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Die legitimierende und integrative Funktion der amerikanischen Civil Religion nach Bellah

Subtitle: Schaffung eines 'echten' Wertekonsenses oder bloß ein Stabilitätsfaktor?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 27 Pages
Author: BA Jennifer Lessmann
Subject: Politics - International Politics - Region: USA

Details

Event: Politische Religionen - religiöse Politik
Institution/College: University of Passau (Politische Theorie und Ideengeschichte)
Tags: Funktion, Civil, Religion, Bellah, Politische, Religionen, Politik
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 27
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 21  Entries
Language: German
Archive No.: V117268
ISBN (E-book): 978-3-640-19697-5

File size: 187 KB

Abstract

„Fellow citizens, we'll meet violence with patient justice – assured of the rightness of our cause, and confident of the victories to come. In all that lies before us, may God grant us wisdom, and may He watch over the United States of America.“ Mit dieser zivilreligiösen Bekundung schloss Präsident George W. Bush seine Rede vom 20. September 2001. Die amerikanische Civil Religion, die erstmals von dem Soziologen Robert N. Bellah in seinem für diese Disziplin bahnbrechenden Essay von 1967 identifiziert wurde, ist nach wie vor für das politische System der USA von großer Bedeutung. Diese Betrachtung soll sich intensiv mit Bellahs Konzept auseinandersetzen und fußt daher auf der Prämisse, dass es in der USA eine Civil Religion tatsächlich gibt, was in der amerikanischen und in ihrer Fortführung in der deutschen Debatte durchaus kontrovers diskutiert wurde. Von dieser Prämisse ausgehend, soll die Frage geklärt werden, ob die Civil Religion in Amerika zur Schaffung eines 'echten' Wertekonsenses beiträgt oder bloß einen Stabilitätsfaktor darstellt, der über seine Nützlichkeit hinaus an keine tiefer verwurzelten Werte zurückgebunden ist. Beide Begriffe -Wertekonsens und Stabilitätsfaktor- beziehen sich auf eine Übereinkunft, die in bestimmter Art und Weise dem Schutz der Gesellschaft dient und damit legitimierend und integrativ wirken kann. Während ein Stabilitätsfaktor nicht mehr und nicht weniger als dies bewerkstelligt und gegenüber der politischen Ordnung nur affirmative Züge besitzen kann, ist ein Wertekonsens immer tieferen Idealen verbürgt und bildet verbindliche Leitregeln für die Gesellschaft. Die gewählte Fragestellung hängt eng mit dem Integrationsproblem der modernen pluralistischen Gesellschaft und dem damit einhergehenden Legitimationsproblem des freiheitlichen demokratischen Staates zusammen. Braucht man eine die Gesellschaft stützende Moral, die auf der Religion aufbaut? Braucht der demokratische Staat eine Letztbegründung jenseits umstrittener Meinungen und Interessen oder würde dies zwangsläufig das Ende des Pluralismus bedeuten? Wie kann in einem System, das auf dem Widerstreit verschiedener Eigeninteressen beruht, das Gemeinwohl überhaupt erreicht werden?


Excerpt (computer-generated)

Universität Passau

Politische Theorie und Ideengeschichte

Sommersemester 2008

Hauptseminar "Politische Religionen - Religiöse Politik"

Die legitimierende und integrative Funktion der amerikanischen

Civil Religion

nach Bellah ­ Schaffung eines ′echten′ Wertekonsenses oder

bloß ein Stabilitätsfaktor?

Modulzuordnung: HS im Prüfungsmodul Politische Theorie

Verfasserin: Jennifer Lessmann

BA European Studies

Hochschulsemester: 06, Fachsemester: 05

Datum der Abgabe: 4.08.2008


Inhaltsverzeichnis

1.

Einleitung.

1

2.

Das Konzept der Civil Religion und seine Ursprünge

3

3.

Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft

6

3.1. Der gesellschaftliche und religiöse Pluralismus 6

3.2. Das Spannungsverhältnis zwischen Liberalismus

und Republikanismus 8

4.

Funktionen der Civil Religion für das politische System

10

4.1. Identitäts- und Einheitsbildung 10

4.2. Krisenbewältigung 15

5. Schlussbetrachtung

20

I.

Bibliographie 22

II.

Erklärung der wissenschaftlichen Redlichkeit 25

II


1. Einleitung

,,Fellow citizens, we′ll meet violence with patient justice ­ assured of the rightness of our

cause, and confident of the victories to come. In all that lies before us, may God grant us

wisdom, and may He watch over the United States of America1."

Mit dieser zivilreligiösen Bekundung schloss Präsident George W. Bush seine Rede vom 20.

September 2001. Die amerikanische Civil Religion, die erstmals von dem Soziologen Robert

N. Bellah in seinem für diese Disziplin bahnbrechenden Essay von 1967 identifiziert wurde, ist

nach wie vor für das politische System der USA von großer Bedeutung.

Diese Betrachtung soll sich intensiv mit Bellahs Konzept auseinandersetzen und fußt daher auf

der Prämisse, dass es in der USA eine Civil Religion tatsächlich gibt, was in der

amerikanischen und in ihrer Fortführung in der deutschen Debatte durchaus kontrovers

diskutiert wurde. Von dieser Prämisse ausgehend, soll die Frage geklärt werden, ob die Civil

Religion in Amerika zur Schaffung eines ′echten′ Wertekonsenses beiträgt oder bloß einen

Stabilitätsfaktor darstellt, der über seine Nützlichkeit hinaus an keine tiefer verwurzelten Werte

zurückgebunden ist. Beide Begriffe -Wertekonsens und Stabilitätsfaktor- beziehen sich auf

eine Übereinkunft, die in bestimmter Art und Weise dem Schutz der Gesellschaft dient und

damit legitimierend und integrativ wirken kann. Während ein Stabilitätsfaktor nicht mehr und

nicht weniger als dies bewerkstelligt und gegenüber der politischen Ordnung nur affirmative

Züge besitzen kann, ist ein Wertekonsens immer tieferen Idealen verbürgt und bildet

verbindliche Leitregeln für die Gesellschaft.

Die gewählte Fragestellung hängt eng mit dem Integrationsproblem der modernen

pluralistischen Gesellschaft und dem damit einhergehenden Legitimationsproblem des

freiheitlichen demokratischen Staates zusammen. Braucht man eine die Gesellschaft stützende

Moral, die auf der Religion aufbaut? Braucht der demokratische Staat eine Letztbegründung

jenseits umstrittener Meinungen und Interessen oder würde dies zwangsläufig das Ende des

Pluralismus bedeuten? Wie kann in einem System, das auf dem Widerstreit verschiedener

Eigeninteressen beruht, das Gemeinwohl überhaupt erreicht werden?

1 Bush, George W.: Address to a Joint Session of Congress and the American People vom 20. September 2001

(http://www.whitehouse.gov/news/releases/2001/09/20010920-8.html, Zugriff am 29.07.2008).

1


Im Hinblick auf diese grundlegenden Probleme für jede pluralistische Ordnung wurden

verschiedene Lösungsansätze entwickelt. Die amerikanische Civil Religion stellt eine von

ihnen dar. Nun soll geklärt werden, von welcher Natur diese überhaupt ist: Vermag sie das

Legitimations- und Integrationsproblem zu lösen, indem sie ein Wertesystem aufbaut und

damit auch einen Wahrheitsanspruch enthält, oder zementiert sie eine staatliche Ordnung, die

auf bestimmten Konfliktregelungsmechanismen aufbaut, ohne aber Werte oder einen

Wahrheitsanspruch für sich zu beanspruchen, wie es eigentlich Sinn jeder Religion ist?

Der Begriff der

Civil Religion

, wie er in Bellahs Originaltexten verwendet wurde, soll

beibehalten werden, weil die deutsche Übersetzung ′Zivilreligion′ - wie in der Literatur (u.a.

von Moltmann) verwiesen wurde - durchaus anders konnotiert werden kann und damit

missverständlicher ist als ihr anscheinend amerikanisches Äquivalent.

Primärquellen für diese Arbeit sind Bellahs bekannte Essays ,,Zivilreligion in Amerika" (1967)

und ,,Religion und die Legitimation der amerikanischen Republik" (1978), gegebenenfalls wird

auch auf sein Werk

The broken Convenant

verwiesen. Sekundärliteratur wird, wenn

angebracht, hinzugezogen und ist wegen der breiten Debatte des Themas Civil Religion bzw.

Zivilreligion in großer Fülle aufzufinden. Auf die im deutschsprachigen Raum ausgelöste

Grundwerte- und Pluralismusdebatte soll nicht näher eingegangen werden, da im Zentrum

dieser Betrachtung das amerikanische Phänomen steht.

Im folgenden Kapitel dieser Arbeit soll der Begriff der Zivilreligion nach Bellah näher

definiert und erläutert werden und seine ideengeschichtlichen Prägungen bestimmt werden.

Nach der Erläuterung des zugrundeliegenden theoretischen Konzepts sollen im dritten Kapitel

die Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft umrissen werden: der gesellschaftliche und

religiöse Pluralismus als allgemeine Grundlage für die Civil Religion und im Speziellen das

Verhältnis von Liberalismus und Republikanismus im amerikanischen System. Sowohl

Liberalismus als auch Republikanismus sind mit einer jeweils spezifischen Vorstellung von

Aussehen und Funktion der Zivilreligion verbunden. Im vierten Kapitel soll die Bedeutung der

Civil Religion für das politische System der USA unter Verwendung aktueller Beispiele aus

der politischen Rhetorik bestimmt werden und analysiert werden, inwiefern in Hinblick auf

ihre Funktionen die Civil Religion einen Wertekonsens etabliert oder einen reinen

Stabilitätsfaktor darstellt.

2


2. Das Konzept der Civil Religion und seine Ursprünge

Bellah versteht unter ′Civil Religion′ eine "öffentliche religiöse Dimension, [welche] sich in

einer Reihe von Überzeugungen, Symbolen und Ritualen [ausdrückt]"2 und so "gemeinsame

Elemente der religiösen Orientierung"3 für die Mehrheit der Amerikaner schafft. Im Gegensatz

zur eigentlichen Religion, die in den USA Privatsache und damit dem öffentlichen Raum

entzogen ist, ist die Civil Religion öffentlich und übernimmt integrierende, legitimierende und

stabilisierende Funktionen für das politische System (wie im vierten Kapitel näher ausgeführt

werden soll).

Zu beachten ist, dass die Civil Religion diese Funktionen nicht innerweltlich ausüben will,

sondern mit einem transzendenten Rückbezug und sakralen Motiven. Dies wirkt auf den ersten

Blick verwunderlich, da in den Vereinigten Staaten die Trennung von Kirche und Staat in der

Verfassung verankert ist und man daher keine religiösen Motive und Bezüge im öffentlichen

Bereich erwarten würde. Die Problematik der Trennung von Kirche und Staat hat aber laut

Bellah die Ausgangsbedingung für die Civil Religion geschaffen4. Diese ist ­ um seiner

Analyse zu folgen - in ihrer Funktion klar vom privaten Glauben getrennt und vollständig

kompatibel mit der Glaubensfreiheit, sie bildet quasi ein religiöse Dimension

sui generis

, die

Einfluss auf den politischen Bereich hat und die Inklusion der gesamten Gesellschaft leistet,

ohne aber von den einzelnen Kirchen und Glaubensrichtungen anhängig zu sein. So ist im

politischen System Amerikas die religiöse Sphäre nicht völlig ausgeschaltet5, sie besteht in

Form einer öffentlichen gemeinsamen Orientierung weiter. Bei Bellah besteht also eine

Verquickung von Politik und Religion anstatt einer Trennung, allerdings ist diese ganz anderer

Natur als beispielsweise die politische Religion oder der Fundamentalismus.

Bei Bellah ist Civil Religion kein starres Prinzip, sondern verändert sich mit der Zeit: "wie

jeder lebendige Glaube muss sie ständig neu ausgestaltet und an universalen Maßstäben

gemessen werden6". Bemerkenswert ist dabei die Unbefangenheit, mit der er die Civil Religion

dem ′lebendigen Glauben′, also herkömmlicher Religiosität, gleichsetzt. Dabei sind die von

2 Bellah, Robert N.: Zivilreligion in Amerika, in: Kleger, Heinz/Müller, Alois (Hrsg.): Religion des Bürgers,

Zivilreligion in Amerika und Europa, Münster 2. ergänzte Auflage 2004, S. 22.

3 Ebd.

4 Vgl.: Ebd., S. 21.

5 Vgl.: Ebd., S. 22.

6 Ebd., S. 38.

3


ihm identifizierten Merkmale der Civil Religion im Gegensatz zu jeder herkömmlichen

Religion sehr vage und durchaus zu bestreiten. Bellah scheint es jedoch nicht um eine

wissenschaftlich fundierte Theorie zu gehen, sondern um eine neue Betrachtungsweise eines

alten Problems, das sich in einer Reihe von Erscheinungen manifestiert, die er in

chronologischer Reihenfolge und an Beispielen aus der politischen Rhetorik betrachtet. Bellahs

Civil Religion basiert auf der Übertragung des Erwähltheitglaubens und Bundesgedankens aus

dem Alten Testament (′Exodus′ aus Europa), die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung

bilden ihre ′Heiligen Schriften′. George Washington wird mit Moses gleichgesetzt, Abraham

Lincoln ist der Christus der Civil Religion, durch dessen ′Opfer′ im symbolischen Sinne erst

das Ende des Bürgerkrieges und die neue Einheit möglich wurden. Als ihre Denkmäler

identifiziert Bellah den Arlington National Cemetery sowie den Friedhof von Gettysburg und

als ihre Feiertage den Memorial Day, den unbedeutenderen Veterans Day, Thanksgiving sowie

die Geburtstage von Washington und Lincoln7. Wesentlichstes Merkmal der Civil Religion ist

aber ihr Rückbezug auf Gott, dem die amerikanische Nation Rechenschaft und Treue schuldet

und der zum Schutz angerufen wird ­ hier zeigt sich die Parallele zum Bund Israels mit Gott,

aber auch die ausgeprägt patriotischen Züge.

Die Idee einer

Civil Religion

geht auf Rousseau zurück. Im achten Kapitel des vierten Buchs

seines Werkes

Der

Gesellschaftsvertrag

legt er dar, wie eine "bürgerliche Religion" den Staat

stützen kann. Durch die

religion civile

wird dem Bürger ein Moralkodex, ein Bündel von

Dogmen gegeben, die ihn zum gemeindienlichen, gerechten Handeln verpflichten sollen und

denen er sogar sein Leben unterordnen muss8. Im Gegensatz zum Christentum, das laut

Rousseau zu einer inneren Spaltung des Menschen und zur Auflösung seiner Bindung an den

Staatskörper führt9, fördert diese

religion civile

gerade den gesellschaftlichen Zusammenhalt,

der für Rousseau auf der Anerkennung der Dogmen der Existenz der ,,allmächtigen [...]

Gottheit, [dem] zukünftigen Leben, [dem] Glück der Gerechten und [der] Bestrafung der

Bösen sowie [der] Heiligkeit des Gesellschaftsvertrags und der Gesetze10" aufbaut. Rousseaus

Konzept ist mit einem Pluralismus an persönlichen Glaubensüberzeugungen konsistent -

ebenso wie Bellahs Konzept - setzt aber die unangezweifelte Anerkennung des ′bürgerlichen

7 Vgl.: Bellah, Zivilreligion in Amerika, a.a.O., S. 26f., 30.

8 Vgl.: Rousseau, Jean-Jacques: Gesellschaftsvertrag, Reclam: Stuttgart 2003, S. 151.

9 Vgl.: Ebd., S. 147f.

10 Ebd., S. 151.

4



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