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Die Volksstückhaftigkeit von Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti"

Bachelor Thesis, 2008, 27 Pages
Author: Michaela Nocker
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: PS Soziales Drama (Das Volksstück im 20. Jahrhundert als soziales Drama)
Institution/College: University of Graz (Institut für Germanistik)
Tags: Volksstückhaftigkeit, Bertolt, Brechts, Herr, Puntila, Knecht, Matti, Soziales, Drama, Volksstück, Jahrhundert, Drama)
Category: Bachelor Thesis
Year: 2008
Pages: 27
Grade: Sehr gut
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V118236
ISBN (E-book): 978-3-640-21429-7
ISBN (Book): 978-3-640-21444-0
File size: 183 KB

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Gattung „Volksstück“ und Brechts ein-zigem von ihm so bezeichneten Werk „Herr Puntila und sein Knecht Matti“, welches 1940 im finnischen Exil entstand. Brechts Intention, das Volksstück von seinen alten Fesseln zu befreien und eine Neubegründung unter Verwendung der Revueform und einer neuen gestischen Sprache, adressiert an ein Großstadtpublikum, zu wagen, soll hier anhand seiner theoretischen Schriften verdeutlicht werden. Weiters sollen die wichtigsten Elemente Brechts Theatertheorie in Bezug auf sein Volksstück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ herausgearbeitet und vorhandene Forschungsergebnisse vermittelt werden. Das Stück wird auf inhaltliche und formale Aspekte analysiert, besonderes Augen-merk wird hier auf das zentrale Motiv des Herr-Knecht-Verhältnisses gelenkt. Eine Analyse der komischen Mittel, die Brecht im „Puntila/Matti“ verwendet, sowie ein Vergleich mit der Volksstücktradition bilden den Abschluss der Arbeit.


Excerpt (computer-generated)

KARL FRANZENS-UNIVERSITÄT GRAZ

GEISTESWISSENSCHAFTLICHE FAKULTÄT

Institut für Germanistik

DIE VOLKSSTÜCKHAFTIGKEIT VON BERTOLT BRECHTS

,,HERR PUNTILA UND SEIN KNECHT MATTI"



BACHELORARBEIT

angefertigt im Rahmen des PS Modul I: Soziales Drama

(Das Volksstück im 20. Jh. als soziales Drama)

Michaela Nocker

Graz, 01.10.2008


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Hintergründe der Entstehung und Vorbilder 4

3. Der Volksstückbegriff bei Brecht 5

3.1. Die

Realismusdebatte der 30er und Brechts theoretische Schriften 5

3.2. ,,Volkstümlichkeit und Realismus" 6

3.3. ,,Anmerkungen

zum Volksstück" 8

3.4. Weitere

theoretische Anmerkungen Brechts zur Gattung Volksstück 9

4. Figurenanalyse 10

4.1. Puntila 11

4.2. Matti 12

4.3. Eva 13

4.4. Attachè 13

4.5. Übriges

Personal 14

5. Darstellung

,,klassischer" Abhängigkeiten 14

5.1. Hegels

Dialektik

von Herr und Knecht 14

5.2. Die zwei Seelen des Herrn Puntila 15

5.3. Die

Überlegenheit des Dieners 16

5.4. Die Umsetzung des Herr-Knecht-Verhältnisses in der Sprache 17

6. Volkstümliche und lehrhafte Elemente im ,,Puntila/Matti" 18

7. Komische Elemente im ,,Puntila/Matti" 19

8. Vergleich mit der Volksstücktradition 21

9. Resümee 23

10. Literaturverzeichnis 25

2


1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Gattung ,,Volksstück" und Brechts ein-

zigem von ihm so bezeichneten Werk ,,Herr Puntila und sein Knecht Matti", welches

1940 im finnischen Exil entstand.

Brechts Intention, das Volksstück von seinen alten Fesseln zu befreien und eine

Neubegründung unter Verwendung der Revueform und einer neuen gestischen

Sprache, adressiert an ein Großstadtpublikum, zu wagen, soll hier anhand seiner

theoretischen Schriften verdeutlicht werden. Weiters sollen die wichtigsten Elemente

Brechts Theatertheorie in Bezug auf sein Volksstück ,,Herr Puntila und sein Knecht

Matti" herausgearbeitet und vorhandene Forschungsergebnisse vermittelt werden.

Das Stück wird auf inhaltliche und formale Aspekte analysiert, besonderes Augen-

merk wird hier auf das zentrale Motiv des Herr-Knecht-Verhältnisses gelenkt. Eine

Analyse der komischen Mittel, die Brecht im ,,Puntila/Matti" verwendet, sowie ein

Vergleich mit der Volksstücktradition bilden den Abschluss der Arbeit.

Alles in allem soll durch diese Ausarbeitung ein Gesamteindruck dessen vermittelt

werden, wie Brecht sich in der damaligen Zeit das Volksstück als Gattung dachte und

wie er versuchte, seine Theorie in Verbindung mit seinem gesellschaftskritischen,

realistischen Ansatz und seinem epischen Formprinzip im ,,Puntila/Matti" umzuset-

zen.

3


2. Hintergründe der Entstehung und Vorbilder

Brechts erste Niederschrift des Volksstückes im finnischen Exil 1940 basiert auf drei

literarischen Vorgaben, an welchen er selbst unbeteiligt war. Brecht hielt sich zu die-

ser Zeit auf dem Gut Märlebeck in Südfinnland, welches die Schriftstellerin Hella

Wuolijoki besaß, auf, und erhielt von ihr den Stoff zum neuen Stück.1 Seine Gastge-

berin hatte bis dato die wahre Geschichte des tavastländischen Großbauern Roope

Juntula, die sich 1926 auf Wuolijokis Gut zugetragen hatte, in der unveröffentlichten

Erzählung ,,Der finnische Bacchus"

verarbeitet. Diese Begebenheit bildete den ersten

Keim des ,,Puntila"-Stoffes2; Brecht hat sie später inhaltlich modifiziert und in Szene 3

,,Puntila verlobt sich mit den Frühaufsteherinnen" eingebaut. Die finnische Gutsbesit-

zerin unternahm Jahre später den Versuch einer dramatischen Bearbeitung und

brachte 1936 eine Bühnenfassung und 1939 ein Filmskript mit dem Titel ,,Sahanpu-

ruprinsessa" (dt.: ,,Die Sägemehlprinzessin")3, heraus. Brecht kritisiert Wuolijokis

,,Konversationskomödie"4 wegen seines steifen klassischen Baus, nimmt eine neuere

Bühnenbearbeitung in Zusammenarbeit mit der Finnin in Angriff und beschreibt am

27.8.1940 im ,,Arbeitsjournal"

seine Aufgabe:

,,[...] was ich zu tun habe, ist, den zugrunde liegenden Schwank herauszuar-

beiten, die psychologisierenden Gespräche niederzureißen und Platz für Er-

zählungen aus dem finnischen Volksleben oder für Meinungen zu gewinnen,

den Gegensatz ,Herr′ und ′Knecht′ szenisch zu gestalten und dem Thema

seine Poesie und Komik zurückzugeben."5

In Brechts Bearbeitung der Vorlage werden unter Einbezug seiner Theoreme und

epischen Prinzipien Neuerungen wie z.B. eine lockere Szenenfolge statt klassischer

Akteinteilung vorgenommen. In seinen weiteren deutschen Fassungen des ,,Punti-

la/Matti" distanziert sich Brecht immer mehr von den Texten der finnischen Schrift-

1 Vgl. Gerd Müller: Das Volksstück von Raimund bis Kroetz. Die Gattung in Einzelanalysen. München: Olden-

bourg 1979. S. 107.

2 Vgl. Hans Peter Neureuter: Herr Puntila und sein Knecht Matti. In: Brecht Handbuch. Hrsg. von Jan Knopf.

Bd. 1: Stücke. Stuttgart: Metzler 2001. S. 440.

3 Vgl. Hans Peter Neureuter (Hrsg.): Brechts Puntila. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1987. (= suhrkamp taschen-

buch. 2064.) S. 22ff.

4 Bertolt Brecht: Arbeitsjournal. Hrsg. von Werner Hecht. Bd 1: 1938 bis 1942. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

1973. S. 164.

5 Ebda.

4


stellerin, deren schriftliche Quellen für ihn lediglich als ,,Rohstoff" für sein Volksstück

dienen sollen, und vereinnahmt die Urheberschaft für sich.

So wird Hella Wuolijoki in den späteren Textausgaben nicht mehr als Mitautorin ge-

nannt, die Erzählungen und der Stückentwurf der Finnin werden lediglich am Rande

erwähnt. 6

Weitere Vorbilder und Einflüsse auf das Stück sind lediglich Vermutungen und kön-

nen nur unter Vorbehalt genannt werden. Jahn Knopf (1980) erkennt beispielsweise

einen Bezug zu Strindbergs ,,Fräulein Julie" in einigen Szenen, weiters werden Dide-

rots Roman ,,Jacques le Fatalist es son Maître" (1796) und Jaroslav Haseks ,,Die

Abenteuer des braven Soldaten Schweijk während des Weltkrieges" (1920 ­ 23) als

Quellen genannt. Der Einfluss von Charles Chaplins Film ,,City Lights" von 1931 so-

wie Karl Zuckmayers Lustspiel ,,Der Fröhliche Weinberg" (1925) wird von der For-

schung trotz einiger Anhaltspunkte weitgehend ausgeschlossen.7 All diese Vorlagen

können auch als Wegbereiter des Herr-Knecht-Verhältnisses gesehen werden, das

Brecht als Grundthema für sein Stück wählt.

3. Der Volksstückbegriff bei Brecht

3.1. Die Realismusdebatte der 30er und Brechts theoretische Schriften

Brechts ,,Puntila/Matti" trägt als einzige seiner Produktionen den Untertitel ,,Volks-

stück". Hans Poser erkannte die Problematik des Terminus und Brechts Definition,

obwohl man bis dato in der Literatur nur eine geringe Auseinandersetzung mit dieser

Gattungsbezeichnung Brechts beobachten konnte.8 Wenngleich Brecht nur den

,,Puntila/Matti" als Volksstück bezeichnete, kann er trotzdem zu den bedeutenden

Vertretern dieses Genres gezählt werden, da er mit seinen theoretischen Schriften

,,Volkstümlichkeit und Realismus" (1938) und ,,Anmerkungen zum Volksstück" (1940)

6 Vgl. Jan Knopf: Brecht Handbuch. Theater. Eine Ästhetik der Widersprüche. Stuttgart: Metzler 1980. S.215f.

7 Vgl. Ebda,, S. 216f.

8 Vgl. Hans Poser: Brechts ,,Herr Puntila und sein Knecht Matti". Dialektik zwischen Volksstück und Lehrstück.

In: Theater und Gesellschaft. Das Volksstück im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Jürgen Hein. Düsseldorf:

Bertelsmann 1973. (= Literatur in der Gesellschaft 12.) S. 187.

5


versuchte, die Gattung in eine bestimmte Richtung zu weisen.9 Aufgrund dessen gilt

Brecht aus heutiger Sicht auch als ,,Erneuerer des Volksstücks" in den 40er Jahren.

Die Entstehung des Stücks genau zu einem Zeitpunkt, an dem Brecht sich intensiv

mit den Terminus ,,Volksstück" bzw. ,,Volkskunst" auseinander setzt, ist sicherlich

nicht zufällig gewählt. Brecht befand sich Mitte der 30er Jahre mit anderen sozialisti-

schen Autoren in der sogenannten ,,Realismusdebatte" und war gezwungen, unter

dem Druck des Stalinismus und der Doktrin vom ,,sozialistischen Realismus" seine

Arbeit zu verteidigen. In der Emigration wurden intensive Diskussionen über Realis-

mus in Zusammenhang mit den Begriffen ,,Volk", ,,Volkskunst" u.a. geführt. 10 Brechts

Aufsatz ,,Volkstümlichkeit und Realismus", welchen er 1938 als Beitrag in der von ihm

mitherausgegebenen Exilzeitschrift ,,Das Wort" schrieb, gibt seine Ansichten in der

Expressionismusdebatte detailliert wieder. Da Brechts Aufsatz in entscheidenden

Punkten (Verteidigung des Agitpropkunst, Definition des Volks als kämpfendes Prole-

tariat) den seit 1934 geltenden Richtlinien des sowjetischen Sozialistischen Realis-

mus widersprach ­ insbesondere der geforderten Einfachheit - wurde er von der

Moskauer Redaktion unterdrückt und erst 1958 in der Zeitschrift ,,Sinn und Form"

veröffentlicht.11

3.2. ,,Volkstümlichkeit und Realismus"

In seinem Essay von 1938 reflektiert Brecht zuerst die Distanz des im Exil lebenden

Autors zum Volk. Er betont die Notwendigkeit besonderer Bemühungen, ,,um heute

volkstümlich schreiben zu können".12 Das Volk, das er als ,,breite, arbeitende Masse"

beschreibt, wolle ,,wirklichkeitsgetreue Abbildungen des Lebens", und diese ,,müssen

[...] unbedingt für diese verständlich und ergiebig, also volkstümlich sein."13 Ein be-

sonderes Augenmerk legt er auf die Definition des Begriffes ,,volkstümlich" und betont

hier die vielen Fälschungen, die mit diesem Begriff vorgenommen wurden. Er sei ,,zu

einem geschichtslosen, statischen, entwicklungslosen gestempelt"14 worden.

9 Vgl. Thomas Schmitz: Das Volksstück. Stuttgart: Metzler 1990. (= Sammlung Metzler. 257.) S. 55f.

10 Vgl. Müller, a.a.O., S. 108.

11 Vgl. Neureuter, Brechts Puntila, S. 119.

12 Bertolt Brecht: Schriften zum Theater. Bd. 4. 1933-1947. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1963. S. 150.

13 Ebda, S. 151.

14 Ebda, S. 153.

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