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Untertitel: Vor dem Hintergrund des stoischen Denkens
Doktorarbeit / Dissertation, 2006, 148 Seiten
Autor: Dr. Norbert Heger
Fach: Ethik
Details
Institution/Hochschule: Universität Wien (Philosophie)
Tags: Wesen, Guten, Schriften, Paulus, Tarsus, Religionsphilosophie
Jahr: 2006
Seiten: 148
Note: 3
Literaturverzeichnis: ~ 90 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-19790-3
ISBN (Buch): 978-3-640-19801-6
Dateigröße: 404 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Mein langjähriges Interesse an den Schriften des Paulus von Tarsos veranlasste mich dazu, diese Dissertation zu verfassen und das Wesen des Guten beim Apostel vor dem Hintergrund des stoischen Denkens zu analysieren. Ziel dieser Arbeit ist es, Grundsätze der paulinischen Ethik im Kontext der heutigen Wertediskussion zu beleuchten. Zunächst soll an die Wirkung des Apostels in der christlichen Kultur erinnert werden. Damit ist sein Einfluss auf die Anfänge des Christentums, das Mittelalter, die Reformation, die Gegenwart und auf die Weltkultur gemeint. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich mich mit dem jüdischen Hintergrund des Paulus beschäftigen und im Anschluss daran auf seine Bedeutung für die Entstehung des Christentums hinweisen. Danach wende ich mich der stoischen Moralphilosophie zu, insbesondere der stoischen Naturrechtslehre, welche Paulus in seinen Schriften des Neuen Testaments aufgreift. In weiteren Abschnitten werde ich das Wesen des Guten bei Paulus deutlicher herausarbeiten und den Zusammenhang mit der stoischen Ethik herstellen. Im letzten großen Teil meiner Dissertation werde ich versuchen, die Grundideen der paulinischen Ethik in die heutige Diskussion um moralische Werte einzubringen. Sind die Zeiten, in denen fest stand und auf der Hand lag, was das moralisch Richtige ist, bereits dahin? Dabei interessiert mich besonders der Stellenwert des sozialen Gewissens und dessen Sensibiliät. In diesem Zusammenhang werde ich unter anderem der Frage nach einem verbindenden Glied der einzelnen Kulturen bzw. der Frage inwiefern eine generelle Anpassung religiöser Inhalte an eine säkulare Gesellschaft problematisch erscheint, nachgehen. Insgesamt hoffe ich, dass dieses Thema nicht nur wissenschaftlichen Charakter hat, sondern auch für die moralische Orientierung und für die alltägliche Lebenspraxis nützlich sein kann. Möglicherweise kann es auch lebenswerten suchenden Menschen helfen, eine klare und tragfähige Wertvorstellung für die heutige Zeit zu erlangen.
Textauszug (computergeneriert)
DAS WESEN DES GUTEN IN DEN SCHRIFTEN DES
PAULUS VON TARSOS VOR DEM HINTERGRUND
DES STOISCHEN DENKENS
Eine religionsphilosophische Untersuchung
D I S S E R T A T I O N
Zur Erlangung des
Doktorgrades der Philosophie
an der Fakultät
für
Philosophie und Bildungswissenschaften
der Universität Wien
Eingereicht von
Mag.phil. Norbert Heger
Wien, im Oktober 2006
INHALT
Einleitung 4
1) Paulus in der christlichen Kultur 5
Zwischen Verehrung und Ablehnung 8
Paulinisches Denken als bleibende Sinnstiftung 12
2) Der jüdische Hintergrund des Paulus von Tarsos 14
Tugend- und Lasterkataloge im Alten Testament 17
Die religiös-politischen Gruppierungen 21
Die
Sadduzzäer 21
Die
Pharisäer 23
Die Qumrangemeinde 26
Der Jude Paulus von Tarsus 32
3) Die Anfänge des Christentums 36
Kulturgeschichtliche Verbindung von jüdischem
und hellenistischem Denken 36
Paulus als Gründer des Christentums? 40
4) Die stoische Moralphilosophie 50
Die Schule der Stoa 50
Grundgedanken der Naturphilosophie 51
Handlungstheorie und Affektenlehre 53
Die Tugendlehre 58
Das gute Leben 65
Das richtige Handeln 68
5) Die moralischen Werte des Paulus 77
Sein Übertritt zum Christentum 77
Das Menschenbild 79
2
Ethische Werte im 1. Thessalonicherbrief 81
Zur Ethik im 1. Korintherbrief 84
Moralische Werte im Philipperbrief 86
Zur Ethik des Philemonbriefs 89
Zur Ethik des 2. Korintherbriefs 91
Moralische Werte des Galaterbriefs 93
Ethische Grundsätze des Römerbriefs 95
Moralische Grundlegung in Röm.12,1-2 99
Das Wesen des Guten 104
Die Rolle des Gewissens 106
Zusammenfassung 109
6) Probleme der Wertentstehung 111
Biologische Strukturen 115
Kulturelle Prägungen 118
Zur Funktion religiöser Werte heute 122
Ethisches Bewusstsein im Zeitalter des Pluralismus 125
Ergebnisse im Diskurs 130
7) Zusammenfassung 134
Literaturverzeichnis 141
Abkürzungsverzeichnis 147
3
Einleitung
Mein langjähriges Interesse an den Schriften des Paulus von Tarsos
veranlasste mich dazu, diese Dissertation zu verfassen und das Wesen
des Guten beim Apostel vor dem Hintergrund des stoischen Denkens zu
analysieren. Ziel dieser Arbeit ist es, Grundsätze der paulinischen Ethik
im Kontext der heutigen Wertediskussion zu beleuchten.
Zunächst soll an die Wirkung des Apostels in der christlichen Kultur
erinnert werden. Damit ist sein Einfluss auf die Anfänge des
Christentums, das Mittelalter, die Reformation, die Gegenwart und auf
die Weltkultur gemeint.
Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich mich mit dem jüdischen
Hintergrund des Paulus beschäftigen und im Anschluss daran auf seine
Bedeutung für die Entstehung des Christentums hinweisen.
Danach wende ich mich der stoischen Moralphilosophie zu, insbesondere
der stoischen Naturrechtslehre, welche Paulus in seinen Schriften des
Neuen Testaments aufgreift. In weiteren Abschnitten werde ich das
Wesen des Guten bei Paulus deutlicher herausarbeiten und den
Zusammenhang mit der stoischen Ethik herstellen.
Im letzten großen Teil meiner Dissertation werde ich versuchen, die
Grundideen der paulinischen Ethik in die heutige Diskussion um
moralische Werte einzubringen. Sind die Zeiten, in denen fest stand und
auf der Hand lag, was das moralisch Richtige ist, bereits dahin? Dabei
interessiert mich besonders der Stellenwert des sozialen Gewissens und
dessen Sensibiliät. In diesem Zusammenhang werde ich unter anderem
der Frage nach einem verbindenden Glied der einzelnen Kulturen bzw.
der Frage inwiefern eine generelle Anpassung religiöser Inhalte an eine
säkulare Gesellschaft problematisch erscheint, nachgehen.
Insgesamt hoffe ich, dass dieses Thema nicht nur wissenschaftlichen
Charakter hat, sondern auch für die moralische Orientierung und für die
alltägliche Lebenspraxis nützlich sein kann. Möglicherweise kann es
auch lebenswerten suchenden Menschen helfen, eine klare und
tragfähige Wertvorstellung für die heutige Zeit zu erlangen.
4
1) Paulus in der christlichen Kultur:
Den einen gilt Paulus als der eigentliche Stifter des Christentums1, den
anderen als der Verderber der ursprünglichen und einfachen Religion
Jesu. Der Kirchenvater Augustin ist ohne Paulus nicht zu denken,2 er
interpretierte ihn weiter in der Richtung einer Gnadenlehre, der Lehre
von der Erbsünde und der göttlichen Prädestination.3 Im Rückgriff auf
Paulus entfaltete der afrikanische Theologe später seine theologische
Lehre, die für die westliche Kirche von prägender Bedeutung werden
sollte.4 Im frühen Mittelalter wurde Paulus zusammen mit Augustinus
besonders von Wilhelm von St. Thierry (Römerbrief) und von Bernhard
von Clairvaux (Gnadenlehre) rezipiert.5
Martin Luthers Reformation gründet in der Wiederentdeckung der
Paulinischen Rechtfertigungslehre. Seine reformatorische Erkenntnis von
der Gerechtigkeit Gottes als einer gerecht sprechenden und gerecht
machenden entspringt einem neuen Verständnis von Röm. 1,17 (,,Denn
im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum
Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird
leben." Dazu schreibt Martin Luther im Jahre 1545: ,,Mit wie viel Hass
ich früher das Wort ´Gerechtigkeit Gottes` gehasst hatte, mit umso
größerer Liebe pries ich dieses Wort als das für mich süßeste; so sehr
war mir diese Paulusstelle wirklich die Pforte zum Paradies."6
In der Reformationsgeschichte stand Paulus deshalb im Mittelpunkt der
theologischen Diskussion, weil man in der paulinischen Antithese von
Glauben einerseits und den Werken des Gesetzes andererseits das
praktisch-theologische und frömmigkeitsgeschichtliche Problem wieder
fand, welche Bedeutung fromme und gute Werke für die Seligkeit des
Menschen haben. Man aktualisierte daher die paulinische Fragestellung
1 Vgl.Hildebrandt D. 1989, S. 19
2 Vgl.Klumbies P.-G. 1999, S. 9
3 Vgl.Berger K. 2002, S. 125
4 Vgl.Lohse E. 1996, S. 282
5 Vgl.Berger K. 2002, S. 125
5
und sah von ihrer historischen Verankerung in der Auseinandersetzung
von Christentum und Judentum ab. Die calvinistisch geprägte
Reformation neigte dazu, Gott die Alleinwirksamkeit im Heil des
Menschen überhaupt zuzuschreiben und berief sich besonders auf die
harten Aussagen in Röm. 9. Die lutherische Reformation betonte die
Bedeutung des gläubigen Vertrauens und rief damit ein wichtiges
Potential zur Korrektur der damaligen leistungsbetonten Frömmigkeit in
Erinnerung.
Im 19. Jahrhundert orientierte man sich besonders am Kontrast zwischen
Jesus und Paulus, den man häufig zugunsten Jesu löste. In der so
genannten religionsgeschichtlichen Schule hob man die Einflüsse der
griechischen Religion (Mysterienkulte, Magie, Mystik, Herrscherkult)
auf Paulus hervor und vergaß fast seinen jüdischen Hintergrund.7
Die das 20. Jahrhundert maßgeblich prägende Dialektische Theologie,
die auch gegen die Diktatur der Nationalsozialisten kämpfte, nahm ihren
Anfang mit der Auslegung des Römerbriefs durch Karl Barth.
Im Gegensatz zu solcher Wertschätzung wurde besonders seit dem 19.
Jahrhundert immer wieder folgende Forderung erhoben: ,,Zurück zu Jesus
weg von Paulus." Friedrich Nietzsche hat ihr in seinem ,,Antichrist"
drastisch Ausdruck verliehen: ,,Im Grunde gab es nur einen Christen, und
der starb am Kreuz. Das >Evangelium< starb am Kreuz." Oder ein
anderes Zitat: ,,Der >frohen Botschaft< folgte auf dem Fuß die
allerschlimmste: die des Paulus."8
Keinen anderen seiner Gegner hat Nietzsche so innig gehasst wie diesen
antiken Prediger aus Tarsus. Keinem ist er so auf Schliche und
Schleichwege gekommen, aber auch keinem ist er so hörig gewesen.
Keiner hat wohl für ihn länger Modell gestanden als dieser Theologe, der
mit der Macht seines Wortes die antike Welt teilweise umgekrempelt
hat.9
6 Vgl.Klumbies P.-G. 1999, S. 9
7 Vgl.Berger K. 2002, S. 126
8 Vgl.Klumbies P.-G. 1999, S. 9
9 Vgl.Hildebrandt D. 1989, S. 23f.
6
Allerdings ist nicht nur F. Nietzsche ein widersprüchlicher Nachfahre
des Paulus, auch Lenin kannte den Theologen. Nicht der Philosoph führt
das herrische Wort des Apostels weiter, sondern im knappen Quartier der
Züricher Altstadt, in der Spiegelgasse lebte ein russischer Exilant. Er
war ein Volkstribun ohne Volk, später wurde er ein Weltbeweger im
negativen Sinn. Zuerst musste er ohne Bewegung auskommen und sich
mit Briefen schadlos halten. Diese Briefe sind wie geballte Ladungen
voll mit paulinischem Zorn. Aber nicht der Zorn ist das eigentliche
Merkmal, die Begeisterung ist die entscheidende Gemeinsamkeit. Das
sensationell Übereinstimmende zwischen diesen Gestalten ist die
revolutionierende Kraft des Zorns und die organisatorische Wirksamkeit
der Begeisterung. Was die beiden konträren Denker verbindet, ist die
Kunst, die Balance zu halten zwischen Zorn und Zuspruch, zwischen
Empörung und Ratschlag. Beide sind sie Meister in der Handhabung der
pädagogischen Peitsche. Die wichtigsten Übereinstimmungen sind
praktischer Art, nämlich Strategien der Argumentation, Techniken der
Ermahnung und der List, Äußerungen des Temperaments und des
aufrüttelnden Eifers. ,,Die Zögernden hinreißend, die erweckend, die
Schwachen ermutigend" das ist die Sprache Lenins. Aber sie klingt
ganz ähnlich wie aus einem Brief des Paulus. Dieser Prediger, der allen
alles sein wollte, steht Modell auch für den Typus des Revolutionärs,
den Lenin predigte: ,,Wenn man es nicht versteht, sich anzupassen, wenn
man nicht gewillt ist, auf dem Bauch durch den Schmutz zu kriechen,
dann ist man kein Revolutionär, sondern ein Schwätzer. Denn so
vorzugehen, schlage ich nicht deswegen vor, weil es mir gefällt, sondern
weil es keinen anderen Weg gibt."10
10 Vgl.Hildebrandt D. 1989, S. 28-32
7
Zwischen Verehrung und Ablehnung
Jürgen Moltmann, ein Wortführer einer evangelischen ,,Theologie der
Hoffnung", schrieb, weder Paulus noch die altchristlichen Theologen
hätten eine Theologie der Revolution entwickelt. Doch wirkten die
Christen durch ihre Anbetung Gottes im Zeichen des Gekreuzigten
zweifellos revolutionär. Denn sie griffen dadurch das Nervenzentrum der
politischen Religionen und der religiösen Politik ihrer Zeit an. ,,Ihr
Glaube war eine Revolution in jener Zeit"11
Damit ist die Kontroverse umrissen. Denn Paulus hat den entstehenden
christlichen Glauben erst auf eine begriffliche Grundlage gestellt.12 Er
hat das junge Christentum davor bewahrt, nach kurzer Blüte als
sektiererische Gruppe wieder von der Bildfläche der Religionsgeschichte
abzutreten. Auf diese Weise urteilen über ihn seine Bewunderer. Der
Preis sei viel zu hoch gewesen, halten ihm seine Kritiker entgegen. Mit
Paulus sei die Dogmatik ins Christentum eingedrungen, die Erstarrung
einer einstmals lebendigen Bewegung habe begonnen.
An Paulus haben sich von Anfang an die Geister geschieden. Als
Maßstab der gesunden Lehre verehrten ihn seine Schüler. Dazu gehören
die Verfasser des 1. und des 2. Timotheusbriefs oder des Titusbriefs.
Auch die Briefe an die Kolosser und die Epheser, die unter seinem
Namen herausgegeben wurden, entwickelten seine Gedanken auf
schöpferische Weise fort.
Die um das Jahr 100 entstandenen Schriften der ,,Apostolischen Väter"
(1. Clemens, Ignatius von Antiochien, Polycarp von Smyrna) folgten
ihnen in ihrer Hochschätzung des Paulus. Auch für den Theologen
Marcion, den spätere Theologen als ,,Erzketzer" verurteilten, war Paulus
allerdings in einseitiger Wiedergabe - die Autorität schlechthin.
Ebenso entschieden wie die Verehrung ist die Ablehnung des Apostels.
Das Judenchristentum verwirft ihn als den Gegenspieler des Petrus und
Jakobus. Die Pseudo-Clementinen identifizieren ihn mit dem Häretiker
Simon Magus. Eine Mittelposition nimmt die späteste neutestamentliche
11 Vgl.Hildebrandt D. 1989, S. 33f.
12 Vgl.Klumbies P.-G. 1999, S. 9
8
Schrift, der 2. Petrusbrief ein. Zwar bezeichnet er Paulus als ,,lieben
Bruder", lässt aber Vorbehalte in der Sache erkennen. Denn er sagt, in
den Briefen des Paulus seien ,,etliche Dinge schwer zu verstehen", sie
würden zudem von den ,,Unwissenden und Ungefestigten" verdreht, dies
geschehe ,,zu ihrem eigenen Verderben".13
Paulus selbst scheute sich zu seinen Lebzeiten nicht vor Polarisierungen.
Stets stand für ihn die Wahrheit des Evangeliums auf dem Spiel.14 Das
trug ihm von den Gegnern den Ruf eines Prinzipienreiters und eines
starren Ideologen ein. Ein Fanatiker sei er gewesen, getrieben vom
typischen Übereifer der Konvertiten. Ein Apostat sei er, der sich von den
Wurzeln der jüdischen Religion abgeschnitten habe. Andere sagen, er sei
ein genialer Theologe, der die Impulse des christlichen Glaubens für alle
Zeiten zur Wiederentdeckung aufbewahrt habe. Zwischen diesen
Extremen bewegen sich bis heute die Urteile über ihn.15
Der evangelische Theologe und Bischof Eduard Lohse hat folgendes
festgehalten: Paulus war nicht der Schöpfer einer urchristlichen Lehre,
sondern er trat in die Reihe derer ein, die das Evangelium bereits
bezeugten und ausbreiteten. Daher kann nicht davon die Rede sein, er sei
ein zweiter Stifter des Christentums gewesen. Es kann ihm auch nicht
vorgehalten werden, er habe die Verkündigung Jesu in ein starres
dogmatisches Gedankengefüge umgewandelt.
Denn Paulus hat nicht erst eine urchristliche Theologie geschaffen, er
hat eine schon in feste Sätze des Bekenntnisses gefasste Verkündigung
der ersten Christen in Antiochia aufgenommen und weiter geführt. Er hat
ihre Aussagen in ihrer Trag- und Reichweite durchdacht und auf die
Situation der von ihm gegründeten Gemeinden angewandt.
Hatte Jesus sich vor allem den armen, den verlorenen und den
verachteten Menschen zugewandt, so legte Paulus das Evangelium als
Rechtfertigung der Sünder aus, die im Glauben zu einem neuen Leben
gerufen sind. In diesem Verständnis der Barmherzigkeit Gottes, wie es
sowohl in der Predigt Jesu als auch der Theologie des Paulus zum
13 Vgl.2. Petr. 3,15-16 Klumbies P.-G. 1999, S.9
14 Vgl. Gal. 2,11-14
9
Ausdruck kommt, ist die grundsätzliche Übereinstimmung begründet, die
Jesus und Paulus zusammenschließt. Zu Recht versteht Paulus sich als
Knecht Christi Jesu, der nicht sich selbst, sondern allein Christus als den
neuen Herrn der Welt verkündigen will. Der Vorwurf, Paulus habe sich
zwischen Jesus und die Christenheit gestellt, lässt sich daher weder im
Blick auf das Selbstverständnis des Apostels, noch hinsichtlich der von
ihm entfalteten Lehre zu Recht erheben. Sondern wie Jesus Schranken
niedergerissen hat, indem er mit Zöllnern und Sündern Gemeinschaft
hielt, so hat Paulus die Grenzen niedergelegt, die das Volk Israel von
den Griechen und anderen Völkern trennten. Paulus würde daher von
Grund auf missdeutet, wenn man ihm die Absicht unterstellen wollte, er
hätte eine zweite Stiftung des Christentums vornehmen wollen. Er sah
seine Aufgabe vielmehr darin, das eine Evangelium von Gottes rettendem
Handeln in Christus so auszulegen und weiterzugeben, dass es in der
ganzen antiken Welt Gehör finden und die Kirche aus Juden und Heiden
Gestalt gewinnen konnte.16
Die Bedeutung des Apostels Paulus und seiner Briefe für die Gegenwart
könnte in folgenden Punkten bestehen:
- Paulus ist wie kein zweiter Prediger ein Anwalt einer globalen, auch
den Kosmos einbeziehenden Theologie. Zugleich hält er an einem
Vorrang Israels fest.
- Paulus vertritt eine Gnadentheologie, nach der Gott den Menschen
überreich beschenkt. Zugleich fordert dieser Gott den Gehorsam des
Glaubens, sowie eine untrennbare Einheit von Glauben und guten
Werken.
- Für Paulus haben Tod und Auferstehung Jesu zentrale Bedeutung für
das Heil aller Menschen. Dennoch besteht ein ausgewogenes
Gleichgewicht zur Bedeutung des göttlichen Schöpfergeistes.
- Paulus beschreibt in seiner Geschichtstheologie die Zuwendung der
Barmherzigkeit Gottes zu allen Menschen als Ziel aller Geschichte.
Gleichzeitig nimmt er für die Zeit bis zur Wiederkunft Christi eine
15 Vgl. Klumbies P.-G. 1999, S. 10
16 Vgl.Lohse E. 1996, S. 289f.
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