kann, über die

,,verlorene Lebenszeit"

257

,

die mit der Festanstellung einhergeht, zu klagen. Dieses ,,Jammern auf hohem Niveau"

kann nur von Menschen kommen, die aus einer privilegierten Position heraus sprechen

und aufgrund ihrer akademischen Qualifikation und Networking - Kompetenz eine

gewisse Sicherheit besitzen. Der elitäre Ansatz der Idee der digitalen Boheme wird

besonders deutlich, wenn die Autoren über deren Grenzen schreiben:

,,Machen wir uns
keine Illusionen über die maximale Reichweite der digitalen Bohème. Es könnten
vielleicht ein paar Leute mehr nach ihren Regeln leben und arbeiten, als sich derzeit
trauen, aber nicht alle. Wie die alte Bohème nicht ohne das Bürgertum und seine Mäzene
denkbar war, so braucht auch die digitale Bohème ein prosperierendes wirtschaftliches
Hinterland, sonst kann sie einpacken." 258

Auf der einen Seite raten sie jedem dringlichst vor der

,,schleichenden Verblödung"

oder

der

,,milden Krankheit"

der Festanstellung zu fliehen. Gleichzeitig können die

,,Verheißungen"

der digitalen Boheme nicht jedem gelten. Irgendjemand muss im

,,Reich
des Bullshit"

zurückbleiben, damit die digitale Boheme weiterhin von der Freiheit

schwärmen kann.

257 Ebd., S. 58.

258 Ebd., S. 137.

59


5.2. Luxeriöses Lotterleben, urbanes Pennertum oder menschenfreundliche
Nische? Die Zeitschriftenartikel

Einen ganz anderen Blick auf den Lebensstil der kreativen (Allein)Selbstständigen werfen

die drei folgenden ausgewählten Artikel, die 2006 bzw. 2007 veröffentlicht wurden. Der

Spiegel

-Artikel259 bezieht sich dabei speziell auf das Phänomen der digitalen Boheme, der

brand eins

- Artikel260 auf MiniunternehmerInnen in Berlin (ein Teil des Artikels behandelt

auch die digitale Boheme) und der Beitrag von Mercedes Bunz, der in der

zitty

veröffentlicht wurde261, thematisiert allgemein prekäre selbstständige Berliner

Existenzen.262 Ich habe bewusst nicht Berichte herausgenommen, die im Stile des

eingangs erwähnten IQ Style Artikels nur von dem stereotypen digitalen Bohemian

berichten, der in seinen Laptop versunken im Café, bei einem Latte Macchiato seine

nächsten Projekte ausarbeitet. Mich interessierten mehr die Sichtweisen über Vor- und

Nachteile einer neuen Form der Erwerbsarbeit, die am Beispiel der digitalen Boheme

reflektiert werden. Die Analyse von drei Artikeln kann natürlich nur sehr begrenzt einen

Eindruck von dem Diskurs innerhalb der Medien wiedergeben. Jedoch war es mir bei der

Auswahl wichtig, unterschiedliche Sichtweisen darzustellen, die von Begeisterung bis hin

zur Kritik reichen. Jeder der Artikel steht stellvertretend für eine im Diskurs vertretene

Position. Die Auswahl der Medien erfolgte ganz ähnlich, mit der Absicht ein differenziertes

Bild zu zeichnen: Der Spiegel steht für eine allgemeine Mediendiskussion zum Thema

neuere Erwerbsarbeit, da er eine relativ breite Bevölkerungsgruppe innerhalb

Deutschlands anspricht. Das Popular-Wirtschaftsmagazin brand eins legt einen

Schwerpunkt auf neue Wirtschaftsmodelle im Informations- und Wissenszeitalter263 und

repräsentiert den Diskurs aus einer fachspezifischen Position heraus. Die Zitty, die auf

ein Berlin-spezifisches Publikum ausgerichtet ist, beleuchtet den Diskurs mit einem

besonderen regionalen Blick.









259 Kruse, Kathrin (u.a.): Die Anti-Angestellten. In: Spiegel vom 23.10.06.

260 Laudenbach, Peter: Du musst das wollen. In: brand eins, Ausgabe 1/07. Hamburg. S. 78 ­ 84.

261 Bunz, Mercedes: Meine Armut kotzt mich an. In: zitty vom 16.02.06.

262 Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kursierte der Begriff der digitalen Boheme noch nicht in den Medien

(,,Wir nennen es Arbeit" wurde erst ein halbes Jahr später publiziert) und konnte so keine Verwendung in

diesem Artikel finden. Trotzdem existiert ein enger Zusammenhang zur digitalen Boheme: Bezugspunkt des

Artikels ist Berlin und es werden prekäre, selbstständige und kreative Erwerbsarbeitsformen beschrieben.

Zudem beziehen Lobo und Friebe sich in ihrem Buch auch auf diesen Artikel.

263 http://www.brandeins.de/home/unternehmen.asp?MenuID=6&sid=su851782152473240109 (06.05.08)

60


5.2.1. ,,...wirklich erwachsen werden will die digitale Bohème nicht" -
der skeptische Blick

,,Gerade ist die heikle Lage so schön auf große Begriffe gebracht. Die neue Klasse: das
Prekariat. Die neue Generation: Praktikum. In Paris gingen Berufsanfänger auf die
Barrikaden, der drohenden Lockerung des Kündigungsschutzes für Einsteiger wegen. Aus
Italien kam der Schutzheilige: ,San Precario′, der Märtyrer, der ewig unterbezahlte
Dienste leistet, meist schwarz beschäftigt ist und stets einer unsicheren Zukunft
entgegensieht. Doch jetzt soll das alles schon wieder vorbei sein. Denn jetzt wird etwas
anderes, Schickeres ausgerufen: die ,digitale Boheme′."

Der ironische Einstieg im Bericht über die

,,Anti-Angestellten"

im Spiegel

zeigt die (Spiegel-typische) skeptische Grundeinstellung des Artikels. Gleich nach dem

zitierten Anfang folgt eine ebenso ironisch skizzierte Szene von Sascha Lobo und Holm

Friebe, die bei Gesundheitstee, Nektarinen und Laptop angetroffen werden.

Bei der detaillierten Beschreibung der Gruppe, die an einer Stelle ein

,,Netzwerk pfiffiger
Gleichgesinnter"

genannt werden

,

zeichnet sich zunächst einmal eine Argumentationslinie

ab, die den

Erfolg

dieses Konzeptes anerkennt: Die ZIA würde mittlerweile ,,

ordentlich
Geld"

abwerfen und, trotz der teilweise utopisch klingenden Versprechen,

,,gar nicht

schlecht"

von ihren Aufträgen leben. Auch sei sie

,,kulturwissenschaftlich gerüstet und
popkulturell versiert"

und somit immer der erste Ansprechpartner, wenn es um

Gesellschaftstrends ginge. Die Anerkennung des Erfolgs schlägt aber schnell in eine

kritische Betrachtung des

elitären Aspektes

der

,,Möchtegern-Bewegung"

um. Von

,,

Exklusivität"

ist die Rede, die beruflichen Erfolge könnten nun öfters auch mal auf

Firmenempfängen bei

,,Bonsaispargel, Garnelencocktails und Tatar"

gefeiert werden. Die

AutorInnen des Artikels haben Bourdieu ausgiebig rezipiert und sehen in der

Wohnzimmereinrichtung von Lobo und Friebe, in der ,,

noch das abgenutzteste
Designmöbel die kulturelle Distinktion einer Elite signalisieren soll",

ihre


bildungsbürgerliche Herkunft manifestiert. Die digitalen Selbstständigen werden nicht als

prekär wahrgenommen. Ihnen wird hingegen ein

,,luxuriöses Lotterleben"

zugeschrieben, das sich

,,meilenweit von der erbärmlichen Lage der wahren Unterschicht"

unterscheide. Gerade das Gegensatzpaar luxuriös und erbärmlich beschreibt die klare

Position des Artikels, die der digitalen Boheme eine überlegene und elitäre Rolle zuweist.

Ein weiterer thematischer Aspekt ist die

,,Unbekümmertheit",

die Lobo zum Kennzeichen

der digitalen Boheme erklärt. Diese Aussage kommentieren die AutorInnen mit:

,,wirklich
erwachsen werden will die digitale Bohème nicht".

Was genau ,,erwachsen werden" in

diesem Zusammenhang bedeutet, wird nicht näher erläutert, aber die weiteren

Ausführungen scheinen auf eine Haltung von Bequemlichkeit und

Hedonismus

, die

Verantwortung missen lässt, abzuspielen. Die

,,Neo-Bohemiens"

hätten sich eine

,,kuschelige Nische"

geschaffen, irgendwo zwischen Erfolg und dem

,,Vergnügen, so zu
arbeiten, wie man leben will"

.

61


Dabei würde ihre Sorglosigkeit

,,kokett"

und

,,locker"

klingen, könnte aber in Anbetracht

von erfolglosen Erwerbssituationen

,,frivoler nicht sein"

. Egal ob frivol an dieser Stelle

eher in der Bedeutung schamlos oder in der Bedeutung leichtfertig verwendet wird ­ hier

wird moralisch argumentiert und eine Haltung der Verantwortung gegenüber anderen

oder zumindest sich selbst gefordert.


Zum Schluss des Artikels kommt dann doch noch der Aspekt der gesteigerten

Selbstverantwortung und Selbstökonomisierung zur Sprache. Die Selbstständigen würden

keine Hobbys kennen, nichts,

,,was nicht irgendwann einmal in den Verwertungskreislauf
eingehen könnte".

Trotzdem werden die AkteurInnen keinesfalls als in ihrer

Handlungsmacht eingeschränkt gesehen, wie das Ende des Artikels zeigt:

,,Aber opfert die digitale Boheme die Seele nicht einfach freiwillig, im Gegensatz zu
Festangestellten? Selbständigkeit sei keine Selbstausbeutung, glauben Friebe und Lobo.
Und dann, nach einer kleinen Pause, sagt Friebe:,Besser beute ich mich selbst aus, als
dass es ein anderer tut.′"

Hier werden die Selbstständigen nicht als Marionetten eines

flexiblen Kapitalismus beschrieben, die blind einem indoktrinierten

Selbstverantwortungszwang folgen. Vielmehr wird ihre Einstellung als etwas dargestellt,

das ein paar Zeilen zuvor als

,,trotzig"

beschrieben wurde und auch mit der

vermeintlichen Weigerung, erwachsen zu werden, einhergeht. So ist die

Selbstausbeutung

zwar durchaus ein Thema, wird aber eher als nicht erwachsene

Haltung eines hedonistischen und elitären Lebensstils ausgelegt.

5.2.2. ,,Es geht ihnen gut" - optimistische Töne aus den Reihen der New
Economy

,,Manchmal genügt es, eine Straße entlangzugehen, die Augen aufzumachen und dabei
die üblichen Klagegesänge mal für ein paar Stunden zu vergessen. Zum Beispiel in der
Raumerstrasse in Berlin. Das ist keine besondere Straße, sie ist nicht sehr lang und eher
ruhig. In dieser Gegend ist der Prenzlauer Berg noch kein von Touristen und Hipstern
okkupierter Rummelplatz, sondern eine gut durchmischte, entspannte, bürgerliche
Wohngegend. Es gibt ein paar Restaurants, einen Supermarkt, einen Laden, der Brot
vom Vortag billiger verkauft, Mütter mit Kindern, Spaziergänger mit Hunden, ein
Buchantiquariat, Anwaltskanzleien, ein paar Geschäfte mit Krimskrams, mit neuem oder
gebrauchtem Kinderspielzeug. Hier ist Berlin nicht aufgeregt oder exotisch, sondern
schlicht freundlich."

Der Artikel im Wirtschaftsmagazin brand eins stellt vier Geschäfte in der Raumerstraße in

Prenzlauer Berg vor und portraitiert anschließend die digitale Boheme und die ZIA als

Schlagwort-Lieferant für die neue Welle von Miniunternehmen in Berlins Kreativbranche.

62


Er beginnt mit der typischen Geschichte einer von der Gentrifizierung noch nicht völlig

transformierten Gegend, deren authentischer und schlichter Charakter Raum für neue

Geschäftsideen bietet.

Berlin als Heimat für kreative

, nicht dem Mainstream

angehörende

Menschen

ist der Ausgangspunkt dieses Berichtes. Dabei wird die ,,

Armut
der Stadt"

, die ansonsten kaum weiter thematisiert wird, zur ,,

Basis des kreativen
Reichtums"

. Denn nur die niedrigen Lebenshaltungskosten würden die zahlreichen

Geschäftsgründungen ermöglichen. Berlins wertvollste Ressource sei der ,,

Überschuss an
Menschen mit Talent, einer guten Ausbildung und dem Willen, etwas aus ihrem Leben zu
machen".

Die Wortwahl im Text drückt eine aktive

Lebensfreude

aus. Die AkteurInnen werden

mehrfach als ,,

gut gelaunt"

beschrieben, die Arbeit mache ihnen

,,Spaß"

oder auch

,,Vergnügen".

Ihnen wird ein

,,super Leben"

diagnostiziert, simple aber einprägsame

Phrasen wie

,,Es geht ihnen gut"

könnten als Schlüsselsätze des Artikels gelten. Oft

wird das ,,Leben" erwähnt, genauso wie von Innovation und Kreativität die Rede ist.

Demnach geht es neben Kapitalerwirtschaftung und Unternehmensgründung vor allem

auch um einen kreativen Zugang, der den gewissen Mehrwert des Lebens ausmacht:

Denn die Mini-Unternehmen würden Deutschland zwar nicht vor seinen Problemen retten

­

,,aber sie machen das Leben schöner".

Der Artikel ist mit

,,Du musst das wollen"

überschrieben und weist auf das zentrale

Thema der Selbstbestimmung

innerhalb des Artikels hin. Die AkteurInnen werden als

,,Autoren ihres eigenen Lebens"

beschrieben, die irgendwann herausgefunden haben

,,was
sie wirklich wollen".

Das Kennen und Befolgen der eigenen Wünsche wird auch

gleichzeitig als Rezept für den

Erfolg

dargestellt: Alle portraitierten UnternehmerInnen

haben es geschafft. Die ,,

Independent-Träume"

der AkteurInnen werden zu

,,hübschen
Karriere-Strategien"

, die das Schöne mit dem Nützlichen verbinden. Die JournalistInnen

stellen zum Schluss des Artikels trocken fest:

,,Es funktioniert"

. Funktionieren würden

all diese Konzepte, weil

,,sich Menschen Strukturen schaffen, in denen sie ihre
Fähigkeiten optimal einsetzen können."

Der Erfolg entsteht also durch die

interessenorientierte Herangehensweise der Selbstständigen, die eine maximale

Produktivität durch die Nutzung der persönlichen Ressourcen garantiert. Auch die ZIA

wird in dem Artikel als

,,prächtige Selbstvermarktungsmaschine"

bezeichnet, ihre

Marktstrategien anerkennend als

,,nicht dumm"

deklariert. Während die JournalistInnen

das ,,

erfrischend klare Bekenntnis zur Marktorientierung"

begrüßen, sehen sie die

Beschwörung eines

,,neuen, netten Kapitalismus"

jedoch argwöhnisch. Von einem

digitalen kapitalistischen Wunder könnte keine Rede sein, jedoch hätten sich die

Selbstständigen eine

,,menschenfreundliche Nische"

geschaffen.

63


Generell drückt der Artikel eine optimistische, aktive und visionäre Grundhaltung aus, die

so gut wie gar nicht von Erzählungen über Enttäuschungen, Verlustängste und Prekarität

überschattet wird. Er betont besonders die Vereinbarkeit von Individualität, Spaß und

Erfolg.

5.2.3. ,,lieber ein paar schnuckelig-kreative Urbane Penner als gar keine
Kunden" ­ Selbstständige zwischen stolzer Identifikation und Hilflosigkeit

Stellvertretend für eine Reihe von Journalisten und Journalistinnen, die selbst ein

kreatives, selbstbestimmtes und prekäres Leben führen, steht der Artikel von Mercedes

Bunz. Er ist ein Klassiker unter den Berichten über prekäre hochqualifizierte Existenzen,

da der Begriff des ,,Urbanen Penners" seit seiner Veröffentlichung immer wieder zitiert

wird.264

,,Meine Armut kotzt mich an"

klagt die Autorin in der Überschrift, das Titelbild

zeigt einen kahlen weißen Raum mit einer Spanholzplatte, die als Schreibtisch fungieren

soll. Darauf ein kleiner Laptop mit dem bekannten fruchtigen Symbol, dahinter eine

übernächtigte junge Frau. Bunz schreibt in der Einleitung:

,,In dieser Stadt sieht man uns überall. Wir bevölkern die Cafes mit unseren Laptops. Wir
betreiben kleine Läden, in denen wir vorne junge Mode oder minimale Möbel ausstellen.
Und wenn man spätabends an den erleuchteten Fenstern unserer Ladenlokal-Büros
vorbeigeht, sieht man uns immer noch Design entwerfend hinter den Rechnern sitzen.
Wir sind hip, hoch qualifiziert, diffus kreativ und arm. Urbane Penner eben."

Wie schon der Titel ankündigt, ist

die

Prekarität

das zentrale Thema des Artikels. Dabei

steht der Begriff des

,,Urbanen Penners"

für eine Darstellung aus der Wir-Perspektive -

eine ungewöhnliche Blickweise, da Prekarität sonst eher von extern kommentiert wird.265

Der Urbane Penner ist der Beschreibung nach jung und lebt von Auftragsarbeiten, für die

er einen

,,Hungerlohn"

erhält. Seine finanzielle Situation lässt ihn einen Lebensstil leben,

in dem er vor sich

,,hinvegetiert"

. Der Lieblingsarbeitsplatz des Urbanen Penners, das

Café, wird mit einem

,,modernen Arbeitslager"

verglichen. Dieser Zustand wird in den

Augen der Autorin viel zu oft ungefragt hingenommen:

,,Wie kommt es, dass qualifizierte
Menschen in der Blüte ihrer Jahre einen so mageren Lohn hinnehmen, ohne
aufzubegehren oder zu murren?"

fragt sie.

Sie gibt der jahrelangen

,,Indoktrinierung"

durch die Gesellschaft die Schuld dafür, die den Hochqualifizierten zahlreiche unbezahlte

Praktika als notwendig hinstellt.

Bunz knüpft ihre Argumentation eng an den Standort

Berlin

. Dabei steht diese Stadt für

sie, neben dem vielfältigem kulturellen Angebot, vor allem für niedrige

Lebenshaltungskosten und

,,prekäre Arbeitsverhältnisse"

.

264 Zum Beispiel: Friebe / Lobo 2006, S. 35 oder Reimann, Anna: Die Ausgepennte. In: Spiegel Online,

30.08.06. oder Koch, Christoph: Vokabeln lernen: Urbane Penner. In: jetzt.de, 16.02.06.

265 Vgl. dazu z.B.: Gross, Thomas: Von der Boheme zur Unterschicht. In: DIE ZEIT, 27.04.2006 oder Michel,

Jörg: Jeder Achte in Deutschland ist arm. In: Berliner Zeitung, 19.05.2008.

64


Bei der Analyse fiel auf, dass

,,Leben"

immer im Zusammenhang mit der

,,Stadt"

erwähnt

wurde, so als würde die Stadt Berlin über Leben und Überleben entscheiden:

,,Wieso
leben wir in einer Stadt, die uns nicht richtig ernährt"

fragt Bunz an einer Stelle und

verlagert so die Verantwortung für die prekären Verhältnisse auf Berlin. Folglich bleibt

manchen als ,,

einzige ökonomische Option"

nur der Wegzug

.

Dabei sorgt gerade der

Urbane Penner für die Attraktivität der Stadt, indem er als kreatives ,,

Humankapital"

nicht nur das kulturelle Angebot deutlich erweitert, sondern es zugleich durch seinen

niedrigen Lebensstandard bezahlbar macht. Berlin kann sich glücklich schätzen:

,,

Tatsächlich hat Berlin kulturell gesehen eine atemberaubende Infrastruktur. Und die
verdankt es uns. Den Urbanen Pennern."

Doch Bunz Meinung nach zeigt sich Berlin nicht

dankbar, die Menschen hätten den

,,Wert dieser urbanen Kultur"

nicht begriffen und im

Gegensatz zu vielen anderen Selbstständigen sieht sie die Verantwortung für einen

besseren Lebensstandard nicht ausschließlich bei sich selbst. Sie bemängelt, dass das

Potential der Urbanen Penner von der Berliner Stadtpolitik nicht ausreichend beachtet

wird. Der Senat würde vor allem auf große Unternehmen und Zuwachsraten achten:

,,Im
Fokus steht, wer mit Arbeitsplätzen winken kann. Der Urbane Penner kann dagegen
höchstens mit seiner Arbeitslosigkeit drohen."

Dass die Prekarität ein selbst gewählter

Status sei, der aus einer individuellen Überzeugung heraus geschieht, selbstbestimmt zu

leben, glaubt die Autorin auch nicht:

,,Jetzt könnte man natürlich sagen, die Armut des

Urbanen Penners ist eben der Preis für den Luxus selbst bestimmter Arbeit. Nur: Luxus
ist gut, in dieser Stadt haben wir dazu keine Alternative."

Ihrer Meinung nach ist die

Attraktivität der Stadt für Zuziehende (niedrige Lebenshaltungskosten) gleichzeitig auch

ihr Problem: Es gäbe zu wenig Konsumenten für die angebotenen kulturellen Produkte,

da die BerlinerInnen ein knappes Budget zur Verfügung hätten:

,,Das Urbane Pennertum
ist damit vorprogrammiert".

Die Autorin löst den beschriebenen Konflikt nicht auf: Die Selbstständigen sehen sich mit

dem Dilemma konfrontiert, der Grund für die Attraktivität der Stadt zu sein und

gleichzeitig in dieser Stadt nicht leben zu können. Und die Stadt wiederum steht in dem

Zwiespalt durch ihre niedrigen Lebenshaltungskosten junge UnternehmerInnen

anzuziehen, die ihr jedoch kaum Konsumkapital einbringen. So verharrt der Artikel in

einer Beschreibung der ausweglosen Situation nach dem Motto

,,lieber ein paar
schnuckelig-kreative Urbane Penner als gar keine Kunden".


Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Spiegel auf die elitären Tendenzen eines

,,luxuriösen Lotterlebens"

der digitalen Selbstständigen hinweist, brand eins die

Vereinbarkeit von Selbstbestimmung, Lebensfreude und Erfolg in der geschaffenen

,,menschenfreundlichen Nische"

betont und der zitty Artikel die prekäre Situation der

Urbanen Penner in Berlin beklagt, die ,,

keine Alternative"

hätten.

65


Dabei wird sowohl in brand eins als auch in der zitty die Armut Berlins als Grundlage für

das kreative Potenzial in Berlin gesehen, aber nur Mercedes Bunz kritisiert diese

Situation. Die meiste Kritik, die sich explizit auf das Phänomen der digitalen Boheme

bezieht, zeichnet sich im Spiegel-Artikel ab. Jedoch sieht auch der Autor des brand eins -

Artikels das prognostizierte Konzept eines

,,neuen netten Kapitalismus"

von Seiten der

ZIA skeptisch.

5. 3. Sieben Innenansichten von kreativen (Allein)Selbstständigen

04.02.08 Fieldwork live with hot chocolate and carrot cupcake

Nach dem Interview gehe ich noch in ein anderes Café in der Kastanienallee um

das Interview auszuwerten. Chillige R&B Musik ertönt in einer der klassischen

Coffeebars in Prenzl′berg. Das Kuchenregal surrt beruhigend vor sich hin. Mich

strahlen eine heiße Erdnussschokolade und ein Möhrencupcake an, über und über

mit weißer Creme bezogen. Draußen fährt die Tram. Szenige Leute stolzieren in

Lacklederstiefeln vorbei. Eine Businessfrau liest bei einem schnellen Espresso die

Tageszeitung. Das schrille Orange der Apfelsinenberge, im türkischen Obstladen

von gegenüber, erleuchtet die Straße.

llöööfffiglz.i9tf##

01.02.08 Auf dem Weg von Natalies Wohnung zum Theater

Wir gehen los. Da die BVG an diesem Tag streikt, ist Natalie auf Rollerblades

unterwegs und ich folge ihr mit dem Fahrrad. Ich habe mich schon im Vorfeld 1 ½

Stunden von Friedrichshain in den tiefen Westen abgestrampelt und ziemlich viel

geflucht, da ich mich auch noch verfahren habe. ,So eine blöde Idee mit dem

Fahrrad zum Feldforschungstermin zu fahren′, dachte ich und außerdem noch ganz

andere Dinge über die Forschung, die alle nicht sehr positiv waren... Das hier

jetzt macht aber irgendwie Spaß: Ich hetze in der Dunkelheit, über

Kopfsteinpflaster, ohne Licht am Fahrrad, den Rollerblades hinterher und

denke: ′Aha, das meinte der gute George Marcus mit FOLLOW THE

PEOPLE.′ - Es ist irre."

66


Im Folgenden möchte ich, die Überlegungen aus dem theoretischen Teil

mitberücksichtigend, die Sicht der von mir befragten kreativen (Allein)Selbstständigen266

auf ihre Erwerbstätigkeit darstellen. Götz schreibt, dass es aufgrund der Vielschichtigkeit

der Arbeits- und Lebenswelten gilt,

,,ganz induktiv, von unten und innen anzusetzen"

, das

bedeute ,,

beim Einzelfall anzufangen"267.

Ich

sehe die folgenden Interviews als eine

exemplarische Innenansicht postfordistischer Arbeitsparadigmen, die versucht, sich der

komplexen Situation neuerer Erwerbsarbeitsformen anzunähern. Da einige der Themen

sich in den Interviews überschneiden, habe ich bei jedem Interview versucht,

thematische Akzente zu setzen. Die inhaltlichen Übereinstimmungen der Interviews

werde ich bei der übergreifenden Auswertung am Schluss aufzeigen.


5.3.1. Colin: ,,I′m gonna really try it, because it′s really worth it"


Colin kommt aus Irland, ist 24 Jahre alt und wohnt seit ein paar Monaten in Berlin.

Er bezieht sein Einkommen durch professionelle Online-Poker-Spiele. Was vor einigen

Jahren als Hobby anfing, entwickelte sich mit der Zeit zu einer besseren Einnahmequelle

als sein Aushilfsjob in einer Videothek. Er kündigte nicht nur seine Arbeit in der

Videothek, sondern brach auch sein Kunst-Studium ab und konzentrierte sich auf das

Pokerspielen. Nachdem er drei Jahre lang hauptberuflich Poker spielte, hat sein Interesse

dafür mittlerweile nachgelassen und er beschäftigt sich vorrangig mit dem Aufbau einer

neuen Musik-Website. Da dieses Projekt momentan noch keinen Gewinn erzielt, spielt er

in unregelmäßigen Abständen weiterhin Poker.

Zwischen Leidenschaft und Geld verdienen

Das Pokerspielen stellt für ihn die wichtigste Einnahmequelle dar:

"I can make so much
more money playing poker than with anything else."

Selbst seine Eltern hörten in

Anbetracht der Höhe seines monatlichen Einkommens auf, sich über seinen Job zu

beklagen. Auch von dem neuen Projekt erwartet er, falls es funktionieren sollte, ein

hohes Einkommen. Momentan lebt er allerdings von seinem Ersparten, da er seine ganze

Zeit in das Musik-Projekt investiert. Das

Risiko, das er damit eingeht, scheint ihn nicht

sonderlich zu beunruhigen: ,,

So it′s either gonna be really make me a lot of money or it
will be a waste of money and time. It′s not that I considered about that really, but if it
fails, it fails and I can just do something else".

Pokerspielen bedeutet für ihn finanzielle

Sicherheit, er könnte jederzeit darauf zurückgreifen und fehlendes Geld wiedergewinnen.

Auf die Frage hin, ob er nicht auch einmal fest angestellt arbeiten möchte, antwortet er:

,,I′d like to be able to have some places that I can go to and some people that I can work
with."

266 Die Namen sind geändert.

267 Seifert / Götz / Huber 2007, S. 27.

67


Ein ausgeprägtes Netzwerk von Kontaktmöglichkeiten bietet für ihn eine ausreichende

Form von Regelmäßigkeit und Sicherheit, die er der Festanstellung vorzieht.

Neben einem regelmäßigen Einkommen ist für Colin allerdings auch die persönliche

Identifikation mit seiner Erwerbsarbeit wichtig. Er unterscheidet klar zwischen dem

Musik-Projekt, für das er persönlich motiviert ist und dem Job, mit dem er sein

Einkommen sichert. Für Poker habe er die Leidenschaft verloren

: ,,I think it′s just a way
for me to make money."

Dagegen sei die Arbeit an der Website genau das, was er gerne

machen würde und dazu wesentlich kreativer. Für ihn stehen die beiden

Erwerbstätigkeiten konträr gegenüber: ,,

Music is a lot more opening, a lot more energy
(...) Poker is more about - money and greed."

Er möchte sich die nächsten Monate ganz

in das Projekt investieren, da er davon überzeugt ist, dass diese Zeit wesentlich

wertvoller ist als die Zeit, die er mit Pokern verbringt.

Zwischen Langeweile und Herausforderung

Colin scheint die Selbstständigkeit und die damit verbundenen Projekte

als

eine positive

Herausforderung zu sehen: ,,

I′m really gonna try it, because it′s really worth it".

Immer

wieder betont er die Erfolgschancen, die sich bei ausdauerndem Bemühen bieten: ,,

and
the more you try, the more you study and the more you practise, the better you get. And
that′s instantly reflected in your earnings."

Besonders bei Poker sei der Selbstantrieb

sehr hoch, da das Engagement sich immer sofort im Ergebnis niederschlagen würde. So

würde er immer genau sehen, wie motiviert er momentan sei. Auf die Frage hin, wie er

gerne in 10 Jahren arbeiten würde, wenn alles möglich wäre, sagt er, dass er gerne der

gleichen Tätigkeit nachgehen würde, nur für ehrenamtliche Projekte:

,,Cause I mean,
that′s more exiting than trying to figure out how to make it actually two percent more in
the next few months."

Langeweile in seinem Job zu vermeiden, ist für Colin sehr wichtig.

Deswegen sei er auch nach Berlin gezogen, die Stadt würde ihm ständig etwas Neues

präsentieren und er würde viele unterschiedliche Leute kennen lernen. Die Langeweile

stellt sich für ihn allerdings nicht nur beim Pokerspielen ein, sondern auch in seinem

neuen Musikprojekt:,,

The stupid thing is like most of the work is not very exiting, it is
kind of boring."

Das läge daran, dass er sofort das Interesse verlieren würde, wenn er die

Lösung für ein Problem gefunden hätte.

Zwischen Selbstbestimmung und Motivationslosigkeit

Colin sieht sich nicht der digitalen Boheme zugehörig, für ihn ist das nur eine glamouröse

Bezeichnung für Leute, die mit dem Internet arbeiten. Wenn er gefragt wird, was er

arbeitet, sagt er, dass er momentan mit unterschiedlichen Projekten im Internet

beschäftigt ist. Das sei manchmal leider ein wenig kompliziert und er folgert: ,,

Maybe I
should start saying I′m a digital Bohemian. That would make it easier."

68


Er sieht den größten Vorteil, einen selbstbestimmten und Internet-basierten Job zu

haben, darin, frei über seine Zeit verfügen zu können. ,,

The advantage is that... it′s
complete freedom. I can work any time I want, any time a day. I don′t have to leave my
house. There′s no time-schedule."

Seine Arbeitszeiten sind variabel und schwanken von

drei Stunden bis zu 12 Stunden täglich. Auch seine berufliche Zukunft sieht er flexibel: ,,

I
don′t really plan things, though. I just kind of ... let things happen".

Er hat sich keine

Gedanken über den Verlauf seiner beruflichen Karriere nach dem Projekt gemacht.

Das Internet ermöglicht ihm nicht nur eine zeitliche sondern auch eine geographische

Flexibilität. In der Selbstbeschreibung seines Couchsurfing-Profils stellt er zwischen

seiner Erwerbsarbeit und seinen Reiseplänen einen klaren Zusammenhang her:

"At the
moment I play poker professionally...mostly online. This means I have plenty of freedom
and so I′m going to use this opportunity to see the world while I still can."

Colin schätzt zudem die fehlende Kontrolle von Vorgesetzten.

Jedoch fällt es ihm dadurch

manchmal schwer, die genügende Selbstmotivation aufzubringen:

,,...when you′re your
own boss, it can be hard to motivate yourself",

sagt er

.

Es wäre einfach sich durch alle

möglichen Dinge im Internet abzulenken. Diese ,,

lazyness"

würde sich auf die Ergebnisse

auswirken und ihm ein schlechtes Gewissen bereiten:

,,Sometimes I have this underlying
small feeling of guilt you know. And then I realise, that I am not doing anything."


Colin

erlebt seine Selbstständigkeit vor allem als positive Herausforderung. Das

Pokerspielen bietet ihm als ,,Brotjob" die Sicherheit, an seinem eigentlichen, bevorzugten

Projekt zu arbeiten. Er schätzt die Flexibilität, die ihm diese Form der Erwerbsarbeit

bietet, sehr. Die Nachteile sind für ihn der Mangel an Selbstmotivation und seine

Tendenz, dass ihm nach einiger Zeit jede Arbeit zu langweilig wird - auch die

selbstbestimmte.

5.3.2. Federico: ,,Flexibilität? - ich kann davon erzählen"

Ich lerne Federico bei einer Mitfahrgelegenheit von München nach Berlin kennen. Er ist

26 Jahre alt. Nach seinem abgeschlossenen Studium als Übersetzer für Deutsch, Englisch

und Spanisch in Italien, zog er nach Berlin, um eine Existenz als Selbstständiger

aufzubauen. Sein einziges regelmäßiges Einkommen durch Erwerbsarbeit (200-350 Euro)

bezieht er momentan von seiner Schreibtätigkeit für ein Blog, das sich mit Kultur und

Events in Berlin beschäftigt. Zudem erhält er jeden Monat 400 Euro Unterhaltszahlung

von seinem Vater. Daneben verdient er durch eine Reihe sporadischer Tätigkeiten sein

Geld: Italienisch-Nachhilfe, Verkaufstätigkeit auf Weihnachtsmärkten, Aushilfe in der

Küche eines italienischen Restaurants etc.

69


Als Hauptbeschäftigung nennt er seine Vertretertätigkeit für Wein und Immobilien aus

Italien und den Aufbau einer eigenen Tourismusagentur, die er zusammen mit einem

Freund in Berlin gegründet hat. Von diesen beiden Aktivitäten plant er, in Zukunft seine

Haupteinkünfte zu erhalten, momentan erzielen sie allerdings noch keinen Gewinn.

Planung und Flexibilität

Federico überlässt den Aufbau seiner Existenz als Selbstständiger nicht dem Zufall. Für

die Zeit in Berlin hat er sich einen genauen "

Businessplan"

gemacht. Ein Jahr nimmt er

sich Zeit, um herauszufinden, ob seine Pläne funktionieren:

,,Ziel ist mindestens ein
Festeinkommen von einer gewissen Aktivität zu bekommen".

Eine Festanstellung schließt

er in der Zukunft nicht aus, obwohl er nicht mit dem Vorhaben, einen festen

Arbeitsvertrag zu finden, nach Berlin gekommen ist.

Seine finanzielle Lage ist, wie oben schon angedeutet, momentan sehr unausgeglichen,

ungefähr die Hälfte seines Einkommens bezieht er durch familiäre Unterstützung. Die

Tätigkeiten, in die er die meiste Zeit investiert, sind noch in keiner Form finanziell

ergiebig:

,,Ich kann vielleicht, keine Ahnung, für sechs Monate nix verkaufen und wie
kann ich davon leben inzwischen? Also muss ich jobben. Ich mache verschiedene Sachen,
alles was Kohle bringt (...)"

Als er vor einigen Monaten krank war, nahm er den Computer

mit ins Bett. Krankheit könne er sich nicht leisten, sagt er.

Diesen Zustand bewertet er

ausdrücklich negativ. Er könne sich nicht einfach krank melden wie ein Festangestellter.

Nachteile seiner Erwerbstätigkeit seien, dass sie

,,prekär"

sei,

,,ohne Richtung"

und

,,ohne
Sicherheit".

Die prekäre Situation sieht er jedoch deutlich als ein Übergangsstadium an

:
,,Diese Situation wird maximal, wie gesagt, zwischen neun und 16 Monate andauern."

Er

könnte so nicht jahrelang leben. Die Transitionsphase akzeptiert er zeitweilig mit einem

klaren Ziel der finanziellen Sicherheit vor Augen. Bisher (er lebt seit vier Monaten in

Berlin) seien die Dinge so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hätte, er sei ziemlich

zufrieden. Falls seine Pläne nicht funktionieren sollten, bleibt ihm als letzte Sicherheit die

Rückkehr in sein Heimatdorf. Dann würde er sich beim örtlichen Arbeitsamt melden und

mit seinen Freunden Fußball spielen, wie damals.

Eine wesentliche Strategie seines ,,Business-Plans" beruht auf flexiblem Handeln:

,,Wenn
mich jemand fragt ,Hast du Flexibilität?′ - ich kann davon erzählen."

sagt er und lacht.

Die Kombination von unterschiedlichsten Erwerbstätigkeiten zeigt seinen Ansatz, die

prekäre Situation mit Flexibilität auszugleichen. Die Flexibilität ist aber für ihn nicht nur

eine Kompensationsstrategie, sondern bedeutet für ihn zugleich Freiheit. Er müsse

niemals fragen, wann er Urlaub machen kann, erzählt er. Außerdem kann er auch seinen

Arbeitsort frei wählen: ,,

Wenn das Gefühl hast ′Okay, heute gehe ich gerne ins Büro′,
gehst du ins Büro. Wenn das nicht gerne hast, bleibst zuhause. Ist das nicht schön?"

70


Arbeit und Freizeit

Federico schätzt den individuellen Spielraum, den ihm das selbstbestimmte Arbeiten

ermöglicht. Für ihn vermischt sich die Erwerbsarbeit immer mehr mit Freizeit und ist

nicht strikt von ihm als Person getrennt. Arbeit würde auch seine persönlichen

Leidenschaften und Fähigkeiten bedeuten. Die Tatsache, dass er nicht weiß, wie viele

Stunden er eigentlich arbeitet, sieht er als Beweis dafür, dass seine Tätigkeit ihm Spaß

macht. Deswegen würde er oft auch schneller arbeiten, sagt er, er sähe Arbeit als Spiel.

Jedoch zeigt sich in seinen Aussagen auch die ambivalente Seite der Selbstbestimmung:

,,

Ich bin für drei Tage nach Barcelona geflogen und ich konnte auch mehr Tage fahren,
wenn ich wollte, aber ich wusste schon, ich kann das nicht können,

weil ich muss
das erledigen, ich muss das machen und so weiter."

Diese Bemerkung spiegelt die

paradoxe Situation wider, in der sich Federico befindet: Auf der einen Seite ist er frei und

flexibel in seiner Zeiteinteilung, auf der anderen Seite ist er, durch die höhere

Selbstverantwortung, zeitlich auch gebunden. Das scheint er jedoch nicht als negativ zu

empfinden, zumindest erwähnt er es nicht explizit als Nachteil. Er betont vielmehr die

Unabhängigkeit und den Vorteil, sein eigener Chef sein zu können. Deswegen bewertet er

auch die flachen hierarchischen Strukturen, die in seinem Business vorherrschen, als sehr

positiv. Er müsse nicht mehr in Bewerbungsgesprächen seine Qualitäten beweisen, es

würde vielmehr eine Verhandlung von unterschiedlichen Leistungen auf gleicher Ebene

stattfinden: ,,

...ich kann mich mit dir unterhalten, wie mit dem Vorsitzenden des Mercedes
oder mit einem Kunden auf dem Weihnachtsmarkt."


,,Ich bin ein digitaler Bohemien"

Einen Internetzugang zu haben ist für ihn 100% wichtig, sagt Federico. Er würde alles

über das Internet erledigen. Für seine unterschiedlichen Jobs nutzt er es vor allem zur

Recherche, zum Knüpfen von Kontakten und natürlich zum Bloggen. Aber auch in der

Freizeit ist er oft online, der Computer ist fast immer an. Das Internet bietet ihm nicht

nur die Möglichkeit, als Selbstständiger zu arbeiten, sondern wirkt sogar ermutigend zu

einem solchen Lebensstil:

,,ohne Internet musst du angestellt werden, mit Internet
kannst du das selbst machen. Du hast auch mehr Mut dazu."

Gerade auch im

Krankheitsfall hätte er immer noch vom Bett aus arbeiten und so die Fortführung seiner

Projekte sichern können. Auf das Phänomen der digitalen Boheme angesprochen

unterbricht er mich mitten im Satz und lacht:

,,Ich bin ein digitaler Bohemien"

. Er hat

davon in einer Zeitung gelesen und konnte sich sofort damit identifizieren. Ziemlich

genau beschreibt er das Berlin-Mitte-Klischee eines digitalen Bohemien, der mit Laptop

und Latte Macchiato im Café sitzt und arbeitet. Er würde sich als digitalen Bohemien

bezeichnen, weil er in Berlin, mit wenig Geld und einem Laptop einer kreativen Tätigkeit

nachgehe. Diesen Lebensstil verknüpft er eng mit Berlin, das er während des Interviews

sehr oft erwähnt.

71


Seiner Meinung nach wäre jede Art von Erwerbsarbeit in Berlin möglich, die Stadt bietet

für ihn Raum sich auszuprobieren. Von Vorteil sieht er auch, dass es in Berlin mehr

Investitionen von außen gäbe.

,,...in Berlin gibt es soviel Wandel (...) Es wird viel
passieren, deswegen behandele ich Berlin wie die zukünftige Hauptstadt Europas" s

agt

er. Er scheint viele seiner Hoffnungen auf Berlin zu setzen. Trotzdem wisse keiner, was in

der nächsten Zeit genau mit Berlin passiert. Das hätte Parallelen zu seinem eigenen

Leben:

,,Ich gehe auch mit der Stadt zusammen einen Weg, sozusagen."


Mit der Aussicht auf ein regelmäßiges, sicheres Einkommen in der Zukunft toleriert

Federico

nicht nur seinen prekären Lebensstil, sondern ist sogar zufrieden damit. Die

Flexibilität seines selbstbestimmten Lebensstils bedeutet für ihn Freiheit, ist zugleich aber

auch eine Strategie mit der Transitionsphase der Prekarität umzugehen. Im Zweifelsfalle

würde er sie zu Gunsten einer sicheren finanziellen Situation aufgeben. Das Internet ist

für ihn die Basis seines selbstständigen Arbeitens, er sieht sich als digitalen Bohemien.


5.3.3. Brian: ,,You must be the right character for doing this"

Brian ist 49 Jahre alt und in Deutschland aufgewachsen, seine Mutter ist Engländerin. In

seiner Zeit als Student, während der er ein Biologie- und ein Physikstudium anfing und

wieder abbrach, reiste er sehr viel und ausgiebig. Irgendwann beschloss er, ganz mit

dem Studium aufzuhören und absolvierte eine einjährige Ausbildung an einer Multi-

Media-Akademie. Seitdem arbeitet er als (Web-) Designer und Programmierer. Außerdem

besitzt er aus seiner Studentenzeit noch ein Taxi, das er ab und zu fährt. Er und seine

Partnerin reisen regelmäßig nach Asien, bis zu sechs Monate im Jahr, und arbeiten von

dort aus. Wenn er nicht gerade arbeitet oder reist, engagiert er sich ehrenamtlich bei

Couchsurfing, zum Beispiel organisiert er das alljährliche Couchsurfing-Camp in Berlin

mit.

,,

Without the internet this lifestyle wouldn′t be possible" - Reisen und Internet

Das Reisen nimmt einen hohen Stellenwert in Brians Leben ein. Auf seinem

Couchsurfing-Profil schreibt er über sich:

"The best times of my life I always had during
travelling. So I try to travel as much as possible and try to connect it with working."

Wie

wichtig für ihn Reisen ist, zeigt sich auch durch das permanente ,,name-dropping"

während des Interviews. Sehr häufig platziert er Städte- oder Ländernamen in seine

Aussagen, die Internationalität seiner Kontakte und seine eigenen Reiseerfahrungen

finden oft Erwähnung. Seine Arbeit, die allein eines Internetzugangs bedarf, ermöglicht

ihm seinen mobilen Lebensstil und macht ihn zeitlich und geographisch unabhängig:

,,I
can choose when I work. I just need my laptop and internet connection. And I can do this
in any...any place in the world."

72


Nicht nur auf seine Taxi-Fahrten sondern auch auf jede seiner Reisen nimmt er den

Laptop mit. Dort trifft er oft auf Menschen, die so leben wie er; die digitale Boheme sei

international, sagt er:

,,Nearly everywhere you see them."

Die enge Verknüpfung von

Reisen und auf Internet basierender Tätigkeit bedeutet auch

ein Zusammenrücken von

Hobby und Erwerbsarbeit. Deutlich wird das zum Beispiel, wenn er nach seiner Definition

von Arbeit gefragt wird:

,,It is not really work, I like to do it."

In Thailand verbesserte er

die Internetseiten für einige Bungalow- und Restaurantbesitzer und konnte so

wochenlang umsonst leben:

"For example, when we were in Thailand, it was holiday also,
but we stayed (...) at the beach. (...) Directly at the beach (...) so we could do everything
what we want."

Die klassische Dichotomie von Arbeit und Freizeit lässt sich bei ihm in

dieser strengen Form nicht vorfinden. Web-Design und Strandurlaub sind untrennbar

miteinander verknüpft. Er kann selbst nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit

unterscheiden, eigentlich wäre seine Arbeit wie ein Hobby.

,,It′s just fun!"

betont er.


Sich auf die digitale Boheme beziehend, sagt Brian

: ,,I think this is really describing my
lifestyle

." Er versteht unter dem Begriff einen freien Lebensstil, der Internet, Kunst,

Partys, Reisen und ein ausgeprägtes soziales Netzwerk miteinander verbindet. Obwohl er

sich vorher immer als ,,Cyber Nomad" beschrieb, trifft die Bezeichnung der digitalen

Boheme seiner Meinung nach besser zu:

,,′Digital Bohèmian′ sounds sexier (not so
,nerdish′)".

Das Wort ,,Cyber" würde eher an Computer-Freaks erinnern, die keinen

Kontakt zur realen Welt mehr hätten und die Kunst zu leben nicht kennen würden.


,,Das Prinzip ist, alles mit allem zu verbinden." - Networking und finanzielle
Sicherheit

Brian bestand darauf, das Interview auf Englisch zu führen und auf Video aufzunehmen.

Im Nachhinein wollte er es dann im Internet, zum Beispiel bei youtube, hochladen. Er

erhoffte sich, dieses Material bei zukünftigen Multi-Media-Projekten zu verwenden oder

es an internationale TV-Stationen verkaufen zu können. Den Erlös wollte er dann mit mir

teilen. Dieses Vorgehen zeigt die hohe Bedeutung, die er Netzwerken zuschreibt. Das

Prinzip sei, alles mit allem zu verbinden, schreibt er in einer Rundmail. Er hätte die

Erfahrung gemacht, dass durch ein gezieltes Speichern und Weitergeben von nützlichen

Informationen oft synergistische Effekte entstehen würden. Schon häufig hätte er von

seinem persönlichen Netzwerk profitert, viele Wünsche hätten sich oft ,,

blitzschnell"

erfüllt. Er schreibt dazu:

,,Manchmal ist es schon unheimlich. Gutes "Networking" ist eben
(fast) alles..."

Im Interview beschreibt er ausführlich, wie er die Kontakte zu

Studierenden aus seiner Zeit an der Multi-Media-Akademie heute noch intensiv pflegt und

sie sich gegenseitig immer wieder Aufträge zukommen lassen. Diese Netzwerk-

Kompetenz ist seiner Meinung nach wichtig, um als Selbstständiger überleben zu können.

Das sei jedoch eine Voraussetzung, die nicht jeder hätte:

,,You must be the right
character for doing this. Otherwise you maybe have problems".

73


Seiner Beschreibung nach verfügt er über diese Kompetenz, er erwähnt immer wieder

sein weitreichendes Netzwerk. Es wäre wichtig, sagt er, keine zu niedrigen Preise

anzusetzen:

,,You have to bargain, you know?"

Er startete mit einem Stundenlohn von 36

Euro, heute verlangt er manchmal auch 40 oder 50 Euro die Stunde, wenn eine Arbeit

besonders schnell erledigt werden soll. Er würde, wie bei einer Auktion, danach gehen,

welches Unternehmen am meisten bietet. Das deutet auf ein ausgeprägtes

Selbstbewusstsein hin, mit dem er seine Arbeitskraft verkauft. Er dominiert die Preise

und entscheidet über seine Auftraggeber, an keiner Stelle des Interviews präsentiert er

sich als abhängig von den Forderungen des Marktes. Den einzigen Nachteil der

Selbstständigkeit sieht er darin, dass es keine Sicherheit gäbe. Allerdings beschränken

sich seine Erfahrungen mit Prekarität auf die ersten vier Wochen in seiner Zeit als

Selbstständiger. Selbst in dieser Zeit hätte er immer noch das Taxi-Unternehmen als

Sicherheit gehabt.

Brian

kombiniert sein Hobby mit seiner Erwerbstätigkeit. Das ist seiner Meinung nach

nur aufgrund der Flexibilität durch das Internet möglich. Er verbindet mit dem Begriff der

digitalen Boheme ausschließlich Positives, er würde genau seinen Lebensstil, der von

Freiheit, Reisen, Kunst und Internet geprägt ist, beschreiben. Die einzigen Nachteile

eines Lebens als Selbstständiger, die er benennt, treffen auf ihn nicht zu. Er wirkt sehr

zufrieden mit seiner Erwerbstätigkeit und beklagt sich nicht über Prekarität, soziale

Einsamkeit, Selbstausbeutung oder mangelnde Selbstmotivation, wie es andere

Selbstständige tun. Es wirkt so, als hätte er tatsächlich den ,,richtigen Charakter" für ein

Leben in der Selbstständigkeit. Zumindest hat er im Laufe der Zeit erfolgreiche

Handlungsstrategien entwickelt: Er ist der Älteste meiner InterviewpartnerInnen und

verfügt über jahrelange Erfahrung (z.B. Netzwerkkompetenz und fachliches Verständnis)

die ihn in eine Position bringt, aus der heraus er Preise verhandeln kann.

5.3.4. Alina: ,,Also, ich versteh den Vorwurf nicht."

Alina ist 30 Jahre alt und zog nach einem abgeschlossenen Studium als Übersetzerin von

Weißrussland nach Deutschland. Dort absolvierte sie zunächst ein soziales Jahr in einem

Hospiz und zog dann nach Darmstadt, um Online-Journalismus zu studieren. Zurzeit

wohnt sie in Berlin und arbeitet für zwei Großunternehmen im Bereich Blog-Monitoring268

und Online-Recherchen. Ihr eigentliches Berufsziel, Online-Journalismus, kann sie

momentan noch nicht ausführen, da es einige Komplikationen mit der AusländerInnen-

Behörde in Deutschland gab.

268 Blog-Monitoring wird betrieben, um zum Beispiel neue Trends in der Blogosphäre auszumachen (die häufig

schneller als in den Print-Medien diskutiert werden) oder auch um gezielt nach kritischen Beiträgen über ein

spezielles Produkt zu suchen und so früh darauf reagieren zu können.

74


Zum Zeitpunkt des Interviews ist sie schwanger, sie plant mit ihrem Partner, einem

Engländer, noch einige Zeit in Berlin wohnen zu bleiben und dann nach England zu

ziehen oder auch woanders hin.

Reisen gegen die Routine

Reisen ist für Alina sehr wichtig. Sie und ihr Partner bleiben nie gerne lange an einem

Ort. In ein paar Monaten möchte sie Deutschland verlassen:

,,Egal wohin, einfach nur
weiter."

Es gibt kein bestimmtes Reiseziel, mal spricht sie von England, mal von Indien

oder allgemein von Europa. Ihre jetzigen Unternehmen akzeptieren ihre Mobilität:

,,Ich
kann auch auf dem Mond bleiben, ist egal, die Hauptsache ist, dass die Berichte
kommen."

Die Möglichkeit, Arbeit und Reisen zu verbinden, war auch einer der

ausschlaggebenden Gründe für das Studium des Online-Journalismus:

,,Ich wollte schon
immer reisen, also deswegen habe ich mit dem Journalismus angefangen."

Anfänglich

hatte sie nach ihrem ersten Studium als Übersetzerin gearbeitet, doch obwohl die Arbeit

ihr Spaß machte, gefiel ihr die Routine nicht:

" Um 9 Uhr da zu sein, um 6 Uhr aufhören,
nach Hause zu gehen. Die Tage haben sich einfach wiederholt und es gab nichts Neues"

.

Alina ist nicht gerne abhängig, sei es von einem geregelten Tagesablauf oder auch von

der Familie ihres Partners, die gerne die junge Familie unterstützen würde. Ihre

individuelle Freiheit bedeutet ihr sehr viel. Die Vorteile ihrer selbstbestimmten Arbeit

überwiegen für sie so sehr, dass ich ihr die Kritik an diesem Lebensentwurf, die

selbstausbeuterische Aspekte darin entdeckt, mehrmals ausführlich erklären muss.

Schließlich sagt sie, dass sie den Vorwurf nicht verstehen würde und meint:

,, Ich denke,
jeder Mensch muss das Recht haben, selber zu entscheiden (...) wenn mir jemand jetzt
verbieten würde frei zu sein oder frei zu arbeiten, das würde mich wirklich sehr ärgern."

Diese Freiheit ist letztendlich auch der Grund, weswegen sie unsichere Aspekte ihrer

Erwerbsarbeit toleriert. Denn gerade aufgrund ihrer (nicht geplanten) Schwangerschaft,

hätte sie gerne etwas, worauf sie sich verlassen kann:

,,Jetzt, gerade wo man schwanger
ist, da denkt man vielmehr an diese sicheren [Arbeits-]Plätze, wo du krankenversichert
bist und Mutterschutz und was weiß ich."

Besonders weil ihr Freund auch bald

freiberuflich arbeiten wird, schätzt sie diese Situation als

,,heikel"

ein. Sie hätte das Kind

erst geplant, wenn sie schon ein wenig länger als Online-Journalistin gearbeitet und ein

Netzwerk aus Kontakten zu mehreren Redaktionen aufgebaut hätte:

,,Dann ist man schon
abgesichert."

Momentan allerdings scheint ihre finanzielle Lage nicht zu ihrer

Zufriedenheit zu sein. Mehrmals weist sie auf Spar-Möglichkeiten hin oder auf Dinge, die

sie sich zurzeit nicht leisten kann. Finanziell könnte es besser sein, sagte sie. Aber das

erwähnt sie nur am Rande, die Vorteile scheinen für sie zu überwiegen:

,,also klar, es ist
nicht sicher (...) dafür habe ich meine Freiheit."

75


Internet vs. Leben

Alina verwendet nicht nur beruflich das Internet, sondern nutzt es auch häufig zur

privaten Kommunikation, für Einkäufe und zur Informationsbeschaffung.

,,Mein Leben ist
wirklich (...) im Internet konzentriert",

sagt sie. Besonders schätzt sie daran die

Möglichkeit, Geld zu sparen und interessante Menschen kennen zu lernen:

,,Internet ist
wirklich so ein Wunder dieser Zeit und das ist toll"

. Gerade Kontakte zu knüpfen sei

einfacher als im nicht-virtuellen Bereich.

,,Man kann natürlich auch, auch frei ins Leben
raus"

, sagt sie, aber da wäre es schwieriger. Das Internet mache sozialer sagt sie auf der

einen Seite, gleichzeitig aber sollte, ihrer Meinung nach, ,,

es sich im Leben wirklich nicht
nur um Internet drehen".

Die von ihr konstruierte Dichotomie

Leben

und

Internet

wird

an einigen Stellen des Interviews deutlich. Sie bemerkt zum Beispiel, dass die Blogger

vorrangig über das Web 2.0. schreiben würden, sie persönlich allerdings vor allem das

,,reale Leben"

interessieren würde. Auf der einen Seite betont sie die soziale Funktion des

Internets, andererseits empfindet sie eine zu intensive Beschäftigung mit diesem (nicht

realen?) Medium als negativ. Das könnte wahrscheinlich einer der Gründe sein,

weswegen sie sich nicht sicher ist, ob sie zur digitalen Boheme gehört oder nicht. Denn

darunter stellt sie sich aktivere Personen vor,

,,so richtige Starblogger zum Beispiel".

Sie

hingegen sei zwar in allen sozialen Netzwerken präsent, aber weniger aktiv. Die

Diskussionen über die digitalen Selbstständigen interessieren sie nicht:

,,Wenn man
Online-Journalismus studiert, dann scheint es so natürlich."

Alina

ist bewusst nicht fest angestellt tätig, da sie nur so ihre Erwerbstätigkeit mit ihren

Reisen kombinieren kann. Selbstständigkeit verbindet sie vor allem mit der Freiheit, ihr

Leben bestimmen zu können, den Vorwurf der Selbstausbeutung versteht sie nicht. Das

Internet ermöglicht ihr diese Form des selbstbestimmten Arbeiten und Lebens und in

vielen Lebensbereichen bewertet sie es positiv. Trotzdem gibt es für sie noch ein ,,reales

Leben" jenseits der Virtualität, dass sie vorrangig interessiert.



5.3.5. Natalie: ,,I feel like the generation now is not interested in being stuck
like that."

Natalie ist 28 Jahre alt und in Kalifornien aufgewachsen. Dort studierte sie zuerst Chemie

und fing nebenbei mit dem Tanzen an. Als sie eine Stelle als

assistant director

bei einem Tanz-Studio angeboten bekam, brach sie das Chemie-Studium ab, um ihre Zeit

mehr in die Choreografie investieren zu können. Sie wechselte zum Sprachen-Studium

und schloss mit einem B.A. in Französisch, Italienisch und Deutsch ab. Dann ging sie

nach Europa und verbrachte die meiste Zeit (zwei Jahre) in Frankreich als Assistenz-

Lehrerin an einer Schule.

76


Zum Zeitpunkt des Interviews wohnt sie in Berlin und arbeitet als Choreografin,

Haushaltshilfe und übersetzt für ungefähr 10 Unternehmen aus aller Welt.

01.02.08 Bei Natalie zu Hause

Dann setzt sie sich im Schneidersitz vor ihren PC, der auf dem Boden steht. Sie

würde grundsätzlich gerne auf dem Boden arbeiten, sagt sie. Also sitzt diese

kleine Person im roten Sweater, mit Rastas, vielen Piercings im Ohr und einer

Nickelbrille kerzengrade neben mir, tippt in die Tastatur des uralten Computers­

und nennt es Arbeit.


Zeit und Erfolg

Natalie arbeitet permanent daran, ihre Kontakte zu erweitern, um so an bessere Aufträge

im Bereich Übersetzung zu gelangen. Während ihres Aufenthaltes in Frankreich, hatte sie

nicht genügend Kapazitäten, ihr Netzwerk zu pflegen und muss es nun Stück für Stück

wieder aufbauen. Dabei spielt die Zeit eine wichtige Rolle:

,,You have to have time
available..."

Die Übersetzungsaufträge müssen meistens sehr kurzfristig erledigt werden

und da sie auch andere verbindliche Jobs hat, erweist sich das manchmal als kompliziert.

Sie befindet sich in einer paradoxen Situation: Als Vollzeit-Übersetzerin würde sie besser

neue Aufträge annehmen können. Gleichzeitig kann sie sich es nicht leisten, nur als

Übersetzerin zu arbeiten, weil ihr momentan noch nicht ausreichend Aufträge zur

Verfügung stehen. Zeit wird in ihrem Fall zu einer wichtigen Ressource, die über die

finanzielle Sicherheit entscheidet. Aber auch die Wahl des richtigen Zeitpunkts ist

ausschlaggebend. Ihrer Meinung nach sind in ihrer Situation als Selbstständige vor allem

drei Dinge entscheidend für den Erfolg: ein gutes Netzwerk aufzubauen, ständig an ihrer

Reputation zu arbeiten und ausreichend Arbeitserfahrung zu besitzen. Diese Faktoren

müssten aber auch zeitgleich zusammen kommen und das sei schwierig:

,,That are kind
of things you can′t really plan for".

Stabilität vs. Flexibilität

Natalie ist mit ihrer Erwerbstätigkeit an sich zufrieden, arbeitet allerdings immer noch

daran, sie zu stabilisieren: ,,

This is something that I want to keep and I want to work
with the next years, to getting a steady flow of clients"

. Manchmal muss sie Zeiten

überbrücken, in denen sie weniger Aufträge hat. Deswegen nimmt sie aber nicht, aus der

Not heraus, geringer bezahlte Aufträge an, sie hätte immer die Chance auch nein zu

sagen, sagt sie. Auch sie verhandelt mit den Auftraggebern die Preise, wer zum Beispiel

einen Eilauftrag hat, muss mehr für Natalies Leistung zahlen. Ihre manchmal unsichere

Lage hat sie noch nie dazu bewegt, über eine Festanstellung nachzudenken

:"I am not
interested in working for companies."

77


Im Allgemeinen würde sie mehr Vor- als Nachteile mit ihrer Tätigkeit verbinden, die ihr

Freude bereitet und kreative Freiheit gewährt. Ihrer Meinung nach wären Festangestellte

oft daran interessiert, freiberuflich zu arbeiten, würden aber aus Gründen der Sicherheit

bei der Festanstellung bleiben:

,,They keep that job, because it′s stable, but they hate
everything about it."

Auch Verbindlichkeiten, wie z.B. ein Haus, das abzuzahlen ist,

würden viele daran hindern, ihren Job, den sie nicht mögen, zu wechseln. Diese

Einstellung bezieht Natalie aber mehr auf die ältere Generation

: ,,I feel like the
generation now is not interested in being stuck like that."

Die Abwechslung, die sie als Selbstständige findet, ist ihr sehr wichtig. Neben ihren

Haupt-Tätigkeiten Choreografie und Übersetzung probiert sie immer wieder neue Jobs

aus. Manchmal sucht sie sich bewusst etwas, das nicht internetbezogen ist, da für sie das

Internet suchterzeugend wirken würde (sie bezeichnet sich als

,,married to the internet")

.

Bei jeder ihrer Erwerbstätigkeiten legt sie großen Wert auf Flexibilität, die sie öfters

während des Interviews erwähnt. Aus diesem Grund würde sie auch keine Arbeit in

einem Restaurant mehr annehmen:

,,I don′t think it would be flexible enough for me, to
be able to change schedules: ′I feel like, I wanna go tommorow.′ "


Natalie

arbeitet kontinuierlich an den für sie wichtigsten Faktoren einer erfolgreichen

Selbstständigkeit: Netzwerke, ein guter Ruf und Erfahrung. Da das Zeit beansprucht, ist

ihre finanzielle Situation für sie noch nicht optimal. Trotzdem ist sie mit ihrer

Erwerbstätigkeit generell zufrieden, da sie ihr Flexibilität und Abwechslung ermöglicht.


5.3.6. Nils: ,,...dass man sich selbst ausbeutet (...) klar macht man das!"

Anstelle zur Abitursfeier zu gehen, ging Nils lieber zum Konzert seiner Lieblingsband.

Danach begab er sich ein halbes Jahr auf Weltreise und arbeitete anschließend in Berlin

mehrere Jahre als Velo-Taxifahrer. Die festen Termine und das monatliche Bewerben um

einen Platz gefielen ihm mit der Zeit immer weniger und eines Tages ging er einfach

nicht mehr hin. In der Zwischenzeit hatte er sich das Programmieren selbst beigebracht

und einige Aufträge für Internetseiten erhalten. Programmieren und Web-Design gehören

auch noch heute für Nico, mittlerweile 28 Jahre alt, zu seinen Haupttätigkeiten. Nebenbei

fotografiert er für eine Stadtteil-Zeitung, die sein Vater leitet. Für diese Arbeiten nimmt

er allerdings einen Freundschaftspreis. Mit einem Freund ist er dabei, eine Firma für den

Bereich Programmierung zu gründen, sie haben sich zusammen ein gemeinsames Büro

gemietet. In seiner Freizeit ist er gerne kreativ; er produziert Musik, Cartoons oder Filme,

dazu ist er auch häufig am Computer aktiv.

78


Zwischen Lebenskunst und Schaffenswahn

Auf seiner Web-Seite beschreibt sich Nils als

,,freiberuflicher Kreativist"

. Manche würden

ihn vielleicht als Lebenskünstler bezeichnen: Er lebt in den Tag hinein und macht sich

wenig Gedanken um die Zukunft. Seine Strategie bezüglich Finanzierung und Job-

Rekrutierung scheint vorrangig darauf zu beruhen, keine zu haben:

,,Ich hab eigentlich
nie ... nie Arbeit gesucht oder so. Aber das ist einfach immer gekommen."

Seine Haltung

drückt sich am besten in dem Wort

irgendwie

aus, dass er 36 Mal im 40-minütigen

Interview verwendet. Auch seine jetzige Tätigkeit hat sich ergeben

: ,,Ich hab einfach
irgendwie gesagt, dass ich das kann, weil ich hab irgendwie selbst rumgebastelt und
dann konnte ich das. Das spricht sich halt so rum."

Dass er nicht gerne plant, wird

schnell deutlich: Er würde seine Finanzen nicht kalkulieren, sagt er, trotz manchmal

knappen Budgets und finanziellen Durststrecken, hätte er kein Konzept wie er damit

umgehen würde:

,,das Geld kommt ja alleine aufs Konto und dann ... geb´ ich′s halt aus.
(...) ich guck halt irgendwie, dass es so irgendwie hinhaut."

Irgendwann sei dann einfach

kein Geld mehr da, sagt er und lacht. Er wäre schon manchmal

,,knapp am Limit"

, aber

ihm würde es reichen. Seinen Angaben nach stehen ihm monatlich momentan 1000 Euro

netto zur Verfügung. Auf die Frage hin, ob er mit seinen Fähigkeiten als Festangestellter

nicht ein höheres Einkommen erhalten würde, antwortet er:

,,Es ist nicht wirklich wichtig.
Man kann auch auf andere Art und Weise viel Geld verdienen und weniger verdienen, das
ist eher Zufall, glaube ich."

Geld hat für ihn keine Priorität, viel wichtiger sei für ihn

,,gelebte Zeit".

Ganz nach seinem Motto

,,relaaaaaaaaaax"

, das er auf dem Couchsurfing-Profil angibt,

sucht er sich seine Jobs nach dem Zeit-Faktor aus. Seine damalige Arbeit als Velo-

Taxifahrer beschreibt er folgendermaßen: ,,

man konnte ausschlafen (...) und ist dann in
der Sonne draußen so′n bisschen durch die Gegend gefahren und ... die meiste Zeit
eigentlich auch nur am Crépe-Strand gesessen und Crépes gegessen".

Generell ist er mit

seiner jetzigen Tätigkeit zufrieden, jedoch würde er gerne mehr Zeit zur Verfügung

haben, um zum Beispiel noch mehr im Park liegen zu können, sagt er und lacht.

Drei Tage die Woche arbeitet er für vier Stunden in einer Agentur, den Rest der Zeit

verbringt er mit

,,eigenen Sachen"

, also zum Beispiel damit, die Firma aufzubauen, zu

fotografieren etc. Von diesen Tätigkeiten allerdings kann er momentan kein oder nur

wenig finanzielles Einkommen erwarten. Theoretisch sei es so, dass durch sein

selbstbestimmtes Arbeiten mehr individuelle Zeit für ihn bleiben würde, jedoch sagt er:

,,Im Endeffekt, praktisch, sieht es oft so aus, dass ich viel zu viel arbeite."

Dafür gäbe es

unterschiedliche Gründe. Die Projektarbeit impliziert Phasen von intensiver Arbeit, denen

wiederum Phasen von wenig Arbeit folgen. Zudem ist es Nils aufgrund seiner flexiblen

Zeiteinteilung möglich, Dinge solange aufzuschieben, bis er sie in relativ kurzer Zeit

erledigen muss. Und manchmal sei es auch ein

,,Schaffenswahn"

der ihn zum intensiven

Arbeiten motivieren würde.

79


Wie Federico argumentiert Nils, dass er trotzdem immer die Freiheit hätte, nichts zu tun.

Das sei sehr angenehm. Hier wird deutlich, dass für ihn, noch mehr als die tatsächlich

freie Zeit, das Wissen um die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung wichtig ist und

glücklich stimmt. Als ich ihn auf die Frage der Selbstausbeutung anspreche, sagt er:

,,(...)
dass man sich selbst ausbeutet ist - klar macht man das! Aber im Prinzip ist es ja egal,
ob man sich selbst oder der Staat einen ausbeutet oder sonst irgendjemand."

Nils betont,

dass er sich seine Selbstständigkeit selbst gewählt und bewusst keine Ausbildung oder

ein Angestelltenverhältnis gesucht hätte. Er sieht die Möglichkeit der Selbstausbeutung

nicht negativ, sondern eher als eine Herausforderung, sich selbst zu disziplinieren. Er

müsse lernen, nicht so viel zu arbeiten, sagt er. Die Verantwortung für eine sichere

Existenz als Selbstständiger sucht er ausschließlich bei sich: ,,

Also ich sehe es ganz
privat. Ich bin auch nicht der Typ der sagt: ,Äh, der Staat ist für mich verantwortlich und
muss dafür sorgen, dass ich hier irgendwie mit mir klarkomme.′"

Obwohl er nichts

dagegen hätte, Steuern zu zahlen und auch das Sozialsystem wichtig fände, ist er über

den ungefragten Eingriff des Staates in sein persönliches Leben verärgert. Als ein Beispiel

erzählt er davon, wie ihm in einer Zeit, in der er ein monatliches Einkommen von 600

Euro hatte, die Krankenversicherung ihm einen monatlichen Beitrag von 350 Euro

berechnete. Das lag daran, weil er unter die Mindestbeitrags-Bemessungsgrenze fiel und

somit ein Standard-Satz berechnet wurde. Er wurde somit genötigt, Sozialhilfe zu

beziehen.

,,Das ist absurd, das ist bescheuert! Das ist dann der Punkt, wo (...) es komisch
ist mit dem Staat, ne? Ich will das gar nicht, ich will gar keine Hilfe, aber ich werde dazu
gezwungen. (...) Völlig gaga!"

Mit 600 Euro im Monat hätte er damals hervorragend

gelebt. Nils verzichtet gerne auf die Hilfe des Staates, er lebe für sich allein und bräuchte

den Staat nicht, meint er.


Nils

war jahrelang der Prekarität ausgesetzt und lebte mit einem Einkommen, das

deutlich unter der für Deutschland bestimmten Armutsgrenze269 liegt. Trotzdem sind

seine Aussagen von Sorgelosigkeit und Optimismus geprägt. Zeit für individuelle

Interessen ist ihm weitaus wichtiger als ein regelmäßiges Einkommen. Gleichzeitig

schätzt er seinen momentanen Zeitaufwand für seine Projekte als zu hoch ein, oft würde

er viel mehr arbeiten, als geplant. Generell bezeichnet er sich jedoch mehrmals als

zufrieden mit seiner jetzigen Erwerbsarbeitssituation.


269 Nach dem Armutsbericht 2008 der Bundesregierung gelten diejenigen als arm, die als Alleinstehende nicht

mehr als 781 Euro netto im Monat zur Verfügung haben. Vgl. Michel, Jörg: Jeder Achte in Deutschland ist

arm. In: Berliner Zeitung, 19.05.2008.

80


5.3.7. Steven:

,,

I′m lazy"

Steven ist sozusagen ein Kollege. In Kalifornien hat er Anthropologie und Geschichte

studiert, bevor er sich beruflich dem Internet zuwandte. Er ist ungefähr 40 Jahre alt. In

seiner E-Mail erklärte er, dass er in

,,IT/Webwork"

involviert sei und das beschreibt seine

Arbeit am besten: Egal ob Web-Design, Suchmaschinen-Optimierung, Themen-Blogs,

Programmierung oder Werbung ­ sein Ein-Mann-Medien-Unternehmen bietet fast alles

an, was mit dem Internet zu tun hat. Außerdem fotografiert er professionell und hat in

den letzten Jahren zwei Dokumentarfilme publiziert.

,,Vive le internet"

Meinen Interview-Aufruf270 im Forum kommentierte Steve mit

,,Oh my God! That′s me! "

In seiner kurz darauf folgenden E-Mail schrieb er:

,,Well, your post on CS describes my
life and work exactly! I′ve been touring Europe for the last 2 years as a `digital bohemian′
and would be happy to take part in your interview."

Einen digitalen Bohemien bezeichnet

er im Interview als einen digitalen Hippie: Er sei nicht an einen Ort gebunden und würde

häufig das Internet verwenden. Steves Kunden würden über die Welt verteilt leben und

viele von ihnen hätte er nie persönlich getroffen. Seine gesamte Arbeit funktioniert nur

über das Internet. So wäre es ihm möglich viel zu reisen und einen bohemianischen

Lebensstil zu führen:

,,sleeping late, partying and working when I want to. Vive le
internet!"

Steve ist einer der Interviewpartner, der am meisten die Chancen und Risiken

des Internets reflektiert. Er ist genauso viel wie alle anderen vom Internet abhängig,

zieht aber (auch aufgrund seines Alters) im Laufe des Interviews immer wieder einen

Vergleich zu den Zeiten ohne Internet. Schon kurz nach seinem Studium wollte er nach

Europa ziehen. Das war ihm jedoch nicht möglich, da er keine Arbeitserlaubnis besaß.

Heutzutage ist es anders, er kann für Kunden in den USA arbeiten und in Europa leben.

Mobilität ist für ihn sehr wichtig, deswegen spricht er sich auch gegen ein klassisches

Festangestelltenverhältnis aus. Er würde die Vorstellung, jeden Tag von acht Uhr

morgens bis fünf Uhr nachmittags im Büro zu sitzen, hassen

: "Who really likes those
jobs?"

fragt er. Er schätzt den ihm durch das Internet ermöglichten Lebensstil sehr und

möchte auf keinen Fall darauf verzichten:

,,I can′t even imagine what I would do without
it!"

Ein weiterer Aspekt, den er betont, ist die Möglichkeit, ein hohes Einkommen durch das

Internet zu erzielen:

,,You know there is more money in computers than it is in
anthropology"

sagt er augenzwinkernd und ich muss ihm beipflichten.

270 Ich schrieb:

"I am interested in people who are creative, work self-determined, are using the internet a lot
and want to live and work in an individual way."

81


Damals hätte er schon geahnt, dass die Arbeit mit Computern und Internet in der

Zukunft sehr gefragt werden würde:

,,I was right there when the internet really came (...)
worked for big companys and made a lot of money..."

Auf der anderen Seite ist er heute

nicht mehr an möglichst hohen Gehältern interessiert. Es sei schwer für ihn, sich zu

motivieren, mehr zu arbeiten, er arbeite relativ wenig:

,,I′m lazy".

Mehrfach erwähnt er,

dass er faul sei, besonders im Vergleich mit vielen seiner Freunde. Die würden 50

Stunden wöchentlich oder mehr arbeiten und hätten deswegen kein soziales Leben. Das

möchte er nicht, auch wenn er die Chance auf gut bezahlte Jobs in der IT-Branche hätte.

Er befindet sich in einer Position, in der er sich genau aussuchen kann, wo er arbeiten

möchte:

,,When you have certain skills it′s easier to change jobs, because there is a lot of
jobs and, you know, your skills are in demand."

Wenn er wollte, könnte er mehr Aufträge

bekommen und somit auch mehr Geld verdienen. Aber er hat sich dagegen entschieden

und deswegen öfters gute Angebote abgelehnt:

,,I don′t care so much about money. So I
have a cheap lifestyle."

Deswegen ist er auch mit seiner finanziell instabilen Situation

zufrieden.



Sozial oder nicht sozial?

Der Vorteil, der sich für Steve aufgrund seiner verfügbaren Zeit ergibt, ist auch

gleichzeitig ein großer Nachteil: Er kann diese Zeit nur mit wenigen Personen teilen. Viele

seiner Bekannten würden den ganzen Tag arbeiten und kaum Zeit haben, sich mit ihm zu

treffen:

,,It is unpossible to socialise with people like that"

sagt er. Außerdem würde er

den ganzen Tag zuhause am Computer sitzen und deswegen kaum auf andere Menschen

treffen. Doch auch hier sieht er das Internet als eine Lösungsmöglichkeit, da es ihm

gleichzeitig auch Gelegenheiten bietet, neue Kontakte zu knüpfen. Durch soziale

Netzwerke wie Couchsurfing würde er die unterschiedlichsten Leute kennen lernen, sagt

Steve. In seinem Couchsurfing-Profil schreibt er, dass er auf den regionalen Treffen271

viele Freunde gefunden hätte:

,,As someone who has moved to Europe from America with
very few friends and moved around a lot to different cities, it was very difficult to meet
people and make lasting friendships before CS. Without CS to introduce me to so many
new people, I think my time in Europe would have been much lonelier and less
enjoyable. CS has given me an extended family."

Steve

ist überwiegend von den Vorteilen des Internets überzeugt, die ihm seinen

speziellen Lebensstil ermöglichen. Die Gefahr der sozialen Vereinsamung kompensiert er,

indem er sich wiederum aktiv in sozialen Internet-Netzwerken, wie Couchsurfing,

engagiert. Seine manchmal prekäre Erwerbslage ergibt sich nicht aus einer ungünstigen

Arbeitsmarktlage, denn seine Fähigkeiten sind gefragt.

271 Neben größeren landesweiten Treffen, finden regelmäßig Couchsurfing-Treffen auf Städte-Ebene und

regionaler Ebene statt.

82


Vielmehr ist sie seiner persönlichen Entscheidung, auf Geld zugunsten mehr freier Zeit zu

verzichten, zuzuschreiben.


5.3.8. Exkurs - Leo: ,,...das sind Pseudo-Designer"

Mit Leo führte ich mein erstes ausführliches Gespräch, das ich hier aber nur kurz

wiedergeben möchte.272 Einige seiner Ansichten sind, gerade im Kontrast zu den

Aussagen der anderen Selbstständigen, sehr interessant. Leo ist 25 Jahre alt und studiert

Grafikdesign. Da er seiner Meinung nach einen

,,relativ hohen Lebensanspruch"

von 1000

Euro im Monat hat, macht er seit Beginn des Studiums Auftragsarbeit für

unterschiedliche Designprojekte. Sein erstes Burnout hat er schon hinter sich. 13 bis 15

Stunden Arbeit täglich und die Tatsache, dass er manchmal den Rechner wochenlang

nicht ausstellte, führten zum Zusammenbruch:

,,das ganze Kartenhaus ist
zusammengefallen".

Leo stellt daraufhin sein

,,neues Lebenskonzept"

vor, das ihn vor den

Gefahren eines Burnouts bewahren und Karriere und Privatleben ausbalancieren soll. In

diesem Zusammenhang spricht er von einem (nicht unbedingt in naher Zukunft

geplanten) Umzug nach Oslo, da die Norweger seiner Meinung nach eine entspanntere

Einstellung zur Arbeit haben. Exzessives Arbeiten wird hier als potentielle Gefahr des

Privatlebens und des emotionalen Haushaltes thematisiert.

Von diesem Hintergrund aus erklärt sich auch seine Einstellung zur digitalen Boheme:

,,Die machen keine Kohle, das sind Pseudo-Designer. (...) Das ist doch kein Job, wenn die
einen richtigen Job hätten, hätten sie keine Zeit, mit dem PC im Café rumzuhängen."

Die

Pseudo-Designer, die er mehrfach erwähnt, sind ein wichtiges Schlüsselwort.

Demnach

weist sein Arbeitsverständnis zwei Merkmale auf: 1. Erwerbsarbeit muss eine bestimmte

Menge Geld erwirtschaften, die die digitale Boheme seiner Meinung nach nicht

erwirtschaftet. 2. Erwerbsarbeit lässt wenig Zeit für private Dinge bzw. ist an ein Büro

gebunden. Menschen, die Zeit haben, im Café zu sitzen, können keinen beruflichen Erfolg

haben. Leo bringt der digitalen Boheme wenig Sympathie entgegen, seiner Meinung nach

seien das alles

,,schaltragende Weicheier"

oder auch ,,

digitale Punks. Es wird nicht mehr
auf der Straße abgehangen, sondern im Café."

In dem Vergleich mit den Punks drückt

sich ein gewisses Überlegenheitsgefühl aus. Dem Begriff haftet in diesem

Zusammenhang etwas Parasitäres an, das Leo im Gegensatz zu seiner Professionalität

sieht. Trotzdem ist er selbst nur bedingt von einem Leben als Angestellter überzeugt.

Sein Traum ist, eines Tages die Vorteile des Selbstständigendaseins (mehr

Entscheidungsfreiheit) mit denen des Angestelltendaseins (geregelteres Leben, räumliche

Trennung von Arbeit und Freizeit) zu kombinieren. So hätte er in der Zukunft gerne eine

mittelständige Agentur mit drei bis vier Angestellten.

272 Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen handelte es sich um ein erstes, informelles Gespräch, dass sich

plötzlich zu einem zweistündigen Interview entwickelte und ich somit nicht aufnehmen konnte. Zum anderen

studierte Leo die meiste Zeit und arbeitete nur nebenbei als Selbstständiger.

83


Leo

hat selbst die negativen Folgen von Überarbeitung erlebt und versucht einen

gemäßigteren Arbeitsstil zu entwickeln, der ihm mehr individuelle Freiräume verschafft.

Gleichzeitig kritisiert er aber den Lebensstil der digitalen Boheme. Seiner Erfahrung nach

lässt sich dieses Maß an freier Zeit nicht mit finanziellem Erfolg verbinden.

5.3.9. Die AkteurInnen im Vergleich

Alle InterviewpartnerInnen erklären, dass sie im Großen und Ganzen mit ihrer

Erwerbssituation zufrieden sind. Für einige ist es allerdings klar, dass sie auf Dauer nicht

so leben wollen. Federico und Colin zum Beispiel versuchen für eine gewisse Zeitspanne

ihre Projekte zu verwirklichen, danach möchten sie sich andere Tätigkeiten suchen. Auch

Leo ist noch nicht mit seiner Erwerbssituation zufrieden.

Der Begriff der digitalen Boheme wird sehr unterschiedlich interpretiert. Natalie und Nils

kennen ihn nicht und können sich nichts darunter vorstellen. Federico, Brian und Steve

denken, dass er ihren Lebensstil passend beschreibt und deuten ihn ausschließlich

positiv. Sie verbinden damit u.a. Internet, Reisen, Kreativität, Berlin, einen niedrigen

Lebensstandard, Partys und Netzwerke. Colin findet solche Bezeichnungen im

Allgemeinen zu glamourös und Alina interessieren Diskussionen um, auf das Internet

bezogene Phänomene nicht weiter, da sie als Online-Journalistin diese Dinge als völlig

selbstverständlich empfindet. Für Leo ist der Begriff ein Bild für eine erfolglose berufliche

Karriere.

Die

Erwerbslage

von Federico, Nils und Alina ist auf jeden Fall als prekär einzuschätzen,

sie bemerken selbst, nicht zufrieden mit ihrer finanziellen Situation zu sein. Federico

reagiert darauf, indem er versucht möglichst flexibel zu sein und an unterschiedlichen

Projekten arbeitet, in der Hoffnung, dass eines erfolgreich sein wird. Außerdem bezieht

er, zur finanziellen Absicherung, familiäre Unterstützung.

Alina ist, genauso wie Federico, nicht zufrieden mit ihrer finanziellen Situation. Jedoch ist

ihr die persönliche Freiheit so wichtig, dass sie die Prekarität nicht als allzu negativ

bewertet. Momentan beruht ihre Handlungsstrategie vorrangig auf Warten ­ ohne eine

Arbeitsgenehmigung kann sie nicht viel tun. In der Zwischenzeit versucht sie sparsam zu

leben. Nils lebte lange Zeit am Existenzminimum, mittlerweile geht es ihm finanziell ein

wenig besser. Er scheint, im Gegensatz zu den anderen, nicht unter dem Geldmangel zu

leiden. Deswegen versucht er auch nicht, seine finanzielle Situation zu optimieren.

Natalie und Steve haben ein stabileres Einkommen. Sie beide können es sich leisten über

Preise zu verhandeln bzw. Aufträge abzulehnen. Während Steve nicht an einer

Erweiterung seines Kunden-Netzwerkes interessiert ist, arbeitet Natalie daran, neue

Kunden zu akquirieren. Colin und Brian scheinen keine finanziellen Probleme zu haben.

84


Colin kann in einer kurzen Zeit über das Pokerspielen alle seine finanziellen Bedürfnisse

befriedigen. Brian kennt prekäre Verhältnisse nur aus den ersten vier Wochen seiner

Selbstständigkeit. Er kann angemessene Preise für seine Arbeit verhandeln, an Aufträgen

mangelt es nie. Auch Leo scheint mit seiner finanziellen Situation zufrieden zu sein.

Einige InterviewpartnerInnen betonen ausdrücklich die Wichtigkeit der Netzwerkarbeit.

Es wird deutlich, dass ihnen ein gut ausgeprägtes Netzwerk Sicherheit vermittelt. Diese

Sicherheit wird als gleichwertig im Vergleich mit der Stabilität einer Festanstellung

empfunden. Keiner der Selbstständigen scheint in einem ausgeprägten Maße

materialistisch eingestellt zu sein. Im Vordergrund ihrer Erwerbstätigkeit steht immer

eine ideelle Motivation, wie Selbstbestimmung, Flexibilität etc. Die AkteurInnen lehnen

aufgrund dieser Werte auch bestimmte Tätigkeiten ab. Sie ergreifen bewusst Job-

Chancen nicht, um ihre individuellen Ansprüche an Arbeit zu gewährleisten.

Zudem rechnet keiner von ihnen mit permanenter Erwerbslosigkeit. Ihre Haltung ist von

einer optimistischen Grundhaltung durchzogen, sie leben in dem Bewusstsein, dass sie

aufgrund ihrer Qualifikationen und Kontakte immer etwas finden werden, wovon sie

leben können. Hierzu nocheinmal die Aussage von Steve:

,,I don′t have to work that
much, you know. If I really wanted to, there′s a lot".

Es wird deutlich, dass sich alle in

einer Position befinden, in der sie über die Form ihrer Erwerbsarbeit entscheiden können.

Das bedeutet nicht, dass sie nicht ab und zu auch mal einen unliebsamen Job ausüben,

aber das ist in ihrem flexiblen Lebensstil mit einkalkuliert.


Die AkteurInnen schätzten die

Vorteile des selbstständigen Arbeitens

wie freie

Zeiteinteilung, mehr individuelle Zeit im Allgemeinen, keine Vorgesetzten, flache

hierarchische Strukturen, freie Wahl des Arbeitsortes, Freude bei der Arbeit, Mobilität und

Kreativität sehr. Neben der zeitlichen Flexibilität wird in fast allen Interviews die

Möglichkeit der geografischen Flexibilität erwähnt. Bis auf Nils und Leo, bemerken alle

InterviewpartnerInnen, wie wichtig es für sie sei, einen mobilen Lebensstil führen zu

können. Dieser starke Fokus beruht zum einen wahrscheinlich hauptsächlich auf ihrer

Mitgliedschaft bei Couchsurfing. Aber selbst Federico, der nicht als Couchsurfer aktiv ist,

schätzt die Vorteile der geografischen Flexibilität, die ihm sein Lebensstil bietet. Vielleicht

spiegeln die Interviews auch den allgemeinen Trend zu mehr Mobilität und

migratorischen Lebensformen in Zeiten der Globalisierung wieder273. Mit der

Thematisierung der Vorteile der Selbstständigkeit geht öfters auch eine negative

Beschreibung des Lebens in der Festanstellung einher. Besonders Steve und Natalie

beschreiben es als eintönig, hierarchisch und festgefahren. Neben den Vorteilen eines

Lebens als kreative (Allein) Selbstständige sehen sich die InterviewpartnerInnen auch mit

neuen Herausforderungen

konfrontiert.

273 Vgl. Kaschuba, Wolfgang: Die Überwindung der Distanz. Zeit und Raum in der europäischen Moderne.

Frankfurt am Main 2004.

85


Keinen Chef zu haben bedeutet, Selbstmotivation erlernen zu müssen. Zudem

erschweren die veränderten Arbeitsrhythmen den sozialen Kontakt zu Festangestellten -

neue Freundschafts-Netzwerke müssen aufgebaut werden. Die grenzenlose Flexibilität,

die als Freiheit verstanden wird, geht zudem manchmal in grenzenloses Arbeiten über.

Hier gilt es, die nicht vorhandenen Strukturen wie Büro oder geregelte Arbeitszeit durch

persönliche Grenzen zu ersetzen. Die AkteurInnen thematisieren zwar die negativen

Folgen der Selbstbestimmung, bewerten deswegen aber nicht das selbstbestimmte

Arbeiten generell negativ. Ursache dafür ist, neben oben genannten Vorteilen, auch der

hohe Grad der Selbstverantwortung, den sie sich zuschreiben. Es liegt an ihnen, negative

Auswirkungen zu bekämpfen. Nur Federico fordert ausdrücklich das Eingreifen des

Staates zur Verbesserung der Lage von Selbstständigen.

Das

Internet

wird in den Interviews unterschiedlich bewertet: Zum einen wird betont,

dass es den individuellen und flexiblen Lebensstil der Kreativen (Alleinselbstständigen)

erst möglich macht. Gleichzeitig wird auch seine soziale Funktion dargestellt: Es würde

das Kennenlernen von neuen Menschen und die Erweiterung des eigenen Netzwerkes

erleichtern. Auf der anderen Seite sehen Steven und Colin jedoch auch die Gefahr der

sozialen Vereinsamung durch Internet-basierte Erwerbsarbeit, da es so kaum noch nötig

wird, aus dem Haus zu gehen. Auch Nathalie betont, dass sie manchmal bewusst Jobs

annimmt, bei denen sie keinen Internetzugang benötigt, da es auf die Dauer süchtig

machen würde.

Berlin

wird von meinen InterviewpartnerInnen öfters als eine preiswerte Möglichkeit, in

Deutschland zu leben, erwähnt. Colin betont die Abwechslung, die die Stadt bietet,

Federico ist besonders von den beruflichen Möglichkeiten in Berlin fasziniert.

86


87


6. Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht?

6.1. Zusammenfassung

Bevor ich die unterschiedlichen Diskursstränge und Argumentationsstrategien

zusammenfasse, möchte ich zuerst einmal die

Positionen

der Medien bzw. AkteurInnen

voneinander abgrenzen. Lobo und Friebe sind die Lobbyisten eines neuen Lebensstils: Sie

haben Interesse daran, den Begriff der digitalen Boheme positiv zu besetzen, nicht nur

aus Überzeugung, sondern auch deswegen, weil der Verkauf des Buches und der Erfolg

ihrer weiteren Projekte davon abhängig sind. Als Erfinder der digitalen Boheme prägen

sie den Diskurs darüber maßgeblich mit und verschaffen sich, aufgrund des Erfolgs ihres

Buches274, immer mehr an Gehör, auch über die Szene der kreativen

(Allein)Selbstständigen hinaus.275 Die AutorInnen der Zeitschriftenartikel müssen, neben

dem Ziel, eine möglichst interessante Geschichte zu bringen, auch ein bestimmtes

Lesepublikum ansprechen. Der Spiegel schreibt für ein breiteres Publikum mit einem

bestimmten Bildungshintergrund, das an einer allgemein kritischen Auseinandersetzung

interessiert ist. Die LeserInnenschaft von Brand eins erwartet vor allem eine

(populär)wirtschaftliche Argumentation. Die Artikel der zitty sind hauptsächlich an ein

regionales, junges Publikum adressiert, das sich für Ereignisse und Personen der

subkulturellen Szene in Berlin interessiert. Der Einfluss dieser, in populären Medien

publizierten, Artikel ist innerhalb der Diskussion über die digitale Boheme und

Erwerbsarbeit im Allgemeinen als groß einzuschätzen. Meine InterviewpartnerInnen

haben Interesse daran, mir als Wissenschaftlerin ihr individuelles Lebenskonzept

darzustellen und Sinn und Vorzüge dessen zu betonen. Am medialen Diskurs zu neueren

Formen der Erwerbsarbeit sind sie eher peripher beteiligt. Jedoch regen sie natürlich

Diskussionen in ihrem Bekanntenkreis an und prägen das Bild der Stadt mit ihrer Präsenz

als Konsumenten und Produzenten.

Der Begriff der digitalen Boheme

wird sehr unterschiedlich bewertet. Der Spiegel

assoziiert mit ihr vorrangig elitäre Strukturen, brand eins verbindet mit ihr vor allem

Erfolg. Die zitty bezieht sich, aus schon genannten Gründen, nicht auf den Begriff, in dem

Artikel stehen die kreativen (Allein)Selbstständigen Berlins aber für Prekarität. Für

meinen ersten Gesprächspartner Leo ist der Begriff der digitalen Boheme negativ

besetzt: Er ist ein Symbol für eine passive Arbeitshaltung und geringen finanziellen

Erfolg. Die von mir interviewten Selbstständigen drücken, je nachdem, Desinteresse oder

Begeisterung für den Begriff aus, jedoch keine Ablehnung. Verbinden sie mit der digitalen

Boheme positive Eigenschaften, steht sie vor allem für Freiheit. Im Folgenden gehe ich

nun auf einige der thematischen Stränge der Diskursfragmente ein.

274 Nur ein Jahr nach der Erstveröffentlichung erschien das Buch bereits in der 5. Auflage.

275 Die Autoren werden immer wieder zu Gastvorträgen in ganz Deutschland eingeladen.

88


Da es unmöglich ist, alle Diskursstränge in der Auswertung zu berücksichtigen, möchte

ich mich auf fünf große Argumentationslinien konzentrieren und diese jeweils prägnant

zusammenfassen.

1. Diskursstrang ,,ökonomischer Erfolg"

Lobo und Friebe, der Spiegel und brand eins betonen den finanziellen Erfolg eines

Lebenstils à la digitale Boheme. Im Buch ,,Wir nennen es Arbeit" wird der

,,Siegeszug der
Bohème"

beschrieben, der die kreativen (Allein)Selbstständigen

attraktiv für die
Wirtschaft

macht und ihnen zu einem ganz neuen Selbstbewusstsein verhilft. Die

euphorische Sprache und das konsequente Weglassen von Negativbeispielen bestärken

den optimistischen Blick auf den Erfolg der Selbstständigkeit. Der Spiegel thematisiert

auch den wirtschaftlichen Erfolg, kritisiert aber den

elitären Charakter

dieses

Lebensstils. Mit einem ironischen Unterton wird das ,,luxuriöse Lotterleben" der

Selbstständigen beschrieben. Dabei wird sich bemüht, das selbstständige Leben klar von

einer Unterschichtsdebatte zu distanzieren und so werden die tatsächlich manchmal

prekären Lebensumstände relativiert. Brand eins beschreibt die ,,menschenfreundliche

Nische" die sich die Selbstständigen geschaffen hätten und zeigt die

Kombinierbarkeit
von selbstbestimmtem Arbeiten und Erfolg.

Die durchweg positive Beschreibung der

Selbstständigkeit lässt Negativbeispiele außen vor, genauso wie in dem Buch ,,Wir

nennen es Arbeit". Der Erfolg wird von meinen InterviewpartnerInnen nicht ausführlich

diskutiert. Nur Steve erwähnt - eher am Rande - die Chance, ein hohes Einkommen

durch die Arbeit mit dem Internet zu erzielen. Die anderen, auch die mit einem stabilen

oder hohen Einkommen, argumentieren - zumindest in den Interviews - nicht mit

finanziellem Erfolg.

2. Diskursstrang ,,Prekarität"

In allen Diskursfragmenten kommt zum Ausdruck, dass der prekäre Lebensstil der

kreativen (Allein)Selbstständigen ­ egal wie die Prekarität bewertet wird ­ immer auch

mit einer Attraktivität einhergeht. Hierbei spielt das symbolische Kapital der AkteurInnen

eine wesentliche Rolle, dass das manchmal verschwindend geringe ökonomische Kapital

relativiert. Bezüglich der Prekarität werden unterschiedliche Lösungsstrategien

angeboten. Sowohl Lobo und Friebe, als auch ein Großteil meiner InterviewpartnerInnen

thematisieren explizit oder implizit die

Selbstverantwortung

des Individuums. Nils zum

Beispiel sagt, er sähe das Sichern seiner Existenz ,,ganz privat", Brian spricht davon, dass

nicht jeder die erforderlichen Kompetenzen für ein Leben in der Selbstständigkeit besitzt.

Auch Lobo und Friebe fordern selbst aktiv zu werden:

,,Don′t cry ­ work"

. Doch sie

thematisieren, genauso wie Federico, auch die

Verantwortung des Staates

, bessere

Bedingungen für Selbstständige zu schaffen.

89


Nur der zitty ­ Artikel scheint keine Lösung des Dilemmas der kreativen Selbstständigen

zu sehen, für sie gäbe es zur Zeit ,,

keine Alternative"

.

3. Diskursstrang ,,Vorteile der Selbstständigkeit im Gegensatz zur
Festanstellung"

Immer wieder erhält im Buch ,,Wir nennen es Arbeit" und bei vielen der von mir

interviewten Selbstständigen die Festanstellung im Kontrast zur Selbstständigkeit eine

negative Bewertung

. Friebe und Lobo beschreiben sie als ,,

Bullshit"

oder

,,Verblödung"

,

Steve fragt:

,,Who really likes those jobs?"

, Natalie denkt, dass heutzutage keiner mehr

so festgefahren sein möchte, wie es die Festangestellten sind. Die Argumentationen sind

dabei sehr verallgemeinernd, es wird nicht davon ausgegangen, dass manche Menschen

ihre Angestelltenposition bewusst gewählt haben und damit zufrieden sein könnten. So

monoton und einschränkend die Festanstellung beschrieben wird, so positiv wird die

Selbständigkeit gesehen. Sie ist das

Symbol für Freiheit, Individualität und
Zufriedenheit

: Man müsse sich den digitalen Bohemien als einen glücklichen Menschen

vorstellen, schreiben Lobo und Friebe. In jedem meiner Interviews betonen die

AkteurInnen die Vorteile der geografischen und zeitlichen Flexibilität als Selbstständige.

Nur am Rande erwähnen sowohl Colin als auch Steve einige Schwierigkeiten die mit der

freien Zeiteinteilung, zum Beispiel in Form von fehlender Selbstmotivation, einhergehen

können. Dass die Ausbeutung eines Menschen nicht nur auf das Angestelltenverhältnis

beschränkt ist, wird entweder nicht erwähnt oder relativiert.

4. Diskursstrang ,,Internet"

Das Internet ist bei Lobo und Friebe und vielen meiner InterviewpartnerInnen als

Weg
zu Erfolg und Selbstbestimmung

ein zentrales Thema. Alina lobt das

,,Wunder"

Internet, die Buchautoren die ,,

Segnungen der Technologie". A

lle AkteurInnen betonen,

dass das Internet die Grundlage ihres Arbeitens ist und beschreiben, mit einer manchmal

fast religiös anmutenden Sprache, die vielen Möglichkeiten, die sich für sie durch das

Internet ergeben. Dabei werden die negativen Aspekte eines auf dem Internet

basierenden Lebensstils nur von Steve erwähnt und auch Lobo und Friebe reflektieren

eher am Rande die Gefahren des Internets. Dass ein Zugang zum Internet nicht jedem

zur Verfügung steht und außerdem ein geübter Umgang damit nicht für alle

selbstverständlich ist, wird nicht angesprochen.



90


6.2. Fazit

Der Diskurs um die digitale Boheme spiegelt nicht nur die Veränderung gängiger

Vorstellungen der Erwerbsarbeit in der Gesellschaft wider, sondern prägt auch diese

Vorstellungen und regt zu neuen Diskussionen an. Die Veröffentlichung des Buches ,,Wir

nennen es Arbeit" legte die Grundlage für das ein Jahr später stattfindende gleichnamige

Festival, das unter anderem neue Erwerbsarbeitsentwürfe - wie zum Beispiel das Konzept

der Neuen Arbeit des Philosophen Frithjof Bergmann - einem größeren Publikum

präsentierte. Welche Projekte und Initiativen aus den Festival-Veranstaltungen (zum

Beispiel über Entrepreneurship, Online-Engagement für Bürgerrechte, linken

Neoliberalismus etc.) entstehen werden, lässt sich noch nicht feststellen. Die Autoren des

Buches reisen deutschlandweit herum, halten Vorträge und vernetzen sich mit anderen

Initiativen. Sie haben eine Diskussion in den Gang gesetzt, die momentan noch (auch

wenn nicht mehr so engagiert wie zur Veröffentlichung des Buches) Menschen zum

Nachdenken über neue Formen der Erwerbsarbeit anregt. Nicht zuletzt wurde ich dazu

bewegt, mich sechs Monate diesem Thema zu widmen und darüber eine Magisterarbeit

zu schreiben.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die eingangs gestellte Frage ,,

Ist das noch
Boheme oder schon die Unterschicht?"

zurückkommen. In den von mir untersuchten

Diskursfragmenten wird das

Spannungsfeld zwischen Selbstausbeutung

und

Selbstbestimmung nur teilweise thematisiert. Brand eins, der Spiegel und meine

InterviewpartnerInnen betonen vorrangig das Gelingen des selbstbestimmten

Lebensstils, die Herausforderungen, die die größere Selbstverantwortung mit sich bringt,

werden nicht angesprochen oder relativiert. Im Zitty-Artikel und auch im Gespräch mit

Leo wird sehr deutlich die prekäre Lage der kreativen (Allein)Selbstständigen

angesprochen - die sich aus dem Lebensstil ergebenden Freiräume fallen bei der

Bewertung jedoch kaum bis gar nicht ins Gewicht.

Werde die

Vorteile der Selbstständigkeit

thematisiert, dann wird der Gewinn an

Freiraum und Selbstbestimmung beschrieben. Colin betont: ,,

The advantage is that... it′s
complete freedom."

Im Gegensatz dazu sehen die kreativen (Allein)Selbstständigen das

Angestellten-Verhältnis in seiner strukturellen Unflexibilität, die Vorstellung eines

klassischen Büro-Jobs ist für die meisten sehr negativ besetzt. Die von ihnen gewünschte

Form der Freiheit und Selbstbestimmung die ein flexibler Lebensstil ermöglicht fínden die

meisten meiner InterviewpartnerInnen nur in der Selbstständigkeit. Der Wunsch nach

Selbstbetimmung hat für sie erste Priorität und steht noch vor finanzieller Sicherheit. Nils

zum Beispiel betont, dass die

,,gelebte Zeit"

für ihn wesentlich wichtiger sei. Der hohe

Stellenwert der Selbstbestimmung ist einer der Hauptgründe, weswegen sich fast alle

trotz punktueller Unzufriedenheit mit ihrer Gesamtsituation zufrieden geben und auch in

der Zukunft in ähnlicher Weise erwerbstätig sein möchten.

91


Ist das

Risiko der Selbstausbeutung

jedoch ein Thema, existieren unterschiedliche

Handlungsstrategien: Zum einen wird die eigene Verantwortung angesprochen, dieses

Spannungsverhältnis besser auszubalancieren. Sei es durch individuelle Grenzsetzung

oder auch durch das verstärkte Bemühen um größeren beruflichen Erfolg, um so mehr

Zeit für private Bedürfnisse haben zu können.

,,Ich sehe das ganz privat"

sagte Nils im

Interview und bringt damit die zunehmende Subjektierung seines

Erwerbsarbeitsverständnisses auf den Punkt. Gesellschaftliche Erklärungsmuster werden

in seinem Fall fast komplett von individuellen Erklärungsmustern ersetzt. Das verstärkte

Erleben einer Eigenverantwortung und die Privatisierung von

Risikomanagementstrategien werden aber in dem von mir untersuchten Feld nicht als

negativ erlebt, sondern hingenommen (zum Beispiel bei Alina:

,,also klar, es ist nicht
sicher (...) dafür habe ich meine Freiheit."

) oder sogar als positive Herausforderung (wie

zum Beispiel bei Lobo und Friebe oder Colin) gesehen. Manske schreibt über die digitale

Boheme:

,,Insofern macht sie uns im Hier und Jetzt vor, wie man strukturelle
Anforderungen in individuelle Möglichkeiten umdeutet und als Zugewinn von persönlicher
Freiheit deklariert."

276 Dabei schätzt sie die Verteidigung des Lebensstils der kreativen

(Allein)Selbstständigen nicht als ideologische Verblendung ein, sondern beschreibt

vielmehr die Diskussion um die digitale Boheme (in Anlehnung an Boltanski / Chiapello)

als einen der Management-Diskurse, die den neuen Geist des Kapitalismus versuchen zu

legitimieren.277 Als weitere Handlungsstategie wird aber auch von einigen Seiten die

Verantwortung des Staates in der Schaffung besserer Strukturen für kreative

(Allein)Selbstständige erwähnt: Federico zum Beispiel fordert ausdrücklich, dass die

Gewerkschaften sich stärker auf Selbstständige konzentrieren sollten: ,,...

also die
Gewerkschaften werden nutzlos und es wird soviel Geld ausgegeben - wofür? Sie sollten
neu durchdacht werden."

Im Krankheitsfalle wäre er nicht abgesichert, das müsste in

seinen Augen dann der Staat übernehmen. Lobo und Friebe plädieren für die Einführung

eines Bürgergeldes und die Anpassung der städtischen Infrastrukturen an den Lebensstil

der digitalen Boheme. Allerdings sind ihre Forderungen ein wenig verhaltener, sie sind

auch schon damit zufrieden, wenn der Staat ,,...

nichts tut, also nicht nervt."278

Mercedes

Bunz bietet eine ganz andere Lösungsmöglichkeit an: Sie beschreibt in der Zitty sehr

deutlich, dass die prekäre Lage der Selbstständigen wenig mit ihnen persönlich, sondern

viel mehr mit der allgemeinen Situation in Berlin zusammen hängt und kommt zu dem

Schluss: ,,

Die einzige ökonomische Option, die man in Berlin hat, ist also der Wegzug."279

Es stellt sich die Frage inwieweit die kreativen (Allein)Selbstständigen selbstbestimmt

leben können, wenn die eigene finanzielle Existenz ständig neu gesichert werden muss

und das oft mehr Zeit erfordert als gewollt.

276 Manske 2007 (a), S. 8.

277 Vgl. ebd., S. 8.

278 Ebd., S. 147.

279 Bunz, Mercedes: Meine Armut kotzt mich an. In: zitty vom 16.02.06.

92


Der individuelle Spielraum wird dadurch stark eingeschränkt. Diese Tatsache beschreiben

zum Beispiel Federico oder auch Nils im Interview deutlich. Die Zeit für ihre eigentlichen

Projekte verringert sich durch ihre unterschiedlichen Tätigkeiten, die sie zur finanziellen

Sicherung annehmen, viel mehr als sie es eigentlich gerne hätten. Auch Lobo und Friebe

betonen, dass Brotjobs (also Tätigkeiten, die teilweisen nicht dem eigentlichen Interesse

entsprechen) zu einem Leben in der Selbstständigkeit dazugehören.

Das Spannungsfeld zwischen Selbstausbeutung und Selbstbestimmung erfordert das

Aushandeln neuer Grenzen

. Genkova schreibt in ihrem Beitrag über den

Zusammenhang von Lebenszufriedenheit und Erwerbsarbeit, dass die Work-Life-Balance

- das ausgewogene Verhältnis zwischen Erwerbsarbeit und individuellem Freiraum - eine

wichtige Voraussetzung für das Glücklichsein sei.280 Auch für die kreativen

(Allein)Selbstständigen ist es entscheidend, inwieweit sie das Spannungsfeld individuell

ausbalancieren können und ob sie über ein angemessenes Maß freier Zeit verfügen. Das

hängt zum einen von der Wirtschaftslage ab, die den Marktwert der jeweils angebotenen

Dienstleistungen bestimmt. Andererseits hängt es aber auch von der Fähigkeit der

AkteurInnen ab, neue Grenzen aushandeln zu können, wenn klassische Grenzen wie ein

fester Vertrag

nicht vorhanden sind und somit nicht vor Ausbeutung schützen. Es sind

Unterschiede in der Grenzziehung zu beobachten: Während Brian und Nathalie zum

Beispiel genaue Preisvorstellungen bezüglich ihres Verdienstes haben und diese auch

einfordern, geben sich Federico, Alina und Nils eher mit dem zufrieden, was ihnen

angeboten wird. Lobo und Friebe beschreiben zwar die temporäre Armut

der digitalen

Boheme, schreiben aber nicht, wie in diesem Konflikt ihrer Meinung nach reagiert werden

sollte. Sie raten lediglich dazu, kreativ mit der prekären Situation umzugehen.

281

Ein

weiterer wichtiger Punkt in der Argumentation Genkovas bezüglich der

Lebenszufriedenheit ist, dass die subjektive Einschätzung der eigenen Lebenslage von

großer Bedeutung ist. Das persönliche Glück würde sich nur bei den AkteurInnen

einstellen, wenn die Work-Life-Balance auch als eine solche von ihnen empfunden würde

:
,,Sie wird aber weniger vom sozialen Kontext als vielmehr von unserer Anpassung und
unserer subjektiven Bewertung dessen beeinflusst, inwieweit unsere Träume und
Wünsche im privaten und/oder beruflichen Bereich als subjektiv realisiert angesehen
werden"282.

Somit muss meine Ausgangsfrage für jede(n) der kreativen

(Allein)Selbstständigen individuell gestellt werden und gefragt werden, inwieweit sie

ihren Lebensstil als ausgewogen erleben. Aus subjektiver Sicht führen sie einen

selbstgewählten Lebensstil, der sie, trotz prekärer Lage, generell zufrieden stimmt.

280 Vgl. Genkova, Petia: Berufkarriere und Lebenszufriedenheit ­ psychologische Aspekte. In: Seifert / Götz /

Huber 2007, S. 227 ­ 237.

281 Vgl. Lobo / Friebe 2006, S. 100.

282 Seifert / Götz / Huber 2007, S. 236.

93


Da es sich bei ihnen um Prekarisierte auf hohem Niveau handelt, sind sie zudem mehr als

andere in der Lage, bei größer werdender Unzufriedenheit in sichere Arbeitsverhältnisse

zu wechseln.


Ausblick

Seit den 1990er Jahren gewinnen in Deutschland nicht-standardisierte

Arbeitsverhältnisse und somit auch die Selbstständigkeit immer mehr an Relevanz.283 Ein

sicherer lebenslanger Vollzeitjob wird immer weniger realistisch284, Brüche und

Diskontinuitäten im Lebenslauf werden dafür immer häufiger die Regel. Gleichzeitig

gewinnt die Einbeziehung der subjektiven Eigenschaften der ArbeitnehmerInnen in den

Arbeitsprozess immer mehr an Bedeutung.285 Diese Veränderungen, die in Kapitel 2 unter

dem Stichwort Subjektivierung und Flexibilisierung zusammengefasst sind, zeichnen sich

bei den kreativen (Allein) Selbstständigen besonders deutlich ab. Deregulierte

Arbeitsverhältnisse, die Entdifferenzierung von Arbeit und Freizeit, eine hohe

Identifikation mit der Tätigkeit und zunehmende Selbstverantwortung sind nicht nur

Kennzeichen ihres Arbeitsalltags, sondern oft auch (zumindest bei meinen

InterviewpartnerInnen) primär der Grund für die Wahl einer selbstständigen Tätigkeit.

Sie leben die Anforderungen eines flexiblen Kapitalismus vielleicht sogar noch intensiver

als Festangestellte und es stellt sich die Frage, ob sie als Avantgarde einer neuen

bohemianischen Arbeitsethik beschrieben werden könnten. Lloyd schreibt dazu:

"the
contemporary resonance of bohemia penetrates more deeply than just a fashion
statement. (...) in this period of neoliberal capitalism, it may be the bohemian ethic, not
the Protestant ethic, that is best adapted to new realities"

286.

Weiterhin steht die Frage im Raum, wieviel Eigeninitiative die kreativen (Allein)

Selbstständigen leisten müssen, um die oben genannte individuelle Balance zwischen

Erwerbsarbeit und Freizeit herzustellen und was von anderer Seite dafür getan werden

kann. Ganz im Sinne einer

Action Anthropology

, die die Verantwortung der Wissenschaft

mitberücksichtigt und eine Intervention für sinnvoll und wichtig hält, verstehe ich diese

Magisterarbeit auch als Anregung für Lösungsansätze, die die Selbstständigkeit in

Deutschland leichter und somit attraktiver machen:

,,Eine angewandte
kulturwissenschaftliche Arbeitsforschung kann durch ihre Perspektiverweiterung auch
dazu beitragen, dass für Gewerkschaften nachvollziehbar wird, in welcher Weise die
Lebenswelt der Arbeitenden mit in den Blick der Interessensvertretung und des sozialen
Kampfes genommen werden muss."

287 bemerkt Schönberger.

283 Vgl. Dörre (u.a.) 2006, S. 19 ff.

284 Vgl. Beck, Ulrich: Abschied von der Utopie der Vollbeschäftigung. Neue Zürcher Zeitung Online. November

2006.

285 Vgl. Schönberger 2007 oder Voß / Pongratz 1998.

286 Lloyd 2006, S. 236.

287 Seifert / Götz / Huber 2007, S. 89.

94


Sowohl Lobo und Friebe als auch Federico thematisieren, dass es immer noch viel zu

wenig Unterstützung seitens der Gewerkschaften für Selbstständige gibt. Auch Manske

kritisiert, dass im Gegensatz zu traditionellen Selbstständigen, die neuen selbstständigen

Erwerbsformen kaum über Lobbygruppen verfügen und somit schutzlos den

Schwankungen des Marktes ausgeliefert sind.

288

Ansätze wie

mediafon

, ein

Beratungsservice der ver.di für Solo-Selbstständige im Bereich Medien, könnten noch

ausgebaut und auf andere Themenfelder ausgeweitet werden. Die institutionelle

Absicherung der Selbstständigen, gerade bei Arbeitsunfähigkeit und Krankheit, muss

noch mehr in den Fokus politischen Interesses geraten. Viele kreative

(Allein)Selbstständige versichern sich zwar mittlerweile über die Künstlersozialkasse,

diese ist allerdings auf eine spezifische Gruppe von Selbstständigen beschränkt. Zudem

ist ein ausgeprägteres Informationsangebot über die Selbstständigkeit von großer

Bedeutung: Betzelt fordert allgemein mehr Möglichkeiten zur adäquaten Vorbereitung auf

die Selbstständigkeit, zum Beispiel durch Weiterbildungsangebote, die schon während

des Studiums kaufmännisches Wissen oder Marketing-Kompetenzen vermitteln.289

Es zeigt sich, dass das Konzept der digitalen Boheme klare Grenzen

hat. Zum einen ist

ein gewisser Bildungsgrad eine der Grundvoraussetzungen.290 Schönberger bemerkt,

dass auch die individuellen Lebensformen (Familie, Single) eine Rolle spielen, um die

Anforderungen eines postfordistischen Arbeitsparadigmas in die individuelle

Lebensführung zu integrieren. 291 Es ist bezeichnend, dass nur eine meiner

InterviewpartnerInnen (mittlerweile) ein Kind hat. Lobo und Friebe bestätigen das, wenn

sie schreiben, dass Familienplanung sich nur schwer mit den Prinzipien einer digitalen

Boheme in Einklang bringen lässt.292 Zudem werden bestimmte emotionale oder

charakterliche Eigenschaften erforderlich: Die Bereitschaft zum Risiko und die Fähigkeit

,,

ein gewisses Maß an Zukunftsangst und Unsicherheit auszuhalten293",

wie Lobo und

Friebe es beschreiben, sowie eine ausgeprägte soziale Kompetenz, um das eigene

Netzwerk ständig zu pflegen und auszubauen, sind existenziell wichtig. Auch um das

Spannungsfeld zwischen Selbstausbeutung und Selbstbestimmung auszubalancieren,

werden besondere Kompetenzen erforderlich, die nicht alle aufweisen können:,,

You must
be the right character for doing this.Otherwise you maybe have problems"

sagt Brian.

288 Vgl. Manske 2007 b, S. 31.

289 Vgl. Betzelt 2006, S. 69.

290 Vgl. Manske 2007 b, S. 207 und Betzelt S. 63.

291 Vgl. Schönberger 2007, S. 81 ff.

292 Vgl. Lobo / Friebe 2006, S. 284.

293 Lobo / Friebe 2006, S. 100.

95


Der lebhafte Diskurs um die digitale Boheme zeigt das Interesse, das neuere Formen der

Erwerbsarbeit wachrufen. Dabei schwanken die ambivalenten Bewertungen innerhalb des

Diskurses zwischen der Faszination für einen flexiblen und freihen Lebenstil und

Unbehagen über prekäre oder elitäre Formen der Erwerbsarbeit.

Der Lebensstil der kreativen (Allein)Selbstständigen kombiniert oft geringes

ökonomisches Kapital mit hohem symbolischen Kapital. Es bleibt offen, inwieweit sich das

symbolische Kapital meiner InterviewpartnerInnen in der Zukunft auch noch in das

fehlende ökonomische Kapital umwandeln lässt. Solange bleiben sie - um es mit dem

Ausspruch des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit zusammenzufassen - ,,arm aber

sexy"294.

































294 Thibaut, Matthias: ,,Arm, aber sexy": Wowereit warb in London für Berlin. In: Tagesspiegel vom 4.12.2003.

96


Interviewleitfaden

1. Einstieg

1.1. Erläuterung des Anliegens meiner Magisterarbeit.

1.2.

(Erzählaufforderung)

Frage nach einer detaillierten Beschreibung der

Erwerbstätigkeit.

2. Selbstständig vs. angestellt

2.1. Gründe für die Wahl der jetzigen Erwerbsarbeitsform

2.2. Vor- und Nachteile der gewählten Arbeitsform

3. Berlin

3.1. Gründe die zu einem Zuzug nach Berlin bewegten

4. Internet

4.1. Inwiefern ist die Erwerbsarbeit von einem Internetzugang abhängig?

4.2. Für was wird das Internet genutzt, welche Bedeutung hat es?


5. Prekär?

5.1. Zufriedenheit mit dem finanziellen Einkommen?

5.2. Warum ja, warum nein? Was ist konkret verbesserungswürdig?

5.3. Höhe des Einkommens?

5.4. Ist das Einkommen durch die Erwerbsarbeit der eigenen Ansicht nach angemessen

für die erbrachten Leistungen?

6.

(Erzählaufforderung):

Was wäre die ideale Erwerbstätigkeit?


7. Digitale Boheme

7.1. Ist der Begriff der ,,digitalen Boheme" bekannt? Was für eine Bedeutung wird ihm

zugeschrieben?

7.2. Wie sieht der Lebensstil eines digitalen Bohemiens aus?

7.3.

Wann und wodurch wurde von dem Begriff gehört?

7.3. Gründe für die Identifikation oder Nicht-Identifikation mit dem Begriff

7.4. Gibt es im Freundes- oder Bekanntenkreis mehr Menschen, die einen

ähnlichen Lebensstil führen?

7.5. Fragen zum Spannungsfeld Selbstausbeutung und Selbstbestimmung

7. Allgemeine Fragen:

6.1. Alter

6.2. Wohnort

6.3. Bildungsabschluss

6.4. Berufe der Eltern

6.5. Familiärer Status


97


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Zeitschriftenartikel

Apin, Nina: Digital ist besser. In: IQ Style, Ausgabe 7/07. Berlin. S. 90 ­ 96.

Beck, Ulrich: Abschied von der Utopie der Vollbeschäftigung. Neue Zürcher Zeitung
Online. November 2006. Verfügbar unter:
http://www.nzz.ch/2006/11/04/fe/articleEM5N6.html (26.10.2007)
Bock, Caroline: Von Urbanen Pennern zur Digitalen Bohème. In: Stern, 02.11.06.
Verfügbar unter: http://www.stern.de/computer-technik/computer/:Caf%E9kultur-
Freien-Von-Urbanen-Pennern-Digital-Boh%E8me/575409.html (28.05.08)

Bunz, Mercedes: Meine Armut kotzt mich an. In: zitty, 16.02.06. Verfügbar unter:
http://www.mercedes-bunz.de/texte/urbaner-penner (05.05.08)

Gross, Thomas: Von der Boheme zur Unterschicht. In: DIE ZEIT, 27.04.2006. Verfügbar
unter: http://www.zeit.de/2006/18/Prekariat (05.05.2008)

Klopp, Tina: Frei und willig. In: Konkret. Heft 12. Hamburg 2006.

Kruse, Kathrin (u.a.): Die Anti-Angestellten. In: Spiegel, 23.10.06. Verfügbar unter:
http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=49298976&top=SPIEGEL
(30.05.08)

Koch, Christoph: Vokabeln lernen: Urbane Penner. In: jetzt.de, 16.02.06. Verfügbar
unter: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/271322 (05.07.08)

Laudenbach, Peter: Du musst das wollen. In: brand eins, Ausgabe 1/07. Hamburg. S. 78
­ 84.

Michel, Jörg: Jeder Achte in Deutschland ist arm. In: Berliner Zeitung, 19.05.2008.

Stephan Kaufmann: Der Traum von der Vollbeschäftigung In: Berliner Zeitung, 31. 03.
2008. Verfügbar unter: http://www.berlinonline.de/berliner-
zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0331/seite1/0042/index.html (06.05.08)

Rathgeb, Eberhard: Sie nennen es Arbeit. In: FAZ, 18.12.06. Verfügbar unter:
http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EF67729E92A7E
41239ACE1CF187AEC5E2~ATpl~Ecommon~Scontent.html (28.05.08)

Reimann, Anna: Die Ausgepennte. In: Spiegel Online, 30.08.06. Verfügbar unter:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,433958,00.html (05.07.08)

Stöcker, Christian: Blog ­ Studie. Der Nachwuchs ist weiblich. In:Spiegel Online,
10.02.06. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,400154,00.html
(02.06.2008)

Thibaut, Matthias: ,,Arm, aber sexy": Wowereit warb in London für Berlin. In:
Tagesspiegel, 4.12.2003. Verfügbar unter:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/;art270,1944569 (20. 5. 2008)









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http://www.grin.com/e-book/117198/ist-das-noch-boheme-oder-schon-die-unterschicht-der-diskurs-um-neuere
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