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Subtitle: Überprüfung der Figur/Grund Hypothese bei der Verarbeitung von Personeneigenschaften
Diploma Thesis, 2007, 115 Pages
Author: Dipl.-Psych. Frank Lafleur
Subject: Psychology - Cognition
Details
Tags: Personenbezogenes, Erinnerungsbewusstsein
Year: 2007
Pages: 115
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 80 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-21355-9
File size: 4365 KB
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Abstract
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Figur/Grund Hypothese bei der Erinnerung von Personeneigenschaften anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße zu prüfen. Dazu werden insbesondere drei Elemente aus verschiedenen psychologischen Forschungsrichtungen miteinander in Beziehung gesetzt: Gestaltfaktoren aus der Wahrnehmungspsychologie, das Remember/Know Paradigma aus der Kognitiven Psychologie und der Bereich der sozialen Informationsverabeitung aus der Sozialpsychologie. In vielen Standardwerken der Wahrnehmungspsychologie st Edgar Rubins (1886-1951) bekanntes Gesicht-Vase Muster zu finden. Es zeigt in seinem Zentrum eine Vase, die von zwei einander zugewandten Gesichtsprofilen umgeben wird. Dabei treten je nach Aufmerksamkeitsfokussierung die Vase oder die Gesichter als Figur in den Vordergrund. Diese Darstellung wird oft verwendet, um die phänomenologischen Charakteristika und zugrundeliegenden Faktoren der Figur/Grund Trennung zu beschreiben. Die Forschung interessiert sich im Rahmen der Kognitiven Psychologie seit geraumer Zeit für die Erfassung von Bewusstseinszuständen, die Erinnerungen begleiten. Der Gedächtnispsychologe Endel Tulving führte im Jahre 1985 das Remember/Know Paradigma ein, nach dem zwei subjektiv verschiedene Erlebnisqualitäten im Moment des Erinnerns unterschieden werden: Erinnerungen können entweder von lebhaften, klaren und intensiven Gefühlen des Wiedererlebens begleitet werden (remember; „Erinnern“) oder mit weniger lebhaften Gefühlen im Zusammenhang stehen. Dieses Gefühl gleicht eher einer bloßen Vertrautheitsempfindung, die man beim Abruf von abstraktem Wissen wahrnimmt (know; „Wissen“). Wehr (2005) beschäftigte sich mit dem Erinnerungsbewusstsein bei sozialer Informationsverarbeitung und ging dabei der Frage nach, wie die Erinnerung an eine Person erlebt wird. In den Experimenten zum Erinnerungsbewusstsein bei schemageleiteter Verarbeitung von personalen Eigenschaften konnte Wehr (2005) zeigen, dass das Einnerungsbewusstsein nach Gesetzmäßigkeiten funktioniert, die den Organisationsprinzipien der Figur/Grund Trennung ähneln. Im Laufe der Zeit sind sogenannte Gestaltfaktoren formuliert worden, die für den strukturellen Wahrnehmungsprozesse der Figur/Grund Trennung von Bedeutung sind. Anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße soll in dieser Arbeit die Figur/Grund Hypothese bei der Erinnerung von Personeneigenschaften näher erforscht werden.
Fulltext (computer-generated)
Universität Trier Fachbereich I: Psychologie
Personenbezogenes Erinnerungsbewusstsein:
Überprüfung der Figur/Grund Hypothese
bei der Verarbeitung von
Personeneigenschaften
Diplomarbeit
vorgelegt von
Frank Lafleur
Trier, im März 2007
Danksagung
An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die mir das ,,Projekt Diplomarbeit" ermöglicht
und erleichtert haben.
Dies ist zu aller erst Herr Dr. Thomas Wehr, dem ich für seine Unterstützung und Betreuung
in allen Phasen der Entstehung und Fertigstellung der Arbeit ganz besonders danke.
Herrn Prof. Dr. Werner Wippich möchte ich für die Übernahme der Zweitkorrektur danken.
Besonderer Dank gebührt meinen Eltern, die mir dieses Studium durch ihre Unterstützung
ermöglicht haben.
Oliver Klauk danke ich für eine schöne Trierer Zeit. Unsere vielen wertvollen Gespräche und
gemeinsamen Unternehmungen werden mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Vor allem
aber danke ich ihm für seine Freundschaft.
Daniela Oeffling, Michaela Hermes und Dorothee Mücken möchte ich von ganzem Herzen
für ihre Unterstützung und aufmunternde Art besonders in den heißen Phasen danken.
Zu guter Letzt möchte ich mich bei Petra Windthorst für das unermüdliche Korrekturlesen
bedanken.
Trier, im März 2007
Inhalt
1
Einleitung
1
1.1 Gegenstand und Zielsetzung
1
1.2 Überblick
2
2
Das Remember/Know Paradigma
3
2.1 Erinnerungsbewusstsein
3
2.2 Remember/Know Paradigma in der experimentellen Forschung
6
2.3 Empirische Befunde zum Erinnerungsbewusstsein
10
2.3.1 Effekte auf ,,Erinnern", nicht auf ,,Wissen"
10
2.3.2 Effekte auf ,,Wissen", nicht auf ,,Erinnern"
14
2.3.3 Gegenteilige Effekte
16
2.3.4 Paralleleffekte
18
2.3.5 Schemageleitete und soziale Informationsverarbeitung
19
2.4 Theorien zum Erinnerungsbewusstsein
22
2.4.1 Der Systemansatz
22
2.4.2 Der Prozessansatz
24
2.4.3 Der Distinctiveness/Fluency Ansatz
25
2.4.4 Die Signalentdeckungstheorie
27
2.4.5 Das Independence Remember/Know Modell
29
2.4.6 Zusammenfassung
30
3
Figur/Grund Trennung
31
3.1 Gestaltfaktoren
31
3.1.1 Klassische Gestaltfaktoren
34
3.1.1.1 Symmetrie
34
3.1.1.2 Orientierung
34
3.1.1.3 Bedeutung
35
3.1.1.4 Flächengröße
36
3.1.2 Neue Gestaltfaktoren
40
3.1.2.1 Watercolor effect
40
3.1.2.2 Lower region
44
3.1.2.3 Top-bottom polarity
46
3.2 Zusammenfassung
48
4
Eigene Untersuchung
49
4.1 Herleitung und Fragestellung
49
4.1.1 Wehr (2005); Experiment 1
50
4.1.2 Wehr (2005); Experiment 2
51
4.1.3 Wehr (2005); Experiment 3
53
4.1.4 Wehr (2005); Experiment 4
55
4.1.5 Eigenes Experiment
58
4.2 Hypothesen
60
4.2.1 Lernphase
60
4.2.2 Testphase
60
4.3 Methode
61
4.3.1 Probanden und Versuchsplan
61
4.3.2 Material
63
4.3.3 Durchführung
66
4.4 Ergebnisse
68
4.4.1 Befunde aus der Lernphase
68
4.4.2 Befunde aus der Testphase
72
4.4.2.1 Allgemeine Gedächtnisleistung
72
4.4.2.2 Reproduktionsleistung
74
4.4.2.3 Metakognitive Urteile
77
4.4.2.4 Quellengedächtnis
80
4.4.2.5 Falsch erinnerte Wörter
81
Diskussion
82
Literatur
87
Anhang 95
Einleitung
Seite 1
1 Einleitung
1.1 Gegenstand und Zielsetzung
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Figur/Grund Hypothese bei der Erinnerung von
Personeneigenschaften anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße zu prüfen. Dazu werden
insbesondere drei Elemente aus verschiedenen psychologischen Forschungsrichtungen
miteinander in Beziehung gesetzt: Gestaltfaktoren aus der Wahrnehmungspsychologie, das
Remember/Know Paradigma aus der Kognitiven Psychologie und der Bereich der sozialen
Informationsverabeitung aus der Sozialpsychologie.
In vielen Standardwerken der Wahrnehmungs-
psychologie ist Edgar Rubins (1886-1951) bekanntes
Gesicht-Vase Muster zu finden. Es zeigt in seinem
Zentrum eine Vase, die von zwei einander zugewandten
Gesichtsprofilen umgeben wird. Dabei treten je nach
Aufmerksamkeitsfokussierung die Vase oder die
Gesichter als Figur in den Vordergrund. Diese
Darstellung
wird
oft
verwendet,
um
die
phänomenologischen Charakteristika und zugrunde-
Abbildung 1.1:
Reversibles Figur/
Grund Muster. Die Vase oder die
liegenden Faktoren der Figur/Grund Trennung zu
Gesichter werden zur Figur
gruppiert (Rubin, 1915).
beschreiben.
Die Forschung interessiert sich im Rahmen der Kognitiven Psychologie seit geraumer Zeit
für die Erfassung von Bewusstseinszuständen, die Erinnerungen begleiten. Der
Gedächtnispsychologe Endel Tulving führte im Jahre 1985 das Remember/Know Paradigma
ein, nach dem zwei subjektiv verschiedene Erlebnisqualitäten im Moment des Erinnerns
unterschieden werden: Erinnerungen können entweder von lebhaften, klaren und intensiven
Gefühlen des Wiedererlebens begleitet werden (
remember
; ,,Erinnern") oder mit weniger
lebhaften Gefühlen im Zusammenhang stehen. Dieses Gefühl gleicht eher einer bloßen
Vertrautheitsempfindung, die man beim Abruf von abstraktem Wissen wahrnimmt (
know
;
,,Wissen").
Wehr (2005) beschäftigte sich mit dem Erinnerungsbewusstsein bei sozialer
Informationsverarbeitung und ging dabei der Frage nach, wie die Erinnerung an eine Person
erlebt wird. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:
Einleitung
Seite 2
Wenn Sie gebeten würden, Ihren besten Freund zu beschreiben, würden Ihnen
wahrscheinlich spontan einige Eigenschaften einfallen, die ihn aus ihrer Sicht am
zutreffensten charakterisieren. Bei der Suche nach passenden Eigenschaften könnten Sie
einige Ereignisse zur Hilfe nehmen, die Sie gemeinsam erlebt haben. Sie könnten Ihren
Freund z.B. ,,sportlich" nennen, da sie häufig gemeinsam trainieren. Vielleicht erinnern Sie
sich auch an seine momentan konfliktreiche familiäre Lage und bezeichnen ihn als
,,belastbar", da er Ihnen erzählt hat, wie gut er mit der Situation zurecht kommt. Während
der Beschreibung dieser Eigenschaften haben Sie vielleicht das Gefühl, diese Erinnerungen
klar und lebhaft zu erinnern (,,remember"). Darüber hinaus fallen Ihnen noch ,,tolerant" und
,,verträumt" als zutreffende Beschreibung ein. Diese Eigenschaften kommen Ihnen weniger
spontan in den Sinn und erscheinen Ihnen eher diffus und kontextlos (,,know").
In den Experimenten zum Erinnerungsbewusstsein bei schemageleiteter Verarbeitung von
personalen Eigenschaften konnte Wehr (2005) zeigen, dass das Einnerungsbewusstsein nach
Gesetzmäßigkeiten funktioniert, die den Organisationsprinzipien der Figur/Grund
Trennung ähneln. Im Laufe der Zeit sind sogenannte Gestaltfaktoren formuliert worden, die
für den strukturellen Wahrnehmungsprozesse der Figur/Grund Trennung von Bedeutung
sind. Anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße soll in dieser Arbeit die Figur/Grund
Hypothese bei der Erinnerung von Personeneigenschaften näher erforscht werden.
1.2 Überblick
Kapitel 2 beginnt mit einer allgemeinen Einführung in das Remember/Know Paradigma
(2.1). Dann wird ein Überblick über die Geschichte der Forschung zu ,,Erinnern" und
,,Wissen" gegeben (2.2) und im Anschluss wichtige Befunde dazu referiert (2.3). Zum Ende
des Kapitels werden einige Theorien zum Erinnerungsbewusstsein vorgestellt (2.4).
In Kapitel 3 wird zunächst eine Einführung in die Figur/Grund Thematik gegeben (3.1)
und anschließend einige klassische Gestaltfaktoren (3.2) und neue Gestaltfaktoren (3.3)
beschrieben.
In Kapitel 4 werden verschiedene Studien von Wehr (2005) zum Erinnerungsbewusstsein
bei Personeneigenschaften zusammenfassend dargestellt (4.1) und die Hypothesen zur
eigenen Untersuchung beschrieben (4.3). Im weiteren Verlauf des Kapitels folgt die
Darstellung der Methode (4.4) und der Ergebnisse (4.5).
Die Ergebnisse werden abschließend in der Diskussion (5) interpretiert und diskutiert.
Das Remember/Know Paradigma
Seite 3
2 Das Remember/Know Paradigma
2.1 Erinnerungsbewusstsein
Seit langer Zeit beschäftigten sich Menschen mit dem, was heute in der wissenschaftlichen
Psychologie Bewusstsein genannt wird. Schriftsteller, Philosophen, Mediziner und Vertreter
anderer Disziplinen setzten sich mit diesem Thema intensiv, wenn auch häufig nur
spekulativ auseinander. Vieles bestand aus ,,
epistemological, metaphysical, and existential
"
(Dodwell, 1975) Gedankenspielen, die den Bezug zu empirischen Fakten und Erkenntnissen
vermissen ließen. Ein solcher empirischer Fokus, mit Hilfe dessen die Strukturen bewusster
Erfahrungen genauer untersucht werden sollten, wurde von Tulving (1985) durch
Verwendung eines neuen Paradigmas ermöglicht: Das Remember/Know Paradigma.
Konkret geht es hierbei um die Erforschung des sogenannten Erinnerungsbewusstseins
(
recollective experience
oder
retrieval experience
). Erinnerungsbewusstsein beschreibt das
Gewahrsein eines Erinnerungsabrufs (Wehr, 2005) oder anders: die bewusste subjektive
Erlebnisqualität im Moment des Erinnerns.
Wehr (2005) stützt sich auf Beschreibungen der Hauptvertreter des Remember/Know
Paradigmas (Gardiner, 1988; Rajaram, 1993, 1999; Tulving, 1985) und definiert beide
distinkte Bewusstseinszustände dieses Paradigmas wie folgt:
,,Erinnern"
(
remember
)
korrespondiert mit einem subjektiven Gefühl des Wiedererlebens
von bestimmten Ereignissen aus der Vergangenheit und kennzeichnet eine lebhafte, klare
und intensive Erinnerung. Die Umstände des Ereignisses, wie zum Beispiel die räumlich-
zeitliche Identifizierung sowie Gedanken, Geräusche oder Gerüche, die das Ereignis
begleitet haben, können detailliert nacherlebt und erinnert werden.
,,Wissen"
(
know
)
meint den Zustand des Erinnerns ohne lebhaftes Wiedererleben, also das
Gewahrsein bestimmter Ereignisse aus der Vergangenheit mehr als Fakten, denn als
persönlich erlebte Erfahrungen. Die Umstände des Ereignisses werden nicht erinnert. Die
Qualität der Erinnerung entspricht dem Vertrautheitsgefühl, das man beim Abruf von
abstraktem Wissen empfindet.
In der englischsprachigen Literatur sind oft alternative Begriffsbezeichnungen für
remember
oder
know
anzutreffen, in der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe jedoch
stringent in der exakten Übersetzung ,,Erinnern" und ,,Wissen" verwendet. Um
Das Remember/Know Paradigma
Seite 4
Verwechslungen mit dem im allgemein deutschen Sprachgebrauch üblichen Erinnern1 zu
vermeiden, werden bei Verwendung der Begriffe ,,Erinnern" und ,,Wissen" im Sinne der
Definition Wehrs (Wehr, 2005) diese stets in Anführungszeichen gesetzt.
In experimentellen Untersuchungen werden meist Rekognitionstests zur Erforschung des
Remember/Know Paradigmas eingesetzt (Gardiner & Richardson-Klavehn, 2000). Die
Standardprozedur dieser Testform besteht aus zwei Phasen: In der ersten Phase, der
Lernphase, wird den Versuchspersonen eine Liste von Items präsentiert, die gelernt werden
soll. In der zweiten Phase, der Testphase, wird ihnen eine längere Liste von Items vorgelegt,
die aus Originalitems (
target items
) und Distraktoritems (
distractor items
), also Items, die in
der Liste der Testphase nicht vorhanden waren, besteht. Lernphase und Testphase werden
häufig durch eine Distraktorphase, durch die eine kognitive Auseinandersetzung mit dem
Material der Testphase verhindert werden soll, getrennt. Die Versuchspersonen werden nun
gebeten eine ,,Ja"-Antwort für diejenigen Items abzugeben, von denen sie glauben, dass sie
in der Liste der Testphase vorhanden waren (,,ALT"-Entscheidung). Eine ,,Nein"-Antwort
sollen sie für solche Items abgeben, von denen sie glauben, dass sie in der Liste der
Testphase nicht vorhanden waren (,,NEU"-Entscheidung). Diese Entscheidung kann korrekt
(Treffer) oder inkorrekt (falscher Alarm) sein. Trifft die Versuchsperson nun eine ,,ALT"-
Entscheidung, soll sie in einem zweiten Schritt den Abruf der Gedächtnisinformation
begleitenden Bewusstseinszustand (,,erinnern" oder ,,wissen") angeben. Weitere Variationen
und alternative Testmöglichkeiten zur Erforschung des Paradigmas lassen sich in der
Literatur finden (z.B. Java, 1994; Lindsay & Kelly, 1996; Mäntylä, 1994; Rajaram & Hamilton,
2003; Tulving, 1985). Um Zuordnungsfehler der Bewussteinszustände zu vermeiden, werden
die Instruktionen zur Unterscheidung zwischen ,,Erinnern" und ,,Wissen" schriftlich
gegeben und mit den Versuchspersonen besprochen. Im Anschluss werden sie aufgefordert,
die Unterscheidung in eigenen Worten wiederzugeben, um letzte Unklarheiten festzustellen
und zu beseitigen. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, die Fehlervarianz zu reduzieren.
Die Beschreibung der Standardprozedur lässt auf den ersten Blick eine Nähe zur
klassischen Methode der Introspektion vermuten: Die Versuchspersonen werden gebeten,
das, was in ihrem Bewusstsein aufgrund von kontrollierter Simulation vorgeht, bewusst zu
1 er|in|nern [mhd. (er)innern, ahd. innarn = machen, dass jemand einer Sache innewird, zu ahd.
innaro = inwendig]: 1. im Gedächtnis bewahrt haben und sich dessen wieder bewusst werden; 2. a)
die Erinnerung an jemanden, etwas bei jemanden wachrufen; wieder ins Bewusstsein rufen; b)
veranlassen, an etwas zu denken, jemanden, etwas nicht zu vergessen; c) durch seine Ähnlichkeit ins
Bewusstsein bringen; 3. (veraltend) vorbringen, zu bedenken geben (Auberle, 2006).
Das Remember/Know Paradigma
Seite 5
betrachten und verbal wieder zu geben. Von diesen Beschreibungen werden
Verbatimprotokolle angefertigt und anschließend analysiert und kategorisiert, mit dem Ziel,
Anzahl und Arten der Elemente im Bewusstsein zu bestimmen. Der Verwendung des
Remember/Know Paradigmas unterscheidet sich jedoch von der klassischen Methode der
Introspektion: Die Versuchspersonen werden gebeten zwischen zwei mentalen Zuständen
zu unterscheiden ohne dabei detailgenau auf die Inhalte einzugehen und diese zu
verbalisieren. Damit ist es möglich, qualitative Erfahrung zu quantifizieren.
Werden zwei oder mehrere zugrundeliegende Bewusstseinsprozesse angenommen, die
einen Effekt erklären sollen, sind grundsätzlich drei Beziehungen (Abbildung 2.1) möglich,
die in folgenden Modellen ausgedrückt werden können (Jacoby, Yonelinas & Jennings, 1997):
Erstens ein Unabhängigkeits-Modell (
independence
), innerhalb dessen angenommen wird,
dass verschiedene Prozesse getrennt voneinander wirksam werden können. Bewusstsein
und Unterbewusstsein können zusammen oder einzeln einen Einfluss ausüben. Zweitens ein
Exklusivitäts-Modell (
exclusivity
), in dem sich die Prozessabläufe gegenseitig ausschließen,
die Wirkung also auf jeweils genau einen Prozess zurückgeführt werden kann. Ein Effekt
zeigt sich ohne gemeinsame Anteile aufgrund des Bewussteins
oder
des Unterbewusstseins.
Drittens ein Redundanz-Modell (
redundancy
), in dem das Ergebnis nur durch einen Prozess
beeinflusst werden kann, wenn auch der andere Prozess wirksam ist. Ein Prozess A kann
dabei weniger, gleich und mehr Einfluss als ein Prozess B haben. Bewusstsein wird hier als
Teilmenge des Unterbewussten interpretiert.
Da es sich innerhalb des Remember/Know Paradigmas um zwei distinkt erlebte
Bewusstseinszustände der Erinnerung handelt, erscheint das Exklusivitäts-Modell am
ehesten mit dem Verständnis dieses Ansatz vereinbar. Personen erfahren eine Erinnerung
entweder lebhaft, klar und detailreich (,,remember")) oder weniger lebhaft, diffus und
detailliert im Sinne eines bloßen Vertrautheitsempfindens (,,know").
(a) Unabhängigkeits-Modell (b) Exklusivitäts-Modell (c) Redundanz-Modell
U
B
U
B
U B
Abbildung 2.1:
Darstellung von drei möglichen Relationen zwischen Unterbewusstsein (U) und
Bewusstsein (B).
Das Remember/Know Paradigma
Seite 6
2.2 Remember/Know Paradigma in der experimentel en Forschung
Mit ,,
Of all the mysteries of nature, none is greater than human consciousness
" (Tulving, 1985, p.
1) begann Tulving im Jahre 1985 seinen Artikel ,,
Memory and Conciousness
" und führte ein
neues Paradigma des Erinnerungsbewusstseins ein. Zunächst ging er von verschiedenen
hierarchisch angeordneten Gedächtnissystemen aus: Prozedurales, semantisches und
episodisches Gedächtnissystem. Das prozedurale Gedächtnis beinhaltet die Erinnerung
daran,
wie man Dinge tut
und wird verwendet, um Fertigkeiten zu erwerben, abzuspeichern
und bei Bedarf anzuwenden (Tulving, 1983). Dieses Gedächtnis wird durch anoetisches
(nicht erkennendes) Bewusstsein ausgedrückt, was die Fähigkeit beschreibt, externe und
interne Reizveränderungen wahrzunehmen. Das semantische Gedächtnis enthält das
symbolisch repräsentierte Wissen einer Person über die Welt und steht im Zusammenhang
mit noetischem (wissenden) Bewusstsein. Noetisches Bewusstsein stellt die Fähigkeit dar,
Bewusstsein über Objekte, Situationen und deren Bezug zueinander zu bekommen, auch
wenn diese nicht unmittelbar wahrnehmbar sind. Das episodische Gedächtnis vermittelt die
Erinnerung an persönlich erlebte Ereignisse und wird dem autonoetischen (selbst-
wissenden) Bewusstsein zugeordnet. Autonoetisches Bewusstsein drückt die Erfahrung aus,
Bewusstsein über persönliche Lebensgeschichte (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) zu
erlangen (siehe Tabelle 2.1). Nach Tulving (1985) sollte der Abruf aus dem episodischen
Gedächtnis mit dem Bewusstseinszustand ,,erinnern" und der Abruf aus dem semantischen
oder prozeduralen Gedächtnis mit dem Bewusstseinszustand ,,wissen" einhergehen.
Tabelle 2.1
Gedächtnissysteme und Bewusstseinsebenen nach Tulving (1985).
Gedächtnissystem
Bewusstsein
Episodisches Gedächtnis
Autonoetisches Bewusstsein
Semantisches Gedächtnis
Noetisches Bewusstsein
Prozedurales Gedächtnis
Anoetisches Bewusstsein
Erste Wege, autonoetisches Bewusstsein messbar zu machen schlug, Tulving (1985) selbst
vor: Nachdem Versuchpersonen ein zuvor gelerntes Item aus ihrem Gedächtnis abgerufen
oder wiedererkannt hatten, sollten sie entscheiden, ob sie das Item ,,erinnert" oder
Das Remember/Know Paradigma
Seite 7
,,gewusst" hatten. Die Rate der ,,erinnert"-Urteile sollte autonoetisches Bewusstsein
dokumentieren.
In einem ersten Experiment benutze er drei unterschiedliche Testformate, um die
Verfügbarkeit von semantischen Hinweisreizen und episodischen Spureninformationen zu
manipulieren: Ein
Free-Recall Test
, in dem die Versuchspersonen gebeten wurden, so viel wie
möglich zu erinnern; ein
Category-Recall
Test, in dem die Oberbegriffe der Kategorien der zu
erinnernden Wörter vorgegeben wurden (z.B.
musical instrument
VIOLA), und ein
Letter-
Recall
Test, in dem zusätzlich zu den Oberbegriffen der Kategorien der Anfangbuchstabe des
zu erinnernden Wortes vorgeben wurde. Im Free-Recall Test sollte ein erfolgreicher Abruf
von episodischen Spureninformationen abhängen, die sich in einer hohen Rate der
,,erinnert"-Urteile ausdrücken sollte. In den anderen Testformaten sollte die Verfügbarkeit
von semantischen Hinweisreizen zunehmen und sich somit die Zahl der ,,erinnert"-Urteile
verringern2. Die Ergebnisse bestätigten diese Annahmen: Die Rate der ,,erinnert"-Urteile
stieg mit abnehmender Verfügbarkeit von semantischen Hinweisreizen. In einem zweiten
Experiment erweiterte er die Versuchsanordnung um ein siebentägiges Retentionsintervall.
Die Zahl der ,,erinnert"-Urteile verringerte sich innerhalb dieses Zeitraums. Der
Gedächtnisabruf naher Ereignisse sollte somit, so die Interpretation Tulvings, eher von
autonoetischem Bewusstsein begleitet werden, als zeitlich länger zurückliegende. Über eine
möglicherweise veränderte Rate der ,,gewusst"-Urteile wurden keine Angaben gemacht.
Gardiner (1988) interessierte sich einige Jahre später für die funktionellen
Zusammenhänge zwischen episodischen Gedächtnisphänomenen und Erinnerungs-
bewusstsein. Er legte seinen experimentellen Fokus im Unterschied zu Tulving, der die
Abrufbedingung variierte, auf die Enkodiersituation. In einem ersten Experiment
präsentierte er seinen Versuchspersonen Wortlisten, die entweder auf phonetischer Stufe
oder semantischer Stufe verarbeitet werden sollten (siehe 2.3.1). Es zeigte sich, dass der
Effekt der Verarbeitungstiefe (
level of processing
) sowohl in einer veränderten allgemeinen
Wiedererkennungsrate als auch in einer unterschiedlichen Rate der ,,erinnert"-Urteile zu
finden war. Die Wörter der höheren Verarbeitungstiefe wurden eher ,,erinnert" als die
Wörter der niedrigen Verarbeitungstiefe. ,,Gewusst"-Urteile wurden durch die Variation
nicht beeinflusst. In einem weiteren Experiment sollte eine Wortliste bearbeitet werden,
indem entweder Wörter generiert oder einfach gelesen wurden (siehe 2.3.1). Die Wörter in
2 Zu den Grundlagen dieser Überlegungen siehe auch Tulvings (1982)
synergistic ecphory model of recall
and recognition.
Das Remember/Know Paradigma
Seite 8
der Generierungsbedingung wurden eher wiedererkannt und häufiger mit einem ,,erinnert"-
Urteil versehen, als die Wörter der Bedingung, in der die Wörter gelesen wurden.
,,Gewusst"-Urteile wurden von dieser Manipulation der Enkodierbedingung wiederum
nicht beeinflusst. Gardiner ordnete seine Befunde zwei zugrundeliegenden Prozessen zu,
wonach ,,erinnern" Ausdruck einer konzeptgesteuerten Verarbeitung sei und die elaborierte
Komponente widerspiegele und ,,wissen" Ausdruck datengetriebener Verarbeitung sei und
die stimulusintegrative Komponente darstelle. ,,Wissen" könne vom systemtheoretischen
Blickwinkel aus betrachtet ebenso eine Form des prozeduralen Gedächtnissystems
beschreiben oder aber Primingprozesse im semantischen Gedächtnissystem widerspiegeln.
Im Jahre 1993 führte Rajaram weitere Experimente zum Remember/Know Paradigma
durch und untersuchte Effekte der Verarbeitungstiefe, der Bildüberlegenheit und des
perzeptuellen Primings. Die Befunde zeigten sowohl entgegengesetzte Wirkrichtungen der
verschiedenen Variablen auf ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteile als auch unterschiedliche
Effekte (siehe 2.3). Rajaram interpretierte ihre Ergebnisse im Sinne dualer Prozesstheorien
(z.B. Jacoby, 1983a, 1983b; Jacoby & Dallas, 1981; Mandler, 1980), die integrative Prozesse mit
Gedächtnisleistungen impliziter Tests und elaborierte Prozesse mit Gedächtnisleistungen
expliziter Tests in Zusammenhang bringen. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass
innerhalb des Remember/Know Paradigmas ,,erinnert"-Urteile eher Effekte konzeptuellen
Stimulusmaterials, das in expliziten Gedächtnistests eingesetzt wird, und ,,gewusst"-Urteile
eher Effekte perzeptuellen Stimulusmaterials, das in impliziten Gedächtnistests verwendet
wird, reflektierten. Rajaram (1993) folgerte, dass ,,erinnert"-Urteile selektiv durch
konzeptuelle Prozesse und ,,gewusst"-Urteile durch perzeptuelle Prozesse beeinflusst
werden.
Wenig später konnte Rajaram (1996) Effekte perzeptueller Variablen auf ,,erinnert"-Urteile
nachweisen, was sie zu einer Revision ihrer zuvor postulierten Annahmen veranlasste. In
einem ersten Experiment wurden den Versuchspersonen Bilder und Wörter präsentiert und
darauf in einem Rekognitionstest in Wortform erneut vorgelegt. Es wurden mehr ,,erinnert"-
Urteile abgegeben, wenn das Stimulusformat in Lern- und Testphase übereinstimmte
(Bild Bild), als wenn sich das Format unterschied (Wort Bild). In Experiment 2 wurde die
perzeptuelle Ähnlichkeit zwischen Test- und Lernphase durch gleiche oder veränderte
Bildgröße von Strichzeichnungen manipuliert. Die Rate der ,,erinnert"-Urteile fiel höher aus,
wenn die Größe der Strichzeichnungen übereinstimmte, als wenn die Größe der
Strichzeichnungen variiert worden war. In Experiment 3 wurde die perzeptuelle Ähnlichkeit
Das Remember/Know Paradigma
Seite 9
verändert, indem die links-rechts Orientierung der Objekte entweder gleich gehalten oder
verändert wurde. Bei gleicher Orientierung der Objekte in Lern- und Testphase wurden
mehr ,,erinnert"-Urteile abgegeben, als wenn die Orientierung gewechselt wurde. Diese
Ergebnisse veranlassten Rajaram (1996) den Distinctiveness/Fluency Ansatz (siehe 2.4.3) zu
formulieren. Danach wird ,,Erinnern" selektiv durch distinkte Merkmale des
Stimmulusmaterials beeinflusst und ,,Wissen" selektiv durch Flüssigkeit der Verarbeitung,
und zwar unabhängig davon, ob die Verarbeitungsprozesse durch konzeptuelle oder
perzeptuelle Variablen initiiert wurden.
Noch im gleichen Jahr publizierte Donaldson (1996) ein weiteres Modell, das auf
signalentdeckungstheoretischen Überlegungen aufbaute und die gefunden Dissoziationen in
den abgegebenen ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteilen erklären sollte. Er nahm an, dass
Versuchpersonen auf dem Kontinuum einer Gedächtnisspur zwei Kriterien setzten: Ein
,,Ja/Nein" Kriterium und ein ,,erinnert"/,,gewusst" Kriterium, dass die ,,Ja"-Entscheidung
noch einmal unterteilt. Weitere Erklärungsmodelle folgten: z.B. Independence
Remember/Know Modell (Jacoby et al., 1997), Zwei-Prozessvariante der Signalentdeckungs-
theorie (Yonelinas, 2001) und das Summen/Differenz Modell (
sumdifference theory of
remembering and knowing;
STREAK) (Rotello, Macmillan & Reeder, 2004).
Das Remember/Know Paradigma
Seite 10
2.3 Empirische Befunde zum Erinnerungsbewusstsein
Im Folgenden werden empirische Befunde zum Remember/Know Paradigma vorgestellt.
Die Zusammenstellung der Befunde erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es werden
Befunde referiert, die zum theoretischen Verständnis des Remember/Know unentbehrlich
erscheinen und als empirisch gut abgesichert gelten. Die Befunde werden in vier Kategorien
zusammengefasst, die die Wirkungsrichtung der Effekte auf ,,erinnert"- und ,,gewusst"-
Urteile beschreiben: Effekte auf ,,Erinnern" nicht auf ,,Wissen" (2.3.1), Effekte auf ,,Wissen"
nicht auf ,,Erinnern" (2.3.2), Gegenteilige Effekte (2.3.3) Paralleleffekte (2.3.4). Anschließend
werden Befunde schemageleiteter und sozialer Informationsverarbeitung vorgestellt.
Überblicksartig sind einige Untersuchungen in Tabelle 2.2 dargestellt.
Tabelle 2.2
Übersicht zur Befundlage des Remember/Know Paradigmas.
Effekt
Art der Manipulation
Quelle
Effekte auf ,,Erinnern",
Verarbeitungstiefe
Gardiner (1988)
nicht auf ,,Wissen"
Generierungseffekt
Gardiner (1988)
Wortfrequenz
Gardiner & Java (1990)
Aufmerksamkeit
Gardiner & Parkin (1990)
Serielle Position
Jones & Roediger (1995)
Homografen und Orthografen
Rajaram (1998)
Kontextwechsel
Macken (2002)
Geschlechterdifferenzen
Larsson et al. (2003)
Effekte auf ,,Wissen",
Perzeptuelles Wiederholungspriming
Rajaram (1993)
nicht auf ,,Erinnern"
Konzeptuelles Wiederholungspriming
Rajaram & Geraci (2000)
Gegenteilige Effekte
Nichtwort/Wort
Gardiner & Java (1990)
Bildüberlegenheitseffekt
Rajaram (1993)
Beurteilung von Gesichtern
Mäntylä (1997)
Raumschemata
Lampinen et al. (1998)
Handlungsscripts
Neuschatz et al. (2002)
Typizität von Gesichtern
Brandt et al. (2003)
Typografie und Farbe
Wehr & Wippich (2004)
Paralleleffekte
Melodien
Gardiner et al. (1996)
aus Wehr (2005)
2.3.1 Effekte auf ,,Erinnern", nicht auf ,,Wissen"
Verarbeitungstiefe (level of processing) -
Gardiner (1988: Exp. 1) variierte die Verarbeitungs-
tiefe, indem die Versuchspersonen zu den zu lernenden Wortlisten in der Bedingung ,,hohe
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Verarbeitungstiefe" semantische Assoziationen und in der Bedingung ,,niedrige
Verarbeitungsbedingung" Reime zu den einzelnen Wörtern finden sollten. In der
anschließenden Testphase sollten sie die zuvor bearbeiteten Wörter identifizieren und jedes
Wort mit dem metakognitiven Urteil ,,erinnert" oder ,,gewusst" versehen. Die Wörter der
Bedingung ,,hohe Verarbeitungstiefe" wurden häufiger richtig wiedererkannt und zudem
häufiger mit einem ,,erinnert"-Urteil versehen. Auf ,,gewusst"-Urteile hatte die Variation der
Bedingungen keinen Einfluss, d.h. in beiden Bedingungen wurden gleich viele Wörter
,,gewusst".
Generierungseffekt (generation effect) -
Gardiner (1988: Exp. 2) legte seinen Versuchspersonen
in der Lernphase eine Liste mit antonymen Wortpaarungen vor, zu denen in der Bedingung
,,Generierung" jeweils ein Gegenwort entwickelt wurde und in der Bedingung ,,Lesen" die
Wortpaarungen gelesen wurden. In der Bedingung ,,Generierung" wurden, wie erwartet,
mehr Wörter richtig wiedererkannt als in der Bedingung ,,Lesen". Zudem wurden für die
Wörter der ersten Bedingung mehr ,,erinnert"-Urteile abgegeben als in der zweiten
Bedingung. Auf die ,,gewusst"-Urteile schien der Generierungseffekt keinen Einfluss
auszuüben, was in einer für beide Bedingungen gleichen Erinnerungsrate abgelesen werden
konnte.
Eine von Rajaram (1993: Exp. 1) durchgeführte Replikation des Experiments 1 von
Gardiner (1988) zeigte ebenso einen Rückgang der ,,erinnert"-Urteile unter der Bedingung
,,niedrige Verarbeitungstiefe". Bezüglich der ,,gewusst"-Urteile konnte jedoch im Gegensatz
zu Gardiner ein leichter Zuwachs unter der Bedingung ,,niedrige Verarbeitungstiefe"
verzeichnet werden.
Gardiner , Java & Richardson-Klavehn (1996) unterzogen sechs Untersuchungen zur
Verarbeitungstiefe (Gardiner, 1988; Gregg & Gardiner, 1994; Perfect, Williams & Anderton-
Brown, 1995; Rajaram, 1993) einer erneuten Analyse. Auf den ersten Blick schienen die Daten
einen umgekehrten Effekt der Verarbeitungstiefe für ,,gewusst"-Urteile zu belegen:
,,gewusst"-Urteile waren in den meisten von Gardiner et al. (1996) referierten Studien in der
Bedingung ,,niedrige Verarbeitungstiefe" häufiger zu finden als in der Bedingung ,,hohe
Verarbeitungstiefe", wenn auch nicht immer signifikant. Wurden jedoch von der Treffer-
Rate der ,,gewusst"-Urteile die falschen Alarme abgezogen, waren in diesen Studien keine
Unterschiede in den verschiedenen Stufen der Verarbeitungstiefe zu finden. In weiteren
Studien belegten die Autoren, dass die ,,gewusst"-Kategorie von der Variation der
Verarbeitungstiefe unberührt bleibt, wenn zusätzlich eine Kategorie ,,raten" (
guessing
)
Das Remember/Know Paradigma
Seite 12
eingeführt wird. Mit Hinzunahme der ,,geraten"-Kategorie sollte verhindert werden, dass
bei unsicheren Urteilen fälschlicherweise ,,erinnert"- oder ,,gewusst"-Urteile (meist
,,gewusst"-Urteile) vergeben wurden. Zusammenfassend zeigte sich in allen Studien ein
deutlicher Effekt der Verarbeitungstiefe auf ,,erinnert"-Urteile, die in der hohen
Verarbeitungsstufe häufiger wiedergegeben wurden, und keinerlei Beeinflussung der
,,gewusst"-Urteile in den verschieden Bedingungen.
Wortfrequenz (word frequency)
Gardiner und Java (1990) verglichen die
Erinnerungsleistung von Wörtern, die im Sprachgebrauch eher selten zu finden waren,
(niedrige Wortfrequenz) mit Wörtern, die häufig benutzt wurden (hohe Wortfrequenz). Die
niedrigfrequenten Wörter wurden zahlreicher wiedererkannt als die hochfrequenten Wörter
und gleichzeitig eher ,,erinnert". Die Rate der ,,gewusst"-Urteile unterschied sich zwischen
den Bedingungen nicht.
Aufmerksamkeit (attention)
Gardiner und Parkin (1990) führten eine Untersuchung durch,
in der sich die Versuchpersonen in der Bedingung ,,ungeteilte Aufmerksamkeit" eine
Wortliste aneignen sollten und in einer zweiten Bedingung ,,geteilte Aufmerksamkeit"
zusätzlich die Höhe (hoch, mittel, tief) eines Tones angeben sollten, der zeitgleich mit dem
zu lernenden Material präsentiert wurde. Das Ergebnis dieser Untersuchung zeigte einen
Effekt der Aufmerksamkeitvariation auf die ,,erinnert"-Urteile, die in der Bedingung
,,ungeteilte Aufmerksamkeit" vermehrt zu finden waren. ,,Gewusst"-Urteile blieben in
beiden Bedingungen unbeeinflusst.
Serielle Position (serial position effect)
Jones und Roediger (1995) führten Untersuchungen
über den Zusammenhang zwischen serieller Position eines zu erinnernden Wortes innerhalb
einer Wortliste und dem Bewusstseinsstatus ,,erinnert" und ,,gewusst" durch. Der Effekt der
seriellen Position spiegelte sich nur in den ,,erinnert"-Urteilen wider und konnte für die
,,gewusst"-Urteile generell nicht nachgewiesen werden, d.h. die Wörter zu Beginn und zum
Ende der Liste wurden eher ,,erinnert", als diejenigen Wörter, die sich in der mittleren
Position befanden (Primacy- und Recency-Effekt).
Homografen und Orthografen (homographs and orthographs)
Rajaram (1998) untersuchte die
Effekte von konzeptueller Salienz und perzeptueller Distinktheit auf das
Erinnerungsbewusstsein. In einem ersten Experiment präsentierte sie in der Lernphase
Homografen (
bank
) entweder in einer dominanten Wortkombination (
money
-BANK) oder in
einer nicht-dominanten Wortkombination (
river
-BANK). Es wurde erwartet, dass die
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Seite 13
dominante Wortkombination eher konzeptuell salient wird, d.h. eher aus dem Kontext der
anderen Wörter hervortritt, als die nicht-dominante Wortkombination. Dabei sollten im
Rahmen des Distinctiveness/Fluency Ansatzes die ,,erinnert"-Urteile in der Bedingung
,,dominante Wortkombination" zunehmen. Die Ergebnisse (Abbildung 2.2a) zeigen eine
höhere Wiedererkennungsleistung (W.erk) für die Wörter aus der Bedingung ,,dominante
Wortkombination". Gleichzeitig wurden diese eher ,,erinnert". Für die ,,gewusst"-Urteile
konnte kein signifikanter Unterschied festgestellt werden.
Um eine Manipulation der perzeptuellen Verarbeitung vorzunehmen, legte Rajaram in
einem zweiten Experiment Versuchpersonen orthografisch vertraute (
sailboat
) und
orthografisch distinkte (
subpoena
) Wörter vor. Die Ergebnisse der Testphase (Abbildung 2.2b)
zeigten einen Anstieg der Rate der ,,erinnert"-Urteile in der Bedingung ,,orthografisch
distinkte Wörter" gegenüber der Bedingung ,,orthografisch vertraute Wörter". Auch hier
konnten keine signifikanten Unterschiede in den ,,gewusst"-Urteilen gefunden werden.
(a) Homografen (b) Orthografen
1
dominante Bedeutung
1
distinkte Erscheinung
0,9
nicht-dominante Bedeutung
)
0,9
vertraute Erscheinung
)
0,8
0,8
0,7
0,7
0,6
0,6
0,5
0,5
a
h
r
s
c
h
e
i
n
l
i
c
h
k
e
i
t
e
n
(
%
0,4
a
h
r
s
c
h
e
i
n
l
i
c
h
k
e
i
t
e
n
(
%
0,4
o
r
t
w
0,3
o
r
t
w
0,3
n
t
w
n
t
w
0,2
0,2
0,1
i
t
t
l
e
r
e
A
0,1
i
t
t
l
e
r
e
A
m
m
0
0
W.erk
"erinnert"
"gewusst"
W.erk
"erinnert"
"gewusst"
Abbildung 2.2:
Diagramm (a) zeigt die Verteilung der Wiedererkennensleistung (W.erk) und
der ,,erinnert" und ,,gewusst"-Urteile bei Homografen, Diagramm (b) die der Orthografen.
Das Remember/Know Paradigma
Seite 14
2.3.2 Effekte auf ,,Wissen", nicht auf ,,Erinnern"
Perzeptuelles Wiederholungspriming (masked repetition priming)
In einem Experiment von
Rajaram (1993: Exp. 3) wurde der Zusammenhang zwischen perzeptueller
Verarbeitungsgeschwindigkeit (perceptuell fluency3) und ,,erinnert"- bzw. ,,gewusst"-
Urteilen betrachtet.
Tabelle 2.3
Ergebnisse Experiment 3 von Rajaram (1993): Relationen der Treffer und falschen Alarme (FA),
Reaktionszeiten in Millisekunden.
Zielwort
Distraktor
perzeptuell gleicher
ungleicher
perzeptuell gleicher
ungleicher
Prime
Prime
Prime
Prime
Maske
&&&&&
&&&&&
&&&&&
&&&&&
Prime
table
scale
glass
chalk
Zielwort
TABLE
PLATE
GLASS
SHIRT
korrekte Antwort
,,ja"
,,ja"
,,nein"
,,nein"
gesagte Antwort
,,ja"
,,ja"
,,ja" (FA)
,,ja" (FA)
Reaktionszeit (ms)
1296
1275
1354
1293
W.erk
.67
.60
.23
.18
,,erinnert"-Urteile
.43
.42
.05
.05
,,gewusst"-Urteile
.24
.18
.18
.13
In einem Rekognitionstest wurde hierzu dem Zielwort ein subliminales Prime
vorangestellt, das dem Zielwort auf perzeptueller Ebene entweder identisch war oder nicht.
Die Wörter wurden häufiger wiedererkannt, wenn das Zielwort mit dem Prime
übereinstimmte (table TABLE), als wenn das Zielwort mit dem Prime keine Ähnlichkeit
aufwies (scale PLATE). Ebenso wurden neu präsentierte Wörter (Distraktoren), die zuvor
nicht gelernt wurden, fälschlicherweise häufiger als bekannt identifiziert, wenn ihnen das
gleiche Wort vorangestellt wurde (falsche Positive). Unter der Annahme, dass ,,erinnert"-
Urteile eher von konzeptuellen Prozessen und ,,gewusst"-Urteile eher von perzeptuellen
3 Jacoby und Dallas (1981) beschreiben perzeptuelle Verarbeitungsgeschwindigkeit (
perceptuel fluency
)
als die mit dem Wiedererkennen eines Wortes verbundene fließende Verarbeitung, die als leicht
empfunden wird. Werden sich Versuchspersonen dieser Leichtigkeit im Abruf bewusst, attribuieren
sie dies korrekt auf eine Erfahrung mit dem Wort aus voherigen experimentellen Settings.
Das Remember/Know Paradigma
Seite 15
Prozessen abhängen, sollte bei veränderter perzeptueller Verarbeitungsgeschwindigkeit
selektiv die Zahl der ,,gewusst"-Urteile variieren. Die ,,erinnert"-Urteile sollten sich durch
diese Art der Manipulation nicht beeinflussen lassen. Die Ergebnisse (siehe Tabelle 2.3)
bestätigten diese Überlegungen: ,,erinnert"-Urteile unterschieden sich innerhalb der
Bedingungen nicht signifikant bedeutsam, und ,,gewusst"-Urteile profitierten sowohl bei
korrekter ,,Alt"-Entscheidungen als auch bei falschen Alarmen von der perzeptuellen
Gleichheit des vorgeschalteten Primes.
Konzeptuelles Wiederholungspriming (masked repetition priming)
In einem Rekognitionstest
wurden zuvor gelernte und neue Wörter präsentiert, denen ein Prime vorgeschaltet wurde,
der entweder einen semantischen Bezug zu dem folgenden Wort hatte (sugar SWEET) oder
nicht (fruit INK). Die Darbietung des Primes lag mit 150 ms nicht mehr in den Bereich der
subliminalen Wahrnehmung. Rajaram und Geraci (2000) testeten mit diesem Design im
Rahmen des Distinctiveness/Fluency Ansatzes (siehe 2.4.3) die Hypothese, dass ,,gewusst"-
Urteile selektiv durch Verarbeitungsflüssigkeit beeinflusst werden können, die durch
konzeptuelle Manipulation hervorgerufen wurde.
Tabelle 2.4
Ergebnisse von Rajaram und Geraci (2000): Relationen der Treffer und falschen Alarme (FA),
Reaktionszeiten in Millisekunden.
Zielwort
Distraktor
semantisch
ungleicher
semantisch
ungleicher
verwandter Prime
Prime
verwandter Prime
Prime
Prime
sugar
fruit
author
delay
Zielwort
SWEET
INK
BOOK
TREE
korrekte Antwort
,,ja"
,,ja"
,,nein"
,,nein"
gesagte Antwort
,,ja"
,,ja"
,,ja" (FA)
,,ja" (FA)
Reaktionszeit (ms)
1989
2039
2398
2249
W.erk
.70
.67
.16
.10
,,erinnert"-Urteile
.41
.43
.04
.03
,,gewusst"-Urteile
.30
.24
.13
.07
Ihre Ergebnisse (siehe Tabelle 2.4) zeigten, dass signifikant mehr ,,gewusst"-Urteile
vergeben wurden, wenn dem Zielwort ein Prime vorgeschaltet wurde, der einen
semantischen Bezug zu dem folgenden Wort hatte, als wenn der semantische Bezug nicht
Das Remember/Know Paradigma
Seite 16
vorhanden war. Diese Effekte wurden sowohl für Wörter, die zuvor gelernt worden waren,
als auch für neue Wörter beobachtet. Ebenso konnten keine Unterschiede in den
Reaktionszeiten der Alt/Neu Entscheidungen gefunden werden. Gefühle der Vertrautheit
sind somit nicht ausschließlich darauf zurückzuführen, dass ein Item zuvor gelernt wurde,
sondern können auch durch andere Quellen hervorgerufen werden können (Lindsay &
Kelly, 1996; Verfaellie & Cermak, 1999; Whittlesea, Jacoby & Girard, 1990). ,,Erinnert"-Urteile
wurden durch die Variation der Verarbeitungsflüssigkeit nicht beeinflusst. Dies führte zur
Annahme, dass ,,gewusst"-Urteile durch Verarbeitungsgeschwindigkeit erklärt werden
können und nicht ausschließlich von perzeptuellen Prozessen bestimmt werden.
2.3.3 Gegenteilige Effekte
Bildüberlegenheitseffekt (picture-superiority effekt)
Rajaram (1993; Exp. 2) untersuchten in
einem Rekognitionstest den Einfluss symbolischer Präsentationsformen (Bild vs. Wort) auf
das Einnerungsbewusstsein. In der Lernphase wurden die zu lernenden Wörter entweder in
Bildform oder in Wortform gezeigt, die es nach zehnminütiger Distraktorphase in der
Testphase wiederzuerkennen und mit dem entsprechenden metakognitiven Urteil zu
versehen galt. In der Testphase wurden die Wörter in allen Bedingungen in Wortform
präsentiert, so dass die perzeptuellen Formatformen ,,Bild Wort" vs. ,,Wort Wort"
entstanden. Die Wörter der Bedingung ,,Bild Wort" wurden entsprechend früheren
Befunden zum Bildüberlegenheitseffekt häufiger wiedererkannt als die Wörter der
Bedingung ,,Wort Wort". Bezüglich der metakognitiven Urteile zeigte sich, dass in der
Bedingung ,,Bild Wort" mehr ,,erinnert"-Urteile vergeben wurden als in der Bedingung
,,Wort Wort". Für ,,gewusst"-Urteile zeigte sich ein gegenteiliger Effekt: Die Wörter der
Bedingung ,,Wort Wort" wurden eher ,,gewusst".
Nichtwort/Wort (nonword/word)
Gardiner und Java (1990: Exp. 2) verglichen Zustände des
Erinnerungswusstseins in einem Rekognitionstest, in dem Nichtwörter und Wörter
wiedererkannt werden sollten. In der Lernphase wurden in der Bedingung ,,Nichtwort" den
Versuchspersonen Wörter vorgelegt, die zwar ausgesprochen werden konnten, ihrem Klang
oder Äußerem nach mit echten Wörtern jedoch keine Ähnlichkeit aufwiesen. Nach einem
24-stündigen Retentionsintervall wurden die Wörter erneut vorgelegt. Es wurden für
Nichtwörter mehr ,,gewusst"-Urteile vergeben als für reale Wörter und umgekehrt für reale
Wörter mehr ,,erinnert"-Urteil als für Nichtwörter. Aus Sicht der Autoren wurden die
Nichtwörter eher mit ,,gewusst"-Urteilen versehen, da sie nur perzeptuelle Informationen
Das Remember/Know Paradigma
Seite 17
bereitstellten, wohingegen bei realen Wörtern ein konzeptueller Zugang möglich war und
sich somit die Wahrscheinlichkeit für ,,erinnert"-Urteile erhöhte.
Wiedererkennen von Gesichtern (recollections of faces)
In einer Untersuchung von Mäntylä
(1997) sollten Versuchspersonen in der Lernphase Gesichter von Personen bezüglich ihrer
Ähnlichkeit (relationale Merkmale) oder Unterschiedlichkeit (distinkte Merkmale) bewerten.
In der Testphase sollten die Gesichter wiedererkannt werden und mit den Urteilen
,,erinnert", ,,gewusst" oder ,,geraten" versehen werden. ,,Erinnert"-Urteile wurden eher
abgegeben, wenn der Fokus der Versuchspersonen auf distinkten Merkmalen lag, als wenn
sie relationale Merkmale betrachtet hatte. Für ,,gewusst"-Urteile konnte das gegenteilige
Muster beobachtet werden.
Typografie und Farbe (typography and color)
Wehr und Wippich (2004) testeten die
zentralen Annahmen des Dinstinctiveness/Fluency Ansatz (Rajaram, 1996) und stellten sie
den Vorhersagen des Prozessansatzes (Rajaram, 1993) gegenüber. Zur Manipulation der
perzeptuellen Salienz wurde das typografische Erscheinungsbild substantivischer Wörter
verändert. Effekte der konzeptuellen Salienz wurden durch den Wechsel der Wortfarbe
variiert. In der Lernphase wurden den Versuchspersonen die Substantive in normaler
Schreibweise (KATZE), in typografisch veränderter Form (
Katze
) oder in Farbvariation
(KATZE oder KATZE) präsentiert und zeitgleich an eine Imaginationsaufgabe, die die
Salienz zusätzlich erhöhen sollte, geknüpft. Die Substantive sollten sich auf drei
verschiedene Arten vergegenwärtigt werden: In ihrer typografischen Erscheinung, als
Objektvorstellung in natürlicher Farbe und als Objektvorstellung in präsentierter Farbe. In
der Testphase wurde ein Rekognitionstest durchgeführt und die metakognitiven Urteile
(,,erinnert", ,,gewusst" und ,,geraten") erfragt. Um die perzeptuelle und konzeptuelle
Verarbeitungsflüssigkeit zu variieren, wurde einem Teil der Versuchspersonen vor der
Präsentation des Zielwortes ein Prime vorgeschaltet, der entweder dem Zielwort in seiner
Oberflächenstruktur ähnlich war oder nicht (KATZE KATZE vs. KATZE KATZE bzw.
vs.
Katze
KATZE). Den Vorhersagen des Distinctiveness/Fluency Ansatzes entsprechend
sollten die salienteren Wörter unabhängig von den zugrundeliegenden Prozessen mit einem
,,erinnert"-Urteil versehen werden. Im Sinne des Prozessansatzes sollte eine Veränderung
der Rate der ,,erinnert"-Urteile nur durch eine konzeptuell vermittelte Manipulation
erfolgen. Typografisch ungewöhnliche und farbige Wörter sollten gegenüber normalen
Wörtern hervorstechen und mit ,,erinnert"-Urteilen versehen werden. Die Ergebnisse (siehe
Abbildung 2.3) bestätigten diese Überlegungen.
Das Remember/Know Paradigma
Seite 18
(a) Effekte perzeptueller Salienz (b) Effekte konzeptueller Salienz
100
100
typografisch ungewöhliche Wörter
farbige Wörter
90
typografisch normale Wörter
90
schwarze Wörter
)
)
80
80
70
70
60
60
50
50
a
h
r
s
c
h
e
i
n
l
i
c
h
k
e
i
t
e
n
(
%
40
a
h
r
s
c
h
e
i
n
l
i
c
h
k
e
i
t
e
n
(
%
40
o
r
t
w
o
r
t
w
30
30
n
t
w
n
t
w
20
20
10
10
i
t
t
l
e
r
e
A
i
t
t
l
e
r
e
A
m
m
Treffer
"erinnert"
"gewusst"
"geraten"
Treffer
"erinnert" "gewusst" "geraten"
Abbildung 2.3:
Mittlere Antwortwahrscheinlichkeiten für Treffer und metakognitive Urteile
(,,erinnert", ,,gewusst" und ,,geraten") als Funktion der (a) Typografie (perzeptuelle Salienz)
und der (b) Farbe (konzeptuelle Salienz) (Abbildung aus Wehr & Wippich, 2004).
Die Variation der Typografie und Farbe des Wortmaterials hatte einen bedeutsamen
Einfluss auf das Erinnerungsbewusstsein. Typografisch ungewöhnliche und farbige Wörter
wurden eher ,,erinnert", während typografisch normale und schwarze Wörter eher
,,gewusst" wurden, und zwar unabhängig von der Prozessart (perzeptuell oder
konzeptuell). Die Ergebnisse sprechen für eine Annahme des Distinctiveness/Fluency
Ansatzes.
2.3.4 Paral eleffekte
Melodien (meldodies)
Gardiner, Kaminska und Dixon (1996) führten Experimente zur
Wiedererkennungsleistung bei Melodiefolgen durch. In ihrem ersten Experiment
präsentierten sie den Versuchspersonen unbekannte polnische Volkslieder, die durch eine
Gesangsstimme inhaltsleer interpretiert wurden und variierten die Häufigkeit der
Darbietung (1x, 2x, oder 4x). In der unmittelbar anschließenden Testphase wurden ihnen die
Melodiefolgen erneut vorgespielt. Je häufiger die Meldodiefolgen präsentiert worden waren,
desto höher die Erinnertrate. Ebenso stieg mit der Häufigkeit der Darbietung die Zahl der
,,erinnert"-Urteile und ,,gewusst"-Urteile parallel an. Dieser Paralleleffekt konnte in weiteren
Das Remember/Know Paradigma
Seite 19
Experimenten zu Melodiefolgen und Erinnerungbewusstsein nicht gefunden werden
(Gardiner, Kaminska et al., 1996; Java, Kaminska & Gardiner, 1995).
2.3.5 Schemageleitete und soziale Informationsverarbeitung
Im Folgenden werden Studien zu Effekten schemageleiteter Informationsverarbeitung und
Effekten
sozialer
Informationsverarbeitung
(Personenwahrnehmung)
auf
das
Erinnerungsbewusstsein vorgestellt. Allgemein zeigte sich dabei, dass schema-kongruente
(typische) Stimuli eher ,,gewusst" und schema-inkongruente (atypische) Stimuli eher
,,erinnert" werden.
Schemageleitete Informationsverarbeitung
Lampinen, Faries, Neuschatz und Toglia (2000)
präsentierten ihren Versuchspersonen Audio-Geschichten über eine fiktive Person namens
Jack, die sechs skriptbasierte Handlungen (z.B. das Waschen eines Wagens, Teilnahme an
einer Vorlesung) ausübte. In diesen Geschichten führte Jack typische (z.B. das Auffüllen des
Eimers mit Wasser) und atypische (z.B. das Besprühen des Nachbarkindes mit dem
Wasserschlauch) Handlungen aus. In einem späteren Rekognitionstest sollten die
Versuchspersonen alte und neue Handlungsbausteine benennen und mit einem ,,erinnert"-
oder ,,gewusst"-Urteil versehen, wobei im Falle der ,,erinnert"-Urteile weitere Details erfragt
wurden, die als perzeptuelle, kognitive oder emotionale Quelle deklariert werden konnten.
Die Versuchspersonen wurden unmittelbar nach der Lernphase und nach einem
Retentionsintervall von 24 Stunden getestet. Es wurden signifikant mehr ,,erinnert"-Urteile
für atypische Handlungen als für typische Handlungen vergeben. Ein gegenteiliger Effekt
zeigte sich bezüglich der ,,gewusst"-Urteile: Typische Handlungen war verglichen mit
atypischen Handlungen eher mit dem Bewusstseinszustand ,,Wissen" verknüpft.
Lampinen, Copeland und Neuschatz (2001) untersuchten Effekte eines Raum-Schemas auf
das Erinnerungsbewusstsein für typische und atypische Objekte in realitätsnaher
Umgebung. Ein Experimentalraum wurde zu diesem Zweck zu einem prototypischen
Universitätsbüro eines Doktoranden umgestaltet: Es wurden neben neutralen Gegenständen
(z.B. Pflanzen, Poster, Ablagefächer) zehn typische Items (z.B. Heftgerät) und zehn atypische
Items (z.B. ein Spielzeugauto) gut erkennbar platziert. Bevor die Versuchpersonen für eine
Minute in dem Zimmer Platz nahmen, wurden sie in einer ersten Bedingung (intentionale
Lernbedingung) explizit darauf hingewiesen, dass im Anschluss ein Gedächtnistest erfolgt,
während sie in einer zweiten Bedingung (inzidentelle Lernbedingung) lediglich gebeten
wurden, sich in dem Zimmer aufzuhalten. In einem anschließenden Rekognitionstest fiel die
Das Remember/Know Paradigma
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allgemeine Gedächtnisleistung in der intentionalen Lernbedingung höher aus. Es zeigte sich
eine in A (siehe Kapitel 2.4.1) gemessene höhere Sensitivität für atypische Gegenstände und
für diejenigen Gegenstände, die unter intentioneller Bedingung gelernt worden waren. Es
wurden mehr ,,erinnert"-Urteile für atypische Gegenstände abgegeben und mehr ,,gewusst"-
Urteile für typische Gegenstände. In der intentionalen Lernbedingung wurden mehr
,,erinnert"-Urteile vergeben als in der inzidentellen Lernbedingung, während zwischen den
Bedingungen keine signifikanten Unterschiede in den ,,gewusst"-Urteilen gefunden wurden.
Neuschatz et al. (2002) führten weitere Experimente zu Schemata und
Erinnerungsbewusstsein in realitätsnahen Settings durch. Versuchspersonen betrachteten ein
Video, in dem ein Lehrender einige schema-kongruente Handlungen (z.B. an die Tafel
schreiben) und einige schema-inkongruente Handlungen (z.B. eine Zigarette rauchen)
ausführte. In einem anschließenden Rekognitionstest wurden erneut mehr ,,erinnert"-Urteile
für schema-inkongruente (atypische) Handlungen und mehr ,,gewusst"-Urteile für schema-
kongruente (typische) Handlungen vergeben.
Soziale Informationsverarbeitung -
Brandt et al. (2003) interessierten sich für
Bewusstseinszustände im Moment des Wiedererkennens von Personen. Untersuchungen zu
quantitativen Aspekten personaler Erinnerung sind in der Literatur zahlenstark vertreten,
nach Studien zu qualitativen Aspekten sucht man jedoch meist vergebens. Dies verwundert,
da die Erinnerung an Personen
und
die damit einhergehenden Metakognitionen im Kontext
sozialer Interaktionen von grundlegender Bedeutung sind und handlungsleitend wirksam
werden.
In einem ersten Experiment wurden den Versuchpersonen in der Lernphase acht typische
und acht distinkte männliche Gesichter präsentiert. Diese waren in einer Voruntersuchung
von Hosie und Milne (1996) bezüglich ihrer Distinktheit (hier: ein Gesicht, das aus der
Menge hervorsticht oder besonders gut im Gedächtnis bleibt (Valentine, 1991)) bewertet
worden und relativ homogen in Bezug auf Alter, Haarlänge und Haarfarbe. In der Testphase
sollten eine Alt/Neu Entscheidung getroffen und bei Alt-Entscheidungen ein metakognitives
Urteil (,,erinnert" oder ,,gewusst") gefällt werden. Die Versuchpersonen zeigten wie erwartet
eine bessere Gedächtnisleistung für distinkte Gesichter und belegten diese vermehrt mit
,,erinnert"-Urteilen, während typische Gesichter eher ,,gewusst" wurden.
In einem zweiten Experiment erweiterten Brandt et al. (2003) die Versuchsanordnung um
den Faktor Aufmerksamkeit (geteilte Aufmerksamkeit vs. ungeteilte Aufmerksamkeit). In
Das Remember/Know Paradigma
Seite 21
der Bedingung ,,geteilte Aufmerksamkeit" wurden die Versuchpersonen gebeten, neben
dem Studium der Gesichter zusätzlich von Tausend in Dreierschritten abwärts zu zählen.
Wiederum wurden mehr distinkte Gesichter als typische Gesichter erinnert. In der
Bedingung ,,geteilte Aufmerksamkeit" wurden weniger Gesichter wiedererkannt und es gab
keinen signifikanten Effekt der Wechselwirkung
Gesicht x Aufmerksamkeit
. Unter ungeteilter
Aufmerksamkeit konnten die Ergebnisse bezogen auf ,,erinnert"-Urteile repliziert werden:
Distinkte Gesichter wurden eher ,,erinnert". In den ,,gewusst"-Urteilen konnten keine
signifikanten Unterschiede zwischen den einzelnen Bedingungen gefunden werden. Ihre
Annahme, dass die Flüssigkeit der Verarbeitung von typischen Items ,,gewusst"-Antworten
begünstigt, besitzt also nur eingeschränkte Gültigkeit innerhalb dieses Testrahmens
(kritische Anmerkungen hierzu, siehe Wehr, 2005).
Das Remember/Know Paradigma
Seite 22
2.4 Theorien zum Erinnerungsbewusstsein
Im Folgenden werden einige theoretische Ansätze zum ,,Remember"/,,Know"-Paradigma
kurz vorgestellt, mit dem Ziel, einen weiteren Einblick in dieses Forschungsfeld zu geben.
Eine ausführlichere Beschreibung und Diskussion findet sich bei Wehr (2005). Zu den
Erklärungsansätzen gehören der Systemansatz (2.4.1), der Prozessansatz (2.4.2), der
Distinctiveness/Fluency Ansatz (2.4.3), der signalentdeckungstheoretischen Ansatz (2.4.4)
und das Independence ,,Remember"/,,Know" Modell (2.4.5).
2.4.1 Der Systemansatz
Nach Tulving (1995) können Gedächtnissysteme in fünf Hauptkategorien unterteilt werden:
(1) das prozeduale Gedächtnis, innerhalb dessen Bewegungsabläufe und Fertigkeiten
gespeichert sind; (2) das perzeptuelle Repräsentationssystem (PRS), das eine spezielle Form
von perzeptuellen Lernen darstellt (
priming
); (3) das semantische Gedächtnis, in dem das
allgemeine Wissen einer Person über die Welt gespeichert ist; (4) das primäre Gedächtnis,
das eingehende Informationen registriert und für eine kurze Zeitperiode leicht zugänglich
festhält; (5) das episodische Gedächtnis, welches befähigt, die persönliche Vergangenheit mit
konkreten Ereignissen zu erinnern. Tulving (1983) ordnete ,,erinnert"- und ,,gewusst"-
Urteile zwei Arten von Bewusstsein zu (autonoetisch und noetisch), die wiederum als
Ausdruck des episodischen und semantischen Gedächtnissystem gelten (siehe Tulving, 2002,
für einen aktuellen Überblick und Kapitel 2.2). Mit Hilfe des im folgenden kurz skizierten
SPI-Modells (Tulving, 1995) beschreibt er die Beziehung zwischen diesen
Gedächtnissystemen wie folgt: Informationen werden seriell (S) enkodiert, wobei die
erfolgreiche Enkodierung in einem System von der erfolgreichen Verarbeitung der
Information eines anderen Systems abhängt. Die Speicherung in den verschiedenen
Systemen erfolgt parallel (P), d.h. die Information ist in einem oder mehreren
Gedächtnissystemen abgelegt. Der Abruf der Informationen aus den einzelnen
Gedächtnissystemen erfolgt unabhängig (I) voneinander. Nach diesem Modell ist eine
erfolgreiche Enkodierung der Information im PRS Voraussetzung für eine erfolgreiche
Enkodierung im semantischen Gedächtnis, die wiederum eine Voraussetzung für eine
Speicherung im episodischen Gedächtnis darstellt. Ein Abruf der Informationen kann
unabhängig aus dem PRS, dem semantischen oder episodischen Gedächtnis erfolgen.
Eine Reihe von Untersuchungen konnten die Annahmen des SPI-Modells bestätigen.
Conway et al. (1997) stellten in einer Untersuchung, in der die Inhalte einer universitären
Das Remember/Know Paradigma
Seite 23
Lernveranstaltung und die damit verbundenen Bewusstseinszustände zu verschiedenen
Zeitpunkten überprüft wurden, fest, dass Informationen, die zuvor mit ,,erinnert"-Urteilen
versehen wurden im Laufe der Zeit in ,,gewusst"-Urteile übergehen (
remember-to-know-shift
).
Dieser ,,shift" wird als Wechsel der Wissensrepräsentation vom episodischen Gedächtnis
zum semantischen Gedächtnis interpretiert.
Karayianni und Gardiner (2003) untersuchten Effekte der Stimmenkongruenz (gleiche
oder verschiedene Stimmen) auf das Erinnerungsbewusstsein. In ihren Studien variierten sie
zudem das Wortmaterial (Nichtwörter/Wörter) und die Aufmerksamkeitsfokussierung
(geteilte oder ungeteilte Aufmerksamkeit). Effekte der Stimmenkongruenz beobachteten sie
bei Wörtern allein in einer veränderten ,,erinnert"-Rate, bei Nichtwörtern in einer
veränderten ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Rate. Wurde eine elaborierte Verarbeitung der
Nichtwörter durch Aufmerksamkeitsdistribution erschwert, wurden Veränderungen nur
noch in den ,,gewusst"-Raten gefunden. Unter reduzierter Aufmerksamkeit wird eine
Enkodierung im episodischen Gedächtnis sehr unwahrscheinlich, ein Effekt, der sich in den
hohen ,,gewusst"-Raten widerspiegelt.
Experimentelle Untersuchungen mit amnestischen Patienten untermauern eine
systemtheoretische Interpretation des Remember/Know Paradigmas: z.B. Studien mit
Patienten mit anterograder Amnesie und selektivem Verlust autobiografischer Episoden
(Hirano, Noguchi, Hosokawa & Takayama, 2002), Studien zu Effekten der Größenkongruenz
(Verfaellie, Cook & Keane, 2003) und Quelleninformationen (Johnson, Hashtroudi &
Lindsay, 1993; Shimamura & Squire, 1987) mit Personen mit amnestischer Problematik.
Der Systemansatz wird weiterhin durch neuropsychologische Erkenntnisse und Methoden
unterstützt. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren wie der funktionellen
Magnetresonanztomografie (fMRI, Functional Magnetic Resonance Imaging bzw.
Kernspintomographie) können hirnstrukturelle Korrelate für Bewusstseinszustände wie
,,Erinnern" und ,,Wissen" sichtbar gemacht werden (z.B. Dünzel, Yonelinas, Mangun, Heinz
& Tulving, 1997; Henson, Rugg, Shallice, Josephs & Dolan, 1999; Henson, Shallice & Dolan,
1999).
Das Remember/Know Paradigma
Seite 24
2.4.2 Der Prozessansatz
Rajaram (1993) entwickelte einen alternativen Zugang, um Effekte der Variablen und die
dabei beobachteten unterschiedlichen Wirkungsrichtungen auf ,,Erinnern" und ,,Wissen"
Urteile zu erklären (siehe Kapitel 2.3). Sie nahm zu diesem Zeitpunkt an, dass ,,erinnert"-
Urteile selektiv von konzeptuellen Prozessen und ,,gewusst"-Urteilen selektiv von
perzeptuellen Prozessen beeinflusst werden.
Der Fokus dieses Ansatzes ist dem der dualen Prozesstheorien (
dual-process theories
) des
Gedächtnis sehr ähnlich (Jacoby, 1983a, 1983b; Mandler, 1980). Jacoby nahm an, dass die
Gedächtnisleistung von zwei unabhängigen Faktoren beeinflusst wird: Vertrautheit
(
familiarity
), die durch datengetriebene (
data driven
) oder perzeptuelle Prozesse vermittelt
wird, und Erinnerung (
recollection
), die von konzeptgesteuerten (
conceptually driven
) oder
konzeptuellen Prozessen abhängt. In Mandlers Zwei-Faktoren Theorie wird die
Gedächtnisleistung von den Faktoren Integration (
integration
) und Elaboration (
elaboration
)
beeinflusst
(Mandler,
1980).
Integrationsprozesse
werden
durch
perzeptuelle,
intrastrukturelle Merkmale des Stimulusmaterials hervorgerufen und sollten die Leistungen
des impliziten Gedächtnisses beeinflussen. Elaborationsprozesse hingegen sollten durch den
Bedeutungsgehalt und interstruktuelle Merkmale des Stimulusmaterials tangiert werden
und somit die Leistungen des expliziten Gedächtnisses beeinflussen. In vielen Studien
wurde versucht, mit Hilfe von dualen Prozesstheorien Dissoziationen der ,,erinnert"- und
,,gewusst"-Raten zu erklären (Gardiner, Java et al., 1996; Gardiner & Richardson-Klavehn,
2000; Rajaram, 1999; Rajaram & Roediger, 1997; Richardson-Klavehn, Gardiner & Java, 1996;
Roediger, Wheeler & Rajaram, 1993).
Im Rahmen des Prozessansatzes wird zudem angenommen, dass Gedächtnisleistungen
durch eine hohe Übereinstimmung der geforderten Prozesse zwischen Lern- und Testphase
gesteigert werden (Transfer angemessene Verarbeitung;
transfer appropriate processing
; TAP).
Rajaram (1996) selbst führte einige Untersuchungen durch, worin Effekte perzeptueller
Prozesse auf ,,Erinnern" und nicht, wie nach den vorangestellten Überlegungen zu erwarten,
auf ,,Wissen" nachgewiesen werden konnten: Bei einem Wechsel der Darbietungsmodalität
von Lern- und Testphase (Wort-Bild vs. Bild-Bild; Experiment 1) wurde nur die Rate der
,,erinnert"-Urteile beeinflusst. Bei Variationen perzeptueller Kongruenz (Übereinstimmung
vs. Verschiedenheit) zwischen Lern- und Testphase bezogen auf die Variablen Größe
(Experiment 2) und links/rechts Orientierung von Objekten in Form von
Das Remember/Know Paradigma
Seite 25
Strichlinienzeichnungen (Experiment 3) konnte ebenfalls die Rate der ,,erinnert"-Urteile
beeinträchtigt werden ohne die Rate der ,,gewusst"-Urteile zu tangieren. Diese Erkenntnisse
drängten Rajaram zur Entwicklung eines alternativen Erklärungsmodells: dem
Distinctiveness/Fluency Ansatz (Rajaram, 1996).
2.4.3 Der Distinctiveness/Fluency Ansatz
Nachdem in Untersuchungen von Rajaram (1993) zum einen Effekte von perzeptuellem
Stimulusmaterial auf ,,erinnert"-Urteile und zum anderen ausbleibende Effekte auf
,,gewusst"-Urteile entgegen den Vorhersagen des Prozessansatzes beobachtet worden
waren, versuchte Rajaram die Ergebnisse mit Hilfe des Distinctiveness/Fluency Ansatzes zu
erklären (Rajaram, 1996). Unterschiede in abgegebenen ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteilen
werden hier auf die Faktoren Salienz (
salience
) oder auch Distinktheit (
distinctiveness
) und
Verarbeitungsflüssigkeit (
fluency
) zurückgeführt. Salienz und Distinktheit werden in der
Literatur für gewöhnlich gleichbedeutend verwendet (Schmidt, 1996) und als
,,Stimuluseigenschaft, die vor dem Hintergrund aller anderen Stimuli heraussticht" definiert
(Wehr, 2005, p. 37). Verarbeitungsflüssigkeit beschreibt die Leichtigkeit, mit der
Informationen aus dem Gedächtnis abgerufen werden können. Die Verarbeitungsflüssigkeit
eines Stimulus kann z.B. durch wiederholte Präsentation erhöht werden (Gardiner & Gregg,
1997; Gardiner & Java, 1990; Gregg & Gardiner, 1994; Rajaram, 1993). Die Rate der
,,erinnert"-Urteil wird in diesem Ansatz durch die Salienz des Stimulusmaterials beeinflusst
und steigt mit Erhöhung der Salienz. Die Rate der ,,gewusst"-Urteile wird durch das
Ausmaß der Verarbeitungsflüssigkeit beeinflusst und steigt mit Erhöhung der
Verarbeitungsflüssigkeit. Die Beschaffenheit der zugrundeliegenden Quellen (konzeptuell
oder perzeptuell) soll dabei in beiden Fällen keine Auswirkungen haben.
Mit Hilfe dieses Ansatzes ließen sich die Befunde Rajarams (1996) besser erklären (siehe
2.4.2): Bildhaftes Stimulusmaterial besitzt mehr distinkte Merkmal als Wörter und wird so
eher mit ,,erinnert"-Urteilen versehen (Experiment 1). Auch Größenveränderung
(Experiment 2) und links/rechts Orientierungswechsel (Experiment 3) können als distinkte
Stimulusveränderungen interpretiert werden und wirken sich somit selektiv, unabhängig
von zugrundeliegenden perzeptuellen oder konzeptuellen Prozessen, auf die Rate der
,,erinnert"-Urteile aus.
In einem weiteren Experiment (vgl. 2.3.1) legte Rajaram (1998) Versuchpersonen
orthografisch vertraute und orthografisch distinkte Wörter vor. Eine Veränderung der Rate
Das Remember/Know Paradigma
Seite 26
der ,,erinnert"-Urteile wurde durch Effekte der Salienz und nicht durch konzeptuelle oder
perzeptuelle Prozesse hervorgerufen.
Rajaram und Geraci (2000) zeigten, dass ,,gewusst"-Urteile durch konzeptuelle Flüssigkeit
beeinflusst werden können. Es wurden signifikant mehr ,,gewusst"-Urteile abgegeben, wenn
ein vorgeschalteter Prime einen semantischen Bezug zum Zielwort besaß, als wenn dieser
keinen semantischen Bezug hatte. ,,Erinnert"-Urteile blieben durch diese Art der
Manipulation völlig unberührt (vgl. 2.3.2).
DISTINCTIVENESS/FLUENCY
Salienz
Verarbeitungsflüssigkeit
(beeinflusst ,,Wissen")
(beeinflusst ,,Erinnern")
i
s
s
e
n
"
)
Perzeptuelle
Perzeptuelle
Z
T
r
o
z
e
s
s
e
Salienz
Flüssigkeit
S
A
p
e
r
z
e
p
t
u
e
l
l
e
P
N
(
b
e
e
i
n
f
l
u
s
s
t
,,
W
S
S
A
E
Z
O
R
P
Konzeptuelle
r
o
z
e
s
s
e
Flüssigkeit
r
i
n
n
e
r
n
"
)
Konzeptuelle
Salienz
k
o
n
z
e
p
t
u
e
l
l
e
P (beeinflusst ,,E
Abbildung 2.4:
Vierfelderschema zum Vergleich von Prozess- und
Distinctiveness/Fluency Ansatz. Graue Felder markieren unterschiedliche
Vorhersagerichtungen der Ansätze (nach Wehr & Wippich, 2004).
Bisher wurden der unter Kapitel 2.4.2 beschriebene Prozessansatz und der
Distinctiveness/Fluency Ansatz nur in getrennten Experimenten untersucht, was eine
direkte Vergleichbarkeit aufgrund unterschiedlichen Testmaterials erschwert. Wehr und
Wippich (2004) überprüften beide Ansätze innerhalb eines experimentellen Designs (siehe
Abbildung 2.4) unter Verwendung einheitlichen Materials. Die Vorhersagen der Ansätze
stimmen bezüglich der Wirkungsrichtung konzeptueller Salienz und perzeptueller
Flüssigkeit überein, unterscheiden sich jedoch bezüglich perzeptueller Salienz und
konzeptueller Flüssigkeit. So sollten z.B. nach dem Prozessanzatz ,,erinnert"-Urteile durch
konzeptuelle Prozesse und ,,gewusst"-Urteil duch perzeptuelle Prozesse beeinflusst werden;
Das Remember/Know Paradigma
Seite 27
und zwar unabhängig davon, ob distinkte Eigenschaften des Stimulusmaterials
hervorstechen oder nicht.
Die Ergebnisse ihrer Untersuchung wurden bereits unter Kapitel 2.3.3 referiert und
sprechen insgesamt für eine Annahme des Distinktiveness/Fluency Ansatzes.
2.4.4 Die Signalentdeckungstheorie
Mit Hilfe signalentdeckungstheoretischer Modellvorstellungen (
signal detection theory - SDT
)
(Green & Swets, 1966) bemühte sich Donaldson (1996) eine Alternative zu den zuvor
aufgestellen Modellen zu formulieren.
Hirshman und Master (1997) beschreiben drei Grundannahmen des SDT-Modells: Erstens,
Items lassen sich innerhalb einer Dimension nach der Stärke des Vertrautheitseindruck
anordnen. Zweitens, die Verteilungen des Vertrautheitseindrucks für die einzelnen Items
überlappen sich. Drittens, es werden zwei Antwortkriterien auf der Vertrautheitsachse
gesetzt, wobei zunächst eine Alt/Neu-Entscheidung getroffen wird und darauf eine
Bestimmung des Bewusstseinszustandes erfolgt. Bezüglich des ersten Antwortkriteriums
fällt die Versuchsperson eine Alt-Entscheidung, wenn der Vertrautheitseindruck des Items
oberhalb einer bestimmten Grenze liegt und eine Neu-Entscheidung, wenn er sich unterhalb
dieser Grenze manifestiert. Das zweite Antwortkriterium wird ebenfalls auf Basis des
Vertrautheitseindrucks gesetzt, wobei Items oberhalb einer bestimmten Grenze mit
,,erinnert"-Urteilen und Items unterhalb dieser Grenze mit ,,gewusst"-Urteilen versehen
werden. ,,Erinnert"-Urteile werden innerhalb des SDT-Modells als konservative Alt-
Antworten interpretiert (Donaldson, 1996).
Die Abbildung 2.5 zeigt zwei Vertrautsverteilungen S1 und S2, die beispielhaft
Verteilungen neuer (S1) oder alter (S2) Items darstellen. Es wird angenommen, dass Items,
die zuvor präsentiert wurden, eine stärkere Gedächtnisspur besitzen als Items, die im
experimentellen Setting neu hinzugefügt werden. Eine Möglichkeit, das Modell auf seinen
empirischen Gehalt hin zu prüfen, erwächst aus der Grundannahme, dass ,,remember"- und
Alt-Antworten nur einen Unterschied in der Stärke der Gedächtnisspur bzw. des
Vertrautheiteindrucks ausdrücken. Die Abweichung der Mittel der Verteilungen beschreiben
das
Sensitivitätsmaß
(
d
)
und
sollten
unabhängig
von
den
getroffenen
Kriterienentscheidungen (konservativ, neutral oder liberal) immer gleich sein. Die
allgemeine Gedächtnisleistung sollte somit der Summe der ,,erinnert"- und ,,gewusst"-
Urteile entsprechen. Sollten sich die Sensivitätsmaße jedoch unterscheiden, dann würde dies
Das Remember/Know Paradigma
Seite 28
für die Existenz weiterer Gedächtnisspuren sprechen (Gardiner, Ramponi & Richardson-
Klavehn, 2002). Eine zweite Annahme des Modells besagt, dass erstes und zweites Kriterium
(Alt/Neu-Entscheidung und ,,erinnert"/,,gewusst"-Urteil) positiv miteinander korrelieren,
d.h. die Anzahl der ,,gewusst"-Urteile hängt von dem zuerst gesetzten Alt/Neu-Kriterium
ab. Wird das Antwortkriterium konservativ (2a) gesetzt, liegt die Rate der ,,gewussten"
Treffer über der Rate der falschen Alarme. Bei neutral gesetztem Antwortkriterium (2b) ist
die Anzahl der ,,gewussten" Treffer und falschen Alarme gleich. Schließlich sollten bei
liberal gesetztem Antwortkriterium (2c) die Rate der ,,gewussten" falschen Alarme über der
Rate der Treffer liegen.
(1) allgemeines Modell
d
S1
S2
Alt
Neu
,,remember"
,,know"
Stärke der
Alt-Kriterium
Gedächtnisspur
,,remember"-Kriterium
(2a) konservativ (2b) neutral (2c) liberal
S1
S2
S1
S2
S1
S2
Alt-Kriterium
Alt-Kriterium
Alt-Kriterium
,,remember"- Kriterium
,,remember"- Kriterium
,,remember"- Kriterium
Abbildung 2.5:
,,Erinnern" und ,,Wissen" können nach Donaldson auf einer einzelnen
Gedächtnisspur platziert werden. Zunächst fällt eine Person eine Alt/Neu Entscheidung (Alt-
Kriterium) und dann eine ,,Remember"/,,Know"-Entscheidung (,,remember"-Kriterium). S1 stellt
eine Vertrautheitsverteilung neuer Items dar und S2 eine der alten. Die graue Fläche markiert die
Treffer bei ,,gewusst"-Antworten, die linierte Fläche die falschen Alarme (modifiziert nach
Donaldson (1996) und Wehr (2005)).
Um die Annahmen seines Modell empirisch zu untermauern, führte Donaldson (1996)
eine Reanalyse von 28 Experimenten zum Remember/Know Paradigma durch. Er fand
neben einer hohen Korrelation zwischen dem Alt/Neu-Kriterium und dem Anteil der
Das Remember/Know Paradigma
Seite 29
,,gewusst"-Urteilen ein gleiches Sensitivitätsmaß (A) für die allgemeine Gedächtnisleistung
und die Summe der ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteile.
Gadiner, Ramponi und Richardson-Klavehn (2002) werteten 86 experimentelle
Bedingungen im Rahmen einer Metaanalyse aus und konnten im Gegensatz zu Donaldson
keine Korrelation zwischen dem Alt/Neu-Kriterium und dem Anteil der ,,gewusst"-Urteile
finden. Wohl aber konnten sie eine Korrelation zwischen Alt/Neu-Kriterium und der
,,raten"-Kategorie finden.
In der Literatur wird eine unidimensionale Modellvorstellung zur Erklärung des
Remember/Know Paradigmas bis heute kontrovers diskutiert. Zum Beispiel konnte Dunn
(2004) von einer guten Passung der Daten aus 400 verschieden experimentellen Bedingungen
und dem unidimensionalen Modell berichten (siehe auch Hirshman & Lanning, 1999;
Hirshman & Master, 1997; Inoue & Bellezza, 1998; Wixted & Stretch, 2004). Andere Autoren
sprechen sich gegen eine unidimensionale Interpretation des Remember/Know Paradimas
aus (Conway, Dewhurst, Pearson & Sapute, 2001; Gardiner et al., 2002; Macmillan, Rotello &
Verde, 2005; Rotello et al., 2004)
2.4.5 Das Independence Remember/Know Model
Ziel des Independence Remember/Know Modells (IRK) ist es, mit Hilfe von ,,Erinnern" und
,,Wissen" die Anteile bewusster (B; kontrollierter) und unbewusster (U; automatischer)
Prozesse am Erinnerungserleben zu bestimmen. Jacoby et al. (1997) nehmen ein
Unabhängigkeitsmodell der zugrundeliegenden Gedächtnisprozesse an. Aus ihrer Sicht
stellen ,,erinnert"-Urteile eine reine Messung der bewusst ablaufenden Prozesse (B) dar. Sie
begründen dies damit, dass in Untersuchungen die Rate von ,,erinnert"-Urteilen bei falschen
Alarmen sehr gering ausfällt, d.h. die Anzahl der Personen, die aufgrund von unbewusster
Vertrautheit fälschlicherweise ein ,,erinnert"-Urteil abgeben, sehr gering ist. Im Gegensatz
dazu können ,,Gewusst"-Urteile nicht als eine reine Messung unbewusst ablaufender
Prozesse (U) gesehen werden. Wenn zwischen den Prozessen eine unabhängige Verbindung
angenommen wird, ist es möglich, dass Items zu einem Teil ,,gewusst" und zu einem
anderen Teil ,,erinnert" werden. Für diese Items erscheint es eher wahrscheinlich, dass ein
,,erinnert"-Urteil abgegeben wird, weil bewusste Prozesse gegenüber unbewussten im
Erinnerungserleben dominieren und die Versuchperson zur Abgabe eines exklusiven Urteils
(,,erinnert" oder ,,gewusst") gezwungen wird. Damit wird jedoch der Anteil der
Das Remember/Know Paradigma
Seite 30
unbewussten Prozesse, gemessen anhand der ,,gewusst"-Urteile, unterschätzt. Jacoby et al.
(1997) schlagen daher eine Korrektur vor, die sich in folgender Formel ausdrückt:
Know
=
U
(Gleichung 2.1)
-
(1 Remember)
2.4.6 Zusammenfassung
In diesem Kapitel wurden Erklärungsansätze zum Remember/Know Paradigma vorgestellt.
Die gefunden Dissoziationen in den ,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteil wurden zunächst mit
System- oder Prozesstheorien erklärt. Nachdem einige Befunde durch diese Ansätze nicht
vollständig erklärt werden konnten, wurde durch Rajaram (1996) ein alternativer Ansatz
formuliert, bei dem Prozesse in den Hintergrund traten und als wesentliche Komponenten
die Distinktheit oder Salienz des Stimulusmaterials und die Verarbeitungsflüssigkeit betont
wurden. Zur Zeit werden prozesstheoretische Erklärungen von ,,Erinnern" und ,,Wissen"
weniger verwendet, da sie durch den Distinctiveness/Fluency Ansatz verdrängt wurden.
Donaldsons (1996) signalentdeckungstheoretischer Ansatz wird bis heute lebhaft diskutiert
und wurde vielfach korrigiert und erweitert.
Figur/Grund Trennung
Seite 31
3 Figur/Grund Trennung
Zu Beginn dieses Kapitels wird zunächst eine Einführung in die Figur/Grund Thematik
gegeben. Anschließend werden einige klassische Gestaltfaktoren vorgestellt. Es wurden jene
Gestaltfaktoren ausgewählt, die für die Figur/Grund Trennung besonders relevant
erscheinen und in Standardwerken der Wahrnehmungspsychologie häufig wiederzufinden
sind (z.B. Goldstein, 2002). Dabei wird auf den Gestaltfaktor der Flächengröße im Rahmen
dieser Arbeit besonders eingegangen. Im Anschluss werden einige neue, weniger bekannte
Gestaltfaktoren und Methoden präsentiert. Da es sich in diesem Kapitel um ein Thema aus
dem Bereich der Wahrnehmungspsychologie handelt, wurde der Text durch bildhafte
Darstellungen ergänzt, um eine unnötige Verkomplizierung des Textes zu vermeiden.
3.1 Gestaltfaktoren
Der Begriff
Gestalt
wurde von Christian Freiherr von Ehrenfelds im Jahre 1980 eingeführt.
Er verstand darunter eine seelische Ganzheit, die durch
Übersummativität
und
Transportierbarkeit
gekennzeichnet ist. Als Beispiel führt er eine Melodie an, die zum einen in
ihrem Wesen nicht durch die ,,Summe" ihrer Einzelbestandteile erklärbar sei und insofern
als übersummativ bezeichnet werden könne. Zum anderen sei sie transponierbar, weil sie
trotz Änderung aller Einzeltöne bei Wechsel des Tonhöhenniveaus erhalten bliebe
(Ehrenfelds, 1890). Heute wird die Gestaltpsychologie mit der Berliner Schule in
Zusammenhang gebracht, zu deren Initiatoren und gedanklichen Vätern Max Wertheimer,
Wolfgang Köhler und Kurt Koffka zählen. Als Geburtsstunde der Gestaltpsychologie gilt das
Jahr 1912, in dem Wertheimers ,,
Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung
"
(Wertheimer, 1912) erschienen. Die Überlegungen der Gestaltpsychologen wendeten sich
gegen die Ideen der klassischen Assoziationspsychologie, nach der sich die Wahrnehmung
aus einzelnen
elementaren Empfindungen
aufbaut ist, die in ihrer Summe das Ganze ergeben.
Wertheimer zeigte als erster in seinen Studien zur Bewegungswahrnehmung, dass das
Ganze von der Summe seiner Einzelteile verschieden ist. Er untersuchte das Phi-Phänomen,
eine Scheinbewegung, die entsteht, wenn zwei Lichtpunkte einen gewissen räumlichen
Abstand aufweisen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten an- und ausgeschaltet werden. Je
nach zeitlicher Distanz, entsteht der Eindruck, dass sich der Lichtpunkt von einer Seite zur
anderen bewegt. Da zwischen den einzelen Lichtreizen keine Sinnesreize bzw. elementare
Empfindungen vorhanden sind, ist dieses Phänomen mit Hilfe der Assoziationspsychologie
nicht zu erklären. Dieses Ergebnis wurde von den Gestaltpsychologen als Resultat einer
Figur/Grund Trennung
Seite 32
aktiven Organisationsleistung des Gehirns verstanden. Ein wichtiges Merkmal dieser
Wahrnehmungsorganisation ist die
Gruppierung
, d.h. die Zusammenfassung von zeitlich,
räumlich, formal oder materiell benachbarten Reizelementen. Diese Gruppierung scheint
nach bestimmten Regeln abzulaufen, die in den Gestaltgesetzen (Gestaltfaktoren) abgebildet
werden. Gestaltfaktoren stellen also Regeln dar, die das Wahrnehmungssystem nutzt, um
elementare Aspekte in größere Einheiten zu organisieren (Goldstein, 2002). Im Laufe der Zeit
gelang es den Gestaltpsychologen einige Faktoren zu identifizieren, die die
Wahrscheinlichkeit beeinflussten, dass ein bestimmter Bereich eines Stimulusmusters als
Figur gruppiert wird. Allerdings sind in der Literatur unterschiedliche Listen und
Zusammenstellungen mit schwankenden Zahlen dieser Gestaltfaktoren zu finden. Helson
(1933) veröffentlichte eine Liste mit 114 Gestaltgesetzen. Bei Boring (1942) verringert sich die
Anzahl auf 14. Goldstein (2002) reduziert diese Zahl noch einmal und fasst sechs wichtige
Gestaltfaktoren zusammen: 1. Faktor der
Prägnanz
oder
guten Gestalt:
Reizmuster (Elemente)
werde so interpretiert, dass die resultierende Struktur so einfach wie möglich ist; 2. Faktor
der
Ähnlichkeit:
Ähnliche Elemente werden eher als zusammengehörig empfunden als
einander unähnliche; 3. Faktor der
gestaltgerechten Linienfortsetzung:
Linien werden
tendentiell so gesehen, als folgten sie dem einfachsten Weg; 4. Faktor der
Nähe:
Elemente mit
geringem Abstand zueinander werden als zusammengehörig erlebt; 5. Faktor des
gemeinsamen Schicksals:
Zwei oder mehrere Elemente, die sich gleichzeitig in eine Richtung
bewegen, werden als zusammengehörig erlebt; und 6. Faktor der
Bedeutung
oder
Vertrautheit:
Elemente bilden mit großer Wahrscheinlichkeit Gruppen, wenn die Gruppen vertraut
erscheinen oder etwas bedeuten. Bei Palmer (1999) finden sich darüber hinaus drei neue
Gestaltfaktoren: Faktor der
Synchronität:
Elemente, die zur gleichen Zeit erscheinen, werden
tendenziell einander zugeordnet; Faktor der
gemeinsamen Region:
Elemente, die innerhalb
einer gemeinsamen Region liegen, werden zusammengruppiert; und Faktor der
Verbundenheit der Elemente:
Elemente die mit einander verbunden sind, werden als
zusammengehörig erlebt (siehe auch Palmer, 1992; Palmer & Rock, 1994).
Die Gliederung des Wahrnehmungsfeldes in unterschiedliche Bereiche ist eine
Grundvoraussetzung für visuelles Wahrnehmen. Um ein Objekt von anderen zu
unterscheiden, verwendet der visuelle Wahrnehmungsapparat homogene Merkmale einer
Fläche, um diese als Einheit entweder in figuraler Form oder als Hintergrund zu sehen.
Inhomogene Merkmale können verwendet werden, um Oberflächen, Objekte und Ereignisse
zu separieren. Der Prozess der Aufteilung eines Wahrnehmungsfeldes in unterschiedliche
Figur/Grund Trennung
Seite 33
Regionen wird Figur/Grund Trennung (Segmentierung oder Segregation) genannt, oder
anders: Die Figur/Grund Trennung beschreibt die ,,
präattentive Tendenz, einen bestimmten Teil
der optischen oder akustischen Stimuluskonfiguration als Figur und den anderen als Hintergrund
wahrzunehmen"
(Guski, 1996; p. 372).
Nach Palmer (1999) sind folgende Faktoren an diesem Organisationsprozess der
Figur/Grund Trennung beteiligt: 1.
Geschlossenheit:
Wird eine Fläche von einer anderen
vollständig umschlossen, so wird die umschlossene Fläche als Figur und die umschließende
Fläche als Hintergrund wahrgenommen; 2.
Größe:
Die kleinere Fläche wird als Figur gesehen
(vgl. Kapitel 3.1.1.4); 3.
Orientierung:
Vertikal und horizontal angeordete Elemente werden
zur Figur gruppiert (vgl. Kapitel 3.1.1.2); 4.
Kontrast:
Die Elemente mit dem größten
Kontrastunterschied zu der sie umgebenden Region werden als Figur wahrgenommen; 5.
Symmetrie:
Symmetrische Formen neigen dazu, als Figur zu erscheinen (vgl. Kapitel 3.1.1.1);
6.
konvexe (nach außen gewölbte) Formen:
Konvexe Formen bilden eher die Figur, konkave
Formen eher den Hintergrund; und 7.
Parallelismus:
Regionen mit parallel verlaufenden
Seiten werden tendenziell als Figur wahrgenommen. Eine ähnliche Zusammenstellung ist in
Guskis (1996) Buch ,,Wahrnehmen" zu finden. Er fügt zu den von Palmer genannten
Faktoren
Oberflächentextur
und
Erfahrung
oder
Bedeutung
hinzu. Goldstein (2002) reduziert
die Anzahl diese Faktoren erneut und legt den Fokus auf folgende Faktoren:
Symmetrie,
Größe, Orientrierung
und
Bedeutung
. Auf diese Faktoren wird im Kapitel 3.1.1 auführlich
eingegangen.
Ursprünglich wurden Figur und Grund begrifflich nach ihrem phänomenologischen
Erscheinungsbild unterschieden. Rubin (1915; Rubin, 1958) und Koffka (1935) stellten heraus,
dass die Figur dem Betrachter näher, saturierter und kontrastreicher im Vergleich zu dem sie
umgebenden Hintergrund erscheint. Diese Beschreibungen konnten vielfach im Rahmen
quantitativer Untersuchungen empirisch bestätigt werden (z.B. Coren & Porac, 1983). Rubin
formulierte einen weiteren phänomenologischen Unterschied: Figuren werden als Form oder
Gestalt gesehen, während sich der Hintergrund eher diffus und ohne Form präsentiert.
Koffka beschrieb die Figur in ähnlicher Weise als Form und den Hintergrund als
,,ungeformt". Als weitere Unterscheidung machte Rubin (1915) auf die Konturen
aufmerksam, die die Figur ähnlich einem Mantel oder einer Hülle zu umgeben scheinen,
nicht aber den Hintergrund. Dies verdeutlichte er anhand eines Kippbildes, das in seinem
Zentrum eine Vase zeigt, die von zwei einander zugewandten Gesichtsprofilen umgeben
wird. Anhand dieses Bildes illustrierte er ebenso das Unvermögen des Betrachters, beide
Figur/Grund Trennung
Seite 34
möglichen Formen zeitgleich zu sehen. In Anlehnung an Rubin und andere
Gestaltpsychologen fasst Goldstein (2002) die Eigenschaften von Figur und Grund in
folgender Weise zusammen: Die Figur wird meist ,,dinghafter" wahrgenommen, ist leichter
im Gedächtnis zu behalten und scheint vor dem Hintergrund zu stehen. Der Hintergrund
wird dagegen eher als ungeformtes Material gesehen und ist hinter der Figur angeordnet.
Figur und Hintergrund werden von Konturen getrennt, die der Figur zugeordnet werden.
3.1.1 Klassische Gestaltfaktoren
3.1.1.1 Symmetrie
Der Gestaltfaktor der Symmetrie besagt, dass
symmetrische Flächen eher als Figur gesehen werden als
unsymmetrische, die dem entsprechend eher den
Hintergrund
formen.
Figuren,
die
dieses
Gestaltphänomen beschreiben, wurden von Bahnsen
(1928) eingeführt. Das Beispiel in Abbildung 3.1 zeigt
weiße und schwarze Spalten, die bezüglich der
Abbildung
3.1:
Symmetrische
Flächengröße und anderer potenziell konfundierenden
Flächen tendieren eher dazu als
Figur gesehen zu werden (nach
Gestaltfaktoren gleich gehalten wurden. Die schwarze
Kanizsa & Gerbino, 1976).
Fläche bildet die Figur, da sie symmetrische angeordnet
ist.
Da
der
Gestaltfaktor
der
Symmetrie
im
Zusammenhang
mit
dem
Erinnerungsbewusstsein von Personeneigenschaften bereits untersucht worden ist (Wehr,
2005), wird er im Folgenden nicht näher beschrieben.
3.1.1.2 Orientierung
Orientierung meint hier den Grad einer Drehung eines Elements und ist ein weiterer Faktor
der Figur/Grund Organisation. Rubin (1921) stellte fest, das ein Kreuz mit horizontal und
vertikal angeordneten Armen die Tendenz aufweist, als Figur gesehen zu werden, während
ein Kreuz mit schräg liegen Armen als Hintergrund wahrgenommen wird. Systematisch
wurde dieses Phänomen von Oyama (1960) untersucht. Er präsentierte seinen
Versuchspersonen eine Kreuzfigur und rotierte die Flächen im Uhrzeigersinn (siehe
Abbildung 3.5; Kapitel 3.1.1.4). Je weiter sich die Flächen einer vertikalen und horizontalen
Position annäherten, desto eher wurden sie als Figur gesehen. Auch Beck (1966) widmete
sich dem Gestaltfaktor der Orientierung. Er wendete einfache Linienkombinationen (z.B. ,,T"
Figur/Grund Trennung
Seite 35
oder ,,L"), die er bestimmten Regionen zuteilte. Es stellte sich erstens heraus, dass der
Gruppierungsprozess stark von der Orientierung der Linien beeinflusst wurde und weniger
von der Unähnlichkeit zwischen den Linienkombinationen. Zweitens beobachtete Beck, dass
Bildteile, deren Orientierung um etwa 45° von den übrigen abwich, spontan als Figur
gesehen wurde. Die Orientierung setzte sich hier gegenüber dem Prinzip der Ähnlichkeit
durch. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass vertikal und horizontal angeordnete
Elemente eher als Figur wahrgenommen werden als schräg angeordnete Elemente, die eher
in den Hintergrund gelegt werden.
3.1.1.3 Bedeutung
Bedeutungshaltige Gegenstände tendieren
dazu als Figur gesehen zu werden. So wird es
dem Betrachter wahrscheinlich leicht fallen,
WEHR
das Wort ,,WEHR" in Abbildung 3.2 zu sehen,
obwohl es in unvollständiger und nicht
Abbildung 3.2:
Bedeutung von Bildelementen
als wichtiger Faktor der Trennung von Figur
geschlossener Form präsentiert wird. Der
und Grund. Sowohl die weiße als auch die
Faktor der Bedeutung spielt bei reversiblen
schwarze Fläche kann in diesem Beispiel als
Figur wahrgenommen werden.
Figuren eine große Rolle. Bei Girgus, Rock &
Egatz (1977) schalteten nur die Hälfte der Versuchspersonen spontan zwischen den
einzelnen Kippbildern des mehrdeutigen Gesicht-Vase Stimulus (Rubin, 1915) um. Nachdem
sie über die reversible Natur des Bildes informiert worden waren, wechselten alle
Versuchspersonen zwischen beiden möglichen Wahrnehmungsformen. Darüber hinaus
stellten Rock, Hall & Davis (1994) fest, dass viele Versuchspersonen erst dann zwischen zwei
Perzeptionen wechseln konnten, wenn sie über den Kippbildcharakter des Stimulusmaterials
und
die zwei möglichen Wahrnehmungsformen informiert worden waren. Eine Reihe von
Untersuchungen zu bedeutungshaltigen Kippbildern führten Mary Peterson und ihre
Kollegen durch (Peterson & Gibson, 1991, 1993; Peterson, Harvey & Weidenbacher, 1991). In
Petersons Experimenten wurden Versuchpersonen reversible Figur/Grund Bilder gezeigt,
die auf einer Seite eine bedeutungshaltige Figur (z.B. die Silhouette einer Ananas, eines
Seepferdes, einer Frau) darstellten. Die beiden Flächen waren bezüglich sonstiger
Gestaltmerkmale gleich. Die Ergebnisse belegen einheitlich, dass der bedeutungsreiche Teil
des Bildes häufiger als Figur wahrgenommen wurde als der bedeutungsarme.
Figur/Grund Trennung
Seite 36
3.1.1.4 Flächengröße
Schon früh schrieb Rubin dem Einfluss der Flächengröße eine große Bedeutung zu:
,,The
following principle is fundamental: if one of the two homogeneous, different-collored fields is larger
than and encloses the other, there is a great likelihood that the small, surrounded field will be seen as
figure"
(Rubin, 1915; 1958, p. 202). Graham (1929) und Hall (1934) gehören zu den ersten, die
den Einfluss der Flächengröße auf die Wahrnehmung von umkehrbaren Gestalten
systematisch untersuchten. Graham (1929) zeigte in seinen Untersuchungen zur
Flächengröße, dass
,,[...] das System kleinerer Felder als ,,Gestalt" gewählt wird, und die relative
Verkleinerung dieser Felder sie stärker hervortreten lässt. Der Hauptfaktor variiert umgekehrt
schwellenartig mit dem Flächeninhalt. Wenn die Systeme den gleichen Flächeninhalt haben, so ist die
Gestaltung am zweifelhaftesten"
(p. 482). Auch Hall (1934) hob den Einfluss der Fläche zur
Separation von Figur und Grund als sehr bedeutend hervor und bestätigte die Tendenz der
Versuchspersonen kleine Flächen als Figur und größere Flächen als Grund zu organisieren.
Die Dominanz der kleineren Fläche verringerte sich mit zunehmender Flächengröße.
Künnapas (1957) führte Experimente zur
relativen Dominanz alternierender Figuren
innerhalb reversibler Muster durch (
figural
dominanz
). Er unterteilte einen Kreis in acht
Sektoren, von denen vier Sektoren in
horizontaler und vertikaler Lage angeordnet
waren und somit eine ,,Plus"-Figur bildeten,
während die schräg liegenden Sektoren eine
,,Kreuz"-Figur formten (siehe Abbildung 3.3).
Abbildung 3.3:
Stimulusmuster aus Künnapas
(1957). Die Sektorfläche der ,,Plus"-Figur hat
Insgesamt verwendete er in seiner Versuchs-
in diesem Beispiel einen Winkel von 35°, die
anordnung neun Winkelvariationen: 5°, 15°,
der ,,Kreuz"-Figur einen Winkel von 55°.
25°, 35°, 45°, 55°, 65°, 75° und 85°.
Die Versuchspersonen betrachteten eines der Stimulusmuster und wurden gebeten
spontan mitzuteilen, ob sie eine ,,Plus"-Figur, eine ,,Kreuz"-Figur oder keine Figur sehen
konnten. Fünf Messgrößen wurden dabei erhoben: 1. Erstes Erscheinen; 2. Zeitdauer der
figuralen Periode; 3. Zeitdauer der alternierenden ,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figuren in einer
figuralen Periode; 4. Relative Dominanz der ,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figuren; 5.
Variationskoeffizient der figuralen Periode. Diese werden im Folgenden genauer erläutert.
Figur/Grund Trennung
Seite 37
Erstes Erscheinen
Die dominante Figur wird in einer Umgebung reversibler Muster eher
entdeckt (Rubin, 1915). Der Winkel der Sektoren bzw. die Sektorenfläche hat einen großen
Einfluss darauf, welche der alternierenden Figuren gesehen wurde. Die Kurven der
Abbildung 3.4a demonstrieren, dass sowohl die ,,Plus"-Figur, als auch die ,,Kreuz"-Figur vor
allem dann zuerst entdeckt wurden, wenn sie den jeweils kleinsten intrafiguralen Winkel
aufwiesen. Je größer der Winkel einer Figur wurde, desto eher nahm ihre Dominanz ab. Die
Präferenz für ,,Plus"-Figuren gegenüber ,,Kreuz"-Figuren erklärten die Autoren durch den
Einfluss der verikal-horizontalen Position der ,,Plus"-Figur.
Zeitdauer der figuralen Periode
Die ununterbrochene Wahrnehmung der figuralen Periode
gelang dann am längsten, wenn der intrafigurale Winkel besonders schmal und die
Dominanz der Figur am höchsten war. Wurden die Sektorenwinkel vergrößert,
beschleunigte sich der Wechsel zwischen den Perioden und erfolgte bei einem
Sektorenwinkel von 45° am schnellsten.
Zeitdauer der alternierenden ,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figuren in einer figuralen Periode
Obwohl
die Wahrnehmungsperioden der alternierenden Figuren individuell sehr verschieden waren,
ähnelten sie sich in ihrer generellen Tendenz. Die Dominanzen der Figuren verhielten sich
invers zu ihren intrafiguralen Winkeln. Zwischen 45° und 65° hatten beide Figuren nahezu
die gleichen Werte, während ab einem Winkel von 65° die ,,Kreuz"-Figur eher dominiert
und unter 45° die ,,Plus"-Figur länger gesehen wurde.
Relative Dominanz der ,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figuren
Die relative Dominanz der ,,Plus"-
Figur beschreibt das Verhältnis der Zeitdauer der ,,Plus"-Figur zur ,,Kreuz"-Figur (zp/zk)
und die relative Dominanz der ,,Kreuz"-Figur das Verhältnis der Zeitdauer der ,,Kreuz"-
Figur zur ,,Plus"-Figur (zk/zp). Die Abbildung 3.4b verdeutlicht, dass die relative Dominanz
beider alternierender Figuren mit der Verringerung des intrafiguralen Winkels anstieg und
umgekehrt mit der Vergrößerung des intrafiguralen Winkels abnahm. Die Kurven schneiden
sich zwischen 55° und 65°, wobei in diesem Bereich keine Figur dominierte (
nondominant
zone
). Dieser nicht-dominante Bereich wurde ebenso bei der Messung zum ersten Erscheinen
einer ,,Plus"- oder ,,Kreuz" gefunden.
Figur/Grund Trennung
Seite 38
(a) Erstes Erscheinen (b) Relative Dominanz
100
Plus-Figur
3
Plus-Figur
90
Plus-Figur v
Kreuz-Figur
80
Kreuz-Figur
70
2
)
60
i
n
a
n
z
t
(
%
50
o
m
r
o
z
e
n
40
P
l
a
t
i
v
e
D
30
1
Re
20
10
0
0
5°
15°
25°
35°
45°
55°
65°
75°
85°
5° 15° 25° 35° 45° 55° 65° 75° 85°
Winkel der Plus-Figur
Winkel der Plus-Figur
Abbildung 3.4:
(a) Die Abbildung zeigt die Frequenz des ersten Erscheinens als Figur. Die obere
Kurve repräsentiert die im Experiment beobachteten Messwerte. Der Einfluss der vertikal-
horizontalen Position wurde aus dem unteren Kurvenverlauf (Plus-Figur
v
) herausgerechnet.
(b) Relative Dominanz der ,,Plus"- Figur (zk/zp) und ,,Kreuz"-Figur (zp/zk) (modifiziert nach
Künnapas (1957)).
Variationskoeffizient der figuralen Periode
Der Variationskoeffizient der figuralen Periode
(,,Plus"- und ,,Kreuz"-Figur) wurde ebenfalls zur Messung der figuralen Dominanz
herangezogen. Extreme Winkelgrade erhielten hier höhere Werte als die Winkelgrade des
mittleren Bereichs.
Oyama (1960) interessierte sich für Variablen, die für die figurale Gruppierung eines
visuellen Stimulussets als bedeutsam erscheinen: Sektorenfläche, Helligkeit, Farbton und
Orientierung. Als Stimulusmaterial verwendete er einen Kreis, der in sechs Sektoren
eingeteilt wurde. Drei Sektoren glichen sich in Farbton und Helligkeit und unterschieden
sich von den übrigen Sektroren, die sich ihrerseits wiederum bezüglich Farbton und
Helligkeit ähnelten (,,Kleeblattmuster"). Auf diese Weise war es möglich, zwei verschiedene
Formen (
-Form
und
-Form
) wahrzunehmen, die je nach Ausprägung der Variablen
entweder die im Vordergrund stehende Figur oder den Hintergrund bildeten (siehe
Abbildung 3.5).
Figur/Grund Trennung
Seite 39
-Form
-Form
Abbildung 3.5:
Beispiel eines ,,Kleeblattmuster" aus der Versuchsanordnung
Oyamas (1960) und beide möglichen Figurformen und
(modifiziert nach
Oyama (1960)).
Um den Zusammenhang zwischen Sektorenfläche und Figur-Dominanz zu untersuchen,
variierte Oyama systematisch die relativen Flächenanteile der Formen und . Auf grauem
Hintergrund wurden den Versuchpersonen die -Formen in schwarzer Farbe und die -
Formen in weißer Farbe präsentiert. Die Winkel der -Formen betrugen 10°, 20°, 30°, 40°, 50°,
55°, 60°, 65°, 70°, 80°, 90°, 100° und 110°. Die Winkel der -Formen änderten sich
dementsprechend: 110°, 100°, 90°, 80°, 70°, 65°, 60°, 55°, 50°, 40°, 30°, 20° und 10°. Die
Prozedur ähnelte der Künnapas (1957). Die Versuchspersonen wurden gebeten, die Mitte der
Fläche zu fixieren und sollten angeben, ob sie spontan eine weiße oder schwarze Figur
sahen.
Die Wahrscheinlichkeit, die -Form oder -Form als Figur wahrzunehmen, hing primär
von der Sektorengröße ab. Die jeweils kleineren Sektorenflächen (unterhalb 60°) wurden
eher als Figur gesehen, die jeweils größeren Sektorenflächen (oberhalb 60°) überwiegend als
Hintergrund. Die Dominanz der Figur war dann am größten, wenn der Sektorenwinkel am
kleinsten war, und nahm mit Vergrößerung des Sektorenwinkels nahezu linear ab. Dieser
Effekt war unabhängig von der Farbe der -Form oder -Form, wenngleich die weißen
Sektorenflächen generell etwas häufiger eine figurale Wirkung erzeugten als die dunklen.
Auch in neueren Untersuchungen konnte der Gestaltfaktor Flächengröße als
Segregationsfaktor bestätigt werden (z.B. Driver, Baylis & Rafal, 1992).
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in der wahrnehmungspsychologischen
Forschung die Befunde bezüglich des Gestaltfaktors der Flächengröße in die gleiche
Figur/Grund Trennung
Seite 40
Richtung weisen: Wird ein Stimmulusmaterial mit unterschiedlich großen Flächenanteilen
präsentiert, so wird die kleinere Fläche als Figur und die größere Fläche als Hintergrund
wahrgenommen. Je größer der Unterschied in der Verteilung der relativen Flächenanteile,
desto eindeutiger und leichter ist dieser visuelle Gruppierungsprozess.
3.1.2 Neue Gestaltfaktoren
3.1.2.1 Watercolor effect
Der Aquarell-Effekt (
watercolor effect
) entsteht, wenn eine helle (z.B. orange) Kontur an eine
dunkle (z.B. lila) Kontur angrenzt (Pinna, 1987; Pinna, Brelstaff & Spillmann, 2001). Unter
dieser Bedingung scheint die helle Kontur ihre Farbe auf eine geschlossene, weiße Fläche zu
übertragen, so dass diese nun nicht mehr als Weiß, sondern in der Farbe der helleren Kontur
wahrgenommen wird. Dieser Effekt ist bei dünnen, geschwungenen Linien mit hohem
Kontrastunterschied gegenüber der Grundlage generell stärker als bei dicken, gerade
verlaufenden Linien, die eher kontrastarm sind. Blaue und rote Linien erzeugen dabei die
größte Wirkung. Auf weißem Untergrund breitet sich die Farbe deutlicher sichtbar aus, als
auf farbiger, grauer oder schwarzer Grundlage. Wird eine kleine weiße Lücke (
gap
) zwischen
den beiden Linien erzeugt, verringert sich der Farbeffekt oder ist nicht mehr zu beobachten.
Die Einfärbung der Fläche wirkt einheitlich und ist in 100ms abgeschlossen.
Abbildung 3.6:
Der Aquarell-Effekt (
watercolor effect
). Eine lilafarbene
Kontur wird von einer angrenzenden orangen Linie berührt. Der
Flächenzwischenraum scheint in einem leichten Orangeton (aus Pinna et
al. (2001)).
Figur/Grund Trennung
Seite 41
Pinna et al. (2003) bemerkten einen starken strukturellen Einfluss des Aquarell-Effekts auf
die Organisation von Figur und Grund, den sie mit den klassischen Gestaltfaktoren der
Nähe, gestaltgerechte Linienfortsetzung, Geschlossenheit, Symmetrie (Wertheimer, 1923),
konvexe Form (Rubin, 1915; Rubin, 1921), amodale Ergänzung (Kanizsa, 1979) und
Bedeutung (siehe Kapitel 3.1.1.3) kombinierten und kontrastierten. In ihren Experimenten
wurden den Versuchspersonen zunächst einige bekannte reversible Figuren gezeigt (z.B.
Versionen von Gesicht-Vase, Kaninchen-Ente, alte Frau-junge Frau) um sie mit den
Figur/Grund Begrifflichkeiten und Konzepten vertraut zu machen. Darauf wurden ihnen
jeweils fünf Variationen des Stimulusmaterials präsentiert: 1. lilafarbene Kontur (LK); 2. LK
mit orangem Rahmen (Wirkungsrichtung: kontra Gestaltgesetz); 3. LK mit orangem Rahmen
(gleiche Wirkungsrichtung); 4. LK mit dunkel-rotem Rahmen; 5. wie Nummer 2, jedoch
wurde die umschlossene Fläche mit der Farbe des orangem Rahmens aufgefüllt. Dieses
Material bewerteten sie zum einen bezüglich der erlebten Figur/Grund Präferenz der
verschiedenen Bereiche und gaben zum anderen die relative Feldstärke (Prozentangaben)
an, mit der eine Oberfläche als Figur wahrgenommen wurde.
In allen Experimenten zeigte sich, dass die strukturelle Wirkung der Gestaltfaktoren
durch den Aquarell-Effekt verstärkt werden konnte, wenn die Richtung der angenommenen
Effekte gleich waren (siehe 3.). Waren die Effekte gegenläufig, erfolgte die Gruppierung
zugunsten des Aquarell-Effekts (siehe 2.). In anderen Worten, was zuvor als Grund
wahrgenommen wurde, wurde nun als Figur gruppiert und vice versa. Der Aquarell-Effekt
hatte unter den beschriebenen experimentellen Bedingungen einen stärkeren Einfluss auf die
Figur/Grund Entscheidung als die klassischen Gestaltfaktoren. Die Ergebnisse sind
überblicksartig in Abbildung 3.7 dargestellt.
Obwohl Pinna et al. (2003) den Gestaltfaktor der Flächengröße nicht in ihre
Untersuchungen mitaufnahmen, kann die Konstruktion des Versuchsmaterials einen ersten
Hinweis darauf geben, wie sich der Aquarell-Effekt auf die Flächengröße auswirken könnte.
Das Versuchsmaterial besteht aus Flächen unterschiedlicher Größe, so dass neben dem
Faktor der Nähe auch der Faktor der Flächengröße wirksam sein könnte. Es ist denkbar, dass
die jeweils kleinere Fläche zur Figur und die jeweils größere Fläche zum Hintergrund
gruppiert werden würde. Auch hier würde der Effekt der Flächengröße verstärkt, wenn der
Aquarell-Effekt und der Effekt der Flächengröße dieselbe Richtung aufwiesen. Bei
gegenläufigem Effekt könnte der Aquarell-Effekt, wie bei den anderen klassischen
Gestaltfaktoren über dem Faktor Flächengröße dominieren.
Figur/Grund Trennung
Seite 42
Gestaltfaktor/Beschreibung
Stimulusmaterial
Ergebnisse
1. Nähe
Näher zusammenliegende
Elemente erscheinen als
zusammengehörig.
2. Gestaltger. Linienfortsetzung
Geschwungene und gerade
Linien werden so gruppiert,
als folgten sie dem einfachsten
Weg.
3. Geschlossenheit
Teile eine Stimulusmaterials,
die eine geschlossene Figur
bilden, erscheinen als
zusammengehörig.
4. Symmetrie
Symmetrische Formen bzw.
parallel verlaufende Kontur
erscheinen als
zusammengehörig.
Fortsetzung: siehe nächste Seite
Figur/Grund Trennung
Seite 43
Gestaltfaktor/Beschreibung
Stimulusmaterial
Ergebnisse
5. Konvexe Form
Konvexe Formen werden eher
als Figur wahrgenommen,
konkave Formen eher als
Grund.
6. amodale Ergänzung
(Scheinkontur)
Amodale Ergänzung ist kein
klassisches Prinzip der
Figur/Grund Separation,
spielt jedoch eine große Rolle
bezüglich der figuralen
Organisation der visuellen
Umgebung.
7. Bedeutung (Vertrautheit)
Wissen und Erfahrung leiten
perzepuelle Gruppierungs-
prozesse: Räume, die
sinnstiftend assoziiert werden,
erscheinen als zusammen-
gehörig.
Abbildung 3.7:
Überblicksartige Zusammenstellung der Ergebnisse der Experimente Pinnas et al.
(2003). Die untersuchten klassischen Gestaltfaktoren sind jeweils kurz beschrieben (modifizierte
Darstellung nach Pinnas et al. 2003).
Figur/Grund Trennung
Seite 44
3.1.2.2 Lower region
Vecera, Vogel & Woodman (2002) führten mit
(a)
(b)
der ,,unteren Region" (
lower region
) einen
weiteren Gruppierungsfaktor für Figur und
Hintergrund ein: Bereiche der unteren Position
wurden eher als Figur und dementsprechend
(c)
(d)
Bereiche der oberen Position eher als
Hintergrund wahrgenommen. In frühen
gestaltpsychologischen Abhandlungen wurde
dieses
Phänomen
bereits
ansatzweise
Abbildung 3.8:
Beispiele des verwendeten
Stimulusmaterials aus des Eperimenten
beschrieben,
es
wurden
jedoch
keine
Veceras et al. (2002). (a) und (c) zeigen die
empirischen
Untersuchungen
hierzu
horizontale Anordnung (oben-unten Figur),
(b) und (d) die vertikale Anordnung (links-
durchgeführt (Ehrenstein, 1930; Koffka, 1935;
rechts Figur).
Metzger, 1953). Zudem sind andere Gestaltprinzipien als Alternativerklärung für die von
Koffka (1935) und Metzger (1953) verwendeten Stimulusmaterialien denkbar. In den ersten
Experimenten Veceras et al. (2002) zum Effekt der unteren Region
(lower-region effect)
betrachteten die Versuchspersonen Figur/Grund Displays, die zwei aneinander
angrenzende Flächen zeigten (siehe beispielhaft Abbildung 3.8) und in horizontaler (oben-
unten) und in vertikaler Form (links-rechts) präsentiert wurden. Zuvor erhielten sie eine
Einführung zur Figur/Grund Wahrnehmung. Um Kontrast- und Farbeffekt zu kontrollieren,
wurden neben Rot-Grün Displays auch Schwarz-Weiß Displays verwendet. Sie wurden nun
gebeten zu entscheiden, welche der Flächen als die im Vordergrund stehende Figur
wahrgenommen wurde. In einem ersten Experiment war das Display sichtbar, bis die
Versuchspersonen antworteten; in einem zweiten Experiment wurde das Display für 150ms
dargeboten, um eine Beeinflussung des Effekts der unteren Region durch Präferenzen der
Augenbewegung für den unteren Bereich auszuschließen.
Die Ergebnisse belegen, dass Regionen in der unteren Position eines Figur/Grund
Displays mit hoher Wahrscheinlichkeit als Figur und die Regionen der oberen Position als
Hintergrund wahrgenommen werden. Diese Präferenz wurde bei vertikaler Anordnung
(links-rechts) der Flächen nicht beobachtet. Der Effekt der unteren Region wurde sowohl bei
Rot-Grün Displays, als auch bei Schwarz-Weiß Displays gefunden und wurde nicht von
Augenbewegungsmustern beeinträchtigt. Die verschiedenen Farbkombinationen hatten
keinen systematischen Einfluss auf die Flächen in vertikaler Anordnung. Vecera et al. (2002)
Figur/Grund Trennung
Seite 45
fanden den Effekt der unteren Region in weiteren Studien mit leicht variiertem Testmaterial.
In einem letzten Experiment ihrer Versuchsreihe führten Veceras et al. (2002)
Untersuchungen zur Präferenz der unteren Region mit Hilfe der
short-term visual matching
Methode (STVM) durch, die erstmals von Driver & Baylis (1996) angewendet wurde.
Instruktionen zur Figur/Grund Organisation und zum Kippbildcharakter des Bildmaterials
werden im Gegensatz zu anderen experimentellen Vorgehensweisen, die einen expliziten
Report der Versuchspersonen bezüglich der Wahrnehmung des Stimulusmaterials als Figur
oder Hintergrund verlangen, nicht benötigt (z.B. Peterson & Gibson, 1994; Pinna et al., 2003;
Strüber & Stadler, 1999; Vecera et al., 2002). Im Rahmen der STVM-Methode wurde den
Versuchspersonen zunächst ein Figur/Grund Display als Stimulusmaterial präsentiert
(Lerndisplay) und nach einem kurzen leeren Display die beiden Flächen erneut dargeboten
(Testdisplay). Die Versuchspersonen sollten nun entscheiden, welche der Flächen ihnen
zuvor gezeigt worden war. Es wird angenommen, dass die figurale Region eine stärke
Gedächtnisspur erzeugt und somit die Reaktionszeiten schneller werden, wenn die
nachfolgend präsentierte Fläche die der wahrgenommenen Figur gleicht. Die beiden Flächen
waren entweder horizontal oder vertikal angeordnet. Mit Hilfe der STVM-Methode konnte
ebenfalls der Effekt der unteren Region überprüft und erfolgreich nachgewiesen werden: Die
Zuordnung der unteren Region und der entsprechenden Fläche aus dem Testdisplay erfolgte
schneller als die der oberen Region. Auch war die Anzahl der falschen Zuordnungen bei der
unteren Fläche niedriger. Dieses Muster konnte nur bei horizontaler und nicht bei vertikaler
Flächenanordnung gefunden werden. Hulleman, Gedamke & Humphreys (2005) setzten die
Untersuchungen Veceras et al. (2002) fort, indem sie eine modifizierte Version der STVM-
Methode verwendeten und die Darbietungsdauer (50ms 500ms) des mehrdeutigen Bildes
variierten (siehe Abbildung 3.9). Vor das Lerndisplay legten sie ein Primedisplay, das
entweder der oberen oder unteren Region entsprach und somit die Geschwindigkeit der
Entscheidung im folgenden Testdisplay beeinträchtigte. Ab einer Darbietungsdauer
zwischen 200ms und 350ms zeigte sich eine Präferenz für die untere Region, unabhängig
davon, ob der vorgeschaltete Prime aus der oberen oder unteren Region bestand. Die
Ergebnisse deuten weiterhin darauf hin, dass die Figur/Grund Separation ein sehr schnell
ablaufender Prozess ist und nach ca. 100ms abgeschlossen ist. Neurophysiologische Studien
zur Feuerrate einiger Zellen der V1 Region lassen ähnliche Schlüsse zu (Lamme, Zipser &
Spekreijse, 1998).
Figur/Grund Trennung
Seite 46
Testdisplay: 30,000ms
Leeres Display: 500ms
Lerndisplay: 50 500ms
Primedisplay: 100ms
500ms
Zeit
Abbildung 3.9:
Variation des Short-term visual matching (STVM): Primed short-
term visual matching. Nach dem Fixationspunkt wurde ein Primedisplay
eingefügt. Die Darbietungszeiten des Lerndisplays variierten zwischen 50 und
500ms (modifiziert nach Veceras et al. (2002)).
Die Ergebnisse Veceras et al. (2002) betonen die Bedeutung der Anordnung der
verschieden Flächen. Es wäre z.B. denkbar, dass im Falle eines dominanten Einflusses des
Faktors der Flächengröße die große Fläche als Figur gruppiert wird, wenn sie den unteren
Bereich eines Stimulusmaterials ausfüllt und die kleine Fläche als Hintergrund gesehen
wird, wenn sie den oberen Teil belegt. Umgekehrt könnte im Falle eines Dominanten
Einflusses der Flächengröße die große Fläche des unteren Bereichs als Hintergrund
wahrgenommen werden und die kleine Fläche des oberen Bereiches als Figur.
3.1.2.3 Top-bottom polarity
Das Phänomen der Top-bottom Polarität
(top-bottom polarity)
beschreibt ein neues
Wahrnehmungselement zur Figur/Grund Unterscheidung. Hulleman und Humphreys
(2004) stellten fest, dass Objekte mit breitem Fundament und schmaler Spitze eher als Figur
wahrgenommen und umgekehrt Objekte mit schmalem Fundament und breiter Spitze eher
als Hintergrund gesehen werden. Als Stimulusmaterial verwendeten sie abstrakte Formen,
die übereinander gestapelten schmalen Rechtecken unterschiedlicher Breite glichen (siehe
Abbildung 3.10). Die Formen waren so konstruiert, dass sie entweder zwei lange horizontale
Elemente in ihrem Fundament und zwei kurze horizontale Elemente in ihrer Spitze (
wide
base
; beite Basis) oder zwei kurze horizontale Elemente in ihrem Fundament und zwei lange
horizontale Elemente in ihrer Spitze (
wide top;
breite Spitze) trugen. Hulleman und
Humphreys führten vier Experimente zur Top-bottom Polarität durch.
In einem ersten Experiment päsentierten sie ihren Versuchspersonen umkehrbare
Figur/Grund Displays, die beispielhaft in Abbildung 3.10 dargestellt sind. Sowohl die
Formen mit breiter Basis (wide base) als auch die Formen mit breiter Spitze (wide top)
Figur/Grund Trennung
Seite 47
wurden jeweils in weißer Farbe und in schwarzer Farbe vorgelegt. Die Versuchspersonen
wurden gebeten zu entscheiden, ob sie die weiße oder die schwarze Region als Figur
erkannten. In allen vier gezeigten Diplays wurden zu einem hohem Prozentsatz die Wide-
base Formen als Figur interpretiert (89%, 76%, 84% und 71%) und unterschieden sich
signifikant von 50% (
p
< .001).
Das zweite Experiment bestand aus einer
STVM Aufgabe (siehe Kapitel 3.1.2.2). Auf dem
Lerndisplay war eine umkehrbare Figur/Grund
Relation mit einer schwarzen und einer weißen
Region dargestellt. Die schwarze Region
bestand aus einer Wide-base Form während
gleichzeitig die weiße Region von einer Wide-
top Form dargestellt wurde und vice versa. Als
Testdiplay wurde eine
nicht
umkehrbare Figur
präsentiert, deren Ränder entweder der Wide-
base Form oder der Wide-top Form glichen. Wie
erwartet
zeigte
sich
eine
schnellere
Reaktionszeit bei figuralen Übereinstimmungen,
wenn es sich im Lerndisplay um eine Wide-base
Form
handelte,
verglichen
mit
den
Reaktionszeiten der Wide-top Form. Dies wird
Abbildung 3.10:
Stimmulusmaterial des
ersten Experiment von Hulleman &
erneut als starker Beleg für die Idee der Top-
Humphreys (2004).
bottom Polarität gewertet.
In Experiment 3 und 4 verwendeten sie eine neue Methode, die die Elemente der
expliziten Reportmethode, bei der die Versuchpersuchs-personen auf die Reversibilität der
Figur/Grund Formen hingewiesen werden und die Elemente der impliziten STVM Methode,
in der kein expliziter Hinweis erfolgt, miteinander verbindet: die figurale Suchaufgabe
(
figural search task
)4. Die Versuchspersonen wurden gebeten, symmetrische Zielitems
aufzufinden, die von asymmetrischen Distraktoritems umgeben waren. Die Experiment 3
und 4 unterschieden sich dahingehend, dass den Versuchspersonen die Farbe der Zielitems
(schwarz oder weiß vor grauem Hintergrund) bekannt war oder nicht. In beiden
4 Eine ausführliche Beschreibung der figuralen Suchaufgabe (
figural search task
) findet sich bei
Hulleman & Humphreys (2004).
Figur/Grund Trennung
Seite 48
Experimenten zeigte sich eine längere Reaktionszeit und höhere Fehlerrate für Wide-top
Formen, wodurch erneut die Top-bottom Polarität als separatives Merkmal bestätigt werden
konnte.
3.2 Zusammenfassung
In diesem Kapitel wurden klassische Gestaltfaktoren (Symmetrie, Orientierung, Bedeutung
und Flächengröße) und neue Gestaltfaktoren (Aquarell Effekt, Untere Region und Top-
bottom Polarität) beschrieben, die für die Figur/Grund Trennung von besonderer
Bedeutung sind. Zentrales Interesse dieses Kapitel galt dem Gestaltfaktor der Flächengröße.
Die Befunde zeigen einheitlich, dass die kleine Fläche als Figur und die große Fläche als
Hintergrund wahrgenommen wird.
Seit einiger Zeit finden sich auch neurophysiologische Studien, die sich mit den
Gestaltphänomenen beschäftigen. Hier zeigte sich, dass Neuronen des primären visuellen
Kortex (area V1) auf Figur/Grund Relationen zu reagieren scheinen. Bezüglich des
Gestaltfaktors der Flächengröße ergab sich folgendes Antwortmuster der Neuronen:
Neuronen, deren rezeptive Felder auf der Figur lagen, antworteten mit einer schnelleren
Frequenz als Neuronen, deren rezeptive Felder auf den Hintergrund gerichtet waren
(Lamme, 1995; Zipser, Lamme & Schiller, 1996). Diese erhöhte figurale Sensitivität der V1
Neuronen konnte auch bei anderen Gestaltfaktoren nachgewiesen werden (Zipser et al.,
1996).
Eigene Untersuchung
Seite 49
4 Eigene Untersuchung
4.1 Herleitung und Fragestel ung
Wie wird eine Person zu einem salienten Reiz und steht im Fokus der Aufmerksamkeit?
Eigenschaften verschiedener Altersstereotypen können durch perzeptuelle und konzeptuelle
Merkmale hervorstechen. Für die Wahrnehmung und Bewertung der Merkmale ist der
aktuelle Kontext ausschlaggebend, da hierdurch erst Vergleichsprozesse möglich werden
und somit Ähnlichkeiten und Unterschiede erkannt werden. Auf perzeptueller Ebene ist eine
Person besonders dann salient, wenn sie in einem spezifischen Kontext durch Unterschiede
(z.B. Helligkeit, Komplexität, Neuartigkeit oder Bewegung) oder Ähnlichkeiten (z.B.
age
markers
) eine Figur formt. Ein Mann mit weißen Haaren würde sich z.B. von einer Gruppe
von Männern mit schwarzen Haaren abheben. Ebenso würde ein alter Mann aus einer
Gruppe von Jugendlichen deutlich hervorstechen. Als Markiervariablen für eine alte Person
(
age markers
) gelten insbesondere das Sprechverhalten, das Gesicht, eine gebeugte Haltung
und langsame Gangart (Filipp & Mayer, 1999). Auf konzeptueller Ebene ist sie besonders
dann salient, wenn sie für den Betrachter eine gewisse Relevanz besitzt (
significant others
)
oder kategorial relevante Eigenschaften aufweist, die im Fokus stehen. Ob ein alter Mensch
als salienter Reiz in einem sozialen Kontext wahrgenommen wird, hängt dabei im
Wesentlichen von zwei Faktoren ab: Erstens von seiner Ähnlichkeit zum Altersstereotyp
durch erwartungskonformes Verhalten und zweitens von seiner Unähnlichkeit zum
Altersstereotyp durch erwartungskonträres Verhalten. Personale Salienz kann also als
vergleichendes Aufmerksamkeitsphänomen beschrieben werden, wobei wahrgenommene
Merkmale der Situation mit der eigenen mentalen Repräsentation des Altersstereotyps
verglichen werden. Eine Frage, die bei diesem Abgleich beantwortet wird, lautet etwa: ,,Ist
die Eigenschaft typisch oder untypisch für einen alten Menschen?"
Im Folgenden werden vier Studien von Wehr (2005) zum Bewusstsein bei sozialer
Informationsverarbeitung der eigenen Untersuchung vorangestellt, um deren Logik und
Aufbau der besser nachvollziehen zu können. Die vorliegende Arbeit knüpft an diese
Untersuchungsreihe, deren Hauptziel darin bestand, Effekte kategorieller Salienz auf das
subjektive Erinnerungsbewusstein für Personeneigenschaften zu untersuchen und
konstruktive Figur/Grund Prozesse als zugrundeliegende Mechanismen darzustellen, an
und versucht diesen Ansatz weiter auszudifferenzieren, indem speziell auf Effekte der
Eigene Untersuchung
Seite 50
Figur/Grund Determinate
Flächengröße
eingegangen wird. Es werden jene Ergebnisse
referiert, die für die eigene Thematik relevant erscheinen.
4.1.1 Wehr (2005); Experiment 1
Ziel des ersten Experiments war die Abbildung des Erinnerungsbewusstseins bei
konzeptuell salienten Eigenschaften.
In der Lernphase wurde den Versuchspersonen eine zu lernende Liste mit 45 Wörtern
dargeboten, die zu je einem Drittel aus alters-konsistenten, neutralen und alters-
inkonsistenten Eigenschaftswörtern bestand. Zur Manipulation der konzeptuellen Salienz
wurde das experimentelle Setting in zwei Bedingungen unterteilt. In der Bedingung
Typizität sollte auf einer fünfstufigen Skala eingeschätzt werden, inwieweit eine Eigenschaft
als typisch bzw. untypisch für einen alten Mann (Rentner) angesehen werden kann (hohe
konzeptuelle Salienz). In der Bedingung Konkretheit wurden die Versuchspersonen ohne
Verweis auf das Altersstereotyp gebeten, das jeweilige Eigenschaftswort auf einer
fünfstufigen Skala als konkret oder abstrakt einzustufen (niedrige konzeptuelle Salienz).
Nach einer Distraktorphase und Instruktionen zum Remember/Know Paradigma wurde ein
Rekognitionstest durchgeführt. Hier sollten sie beurteilen, ob das Wort zuvor in der
Lernphase präsentiert worden war oder nicht (Alt/Neu Entscheidung) und im Falle der Alt-
Entscheidung den Bewusstseinszustand (,,erinnert", ,,gewusst" oder ,,geraten") angeben.
Es wurden innerhalb der Bedingung Konkretheit keine Unterschiede für die
Wortkategorien alters-konsistent, neutral und alters-inkonsistent in der Vergabe der
metagkognitiven Urteile gefunden. Wie erwartet zeigte sich der Effekt der konzeptuellen
Salienz des Altersstereotyps nur in der Bedingung Typizität. Hier wurden alters-konsistente
und alters-inkonsistente Wörter häufiger ,,erinnert" als neutrale. Da alters-konsistente und
alters-inkonsistente Wörter gleich häufig ,,erinnert" wurden, erscheint es unwahrscheinlich,
den Effekt auf materialspezifische Eigenschaften zurückzuführen. Stattdessen war der
Rahmen des Enkodierkontextes entscheidend. Wurden die Wörter im Rahmen der
Typizitätsbedingung verarbeitet, konnte eine selektive Fokussierung der Aufmerksamkeit
gemäß der Figur/Grund Trennung stattfinden. Somit war es möglich, alters-konsistente
sowie alters-inkonsistente Wörter zur salienten Figur vor dem Hintergrund der neutralen
Wörter zu gruppieren. Hinsichtlich des Bewusstseinzustands Wissen ergab sich nur ein
Effekt des neutralen Wortmaterials, das eher ,,gewusst" als ,,erinnert" wurde.
Eigene Untersuchung
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Zusammenfassung: Effekte der konzeptuellen Salienz wurden nur in der Bedingung
Typizität beobachtet. Alters-konsistente und alters-inkonsistente Wörter wurden eher
,,erinnert", neutrale Wörter wurden eher ,,gewusst".
4.1.2 Wehr (2005); Experiment 2
Ziel des zweiten Experiments war eine nähere Untersuchung der Figur/Grund Hypothese
durch eine Neukombination der Wortkategorien. Zusätzlich wurde der Einfluss von
Personenvariablen auf das Erinnerungsbewusstsein durch Fragebögen erfasst.
In der Lernphase wurden 36 Wörter mit 18 alters-konsistenten und 18 alters-
inkonsistenten Eigenschaftswörtern verwendet, die hinsichtlich ihrer Typizität bewertet
werden sollten. Der Versuchsablauf glich im Kern dem des ersten Experiments (siehe
4.1.1.1). Es wurde lediglich die Wortkategorie ,,neutrale Wörter" entfernt, sowie in der
Distraktorphase zwei zusätzliche Fragebögen zur Erfassung der kognitiven
Verarbeitungstendenzen (intuitiv vs. rational) und des impliziten Menschenbilds (Entität vs.
Entwicklung) präsentiert. Nach der Bearbeitung der Fragebögen wurde das
Remember/Know Paradigma vermittelt und ein Rekognitionstest durchgeführt, in dem
analog zu Experiment 1 Alt/Neu Entscheidungen zu treffen und metakognitive Urteile zu
fällen waren.
Die Rekognitionsrate fiel für alters-konsistente und alters-inkonsistente Wörter gleich aus,
wenngleich auf Seiten der alters-konsistenten Wörter mehr falsche Alarme zu finden waren.
Ein Unterschied zum ersten Experiment, in dem alters-konsistente und alters-inkonsistente
Wörter mit gleicher Geschwindigkeit verarbeitet wurden, lässt sich aus den Reaktionszeiten
herauslesen: Alters-konsistente Wörter wurden nun schneller bewertert als alters-
inkonsistente Wörter. Die Ergebnisse auf metakognitiver Ebene sind in Abbildung 4.1
dargestellt: Alters-konsistente Wörter wurden eher ,,erinnert" als alters-inkonsistente
Wörter, während alters-inkonsistente Wörter eher ,,gewusst" wurden. Alters-konsistente
Wörter wurde zudem häufiger ,,erinnert" als ,,gewusst". Die Rate der ,,geraten"-Urteile fiel
für beide Wortkategorien gleich aus.
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erinnert
gewusst
geraten
Abbildung 4.1:
Mittlere Antwortwahrscheinlichkeiten bei den metakognitiven Urteilen
(,,erinnert", ,,gewusst", ,,geraten") in Abhängigkeit der Wortart.
Die Ergebnisse lassen vermuten, dass der veränderte Kontext (Wegfall der neutralen
Wortkategorie) zu einer Neuorganisation von Figur und Hintergrund führte. Anstelle der
neutralen Wörter wurden nun die alter-inkonsistenten Wörter als Hintergrund
wahrgenommen und allein die alters-konsistenten Wörter zur Figur gruppiert. Im Kontext
einer stereotypenbezogenen Aufgabe gestaltete sich das Abruferleben je nach Art der
Wortzusammenstellung in Experiment 1 und Experiment 2 unterschiedlich. Wehr nennt dies
das
Prinzip der relativen Salienz
(Wehr, 2005; p. 130).
Zusammenfassung: Zur weiteren Überprüfung der Figur/Grund Hypothese und der
Effekte der relativen Salienz wurden die Wortkategorien neu kombiniert, indem die
neutralen Wörter aus der Versuchsanordnung entfernt wurden. Bei salinentem
Alterssterotyp wurden alters-konsistente Wörter eher ,,erinnert" und als Figur
wahrgenommen, während alters-inkonsistente Wörter eher ,,gewusst" wurden und den
Wahrnehmungshintergrund bildeten.
Eigene Untersuchung
Seite 53
4.1.3 Wehr (2005); Experiment 3
Ziel des dritten Experiments war die genauere Überprüfung der Figur/Grund Hypothese
durch Verschiebung des Aufmerksamkeitsfokus. Darüber hinaus wurden Inhaltsanalysen
zum Bewusstseinszustand ,,erinnern" durchgeführt und überprüft, ob und inzwieweit
Effekte der Transfer angemessenen Verarbeitung (
transfer appropriate processing
; TAP) ohne
Verfügbarkeit von Sekundärinformationen (z.B. Alter) das Erinnerungbewusstsein
beinflussen.
In der Lernphase bearbeiteten die Versuchspersonen 18 alters-konsistente und 18 alters-
inkonsistente Adjektive in einer von vier Bedingungen: 1.
Typitzität:
Wie im ersten und
zweiten Experiment sollte die Typizität der Wörter hinsichtlich des Altersstereotyps
bewertet werden; 2.
Untypizität:
In der zweiten Bedingung sollte die Untypizität der
Adjektive eingeschätzt werden, d.h. für wie untypisch werden die Eigenschaften in Bezug
auf das Altersstereotyp gehalten wurden; 3.
Konkretheit:
Diese Bedingung entsprach der
Konkretheitsbedingung des ersten Experiments; 4.
Ästhetik des Schriftbilds:
Die
Versuchspersonen wurden gebeten, die typografischen Merkmale verschiedener Schriftarten
hinsichtlich ihrer Ästhetik zu beurteilen. Hierdurch sollte die Wahrscheinlichkeit der
Verarbeitung durch perzeptuelle Prozesse erhöht werden. Im Anschluss an die darauf
folgende Distraktorphase wurde analog zum ersten und zweiten Experiment ein
Rekognitionstest durchgeführt. Abschließend wurde der subjektive Abrufkontext mit Hilfe
von inhalts-, verhaltens- und erlebnisbezogenen Aussagen, die es auf einer fünfstufigen
Skala einzugeschätzt galt, erhoben (z.B. ,,
Ich habe die die Wörter überwiegend deshalb erinnert,
weil ich die meisten Wörter noch genau vor Augen hatte"
).
Unterschiede in den Trefferraten konsistenter und inkonsistenter Wörter wurden nicht
entdeckt. Effekte der konzeptuellen Salienz wurden nur in den Bedingungen Typizität und
Untypizität gefunden und blieben in den Bedingungen Konkretheit und Ästhetik des
Schriftbilds aus. Wie im zweiten Experiment wurden in der Bedingung Typizität alters-
konsistente Wörter häufiger mit ,,erinnert"-Urteilen belegt als alters-inkonsistente Wörter,
die im Gegensatz zu alters-konsistenten Wörtern eher ,,gewusst" wurden. Bei einem Wechsel
des Bewertungsfokus kehrte sich dieser Effekt um: In der Bedingung Untypizität wurden
alters-inkonsistente Wörter häufiger mit ,,gewusst"-Urteilen versehen als alters-konsistente,
die im Gegensatz zu alters-inkonsistenten Wörtern eher ,,erinnert" wurden. Die Rate der
,,geraten"-Urteile unterschied sich nicht. Die Ergebnisse sind in Abbildung 4.2 dargestellt.
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Typiziät
Untypizität
Typiziät
Untypizität
,,ERINNERN" ,,WISSEN"
Abbildung 4.2:
Mittlere Antwortwahrscheinlichkeiten bei den metakognitiven Urteilen
(,,erinnert", ,,gewusst") in Abhängigkeit der Wortart und dem Beurteilungsfokus in der
Lernphase (Typizität vs. Untypizität).
Zusammenfassung:
Wie
schon
im
zweiten
Experiment
wurden
in
der
Typitztätsbedingung alters-konsistente Wörter eher ,,erinnert" als alters-inkonsistente, die
im Unterschied dazu eher ,,gewusst" wurden. In der Untypizitätsbedingung kehrte sich
dieses Muster um: Alters-inkonsistente Wörter wurde eher ,,erinnert" als alters-konsistente
Wörter, die eher ,,gewusst" wurden. Diese Umkehrung des Erinnerungserlebens bei einem
Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus wird als starkes Argument zugunsten der Figur/Grund
Hypothese angeführt.
Eigene Untersuchung
Seite 55
4.1.4 Wehr (2005); Experiment 4
Das Ziel des vierten Experiments war eine weitere Überprüfung der Figur/Grund
Hypothese bei der Verarbeitung von Personeneigenschaften mit Hilfe von perzeptuellen
Aufgabestellungen.
In der Lernphase bearbeiteten die Versuchspersonen drei Wörtsuchrätsel, in denen jeweils
fünf alters-konsistente und fünf alters-inkonsistente Eigenschaftswörter verborgen waren. Es
wurde darauf geachtet, dass sowohl die alters-konsistenten Wörter eine sinnvolle Figur (alter
Mensch), als auch die alters-inkonsistenten Wörter eine homogene Figur (junger Mensch)
bildeten. Um ein bestimmtes Altersstereotyp in den Aufmerksamkeitsfokus zu rücken,
wurde über den Rätseln das Bild eines alten Menschen (alters-salientes Rätsel), eines jungen
Menschen (jugend-salientes Rätsel) oder ein neutrales Bild (neutrales Rätsel) platziert. Die
Versuchspersonen wurden gebeten, die versteckten Eigenschaftswörter so schnell wie
möglich zu finden. In der Distraktorphase bearbeiteten sie einen kurzen
Persönlichkeitsfragebogen und erhielten Instruktionen zur Unterscheidung zwischen
,,Erinnern" und ,,Wissen". Anschließend wurden ihnen in der Testphase die Bilder der
Lernphase erneut vorgelegt. Ihre Aufgabe bestand darin, sich die Wörter aus der ersten
experimentellen Phase ins Gedächtnis zu rufen und sie denjenigen Bildern zuzuorden, in
deren Kontext sie zuvor präsentiert worden waren. Zudem wurden sie gebeten die Wörter
mit ,,erinnert"- oder ,,gewusst"-Urteilen zu versehen.
Suchzeiten
Die Ergebnisse der Lernphase zeigten, dass innerhalb des alters-salienten
Rätsels alters-konsistente Wörter schneller als alters-inkonsistente Wörter gefunden wurden,
während sich die Suchzeiten in den neutralen Rätseln nicht unterschieden. Ein Vergleich des
alters-salienten und des neutralen Rätseln offenbarte ein schnelleres Auffinden der alters-
konsistenten Wörter innerhalb des alters-salienten Rätsels. Ein spielgelbildlicher Effekt ergab
sich bei dem Vergleich des jugend-salienten Rätsels mit dem neutralen Rätsel: Hier
verlängerten sich die Suchzeiten für alters-konsistente Wörter im jugend-salienten Rätsel
(siehe Abbildung 4.3).
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alters-konsistent
alters-inkonsistent
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neutral
alt
jung
Abbildung 4.3:
Mittlere Suchzeiten pro Wort bei den Suchrätsel ,,neutral", ,,alt" und ,,jung" in
Abhänigkeit der Wortart (in Sekunden).
Im Folgenden wird auf die Ergebnisse der Testphase etwas genauer eingegangen, um die
Vergleichbarkeit mit den eigenen Untersuchungsergebnissen zu ermöglichen. Von Interesse
sind die Daten der Variablen Reproduktionsleistung (falsch und richtig zugeordnete Wörter,
frei erfundene Wörter) und metakognitives Urteil (,,erinnert", ,,gewusst").
Allgemeine Gedächtnisleistung
Durchschnittlich wurden 19.5% (
SD
= 9.8; davon 12%
,,erinnert", 7.5% ,,gewusst") bzw. 24.1% (
SD
= 9.5; inklusive falsch zugeordneter Wörter)
erinnert.
Reproduktion
Die Reproduktionsleistung der richtig zugeordneten Wörter fiel in dem
alters-salienten und jugend-salienten Rätsel verglichen mit dem neutralen Rätsel signifikant
besser aus. Den salienten Rätseln wurden generell mehr Eigenschaften fälschlicherweise
zugeordnet als dem neutralen Rätsel. Im Falle des salienten Altersstereotyps betraf dies vor
allem alters-konsistente Wörter. Bei salientem Jugendstereotyp waren es vor allem alters-
inkonsistente Wörter. Ebenso wurden zu den salienten Rätseln mehr Wörter frei erfunden
als zum neutralen Rätsel. Bei dem alters-salienten Rätsel waren dies wiederum mehr alters-
Eigene Untersuchung
Seite 57
konsistente als alters-inkonsistente Wörter. Bei dem jugend-salienten Rätsel waren es
tendenziell eher die alters-inkonsistenten Wörter.
Metakognitives Urteil
Sowohl im alters-salienten Rätsel als auch im jugend-salienten Rätsel
wurden im Vergleich zum neutralen Rätsel bei richtiger Zuordnung signifikant mehr
,,erinnert"- und ,,gewusst"-Urteile vergeben. Bei diesen Wörtern erhöhte sich die ,,erinnert"-
und ,,gewusst"-Rate in der Salienzbedingung (Altersstereotyp bzw. Jugendstereotyp) bei
alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörtern gegenüber dem neutralen Rätsel in
gleicher Weise. Falsch zugeordnete Wörter ließen sich dann häufiger in dem alters-salienten
Rätsel als in dem neutralen finden, wenn es sich um ,,erinnerte" alter-konsistente Wörter
handelte. Alters-inkonsistente Wörter unterschieden sich nicht zwischen diesen
Bedingungen. Auch wurden fälschlicherweise häufiger ,,gewusste" Wörter dem alters-
salienten Rätel als dem neutralen Rätsel zugeordnet. Hier handelte es sich vermehrt um
alters-konsistente Wörter. Auf Seiten des Jugendstereotyps wurden falsch zugeordnete
alters-inkonsistente Wörter häufiger ,,erinnert" als alters-konsistente Wörter. Die Wörter, die
dem jugend-salienten Rätsel falsch zugeordnet wurden, wurden häufiger mit ,,gewusst"-
Urteilen versehen als die Wörter des neutralen Rätsels. Sowohl im alters-salienten als auch
im neutralen Rätsel wurden dann mehr alters-konsistente als alters-inkonsistente Wörter frei
erfunden, wenn sie ,,erinnert" wurden. Ein Vergleich für frei erfundene Wörter zwischen
jugend-salienten und neutralem Rätsel ergab folgendes signifikantes Ergebnis: Bei jugend-
salientem Rätsel wurden mehr ,,gewusst"-Urteile abgegeben als bei dem neutralen Rätsel.
Die Ergebnisse der vorangestellten Experimente verdeutlichen einheitlich, dass das
Erinnerungsbewusstsein für personale Eigenschaften nach den Gesetzmäßigkeiten
konstruktiver Figur/Grund Prozesse organisiert ist. Dabei werden bei salientem
Personenschema des Altersstereotyps alters-konsistente Eigenschaften als Figur gruppiert
und mit dem Bewusstseinszustand ,,Erinnern" verknüpft. Alters-inkonsistente Eigenschaften
formen den Hintergrund und gehen mit dem Bewusstseinszustand ,,Wissen" einher. Wehr
(2005) führt zusammenfassend folgende Belege an:
Erstens:
Unterschiedliche Wortkombinationen bedingen Unterschiede bei ,,Erinnern" und
,,Wissen"
. Alters-konsistente Wörter und alters-inkonsistente Wörter werden nur dann zur
Figur gruppiert, wenn sie zusammen mit neutralen Wörtern präsentiert werden. Wird die
Wortkategorie ,,neutrale Wörter" entfernt, werden nur noch die alters-konsistenten Wörter
zur Figur geformt. Wie zuvor die neutralen Wörter bilden nun die alters-inkonsistenten
Wörter den Hintergrund. Figurale Wörter werden eher ,,erinnert", Hintergrundwörter
Eigene Untersuchung
Seite 58
werden eher ,,gewusst". Der Figur scheint also mehr Aufmerksamkeit zuteil zu werden und
somit ein lebhafterer Gedächtniszugang möglich.
Zweitens:
,,Erinnert"/,,Gewusst"-Verteilungen können durch Verschiebung des Aufmerk-
samkeitsfokus umgekehrt werden.
Durch Umlenkung der Aufmerksamkeit wird der für
Figur/Grund Phänomene typische Kippbild-Charakter auch bei Personeneigenschaften
deutlich. Wenn der Fokus auf der zu bewertenden Typizität liegt, werden alters-konsistente
Wörter zur eher lebhaft ,,erinnerten" Figur und alters-inkonsistente Wörter zum weniger
detailreich ,,gewussten" Hintergrund. Bei Bewertung der Untypizität kehrt sich dieses Bild
um.
Drittens:
Die Figur wird immer als detailreicher wahrgenommen als der Hintergrund.
Alters-
konsistente Wörter werden detailreicher enkodiert, wenn ihre Typizität bezüglich eines
Altersstereotyps eingeschätzt werden soll und werden mit mehr ,,erinnert"-Urteilen
versehen.
Viertens:
Konsistente Wörter werden sowohl im Rekognitionstest, als auch im Cued Recall Test bei
hoher Alterssalienz lebhafter erinnert (erhöhte ,,erinnert"-Rate).
In Experiment 4 wurden zudem
Effekte konzeptueller Salienz mit einer perzeptuellen Aufgabe hervorgerufen. Die kognitive
Präsenz des Altersstereotyps war auch hier Voraussetzung für die Figur/Grund
Konstruktion. Bei salientem Altersstereotyp verkürzten sich die Suchzeiten für alters-
konsistente Wörter, die die Figur formten.
4.1.5 Eigenes Experiment
Analog zu Wehr (2005; Exp. 4), wurde in dem vorliegenden Experiment eine perzeptuelle
Aufgabenstellung in Form eines Wortsuchrätsels geschaffen, um sich den Bedingungen der
in der Gestaltpsychologie verwendeten Versuchsmaterialien möglichst anzunähern. In den
Stimulusmaterialien der Gestaltpsychologen wurden die möglichen Wahrnehmungsformen
(hier: kleine und große Fläche) gleichzeitig dargeboten. Innerhalb des Wortsuchrätsels
wurde dies durch simultane Präsentation der alters-konsistenten und alters-inkonsistenten
Eigenschaftswörter sowie der Anordnung von wenigen Wörtern in einer kleinen Fläche und
vielen Wörtern in einer großen Fläche des Rätsels erreicht (siehe Abbildung 4.4; Kapitel
4.3.2). Es wurde darauf geachtet, das die Konstruktion der verschiedenen Stereotype in
beiden Flächen möglich war. Darüber hinaus wurden zum einen die Wörter mit dem Bild
eines alten oder jungen Mannes und einem expliziten Hinweis auf das jeweilige Stereotyp
(hohe Salienz) dargeboten, um den Fokus der Aufmerksamkeit auf ein Alters- oder
Eigene Untersuchung
Seite 59
Jugendstereotyp zu lenken, zum anderen wurden die Wörter mit einem neutralen Bild
(niedrige Salienz) präsentiert. Um den Salienzeffekt zu Messen wurden mittleren Suchzeiten
der alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörter sowie die mittleren Suchzeiten der
Wörter aus der kleinen und großen Fläche ermittelt. Wehr (2005) konnte zeigen, dass sich die
Suchzeiten in Abbhängigkeit des Wahrnehmungsfokus unterscheiden. Figural gruppierte
Elemente konnten schneller entdeckt werden als die Elemente des Hintergrunds. Ein
Suchvorteil für kleinere Flächen in Figur/Grund Settings konnte kürzlich in Tierversuchen
nachgewiesen werden (Lazarva, Castro, Vecera & Wasserman, 2006). Somit wurde
angenommen, dass die Wörter der kleiner Fläche, die als Figur wahrgenommen werden
sollten (siehe Kapitel 3.1.1.4), schneller gefunden werden, als die Wörter der großen Fläche.
In den Untersuchen von Wehr (2005) wurden figurale Wörter häufiger ,,erinnert" als die
Wörter des Hintergrunds. Ein ähnlicher Effekt wird in der vorliegenden Untersuchung
erwartet: Wird die kleine Fläche als Figur gesehen, sollten diese häufiger mit einem
,,erinnert"-Urteil versehen werden als die Wörter der großen Fläche, die als Hintergrund
wahrgenommen werden sollten.
Die Daten des Cued Recall Test wurden nach korrekter und falscherZuordnung aufgeteilt
und getrennt betrachtet. Bei Wehr (2005, Exp. 4) wurden durch die Etikettierung der Rätsel
die korrekte Zuordnung von Eigenschaften zu dem jeweiligen Stereotyp begünstigt,
gleichzeitig wurden diesen Rätseln häufiger falsche stererotypenkonstistene Eigenschaften
zugeordnet. Es zeigte sich, das eine korrekte Zuordnung eher mit ,,erinnert"-Urteilen
verknüft war und ein falsche Zuordnung eher mit ,,gewusst"-Urteilen belegt wurde. Diese
Effekte sollten in dem vorliegendem Experiment repliziert werden können.
Eigene Untersuchung
Seite 60
4.2 Hypothesen
Für das Auffinden der Wörter im Wortsuchrätsel der Lernphase wurden die abhängigen
Variablen
Suchzeiten
und
Rangplätze
verwendet. In der Testphase waren es
reproduzierte
Wörter
(korrekt und falsch zugeordnet),
frei erfundene Wörter
und
metakognitive Urteile
(,,erinnert" und ,,gewusst").
4.2.1 Lernphase
Hypothese 1
Suchzeiten und Rangplätze
H1a: In dem alters-salienten Rätsel (mit kleiner Fläche bestehend aus alters-konsistenten
Wörtern) sollten aufgrund der Stereotypenaktivierung und der kleineren Fläche der
alters-konsistenen Wörter die alters-konsistenten schneller gefunden werden als die
alters-inkonsistenten Wörter bzw. alters-konsistente Wörter des neutralen Rätsels.
H1b: In den neutralen Rätseln sollten alters-konsistente Wörter schneller gefunden werden,
wenn sie die kleinere Fläche bilden, als alters-inkonsistente Wörter, wenn sie die
große Fläche bilden. Ebenso sollten alters-inkonsistente Wörter schneller gefunden
werden, wenn sie die kleinere Fläche bilden, als alters-konsistente Wörter, wenn sie
die große Fläche bilden.
H1c: In dem alters-salienten Rätsel (mit kleiner Fläche bestehend aus alters-inkonsistenten
Wörtern) sollten alters-konsistente Wörter aufgrund der Stereotypenaktivierung
schneller gefunden werden als alters-inkonsistente Wörter. Sollte der Einfluss der
kleineren Fläche bedeutsamer als die Stereotypenaktivierung sein, sollten alters-
konsitente Wörter langsamer gefunden werden als alters-inkonsistente Wörter.
(Effekte könnten sich gegenseitig aufheben!)
4.2.2 Testphase
Hypothese 2
Reproduktionsleistungen
H2:
Aus den Rätseln mit kleiner Fläche bestehend aus alters-konsistenten Wörtern sollten
mehr alters-konsistente Wörter als alters-inkonsistente Wörter reproduziert werden.
Aus den Rätseln mit kleiner Fläche bestehend aus alters-inkonsistenten sollten mehr
alters-inkonsistente Wörter als alters-konsistente Wörter reproduziert werden.
Eigene Untersuchung
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Hypothese 3
Metakognitive Urteile
H3:
Die Wortkategorie mit weniger Wörtern (kleinere Fläche) sollte häufiger ,,erinnert"
werden als die Wortkategorie mit vielen Wörtern (große Fläche). Unabhängig davon,
ob es sich um konsistente oder inkonsistente Wörter handelt.
Hypothese 4
Quellengedächtnis
H4a: Es sollten mehr reproduzierte Wörter fälchlicherweise den salienten Rätseln statt den
neutralen zugeordnet werden. Dies sollte bei dem alters-salienten Rätsel vorrangig
für alters-konsistente Wörter gelten, bei dem jugend-salienten Rätsel für alters-
inkonsistente Wörter.
H4b: Es werden mehr ,,Erinnert"-Urteile erwartet, wenn die Wörter richtig zugeordnet
werden als bei falsch zugeordneten Wörtern. Es werden mehr ,,Gewusst"-Urteile bei
richtig reproduzierten Wörtern erwartet, wenn die Wörter falsch zugeordnet werden.
4.3 Methode
Dieses Unterkapitel dient der Beschreibung der experimentellen Vorgehensweise und der
spezifischen Merkmale der eigenen Untersuchung. Zunächst wird die Art und
Zusammensetzung der Stichprobe und des Versuchsplan beschrieben, dann das verwendete
Material dargestellt. Schließlich wird ausführlich auf die Durchführung des Experiments
eingegangen.
4.3.1 Probanden und Versuchsplan
Insgesamt nahmen an der Untersuchung N = 80 Versuchspersonen teil. Die Teilnehmer
waren Studierende und Mitarbeiter unterschiedlicher Fachrichtungen der Universität Trier
(93,8%). Das Durchschnittsalter betrug 23 Jahre innerhalb eines Rahmes von 18 bis 33 Jahren.
Der Anteil der Frauen an der Stichprobe betrug 62,5% und der Anteil der Männer 37,5%. Da
für das Auffinden der Wörter grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache benötigt
wurden, wurde zur Kontrolle die Muttersprache erfragt: 96,3% wählten Deutsch, 1,3%
Luxemburgisch und 2,5% eine andere Sprache.
Der Stichprobenumfang wurde a priori für einen 2x2x3 Versuchsplan mit
Messwiederholung und den Faktoren
Flächengröße
(klein vs. groß),
Wortart
(alters-konsistent
vs. alters-inkonsistent) und
Stimulus
(neutral vs. alt vs. jung) auf N = 80 berechnet. Dabei
Eigene Untersuchung
Seite 62
wurde ein alpha-Fehlerniveau von
p
< .05 und ein Anspruch an die Teststärke von
mindestens 1 > .90 festgelegt. Auf Grund von Voruntersuchungen von Wehr (2005)
wurde eine Effektstärke von 2 = .05 angenommen. Einen Überblick der einzelnen Faktoren
der Versuchsanordnung liefert folgende Tabelle:
Tabelle 4.1
Versuchsanordnung mit den Faktoren Flächengröße und Stimulus.
Bedingung 1
zeigt
die kleine Fläche (schwarz) bestehend aus alters-konsistenten Wörtern und die große
Fläche (weiß) bestehend aus alters-inkonsistenten Wörtern.
Bedingung 2
zeigt die
kleine Fläche (weiß) bestehend aus alters-inkonsistenten Wörtern und die große
Fläche (schwarz) bestehend aus alters-konsistenten Wörtern. Die Lage der Wörter
variiert von Position a bis c.
Position a
Position b
Position c
Bedingung
1
Neutraler
Stimulus
(NEU)
Bedingung
2
Bedingung
1
Alters-
stereotyp
(ALT)
Bedingung
2
Bedingung
1
Jugend-
stereotyp
(JUG)
Bedingung
2
Eigene Untersuchung
Seite 63
4.3.2 Material
Unter den 30 Adjektiven mit den höchsten Typizitätswerten (alters-konsistent) und den 30
Adjektiven mit den niedrigsten Typizitätswerten (alters-inkonsistent) aus der finalen
Wortliste von Wehr (2005) wurden insgesamt 26 alters-konsistente und 26 alters-
inkonsistente Wörter ausgewählt. Es wurde darauf geachtet, dass die üblichen
Kontrollnormen (Konkretheit, Valenz, subjektive Worthäufigkeit) und die Wortlängen in den
Gruppen vergleichbar ausfielen. Zunächst wurden die Wörter der Wortkategorien alters-
konsistent und alters-inkonsistent nach dem Kriterium Wortlänge sortiert und jeweils in drei
Bereiche zu zehn Wörtern eingeteilt. Aus diesen Bereichen wurden per Zufall einzelne
Wörter ausgewählt und Wortlisten zugeteilt, die aus vier alters-konsistenten und acht alters-
inkonsistenten bzw. acht alters-konsistenten und vier alters-inkonsistenten Wörtern bestand.
Auf diese Weise konnten sechs unterschiedliche Wortlisten mit vergleichbarer Wortlänge
erstellt werden. Die Wörter der Kategorie ,,alters-konsistent" bestanden aus 212 Buchstaben
(
x
=8.15), die Wörter der Kategorie ,,alters-inkonsistent" aus 227 Buchstaben (
x
=8.73). Die
alters-konsistenten Wörter waren
altmodisch, belesen, bieder, eigensinnig, eigenwillig, erfahren,
fürsorglich, gebrechlich, genügsam, gesprächig, gläubig, grüblerisch, konservativ, kränklich, langsam,
liebevoll, reif, religiös, ruhig, schwerhörig, vergesslich, verwirrt, weise, zerstreut und zuverlässig
. Die
alters-inkonsistenten Wörter waren
anziehend, arrogant, belastbar, beweglich, draufgängerisch,
feurig, fit, flexibel, frech, gelenkig, gewalttätig, graziös, hemmungslos, impulsiv, kräftig, liberal,
modisch, muskulös, prahlerisch, schnell, schwungvoll, sportlich, verliebt, wagemutig und wild
. Die
vollständige Wortliste von Wehr (2005) ist im Anhang A zu finden.
Um die Anzahl der konsistenten und inkonsistenten Wörter variieren zu können, wurden
kreisrunde Wortsuchrätsel entwickelt. Die Form eines Kreises wurde gewählt, um das
Suchfeld in drei Felder mit gleicher Größe einteilen und die Position der Wortkategorien
ändern zu können. Der Kreis wurde mit quadratischen Zellen hinterlegt, wobei jedes
einzelne der drei Felder aus 152 Zellen bestand, so dass sich der Kreis aus insgesamt 456
Zellen zusammensetzte. Ein Feld formte die ,,kleine Fläche" und wurde wahlweise mit vier
alters-konsistenten oder vier alters-inkonsistenten Wörtern gefüllt. Die beiden übrigen
Felder bildeten zusammen die ,,große Fläche" und wurden in gleicher Weise mit acht alters-
konsistenten oder alters-inkonsistenten Wörtern aufgefüllt. Die Wörter waren in vertikaler
und horizontaler Richtung zu jeweils gleichen Anteilen angeordnet. Sie überkreuzten sich
nicht und standen in Leserichtung von oben nach unten und von rechts nach links. Das
Rätsel sollte möglichst einfach gehalten werden, und somit wurde auf diagonale Anordnung
Eigene Untersuchung
Seite 64
und ,,verkehrte" Leserichtung verzichtet. Nachdem die 12 Wörter in den Rätseln plaziert
waren, wurden die restlichen Zellen mit Zufallsbuchstabenfolgen aufgefüllt. Es wurde dabei
darauf geachtet, dass keine weiteren Wortbildungen möglich waren und vergleichbar viele
Umlaute auftraten. Abbildung 4.4 zeigt ein Beispiel einer Rätselkombination, in der die zu
finden Wörter hervorgehoben wurden.
E W A V D U K N
P C W U S H A S Ü Q E W
U R B I A C Z O T R E I F G
E M M U F W H I T P D E E D T H
R A I U D R I W S G L R U D H M T I
H J S A S L I D U U R A T W E K R U M D
V X Z A T K E K U N R Ü T C V R Z A T H U S
C U Ö D W U F F S G I B N L A N G S A M E N
D A F I T L L R U H V Z L T W P L T I B M H K A
W P E S U R Ö I K F O B E D Q A D L P I O T R Z
P Q O W I E S Y N U L T R A Ä S K I J F H G Ä A
W E Y S R X D T C F L V I U B H I E J O M K N L
Ö Z G V T F C R D X E S S W A Q P B M O K I K N
U I M P U L S I V W D V C F B R G E T H M Z L K
O F T R D F S O L H U I H D T P L V M R G S I U
N G K I U J V M L P O G H Z T R D O V B G S C F
E W Q A Y E V G M P L Ö O K B I L V K I B H
P M L O N R I B J U Z H Z F C G L S D R W N
M P N O W I V U C T X T Y R S E A W Q Ä
I T K I M S E I G E N W I L L I G M
O S R N T R S L K N V G O I Z T
H R G E B R E C H L I C H P
T O R I T U Z R P H V G
E R V N K O S P
Abbildung 4.4:
Zur Verdeutlichung wurde die kleine Fläche grau unterlegt,
die große Fläche wurde weiß gehalten. Die zu findenden Wörter wurden
schwarz markiert und veranschaulichen beispielhaft die Anordnung der
Wörter innerhalb der Rätsel.
Jeder Proband hatte drei Wortsuchrätsel (,,neutral", ,,alt", ,,jung") zu bearbeiten, die durch
Bilder und Untertitel unterschiedlich salient waren. In der neutralen Bedingung wurde über
dem Wortsuchrätsel ein Bild von einem Kastanienbaum mit dem Untertitel ,,Kastanie
kastania sativa" abgebildet. Über dem Bild stand die Aufforderung: ,,In dem Rätsel sind
insgesamt 12 Eigenschaften versteckt. Finden Sie sie alle!" Die kategoriale Salienz eines
Stereotyps in der altersstereotypen Bedingung wurde durch das Bild eines alten Mannes mit
dem Untertitel ,,Rolf H. Rentner" und in der jugendstereotypen Bedingung durch das Bild
eines jungen Mannes mit dem Untertitel ,,Sebastian B. Student" erhöht (siehe Abbildung
4.5). Über diesen Bildern stand die Aufforderung: ,,In dem Rätsel sind insgesamt 12
Eigene Untersuchung
Seite 65
Eigenschaften versteckt, die Rudolf H. beschreiben. Finden Sie sie alle!" bzw. ,,In dem Rätsel
sind insgesamt 12 Eigenschaften versteckt, die Sebastian B. beschreiben. Finden Sie sie alle!"
Unter jedem Bild waren 12 Linien (3x4) platziert, auf die die gefundenen Wörter geschrieben
werden sollten. Dann folgte das Wortsuchrätsel. Hierbei wurde das neutrale Rätsel immer an
erster Stelle präsentiert, da ansonsten seine Neutralität durch die Einbettung in Rätsel mit
Stereotypenbezug nicht mehr gewährleistet gewesen wäre.
Kastanie
Rudolf H.
Sebastian B.
(kastania sativa)
(Rentner)
(Student)
Abbildung 4.5:
Fotomaterial und Untertitel der drei Wortsuchrätsel zur Varation des Faktors
Salienz
.
In der Distraktorphase lasen die Probanden die Instruktion für den folgenden Cued-Recall
Test und eine kurze Erklärung zur Unterscheidung zwischen ,,erinnert"-Antworten und
,,gewusst"- Antworten durch. Der Text der Instruktionen wurde der Arbeit von Wehr (2005)
entnommen und für die eigene Untersuchung modifiziert (siehe Anhang B). Anschließend
wurden die Versuchsteilnehmer gebeten, die Unterscheidung kurz in eigenen Worten
wiederzugeben.
Der darauf folgende Cued-Recall Test bestand aus drei Seiten mit Bildern und den
entsprechenden Untertiteln, die aus der Lernphase bekannt waren. Auf jeder Seite wurde
jeweils genau ein Bild mit entsprechendem Untertitel in der Reihenfolge der Lernphase
präsentiert. Unter diesen Bildern waren untereinander 12 Linien gezogen, auf die die
erinnerten Wörter geschrieben werden konnten. Am Ende jeder Linie waren zwei Felder mit
den Kategorien ,,erinnert" und ,,gewusst" zum Ankreuzen plaziert, um die
Bewusstseinsqualität zu dokumentieren. Da ,,geraten"-Urteile in einem Recall Test kaum zu
erwarten sind, wurde auf diese Kategorie verzichtet. Dies entspricht der Vorgehensweise
anderer Autoren (z.B. Hamilton & Rajaram, 2003).
Eigene Untersuchung
Seite 66
4.3.3 Durchführung
Die Untersuchung fand im Zeitraum vom 14. August 2006 bis 14. September 2006 in einem
Experimentalraum der psychologischen Fakultät der Universität Trier statt und dauerte
jeweils zwischen 30 und 45 Minuten. Die Versuchspersonen wurden auf dem
Campusgelände angesprochen und eingeladen, an der wissenschaftlichen Studie
teilzunehmen. Sie wurden einzeln getestet.
Nach der Begrüßung wurde den Probanden der Ablauf des Experiments zunächst kurz
mündlich geschildert und anschließend die Instruktion in schriflicher Form vorgelegt, mit
der Bitte, diese sorgfältig durchzulesen und sich bei eventuellen Fragen an den
Versuchsleiter zu wenden. Die Instruktion enthielt die Aufgabe, in den folgenden drei
Wortsuchrätseln zwölf Eigenschaften einer Person, die in den Rätseln versteckt worden
waren, so schnell wie möglich zu finden. Darüber hinaus enthielt sie Angaben zu
Anordnung und Beschaffenheit der Wörter: Es handelte sich ausschließlich um
deutschsprachige Wörter, die horizontal und vertikal (nicht diagonal!) angeordnet waren.
Die Leserichtung der Wörter war von links nach rechts und von oben nach unten. Die
Wörter konnten aneinander angrenzen, überkreuzten sich jedoch nicht. Ein expliziter
Hinweis auf den Cued-Recall Test erfolgte nicht.
Der Ablauf der Untersuchung lässt sich in drei Teilbereiche gliedern:
1. Phase
2. Phase
3. Phase
Lernphase
Distraktorphase
Testphase
20-30 Minuten
3 Minuten
5-10 Minuten
Wortsuchrätsel
Instruktionen
Cued-Recall Test
und Unterscheidung
Remember vs. Know
Abbildung 4.6:
Gliederung des Versuchsablaufs in drei Phasen: Lernphase, Distraktorphase und
Testphase.
In der ersten Phase des Experiments wurden den Versuchspersonen drei Rätsel in der
Abfolge ,,neutrales Rätsel
Altersrätsel
Jugendrätsel" oder ,,neutrales Rätsel
Jugendrätsel Altersrätsel" vorgelegt, die sie nacheinander bearbeiten sollten. Bei jedem
Wortsuchrätsel erfolgte der Hinweis, die Instruktion über den Bildern durchzulesen und
dem Versuchsleiter mitzuteilen, wenn sie mit der Suche nach den Eigenschaftswörtern
beginnen wollten. Wenn ein Wort gefunden wurde, teilten sie es dem Versuchsleiter
Eigene Untersuchung
Seite 67
mündlich mit und markierten es, indem sie es mit einem Stift umkreisten. Dann notierten sie
es auf einer der zwölf Linien und machten mit einem ausgesprochenem ,,weiter" deutlich,
dass sie die Suche nach weiteren Wörtern fortsetzten. Mit Hilfe des Computerprogramms
SnapTimePro© (Singh, 2003) stoppte der Versuchleiter die Zeit zwischen einem ,,weiter" und
der Wortnennung. Das Programm ermöglichte es, die Suchzeiten (Sekunden) und
Rangplätze (Platz x von 12) der aufgefundenen Wörter zu dokumentieren. Erst wenn alle
zwölf Eigenschaftswörter gefunden worden waren, wurden die Versuchspersonen gebeten,
das nächste Rätsel zu bearbeiten. Diese Phase dauerte 20-30 Minuten.
In der zweiten Phase lasen die Versuchspersonen die Anweisungen für den darauf
folgenden Cued-Recall Test und erhielten dann eine schriftliche Einführung in die
Unterscheidung zwischen ,,erinnert"- Antworten und ,,gewusst"- Antworten. Anschließend
wurden sie gebeten, das Gelesene in ihren Worten mündlich zusammenzufassen und hatten
noch einmal die Gelegenheit, Fragen an den Versuchsleiter zu richten. Diese Phase dauerte
drei Minuten.
In der dritten Phase wurden den Versuchspersonen die Bilder und Untertitel präsentiert,
die sie aus der Lernphase kannten. Ihre Aufgabe bestand darin, sich die Wörter aus Phase 1
des Experimentes ins Gedächtnis zu rufen und sie unter das jeweilige Bild zu schreiben.
Hierzu konnten sie zwölf vorgegebene Zeilen nutzten. Am Ende jeder Zeile sollten sie nach
jedem Wort ankreuzen, ob sie es im Sinne des Remember/Know-Paradigmas ,,erinnert"
oder ,,gewusst" hatten. Diese Phase dauerte fünf bis zehn Minuten.
Im Anschluss wurde den Versuchspersonen für ihre Teilnahme an der Untersuchung
gedankt und Infomationen über den Forschungsgegenstand des Experiments erteilt.
Eigene Untersuchung
Seite 68
4.4 Ergebnisse
Im Folgenden werden die Ergebnisse der Lernphase (4.5.1) und der Testphase (4.5.2)
vorgestellt. Für die Berechnungen wurde ein alpha-Fehler Niveau von
p
< .05 festgelegt. Mit
Ausnahme eines Wertes aus der Lernphase, wurden alle Daten in die Untersuchung mit
aufgenommen. Somit wurden in der Lernphase die Daten von 79 Probanden und in der
Testphase die Daten von 80 Probanden verwendet.
4.4.1 Befunde aus der Lernphase
Mit Hilfe des Wilcoxon-Test für abhängige Stichproben wurde überprüft, ob sich die
verwendeten Wörter innerhalb der Rätsel hinsichtlich ihrer aufgefundenen Rangreihenfolge
unterschieden: Weder in neutralen Wortsuchrätsel (Z = -.33) noch in den salienten
Wortsuchrätseln (Z = -.19 für alters-saliente Rätsel; Z = -.19 für jugend-saliente Rätsel) konnte
ein signifikanter Unterschied zwischen alters-konsistenten und alters-inkonsistenten
Wörtern gefunden werden.
In den Rätseln wurden die einzelnen Wörter durchschnittlich in 22.77 Sekunden (
SE
=
6.06) gefunden. Hierbei wurden die Wörter der großen Flächen durchschnittlich 2.42
Sekunden schneller gefunden als die Wörter der kleinen Flächen (21.49 vs. 23.82;
t
(79) = 4.10,
SE
= 5.08,
p
< .001, 2 = .18). Der Vergleich der Suchzeiten der Flächen des neutralen Rätsels
ergab jedoch kein signifikantes Ergebnis (23.43 vs. 24.09;
t
(79) = .59, n.s.). Die Suchzeiten
unterschieden sich im Bezug auf die Fläche nur, wenn die Rätsel in Verbindung mit einem
Bild eines älteren Menschen oder eines jungen Menschen präsentiert wurden. Hier wurden
jeweils die Wörter der größeren Fläche schneller gefunden (21.23 vs. 24.91;
t
(78) = 3.61,
SE
=
9.07,
p
< .005, 2 = .14 für alters-saliente Rätsel; 20.06 vs. 22.76;
t
(79) = 2.89,
SE
= 8.35,
p
< .01,
2 = .10 für jugend-saliente Rätsel). Diese Ergebnisse werden durch Abbildung 4.7
veranschaulicht.
Eigene Untersuchung
Seite 69
50
40
o
r
t
i
n
S
e
k
u
n
d
e
n
kleine Fläche
große Fläche
30
20
10
i
t
t
l
e
r
e
S
u
c
h
z
e
i
t
e
n
p
r
o
W
m
neutral
alt
jung
Abbildung 4.7:
Mittlere Suchzeiten pro Wort bei den Suchrätsel ,,neutral", ,,alt" und ,,jung" in
Abhängigkeit der Flächengröße (in Sekunden; Standardabweichungen in Balken).
Ein Vergleich der Suchzeiten der alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörter der
Rätsel zeigt, dass die alters-konsistenten Wörter im Mittel 1.68 Sekunden schneller gefunden
wurden (21.93 vs. 23.61;
t
(79) = -2.81,
SE
= 5.36,
p
< .01, 2 = .09). Die Suchzeiten der alters-
konsistenten und alters-inkonsistenten Wörter im neutralen Rätsel unterschieden sich nicht
signifikant. Innerhalb der alters-salienten Rätsel (34.03 vs. 36.51;
t
(79) = -2.34,
SE
= 9.41,
p
<
.05, 2 = .16) und jugendsalienten Rätsel (20.51 vs. 22.31;
t
(79) = -1.87, n.s) wurden die alters-
konsistenten Wörter schneller entdeckt als die alters-inkonsistenten Wörter. Diese
Unterschiede wurden allerdings nur in den ,,alt"-Rätseln signifikant (Abbildung 4.8).
Eigene Untersuchung
Seite 70
50
alters-konsistent
40
alters-inkonsistent
o
r
t
i
n
S
e
k
u
n
d
e
n
30
20
10
i
t
t
l
e
r
e
S
u
c
h
z
e
i
t
e
n
p
r
o
W
m
neutral
alt
jung
Abbildung 4.8:¨
Mittlere Suchzeiten pro Wort bei den Suchrätsel ,,neutral", ,,alt" und ,,jung" in
Abhänigkeit der Wortart (in Sekunden; Standardabweichungen in Balken).
Um dieses Ergebnis näher zu spezifizieren, wurde eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit
Messwiederholung gerechnet. Unter dem Einfluss der Faktoren
Flächengröße
und
Wortart
unterschieden sich wie bereits zuvor beobachtet in statistisch bedeutsamer Weise die
Suchzeiten derjeniger Rätsel, in denen die Wörter in der kleinen Fläche dargeboten wurden,
von den Rätseln, in denen die Wörter in der großen Fläche zu finden waren. Die Wörter der
großen Fläche wurden hier unabhängig davon, ob es sich um alters-konsistente oder alters-
inkonsistente Wörter handelte, schneller entdeckt (
F
(1,37) = 17.23,
MS
e = 11.60,
p
< .001, 2 =
.32). Der Haupteffekt
Wortart
belegt eine im Mittel kürzere Suchzeit für alter-konsistente im
Vergleich zu alters-inkonsistenten Wörtern (
F
(1,37) = 7.43,
MS
e = 11.73,
p
< .05, 2 = .17).
Wechselwirkungen wurden nicht signifikant (
F
(1,37) = .62, n.s.). Die Suchzeiten verkürzten
sich jedoch tendenziell insbesonders dann, wenn sich die großen Flächen gleichzeitig aus
alters-konsistenten Wörtern zusammensetzten. Für große Flächen bestehend aus alters-
inkonsistenten Wörtern zeigte sich dieses Ergebnis nicht. Wohl aber unterschieden sich die
großen Flächen tendenziell dahingehend, dass die alters-konsistenten Wörter schneller
gefunden wurden als die alters-inkonsistenten Wörter. Kleine Flächen wiesen unabhängig
Eigene Untersuchung
Seite 71
davon, ob es sich um alters-konsistente oder alters-inkonsistente Wörter handelte, im
direkten Vergleich keine signifikanten Unterschiede auf.
Auf der Ebene jedes einzelnen Rätsels wurden die Unterschiede in den Suchzeiten für die
in den Hypothesen aufgestellten Rätselkombinationen mit Hilfe von t-Tests für gepaarte
Stichproben überprüft. In dem alters-salienten Rätsel wurden die alters-konsistenten Wörter
der kleinen Fläche zwar schneller entdeckt als die alters-inkonsistenten der großen Fläche,
jedoch konnte diese Diskrepanz kein statistisch signifikantes Niveau erreichen (
t
(36) = .90,
n.s. für Rätselkombination
alt_kl_ako
vs.
alt_gr_ain
)5. Ebenso wurde kein signifikanter
Unterschied in dem Vergleich der Suchzeiten für alters-konsistente Wörter des neutralen
Rätsels mit den alters-konsistenten Wörtern des alters-salienten Rätsels gefunden (
t
(36) = .32,
n.s. für Rätselkombination
alt_kl_ako
vs.
neu_kl_ako
) (HYPOTHESE 1a).
In dem neutralen Rätsel zeigte sich weder für die alters-konsistenten Wörter der kleinen
Fläche im Vergleich zu den alters-inkonsistenten Wörtern der großen Fäche, noch für die
alters-inkonsistenten Wörter der kleinen Fläche im Vergleich zu den alters-konsistenten
Wörtern der großen Fläche ein signifikanter Unterschied (
t
(37) = -.02, n.s. für Rätsel-
kombination
neu_kl_ako
vs.
neu_gr_ain
;
t
(41) = -.83, n.s. für Rätselkombination
neu_kl_ain
vs.
neu_gr_ako
) (HYPOTHESE 1b).
In der Variation des alter-salienten Rätsels, in dem die kleine Fläche aus alters-
inkonsistenten Wörtern bestand, wurden die alters-konsistenten Wörter schneller gefunden
als die alters-inkonsistenten Wörter (19.58 vs. 25.40;
t
(41) = -4.10,
SE
= 9.20,
p
< .001, 2 = 0.29
für Rätselkombination
alt_kl_ain
vs.
alt_gr_ako
) (HYPOTHESE 1c).
Eine Übersicht der mittleren Suchzeiten aller Rätselkombinationen zeigt Tabelle 4.2.
5 Erläuterung der Abkürzungen der Rätselkombinationen:
neu:
neutrales Rätsel
ako:
alters-konsistente Wörter
alt:
alters-salientes Rätsel
ain:
alters-inkonsistente Wörter
jun:
jugend-salientes Rätel
kl:
kleine Fläche
Beispiel:
alt_kl_ain:
alters-salientes Rätsel; kleine
gr:
große Fläche
Fläche beinhaltet alters-inkonsistente Wörter
Eigene Untersuchung
Seite 72
Tabelle 4.2
Mittlere Suchzeiten der Rätsel ,,neutral", ,,alt" und ,,jung" in Abhängigkeit der Faktoren
Salienz
und
Flächengröße
(in Klammern Standardabweichung).
neutral
alt
jung
kleine Fläche
gesamt
24.09 (08.86)
24.91 (09.71)
22.76 (09.59)
alters-konsistent
24.68 (07.82)
24.35 (08.43)
21.79 (09.98)
alters-inkonsistent
23.55 (09.77)
25.41 (10.79)
23.67 (09.25)
große Fläche
gesamt
23.43 (08.12)
21.23 (06.89)
20.06 (06.70)
alters-konsistent
22.27 (08.44)
19.58 (06.00)
19.38 (06.33)
alters-inkonsistent
24.71 (07.67)
23.10 (07.43)
20.81 (07.10)
4.4.2 Befunde aus der Testphase
In der Testphase wurden reproduzierte Wörter und frei erfundene Wörter ausgewertet.
Dabei wurde die Zuordnung zu den einzelnen Rätseln (,,neutral", ,,alt", ,,jung") und das
metakognitive Urteil (,,erinnert", ,,gewusst") berücksichtigt. Die Zuordnung der Wörter zu
den einzelnen Rätseln, die korrekt (,,rz" = richtig zugeordnet) und inkorrekt (,,fz" = falsch
zugeordnet) erfolgt sein konnte, diente als Maß für das Quellengedächtnis. Darüber hinaus
wurde bei jedem falsch zugeordneten Wort festgehalten, aus welchem Rätsel es ursprünglich
stammte. Wurde z.B. ein Wort aus dem neutralen Rätsel fälschlicherweise dem alters-
salienten Rätsel zugewiesen, so erhielt es den Vermerk ,,fzneu". Die mittleren
Reproduktionswahrscheinlichkeiten der Wörter wurden an der Anzahl der maximal
möglichen Wortnennung ihrer Kategorie relativiert, um ein vergleichbares Maß für die
Flächengröße zu erhalten. Konkret wurde das Mittel der reproduzierten Wörter der kleinen
Fläche durch den Divisor Vier und das Mittel der reproduzierten Wörter der großen Fläche
durch den Divisor Acht geteilt. Relative Daten wurden durch den Anhang ,,rel"
gekennzeichnet.
4.4.2.1 Allgemeine Gedächtnisleistung
Die durchschnittliche Gedächtnisleistung lag bei 20,83% (
SD
= 3.29; davon 12.92%
,,erinnert", 7.92% ,,gewusst") bzw. bei 24.86% (
SD
= 3.37; davon 14.62% ,,erinnert", 10.26%
,,gewusst") unter Berücksichtigung der falsch zugeordneten Wörter. Von den Probanden
wurden insgesamt 52 Wörter frei erfunden, wovon 17.31% (
SD
= .36) der Wörter ein
,,erinnert"-Urteil und 82.69% (
SD
= 1.11) ein ,,gewusst"-Urteil zugeteilt wurde. Auf Ebene
der einzelnen Rätsel erhielt das neutrale Rätsel 17.31% (
SD
= .45; davon 1.92% ,,erinnert",
Eigene Untersuchung
Seite 73
15.38% ,,gewusst"), das alters-saliente Rätsel 40.38% (
SD
= .65; davon 5.77% ,,erinnert",
34.62% ,,gewusst") und das jugend-saliente Rätsel 42.31% (
SD
= .59; davon 9.62% ,,erinnert",
32.69% ,,gewusst") der frei erfundenen Wörter.
Die relative Anzahl der reproduzierten Wörter aus den kleinen Flächen für die ,,erinnert"-
Urteile abgegeben wurden, betrug 61.12% und für ,,gewusst"-Urteile 38.87%. Aus den
großen Flächen fielen 57.68% auf ,,erinnert"-Urteile und 42.32% auf ,,gewusst"-Urteile.
Tabelle 4.3 zeigt die prozentualen Anteile der metakognitiven Urteile der Flächen getrennt
nach Rätsel.
Tabelle 4.3
Prozentangaben der ,,erinnert"-Urteile und ,,gewusste"-Urteile relativiert an der Gesamtanzahl der
reproduzierten Wörter getrennt nach Flächengröße.
Fläche
klein
groß
neutral
alt
jung
gesamt neutral
alt
jung
gesamt
Erinnert
03.76
34.34
23.02
61.13
07.57
23.39
26.73
57.68
Gewusst
06.04
14.72
18.11
38.87
04.23
17.15
20.94
42.32
Es wurden für 58,47% der reproduzierten Wörter ein ,,erinnert"-Urteil und bei 41,53% ein
,,gewusst"-Urteil abgegeben, wenn es sich um alters-konsistente Wörter handelte. Alters-
inkonsistente Wörter wurden bei 59,12% der reproduzierten Wörter mit einem ,,erinnert"-
Urteil und bei 40,88% mit einem ,,gewusst"-Urteil versehen. Tabelle 4.4 zeigt die
prozentuellen Anteile der metakognitiven Urteile der Wortarten getrennt nach Rätsel.
Tabelle 4.4
Prozentangaben der ,,erinnert"-Urteile und ,,gewusste"-Urteile relativiert an der Gesamtanzahl der
reproduzierten Wörter getrennt nach Wortart.
Wortart
alters-konsistent
alters-inkonsistent
neutral
alt
jung
gesamt neutral
alt
jung
gesamt
Erinnert
07.06
25.71
25.71
58.47
05.25
29.01
24.86
59.12
Gewusst
05.08
16.67
19.77
41.53
04.70
15.75
20.44
40.88
Eigene Untersuchung
Seite 74
4.4.2.2 Reproduktionsleistung
Salienz -
Eine einfaktorielle Varianzanalyse mit Messwiederholung auf dem Faktor
Salienz
ergab einen signifikanten Unterschied in der Reproduktionsleistung der
rzrel
-Wörter (
F
(2,158)
= 74.62,
MS
e = 2.26,
p
< .001, 2 = .49) für einen Vergleich der Rätsel ,,neutral", ,,alt" und
,,jung". Dieser Unterschied wurde auch für die
fzrel
-Wörter (
F
(2,158) = 13.34,
MS
e = .53,
p
<
.001, 2 = .14) signifikant. In beiden Fällen wurden mehr Wörter bei Salienz des Jugend- und
Altersstereotyps erinnert als im neutralen Rätsel. Zwischen den salienten Rätseln wurden
keine Unterschiede gefunden.
Flächengröße -
Eine Betrachtung der kleinen und großen Fläche über alle Rätsel hinweg
zeigte, dass die Reproduktion der
rzrel
-Wörter durch die Flächengröße signifikant beeinflusst
wurde. Konkret wurden mehr Wörter aus der kleinen Fläche wiedergegeben als aus der
großen Fläche (.72 vs. .58;
t
(79) = 3.47,
SE
= .36,
p
< .05, 2 = 0.13). Für die
fzrel
-Wörter ließ
sich dieser Einfluss nicht nachweisen.
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Flächengröße
für
rzrel
-Wörter ergab signifikante Haupteffekte beider Fakoren (
F
(2,158) = 64.35,
MS
e = .03,
p
< .001, 2 = .45 für Faktor
Salienz
;
F
(1,79) = 5.03,
MS
e = .03,
p
< .05, 2 = .45 für
Faktor
Flächengröße
) und eine signifikante Wechselwirkung (
F
(2,158) = 10.18,
MS
e = .03,
p
<
.001, 2 = .14). Der Haupteffekt
Salienz
wurde nur zwischen den salienten und den neutralen
Rätseln statistisch bedeutsam und zeigte sich zwischen den salienten Rätseln nicht. Es
wurden mehr Wörter aus den alters-salienten und jugend-salienten Rätseln als aus den
neutralen Rätseln wiedergegeben. Hinsichtlich des Haupteffekts
Flächengröße
ließ sich einen
Reproduktionsvorteil für die
rzrel
-Wörter aus der kleinen Fläche feststellen. Zwischen den
Rätseln konnten sowohl aus den kleinen Flächen, als auch aus den großen Flächen die
rzrel
-
Wörter dann besonders häufig wiedergegeben werden, wenn sie aus den salienten Rätseln
stammten. Innerhalb der Rätsel wurden die Wörter aus dem neutralen Rätsel eher
reproduziert, wenn sie aus der großen Fläche stammten. Im Gegensatz dazu wurden die
Wörter aus dem alters-salienten Rätsel eher dann eingeprägt, wenn sie in der kleinen
Flächen standen. Für die
rzrel
-Wörter des jugend-salienten Rätsels konnten keine
Unterschiede zwischen den Flächengrößen festgestellt werden.
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Flächengröße
für
fzrel
-Wörter ergab nur einen signifikanten Haupteffekt des Faktors
Salienz
(
F
(2,158) = 10.30,
MS
e = .01,
p
< .001, 2 = .12). Analog zu den
rzrel
-Wörtern wurde bei den
Eigene Untersuchung
Seite 75
fzrel
-Wörtern der Haupteffekt
Salienz
nur zwischen den salienten und den neutralen Rätseln
statistisch bedeutsam und zeigte sich zwischen den salienten Rätseln nicht. Auch hier
wurden mehr Wörter aus den alters-salienten und jugend-salienten Rätseln als aus den
neutralen wiedergeben (siehe Tabelle 4.5).
Tabelle 4.5
Mittlere Reproduktionswahrscheinlichkeiten bei richtig (
rzrel
) und falsch (
fzrel
) zugeordneten Wörtern
relativiert an der Gesamtanzahl der Wörter in der jeweiligen Fläche in Abhängigkeit der Faktoren
Salienz
und
Flächengröße
(in Klammern Standardabweichung).
rzrel-Wörter
fzrel-Wörter
gesamtrel
neutral
gesamt
.09 (.09)
.01 (.04)
.05 (.05)
kleine Fläche
.06 (.12)
.02 (.07)
.04 (.07)
große Fläche
.11 (.13)
.01 (.04)
.06 (.07)
alt
gesamt
.30 (.17)
.05 (.07)
.17 (.08)
kleine Fläche
.36 (.26)
.05 (.11)
.20 (.13)
große Fläche
.24 (.18)
.04 (.08)
.14 (.09)
jung
gesamt
.28 (.16)
.06 (.08)
.17 (.09)
kleine Fläche
.30 (.23)
.05 (.12)
.17 (.13)
große Fläche
.27 (.17)
.07 (.09)
.17 (.10)
Wortart -
Eine Betrachtung der alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörter über
alle Rätsel hinweg zeigte, dass die Reproduktion der
rz
-Wörter durch die Wortart auf dieser
Ebene der Analyse nicht signifikant beeinflusst wurde (
t
(79) = .24, n.s.). Für die
fz
-Wörter
ließ sich dieser Einfluss ebenfalls nicht nachweisen (
t
(79) = -1.22, n.s.).
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Wortart
für
rz
-Wörter ergab einen signifikanten Haupteffekt des Faktors
Salienz
(
F
(2,158) =
74.62,
MS
e = .01,
p
< .001, 2 = .49). Der Haupteffekt
Salienz
wurde wiederum nur zwischen
den salienten und neutralen Rätseln statistisch bedeutsam und zeigte sich zwischen den
salienten Rätseln nicht. Es wurden mehr Wörter aus den alters-salienten und jugend-
salienten Rätseln als aus den neutralen Rätseln wiedergegeben.
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Wortart
für
fz
-Wörter ergab einen signifikanten Haupteffekt des Faktors
Salienz
(
F
(2,158) =
13.34,
MS
e = .27,
p
< .001, 2 = .14). Auch hier wurde der Haupteffekt
Salienz
nur zwischen
den salienten und neutralen Rätseln statistisch bedeutsam. Es wurden mehr Wörter aus dem
Eigene Untersuchung
Seite 76
alters-salienten und jugend-salienten Rätseln als aus den neutralen Rätseln wiedergegeben
(siehe Tabelle 4.6).
Tabelle 4.6
Mittlere Reproduktionswahrscheinlichkeiten bei richtig (
rz
) und falsch (
fz
) zugeordneten Wörtern in
Abhängigkeit der Faktoren
Salienz
und
Wortart
(in Klammern Standardabweichung).
rz-Wörter
fz-Wörter
gesamt
neutral
gesamt
.41 (.50)
.08 (.20)
.25 (.25)
alters-konsistent
.45 (.69)
.09 (.28)
.27 (.36)
alters-inkonsistent
.38 (.64)
.08 (.31)
.23 (.35)
alt
gesamt
1.68 (.97)
.27 (.38)
.98 (.45)
alters-konsistent
1.68 (1.42)
.20 (.49)
.94 (.74)
alters-inkonsistent
1.69 (1.07)
.34 (.59)
1.01 (.53)
jung
gesamt
1.66 (.92)
.38 (.47)
1.02 (.51)
alters-konsistent
1.66 (1.31)
.35 (.64)
1.01 (.74)
alters-inkonsistent
1.65 (1.19)
.40 (.65)
1.03 (.72)
Flächengröße*Wortart
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten
Faktoren
Flächengröße
und
Wortart
für
rz
-Wörter ergab einen signifikanten Haupteffekt des
Faktors
Flächengröße
(
F
(1,37) = 9.89,
MS
e = .09,
p
< .01, 2 = .21). Der Haupteffekt
Wortart
und
die Wechselwirkungen wurden nicht signifikant. Tendenziell wurden die Wörter aus den
kleinen Flächen eher erinnert. Für
fz
-Wörter wurden keine statistisch bedeutsamen
Unterschiede gefunden. Ferner wurde unter Verwendung von t-Tests untersucht, ob aus den
Rätseln bestehend aus alters-konsistenten Wörtern mehr alters-konsistente Wörter als alters-
inkonsistente Wörter und aus den Rätseln mit kleiner Fläche bestehend aus alters-
inkonsistenten Wörtern mehr alters-inkonsistente Wörter als alters-konsistente Wörter
reproduziert werden konnten. Für
rz
-Wörter zeigte sich stets ein Erinnerungsvorteil der
Wörter der kleinen Flächen gegenüber den Wörtern aus der großen Fläche unabhängig von
der jeweiligen Wortart. Signifikant wurden diese Unterschiede für folgende
Rätselkombinationen: .65 vs. .55;
t
(37) = 2.07,
SE
= .31,
p
< .05, 2 = .10 für Rätselkombination
kl_ako vs. gr_ain
; .78 vs. .61;
t
(41) = -2.78,
SE
= .40,
p
< .01, 2 = .16 für Rätselkombination
kl_ain vs. gr_ako
; .79 vs. .55;
t
(37) = 2.99,
SE
= .50,
p
< .01, 2 = .19 für Rätselkombination
kl_ain
vs. gr_ain
(HYPOTHESE 2). Für
fz
-Wörter präsentierten sich die Ergebnisse uneinheitlich:
Hier wurden die Wörter der großen Flächen gegenüber den Wörtern der kleinen Flächen nur
Eigene Untersuchung
Seite 77
dann eher erinnert, wenn es sich gleichzeitig um alters-inkonsistente Wörter handelte. Dieser
Unterschied wurde jedoch für keine der Rätselkombination signifikant.
4.4.2.3 Metakognitive Urteile
Flächengröße -
Ein Vergleich der reproduzierten Wörter aus den kleinen und großen Flächen
der Rätsel zeigte statistisch bedeutsame Unterschiede nur für die richtig zugeordneten
Wörter, wenn sie mit dem Bewusstseinszustand ,,erinnert" verknüpft waren (.46 vs. .35;
t
(79)
= 3.21,
SE
= .29,
p
< .01, 2 = .12). Die Wörter aus der kleinen Fläche wurden hier häufiger
wiedergegeben. Wurden die Wörter falsch zugeordnet, ließen sich weder für Wörter mit
,,erinnert"-Urteil noch für Wörter mit ,,gewusst"-Urteil Unterschiede in den
Rekognitionsraten der kleinen und großen Flächen finden (HYPOTHESE 3).
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Flächengröße
ergab einen signifikanten Unterschied für
rz
-Wörter, wenn sie ,,erinnert"
wurden, für beide Haupteffekte (
F
(2,158) = 47.12,
MS
e = .02,
p
< .001, 2 = .37 für Faktor
Salienz
;
F
(1,79) = 10.30,
MS
e = .01,
p
< .005, 2 = .12 für Faktor
Flächengröße
) und eine
signifikante Wechselwirkung (
F
(2,158) = 9.17,
MS
e = .02,
p
< .001, 2 = .10). Falsch
zugeordnete Wörter wurden im Vergleich zu dem neutralen Rätsel häufiger erinnert, wenn
sie im alter-salienten oder jugend-salienten Rätsel standen. Zwischen den salienten Rätseln
konnten keine signifikanten Unterschiede gefunden werden. Die Wörter der kleinen Flächen
konnten im Vergleich zur großen Fläche signifikant häufiger reproduziert werden.
Insbesondere dann, wenn es sich um die kleinen Flächen des alters-salienten oder jugend-
salienten Rätsels handelte.
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Flächengröße
ergab für
rz
-Wörter, wenn sie ,,gewusst" wurden nur einen signifikanten
Haupteffekt des Faktors
Salienz
(
F
(2,158) = 21.00,
MS
e = .02,
p
< .001, 2 = .21). Analog zu
diesem Ergebnis wurde der Haupteffekt des Faktors
Salienz
sowohl für
fz
-Wörter, die
,,erinnert" wurden (
F
(2,158) = 7.87,
MS
e = .00,
p
< .01, 2 = .09), als auch für
fz
-Wörter, die
,,gewusst" wurden (
F
(2,158) = 7.16,
MS
e = .00,
p
< .01, 2 = .08) signifikant. In allen
Bedingungen wurden die Wörter häufiger aus den alters-salienten und jugend-salienten
Rätseln als aus den neutralen Rätseln wiedergegeben. Effekte des Haupteffekts
Flächengröße
und Wechselwirkungen wurden in diesen Bedingungen nicht signifikant (siehe Tabelle 4.7).
Eigene Untersuchung
Seite 78
Tabelle 4.7
Mittlere metakognitive Antwortwahrscheinlichkeiten bei richtig (
rzrel
) und falsch (
fzrel
) zugeordneten
Wörtern relativiert an der Gesamtanzahl der Wörter in der jeweiligen Fläche in Abhängigkeit der
Faktoren
Salienz
und
Flächengröße
(in Klammern Standardabweichung).
rzrel-Wörter
fzrel-Wörter Wörterrel gesamt
Erinnern
neutral
gesamt
.04 (.07)
.00 (.02)
.02 (.03)
kleine Fläche
.03 (.09)
.00 (.03)
.02 (.05)
große Fläche
.05 (.09)
.00 (.02)
.03 (.04)
alt
gesamt
.20 (.15)
.03 (.05)
.11 (.07)
kleine Fläche
.25 (.03)
.03 (.08)
.14 (.12)
große Fläche
.14 (.13)
.02 (.06)
.08 (.07)
jung
gesamt
.17 (.13)
.02 (.04)
.09 (.07)
kleine Fläche
.18 (.18)
.02 (.06)
.10 (.10)
große Fläche
.16 (.14)
.03 (.06)
.09 (.07)
Wissen
neutral
gesamt
.03 (.05)
.01 (.03)
.02 (.03)
kleine Fläche
.03 (.09)
.02 (.06)
.03 (.05)
große Fläche
.02 (.06)
.01 (.04)
.01 (.03)
alt
gesamt
.10 (.11)
.02 (.04)
.06 (.06)
kleine Fläche
.11 (.18)
.02 (.06)
.06 (.09)
große Fläche
.10 (.13)
.02 (.06)
.06 (.06)
jung
gesamt
.11 (.11)
.04 (.06)
.08 (.06)
kleine Fläche
.12 (.18)
.03 (.09)
.08 (.10)
große Fläche
.10 (.12)
.04 (.08)
.07 (.08)
Wortart -
Ein Vergleich der reproduzierten alters-konsistenten und alters-inkonsistenten
Wörter der Rätsel zeigte statistisch bedeutsame Unterschiede nur für die falsch
zugeordneten Wörter, wenn sie mit dem Bewusstseinszustand ,,gewusst" verknüpft waren
(.26 vs. .58;
t
(79) = -2.87,
SE
= .98,
p
< .05, 2 = .10). Hier wurden mehr alters-inkonsistente
Wörter als alters-konsistente Wörter reproduziert. Für
fz
-Wörter, die ,,erinnert" wurden,
konnte keine Diskrepanz in den Rekognitionsleistungen festgestellt werden. Fand eine
richtige Zuordnung der Wörter statt, ließen sich weder für Wörter mit ,,erinnert"-Urteil noch
für Wörter mit ,,gewusst"-Urteil Unterschiede zwischen alters-konsistenten und alters-
inkonsistenten Wörtern finden.
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Wortart
ergab für
rz
-Wörter, wenn sie ,,erinnert" wurden nur einen signifikanten
Haupteffekt des Faktors
Salienz
(
F
(2,158) = 43.51,
MS
e = .75,
p
< .001, 2 = .36). In weiteren
Eigene Untersuchung
Seite 79
Varianzanalysen wurde der Haupteffekt des Faktors
Salienz
sowohl für
rz
-Wörter, die
,,gewusst" wurden (
F
(2,158) = 24.42,
MS
e = .50,
p
< .001, 2 = .24), als auch für
fz
-Wörter, die
,,erinnert" wurden (
F
(2,158) = 7.97,
MS
e = .11,
p
< .01, 2 = .09) signifikant. Auch hier
wurden in allen Bedingungen die Wörter häufiger aus den alters-salienten und jugend-
salienten Rätseln als aus den neutralen Rätseln wiedergegeben.
Tabelle 4.8
Mittlere metakognitive Antwortwahrscheinlichkeiten bei richtig (
rz
) und falsch (
fz
) zugeordneten in
Abhängigkeit der Faktoren
Salienz
und
Wortart
(in Klammern Standardabweichung).
rz-Wörter
fz-Wörter
Wörter gesamt
erinnern
neutral
gesamt
.26 (.42)
.02 (.10)
.14 (.21)
alters-konsistent
.28 (.57)
.04 (.19)
.16 (.09)
alters-inkonsistent
.24 (.56)
.00 (.00)
.12 (.08)
alt
gesamt
1.08 (.79)
.15 (.29)
.61 (.40)
alters-konsistent
.94 (1.04)
.20 (.49)
.57 (.32)
alters-inkonsistent
1.21 (.91)
.10 (.30)
.66 (.20)
jung
gesamt
.99 (.74)
.14 (.25)
.57 (.38)
alters-konsistent
1.00 (.1.08)
.14 (.35)
.57 (.30)
alters-inkonsistent
.99 (.93)
.14 (.38)
.56 (.26)
wissen
neutral
gesamt
.16 (.29)
.06 (.18)
.11 (.17)
alters-konsistent
.18 (.38)
.05 (.22)
.11 (.04)
alters-inkonsistent
.14 (.41)
.08 (.31)
.11 (.06)
alt
gesamt
.61 (.64)
.12 (.24)
.36 (.31)
alters-konsistent
.74 (1.00)
.00 (.00)
.37 (.25)
alters-inkonsistent
.48 (.80)
.24 (.48)
.36 (.17)
jung
gesamt
.66 (.60)
.24 (.38)
.45 (.38)
alters-konsistent
.66 (.84)
.21 (.47)
.44 (.26)
alters-inkonsistent
.66 (.87)
.26 (.57)
.46 (.32)
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Wortart
ergab einen signifikanten Unterschied für
fz
-Wörter, wenn sie ,,gewusst" wurden,
für beide Haupteffekte (
F
(2,158) = 8.73,
MS
e = .15,
p
< .001, 2 = .10 für Faktor
Salienz
;
F
(1,79)
= 8.21,
MS
e = .16,
p
< .01, 2 = .09 für Faktor
Wortart
) und eine signifikante Wechselwirkung
(
F
(2,158) = 3.77,
MS
e = .14,
p
< .05, 2 = .05). Der Haupteffekt
Salienz
erwies sich jedoch nur
Eigene Untersuchung
Seite 80
für den Vergleich des jugend-salienten und des neutralen Rätsels als statistisch bedeutsam.
Wiederum wurden mehr Wörter aus dem salienten Rätsel reproduziert. Unter dem Einfluss
des Haupteffekts
Wortart
zeigte sich ein Erinnerungsvorteil für die alters-inkonsistenten
Wörter gegenüber den alters-konsistenten Wörtern. Die alters-konsistenten Wörter wurden
dann bevorzugt erinnert, wenn sie aus dem jugendsalienten Rätsel stammten. Für die alters-
inkonsistenten Wörter zeigte sich dieser Erinnerungsvorteil insbesondere dann, wenn sie
unter dem Einfluss des Alters- und Jugendstereotyps standen. Ein Flächenvergleich
innerhalb der Rätsel ergab eine höhere Rekognitionsrate für die alters-inkonsistenten Wörter
nur innerhalb des alters-salienten Rätsels (siehe Tabelle 4.8).
4.4.2.4 Quellengedächtnis
Eine einfaktorielle Varianzanalyse mit messwiederholtem Faktor
Salienz
ergab einen
statistisch bedeutsamen Unterschied in der Häufigkeit der falsch zugeordneten Wörter
(
F
(2,158) = 13.34,
MS
e = .53,
p
< .001, 2 = .14). Hier wurden mehr reproduzierte Wörter
fälchlicherweise den salienten Rätseln statt den neutralen Rätseln zugeordnet (HYPOTHESE
4a).
Eine zweifaktorielle Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Wortart
für
fz
-Wörter zeigte, dass diese zwar häufiger den alters-salienten und jugend-
salineten Rätseln zugeordnet wurden, sich aber im Hinblick auf alters-konsistente und
alters-inkonsisttente Wörter nicht unterschieden. Es wurden weder mehr alters-konsistente
Wörter dem alters-salienten Rätseln, noch wurden mehr alters-inkonsistente dem jugend-
salienten Rätseln inkorrekt zugeordnet (HYPOTHESE 4a). Die Ergebnisse einer
zweifaktoriellen Varianzanalyse mit den messwiederholten Faktoren
Salienz
und
Flächengröße
ließen für
fz
-Wörter ein ähnliches Reproduktionsmuster erkennen (
F
(2,158)
=10.30,
MS
e = .00,
p
< .001, 2 = .12).
Fz
-Wörter waren häufiger in den Reproduktionsdaten
der alters-salienten und jugendsalienten Rätsel als in den neutralen Rätseln zu finden. Es
machte jedoch keinen statistisch bedeutsamen Unterschied, ob sie aus den kleinen oder
großen Flächen der Rätsel stammten.
Die Frage, ob richtig und falsch zugeordnete Wörter eher ,,erinnert" oder ,,gewusst"
wurden, wurde mit Hilfe einer zweifaktoriellen Vairanzanalyse mit den messwiederholten
Faktoren
Zuordnung
(korrekt vs. inkorrekt) und
Bewusstseinsstatus
(,,erinnert" vs. ,,gewusst")
erörtert. Dabei erwies sich der Haupteffekt des Faktors
Zuordnung
(
F
(1,79) = 215.03,
MS
e =
.3.40,
p
< .001, 2 = .73), des Faktors
Bewusstseinsstatus
(
F
(1,79) =12.83,
MS
e = .3.87,
p
< .005, 2
Eigene Untersuchung
Seite 81
= .14) und ein Effekt der Wechselwirkung (
F
(1,79) =26.77,
MS
e = .3.06,
p
< .001, 2 = .25) als
statistisch signifikant. Es wurden mehr Wörter den Rätseln richtig zugeordnet als falsch
zugeordnet. Diese Zuordnungen gingen eher mit dem Bewusstseinsstatus ,,erinnert" als
,,gewusst" einher, wobei
rz
-Wörter signifikant häufiger ,,erinnert" wurden und für
fz
-Wörter
ein Trend in Richtung ,,gewusst"-Urteil zu verzeichnen war (HYPOTHESE 4b)
(siehe Abbildung 4.9).
10
9
erinnert
8
gewusst
7
6
o
r
t
h
ä
u
f
i
g
k
e
i
t
e
n
5
n
t
w
4
3
i
t
t
l
e
r
e
A
m
2
1
rz-Wörter
fz-Wörter
Abbildung 4.9:
Mittlere metakognitive Anworthäufigkeiten (,,erinnert" vs. ,,gewusst") der
richtig (
rz
) und falsch (
rz
) zugeordneten Wörtern (Standardabweichungen in Balken).
4.4.2.5 Falsch erinnerte Wörter
Bei frei erfundenen Wörtern wurden signifikant häufiger ,,gewusst"-Urteile als ,,erinnert"-
Urteile vergeben (.11 vs. .54;
t
(79) = -3.32,
SE
= 1.15,
p
< 0.05, 2 = .12). Bezüglich der
Zuteilung der frei erfundenen Wörter zu den einzelnen Rätseln konnten keine statistisch
signifikante Präferenz abgeleitet werden.
Diskussion
Seite 82
Diskussion
Ziel der vorliegenden Arbeit war es, die Figur/Grund Hypothese bei der Verarbeitung von
Personeneigenschaften anhand des Gestaltfaktors der Flächengröße zu überprüfen. Dazu
wurden im Rahmen einer perzeptuellen Aufgabe Wortsuchrätsel verwendet, in denen mit
einem Altersstereotyp konsistente und inkonsistente Eigenschaftswörter verborgen waren.
Diese waren entweder innerhalb einer kleinen oder großen Fläche des Rätsels angeordnet
und wurden unter hoher oder niedriger konzeptueller Salienz eines Stereotyps verarbeitet.
In diesem Kapitel wird auf die Gültigkeit der Hypothesen und die Ergebnisse der
Untersuchung eingegangen. Die Ergebnisse werden der Reihenfolge Suchzeiten,
Reproduktionsleistungen, metakognitive Urteile und Quellengedächtnis besprochen.
Suchzeiten
Die konzeptuelle Salienz sollte das Auffinden derjenigen Wörter erleichtern,
die mit dem jeweiligen Stereotyp verknüpft sind. Bei salientem Altersstereotyp sollten sich
die Suchzeit für alters-konsistente verkürzen, bei salienten Jugendstereotyp sollten sich die
Suchzeit für alters-inkonsistente Wörter verkürzen. Sollte der Einfluss der kleinen Fläche
ausreichen, um ein Stereotyp salient hervortreten zu lassen, sollten die Wörter der kleinen
Fläche schneller als die Wörter der großen Fläche gefunden werden.
In Hypothese 1a wurde angenommen, dass die Effekte der kleinen Fläche und des
Altersstereotyps im alters-salienten Rätsel additiv wirksam werden und somit die alters-
konsistenten Wörter gegenüber alters-inkonsistenten Wörtern schneller entdeckt werden.
Dieser Suchvorteil sollte ebenso gegenüber den alters-konsistenten Wörtern des neutralen
Rätsels gegeben sein, in dem allein der Faktor der Flächengröße wirksam werden konnte.
Entgegen dieser Annahmen unterschieden sich die Suchzeiten zwischen diesen Bedingungen
nicht. Die kleine Fläche scheint in dieser Konstellation keine figurale Wirkung zu entfalten
und den Salienzeffekt des Altersstereotyps nicht zu unterstützen.
In dem neutralen Rätsel war nur der Einfluss des Faktors der Flächengröße wirksam. Laut
Hypothese 1b sollte die figurale Wirkung der kleinen Fläche ausreichen, ein Stereotyp salient
hervortreten zu lassen und somit innerhalb den neutralen Rätsels die Wörter der kleineren
Fläche schneller gefunden werden als die der großen Fläche. Bei salientem Altersstereotyp
sollten alters-konsistente Wörter in kleiner Fläche schneller entdeckt werden als alters-
inkonsistente Wörter in großer Fläche und umgekehrt sollten bei salientem Jugendstereotyp
alter-inkonsistente Wörter in kleiner Fläche schneller als alters-konsistente Wörter in großer
Diskussion
Seite 83
Fläche aufgespürt werden. Diese Effekte konnten nicht gefunden werden. Es zeigte sich kein
Unterschied in den Suchzeiten der Wörter aus kleiner und großer Fläche. Die kleine Fläche
scheint ohne zusätzliche Etikettierung nicht in der Lage zu sein, die in den Rätseln
verborgenen Stereotype als Figur zu gruppieren und in den Vordergrund zu legen.
In Hypothese 1c wurden der Effekt der Flächengröße und der Einfluss der
Stereotypenaktivierung durch die Präsentation des Bildes eines alten Mannes gegeneinander
getestet. Die Effekte wiesen in die entgegengesetzte Wirkungsrichtung. Es zeigte sich, dass
die alters-konsistenten Wörter schneller entdeckt wurden und somit von einem dominanten
Effekt des Altersstereotyps auszugehen ist.
Zusammenfassend lässt sich ein Effekt der Flächengröße in den Suchzeiten nicht finden.
Der figurale Effekt der kleinen Fläche ist entweder nicht vorhanden oder nicht in der Lage,
sich gegenüber dem Einfluss des Altersstereotyps durchzusetzen.
Auf den ersten Blick sprechen die Befunde der Suchzeiten gegen einen Effekt der kleinen
Fläche, da die Suchzeiten der Wörter zwischen der kleinen und großen Fläche nicht
signifikant variierten. Während der Versuchsdurchführung fiel jedoch auf, dass das
kreisrunde Design des Wortsuchrätsels die Versuchspersonen dazu verleitete, strukturiert
und schematisch vorzugehen. Sie begangen den Suchprozess horizontal von links nach
rechts und führten ihn dann vertikal von oben nach unten fort. Somit sind die fehlenden
Unterschiede in der Varianz der Suchzeiten Ausdruck des schematischen Vorgehens der
Versuchspersonen und kann nicht als Beleg gegen die Figur/Grund Hypothese
herangezogen werden. Ein Effekt des schematischen Vorgehens der Versuchspersonen sollte
sich aber nur in den Variablen der Lehrphase bemerkbar machen und in der Testphase
keinen Einfluss ausüben.
Reproduktionsleistungen
Die Leistungen des Cued Recall Tests sind mit denen des
Experiments 4 von Wehr (2005) zu vergleichen und fielen generell niedrig aus. In den
Reproduktionsleistungen zeigte sich, dass mehr Wörter aus den salienten Rätseln als aus
dem neutralen Rätsel wierdergegeben wurden. Dieser Gedächtnisvorteil konnte vor allem
für die Wörter aus der kleinen Fläche festgestellt werden. Auch wurden den salienten
Rätseln generell mehr Eigenschaften fälschlicherweise zugeordnet. Allerdings konnten keine
Unterschiede zwischen alters-konsistenten und alters-inkonsistenten Wörtern gefunden
werden.
Diskussion
Seite 84
Laut Hypothese 2 sollte die Anordnung der Personeneigenschaften in einer kleinen Fläche
ausreichen, um ein Stereotyp salient hervortreten zu lassen und dabei vor allem die Wörter
der kleinen Fläche erinnert werden. Dies sollten vorrangig die alter-konsistenten Wörter
sein, wenn die kleine Fläche aus alters-konsistenten Wörtern bestand und alter-inkonsistente
Wörter, wenn die kleine Fläche aus alters-inkonsistenten Wörtern zusammensetzte.
Insgesamt wurden mehr Wörter aus der kleinen Fläche erinnert.
Metakognitive Urteile
In den Ergebnissen zur Hypothese 3 zeigt sich, dass die ,,erinnert"-
Urteile von der Flächengröße beeinflusst wurden: Die Wörter der kleinen Fläche wurden
eher ,,erinnert" als die Wörter der großen Fläche. Dieser figurkonstituierende Effekt der
kleinen Fläche war nur in den salienten Rätseln zu finden. Hier unterstützte eine kleine
Fläche die Stereotypenwahrnehmung und war mit einer lebhaften Erinnerung verknüpft.
Kamen die Erinnerungen an die Eigenschaften eines Stereotyps einem bloßen
Vertrautheitserleben gleich, übten die unterschiedlichen Flächengrößen keinen Einfluss aus.
Hier wurden ,,gewusst"-Urteile von unterschiedlichen Flächengrößen nicht beeinträchtigt.
Quellengedächtnis
Der erste Teil der Hypothese 4a konnte bestätigt werden. Wie erwartet
wurden den salienten Rätseln häufiger falsche Wörter zugeordnet als dem neutralen Rätsel.
Die Etikettierung erleichterte die korrekte Zurordnung der Eigenschaften zum
passendenden Stereotyp. Sie verleitete jedoch dazu, den salienten Rätseln falsche
Eigenschaften zuzuschreiben. Im Unterschied zu den Ergebnissen von Wehr (2005) erfolgte
die Zuordnung nicht stereotypenkonsistent, d.h. die Eigenschaften wurden unabhängig von
ihren Stereotypenbezug eher einem salienten Rätsel zugeordnet. Somit musste der 2. Teil der
Hypothese 4a verworfen werden.
Es zeigte sich gemäß Hypothese 4b, dass korrekt zugeordnete Wörter eher mit dem
Bewusstseinzustand ,,Erinnern" einher gingen und falsch zugordnete Wörter eher ,,gewusst"
wurden. Damit konnten die Ergebnisse von Wehr (2005; Exp. 4) repliziert werden.
Die Befunde lassen sich mit Hilfe des Distinctiveness/Fluency Ansatzes (Rajaram, 1996)
insgesamt gut erklären. Die Rate der ,,erinnert"-Urteile fiel in den salienten Rätsel höher aus,
d.h. wurde die konzeptuelle Salienz durch ein Stereotyp aktiviert, wurden die
Eigenschaftswörter häufiger ,,erinnert". Ein häufiger Nachteil eines Zwei-Komponenten
Modells wie des Distinctiveness/Fluency Ansatzes ist es, dass es nicht in der Lage ist, die
komplexe Wirklichkeit hinreichend abzubilden. Es können per Definition nur Distinktheits-
und Flüssigkeitsmanipulationen untersucht werden, wodurch sich der Ansatz selbst
Diskussion
Seite 85
beschränkt. In der vorliegenden Untersuchung wurde jedoch deutlich, dass basale
Wahrmungselemente eine Rolle bei der Bewusstseinsbildung spielen können. ,,Erinnert"-
Urteile wurden von maßgeblich der Flächengröße beeindrächtigt. Es wäre wünschenswert,
dass weitere Elemente in den Ansatz integriert werden könnten. Wehr (2005) fomulierte
beispielsweise als erste Erweiterung das Prinzip der relativen Salienz (siehe Kapitel 4.1.3).
Leider konnten keine Belege in den Suchzeiten gefunden werden, was jedoch auf das
Design des Versuchsmaterials zurückzuführen ist. In zukünftigen Experimenten sollte
darauf geachtet werden, dass ein schematisches Vorgehen der Versuchspersonen vermieden
wird. Einen ersten Ansatzpunkt hierfür bietet die Instruktionsanleitung. Es ist denkbar, dass
die Wahrscheinlichkeit eines schematischen Vorgehens der Versuchspersonen beispielsweise
durch folgende Instruktionserweiterung reduziert werden könnte:
,,Lassen Sie ihre Augen über
das Rätsel schweifen und versuchen sie es als Ganzes wahrzunehmen."
Ein zweite Möglichkeit
besteht darin, die die Versuchspersonen auf den Kippbildcharakter des Rätsels hinzuweisen.
Dadurch könnte die figurale Wahrnehmung unterstützt werden. Zum Beispiel konnten
Rock, Hall & Davis (1994) belegen, dass die Wahrnehmung der Figuren durch explitziten
Hinweis auf den Kippbildcharakter erleichtert und in manchen Fällen sogar erst ermöglicht
wird.
Im Zusammenhang mit dem Erinnerungsbewusstsein wurden bisher die Gestaltfaktoren
Symmetrie (Wehr, 2005) und nun die Flächengröße untersucht. In dieser Arbeit wurden
neben diesen Faktoren weitere klassische und neue Gestaltfaktoren vorgestellt. Diese
könnten als Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen zu diesem Forschungskomplex
genutzt werden. Der Gestaltfaktor der unteren Region (Vecera et al., 2002; siehe Kapitel
3.1.2.2) könnte zum Beipiel im Zusammenhang mit dem Erinnerungbewusstsein untersucht
werden, indem alters-konsistente oder alters-inkonsistente Wörter in einem Wortsuchrätsel
entweder in die obere oder untere Hälfte gelegt werden. Die Wörter der unteren Region
sollten dann eher mit ,,erinnert"-Urteilen versehen werden, die Wörter der oberen Region
eher mit ,,gewusst"-Urteilen.
Insgesamt kann der Gestaltfaktor der Flächengröße als unterstützender Faktor zur
Wahrnehmung von Personeneigenschaften angesehen werden.
Diskussion
Seite 86
Zusammenfassend wurden folgende Erkenntnisse gewonnen:
1.
Ein Beleg für die Figur/Grund Hypothese konnte in den Suchzeiten nicht
gefunden werden, da sich die Suchzeiten der Wörter aus der kleinen und großen
Fläche nicht unterschieden.
2.
In den Reproduktionsdaten wurde ein figuraler Gestalteffekt der kleinen Fläche
gefunden. Die Wörter aus der kleinen Fläche wurden häufiger reproduziert als
die Wörter der großen Fläche.
3.
Die kleine Fläche unterstützt die Stereotypenwahrnehmung und ist mit einer
lebhaften Erinnerungsbewusstsein verknüpft.
4.
Korrekte Quellenurteile werden eher mit ,,erinnert"-Urteilen belegt, während
Quellenfehler eher mit einem Vertrautheitsempfinden verknüpft sind.
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Anhang
Seite 95
Anhang A:
Wortnormierung
Mittelwerte und Standartabweichungen der Typizitätsurteile bei
218 Adjektiven
Min Max
M
SD
Min Max
M
SD
wild
1
4
1.60
.76
fies
1
4
2.40
.80
draufgängerisch
1
4
1.64
.72
auffällig
1
5
2.40 1.01
hemmungslos
1
4
1.73
.78
überheblich
1
5
2.41
.85
gelenkig
1
4
1.76
.67
rabiat
1
5
2.42
.91
muskulös
1
3
1.76
.66
grob
1
4
2.42
.80
gewalttätig
1
5
1.80
.91
schön
1
4
2.44
.83
schnell
1
5
1.87
.84
hektisch
1
5
2.44
.99
brutal
1
5
1.87 1.10
hübsch
1
5
2.44
.99
flink
1
4
1.89
.73
produktiv
1
4
2.44
.83
graziös
1
4
1.95
.80
kämpferisch
1
5
2.45
.85
feurig
1
4
1.96
.96
leistungsfähig
1
4
2.47
.76
beweglich
1
4
1.98
.59
eitel
1
4
2.49
.87
flott
1
4
2.06
.81
ledig
1
4
2.49
.99
eiskalt
1
4
2.07
.79
eifersüchtig
1
5
2.51
.97
flexibel
1
4
2.09
.77
gesund
1
4
2.51
.77
modisch
1
4
2.09
.87
lebhaft
1
4
2.51
.76
schwungvoll
1
4
2.13
.77
herablassend
1
4
2.51
.69
prahlerisch
1
5
2.16 1.11
agil
1
5
2.52
.79
verliebt
1
5
2.18
.84
ungepflegt
1
4
2.53
.83
fit
1
5
2.22
.89
tolerant
1
5
2.53
.87
arrogant
1
4
2.22
.76
faul
1
4
2.55
.83
kräftig
1
4
2.24
.74
ehrgeizig
1
5
2.56
.81
frech
1
4
2.25
.84
egoistisch
1
5
2.60
.87
anziehend
1
4
2.25
.84
abweisend
1
5
2.60
.83
ausgelassen
1
4
2.25
.64
aktiv
1
4
2.62
.80
spontan
1
5
2.25
.88
feindselig
1
5
2.62
.95
sportlich
1
5
2.27 1.11
affektiert
1
4
2.62
.81
impulsiv
1
5
2.27
.91
verträumt
1
4
2.63
.97
belastbar
1
4
2.28
.81
ausdauernd
1
5
2.65 1.04
attraktiv
1
4
2.28
.78
erfinderisch
1
5
2.65 1.00
leichtsinnig
1
4
2.28
.91
pfiffig
2
5
2.67
.72
wagemutig
1
5
2.29
.95
fanatisch
1
5
2.67
.90
schlampig
1
4
2.29
.73
geschäftig
1
5
2.69 1.06
liberal
1
4
2.29
.62
energisch
1
5
2.71
.89
süß
1
4
2.30
.98
aufgeschlossen
1
4
2.73
.82
albern
1
5
2.31 1.02
chaotisch
1
5
2.75 1.05
stark
1
4
2.33
.72
humorlos
1
5
2.75
.90
extravagant
1
5
2.33 1.01
vital
2
5
2.75
.88
kindlich
1
5
2.36 1.11
jähzornig
1
5
2.76
.94
dynamisch
1
5
2.38
.89
oberflächlich
1
5
2.76
.90
Anhang
Seite 96
Min Max
M
SD
Min Max
M
SD
tatkräftig
1
4
2.76
.96
unattraktiv
2
5
3.24
.79
vielseitig
1
5
2.78
.92
still
1
5
3.25
.84
hoffnungsvoll
1
4
2.78
.65
traurig
2
4
3.25
.58
kreativ
1
5
2.84
.81
zufrieden
1
4
3.26
.80
einflussreich
2
5
2.85
.78
deprimiert
2
5
3.27
.70
aufdringlich
1
4
2.85
.84
intolerant
1
5
3.29
.97
romantisch
1
5
2.85
.97
bucklig
1
5
3.30
.83
engagiert
1
5
2.87
.87
kontrolliert
1
4
3.31
.85
zwanghaft
1
4
2.89
.80
kontaktarm
1
5
3.31
.92
wissbegierig
1
4
2.89
.89
gepflegt
2
5
3.31
.79
scharfsinnig
1
5
2.91
.82
alleinstehend
1
5
3.31
.94
forsch
1
5
2.93
.84
brummig
1
5
3.33
.90
cholerisch
1
5
2.93
.90
sanft
1
5
3.33
.75
lebenslustig
1
4
2.93
.81
humorvoll
2
5
3.33
.67
scheu
1
5
2.93
.87
krumm
1
5
3.35
.84
naiv
1
5
2.96
.92
mürrisch
1
5
3.35
.86
offen
2
5
2.98
.82
klug
2
5
3.35
.70
charmant
1
5
2.98
.78
interessiert
2
5
3.36
.84
erregbar
1
5
3.00
.86
hilflos
2
5
3.36
.72
abgelehnt
1
5
3.00
.84
isoliert
2
5
3.37
.85
freigiebig
1
5
3.02 1.09
launisch
1
5
3.40
.89
begabt
1
4
3.04
.60
beleibt
1
5
3.41
.81
anhänglich
1
5
3.04
.96
gelehrt
2
5
3.42
.71
wohlhabend
1
5
3.05
.82
abhängig
1
5
3.42
.78
musikalisch
2
5
3.07
.74
schwermütig
2
5
3.42
.68
depressiv
2
4
3.07
.74
engstirnig
1
5
3.44
.85
ungeschickt
1
4
3.09
.75
spießig
1
5
3.44
.89
grimmig
1
5
3.09
.96
taub
1
5
3.44
.91
lebensfroh
1
5
3.09
.87
verständnisvoll
1
5
3.46
.96
witzig
2
5
3.09
.75
neugierig
2
5
3.47
.90
lustig
2
5
3.11
.68
schreckhaft
1
5
3.47
.90
feinfühlig
1
5
3.13
.79
spendabel
1
5
3.47
.99
verklemmt
1
5
3.13
.92
schrullig
2
5
3.47
.83
geschickt
1
5
3.13
.84
geduldig
1
5
3.49
.92
beliebt
1
5
3.15
.78
schwach
2
5
3.49
.83
zänkisch
1
5
3.15
.92
besonnen
1
5
3.51
.87
verdrossen
1
5
3.15
.90
unflexibel
1
5
3.54
.92
arbeitslos
1
5
3.16 1.28
beherzt
2
5
3.56
.73
verschlossen
1
4
3.16
.81
großzügig
2
5
3.56
.81
verschroben
1
5
3.18
.84
sympathisch
2
5
3.59
.65
schwärmerisch
1
5
3.18 1.00
standhaft
2
5
3.60
.83
verbittert
1
5
3.19
.87
verlässlich
1
5
3.60 1.01
gelangweilt
1
5
3.20
.98
freundlich
2
5
3.60
.73
unzufrieden
2
5
3.20
.80
bescheiden
2
5
3.62
.70
zurückhaltend
1
4
3.22
.68
väterlich
1
5
3.62
.95
gesellig
1
5
3.22
.92
senil
2
5
3.63
.85
missmutig
1
5
3.24
.83
einsam
2
5
3.64
.62
Anhang
Seite 97
Min Max
M
SD
Min Max
M
SD
lahm
2
5
3.65
.70
belesen
2
5
3.84
.66
intelligent
1
5
3.24
.66
fürsorglich
2
5
3.85
.70
würdevoll
1
5
3.67
.82
bedächtig
1
5
3.87
.81
genügsam
2
5
3.67
.72
sparsam
1
5
3.91
.87
kahl
1
5
3.67
.92
konservativ
1
5
3.91
.95
zurückgezogen
2
5
3.67
.69
kränklich
2
5
3.91
.55
störrisch
1
5
3.67
.81
eigenwillig
3
5
3.91
.67
gutgläubig
1
5
3.67
.81
familiär
2
5
3.93
.69
eigensinnig
1
5
3.71
.85
religiös
1
5
3.93 1.05
schlaflos
1
5
3.72
.73
weise
3
5
3.94
.59
stur
1
5
3.73
.93
nostalgisch
2
5
3.95
.78
geschwätzig
1
5
3.75 1.00
schwerhörig
2
5
3.96
.81
starrsinnig
2
5
3.75
.64
gebrechlich
2
5
4.02
.73
dickköpfig
2
5
3.75
.72
langsam
3
5
4.04
.47
gesprächig
2
5
3.76
.74
grau
2
5
4.06
.59
reif
1
5
3.78 1.08
vergesslich
1
5
4.09
.98
bieder
2
5
3.80
.85
gläubig
2
5
4.09
.75
grüblerisch
2
5
3.80
.73
altmodisch
1
5
4.15
.84
ruhig
1
5
3.80
.91
erfahren
3
5
4.27
.62
gemächlich
2
5
3.81
.72
lebenserfahren
3
5
4.44
.57
verwirrt
2
5
3.81
.70
zuverlässig
2
5
3.81
.72
liebevoll
2
5
3.82
.61
zerstreut
1
5
3.84
.87
aufsteigend sortiert; grau unterlegt: je 30 Adjektive mit den höchsten (konsistent),
niedrigsten (inkonsistent) und durchschnittlichsten (neutral) Werten; Skala: 1 [untypisch] bis 5
[typisch]
Anhang
Seite 98
Anhang B:
Instruktionen
B1: Instruktionen zur Lernphase
Download der Instruktionen und Wortsuchrätsel unter:
http://freenet-homepage.de/personeneigenschaften/
INSTRUKTIONEN
Bitte lesen Sie die folgenden Instruktionen aufmerksam durch.
Ihnen werden im Folgenden 3 Wortsuchrätsel präsentiert. In jedem dieser Rätsel sind 12
Eigenschaften einer Person versteckt. Ihre Aufgabe ist es: Finden Sie diese
Eigenschaftswörter so schnel wie möglich!
Wenn Sie ein Wort entdecken, teilen Sie bitte dem Versuchsleiter mit, um welches Wort es
sich handelt und umkreisen Sie es mit dem beiliegenden Stift. Schreiben Sie es
anschließend auf eine der freien Linien.
Wenn Sie die Suche nach dem nächsten Wort fortsetzen, sagen Sie bitte ,,WEITER".
Es handelt sich ausschließlich um deutschsprachige Wörter. Sie sind horizontal und vertikal
(nicht diagonal!) angeordnet. Die Leserichtung der Wörter ist von links nach rechts und von
oben nach unten. Sie überschneiden sich nicht.
Wenn Sie Fragen zum Experiment haben können Sie diese jetzt gerne an den Versuchsleiter
richten.
Anhang
Seite 99
Anhang B:
Instruktionen
B1: Instruktionen zur Testphase
EXPERIMENT ZWEITER TEIL
Im zweiten Teil des Experiments werden Ihnen Bilder präsentiert, die Sie aus dem ersten
Teil bereits kennen.
Ihre Aufgabe ist:
1. Bitte rufen Sie sich die Wörter aus der vorigen Aufgabe ins Gedächtnis und schreiben
Sie diese unter das jeweilige Bild. Bitte nutzen Sie hierzu die vorgegebenen Zeilen.
2. Kreuzen Sie dann nach jedem Wort an, ob Sie es ,,erinnert" oder ,,gewusst" haben.
Wie Sie zwischen ,,erinnert" und ,,gewusst" unterscheiden sol en, lesen Sie im Folgenden:
,,Erinnert"-Antworten:
Wenn die Erinnerung an ein Wort von einem
bewussten, lebhaften Erinnern
begleitet ist,
dann machen Sie ein Kreuz in der Spalte ,,erinnert". ,,Erinnern" ist die Fähigkeit, sich
bewusst zu werden, was Sie erlebten oder was Ihnen aufgefal en ist, als das Wort präsentiert
wurde. Dies können bestimmte Aspekte des Wortbildes sein oder etwas, das in dem Raum
passierte (z.B., ein Fenster schlug zu) oder an was man gerade gedacht hat, bzw. was man
gerade tat, während das Wort präsent war. Mit anderen Worten, das ,,erinnerte" Wort sol te
eine lebhafte Assoziation in Erinnerung rufen, ein Bild oder etwas Persönliches zu der Zeit
der Wortpräsentation oder auch etwas über die Erscheinung des Wortes oder dessen
Position im Wortsuchrätsel.
,,Gewusst"-Antworten:
,,Gewusst"-Antworten sol ten dann gemacht werden, wenn Sie zwar meinen, dass das Wort
in einem der Wortsuchrätsel vorkam, Sie sich aber nicht bewusst an seine vorige Präsenz
erinnern bzw. nichts erinnern können, was mit dem Vorkommen des Wortes verbunden ist.
Kreuzen Sie ,,gewusst" an, wenn Sie sich
sicher sind, dass das Wort vorkam, es Ihnen aber
nicht gelingt, spezifische Erinnerungen an die Wortpräsentation hervorzurufen
.
Anhang
Seite 100
Beispiel
Um die Unterscheidung noch deutlicher zu machen, sei hier noch einmal ein Beispiel zur
Unterscheidung von ,,erinnert" und ,,gewusst" beschrieben.
Beispiel ,,Erinnert":
Wenn man an der Bushaltestel e steht und jemanden sieht, fäl t einem manchmal auf, dass
man diese Person schon einmal gesehen hat. Jetzt ist es möglich, dass man sich erinnert,
dass man diese Person letzten Freitag, in einem lila Regenmantel an der gleichen
Bushaltestel e gesehen hat. Man kann sich also an dazugehörige Details erinnern.
Unter diesen Umständen sprechen wir von
,,erinnern".
Beispiel ,,Gewusst":
Es wäre aber auch möglich, dass man sich zwar im Klaren darüber ist, dass man diese
Person schon einmal gesehen hat, sich aber nicht mehr daran erinnern kann, wann und wo
man sie gesehen hat, oder was sie getragen hat. Man erinnert also keine dazugehörigen
Details. Man weiß aber wohl, dass man diese Person schon einmal gesehen hat.
Unter diesen Umständen sprechen wir von
,,gewusst"
.
Bitte fassen Sie gegenüber dem Versuchsleiter kurz in eigenen Worten zusammen, wie Sie
die Unterscheidung von ,,erinnert" und ,,gewusst" verstanden haben!
Anhang
Seite 101
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C1: Wortsuchrätsel Altersstereotyp (A1; A2)
Anhang
Seite 102
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C1: Wortsuchrätsel Altersstereotyp (A3; A4)
Anhang
Seite 103
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C1: Wortsuchrätsel Altersstereotyp (A5; A6)
Anhang
Seite 104
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C2: Wortsuchrätsel Jugendstereotyp (B1; B2)
Anhang
Seite 105
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C2: Wortsuchrätsel Jugendstereotyp (B3; B4)
Anhang
Seite 106
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C2: Wortsuchrätsel Jugendstereotyp (B5; B6)
Anhang
Seite 107
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C3: Neutrales Wortsuchrätsel (C1; C2)
Anhang
Seite 108
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C3: Neutrales Wortsuchrätsel (C3; C4)
Anhang
Seite 109
Anhang C:
Wortsuchrätsel
C3: Neutrales Wortsuchrätsel (C5; C6)
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