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Scholary Paper (Seminar), 2006, 22 Pages
Author: Nina Hollstein
Subject: History - Middle Ages, Early Modern
Details
Institution/College: University of Hannover (Institut für Geschichte)
Tags: Spielleute, Mittelalters, Normen, Realität, Soziale, Ungleichheiten, Stadt
Year: 2006
Pages: 22
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-20164-8
ISBN (Book): 978-3-640-20664-3
File size: 132 KB
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Abstract
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Randgruppe der Spielleute im Mittelalter. Im Zuge der Literaturrecherche zu dieser Thematik und deren Bearbeitung war es nahezu unumgänglich auf einen eklatant tiefen Widerspruch im Leben dieser Randständigen aufmerksam zu werden: Die Spielleute hatten ein umfassendes Repertoire an Unterhaltungskünsten zu bieten. Mit Gesang, instrumentalen Künsten, bis hin zu Zauberkünsten und erotischen Tänzen beeindruckten und unterhielten sie ein breites Publikum. Erwartungsvoll, begierig und dankbar wurden diese Darbietungen von den Zuschauern aufgenommen und mit entsprechender Anerkennung und Entlohnung honoriert. Der gesellschaftliche Ausschluss sowie die deklassierende Stellung in der weltlichen und kirchlichen Herrschaft stehen dem Vorangegangenen in deutlicher Gegensätzlichkeit gegenüber. Und genau dieser Thematik nimmt sich die vorliegende Arbeit an, indem die Kluft zwischen der Realität und speziell den kirchlichen Normen aufgezeigt werden soll. Die zentrale Fragestellung hierbei wird sein, welches die möglichen Motive oder die Begründung dieses augenfälligen Widerspruchs sind. Die Quellenlage und die Anzahl der verschiedenen Quellengattungen bezüglich dieser Thematik sind sehr breit gefächert. Neben den Gesetzessammlungen, Traktaten und Predigten, bieten ebenso die literarischen und historiographischen Texte die Möglichkeit zur Beurteilung und Darstellung der Spielleute. Besonders über die kirchlichen und weltlichen Normen berichten uns zahlreiche Quellentexte. Genannt werden sollen hier die beiden bedeutendsten mittelalterlichen Rechtsquellen, namentlich der Schwaben- und Sachsenspiegel. Besonders letzterer weist laut Jürgen Brandhorst „ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen der dort niedergelegten normativen Diskriminierung und der tatsächlichen Behandlung der Spielleute“ auf. [...]
Excerpt (computer-generated)
Universität Hannover
Philosophische Fakultät
Historisches Seminar
Hauptseminar: ,Soziale Ungleichheiten in der Stadt
des späten Mittelalters′
SoSe 2006
Hausarbeit zum Thema:
,Die Spielleute des Mittelalters zwischen Normen und Realität′
Inhaltverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Das frühchristliche Erbe 5
2.1. Die ,Vorfahren′ der Spielleute 5
2.2. Die Haltung der Kirchenväter 6
3. Die Spielleute im Mittelalter 10
3.1. Norm und Recht der spielmännischen Lebensform 10
3.1.1. Die Haltung der Kirche 10
3.1.2. Die Haltung der weltlichen Herrschaft 13
3.2. Realität der Lebensform 15
4. Gründe der Kluft zwischen Normen und Realität 17
5. Schlussbetrachtungen 18
6. Literaturverzeichnis 20
2
1. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Randgruppe der Spielleute im Mittelalter. Im
Zuge der Literaturrecherche zu dieser Thematik und deren Bearbeitung war es
nahezu unumgänglich auf einen eklatant tiefen Widerspruch im Leben dieser
Randständigen aufmerksam zu werden:
Die Spielleute hatten ein umfassendes Repertoire an Unterhaltungskünsten zu
bieten. Mit Gesang, instrumentalen Künsten, bis hin zu Zauberkünsten und
erotischen Tänzen beeindruckten und unterhielten sie ein breites Publikum.
Erwartungsvoll, begierig und dankbar wurden diese Darbietungen von den
Zuschauern aufgenommen und mit entsprechender Anerkennung und Entlohnung
honoriert. Der gesellschaftliche Ausschluss sowie die deklassierende Stellung in der
weltlichen und kirchlichen Herrschaft stehen dem Vorangegangenen in deutlicher
Gegensätzlichkeit gegenüber.
Und genau dieser Thematik nimmt sich die vorliegende Arbeit an, indem die Kluft
zwischen der Realität und speziell den kirchlichen Normen aufgezeigt werden soll.
Die zentrale Fragestellung hierbei wird sein, welches die möglichen Motive oder die
Begründung dieses augenfälligen Widerspruchs sind.
Die Quellenlage und die Anzahl der verschiedenen Quellengattungen bezüglich
dieser Thematik sind sehr breit gefächert. Neben den Gesetzessammlungen,
Traktaten und Predigten, bieten ebenso die literarischen und historiographischen
Texte die Möglichkeit zur Beurteilung und Darstellung der Spielleute1. Besonders
über die kirchlichen und weltlichen Normen berichten uns zahlreiche Quellentexte.
Genannt werden sollen hier die beiden bedeutendsten mittelalterlichen
Rechtsquellen, namentlich der Schwaben2- und Sachsenspiegel3. Besonders
letzterer weist laut Jürgen Brandhorst ,,ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen
der dort niedergelegten normativen Diskriminierung und der tatsächlichen
Behandlung der Spielleute"4 auf. Der überwiegende Teil der Fachliteratur über die
1 Vgl. Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, Spielleute, Vaganten und Künstler, hrsg. von
Bernd-Ulrich Hergemöller, in: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, 2. Aufl., Warendorf
2001, S. 175.
2 Der Schwabenspiegel ist ein um 1275 entstandenes mittelalterliches Rechtsbuch für das
außersächsische Deutschland. Der Autor ist ein Augsburger Franziskaner, dessen Name unbekannt
ist. Vornehmlich befasst er sich mit den Land- und Lehnsrecht, geht darüber hinaus auf Quellen der
Bibel und des römischen und kanonischen Rechts ein.
3 Der Sachsenspiegel ist das bedeutendste Rechtsbuch des dt. Mittelalters und wurde zur Grundlage
für die Rechtsanwendung und Rechtssprechung. Der Sachsenspiegel wurde dem sächsischen
Ministerialen Eike von Repgow in Auftrag gestellt und in den Jahren 1220 bis 1230 verfasst.
4 Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 177.
3
Erforschung der Spielmannthematik stammt aus dem Bereich der Kulturgeschichte
und Literaturhistorie sowie der Dichtung. Sowohl die Musikwissenschaft, als auch die
Kunstgeschichte haben keinen wesentlichen monographischen Beitrag geleistet5.
Die Spielmannerforschung hat in den vergangenen 150 Jahren zu keiner
einheitlichen Grundansicht geführt und so liegt ,,um die Gestalt des Spielmannes (...)
ein verhüllender Schleier"6. Diesen sieht Walter Salmen unter anderem begründet
durch die vagen soziologischen Einsichten, den mangelnden Gesamtüberblick aller
in Europa vorhandenen Quellen und das Fehlen eines Vergleiches zu
außereuropäischen Spielleuten, die unter den gleichen Bedingungen lebten7.
Dennoch verfügt die deutsche Forschung über eine umfangreiche Anzahl von
einschlägigen Monographien und Aufsätzen über die Spielleute im Mittelalter. Diese
werden im Verlauf der Arbeit zur Bearbeitung der Thematik herangezogen.
Vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der zentralen Fragestellung, wird in
einem ersten Teil der Arbeit auf die Geschichte des Christentums eingegangen, da
sich bereits hier erste Ursachen und Verständnisprozesse für die Normen und die
Realität der spielmännischen Lebensformen ergeben können.
Auf eine detaillierte Definition der Randgruppe ,Spielleute′ wird in der vorliegenden
Arbeit verzichtet, da sie zur Beantwortung der Fragestellung nicht erforderlich ist.
Wenn jedoch der Begriff ,Spielmann′ verwendet wird, so wird von der Wortbedeutung
Wolfgang Hartungs ausgegangen8.
5 Vgl. Salmen, Walter, Der fahrende Musiker im europäischen Mittelalter, Kassel 1960, S. 12.
6 Salmen, Walter (Hrsg.), Der Spielmann im Mittelalter, (=Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft,
Band 8), Innsbruck 1983, S. 11.
7 Vgl. Salmen, Walter (Hrsg.), Der Spielmann im Mittelalter, (wie Anm. 6), S. 11.
8 Vgl. Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, (wie Anm. 11), S. 1ff.; Vgl. Hartung, Wolfgang, Die Spielleute
im Mittelalter, (wie Anm. 22), S. 8ff.
4
2. Das frühchristliche Erbe
2.1. Die ,Vorfahren′ der Spielleute
In der einschlägigen Sekundärliteratur wird häufig die Frage nach den ,Vorfahren′ der
mittelalterlichen Spielleute gestellt. Häufig wird diese Frage in Verbindung mit der
Begründung der Unehrlichkeit gestellt. Gleiches soll in diesem Kapitel untersucht
werden: Wurde bereits den ,Vorfahren′ der Spielleute das Unehrlichkeitsstigma
auferlegt?
Im Zuge der Behandlung entwickelten sich zwei Herkunftsthesen. Zum einen wird die
Abstammung auf den Helden- und Mythensänger der Germanen, den
skôp
,
zurückgeführt9. Dieser habe durch die Ausbreitung des christlichen Glaubens seine
Stellung am königlichen Hof verloren und sei zum Vaganten abgesunken10. Die
zweite Herkunftsthese erklärt den mittelalterlichen Spielmann als Nachläufer des
,,
mimus
und des
histrio
, der Schauspieler des spätantiken Theater"11, welche sich
ihrerseits im 4. und 5. Jahrhundert aus dem Gaukler entwickelt haben12. Sie seien zu
Fahrenden geworden, da sie durch die Auflösung des römischen Reiches und der
römischen Kultur ihre Einkunftsmöglichkeiten verloren13. So waren sie gezwungen,
sich ihren Lebensunterhalt auf den Dörfern der Germanen zu verdienen. In diesem
fremden Sprachbereich verschob sich nun der Darstellungsschwerpunkt auf die
Musik, der bis dahin die Darstellerei und Schauspielerei ausmachte14. Sie passten
sich in mittelalterlicher Zeit ,,dem rohen Geschmacke an und bevorzugten wieder
mehr [ihre] alte Gaukelkunst"15.
Die beiden dargelegten Vorläufertypen konkurrierten nun auf der Straße und
verschmolzen gemeinsam16 zum frühmittelalterlichen
joculator17
. Im deutschen
Sprachgebrauch zeichnete sich erst im ,,hohen Mittelalter eine Entwicklung ab, die
9 Vgl. Dankert, Werner, Unehrliche Leute, Die verfemten Berufe, 2. Aufl., Bern 1979, S. 215.
10 Vgl. Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 174f.
11 Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 174.
12 Vgl. Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, Eine Randgruppe in der Gesellschaft des Mittelalters,
(=Vierteljahrschriften für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Nr. 72), Wiesbaden 1982, S. 20.
13 Vgl. Brandhorst, Jürgen/ Hergemöller, Bernd-Ulrich, (wie Anm. 1), S. 174.
14 Vgl. Dankert, Werner, (wie Anm. 8), S. 221.
15 Reich, Hermann, zitiert in: Hartung, Wolfgang, Die Spielleute, (wie Anm. 11), S. 20.
16 Vgl. Schreier-Hornung, Antonie, Spielleute, Fahrende, Aussenseiter: Künstler der mittelalterlichen
Welt, (=Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Nr. 328), Göppingen 1981.; Vgl. Hartung, Wolfgang, Die
Spielleute, (wie Anm. 11), S. 21.
17 Vgl. Schubert, E., Spielmann, -leute, in: LMA, Band V, München 1995, Spalte 2112.
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