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Personenbezogenes Erinnerungsbewusstsein

Subtitle: Überprüfung der Figur/Grund Hypothese bei der Verarbeitung von Personeneigenschaften

Diploma Thesis, 2007, 115 Pages
Author: Dipl.-Psych. Frank Lafleur
Subject: Psychology - Cognition

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2007
Pages: 115
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 80  Entries
Language: German
Archive No.: V118571
ISBN (E-book): 978-3-640-21355-9

File size: 4365 KB

Abstract

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Figur/Grund Hypothese bei der Erinnerung von Personeneigenschaften anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße zu prüfen. Dazu werden insbesondere drei Elemente aus verschiedenen psychologischen Forschungsrichtungen miteinander in Beziehung gesetzt: Gestaltfaktoren aus der Wahrnehmungspsychologie, das Remember/Know Paradigma aus der Kognitiven Psychologie und der Bereich der sozialen Informationsverabeitung aus der Sozialpsychologie. In vielen Standardwerken der Wahrnehmungspsychologie st Edgar Rubins (1886-1951) bekanntes Gesicht-Vase Muster zu finden. Es zeigt in seinem Zentrum eine Vase, die von zwei einander zugewandten Gesichtsprofilen umgeben wird. Dabei treten je nach Aufmerksamkeitsfokussierung die Vase oder die Gesichter als Figur in den Vordergrund. Diese Darstellung wird oft verwendet, um die phänomenologischen Charakteristika und zugrundeliegenden Faktoren der Figur/Grund Trennung zu beschreiben. Die Forschung interessiert sich im Rahmen der Kognitiven Psychologie seit geraumer Zeit für die Erfassung von Bewusstseinszuständen, die Erinnerungen begleiten. Der Gedächtnispsychologe Endel Tulving führte im Jahre 1985 das Remember/Know Paradigma ein, nach dem zwei subjektiv verschiedene Erlebnisqualitäten im Moment des Erinnerns unterschieden werden: Erinnerungen können entweder von lebhaften, klaren und intensiven Gefühlen des Wiedererlebens begleitet werden (remember; „Erinnern“) oder mit weniger lebhaften Gefühlen im Zusammenhang stehen. Dieses Gefühl gleicht eher einer bloßen Vertrautheitsempfindung, die man beim Abruf von abstraktem Wissen wahrnimmt (know; „Wissen“). Wehr (2005) beschäftigte sich mit dem Erinnerungsbewusstsein bei sozialer Informationsverarbeitung und ging dabei der Frage nach, wie die Erinnerung an eine Person erlebt wird. In den Experimenten zum Erinnerungsbewusstsein bei schemageleiteter Verarbeitung von personalen Eigenschaften konnte Wehr (2005) zeigen, dass das Einnerungsbewusstsein nach Gesetzmäßigkeiten funktioniert, die den Organisationsprinzipien der Figur/Grund Trennung ähneln. Im Laufe der Zeit sind sogenannte Gestaltfaktoren formuliert worden, die für den strukturellen Wahrnehmungsprozesse der Figur/Grund Trennung von Bedeutung sind. Anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße soll in dieser Arbeit die Figur/Grund Hypothese bei der Erinnerung von Personeneigenschaften näher erforscht werden.


Fulltext (computer-generated)

Universität Trier ­ Fachbereich I: Psychologie

Personenbezogenes Erinnerungsbewusstsein:

Überprüfung der Figur/Grund Hypothese

bei der Verarbeitung von

Personeneigenschaften

Diplomarbeit

vorgelegt von

Frank Lafleur

Trier, im März 2007


Danksagung

An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die mir das ,,Projekt Diplomarbeit" ermöglicht

und erleichtert haben.

Dies ist zu aller erst Herr Dr. Thomas Wehr, dem ich für seine Unterstützung und Betreuung

in allen Phasen der Entstehung und Fertigstellung der Arbeit ganz besonders danke.

Herrn Prof. Dr. Werner Wippich möchte ich für die Übernahme der Zweitkorrektur danken.

Besonderer Dank gebührt meinen Eltern, die mir dieses Studium durch ihre Unterstützung

ermöglicht haben.

Oliver Klauk danke ich für eine schöne Trierer Zeit. Unsere vielen wertvollen Gespräche und

gemeinsamen Unternehmungen werden mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Vor allem

aber danke ich ihm für seine Freundschaft.

Daniela Oeffling, Michaela Hermes und Dorothee Mücken möchte ich von ganzem Herzen

für ihre Unterstützung und aufmunternde Art besonders in den heißen Phasen danken.

Zu guter Letzt möchte ich mich bei Petra Windthorst für das unermüdliche Korrekturlesen

bedanken.

Trier, im März 2007


Inhalt

1

Einleitung

1

1.1 Gegenstand und Zielsetzung

1

1.2 Überblick

2

2

Das Remember/Know Paradigma

3

2.1 Erinnerungsbewusstsein

3

2.2 Remember/Know Paradigma in der experimentellen Forschung

6

2.3 Empirische Befunde zum Erinnerungsbewusstsein

10

2.3.1 Effekte auf ,,Erinnern", nicht auf ,,Wissen"

10

2.3.2 Effekte auf ,,Wissen", nicht auf ,,Erinnern"

14

2.3.3 Gegenteilige Effekte

16

2.3.4 Paralleleffekte

18

2.3.5 Schemageleitete und soziale Informationsverarbeitung

19

2.4 Theorien zum Erinnerungsbewusstsein

22

2.4.1 Der Systemansatz

22

2.4.2 Der Prozessansatz

24

2.4.3 Der Distinctiveness/Fluency Ansatz

25

2.4.4 Die Signalentdeckungstheorie

27

2.4.5 Das Independence Remember/Know Modell

29

2.4.6 Zusammenfassung

30

3

Figur/Grund Trennung

31

3.1 Gestaltfaktoren

31

3.1.1 Klassische Gestaltfaktoren

34

3.1.1.1 Symmetrie

34


3.1.1.2 Orientierung

34

3.1.1.3 Bedeutung

35

3.1.1.4 Flächengröße

36

3.1.2 Neue Gestaltfaktoren

40

3.1.2.1 Watercolor effect

40

3.1.2.2 Lower region

44

3.1.2.3 Top-bottom polarity

46

3.2 Zusammenfassung

48

4

Eigene Untersuchung

49

4.1 Herleitung und Fragestellung

49

4.1.1 Wehr (2005); Experiment 1

50

4.1.2 Wehr (2005); Experiment 2

51

4.1.3 Wehr (2005); Experiment 3

53

4.1.4 Wehr (2005); Experiment 4

55

4.1.5 Eigenes Experiment

58

4.2 Hypothesen

60

4.2.1 Lernphase

60

4.2.2 Testphase

60

4.3 Methode

61

4.3.1 Probanden und Versuchsplan

61

4.3.2 Material

63

4.3.3 Durchführung

66

4.4 Ergebnisse

68

4.4.1 Befunde aus der Lernphase

68

4.4.2 Befunde aus der Testphase

72

4.4.2.1 Allgemeine Gedächtnisleistung

72


4.4.2.2 Reproduktionsleistung

74

4.4.2.3 Metakognitive Urteile

77

4.4.2.4 Quellengedächtnis

80

4.4.2.5 Falsch erinnerte Wörter

81

Diskussion

82

Literatur

87

Anhang 95


Einleitung

Seite 1

1 Einleitung

1.1 Gegenstand und Zielsetzung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Figur/Grund Hypothese bei der Erinnerung von

Personeneigenschaften anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße zu prüfen. Dazu werden

insbesondere drei Elemente aus verschiedenen psychologischen Forschungsrichtungen

miteinander in Beziehung gesetzt: Gestaltfaktoren aus der Wahrnehmungspsychologie, das

Remember/Know Paradigma aus der Kognitiven Psychologie und der Bereich der sozialen

Informationsverabeitung aus der Sozialpsychologie.

In vielen Standardwerken der Wahrnehmungs-

psychologie ist Edgar Rubins (1886-1951) bekanntes

Gesicht-Vase Muster zu finden. Es zeigt in seinem

Zentrum eine Vase, die von zwei einander zugewandten

Gesichtsprofilen umgeben wird. Dabei treten je nach

Aufmerksamkeitsfokussierung die Vase oder die

Gesichter als Figur in den Vordergrund. Diese

Darstellung

wird

oft

verwendet,

um

die

phänomenologischen Charakteristika und zugrunde-

Abbildung 1.1:

Reversibles Figur/

Grund Muster. Die Vase oder die

liegenden Faktoren der Figur/Grund Trennung zu

Gesichter werden zur Figur

gruppiert (Rubin, 1915).

beschreiben.

Die Forschung interessiert sich im Rahmen der Kognitiven Psychologie seit geraumer Zeit

für die Erfassung von Bewusstseinszuständen, die Erinnerungen begleiten. Der

Gedächtnispsychologe Endel Tulving führte im Jahre 1985 das Remember/Know Paradigma

ein, nach dem zwei subjektiv verschiedene Erlebnisqualitäten im Moment des Erinnerns

unterschieden werden: Erinnerungen können entweder von lebhaften, klaren und intensiven

Gefühlen des Wiedererlebens begleitet werden (

remember

; ,,Erinnern") oder mit weniger

lebhaften Gefühlen im Zusammenhang stehen. Dieses Gefühl gleicht eher einer bloßen

Vertrautheitsempfindung, die man beim Abruf von abstraktem Wissen wahrnimmt (

know

;

,,Wissen").

Wehr (2005) beschäftigte sich mit dem Erinnerungsbewusstsein bei sozialer

Informationsverarbeitung und ging dabei der Frage nach, wie die Erinnerung an eine Person

erlebt wird. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:


Einleitung

Seite 2

Wenn Sie gebeten würden, Ihren besten Freund zu beschreiben, würden Ihnen

wahrscheinlich spontan einige Eigenschaften einfallen, die ihn aus ihrer Sicht am

zutreffensten charakterisieren. Bei der Suche nach passenden Eigenschaften könnten Sie

einige Ereignisse zur Hilfe nehmen, die Sie gemeinsam erlebt haben. Sie könnten Ihren

Freund z.B. ,,sportlich" nennen, da sie häufig gemeinsam trainieren. Vielleicht erinnern Sie

sich auch an seine momentan konfliktreiche familiäre Lage und bezeichnen ihn als

,,belastbar", da er Ihnen erzählt hat, wie gut er mit der Situation zurecht kommt. Während

der Beschreibung dieser Eigenschaften haben Sie vielleicht das Gefühl, diese Erinnerungen

klar und lebhaft zu erinnern (,,remember"). Darüber hinaus fallen Ihnen noch ,,tolerant" und

,,verträumt" als zutreffende Beschreibung ein. Diese Eigenschaften kommen Ihnen weniger

spontan in den Sinn und erscheinen Ihnen eher diffus und kontextlos (,,know").

In den Experimenten zum Erinnerungsbewusstsein bei schemageleiteter Verarbeitung von

personalen Eigenschaften konnte Wehr (2005) zeigen, dass das Einnerungsbewusstsein nach

Gesetzmäßigkeiten funktioniert, die den Organisationsprinzipien der Figur/Grund

Trennung ähneln. Im Laufe der Zeit sind sogenannte Gestaltfaktoren formuliert worden, die

für den strukturellen Wahrnehmungsprozesse der Figur/Grund Trennung von Bedeutung

sind. Anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße soll in dieser Arbeit die Figur/Grund

Hypothese bei der Erinnerung von Personeneigenschaften näher erforscht werden.

1.2 Überblick

Kapitel 2 beginnt mit einer allgemeinen Einführung in das Remember/Know Paradigma

(2.1). Dann wird ein Überblick über die Geschichte der Forschung zu ,,Erinnern" und

,,Wissen" gegeben (2.2) und im Anschluss wichtige Befunde dazu referiert (2.3). Zum Ende

des Kapitels werden einige Theorien zum Erinnerungsbewusstsein vorgestellt (2.4).

In Kapitel 3 wird zunächst eine Einführung in die Figur/Grund Thematik gegeben (3.1)

und anschließend einige klassische Gestaltfaktoren (3.2) und neue Gestaltfaktoren (3.3)

beschrieben.

In Kapitel 4 werden verschiedene Studien von Wehr (2005) zum Erinnerungsbewusstsein

bei Personeneigenschaften zusammenfassend dargestellt (4.1) und die Hypothesen zur

eigenen Untersuchung beschrieben (4.3). Im weiteren Verlauf des Kapitels folgt die

Darstellung der Methode (4.4) und der Ergebnisse (4.5).

Die Ergebnisse werden abschließend in der Diskussion (5) interpretiert und diskutiert.


Das Remember/Know Paradigma

Seite 3

2 Das Remember/Know Paradigma

2.1 Erinnerungsbewusstsein

Seit langer Zeit beschäftigten sich Menschen mit dem, was heute in der wissenschaftlichen

Psychologie Bewusstsein genannt wird. Schriftsteller, Philosophen, Mediziner und Vertreter

anderer Disziplinen setzten sich mit diesem Thema intensiv, wenn auch häufig nur

spekulativ auseinander. Vieles bestand aus ,,

epistemological, metaphysical, and existential

"

(Dodwell, 1975) Gedankenspielen, die den Bezug zu empirischen Fakten und Erkenntnissen

vermissen ließen. Ein solcher empirischer Fokus, mit Hilfe dessen die Strukturen bewusster

Erfahrungen genauer untersucht werden sollten, wurde von Tulving (1985) durch

Verwendung eines neuen Paradigmas ermöglicht: Das Remember/Know Paradigma.

Konkret geht es hierbei um die Erforschung des sogenannten Erinnerungsbewusstseins

(

recollective experience

oder

retrieval experience

). Erinnerungsbewusstsein beschreibt das

Gewahrsein eines Erinnerungsabrufs (Wehr, 2005) oder anders: die bewusste subjektive

Erlebnisqualität im Moment des Erinnerns.

Wehr (2005) stützt sich auf Beschreibungen der Hauptvertreter des Remember/Know

Paradigmas (Gardiner, 1988; Rajaram, 1993, 1999; Tulving, 1985) und definiert beide

distinkte Bewusstseinszustände dieses Paradigmas wie folgt:

,,Erinnern"

(

remember

)

korrespondiert mit einem subjektiven Gefühl des Wiedererlebens

von bestimmten Ereignissen aus der Vergangenheit und kennzeichnet eine lebhafte, klare

und intensive Erinnerung. Die Umstände des Ereignisses, wie zum Beispiel die räumlich-

zeitliche Identifizierung sowie Gedanken, Geräusche oder Gerüche, die das Ereignis

begleitet haben, können detailliert nacherlebt und erinnert werden.

,,Wissen"

(

know

)

meint den Zustand des Erinnerns ohne lebhaftes Wiedererleben, also das

Gewahrsein bestimmter Ereignisse aus der Vergangenheit mehr als Fakten, denn als

persönlich erlebte Erfahrungen. Die Umstände des Ereignisses werden nicht erinnert. Die

Qualität der Erinnerung entspricht dem Vertrautheitsgefühl, das man beim Abruf von

abstraktem Wissen empfindet.

In der englischsprachigen Literatur sind oft alternative Begriffsbezeichnungen für

remember

oder

know

anzutreffen, in der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe jedoch

stringent in der exakten Übersetzung ,,Erinnern" und ,,Wissen" verwendet. Um


Das Remember/Know Paradigma

Seite 4

Verwechslungen mit dem im allgemein deutschen Sprachgebrauch üblichen Erinnern1 zu

vermeiden, werden bei Verwendung der Begriffe ,,Erinnern" und ,,Wissen" im Sinne der

Definition Wehrs (Wehr, 2005) diese stets in Anführungszeichen gesetzt.

In experimentellen Untersuchungen werden meist Rekognitionstests zur Erforschung des

Remember/Know Paradigmas eingesetzt (Gardiner & Richardson-Klavehn, 2000). Die

Standardprozedur dieser Testform besteht aus zwei Phasen: In der ersten Phase, der

Lernphase, wird den Versuchspersonen eine Liste von Items präsentiert, die gelernt werden

soll. In der zweiten Phase, der Testphase, wird ihnen eine längere Liste von Items vorgelegt,

die aus Originalitems (

target items

) und Distraktoritems (

distractor items

), also Items, die in

der Liste der Testphase nicht vorhanden waren, besteht. Lernphase und Testphase werden

häufig durch eine Distraktorphase, durch die eine kognitive Auseinandersetzung mit dem

Material der Testphase verhindert werden soll, getrennt. Die Versuchspersonen werden nun

gebeten eine ,,Ja"-Antwort für diejenigen Items abzugeben, von denen sie glauben, dass sie

in der Liste der Testphase vorhanden waren (,,ALT"-Entscheidung). Eine ,,Nein"-Antwort

sollen sie für solche Items abgeben, von denen sie glauben, dass sie in der Liste der

Testphase nicht vorhanden waren (,,NEU"-Entscheidung). Diese Entscheidung kann korrekt

(Treffer) oder inkorrekt (falscher Alarm) sein. Trifft die Versuchsperson nun eine ,,ALT"-

Entscheidung, soll sie in einem zweiten Schritt den Abruf der Gedächtnisinformation

begleitenden Bewusstseinszustand (,,erinnern" oder ,,wissen") angeben. Weitere Variationen

und alternative Testmöglichkeiten zur Erforschung des Paradigmas lassen sich in der

Literatur finden (z.B. Java, 1994; Lindsay & Kelly, 1996; Mäntylä, 1994; Rajaram & Hamilton,

2003; Tulving, 1985). Um Zuordnungsfehler der Bewussteinszustände zu vermeiden, werden

die Instruktionen zur Unterscheidung zwischen ,,Erinnern" und ,,Wissen" schriftlich

gegeben und mit den Versuchspersonen besprochen. Im Anschluss werden sie aufgefordert,

die Unterscheidung in eigenen Worten wiederzugeben, um letzte Unklarheiten festzustellen

und zu beseitigen. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, die Fehlervarianz zu reduzieren.

Die Beschreibung der Standardprozedur lässt auf den ersten Blick eine Nähe zur

klassischen Methode der Introspektion vermuten: Die Versuchspersonen werden gebeten,

das, was in ihrem Bewusstsein aufgrund von kontrollierter Simulation vorgeht, bewusst zu

1 er|in|nern [mhd. (er)innern, ahd. innarn = machen, dass jemand einer Sache innewird, zu ahd.

innaro = inwendig]: 1. im Gedächtnis bewahrt haben und sich dessen wieder bewusst werden; 2. a)

die Erinnerung an jemanden, etwas bei jemanden wachrufen; wieder ins Bewusstsein rufen; b)

veranlassen, an etwas zu denken, jemanden, etwas nicht zu vergessen; c) durch seine Ähnlichkeit ins

Bewusstsein bringen; 3. (veraltend) vorbringen, zu bedenken geben (Auberle, 2006).


Das Remember/Know Paradigma

Seite 5

betrachten und verbal wieder zu geben. Von diesen Beschreibungen werden

Verbatimprotokolle angefertigt und anschließend analysiert und kategorisiert, mit dem Ziel,

Anzahl und Arten der Elemente im Bewusstsein zu bestimmen. Der Verwendung des

Remember/Know Paradigmas unterscheidet sich jedoch von der klassischen Methode der

Introspektion: Die Versuchspersonen werden gebeten zwischen zwei mentalen Zuständen

zu unterscheiden ohne dabei detailgenau auf die Inhalte einzugehen und diese zu

verbalisieren. Damit ist es möglich, qualitative Erfahrung zu quantifizieren.

Werden zwei oder mehrere zugrundeliegende Bewusstseinsprozesse angenommen, die

einen Effekt erklären sollen, sind grundsätzlich drei Beziehungen (Abbildung 2.1) möglich,

die in folgenden Modellen ausgedrückt werden können (Jacoby, Yonelinas & Jennings, 1997):

Erstens ein Unabhängigkeits-Modell (

independence

), innerhalb dessen angenommen wird,

dass verschiedene Prozesse getrennt voneinander wirksam werden können. Bewusstsein

und Unterbewusstsein können zusammen oder einzeln einen Einfluss ausüben. Zweitens ein

Exklusivitäts-Modell (

exclusivity

), in dem sich die Prozessabläufe gegenseitig ausschließen,

die Wirkung also auf jeweils genau einen Prozess zurückgeführt werden kann. Ein Effekt

zeigt sich ohne gemeinsame Anteile aufgrund des Bewussteins

oder

des Unterbewusstseins.

Drittens ein Redundanz-Modell (

redundancy

), in dem das Ergebnis nur durch einen Prozess

beeinflusst werden kann, wenn auch der andere Prozess wirksam ist. Ein Prozess A kann

dabei weniger, gleich und mehr Einfluss als ein Prozess B haben. Bewusstsein wird hier als

Teilmenge des Unterbewussten interpretiert.

Da es sich innerhalb des Remember/Know Paradigmas um zwei distinkt erlebte

Bewusstseinszustände der Erinnerung handelt, erscheint das Exklusivitäts-Modell am

ehesten mit dem Verständnis dieses Ansatz vereinbar. Personen erfahren eine Erinnerung

entweder lebhaft, klar und detailreich (,,remember")) oder weniger lebhaft, diffus und

detailliert im Sinne eines bloßen Vertrautheitsempfindens (,,know").

(a) Unabhängigkeits-Modell (b) Exklusivitäts-Modell (c) Redundanz-Modell

U

B

U

B

U B

Abbildung 2.1:

Darstellung von drei möglichen Relationen zwischen Unterbewusstsein (U) und

Bewusstsein (B).


Das Remember/Know Paradigma

Seite 6

2.2 Remember/Know Paradigma in der experimentel en Forschung

Mit ,,

Of all the mysteries of nature, none is greater than human consciousness

" (Tulving, 1985, p.

1) begann Tulving im Jahre 1985 seinen Artikel ,,

Memory and Conciousness

" und führte ein

neues Paradigma des Erinnerungsbewusstseins ein. Zunächst ging er von verschiedenen

hierarchisch angeordneten Gedächtnissystemen aus: Prozedurales, semantisches und

episodisches Gedächtnissystem. Das prozedurale Gedächtnis beinhaltet die Erinnerung

daran,

wie man Dinge tut

und wird verwendet, um Fertigkeiten zu erwerben, abzuspeichern

und bei Bedarf anzuwenden (Tulving, 1983). Dieses Gedächtnis wird durch anoetisches

(nicht erkennendes) Bewusstsein ausgedrückt, was die Fähigkeit beschreibt, externe und

interne Reizveränderungen wahrzunehmen. Das semantische Gedächtnis enthält das

symbolisch repräsentierte Wissen einer Person über die Welt und steht im Zusammenhang

mit noetischem (wissenden) Bewusstsein. Noetisches Bewusstsein stellt die Fähigkeit dar,

Bewusstsein über Objekte, Situationen und deren Bezug zueinander zu bekommen, auch

wenn diese nicht unmittelbar wahrnehmbar sind. Das episodische Gedächtnis vermittelt die

Erinnerung an persönlich erlebte Ereignisse und wird dem autonoetischen (selbst-

wissenden) Bewusstsein zugeordnet. Autonoetisches Bewusstsein drückt die Erfahrung aus,

Bewusstsein über persönliche Lebensgeschichte (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) zu

erlangen (siehe Tabelle 2.1). Nach Tulving (1985) sollte der Abruf aus dem episodischen

Gedächtnis mit dem Bewusstseinszustand ,,erinnern" und der Abruf aus dem semantischen

oder prozeduralen Gedächtnis mit dem Bewusstseinszustand ,,wissen" einhergehen.

Tabelle 2.1

Gedächtnissysteme und Bewusstseinsebenen nach Tulving (1985).

Gedächtnissystem

Bewusstsein

Episodisches Gedächtnis

Autonoetisches Bewusstsein

Semantisches Gedächtnis

Noetisches Bewusstsein

Prozedurales Gedächtnis

Anoetisches Bewusstsein

Erste Wege, autonoetisches Bewusstsein messbar zu machen schlug, Tulving (1985) selbst

vor: Nachdem Versuchpersonen ein zuvor gelerntes Item aus ihrem Gedächtnis abgerufen

oder wiedererkannt hatten, sollten sie entscheiden, ob sie das Item ,,erinnert" oder


Das Remember/Know Paradigma

Seite 7

,,gewusst" hatten. Die Rate der ,,erinnert"-Urteile sollte autonoetisches Bewusstsein

dokumentieren.

In einem ersten Experiment benutze er drei unterschiedliche Testformate, um die

Verfügbarkeit von semantischen Hinweisreizen und episodischen Spureninformationen zu

manipulieren: Ein

Free-Recall Test

, in dem die Versuchspersonen gebeten wurden, so viel wie

möglich zu erinnern; ein

Category-Recall

Test, in dem die Oberbegriffe der Kategorien der zu

erinnernden Wörter vorgegeben wurden (z.B.

musical instrument

­ VIOLA), und ein

Letter-

Recall

Test, in dem zusätzlich zu den Oberbegriffen der Kategorien der Anfangbuchstabe des

zu erinnernden Wortes vorgeben wurde. Im Free-Recall Test sollte ein erfolgreicher Abruf

von episodischen Spureninformationen abhängen, die sich in einer hohen Rate der

,,erinnert"-Urteile ausdrücken sollte. In den anderen Testformaten sollte die Verfügbarkeit

von semantischen Hinweisreizen zunehmen und sich somit die Zahl der ,,erinnert"-Urteile

verringern2. Die Ergebnisse bestätigten diese Annahmen: Die Rate der ,,erinnert"-Urteile

stieg mit abnehmender Verfügbarkeit von semantischen Hinweisreizen. In einem zweiten

Experiment erweiterte er die Versuchsanordnung um ein siebentägiges Retentionsintervall.

Die Zahl der ,,erinnert"-Urteile verringerte sich innerhalb dieses Zeitraums. Der

Gedächtnisabruf naher Ereignisse sollte somit, so die Interpretation Tulvings, eher von

autonoetischem Bewusstsein begleitet werden, als zeitlich länger zurückliegende. Über eine

möglicherweise veränderte Rate der ,,gewusst"-Urteile wurden keine Angaben gemacht.

Gardiner (1988) interessierte sich einige Jahre später für die funktionellen

Zusammenhänge zwischen episodischen Gedächtnisphänomenen und Erinnerungs-

bewusstsein. Er legte seinen experimentellen Fokus im Unterschied zu Tulving, der die

Abrufbedingung variierte, auf die Enkodiersituation. In einem ersten Experiment

präsentierte er seinen Versuchspersonen Wortlisten, die entweder auf phonetischer Stufe

oder semantischer Stufe verarbeitet werden sollten (siehe 2.3.1). Es zeigte sich, dass der

Effekt der Verarbeitungstiefe (

level of processing

) sowohl in einer veränderten allgemeinen

Wiedererkennungsrate als auch in einer unterschiedlichen Rate der ,,erinnert"-Urteile zu

finden war. Die Wörter der höheren Verarbeitungstiefe wurden eher ,,erinnert" als die

Wörter der niedrigen Verarbeitungstiefe. ,,Gewusst"-Urteile wurden durch die Variation

nicht beeinflusst. In einem weiteren Experiment sollte eine Wortliste bearbeitet werden,

indem entweder Wörter generiert oder einfach gelesen wurden (siehe 2.3.1). Die Wörter in

2 Zu den Grundlagen dieser Überlegungen siehe auch Tulvings (1982)

synergistic ecphory model of recall
and recognition.


Das Remember/Know Paradigma

Seite 8

der Generierungsbedingung wurden eher wiedererkannt und häufiger mit einem ,,erinnert"-

Urteil versehen, als die Wörter der Bedingung, in der die Wörter gelesen wurden.

,,Gewusst"-Urteile wurden von dieser Manipulation der Enkodierbedingung wiederum

nicht beeinflusst. Gardiner ordnete seine Befunde zwei zugrundeliegenden Prozessen zu,

wonach ,,erinnern" Ausdruck einer konzeptgesteuerten Verarbeitung sei und die elaborierte

Komponente widerspiegele und ,,wissen" Ausdruck datengetriebener Verarbeitung sei und

die stimulusintegrative Komponente darstelle. ,,Wissen" könne vom systemtheoretischen

Blickwinkel aus betrachtet ebenso eine Form des prozeduralen Gedächtnissystems

beschreiben oder aber Primingprozesse im semantischen Gedächtnissystem widerspiegeln.

Im Jahre 1993 führte Rajaram weitere Experimente zum Remember/Know Paradigma

durch und untersuchte Effekte der Verarbeitungstiefe, der Bildüberlegenheit und des

perzeptuellen Primings. Die Befunde zeigten sowohl entgegengesetzte Wirkrichtungen der

verschiedenen Variablen auf ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteile als auch unterschiedliche

Effekte (siehe 2.3). Rajaram interpretierte ihre Ergebnisse im Sinne dualer Prozesstheorien

(z.B. Jacoby, 1983a, 1983b; Jacoby & Dallas, 1981; Mandler, 1980), die integrative Prozesse mit

Gedächtnisleistungen impliziter Tests und elaborierte Prozesse mit Gedächtnisleistungen

expliziter Tests in Zusammenhang bringen. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass

innerhalb des Remember/Know Paradigmas ,,erinnert"-Urteile eher Effekte konzeptuellen

Stimulusmaterials, das in expliziten Gedächtnistests eingesetzt wird, und ,,gewusst"-Urteile

eher Effekte perzeptuellen Stimulusmaterials, das in impliziten Gedächtnistests verwendet

wird, reflektierten. Rajaram (1993) folgerte, dass ,,erinnert"-Urteile selektiv durch

konzeptuelle Prozesse und ,,gewusst"-Urteile durch perzeptuelle Prozesse beeinflusst

werden.

Wenig später konnte Rajaram (1996) Effekte perzeptueller Variablen auf ,,erinnert"-Urteile

nachweisen, was sie zu einer Revision ihrer zuvor postulierten Annahmen veranlasste. In

einem ersten Experiment wurden den Versuchspersonen Bilder und Wörter präsentiert und

darauf in einem Rekognitionstest in Wortform erneut vorgelegt. Es wurden mehr ,,erinnert"-

Urteile abgegeben, wenn das Stimulusformat in Lern- und Testphase übereinstimmte

(Bild ­ Bild), als wenn sich das Format unterschied (Wort ­ Bild). In Experiment 2 wurde die

perzeptuelle Ähnlichkeit zwischen Test- und Lernphase durch gleiche oder veränderte

Bildgröße von Strichzeichnungen manipuliert. Die Rate der ,,erinnert"-Urteile fiel höher aus,

wenn die Größe der Strichzeichnungen übereinstimmte, als wenn die Größe der

Strichzeichnungen variiert worden war. In Experiment 3 wurde die perzeptuelle Ähnlichkeit


Das Remember/Know Paradigma

Seite 9

verändert, indem die links-rechts Orientierung der Objekte entweder gleich gehalten oder

verändert wurde. Bei gleicher Orientierung der Objekte in Lern- und Testphase wurden

mehr ,,erinnert"-Urteile abgegeben, als wenn die Orientierung gewechselt wurde. Diese

Ergebnisse veranlassten Rajaram (1996) den Distinctiveness/Fluency Ansatz (siehe 2.4.3) zu

formulieren. Danach wird ,,Erinnern" selektiv durch distinkte Merkmale des

Stimmulusmaterials beeinflusst und ,,Wissen" selektiv durch Flüssigkeit der Verarbeitung,

und zwar unabhängig davon, ob die Verarbeitungsprozesse durch konzeptuelle oder

perzeptuelle Variablen initiiert wurden.

Noch im gleichen Jahr publizierte Donaldson (1996) ein weiteres Modell, das auf

signalentdeckungstheoretischen Überlegungen aufbaute und die gefunden Dissoziationen in

den abgegebenen ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteilen erklären sollte. Er nahm an, dass

Versuchpersonen auf dem Kontinuum einer Gedächtnisspur zwei Kriterien setzten: Ein

,,Ja/Nein" Kriterium und ein ,,erinnert"/,,gewusst" Kriterium, dass die ,,Ja"-Entscheidung

noch einmal unterteilt. Weitere Erklärungsmodelle folgten: z.B. Independence

Remember/Know Modell (Jacoby et al., 1997), Zwei-Prozessvariante der Signalentdeckungs-

theorie (Yonelinas, 2001) und das Summen/Differenz Modell (

sum­difference theory of

remembering and knowing;

STREAK) (Rotello, Macmillan & Reeder, 2004).


Das Remember/Know Paradigma

Seite 10

2.3 Empirische Befunde zum Erinnerungsbewusstsein

Im Folgenden werden empirische Befunde zum Remember/Know Paradigma vorgestellt.

Die Zusammenstellung der Befunde erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es werden

Befunde referiert, die zum theoretischen Verständnis des Remember/Know unentbehrlich

erscheinen und als empirisch gut abgesichert gelten. Die Befunde werden in vier Kategorien

zusammengefasst, die die Wirkungsrichtung der Effekte auf ,,erinnert"- und ,,gewusst"-

Urteile beschreiben: Effekte auf ,,Erinnern" nicht auf ,,Wissen" (2.3.1), Effekte auf ,,Wissen"

nicht auf ,,Erinnern" (2.3.2), Gegenteilige Effekte (2.3.3) Paralleleffekte (2.3.4). Anschließend

werden Befunde schemageleiteter und sozialer Informationsverarbeitung vorgestellt.

Überblicksartig sind einige Untersuchungen in Tabelle 2.2 dargestellt.

Tabelle 2.2

Übersicht zur Befundlage des Remember/Know Paradigmas.

Effekt

Art der Manipulation

Quelle

Effekte auf ,,Erinnern",

Verarbeitungstiefe

Gardiner (1988)

nicht auf ,,Wissen"

Generierungseffekt

Gardiner (1988)

Wortfrequenz

Gardiner & Java (1990)

Aufmerksamkeit

Gardiner & Parkin (1990)

Serielle Position

Jones & Roediger (1995)

Homografen und Orthografen

Rajaram (1998)

Kontextwechsel

Macken (2002)

Geschlechterdifferenzen

Larsson et al. (2003)

Effekte auf ,,Wissen",

Perzeptuelles Wiederholungspriming

Rajaram (1993)

nicht auf ,,Erinnern"

Konzeptuelles Wiederholungspriming

Rajaram & Geraci (2000)

Gegenteilige Effekte

Nichtwort/Wort

Gardiner & Java (1990)

Bildüberlegenheitseffekt

Rajaram (1993)

Beurteilung von Gesichtern

Mäntylä (1997)

Raumschemata

Lampinen et al. (1998)

Handlungsscripts

Neuschatz et al. (2002)

Typizität von Gesichtern

Brandt et al. (2003)

Typografie und Farbe

Wehr & Wippich (2004)

Paralleleffekte

Melodien

Gardiner et al. (1996)

aus Wehr (2005)

2.3.1 Effekte auf ,,Erinnern", nicht auf ,,Wissen"

Verarbeitungstiefe (level of processing) -

Gardiner (1988: Exp. 1) variierte die Verarbeitungs-

tiefe, indem die Versuchspersonen zu den zu lernenden Wortlisten in der Bedingung ,,hohe


Das Remember/Know Paradigma

Seite 11

Verarbeitungstiefe" semantische Assoziationen und in der Bedingung ,,niedrige

Verarbeitungsbedingung" Reime zu den einzelnen Wörtern finden sollten. In der

anschließenden Testphase sollten sie die zuvor bearbeiteten Wörter identifizieren und jedes

Wort mit dem metakognitiven Urteil ,,erinnert" oder ,,gewusst" versehen. Die Wörter der

Bedingung ,,hohe Verarbeitungstiefe" wurden häufiger richtig wiedererkannt und zudem

häufiger mit einem ,,erinnert"-Urteil versehen. Auf ,,gewusst"-Urteile hatte die Variation der

Bedingungen keinen Einfluss, d.h. in beiden Bedingungen wurden gleich viele Wörter

,,gewusst".

Generierungseffekt (generation effect) -

Gardiner (1988: Exp. 2) legte seinen Versuchspersonen

in der Lernphase eine Liste mit antonymen Wortpaarungen vor, zu denen in der Bedingung

,,Generierung" jeweils ein Gegenwort entwickelt wurde und in der Bedingung ,,Lesen" die

Wortpaarungen gelesen wurden. In der Bedingung ,,Generierung" wurden, wie erwartet,

mehr Wörter richtig wiedererkannt als in der Bedingung ,,Lesen". Zudem wurden für die

Wörter der ersten Bedingung mehr ,,erinnert"-Urteile abgegeben als in der zweiten

Bedingung. Auf die ,,gewusst"-Urteile schien der Generierungseffekt keinen Einfluss

auszuüben, was in einer für beide Bedingungen gleichen Erinnerungsrate abgelesen werden

konnte.

Eine von Rajaram (1993: Exp. 1) durchgeführte Replikation des Experiments 1 von

Gardiner (1988) zeigte ebenso einen Rückgang der ,,erinnert"-Urteile unter der Bedingung

,,niedrige Verarbeitungstiefe". Bezüglich der ,,gewusst"-Urteile konnte jedoch im Gegensatz

zu Gardiner ein leichter Zuwachs unter der Bedingung ,,niedrige Verarbeitungstiefe"

verzeichnet werden.

Gardiner , Java & Richardson-Klavehn (1996) unterzogen sechs Untersuchungen zur

Verarbeitungstiefe (Gardiner, 1988; Gregg & Gardiner, 1994; Perfect, Williams & Anderton-

Brown, 1995; Rajaram, 1993) einer erneuten Analyse. Auf den ersten Blick schienen die Daten

einen umgekehrten Effekt der Verarbeitungstiefe für ,,gewusst"-Urteile zu belegen:

,,gewusst"-Urteile waren in den meisten von Gardiner et al. (1996) referierten Studien in der

Bedingung ,,niedrige Verarbeitungstiefe" häufiger zu finden als in der Bedingung ,,hohe

Verarbeitungstiefe", wenn auch nicht immer signifikant. Wurden jedoch von der Treffer-

Rate der ,,gewusst"-Urteile die falschen Alarme abgezogen, waren in diesen Studien keine

Unterschiede in den verschiedenen Stufen der Verarbeitungstiefe zu finden. In weiteren

Studien belegten die Autoren, dass die ,,gewusst"-Kategorie von der Variation der

Verarbeitungstiefe unberührt bleibt, wenn zusätzlich eine Kategorie ,,raten" (

guessing

)


Das Remember/Know Paradigma

Seite 12

eingeführt wird. Mit Hinzunahme der ,,geraten"-Kategorie sollte verhindert werden, dass

bei unsicheren Urteilen fälschlicherweise ,,erinnert"- oder ,,gewusst"-Urteile (meist

,,gewusst"-Urteile) vergeben wurden. Zusammenfassend zeigte sich in allen Studien ein

deutlicher Effekt der Verarbeitungstiefe auf ,,erinnert"-Urteile, die in der hohen

Verarbeitungsstufe häufiger wiedergegeben wurden, und keinerlei Beeinflussung der

,,gewusst"-Urteile in den verschieden Bedingungen.

Wortfrequenz (word frequency) ­

Gardiner und Java (1990) verglichen die

Erinnerungsleistung von Wörtern, die im Sprachgebrauch eher selten zu finden waren,

(niedrige Wortfrequenz) mit Wörtern, die häufig benutzt wurden (hohe Wortfrequenz). Die

niedrigfrequenten Wörter wurden zahlreicher wiedererkannt als die hochfrequenten Wörter

und gleichzeitig eher ,,erinnert". Die Rate der ,,gewusst"-Urteile unterschied sich zwischen

den Bedingungen nicht.

Aufmerksamkeit (attention) ­

Gardiner und Parkin (1990) führten eine Untersuchung durch,

in der sich die Versuchpersonen in der Bedingung ,,ungeteilte Aufmerksamkeit" eine

Wortliste aneignen sollten und in einer zweiten Bedingung ,,geteilte Aufmerksamkeit"

zusätzlich die Höhe (hoch, mittel, tief) eines Tones angeben sollten, der zeitgleich mit dem

zu lernenden Material präsentiert wurde. Das Ergebnis dieser Untersuchung zeigte einen

Effekt der Aufmerksamkeitvariation auf die ,,erinnert"-Urteile, die in der Bedingung

,,ungeteilte Aufmerksamkeit" vermehrt zu finden waren. ,,Gewusst"-Urteile blieben in

beiden Bedingungen unbeeinflusst.

Serielle Position (serial position effect) ­

Jones und Roediger (1995) führten Untersuchungen

über den Zusammenhang zwischen serieller Position eines zu erinnernden Wortes innerhalb

einer Wortliste und dem Bewusstseinsstatus ,,erinnert" und ,,gewusst" durch. Der Effekt der

seriellen Position spiegelte sich nur in den ,,erinnert"-Urteilen wider und konnte für die

,,gewusst"-Urteile generell nicht nachgewiesen werden, d.h. die Wörter zu Beginn und zum

Ende der Liste wurden eher ,,erinnert", als diejenigen Wörter, die sich in der mittleren

Position befanden (Primacy- und Recency-Effekt).

Homografen und Orthografen (homographs and orthographs)

­ Rajaram (1998) untersuchte die

Effekte von konzeptueller Salienz und perzeptueller Distinktheit auf das

Erinnerungsbewusstsein. In einem ersten Experiment präsentierte sie in der Lernphase

Homografen (

bank

) entweder in einer dominanten Wortkombination (

money

-BANK) oder in

einer nicht-dominanten Wortkombination (

river

-BANK). Es wurde erwartet, dass die


Das Remember/Know Paradigma

Seite 13

dominante Wortkombination eher konzeptuell salient wird, d.h. eher aus dem Kontext der

anderen Wörter hervortritt, als die nicht-dominante Wortkombination. Dabei sollten im

Rahmen des Distinctiveness/Fluency Ansatzes die ,,erinnert"-Urteile in der Bedingung

,,dominante Wortkombination" zunehmen. Die Ergebnisse (Abbildung 2.2a) zeigen eine

höhere Wiedererkennungsleistung (W.erk) für die Wörter aus der Bedingung ,,dominante

Wortkombination". Gleichzeitig wurden diese eher ,,erinnert". Für die ,,gewusst"-Urteile

konnte kein signifikanter Unterschied festgestellt werden.

Um eine Manipulation der perzeptuellen Verarbeitung vorzunehmen, legte Rajaram in

einem zweiten Experiment Versuchpersonen orthografisch vertraute (

sailboat

) und

orthografisch distinkte (

subpoena

) Wörter vor. Die Ergebnisse der Testphase (Abbildung 2.2b)

zeigten einen Anstieg der Rate der ,,erinnert"-Urteile in der Bedingung ,,orthografisch

distinkte Wörter" gegenüber der Bedingung ,,orthografisch vertraute Wörter". Auch hier

konnten keine signifikanten Unterschiede in den ,,gewusst"-Urteilen gefunden werden.

(a) Homografen (b) Orthografen

1

dominante Bedeutung

1

distinkte Erscheinung

0,9

nicht-dominante Bedeutung

)

0,9

vertraute Erscheinung

)

0,8

0,8

0,7

0,7

0,6

0,6

0,5

0,5

a
h
r
s
c
h
e
i
n
l
i
c
h
k
e
i
t
e
n

(
%

0,4

a
h
r
s
c
h
e
i
n
l
i
c
h
k
e
i
t
e
n

(
%

0,4

o
r
t
w

0,3

o
r
t
w

0,3

n
t
w

n
t
w

0,2

0,2

0,1

i
t
t
l
e
r
e

A

0,1

i
t
t
l
e
r
e

A

m

m

0

0

W.erk

"erinnert"

"gewusst"

W.erk

"erinnert"

"gewusst"

Abbildung 2.2:

Diagramm (a) zeigt die Verteilung der Wiedererkennensleistung (W.erk) und

der ,,erinnert" und ,,gewusst"-Urteile bei Homografen, Diagramm (b) die der Orthografen.


Das Remember/Know Paradigma

Seite 14

2.3.2 Effekte auf ,,Wissen", nicht auf ,,Erinnern"

Perzeptuelles Wiederholungspriming (masked repetition priming) ­

In einem Experiment von

Rajaram (1993: Exp. 3) wurde der Zusammenhang zwischen perzeptueller

Verarbeitungsgeschwindigkeit (perceptuell fluency3) und ,,erinnert"- bzw. ,,gewusst"-

Urteilen betrachtet.

Tabelle 2.3

Ergebnisse Experiment 3 von Rajaram (1993): Relationen der Treffer und falschen Alarme (FA),

Reaktionszeiten in Millisekunden.

Zielwort

Distraktor

perzeptuell gleicher

ungleicher

perzeptuell gleicher

ungleicher

Prime

Prime

Prime

Prime

Maske

&&&&&

&&&&&

&&&&&

&&&&&

Prime

table

scale

glass

chalk

Zielwort

TABLE

PLATE

GLASS

SHIRT

korrekte Antwort

,,ja"

,,ja"

,,nein"

,,nein"

gesagte Antwort

,,ja"

,,ja"

,,ja" (FA)

,,ja" (FA)

Reaktionszeit (ms)

1296

1275

1354

1293

W.erk

.67

.60

.23

.18

,,erinnert"-Urteile

.43

.42

.05

.05

,,gewusst"-Urteile

.24

.18

.18

.13

In einem Rekognitionstest wurde hierzu dem Zielwort ein subliminales Prime

vorangestellt, das dem Zielwort auf perzeptueller Ebene entweder identisch war oder nicht.

Die Wörter wurden häufiger wiedererkannt, wenn das Zielwort mit dem Prime

übereinstimmte (table ­ TABLE), als wenn das Zielwort mit dem Prime keine Ähnlichkeit

aufwies (scale ­ PLATE). Ebenso wurden neu präsentierte Wörter (Distraktoren), die zuvor

nicht gelernt wurden, fälschlicherweise häufiger als bekannt identifiziert, wenn ihnen das

gleiche Wort vorangestellt wurde (falsche Positive). Unter der Annahme, dass ,,erinnert"-

Urteile eher von konzeptuellen Prozessen und ,,gewusst"-Urteile eher von perzeptuellen

3 Jacoby und Dallas (1981) beschreiben perzeptuelle Verarbeitungsgeschwindigkeit (

perceptuel fluency

)

als die mit dem Wiedererkennen eines Wortes verbundene fließende Verarbeitung, die als leicht

empfunden wird. Werden sich Versuchspersonen dieser Leichtigkeit im Abruf bewusst, attribuieren

sie dies korrekt auf eine Erfahrung mit dem Wort aus voherigen experimentellen Settings.


Das Remember/Know Paradigma

Seite 15

Prozessen abhängen, sollte bei veränderter perzeptueller Verarbeitungsgeschwindigkeit

selektiv die Zahl der ,,gewusst"-Urteile variieren. Die ,,erinnert"-Urteile sollten sich durch

diese Art der Manipulation nicht beeinflussen lassen. Die Ergebnisse (siehe Tabelle 2.3)

bestätigten diese Überlegungen: ,,erinnert"-Urteile unterschieden sich innerhalb der

Bedingungen nicht signifikant bedeutsam, und ,,gewusst"-Urteile profitierten sowohl bei

korrekter ,,Alt"-Entscheidungen als auch bei falschen Alarmen von der perzeptuellen

Gleichheit des vorgeschalteten Primes.

Konzeptuelles Wiederholungspriming (masked repetition priming) ­

In einem Rekognitionstest

wurden zuvor gelernte und neue Wörter präsentiert, denen ein Prime vorgeschaltet wurde,

der entweder einen semantischen Bezug zu dem folgenden Wort hatte (sugar ­ SWEET) oder

nicht (fruit ­ INK). Die Darbietung des Primes lag mit 150 ms nicht mehr in den Bereich der

subliminalen Wahrnehmung. Rajaram und Geraci (2000) testeten mit diesem Design im

Rahmen des Distinctiveness/Fluency Ansatzes (siehe 2.4.3) die Hypothese, dass ,,gewusst"-

Urteile selektiv durch Verarbeitungsflüssigkeit beeinflusst werden können, die durch

konzeptuelle Manipulation hervorgerufen wurde.

Tabelle 2.4

Ergebnisse von Rajaram und Geraci (2000): Relationen der Treffer und falschen Alarme (FA),

Reaktionszeiten in Millisekunden.

Zielwort

Distraktor

semantisch

ungleicher

semantisch

ungleicher

verwandter Prime

Prime

verwandter Prime

Prime

Prime

sugar

fruit

author

delay

Zielwort

SWEET

INK

BOOK

TREE

korrekte Antwort

,,ja"

,,ja"

,,nein"

,,nein"

gesagte Antwort

,,ja"

,,ja"

,,ja" (FA)

,,ja" (FA)

Reaktionszeit (ms)

1989

2039

2398

2249

W.erk

.70

.67

.16

.10

,,erinnert"-Urteile

.41

.43

.04

.03

,,gewusst"-Urteile

.30

.24

.13

.07

Ihre Ergebnisse (siehe Tabelle 2.4) zeigten, dass signifikant mehr ,,gewusst"-Urteile

vergeben wurden, wenn dem Zielwort ein Prime vorgeschaltet wurde, der einen

semantischen Bezug zu dem folgenden Wort hatte, als wenn der semantische Bezug nicht


Das Remember/Know Paradigma

Seite 16

vorhanden war. Diese Effekte wurden sowohl für Wörter, die zuvor gelernt worden waren,

als auch für neue Wörter beobachtet. Ebenso konnten keine Unterschiede in den

Reaktionszeiten der Alt/Neu ­ Entscheidungen gefunden werden. Gefühle der Vertrautheit

sind somit nicht ausschließlich darauf zurückzuführen, dass ein Item zuvor gelernt wurde,

sondern können auch durch andere Quellen hervorgerufen werden können (Lindsay &

Kelly, 1996; Verfaellie & Cermak, 1999; Whittlesea, Jacoby & Girard, 1990). ,,Erinnert"-Urteile

wurden durch die Variation der Verarbeitungsflüssigkeit nicht beeinflusst. Dies führte zur

Annahme, dass ,,gewusst"-Urteile durch Verarbeitungsgeschwindigkeit erklärt werden

können und nicht ausschließlich von perzeptuellen Prozessen bestimmt werden.

2.3.3 Gegenteilige Effekte

Bildüberlegenheitseffekt (picture-superiority effekt) ­

Rajaram (1993; Exp. 2) untersuchten in

einem Rekognitionstest den Einfluss symbolischer Präsentationsformen (Bild vs. Wort) auf

das Einnerungsbewusstsein. In der Lernphase wurden die zu lernenden Wörter entweder in

Bildform oder in Wortform gezeigt, die es nach zehnminütiger Distraktorphase in der

Testphase wiederzuerkennen und mit dem entsprechenden metakognitiven Urteil zu

versehen galt. In der Testphase wurden die Wörter in allen Bedingungen in Wortform

präsentiert, so dass die perzeptuellen Formatformen ,,Bild ­ Wort" vs. ,,Wort ­ Wort"

entstanden. Die Wörter der Bedingung ,,Bild ­ Wort" wurden entsprechend früheren

Befunden zum Bildüberlegenheitseffekt häufiger wiedererkannt als die Wörter der

Bedingung ,,Wort ­ Wort". Bezüglich der metakognitiven Urteile zeigte sich, dass in der

Bedingung ,,Bild ­ Wort" mehr ,,erinnert"-Urteile vergeben wurden als in der Bedingung

,,Wort ­ Wort". Für ,,gewusst"-Urteile zeigte sich ein gegenteiliger Effekt: Die Wörter der

Bedingung ,,Wort ­ Wort" wurden eher ,,gewusst".

Nichtwort/Wort (nonword/word) ­

Gardiner und Java (1990: Exp. 2) verglichen Zustände des

Erinnerungswusstseins in einem Rekognitionstest, in dem Nichtwörter und Wörter

wiedererkannt werden sollten. In der Lernphase wurden in der Bedingung ,,Nichtwort" den

Versuchspersonen Wörter vorgelegt, die zwar ausgesprochen werden konnten, ihrem Klang

oder Äußerem nach mit echten Wörtern jedoch keine Ähnlichkeit aufwiesen. Nach einem

24-stündigen Retentionsintervall wurden die Wörter erneut vorgelegt. Es wurden für

Nichtwörter mehr ,,gewusst"-Urteile vergeben als für reale Wörter und umgekehrt für reale

Wörter mehr ,,erinnert"-Urteil als für Nichtwörter. Aus Sicht der Autoren wurden die

Nichtwörter eher mit ,,gewusst"-Urteilen versehen, da sie nur perzeptuelle Informationen


Das Remember/Know Paradigma

Seite 17

bereitstellten, wohingegen bei realen Wörtern ein konzeptueller Zugang möglich war und

sich somit die Wahrscheinlichkeit für ,,erinnert"-Urteile erhöhte.

Wiedererkennen von Gesichtern (recollections of faces)

­ In einer Untersuchung von Mäntylä

(1997) sollten Versuchspersonen in der Lernphase Gesichter von Personen bezüglich ihrer

Ähnlichkeit (relationale Merkmale) oder Unterschiedlichkeit (distinkte Merkmale) bewerten.

In der Testphase sollten die Gesichter wiedererkannt werden und mit den Urteilen

,,erinnert", ,,gewusst" oder ,,geraten" versehen werden. ,,Erinnert"-Urteile wurden eher

abgegeben, wenn der Fokus der Versuchspersonen auf distinkten Merkmalen lag, als wenn

sie relationale Merkmale betrachtet hatte. Für ,,gewusst"-Urteile konnte das gegenteilige

Muster beobachtet werden.

Typografie und Farbe (typography and color) ­

Wehr und Wippich (2004) testeten die

zentralen Annahmen des Dinstinctiveness/Fluency Ansatz (Rajaram, 1996) und stellten sie

den Vorhersagen des Prozessansatzes (Rajaram, 1993) gegenüber. Zur Manipulation der

perzeptuellen Salienz wurde das typografische Erscheinungsbild substantivischer Wörter

verändert. Effekte der konzeptuellen Salienz wurden durch den Wechsel der Wortfarbe

variiert. In der Lernphase wurden den Versuchspersonen die Substantive in normaler

Schreibweise (KATZE), in typografisch veränderter Form (

Katze

) oder in Farbvariation

(KATZE oder KATZE) präsentiert und zeitgleich an eine Imaginationsaufgabe, die die

Salienz zusätzlich erhöhen sollte, geknüpft. Die Substantive sollten sich auf drei

verschiedene Arten vergegenwärtigt werden: In ihrer typografischen Erscheinung, als

Objektvorstellung in natürlicher Farbe und als Objektvorstellung in präsentierter Farbe. In

der Testphase wurde ein Rekognitionstest durchgeführt und die metakognitiven Urteile

(,,erinnert", ,,gewusst" und ,,geraten") erfragt. Um die perzeptuelle und konzeptuelle

Verarbeitungsflüssigkeit zu variieren, wurde einem Teil der Versuchspersonen vor der

Präsentation des Zielwortes ein Prime vorgeschaltet, der entweder dem Zielwort in seiner

Oberflächenstruktur ähnlich war oder nicht (KATZE ­ KATZE vs. KATZE ­ KATZE bzw.

vs.

Katze

­ KATZE). Den Vorhersagen des Distinctiveness/Fluency Ansatzes entsprechend

sollten die salienteren Wörter unabhängig von den zugrundeliegenden Prozessen mit einem

,,erinnert"-Urteil versehen werden. Im Sinne des Prozessansatzes sollte eine Veränderung

der Rate der ,,erinnert"-Urteile nur durch eine konzeptuell vermittelte Manipulation

erfolgen. Typografisch ungewöhnliche und farbige Wörter sollten gegenüber normalen

Wörtern hervorstechen und mit ,,erinnert"-Urteilen versehen werden. Die Ergebnisse (siehe

Abbildung 2.3) bestätigten diese Überlegungen.


Das Remember/Know Paradigma

Seite 18

(a) Effekte perzeptueller Salienz (b) Effekte konzeptueller Salienz

100

100

typografisch ungewöhliche Wörter

farbige Wörter

90

typografisch normale Wörter

90

schwarze Wörter

)

)

80

80

70

70

60

60

50

50

a
h
r
s
c
h
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i
n
l
i
c
h
k
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i
t
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n

(
%

40

a
h
r
s
c
h
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i
n
l
i
c
h
k
e
i
t
e
n

(
%

40

o
r
t
w

o
r
t
w

30

30

n
t
w

n
t
w

20

20

10

10

i
t
t
l
e
r
e

A

i
t
t
l
e
r
e

A

m

m

Treffer

"erinnert"

"gewusst"

"geraten"

Treffer

"erinnert" "gewusst" "geraten"

Abbildung 2.3:

Mittlere Antwortwahrscheinlichkeiten für Treffer und metakognitive Urteile

(,,erinnert", ,,gewusst" und ,,geraten") als Funktion der (a) Typografie (perzeptuelle Salienz)

und der (b) Farbe (konzeptuelle Salienz) (Abbildung aus Wehr & Wippich, 2004).

Die Variation der Typografie und Farbe des Wortmaterials hatte einen bedeutsamen

Einfluss auf das Erinnerungsbewusstsein. Typografisch ungewöhnliche und farbige Wörter

wurden eher ,,erinnert", während typografisch normale und schwarze Wörter eher

,,gewusst" wurden, und zwar unabhängig von der Prozessart (perzeptuell oder

konzeptuell). Die Ergebnisse sprechen für eine Annahme des Distinctiveness/Fluency

Ansatzes.

2.3.4 Paral eleffekte

Melodien (meldodies) ­

Gardiner, Kaminska und Dixon (1996) führten Experimente zur

Wiedererkennungsleistung bei Melodiefolgen durch. In ihrem ersten Experiment

präsentierten sie den Versuchspersonen unbekannte polnische Volkslieder, die durch eine

Gesangsstimme inhaltsleer interpretiert wurden und variierten die Häufigkeit der

Darbietung (1x, 2x, oder 4x). In der unmittelbar anschließenden Testphase wurden ihnen die

Melodiefolgen erneut vorgespielt. Je häufiger die Meldodiefolgen präsentiert worden waren,

desto höher die Erinnertrate. Ebenso stieg mit der Häufigkeit der Darbietung die Zahl der

,,erinnert"-Urteile und ,,gewusst"-Urteile parallel an. Dieser Paralleleffekt konnte in weiteren


Das Remember/Know Paradigma

Seite 19

Experimenten zu Melodiefolgen und Erinnerungbewusstsein nicht gefunden werden

(Gardiner, Kaminska et al., 1996; Java, Kaminska & Gardiner, 1995).

2.3.5 Schemageleitete und soziale Informationsverarbeitung

Im Folgenden werden Studien zu Effekten schemageleiteter Informationsverarbeitung und

Effekten

sozialer

Informationsverarbeitung

(Personenwahrnehmung)

auf

das

Erinnerungsbewusstsein vorgestellt. Allgemein zeigte sich dabei, dass schema-kongruente

(typische) Stimuli eher ,,gewusst" und schema-inkongruente (atypische) Stimuli eher

,,erinnert" werden.

Schemageleitete Informationsverarbeitung ­

Lampinen, Faries, Neuschatz und Toglia (2000)

präsentierten ihren Versuchspersonen Audio-Geschichten über eine fiktive Person namens

Jack, die sechs skriptbasierte Handlungen (z.B. das Waschen eines Wagens, Teilnahme an

einer Vorlesung) ausübte. In diesen Geschichten führte Jack typische (z.B. das Auffüllen des

Eimers mit Wasser) und atypische (z.B. das Besprühen des Nachbarkindes mit dem

Wasserschlauch) Handlungen aus. In einem späteren Rekognitionstest sollten die

Versuchspersonen alte und neue Handlungsbausteine benennen und mit einem ,,erinnert"-

oder ,,gewusst"-Urteil versehen, wobei im Falle der ,,erinnert"-Urteile weitere Details erfragt

wurden, die als perzeptuelle, kognitive oder emotionale Quelle deklariert werden konnten.

Die Versuchspersonen wurden unmittelbar nach der Lernphase und nach einem

Retentionsintervall von 24 Stunden getestet. Es wurden signifikant mehr ,,erinnert"-Urteile

für atypische Handlungen als für typische Handlungen vergeben. Ein gegenteiliger Effekt

zeigte sich bezüglich der ,,gewusst"-Urteile: Typische Handlungen war verglichen mit

atypischen Handlungen eher mit dem Bewusstseinszustand ,,Wissen" verknüpft.

Lampinen, Copeland und Neuschatz (2001) untersuchten Effekte eines Raum-Schemas auf

das Erinnerungsbewusstsein für typische und atypische Objekte in realitätsnaher

Umgebung. Ein Experimentalraum wurde zu diesem Zweck zu einem prototypischen

Universitätsbüro eines Doktoranden umgestaltet: Es wurden neben neutralen Gegenständen

(z.B. Pflanzen, Poster, Ablagefächer) zehn typische Items (z.B. Heftgerät) und zehn atypische

Items (z.B. ein Spielzeugauto) gut erkennbar platziert. Bevor die Versuchpersonen für eine

Minute in dem Zimmer Platz nahmen, wurden sie in einer ersten Bedingung (intentionale

Lernbedingung) explizit darauf hingewiesen, dass im Anschluss ein Gedächtnistest erfolgt,

während sie in einer zweiten Bedingung (inzidentelle Lernbedingung) lediglich gebeten

wurden, sich in dem Zimmer aufzuhalten. In einem anschließenden Rekognitionstest fiel die


Das Remember/Know Paradigma

Seite 20

allgemeine Gedächtnisleistung in der intentionalen Lernbedingung höher aus. Es zeigte sich

eine in A (siehe Kapitel 2.4.1) gemessene höhere Sensitivität für atypische Gegenstände und

für diejenigen Gegenstände, die unter intentioneller Bedingung gelernt worden waren. Es

wurden mehr ,,erinnert"-Urteile für atypische Gegenstände abgegeben und mehr ,,gewusst"-

Urteile für typische Gegenstände. In der intentionalen Lernbedingung wurden mehr

,,erinnert"-Urteile vergeben als in der inzidentellen Lernbedingung, während zwischen den

Bedingungen keine signifikanten Unterschiede in den ,,gewusst"-Urteilen gefunden wurden.

Neuschatz et al. (2002) führten weitere Experimente zu Schemata und

Erinnerungsbewusstsein in realitätsnahen Settings durch. Versuchspersonen betrachteten ein

Video, in dem ein Lehrender einige schema-kongruente Handlungen (z.B. an die Tafel

schreiben) und einige schema-inkongruente Handlungen (z.B. eine Zigarette rauchen)

ausführte. In einem anschließenden Rekognitionstest wurden erneut mehr ,,erinnert"-Urteile

für schema-inkongruente (atypische) Handlungen und mehr ,,gewusst"-Urteile für schema-

kongruente (typische) Handlungen vergeben.

Soziale Informationsverarbeitung -

Brandt et al. (2003) interessierten sich für

Bewusstseinszustände im Moment des Wiedererkennens von Personen. Untersuchungen zu

quantitativen Aspekten personaler Erinnerung sind in der Literatur zahlenstark vertreten,

nach Studien zu qualitativen Aspekten sucht man jedoch meist vergebens. Dies verwundert,

da die Erinnerung an Personen

und

die damit einhergehenden Metakognitionen im Kontext

sozialer Interaktionen von grundlegender Bedeutung sind und handlungsleitend wirksam

werden.

In einem ersten Experiment wurden den Versuchpersonen in der Lernphase acht typische

und acht distinkte männliche Gesichter präsentiert. Diese waren in einer Voruntersuchung

von Hosie und Milne (1996) bezüglich ihrer Distinktheit (hier: ein Gesicht, das aus der

Menge hervorsticht oder besonders gut im Gedächtnis bleibt (Valentine, 1991)) bewertet

worden und relativ homogen in Bezug auf Alter, Haarlänge und Haarfarbe. In der Testphase

sollten eine Alt/Neu Entscheidung getroffen und bei Alt-Entscheidungen ein metakognitives

Urteil (,,erinnert" oder ,,gewusst") gefällt werden. Die Versuchpersonen zeigten wie erwartet

eine bessere Gedächtnisleistung für distinkte Gesichter und belegten diese vermehrt mit

,,erinnert"-Urteilen, während typische Gesichter eher ,,gewusst" wurden.

In einem zweiten Experiment erweiterten Brandt et al. (2003) die Versuchsanordnung um

den Faktor Aufmerksamkeit (geteilte Aufmerksamkeit vs. ungeteilte Aufmerksamkeit). In


Das Remember/Know Paradigma

Seite 21

der Bedingung ,,geteilte Aufmerksamkeit" wurden die Versuchpersonen gebeten, neben

dem Studium der Gesichter zusätzlich von Tausend in Dreierschritten abwärts zu zählen.

Wiederum wurden mehr distinkte Gesichter als typische Gesichter erinnert. In der

Bedingung ,,geteilte Aufmerksamkeit" wurden weniger Gesichter wiedererkannt und es gab

keinen signifikanten Effekt der Wechselwirkung

Gesicht x Aufmerksamkeit

. Unter ungeteilter

Aufmerksamkeit konnten die Ergebnisse bezogen auf ,,erinnert"-Urteile repliziert werden:

Distinkte Gesichter wurden eher ,,erinnert". In den ,,gewusst"-Urteilen konnten keine

signifikanten Unterschiede zwischen den einzelnen Bedingungen gefunden werden. Ihre

Annahme, dass die Flüssigkeit der Verarbeitung von typischen Items ,,gewusst"-Antworten

begünstigt, besitzt also nur eingeschränkte Gültigkeit innerhalb dieses Testrahmens

(kritische Anmerkungen hierzu, siehe Wehr, 2005).


Das Remember/Know Paradigma

Seite 22

2.4 Theorien zum Erinnerungsbewusstsein

Im Folgenden werden einige theoretische Ansätze zum ,,Remember"/,,Know"-Paradigma

kurz vorgestellt, mit dem Ziel, einen weiteren Einblick in dieses Forschungsfeld zu geben.

Eine ausführlichere Beschreibung und Diskussion findet sich bei Wehr (2005). Zu den

Erklärungsansätzen gehören der Systemansatz (2.4.1), der Prozessansatz (2.4.2), der

Distinctiveness/Fluency Ansatz (2.4.3), der signalentdeckungstheoretischen Ansatz (2.4.4)

und das Independence ,,Remember"/,,Know" Modell (2.4.5).

2.4.1 Der Systemansatz

Nach Tulving (1995) können Gedächtnissysteme in fünf Hauptkategorien unterteilt werden:

(1) das prozeduale Gedächtnis, innerhalb dessen Bewegungsabläufe und Fertigkeiten

gespeichert sind; (2) das perzeptuelle Repräsentationssystem (PRS), das eine spezielle Form

von perzeptuellen Lernen darstellt (

priming

); (3) das semantische Gedächtnis, in dem das

allgemeine Wissen einer Person über die Welt gespeichert ist; (4) das primäre Gedächtnis,

das eingehende Informationen registriert und für eine kurze Zeitperiode leicht zugänglich

festhält; (5) das episodische Gedächtnis, welches befähigt, die persönliche Vergangenheit mit

konkreten Ereignissen zu erinnern. Tulving (1983) ordnete ,,erinnert"- und ,,gewusst"-

Urteile zwei Arten von Bewusstsein zu (autonoetisch und noetisch), die wiederum als

Ausdruck des episodischen und semantischen Gedächtnissystem gelten (siehe Tulving, 2002,

für einen aktuellen Überblick und Kapitel 2.2). Mit Hilfe des im folgenden kurz skizierten

SPI-Modells (Tulving, 1995) beschreibt er die Beziehung zwischen diesen

Gedächtnissystemen wie folgt: Informationen werden seriell (S) enkodiert, wobei die

erfolgreiche Enkodierung in einem System von der erfolgreichen Verarbeitung der

Information eines anderen Systems abhängt. Die Speicherung in den verschiedenen

Systemen erfolgt parallel (P), d.h. die Information ist in einem oder mehreren

Gedächtnissystemen abgelegt. Der Abruf der Informationen aus den einzelnen

Gedächtnissystemen erfolgt unabhängig (I) voneinander. Nach diesem Modell ist eine

erfolgreiche Enkodierung der Information im PRS Voraussetzung für eine erfolgreiche

Enkodierung im semantischen Gedächtnis, die wiederum eine Voraussetzung für eine

Speicherung im episodischen Gedächtnis darstellt. Ein Abruf der Informationen kann

unabhängig aus dem PRS, dem semantischen oder episodischen Gedächtnis erfolgen.

Eine Reihe von Untersuchungen konnten die Annahmen des SPI-Modells bestätigen.

Conway et al. (1997) stellten in einer Untersuchung, in der die Inhalte einer universitären


Das Remember/Know Paradigma

Seite 23

Lernveranstaltung und die damit verbundenen Bewusstseinszustände zu verschiedenen

Zeitpunkten überprüft wurden, fest, dass Informationen, die zuvor mit ,,erinnert"-Urteilen

versehen wurden im Laufe der Zeit in ,,gewusst"-Urteile übergehen (

remember-to-know-shift

).

Dieser ,,shift" wird als Wechsel der Wissensrepräsentation vom episodischen Gedächtnis

zum semantischen Gedächtnis interpretiert.

Karayianni und Gardiner (2003) untersuchten Effekte der Stimmenkongruenz (gleiche

oder verschiedene Stimmen) auf das Erinnerungsbewusstsein. In ihren Studien variierten sie

zudem das Wortmaterial (Nichtwörter/Wörter) und die Aufmerksamkeitsfokussierung

(geteilte oder ungeteilte Aufmerksamkeit). Effekte der Stimmenkongruenz beobachteten sie

bei Wörtern allein in einer veränderten ,,erinnert"-Rate, bei Nichtwörtern in einer

veränderten ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Rate. Wurde eine elaborierte Verarbeitung der

Nichtwörter durch Aufmerksamkeitsdistribution erschwert, wurden Veränderungen nur

noch in den ,,gewusst"-Raten gefunden. Unter reduzierter Aufmerksamkeit wird eine

Enkodierung im episodischen Gedächtnis sehr unwahrscheinlich, ein Effekt, der sich in den

hohen ,,gewusst"-Raten widerspiegelt.

Experimentelle Untersuchungen mit amnestischen Patienten untermauern eine

systemtheoretische Interpretation des Remember/Know Paradigmas: z.B. Studien mit

Patienten mit anterograder Amnesie und selektivem Verlust autobiografischer Episoden

(Hirano, Noguchi, Hosokawa & Takayama, 2002), Studien zu Effekten der Größenkongruenz

(Verfaellie, Cook & Keane, 2003) und Quelleninformationen (Johnson, Hashtroudi &

Lindsay, 1993; Shimamura & Squire, 1987) mit Personen mit amnestischer Problematik.

Der Systemansatz wird weiterhin durch neuropsychologische Erkenntnisse und Methoden

unterstützt. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren wie der funktionellen

Magnetresonanztomografie (fMRI, Functional Magnetic Resonance Imaging bzw.

Kernspintomographie) können hirnstrukturelle Korrelate für Bewusstseinszustände wie

,,Erinnern" und ,,Wissen" sichtbar gemacht werden (z.B. Dünzel, Yonelinas, Mangun, Heinz

& Tulving, 1997; Henson, Rugg, Shallice, Josephs & Dolan, 1999; Henson, Shallice & Dolan,

1999).


Das Remember/Know Paradigma

Seite 24

2.4.2 Der Prozessansatz

Rajaram (1993) entwickelte einen alternativen Zugang, um Effekte der Variablen und die

dabei beobachteten unterschiedlichen Wirkungsrichtungen auf ,,Erinnern" ­ und ,,Wissen"

Urteile zu erklären (siehe Kapitel 2.3). Sie nahm zu diesem Zeitpunkt an, dass ,,erinnert"-

Urteile selektiv von konzeptuellen Prozessen und ,,gewusst"-Urteilen selektiv von

perzeptuellen Prozessen beeinflusst werden.

Der Fokus dieses Ansatzes ist dem der dualen Prozesstheorien (

dual-process theories

) des

Gedächtnis sehr ähnlich (Jacoby, 1983a, 1983b; Mandler, 1980). Jacoby nahm an, dass die

Gedächtnisleistung von zwei unabhängigen Faktoren beeinflusst wird: Vertrautheit

(

familiarity

), die durch datengetriebene (

data driven

) oder perzeptuelle Prozesse vermittelt

wird, und Erinnerung (

recollection

), die von konzeptgesteuerten (

conceptually driven

) oder

konzeptuellen Prozessen abhängt. In Mandlers Zwei-Faktoren Theorie wird die

Gedächtnisleistung von den Faktoren Integration (

integration

) und Elaboration (

elaboration

)

beeinflusst

(Mandler,

1980).

Integrationsprozesse

werden

durch

perzeptuelle,

intrastrukturelle Merkmale des Stimulusmaterials hervorgerufen und sollten die Leistungen

des impliziten Gedächtnisses beeinflussen. Elaborationsprozesse hingegen sollten durch den

Bedeutungsgehalt und interstruktuelle Merkmale des Stimulusmaterials tangiert werden

und somit die Leistungen des expliziten Gedächtnisses beeinflussen. In vielen Studien

wurde versucht, mit Hilfe von dualen Prozesstheorien Dissoziationen der ,,erinnert"- und

,,gewusst"-Raten zu erklären (Gardiner, Java et al., 1996; Gardiner & Richardson-Klavehn,

2000; Rajaram, 1999; Rajaram & Roediger, 1997; Richardson-Klavehn, Gardiner & Java, 1996;

Roediger, Wheeler & Rajaram, 1993).

Im Rahmen des Prozessansatzes wird zudem angenommen, dass Gedächtnisleistungen

durch eine hohe Übereinstimmung der geforderten Prozesse zwischen Lern- und Testphase

gesteigert werden (Transfer angemessene Verarbeitung;

transfer appropriate processing

; TAP).

Rajaram (1996) selbst führte einige Untersuchungen durch, worin Effekte perzeptueller

Prozesse auf ,,Erinnern" und nicht, wie nach den vorangestellten Überlegungen zu erwarten,

auf ,,Wissen" nachgewiesen werden konnten: Bei einem Wechsel der Darbietungsmodalität

von Lern- und Testphase (Wort-Bild vs. Bild-Bild; Experiment 1) wurde nur die Rate der

,,erinnert"-Urteile beeinflusst. Bei Variationen perzeptueller Kongruenz (Übereinstimmung

vs. Verschiedenheit) zwischen Lern- und Testphase bezogen auf die Variablen Größe

(Experiment 2) und links/rechts Orientierung von Objekten in Form von


Das Remember/Know Paradigma

Seite 25

Strichlinienzeichnungen (Experiment 3) konnte ebenfalls die Rate der ,,erinnert"-Urteile

beeinträchtigt werden ohne die Rate der ,,gewusst"-Urteile zu tangieren. Diese Erkenntnisse

drängten Rajaram zur Entwicklung eines alternativen Erklärungsmodells: dem

Distinctiveness/Fluency Ansatz (Rajaram, 1996).

2.4.3 Der Distinctiveness/Fluency Ansatz

Nachdem in Untersuchungen von Rajaram (1993) zum einen Effekte von perzeptuellem

Stimulusmaterial auf ,,erinnert"-Urteile und zum anderen ausbleibende Effekte auf

,,gewusst"-Urteile entgegen den Vorhersagen des Prozessansatzes beobachtet worden

waren, versuchte Rajaram die Ergebnisse mit Hilfe des Distinctiveness/Fluency Ansatzes zu

erklären (Rajaram, 1996). Unterschiede in abgegebenen ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteilen

werden hier auf die Faktoren Salienz (

salience

) oder auch Distinktheit (

distinctiveness

) und

Verarbeitungsflüssigkeit (

fluency

) zurückgeführt. Salienz und Distinktheit werden in der

Literatur für gewöhnlich gleichbedeutend verwendet (Schmidt, 1996) und als

,,Stimuluseigenschaft, die vor dem Hintergrund aller anderen Stimuli heraussticht" definiert

(Wehr, 2005, p. 37). Verarbeitungsflüssigkeit beschreibt die Leichtigkeit, mit der

Informationen aus dem Gedächtnis abgerufen werden können. Die Verarbeitungsflüssigkeit

eines Stimulus kann z.B. durch wiederholte Präsentation erhöht werden (Gardiner & Gregg,

1997; Gardiner & Java, 1990; Gregg & Gardiner, 1994; Rajaram, 1993). Die Rate der

,,erinnert"-Urteil wird in diesem Ansatz durch die Salienz des Stimulusmaterials beeinflusst

und steigt mit Erhöhung der Salienz. Die Rate der ,,gewusst"-Urteile wird durch das

Ausmaß der Verarbeitungsflüssigkeit beeinflusst und steigt mit Erhöhung der

Verarbeitungsflüssigkeit. Die Beschaffenheit der zugrundeliegenden Quellen (konzeptuell

oder perzeptuell) soll dabei in beiden Fällen keine Auswirkungen haben.

Mit Hilfe dieses Ansatzes ließen sich die Befunde Rajarams (1996) besser erklären (siehe

2.4.2): Bildhaftes Stimulusmaterial besitzt mehr distinkte Merkmal als Wörter und wird so

eher mit ,,erinnert"-Urteilen versehen (Experiment 1). Auch Größenveränderung

(Experiment 2) und links/rechts Orientierungswechsel (Experiment 3) können als distinkte

Stimulusveränderungen interpretiert werden und wirken sich somit selektiv, unabhängig

von zugrundeliegenden perzeptuellen oder konzeptuellen Prozessen, auf die Rate der

,,erinnert"-Urteile aus.

In einem weiteren Experiment (vgl. 2.3.1) legte Rajaram (1998) Versuchpersonen

orthografisch vertraute und orthografisch distinkte Wörter vor. Eine Veränderung der Rate


Das Remember/Know Paradigma

Seite 26

der ,,erinnert"-Urteile wurde durch Effekte der Salienz und nicht durch konzeptuelle oder

perzeptuelle Prozesse hervorgerufen.

Rajaram und Geraci (2000) zeigten, dass ,,gewusst"-Urteile durch konzeptuelle Flüssigkeit

beeinflusst werden können. Es wurden signifikant mehr ,,gewusst"-Urteile abgegeben, wenn

ein vorgeschalteter Prime einen semantischen Bezug zum Zielwort besaß, als wenn dieser

keinen semantischen Bezug hatte. ,,Erinnert"-Urteile blieben durch diese Art der

Manipulation völlig unberührt (vgl. 2.3.2).

DISTINCTIVENESS/FLUENCY

Salienz

Verarbeitungsflüssigkeit

(beeinflusst ,,Wissen")

(beeinflusst ,,Erinnern")

i
s
s
e
n
"
)

Perzeptuelle

Perzeptuelle

Z

T

r
o
z
e
s
s
e

Salienz

Flüssigkeit

S

A

p
e
r
z
e
p
t
u
e
l
l
e

P

N

(
b
e
e
i
n
f
l
u
s
s
t

,,
W

S

S

A

E

Z

O

R

P

Konzeptuelle

r
o
z
e
s
s
e

Flüssigkeit

r
i
n
n
e
r
n
"
)

Konzeptuelle

Salienz

k
o
n
z
e
p
t
u
e
l
l
e

P (beeinflusst ,,E

Abbildung 2.4:

Vierfelderschema zum Vergleich von Prozess- und

Distinctiveness/Fluency Ansatz. Graue Felder markieren unterschiedliche

Vorhersagerichtungen der Ansätze (nach Wehr & Wippich, 2004).

Bisher wurden der unter Kapitel 2.4.2 beschriebene Prozessansatz und der

Distinctiveness/Fluency Ansatz nur in getrennten Experimenten untersucht, was eine

direkte Vergleichbarkeit aufgrund unterschiedlichen Testmaterials erschwert. Wehr und

Wippich (2004) überprüften beide Ansätze innerhalb eines experimentellen Designs (siehe

Abbildung 2.4) unter Verwendung einheitlichen Materials. Die Vorhersagen der Ansätze

stimmen bezüglich der Wirkungsrichtung konzeptueller Salienz und perzeptueller

Flüssigkeit überein, unterscheiden sich jedoch bezüglich perzeptueller Salienz und

konzeptueller Flüssigkeit. So sollten z.B. nach dem Prozessanzatz ,,erinnert"-Urteile durch

konzeptuelle Prozesse und ,,gewusst"-Urteil duch perzeptuelle Prozesse beeinflusst werden;


Das Remember/Know Paradigma

Seite 27

und zwar unabhängig davon, ob distinkte Eigenschaften des Stimulusmaterials

hervorstechen oder nicht.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung wurden bereits unter Kapitel 2.3.3 referiert und

sprechen insgesamt für eine Annahme des Distinktiveness/Fluency Ansatzes.

2.4.4 Die Signalentdeckungstheorie

Mit Hilfe signalentdeckungstheoretischer Modellvorstellungen (

signal detection theory - SDT

)

(Green & Swets, 1966) bemühte sich Donaldson (1996) eine Alternative zu den zuvor

aufgestellen Modellen zu formulieren.

Hirshman und Master (1997) beschreiben drei Grundannahmen des SDT-Modells: Erstens,

Items lassen sich innerhalb einer Dimension nach der Stärke des Vertrautheitseindruck

anordnen. Zweitens, die Verteilungen des Vertrautheitseindrucks für die einzelnen Items

überlappen sich. Drittens, es werden zwei Antwortkriterien auf der Vertrautheitsachse

gesetzt, wobei zunächst eine Alt/Neu-Entscheidung getroffen wird und darauf eine

Bestimmung des Bewusstseinszustandes erfolgt. Bezüglich des ersten Antwortkriteriums

fällt die Versuchsperson eine Alt-Entscheidung, wenn der Vertrautheitseindruck des Items

oberhalb einer bestimmten Grenze liegt und eine Neu-Entscheidung, wenn er sich unterhalb

dieser Grenze manifestiert. Das zweite Antwortkriterium wird ebenfalls auf Basis des

Vertrautheitseindrucks gesetzt, wobei Items oberhalb einer bestimmten Grenze mit

,,erinnert"-Urteilen und Items unterhalb dieser Grenze mit ,,gewusst"-Urteilen versehen

werden. ,,Erinnert"-Urteile werden innerhalb des SDT-Modells als konservative Alt-

Antworten interpretiert (Donaldson, 1996).

Die Abbildung 2.5 zeigt zwei Vertrautsverteilungen S1 und S2, die beispielhaft

Verteilungen neuer (S1) oder alter (S2) Items darstellen. Es wird angenommen, dass Items,

die zuvor präsentiert wurden, eine stärkere Gedächtnisspur besitzen als Items, die im

experimentellen Setting neu hinzugefügt werden. Eine Möglichkeit, das Modell auf seinen

empirischen Gehalt hin zu prüfen, erwächst aus der Grundannahme, dass ,,remember"- und

Alt-Antworten nur einen Unterschied in der Stärke der Gedächtnisspur bzw. des

Vertrautheiteindrucks ausdrücken. Die Abweichung der Mittel der Verteilungen beschreiben

das

Sensitivitätsmaß

(

d

)

und

sollten

unabhängig

von

den

getroffenen

Kriterienentscheidungen (konservativ, neutral oder liberal) immer gleich sein. Die

allgemeine Gedächtnisleistung sollte somit der Summe der ,,erinnert"- und ,,gewusst"-

Urteile entsprechen. Sollten sich die Sensivitätsmaße jedoch unterscheiden, dann würde dies


Das Remember/Know Paradigma

Seite 28

für die Existenz weiterer Gedächtnisspuren sprechen (Gardiner, Ramponi & Richardson-

Klavehn, 2002). Eine zweite Annahme des Modells besagt, dass erstes und zweites Kriterium

(Alt/Neu-Entscheidung und ,,erinnert"/,,gewusst"-Urteil) positiv miteinander korrelieren,

d.h. die Anzahl der ,,gewusst"-Urteile hängt von dem zuerst gesetzten Alt/Neu-Kriterium

ab. Wird das Antwortkriterium konservativ (2a) gesetzt, liegt die Rate der ,,gewussten"

Treffer über der Rate der falschen Alarme. Bei neutral gesetztem Antwortkriterium (2b) ist

die Anzahl der ,,gewussten" Treffer und falschen Alarme gleich. Schließlich sollten bei

liberal gesetztem Antwortkriterium (2c) die Rate der ,,gewussten" falschen Alarme über der

Rate der Treffer liegen.

(1) allgemeines Modell

d

S1

S2

Alt

Neu

,,remember"

,,know"

Stärke der

Alt-Kriterium

Gedächtnisspur

,,remember"-Kriterium

(2a) konservativ (2b) neutral (2c) liberal

S1

S2

S1

S2

S1

S2

Alt-Kriterium

Alt-Kriterium

Alt-Kriterium

,,remember"- Kriterium

,,remember"- Kriterium

,,remember"- Kriterium

Abbildung 2.5:

,,Erinnern" und ,,Wissen" können nach Donaldson auf einer einzelnen

Gedächtnisspur platziert werden. Zunächst fällt eine Person eine Alt/Neu Entscheidung (Alt-

Kriterium) und dann eine ,,Remember"/,,Know"-Entscheidung (,,remember"-Kriterium). S1 stellt

eine Vertrautheitsverteilung neuer Items dar und S2 eine der alten. Die graue Fläche markiert die

Treffer bei ,,gewusst"-Antworten, die linierte Fläche die falschen Alarme (modifiziert nach

Donaldson (1996) und Wehr (2005)).

Um die Annahmen seines Modell empirisch zu untermauern, führte Donaldson (1996)

eine Reanalyse von 28 Experimenten zum Remember/Know Paradigma durch. Er fand

neben einer hohen Korrelation zwischen dem Alt/Neu-Kriterium und dem Anteil der


Das Remember/Know Paradigma

Seite 29

,,gewusst"-Urteilen ein gleiches Sensitivitätsmaß (A) für die allgemeine Gedächtnisleistung

und die Summe der ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteile.

Gadiner, Ramponi und Richardson-Klavehn (2002) werteten 86 experimentelle

Bedingungen im Rahmen einer Metaanalyse aus und konnten im Gegensatz zu Donaldson

keine Korrelation zwischen dem Alt/Neu-Kriterium und dem Anteil der ,,gewusst"-Urteile

finden. Wohl aber konnten sie eine Korrelation zwischen Alt/Neu-Kriterium und der

,,raten"-Kategorie finden.

In der Literatur wird eine unidimensionale Modellvorstellung zur Erklärung des

Remember/Know Paradigmas bis heute kontrovers diskutiert. Zum Beispiel konnte Dunn

(2004) von einer guten Passung der Daten aus 400 verschieden experimentellen Bedingungen

und dem unidimensionalen Modell berichten (siehe auch Hirshman & Lanning, 1999;

Hirshman & Master, 1997; Inoue & Bellezza, 1998; Wixted & Stretch, 2004). Andere Autoren

sprechen sich gegen eine unidimensionale Interpretation des Remember/Know Paradimas

aus (Conway, Dewhurst, Pearson & Sapute, 2001; Gardiner et al., 2002; Macmillan, Rotello &

Verde, 2005; Rotello et al., 2004)

2.4.5 Das Independence Remember/Know Model

Ziel des Independence Remember/Know Modells (IRK) ist es, mit Hilfe von ,,Erinnern" und

,,Wissen" die Anteile bewusster (B; kontrollierter) und unbewusster (U; automatischer)

Prozesse am Erinnerungserleben zu bestimmen. Jacoby et al. (1997) nehmen ein

Unabhängigkeitsmodell der zugrundeliegenden Gedächtnisprozesse an. Aus ihrer Sicht

stellen ,,erinnert"-Urteile eine reine Messung der bewusst ablaufenden Prozesse (B) dar. Sie

begründen dies damit, dass in Untersuchungen die Rate von ,,erinnert"-Urteilen bei falschen

Alarmen sehr gering ausfällt, d.h. die Anzahl der Personen, die aufgrund von unbewusster

Vertrautheit fälschlicherweise ein ,,erinnert"-Urteil abgeben, sehr gering ist. Im Gegensatz

dazu können ,,Gewusst"-Urteile nicht als eine reine Messung unbewusst ablaufender

Prozesse (U) gesehen werden. Wenn zwischen den Prozessen eine unabhängige Verbindung

angenommen wird, ist es möglich, dass Items zu einem Teil ,,gewusst" und zu einem

anderen Teil ,,erinnert" werden. Für diese Items erscheint es eher wahrscheinlich, dass ein

,,erinnert"-Urteil abgegeben wird, weil bewusste Prozesse gegenüber unbewussten im

Erinnerungserleben dominieren und die Versuchperson zur Abgabe eines exklusiven Urteils

(,,erinnert" oder ,,gewusst") gezwungen wird. Damit wird jedoch der Anteil der


Das Remember/Know Paradigma

Seite 30

unbewussten Prozesse, gemessen anhand der ,,gewusst"-Urteile, unterschätzt. Jacoby et al.

(1997) schlagen daher eine Korrektur vor, die sich in folgender Formel ausdrückt:

Know

=

U

(Gleichung 2.1)

-

(1 Remember)

2.4.6 Zusammenfassung

In diesem Kapitel wurden Erklärungsansätze zum Remember/Know Paradigma vorgestellt.

Die gefunden Dissoziationen in den ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteil wurden zunächst mit

System- oder Prozesstheorien erklärt. Nachdem einige Befunde durch diese Ansätze nicht

vollständig erklärt werden konnten, wurde durch Rajaram (1996) ein alternativer Ansatz

formuliert, bei dem Prozesse in den Hintergrund traten und als wesentliche Komponenten

die Distinktheit oder Salienz des Stimulusmaterials und die Verarbeitungsflüssigkeit betont

wurden. Zur Zeit werden prozesstheoretische Erklärungen von ,,Erinnern" und ,,Wissen"

weniger verwendet, da sie durch den Distinctiveness/Fluency Ansatz verdrängt wurden.

Donaldsons (1996) signalentdeckungstheoretischer Ansatz wird bis heute lebhaft diskutiert

und wurde vielfach korrigiert und erweitert.


Figur/Grund Trennung

Seite 31

3 Figur/Grund Trennung

Zu Beginn dieses Kapitels wird zunächst eine Einführung in die Figur/Grund Thematik

gegeben. Anschließend werden einige klassische Gestaltfaktoren vorgestellt. Es wurden jene

Gestaltfaktoren ausgewählt, die für die Figur/Grund Trennung besonders relevant

erscheinen und in Standardwerken der Wahrnehmungspsychologie häufig wiederzufinden

sind (z.B. Goldstein, 2002). Dabei wird auf den Gestaltfaktor der Flächengröße im Rahmen

dieser Arbeit besonders eingegangen. Im Anschluss werden einige neue, weniger bekannte

Gestaltfaktoren und Methoden präsentiert. Da es sich in diesem Kapitel um ein Thema aus

dem Bereich der Wahrnehmungspsychologie handelt, wurde der Text durch bildhafte

Darstellungen ergänzt, um eine unnötige Verkomplizierung des Textes zu vermeiden.

3.1 Gestaltfaktoren

Der Begriff

Gestalt

wurde von Christian Freiherr von Ehrenfelds im Jahre 1980 eingeführt.

Er verstand darunter eine seelische Ganzheit, die durch

Übersummativität

und

Transportierbarkeit

gekennzeichnet ist. Als Beispiel führt er eine Melodie an, die zum einen in

ihrem Wesen nicht durch die ,,Summe" ihrer Einzelbestandteile erklärbar sei und insofern

als übersummativ bezeichnet werden könne. Zum anderen sei sie transponierbar, weil sie

trotz Änderung aller Einzeltöne bei Wechsel des Tonhöhenniveaus erhalten bliebe

(Ehrenfelds, 1890). Heute wird die Gestaltpsychologie mit der Berliner Schule in

Zusammenhang gebracht, zu deren Initiatoren und gedanklichen Vätern Max Wertheimer,

Wolfgang Köhler und Kurt Koffka zählen. Als Geburtsstunde der Gestaltpsychologie gilt das

Jahr 1912, in dem Wertheimers ,,

Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung

"

(Wertheimer, 1912) erschienen. Die Überlegungen der Gestaltpsychologen wendeten sich

gegen die Ideen der klassischen Assoziationspsychologie, nach der sich die Wahrnehmung

aus einzelnen

elementaren Empfindungen

aufbaut ist, die in ihrer Summe das Ganze ergeben.

Wertheimer zeigte als erster in seinen Studien zur Bewegungswahrnehmung, dass das

Ganze von der Summe seiner Einzelteile verschieden ist. Er untersuchte das Phi-Phänomen,

eine Scheinbewegung, die entsteht, wenn zwei Lichtpunkte einen gewissen räumlichen

Abstand aufweisen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten an- und ausgeschaltet werden. Je

nach zeitlicher Distanz, entsteht der Eindruck, dass sich der Lichtpunkt von einer Seite zur

anderen bewegt. Da zwischen den einzelen Lichtreizen keine Sinnesreize bzw. elementare

Empfindungen vorhanden sind, ist dieses Phänomen mit Hilfe der Assoziationspsychologie

nicht zu erklären. Dieses Ergebnis wurde von den Gestaltpsychologen als Resultat einer


Figur/Grund Trennung

Seite 32

aktiven Organisationsleistung des Gehirns verstanden. Ein wichtiges Merkmal dieser

Wahrnehmungsorganisation ist die

Gruppierung

, d.h. die Zusammenfassung von zeitlich,

räumlich, formal oder materiell benachbarten Reizelementen. Diese Gruppierung scheint

nach bestimmten Regeln abzulaufen, die in den Gestaltgesetzen (Gestaltfaktoren) abgebildet

werden. Gestaltfaktoren stellen also Regeln dar, die das Wahrnehmungssystem nutzt, um

elementare Aspekte in größere Einheiten zu organisieren (Goldstein, 2002). Im Laufe der Zeit

gelang es den Gestaltpsychologen einige Faktoren zu identifizieren, die die

Wahrscheinlichkeit beeinflussten, dass ein bestimmter Bereich eines Stimulusmusters als

Figur gruppiert wird. Allerdings sind in der Literatur unterschiedliche Listen und

Zusammenstellungen mit schwankenden Zahlen dieser Gestaltfaktoren zu finden. Helson

(1933) veröffentlichte eine Liste mit 114 Gestaltgesetzen. Bei Boring (1942) verringert sich die

Anzahl auf 14. Goldstein (2002) reduziert diese Zahl noch einmal und fasst sechs wichtige

Gestaltfaktoren zusammen: 1. Faktor der

Prägnanz

oder

guten Gestalt:

Reizmuster (Elemente)

werde so interpretiert, dass die resultierende Struktur so einfach wie möglich ist; 2. Faktor

der

Ähnlichkeit:

Ähnliche Elemente werden eher als zusammengehörig empfunden als

einander unähnliche; 3. Faktor der

gestaltgerechten Linienfortsetzung:

Linien werden

tendentiell so gesehen, als folgten sie dem einfachsten Weg; 4. Faktor der

Nähe:

Elemente mit

geringem Abstand zueinander werden als zusammengehörig erlebt; 5. Faktor des

gemeinsamen Schicksals:

Zwei oder mehrere Elemente, die sich gleichzeitig in eine Richtung

bewegen, werden als zusammengehörig erlebt; und 6. Faktor der

Bedeutung

oder

Vertrautheit:

Elemente bilden mit großer Wahrscheinlichkeit Gruppen, wenn die Gruppen vertraut

erscheinen oder etwas bedeuten. Bei Palmer (1999) finden sich darüber hinaus drei neue

Gestaltfaktoren: Faktor der

Synchronität:

Elemente, die zur gleichen Zeit erscheinen, werden

tendenziell einander zugeordnet; Faktor der

gemeinsamen Region:

Elemente, die innerhalb

einer gemeinsamen Region liegen, werden zusammengruppiert; und Faktor der

Verbundenheit der Elemente:

Elemente die mit einander verbunden sind, werden als

zusammengehörig erlebt (siehe auch Palmer, 1992; Palmer & Rock, 1994).

Die Gliederung des Wahrnehmungsfeldes in unterschiedliche Bereiche ist eine

Grundvoraussetzung für visuelles Wahrnehmen. Um ein Objekt von anderen zu

unterscheiden, verwendet der visuelle Wahrnehmungsapparat homogene Merkmale einer

Fläche, um diese als Einheit entweder in figuraler Form oder als Hintergrund zu sehen.

Inhomogene Merkmale können verwendet werden, um Oberflächen, Objekte und Ereignisse

zu separieren. Der Prozess der Aufteilung eines Wahrnehmungsfeldes in unterschiedliche


Figur/Grund Trennung

Seite 33

Regionen wird Figur/Grund Trennung (Segmentierung oder Segregation) genannt, oder

anders: Die Figur/Grund Trennung beschreibt die ,,

präattentive Tendenz, einen bestimmten Teil

der optischen oder akustischen Stimuluskonfiguration als Figur und den anderen als Hintergrund

wahrzunehmen"

(Guski, 1996; p. 372).

Nach Palmer (1999) sind folgende Faktoren an diesem Organisationsprozess der

Figur/Grund Trennung beteiligt: 1.

Geschlossenheit:

Wird eine Fläche von einer anderen

vollständig umschlossen, so wird die umschlossene Fläche als Figur und die umschließende

Fläche als Hintergrund wahrgenommen; 2.

Größe:

Die kleinere Fläche wird als Figur gesehen

(vgl. Kapitel 3.1.1.4); 3.

Orientierung:

Vertikal und horizontal angeordete Elemente werden

zur Figur gruppiert (vgl. Kapitel 3.1.1.2); 4.

Kontrast:

Die Elemente mit dem größten

Kontrastunterschied zu der sie umgebenden Region werden als Figur wahrgenommen; 5.

Symmetrie:

Symmetrische Formen neigen dazu, als Figur zu erscheinen (vgl. Kapitel 3.1.1.1);

6.

konvexe (nach außen gewölbte) Formen:

Konvexe Formen bilden eher die Figur, konkave

Formen eher den Hintergrund; und 7.

Parallelismus:

Regionen mit parallel verlaufenden

Seiten werden tendenziell als Figur wahrgenommen. Eine ähnliche Zusammenstellung ist in

Guskis (1996) Buch ,,Wahrnehmen" zu finden. Er fügt zu den von Palmer genannten

Faktoren

Oberflächentextur

und

Erfahrung

oder

Bedeutung

hinzu. Goldstein (2002) reduziert

die Anzahl diese Faktoren erneut und legt den Fokus auf folgende Faktoren:

Symmetrie,

Größe, Orientrierung

und

Bedeutung

. Auf diese Faktoren wird im Kapitel 3.1.1 auführlich

eingegangen.

Ursprünglich wurden Figur und Grund begrifflich nach ihrem phänomenologischen

Erscheinungsbild unterschieden. Rubin (1915; Rubin, 1958) und Koffka (1935) stellten heraus,

dass die Figur dem Betrachter näher, saturierter und kontrastreicher im Vergleich zu dem sie

umgebenden Hintergrund erscheint. Diese Beschreibungen konnten vielfach im Rahmen

quantitativer Untersuchungen empirisch bestätigt werden (z.B. Coren & Porac, 1983). Rubin

formulierte einen weiteren phänomenologischen Unterschied: Figuren werden als Form oder

Gestalt gesehen, während sich der Hintergrund eher diffus und ohne Form präsentiert.

Koffka beschrieb die Figur in ähnlicher Weise als Form und den Hintergrund als

,,ungeformt". Als weitere Unterscheidung machte Rubin (1915) auf die Konturen

aufmerksam, die die Figur ähnlich einem Mantel oder einer Hülle zu umgeben scheinen,

nicht aber den Hintergrund. Dies verdeutlichte er anhand eines Kippbildes, das in seinem

Zentrum eine Vase zeigt, die von zwei einander zugewandten Gesichtsprofilen umgeben

wird. Anhand dieses Bildes illustrierte er ebenso das Unvermögen des Betrachters, beide


Figur/Grund Trennung

Seite 34

möglichen Formen zeitgleich zu sehen. In Anlehnung an Rubin und andere

Gestaltpsychologen fasst Goldstein (2002) die Eigenschaften von Figur und Grund in

folgender Weise zusammen: Die Figur wird meist ,,dinghafter" wahrgenommen, ist leichter

im Gedächtnis zu behalten und scheint vor dem Hintergrund zu stehen. Der Hintergrund

wird dagegen eher als ungeformtes Material gesehen und ist hinter der Figur angeordnet.

Figur und Hintergrund werden von Konturen getrennt, die der Figur zugeordnet werden.

3.1.1 Klassische Gestaltfaktoren

3.1.1.1 Symmetrie

Der Gestaltfaktor der Symmetrie besagt, dass

symmetrische Flächen eher als Figur gesehen werden als

unsymmetrische, die dem entsprechend eher den

Hintergrund

formen.

Figuren,

die

dieses

Gestaltphänomen beschreiben, wurden von Bahnsen

(1928) eingeführt. Das Beispiel in Abbildung 3.1 zeigt

weiße und schwarze Spalten, die bezüglich der

Abbildung

3.1:

Symmetrische

Flächengröße und anderer potenziell konfundierenden

Flächen tendieren eher dazu als

Figur gesehen zu werden (nach

Gestaltfaktoren gleich gehalten wurden. Die schwarze

Kanizsa & Gerbino, 1976).

Fläche bildet die Figur, da sie symmetrische angeordnet

ist.

Da

der

Gestaltfaktor

der

Symmetrie

im

Zusammenhang

mit

dem

Erinnerungsbewusstsein von Personeneigenschaften bereits untersucht worden ist (Wehr,

2005), wird er im Folgenden nicht näher beschrieben.

3.1.1.2 Orientierung

Orientierung meint hier den Grad einer Drehung eines Elements und ist ein weiterer Faktor

der Figur/Grund Organisation. Rubin (1921) stellte fest, das ein Kreuz mit horizontal und

vertikal angeordneten Armen die Tendenz aufweist, als Figur gesehen zu werden, während

ein Kreuz mit schräg liegen Armen als Hintergrund wahrgenommen wird. Systematisch

wurde dieses Phänomen von Oyama (1960) untersucht. Er präsentierte seinen

Versuchspersonen eine Kreuzfigur und rotierte die Flächen im Uhrzeigersinn (siehe

Abbildung 3.5; Kapitel 3.1.1.4). Je weiter sich die Flächen einer vertikalen und horizontalen

Position annäherten, desto eher wurden sie als Figur gesehen. Auch Beck (1966) widmete

sich dem Gestaltfaktor der Orientierung. Er wendete einfache Linienkombinationen (z.B. ,,T"


Figur/Grund Trennung

Seite 35

oder ,,L"), die er bestimmten Regionen zuteilte. Es stellte sich erstens heraus, dass der

Gruppierungsprozess stark von der Orientierung der Linien beeinflusst wurde und weniger

von der Unähnlichkeit zwischen den Linienkombinationen. Zweitens beobachtete Beck, dass

Bildteile, deren Orientierung um etwa 45° von den übrigen abwich, spontan als Figur

gesehen wurde. Die Orientierung setzte sich hier gegenüber dem Prinzip der Ähnlichkeit

durch. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass vertikal und horizontal angeordnete

Elemente eher als Figur wahrgenommen werden als schräg angeordnete Elemente, die eher

in den Hintergrund gelegt werden.

3.1.1.3 Bedeutung

Bedeutungshaltige Gegenstände tendieren

dazu als Figur gesehen zu werden. So wird es

dem Betrachter wahrscheinlich leicht fallen,

WEHR

das Wort ,,WEHR" in Abbildung 3.2 zu sehen,

obwohl es in unvollständiger und nicht

Abbildung 3.2:

Bedeutung von Bildelementen

als wichtiger Faktor der Trennung von Figur

geschlossener Form präsentiert wird. Der

und Grund. Sowohl die weiße als auch die

Faktor der Bedeutung spielt bei reversiblen

schwarze Fläche kann in diesem Beispiel als

Figur wahrgenommen werden.

Figuren eine große Rolle. Bei Girgus, Rock &

Egatz (1977) schalteten nur die Hälfte der Versuchspersonen spontan zwischen den

einzelnen Kippbildern des mehrdeutigen Gesicht-Vase Stimulus (Rubin, 1915) um. Nachdem

sie über die reversible Natur des Bildes informiert worden waren, wechselten alle

Versuchspersonen zwischen beiden möglichen Wahrnehmungsformen. Darüber hinaus

stellten Rock, Hall & Davis (1994) fest, dass viele Versuchspersonen erst dann zwischen zwei

Perzeptionen wechseln konnten, wenn sie über den Kippbildcharakter des Stimulusmaterials

und

die zwei möglichen Wahrnehmungsformen informiert worden waren. Eine Reihe von

Untersuchungen zu bedeutungshaltigen Kippbildern führten Mary Peterson und ihre

Kollegen durch (Peterson & Gibson, 1991, 1993; Peterson, Harvey & Weidenbacher, 1991). In

Petersons Experimenten wurden Versuchpersonen reversible Figur/Grund Bilder gezeigt,

die auf einer Seite eine bedeutungshaltige Figur (z.B. die Silhouette einer Ananas, eines

Seepferdes, einer Frau) darstellten. Die beiden Flächen waren bezüglich sonstiger

Gestaltmerkmale gleich. Die Ergebnisse belegen einheitlich, dass der bedeutungsreiche Teil

des Bildes häufiger als Figur wahrgenommen wurde als der bedeutungsarme.


Figur/Grund Trennung

Seite 36

3.1.1.4 Flächengröße

Schon früh schrieb Rubin dem Einfluss der Flächengröße eine große Bedeutung zu:

,,The

following principle is fundamental: if one of the two homogeneous, different-collored fields is larger

than and encloses the other, there is a great likelihood that the small, surrounded field will be seen as

figure"

(Rubin, 1915; 1958, p. 202). Graham (1929) und Hall (1934) gehören zu den ersten, die

den Einfluss der Flächengröße auf die Wahrnehmung von umkehrbaren Gestalten

systematisch untersuchten. Graham (1929) zeigte in seinen Untersuchungen zur

Flächengröße, dass

,,[...] das System kleinerer Felder als ,,Gestalt" gewählt wird, und die relative

Verkleinerung dieser Felder sie stärker hervortreten lässt. Der Hauptfaktor variiert umgekehrt

schwellenartig mit dem Flächeninhalt. Wenn die Systeme den gleichen Flächeninhalt haben, so ist die

Gestaltung am zweifelhaftesten"

(p. 482). Auch Hall (1934) hob den Einfluss der Fläche zur

Separation von Figur und Grund als sehr bedeutend hervor und bestätigte die Tendenz der

Versuchspersonen kleine Flächen als Figur und größere Flächen als Grund zu organisieren.

Die Dominanz der kleineren Fläche verringerte sich mit zunehmender Flächengröße.

Künnapas (1957) führte Experimente zur

relativen Dominanz alternierender Figuren

innerhalb reversibler Muster durch (

figural

dominanz

). Er unterteilte einen Kreis in acht

Sektoren, von denen vier Sektoren in

horizontaler und vertikaler Lage angeordnet

waren und somit eine ,,Plus"-Figur bildeten,

während die schräg liegenden Sektoren eine

,,Kreuz"-Figur formten (siehe Abbildung 3.3).

Abbildung 3.3:

Stimulusmuster aus Künnapas

(1957). Die Sektorfläche der ,,Plus"-Figur hat

Insgesamt verwendete er in seiner Versuchs-

in diesem Beispiel einen Winkel von 35°, die

anordnung neun Winkelvariationen: 5°, 15°,

der ,,Kreuz"-Figur einen Winkel von 55°.

25°, 35°, 45°, 55°, 65°, 75° und 85°.

Die Versuchspersonen betrachteten eines der Stimulusmuster und wurden gebeten

spontan mitzuteilen, ob sie eine ,,Plus"-Figur, eine ,,Kreuz"-Figur oder keine Figur sehen

konnten. Fünf Messgrößen wurden dabei erhoben: 1. Erstes Erscheinen; 2. Zeitdauer der

figuralen Periode; 3. Zeitdauer der alternierenden ,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figuren in einer

figuralen Periode; 4. Relative Dominanz der ,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figuren; 5.

Variationskoeffizient der figuralen Periode. Diese werden im Folgenden genauer erläutert.


Figur/Grund Trennung

Seite 37

Erstes Erscheinen

­ Die dominante Figur wird in einer Umgebung reversibler Muster eher

entdeckt (Rubin, 1915). Der Winkel der Sektoren bzw. die Sektorenfläche hat einen großen

Einfluss darauf, welche der alternierenden Figuren gesehen wurde. Die Kurven der

Abbildung 3.4a demonstrieren, dass sowohl die ,,Plus"-Figur, als auch die ,,Kreuz"-Figur vor

allem dann zuerst entdeckt wurden, wenn sie den jeweils kleinsten intrafiguralen Winkel

aufwiesen. Je größer der Winkel einer Figur wurde, desto eher nahm ihre Dominanz ab. Die

Präferenz für ,,Plus"-Figuren gegenüber ,,Kreuz"-Figuren erklärten die Autoren durch den

Einfluss der verikal-horizontalen Position der ,,Plus"-Figur.

Zeitdauer der figuralen Periode

­ Die ununterbrochene Wahrnehmung der figuralen Periode

gelang dann am längsten, wenn der intrafigurale Winkel besonders schmal und die

Dominanz der Figur am höchsten war. Wurden die Sektorenwinkel vergrößert,

beschleunigte sich der Wechsel zwischen den Perioden und erfolgte bei einem

Sektorenwinkel von 45° am schnellsten.

Zeitdauer der alternierenden ,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figuren in einer figuralen Periode

­ Obwohl

die Wahrnehmungsperioden der alternierenden Figuren individuell sehr verschieden waren,

ähnelten sie sich in ihrer generellen Tendenz. Die Dominanzen der Figuren verhielten sich

invers zu ihren intrafiguralen Winkeln. Zwischen 45° und 65° hatten beide Figuren nahezu

die gleichen Werte, während ab einem Winkel von 65° die ,,Kreuz"-Figur eher dominiert

und unter 45° die ,,Plus"-Figur länger gesehen wurde.

Relative Dominanz der ,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figuren

­ Die relative Dominanz der ,,Plus"-

Figur beschreibt das Verhältnis der Zeitdauer der ,,Plus"-Figur zur ,,Kreuz"-Figur (zp/zk)

und die relative Dominanz der ,,Kreuz"-Figur das Verhältnis der Zeitdauer der ,,Kreuz"-

Figur zur ,,Plus"-Figur (zk/zp). Die Abbildung 3.4b verdeutlicht, dass die relative Dominanz

beider alternierender Figuren mit der Verringerung des intrafiguralen Winkels anstieg und

umgekehrt mit der Vergrößerung des intrafiguralen Winkels abnahm. Die Kurven schneiden

sich zwischen 55° und 65°, wobei in diesem Bereich keine Figur dominierte (

nondominant

zone

). Dieser nicht-dominante Bereich wurde ebenso bei der Messung zum ersten Erscheinen

einer ,,Plus"- oder ,,Kreuz" gefunden.


Figur/Grund Trennung

Seite 38

(a) Erstes Erscheinen (b) Relative Dominanz

100

Plus-Figur

3

Plus-Figur

90

Plus-Figur v

Kreuz-Figur

80

Kreuz-Figur

70

2

)

60

i
n
a
n
z

t

(
%

50

o
m

r
o
z
e
n

40

P

l
a
t
i
v
e

D

30

1

Re

20

10

0

0

15°

25°

35°

45°

55°

65°

75°

85°

5° 15° 25° 35° 45° 55° 65° 75° 85°

Winkel der Plus-Figur

Winkel der Plus-Figur

Abbildung 3.4:

(a) Die Abbildung zeigt die Frequenz des ersten Erscheinens als Figur. Die obere

Kurve repräsentiert die im Experiment beobachteten Messwerte. Der Einfluss der vertikal-

horizontalen Position wurde aus dem unteren Kurvenverlauf (Plus-Figur

v

) herausgerechnet.

(b) Relative Dominanz der ,,Plus"- Figur (zk/zp) und ,,Kreuz"-Figur (zp/zk) (modifiziert nach

Künnapas (1957)).

Variationskoeffizient der figuralen Periode

­ Der Variationskoeffizient der figuralen Periode

(,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figur) wurde ebenfalls zur Messung der figuralen Dominanz

herangezogen. Extreme Winkelgrade erhielten hier höhere Werte als die Winkelgrade des

mittleren Bereichs.

Oyama (1960) interessierte sich für Variablen, die für die figurale Gruppierung eines

visuellen Stimulussets als bedeutsam erscheinen: Sektorenfläche, Helligkeit, Farbton und

Orientierung. Als Stimulusmaterial verwendete er einen Kreis, der in sechs Sektoren

eingeteilt wurde. Drei Sektoren glichen sich in Farbton und Helligkeit und unterschieden

sich von den übrigen Sektroren, die sich ihrerseits wiederum bezüglich Farbton und

Helligkeit ähnelten (,,Kleeblattmuster"). Auf diese Weise war es möglich, zwei verschiedene

Formen (

-Form

und

-Form

) wahrzunehmen, die je nach Ausprägung der Variablen

entweder die im Vordergrund stehende Figur oder den Hintergrund bildeten (siehe

Abbildung 3.5).


Figur/Grund Trennung

Seite 39

-Form

-Form

Abbildung 3.5:

Beispiel eines ,,Kleeblattmuster" aus der Versuchsanordnung

Oyamas (1960) und beide möglichen Figurformen und

(modifiziert nach

Oyama (1960)).

Um den Zusammenhang zwischen Sektorenfläche und Figur-Dominanz zu untersuchen,

variierte Oyama systematisch die relativen Flächenanteile der Formen und . Auf grauem

Hintergrund wurden den Versuchpersonen die -Formen in schwarzer Farbe und die -

Formen in weißer Farbe präsentiert. Die Winkel der -Formen betrugen 10°, 20°, 30°, 40°, 50°,

55°, 60°, 65°, 70°, 80°, 90°, 100° und 110°. Die Winkel der -Formen änderten sich

dementsprechend: 110°, 100°, 90°, 80°, 70°, 65°, 60°, 55°, 50°, 40°, 30°, 20° und 10°. Die

Prozedur ähnelte der Künnapas (1957). Die Versuchspersonen wurden gebeten, die Mitte der

Fläche zu fixieren und sollten angeben, ob sie spontan eine weiße oder schwarze Figur

sahen.

Die Wahrscheinlichkeit, die -Form oder -Form als Figur wahrzunehmen, hing primär

von der Sektorengröße ab. Die jeweils kleineren Sektorenflächen (unterhalb 60°) wurden

eher als Figur gesehen, die jeweils größeren Sektorenflächen (oberhalb 60°) überwiegend als

Hintergrund. Die Dominanz der Figur war dann am größten, wenn der Sektorenwinkel am

kleinsten war, und nahm mit Vergrößerung des Sektorenwinkels nahezu linear ab. Dieser

Effekt war unabhängig von der Farbe der -Form oder -Form, wenngleich die weißen

Sektorenflächen generell etwas häufiger eine figurale Wirkung erzeugten als die dunklen.

Auch in neueren Untersuchungen konnte der Gestaltfaktor Flächengröße als

Segregationsfaktor bestätigt werden (z.B. Driver, Baylis & Rafal, 1992).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in der wahrnehmungspsychologischen

Forschung die Befunde bezüglich des Gestaltfaktors der Flächengröße in die gleiche


Figur/Grund Trennung

Seite 40

Richtung weisen: Wird ein Stimmulusmaterial mit unterschiedlich großen Flächenanteilen

präsentiert, so wird die kleinere Fläche als Figur und die größere Fläche als Hintergrund

wahrgenommen. Je größer der Unterschied in der Verteilung der relativen Flächenanteile,

desto eindeutiger und leichter ist dieser visuelle Gruppierungsprozess.

3.1.2 Neue Gestaltfaktoren

3.1.2.1 Watercolor effect

Der Aquarell-Effekt (

watercolor effect

) entsteht, wenn eine helle (z.B. orange) Kontur an eine

dunkle (z.B. lila) Kontur angrenzt (Pinna, 1987; Pinna, Brelstaff & Spillmann, 2001). Unter

dieser Bedingung scheint die helle Kontur ihre Farbe auf eine geschlossene, weiße Fläche zu

übertragen, so dass diese nun nicht mehr als Weiß, sondern in der Farbe der helleren Kontur

wahrgenommen wird. Dieser Effekt ist bei dünnen, geschwungenen Linien mit hohem

Kontrastunterschied gegenüber der Grundlage generell stärker als bei dicken, gerade

verlaufenden Linien, die eher kontrastarm sind. Blaue und rote Linien erzeugen dabei die

größte Wirkung. Auf weißem Untergrund breitet sich die Farbe deutlicher sichtbar aus, als

auf farbiger, grauer oder schwarzer Grundlage. Wird eine kleine weiße Lücke (

gap

) zwischen

den beiden Linien erzeugt, verringert sich der Farbeffekt oder ist nicht mehr zu beobachten.

Die Einfärbung der Fläche wirkt einheitlich und ist in 100ms abgeschlossen.

Abbildung 3.6:

Der Aquarell-Effekt (

watercolor effect

). Eine lilafarbene

Kontur wird von einer angrenzenden orangen Linie berührt. Der

Flächenzwischenraum scheint in einem leichten Orangeton (aus Pinna et

al. (2001)).


Figur/Grund Trennung

Seite 41

Pinna et al. (2003) bemerkten einen starken strukturellen Einfluss des Aquarell-Effekts auf

die Organisation von Figur und Grund, den sie mit den klassischen Gestaltfaktoren der

Nähe, gestaltgerechte Linienfortsetzung, Geschlossenheit, Symmetrie (Wertheimer, 1923),

konvexe Form (Rubin, 1915; Rubin, 1921), amodale Ergänzung (Kanizsa, 1979) und

Bedeutung (siehe Kapitel 3.1.1.3) kombinierten und kontrastierten. In ihren Experimenten

wurden den Versuchspersonen zunächst einige bekannte reversible Figuren gezeigt (z.B.

Versionen von Gesicht-Vase, Kaninchen-Ente, alte Frau-junge Frau) um sie mit den

Figur/Grund Begrifflichkeiten und Konzepten vertraut zu machen. Darauf wurden ihnen

jeweils fünf Variationen des Stimulusmaterials präsentiert: 1. lilafarbene Kontur (LK); 2. LK

mit orangem Rahmen (Wirkungsrichtung: kontra Gestaltgesetz); 3. LK mit orangem Rahmen

(gleiche Wirkungsrichtung); 4. LK mit dunkel-rotem Rahmen; 5. wie Nummer 2, jedoch

wurde die umschlossene Fläche mit der Farbe des orangem Rahmens aufgefüllt. Dieses

Material bewerteten sie zum einen bezüglich der erlebten Figur/Grund Präferenz der

verschiedenen Bereiche und gaben zum anderen die relative Feldstärke (Prozentangaben)

an, mit der eine Oberfläche als Figur wahrgenommen wurde.

In allen Experimenten zeigte sich, dass die strukturelle Wirkung der Gestaltfaktoren

durch den Aquarell-Effekt verstärkt werden konnte, wenn die Richtung der angenommenen

Effekte gleich waren (siehe 3.). Waren die Effekte gegenläufig, erfolgte die Gruppierung

zugunsten des Aquarell-Effekts (siehe 2.). In anderen Worten, was zuvor als Grund

wahrgenommen wurde, wurde nun als Figur gruppiert und vice versa. Der Aquarell-Effekt

hatte unter den beschriebenen experimentellen Bedingungen einen stärkeren Einfluss auf die

Figur/Grund Entscheidung als die klassischen Gestaltfaktoren. Die Ergebnisse sind

überblicksartig in Abbildung 3.7 dargestellt.

Obwohl Pinna et al. (2003) den Gestaltfaktor der Flächengröße nicht in ihre

Untersuchungen mitaufnahmen, kann die Konstruktion des Versuchsmaterials einen ersten

Hinweis darauf geben, wie sich der Aquarell-Effekt auf die Flächengröße auswirken könnte.

Das Versuchsmaterial besteht aus Flächen unterschiedlicher Größe, so dass neben dem

Faktor der Nähe auch der Faktor der Flächengröße wirksam sein könnte. Es ist denkbar, dass

die jeweils kleinere Fläche zur Figur und die jeweils größere Fläche zum Hintergrund

gruppiert werden würde. Auch hier würde der Effekt der Flächengröße verstärkt, wenn der

Aquarell-Effekt und der Effekt der Flächengröße dieselbe Richtung aufwiesen. Bei

gegenläufigem Effekt könnte der Aquarell-Effekt, wie bei den anderen klassischen

Gestaltfaktoren über dem Faktor Flächengröße dominieren.


Figur/Grund Trennung

Seite 42

Gestaltfaktor/Beschreibung

Stimulusmaterial

Ergebnisse

1. Nähe

Näher zusammenliegende

Elemente erscheinen als

zusammengehörig.

2. Gestaltger. Linienfortsetzung

Geschwungene und gerade

Linien werden so gruppiert,

als folgten sie dem einfachsten

Weg.

3. Geschlossenheit

Teile eine Stimulusmaterials,

die eine geschlossene Figur

bilden, erscheinen als

zusammengehörig.

4. Symmetrie

Symmetrische Formen bzw.

parallel verlaufende Kontur

erscheinen als

zusammengehörig.

Fortsetzung: siehe nächste Seite


Figur/Grund Trennung

Seite 43

Gestaltfaktor/Beschreibung

Stimulusmaterial

Ergebnisse

5. Konvexe Form

Konvexe Formen werden eher

als Figur wahrgenommen,

konkave Formen eher als

Grund.

6. amodale Ergänzung
(Scheinkontur)

Amodale Ergänzung ist kein

klassisches Prinzip der

Figur/Grund Separation,

spielt jedoch eine große Rolle

bezüglich der figuralen

Organisation der visuellen

Umgebung.

7. Bedeutung (Vertrautheit)

Wissen und Erfahrung leiten

perzepuelle Gruppierungs-

prozesse: Räume, die

sinnstiftend assoziiert werden,

erscheinen als zusammen-

gehörig.

Abbildung 3.7:

Überblicksartige Zusammenstellung der Ergebnisse der Experimente Pinnas et al.

(2003). Die untersuchten klassischen Gestaltfaktoren sind jeweils kurz beschrieben (modifizierte

Darstellung nach Pinnas et al. 2003).


Figur/Grund Trennung

Seite 44

3.1.2.2 Lower region

Vecera, Vogel & Woodman (2002) führten mit

(a)

(b)

der ,,unteren Region" (

lower region

) einen

weiteren Gruppierungsfaktor für Figur und

Hintergrund ein: Bereiche der unteren Position

wurden eher als Figur und dementsprechend

(c)

(d)

Bereiche der oberen Position eher als

Hintergrund wahrgenommen. In frühen

gestaltpsychologischen Abhandlungen wurde

dieses

Phänomen

bereits

ansatzweise

Abbildung 3.8:

Beispiele des verwendeten

Stimulusmaterials aus des Eperimenten

beschrieben,

es

wurden

jedoch

keine

Veceras et al. (2002). (a) und (c) zeigen die

empirischen

Untersuchungen

hierzu

horizontale Anordnung (oben-unten Figur),

(b) und (d) die vertikale Anordnung (links-

durchgeführt (Ehrenstein, 1930; Koffka, 1935;

rechts Figur).

Metzger, 1953). Zudem sind andere Gestaltprinzipien als Alternativerklärung für die von

Koffka (1935) und Metzger (1953) verwendeten Stimulusmaterialien denkbar. In den ersten

Experimenten Veceras et al. (2002) zum Effekt der unteren Region

(lower-region effect)

betrachteten die Versuchspersonen Figur/Grund Displays, die zwei aneinander

angrenzende Flächen zeigten (siehe beispielhaft Abbildung 3.8) und in horizontaler (oben-

unten) und in vertikaler Form (links-rechts) präsentiert wurden. Zuvor erhielten sie eine

Einführung zur Figur/Grund Wahrnehmung. Um Kontrast- und Farbeffekt zu kontrollieren,

wurden neben Rot-Grün Displays auch Schwarz-Weiß Displays verwendet. Sie wurden nun

gebeten zu entscheiden, welche der Flächen als die im Vordergrund stehende Figur

wahrgenommen wurde. In einem ersten Experiment war das Display sichtbar, bis die

Versuchspersonen antworteten; in einem zweiten Experiment wurde das Display für 150ms

dargeboten, um eine Beeinflussung des Effekts der unteren Region durch Präferenzen der

Augenbewegung für den unteren Bereich auszuschließen.

Die Ergebnisse belegen, dass Regionen in der unteren Position eines Figur/Grund

Displays mit hoher Wahrscheinlichkeit als Figur und die Regionen der oberen Position als

Hintergrund wahrgenommen werden. Diese Präferenz wurde bei vertikaler Anordnung

(links-rechts) der Flächen nicht beobachtet. Der Effekt der unteren Region wurde sowohl bei

Rot-Grün Displays, als auch bei Schwarz-Weiß Displays gefunden und wurde nicht von

Augenbewegungsmustern beeinträchtigt. Die verschiedenen Farbkombinationen hatten

keinen systematischen Einfluss auf die Flächen in vertikaler Anordnung. Vecera et al. (2002)


Figur/Grund Trennung

Seite 45

fanden den Effekt der unteren Region in weiteren Studien mit leicht variiertem Testmaterial.

In einem letzten Experiment ihrer Versuchsreihe führten Veceras et al. (2002)

Untersuchungen zur Präferenz der unteren Region mit Hilfe der

short-term visual matching

Methode (STVM) durch, die erstmals von Driver & Baylis (1996) angewendet wurde.

Instruktionen zur Figur/Grund Organisation und zum Kippbildcharakter des Bildmaterials

werden im Gegensatz zu anderen experimentellen Vorgehensweisen, die einen expliziten

Report der Versuchspersonen bezüglich der Wahrnehmung des Stimulusmaterials als Figur

oder Hintergrund verlangen, nicht benötigt (z.B. Peterson & Gibson, 1994; Pinna et al., 2003;

Strüber & Stadler, 1999; Vecera et al., 2002). Im Rahmen der STVM-Methode wurde den

Versuchspersonen zunächst ein Figur/Grund Display als Stimulusmaterial präsentiert

(Lerndisplay) und nach einem kurzen leeren Display die beiden Flächen erneut dargeboten

(Testdisplay). Die Versuchspersonen sollten nun entscheiden, welche der Flächen ihnen

zuvor gezeigt worden war. Es wird angenommen, dass die figurale Region eine stärke

Gedächtnisspur erzeugt und somit die Reaktionszeiten schneller werden, wenn die

nachfolgend präsentierte Fläche die der wahrgenommenen Figur gleicht. Die beiden Flächen

waren entweder horizontal oder vertikal angeordnet. Mit Hilfe der STVM-Methode konnte

ebenfalls der Effekt der unteren Region überprüft und erfolgreich nachgewiesen werden: Die

Zuordnung der unteren Region und der entsprechenden Fläche aus dem Testdisplay erfolgte

schneller als die der oberen Region. Auch war die Anzahl der falschen Zuordnungen bei der

unteren Fläche niedriger. Dieses Muster konnte nur bei horizontaler und nicht bei vertikaler

Flächenanordnung gefunden werden. Hulleman, Gedamke & Humphreys (2005) setzten die

Untersuchungen Veceras et al. (2002) fort, indem sie eine modifizierte Version der STVM-

Methode verwendeten und die Darbietungsdauer (50ms ­ 500ms) des mehrdeutigen Bildes

variierten (siehe Abbildung 3.9). Vor das Lerndisplay legten sie ein Primedisplay, das

entweder der oberen oder unteren Region entsprach und somit die Geschwindigkeit der

Entscheidung im folgenden Testdisplay beeinträchtigte. Ab einer Darbietungsdauer

zwischen 200ms und 350ms zeigte sich eine Präferenz für die untere Region, unabhängig

davon, ob der vorgeschaltete Prime aus der oberen oder unteren Region bestand. Die

Ergebnisse deuten weiterhin darauf hin, dass die Figur/Grund Separation ein sehr schnell

ablaufender Prozess ist und nach ca. 100ms abgeschlossen ist. Neurophysiologische Studien

zur Feuerrate einiger Zellen der V1 Region lassen ähnliche Schlüsse zu (Lamme, Zipser &

Spekreijse, 1998).


Figur/Grund Trennung

Seite 46

Testdisplay: 30,000ms

Leeres Display: 500ms

Lerndisplay: 50 ­ 500ms

Primedisplay: 100ms

500ms

Zeit

Abbildung 3.9:

Variation des Short-term visual matching (STVM): Primed short-

term visual matching. Nach dem Fixationspunkt wurde ein Primedisplay

eingefügt. Die Darbietungszeiten des Lerndisplays variierten zwischen 50 und

500ms (modifiziert nach Veceras et al. (2002)).

Die Ergebnisse Veceras et al. (2002) betonen die Bedeutung der Anordnung der

verschieden Flächen. Es wäre z.B. denkbar, dass im Falle eines dominanten Einflusses des

Faktors der Flächengröße die große Fläche als Figur gruppiert wird, wenn sie den unteren

Bereich eines Stimulusmaterials ausfüllt und die kleine Fläche als Hintergrund gesehen

wird, wenn sie den oberen Teil belegt. Umgekehrt könnte im Falle eines Dominanten

Einflusses der Flächengröße die große Fläche des unteren Bereichs als Hintergrund

wahrgenommen werden und die kleine Fläche des oberen Bereiches als Figur.

3.1.2.3 Top-bottom polarity

Das Phänomen der Top-bottom Polarität

(top-bottom polarity)

beschreibt ein neues

Wahrnehmungselement zur Figur/Grund Unterscheidung. Hulleman und Humphreys

(2004) stellten fest, dass Objekte mit breitem Fundament und schmaler Spitze eher als Figur

wahrgenommen und umgekehrt Objekte mit schmalem Fundament und breiter Spitze eher

als Hintergrund gesehen werden. Als Stimulusmaterial verwendeten sie abstrakte Formen,

die übereinander gestapelten schmalen Rechtecken unterschiedlicher Breite glichen (siehe

Abbildung 3.10). Die Formen waren so konstruiert, dass sie entweder zwei lange horizontale

Elemente in ihrem Fundament und zwei kurze horizontale Elemente in ihrer Spitze (

wide

base

; beite Basis) oder zwei kurze horizontale Elemente in ihrem Fundament und zwei lange

horizontale Elemente in ihrer Spitze (

wide top;

breite Spitze) trugen. Hulleman und

Humphreys führten vier Experimente zur Top-bottom Polarität durch.

In einem ersten Experiment päsentierten sie ihren Versuchspersonen umkehrbare

Figur/Grund Displays, die beispielhaft in Abbildung 3.10 dargestellt sind. Sowohl die

Formen mit breiter Basis (wide base) als auch die Formen mit breiter Spitze (wide top)


Figur/Grund Trennung

Seite 47

wurden jeweils in weißer Farbe und in schwarzer Farbe vorgelegt. Die Versuchspersonen

wurden gebeten zu entscheiden, ob sie die weiße oder die schwarze Region als Figur

erkannten. In allen vier gezeigten Diplays wurden zu einem hohem Prozentsatz die Wide-

base Formen als Figur interpretiert (89%, 76%, 84% und 71%) und unterschieden sich

signifikant von 50% (

p

< .001).

Das zweite Experiment bestand aus einer

STVM Aufgabe (siehe Kapitel 3.1.2.2). Auf dem

Lerndisplay war eine umkehrbare Figur/Grund

Relation mit einer schwarzen und einer weißen

Region dargestellt. Die schwarze Region

bestand aus einer Wide-base Form während

gleichzeitig die weiße Region von einer Wide-

top Form dargestellt wurde und vice versa. Als

Testdiplay wurde eine

nicht

umkehrbare Figur

präsentiert, deren Ränder entweder der Wide-

base Form oder der Wide-top Form glichen. Wie

erwartet

zeigte

sich

eine

schnellere

Reaktionszeit bei figuralen Übereinstimmungen,

wenn es sich im Lerndisplay um eine Wide-base

Form

handelte,

verglichen

mit

den

Reaktionszeiten der Wide-top Form. Dies wird

Abbildung 3.10:

Stimmulusmaterial des

ersten Experiment von Hulleman &

erneut als starker Beleg für die Idee der Top-

Humphreys (2004).

bottom Polarität gewertet.

In Experiment 3 und 4 verwendeten sie eine neue Methode, die die Elemente der

expliziten Reportmethode, bei der die Versuchpersuchs-personen auf die Reversibilität der

Figur/Grund Formen hingewiesen werden und die Elemente der impliziten STVM Methode,

in der kein expliziter Hinweis erfolgt, miteinander verbindet: die figurale Suchaufgabe

(

figural search task

)4. Die Versuchspersonen wurden gebeten, symmetrische Zielitems

aufzufinden, die von asymmetrischen Distraktoritems umgeben waren. Die Experiment 3

und 4 unterschieden sich dahingehend, dass den Versuchspersonen die Farbe der Zielitems

(schwarz oder weiß vor grauem Hintergrund) bekannt war oder nicht. In beiden

4 Eine ausführliche Beschreibung der figuralen Suchaufgabe (

figural search task

) findet sich bei

Hulleman & Humphreys (2004).


Figur/Grund Trennung

Seite 48

Experimenten zeigte sich eine längere Reaktionszeit und höhere Fehlerrate für Wide-top

Formen, wodurch erneut die Top-bottom Polarität als separatives Merkmal bestätigt werden

konnte.

3.2 Zusammenfassung

In diesem Kapitel wurden klassische Gestaltfaktoren (Symmetrie, Orientierung, Bedeutung

und Flächengröße) und neue Gestaltfaktoren (Aquarell Effekt, Untere Region und Top-

bottom Polarität) beschrieben, die für die Figur/Grund Trennung von besonderer

Bedeutung sind. Zentrales Interesse dieses Kapitel galt dem Gestaltfaktor der Flächengröße.

Die Befunde zeigen einheitlich, dass die kleine Fläche als Figur und die große Fläche als

Hintergrund wahrgenommen wird.

Seit einiger Zeit finden sich auch neurophysiologische Studien, die sich mit den

Gestaltphänomenen beschäftigen. Hier zeigte sich, dass Neuronen des primären visuellen

Kortex (area V1) auf Figur/Grund Relationen zu reagieren scheinen. Bezüglich des

Gestaltfaktors der Flächengröße ergab sich folgendes Antwortmuster der Neuronen:

Neuronen, deren rezeptive Felder auf der Figur lagen, antworteten mit einer schnelleren

Frequenz als Neuronen, deren rezeptive Felder auf den Hintergrund gerichtet waren

(Lamme, 1995; Zipser, Lamme & Schiller, 1996). Diese erhöhte figurale Sensitivität der V1

Neuronen konnte auch bei anderen Gestaltfaktoren nachgewiesen werden (Zipser et al.,

1996).


Eigene Untersuchung

Seite 49

4 Eigene Untersuchung

4.1 Herleitung und Fragestel ung

Wie wird eine Person zu einem salienten Reiz und steht im Fokus der Aufmerksamkeit?

Eigenschaften verschiedener Altersstereotypen können durch perzeptuelle und konzeptuelle

Merkmale hervorstechen. Für die Wahrnehmung und Bewertung der Merkmale ist der

aktuelle Kontext ausschlaggebend, da hierdurch erst Vergleichsprozesse möglich werden

und somit Ähnlichkeiten und Unterschiede erkannt werden. Auf perzeptueller Ebene ist eine

Person besonders dann salient, wenn sie in einem spezifischen Kontext durch Unterschiede

(z.B. Helligkeit, Komplexität, Neuartigkeit oder Bewegung) oder Ähnlichkeiten (z.B.

age

markers

) eine Figur formt. Ein Mann mit weißen Haaren würde sich z.B. von einer Gruppe

von Männern mit schwarzen Haaren abheben. Ebenso würde ein alter Mann aus einer

Gruppe von Jugendlichen deutlich hervorstechen. Als Markiervariablen für eine alte Person

(

age markers

) gelten insbesondere das Sprechverhalten, das Gesicht, eine gebeugte Haltung

und langsame Gangart (Filipp & Mayer, 1999). Auf konzeptueller Ebene ist sie besonders

dann salient, wenn sie für den Betrachter eine gewisse Relevanz besitzt (

significant others

)

oder kategorial relevante Eigenschaften aufweist, die im Fokus stehen. Ob ein alter Mensch

als salienter Reiz in einem sozialen Kontext wahrgenommen wird, hängt dabei im

Wesentlichen von zwei Faktoren ab: Erstens von seiner Ähnlichkeit zum Altersstereotyp

durch erwartungskonformes Verhalten und zweitens von seiner Unähnlichkeit zum

Altersstereotyp durch erwartungskonträres Verhalten. Personale Salienz kann also als

vergleichendes Aufmerksamkeitsphänomen beschrieben werden, wobei wahrgenommene

Merkmale der Situation mit der eigenen mentalen Repräsentation des Altersstereotyps

verglichen werden. Eine Frage, die bei diesem Abgleich beantwortet wird, lautet etwa: ,,Ist

die Eigenschaft typisch oder untypisch für einen alten Menschen?"

Im Folgenden werden vier Studien von Wehr (2005) zum Bewusstsein bei sozialer

Informationsverarbeitung der eigenen Untersuchung vorangestellt, um deren Logik und

Aufbau der besser nachvollziehen zu können. Die vorliegende Arbeit knüpft an diese

Untersuchungsreihe, deren Hauptziel darin bestand, Effekte kategorieller Salienz auf das

subjektive Erinnerungsbewusstein für Personeneigenschaften zu untersuchen und

konstruktive Figur/Grund Prozesse als zugrundeliegende Mechanismen darzustellen, an

und versucht diesen Ansatz weiter auszudifferenzieren, indem speziell auf Effekte der


Eigene Untersuchung

Seite 50

Figur/Grund Determinate

Flächengröße

eingegangen wird. Es werden jene Ergebnisse

referiert, die für die eigene Thematik relevant erscheinen.

4.1.1 Wehr (2005); Experiment 1

Ziel des ersten Experiments war die Abbildung des Erinnerungsbewusstseins bei

konzeptuell salienten Eigenschaften.

In der Lernphase wurde den Versuchspersonen eine zu lernende Liste mit 45 Wörtern

dargeboten, die zu je einem Drittel aus alters-konsistenten, neutralen und alters-

inkonsistenten Eigenschaftswörtern bestand. Zur Manipulation der konzeptuellen Salienz

wurde das experimentelle Setting in zwei Bedingungen unterteilt. In der Bedingung

Typizität sollte auf einer fünfstufigen Skala eingeschätzt werden, inwieweit eine Eigenschaft

als typisch bzw. untypisch für einen alten Mann (Rentner) angesehen werden kann (hohe

konzeptuelle Salienz). In der Bedingung Konkretheit wurden die Versuchspersonen ohne

Verweis auf das Altersstereotyp gebeten, das jeweilige Eigenschaftswort auf einer

fünfstufigen Skala als konkret oder abstrakt einzustufen (niedrige konzeptuelle Salienz).

Nach einer Distraktorphase und Instruktionen zum Remember/Know Paradigma wurde ein

Rekognitionstest durchgeführt. Hier sollten sie beurteilen, ob das Wort zuvor in der

Lernphase präsentiert worden war oder nicht (Alt/Neu Entscheidung) und im Falle der Alt-

Entscheidung den Bewusstseinszustand (,,erinnert", ,,gewusst" oder ,,geraten") angeben.

Es wurden innerhalb der Bedingung Konkretheit keine Unterschiede für die

Wortkategorien alters-konsistent, neutral und alters-inkonsistent in der Vergabe der

metagkognitiven Urteile gefunden. Wie erwartet zeigte sich der Effekt der konzeptuellen

Salienz des Altersstereotyps nur in der Bedingung Typizität. Hier wurden alters-konsistente

und alters-inkonsistente Wörter häufiger ,,erinnert" als neutrale. Da alters-konsistente und

alters-inkonsistente Wörter gleich häufig ,,erinnert" wurden, erscheint es unwahrscheinlich,

den Effekt auf materialspezifische Eigenschaften zurückzuführen. Stattdessen war der

Rahmen des Enkodierkontextes entscheidend. Wurden die Wörter im Rahmen der

Typizitätsbedingung verarbeitet, konnte eine selektive Fokussierung der Aufmerksamkeit

gemäß der Figur/Grund Trennung stattfinden. Somit war es möglich, alters-konsistente

sowie alters-inkonsistente Wörter zur salienten Figur vor dem Hintergrund der neutralen

Wörter zu gruppieren. Hinsichtlich des Bewusstseinzustands Wissen ergab sich nur ein

Effekt des neutralen Wortmaterials, das eher ,,gewusst" als ,,erinnert" wurde.


Eigene Untersuchung

Seite 51

Zusammenfassung: Effekte der konzeptuellen Salienz wurden nur in der Bedingung

Typizität beobachtet. Alters-konsistente und alters-inkonsistente Wörter wurden eher

,,erinnert", neutrale Wörter wurden eher ,,gewusst".

4.1.2 Wehr (2005); Experiment 2

Ziel des zweiten Experiments war eine nähere Untersuchung der Figur/Grund Hypothese

durch eine Neukombination der Wortkategorien. Zusätzlich wurde der Einfluss von

Personenvariablen auf das Erinnerungsbewusstsein durch Fragebögen erfasst.

In der Lernphase wurden 36 Wörter mit 18 alters-konsistenten und 18 alters-

inkonsistenten Eigenschaftswörtern verwendet, die hinsichtlich ihrer Typizität bewertet

werden sollten. Der Versuchsablauf glich im Kern dem des ersten Experiments (siehe

4.1.1.1). Es wurde lediglich die Wortkategorie ,,neutrale Wörter" entfernt, sowie in der

Distraktorphase zwei zusätzliche Fragebögen zur Erfassung der kognitiven

Verarbeitungstendenzen (intuitiv vs. rational) und des impliziten Menschenbilds (Entität vs.

Entwicklung) präsentiert. Nach der Bearbeitung der Fragebögen wurde das

Remember/Know Paradigma vermittelt und ein Rekognitionstest durchgeführt, in dem

analog zu Experiment 1 Alt/Neu Entscheidungen zu treffen und metakognitive Urteile zu

fällen waren.

Die Rekognitionsrate fiel für alters-konsistente und alters-inkonsistente Wörter gleich aus,

wenngleich auf Seiten der alters-konsistenten Wörter mehr falsche Alarme zu finden waren.

Ein Unterschied zum ersten Experiment, in dem alters-konsistente und alters-inkonsistente

Wörter mit gleicher Geschwindigkeit verarbeitet wurden, lässt sich aus den Reaktionszeiten

herauslesen: Alters-konsistente Wörter wurden nun schneller bewertert als alters-

inkonsistente Wörter. Die Ergebnisse auf metakognitiver Ebene sind in Abbildung 4.1

dargestellt: Alters-konsistente Wörter wurden eher ,,erinnert" als alters-inkonsistente

Wörter, während alters-inkonsistente Wörter eher ,,gewusst" wurden. Alters-konsistente

Wörter wurde zudem häufiger ,,erinnert" als ,,gewusst". Die Rate der ,,geraten"-Urteile fiel

für beide Wortkategorien gleich aus.


Eigene Untersuchung

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erinnert

gewusst

geraten

Abbildung 4.1:

Mittlere Antwortwahrscheinlichkeiten bei den metakognitiven Urteilen

(,,erinnert", ,,gewusst", ,,geraten") in Abhängigkeit der Wortart.

Die Ergebnisse lassen vermuten, dass der veränderte Kontext (Wegfall der neutralen

Wortkategorie) zu einer Neuorganisation von Figur und Hintergrund führte. Anstelle der

neutralen Wörter wurden nun die alter-inkonsistenten Wörter als Hintergrund

wahrgenommen und allein die alters-konsistenten Wörter zur Figur gruppiert. Im Kontext

einer stereotypenbezogenen Aufgabe gestaltete sich das Abruferleben je nach Art der

Wortzusammenstellung in Experiment 1 und Experiment 2 unterschiedlich. Wehr nennt dies

das

Prinzip der relativen Salienz

(Wehr, 2005; p. 130).

Zusammenfassung: Zur weiteren Überprüfung der Figur/Grund Hypothese und der

Effekte der relativen Salienz wurden die Wortkategorien neu kombiniert, indem die

neutralen Wörter aus der Versuchsanordnung entfernt wurden. Bei salinentem

Alterssterotyp wurden alters-konsistente Wörter eher ,,erinnert" und als Figur

wahrgenommen, während alters-inkonsistente Wörter eher ,,gewusst" wurden und den

Wahrnehmungshintergrund bildeten.


Eigene Untersuchung

Seite 53

4.1.3 Wehr (2005); Experiment 3

Ziel des dritten Experiments war die genauere Überprüfung der Figur/Grund Hypothese

durch Verschiebung des Aufmerksamkeitsfokus. Darüber hinaus wurden Inhaltsanalysen

zum Bewusstseinszustand ,,erinnern" durchgeführt und überprüft, ob und inzwieweit

Effekte der Transfer angemessenen Verarbeitung (

transfer appropriate processing

; TAP) ohne

Verfügbarkeit von Sekundärinformationen (z.B. Alter) das Erinnerungbewusstsein

beinflussen.

In der Lernphase bearbeiteten die Versuchspersonen 18 alters-konsistente und 18 alters-

inkonsistente Adjektive in einer von vier Bedingungen: 1.

Typitzität:

Wie im ersten und

zweiten Experiment sollte die Typizität der Wörter hinsichtlich des Altersstereotyps

bewertet werden; 2.

Untypizität:

In der zweiten Bedingung sollte die Untypizität der

Adjektive eingeschätzt werden, d.h. für wie untypisch werden die Eigenschaften in Bezug

auf das Altersstereotyp gehalten wurden; 3.

Konkretheit:

Diese Bedingung entsprach der

Konkretheitsbedingung des ersten Experiments; 4.

Ästhetik des Schriftbilds:

Die

Versuchspersonen wurden gebeten, die typografischen Merkmale verschiedener Schriftarten

hinsichtlich ihrer Ästhetik zu beurteilen. Hierdurch sollte die Wahrscheinlichkeit der

Verarbeitung durch perzeptuelle Prozesse erhöht werden. Im Anschluss an die darauf

folgende Distraktorphase wurde analog zum ersten und zweiten Experiment ein

Rekognitionstest durchgeführt. Abschließend wurde der subjektive Abrufkontext mit Hilfe

von inhalts-, verhaltens- und erlebnisbezogenen Aussagen, die es auf einer fünfstufigen

Skala einzugeschätzt galt, erhoben (z.B. ,,

Ich habe die die Wörter überwiegend deshalb erinnert,

weil ich die meisten Wörter noch genau vor Augen hatte"

).

Unterschiede in den Trefferraten konsistenter und inkonsistenter Wörter wurden nicht

entdeckt. Effekte der konzeptuellen Salienz wurden nur in den Bedingungen Typizität und

Untypizität gefunden und blieben in den Bedingungen Konkretheit und Ästhetik des

Schriftbilds aus. Wie im zweiten Experiment wurden in der Bedingung Typizität alters-

konsistente Wörter häufiger mit ,,erinnert"-Urteilen belegt als alters-inkonsistente Wörter,

die im Gegensatz zu alters-konsistenten Wörtern eher ,,gewusst" wurden. Bei einem Wechsel

des Bewertungsfokus kehrte sich dieser Effekt um: In der Bedingung Untypizität wurden

alters-inkonsistente Wörter häufiger mit ,,gewusst"-Urteilen versehen als alters-konsistente,

die im Gegensatz zu alters-inkonsistenten Wörtern eher ,,erinnert" wurden. Die Rate der

,,geraten"-Urteile unterschied sich nicht. Die Ergebnisse sind in Abbildung 4.2 dargestellt.


Eigene Untersuchung

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Typiziät

Untypizität

Typiziät

Untypizität

,,ERINNERN" ,,WISSEN"

Abbildung 4.2:

Mittlere Antwortwahrscheinlichkeiten bei den metakognitiven Urteilen

(,,erinnert", ,,gewusst") in Abhängigkeit der Wortart und dem Beurteilungsfokus in der

Lernphase (Typizität vs. Untypizität).

Zusammenfassung:

Wie

schon

im

zweiten

Experiment

wurden

in

der

Typitztätsbedingung alters-konsistente Wörter eher ,,erinnert" als alters-inkonsistente, die

im Unterschied dazu eher ,,gewusst" wurden. In der Untypizitätsbedingung kehrte sich

dieses Muster um: Alters-inkonsistente Wörter wurde eher ,,erinnert" als alters-konsistente

Wörter, die eher ,,gewusst" wurden. Diese Umkehrung des Erinnerungserlebens bei einem

Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus wird als starkes Argument zugunsten der Figur/Grund

Hypothese angeführt.


Eigene Untersuchung

Seite 55

4.1.4 Wehr (2005); Experiment 4

Das Ziel des vierten Experiments war eine weitere Überprüfung der Figur/Grund

Hypothese bei der Verarbeitung von Personeneigenschaften mit Hilfe von perzeptuellen

Aufgabestellungen.

In der Lernphase bearbeiteten die Versuchspersonen drei Wörtsuchrätsel, in denen jeweils

fünf alters-konsistente und fünf alters-inkonsistente Eigenschaftswörter verborgen waren. Es

wurde darauf geachtet, dass sowohl die alters-konsistenten Wörter eine sinnvolle Figur (alter

Mensch), als auch die alters-inkonsistenten Wörter eine homogene Figur (junger Mensch)

bildeten. Um ein bestimmtes Altersstereotyp in den Aufmerksamkeitsfokus zu rücken,

wurde über den Rätseln das Bild eines alten Menschen (alters-salientes Rätsel), eines jungen

Menschen (jugend-salientes Rätsel) oder ein neutrales Bild (neutrales Rätsel) platziert. Die

Versuchspersonen wurden gebeten, die versteckten Eigenschaftswörter so schnell wie

möglich zu finden. In der Distraktorphase bearbeiteten sie einen kurzen

Persönlichkeitsfragebogen und erhielten Instruktionen zur Unterscheidung zwischen

,,Erinnern" und ,,Wissen". Anschließend wurden ihnen in der Testphase die Bilder der

Lernphase erneut vorgelegt. Ihre Aufgabe bestand darin, sich die Wörter aus der ersten

experimentellen Phase ins Gedächtnis zu rufen und sie denjenigen Bildern zuzuorden, in

deren Kontext sie zuvor präsentiert worden waren. Zudem wurden sie gebeten die Wörter

mit ,,erinnert"- oder ,,gewusst"-Urteilen zu versehen.

Suchzeiten ­

Die Ergebnisse der Lernphase zeigten, dass innerhalb des alters-salienten

Rätsels alters-konsistente Wörter schneller als alters-inkonsistente Wörter gefunden wurden,

während sich die Suchzeiten in den neutralen Rätseln nicht unterschieden. Ein Vergleich des

alters-salienten und des neutralen Rätseln offenbarte ein schnelleres Auffinden der alters-

konsistenten Wörter innerhalb des alters-salienten Rätsels. Ein spielgelbildlicher Effekt ergab

sich bei dem Vergleich des jugend-salienten Rätsels mit dem neutralen Rätsel: Hier

verlängerten sich die Suchzeiten für alters-konsistente Wörter im jugend-salienten Rätsel

(siehe Abbildung 4.3).


Eigene Untersuchung

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alters-konsistent

alters-inkonsistent

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neutral

alt

jung

Abbildung 4.3:

Mittlere Suchzeiten pro Wort bei den Suchrätsel ,,neutral", ,,alt" und ,,jung" in

Abhänigkeit der Wortart (in Sekunden).

Im Folgenden wird auf die Ergebnisse der Testphase etwas genauer eingegangen, um die

Vergleichbarkeit mit den eigenen Untersuchungsergebnissen zu ermöglichen. Von Interesse

sind die Daten der Variablen Reproduktionsleistung (falsch und richtig zugeordnete Wörter,

frei erfundene Wörter) und metakognitives Urteil (,,erinnert", ,,gewusst").

Allgemeine Gedächtnisleistung

­ Durchschnittlich wurden 19.5% (

SD

= 9.8; davon 12%

,,erinnert", 7.5% ,,gewusst") bzw. 24.1% (

SD

= 9.5; inklusive falsch zugeordneter Wörter)

erinnert.

Reproduktion

­ Die Reproduktionsleistung der richtig zugeordneten Wörter fiel in dem

alters-salienten und jugend-salienten Rätsel verglichen mit dem neutralen Rätsel signifikant

besser aus. Den salienten Rätseln wurden generell mehr Eigenschaften fälschlicherweise

zugeordnet als dem neutralen Rätsel. Im Falle des salienten Altersstereotyps betraf dies vor

allem alters-konsistente Wörter. Bei salientem Jugendstereotyp waren es vor allem alters-

inkonsistente Wörter. Ebenso wurden zu den salienten Rätseln mehr Wörter frei erfunden

als zum neutralen Rätsel. Bei dem alters-salienten Rätsel waren dies wiederum mehr alters-


Eigene Untersuchung

Seite 57

konsistente als alters-inkonsistente Wörter. Bei dem jugend-salienten Rätsel waren es

tendenziell eher die alters-inkonsistenten Wörter.

Metakognitives Urteil

­Sowohl im alters-salienten Rätsel als auch im jugend-salienten Rätsel

wurden im Vergleich zum neutralen Rätsel bei richtiger Zuordnung signifikant mehr

,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteile vergeben. Bei diesen Wörtern erhöhte sich die ,,erinnert"-

und ,,gewusst"-Rate in der Salienzbedingung (Altersstereotyp bzw. Jugendstereotyp) bei

alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörtern gegenüber dem neutralen Rätsel in

gleicher Weise. Falsch zugeordnete Wörter ließen sich dann häufiger in dem alters-salienten

Rätsel als in dem neutralen finden, wenn es sich um ,,erinnerte" alter-konsistente Wörter

handelte. Alters-inkonsistente Wörter unterschieden sich nicht zwischen diesen

Bedingungen. Auch wurden fälschlicherweise häufiger ,,gewusste" Wörter dem alters-

salienten Rätel als dem neutralen Rätsel zugeordnet. Hier handelte es sich vermehrt um

alters-konsistente Wörter. Auf Seiten des Jugendstereotyps wurden falsch zugeordnete

alters-inkonsistente Wörter häufiger ,,erinnert" als alters-konsistente Wörter. Die Wörter, die

dem jugend-salienten Rätsel falsch zugeordnet wurden, wurden häufiger mit ,,gewusst"-

Urteilen versehen als die Wörter des neutralen Rätsels. Sowohl im alters-salienten als auch

im neutralen Rätsel wurden dann mehr alters-konsistente als alters-inkonsistente Wörter frei

erfunden, wenn sie ,,erinnert" wurden. Ein Vergleich für frei erfundene Wörter zwischen

jugend-salienten und neutralem Rätsel ergab folgendes signifikantes Ergebnis: Bei jugend-

salientem Rätsel wurden mehr ,,gewusst"-Urteile abgegeben als bei dem neutralen Rätsel.

Die Ergebnisse der vorangestellten Experimente verdeutlichen einheitlich, dass das

Erinnerungsbewusstsein für personale Eigenschaften nach den Gesetzmäßigkeiten

konstruktiver Figur/Grund Prozesse organisiert ist. Dabei werden bei salientem

Personenschema des Altersstereotyps alters-konsistente Eigenschaften als Figur gruppiert

und mit dem Bewusstseinszustand ,,Erinnern" verknüpft. Alters-inkonsistente Eigenschaften

formen den Hintergrund und gehen mit dem Bewusstseinszustand ,,Wissen" einher. Wehr

(2005) führt zusammenfassend folgende Belege an:

Erstens:

Unterschiedliche Wortkombinationen bedingen Unterschiede bei ,,Erinnern" und

,,Wissen"

. Alters-konsistente Wörter und alters-inkonsistente Wörter werden nur dann zur

Figur gruppiert, wenn sie zusammen mit neutralen Wörtern präsentiert werden. Wird die

Wortkategorie ,,neutrale Wörter" entfernt, werden nur noch die alters-konsistenten Wörter

zur Figur geformt. Wie zuvor die neutralen Wörter bilden nun die alters-inkonsistenten

Wörter den Hintergrund. Figurale Wörter werden eher ,,erinnert", Hintergrundwörter


Eigene Untersuchung

Seite 58

werden eher ,,gewusst". Der Figur scheint also mehr Aufmerksamkeit zuteil zu werden und

somit ein lebhafterer Gedächtniszugang möglich.

Zweitens:

,,Erinnert"/,,Gewusst"-Verteilungen können durch Verschiebung des Aufmerk-

samkeitsfokus umgekehrt werden.

Durch Umlenkung der Aufmerksamkeit wird der für

Figur/Grund Phänomene typische Kippbild-Charakter auch bei Personeneigenschaften

deutlich. Wenn der Fokus auf der zu bewertenden Typizität liegt, werden alters-konsistente

Wörter zur eher lebhaft ,,erinnerten" Figur und alters-inkonsistente Wörter zum weniger

detailreich ,,gewussten" Hintergrund. Bei Bewertung der Untypizität kehrt sich dieses Bild

um.

Drittens:

Die Figur wird immer als detailreicher wahrgenommen als der Hintergrund.

Alters-

konsistente Wörter werden detailreicher enkodiert, wenn ihre Typizität bezüglich eines

Altersstereotyps eingeschätzt werden soll und werden mit mehr ,,erinnert"-Urteilen

versehen.

Viertens:

Konsistente Wörter werden sowohl im Rekognitionstest, als auch im Cued Recall Test bei

hoher Alterssalienz lebhafter erinnert (erhöhte ,,erinnert"-Rate).

In Experiment 4 wurden zudem

Effekte konzeptueller Salienz mit einer perzeptuellen Aufgabe hervorgerufen. Die kognitive

Präsenz des Altersstereotyps war auch hier Voraussetzung für die Figur/Grund

Konstruktion. Bei salientem Altersstereotyp verkürzten sich die Suchzeiten für alters-

konsistente Wörter, die die Figur formten.

4.1.5 Eigenes Experiment

Analog zu Wehr (2005; Exp. 4), wurde in dem vorliegenden Experiment eine perzeptuelle

Aufgabenstellung in Form eines Wortsuchrätsels geschaffen, um sich den Bedingungen der

in der Gestaltpsychologie verwendeten Versuchsmaterialien möglichst anzunähern. In den

Stimulusmaterialien der Gestaltpsychologen wurden die möglichen Wahrnehmungsformen

(hier: kleine und große Fläche) gleichzeitig dargeboten. Innerhalb des Wortsuchrätsels

wurde dies durch simultane Präsentation der alters-konsistenten und alters-inkonsistenten

Eigenschaftswörter sowie der Anordnung von wenigen Wörtern in einer kleinen Fläche und

vielen Wörtern in einer großen Fläche des Rätsels erreicht (siehe Abbildung 4.4; Kapitel

4.3.2). Es wurde darauf geachtet, das die Konstruktion der verschiedenen Stereotype in

beiden Flächen möglich war. Darüber hinaus wurden zum einen die Wörter mit dem Bild

eines alten oder jungen Mannes und einem expliziten Hinweis auf das jeweilige Stereotyp

(hohe Salienz) dargeboten, um den Fokus der Aufmerksamkeit auf ein Alters- oder


Eigene Untersuchung

Seite 59

Jugendstereotyp zu lenken, zum anderen wurden die Wörter mit einem neutralen Bild

(niedrige Salienz) präsentiert. Um den Salienzeffekt zu Messen wurden mittleren Suchzeiten

der alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörter sowie die mittleren Suchzeiten der

Wörter aus der kleinen und großen Fläche ermittelt. Wehr (2005) konnte zeigen, dass sich die

Suchzeiten in Abbhängigkeit des Wahrnehmungsfokus unterscheiden. Figural gruppierte

Elemente konnten schneller entdeckt werden als die Elemente des Hintergrunds. Ein

Suchvorteil für kleinere Flächen in Figur/Grund Settings konnte kürzlich in Tierversuchen

nachgewiesen werden (Lazarva, Castro, Vecera & Wasserman, 2006). Somit wurde

angenommen, dass die Wörter der kleiner Fläche, die als Figur wahrgenommen werden

sollten (siehe Kapitel 3.1.1.4), schneller gefunden werden, als die Wörter der großen Fläche.

In den Untersuchen von Wehr (2005) wurden figurale Wörter häufiger ,,erinnert" als die

Wörter des Hintergrunds. Ein ähnlicher Effekt wird in der vorliegenden Untersuchung

erwartet: Wird die kleine Fläche als Figur gesehen, sollten diese häufiger mit einem

,,erinnert"-Urteil versehen werden als die Wörter der großen Fläche, die als Hintergrund

wahrgenommen werden sollten.

Die Daten des Cued Recall Test wurden nach korrekter und falscherZuordnung aufgeteilt

und getrennt betrachtet. Bei Wehr (2005, Exp. 4) wurden durch die Etikettierung der Rätsel

die korrekte Zuordnung von Eigenschaften zu dem jeweiligen Stereotyp begünstigt,

gleichzeitig wurden diesen Rätseln häufiger falsche stererotypenkonstistene Eigenschaften

zugeordnet. Es zeigte sich, das eine korrekte Zuordnung eher mit ,,erinnert"-Urteilen

verknüft war und ein falsche Zuordnung eher mit ,,gewusst"-Urteilen belegt wurde. Diese

Effekte sollten in dem vorliegendem Experiment repliziert werden können.


Eigene Untersuchung

Seite 60

4.2 Hypothesen

Für das Auffinden der Wörter im Wortsuchrätsel der Lernphase wurden die abhängigen

Variablen

Suchzeiten

und

Rangplätze

verwendet. In der Testphase waren es

reproduzierte

Wörter

(korrekt und falsch zugeordnet),

frei erfundene Wörter

und

metakognitive Urteile

(,,erinnert" und ,,gewusst").

4.2.1 Lernphase

Hypothese 1

Suchzeiten und Rangplätze

H1a: In dem alters-salienten Rätsel (mit kleiner Fläche bestehend aus alters-konsistenten

Wörtern) sollten aufgrund der Stereotypenaktivierung und der kleineren Fläche der

alters-konsistenen Wörter die alters-konsistenten schneller gefunden werden als die

alters-inkonsistenten Wörter bzw. alters-konsistente Wörter des neutralen Rätsels.

H1b: In den neutralen Rätseln sollten alters-konsistente Wörter schneller gefunden werden,

wenn sie die kleinere Fläche bilden, als alters-inkonsistente Wörter, wenn sie die

große Fläche bilden. Ebenso sollten alters-inkonsistente Wörter schneller gefunden

werden, wenn sie die kleinere Fläche bilden, als alters-konsistente Wörter, wenn sie

die große Fläche bilden.

H1c: In dem alters-salienten Rätsel (mit kleiner Fläche bestehend aus alters-inkonsistenten

Wörtern) sollten alters-konsistente Wörter aufgrund der Stereotypenaktivierung

schneller gefunden werden als alters-inkonsistente Wörter. Sollte der Einfluss der

kleineren Fläche bedeutsamer als die Stereotypenaktivierung sein, sollten alters-

konsitente Wörter langsamer gefunden werden als alters-inkonsistente Wörter.

(Effekte könnten sich gegenseitig aufheben!)

4.2.2 Testphase

Hypothese 2

Reproduktionsleistungen

H2:

Aus den Rätseln mit kleiner Fläche bestehend aus alters-konsistenten Wörtern sollten

mehr alters-konsistente Wörter als alters-inkonsistente Wörter reproduziert werden.

Aus den Rätseln mit kleiner Fläche bestehend aus alters-inkonsistenten sollten mehr

alters-inkonsistente Wörter als alters-konsistente Wörter reproduziert werden.


Eigene Untersuchung

Seite 61

Hypothese 3

Metakognitive Urteile

H3:

Die Wortkategorie mit weniger Wörtern (kleinere Fläche) sollte häufiger ,,erinnert"

werden als die Wortkategorie mit vielen Wörtern (große Fläche). Unabhängig davon,

ob es sich um konsistente oder inkonsistente Wörter handelt.

Hypothese 4

Quellengedächtnis

H4a: Es sollten mehr reproduzierte Wörter fälchlicherweise den salienten Rätseln statt den

neutralen zugeordnet werden. Dies sollte bei dem alters-salienten Rätsel vorrangig

für alters-konsistente Wörter gelten, bei dem jugend-salienten Rätsel für alters-

inkonsistente Wörter.

H4b: Es werden mehr ,,Erinnert"-Urteile erwartet, wenn die Wörter richtig zugeordnet

werden als bei falsch zugeordneten Wörtern. Es werden mehr ,,Gewusst"-Urteile bei

richtig reproduzierten Wörtern erwartet, wenn die Wörter falsch zugeordnet werden.

4.3 Methode

Dieses Unterkapitel dient der Beschreibung der experimentellen Vorgehensweise und der

spezifischen Merkmale der eigenen Untersuchung. Zunächst wird die Art und

Zusammensetzung der Stichprobe und des Versuchsplan beschrieben, dann das verwendete

Material dargestellt. Schließlich wird ausführlich auf die Durchführung des Experiments

eingegangen.

4.3.1 Probanden und Versuchsplan

Insgesamt nahmen an der Untersuchung N = 80 Versuchspersonen teil. Die Teilnehmer

waren Studierende und Mitarbeiter unterschiedlicher Fachrichtungen der Universität Trier

(93,8%). Das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre innerhalb eines Rahmes von 18 bis 33 Jahren.

Der Anteil der Frauen an der Stichprobe betrug 62,5% und der Anteil der Männer 37,5%. Da

für das Auffinden der Wörter grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache benötigt

wurden, wurde zur Kontrolle die Muttersprache erfragt: 96,3% wählten Deutsch, 1,3%

Luxemburgisch und 2,5% eine andere Sprache.

Der Stichprobenumfang wurde a priori für einen 2x2x3 Versuchsplan mit

Messwiederholung und den Faktoren

Flächengröße

(klein vs. groß),

Wortart

(alters-konsistent

vs. alters-inkonsistent) und

Stimulus

(neutral vs. alt vs. jung) auf N = 80 berechnet. Dabei


Eigene Untersuchung

Seite 62

wurde ein alpha-Fehlerniveau von

p

< .05 und ein Anspruch an die Teststärke von

mindestens 1 ­ > .90 festgelegt. Auf Grund von Voruntersuchungen von Wehr (2005)

wurde eine Effektstärke von 2 = .05 angenommen. Einen Überblick der einzelnen Faktoren

der Versuchsanordnung liefert folgende Tabelle:

Tabelle 4.1

Versuchsanordnung mit den Faktoren Flächengröße und Stimulus.

Bedingung 1

zeigt

die kleine Fläche (schwarz) bestehend aus alters-konsistenten Wörtern und die große

Fläche (weiß) bestehend aus alters-inkonsistenten Wörtern.

Bedingung 2

zeigt die

kleine Fläche (weiß) bestehend aus alters-inkonsistenten Wörtern und die große

Fläche (schwarz) bestehend aus alters-konsistenten Wörtern. Die Lage der Wörter

variiert von Position a bis c.

Position a

Position b

Position c

Bedingung

1

Neutraler

Stimulus

(NEU)

Bedingung

2

Bedingung

1

Alters-

stereotyp

(ALT)

Bedingung

2

Bedingung

1

Jugend-

stereotyp

(JUG)

Bedingung

2


Eigene Untersuchung

Seite 63

4.3.2 Material

Unter den 30 Adjektiven mit den höchsten Typizitätswerten (alters-konsistent) und den 30

Adjektiven mit den niedrigsten Typizitätswerten (alters-inkonsistent) aus der finalen

Wortliste von Wehr (2005) wurden insgesamt 26 alters-konsistente und 26 alters-

inkonsistente Wörter ausgewählt. Es wurde darauf geachtet, dass die üblichen

Kontrollnormen (Konkretheit, Valenz, subjektive Worthäufigkeit) und die Wortlängen in den

Gruppen vergleichbar ausfielen. Zunächst wurden die Wörter der Wortkategorien alters-

konsistent und alters-inkonsistent nach dem Kriterium Wortlänge sortiert und jeweils in drei

Bereiche zu zehn Wörtern eingeteilt. Aus diesen Bereichen wurden per Zufall einzelne

Wörter ausgewählt und Wortlisten zugeteilt, die aus vier alters-konsistenten und acht alters-

inkonsistenten bzw. acht alters-konsistenten und vier alters-inkonsistenten Wörtern bestand.

Auf diese Weise konnten sechs unterschiedliche Wortlisten mit vergleichbarer Wortlänge

erstellt werden. Die Wörter der Kategorie ,,alters-konsistent" bestanden aus 212 Buchstaben

(

x

=8.15), die Wörter der Kategorie ,,alters-inkonsistent" aus 227 Buchstaben (

x

=8.73). Die

alters-konsistenten Wörter waren

altmodisch, belesen, bieder, eigensinnig, eigenwillig, erfahren,

fürsorglich, gebrechlich, genügsam, gesprächig, gläubig, grüblerisch, konservativ, kränklich, langsam,

liebevoll, reif, religiös, ruhig, schwerhörig, vergesslich, verwirrt, weise, zerstreut und zuverlässig

. Die

alters-inkonsistenten Wörter waren

anziehend, arrogant, belastbar, beweglich, draufgängerisch,

feurig, fit, flexibel, frech, gelenkig, gewalttätig, graziös, hemmungslos, impulsiv, kräftig, liberal,

modisch, muskulös, prahlerisch, schnell, schwungvoll, sportlich, verliebt, wagemutig und wild

. Die

vollständige Wortliste von Wehr (2005) ist im Anhang A zu finden.

Um die Anzahl der konsistenten und inkonsistenten Wörter variieren zu können, wurden

kreisrunde Wortsuchrätsel entwickelt. Die Form eines Kreises wurde gewählt, um das

Suchfeld in drei Felder mit gleicher Größe einteilen und die Position der Wortkategorien

ändern zu können. Der Kreis wurde mit quadratischen Zellen hinterlegt, wobei jedes

einzelne der drei Felder aus 152 Zellen bestand, so dass sich der Kreis aus insgesamt 456

Zellen zusammensetzte. Ein Feld formte die ,,kleine Fläche" und wurde wahlweise mit vier

alters-konsistenten oder vier alters-inkonsistenten Wörtern gefüllt. Die beiden übrigen

Felder bildeten zusammen die ,,große Fläche" und wurden in gleicher Weise mit acht alters-

konsistenten oder alters-inkonsistenten Wörtern aufgefüllt. Die Wörter waren in vertikaler

und horizontaler Richtung zu jeweils gleichen Anteilen angeordnet. Sie überkreuzten sich

nicht und standen in Leserichtung von oben nach unten und von rechts nach links. Das

Rätsel sollte möglichst einfach gehalten werden, und somit wurde auf diagonale Anordnung


Eigene Untersuchung

Seite 64

und ,,verkehrte" Leserichtung verzichtet. Nachdem die 12 Wörter in den Rätseln plaziert

waren, wurden die restlichen Zellen mit Zufallsbuchstabenfolgen aufgefüllt. Es wurde dabei

darauf geachtet, dass keine weiteren Wortbildungen möglich waren und vergleichbar viele

Umlaute auftraten. Abbildung 4.4 zeigt ein Beispiel einer Rätselkombination, in der die zu

finden Wörter hervorgehoben wurden.

E W A V D U K N

P C W U S H A S Ü Q E W

U R B I A C Z O T R E I F G

E M M U F W H I T P D E E D T H

R A I U D R I W S G L R U D H M T I

H J S A S L I D U U R A T W E K R U M D

V X Z A T K E K U N R Ü T C V R Z A T H U S

C U Ö D W U F F S G I B N L A N G S A M E N

D A F I T L L R U H V Z L T W P L T I B M H K A

W P E S U R Ö I K F O B E D Q A D L P I O T R Z

P Q O W I E S Y N U L T R A Ä S K I J F H G Ä A

W E Y S R X D T C F L V I U B H I E J O M K N L

Ö Z G V T F C R D X E S S W A Q P B M O K I K N

U I M P U L S I V W D V C F B R G E T H M Z L K

O F T R D F S O L H U I H D T P L V M R G S I U

N G K I U J V M L P O G H Z T R D O V B G S C F

E W Q A Y E V G M P L Ö O K B I L V K I B H

P M L O N R I B J U Z H Z F C G L S D R W N

M P N O W I V U C T X T Y R S E A W Q Ä

I T K I M S E I G E N W I L L I G M

O S R N T R S L K N V G O I Z T

H R G E B R E C H L I C H P

T O R I T U Z R P H V G

E R V N K O S P

Abbildung 4.4:

Zur Verdeutlichung wurde die kleine Fläche grau unterlegt,

die große Fläche wurde weiß gehalten. Die zu findenden Wörter wurden

schwarz markiert und veranschaulichen beispielhaft die Anordnung der

Wörter innerhalb der Rätsel.

Jeder Proband hatte drei Wortsuchrätsel (,,neutral", ,,alt", ,,jung") zu bearbeiten, die durch

Bilder und Untertitel unterschiedlich salient waren. In der neutralen Bedingung wurde über

dem Wortsuchrätsel ein Bild von einem Kastanienbaum mit dem Untertitel ,,Kastanie ­

kastania sativa" abgebildet. Über dem Bild stand die Aufforderung: ,,In dem Rätsel sind

insgesamt 12 Eigenschaften versteckt. Finden Sie sie alle!" Die kategoriale Salienz eines

Stereotyps in der altersstereotypen Bedingung wurde durch das Bild eines alten Mannes mit

dem Untertitel ,,Rolf H. ­ Rentner" und in der jugendstereotypen Bedingung durch das Bild

eines jungen Mannes mit dem Untertitel ,,Sebastian B. ­ Student" erhöht (siehe Abbildung

4.5). Über diesen Bildern stand die Aufforderung: ,,In dem Rätsel sind insgesamt 12


Eigene Untersuchung

Seite 65

Eigenschaften versteckt, die Rudolf H. beschreiben. Finden Sie sie alle!" bzw. ,,In dem Rätsel

sind insgesamt 12 Eigenschaften versteckt, die Sebastian B. beschreiben. Finden Sie sie alle!"

Unter jedem Bild waren 12 Linien (3x4) platziert, auf die die gefundenen Wörter geschrieben

werden sollten. Dann folgte das Wortsuchrätsel. Hierbei wurde das neutrale Rätsel immer an

erster Stelle präsentiert, da ansonsten seine Neutralität durch die Einbettung in Rätsel mit

Stereotypenbezug nicht mehr gewährleistet gewesen wäre.

Kastanie

Rudolf H.

Sebastian B.

(kastania sativa)

(Rentner)

(Student)

Abbildung 4.5:

Fotomaterial und Untertitel der drei Wortsuchrätsel zur Varation des Faktors

Salienz

.

In der Distraktorphase lasen die Probanden die Instruktion für den folgenden Cued-Recall

Test und eine kurze Erklärung zur Unterscheidung zwischen ,,erinnert"-Antworten und

,,gewusst"- Antworten durch. Der Text der Instruktionen wurde der Arbeit von Wehr (2005)

entnommen und für die eigene Untersuchung modifiziert (siehe Anhang B). Anschließend

wurden die Versuchsteilnehmer gebeten, die Unterscheidung kurz in eigenen Worten

wiederzugeben.

Der darauf folgende Cued-Recall Test bestand aus drei Seiten mit Bildern und den

entsprechenden Untertiteln, die aus der Lernphase bekannt waren. Auf jeder Seite wurde

jeweils genau ein Bild mit entsprechendem Untertitel in der Reihenfolge der Lernphase

präsentiert. Unter diesen Bildern waren untereinander 12 Linien gezogen, auf die die

erinnerten Wörter geschrieben werden konnten. Am Ende jeder Linie waren zwei Felder mit

den Kategorien ,,erinnert" und ,,gewusst" zum Ankreuzen plaziert, um die

Bewusstseinsqualität zu dokumentieren. Da ,,geraten"-Urteile in einem Recall Test kaum zu

erwarten sind, wurde auf diese Kategorie verzichtet. Dies entspricht der Vorgehensweise

anderer Autoren (z.B. Hamilton & Rajaram, 2003).


Eigene Untersuchung

Seite 66

4.3.3 Durchführung

Die Untersuchung fand im Zeitraum vom 14. August 2006 bis 14. September 2006 in einem

Experimentalraum der psychologischen Fakultät der Universität Trier statt und dauerte

jeweils zwischen 30 und 45 Minuten. Die Versuchspersonen wurden auf dem

Campusgelände angesprochen und eingeladen, an der wissenschaftlichen Studie

teilzunehmen. Sie wurden einzeln getestet.

Nach der Begrüßung wurde den Probanden der Ablauf des Experiments zunächst kurz

mündlich geschildert und anschließend die Instruktion in schriflicher Form vorgelegt, mit

der Bitte, diese sorgfältig durchzulesen und sich bei eventuellen Fragen an den

Versuchsleiter zu wenden. Die Instruktion enthielt die Aufgabe, in den folgenden drei

Wortsuchrätseln zwölf Eigenschaften einer Person, die in den Rätseln versteckt worden

waren, so schnell wie möglich zu finden. Darüber hinaus enthielt sie Angaben zu

Anordnung und Beschaffenheit der Wörter: Es handelte sich ausschließlich um

deutschsprachige Wörter, die horizontal und vertikal (nicht diagonal!) angeordnet waren.

Die Leserichtung der Wörter war von links nach rechts und von oben nach unten. Die

Wörter konnten aneinander angrenzen, überkreuzten sich jedoch nicht. Ein expliziter

Hinweis auf den Cued-Recall Test erfolgte nicht.

Der Ablauf der Untersuchung lässt sich in drei Teilbereiche gliedern:

1. Phase

2. Phase

3. Phase

Lernphase

Distraktorphase

Testphase

20-30 Minuten

3 Minuten

5-10 Minuten

Wortsuchrätsel

Instruktionen

Cued-Recall Test

und Unterscheidung

Remember vs. Know

Abbildung 4.6:

Gliederung des Versuchsablaufs in drei Phasen: Lernphase, Distraktorphase und

Testphase.

In der ersten Phase des Experiments wurden den Versuchspersonen drei Rätsel in der

Abfolge ,,neutrales Rätsel

Altersrätsel

Jugendrätsel" oder ,,neutrales Rätsel

Jugendrätsel Altersrätsel" vorgelegt, die sie nacheinander bearbeiten sollten. Bei jedem

Wortsuchrätsel erfolgte der Hinweis, die Instruktion über den Bildern durchzulesen und

dem Versuchsleiter mitzuteilen, wenn sie mit der Suche nach den Eigenschaftswörtern

beginnen wollten. Wenn ein Wort gefunden wurde, teilten sie es dem Versuchsleiter


Eigene Untersuchung

Seite 67

mündlich mit und markierten es, indem sie es mit einem Stift umkreisten. Dann notierten sie

es auf einer der zwölf Linien und machten mit einem ausgesprochenem ,,weiter" deutlich,

dass sie die Suche nach weiteren Wörtern fortsetzten. Mit Hilfe des Computerprogramms

SnapTimePro© (Singh, 2003) stoppte der Versuchleiter die Zeit zwischen einem ,,weiter" und

der Wortnennung. Das Programm ermöglichte es, die Suchzeiten (Sekunden) und

Rangplätze (Platz x von 12) der aufgefundenen Wörter zu dokumentieren. Erst wenn alle

zwölf Eigenschaftswörter gefunden worden waren, wurden die Versuchspersonen gebeten,

das nächste Rätsel zu bearbeiten. Diese Phase dauerte 20-30 Minuten.

In der zweiten Phase lasen die Versuchspersonen die Anweisungen für den darauf

folgenden Cued-Recall Test und erhielten dann eine schriftliche Einführung in die

Unterscheidung zwischen ,,erinnert"- Antworten und ,,gewusst"- Antworten. Anschließend

wurden sie gebeten, das Gelesene in ihren Worten mündlich zusammenzufassen und hatten

noch einmal die Gelegenheit, Fragen an den Versuchsleiter zu richten. Diese Phase dauerte

drei Minuten.

In der dritten Phase wurden den Versuchspersonen die Bilder und Untertitel präsentiert,

die sie aus der Lernphase kannten. Ihre Aufgabe bestand darin, sich die Wörter aus Phase 1

des Experimentes ins Gedächtnis zu rufen und sie unter das jeweilige Bild zu schreiben.

Hierzu konnten sie zwölf vorgegebene Zeilen nutzten. Am Ende jeder Zeile sollten sie nach

jedem Wort ankreuzen, ob sie es im Sinne des Remember/Know-Paradigmas ,,erinnert"

oder ,,gewusst" hatten. Diese Phase dauerte fünf bis zehn Minuten.

Im Anschluss wurde den Versuchspersonen für ihre Teilnahme an der Untersuchung

gedankt und Infomationen über den Forschungsgegenstand des Experiments erteilt.


Eigene Untersuchung

Seite 68

4.4 Ergebnisse

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Lernphase (4.5.1) und der Testphase (4.5.2)

vorgestellt. Für die Berechnungen wurde ein alpha-Fehler Niveau von

p

< .05 festgelegt. Mit

Ausnahme eines Wertes aus der Lernphase, wurden alle Daten in die Untersuchung mit

aufgenommen. Somit wurden in der Lernphase die Daten von 79 Probanden und in der

Testphase die Daten von 80 Probanden verwendet.

4.4.1 Befunde aus der Lernphase

Mit Hilfe des Wilcoxon-Test für abhängige Stichproben wurde überprüft, ob sich die

verwendeten Wörter innerhalb der Rätsel hinsichtlich ihrer aufgefundenen Rangreihenfolge

unterschieden: Weder in neutralen Wortsuchrätsel (Z = -.33) noch in den salienten

Wortsuchrätseln (Z = -.19 für alters-saliente Rätsel; Z = -.19 für jugend-saliente Rätsel) konnte

ein signifikanter Unterschied zwischen alters-konsistenten und alters-inkonsistenten

Wörtern gefunden werden.

In den Rätseln wurden die einzelnen Wörter durchschnittlich in 22.77 Sekunden (

SE

=

6.06) gefunden. Hierbei wurden die Wörter der großen Flächen durchschnittlich 2.42

Sekunden schneller gefunden als die Wörter der kleinen Flächen (21.49 vs. 23.82;

t

(79) = 4.10,

SE

= 5.08,

p

< .001, 2 = .18). Der Vergleich der Suchzeiten der Flächen des neutralen Rätsels

ergab jedoch kein signifikantes Ergebnis (23.43 vs. 24.09;

t

(79) = .59, n.s.). Die Suchzeiten

unterschieden sich im Bezug auf die Fläche nur, wenn die Rätsel in Verbindung mit einem

Bild eines älteren Menschen oder eines jungen Menschen präsentiert wurden. Hier wurden

jeweils die Wörter der größeren Fläche schneller gefunden (21.23 vs. 24.91;

t

(78) = 3.61,

SE

=

9.07,

p

< .005, 2 = .14 für alters-saliente Rätsel; 20.06 vs. 22.76;

t

(79) = 2.89,

SE

= 8.35,

p

< .01,

2 = .10 für jugend-saliente Rätsel). Diese Ergebnisse werden durch Abbildung 4.7

veranschaulicht.


Eigene Untersuchung

Seite 69

50

40

o
r
t

i
n

S
e
k
u
n
d
e
n

kleine Fläche

große Fläche

30

20

10

i
t
t
l
e
r
e

S
u
c
h
z
e
i
t
e
n

p
r
o

W

m

neutral

alt

jung

Abbildung 4.7:

Mittlere Suchzeiten pro Wort bei den Suchrätsel ,,neutral", ,,alt" und ,,jung" in

Abhängigkeit der Flächengröße (in Sekunden; Standardabweichungen in Balken).

Ein Vergleich der Suchzeiten der alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörter der

Rätsel zeigt, dass die alters-konsistenten Wörter im Mittel 1.68 Sekunden schneller gefunden

wurden (21.93 vs. 23.61;

t

(79) = -2.81,

SE

= 5.36,

p

< .01, 2 = .09). Die Suchzeiten der alters-

konsistenten und alters-inkonsistenten Wörter im neutralen Rätsel unterschieden sich nicht

signifikant. Innerhalb der alters-salienten Rätsel (34.03 vs. 36.51;

t

(79) = -2.34,

SE

= 9.41,

p

<

.05, 2 = .16) und jugendsalienten Rätsel (20.51 vs. 22.31;

t

(79) = -1.87, n.s) wurden die alters-

konsistenten Wörter schneller entdeckt als die alters-inkonsistenten Wörter. Diese

Unterschiede wurden allerdings nur in den ,,alt"-Rätseln signifikant (Abbildung 4.8).


Eigene Untersuchung

Seite 70

50

alters-konsistent

40

alters-inkonsistent

o
r
t

i
n

S
e
k
u
n
d
e
n

30

20

10

i
t
t
l
e
r
e

S
u
c
h
z
e
i
t
e
n

p
r
o

W

m

neutral

alt

jung

Abbildung 4.8:¨

Mittlere Suchzeiten pro Wort bei den Suchrätsel ,,neutral", ,,alt" und ,,jung" in

Abhänigkeit der Wortart (in Sekunden; Standardabweichungen in Balken).

Um dieses Ergebnis näher zu spezifizieren, wurde eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit

Messwiederholung gerechnet. Unter dem Einfluss der Faktoren

Flächengröße

und

Wortart

unterschieden sich wie bereits zuvor beobachtet in statistisch bedeutsamer Weise die

Suchzeiten derjeniger Rätsel, in denen die Wörter in der kleinen Fläche dargeboten wurden,

von den Rätseln, in denen die Wörter in der großen Fläche zu finden waren. Die Wörter der

großen Fläche wurden hier unabhängig davon, ob es sich um alters-konsistente oder alters-

inkonsistente Wörter handelte, schneller entdeckt (

F

(1,37) = 17.23,

MS

e = 11.60,

p

< .001, 2 =

.32). Der Haupteffekt

Wortart

belegt eine im Mittel kürzere Suchzeit für alter-konsistente im

Vergleich zu alters-inkonsistenten Wörtern (

F

(1,37) = 7.43,

MS

e = 11.73,

p

< .05, 2 = .17).

Wechselwirkungen wurden nicht signifikant (

F

(1,37) = .62, n.s.). Die Suchzeiten verkürzten

sich jedoch tendenziell insbesonders dann, wenn sich die großen Flächen gleichzeitig aus

alters-konsistenten Wörtern zusammensetzten. Für große Flächen bestehend aus alters-

inkonsistenten Wörtern zeigte sich dieses Ergebnis nicht. Wohl aber unterschieden sich die

großen Flächen tendenziell dahingehend, dass die alters-konsistenten Wörter schneller

gefunden wurden als die alters-inkonsistenten Wörter. Kleine Flächen wiesen unabhängig


Eigene Untersuchung

Seite 71

davon, ob es sich um alters-konsistente oder alters-inkonsistente Wörter handelte, im

direkten Vergleich keine signifikanten Unterschiede auf.

Auf der Ebene jedes einzelnen Rätsels wurden die Unterschiede in den Suchzeiten für die

in den Hypothesen aufgestellten Rätselkombinationen mit Hilfe von t-Tests für gepaarte

Stichproben überprüft. In dem alters-salienten Rätsel wurden die alters-konsistenten Wörter

der kleinen Fläche zwar schneller entdeckt als die alters-inkonsistenten der großen Fläche,

jedoch konnte diese Diskrepanz kein statistisch signifikantes Niveau erreichen (

t

(36) = .90,

n.s. für Rätselkombination

alt_kl_ako

vs.

alt_gr_ain

)5. Ebenso wurde kein signifikanter

Unterschied in dem Vergleich der Suchzeiten für alters-konsistente Wörter des neutralen

Rätsels mit den alters-konsistenten Wörtern des alters-salienten Rätsels gefunden (

t

(36) = .32,

n.s. für Rätselkombination

alt_kl_ako

vs.

neu_kl_ako

) (HYPOTHESE 1a).

In dem neutralen Rätsel zeigte sich weder für die alters-konsistenten Wörter der kleinen

Fläche im Vergleich zu den alters-inkonsistenten Wörtern der großen Fäche, noch für die

alters-inkonsistenten Wörter der kleinen Fläche im Vergleich zu den alters-konsistenten

Wörtern der großen Fläche ein signifikanter Unterschied (

t

(37) = -.02, n.s. für Rätsel-

kombination

neu_kl_ako

vs.

neu_gr_ain

;

t

(41) = -.83, n.s. für Rätselkombination

neu_kl_ain

vs.

neu_gr_ako

) (HYPOTHESE 1b).

In der Variation des alter-salienten Rätsels, in dem die kleine Fläche aus alters-

inkonsistenten Wörtern bestand, wurden die alters-konsistenten Wörter schneller gefunden

als die alters-inkonsistenten Wörter (19.58 vs. 25.40;

t

(41) = -4.10,

SE

= 9.20,

p

< .001, 2 = 0.29

für Rätselkombination

alt_kl_ain

vs.

alt_gr_ako

) (HYPOTHESE 1c).

Eine Übersicht der mittleren Suchzeiten aller Rätselkombinationen zeigt Tabelle 4.2.

5 Erläuterung der Abkürzungen der Rätselkombinationen:

neu:

neutrales Rätsel

ako:

alters-konsistente Wörter

alt:

alters-salientes Rätsel

ain:

alters-inkonsistente Wörter

jun:

jugend-salientes Rätel

kl:

kleine Fläche

Beispiel:

alt_kl_ain:

alters-salientes Rätsel; kleine

gr:

große Fläche

Fläche beinhaltet alters-inkonsistente Wörter


Eigene Untersuchung

Seite 72

Tabelle 4.2

Mittlere Suchzeiten der Rätsel ,,neutral", ,,alt" und ,,jung" in Abhängigkeit der Faktoren

Salienz

und

Flächengröße

(in Klammern Standardabweichung).

neutral

alt

jung

kleine Fläche

gesamt

24.09 (08.86)

24.91 (09.71)

22.76 (09.59)

alters-konsistent

24.68 (07.82)

24.35 (08.43)

21.79 (09.98)

alters-inkonsistent

23.55 (09.77)

25.41 (10.79)

23.67 (09.25)

große Fläche

gesamt

23.43 (08.12)

21.23 (06.89)

20.06 (06.70)

alters-konsistent

22.27 (08.44)

19.58 (06.00)

19.38 (06.33)

alters-inkonsistent

24.71 (07.67)

23.10 (07.43)

20.81 (07.10)

4.4.2 Befunde aus der Testphase

In der Testphase wurden reproduzierte Wörter und frei erfundene Wörter ausgewertet.

Dabei wurde die Zuordnung zu den einzelnen Rätseln (,,neutral", ,,alt", ,,jung") und das

metakognitive Urteil (,,erinnert", ,,gewusst") berücksichtigt. Die Zuordnung der Wörter zu

den einzelnen Rätseln, die korrekt (,,rz" = richtig zugeordnet) und inkorrekt (,,fz" = falsch

zugeordnet) erfolgt sein konnte, diente als Maß für das Quellengedächtnis. Darüber hinaus

wurde bei jedem falsch zugeordneten Wort festgehalten, aus welchem Rätsel es ursprünglich

stammte. Wurde z.B. ein Wort aus dem neutralen Rätsel fälschlicherweise dem alters-

salienten Rätsel zugewiesen, so erhielt es den Vermerk ,,fzneu". Die mittleren

Reproduktionswahrscheinlichkeiten der Wörter wurden an der Anzahl der maximal

möglichen Wortnennung ihrer Kategorie relativiert, um ein vergleichbares Maß für die

Flächengröße zu erhalten. Konkret wurde das Mittel der reproduzierten Wörter der kleinen

Fläche durch den Divisor Vier und das Mittel der reproduzierten Wörter der großen Fläche

durch den Divisor Acht geteilt. Relative Daten wurden durch den Anhang ,,rel"

gekennzeichnet.

4.4.2.1 Allgemeine Gedächtnisleistung

Die durchschnittliche Gedächtnisleistung lag bei 20,83% (

SD

= 3.29; davon 12.92%

,,erinnert", 7.92% ,,gewusst") bzw. bei 24.86% (

SD

= 3.37; davon 14.62% ,,erinnert", 10.26%

,,gewusst") unter Berücksichtigung der falsch zugeordneten Wörter. Von den Probanden

wurden insgesamt 52 Wörter frei erfunden, wovon 17.31% (

SD

= .36) der Wörter ein

,,erinnert"-Urteil und 82.69% (

SD

= 1.11) ein ,,gewusst"-Urteil zugeteilt wurde. Auf Ebene

der einzelnen Rätsel erhielt das neutrale Rätsel 17.31% (

SD

= .45; davon 1.92% ,,erinnert",


Eigene Untersuchung

Seite 73

15.38% ,,gewusst"), das alters-saliente Rätsel 40.38% (

SD

= .65; davon 5.77% ,,erinnert",

34.62% ,,gewusst") und das jugend-saliente Rätsel 42.31% (

SD

= .59; davon 9.62% ,,erinnert",

32.69% ,,gewusst") der frei erfundenen Wörter.

Die relative Anzahl der reproduzierten Wörter aus den kleinen Flächen für die ,,erinnert"-

Urteile abgegeben wurden, betrug 61.12% und für ,,gewusst"-Urteile 38.87%. Aus den

großen Flächen fielen 57.68% auf ,,erinnert"-Urteile und 42.32% auf ,,gewusst"-Urteile.

Tabelle 4.3 zeigt die prozentualen Anteile der metakognitiven Urteile der Flächen getrennt

nach Rätsel.

Tabelle 4.3

Prozentangaben der ,,erinnert"-Urteile und ,,gewusste"-Urteile relativiert an der Gesamtanzahl der

reproduzierten Wörter getrennt nach Flächengröße.

Fläche

klein

groß

neutral

alt

jung

gesamt neutral

alt

jung

gesamt

Erinnert

03.76

34.34

23.02

61.13

07.57

23.39

26.73

57.68

Gewusst

06.04

14.72

18.11

38.87

04.23

17.15

20.94

42.32

Es wurden für 58,47% der reproduzierten Wörter ein ,,erinnert"-Urteil und bei 41,53% ein

,,gewusst"-Urteil abgegeben, wenn es sich um alters-konsistente Wörter handelte. Alters-

inkonsistente Wörter wurden bei 59,12% der reproduzierten Wörter mit einem ,,erinnert"-

Urteil und bei 40,88% mit einem ,,gewusst"-Urteil versehen. Tabelle 4.4 zeigt die

prozentuellen Anteile der metakognitiven Urteile der Wortarten getrennt nach Rätsel.

Tabelle 4.4

Prozentangaben der ,,erinnert"-Urteile und ,,gewusste"-Urteile relativiert an der Gesamtanzahl der

reproduzierten Wörter getrennt nach Wortart.

Wortart

alters-konsistent

alters-inkonsistent

neutral

alt

jung

gesamt neutral

alt

jung

gesamt

Erinnert

07.06

25.71

25.71

58.47

05.25

29.01

24.86

59.12

Gewusst

05.08

16.67

19.77

41.53

04.70

15.75

20.44

40.88


Eigene Untersuchung

Seite 74

4.4.2.2 Reproduktionsleistung

Salienz -

Eine einfaktorielle Varianzanalyse mit Messwiederholung auf dem Faktor

Salienz

ergab einen signifikanten Unterschied in der Reproduktionsleistung der

rzrel

-Wörter (

F

(2,158)

= 74.62,

MS

e = 2.26,

p

< .001, 2 = .49) für einen Vergleich der Rätsel ,,neutral", ,,alt" und

,,jung". Dieser Unterschied wurde auch für die

fzrel

-Wörter (

F

(2,158) = 13.34,

MS

e = .53,

p

<

.001, 2 = .14) signifikant. In beiden Fällen wurden mehr Wörter bei Salienz des Jugend- und

Altersstereotyps erinnert als im neutralen Rätsel. Zwischen den salienten Rätseln wurden

keine Unterschiede gefunden.

Flächengröße -

Eine Betrachtung der kleinen und großen Fläche über alle Rätsel hinweg

zeigte, dass die Reproduktion der

rzrel

-Wörter durch die Flächengröße signifikant beeinflusst

wurde. Konkret wurden mehr Wörter aus der kleinen Fläche wiedergegeben als aus der

großen Fläche (.72 vs. .58;

t

(79) = 3.47,

SE

= .36,

p

< .05, 2 = 0.13). Für die

fzrel

-Wörter ließ

sich dieser Einfluss nicht nachweisen.

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Flächengröße

für

rzrel

-Wörter ergab signifikante Haupteffekte beider Fakoren (

F

(2,158) = 64.35,

MS

e = .03,

p

< .001, 2 = .45 für Faktor

Salienz

;

F

(1,79) = 5.03,

MS

e = .03,

p

< .05, 2 = .45 für

Faktor

Flächengröße

) und eine signifikante Wechselwirkung (

F

(2,158) = 10.18,

MS

e = .03,

p

<

.001, 2 = .14). Der Haupteffekt

Salienz

wurde nur zwischen den salienten und den neutralen

Rätseln statistisch bedeutsam und zeigte sich zwischen den salienten Rätseln nicht. Es

wurden mehr Wörter aus den alters-salienten und jugend-salienten Rätseln als aus den

neutralen Rätseln wiedergegeben. Hinsichtlich des Haupteffekts

Flächengröße

ließ sich einen

Reproduktionsvorteil für die

rzrel

-Wörter aus der kleinen Fläche feststellen. Zwischen den

Rätseln konnten sowohl aus den kleinen Flächen, als auch aus den großen Flächen die

rzrel

-

Wörter dann besonders häufig wiedergegeben werden, wenn sie aus den salienten Rätseln

stammten. Innerhalb der Rätsel wurden die Wörter aus dem neutralen Rätsel eher

reproduziert, wenn sie aus der großen Fläche stammten. Im Gegensatz dazu wurden die

Wörter aus dem alters-salienten Rätsel eher dann eingeprägt, wenn sie in der kleinen

Flächen standen. Für die

rzrel

-Wörter des jugend-salienten Rätsels konnten keine

Unterschiede zwischen den Flächengrößen festgestellt werden.

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Flächengröße

für

fzrel

-Wörter ergab nur einen signifikanten Haupteffekt des Faktors

Salienz

(

F

(2,158) = 10.30,

MS

e = .01,

p

< .001, 2 = .12). Analog zu den

rzrel

-Wörtern wurde bei den


Eigene Untersuchung

Seite 75

fzrel

-Wörtern der Haupteffekt

Salienz

nur zwischen den salienten und den neutralen Rätseln

statistisch bedeutsam und zeigte sich zwischen den salienten Rätseln nicht. Auch hier

wurden mehr Wörter aus den alters-salienten und jugend-salienten Rätseln als aus den

neutralen wiedergeben (siehe Tabelle 4.5).

Tabelle 4.5

Mittlere Reproduktionswahrscheinlichkeiten bei richtig (

rzrel

) und falsch (

fzrel

) zugeordneten Wörtern

relativiert an der Gesamtanzahl der Wörter in der jeweiligen Fläche in Abhängigkeit der Faktoren

Salienz

und

Flächengröße

(in Klammern Standardabweichung).

rzrel-Wörter

fzrel-Wörter

gesamtrel

neutral

gesamt

.09 (.09)

.01 (.04)

.05 (.05)

kleine Fläche

.06 (.12)

.02 (.07)

.04 (.07)

große Fläche

.11 (.13)

.01 (.04)

.06 (.07)

alt

gesamt

.30 (.17)

.05 (.07)

.17 (.08)

kleine Fläche

.36 (.26)

.05 (.11)

.20 (.13)

große Fläche

.24 (.18)

.04 (.08)

.14 (.09)

jung

gesamt

.28 (.16)

.06 (.08)

.17 (.09)

kleine Fläche

.30 (.23)

.05 (.12)

.17 (.13)

große Fläche

.27 (.17)

.07 (.09)

.17 (.10)

Wortart -

Eine Betrachtung der alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörter über

alle Rätsel hinweg zeigte, dass die Reproduktion der

rz

-Wörter durch die Wortart auf dieser

Ebene der Analyse nicht signifikant beeinflusst wurde (

t

(79) = .24, n.s.). Für die

fz

-Wörter

ließ sich dieser Einfluss ebenfalls nicht nachweisen (

t

(79) = -1.22, n.s.).

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Wortart

für

rz

-Wörter ergab einen signifikanten Haupteffekt des Faktors

Salienz

(

F

(2,158) =

74.62,

MS

e = .01,

p

< .001, 2 = .49). Der Haupteffekt

Salienz

wurde wiederum nur zwischen

den salienten und neutralen Rätseln statistisch bedeutsam und zeigte sich zwischen den

salienten Rätseln nicht. Es wurden mehr Wörter aus den alters-salienten und jugend-

salienten Rätseln als aus den neutralen Rätseln wiedergegeben.

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Wortart

für

fz

-Wörter ergab einen signifikanten Haupteffekt des Faktors

Salienz

(

F

(2,158) =

13.34,

MS

e = .27,

p

< .001, 2 = .14). Auch hier wurde der Haupteffekt

Salienz

nur zwischen

den salienten und neutralen Rätseln statistisch bedeutsam. Es wurden mehr Wörter aus dem


Eigene Untersuchung

Seite 76

alters-salienten und jugend-salienten Rätseln als aus den neutralen Rätseln wiedergegeben

(siehe Tabelle 4.6).

Tabelle 4.6

Mittlere Reproduktionswahrscheinlichkeiten bei richtig (

rz

) und falsch (

fz

) zugeordneten Wörtern in

Abhängigkeit der Faktoren

Salienz

und

Wortart

(in Klammern Standardabweichung).

rz-Wörter

fz-Wörter

gesamt

neutral

gesamt

.41 (.50)

.08 (.20)

.25 (.25)

alters-konsistent

.45 (.69)

.09 (.28)

.27 (.36)

alters-inkonsistent

.38 (.64)

.08 (.31)

.23 (.35)

alt

gesamt

1.68 (.97)

.27 (.38)

.98 (.45)

alters-konsistent

1.68 (1.42)

.20 (.49)

.94 (.74)

alters-inkonsistent

1.69 (1.07)

.34 (.59)

1.01 (.53)

jung

gesamt

1.66 (.92)

.38 (.47)

1.02 (.51)

alters-konsistent

1.66 (1.31)

.35 (.64)

1.01 (.74)

alters-inkonsistent

1.65 (1.19)

.40 (.65)

1.03 (.72)

Flächengröße*Wortart ­

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten

Faktoren

Flächengröße

und

Wortart

für

rz

-Wörter ergab einen signifikanten Haupteffekt des

Faktors

Flächengröße

(

F

(1,37) = 9.89,

MS

e = .09,

p

< .01, 2 = .21). Der Haupteffekt

Wortart

und

die Wechselwirkungen wurden nicht signifikant. Tendenziell wurden die Wörter aus den

kleinen Flächen eher erinnert. Für

fz

-Wörter wurden keine statistisch bedeutsamen

Unterschiede gefunden. Ferner wurde unter Verwendung von t-Tests untersucht, ob aus den

Rätseln bestehend aus alters-konsistenten Wörtern mehr alters-konsistente Wörter als alters-

inkonsistente Wörter und aus den Rätseln mit kleiner Fläche bestehend aus alters-

inkonsistenten Wörtern mehr alters-inkonsistente Wörter als alters-konsistente Wörter

reproduziert werden konnten. Für

rz

-Wörter zeigte sich stets ein Erinnerungsvorteil der

Wörter der kleinen Flächen gegenüber den Wörtern aus der großen Fläche unabhängig von

der jeweiligen Wortart. Signifikant wurden diese Unterschiede für folgende

Rätselkombinationen: .65 vs. .55;

t

(37) = 2.07,

SE

= .31,

p

< .05, 2 = .10 für Rätselkombination

kl_ako vs. gr_ain

; .78 vs. .61;

t

(41) = -2.78,

SE

= .40,

p

< .01, 2 = .16 für Rätselkombination

kl_ain vs. gr_ako

; .79 vs. .55;

t

(37) = 2.99,

SE

= .50,

p

< .01, 2 = .19 für Rätselkombination

kl_ain

vs. gr_ain

(HYPOTHESE 2). Für

fz

-Wörter präsentierten sich die Ergebnisse uneinheitlich:

Hier wurden die Wörter der großen Flächen gegenüber den Wörtern der kleinen Flächen nur


Eigene Untersuchung

Seite 77

dann eher erinnert, wenn es sich gleichzeitig um alters-inkonsistente Wörter handelte. Dieser

Unterschied wurde jedoch für keine der Rätselkombination signifikant.

4.4.2.3 Metakognitive Urteile

Flächengröße -

Ein Vergleich der reproduzierten Wörter aus den kleinen und großen Flächen

der Rätsel zeigte statistisch bedeutsame Unterschiede nur für die richtig zugeordneten

Wörter, wenn sie mit dem Bewusstseinszustand ,,erinnert" verknüpft waren (.46 vs. .35;

t

(79)

= 3.21,

SE

= .29,

p

< .01, 2 = .12). Die Wörter aus der kleinen Fläche wurden hier häufiger

wiedergegeben. Wurden die Wörter falsch zugeordnet, ließen sich weder für Wörter mit

,,erinnert"-Urteil noch für Wörter mit ,,gewusst"-Urteil Unterschiede in den

Rekognitionsraten der kleinen und großen Flächen finden (HYPOTHESE 3).

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Flächengröße

ergab einen signifikanten Unterschied für

rz

-Wörter, wenn sie ,,erinnert"

wurden, für beide Haupteffekte (

F

(2,158) = 47.12,

MS

e = .02,

p

< .001, 2 = .37 für Faktor

Salienz

;

F

(1,79) = 10.30,

MS

e = .01,

p

< .005, 2 = .12 für Faktor

Flächengröße

) und eine

signifikante Wechselwirkung (

F

(2,158) = 9.17,

MS

e = .02,

p

< .001, 2 = .10). Falsch

zugeordnete Wörter wurden im Vergleich zu dem neutralen Rätsel häufiger erinnert, wenn

sie im alter-salienten oder jugend-salienten Rätsel standen. Zwischen den salienten Rätseln

konnten keine signifikanten Unterschiede gefunden werden. Die Wörter der kleinen Flächen

konnten im Vergleich zur großen Fläche signifikant häufiger reproduziert werden.

Insbesondere dann, wenn es sich um die kleinen Flächen des alters-salienten oder jugend-

salienten Rätsels handelte.

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Flächengröße

ergab für

rz

-Wörter, wenn sie ,,gewusst" wurden nur einen signifikanten

Haupteffekt des Faktors

Salienz

(

F

(2,158) = 21.00,

MS

e = .02,

p

< .001, 2 = .21). Analog zu

diesem Ergebnis wurde der Haupteffekt des Faktors

Salienz

sowohl für

fz

-Wörter, die

,,erinnert" wurden (

F

(2,158) = 7.87,

MS

e = .00,

p

< .01, 2 = .09), als auch für

fz

-Wörter, die

,,gewusst" wurden (

F

(2,158) = 7.16,

MS

e = .00,

p

< .01, 2 = .08) signifikant. In allen

Bedingungen wurden die Wörter häufiger aus den alters-salienten und jugend-salienten

Rätseln als aus den neutralen Rätseln wiedergegeben. Effekte des Haupteffekts

Flächengröße

und Wechselwirkungen wurden in diesen Bedingungen nicht signifikant (siehe Tabelle 4.7).


Eigene Untersuchung

Seite 78

Tabelle 4.7

Mittlere metakognitive Antwortwahrscheinlichkeiten bei richtig (

rzrel

) und falsch (

fzrel

) zugeordneten

Wörtern relativiert an der Gesamtanzahl der Wörter in der jeweiligen Fläche in Abhängigkeit der

Faktoren

Salienz

und

Flächengröße

(in Klammern Standardabweichung).

rzrel-Wörter

fzrel-Wörter Wörterrel gesamt

Erinnern

neutral

gesamt

.04 (.07)

.00 (.02)

.02 (.03)

kleine Fläche

.03 (.09)

.00 (.03)

.02 (.05)

große Fläche

.05 (.09)

.00 (.02)

.03 (.04)

alt

gesamt

.20 (.15)

.03 (.05)

.11 (.07)

kleine Fläche

.25 (.03)

.03 (.08)

.14 (.12)

große Fläche

.14 (.13)

.02 (.06)

.08 (.07)

jung

gesamt

.17 (.13)

.02 (.04)

.09 (.07)

kleine Fläche

.18 (.18)

.02 (.06)

.10 (.10)

große Fläche

.16 (.14)

.03 (.06)

.09 (.07)

Wissen

neutral

gesamt

.03 (.05)

.01 (.03)

.02 (.03)

kleine Fläche

.03 (.09)

.02 (.06)

.03 (.05)

große Fläche

.02 (.06)

.01 (.04)

.01 (.03)

alt

gesamt

.10 (.11)

.02 (.04)

.06 (.06)

kleine Fläche

.11 (.18)

.02 (.06)

.06 (.09)

große Fläche

.10 (.13)

.02 (.06)

.06 (.06)

jung

gesamt

.11 (.11)

.04 (.06)

.08 (.06)

kleine Fläche

.12 (.18)

.03 (.09)

.08 (.10)

große Fläche

.10 (.12)

.04 (.08)

.07 (.08)

Wortart -

Ein Vergleich der reproduzierten alters-konsistenten und alters-inkonsistenten

Wörter der Rätsel zeigte statistisch bedeutsame Unterschiede nur für die falsch

zugeordneten Wörter, wenn sie mit dem Bewusstseinszustand ,,gewusst" verknüpft waren

(.26 vs. .58;

t

(79) = -2.87,

SE

= .98,

p

< .05, 2 = .10). Hier wurden mehr alters-inkonsistente

Wörter als alters-konsistente Wörter reproduziert. Für

fz

-Wörter, die ,,erinnert" wurden,

konnte keine Diskrepanz in den Rekognitionsleistungen festgestellt werden. Fand eine

richtige Zuordnung der Wörter statt, ließen sich weder für Wörter mit ,,erinnert"-Urteil noch

für Wörter mit ,,gewusst"-Urteil Unterschiede zwischen alters-konsistenten und alters-

inkonsistenten Wörtern finden.

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Wortart

ergab für

rz

-Wörter, wenn sie ,,erinnert" wurden nur einen signifikanten

Haupteffekt des Faktors

Salienz

(

F

(2,158) = 43.51,

MS

e = .75,

p

< .001, 2 = .36). In weiteren


Eigene Untersuchung

Seite 79

Varianzanalysen wurde der Haupteffekt des Faktors

Salienz

sowohl für

rz

-Wörter, die

,,gewusst" wurden (

F

(2,158) = 24.42,

MS

e = .50,

p

< .001, 2 = .24), als auch für

fz

-Wörter, die

,,erinnert" wurden (

F

(2,158) = 7.97,

MS

e = .11,

p

< .01, 2 = .09) signifikant. Auch hier

wurden in allen Bedingungen die Wörter häufiger aus den alters-salienten und jugend-

salienten Rätseln als aus den neutralen Rätseln wiedergegeben.

Tabelle 4.8

Mittlere metakognitive Antwortwahrscheinlichkeiten bei richtig (

rz

) und falsch (

fz

) zugeordneten in

Abhängigkeit der Faktoren

Salienz

und

Wortart

(in Klammern Standardabweichung).

rz-Wörter

fz-Wörter

Wörter gesamt

erinnern

neutral

gesamt

.26 (.42)

.02 (.10)

.14 (.21)

alters-konsistent

.28 (.57)

.04 (.19)

.16 (.09)

alters-inkonsistent

.24 (.56)

.00 (.00)

.12 (.08)

alt

gesamt

1.08 (.79)

.15 (.29)

.61 (.40)

alters-konsistent

.94 (1.04)

.20 (.49)

.57 (.32)

alters-inkonsistent

1.21 (.91)

.10 (.30)

.66 (.20)

jung

gesamt

.99 (.74)

.14 (.25)

.57 (.38)

alters-konsistent

1.00 (.1.08)

.14 (.35)

.57 (.30)

alters-inkonsistent

.99 (.93)

.14 (.38)

.56 (.26)

wissen

neutral

gesamt

.16 (.29)

.06 (.18)

.11 (.17)

alters-konsistent

.18 (.38)

.05 (.22)

.11 (.04)

alters-inkonsistent

.14 (.41)

.08 (.31)

.11 (.06)

alt

gesamt

.61 (.64)

.12 (.24)

.36 (.31)

alters-konsistent

.74 (1.00)

.00 (.00)

.37 (.25)

alters-inkonsistent

.48 (.80)

.24 (.48)

.36 (.17)

jung

gesamt

.66 (.60)

.24 (.38)

.45 (.38)

alters-konsistent

.66 (.84)

.21 (.47)

.44 (.26)

alters-inkonsistent

.66 (.87)

.26 (.57)

.46 (.32)

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Wortart

ergab einen signifikanten Unterschied für

fz

-Wörter, wenn sie ,,gewusst" wurden,

für beide Haupteffekte (

F

(2,158) = 8.73,

MS

e = .15,

p

< .001, 2 = .10 für Faktor

Salienz

;

F

(1,79)

= 8.21,

MS

e = .16,

p

< .01, 2 = .09 für Faktor

Wortart

) und eine signifikante Wechselwirkung

(

F

(2,158) = 3.77,

MS

e = .14,

p

< .05, 2 = .05). Der Haupteffekt

Salienz

erwies sich jedoch nur


Eigene Untersuchung

Seite 80

für den Vergleich des jugend-salienten und des neutralen Rätsels als statistisch bedeutsam.

Wiederum wurden mehr Wörter aus dem salienten Rätsel reproduziert. Unter dem Einfluss

des Haupteffekts

Wortart

zeigte sich ein Erinnerungsvorteil für die alters-inkonsistenten

Wörter gegenüber den alters-konsistenten Wörtern. Die alters-konsistenten Wörter wurden

dann bevorzugt erinnert, wenn sie aus dem jugendsalienten Rätsel stammten. Für die alters-

inkonsistenten Wörter zeigte sich dieser Erinnerungsvorteil insbesondere dann, wenn sie

unter dem Einfluss des Alters- und Jugendstereotyps standen. Ein Flächenvergleich

innerhalb der Rätsel ergab eine höhere Rekognitionsrate für die alters-inkonsistenten Wörter

nur innerhalb des alters-salienten Rätsels (siehe Tabelle 4.8).

4.4.2.4 Quellengedächtnis

Eine einfaktorielle Varianzanalyse mit messwiederholtem Faktor

Salienz

ergab einen

statistisch bedeutsamen Unterschied in der Häufigkeit der falsch zugeordneten Wörter

(

F

(2,158) = 13.34,

MS

e = .53,

p

< .001, 2 = .14). Hier wurden mehr reproduzierte Wörter

fälchlicherweise den salienten Rätseln statt den neutralen Rätseln zugeordnet (HYPOTHESE

4a).

Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Wortart

für

fz

-Wörter zeigte, dass diese zwar häufiger den alters-salienten und jugend-

salineten Rätseln zugeordnet wurden, sich aber im Hinblick auf alters-konsistente und

alters-inkonsisttente Wörter nicht unterschieden. Es wurden weder mehr alters-konsistente

Wörter dem alters-salienten Rätseln, noch wurden mehr alters-inkonsistente dem jugend-

salienten Rätseln inkorrekt zugeordnet (HYPOTHESE 4a). Die Ergebnisse einer

zweifaktoriellen Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren

Salienz

und

Flächengröße

ließen für

fz

-Wörter ein ähnliches Reproduktionsmuster erkennen (

F

(2,158)

=10.30,

MS

e = .00,

p

< .001, 2 = .12).

Fz

-Wörter waren häufiger in den Reproduktionsdaten

der alters-salienten und jugendsalienten Rätsel als in den neutralen Rätseln zu finden. Es

machte jedoch keinen statistisch bedeutsamen Unterschied, ob sie aus den kleinen oder

großen Flächen der Rätsel stammten.

Die Frage, ob richtig und falsch zugeordnete Wörter eher ,,erinnert" oder ,,gewusst"

wurden, wurde mit Hilfe einer zweifaktoriellen Vairanzanalyse mit den messwiederholten

Faktoren

Zuordnung

(korrekt vs. inkorrekt) und

Bewusstseinsstatus

(,,erinnert" vs. ,,gewusst")

erörtert. Dabei erwies sich der Haupteffekt des Faktors

Zuordnung

(

F

(1,79) = 215.03,

MS

e =

.3.40,

p

< .001, 2 = .73), des Faktors

Bewusstseinsstatus

(

F

(1,79) =12.83,

MS

e = .3.87,

p

< .005, 2


Eigene Untersuchung

Seite 81

= .14) und ein Effekt der Wechselwirkung (

F

(1,79) =26.77,

MS

e = .3.06,

p

< .001, 2 = .25) als

statistisch signifikant. Es wurden mehr Wörter den Rätseln richtig zugeordnet als falsch

zugeordnet. Diese Zuordnungen gingen eher mit dem Bewusstseinsstatus ,,erinnert" als

,,gewusst" einher, wobei

rz

-Wörter signifikant häufiger ,,erinnert" wurden und für

fz

-Wörter

ein Trend in Richtung ,,gewusst"-Urteil zu verzeichnen war (HYPOTHESE 4b)

(siehe Abbildung 4.9).

10

9

erinnert

8

gewusst

7

6

o
r
t
h
ä
u
f
i
g
k
e
i
t
e
n

5

n
t
w

4

3

i
t
t
l
e
r
e

A

m

2

1

rz-Wörter

fz-Wörter

Abbildung 4.9:

Mittlere metakognitive Anworthäufigkeiten (,,erinnert" vs. ,,gewusst") der

richtig (

rz

) und falsch (

rz

) zugeordneten Wörtern (Standardabweichungen in Balken).

4.4.2.5 Falsch erinnerte Wörter

Bei frei erfundenen Wörtern wurden signifikant häufiger ,,gewusst"-Urteile als ,,erinnert"-

Urteile vergeben (.11 vs. .54;

t

(79) = -3.32,

SE

= 1.15,

p

< 0.05, 2 = .12). Bezüglich der

Zuteilung der frei erfundenen Wörter zu den einzelnen Rätseln konnten keine statistisch

signifikante Präferenz abgeleitet werden.


Diskussion

Seite 82

Diskussion

Ziel der vorliegenden Arbeit war es, die Figur/Grund Hypothese bei der Verarbeitung von

Personeneigenschaften anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße zu überprüfen. Dazu

wurden im Rahmen einer perzeptuellen Aufgabe Wortsuchrätsel verwendet, in denen mit

einem Altersstereotyp konsistente und inkonsistente Eigenschaftswörter verborgen waren.

Diese waren entweder innerhalb einer kleinen oder großen Fläche des Rätsels angeordnet

und wurden unter hoher oder niedriger konzeptueller Salienz eines Stereotyps verarbeitet.

In diesem Kapitel wird auf die Gültigkeit der Hypothesen und die Ergebnisse der

Untersuchung eingegangen. Die Ergebnisse werden der Reihenfolge Suchzeiten,

Reproduktionsleistungen, metakognitive Urteile und Quellengedächtnis besprochen.

Suchzeiten ­

Die konzeptuelle Salienz sollte das Auffinden derjenigen Wörter erleichtern,

die mit dem jeweiligen Stereotyp verknüpft sind. Bei salientem Altersstereotyp sollten sich

die Suchzeit für alters-konsistente verkürzen, bei salienten Jugendstereotyp sollten sich die

Suchzeit für alters-inkonsistente Wörter verkürzen. Sollte der Einfluss der kleinen Fläche

ausreichen, um ein Stereotyp salient hervortreten zu lassen, sollten die Wörter der kleinen

Fläche schneller als die Wörter der großen Fläche gefunden werden.

In Hypothese 1a wurde angenommen, dass die Effekte der kleinen Fläche und des

Altersstereotyps im alters-salienten Rätsel additiv wirksam werden und somit die alters-

konsistenten Wörter gegenüber alters-inkonsistenten Wörtern schneller entdeckt werden.

Dieser Suchvorteil sollte ebenso gegenüber den alters-konsistenten Wörtern des neutralen

Rätsels gegeben sein, in dem allein der Faktor der Flächengröße wirksam werden konnte.

Entgegen dieser Annahmen unterschieden sich die Suchzeiten zwischen diesen Bedingungen

nicht. Die kleine Fläche scheint in dieser Konstellation keine figurale Wirkung zu entfalten

und den Salienzeffekt des Altersstereotyps nicht zu unterstützen.

In dem neutralen Rätsel war nur der Einfluss des Faktors der Flächengröße wirksam. Laut

Hypothese 1b sollte die figurale Wirkung der kleinen Fläche ausreichen, ein Stereotyp salient

hervortreten zu lassen und somit innerhalb den neutralen Rätsels die Wörter der kleineren

Fläche schneller gefunden werden als die der großen Fläche. Bei salientem Altersstereotyp

sollten alters-konsistente Wörter in kleiner Fläche schneller entdeckt werden als alters-

inkonsistente Wörter in großer Fläche und umgekehrt sollten bei salientem Jugendstereotyp

alter-inkonsistente Wörter in kleiner Fläche schneller als alters-konsistente Wörter in großer


Diskussion

Seite 83

Fläche aufgespürt werden. Diese Effekte konnten nicht gefunden werden. Es zeigte sich kein

Unterschied in den Suchzeiten der Wörter aus kleiner und großer Fläche. Die kleine Fläche

scheint ohne zusätzliche Etikettierung nicht in der Lage zu sein, die in den Rätseln

verborgenen Stereotype als Figur zu gruppieren und in den Vordergrund zu legen.

In Hypothese 1c wurden der Effekt der Flächengröße und der Einfluss der

Stereotypenaktivierung durch die Präsentation des Bildes eines alten Mannes gegeneinander

getestet. Die Effekte wiesen in die entgegengesetzte Wirkungsrichtung. Es zeigte sich, dass

die alters-konsistenten Wörter schneller entdeckt wurden und somit von einem dominanten

Effekt des Altersstereotyps auszugehen ist.

Zusammenfassend lässt sich ein Effekt der Flächengröße in den Suchzeiten nicht finden.

Der figurale Effekt der kleinen Fläche ist entweder nicht vorhanden oder nicht in der Lage,

sich gegenüber dem Einfluss des Altersstereotyps durchzusetzen.

Auf den ersten Blick sprechen die Befunde der Suchzeiten gegen einen Effekt der kleinen

Fläche, da die Suchzeiten der Wörter zwischen der kleinen und großen Fläche nicht

signifikant variierten. Während der Versuchsdurchführung fiel jedoch auf, dass das

kreisrunde Design des Wortsuchrätsels die Versuchspersonen dazu verleitete, strukturiert

und schematisch vorzugehen. Sie begangen den Suchprozess horizontal von links nach

rechts und führten ihn dann vertikal von oben nach unten fort. Somit sind die fehlenden

Unterschiede in der Varianz der Suchzeiten Ausdruck des schematischen Vorgehens der

Versuchspersonen und kann nicht als Beleg gegen die Figur/Grund Hypothese

herangezogen werden. Ein Effekt des schematischen Vorgehens der Versuchspersonen sollte

sich aber nur in den Variablen der Lehrphase bemerkbar machen und in der Testphase

keinen Einfluss ausüben.

Reproduktionsleistungen ­

Die Leistungen des Cued Recall Tests sind mit denen des

Experiments 4 von Wehr (2005) zu vergleichen und fielen generell niedrig aus. In den

Reproduktionsleistungen zeigte sich, dass mehr Wörter aus den salienten Rätseln als aus

dem neutralen Rätsel wierdergegeben wurden. Dieser Gedächtnisvorteil konnte vor allem

für die Wörter aus der kleinen Fläche festgestellt werden. Auch wurden den salienten

Rätseln generell mehr Eigenschaften fälschlicherweise zugeordnet. Allerdings konnten keine

Unterschiede zwischen alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörtern gefunden

werden.


Diskussion

Seite 84

Laut Hypothese 2 sollte die Anordnung der Personeneigenschaften in einer kleinen Fläche

ausreichen, um ein Stereotyp salient hervortreten zu lassen und dabei vor allem die Wörter

der kleinen Fläche erinnert werden. Dies sollten vorrangig die alter-konsistenten Wörter

sein, wenn die kleine Fläche aus alters-konsistenten Wörtern bestand und alter-inkonsistente

Wörter, wenn die kleine Fläche aus alters-inkonsistenten Wörtern zusammensetzte.

Insgesamt wurden mehr Wörter aus der kleinen Fläche erinnert.

Metakognitive Urteile ­

In den Ergebnissen zur Hypothese 3 zeigt sich, dass die ,,erinnert"-

Urteile von der Flächengröße beeinflusst wurden: Die Wörter der kleinen Fläche wurden

eher ,,erinnert" als die Wörter der großen Fläche. Dieser figurkonstituierende Effekt der

kleinen Fläche war nur in den salienten Rätseln zu finden. Hier unterstützte eine kleine

Fläche die Stereotypenwahrnehmung und war mit einer lebhaften Erinnerung verknüpft.

Kamen die Erinnerungen an die Eigenschaften eines Stereotyps einem bloßen

Vertrautheitserleben gleich, übten die unterschiedlichen Flächengrößen keinen Einfluss aus.

Hier wurden ,,gewusst"-Urteile von unterschiedlichen Flächengrößen nicht beeinträchtigt.

Quellengedächtnis ­

Der erste Teil der Hypothese 4a konnte bestätigt werden. Wie erwartet

wurden den salienten Rätseln häufiger falsche Wörter zugeordnet als dem neutralen Rätsel.

Die Etikettierung erleichterte die korrekte Zurordnung der Eigenschaften zum

passendenden Stereotyp. Sie verleitete jedoch dazu, den salienten Rätseln falsche

Eigenschaften zuzuschreiben. Im Unterschied zu den Ergebnissen von Wehr (2005) erfolgte

die Zuordnung nicht stereotypenkonsistent, d.h. die Eigenschaften wurden unabhängig von

ihren Stereotypenbezug eher einem salienten Rätsel zugeordnet. Somit musste der 2. Teil der

Hypothese 4a verworfen werden.

Es zeigte sich gemäß Hypothese 4b, dass korrekt zugeordnete Wörter eher mit dem

Bewusstseinzustand ,,Erinnern" einher gingen und falsch zugordnete Wörter eher ,,gewusst"

wurden. Damit konnten die Ergebnisse von Wehr (2005; Exp. 4) repliziert werden.

Die Befunde lassen sich mit Hilfe des Distinctiveness/Fluency Ansatzes (Rajaram, 1996)

insgesamt gut erklären. Die Rate der ,,erinnert"-Urteile fiel in den salienten Rätsel höher aus,

d.h. wurde die konzeptuelle Salienz durch ein Stereotyp aktiviert, wurden die

Eigenschaftswörter häufiger ,,erinnert". Ein häufiger Nachteil eines Zwei-Komponenten

Modells wie des Distinctiveness/Fluency Ansatzes ist es, dass es nicht in der Lage ist, die

komplexe Wirklichkeit hinreichend abzubilden. Es können per Definition nur Distinktheits-

und Flüssigkeitsmanipulationen untersucht werden, wodurch sich der Ansatz selbst


Diskussion

Seite 85

beschränkt. In der vorliegenden Untersuchung wurde jedoch deutlich, dass basale

Wahrmungselemente eine Rolle bei der Bewusstseinsbildung spielen können. ,,Erinnert"-

Urteile wurden von maßgeblich der Flächengröße beeindrächtigt. Es wäre wünschenswert,

dass weitere Elemente in den Ansatz integriert werden könnten. Wehr (2005) fomulierte

beispielsweise als erste Erweiterung das Prinzip der relativen Salienz (siehe Kapitel 4.1.3).

Leider konnten keine Belege in den Suchzeiten gefunden werden, was jedoch auf das

Design des Versuchsmaterials zurückzuführen ist. In zukünftigen Experimenten sollte

darauf geachtet werden, dass ein schematisches Vorgehen der Versuchspersonen vermieden

wird. Einen ersten Ansatzpunkt hierfür bietet die Instruktionsanleitung. Es ist denkbar, dass

die Wahrscheinlichkeit eines schematischen Vorgehens der Versuchspersonen beispielsweise

durch folgende Instruktionserweiterung reduziert werden könnte:

,,Lassen Sie ihre Augen über

das Rätsel schweifen und versuchen sie es als Ganzes wahrzunehmen."

Ein zweite Möglichkeit

besteht darin, die die Versuchspersonen auf den Kippbildcharakter des Rätsels hinzuweisen.

Dadurch könnte die figurale Wahrnehmung unterstützt werden. Zum Beispiel konnten

Rock, Hall & Davis (1994) belegen, dass die Wahrnehmung der Figuren durch explitziten

Hinweis auf den Kippbildcharakter erleichtert und in manchen Fällen sogar erst ermöglicht

wird.

Im Zusammenhang mit dem Erinnerungsbewusstsein wurden bisher die Gestaltfaktoren

Symmetrie (Wehr, 2005) und nun die Flächengröße untersucht. In dieser Arbeit wurden

neben diesen Faktoren weitere klassische und neue Gestaltfaktoren vorgestellt. Diese

könnten als Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen zu diesem Forschungskomplex

genutzt werden. Der Gestaltfaktor der unteren Region (Vecera et al., 2002; siehe Kapitel

3.1.2.2) könnte zum Beipiel im Zusammenhang mit dem Erinnerungbewusstsein untersucht

werden, indem alters-konsistente oder alters-inkonsistente Wörter in einem Wortsuchrätsel

entweder in die obere oder untere Hälfte gelegt werden. Die Wörter der unteren Region

sollten dann eher mit ,,erinnert"-Urteilen versehen werden, die Wörter der oberen Region

eher mit ,,gewusst"-Urteilen.

Insgesamt kann der Gestaltfaktor der Flächengröße als unterstützender Faktor zur

Wahrnehmung von Personeneigenschaften angesehen werden.


Diskussion

Seite 86

Zusammenfassend wurden folgende Erkenntnisse gewonnen:

1.

Ein Beleg für die Figur/Grund Hypothese konnte in den Suchzeiten nicht

gefunden werden, da sich die Suchzeiten der Wörter aus der kleinen und großen

Fläche nicht unterschieden.

2.

In den Reproduktionsdaten wurde ein figuraler Gestalteffekt der kleinen Fläche

gefunden. Die Wörter aus der kleinen Fläche wurden häufiger reproduziert als

die Wörter der großen Fläche.

3.

Die kleine Fläche unterstützt die Stereotypenwahrnehmung und ist mit einer

lebhaften Erinnerungsbewusstsein verknüpft.

4.

Korrekte Quellenurteile werden eher mit ,,erinnert"-Urteilen belegt, während

Quellenfehler eher mit einem Vertrautheitsempfinden verknüpft sind.


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Anhang

Seite 95

Anhang A:

Wortnormierung

Mittelwerte und Standartabweichungen der Typizitätsurteile bei

218 Adjektiven

Min Max

M

SD

Min Max

M

SD

wild

1

4

1.60

.76

fies

1

4

2.40

.80

draufgängerisch

1

4

1.64

.72

auffällig

1

5

2.40 1.01

hemmungslos

1

4

1.73

.78

überheblich

1

5

2.41

.85

gelenkig

1

4

1.76

.67

rabiat

1

5

2.42

.91

muskulös

1

3

1.76

.66

grob

1

4

2.42

.80

gewalttätig

1

5

1.80

.91

schön

1

4

2.44

.83

schnell

1

5

1.87

.84

hektisch

1

5

2.44

.99

brutal

1

5

1.87 1.10

hübsch

1

5

2.44

.99

flink

1

4

1.89

.73

produktiv

1

4

2.44

.83

graziös

1

4

1.95

.80

kämpferisch

1

5

2.45

.85

feurig

1

4

1.96

.96

leistungsfähig

1

4

2.47

.76

beweglich

1

4

1.98

.59

eitel

1

4

2.49

.87

flott

1

4

2.06

.81

ledig

1

4

2.49

.99

eiskalt

1

4

2.07

.79

eifersüchtig

1

5

2.51

.97

flexibel

1

4

2.09

.77

gesund

1

4

2.51

.77

modisch

1

4

2.09

.87

lebhaft

1

4

2.51

.76

schwungvoll

1

4

2.13

.77

herablassend

1

4

2.51

.69

prahlerisch

1

5

2.16 1.11

agil

1

5

2.52

.79

verliebt

1

5

2.18

.84

ungepflegt

1

4

2.53

.83

fit

1

5

2.22

.89

tolerant

1

5

2.53

.87

arrogant

1

4

2.22

.76

faul

1

4

2.55

.83

kräftig

1

4

2.24

.74

ehrgeizig

1

5

2.56

.81

frech

1

4

2.25

.84

egoistisch

1

5

2.60

.87

anziehend

1

4

2.25

.84

abweisend

1

5

2.60

.83

ausgelassen

1

4

2.25

.64

aktiv

1

4

2.62

.80

spontan

1

5

2.25

.88

feindselig

1

5

2.62

.95

sportlich

1

5

2.27 1.11

affektiert

1

4

2.62

.81

impulsiv

1

5

2.27

.91

verträumt

1

4

2.63

.97

belastbar

1

4

2.28

.81

ausdauernd

1

5

2.65 1.04

attraktiv

1

4

2.28

.78

erfinderisch

1

5

2.65 1.00

leichtsinnig

1

4

2.28

.91

pfiffig

2

5

2.67

.72

wagemutig

1

5

2.29

.95

fanatisch

1

5

2.67

.90

schlampig

1

4

2.29

.73

geschäftig

1

5

2.69 1.06

liberal

1

4

2.29

.62

energisch

1

5

2.71

.89

süß

1

4

2.30

.98

aufgeschlossen

1

4

2.73

.82

albern

1

5

2.31 1.02

chaotisch

1

5

2.75 1.05

stark

1

4

2.33

.72

humorlos

1

5

2.75

.90

extravagant

1

5

2.33 1.01

vital

2

5

2.75

.88

kindlich

1

5

2.36 1.11

jähzornig

1

5

2.76

.94

dynamisch

1

5

2.38

.89

oberflächlich

1

5

2.76

.90


Anhang

Seite 96

Min Max

M

SD

Min Max

M

SD

tatkräftig

1

4

2.76

.96

unattraktiv

2

5

3.24

.79

vielseitig

1

5

2.78

.92

still

1

5

3.25

.84

hoffnungsvoll

1

4

2.78

.65

traurig

2

4

3.25

.58

kreativ

1

5

2.84

.81

zufrieden

1

4

3.26

.80

einflussreich

2

5

2.85

.78

deprimiert

2

5

3.27

.70

aufdringlich

1

4

2.85

.84

intolerant

1

5

3.29

.97

romantisch

1

5

2.85

.97

bucklig

1

5

3.30

.83

engagiert

1

5

2.87

.87

kontrolliert

1

4

3.31

.85

zwanghaft

1

4

2.89

.80

kontaktarm

1

5

3.31

.92

wissbegierig

1

4

2.89

.89

gepflegt

2

5

3.31

.79

scharfsinnig

1

5

2.91

.82

alleinstehend

1

5

3.31

.94

forsch

1

5

2.93

.84

brummig

1

5

3.33

.90

cholerisch

1

5

2.93

.90

sanft

1

5

3.33

.75

lebenslustig

1

4

2.93

.81

humorvoll

2

5

3.33

.67

scheu

1

5

2.93

.87

krumm

1

5

3.35

.84

naiv

1

5

2.96

.92

mürrisch

1

5

3.35

.86

offen

2

5

2.98

.82

klug

2

5

3.35

.70

charmant

1

5

2.98

.78

interessiert

2

5

3.36

.84

erregbar

1

5

3.00

.86

hilflos

2

5

3.36

.72

abgelehnt

1

5

3.00

.84

isoliert

2

5

3.37

.85

freigiebig

1

5

3.02 1.09

launisch

1

5

3.40

.89

begabt

1

4

3.04

.60

beleibt

1

5

3.41

.81

anhänglich

1

5

3.04

.96

gelehrt

2

5

3.42

.71

wohlhabend

1

5

3.05

.82

abhängig

1

5

3.42

.78

musikalisch

2

5

3.07

.74

schwermütig

2

5

3.42

.68

depressiv

2

4

3.07

.74

engstirnig

1

5

3.44

.85

ungeschickt

1

4

3.09

.75

spießig

1

5

3.44

.89

grimmig

1

5

3.09

.96

taub

1

5

3.44

.91

lebensfroh

1

5

3.09

.87

verständnisvoll

1

5

3.46

.96

witzig

2

5

3.09

.75

neugierig

2

5

3.47

.90

lustig

2

5

3.11

.68

schreckhaft

1

5

3.47

.90

feinfühlig

1

5

3.13

.79

spendabel

1

5

3.47

.99

verklemmt

1

5

3.13

.92

schrullig

2

5

3.47

.83

geschickt

1

5

3.13

.84

geduldig

1

5

3.49

.92

beliebt

1

5

3.15

.78

schwach

2

5

3.49

.83

zänkisch

1

5

3.15

.92

besonnen

1

5

3.51

.87

verdrossen

1

5

3.15

.90

unflexibel

1

5

3.54

.92

arbeitslos

1

5

3.16 1.28

beherzt

2

5

3.56

.73

verschlossen

1

4

3.16

.81

großzügig

2

5

3.56

.81

verschroben

1

5

3.18

.84

sympathisch

2

5

3.59

.65

schwärmerisch

1

5

3.18 1.00

standhaft

2

5

3.60

.83

verbittert

1

5

3.19

.87

verlässlich

1

5

3.60 1.01

gelangweilt

1

5

3.20

.98

freundlich

2

5

3.60

.73

unzufrieden

2

5

3.20

.80

bescheiden

2

5

3.62

.70

zurückhaltend

1

4

3.22

.68

väterlich

1

5

3.62

.95

gesellig

1

5

3.22

.92

senil

2

5

3.63

.85

missmutig

1

5

3.24

.83

einsam

2

5

3.64

.62


Anhang

Seite 97

Min Max

M

SD

Min Max

M

SD

lahm

2

5

3.65

.70

belesen

2

5

3.84

.66

intelligent

1

5

3.24

.66

fürsorglich

2

5

3.85

.70

würdevoll

1

5

3.67

.82

bedächtig

1

5

3.87

.81

genügsam

2

5

3.67

.72

sparsam

1

5

3.91

.87

kahl

1

5

3.67

.92

konservativ

1

5

3.91

.95

zurückgezogen

2

5

3.67

.69

kränklich

2

5

3.91

.55

störrisch

1

5

3.67

.81

eigenwillig

3

5

3.91

.67

gutgläubig

1

5

3.67

.81

familiär

2

5

3.93

.69

eigensinnig

1

5

3.71

.85

religiös

1

5

3.93 1.05

schlaflos

1

5

3.72

.73

weise

3

5

3.94

.59

stur

1

5

3.73

.93

nostalgisch

2

5

3.95

.78

geschwätzig

1

5

3.75 1.00

schwerhörig

2

5

3.96

.81

starrsinnig

2

5

3.75

.64

gebrechlich

2

5

4.02

.73

dickköpfig

2

5

3.75

.72

langsam

3

5

4.04

.47

gesprächig

2

5

3.76

.74

grau

2

5

4.06

.59

reif

1

5

3.78 1.08

vergesslich

1

5

4.09

.98

bieder

2

5

3.80

.85

gläubig

2

5

4.09

.75

grüblerisch

2

5

3.80

.73

altmodisch

1

5

4.15

.84

ruhig

1

5

3.80

.91

erfahren

3

5

4.27

.62

gemächlich

2

5

3.81

.72

lebenserfahren

3

5

4.44

.57

verwirrt

2

5

3.81

.70

zuverlässig

2

5

3.81

.72

liebevoll

2

5

3.82

.61

zerstreut

1

5

3.84

.87

aufsteigend sortiert; grau unterlegt: je 30 Adjektive mit den höchsten (konsistent),

niedrigsten (inkonsistent) und durchschnittlichsten (neutral) Werten; Skala: 1 [untypisch] bis 5

[typisch]


Anhang

Seite 98

Anhang B:

Instruktionen

B1: Instruktionen zur Lernphase

Download der Instruktionen und Wortsuchrätsel unter:

http://freenet-homepage.de/personeneigenschaften/

INSTRUKTIONEN

Bitte lesen Sie die folgenden Instruktionen aufmerksam durch.

Ihnen werden im Folgenden 3 Wortsuchrätsel präsentiert. In jedem dieser Rätsel sind 12

Eigenschaften einer Person versteckt. Ihre Aufgabe ist es: Finden Sie diese

Eigenschaftswörter so schnel wie möglich!

Wenn Sie ein Wort entdecken, teilen Sie bitte dem Versuchsleiter mit, um welches Wort es

sich handelt und umkreisen Sie es mit dem beiliegenden Stift. Schreiben Sie es

anschließend auf eine der freien Linien.

Wenn Sie die Suche nach dem nächsten Wort fortsetzen, sagen Sie bitte ,,WEITER".

Es handelt sich ausschließlich um deutschsprachige Wörter. Sie sind horizontal und vertikal

(nicht diagonal!) angeordnet. Die Leserichtung der Wörter ist von links nach rechts und von

oben nach unten. Sie überschneiden sich nicht.

Wenn Sie Fragen zum Experiment haben können Sie diese jetzt gerne an den Versuchsleiter

richten.


Anhang

Seite 99

Anhang B:

Instruktionen

B1: Instruktionen zur Testphase

EXPERIMENT ZWEITER TEIL

Im zweiten Teil des Experiments werden Ihnen Bilder präsentiert, die Sie aus dem ersten

Teil bereits kennen.

Ihre Aufgabe ist:

1. Bitte rufen Sie sich die Wörter aus der vorigen Aufgabe ins Gedächtnis und schreiben

Sie diese unter das jeweilige Bild. Bitte nutzen Sie hierzu die vorgegebenen Zeilen.

2. Kreuzen Sie dann nach jedem Wort an, ob Sie es ,,erinnert" oder ,,gewusst" haben.

Wie Sie zwischen ,,erinnert" und ,,gewusst" unterscheiden sol en, lesen Sie im Folgenden:

,,Erinnert"-Antworten:

Wenn die Erinnerung an ein Wort von einem

bewussten, lebhaften Erinnern

begleitet ist,

dann machen Sie ein Kreuz in der Spalte ,,erinnert". ,,Erinnern" ist die Fähigkeit, sich

bewusst zu werden, was Sie erlebten oder was Ihnen aufgefal en ist, als das Wort präsentiert

wurde. Dies können bestimmte Aspekte des Wortbildes sein oder etwas, das in dem Raum

passierte (z.B., ein Fenster schlug zu) oder an was man gerade gedacht hat, bzw. was man

gerade tat, während das Wort präsent war. Mit anderen Worten, das ,,erinnerte" Wort sol te

eine lebhafte Assoziation in Erinnerung rufen, ein Bild oder etwas Persönliches zu der Zeit

der Wortpräsentation oder auch etwas über die Erscheinung des Wortes oder dessen

Position im Wortsuchrätsel.

,,Gewusst"-Antworten:

,,Gewusst"-Antworten sol ten dann gemacht werden, wenn Sie zwar meinen, dass das Wort

in einem der Wortsuchrätsel vorkam, Sie sich aber nicht bewusst an seine vorige Präsenz

erinnern bzw. nichts erinnern können, was mit dem Vorkommen des Wortes verbunden ist.

Kreuzen Sie ,,gewusst" an, wenn Sie sich

sicher sind, dass das Wort vorkam, es Ihnen aber

nicht gelingt, spezifische Erinnerungen an die Wortpräsentation hervorzurufen

.


Anhang

Seite 100

Beispiel

Um die Unterscheidung noch deutlicher zu machen, sei hier noch einmal ein Beispiel zur

Unterscheidung von ,,erinnert" und ,,gewusst" beschrieben.

Beispiel ,,Erinnert":

Wenn man an der Bushaltestel e steht und jemanden sieht, fäl t einem manchmal auf, dass

man diese Person schon einmal gesehen hat. Jetzt ist es möglich, dass man sich erinnert,

dass man diese Person letzten Freitag, in einem lila Regenmantel an der gleichen

Bushaltestel e gesehen hat. Man kann sich also an dazugehörige Details erinnern.

Unter diesen Umständen sprechen wir von

,,erinnern".

Beispiel ,,Gewusst":

Es wäre aber auch möglich, dass man sich zwar im Klaren darüber ist, dass man diese

Person schon einmal gesehen hat, sich aber nicht mehr daran erinnern kann, wann und wo

man sie gesehen hat, oder was sie getragen hat. Man erinnert also keine dazugehörigen

Details. Man weiß aber wohl, dass man diese Person schon einmal gesehen hat.

Unter diesen Umständen sprechen wir von

,,gewusst"

.

Bitte fassen Sie gegenüber dem Versuchsleiter kurz in eigenen Worten zusammen, wie Sie

die Unterscheidung von ,,erinnert" und ,,gewusst" verstanden haben!


Anhang

Seite 101

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C1: Wortsuchrätsel Altersstereotyp (A1; A2)


Anhang

Seite 102

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C1: Wortsuchrätsel Altersstereotyp (A3; A4)


Anhang

Seite 103

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C1: Wortsuchrätsel Altersstereotyp (A5; A6)


Anhang

Seite 104

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C2: Wortsuchrätsel Jugendstereotyp (B1; B2)


Anhang

Seite 105

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C2: Wortsuchrätsel Jugendstereotyp (B3; B4)


Anhang

Seite 106

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C2: Wortsuchrätsel Jugendstereotyp (B5; B6)


Anhang

Seite 107

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C3: Neutrales Wortsuchrätsel (C1; C2)


Anhang

Seite 108

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C3: Neutrales Wortsuchrätsel (C3; C4)


Anhang

Seite 109

Anhang C:

Wortsuchrätsel

C3: Neutrales Wortsuchrätsel (C5; C6)



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