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Scholary Paper (Seminar), 2007, 39 Pages
Author: Hüsrev Akaslan
Subject: Politics - International Politics - Topic: European Union
Details
Tags: Türkei-EU, Beitrittsverhandlung, Identitätsbruch, geostrategisch, EU Beitritt, Kopenhagener Kriterien, Islamisierung, Türkei, EU, Beitritt, EU-Erweiterung, Leggewie, Winkler, Wehler
Year: 2007
Pages: 39
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 55 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-20203-4
File size: 195 KB
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Abstract
Die kontrovers geführte Debatte um den Beitritt der Türkei flammte vor allem im Vorfeld und während des Gipfeltreffens der europäischen Staats- und Regierungschefs im Dezember 2004 in Brüssel wieder auf. Damals sollte beschlossen werden, ob Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden. Die Positionen der einzelnen Staaten reichten dabei von solider Unterstützung über zunehmende Vorbehalte bis zu hartnäckiger Ablehnung. Die Gründe für diese Polarisierung liegen im Wesentlichen am Mangel der Türkei an Demokratie, Entwicklung und Rechtstaatlichkeit. Hinzu kommt die Diskussion um eine gemeinsame europäische Identität und die vermeintliche Gefahr einer Überfremdung durch die Aufnahme Kleinasiens. Zudem gehen einige Experten davon aus, dass die EU am Rande ihrer Handlungsfähigkeit angelangt sei und der Beitritt der Türkei aus vielerlei Hinsicht nicht „verdaubar“ wäre. Andere wiederum weisen darauf hin, dass der Beitritt der EU neue Potentiale eröffnen sowie Reformimpulse geben könnte. In der vorliegenden Hausarbeit soll die EU-Tauglichkeit des Beitrittskandidaten Türkei aus verschieden Perspektiven beleuchtet werden. Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst die Geschichte der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU anhand von wichtigen Meilensteinen beleuchtet. Im weiteren Verlauf sollen Argumente, die die EU-Inkompatibilität der Türkei schildern, dargestellt werden. Neben politischen, wirtschaftlichen und verfassungsrechtlichen Kriterien werden auch kulturelle, religiöse sowie identitätspolitische Elemente zur Diskussion herangezogen. In diesem Teil der Arbeit werden auch die Leugnung des Völkermords an den Armeniern und die Minderheitenproblematik in der Türkei als Hindernis zur Aufnahme thematisiert. Im anschließenden Kapitel werden die Thesen der Beitrittsbefürworter näher beschrieben. Hierbei wird der Schwerpunkt auf der Manifestierung europäischer Werte in der islamisch geprägten Türkei liegen. Auch die geostrategischen und sicherheitspolitischen Vorteile eines Beitritts werden abschließend beleuchtet. Die Arbeit schließt mit einem Fazit, das klären soll, ob die Türkei mit Blick auf die offiziellen, respektive Kopenhagener, und mit Blick auf die inoffiziellen, also kulturellen und identitätspoltischen Elemente, den Anforderungen der EU entspricht.
Excerpt (computer-generated)
Ruhr-Universität Bochum
European Culture and Economy ECUE
Hausarbeit für das Seminar:
IDS I
Nationale vs. europäische Identität im 19. und 20. Jahrhundert
Thema:
Gehört die Türkei in die EU?
Autor:
Hüsrev Akaslan
4. Semester
Europäische Kultur und Wirtschaft ECUE
Bochum, den 24.09.2007
Inhaltsverzeichnis
I
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Geschichte der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU 3
3. Warum die Türkei nicht in die EU gehört 5
3.1. Kulturelle Inkompatibilität 5
3.2. Identitätsbruch der EU 9
3.3. Überforderung der EU 12
3.3.1. Wirtschaftliche Diskrepanz zur Kern-EU 12
3.3.2. Migrationsdruck aus der Türkei 13
3.3.3. Institutionell-politische Bedenken 15
3.4. Unfähigkeit zur Selbstkritik: Völkermord an den Armeniern und
Minderheitenunterdrückung 16
4. Warum die Türkei der EU beitreten sollte 20
4.1. Manifestierung europäischer Werte 20
4.1.1. Die Türkei als Vorbild für die islamische Welt 21
4.1.2. Eindämmung einer Islamisierung der Türkei 23
4.2. Geostrategische und sicherheitspolitische Vorteile 25
5. Fazit 27
Literaturverzeichnis II
Eidesstattliche Versicherung X
Einleitung
1
1. Einleitung
,,Seen from Mars, we′re on the verge of joining. And I do believe that we will be part of Europe
one day. But perhaps both sides should stew in their own juices for a while, to see how each of
them does without the other."1
Bereits seit mehr als vierzig Jahren bemüht sich die Republik Türkei um die
Aufnahme in die Europäische Union (EU). Wurde noch in den 1960er Jahren
die Zugehörigkeit der Türkei zu Europa nicht ausdrücklich in Frage gestellt bzw.
das Land als Teil des ,,Projekts Europa" angesehen, so geben Beitrittsgegner
wie Valéry Giscard d′Estaing heute offen bekannt, dass die Türkei kein
europäisches Land sei und ihre Aufnahme dem Ende der EU gleichkäme.2
Die kontrovers geführte Debatte um den Beitritt der Türkei flammte vor allem im
Vorfeld und während des Gipfeltreffens der europäischen Staats- und
Regierungschefs im Dezember 2004 in Brüssel wieder auf. Damals sollte
beschlossen werden, ob Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden. Die
Positionen der einzelnen Staaten reichten dabei von solider Unterstützung über
zunehmende Vorbehalte bis zu hartnäckiger Ablehnung. Die Gründe für diese
Polarisierung liegen im Wesentlichen am Mangel der Türkei an Demokratie,
Entwicklung und Rechtstaatlichkeit. Hinzu kommt die Diskussion um eine
gemeinsame europäische Identität und die vermeintliche Gefahr einer
Überfremdung durch die Aufnahme Kleinasiens.3
Zudem gehen einige Experten davon aus, dass die EU am Rande ihrer
Handlungsfähigkeit angelangt sei und der Beitritt der Türkei aus vielerlei
Hinsicht nicht ,,verdaubar" wäre. Andere wiederum weisen darauf hin, dass der
Beitritt der EU neue Potentiale eröffnen sowie Reformimpulse geben könnte.4
1 Pamuk, Orhan (2007), S 3.
2 Vgl. Leggewie, Claus (2004), S. 11.
3 Vgl. Frech, Siegfried und Öcal, Mehmet (2006), S. 9 ff.
4 Vgl. Steinbach, Udo (2004), S. 3.
Einleitung
2
In der vorliegenden Hausarbeit soll die EU-Tauglichkeit des Beitrittskandidaten
Türkei aus verschieden Perspektiven beleuchtet werden. Im ersten Teil der
Arbeit wird zunächst die Geschichte der Beziehungen zwischen der Türkei und
der EU anhand von wichtigen Meilensteinen beleuchtet. Im weiteren Verlauf
sollen Argumente, die die EU-Inkompatibilität der Türkei schildern, dargestellt
werden. Neben politischen, wirtschaftlichen und verfassungsrechtlichen
Kriterien werden auch kulturelle, religiöse sowie identitätspolitische Elemente
zur Diskussion herangezogen. In diesem Teil der Arbeit werden auch die
Leugnung des Völkermords an den Armeniern und die Minderheitenproblematik
in der Türkei als Hindernis zur Aufnahme thematisiert.
Im anschließenden Kapitel werden die Thesen der Beitrittsbefürworter näher
beschrieben. Hierbei wird der Schwerpunkt auf der Manifestierung europäischer
Werte in der islamisch geprägten Türkei liegen. Auch die geostrategischen und
sicherheitspolitischen Vorteile eines Beitritts werden abschließend beleuchtet.
Die Arbeit schließt mit einem Fazit, das klären soll, ob die Türkei mit Blick auf
die offiziellen, respektive Kopenhagener, und mit Blick auf die inoffiziellen, also
kulturellen und identitätspoltischen Elemente, den Anforderungen der EU
entspricht.
Geschichte der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU
3
2. Geschichte der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU
Am 31. Juli 1959 stellte die Republik Türkei einen Antrag auf Assoziierung mit
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), dem Vorgänger der
Europäischen Union (EU). Die ersten vertraglich fixierten Beziehungen
zwischen der Türkei und der EWG datieren auf den 12. September 1963. An
diesem Tag wurde in Ankara das Assoziierungsabkommen zwischen der EWG
und der Türkei geschlossen. Gemäß Art. 2 dieses Abkommens sollte ,,eine
beständige und ausgewogene Verstärkung der Handels- und
Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Vertragsparteien"5 angestrebt werden.6
Kern des Abkommens war die Einbindung der Türkei in die Zol union. Dieser
Integrationsschritt sollte eine spätere, vollwertige Mitgliedschaft vorbereiten.7
Entsprechend heißt es in Art. 28: ,,Sobald das Funktionieren des Abkommens
es in Aussicht zu nehmen gestattet, dass die Türkei die Verpflichtungen aus
dem Vertrag zur Gründung der Gemeinschaft vollständig übernimmt, werden
die Vertragsparteien die Möglichkeit eines Beitritts der Türkei zur Gemeinschaft
prüfen"8.
Im Rahmen der Verwirklichung der Zol union stellte die Türkei am 14. April 1987
einen Beitrittsantrag. Nach eindringlicher Prüfung gab die Europäische
Kommission am 18. Dezember 1989 bekannt, dass aufgrund von
wirtschaftlichen und politischen Bedenken keine Beitrittsverhandlungen mit der
Türkei aufgenommen werden. Gleichzeitig hob die Kommission jedoch die
Ausrichtung der Türkei auf Europa hervor und plädierte für eine Fortsetzung der
Zusammenarbeit.9
5 Assoziierungsabkommen EWG-Türkei (1963).
6 Vgl. en, Faruk (2003), S. 6.
7 Vgl. Lehrforschungsgruppe Türkei (2005), S. 15.
8 Assoziierungsabkommen EWG-Türkei (1963).
9 Vgl. Guttenberg, Karl-Theodor zu (2004), S. 8.
Geschichte der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU
4
Erst auf dem Europäischen Rat in Luxemburg am 12./13. Dezember 1997
erklärten die Staats- und Regierungschefs, dass die Türkei für einen Beitritt zur
EU in Betracht komme und beschlossen zugleich die Ausarbeitung einer
länderspezifischen Strategie für das Land. Folglich erhielt die Türkei auf dem
Gipfel von Helsinki am 10./11. Dezember 1999 den offiziellen Kandidatenstatus.
Die Staats- und Regierungschefs bestätigten, dass sie auf Grundlage der
Kopenhagener Kriterien10, die auch für die Mittel- und Osteuropäischen
Beitrittsländer relevant waren, Mitglied der EU werden könne.
Beitrittsverhandlungen wurden zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht aufgenommen,
da jene Kriterien seitens der Türkei nicht erfüllt wurden.11
Die Türkei führte, vor allem nach dem Wahlsieg der fromm-konservativen Partei
für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) im November 2002, umfassende
Reformen in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Justiz durch. Demzufolge
entschieden die 25 Staats- und Regierungschefs der EU am 17. Dezember
2004, dass die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufgenommen werden
sollen. Die Grundlage für diese Entscheidung bildeten ein Bericht und die
Empfehlung der Kommission, die der Türkei attestierte, die Kopenhagener
Kriterien ausreichend zu erfüllen.12
Die Verhandlungen begannen offiziell am 3. Oktober 2005. Anhand eines
Verhandlungsrahmens wird geprüft, ob EU-Rechtsvorschriften ins nationale
Recht der Türkei umgesetzt werden. Um eine bessere Überprüfbarkeit zu
gewährleisten wurde das EU-Recht in 30 Kapitel aufgeteilt. Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt wurde bereits ein Kapitel, nämlich Kapitel 25 Wissenschaft und
Forschung, eröffnet und im Juni 2006 vorläufig abgeschlossen.13
10 Die Kopenhagener Kriterien umfassen: eine institutionel e Stabilität als Garantie für eine
demokratische und rechtstaatliche Ordnung, die Wahrung der Menschenrechte, den Schutz von
Minderheiten, eine funktionsfähige, dem Wettbewerbsdruck und den Marktkräften innerhalb der
Union standhaltende Marktwirtschaft sowie die Übernahme des Acquis Communautaire, siehe
hierzu en, Faruk (2003), S. 8.
11 Vgl. Europäische Kommission (2007).
12 Vgl. Lehrforschungsgruppe Türkei (2005), S. 16.
13 Vgl. Europäische Kommission (2007).
Warum die Türkei nicht in die EU gehört
5
3. Warum die Türkei nicht in die EU gehört
Die Debatte darüber, ob die Türkei der EU beitreten sollte, erfolgt kontrovers
anhand verschiedener Argumentationslinien. Neben den politischen,
wirtschaftlichen und verfassungsrechtlichen Kriterien, die seit dem Europäische
Rat von Kopenhagen 1993 als Grundlage für Beitrittsentscheidungen gelten,
werden auch kulturelle, geographische, historische, religiöse sowie
identitätspolitische Elemente zur Diskussion herangezogen.14 In nachfolgenden
Unterkapiteln sollen die Hauptargumente der Beitrittsgegner und ausgewählte
Gegenpositionen dargestel t werden.
3.1. Kulturelle Inkompatibilität
Im Mittelpunkt der Debatte über eine EU-Mitgliedschaft der Türkei stehen nicht
primär politische und wirtschaftliche Unterschiede, sondern vielmehr kulturelle
Differenzen. Beitrittsgegner vertreten die Meinung, ,,dass sich die jetzigen
Mitglieder der EU und die Türkei auf Grund einer ganz anderen Geschichte,
unterschiedlicher geisteshistorischer Traditionen, vor allem aber auf Grund
einer anderen Religionsorientierung fundamental voneinander unterscheiden,
und die Türkei insofern keine hinreichenden kulturellen Gemeinsamkeiten [...]
aufweist."15
Die prominentesten Vertreter dieser ablehnenden Haltung sind Heinrich August
Winkler und Hans-Ulrich Wehler auf deutscher und Valéry Giscard d′Estaing auf
französischer Seite. In einem Interview mit der Tageszeitung
Le Monde
vom 9.
November 2002 warnt Giscard d′Estaing davor, dass mit dem Beitritt der Türkei
eine weitere politische Vertiefung der europäischen Integration unmöglich und
somit eine Degeneration zu einem ausschließlich wirtschaftlichen Bündnis
14 Vgl. Leggewie, Claus (2004), S. 13 f.
15 Gerhards, Jürgen (2004), S. 14.
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