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Thesis (M.A.), 2008, 93 Pages
Author: David Willem Borgdorff
Subject: German Studies - Semiotics, Pragmatics, Semantics
Details
Tags: Semantik, Diminutive, Schriftsprache, Deutschen
Year: 2008
Pages: 93
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 33 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19653-1
ISBN (Book): 978-3-640-19659-3
File size: 5673 KB
Erstgutachter: Die Arbeit ist sowohl hinsichtlich ihrer theoretischen Grundlegung wie auch hinsichtlich der empirischen Umsetzung hervorragend. Auch wenn der Verfasser zwei grundlegende Thesen seines Lehrers aufgreift, so geht seine Studie bezüglich ihrer Differenziertheit und ihrer materiellen Genauigkeit weit darüber hinaus und birgt genügend Potenz für die Ausbau zu einer Dissertation.
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Abstract
„«Was 'n Wetterchen!» ruft ein Mädchen begeistert. «Ja, wunderbar!» erwidert ihre Freundin, während sie ein Fädchen von ihrem neuen Röckchen zupft. Sie sitzen auf einer Terrasse in der Sonne. Unter den Holztischchen tummeln sich Spätzchen. «Trinken wir noch ein Weinchen?» Die beiden Blondchen schauen sich schelmisch an. «Warum nicht, ein Stündchen haben wir ja noch.» Am Tischchen nebenan sitzt ein altes Mütterchen, das die Kellnerin mit der Anrede 'Fräulein' herbeiruft. Die Mädels schmunzeln. Nachdem sie nochmal bestellt haben, tauschen die beiden Anekdötchen über die Sommerferien aus. In einem Büchlein zeigt das eine Mädchen, wie putzig das französische Dörfchen war, in dem sie mit ihren Eltern Urlaub gemacht hat. Dann steht eins der Mädchen auf. «Na, wollen wir mal fahren?» «Wie fahren? Du hast doch getrunken!» «Ach, das waren doch nur zwei Gläschen!» «Naja, okay. Aber wenn's ein Knöllchen gibt, zahl ich nicht mit!»“1 Im oben stehenden Text haben die kursiven Wörter eins gemeinsam: sie werden in der Linguistik als 'Diminutive' bezeichnet. Als deutsches Wort dafür tritt – vor allem umgangssprachlich – 'Verkleinerungswort/-wörter' auf. Schon ein flüchtiger Blick auf die kursiven Wörter genügt jedoch um zu erkennen, dass es sich keineswegs in allen Fällen um bloße Verkleinerungen handelt. Nur bei Fädchen und (Holz-)tischchen liegen eindeutig Verkleinerungen vor, in einigen Fällen könnte die Bedeutungskomponente 'klein' eine Rolle spielen (Spätzchen, Röckchen, Dörfchen, Büchlein), aber in der überwiegenden Zahl der Fälle ist eine solche Komponente kaum (Mädchen, Mädels, Gläschen, Anekdötchen) oder nicht zu erkennen (Wetterchen, Weinchen, Stündchen, Knöllchen, Fräulein, Blondchen, Mütterchen). Außerdem kommen Fragen auf wie: Von welchem Wort sollen Mädchen und Mädel Verkleinerungen sein? Handelt es sich bei den Spätzchen wirklich um ungewöhnlich kleine Spatzen? Wie hat man sich eine Verkleinerung des Wetters vorzustellen? Wären einige dieser Diminutive nicht treffender als 'Verniedlichung' zu bezeichnen? Spielen neben Kleinheit nicht auch emotionale Aspekte eine Rolle? Warum gibt es eigentlich gleich mehrere Suffixe (-chen, -el, -lein), mit denen man verkleinern kann? Gibt es einen Unterschied zwischen einem Heftchen und einem Heftlein? Diese kurzen Überlegungen enthalten bereits einige der wichtigen Fragestellungen zur Semantik der Diminutive. Die vorliegende Untersuchung gibt anhand von empirischen Daten Antworten auf diese und andere Fragen.
Excerpt (computer-generated)
Zur Semantik der Diminutive
in der
gegenwärtigen Schriftsprache
des Deutschen
Schriftliche Hausarbeit
für die Magisterprüfung der Fakultät für Philologie
an der Ruhr-Universität Bochum
(Magisterprüfungsordnung vom 8. Dezember 1998)
vorgelegt von
Borgdorff, David Willem
am
25. September 2008
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
Inhalt
1 EINFÜHRUNG 4
1.1 Diminutive 4
1.2 Zur Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit 5
2 ÜBERBLICK ÜBER DIMINUTION UND IHRE ERFORSCHUNG 7
2.1 Diminution als Art der Modifikation 7
2.2 Forschungsstand zur Diminution im Deutschen 7
2.3 Forschungsstand zur Semantik der Diminutive 9
3 DIE VORGEHENSWEISE 11
3.1 Ziel der Untersuchung 11
3.2 Struktur der Untersuchung 11
4 DIE KORPUSRECHERCHE 12
4.1 Die zu untersuchenden Suffixe 12
4.2 Die zu untersuchenden Diminutive 12
4.3 Das Korpus 13
4.4 Das gewählte Teilkorpus 14
4.5 Das Suchprogramm und die Suchanfrage 15
4.6 Die ersten Ergebnisse 16
4.7 Eine neue Suchmethode 16
4.8 Bereinigung der Ergebnislisten 17
5 THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN 18
5.1 Hin zu einem adäquaten Modell zur Analyse und Beschreibung 18
5.2 Suffixbedeutung und Assoziationen 19
5.3 Objektivität und Subjektivität 21
5.4 Der Ansatz von DRAEGER 22
5.5 Motivation für Diminution 24
5.6 Motiviertheit, Lexikalisierung, Idiomatisierung 25
5.7 Die Stellung der unmotivierten Diminutive in der Auswertung 26
5.8 Das Modell der semantischen Features 27
5.9 Zur Zuweisung der Features 30
6 DIE ANALYSE 32
6.1 Das Feature [KLEIN] 32
6.2 Das Feature [JUNG] 37
6.3 Das Feature [EINZELHEIT] 39
6.4 Das Feature [VERSCHLEIERND] 41
6.5 Das Feature [EMOT.POS] 45
6.6 Das Feature [EMOT.NEG] 51
2
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
6.7 Das Feature [FESTE.GRÖSSE] 55
6.8 Unmotivierte Diminutive 58
7 ÜBERSICHT UND TYPOLOGIE 62
7.1 Zum Begriff ′Typologie′ 62
7.2 Diminution in den germanischen Sprachen 62
7.3 Zwei produktive Diminutivsuffixe 63
7.4 Die Distribution von -chen und -lein 63
7.5 Zur Charakterisierung der Suffixleistungen 67
7.6 Die prototypischen Features von -chen 68
7.7 Die prototypischen Features von -lein 70
7.8 Vergleich der Distribution der Features von -chen und -lein 71
7.9 Die prototypischen Features der deutschen Diminutivsuffixe 72
7.10 Konfigurationen 73
7.11 Die prototypischen Konfigurationen von -chen 74
7.12 Die prototypischen Konfigurationen von -lein 76
7.13 Vergleich der Konfigurationen von -chen und -lein 78
7.14 Die prototypischen Konfigurationen der deutschen Diminutivsuffixe 83
8 ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBEMERKUNGEN 85
8.1 Zusammenfassung der Ergebnisse 85
8.2 Evaluation 86
8.3 Ausblick 88
8.4 Schlussworte 89
LITERATUR 90
3
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
1 Einführung
1.1 Diminutive
,,«Was ′n Wetterchen!» ruft ein Mädchen begeistert. «Ja, wunderbar!» erwidert ihre
Freundin, während sie ein Fädchen von ihrem neuen Röckchen zupft. Sie sitzen auf einer
Terrasse in der Sonne. Unter den Holztischchen tummeln sich Spätzchen. «Trinken wir
noch ein Weinchen?» Die beiden Blondchen schauen sich schelmisch an. «Warum nicht,
ein Stündchen haben wir ja noch.» Am Tischchen nebenan sitzt ein altes Mütterchen, das
die Kellnerin mit der Anrede ′Fräulein′ herbeiruft. Die Mädels schmunzeln. Nachdem sie
nochmal bestellt haben, tauschen die beiden Anekdötchen über die Sommerferien aus. In
einem Büchlein zeigt das eine Mädchen, wie putzig das französische Dörfchen war, in dem
sie mit ihren Eltern Urlaub gemacht hat. Dann steht eins der Mädchen auf. «Na, wollen
wir mal fahren?» «Wie fahren? Du hast doch getrunken!» «Ach, das waren doch nur
zwei Gläschen!» «Naja, okay. Aber wenn′s ein Knöllchen gibt, zahl ich nicht mit!»"1
Im oben stehenden Text haben die kursiven Wörter eins gemeinsam: sie werden in der
Linguistik als ′Diminutive′ bezeichnet. Als deutsches Wort dafür tritt vor allem
umgangssprachlich ′Verkleinerungswort/-wörter′ auf. Schon ein flüchtiger Blick auf
die kursiven Wörter genügt jedoch um zu erkennen, dass es sich keineswegs in allen
Fällen um bloße Verkleinerungen handelt. Nur bei Fädchen und (Holz-)tischchen liegen
eindeutig Verkleinerungen vor, in einigen Fällen könnte die Bedeutungskomponente
′klein′ eine Rolle spielen (Spätzchen, Röckchen, Dörfchen, Büchlein), aber in der
überwiegenden Zahl der Fälle ist eine solche Komponente kaum (Mädchen, Mädels,
Gläschen, Anekdötchen) oder nicht zu erkennen (Wetterchen, Weinchen, Stündchen, Knöllchen,
Fräulein, Blondchen, Mütterchen).
1 In diesem konstruierten Text wurden absichtlich sehr viele Diminutive verwendet. Solche extremen
Anhäufungen von Diminutiven sind in der normalen Sprachpraxis nicht zu erwarten.
4
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
Außerdem kommen Fragen auf wie: Von welchem Wort sollen Mädchen und Mädel
Verkleinerungen sein? Handelt es sich bei den Spätzchen wirklich um ungewöhnlich
kleine Spatzen? Wie hat man sich eine Verkleinerung des Wetters vorzustellen? Wären
einige dieser Diminutive nicht treffender als ′Verniedlichung′ zu bezeichnen? Spielen
neben Kleinheit nicht auch emotionale Aspekte eine Rolle? Warum gibt es eigentlich
gleich mehrere Suffixe (-chen, -el, -lein), mit denen man verkleinern kann? Gibt es einen
Unterschied zwischen einem Heftchen und einem Heftlein?
Diese kurzen Überlegungen enthalten bereits wenn auch salopp formuliert einige
der wichtigen Fragestellungen zur Semantik der Diminutive. Wie wir in Kapitel 2 sehen
werden, hat die Forschung sich ausführlich mit diesen Fragen beschäftigt. Die Forscher
sind sich darüber einig, dass die Suffixe mannigfaltige Bedeutungen wie »klein«, »jung«,
»reizend«, »vertraut«, »unbedeutend«, »schwach«, »erbärmlich«, »schützenswert« etc.
haben können, sie betrachten diese teilweise recht unterschiedliche Bedeutungen jedoch
als besondere Färbungen der Grundbedeutung »klein«2.
1.2 Zur Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit
Bei einem solchen Reichtum an Bedeutungen der Diminutivsuffixe böte es sich an,
anhand einer empirischen Untersuchung festzustellen, welche Bedeutungen am
häufigsten vertreten und somit typisch für die Diminution im Deutschen sind.
Sofern dies überhaupt versucht wurde3, hat sich eine solche Analyse als methodisch sehr
problematisch erwiesen. Das Hauptproblem bildet die Tatsache, dass sich die
Suffixbedeutungen zum Teil stark überschneiden und dass es daher nicht ohne Weiteres
möglich ist, die Bedeutungen scharf voneinander zu trennen und einzelne Bildungen
nach diesen zu kategorisieren. Für dieses Problem wurde bis dato keine befriedigende
Lösung gefunden und es liegt somit bisher keine einzige Studie vor, in der eine
2 Die Identifikation der Grundbedeutung mit »klein« ist nicht unumstritten, andere Forscher setzen als
ursprüngliche Bedeutung der Suffixe "Zugehörigkeit, Vertrautheit" an. Dazu §2.3.
3 Die bisherigen Ansätze werden in Kapitel 2 besprochen.
5
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
repräsentative, auf Empirie basierende Typologie der Semantik der Diminutive
aufgestellt wird. Die vorliegende Arbeit will diese Lücke schließen.
Dazu wird eine neue Methode vorgestellt, mit der sich die Bedeutungen der Diminutive
adäquat analysieren und beschreiben lassen. Auf der Basis einer empirischen
Korpusuntersuchung werden die Suffixbedeutungen beschrieben und anschließend wird
eine quantitativ-semantische Typologie der deutschen Diminution aufgestellt.
6
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
2 Überblick über Diminution und ihre Erforschung
2.1 Diminution als Art der Modifikation4
Diminutive sind die Produkte eines Verfahrens der derivationalen Wortbildung, der
Diminution. Während die semantische Veränderung des Basiswortes bei Diminution
primär darin besteht, das vom Basiswort ausgedrückte Konzept als explizit »klein« zu
bezeichnen, bewirkt die Augmentation das Gegenteil, d.h. der Sprecher signalisiert, dass
er das vom Basiswort ausgedrückte Konzept als explizit »groß« betrachtet.
Augmentation ist im Deutschen eine relativ junge Erscheinung und ist im Vergleich zur
Diminution nur sehr gering ausgeprägt (vgl. etwa Mega- in Megaspektakel). Beide
Verfahren werden mit dem Begriff ′Gradation′ zusammengefasst. Gradation bildet mit
Motion, Taxation, Negation und Kollektion die Gruppe der Verfahren, die man als
′Modifikation′ bezeichnet5. Allen Arten der Modifikation gemeinsam ist, dass sie
Verfahren sind, bei denen ein Basiswort semantisch verändert wird, indem ein Affix
angehängt wird, wobei sowohl die Basiswortart als auch die Bedeutungskategorie
erhalten bleiben. Je nachdem, was bei der semantischen Veränderung markiert wird,
sprechen wir von Motion (Sexus), Gradation (relative Größe), Taxation (zugemessener
Wert) oder Negation (Gegenteil). Die Kollektion stellt eine besondere Art der
Modifikation dar, sie vereinigt eine Menge Entitäten zu einer Einheit.
2.2 Forschungsstand zur Diminution im Deutschen
Der Forschungsstand zur Diminution im Deutschen ist im Allgemeinen als weit
fortgeschritten zu beurteilen. Es sind zahlreiche gründliche Untersuchungen und
Forschungsbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten des Themas veröffentlicht worden6.
4 Beschreibung nach WEGERA [erscheint], wo Modifikation in kognitiver und typologischer Perspektive
beschrieben wird.
5 Mit diesen Begriffen konkurrieren in der deutschsprachigen Fachliteratur die auf -ierung (Movierung
(=Motion), Diminuierung, usw.). Hier werden die einheitlichen Formen auf -tion bevorzugt.
6 Einen tabellarischen Überblick über den Forschungsstand im Deutschen bis 1975 findet man in
ETTINGER 1980: 48.
7
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
Neben zahlreichen diachronischen Arbeiten, die der Entstehung und historischen
Entwicklung der Diminutive gewidmet sind, sind auch einige (historisch-)synchronische
Untersuchungen zu verzeichnen, welche die Diminutive in einzelnen Sprachstufen des
Deutschen beschreiben. Zusammen behandeln die Forschungsbeiträge den ganzen
Zeitraum von Anfang bis Gegenwart lückenlos7.
Der wohl am häufigsten diskutierte Aspekt der deutschen Diminution ist ihre
Entstehung. Insbesondere die Untersuchungen von POLZIN (1901)8, WREDE (1908) und
dessen Schüler HASTENPFLUG (1914) bildeten den Ausgangspunkt für zahlreiche
Auseinandersetzungen in der Forschungsliteratur. Die Hauptstreitpunkte bilden die
Frage der Herkunft der Suffixe, sowie die Thesen, dass die Diminution im Deutschen
durch lateinischen Einfluss entstanden sei oder dass lateinischer oder französischer
Einfluss zur starken Verbreitung der Diminution im Deutschen beigetragen, wenn nicht
gar geführt habe9.
Ein Aspekt der Diminution, dem eine deutlich geringere Aufmerksamkeit der Forscher
zuteil wurde, ist der Konkurrenzkampf zwischen den Suffixen -chen und -lein im Laufe
der deutschen Sprachgeschichte. Neben den Ausführungen in den historischen
Grammatiken10 sind die Studien von POLZIN (1901), GÜRTLER (1909a, 1909b),
HASTENPFLUG (1914), ÖHMANN (1946, 1972), TIEFENBACH (1987) und
WEGERA/SOLMS (2002) zu nennen11.
7 Zeiträume mit wichtigsten Werken: Die Zeit bis 1600: POLZIN 1901; ÖHMANN 1946; Zeitraum von
1600 bis 1750: GÜRTLER 1909a; zwischen 1750 und 1900: PFENNIG 1904; nach 1900: ÖHMANN 1972;
HENZEN 31965; FLEISCHER/BARZ 32007; KÜHNHOLD/WELLMANN 1975 und DRAEGER 1996: 182-191.
8 Vgl. Kritik auf POLZIN bei JELLINEK 1903: 140-141. Kritik auf WREDE bei SCHATZ 1910: 9-15.
9 Eine ausführliche und sachliche Übersicht über die geführten Diskussionen und die jeweiligen
Argumente bietet ETTINGER 1980: 49-58.
10 WEINHOLD 1883: § 279, § 282; GRIMM 1890: 664ff.; WILMANNS 1896: 316ff.; STOPP 1978: 118ff.
11 Einen Überblick über den Forschungsstand geben WEGERA/SOLMS 2002: 159-165. Vgl. auch die dort
angeführte Literatur.
8
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
2.3 Forschungsstand zur Semantik der Diminutive
Zur Semantik der Diminutive ist viel geschrieben worden, wobei namentlich zwei
Probleme die Diskussionen geprägt haben. Erstens wurde vor allem in älteren Studien
rege über die ursprüngliche Bedeutung der Diminutivsuffixe diskutiert, wobei diese
von manchen Forschern12 in der noch heute geläufigen Bedeutung »klein«
wiedererkannt, von anderen13 jedoch mit ′Zugehörigkeit bezeichnend′ identifiziert wird,
von welcher sich dann heutige Bedeutungen wie »vertraut«, »lieb«, »jung« und »klein«
herleiten. Es handelt sich dabei somit um die Frage, ob mit den Suffixen zuerst
Sachbezeichnungen ′verkleinernd′, oder zuerst Personen ′kosend′ bezeichnet wurden14.
Dieser Streitpunkt muss heute noch als nicht endgültig geklärt gelten. Es wird im
Rahmen dieser Untersuchung nicht weiter auf diesen Punkt eingegangen.
Das zweite oft diskutierte Problem bildet die Frage, von welchen und wie viel
Suffixbedeutungen auszugehen ist. Dies wird teilweise sehr unterschiedlich beurteilt.
DRAEGER stellt kritisch fest15, dass Forscher wie KRAMER (1962), HÖPPNER (1980) und
MOTSCH (1983) von einer einzigen Suffixleistung ausgehen. Auch die Wörterbücher
vermerken Diminutive grundsätzlich als ′Verkleinerungen′. HENZEN (31965),
KÜHNHOLD/WELLMANN (1975) und FLEISCHER/BARZ (32007) sprechen von
verschiedenen Bedeutungsabschattungen oder -färbungen, sehen diese jedoch ebenfalls
als Produkte einer einzigen Suffixleistung an.
An dieser Stelle muss die empirische Arbeit von DRAEGER16 genannt werden. Nach
ihrer Ansicht sind die Suffixbedeutungen zum Teil dermaßen unterschiedlich, dass sie
nicht befriedigend aus einer einzigen Suffixleistung erklärt werden können. Sie hat eine
Kategorisierung nach unterschiedlichen Suffixleistungen von -chen und -lein
12 PAUL 1920; NÖRRENBERG 1923; ERBEN 52006.
13 So WREDE 1908: 132; HASTENPFLUG 1914: 77; KLUGE 1925: 26-30; SCHMIDT 1982: 107.
14 Vgl. HENZEN 31965: 140; Besprechung der Diskussionen in ETTINGER 1980: 49-58.
15 DRAEGER 1996: 183.
16 DRAEGER 1996: 182-191.
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