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»Ein kneht, der lag verborgen« - Tageliedkritik oder gattungsstabilisierende Variationsform?

Seminararbeit, 2006, 14 Seiten
Autor: Melanie Teege
Fach: Germanistik - Gattungen

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 14
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 10  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V117442
ISBN (E-Book): 978-3-640-19600-5
ISBN (Buch): 978-3-640-19612-8
Dateigröße: 189 KB

Zusammenfassung / Abstract

Handelt es sich bei diesem Lied um eine Kritik an einer ‚überzüchteten’ Gattung, um eine Kritik an der höfischen Scheinwelt oder eher um Kritik an der frivolen Freizügigkeit des niederen Volkes? Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, eben diesen Fragen nachzugehen. Dabei wird zunächst geklärt werden, was Steinmars Lied, Ein kneht, der lag verborgen, zur Parodie macht, mit welchen Mitteln er arbeitet, um anschließend verschiedene Interpretationsansätze diskutieren zu können. Erst wenn klar ist, was Steinmar eigentlich parodiert, kann die Frage geklärt werden, ob man eher von einem destruktiven oder einem konstruktiven Parodiebegriff ausgehen sollte.


Textauszug (computergeneriert)

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3

2 Der Autor 5

3 Interpretation 6

3.1 Formalanalyse 6

3.2 Technik der Parodierung 7

3.3 Interpretationsansätze 11

4 Zusammenfassung 13

5 Literaturverzeichnis 14


1 Einleitung

Die Lyrik des Minnesangs stellte in seiner Blütezeit um 1200 eine ,,hochgezüchtete

Kunst"1 dar, mit ausgefeilter theoretischer Konzeption. Es handelte sich um eine Lyrik

,,von Könnern für (den kleinen Kreis der) Kenner im Rahmen einer Adelsgesellschaft"2.

Den Höhepunkt erreichte die klassische Phase am Ende des 12. Jh., Anfang des 13. Jh..

Die einsetzende Stilwende ist laut Kuhn gekennzeichnet durch die Außenperspektive,

die Additions- oder Summenstruktur und die Tendenz zur Schriftlichkeit. Unter

Außenperspektive ist das Überschreiten der höfischen Perspektive gemeint, und damit

das Erschließen neuer literarischer Realitäten, Situationen etc., aber auch ein neues

Bewusstsein über Autorschaft und den Wert der Gattung.3

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich als Untergattung das mhd. Tagelied, welches

die Normen des ,Hohen′ Minnesangs in gewissem Maße sprengt. Das Minneparadox

der unnahbaren Dame und des leidvoll hoffenden Ritters wird aufgelöst. Eine

gemeinsam verbrachte Liebesnacht hat stattgefunden, und thematisiert wird nun die

schmerzhafte Trennung bei Tagesanbruch, die wiederum Impuls für eine sexuelle

Erfüllung in Form der Umarmung der Liebenden darstellt4. Ursache für das Abschied

nehmen ist die Angst vor Verlust von

lîp und êre

. Das Tagelied erzeugt dadurch eine

Spannung zwischen zweiseitiger offener Erotik und einer suggerierten Gefährlichkeit

der Situation. Neben den Liebenden gibt es in den meisten Fällen einen Wächter, der als

Morgenverkünder fungiert, einen Repräsentanten der Gesellschaft darstellt und darüber

hinaus aber paradoxer Weise die Funktion der Vertrauensperson vom Liebespaar

übernimmt.

Typische Motive des Tagelieds sind Tagesanbruch, Weckruf, Abschiedsklage und

urloup

(letzte Hingabe und Verabschiedung). Der Handlungsort ist fast immer das

Schlafgemach der Frau. Formale Charakteristika sind der Dialog, ein Refrain und die

Dreistrophigkeit. Ein lyrisches Ich, das sich ausspricht, das analysiert und reflektiert

fehlt und wird mit dem

genre objectif

ersetzt.

1 Mehler, Ulrich: Techniken der Parodierung, S. 253

2 ebd.

3 vgl. Kuhn, Hugo: Aspekte des 13. Jahrhunderts, S. 51

4 vgl. Mehler, Ulrich: Techniken der Parodierung, S. 253

3


Die fest verfügbare Form dieser Gattung bietet die Möglichkeit autorspezifischer

Experimente. Es entstanden eine Reihe von unterschiedlichsten Variationen, bei denen

Personal substituiert oder weggelassen wurde, die Anzeichen für den Morgen und die

Abschiedsszene vorwiegend verändert wurden.

Dieses Spiel mit der festen Gattung Tagelied führte schließlich zu verschiedenen

Sonderformen. Diese sind das Anti-Tagelied, das abendliche Einlass-Lied, das

bäuerliche Tagelied (Steinmar 8), die Tageliedspiegelung und die Kombination von

Tagelied und Kreuzzugs-Abschiedslied.

Die Gattung als solche, einzelne Dichter oder konventionelle Gesellschaftsstrukturen

und ­normen werden dadurch zunehmend parodiert.

Unter einer Parodie wird die Nachahmung eines, ,,bei den Adressaten [...] als bekannt

vorausgesetztes Werk unter Beibehaltung kennzeichnender Formmittel, aber mit

gegenteiliger Intension"5 verstanden. Das dies bei Steinmars Tagelied,

Ein kneht, der

lag verborgen

, der Fall ist, ist in der Sekundärliteratur unbestritten.

Aber eine Parodie übt auch immer in gewissem Maße Kritik und genau hier

unterscheiden sich die Interpretationsansätze. Handelt es sich bei diesem Lied um eine

Kritik an einer ,überzüchteten′ Gattung, um eine Kritik an der höfischen Scheinwelt

oder eher um Kritik an der frivolen Freizügigkeit des niederen Volkes?

Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, eben diesen Fragen nachzugehen. Dabei wird

zunächst geklärt werden, was Steinmars Lied,

Ein kneht, der lag verborgen

, zur Parodie

macht, mit welchen Mitteln er arbeitet, um anschließend verschiedene

Interpretationsansätze diskutieren zu können. Erst wenn klar ist, was Steinmar

eigentlich parodiert, kann die Frage geklärt werden, ob man eher von einem

destruktiven oder einem konstruktiven Parodiebegriff ausgehen sollte.

5 Schweikle, Günther; Schweikle, Irmgard (Hg.):Metzler Literatur Lexikon, S. 342

4



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