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Agatha Christies "Ten Little Niggers" als Beispiel analytischer Erzählweise und Sonderfall des klassischen Detektivromans

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 29 Pages
Author: Florian Steinacker
Subject: German Studies - Genres

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 29
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V117497
ISBN (E-book): 978-3-640-19809-2
ISBN (Book): 978-3-640-19813-9
File size: 203 KB

Abstract

Zehn Personen verbringen ein Wochenende auf einer abgelegenen Insel. Sie kennen einander nicht und wurden von mysteriösen Einladungen hierher ge- lockt. Drei Tage nach ihrer Ankunft sind alle zehn tot, hingerichtet nach dem Schema eines Kinderreims... Agatha Christies im Jahre 1939 erstmals veröffentlichter Roman Ten Little Niggers1 gilt heute als eines der bekanntesten und besten Werke der ,Queen of Crime′. Bargainnier spricht vom ,,ultimate in whodunits"2, Barnard bewertet den Roman als ,,unusually suspenseful and menacing"3. Es entstanden einige Filmfassungen,4 die sich mehr oder weniger eng an Christies Vorlage hielten, und noch heute orientieren sich viele literarische und filmische Werke ­ wenn sie sich auch nicht explizit auf Ten Little Niggers berufen ­ an der Grundidee des Plots, dem Serienmord am von der Außenwelt isolierten Ort. Der Roman ist in manch offensichtlicher Hinsicht bemerkenswert ­ so ereignen sich in keinem anderen Werk der Christie mehr Morde ­,5 literaturwissenschaftlich interessant wird er jedoch vor allem im Hinblick auf die Sonderrolle, die er innerhalb des Feldes der klassischen Detektivromane einnimmt. Die Diskrepanz zwischen dem Einhalten von genretypischen Mustern auf der einen und der Variation oder gar dem Aufbrechen dieser Muster auf der anderen Seite soll im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Genrespezifisch und unabdingbar für den klassischen Detektivroman ist die analytische Erzählweise, die auch in Ten Little Niggers Verwendung findet. Deshalb werde ich zunächst die von Dietrich Weber geprägten und für diesen Erzählstil maßgeblichen Begriffe der Handlungs-, Darstellungs- und Mitteilungskonstruktion am Beispiel des Romans erläutern. Während mit dem Gebrauch des analytischen Erzählvorgangs ein not- wendiges Kriterium für die Definition als klassischer Detektivroman eingehal- ten wird, entfernt sich Christie bei anderen Elementen der Erzählung von kon- ventionellen Genrestrukturen ­ und somit auch vom Großteil ihres übrigen schriftstellerischen Werks. Diese Variationen werde ich im nachfolgenden Teil der Arbeit untersuchen. Besonderes Augenmerk soll dabei auf der Verwendung verschiedener Erzählperspektiven und dem Fehlen einer zentralen Detektivfigur liegen. Abschließend werde ich auf zwei zentrale Motive des Romans, den Kin- derreim und das Zusammenwirken von Schuld und Bestrafung, eingehen und zeigen, wie diese zur atmosphärischen Gestaltung der Erzählung beitragen.


Excerpt (computer-generated)

Universität zu Köln

Institut für deutsche Sprache und Literatur

Hauptseminar

,,Klassiker des Detektivromans"

Neuere deutsche Literatur

WS 2005/2006

Agatha Christies Ten Little Niggers

als Beispiel analytischer Erzählweise

und Sonderfall des klassischen Detektivromans

von

Florian Steinacker

7. Fachsemester


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 2

1. Ten little nigger boys went out to dine ­ Zum methodischen Vorgehen

dieser Arbeit 3

2. Who was that speaking? ­

Ten Little Niggers

als Beispiel einer

analytischen Erzählung nach Dietrich Weber 4

2.1 Handlungskonstruktion 5

2.2 Darstellungskonstruktion 8

2.3 Mitteilungskonstruktion 10

3. The mystery of Nigger Island will remain unsolved ­ Aufbau und

Handlungskonstruktion von

Ten Little Niggers

im Vergleich zum klassischen

Detektivroman

und anderen Werken Agatha Christies 12

3.1

Closed Circle Setting 13

3.2 Erzählperspektiven 16

3.3

Das Fehlen der zentralen Detektivfigur 18

4. Fits too damned well to be a coincidence! ­ Motive und Themen des

Romans 21

4.1 Nursery

Rhyme 21

4.2

Schuld und Bestrafung 23

5.

And then there were None ­ Fazit 25

6.

Literaturverzeichnis 27

A. Quellen 27

B. Darstellungen 27



2


1.

Ten little nigger boys went out to dine ­ Zum methodischen

Vorgehen dieser Arbeit

Zehn Personen verbringen ein Wochenende auf einer abgelegenen Insel. Sie

kennen einander nicht und wurden von mysteriösen Einladungen hierher ge-

lockt. Drei Tage nach ihrer Ankunft sind alle zehn tot, hingerichtet nach dem

Schema eines Kinderreims...

Agatha Christies im Jahre 1939 erstmals veröffentlichter Roman

Ten
Little Niggers1

gilt heute als eines der bekanntesten und besten Werke der

,Queen of Crime′. Bargainnier spricht vom ,,ultimate in whodunits"2, Barnard

bewertet den Roman als ,,unusually suspenseful and menacing"3. Es

entstanden einige Filmfassungen,4 die sich mehr oder weniger eng an Christies

Vorlage hielten, und noch heute orientieren sich viele literarische und

filmische Werke ­ wenn sie sich auch nicht explizit auf

Ten Little Niggers

berufen ­ an der Grundidee des Plots, dem Serienmord am von der Außenwelt

isolierten Ort.

Der Roman ist in manch offensichtlicher Hinsicht bemerkenswert ­ so

ereignen sich in keinem anderen Werk der Christie mehr Morde ­,5

literaturwissenschaftlich interessant wird er jedoch vor allem im Hinblick auf

die Sonderrolle, die er innerhalb des Feldes der klassischen Detektivromane

einnimmt. Die Diskrepanz zwischen dem Einhalten von genretypischen

Mustern auf der einen und der Variation oder gar dem Aufbrechen dieser

Muster auf der anderen Seite soll im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.

Genrespezifisch und unabdingbar für den klassischen Detektivroman ist

die analytische Erzählweise, die auch in

Ten Little Niggers

Verwendung

findet. Deshalb werde ich zunächst die von Dietrich Weber geprägten und für

diesen Erzählstil maßgeblichen Begriffe der Handlungs-, Darstellungs- und

Mitteilungskonstruktion am Beispiel des Romans erläutern.

Während mit dem Gebrauch des analytischen Erzählvorgangs ein not-

wendiges Kriterium für die Definition als klassischer Detektivroman eingehal-

ten wird, entfernt sich Christie bei anderen Elementen der Erzählung von kon-

ventionellen Genrestrukturen ­ und somit auch vom Großteil ihres übrigen

1 Der Originaltitel

Ten Little Niggers

(und auch die ursprüngliche deutsche Übersetzung

Zehn kleine Negerlein

) wurde im Laufe der Jahre und Wiederveröffentlichungen aus

Gründen der politischen Korrektheit durch verschiedene Alternativtitel ersetzt. Ich

verwende in dieser Arbeit den von der Autorin gewählten Originaltitel.

2 Bargainnier: The Gentle Art of Murder, S. 111.

3 Barnard: A Talent to Deceive, S. 206.

4 Die bekannteste und von der Kritik meistgeschätzte Verfilmung des Romans ist wohl

And Then There Were None

(USA 1945, Regie: René Clair).

5 Vgl. Bargainnier: The Gentle Art of Murder, S. 117.

3


schriftstellerischen Werks. Diese Variationen werde ich im nachfolgenden Teil

der Arbeit untersuchen. Besonderes Augenmerk soll dabei auf der

Verwendung verschiedener Erzählperspektiven und dem Fehlen einer

zentralen Detektivfigur liegen.

Abschließend werde ich auf zwei zentrale Motive des Romans, den Kin-

derreim und das Zusammenwirken von Schuld und Bestrafung, eingehen und

zeigen, wie diese zur atmosphärischen Gestaltung der Erzählung beitragen.

2.

Who was that speaking? ­ Ten Little Niggers als Beispiel einer

analytischen Erzählung nach Dietrich Weber

Was unterscheidet einen Kriminal- von einem Detektivroman? Nach Alewyn

ist es nicht der Gegenstand der Erzählung ­ meist ein Mord ­ , sondern deren

Form: Der Kriminalroman erzähle die Geschichte eines Verbrechens, der De-

tektivroman die Geschichte der Aufklärung eines Verbrechens.6 Aus diesem

Grund beginnen Detektivromane in der Regel nicht mit dem Mord, sondern

mit der Entdeckung des Mordes: Die Spannung, die der Leser empfindet,

beruht im Wesentlichen auf der Täterfrage und dem Rätsel, wie und warum

das Verbrechen durchgeführt wurde. Unter dieser Prämisse wird deutlich, dass

der Detektivroman einer Erzählweise bedarf, die das Geschehen nicht streng

chronologisch und lückenlos erzählt, sondern durch Umstellungen und

Auslassungen zur Lösung des Falls wichtige Informationen erst nach und nach

preisgibt.

Die analytische Erzählweise, die eine im Vergleich zum zeitlichen

Ablauf des Geschehens invertierte oder rückläufige Form des Erzählens7

darstellt, gleicht einem Frage-und-Antwort-Spiel: Es gilt, ein Geschehen, das

sich in der Vergangenheit ereignete, zu rekonstruieren. Durch Fragen, zu

denen nicht nur Verhöre, sondern auch Maßnahmen wie Hausdurchsuchungen,

die Alewyn als in Handlung umgesetzte Fragen bezeichnet,8 gehören, und

Antworten, falsche und richtige, wichtige und unwichtige, ungenaue und

irreführende, ergibt sich für den Leser wie für die Figuren langsam ein

Gesamtbild, bis am Ende des Buchs diese verschiedenen Puzzleteilchen ­ in

den meisten Fällen durch die zentrale Detektivfigur ­ zusammengefügt werden

und der Täter entlarvt wird.

6 Vgl. Alewyn: Anatomie des Detektivromans, S. 364.

7 Vgl. ebd., S. 363f.

8 Vgl. ebd. S. 372.

4


Im Folgenden werde ich die Grundlagen analytischen Erzählens nach

Weber darlegen und am Beispiel von

Ten Little Niggers

veranschaulichen.

2.1 Handlungskonstruktion

Weber bezeichnet die analytische Erzählkonstruktion als erzählerischen Nach-

vollzug einer spezifischen Handlung, als Rekonstruktion eines außerliterari-

schen Erfahrungsmusters.9 In

Ten Little Niggers

sind es die mysteriösen Vor-

gänge, angefangen von der aufgelegten Schallplatte über das Fernbleiben des

rettenden Motorbootes bis hin zu den Morden, deren Hintergründe in der Er-

zählung nicht offen dargelegt werden, und so von den Figuren und Lesern re-

konstruiert werden müssen.

Als erstes der konstitutiven Elemente der analytischen Handlung nennt

Weber die Handlungssubstanz, die er als ,Geschichte einer Erfahrung′10 be-

schreibt. Im vorliegenden Roman sind es die Bemühungen der Gäste, die un-

heimlichen Geschehnisse, die sich während des Wochenendes auf der Insel er-

eignen, zu ergründen, die nach Weber als ,,in Anlehnung an die Wirklichkeit

fingierter Erfahrungsprozess"11 bezeichnet werden können.

Das zweite wichtige Element der analytischen Handlung ist der Hand-

lungsträger, für den Weber den Begriff der ,Betrachterfigur′ verwendet.12 Im

Fall von

Ten Little Niggers

zeichnet sich hier bereits ein erster Unterschied

zum klassischen Detektivroman ab ­ statt sich an einer zentralen Betrachterfi-

gur zu orientieren, wechselt die Perspektive hier kontinuierlich zwischen allen

noch lebenden Gästen.13

Der

Handlungsverlauf

bildet das dritte konstitutive Element der Hand-

lungskonstruktion. Weber setzt ihn modellhaft aus drei konstitutiven (Wahr-

heits- und Unbestimmtheitsmoment, analytisches Moment, Klärungsmoment)

und zwei nicht konstitutiven, jedoch typischen Momenten, dem Reflex- und

dem Widerstandsmoment, zusammen.14 Als Beispiel für dieses Modell soll im

Nachfolgenden die Handlung von

Ten Little Niggers

dienen, beginnend mit

der von Schallplatte abgespielten Anklage.

Auslöser der analytischen Handlung ist das Wahrnehmungs- und Unbe-

stimmtheitsmoment. Die Betrachterfigur nimmt als Erfahrungssubjekt eine un-

9 Vgl. Weber: Theorie der analytischen Erzählung, S. 17.

10 Vgl. ebd., S. 17.

11 Ebd., S. 17.

12 Vgl. ebd., S. 17f.

13 Auf diesen Punkt gehe ich in Kapitel 3.2, Erzählperspektiven, noch näher ein.

14 Vgl. Weber: Theorie der analytischen Erzählung, S. 18.

5


bestimmte, ungeklärte, womöglich rätselhafte Erscheinung, das Erfahrungsob-

jekt, wahr.15 In dem Moment, als die Gäste auf Nigger Island die Anklage von

der Schallplatte hören, und nicht wissen, woher die geheimnisvolle Stimme

kommt, stehen sie vor einem solchen Rätsel.16

Eng verknüpft mit diesem Wahrnehmungs- und Unbestimmtheits-

moment ist das Reflexmoment. Es zeigt die unmittelbare Reaktion der

Betrachterfigur(en) auf das soeben Wahrgenommene, und drückt sich aus in

Erstaunen, Verwunderung, im Extremfall auch Bestürzung und Entsetzen.17

Diese vielfältigen, verschiedenen Reaktionen lassen sich auch bei den

,Angeklagten′ beobachten: Rogers lässt das Kaffeetablett fallen, seine Frau

bricht zusammen,18 Blore wischt sich sein Gesicht mit einem Taschentuch

ab.19

Das darauffolgende analytische Moment beginnt mit der Frage oder der

Mutmaßung darüber, was es mit der rätselhaften Erscheinung auf sich hat. Am

Beispiel von

Ten Little Niggers

lässt sich zeigen, wie eng verknüpft dieses

Moment mit dem vorhergehenden Reflexmoment sein kann. Vera Claythornes

Ausruf ,,Who was that speaking?"20 und General Macarthurs ,,What′s going

on here?"21 können sicherlich als unmittelbare Reaktionen auf das soeben

Gehörte und damit als Bestandteile des reflexiven Moments bezeichnet

werden, darüber hinaus stellen diese beiden Fragen jedoch bereits den

Ausgangspunkt für die folgenden analytischen Überlegungen dar, und sind

somit ebenfalls dem analytischen Moment zuzuordnen, das im Folgenden

weitere Elemente umfassen kann:

Analyse des Wahrgenommenen, Zerlegung in seine Bestandteile, Aufstellung und

Kombination von Deutungshypothesen, Ausschluß [sic!] von Gegenargumenten und

Präzisierung des Deutungsentwurfs, Überprüfung der eigenen Wahrnehmung und

Einbeziehung möglicher Täuschung, Erkundigung und Ermittlung weiterer Fakten

[...].22

Alle Handlungen im Roman, die zu Beginn nur dazu dienen, das Rätsel um die

Schallplatte zu lüften, später unternommen werden, um die zunächst nur my-

steriösen Todesfälle zu erklären, und schließlich den Serienmörder überführen

sollen, können dem analytischen Moment zugerechnet werden. Exemplarisch

seien hier nur die Frage von Richter Wargrave, wer die Schallplatte aufgelegt

15 Vgl. ebd., S. 18.

16 Vgl. Christie: Ten Little Niggers, S. 31f.

17 Vgl. Weber: Theorie der analytischen Erzählung, S. 19.

18 Vgl. Christie: Ten Little Niggers, S. 32.

19 Vgl. ebd., S. 33.

20 Ebd., S. 33.

21 Ebd., S. 33.

22 Weber: Theorie der analytischen Erzählung, S. 20.

6



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