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Über Schuld und Verantwortung bei Hannah Arendt - Der Fall Adolf Eichmann close

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Über Schuld und Verantwortung bei Hannah Arendt - Der Fall Adolf Eichmann

Essay, 2008, 19 Pages
Author: Saskia Kutscheidt
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Essay
Year: 2008
Pages: 19
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V118844
ISBN (E-book): 978-3-640-22147-9
ISBN (Book): 978-3-640-22342-8
File size: 125 KB

Abstract

Hannah Arendt, jüdische Schriftstellerin und Philosophin, löste mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, der in den Jahren 1961 und 1962 in Jerusalem geführt wurde, eine Welle an Protesten und Kontroversen aus. Anhand ihrer eigenen Beobachtung des Prozesses sowie umfangreicher Studien des Prozessmaterials zeichnete sie das Verfahren gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann vor dem Israelischen Gericht nach und beschäftigte sich dabei vor allem mit der Frage nach Schuldhaftigkeit, Moral und Verantwortung des modernen, aufgeklärten Menschen – nicht nur in Bezug auf Eichmanns Person, sondern auch auf die Allgemeinheit und auf die Juden, insbesondere jüdische Funktionäre, selbst. Ihre Kritik liegt unter anderem darin begründet, dass sie Möglichkeiten des Widerstands, des Entziehens von Mithilfe, sah und deshalb die allgemein gern verwendete Floskel ‚ich habe das so nicht gewollt’ als bloße Loslösung von Verantwortung betrachtete. Hannah Arendt spricht in diesem Zusammenhang vom passiven Widerstand (dem ‚Nicht- Kooperieren’ oder auch ‚Nicht-Reagieren’) als Option, sich der Beteiligung an den Judenmorden zu entziehen und damit auch den NS-Machthabern die Basis für ein weiteres Vorgehen zu entreißen. Sie hielt die Möglichkeit, ’einfach nicht zu reagieren’ für eine womöglich noch wirksamere Methode als die des mehr oder weniger offenen Widerstands und warf gerade den Juden, insbesondere denen, die auch unter den Nationalsozialisten noch über so etwas wie Privilegien verfügten, vor, diese Möglichkeit nicht wahrgenommen zu haben. Die Öffentlichkeit dagegen warf Arendt den Verrat am jüdischen Volk vor, da sie gerade auch auf die Rolle jüdischer Funktionäre einging, welche zugunsten des eigenen Überlebens mit den NS-Machthabern kooperierten und letztendlich doch damit nur die Vernichtung ihres eigenen Volkes ermöglichten. Hannah Arendt war jedoch bemüht, ein objektives Bild des Prozesses wiederzugeben, was bedeutete, dass sie parteilos beobachtete und auch das von der Anklage stark polemisierte Bild Eichmanns als ‚blutrünstige Bestie, welche höchste Machtbefugnisse innehatte’, zu verifizieren suchte. Diese Tatsache trug sicherlich dazu bei, dass sie von der Öffentlichkeit, die noch stark von den Erlebnissen und Nachwehen der NSZeit geprägt war, missverstanden wurde. [...]


Excerpt (computer-generated)

Universität Siegen

Fachbereich 3: Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften

Wintersemester 2007/2008

Essay

Über Schuld und Verantwortung bei Hannah Arendt

Der Fall Adolf Eichmann



Im Rahmen des Seminars

Jüdische Kulturkritik und Essayistik




Vorgelegt von

Saskia Kutscheidt

LCM, M.A. (Comparative Studies)

2. Fachsemester


Inhaltsverzeichnis

Schuld, Moral und Verantwortung bei Hannah Arendt ­ der Fall Adolf Eichmann 3

Vorbemerkung: Der Eichmann-Prozess 1961/62 in Israel 4

Die Banalität des Bösen oder: die Abwesenheit von Gewissen 7

Größenwahn und Wichtigtuerei ­ ein verhinderter Beamter 9

Die Frage nach Schuld, Verantwortung und Moral 9

Das Verschwinden von Verantwortung und Schuldbewusstsein 10

Die Fähigkeit zu Urteilen als Indiz für moralisches Verantwortungsbewusstsein 11

Eichmann und seine verantwortungsvolle Aufgabe ,im Sinne der Juden′ 12

Schlussbemerkung 16

Literaturverzeichnis 18

2


Schuld, Moral und Verantwortung bei Hannah Arendt ­ der Fall Adolf Eichmann

Hannah Arendt, jüdische Schriftstellerin und Philosophin, löste mit ihrem Bericht über den

Eichmann-Prozess, der in den Jahren 1961 und 1962 in Jerusalem geführt wurde, eine Welle

an Protesten und Kontroversen aus. Anhand ihrer eigenen Beobachtung des Prozesses sowie

umfangreicher Studien des Prozessmaterials zeichnete sie das Verfahren gegen den

ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann vor dem Israelischen Gericht nach und

beschäftigte sich dabei vor allem mit der Frage nach Schuldhaftigkeit, Moral und

Verantwortung des modernen, aufgeklärten Menschen ­ nicht nur in Bezug auf Eichmanns

Person, sondern auch auf die Allgemeinheit und auf die Juden, insbesondere jüdische

Funktionäre, selbst. Ihre Kritik liegt unter anderem darin begründet, dass sie Möglichkeiten

des Widerstands, des Entziehens von Mithilfe, sah und deshalb die allgemein gern verwendete

Floskel ,ich habe das so nicht gewollt′ als bloße Loslösung von Verantwortung betrachtete.

Hannah Arendt spricht in diesem Zusammenhang vom passiven Widerstand (dem ,Nicht-

Kooperieren′ oder auch ,Nicht-Reagieren′) als Option, sich der Beteiligung an den

Judenmorden zu entziehen und damit auch den NS-Machthabern die Basis für ein weiteres

Vorgehen zu entreißen. Sie hielt die Möglichkeit, ′einfach nicht zu reagieren′ für eine

womöglich noch wirksamere Methode als die des mehr oder weniger offenen Widerstands

und warf gerade den Juden, insbesondere denen, die auch unter den Nationalsozialisten noch

über so etwas wie Privilegien verfügten, vor, diese Möglichkeit nicht wahrgenommen zu

haben.

Die Öffentlichkeit dagegen warf Arendt den Verrat am jüdischen Volk vor, da sie gerade auch

auf die Rolle jüdischer Funktionäre einging, welche zugunsten des eigenen Überlebens mit

den NS-Machthabern kooperierten und letztendlich doch damit nur die Vernichtung ihres

eigenen Volkes ermöglichten. Hannah Arendt war jedoch bemüht, ein objektives Bild des

Prozesses wiederzugeben, was bedeutete, dass sie parteilos beobachtete und auch das von der

Anklage stark polemisierte Bild Eichmanns als ,blutrünstige Bestie, welche höchste

Machtbefugnisse innehatte′, zu verifizieren suchte. Diese Tatsache trug sicherlich dazu bei,

dass sie von der Öffentlichkeit, die noch stark von den Erlebnissen und Nachwehen der NS-

Zeit geprägt war, missverstanden wurde. Selbst wenn Hans Mommsen Arendts Bericht ­

hinsichtlich der Stichhaltigkeit der Argumente sowie der historischen Detailgenauigkeit ­ als

kritikwürdig erachtet, so kann Arendts Essay über die ,Banalität des Bösen′ dennoch als ein

umfangreich recherchierter Prozessbericht gesehen werden, der ihre Frage nach der

Schuldhaftigkeit und moralischen Verantwortung Eichmanns und darüber hinaus jedes

Einzelnen zu ergründen sucht. Inwiefern ist ein ,einfacher′ Mensch, den man weder als

3


ausgemachten Sadisten noch als blutrünstige Bestie bezeichnen kann, dazu in der Lage, sich

in den totalitären Machtmechanismus einzufügen und damit ,auf höheren Befehl′ Teil eines

Vernichtungsapparates zu werden ­ ohne dass sich sein Gewissen gegen die

Unrechtmäßigkeit der Angelegenheit regt? Wie kann er unfähig sein, ein Unterfangen, das

von Anfang an auf die Vernichtung des jüdischen Volkes angelegt war, als solches zu

erkennen? Dies sind Fragen, die im Folgenden als Leitfäden in der Auseinandersetzung mit

der Person Eichmann dienen.

Vorbemerkung: Der Eichmann-Prozess 1961/62 in Israel

Der Prozess gegen Eichmann kann nicht in allen Punkten als fair bezeichnet werden: gegen

bestehendes Recht wurde Adolf Eichmann im Mai 1960 aus seinem Unterschlupf in

Argentinien entführt und nach Haifa ausgeliefert, bevor er am 11. April 1961 vor Gericht

kam. Die Entführung Eichmanns war völkerrechtswidrig und hatte doch kaum diplomatische

Konsequenzen. ,,Israel beanspruchte im Namen der Opfer die Zuständigkeit"1 ­ dieser

Anspruch wurde trotz der Erwägungen, Eichmann vor einen internationalen Gerichtshof zu

bringen, von internationaler Seite aufgrund Israels besonderer Position toleriert.

Arendt wurde von der Wochenzeitschrift ,,The New Yorker" als Prozessbeobachterin nach

Jerusalem geschickt. Wie Mommsen berichtet2, hatte Arendt ursprünglich vor, einen Artikel

für die Zeitung zu verfassen, doch daraus wurden fünf Berichte, die sie 1963 zu dem Buch

,,Eichmann in Jerusalem" ausweitete. Arendt stellte der Interpretation der ,Endlösung′ ihre

eigene Ansicht entgegen3, um problematische Positionen der Anklage zu entlarven und eine

möglichst objektive Sicht auf den Fall zu gewinnen.

Die Situation während des Eichmann-Prozesses im Hinblick auf die Strafverfolgung der NS-

Funktionäre war prekär: Antonia Grunenberg argumentiert, dass

,,in Deutschland...zu jener Zeit die Verfolgung der Verantwortlichen des

Massenmords nur sehr schleppend [voranging]"4.

Folglich waren auch die Prozesse durch einen Wirrwarr an Schuldzu- und Abweisung und

Verteidigung der eigenen Vergangenheit von Seiten der Angeklagten gekennzeichnet. Für die

Anklage in Jerusalem stand zudem auch nicht ein Einzelner vor Gericht ­ nein, die

1 Arendt, Hannah.

Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen

. München: Piper Verlag

2006. 9.

2 Mommsen in ebda. 10.

3 Mommsen in ebda. 10.

4 Grunenberg, Antonia.

Arendt

, Freiburg: Herder 2003. 91.

4



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