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Research Paper (Pre-University), 2000, 30 Pages
Author: Sigrid Vollmann
Subject: Archaeology
Details
Institute: BG Oeversee
Tags: Schliemanns, Troja, Auseinandersetzung, Ilion, Maturaarbeit
Year: 2000
Pages: 30
Grade: gut
Bibliography: ~ 18 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22148-6
File size: 231 KB
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Abstract
Wer kennt nicht den Mythos der schönen Helena, deren Entführung einen 10 Jahre währenden Krieg auslöste? Wer kennt nicht die Namen Agamemnons, Achills, Odysseus, Hektors und Paris´? Wer kennt nicht den Mythos um das Trojanische Pferd, mit dessen Hilfe man die einst so stolze Stadt Troja einnahm? Ich möchte mich jedoch nicht mit diesem Mythos befassen, sondern vielmehr mit dem Platz Troja. Durch die Entdeckung Trojas (?) wurde ein bis heute andauernder Streit der Wissenschaftler ausgelöst, ob Schliemanns Troja dem Homerischen Troja identisch sei. Schliemann versuchte bis zu seinem Tod die Gegner „seines“ Trojas eines Besseren zu belehren, doch schließlich musste auch er einsehen, sich getäuscht zu haben. Curtius und Boetticher waren die ärgsten Gegner Schliemanns und vertraten die Bunarbaschi–Theorie. Doch auch sie konnten nichts beweisen. Virchow und Suchhardt waren von der Hisarlik Theorie überzeugt, doch auch diese beiden konnten keine eindeutigen Beweise vorbringen! Einige Leute wieder setzten Troja mit Platons Atlantis gleich. Mir fällt daher in dieser Arbeit zu, mich mit der Frage „wo liegt Troja wirklich“ zu befassen.
Fulltext (computer-generated)
0 VORWORT:
Von jeher an der Geschichte der ,,Antike" interessiert, kannte ich die Geschichte des
Trojanischen Krieges schon sehr früh. Als mir eines Tages das Buch ,,Der
griechische Schatz" in die Hände fiel, ,,verschlang" ich es. Seit dieser Zeit bin ich ein
Anhänger Schliemanns und vom Wunsch besessen, selbst Archäologie zu studieren.
Lange Zeit wollte ich keine Fachbereichsarbeit schreiben, doch als ich mich dazu
entschloss, entschied ich mich in Sekundenschnelle für das Thema Troja noch
dazu, da ich selbst dort gewesen bin und mir nun meine eigene Meinung bilden
konnte.
Eine Schwierigkeit dieser Fachbereichsarbeit werden die verschiedenen Schichten
des Hügels Hisarlik sein und die Tatsache, dass man von diesen Schichten zu
Schliemanns Zeiten noch nicht so viele kannte.
Ich möchte mich bei all den Personen bedanken, die mir bei meiner Materialsuche
geholfen haben. Unter anderem gilt mein Dank:
Frau Professor Doz. Gerda S C H W A R Z vom Archäologischen Institut der Karl
Franzes Universität Graz
Herrn Dr. Hans Günter J A N S E N, Physiker der derzeitigen TrojaAusgrabungen
Herrn Univ. Prof. Dr. Manfred K O R F M A N N, Leiter der derzeitigen Troja
Ausgrabungen
1
1 EINLEITUNG:
Wer kennt nicht den Mythos der schönen Helena, deren Entführung einen 10 Jahre
währenden Krieg auslöste? Wer kennt nicht die Namen Agamemnons, Achills,
Odysseus, Hektors und Paris´? Wer kennt nicht den Mythos um das Trojanische
Pferd, mit dessen Hilfe man die einst so stolze Stadt Troja einnahm?
Ich möchte mich jedoch nicht mit diesem Mythos befassen, sondern vielmehr mit
dem Platz Troja.
Durch die Entdeckung Trojas (?) wurde ein bis heute andauernder Streit der
Wissenschaftler ausgelöst, ob Schliemanns Troja dem Homerischen Troja identisch
sei.
Schliemann versuchte bis zu seinem Tod die Gegner ,,seines" Trojas eines Besseren
zu belehren, doch schließlich musste auch er einsehen, sich getäuscht zu haben.
Curtius und Boetticher waren die ärgsten Gegner Schliemanns und vertraten die
BunarbaschiTheorie. Doch auch sie konnten nichts beweisen.
Virchow und Suchhardt waren von der Hisarlik Theorie überzeugt, doch auch diese
beiden konnten keine eindeutigen Beweise vorbringen!
Einige Leute wieder setzten Troja mit Platons Atlantis gleich.
Mir fällt daher in dieser Arbeit zu, mich mit der Frage ,,wo liegt Troja wirklich" zu
befassen.
2
2 Schliemann und Troja
Schliemanns Vater erzählte seinem Sohn schon in frühester Jugend vom
Trojanischen Krieg, den tapferen Helden, von Paris und Helena... und davon, dass
Troja untergegangen sei. Seit damals hatte klein Heinrich nur eines im Sinn: Troja zu
finden und auszugraben. Als er zu seinem achten Geburtstag Jerrers Weltgeschichte
für Kinder von seinem Vater geschenkt bekam, meinte er: ,,Vater, du hast dich geirrt!
Jerrer muß Troia gesehen haben, er hätte es ja sonst hier nicht abbilden können." 1
Viele Biographen Schliemanns meinen auch ,,daß es sogar eine Abmachung des
knapp acht Jahre alten Jungen mit dem Vater gab, er werde einst die Mauern der
PriamosFeste freilegen."2 Vorerst jedoch konnte der mecklenburgische Pastorsohn
seinen Wunsch nicht erfüllen, denn er hatte nicht die nötigen Geldmittel. Zuerst
schuf er sich durch seinen ausgeprägten Geschäftssinn drei Vermögen und dann
erfüllte er sich seinen Jugendtraum: Er begann, nach dem Ort Troja zu suchen. Von
da an ging sein Name um die Welt und noch heute liegen die Wissenschaftler wegen
ihm in ewigen Streitigkeiten, wo denn Troja liege. Eines aber ist gewiss wie der
Hobbyarchäologe selbst schrieb: ,,Ich habe bewiesen, daß sich in fernen,
prähistorischen Zeiten über weiter Ebene in Kleinasien eine Zitadelle erhob und daß
diese Zitadelle in jeder Hinsicht dem Troja entspricht, das Homer in der ,,Ilias"
beschreibt."3
1 Siebler, Michael: TroiaHomerSchliemann. Mythos und Wahrheit. Mainz am Rhein: Philipp von
Zabern 1990. 248 S., (Zaberns Bildbände zur Archäologie) ISBN 3-8053-1123-0, S. 99 [in weiterer
Folge wird es als Siebler 1 zitiert]
2 ebda. S. 95
3 Joaquim, Nancy: Sophia Schliemann. Eine Frau entdeckt Mykene. München: Herbig
Verlagsbuchhandlung 1994. 468S., ISBN 3-7766-1855-8, S. 410
3
3 Hisarlik oder der Bali Da
i bei Bunarbaschi?
3.1 Die zwei in Frage kommenden Orte
Zu Schliemanns Zeiten gab es zwei Orte, wo das sagenumwobene Troja angeblich
liegen könnte.
Der erste Ort war der Hügel Bali Dai bei dem Dorf Bunarbaschi (heutiges
Pinarbai) in der heutigen Türkei am Eingang der Dardanellen gelegen. Diese
Theorie wurde von den meisten Wissenschaftlern unterstützt und
,,Urheber dieser Lokalisierung war der französische Archäologe Jean Baptiste
Lechavalier, der 1785 die Gegend mit der Ilias in der Hand erkundet und letztlich
den Bali Da
i als Ort identifiziert hatte. Der Österreicher Johann Georg Hahn
hatte 1864 zuletzt diese Meinung aufgrund seiner Funde bei Ausgrabungen auf
dem Bali Da
i unterstützt."1
Die zweite Theorie, dass Homers Troja sich am Hisarlik-Hügel (ebenfalls am
Eingang zu den Dardenellen nur etwas nördlicher gelegen) befinde, vertrat zur
damaligen Zeit nur der amerikanische Konsul Frank Calvert, dem eine Hügelhälfte
gehörte. Bei einigen Ausgrabungsversuchen kamen zahlreiche Scherben zum
Vorschein, wodurch er seine Vermutung bestätigt glaubte. Es gelang Calvert,
Schliemann von seiner Theorie zu überzeugen und von dieser Zeit an setzte sich der
Hobbyarchäologe den Kritiken seiner Gegner aus.
3.2 Erster Besuch der beiden Plätze
Schliemann war sich bewusst, dass er Troja am Eingang der Dardanellen zu suchen
hatte, da der in der ,,Ilias" beschriebene Hellespontes (,, . . . bis daß die Achaier
fliehn zu den Schiffen zurück und den Hellespontos erreichen"2) seiner Meinung
nach, den Dardanellen zu entsprechen schien.
Zuerst besuchte er den ,,bekannteren" Hügel den Bali Dai und meinte auch, dass
hier das vermeintliche Troja zu suchen sei [in dieser Zeit wusste er noch nichts vom
Hügel Hisarlik, Anm. d. Verf.]. Schliemann bemerkte später aber über diesen
1 Siebler, Michael: Troia. Geschichte-Grabungen-Kontroversen. Mainz am Rhein: Philipp von Zabern,
1994. 120 S., (Zaberns Bildbände zur Archäologie) ISBN 3-8053-1626-7, S. 23 [in weiterer Folge
wird es als Siebler 2 zitiert]
2 Homer: Ilias. München und Zürich: Artemis Verlag, 1989. 9., 980S., ISBN 3-7608-1541-3, Gesang
XV, Vers 233, S. 507
4
Besuch: ,,Nur schien sie mir [Ebene, Anm. d. Verf.] beim ersten Blick zu lang, Troja
lag viel zu weit vom Meer entfernt, wenn Bunarbaschi wirklich innerhalb des
Bezirkes der alten Stadt erbaut ist, wie fast alle Archäologen behaupten, welche den
Ort besucht haben."1
Außerdem meinte er, in zwei von den vierzig Quellen bei Pinarbai, die kalte und
warme Quelle entdeckt zu haben, die in der ,,Ilias" beschrieben sind.2 ,,Eine nämlich
entfließt mit warmem Wasser, und wallend hebt sich ein Rauch aus ihr gleichwie aus
brennendem Feuer. Aber die andere fließt so kalt wie der Hagel im Sommer oder im
Winter der Schnee und Eis von gefrorenem Wasser."3
3.2.1 Für Hisarlik und gegen Bunarbaschi
,,Bei seinem ersten Besuch 1868 entscheidet er sich nach einer Geländebegehung für
Hisarlik, begnügt sich aber nicht damit, dies nun umständlich zu begründen, sondern
will auch im gleichen Atemzug noch den Beweis gegen Bunarbaschi antreten."4 In
Frank Calvert fand Schliemann einen Verbündeten und nachdem er die offizielle
Grabungserlaubnis, dem sogenannten Ferman, 1870 erhalten hatte, begann er, sich
seinen Lebenstraum zu erfüllen.
Andere Wissenschaftler belächelten den nicht-ernst-zunehmenden Hobbyarchäo-
logen. Für sie war es gewiss, Hisarlik konnte nicht Troja sein, denn schon in der
Geschichte wurde der Bali Dai mit Ilion gleichgesetzt.5 Schliemann versuchte,
seinen Gegnern mit erneuten Ausgrabungen bei Bunarbaschi zu beweisen, dass er im
Recht war, denn ,,zahllose Beschreibungen Homers paßten auf diesen Ort, aber
darüber hinaus erschienen vor allem die geographische Lage und die Umgebung von
Hissarlik als unwiderlegbare Beweise."6
Außerdem hatte er bei seinen Ausgrabungen am Bali Dai nichts gefunden und da
zyklopische Mauern [Trojas Mauern waren angeblich solche, Anm. d. Verf.] nicht
1 Vandenberg, Philipp: Der Schatz des Priamos. Wie Heinrich Schliemann sein Troja erfand. Bergsich
Gladbach: Gustav Lübbe Verlag, 1999. 454S., ISBN 3-404-61423-2, S. 158
2 Vgl. Siebler 1: a.a.O, S. 100
3 Homer: a.a.O, Gesang XXII, Vers 149f., S. 751
4 Döhl, Hartmut: Heinrich Schliemann. Mythos und Ärgernis. München und Luzern: Bucher 1981.
144S., ISBN 3-7658-0371-5, S.89
5 Vgl. Döhl: a.a.o, S. 445
6 Joaquim: a.a.O, S. 173
5
einfach ohne weiteres verschwinden konnten1, war das für Schliemann ein Beweis
für die Richtigkeit seiner Theorie.
Für ihn entscheidend war jedoch die Tatsache, dass der Hisarlik zwischen den
Flüssen Simoeis im Norden und Skamander im Süden lag, denn in der ,,Ilias" stand:
,,Aber nachdem sie Troja erreicht und die doppelte Strömung, wo des Simóeis Flut
sich vereint mit dem Strome Skamandros..."2
Würde Troja auf dem Bali Dai liegen, würde die ,,Ilias" nicht auf wahren Tatsachen
beruhen, denn weder der Simoeis noch der Skamander flossen in der Umgebung von
Pinarbai. Für Schliemann war jedoch gewiss, dass Homer die Stadt einige Hundert
Jahre nach ihrem Untergang gesehen haben musste, wie hätte er die Landschaft sonst
so naturgetreu beschreiben können?
Auch als Schliemann die ,,kalte" und die ,,heiße" Quelle am Bali Dai untersuchte
und meinte: ,, Alle hatten dieselbe Temperatur, 17,5 Grad Celsius."3, war das für die
restlichen Wissenschaftler noch immer kein Beweis, dass der Hobbyarchäologe
Recht hatte.
Ernst Curtius, ein Gegner Schliemanns, bemerkt einmal, ,,Schliemanns Troja sei
keineswegs eine Siedlungsstätte, es sei nichts anderes als eine große Nekropole."4
Weiters meinte er, der ,,Archäologe" hatte irgendwelche Mauern aufdecken lassen,
die für ihn schon den ,,Palast des Priamos" verkörperten.5
Schliemann versuchte wieder, sich und seine Theorie zu verteidigen und rechtfertigte
sich, indem er behauptete:
,,Der Hügel Hissarlik hat somit trotz seiner geringen Höhe eine beherrschende
Lage. Man überschaut von seinem Gipfel nicht nur die ganze troianische Ebene
und das DumbekThal
[
SimoeisTal; Anm. d. Verf.
]
, sondern auch die Küste am
Hellespont und diesen selbst in seinem Ausgange; darüber hinaus schweift der
Blick weit über das Meer bis zu dem zackigen Pik von Samothrake, und rückwärts
gegen Süden sieht man bei klarem Wetter die fernen Gipfel des Idagebirges. Ja,
am Abend, wenn die Sonne sinkt, erscheint, wie ein Phantom, weit hinten über
1 Vgl. Siebler 1:a.a.O, S. 103
2 Homer: a.a.O, Gesang V, Vers 774f., S. 185
3 Vandenberg: a.a.O, S. 159
4 Döhl: a.a.O, S. 16
5 Vgl. Siebler 1: a.a.O., S. 102
6
dem Aegäischen Meer die schattige Pyramide des Athos. Das ist die Szenerie,
welche Homer in wundervoller Naturtreue schildert." 1
Er rekonstruierte sogar, um seine Gegner eines Bessern zu belehren, den Ablauf des
,,ersten" Tages der ,,Ilias". Demnach wurde der Raum zwischen der Stadt und dem
griechischen Lager zumindest sechs Mal zurückgelegt.2 Dazu notierte Schliemann:
,,Die Entfernung von den Höhen von Bunarbaschi bis zum griechischen Lager am
Vorgebirge Sigeum beträgt 16 Kilometer, während alle Kämpfe und Hin und
Herzüge in der Iliade zu der Annahme berechtigen, daß die Entfernung von der Stadt
bis zum griechischen Lager kaum fünf Kilometer betragen konnte."3 Würde Troja
demnach auf den Höhen Bunarbaschis 40 Kilometer vom griechischen Lager
entfernt liegen, hätte sich Hektor eine gute Strecke von Troja entfernen können,
ohne Achilleus zu begegnen.4
Curtius bespöttelte diese ,,Anfängertheorie" nur. Was, wenn das Lager woanders lag
und zwar in der Besik-Bucht, südwestlich von Hisarlik? Die Entfernung zum Bali
Dai wäre nicht sehr groß gewesen!
Schliemann versuchte weiter vergeblich nach anderen Argumenten für die
,,Hisarlik-Theorie" zu suchen. Ein weiterer Punkt, der für ihn von entscheidender
Rolle war, war die Tatsache, ,,daß sowohl der Hellespont als auch die Ägäis gleich
weit und weniger als eineinhalb Kilometer vom Berg entfernt waren."5 Außerdem
wäre Troja läge es auf dem Hügel Hisarlik in einer großen und schönen Ebene
gegründet und von vielen Flüssen bewässert worden.6
,,Ein weiterer Grund, weshalb die Trojaner hier gebaut haben, statt anderswo in der
Troas, wie zum Beispiel in Bunarbaschi", erklärte er, ,,sie hatten in unmittelbarer
Nähe die denkbar besten Baumaterialien."7
Im Jahre 1873 konnte Schliemann dann den so wie er glaubte endgültigen
Beweis für seine Theorie erbringen: Er glaubte, den großen Turm gefunden zu
haben, der in der ,,Ilias" beschrieben wird. ,,Es gab und gibt auf Trojas Baustelle
1 Döhl: a.a.O, S. 133
2 Vgl. Vandenberg: a.a.O, S. 160ff.
3 Schliemann, Heinrich: Troja und Homer. Porträt eines Enthusiasten. Frankfurt am Main: Insel
Taschenbuch 1990. S. 115
4 Vgl. Schliemann: a.a.O, S. 117
5 Joaquim: a.a.O, S. 173
6 Vgl. Siebler 1: a.a.O, S.106
7 Stone, Irving: Der griechische Schatz. Das Leben von Sophia und Heinrich Schliemann. München:
Knaur 1976. 476S., ISBN 3-426-00619-7, S. 187
7
keine erhabenere Lage als diese, und ich vermute daher, daß er Iliums großer Turm
war, auf welchen Andromache stieg, weil sie gehört hatte, die Trojaner seien
bedrängt und gewaltig sei der Achäer Obermacht."1, meinte Schliemann zu seinem
Fund.
Er wusste, ein weiterer Beweis für die Historizität Trojas würde die Auffindung des
skäischen Tores sein, des mächtigsten aller Tore von Ilion. Und Schliemann fand,
was er suchte!
Diese Entdeckung wird von Michael Siebler beschrieben, indem er meint, dass
Schliemann neben seinem Haus [Schliemann wohnte während der
Ausgrabungsmonate in einer kleinen Hütte am Fuße des Hisarlikhügels, Anm. d.
Verf.] in einer Tiefe von neun Metern zwanzig Zentimetern auf eine fünf Meter
zwanzig Zentimeter breite Straße stieß, die mit großen Steinplatten gepflastert war.2
,,Das mußte die Rampe zum großen ,, Skäischen Tor" der Ilias sein."3
Doch auch jetzt glaubten Curtius und Co. Schliemann nicht. Weiter belächelten sie
den ,,reichen Irren", der einem Jugendtraum nachjagte. Sie hielten seine Funde nur
als reine ,,Zufallstreffer" als Anfängerglück, denn die in der ,,Ilias" so reich
beschriebenen Schätze des Priamos würde Schliemann gewiss nicht finden.
Doch auch hier sollten sich die Wissenschaftler täuschen.
Am 31. Mai oder 7. Juni [hängt davon ab, ob Schliemann den griechischen oder den
gregorianischen Kalender benutzte, Anm. d. Verf.] 1873 entdeckte er einen
Goldschatz am Fuße des skäischen Tores: ,,. . . und stieß beim Weitergraben auf
dieser Mauer unmittelbar neben dem Haus des Priamos auf einen großen kupfernen
Gegenstand höchst merkwürdiger Form, der um so mehr meine Aufmerksamkeit auf
sich zog, als ich hinter demselben Gold zu bemerken glaubte."4
Jetzt endlich glaubte er, jegliche Kritik über ,,sein" Troja beseitigt zu haben, doch
die Forscherwelt bemerkte bloß, wie es denn möglich sei, dass der Schatz außerhalb
der Stadtmauern des heutigen Troja II [Schliemann setzte es mit dem Homerischen
gleich, Anm. d. Verf.] gefunden worden wäre? Doch Schliemann fand auch dafür
eine Antwort, die eigentlich relativ logisch erscheint. Er meinte:
1 Siebler 1: a.a.O, S. 112
2 Vgl. ebda. S. 119
3 ebda.
4 Vandenberg: a.a.O, S. 271
8
,,Vermutlich hat jemand aus der Familie des Priamos den Schatz in aller Eile in
die Kiste gepackt, diese fortgetragen, ohne Zeit zu haben, den Schlüssel
herauszuziehen, ist aber auf der Mauer von Feindes Hand oder vom Feuer
erreicht worden und hat die Kiste im Stich lassen müssen, die sogleich 1 Meter 50
oder 1 Meter 80 Zentimeter hoch mit der roten Asche und den Steinen des
daneben stehenden königlichen Hauses überschüttet wurde." 1
Mit welchen Argumenten auch immer Schliemann versuchte, seine Theorie zu
beweisen, nie wurde ihm Glauben von Berufsarchäologen oder ausgebildeten
Wissenschaftlern geschenkt, denn er war nur ein neuer, ein Hobbyarchäologe, keiner
von ihnen, und ,,insgesamt gab es nur wenige Wissenschaftler, die sie unterstützten,
nur wenige Menschen standen vorbehaltlos hinter ihnen."2
Schliemann veranstaltete zwei Hisarlik-Konferenzen, zu denen er bekannte
Wissenschaftler seiner Zeit einlud, um ihnen zu beweisen, dass Hisarlik das
Homerische Ilion und keine Feuernekropole war. Als alle anderen meinten, dies sei
keine Feuerstätte und es könne durchaus Troja sein, bemerkte Curtius: ,, Ich halte
den Ort von Schliemanns Grabungen für das neue Ilion, das unter den Makedoniern
und Römern seine Blütezeit erlebte. Ich glaube nicht, dass dies das alte Troja ist; das
liegt bei Bunarbaschi unter der Erde."3
Der Großteil der Wissenschaftler der damaligen Zeit glaubte jedoch - trotz aller
Versuche Schliemanns, sie vom Gegenteil zu überzeugen - noch immer an die
,,Curtius-Theorie"
3.2.2 Für den Bali Da
i bei Bunarbaschi und gegen den Hisarlik
Ernst Curtius, Schliemanns ärgster Gegner, bemerkte einmal Schliemann gegenüber
in einem Brief: ,, Falls das Troja wirklich existiert hat, Herr Schliemann, dann gewiß
nicht auf einer Feuernekropole. Wenn, dann hat es sich in der Abgeschiedenheit von
Bunarbaschi befunden, das schon Julius Cäsar und Alexander dem Großen bekannt
war."4
1 Siebler 1: a.a.O, S. 126f.
2 Joaquim: a.a.O, S. 294
3 Vandenberg: a.a.O, S. 215
4 Joaquim: a.a.O, S. 445
9
Dabei vergaß der Berliner allerdings, dass Alexander der Große sich sein ,,eigenes"
Troja gegründet hatte: Alexandria Troas - im Süden Bunarbaschis.
Michael Siebler meint, dass Curtius dem Franzosen Lechavalier mehr glaubte, denn
dieser hatte im 18. Jahrhundert behauptet, die Quellen am Fuße des Bali Dai wären
mit den Homerischen Quellen gleichzusetzen.1
Als Schliemann den Einwand brachte, diese Quellen hätten dieselbe Temperatur2,
meinten seine Gegner nur, dass das vor 1000 Jahren anders hätte gewesen sein
können.
Curtius´ Ansicht nach konnte man in der Besik-Bucht, wo er das Lager der
griechischen Soldaten vermutete, ,,die in Form eines Waschtroges ausgearbeiteten
Felsen"3 sehen und ,,rings umher sprudeln die Quellen aus dem Boden wie in der
Göttinger Papiermühle, grüner Rasenteppich und eine Menge von Bäumen umher
ein entzückender Platz und ein Hauptbeweis, daß hier auch die bedeutendste
Niederlassung in alter Zeit gewesen sei."4
Schliemann meinte, dass es in der Umgebung des Bali Dai noch mehrere Quellen
gab und außerdem bemerkte er: ,,Ich habe dort gegraben und nichts gefunden."5
Daraufhin konnten die Verfechter der Bunarbaschi-Theorie nichts erwidern. Sie
gingen über den Einwand hinweg und besuchten ihrerseits selber Schliemanns
Ausgrabungen.
Frank Calvert, der Besitzer der einen Hälfte des Hisarlik schrieb an Schliemann über
diesen Besuch folgendes:
,,Curtius und seine Männer haben die BunarbaschiTheorie übernommen,
ungeachtet all meiner Versuche, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Mister
Hirschfeld (ich glaube, so schreibt man seinen Namen), der in Athen studiert,
vertritt die Ansicht, daß die Mauern, die Sie entdeckt haben (und ebenso die,
welche ich ausgegraben habe), aus jüngerer Zeit stammen und nicht vom alten
Troja." 6
Schliemann, der dem nichts entgegensetzen konnte, meinte nur: ,,Es ist in der Tat
unbegreiflich, wie man jemals die Höhen Bunarbaschis hat für die Stelle Trojas
1 Vgl. Siebler 1: a.a.O, S. 23
2 Vgl. Vandenberg: a.a.O, S. 159
3 Döhl: a.a.O, S. 23
4 ebda.
5 Stone: a.a.O, S. 124
6 Vandenberg: a.a.O, S. 215f.
10
halten können"1, weil ,,bei klarem und unvoreingenommenem Blick würden sie
[=Besucher, Anm. d.Verf.] sofort erkennen, daß es rein unmöglich ist, die Lage
dieser Höhen mit den Angaben der Iliade in Übereinstimmung zu bringen."2
Um jedoch seinen Gegner endgültig zu beweisen, dass Troja wirklich nicht in
Bunarbaschi liegen konnte, begann Schliemann erneut mit Ausgrabungen am Bali
Dai er fand jedoch nicht die geringsten Trümmer von Ziegel oder Töpferware3
und so gelangte er zu der Ansicht, ,,daß man sich über die Lage Trojas getäuscht
habe."4
Wie hätte denn dann das Heer zu trinken bekommen, denn an ,,Schliemanns"
Lagerplatz nahe dem Hisarlik gab es kein Trinkwasser, fragten seine Gegner.5
Außerdem hätten die Griechen ja angeblich Streifzüge in den Süden von Hisarlik
unternommen, doch wie sei das denn möglich wenn das Lager der Achäer nördlich
von diesem Hügel lag an den Feinden vorbeizukommen ohne gesehen zu werden?6
Das war eine der Fragen, auf die Schliemann keine Antwort wusste und deshalb
überging er sie einfach. Konterte im gleichen Augenblick aber, indem er vor seinen
gelehrten ,,Freunden" folgendes bemerkte:
,,Troja ist nur 722 Jahre früher als diese Städte
[
Mykene, Tiryns, Anm. d. Verf.
]
zerstört worden; wenn es daher wirklich auf der Stelle, welche man ihm auf den
Höhen von Bunarbaschi anweist, existirt [sic!] hätte, so würde man dort gewiß
noch heute in gleicher Weise Ruinen finden, wie in Mykenä und Tiryns; denn die
cyclopischen Bauwerke verschwinden nicht spurlos, und Trümmer von Ziegeln
und Töpferwaren findet man überall, wo menschliche Wohnungen gestanden
haben." 7
Darauf wussten freilich seine Gegner keine Antwort und es schien, als ob der Streit
um den Platz Trojas ewig bestehen bleiben würde!
1 Schliemann: a.a.O, S. 115
2 ebda.
3 Vgl. ebda. S. 105
4 ebda.
5 Vgl. Mey , Oscar: Schlachtfeld um Troja. Eine Untersuchung. Berlin und Leipzig: de Gruyter, 1926.
37 S./ ill, S.13
6 Vgl. ebda. S.12
7 Siebler 1: a.a.O, S. 103
11
4 Schliemanns Irrtum
4.1 Schliemanns Täuschung und Schliemanns Zweifel
Schliemann war Zeit seines Lebens davon überzeugt, dass das heutige Troja III,
später dann das heutige Troja II, dem homerischen entsprach.
Sein Fehler war, dass er annahm, das homerische Troja müsse am Boden vom
Hisarlik zu finden sein. Er wurde in dieser Meinung bestärkt, als Schliemann auf eine
große Menge verbrannten Baumaterials in seinem Troja [wird als Troja III
weitergeführt, Anm. d. Verf.] stieß.
Mittels moderner Technik konnte man aber nachweisen, dass ,,das Troja, das er
gefunden und als das homerische beschrieben hat, die ,,verbrannte" Stadt, Troja III
vom Urboden, vom gewachsenen Fels aus gerechnet, [...] um mindestens tausend
Jahre älter [ist].1
Schliemann hätte seinen Irrtum sicherlich bemerkt, doch einige Mauerüberreste des
tatsächlichen Trojas [man vermutet, dass es das heutige Troja VI oder Troja VIIa ist;
der Name wird weitergeführt, Anm. d. Verf.] waren zu schlecht erhalten oder zerstört
gewesen.2 Hätten diese Überreste noch gestanden, wäre es möglich gewesen,
Schliemann seine Täuschung erkennen zu lassen.
In seinen letzten Lebensjahren hatte der Hobbyarchäologe Zweifel ob der Richtigkeit
seiner Theorie, denn ,,in einem Bericht vom 24.Mai [1890]notiert er, daß das von
ihm gefundene Troja vielleicht für die großen Taten der Ilias doch viel zu klein
erscheinen könne."3 [Troja III hatte nämlich einen Durchmesser von 110 Metern,
Anm. d. Verf.] Zugleich meinte er jedoch, dass ,,Homer alles mit dichterischer
Freiheit übertrieben hat."4
Außerdem wunderte sich Schliemann, dass er nur einen Totenschädel während
seiner neun Jahre in Troja gefunden hatte5, wo ,,bei der Einnahme der Burg doch
ein fürchterliches Gemetzel gewesen sein muss."6
1 Schliemann: a.a.O, S. 314
2 Vgl. Siebler 2: a.a.O, S. 315
3 Döhl: a.a.O, S. 81
4 ebda.
5 Vgl. Döhl: a.a.O, S. 93
6 ebda.
12
Einmal bemerkte Schliemann gegenüber seinem Architekten Wilhelm Dörpfeld, wie
es denn möglich sei, eine große Stadt zu beschreiben, wenn Troja in Wirklichkeit nur
ein Dorf war, welches kaum 3000 Einwohner zählte?1
Außerdem meinte er seiner Ehefrau Sophia gegenüber: ,,Wäre Troja nur eine
unbedeutende befestigte Siedlung gewesen, wie man es aus den Ruinen unserer
[Sophia war bei den Ausgrabungen dabeigewesen, Anm. d.Verf.] dritten Stadt
schließen könnte, so hätten einige hundert Mann es ohne Mühe in wenigen Tagen
erobern können."2
Weiters war er der Meinung, dass ein Untergang einer kleinen Stadt wohl kaum von
Barden besungen worden wäre.3
Deshalb beschloss Schliemann erneut, das homerische Troja zu finden, welches für
ihn bald darauf das heutige Troja II war. ,,Dörpfeld wies anhand der neuen
Ausgrabungen nach, dass die zweite Stadt in einer noch schrecklicheren Feuersbrunst
unterging, als die dritte."4 Das bestärkte Schliemann in seiner neu erworbenen
Meinung und er gab zu, dass sein größter Fehler in der letzten Grabungskampagne
[1879, Anm.d. Verf.] der gewesen war, dass er nicht richtig zwischen einer zweiten
und einer dritten Schicht unterschieden hatte.5
Deshalb war sich Schliemann am Ende seiner letzten Grabungskampagne im Jahre
1884 über seine Täuschung bezüglich der Schichten sicher und dazu meinte er bloß:
,,Das zweite Troja ist die verbrannte Stadt"6, was er mit dem Argument ,,sie ist
bedeutend größer als die dritte Siedlung"7 zu beweisen glaubte.
Michael Siebler behauptet, dass er ganz zum Schluss seiner Lebenszeit [ungefähr um
1889, Anm. d.Verf.] erkannte, dass das homerische Troja auch nicht Troja II hatte
sein können, weil es viel zu alt für den in der ,,Ilias" beschriebenen Trojanischen
Krieg war. [Das Homerische Troja ging 722 Jahre vor Mykene unter.8 Man kennt die
Lebensdaten von Agamemnon, der einer der letzten Könige von Mykene war und
rechnete dann eben zurück. Troja II ging aber zirka 1000 Jahre vor Mykene unter,
Anm. d. Verf.]
1 Vgl. Vandenberg: a.a.O, S. 405
2 Stone: a.a.O, S. 430
3 Vgl. Stone: ebda., S. 430
4 Vandenberg: a.a.O, S. 407
5 Vgl. Stone: a.a.O, S. 431
6ebda. S. 431
7 ebda.
8 Vgl. Zitat Nr. 6 auf Seite 16
13
Was der Hobbyarchäologe jedoch bis zu seinem Lebensende nie zugeben wollte,
war, dass sein in Troja gefundener Schatz nicht dem ,,Schatz des Priamos" entsprach.
Darüber bemerkte er einmal folgendes zu seiner Frau: ,,Als wir zu den Fundamenten
der zweiten Siedlung vorstießen, haben wir einen Turm der zweiten Stadt genau dort
entdeckt, wo wir in den Trümmern den Schatz fanden.1
Man darf bei allen von Schliemanns Fehlern und Täuschungen nicht vergessen: ,,The
supreme dedicated aim of all his digging was to recover convincing evidence of the
historic reality of the Trojan War and the Homeric Story."2
4.2 Wilhelm Dörpfeld
Wilhelm Dörpfeld kam 1882 zu Schliemanns Team. Seine Erfahrungen hatte er sich
bei den Grabungen in Olympia angeeignet, wo er auch zum ersten Mal auf
Schliemann getroffen war.
Dörpfeld bewirkte einige Neuerungen am Hisarlik.
Irving Stone schreibt in seinem Buch, dass er zum Beispiel erkannte, dass die dritte
Stadt nicht das ,,Homerische" Ilion sein konnte, weil es - wie schon vorher gesagt -
einen zu geringen Durchmesser hatte3, aber dass auch diese Stadt durch eine
Feuerbrunst zerstört worden war.4
Philipp Vandenberg meint dazu, dass Dörpfeld das erste Mal genauere Unterschiede
zwischen Troja II und Troja III machte, indem er nachwies, dass der Brandschutt, der
Schliemann zu seiner voreiligen Behauptung, das Troja III sei ,,Homers" Troja,
geführt hat, nicht von einer Schicht stamme, sondern von zwei verschiedenen.5
Nach Schliemanns Tod im Jahre 1890 stellte Sophia Schliemann Dörpfeld alle Mittel
zur Verfügung, um weiter in Troja ausgraben zu können. Dort entdeckte der deutsche
Architekt bald, dass auch seine Theorie, dass Troja II das Homerische sei, falsch war.
Zum ersten Mal trat der Gedanke auf, dass doch vielleicht Troja VI das Troja der
Ilias gewesen sein konnte. Dazu meinte Martin Emele:
,,Schliemann habe zwar aufgrund der Entdeckung von Mauern der Stufe Troia VI
durchaus die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten seiner Sicht geahnt oder
1 Stone: a.a.O, S. 432
2 Blegen, Carl W. : Troy and the Trojans. London: Thames and Hudson, 1963. 240S.; S. 123
3 Vgl. Stone: a.a.O, S. 431
4 Vgl. Vandenberg: a.a.O, S. 407
5 Vgl. ebda. S. 408
14
gar erkannt, jedoch keinesfalls schon eine Identifizierung eines homerischen
Troia mit Troia VI vorgenommen, eine Erkenntnis, die hingegen für einige seiner
Mitarbeiter wie Wilhelm Dörpfeld oder Adalbert Brückner schon 1890
anzunehmen ist." 1
5 Manfred Korfmann
5.1 Seine Entdeckungen
Einige Jahre nach Schliemanns Tod begann der amerikanische Archäologe C. W.
Blegen mit Ausgrabungen in Troja. Er datierte Troja VI viel früher, ,,so fällt für ihn
[sic!] das Troja VIIa, das auf Troja VI aufbaute und durch Feuer zerstört wurde, die
Ehre zu, das homerische zu sein."2
1938 schien die letzte Grabungskampagne die 16. - am Hisarlik stattgefunden zu
haben, doch 1988 nahm ein Team von Wissenschaftlern die Arbeit am
,,Schicksalsberg der Archäologie" von Neuem auf unter der Leitung des Tübinger
Professors für Ur-und Frühgeschichte Manfred Korfmann.3
Eine aufregende Entdeckung war, dass das Troja der Bronzezeit (Troja VI) viel
größer war als ursprünglich angenommen. Es gab nämlich noch eine bisher
übersehene Unterstadt. Meist lebte in der Unterstadt die sozial niedrigere
Bevölkerung.4
Auch entdeckte Korfmann, dass Troja II viel jünger war als bisher angenommen. Die
neue Datierung lautete 2600-2490 v. Chr, eventuell auch etwas früher.5
Im Jahre 1997 entdeckte Korfamanns Team auf nur 125 Quadratmetern ,,11
Bauphasen aus im allgemeinen mächtigen Steinfundamenten"1
Zu Schliemanns Zeiten glaubte man, dass der ,,Schatz des Priamos" aus der Zeit von
Troja II stammte und ebenso das Tor, welches von Schliemann als das ,,Skäische"
identifiziert worden war.
1 Siebler 2: a.a.O, S. 25
2 Blegen: a.a.O, S. 318
3 Vgl. Ulrich Eberl in Geo: Troia. Ein Mythos im neuen Licht. Nr.6/Juni 1995, S.18
4 Vgl. ebda. S. 24
5 Vgl. Siebler 2: a.a.O, S. 74
15
Korfmann entdeckt jedoch, dass es möglich war, dass sowohl der Schatz als auch die
Steinrampe noch aus der Zeit Troja III sein konnten.2
Es zeigte sich auch, dass sowohl die Stadt Troja VI als auch Troja VII Brandspuren
aufweisen. Korfmann ist der Meinung, dass die Brandschicht Troja VI auf ein
Erdbeben zurückzuführen ist.3
Außerdem entdeckte Korfmanns Team einen Graben, der wahrscheinlich von einer
Mauer umgeben war. Die Philologin Brigitte Mannsperger fand eine Stelle in der
,,Ilias", in der ein Graben mit Befestigungsmauer beschreiben wird.4
Jüngst entdeckten die Forscher jene zwei Quellen, die in der ,,Ilias" beschrieben sind.
,,Sie waren in einem Höhlensystem verborgen, das zu einer maritimen Anlage der
Stadt gehörte."5
5.2 Atlantis
Der griechische Philosoph Platon berichtete das erste Mal über ein untergegangenes
Reich namens Atlantis in seinen Werken ,,Kritias" und ,,Timaios". ,,Platon berichtet,
die Legende sei im sechsten Jahrhundert v. Chr. während eines Gesprächs zwischen
dem griechischen Staatsmann Solon und einem Priester in Säis, der damaligen
Hauptstadt Ägyptens, ins Leben gerufen worden ."6
Eberhard Zangger beschäftigt sich in seinem Buch ,,Atlantis - eine Legende wird
entziffert" auch mit der AtlantisTrojaTheorie und meint, dass die Geschichte von
Atlantis im wesentlichen nur Troja in seiner Blütezeit beschreibe.7
Wörtlich übersetzt heißt Atlantis ,,Tochter des Atlas" und der Sage nach ist Atlas der
Ahnenherr des trojanischen Königshauses.8
In Platons Werken wird weiters behauptet, diese Stadt wäre untergegangen ebenso
wie offenbar viele trojanische Gebäude in der Ebene nach dem Krieg unter
Schwemmland begraben wurden.1
1 URL: http://www.uni-tuebingen.de/troia/st/eight/ab/german/ab1ger.html Troia-Ausgrabungen 1997
[17.02.2000, 14.09 Uhr]
2 Vgl. ebda.
3 Vgl. ebda.
4 Vgl. Ulrich Eberl und Johanna Romberg in Daimler Benz High Tech Report: Data Highways.
Virtual Worlds, Nr.1/1995, S. 21
5 Dimensionen. Die Welt der Wissenschaft. Bericht von Martin Heidinger, Ö1, 19.11.1999, 19.00
6 Zangger, Eberhard: Atlantis. Eine Legende wird entziffert. Gütersloh: Bertelsmann 1993. 336S.,
ISBN 3-426-26682-2, S.24
7 Vgl. Zangger: a.a.O, S.26
8 Vgl. ebda. , S.165
16
Außerdem [brachte] ,, die Erde von Atlantis [...]
,,genügend Nahrung"
[Wörter, die
in Kritias vorkommen, Anm. d. Verf.] hervor. [...] Die Troas hat gutes Ackerland."2
Auch ein Kanal könnte als Beweis für die Atlantis-Troja-Theorie dienen, denn das
Volk von Atlantis baute einen Kanal vom äußersten Wasserring der Stadt in das
Stadtinnere. Ein solcher Kanal, der künstlich angelegt wurde, ist ebenfalls in der
Ebene von Troja zu finden und erscheint auch auf jeder topographischen Karte dieses
Gebietes.3
Als wichtigster Beweis für diese obengenannte Theorie sind aber die zwei Quellen,
die in der ,,Ilias" genannt werden, denn auch in der ,,Kritias" steht folgendes
geschrieben: ,,Er stattete die Insel [...] aufs schönste aus, indem er zwei Quellwasser
aus der Erde aufsprudeln ließ, von denen das eine warm, das andere kalt aus einem
Brunnen fließt."4
Eberhard Zangger vertritt die Meinung, dass es viele ähnliche Elemente gibt, jedoch
die Datierung, die Lage, die Größe und der Inselcharakter nicht auf Troja zutreffen5
und die Wahrheit der Atlantis-Erzählung nur eine verzerrte Wiedergabe der
Vorgeschichte des Trojanischen Krieges sei.6
Nicht nur Eberhard Zangger ist der Gedanke an eine Identifizierung der beiden
Städte als eine Stadt ein anzunehmender Gedanke, sondern auch Atlantologen und
andere traditionelle Forscher nennen diese beiden Namen oft in einem Atemzug.7
Manfred Korfmann meint zu dieser Theorie, dass es Zeit- und Geldverschwendung
sei, Atlantis suchen zu wollen. Platon hätte seinen Zuhörern erzählt, das gab es
einmal, und das hätten dann eben auch einige geglaubt. Viele Leute versuchten diese
versunkene Stadt an allen möglichen Plätzen der Welt zu finden [mittlerweile hatten
40 Städte die ,,Ehre", mit Atlantis identifiziert zu werden. Anm. d. Verf. ] und so sei
eben auch einmal Troja an die Reihe gekommen.8
1 Vgl. ebda., S. 170
2 Vgl. ebda. S.197
3 Vgl. ebda. S. 206
4 ebda. S.192
5 Vgl. ebda., S.304
6 Vgl. ebda., S. 23
7 Vgl. ebda. S. 301
8 Vgl. Dimensionen der Wissenschaft: a.a.O
17
Mit Hilfe moderner High Tech konnte man feststellen, dass sich nirgendwo ein
Hinweis auf diese Millionenstadt in Troja finden lässt.1
5.3 Wilusa
Oft wird Troja mit Wilusa, einer anatolischen Stadt und hochaktiven Metropole,
gleichgesetzt.
Manfred Korfmann meint: ,,Mit dieser Stadt werden Verträge geschlossen, es werden
Kriege geführt und die Könige sind genannt unter anderem ein Alexandou [...] wer
denkt da nicht an Ilios [...] und da hat man schon lange daran gedacht."2 Weiters ist
er der Meinung, dass man glauben könnte, dass eben dieser anatolische König bei
Homer mit dem Prinzen Alexandros [=Paris, Anm. d. Verf.] gleichzusetzen ist.3
Außerdem wurde bei den Grabungen in Troja ein Siegel mit lovischen [lovisch ist
die Schrift, die in ganz Anatolien verwendet wurde; Anm. d. Verf.] Hieroglyphen
gefunden.4
,,Wenn wir in Wilusa graben, dann sollte man eben auch einige Charakteristika
dieser Stadt, die wir aus den hethitischen Quellen kennen, wiederfinden können"5,
meint der Tübinger Grabungsleiter.
Solche Gemeinsamkeiten sind eben Alexandou und der Gott Apolliona. Dieser Gott
wird in einem Vertrag zwischen dem Hethiterkönig und dem König von Wilusa als
Zeuge genannt. Apolliona könnte dem griechischen Gott Apollo gleichgesetzt
werden.6
Würde Troja wirklich Wilusa sein, wäre der Schauplatz der ,,Ilias" kein griechischer,
sondern ein anatolischer.
Tatsächlich war Wilusa ins Innere Kleinasiens orientiert und nicht hin zur
griechischen Welt. Zwar fand man mykenische Funde, die jedoch meist nur
Nachbildungen waren und in Kleinasien selbst produziert wurden.7
1 Vgl. ebda.
2 ebda.
3 Vgl. ebda.
4 Vgl. ebda.
5 ebda.
6 Vgl. ebda.
7 Vgl. ebda.
18
6 Trojas Vormachtstellung
Troja war im zweiten Jahrtausend vor Christus eine bedeutende Hafenstadt, was
natürlich auch zu politischer und wirtschaftlicher Macht führte.
Außerdem war sie eine Stadt, die aufgrund zahlloser Verbündeter eine Machstruktur
gestrickt hatte.
Troja hatte Handelsbeziehungen mit dem Kaukasus, mit dem Schwarzmeerraum,
weswegen sie nicht nur für die Hethiter sondern durchaus auch für die Griechen
interessant war.1
Der Hauptgrund für Trojas Machtstellung im Mittelmeerraum war jedoch der Wind.
Er blies das ganze Jahr über fast immer nur aus Nordosten, wodurch die Meerenge
der Dardanellen oft monatelang nicht passierbar war.2 ,,Denn die kiellosen Schiffe
der Bronzezeit konnten noch nicht gegen den Wind kreuzen. So mussten sie in der
Beik-Bucht unweit Troias vor Anker gehen."3
Dort warteten die Händler monatelang auf den Wind.
,,In jedem Fall dürften sie von den Bewohnern des nahegelegenen Troia zur
Kassa gebeten worden sein. Die strategisch günstige Position sicherte den
Troianern über Jahrtausende hinweg Reichtum und Macht, fordert allerdings
auch Neid und Eroberungsgelüste heraus."4
Manfred Korfmann vermutet, dass es nicht nur einen ,,Trojanischen Krieg" gab,
sondern mehrere.
1 Vgl. ebda.
2 Vgl. Geo: a.a.O, S. 24
3 ebda.
4 ebda.
19
7 Geologische Untersuchungen der Troas
Als Lagerplatz der Achäier wurde immer das Ufer des Hellespontes angesehen, wie
es in der ,,Ilias" beschrieben wird. ,,Und im Sinne Hellespontes = Dardanellen konnte
zu diesem Zweck nur jener Uferstreifen nördlich von Troja bei der Mündung des
Skamander in die Dardanellen in Frage kommen. Dieser Platz war jedoch zu klein
für ein Schiffs- und Kriegslager."1
Forchhammer sagte in seiner Abhandlung ,,Skamandros" auf Seite 143, dass die
Skamanderebene jährlich durch die steigende Flut der Dardanellen überschwemmt
worden war und dass sich ein menschliches Lager schon deshalb nicht in der Eben
hatte befinden können.
Weiters war Oscar Mey der Ansicht, dass die ,,Ilias" ein Dichterwerk ist und
deswegen nicht auf geographische oder topographische Angaben geprüft werden
darf.2
W. Sieglin schrieb 1898 in einer Festschrift für H. Kiepert unter dem Titel ,,Beiträge
zur alten Geschichte und Geographie", dass zu der Begriff Hellespontes zur
achaischen Zeit die gesamte nördliche Ägäis meinte3 und somit das Schiffslager der
Griechen an allen Küstenstreifen der Ägäis zu suchen sei.
Dr. A. Brueckner aus Berlin erklärte, ,, daß [sich] [...] seiner Meinung [nach] die
Beika-Bucht südwestlich von Troja [...] für die Landung der Griechen weit besser
geeignet hätte."4
Oscar Meys Untersuchungen ergaben, dass wäre das Schiffslager der Achäier
tatsächlich nördlich von Troja gewesen das Heer kein Trinkwasser gehabt hätte.5
Wäre das Lager jedoch in der Beika-Bucht gewesen, hätten die Soldaten genügend
zu Trinken besessen, da ,,wir noch heute am Nord- und Südrande je drei Quellen
[finden] und die geologische Struktur gestattet die Annahme, daß solche Quellen
auch in achaischer Zeit möglich und im Gange waren."1
1 ebda. S.10
2 ebda.
3 ebda. S.11
4 ebda. S.12
5 ebda. S. 13
20
8 Schlusswort
Es ist immer schwer, sich zu einem wissenschaftlichen Thema eine Meinung zu
bilden, weil es immer Argumente und ebenso Gegenargumente für diese oder jene
Theorie gibt.
Wissenschaft hat in diesem Fall sehr viel mit der eigenen Glaubenssache zu tun.
Glaubt man selbst in diesem Fall an Homer als einen Geschichtsschreiber und in
diesem Zusammenhang auch an die Existenz des Trojanischen Krieges, ist die
Wahrscheinlichkeit groß, dass das Homerische Troja mit dem Ilion auf dem Hügel
Hisarlik gleichzusetzen ist, besonders mit dem heutigen Troja VI oder Troja VIIa.
Dazu meint der Physiker Hans Günter Jansen, der zur Zeit auch bei den trojanischen
Ausgrabungen am Hisarlik tätig ist,: ,,Viele der schmückenden Beiworte bei Homer
und seine Ortsbeschreibungen passen sehr gut und wohl am ehesten zu Troia VI
(oder Troia VII) [sic! Ohne Beistrich ] wie wir sie heute kennen, und wie sie wohl zu
Homers Lebzeiten zumindest teilweise noch an der Oberfläche sichtbar waren" 2
Auch Manfred Korfmann meint dazu : ,,Wenn es den troianischen Krieg als Kern
einer in der Ilias enthaltenen Erinnerung aus frueherer Zeit ueberhaupt gab, dann ist
ein derartiges Ereignis am ehesten mit Troia VI (Ende) zu verbinden = Erdbeben
oder mit dem Ende von VIIa = verlorener Krieg.3
Glaubt man jedoch nur an ein Epos von Homer, in dem vielleicht ein Körnchen
Wahrheit steckt, ist es schwer, überhaupt an die Existenz der Stadt Troja zu glauben.
Meint man jedoch, Homer hat nur eine Geschichte erfunden, sie niedergeschrieben
und Schliemann war am Hügel Hisarlik nur ein Zufallstreffer gelungen, dann hat es
Troja freilich nie gegeben!
Eines jedoch ist in der TrojaForschung wichtig: Glaubt man daran, dass es einst
eine Stadt Atlantis gab, für die es bis jetzt noch keine Beweise gibt außer in Platons
Erzählungen, dann muss man auch an Troja glauben, da man für diese Stadt
(abgesehen von Schliemanns Ausgrabungen) auch nur Homers Epos als Grundlage
hat!
1 ebda.
2 E-mail von Dr. Hans Günther Jansen, Physiker der Trojaausgrabungen, vom 21.9.1999
3 E-mail von Univ. Prof. Dr. Manfred Korfmann, Leiter der Trojaausgrabungen, vom 30.9.1999
21
Es ist ein Widerspruch, zu behaupten, Atlantis hätte irgendwann existiert und Troja
nicht, denn über beiden Städten schwebt ein Mythos für den wir keine Beweise
haben.
22
TROIA AUSGRABUNGEN 1997
mit einem topographischen Plan zu "Troia und Unterstadt"1
Manfred Korfmann
und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
2 A. Ausgrabungen, Frühe bis Mittlere Bronzezeit, Troia I-V.
Bereich der Megaronbauten
Die Ausgrabungsarbeiten östlich der altbekannten Megaronbauten der Periode Troia
II wurde weitergeführt.
Es handelt sich um Troia I Spät-Bauten, weiterhin um die seit kurzem bekannte
"Zwischenphase Troia I Ende" bzw. um "Troia II". Auf der Basis solcher
Grabungsergebnisse ist nach wie vor die Berechtigung einer eigenständigen "Troia
II-Kultur" kritisch zu diskutieren.
Auf der Burgmauer
Die Grabungen fanden auf einem aus früherer Zeit stehengelassenen Erdkegel im
Quadrat G6 statt. Die Vorstellung einer baulichen Kontinuität von Troia II nach
Troia III wurde dabei bestätigt. Ein typisches Troia I-Gefäß lag auf dem Fußboden in
einer Troia III-Brandschicht, und zwar neben Troia III-Keramik.
Dies wie auch die Architekturkontinuität als solche unterstreicht, daß die angeblichen
Perioden Troia I, II und III im Grunde genommen eine zusammenhängende Kultur
repräsentieren. Wir nennen sie wegen ihrer Verbreitung an den Küsten des
Marmarameeres und der nördlichen Ägäis "Maritime Troia-Kultur".
Eine Bemerkung, auch vor dem Hintergrund dieser Ausgrabungsstelle, sei
wiederholt: einige der Schatzfunde Troias können durchaus Troia III-zeitlich sein,
z.B. der "Schatz des Priamos" = Schatz A. Auch die berühmte Troia II-Steinrampe
war sehr wahrscheinlich noch zur Zeit von Troia III in Benutzung.
3 B. Ausgrabungen, Mittlere und Späte Bronzezeit, Troia VI/VII
Westlich des Südtores und Turm VIi, Quadrat G9
Es zeigte sich, daß der wichtigste Turm der Burg offenbar erst gegen Ende von Troia
VI oder zu Anfang von Troia VIIa - d.h. ca. 1200 v.u.Z. - errichtet bzw. erneuert
1 Die folgende Zusammenfassung ist eine Kürzung von URL: http://www.uni-
tuebingen.de/troia/st/eight/ab/german/ab1ger.html Troia Ausgrabungen 1997 [26.2.2000,11.15 Uhr]
23
worden ist. Da das Haupttor der Troiaburg (Tor VIU) zu dieser Zeit zugemauert
wurde, war offenbar das verbliebene Südtor durch besondere Maßnahmen
abzusichern.
Älter, zu Troia VI gehörig, sind hingegen Brandreste, die tief im Innneren des
Turmes freigelegt wurden.
Unterstadt, Wohngebiet unmittelbar westlich der Burg, Quadrate yzA6/7/8
Es zeigte sich, daß es hier sowohl gegen Ende von Troia VI als auch von VIIa eine
Brandschicht gab. Während erstere wohl auf ein Erdbeben zurückzuführen ist, war
letztere, worauf wir früher schon hinwiesen, mit einer kriegerischen Handlung
verbunden. Es war einer der vielen Kriege um Troia, hier zudem ein verlorener
Krieg.
Unterstadt und Verteidigungsanlagen aus Holz, Quadrate KL16/17
Am Anfang von Troia VI gab es in diesem Randbereich der Unterstadt Werkstätten
für Metallverarbeitung und interessanterweise auch für die Textilfärbung mit der
Purpurschnecke (Murex). Letztere kennt man ansonsten aus dem palästinensisch-
syrischen Küstengebiet, aus dem Kulturgebiet der Phönizier. Bisher waren es an
dieser Stelle 10 kg Muscheln. Das deutet darauf hin, daß es in Troia eine
anspruchsvolle Textilindustrie gab.
Am Ende der Zeit von Troia VIIa wurde die Unterstadt aufgegeben, offenbar nach
einer Brandkatatstrophe, die hier ebenso wie im Burgbereich von Troia zu fassen ist.
Unterstadt, Quellhöhle und Umgebung, Quadrate rstu14/15
Mit der Freilegung einer (bisher) etwa 36 Meter tiefen Quellhöhle und deren
Vorplatz wurde 1997 begonnen.
Es besteht der Verdacht, daß es sich hier um eine bzw. diejenige Quellhöhle handelt,
die inTroia in dieser oder in ähnlicher Form vorhanden gewesen sein muß - vgl.
hethitisch dKASKAL.KUR. Diese Aussage setzt freilich voraus, daß man davon
ausgehen kann, daß (W)Ilios mit Wilusa gleichzusetzen ist. Hierin besteht, wenn wir
das richtig sehen, unter den Altanatolisten seit kurzem mehrheitlich
Übereinstimmung.
24
Kurzbericht über die Grabungskampagne 19991
Die Kampagne 1999 in Troia, die 12. der neuen Grabungsserie, dauerte vom 7.Juni
bis zum 27. August.
Bronzezeit. Schwerpunkte:
Troia I-III.
(ca. 2600 - 2300 v.u.Z.)
In den Quadraten FG6 wurde die 1997 begonnene Grabung an einer bisher
unberührten Fläche fortgesetzt, die ungestörte Schichten von Troia VI bis zu Troia II
enthält. Das 1998 teilweise freigelegte Megaron der Phase III wurde mit Vorraum
vollständig erschlossen.
Dabei wurde geklärt, dass das dicht benachbarte Tor FO (Troia II) älter ist. Der
jüngste von drei weiträumigen Brandhorizonten innerhalb von Troia I-III konnte
durch diese Befunde chronologisch neu eingeordnet werden; ein jeder geht einher
mit den verschiedenen "Schatzfunden".
Troia VI-VII
(ca. 1700 - 1150 v.u.Z.)
Untersuchungen in der Unterstadt erfolgten u.a. in drei Gebieten:
Quellhöhle (Quadrate u15, tu14). Die Quellhöhle ist nun weitgehend ausgegraben,
ohne dass sich hier oder im Vorfeld der Höhle prähistorische Reste aufspüren liessen.
Bei der fortwährenden Benutzung dieser Quelle mit strömendem Wasser, wurden
diese mit ziemlicher Sicherheit fortgespült. Wohl aber liess sich ein Datierungsansatz
über die Analyse der Sinterschichten in der Höhle durch die Forschungsstelle
Radiometrie in Heidelberg gewinnen. Diese Analyse besagt eine erste Sinterbildung
in der ersten Hälfte des 3.Jahrtausends v.u.Z. Die Sinterbildung verlief kontinuierlich
und hörte gemäss dieser Untersuchung in römischer Zeit auf. Von der häufigen
Verwendung der Quelle zeugen die zahlreichen Beckenreste aus hellenistischer und
römischer Zeit. Vier in diesem Jahr freigelegte "Wasch-Mulden" lassen eventuell
eine Assoziation mit der homerischen Beschreibung der Topografie zu.
1 Die folgende Zusammenfassung ist eine Kürzung von URL: http://www.uni-
tuebingen.de/troia/deu/grab1999.html Kurzbericht über Grabungskampagne 1999 [26.2.2000, 11.27
25
Nachwort
Ich persönlich glaube an die Existenz des Trojanischen Kriegs, jedoch nicht, dass
dieser wegen der Entführung der ,,schönen Helena" begonnen hat.
Weiters weigere ich mich, an einen zehnjährigen Krieg zu glauben, denn obwohl
Kriege oft sehr lange dauern können ist uns in diesem Falle nichts Konkretes
überliefert worden. Auch in der ,,Ilias" gibt es keine eindeutigen Beweise hierfür.
Ich meine jedoch, dass Homer nicht nur irgendeine Stadt in seinem Epos verewigt
haben wird, denn sonst würden sicher nicht so viele Landschaftsbeschreibungen der
,,Ilias" auf den Hisarlik-Hügel zutreffen. Vielleicht hat Homer diese damals bereits
zerstörte Stadt, die Schliemann später als Troja bezeichnete, gesehen und für seinen
Epos benutzt und ihr den Namen Troja gegeben, aber vielleicht gab es um diese Stadt
wirklich auch einen Krieg, von dessen Existenz Homer wusste.
Genau werden wir sicherlich nie einen Beweis für ,,Homers Troja" bekommen und
deshalb auch nicht für ,,Schliemanns Troja", aber - wie schon oben erwähnt passen
sehr viele Beiworte der ,,Ilias" auf den Hisarlik-Hügel und da es in Bunarbaschi bis
jetzt meines Wissens nach noch keinerlei großartige Ausgrabungen gab, neige ich
eher dazu, Schliemanns Hisarlik-Theorie zu glauben.
Gewiss Schliemann war ein Laie und hat auch viel auf dem Hisarlik-Hügel zerstört,
aber damals stand die Archäologie noch ganz am Anfang und Schliemann hat
immerhin den entscheidenden Schritt gewagt und somit die Archäologie zum Leben
erweckt.
Auch Ekrem Akurgal meinte: ,, The discovery and excavation of the Trojan citadel
can be considered one of the most important events in archeological field research."1
Meine Arbeit möchte ich mit einem Gedicht der Kaiserin Elisabeth von Österreich,
die ich auch in meinem Spezialgebiet behandle, über Troja beenden:
Uhr]
1 Akurgal, Ekrem : Ancient Civilizations and Ruins of Turkey. Istanbul: Haset Kitabevi 1985. 398S.,
S. 47
26
Es steht ein einsamer Hügel
Nicht weit vom großen Meer,
Die Luft weht trauernd darüber
Aus Trojas Mauern her.
Die Sonne, eh sie versinket,
Hält ein in ihrem Lauf,
Und legt aus glühenden Strahlen
Den gold´nen Kranze darauf.
Die Sterne lösen die Sonne
Im ernsten Dienste ab
Und halten treulich Wache
An dem geliebten Grab.
Der Mond, voll Sehnsucht und Liebe,
Deckt es mit Silberpracht
Und harrt, ob der große Tote
Da unten nicht erwacht.
So ziehn sie viel tausend Jahre
Einförmig ihre Bahn,
Doch bei dem Hügel am Meere,
da halten sie immer an.
Kaiserin Elisabeth von Österreich, Oktober 1885
27
Literaturverzeichnis
Bücher:
Akurgal, Ekrem: Ancient Civilizations and Ruins of Turkey. Istanbul: Haset Kitabevi
1985. 398S.
Blegen, Carl W.: Troy and the Trojans, London: Thames and Hudson 1963. 240S
Döhl, Hartmut: Heinrich Schliemann. Mythos und Ärgernis. Bucher: München und
Luzern 1981. 144S., ISBN 3-7658-0371-5
Homer: Ilias. München und Zürich: Artemis 1989. 9., 980S., ISBN 3-7608-1541-3
Joaquim, Nancy: Sophia Schliemann. Eine Frau entdeckt Mykene, München: Herbig
Verlagsbuchhandlung 1994. 468S., ISBN 3-7766-1855-8,
Mey, Oscar: Schlachtfeld um Troja. Eine Untersuchung. Berlin und Leipzig: de
Gruyter 1926. 37S./ill.
Schliemann, Heinrich/Rudolf Virchow: Korrespondenz zwischen Heinrich
Schliemann und Rudolf Virchow. Akad. Verlag, 619S
Heinrich Schliemann/Schmied Helmut: Troja und Homer. Porträt eines Enthusiasten.
Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch 1990. 1., ISBN 3-458-32995-1
Siebler, Michael [Siebler 1]: Troia-Homer-Schliemann. Mythos und Wahrheit.,
Mainz am Rhein: Zabern 1990. 248S., Zaberns Bildbände zur Archäologie, ISBN 3-
8053-1123-0
Siebler, Michael [Siebler 2]: Troia. Geschichte-Grabungen-Kontroversen. Mainz am
Rhein: Zabern 1994. 120S.,Zaberns Bildbände zur Archäologie, ISBN 3-8053-1626-
7
Stone, Irving: Der griechische Schatz. Das Leben von Sophia und Heinrich
Schliemann. München: Knaur 1976. 476S., ISBN 3-426-00619-7
Vandenberg, Philipp: Der Schatz des Priamos. Wie Heinrich Schliemann sein Troja
erfand. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag 1999. 454S., ISBN 3-404-61423-2
Zangger, Eberhard: Ein neuer Kampf um Troia. Archäologie in der Krise. Gütersloh:
Bertelsmann1993. 336S., ISBN 3-426-26682-2
Hefte:
Geo: Troia. Ein Mythos im neuen Licht. Nr.6/Juni 1995
High Tech Report: Data Highways. Virtual Worlds. Nr.1/1995
28
Rundfunkaufnahme (auf Kassette):
Dimensionen. Die Welt der Wissenschaft. Bericht von Martin Heidinger, Ö1,
19.11.1999, 19.00 Uhr
Internet:
URL: http://www.uni-tuebingen.de/troia/st/eight/ab/german/ab1ger.html Troia
Ausgrabungen 1997 17.2.2000, 14.09 Uhr und 26.2.2000,11.15 Uhr
URL: http://www.uni-tuebingen.de/troia/deu/grab1999.html, 26.2.2000, 11.27 Uhr
E-mail von Dr. Hans G. Jansen vom 21.9.1999
E-mail von Univ. Prof. Dr. Manfred Korfmann vom 30.9.1999
29
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Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
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