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Buchbesprechung zum Werk von Edgar Wolfrum "Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948 – 1990"

Termpaper, 2007, 32 Pages
Author: Daniel Reinhard
Subject: Politics - Miscellaneous

Details

Event: Geschichte von Herrschaft, Staat und Politik
Institution/College: University of Hagen
Tags: Buchbesprechung, Werk, Edgar, Wolfrum, Geschichtspolitik, Bundesrepublik, Deutschland, Erinnerung, Geschichte, Herrschaft, Staat, Politik
Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 32
Grade: 1.7
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V118293
ISBN (E-book): 978-3-640-21125-8
ISBN (Book): 978-3-640-21500-3
File size: 214 KB

Abstract

Edgar Wolfrum ist ein deutscher Historiker und wurde am 16. Oktober 1960 in St. Georgen im Schwarzwald geboren. Seit Dezember 2003 ist er Professor für Zeitgeschichte am Historischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Von 1981 bis 1987 studierte Wolfrum Geschichte, Germanistik, Politische Wissenschaft und Spanisch in Freiburg i. Br. und Salamanca. Im Juni 1987 legte er das erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ab. Nach der Promotion bei Heinrich August Winkler 1999 erfolgte seine Habilitation an der TU Darmstadt mit der Schrift "Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepub-likanischen Erinnerung 1948-1990". Wolfrums Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, Geschichtspolitik und Erinnerungskulturen, Demokratie und Diktatur im 20. Jahrhundert, Friedens- und Konfliktforschung, die deutsch-französischen Beziehungen, Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Europa, Nationalismusforschung sowie Mediengeschichte. [...]


Fulltext (computer-generated)

Hausarbeit

im Modul 1.4 (Geschichte von Herrschaft, Staat und Politik [SS 2007]) des Bachelorstu-

diengang ,,Politik und Organisation" der

Fernuniversität Hagen

Abgabetermin: 22. August 2007

Buchbesprechung zum Werk von Edgar Wolfrum

,,Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland.

Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948­1990"

Eingereicht von Daniel Reinhard


2

Inhaltsverzeichnis

1.

Einleitung 3

1.1

Über den Autor 3

1.2

Über den Charakter des Buches/über den Verlag 4

1.3 Quellenbasis 5

1.4 Hauptfragestellung 6

1.5

Methode 7

1.6

Aufbau 7

2.

Gliederung und Inhalt des Buches 8

2.1 Gliederung

des

Buches 8

2.2

Inhaltliche Schwerpunkte des Buches 8

2.2.1

Geschichtspolitik ­ Bestimmungsfaktoren und Forschungsansatz 8

2.2.2

Die deutsche Teilung und der nationale Gedächtnisort 1948-1953 10

2.2.3

Der gescheiterte Kult um den deutschen Nationalstaat 1955-1968 13

2.2.4

Die politischen Diskurse über bundesrepublikanische Geschichtsbilder

1969 - 1989 17

3.

Kritische Würdigung 20

3.1

Auseinandersetzung mit den beigelegten Rezensionen 20

3.2

Einlösung der Absichten des Autors 26

3.3

Eigene Einschätzung über die Stärken und Schwächen des Buches 26

Literatur 30


3

1. Einleitung

1.1 Über

den

Autor

Edgar Wolfrum ist ein deutscher Historiker und wurde am 16. Oktober 1960 in St. Georgen

im Schwarzwald geboren. Seit Dezember 2003 ist er Professor für Zeitgeschichte am Histori-

schen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg.

Von 1981 bis 1987 studierte Wolfrum Geschichte, Germanistik, Politische Wissenschaft und

Spanisch in Freiburg i. Br. und Salamanca. Im Juni 1987 legte er das erste Staatsexamen für

das Lehramt an Gymnasien an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ab. Nach der Promo-

tion bei Heinrich August Winkler 1999 erfolgte seine Habilitation an der TU Darmstadt mit

der Schrift "Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepub-

likanischen Erinnerung 1948-1990".

Wolfrums Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind die Geschichte der Bundesrepublik

Deutschland und der DDR, Geschichtspolitik und Erinnerungskulturen, Demokratie und Dik-

tatur im 20. Jahrhundert, Friedens- und Konfliktforschung, die deutsch-französischen Bezie-

hungen, Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Europa, Nationalismusforschung sowie

Mediengeschichte.1


Werke von Edgar Wolfrum

Monografien (Auswahl):

Französische Besatzungspolitik und deutsche Sozialdemokratie. Politische Neuansätze

in der ,,vergessenen Zone" bis zur Bildung Südweststaates 1945-1952, Düsseldorf

1991

Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung. Göttingen 2002

Krieg und Frieden in der Neuzeit. Vom Westfälischen Frieden bis zum Zweiten Welt-

krieg. Darmstadt 2003

Die Bundesrepublik Deutschland 1949-1990, Stuttgart 2005 (Gebhardt. Handbuch der

deutschen Geschichte, 10., völlig neu überarbeitete Auflage, Band 23)

Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren An-

fängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006

Die 70er Jahre. Republik im Aufbruch. Darmstadt 2007

1 vgl. Wikipedia - Die freie Enzyklopädie: Wissenschaftliche Buchgesellschaft,

http://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftliche_Buchgesellschaft (Zugriff: 11.07.2007)


4

Globale Geschichte des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2007

Herausgegebene Bücher (Auswahl)

Zusammen mit Peter Bock, Umkämpfte Vergangenheit. Geschichtsbilder, Erinnerung

und Vergangenheitspolitik im internationalen Vergleich, Göttingen 1999

Zusammen mit Ulrich Weckel, ,,Bestien" und ,,Befehlsempfänger". Frauen und Män-

ner in NS-Prozessen nach 1945, Göttingen 2003

Die Deutschen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 20042

1.2 Über den Charakter des Buches/über den Verlag

Das Werk von Edgar Wolfrum ist eine Habilitationsschrift, eingereicht im Jahre 1999 an der

TU Darmstadt, die in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft im gleichen Jahre in Buchform

herausgegeben wurde. Eine Habilitation gilt als Hochschulprüfung, mit der im Rahmen eines

akademischen Prüfungsverfahrens die Lehrbefähigung in einem wissenschaftlichen Fach fest-

gestellt wird. Mit der Habilitation wird also bestätigt, dass der Wissenschaftler sein Fach in

voller Breite in Forschung und Lehre vertreten kann. Man kann also davon ausgehen, dass es

sich beim Buch um eine wissenschaftliche Publikation handelt, die nach den Regeln der wis-

senschaftlichen Grundsätze erstellt wurde.

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, kurz WBG, ist ein deutscher Verlag mit Sitz in

Darmstadt. Mit rund 140′000 Mitgliedern (Stand 1999) gehört sie zu den grössten Buchge-

meinschaften im deutschsprachigen Raum.

Die WBG schreibt zur ihrer Gründung Folgendes:

,,

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft wurde 1949 mit dem Ziel gegründet, das durch

Kriegseinwirkungen weitgehend zerstörte deutsche wissenschaftliche Schrifttum durch repro-

graphische Nachdrucke (Reprints) wieder erscheinen zu lassen sowie bedeutsame neue wis-

senschaftliche Bücher zu veröffentlichen und ihren Mitgliedern zu erschwinglichen Preisen

zugänglich zu machen.

"3

2 vgl. Historisches Seminar der Universität Heidelberg: Schriftenverzeichnis von Edgar Wolfrum,

http://www.historisches-seminar.uni-hd.de/pers/profs/wolfrum/Prof_Wolfrum_Publikationen.pdf (Zugriff:

11.07.2007)

3 vgl. Homepage der WBG: Unternehmensleitbild der WBG, http://www.wbg-

darmstadt.de/WBGCMS/php/Proxy.php?purl=/de_DE/wbg/second/Mitglied/Profil/show,566.html [Zugriff:

11.07.2007])


5

Die WBG versteht sich über die Buchproduktionen hinaus als Förderer von Kultur. Zum Bei-

spiel schreibt sie alle zwei Jahre ein Doktorandenstipendium aus, unterstützt Projekte, die

unter normalen ,,kalkulatorischen" Rahmenbedingungen nicht zu realisieren sind.4

1.3 Quellenbasis

Unterteilen lässt sich die Quellenbasis nach Archivalien, Periodika/Publizistik und demosko-

pischem Material. Es wurden insbesondere Nachlässe von Politikern ausgewertet, die sich

hauptsächlich mit der Deutschlandpolitik beschäftigten und in der Partei eine wichtige Rolle

spielten, in der Regierungsverantwortung standen (z. B. als Minister für gesamtdeutsche Fra-

gen bzw. innerdeutsche Angelegenheiten) oder eine herausragende öffentliche Stellung ein-

nahmen wie etwa als Bundespräsident.5

Quellen- und Literaturverzeichnis

Im Quellen- und Literaturverzeichnis wurden insgesamt - nach eigener Zählung ­ 1016 Titel

aufgeführt.

Archivalien

10 benutze Archivalien werden angegeben (alphabetisch geordnet):

Archiv für christlich-demokratische Politik (AcdP), Konrad-Adenauer-Stiftung

Archiv des Deutschen Liberalismus (AdL), Friedrich-Naumann-Stiftung, Gummers-

bach

Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn

Bundesarchiv (BA), Koblenz

Archiv des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (BPA), Bonn

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemali-

gen Deutschen Demokratischen Republik, Zentralarchiv (BstU), Berlin

Parlamentsarchiv des Deutschen Bundestages (BtA), Bonn

Parlamentsarchiv des Deutschen Bundestages (BtA), Bonn

Deutsches Rundfunkarchiv (DRA), Frankfurt am Main/Berlin

Franz-Neumann-Archiv (FNA), Berlin

4 vgl. 50 Jahre Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Im Gespräch mit Martin Bredol, http://www.berliner-

lesezeichen.de/lesezei/Blz99_11/text67.htm (Zugriff: 11.07.2007)


6

Landesbildstelle (Berlin/Zentrum für audio-visuelle Medien/Bildarchiv (LB), Berlin

Periodika

Insgesamt werden - nach eigener Zählung ­ 55 Periodika angegeben. Vor allem Zeitungen der

Bundesrepublik, der Schweiz, Italiens, England, Frankreich, der USA, staatliche Periodika,

Periodika von Parteien, Gewerkschaften etc.

1.4 Hauptfragestellung

Das Hauptziel des Buches von Wolfrum ist es, die einzelnen Stufen herauszuarbeiten, die zu

einer spezifischen bundesrepublikanischen Erinnerung führten.6

Die Hauptfragestellung wird dann wie folgt festgelegt: ,,

Über welche Phasen und öffentlichen

Kontroversen, die mit politischen und soziokulturellen Umbrüchen einhergingen, veränderte

sich während der vierzigjährigen Existenz der ,,alten" Bundesrepublik das kollektive Selbst-

verständnis, und mittels welcher Geschichtsbilder wurde versucht, kollektive Identität zu defi-

nieren bzw. periodisch immer wieder neu zu justieren?

"7

Das Hauptinteresse richtet sich also auf die Arbeit am kollektiven Gedächtnis der Menschen

über die Bundesrepublik, auf geschichtliche Bezugsereignisse und Wertesysteme, auf Ge-

schichtsbilder und Gründungsmythen, die sich im Laufe der Zeit gewandelt haben.

Wolfrum geht auch der Frage nach, über welche Stufen und Konflikte sich die bundesdeut-

sche Gesellschaft in die europäisch-atlantische Tradition eingefügt hat und wie sich die tradi-

tionellen obrigkeitsstaatlichen Denk- und Vorstellungsmuster verändert haben und wie sie

neuen habituellen Muster Platz machten.

Wolfrum möchte vor allem auch dem Bereich der Erfahrungen, der Erfahrungshorizonte und

der Bewusstseinslagen der Menschen vermehrt Aufmerksamkeit zukommen lassen.8

5 vgl. Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland: Der Weg zur bundesrepublikani-

schen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, S. 9 f.

6 vgl. ebd., S. 2

7 ebd.

8 vgl. ebd., S. 4


7

1.5 Methode

Die zeitgeschichtliche Analyse der Arbeit bedient sich der Hermeneutik wie der kritischen

Analyse. Das heisst, um das Denken und Handeln der Menschen in der Vergangenheit zu ver-

stehen, ist eine hermeneutische Methode sinnvoll, die wissenschaftliche Reflexion bleibt je-

doch nicht auf den Horizont der damaligen Akteure beschränkt.

Dreh- und Angelpunkt und eine Art Abbreviatur ist der 17. Juni 1953, an dem der Wandel der

Identitäten im Umgang mit der Vergangenheit für die Bundesrepublik Deutschland auf einer

breiten empirischen Basis herausgearbeitet wird.

Die Studie folgt einem kulturwissenschaftlichen Ansatz der Politikgeschichte. Dabei werden

verschiedene Analysekategorien verwendet: wie die ,,erfundenen Traditionen", wie sie vom

konstruktivistischen Zweig der neueren Geschichtswissenschaft entwickelt worden ist, kultur-

anthropologische Analysekategorien wie Mythen, Riten und Symbole sowie diskursanalyti-

sche Verfahren, bei denen Argumentationsweisen, Sprachmuster und Schlüsselbegriffe analy-

siert werden.9

1.6 Aufbau

Der Aufbau der Arbeit ist nicht abstrakt, sondern es wird anschaulich in den jeweiligen Un-

tersuchungsgegenstand der einzelnen Kapitel eingeführt. Das heisst, jedes einzelne Kapitel

beginnt mit einem ,,ausserordentlichen Ereignis", das detailliert und umfangreich geschildert

wird. Dies hat den Vorteil, dass die grundsätzlichen Probleme des gesamten Kapitels schlag-

lichtartig aufscheinen. Die Untersuchungsthematik wird darauf in den folgenden Abschnitten

des Kapitels in theoretische Überlegungen eingebettet. Dieser Schritt dient dazu, die spezifi-

schen Fragestellungen in der Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur zu entwickeln,

denen dann in den weiteren Abschnitten des Kapitels nachgegangen wird.10

9 vgl. ebd., S. 3 ff.

10 vgl. ebd., S. 10


8

2. Gliederung und Inhalt des Buches

2.1 Gliederung des Buches

Das Buch ist wie folgt gegliedert: Es fängt mit einem Vorwort an, daraufhin folgt eine Einlei-

tung, anschliessend der inhaltliche Hauptteil des Buches, der in vier Kapitel unterteilt ist mit

jeweils unterschiedlicher Anzahl von Unter- und Unterunterkapiteln. Abgeschlossen wird der

thematische Teil mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick. Es folgt ein umfangreicher

Anmerkungsapparat, ein Abkürzungsverzeichnis, das Quellen- und Literaturverzeichnis, das

unterteilt ist in Archivalien, Periodika sowie gedruckte Quellen und Literatur. Am Ende des

Buches finden wir noch ein umfangreiches Personenregister.

2.2 Inhaltliche Schwerpunkte des Buches

2.2.1 Geschichtspolitik ­ Bestimmungsfaktoren und Forschungsansatz

Im ersten Kapitel diskutiert Wolfrum die Analysekategorie ,,Geschichtspolitik". Er geht von

der Frage aus, weshalb es in den letzten Jahren zu einer Konjunktur internationaler Forschun-

gen zu dem Themenkomplex ,,Geschichte, Erinnern, Vergessen" gekommen ist und dies in

fast sämtlichen Geschichtsdisziplinen und Zeitepochen. Dabei werden die Analysekategorien

,,Geschichtsbewusstsein" und ,,Geschichtskultur" einer Kritik unterzogen, bevor er die Di-

mensionen der Geschichtspolitik in einer Demokratie und im Vergleich in einer Diktatur the-

senhaft umreisst.11

Im Zentrum des Themenkomplexes ,,Geschichte, Erinnern, Vergessen" spielen heftige Ausei-

nandersetzungen über Politik, Ideologie und Moral eine grosse Rolle. Die Grundlagen dieser

Erinnerungskultur sind nach Wolfrum in der modernen Geschichte in der Französischen Re-

volution von 1789 zu suchen. Im Verbund mit der Amerikanischen Revolution wurde die

Französische Revolution zum Bezugspunkt einer neuartigen Begründung von Herrschaft.

Zum ersten Mal wurden breite Bevölkerungsmassen in die Politik einbezogen und es entstan-

den daraus die verschiedensten politischen Strömungen, wobei die symbolische Dimension

des politischen Handelns ein zentrales Element dieser neuen politischen Praxis war.12 Nach

11 vgl. ebd., S. 10

12 vgl. ebd., S. 16


9

Wolfrum ist seit der Französischen Revolution der Kampf um Herrschaft nun auch immer ein

Kampf über Geschichte, Erinnern und Vergessen.13

Geschichtspolitik als Forschungsthema steht in Deutschland erst am Anfang. Bisher gruppier-

te sich die Diskussion in Deutschland vor allem um die zwei Analysekategorien des ,,Ge-

schichtsbewusstseins" und der ,,Geschichtskultur". Geschichtsbewusstsein verweist auf die

mentale Operation, in dem Menschen ihre Erfahrungen vom zeitlichen Wandel ihrer Welt und

sich selbst so deuten, dass sie ihre Lebenspraxis in der Zeit absichtsvoll orientieren können;

unter ,,Geschichtskultur" wird demgegenüber die gesellschaftliche Dimension analytisch zu

erfassen versucht.14 Unter ,,Geschichtspolitik" versteht Wolfrum die Auseinandersetzung um

Geschichte als politisches Ereignis, welches die Aufmerksamkeit auf die politischen Akteure

richtet.15

Um plausibel zu machen, weshalb Geschichtspolitik nach Wolfrum eine zentrale Analyseka-

tegorie ist, werden die bisherigen Defizite der bisherigen geschichtskulturellen Forschungen

aufgezeigt, wobei er drei wesentliche Defizite ausmacht.

1. Bei der Frage, welche Funktionen die Geschichte habe, müssen die politischen Rah-

menbedingungen und die politische Nutzung der Geschichte viel stärker gewichtet

werden.

2. Die deutsche geschichtskulturelle Forschung tendiert vor dem Hintergrund der Erfah-

rungen mit dem Nationalsozialismus zu stark dazu, Geschichte und somit Geschichts-

politik nur als Mittel im Zusammenhang von Propaganda zu sehen.

3. Geschichtskultur hat einen überzogenen ästhetischen Einschlag und der politische

Kontext wird vernachlässigt.

Die Frage stellt sich nun für Wolfrum, wie sich die bisherige Darstellung der Geschichtspoli-

tik als ein Forschungsthema umreissen lässt, damit die politische Dimension der Geschichte

problematisiert und ins Zentrum einer Untersuchung über die pluralistisch demokratische

Bundesrepublik gestellt werden kann.

Diese Frage beantwortet er mit 10 Themenkomplexen, die für das Verständnis der Analyseka-

tegorie Geschichtspolitik zentral sind.16

13 vgl. ebd., S. 18

14 vgl. ebd., S. 20

15 vgl. ebd., S. 19

16 vgl. ebd., S. 22 ff.


10

2.2.2 Die deutsche Teilung und der nationale Gedächtnisort 1948-1953

Mit der Beschreibung der Jahrhundertfeier für die Revolution von 1848 beginnt der zweite

Teil des Buches von Wolfrum. Die Jahrhundertfeier für die Revolution von 1848 markiert den

Ausgangspunkt deutsch-deutscher Geschichtspolitik im Kalten Krieg. 1848/1948 bedeutete

für das DDR-Regime die Geburtsstunde der geschichtspolitischen Selbstlegitimierung.17 Die

Revolution von 1848 hatte im Vorfeld der DDR-Staatsgründung eine überragende Funktion

inne. Die DDR verleibte die Revolution mit einem grossen öffentlichen Aufwand in ihren

Traditionsbestand ein. Die Traditionslinie ging vom Kommunistischen Manifest, über die

Barrikadenkämpfe und der sozialen Revolution des Volkes zur bevorstehenden Bildung des

Arbeiter- und Bauernstaates.18 Die westdeutschen politischen Akteure wurden durch die

deutsch-deutsche Konkurrenzsituation mit wichtigen Fragen konfrontiert: Wie konnte die

Gründung der demokratischen BRD in West und Ost verständlich gemacht und legitimiert

werden? Auf welche geschichtlichen Traditionen, Gemeinschaftserfahrungen und Überzeu-

gungen konnte man sich beziehen?19 1848/1948 diente den politischen Akteuren in den west-

lichen Besatzungszonen vor allem dazu, die Fehlentwicklungen in Deutschland sichtbar zu

machen. Vor dem Hintergrund der stalinistischen totalitären Diktatur in Europa konnte es im

Westen keinen Zweifel daran geben, dass nicht die Einheit von Gesamtdeutschland im Vor-

dergrund stand, sondern Freiheit und die Bekämpfung totalitärer Bestrebungen. Dies war

dann auch die gedeutete Botschaft der Revolution von 1848, die sich der Westen zu eigen

machte.20 Der Gründungsmythos der BRD fand seinen Ausdruck in der liberalen Demokratie

westlicher Prägung. Sie war der normative Massstab für das Grundgesetz und die Verfas-

sungsorgane der BRD. Mit der in diesem Zusammenhang formulierten Kernstaat-These er-

hoffte man sich eine Magnetwirkung auf Ostdeutschland. Dieser darin enthaltende Alleinver-

tretungsanspruch der BRD für Gesamtdeutschland wurde dann 1955 mit der Hallstein-Doktrin

offiziell ins Leben gerufen. Vordergründig und deklamatorisch wurde zwar hervorgehoben,

dass die BRD nur ein Provisorium sei, faktisch hatte sich jedoch die Kernstaat-These gegen

die Absichten der Sozialdemokraten durchgesetzt.21 Die BRD war in ihrer formativen Phase

vor allem durch folgende Charakteristika gekennzeichnet: den Kalten Krieg und die instituti-

onelle Westintegration, durch nationale Identitätsfragen und -krisen sowie durch eine Desori-

entierung in der politisch-historischen Verortung im Zusammenhang der NS-Verbrechen. Im

17 vgl. ebd., S. 10 f.

18 vgl. ebd., S. 41

19 vgl. ebd., S. 10 f.

20 vgl. ebd., S. 45

21 vgl. ebd., S. 54 f.


11

Vergleich zum NS-Staat war die BRD eine neue staatliche Formation im Bezug auf ihre Ver-

fassung, ihrer politischen Ordnung sowie ihrer Sozial- und Wirtschaftsstruktur.22

Wolfrum zeigt dabei auf, wie schwierig es war, vor dem Hintergrund einer weit verbreiteten

Desorientierung und deutschlandpolitischen Polarisierung in der BRD, einen geeigneten Ge-

dächtnisort zu konstituieren.23 Ein konsensualer Gedächtnisort war in der BRD deshalb

schwierig zu finden, weil der normative Basiskonsens von einer deutschlandpolitischen Pola-

risierung über Sinn und Zweck der BRD begleitet wurde. In den verschiedenen Parteien war

man sich uneinig darüber, wie nun die BRD einzuordnen sei: auf der einen Seite die Vorstel-

lung, dass die BRD ein Kernstaat sei auf dem Rückweg zur nationalen Wiedervereinigung,

und auf der anderen Seite ein vorübergehender Ausnahmezustand im Hinblick auf ein supra-

nationales Europa. Die politischen Debatten drehten sich ab 1949 um diese Polarisierung.24

Vor diesem theoretischen und geschichtlichen Hintergrund stellt sich dann für Wolfrum die

Frage, wie es kommen konnte, dass der 17. Juni 1953 zum Dreh- und Angelpunkt für die Ge-

schichtspolitik in der BRD im Zusammenhang der deutschen Frage wurde.25

Das Problem eines angemessenen Gedächtnisortes wurde mit dem Aufstand vom 17. Juni

1953 in der DDR auf einen Schlag gelöst und der Aufstand wurde vom Westen für eigene

Zwecke der Sinnstiftung und Mythenbildung vereinnahmt; dabei bildeten sich völlig gegen-

sätzliche Mythen über den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR aus. Nach Wolfrum wur-

de der 17. Juni zum alles überwölbenden geschichtspolitischen Schlüsselereignis in der BRD.

Der 17. Juni sollte die bundesdeutsche Geschichtskultur und die kollektive Erinnerung bis

Mitte der 60er Jahre stärker prägen als irgendein anderer historischer Bezugspunkt.26

Dass sich der Aufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 als Gedächtnisort durchsetzen konnte,

kann nur verstanden werden, wenn man die deutschlandpolitische Polarisierung der politi-

schen Akteure in der BRD mitberücksichtigt. Dabei wird der 17. Juni 1953 als eines der wich-

tigsten Ereignisse in der politischen wie in der Erfahrungsgeschichte in der BRD gewertet:

quasi als sein Urkonflikt und als das letzte grosse gesamtdeutsche Ereignis vor dem Mauer-

bau. Die Art und Weise wie die Tatsachen des 17. Juni von den politischen Akteuren wahrge-

nommen und gedeutet wurden und somit politisches Handeln bestimmten, ist in diesem Zu-

sammenhang wichtiger als der tatsächliche Ablauf.27

22 vgl. ebd., S. 57 f.

23 vgl. ebd., S. 10 f.

24 vgl. ebd., S. 60

25 vgl. ebd., S. 53

26 vgl. ebd., S. 10 f.

27 vgl. ebd., S. 65


12

In der BRD wurde der 17. Juni primär als eine deutsche Revolution gedeutet. Die erste wirk-

lich deutsche Revolution hatte sich ihrer Ansicht nach ereignet und diese erste deutsche Revo-

lution hatte, nach ihrer Deutung, das gleiche geschichtliche Ausmass wie die Französische

Revolution. Viele Kommentatoren waren sich einig darüber, dass dieser Aufstand eine enor-

me Fernwirkung haben werde, indem er der erste Sturm auf die kommunistische, totalitäre

Zwangsherrschaft war; ebenso wie die Französische Revolution die Zwangsherrschaft des

Absolutismus beseitigt und eine weitere Ära von Revolutionen in Europa im 19. Jahrhundert

eingeleitet hatte, war man der Ansicht, dass der Aufstand des 17. Juni 1953 weitere Revoluti-

onen gegen die kommunistische Diktatur auslösen werde.

Der Revolutionsmythos war jedoch nur eine Seite der Medaille, die andere Seite war der My-

thos der Nation. Dieser Mythos der Nation sollte nun den Anspruch der Einheit Deutschlands

bekräftigen. Der 17. Juni hatte also eine doppelte Funktion: auf der einen Seite die Rückkehr

zur ,,nationalen Würde" und auf der anderen Seite der Beweis für die antitotalitäre Gesinnung

der Deutschen. 28 Somit war es nur folgerichtig, dass sich der Deutsche Bundestag wenige

Tage nach dem Aufstand des 17. Juni in der DDR auf die Konstituierung eines ,,Tags der

deutschen Einheit" verständigte und zwar als Symbol für deutsche Einheit in Freiheit. Die

Institutionalisierung dieses nationalen Gedächtnisortes am 03. Juli 1953 im Bundestag wurde

ausser von den Kommunisten vom gesamten Parteienspektrum mitgetragen und galt als Aus-

druck überparteilicher demokratischer Eintracht und als geschlossene Demonstration gesamt-

deutscher Verbundenheit. Der Eindruck von Eintracht und Harmonie ist jedoch irreführend,

und nur bei vordergründiger Betrachtung kommt man zu dieser Einschätzung. Er verdeckt die

hintergründigen Konflikte, die die Parteien untereinander im Bezug der Deutung des neu ge-

schaffenen Gedächtnisortes hatten.29

Für die Sozialdemokraten und Gewerkschaften war der 17. Juni eine Doppelrevolution der

Arbeiterschaft: eine Revolution gegen den kommunistischen Totalitarismus verbunden mit

der Unterdrückung der Bevölkerung, aber auch eine Revolution gegen die kleindeutsche Re-

gierung Adenauers. Für die SPD bildete die Übereinkunft von Nation und Freiheit, die an der

Idee der Reichsnation festhielt, den Kern der deutschen Frage.

Die Liberalen betrachteten den 17. Juni noch stärker als die Sozialdemokraten aus dem

Blinkwinkel des 19. Jahrhunderts heraus ­ jedoch mit unterschiedlichen Schattierungen und

Gewichtungen. Für die FDP war es der liberal gesinnte Mensch, der den Aufstand gegen das

28 vgl. ebd., S. 76 f.


13

kommunistische Regime trug. Der Aufstand hatte für die Liberalen die Konsequenz, dass nun

die europäische politische und militärische Gemeinschaft verstärkt vorangetrieben werden

musste, um einem kommunistischen Überrumpelungsversuch entschlossen entgegentreten zu

können.30

Von der überwiegenden Mehrheit der CDU wurde der 17. Juni als Aufstand für die Westbin-

dung gedeutet ­ gleichsam auch als eine nachgeholte bürgerliche Revolution. Man meinte

damit auch, dass nun Deutschland mit über 100jähriger Verspätung doch noch den Anschluss

an die westlichen Demokratien gefunden habe.31 Die Westpolitik von Adenauer war somit die

einzige Alternative und der deutsche Sonderweg einer moralischen und politischen Trennung

vom Westen endgültig überwunden.32

Der 17. Juni, als Tag der deutschen Einheit, konstituierte das westdeutsche Selbstverständnis

und zugleich die Ablehnung des SED-Staates. Obwohl er als gesamtnationaler Tag konzipiert

wurde, drohte er nun von einem Symbol der Gesamtstaatlichkeit zu einem westdeutschen

Staatsfeiertag zu werden. Über den Sinn und Inhalt des neuen Gedächtnisortes fehlte ein nati-

onaler, wie gesamtnationaler Konsens. Nicht Einigkeit und Freiheit resultierten daraus, son-

dern er war Ausdruck von deutscher Zwietracht und Spaltung. So entstanden bereits 1953/54

zwei Handlungsstrategien für den 17. Juni: Entweder Memorialisierung oder Mobilisierung.33

Mitte Juni 1954 entstand mit der Sammlungsbewegung ,,Kuratorium Unteilbares Deutsch-

land" (KUD) eine Organisation, die den Gedanken der Mobilisierung aufnahm und somit eine

wichtige geschichtspolitische Handlungsarena bildete. Das Ziel dieser heterogenen Bewegung

war es, das Postulat der Wiedervereinigung emotional zu verankern, nationalpolitischen Still-

stand zu verhindern und in der deutschen gesamtnationalen Frage nicht zu resignieren.34

2.2.3 Der gescheiterte Kult um den deutschen Nationalstaat 1955-1968

Der dritte Teil beginnt mit einer Schilderung der politischen Feiern der bundesdeutschen Li-

beralen zum Tag der deutschen Einheit in den 50 Jahren am Hermannsdenkmal im Teutobur-

ger Wald.35 In der Zeit zwischen 1954 und 1957 wurde von den bundesdeutschen Liberalen

der Hermannsmythos als retrospektiver Gründungsmythos der deutschen Nation beschworen.

Er diente als glaubhafte Alternative und zudem als beispielhaftes Vorbild aus glanzvoller

29 vgl. ebd., S. 82 f.

30 vgl. ebd., S. 92 ff.

31 vgl. ebd., S. 102

32 vgl. ebd., S. 107 f.

33 vgl. ebd., S. 109 f.

34 vgl. ebd., S. 115 f.

35 vgl. ebd., S. 11 f.


14

deutscher Vergangenheit, um der ungeliebten Realität der zweigeteilten Nation ein Ende zu

bereiten. Das Ziel war also einen Weg zu weisen, die deutsche Teilung zu überwinden und

den Nationalstaat bismarckscher Prägung wiederherzustellen.

Die Kundgebungen der bundesdeutschen Liberalen am Hermannsdenkmal sind nur ein Bei-

spiel unter Vielen, bei dem der Kult um den deutschen Nationalstaat zelebriert wurde, wenn-

gleich ein besonders augenfälliges. Allgemein kann gesagt werden, dass sich in der BRD seit

1954, infolge der Ereignisse von 1953, ein umfangreicher Kult um den deutschen National-

staat entwickelte. In der Adenauer-Ära kanalisierte er den nationalpolitischen Protest gegen

dessen Deutschlandpolitik.36

In dem hier behandelten Zeitraum war es ein oberstes Ziel der Nationalpädagogen, der jungen

Generation den deutschen Nationalstaat in den Grenzen von 1937 zu vermitteln, damit dieser

weiterhin präsent war und sie eine lebendige Anschauung von ihm behielten. Gesamtdeutsche

Gedächtnisorte, die auf dem Gebiet der DDR lagen, hatten dabei oberste Priorität, damit diese

dem drohenden Vergessen entrissen werden konnten.37

Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre demonstrierten rund 5 Millionen Menschen

jährlich für die Wiedervereinigung.38 Zwischen 1953 und 1963 wurden in hunderten von

Städten und Gemeinden kleinere und grössere Denkmäler für die nationale Einheit und

Mahnmale für die Wiedervereinigung errichtet.39 Die namhaftesten deutschen Historiker lie-

ferten im Zeitraum von 1954 bis 1967 für die Öffentlichkeit bestimmte Beiträge zur deut-

schen Frage. Sie nahmen damit die Führungsrolle unter den Intellektuellen ein: nach ihrem

Verständnis sollte Geschichte wieder zu einer Bildungsmacht werden.40 Dabei stellten sie sich

explizit in den Dienst des Kultes um den deutschen Nationalstaat. Bis Mitte der 60er Jahren

bestimmte nationale Apologie und nicht nationale Selbstkritik den Diskurs dieser Historiker.

Sie distanzierten sich zwar von einem Ausschliesslichkeitsnationalismus im Sinne des Natio-

nalsozialismus, aber sie versuchten, Nation und Nationalbewusstsein zu bewahren.41

Vor dem Hintergrund politischer Veränderungen im nationalen und internationalen Kontext,

insbesondere nach dem Bau der Berliner Mauer, den fundamentalen Veränderungen des deut-

schen Geschichtsbildes Anfang der sechziger Jahre, der durch die Geschichtspolitik vorange-

triebene Prozess der Selbstanerkennung der BRD, zeigt Wolfrum auf, wie sich der Wahrneh-

mungs- und Erfahrungshorizont der Westdeutschen zunehmend veränderte und die BRD im-

36 vgl. ebd., S. 131 f.

37 vgl. ebd., S. 157

38 vgl. ebd., S. 170

39 vgl. ebd., S. 180

40 vgl. ebd., S. 185


15

mer weniger als Provisorium (als provisorischer Staat bis zur gesamtnationalen Wiederverei-

nigung) wahrgenommen wurde und somit der Kult um den gesamtdeutschen Nationalstaat in

diesem Zeitraum scheiterte.42

Nach Wolfrum zerbrach der Kult um den deutschen Nationalstaat an folgenden drei höchst

unterschiedlichen gesellschaftlichen Veränderungen: erstens am Wandel des nationalen wie

internationalen Kontexts, zweitens an den Veränderungen im deutschen Geschichtsbild und

drittens an der zunehmenden Selbstanerkennung der Bundesrepublik, damit einhergehend

eine noch verhaltene neue Wahrnehmung der DDR.43

Die wichtigste Veränderung in diesem Zusammenhang war, dass von den engagierten

Deutschlandpolitikern der sozialdemokratischen Opposition, während der bedrohlichen Ber-

lin-Krise, eine Kehrtwendung in der Deutschlandpolitik eingeschlagen wurde, die man als

Bundesrepublikanisierung der sozialdemokratischen Aussenpolitik bezeichnen kann. Die Si-

cherheitspolitik der SPD veränderte sich dahin, dass nun nicht mehr die ideelle Gesamtnation

im Vordergrund stand, sondern der reale westdeutsche Teilstaat. Sie gab somit erstmals der

West- und NATO-Politik den Vorrang vor Wiedervereinigung durch Bündnisfreiheit.44 Es

waren also vor allem die Wiedervereiniger der fünfziger Jahre, die verstärkt seit Mitte der

60er Jahren eine Akzeptierung der Zweistaatlichkeit politisch für notwendig erachteten und

somit faktisch die Anerkennung der DDR forderten, vor dem Hintergrund, dass die bisherige

Deutschlandpolitik gescheitert war und nur durch eine Anerkennung der DDR Erleichterun-

gen für die DDR-Bürger zu erreichen waren. Allmählich setzte sich auch die Erkenntnis

durch, dass bisher zu viel von deutschen Rechten und zu wenig von deutschem Versagen ge-

sprochen wurde; dass also das Deutsche Reich an deutscher Schuld zerbrochen war.45

Der Jaspers-Skandal als eine publizistische Debatte, die Fischer-Kontroverse als eine histo-

riografische Debatte und die parlamentarische Diskussion über die Verjährung von NS-

Verbrechen als eine politische Debatte, waren in den sechziger Jahren Schlüsseldebatten, die

einen Bewusstseinswandel in der BRD bewirkten und schliesslich mentalitätsprägend wurden.

Dadurch wandelte sich das Bild von der deutschen Geschichte in der BRD grundlegend.46

41 vgl. ebd., S. 191

42 vgl. ebd., S. 11 f.

43 vgl. ebd., S. 211

44 vgl. ebd., S. 216 f.

45 vgl. ebd., S. 221

46 vgl. ebd., S. 226


16

Die Bundesbürger wurden seit Beginn der sechziger Jahre nicht nur von der Geschichte des

Kaiser-Reiches eingeholt, sondern auch von der des ,,Dritten Reiches". Die bundesdeutsche

Öffentlichkeit wurde zum ersten Mal in grossem Ausmass mit den Verbrechen des ,,Dritten

Reiches" konfrontiert, insbesondere bei denen es um die verschiedensten Prozesse im Zu-

sammenhang von NS-Verbrechen ging. Die Zeit des kollektiven Schweigens über die deut-

sche Schuld während der NS-Zeit war vorbei.

Alle diese Debatten führten zu Lernprozessen und einem Einstellungswandel in der Bevölke-

rung, die dazu führten, dass die Distanzierung zu allem Nationalen sich zunehmend verstärk-

te. Dies hatte auch zur Folge, dass die Mobilisierung der Deutschen für den Kult um den Na-

tionalstaat kaum mehr möglich war.

Die Westdeutschen waren ab Beginn der sechziger Jahre der Meinung, dass es Deutschland

besser gehe als je zuvor in der Geschichte. Damit waren nicht nur die politische Verfassung

und die Institutionen des Gemeinwesens gemeint, sondern vor allem auch das Wirtschaftssys-

tem. Im Bewusstsein der Bürger verlor die Bundesrepublik ihren Provisoriumscharakter, es

war unverkennbar, dass sich der westdeutsche Staat auf dem Weg zur Selbstanerkennung be-

fand.47

1968 trat ein, was bisher unvorstellbar gewesen war: Die Grosse Koalition verzichtete be-

wusst auf eine Gedenkstunde des Bundestages zum Tag der deutschen Einheit. Doch das soll-

te erst der Anfang sein: Man sah die Feiern zum 17. Juni als ein Relikt des Kalten Krieges an

und bereits im Februar 1967 hatte sich die CDU und SPD grundsätzlich darauf geeinigt, den

Tag der deutschen Einheit als Feiertag abzuschaffen. In den verschiedenen Parteien war man

der Meinung, der 17. Juni passe nicht mehr in die ostpolitische Friedenspolitik und er wäre

mehr ein Hindernis als ein Gewinn, um diesbezüglich Fortschritte zu erzielen. Vor allem die

Fraktion der Liberalen und die Mehrheit der SPD waren der Meinung, dass die Beibehaltung

des 17. Juni deutschlandpolitisch mehr Schaden als Nutzen bringen würde. Insbesondere

stand der 17. Juni einer Politik der innerdeutschen Entspannung entgegen, er bot der DDR

vielfältige Möglichkeiten, die Entspannungsbemühungen zu hintertreiben. Gegner dieser Ar-

gumentation, insbesondere aus den Reihen der CDU, warnten vor einer gesamtdeutschen Lei-

setreterei. Man glaubte nicht daran, durch einseitiges Nachgeben gegenüber dem Kommunis-

mus zu Verbesserungen und Verständigungsmöglichkeiten zu gelangen. Ihrer Meinung nach

würde die Abschaffung des 17. Juni katastrophale Konsequenzen nach sich ziehen. Man be-

47 vgl. ebd., S. 227 ff.


17

käme den Eindruck, die Bundesregierung würde sich mit dem DDR-Regime arrangieren und

auf diesem Wege die totalitäre kommunistische Herrschaft anerkennen und legitimieren.48

Dies Alles ergab eine paradoxe Situation: Während der fünfziger Jahre hatten die Sozialde-

mokraten den 17. Juni gegen Adenauers supranationale Westpolitik instrumentalisiert, in den

späten 60er Jahren war der Aufstand als Ereignis gut geeignet, um gegen die sozialliberale

Ostpolitik zu agieren.49

2.2.4 Die politischen Diskurse über bundesrepublikanische Geschichtsbilder 1969-1989

Zu Beginn des vierten Teils von Wolfrums Buch wird ein geschichtspolitischer Skandal dar-

gestellt. Es geht um die Fernsehansprache des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heine-

mann im Januar 1971, als er im Rahmen der hundert Jahre zuvor erfolgten Reichsgründung

eine Rede hielt. Vor Millionen von Zuschauern nutzte der Bundespräsident die Gelegenheit,

in bisher nie dagewesener Weise mit der nationalstaatlichen Konstituierung von Bismarck

abzurechnen.50

Diese Geschichtsinterpretation von Heinemann sollte zur Voraussetzung für eine neue Ostpo-

litik werden.

Im Zusammenhang der Deutschland- und Ostpolitik ging es der sozialliberalen Koalition dar-

um, die Realitäten aus dem verlorenen Krieg anzuerkennen, um damit den Frieden zu sichern.

Um eine Aussöhnung mit Osteuropa zu erreichen, wurde eine Atmosphäre der Entspannung

und des Vertrauens für nötig gehalten. Eine deutsche Wiedervereinigung ohne Aussöhnung

mit dem Osten wurde als unrealistisch erachtet, da dies gegen den Willen der Sowjetunion

geschehen würde und somit undurchführbar war. Nur in einer gesamteuropäischen Friedens-

ordnung schien die Wiedervereinigung möglich zu werden. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte

alles dafür getan werden, dass menschliche Verbesserungen in der DDR erreicht werden

konnten. Die Gegner der sozialliberalen Ostpolitik verwahrten sich gegen die Preisgabe nati-

onaler Besitzstände. Mit der neuen Ostpolitik würde das Wiedervereinigungsziel abgeschrie-

ben und somit die Teilung unwiderruflich anerkannt, monierten sie. Ihrer Meinung nach durf-

ten die ehemaligen deutschen Ostgebiete nicht ohne Not aufgegeben werden, zudem durften

keine gleichberechtigten Verhandlungen mit den Zwangsregimes im Osten geführt werden,

48 vgl. ebd., S. 251 ff.

49 vgl. ebd., S. 257

50 vgl. ebd., S. 12


18

weil dies sonst die Grenzen zwischen einem demokratischen Rechtsstaat und einem diktatori-

schen Unrechtsstaat verwischen würde.51

Wolfrum zeigt in diesem Teil auf, wie sich der gescheiterte nationalpolitische Kult nun ver-

stärkt auf die diskursive Ebene verschob, der sich zudem immer wie mehr alleine auf die

Bundesrepublik verschob. In der Zeit von 1968 bis 1989/90 lösten sich die verschiedenen

geschichtspolitischen Diskurse gegenseitig ab, und die ganze Zeit kann als ein Kampf um die

kulturelle Hegemonie gedeutet werden. Heftige Auseinandersetzungen um die politische Er-

innerung gab es nach dem Machtwechsel von 1969 wie nach der ,,Wende" von 1982/1983.

Die verschiedenen konkurrierenden geschichtspolitischen Diskurse hatten jedoch paradoxer-

weise eines gemeinsam: Sie führten im Schlussergebnis zu einer Bejahung der BRD.52

Im Bezug auf den 17. Juni wollte sich die sozialliberale Koalition am liebsten vollständig von

diesem verabschieden. Insbesondere auch wegen der nationalstaatlichen Verengung hielt sie

den Tag der deutschen Einheit für untauglich, die Bundesrepublik zu repräsentieren. Als neue

Grundlage bevorzugte sie stattdessen eine verfassungspatriotische Identifikation mit dem 23

Mai als Feiertag. Die Verwirklichung eines in der deutschen Geschichte bisher nicht bekann-

ten Ausmasses an Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der BRD konnte viel eher

durch einen institutionalisierten Verfassungstag gewürdigt werden.

Den 17. Juni durch den 23. Mai zu ersetzen, scheiterte am hartnäckigen Widerstand der Op-

position. Rainer Barzel bekundete in diesem Zusammenhang, dass er keine Absicht habe,

Bundesrepublikaner zu werden, sein Diktum lautete: ,,Wir sind Deutsche und gedenken dies

zu bleiben. Der Aufstand des 17. Juni wurde nun wieder vor allem durch eine Partei instru-

mentalisiert: in den 50er Jahren von der SPD und ab den 70er Jahren von der CDU/CSU.53

Ab dem Jahre 1983 kam es zu einer umfassenden Restauration des 17. Juni. Dies ist darauf

zurückzuführen, dass nach dem Sturz von Bundeskanzler Helmut Schmidt im Frühjahr 1983

die christlich-liberale Koalition die Regierungsgeschäfte übernahm und den Anspruch erhob,

eine grundlegende politische wie auch geistig-moralische Wende durchzuführen. Der 17. Juni

kehrte dadurch wieder in traditioneller Form in die symbolische Erinnerungspolitik der BRD

zurück. Nicht mehr die allgemein-emanzipatorische Orientierungsfunktion des Gedächtnisor-

tes wie in den 70er Jahren wurde nun in den Fokus gerückt, sondern die national-

pädagogische. Seit 1963 erfuhr somit der 17. Juni die stärkste Rethematisierung in den Mas-

51 vgl. ebd., S. 272 f.

52 vgl. ebd., S. 12

53 vgl. ebd., S. 296


19

senmedien. Das nationale Erbe sollte rehabilitiert und die Störung des deutschen Nationalbe-

wusstseins behoben werden.54

In der Deutschlandpolitik kann jedoch nicht von einer wirklichen Wende seit dem Amtsantritt

der Regierung Kohl gesprochen werden. Diesbezüglich wurde die Regierungspolitik der sozi-

alliberalen Koalition fast nahtlos weitergeführt. Die Neuorientierung kam zwar mit einem

gesamtnationalen Begleitton daher, dies war jedoch mehr Rhetorik und Ideologie. In der Re-

gierung Kohl fand die Zusammenarbeit mit der DDR ihren Höhepunkt: angefangen mit dem

Milliardenkredit für die DDR, den Franz Josef Strauss im Jahre 1983 einfädelte, bis zum

Staatsbesuch von Erich Honecker in der BRD 1987. Der offizielle Empfang von Honecker in

der BRD bedeutete zumindest de facto eine Art Legitimität für das DDR-Regime. Man war

sich auch bei den Christdemokraten darüber einig, dass eine Wiedervereinigung nicht auf der

Tagesordnung der Weltpolitik stehe und auch ein Zurück zum Nationalstaat wurde grundsätz-

lich in Zweifel gezogen.

Nach Wolfrum hatte die Bundesrepublik die höchste Stufe der Selbstanerkennung paradoxer-

weise in ihrer letzten Phase 1989 erreicht. Dass die Bürger der Bundesrepublik die BRD als

Nation anerkannt hatten, bestätigen die unzähligen Bilanzen und Inszenierungen zum vier-

zigsten Geburtstag der Republik im Mai 1989. Der vierzigste Geburtstag der Bundesrepublik

wurde in einem solchen Ausmass gefeiert, sodass man den Eindruck bekam, es handle sich

um ein gründungsmythisches Jahrhundertereignis.55 Wolfrum charakterisiert die Situation

folgendermassen:

,,

Umfängliches demoskopisches Datenmaterial zum historisch-politischen Selbstverständnis

belegt, dass die Bundesbürger ­ trotz eines abstrakten Festhaltens am Wiedervereinigungs-

gebot des Grundgesetzes ­ an die Realität Gesamtdeutschlands im Grunde nicht mehr glaub-

ten, und die DDR sogar aus dem, was man in der Bundesrepublik für ,,deutsch" hielt, zuse-

hends ausgeklammert wurde. Die Eigenstaatlichkeit der DDR zog man nicht in Zweifel. Eine

Revision der politischen Ordnung wurde weithin abgelehnt, das Wunschmodell stellte die in

die westliche Welt eingebundene, pluralistische Bundesrepublik dar.

"56

54 vgl. ebd., S. 327

55 vgl. ebd., S. 343 f.

56 ebd.


20

3. Kritische Würdigung

3.1 Auseinandersetzung mit den beigelegten Rezensionen

Insgesamt habe ich sechs Rezensionen über das hier behandelte Buch von Wolfrum der Haus-

arbeit beigelegt. Zwei dieser vier Rezensionen (diejenigen von Werner Bergmann und Ger-

hard Otto Oexle) sind mehr oder weniger deskriptive Zusammenfassungen der Studie und

somit für eine fruchtbare Auseinandersetzung weniger geeignet. Deshalb findet nachfolgend

nur eine Auseinandersetzung mit den vier anderen Rezensionen statt:

Rainer Eckert macht in seiner Rezension57 über das Buch von Wolfrum den Einwand geltend,

dass zu der heutigen demokratischen Tradition in Deutschland zwei Aufstände für Freiheit

und Demokratie gehören würden: der am 17 Juni 1953 und der im Herbst 1989. Dass diese

beiden Revolutionen in Deutschland stattgefunden hätten und somit die freiheitliche Tradition

der Bundesrepublik ihre Basis im Freiheitswillen der Ostdeutschen habe, sei eine Tatsache,

die bisher im öffentlichen Bewusstsein noch viel zu wenig reflektiert worden sei. Dieser

Sachverhalt sei auch im Buch von Wolfrum nicht weiter reflektiert und zum Thema gemacht

worden. Es ist für mich schwierig abzuschätzen, wie umfangreich nun eine Reflexion im öf-

fentlichen Bewusstsein diesbezüglich bereits stattgefunden hat, wie das hier Eckert als These

hinstellt. Diese These müsste dann an empirischem Material überprüft werden. Wenn dem

wirklich so wäre, dann wäre es sicherlich wünschenswert, wenn in Zukunft vermehrt Reflexi-

onen diesbezüglich angestellt würden. Die Frage stellt sich, ob man Wolfrum einen Vorwurf

machen kann, diese Thematik in seinem Buch nicht weiter reflektiert zu haben. Das Thema

des Buches von Wolfrum ist es ja, die öffentlichen Kontroversen zu analysieren, die zu einer

veränderten bundesrepublikanischen Erinnerung im kollektiven Gedächtnis geführt haben ­

die Zielsetzung von Wolfrum war somit eine andere.

Tilman Mayer hebt meines Erachtens in seiner Rezension58 über das Buch von Wolfrum ei-

nen wesentlichen Punkt hervor, wenn er Wolfrum zitiert: ,,

Der gesamte Zeitraum zwischen

1968 und 1989/90 soll als ein Kampf um die kulturelle Hegemonie interpretiert werden, in

57 vgl. Eckert Rainer: Rezension zu: Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland: Der

Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, in: Deutschland Archiv, Jg. 33

(2000), Nr. 6, S. 1016-1017

58 vgl. Mayer Tilman: Rezension zu: Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland: Der

Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, in: Politische Studien, Zweimonats-

schrift für Politik und Zeitgeschehen, Jg. 52 (2001), Nr. 397, S. 108-109


21

dem sich verschiedene geschichtspolitische Diskurse ablösten.

"59 In Bezug auf dieses Zitat

schreibt Mayer: ,,

Der Begriff der ,kulturellen Hegemonie′ ist von strategischer Bedeutung,

wird zwar formal von Wolfrum nicht weiter verhandelt, aber für die politische Kultur der

Bundesrepublik ist er ein zentral wichtiges Untersuchungsinstrument.

"60 Der Begriff der ,,kul-

turellen Hegemonie" geht auf Antonio Gramsci (1891-1937) zurück, der Schriftsteller, Jour-

nalist, Politiker und Philosoph und Mitbegründer und Chef der italienischen kommunistischen

Partei war. Unter ,,kultureller Hegemonie" wird die Produktion konsensfähiger Ideen verstan-

den. Herrschaft wird nach Gramsci nicht allein durch Zwang ausgeübt, sondern die ,,Herr-

schenden" verstehen es, ihre eigenen Interessen zu verallgemeinern, die dann von breiten Be-

völkerungsschichten ebenfalls als erstrebenswert erachtet werden, obwohl sie ihren eigenen

Interessen diametral entgegenstehen können.61 Konsensfähige Ideen werden nach Gramsci in

Schulen, Vereinen, Verbänden, Parteien, Regierungen, Kirchen, Medien etc. vermittelt.

Wolfrum selbst gebraucht den Begriff der kulturellen Hegemonie tatsächlich mehrere Male in

seinem Buch, aber er wird - wie dies bereits Tilman Mayer konstatierte - von Wolfrum formal

nicht weiter verhandelt. Die Frage stellt sich, weshalb der Begriff der kulturellen Hegemonie

bei Wolfrum formal nicht weiter expliziert und operationalisiert wird, damit er diesen Begriff

quasi als zentrale und übergeordnete Analysekategorie für seine Studie verwenden könnte.

Mir scheint, der Begriff der kulturellen Hegemonie als eine zentrale Analysekategorie findet

nicht nur eine passende Verwendung für den gesamten Zeitraum zwischen 1968 und 1989/90,

den Wolfrum in seinen Buch behandelt, sondern für den gesamten analysierten Zeitraum:

demzufolge von 1948-1989/90. Ob konsensfähige Ideen (kulturelle Hegemonie) nun eher

durch Kult und Symbolik (Gedächtnisorte, Mythen, erfundene Traditionen, Memorialisierung,

Feste, Feiern, Rituale, Personenkult, Heldenverehrung, Gelöbnisse, Embleme und Botschaften

im öffentlichen Raum) oder eher diskursiv, im Sinne von Auseinandersetzungen, zwischen

verschiedenen Protagonisten hergestellt oder erkämpft werden, scheint mir eher nebensäch-

lich zu sein. Wichtiger ist, dass überhaupt ein Kampf um die Deutungshoheit mittels symbo-

lisch-diskursiver Praktiken in einer Gesellschaft stattfindet und dies gesamthaft unter die Ana-

lysekategorie der kulturellen Hegemonie subsumiert werden kann. Somit wäre dann Ge-

59 ebd., S. 108

60 ebd.

61 vgl. Wikipedia - Die freie Enzyklopädie: Hegemonie, http://de.wikipedia.org/wiki/Hegemonie (Zugriff:

11.07.2007)


22

schichtspolitik eine spezifische Form unter vielen anderen Formen, bei der es um Kämpfe

oder Auseinandersetzungen im Bezug auf die kulturelle Hegemonie geht.

Interessant finde ich bei der Rezension von Tilman Meyer, dass er Wolfrum quasi selbst un-

terstellt, er betreibe mit seiner Studie über Geschichtspolitik selbst Geschichtspolitik, indem

er die Deutungskultur der Bundesrepublik restaurativ korrigieren will, indem er glauben ma-

chen will, dass sich die alte Bundesrepublik von nationalen Rückbezügen ,,verabschiedet" und

sich letztlich als Staatsnation verselbstständigt habe.62 Wenn Wolfrum dies in dieser Absolut-

heit geschrieben hätte, dann wäre tatsächlich zu untersuchen, ob sich die alte Bundesrepublik

vollständig von nationalen Rückbezügen verabschiedet hat. Meines Erachtens macht Wolfrum

dies jedoch nicht mit einem Absolutheitsanspruch geltend. Er zeigt ja auf, dass die Regierung

Kohl ab dem Jahre 1983 das nationale Erbe wieder hochleben lassen liess und gerade der 17.

Juni, als Tag der deutschen Einheit, wieder in traditioneller Form in die symbolische Erinne-

rungspolitik der BRD zurückkehrte.63 Von einer vollständigen Verabschiedung nationaler

Rückbezüge in der alten BRD geht also Wolfrum in seinem Buch nicht aus, wie dies Tilman

Mayer vermeintlich festgestellt zu haben glaubt.

Matthias Stickler schreibt in seiner Rezension64 über Wolfrums Buch, dass dessen provozie-

rende Thesen kaum unwidersprochen bleiben werden, ,,

was seine Ausführungen zum ,,natio-

nalen Kult" in der Ära Adenauer anbelangt, die in schroffem Widerspruch stehen zu den Er-

gebnissen des renommierten Bonner Politologen und Adenauerbiografen Hans-Peter

Schwarz

."65 Wolfrum hat im Literaturverzeichnis seines Buches mehrere Titel von Hans-Peter

Schwarz aufgeführt,66 und es ist davon auszugehen, dass Wolfrum sehr wohl wusste, dass

seine Ausführungen über den nationalen Kult in der Ära Adenauer in schroffem Gegensatz

den Thesen von Hans-Peter Schwarz stehen. Für die zukünftigen wissenschaftlichen Ausei-

nandersetzungen wäre es sicherlich interessant, herauszufinden, wie das Zustandekommen der

gegensätzlichen Thesen zu erklären ist.

62 vgl. Mayer Tilman

63 vgl. Wolfrum Edgar, S. 327

64 vgl. Stickler Matthias: Rezension zu. Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland:

Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, in: Mainfränkisches Jahrbuch für

Geschichte und Kunst, Archiv des historischen Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg, Jg. 52 (2000), S.

394-395

65 ebd.

66 vgl. Wolfrum Edgar, S. 518 f.


23

Manfred Hettling macht in seiner Rezension67 über die Studie von Wolfrum eine Reihe von

Einwänden geltend:

1. Er vermisst bei Wolfrum, dass dieser nicht deutlich herausgearbeitet habe, dass die

,,Etablierung" des 17. Juni deshalb ­ zumindest für eine gewisse Zeit ­ so erfolgreich

war, weil dieser es ermöglichte, nicht über den Nationalsozialismus sprechen zu müs-

sen, wenn über den Verlust der Nation debattiert wurde. Dieser Einwand von Hettling

gegenüber Wolfrum scheint mir insofern berechtigt zu sein, dass Wolfrum diesen Zu-

sammenhang tatsächlich eher am Rand thematisiert und somit diesbezüglich an der

Oberfläche bleibt. Das heisst, der Nationalsozialismus, als zentrales und problemati-

sches historisches Bezugsereignis wird auch bei Wolfrum kaum thematisiert und somit

ausgeblendet.

2. Da Wolfrum von der ,,Etablierung" des 17. Juni als dem Tag der deutschen Einheit

spricht, wird dies von Hettling so ausgelegt, als ob Wolfrum alles aus der Sicht einer

intentional operierenden Geschichtspolitik betrachtet. Dies würde dann heissen, dass

Wolfrum Geschichtspolitik nur voluntaristisch erklären könnte. Tatsächlich bekommt

man bei den umfangreichen Ausführungen Wolfrums den Eindruck, dass soziale

Strukturen, also nicht intendierte Nebenfolgen von intendierten Handlungen der Men-

schen (im Sinne des Soziologen A. Giddens mit seinem Konzept der Strukturati-

onstheorie), kaum eine Rolle spielen im Zusammenhang der Geschichtspolitik, wie sie

Wolfrum in seinem Buch analysiert und skizziert.

3. Nach Hettling überschätzt Wolfrum den 17. Juni 1953, den dieser als zentralen Aus-

gangspunkt für die Analyse der Geschichtspolitik im Kontext einer bundesrepublika-

nischen Erinnerung von 1948-1989/90 in der Bundesrepublik in seinem Buch verwen-

det. Dies ist nach Hettling darauf zurückzuführen, dass Wolfrum den Begriff der ,,Ge-

schichtspolitik" - zumindest in der Bundesrepublik - als geschichtswissenschaftliche

Analysekategorie etablieren möchte. Hettling macht in seiner Rezension auch darauf

aufmerksam, dass Wolfrum die Gründe, die dafür verantwortlich seien, dass der 17.

Juni 1953 als Feiertag so schnell abgeschafft wurde und dem Vergessen anheimgefal-

len sei, nicht thematisiere.

67 vgl. Hettling Manfred: Rezension zu: Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland:

Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, http://hsozkult.geschichte.hu-

ber-

lin.de/rezensionen/id=201&count=59&recno=49&type=rezbuecher&sort=datum&order=down&search=Geschic

htspolitik+in+der+Bundesrepublik+Deutschland (Zugriff: 05.07.2007)


24

4. Ein ganz zentraler Kritikpunkt von Hettling an Wolfrums Studie scheint mir zu sein,

dass er bemängelt, Wolfrum würde zwar in seinem Buch den Anspruch erheben, kol-

lektive Erinnerungsprozesse zu analysieren und zu veranschaulichen, er diesen An-

spruch jedoch nicht einlösen würde. Hettling schreibt diesbezüglich:

,,

Was ihm nicht gelingt, ist den Prozeß gesellschaftlicher Erinnerung - d.h. die soziale

Konstruktion von Vergangenheitsbildern und die politische Konkurrenz divergieren-

der Bilder - so zu konzeptualisieren, daß er als kollektiver Vorgang erkennbar und

analysierbar wird. Auch seine Analyse bleibt der Interpretation von einzelnen Akteu-

ren und dem Beschreiben der Absichten von politischen Gruppen und Parteien verhaf-

tet. Das macht er gründlich und solide. Doch geht "kollektive Erinnerung" nicht in

den Intentionen öffentlicher Akteure auf.

"68

Diese Aussagen werden von Hettling durch das Argument untermauert, Wolfrum habe

auf die Rezeption der Aktivitäten und Resultate der Geschichtspolitik verzichtet, in-

dem er zwar Meinungsumfragen aus der damaligen Zeit rezipiere, diese jedoch nicht

wirklich in seine Studie einbände. Meines Erachtens ist diese Kritik von Hettling an

Wolfrum richtig: Tatsächlich werden zwar Meinungsumfragen von Wolfrum in seiner

Studie rezipiert, aber eine gründliche Auseinandersetzung mit diesem empirischen

Material findet nicht statt. Zu fragen wäre, ob diese Meinungsumfragen überhaupt re-

präsentativ sind, welchen Aussagenwert sie haben, ob sie tatsächlich das ,,Geschichts-

bewusstsein" der Bevölkerung zum jeweiligen Zeitpunkt erfassen und somit repräsen-

tieren etc.

5. Zutreffend bemängelt Hettling meines Erachtens des Weiteren an Wolfrums Studie,

dass dieser zwar den Anspruch erhebe, auf breiter Ebene den wechselseitig politischen

Meinungsbildungsprozess zu erforschen, das heisst, die geschichtspolitischen Aktivi-

täten der politischen Eliten und die Rezeption dieser Aktivitäten, mit wechselseitiger

Beeinflussung, nachzuvollziehen, seine Perspektive jedoch schlussendlich die der par-

teipolitischen Elite sei. Mit anderen Worten: seine Perspektive wäre dann keine ,,Ge-

schichte von unten" wie von ,,oben" mit einer wechselseitigen Beeinflussung, sondern

vor allem eine Rekonstruktion der ,,Geschichte von oben".

6. Kritisiert wird auch die ,,Banalisierung" des Diskursbegriffes bei Wolfrum: Diskurs

werde hier als die ,,

gängige, die Vorstellungen bestimmende Redeweisen

" operationa-


25

lisiert. Auch hier scheint mir die Kritik von Hettling an Wolfrum zutreffend zu sein.

Wenn man diesbezüglich vergleicht, was z. B. der französische Sozialphilosoph Mi-

chel Foucault mit seinem Diskursbegriff alles impliziert69, aber auch die neueren Dis-

kurstheorien und -analysen von deutschen Wissenschaftlern im Anschluss an Foucault

mitberücksichtigt, wie sie z. B. von Jürgen Link und Siegfried Jäger70 konzipiert wur-

den, dann scheint hier der Diskursbegriff bei Wolfrum tatsächlich gesellschaftspoli-

tisch verkürzt und unterkomplex zu sein.

7. Vor dem Hintergrund dieser Kritikpunkte kommt Hettling zum Schluss, dass Wolfrum

seinen Anspruch, einen Teilaspekt der Geschichtspolitik der Bundesrepublik Deutsch-

land zu rekonstruieren, nicht einlösen kann. Bei der Studie handle es sich weniger um

eine Rekonstruktion der Geschichtspolitik, sondern viel eher um eine Rekonstruktion

der ,,politischen Geschichte" des bundesdeutschen Nationalfeiertages. Um was es sich

hier nun wirklich handelt, ob eher um eine Rekonstruktion der Geschichtspolitik oder

eher um eine Rekonstruktion der politischen Geschichte, scheint mir eine Definitions-

frage zu sein, das heisst, wie Geschichtspolitik und politische Geschichte definiert und

operationalisiert werden und was somit alles unter den jeweiligen Begriff subsumiert

wird. So wie Wolfrum Geschichtspolitik definiert, gehört zur Geschichtspolitik eben

nicht nur die Rekonstruktion der partei- und gesellschaftspolitischen Deutungskonkur-

renz um geschichtliche Ereignisse, sondern eben auch eine umfassende und gründliche

Rekonstruktion des Geschichtsbewusstseins der Bevölkerung dazu, wie sich dieses im

Laufe der Zeit bildete und veränderte; durch welche Diskursformationen ein Ge-

schichtsbewusstsein gebildet wurde und wie dieses wiederum auf gesellschaftliche

und politische Eliten rückwirkte etc.

8. Der wesentliche Ertrag von Wolfrums Studie ist für Hettling somit die Rekonstruktion

der parteipolitischen Deutungskonkurrenz und die wechselseitige (und fortwährenden

Veränderungen unterworfen) Instrumentalisierung des 17. Juni 1953 von links bis

rechts.

68 ebd.

69 vgl. Foucault Michel, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 2003

70 vgl. Jäger Margarete/Jäger Siegfried, Deutungskämpfe. Theorie und Praxis kritischer Diskursanalyse, Wies-

baden 2007 und Jäger Siegfried, Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung, Duisburg 2001


26

3.2 Einlösung der Absichten des Autors

Wie bereits weiter oben im Kapitel 1.1 (Hauptfragestellung) dargelegt, geht es Wolfrum in

seiner Studie in erster Linie darum, zu rekonstruieren, über welche Phasen und öffentlichen

Kontroversen sich während der vierzigjährigen ,,alten" Bundesrepublik eine spezifische bun-

desrepublikanische Erinnerung oder eine bundesrepublikanische kollektive Identität bei der

Bevölkerung gebildet hat und mit welchen Geschichtsbildern (symbolisch-diskursiven Prakti-

ken) diese kollektive Identität ,,gespeist" wurde.71

Wie bereits weiter oben im Kapitel 3.1 (Auseinandersetzung mit den Rezensionen) im Zu-

sammenhang mit der Auseinandersetzung der Rezension von Manfred Hettling dargelegt,

werden die konkurrierenden symbolisch-diskursiven Praktiken der gesellschaftlichen und

politischen Eliten im Zusammenhang des 17. Juni 1953 sehr detailliert und ausführlich analy-

siert und aufgearbeitet. Das heisst: Der Kampf um die kulturelle Hegemonie im Kontext einer

gesamtdeutschen oder eher bundesrepublikanischen kollektiven Identität wird überzeugend

rekonstruiert. Die Rekonstruktion der kollektiven Identität, der bundesrepublikanischen Erin-

nerung, des Geschichtsbewusstseins der Bevölkerung wird jedoch nur rudimentär mit demo-

skopischem Material expliziert. Was genau die Menschen dachten, fühlten, wie sie Ereignisse

interpretierten, welche Handlungen daraus folgten, wie diese wiederum auf die gesellschaftli-

chen und politischen Eliten zurückwirkten etc., wird meines Erachtens zu wenig beschrieben

und mit empirischem Material zu verifizieren versucht.

3.3 Eigene Einschätzung über die Stärken und Schwächen des Buches

Eine der Stärken des Buches ist sicherlich die umfangreiche und beeindruckende Quellenbasis

(Literatur- und Quellenstudium, insbesondere die ausgewerteten Archivalien und Periodika).

Der Kampf um die kulturelle Hegemonie während der vierzigjährigen alten Bundesrepublik

im Zusammenhang gesamtdeutscher und bundesrepublikanischer Geschichtsbilder, hier ins-

besondere die Instrumentalisierung des 17. Juni 1953, wird meines Erachtens überzeugend

dargestellt. Das Buch von Wolfrum ist sicherlich eine sehr bedeutungsvolle Studie, um den

Begriff der Geschichtspolitik in der Geschichts- und Politikwissenschaft zu etablieren und die

Aufmerksamkeit auf eine Dimension zu lenken, um eindrucksvoll aufzuzeigen, wie Geschich-

71 vgl. Wolfrum Edgar, S. 2


27

te durch Politik instrumentalisiert wird, dass Geschichte ein Bestandteil des Kampfes um die

kulturelle Hegemonie ist, dass mit Geschichte Politik betrieben wird.

Wie bereits weiter oben unter Ziff. 3.1 und 3.2 diskutiert und dargelegt, besteht die Schwäche

des Buches vor allem darin, dass Wolfrum die subjektive Dimension der Geschichtspolitik

(Rezeption und Aneignung der symbolisch-diskursiven Konkurrenzkämpfe bei der Bevölke-

rung und ihre Wechselwirkung mit der gesellschaftlichen und politischen Elite) zu wenig ana-

lysiert und aufbereitet und somit vor allem ,,eine Geschichte von oben" rekonstruiert.

Die theoretischen Ausführungen des Buches finde ich nicht immer überzeugend. Hauptsäch-

lich bei den Passagen, bei denen der Autor verschiedenste geschichtstheoretische Analyseka-

tegorien wie Geschichtspolitik, Geschichtsbewusstsein, Geschichtskultur, Ritual, Mythos,

Diskurs etc. reflektiert sowie zu definieren und operationalisieren versucht. Auffällig wird

dies meines Erachtens insbesondere dort, wo Wolfrum die subjektive Dimension der Ge-

schichtspolitik zu erfassen versucht. In diesem Zusammenhang spricht er einmal von Ge-

schichtsbewusstsein, dann kollektiver Identität, dann wiederum von kollektivem Selbstver-

ständnis oder kollektiver Erinnerung. Meinen die vier Begriffe ,,kollektives Bewusstsein",

,,kollektive Identität", ,,kollektives Selbstverständnis" und ,,kollektive Erinnerung" alle das

Gleiche? Sind sie infolgedessen miteinander vereinbar oder kongruent? Meines Erachtens

hätte Wolfrum die subjektive Dimension der Geschichtspolitik viel stringenter theoretisch

reflektieren, definieren und operationalisieren müssen, um deutlich zu machen, wie diese sub-

jektive Dimension beschaffen und was genau darunter zu verstehen ist. Dies hätte den Vorteil

gehabt, dass er mit einer einheitlichen Begrifflichkeit die subjektive Dimension der Ge-

schichtspolitik in seiner Studie hätte behandeln können. Neben diesen vier Begriffen (Be-

wusstsein, Identität, Selbstverständnis und Erinnerung), die Wolfrum für die subjektive Seite

der Geschichtspolitik verwendet, wären meines Erachtens mindestens noch zwei weitere Beg-

riffe zur Disposition gestanden, die versuchen, die kollektive subjektive Dimension einer Ge-

schichtspolitik zu erfassen:

1. Habitus

Der Begriff des Habitus wurde in jüngster Zeit vor allem von den beiden Soziologen Norbert

Elias und Pierre Bourdieu72 in den Sozialwissenschaften verwendet. Norbert Elias versteht

72 vgl. Schwingel Markus, Pierre Bourdieu zur Einführung, Hamburg 2005


28

unter dem Begriff Habitus, respektive des sozialen Habitus die ,,

Gewohnheiten des Denkens,

Fühlens und Handelns, soweit sie den Mitgliedern einer Gruppe gemeinsam sind

"73

Da Elias den Habitusbegriff vielfach in historischen Untersuchungen verwendet hat, wie z. B.

in seinen Werken ,,Über den Prozess der Zivilisation"74, ,,Die höfische Gesellschaft"75 oder

,,Über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert"76,

wäre zu überprüfen, ob der Begriff des Habitus, so wie ihn Elias verwendet, nicht auch an-

schlussfähig wäre, um die subjektive Dimension einer Geschichtspolitik zu erfassen.

2. Mentalität

Ein weiterer Begriff, der mir erfolgsversprechend erscheint, um die subjektive Dimension

einer Geschichtspolitik zu erfassen, ist der der Mentalität, der insbesondere von der französi-

schen Schule der Annales (der Name geht zurück auf die 1929 gegründete Fachzeitschrift

Annales d′histoire économique et sociale

) entwickelt und verwendet wurde im Kontext einer

Mentalitätsgeschichte. Unter dem Konzept der Mentalitätsgeschichte wird Folgendes verstan-

den:

,,

Die Mentalitätsgeschichte konzentriert sich auf die bewussten und besonders die unbewuss-

ten Leitlinien, nach denen Menschen in epochentypischer Weise Vorstellungen entwickeln,

nach denen sie empfinden, nach denen sie handeln. Sie fragt nach dem sozialen Wissen be-

stimmter historischer Kollektive und untersucht den Wandel von Kognitionsweisen und Vor-

stellungswelten, die jeweils historisches Sein auf intersubjektiver Ebene prägen.

"77

Peter Dinzelbacher hat die historische Kategorie der Mentalität wie folgt definiert:

,,

Historische Mentalität ist das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfin-

dens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist. Mentalität mani-

festiert sich in Handlungen.

"78

73 vgl. Wikipedia - Die freie Enzyklopädie: Habitus (Soziologie),

http://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_(Soziologie) (Zugriff 31.07.2007)

74 vgl. Elias Norbert, Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen,

Frankfurt am Main 1997

75 vgl. Elias Norbert, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfi-

schen Aristokratie, Frankfurt am Main 2003

76 vgl. Elias Norbert, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahr-

hundert, Frankfurt am Main 2005

77 Dinzelbacher Peter, Zur Theorie und Praxis der Mentalitätsgeschichte, in: Dinzelbacher Peter (Hrsg.), Europä-

ische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart 1993, S. 15-37

78 ebd.


29

Anschliessend an diese Definition werden die einzelnen Begriffe dieser Definition (Ensemble,

Denkweise, Denkinhalte, Empfindungsweise, Empfindungsinhalte, Kollektiv etc.) von Din-

zelbacher stringent und präzise operationalisiert, damit sie in einer historisch empirischen

Forschung verwendbar sind.79


79 vgl. ebd.


30

Literatur

Dinzelbacher Peter, Zur Theorie und Praxis der Mentalitätsgeschichte, in: Dinzelbacher Peter

(Hrsg.), Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart

1993

Elias Norbert, Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und

20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2005

Elias Norbert, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und

der höfischen Aristokratie, Frankfurt am Main 2003

Elias Norbert, Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Un-

tersuchungen, Frankfurt am Main 1997

Foucault Michel, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 2003

Jäger Margarete/Jäger Siegfried, Deutungskämpfe. Theorie und Praxis kritischer Diskursana-

lyse, Wiesbaden 2007

Jäger Siegfried, Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung, Duisburg 2001

Schwingel Markus, Pierre Bourdieu zur Einführung, Hamburg 2005

Rezensionen:

Bergmann Werner: Rezension zu: Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik

Deutschland: Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999,

in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Vol. 49 (2001), S. 958-960

Eckert Rainer: Rezension zu: Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik

Deutschland: Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999,

in: Deutschland Archiv, Jg. 33 (2000), Nr. 6, S. 1016-1017

Hettling Manfred: Rezension zu: Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik

Deutschland: Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999,


31

http://hsozkult.geschichte.huberlin.de/rezensionen/id=201&count=59&recno=49&type= rez-

buecher&sort=datum&order=down&search=Geschichtspolitik+in+der+Bundesrepublik+

Deutschland (Zugriff: 05.07.2007)

Mayer Tilman: Rezension zu: Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik

Deutschland: Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999,

in: Politische Studien, Zweimonatsschrift für Politik und Zeitgeschehen, Jg. 52 (2001), Nr.

397, S. 108-109

Oexle Gerhard Otto: Rezension zu: Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik

Deutschland: Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999,

in: Historische Zeitschrift, Bd. 274 (2002), S. 534-536

Stickler Matthias: Rezension zu. Wolfrum Edgar, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik

Deutschland: Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999,

in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst, Archiv des historischen Vereins für

Unterfranken und Aschaffenburg, Jg. 52 (2000), S. 394-395



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