Subtitle: Gottfried Kellers "Die Leute von Seldwyla"
Script, 2004, 34 Pages
Author: Dr. Stefan Schweizer
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
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Abstract
Das folgende Skript beschäftigt sich mit einem der wichtigsten Novellenzyklen des Realismus. Gottfried Kellers „Die Leute von Seldwyla“ ist bis heute weithin bekannt und gehört seit Jahrzehnten zum festen Kanon in der Schule und an der Universität. Anhand der „Leute von Seldwyla“ kann man exemplarisch die Bedeutung der Gattung Novelle für die Epoche Realismus verdeutlichen. Das folgende Skript analysiert die „Leute von Seldwyla“ einmal genuin literaturwissenschaftlich. Zum anderen findet eine soziohistorische Kontextualisierung statt, welche die Aspekte des Menschlichen und der Ökonomisierung der Lebensverhältnisse in das Analysezentrum stellt.
Excerpt (computer-generated)
Novellen des Realismus
Gottfried Kellers ,,Die Leute von Seldwyla"
0. Vorbemerkung 2
1. Die Vorworte 2
2. Pankraz der Schmoller 4
3. Romeo und Julia auf dem Dorfe 6
4. Frau Regel Amrain und ihr Jüngster 9
5. Die drei gerechten Kammacher 12
6. Spiegel das Kätzchen 15
7. Kleider machen Leute 19
8. Der Schmied seines Glücks 21
9. Die missbrauchten Liebesbriefe 23
10. Dietegen 26
11. Das verlorene Lachen 28
12. Schlussbetrachtung zweiter Novellenzyklus 31
13. Sozialgeschichtliche Implikate 31
14. Unterscheidungen von anderen Novellenzyklen 32
Literatur 33
1
0. Vorbemerkung
Das folgende Skript beschäftigt sich mit einem der wichtigsten Novellenzyklen des
Realismus. Gottfried Kellers ,,Die Leute von Seldwyla" ist bis heute weithin bekannt und
gehört seit Jahrzehnten zum festen Kanon in der Schule und an der Universität. Anhand der
,,Leute von Seldwyla" kann man exemplarisch die Bedeutung der Gattung Novelle für die
Epoche Realismus verdeutlichen. Das folgende Skript analysiert die ,,Leute von Seldwyla"
einmal genuin literaturwissenschaftlich. Zum anderen findet eine soziohistorische
Kontextualisierung statt, welche die Aspekte des Menschlichen und der Ökonomisierung der
Lebensverhältnisse in das Analysezentrum stellt.
1. Die Vorworte
1. Vorwort: Seldwyla ist sonniger Ort, der irgendwo (Utopia) in der Schweiz liegt. Arme
Bürger und reiche Gemeinde spielt auf die fehlende Sozialgesetzgebung an. Wichtig sind
Menschen zwischen 20-36 Jahren. Lustig und gemütlich. Schuldenverkehr entspricht keiner
realen Arbeit. Sobald Altersgrenze überschritten wird, werden sie verstoßen. Weltwanderung
der Seldwyler. Falls finanzielle Krise vorhanden, so entsteht politischer Aktionismus, der
reinster Opportunismus ist. Lustige und seltsame Stadt, wo es an Lebensläufen nicht fehlt, die
aller Laster Anfang sind. Keller will ausnahmsweise Abfällsel schildern. Dies ist
außergewöhnlich und deshalb Goethes Novellendefinition. Insgesamt fällt das Vorwort, das
der sonstigen Rahmenhandlung entspricht eher dürftig aus. Sozialer Charakter fehlt, ist nicht
da, was der Form widerspricht. Bei Keller liest jeder für sich alleine. Dies entspricht
wiederum der inhaltlichen Dimension der neuen ökonomischen Verhältnisse.
2. Vorwort: Fiktionale, Ideale Stadt und utopischer Charakter derselben. Das reale Seldwyla
hat sich in weniger als 10 Jahren fast ins Gegenteil verwandelt. Kein agrarischer, sondern
spekulativer Charakter. Darstellung zum Wandel des reinen Kapitalismus und
Industrialismus. Sind trockener und einsilbiger geworden, es gibt keine Schwänke und
Lustbarkeiten mehr. Vermögen und bürgerliche Werte zählen. Keine Betreibung der Politik
und des Krieges mehr, da sie besitzend geworden sind. Es ereignet sich nichts mehr und
deshalb müssen fünf Erzählungen aus der Vergangenheit herhalten. Seldwyla ist also tot, des
Erzählens nicht mehr wert. Das ,,unerhörte Ereignis" ist der gattungsgesetzliche dialektische
Höhe - und Umschlagspunkt: das Eingehen der prosaischen Gesellschaft in die Poesie der
menschlichen Sinnennatur, die dann ihrerseits schnell denaturiert und prosaisch gemacht
2
wird. Die Differenz der 20 Jahre zwischen den Vorworten erklärt, warum die Forderung nach
den alten Bürgertugenden an der Realität des Kapitalismus und des Industrialismus
zerschellen muß, aber als Utopie gegenwärtig bleibt: die ästhetische Konkretion: Dialektik der
Kulturbewegung als Index des Werts und Authentizität der Kunst.
Bei Hoffmann, Tieck, Boccaccio etc. werden Novellen in Erzählhandlungen gebettet, was
dem Inhalt entspricht. Übergang bei Keller von Roman zu Novelle ist ein Übergang vom
Schreiben des Schreibens zum Schreiben des Redens=Novelle. Die novellistische
Erzählgesellschaft wird zur rein erzählten Gesellschaft als Handlungshintergrund. Bei der
tradierten Novellenform ist das Festhalten Werten wichtig (Tieck, Hoffmann) Seldwyler sind
Außenseiter und Geschichten deren Außenseiter werden erzählt. Im Roman ist Subjekt-Objekt
Bewegung formbegründend, bei Novelle mehr an Objektivität gegeben. Unterschied
umschreiben im Roman und umschreiben bei der Novelle (ermöglicht Objektivität). Wahre
Gesellschaft ist zwar da, aber nicht greifbar. Im 2. Vorwort hat sich der Hintergrund und
Vordegrund verdüstert. Einsicht, daß Poesie und Kapitalismus verwandt sind (Fiktion-
Illusion). Die Ausmünzung des Lebens zur Poesie, der Poesie zur Ware vollzieht sich
angesichts der Poesie zur Warenwirtschaft.
In Anfangs- und Schlußnovelle (Pankraz und Spiegel) wird die Betonung auf Erzählen
gelegt. Es gibt aber nicht die gesellige Dynamik einer Erzählgesellschaft, sondern
sozialgeschichtlicher, gesellschaftlicher Hintergrund. Nicht das Ergehen einzelner in der
Gesellschaft steht im Mittelpunkt, sondern am Schicksal mehrer Einzelner soll das Ergehen
der Gesellschaft dargestellt werden. Der Zyklen Charakter entsteht durch die Anordnung der
Novellen zueinander und die beiden Vorworte.
Zwischen beiden Vorworten liegen 20 Jahre sozialgeschichtlicher Implikate. Im Wandel des
Sozialcharakters der Mittelpunktsfiguren wird der Wandel der Gesellschaft deutlich. Der
objektive sozialgeschichtliche Wandel in seinen Rückwirkungen auf die Subjektivität und
Innerlichkeit der Personen dargestellt.
Im 2. Vorwort wird deutlich, daß Seldwyla in den modernen Geschäftsverkehr
eingeschlossen wird, was zur Spekulation führt. Der immer noch poetisch anmutende Ort
findet sich als Teil moderner Geschäftsprosa wieder. Dies führt zu einer größeren
Beständigkeit (statt Bankrotts um die 35 herum) . Aber Lustbarkeiten fallen auch flach. Aus
lebenslustigen Leuten sind ernsthafte Geschäftsleute geworden, die sich wegen ihrem neuen
Besitzes a-politisch verhalten. Es ist eine Gewinn-Verlust-Rechnung. Aus dem alten wird das
neue Seldwyla: Gewinn bürgerlicher Tugenden und materieller Erwerb gegenüber dem
Verlust eines ursprünglichen Lachens und Lebensglücks. Poesie und Lebensglanz haben der
3
nüchternen Prosa geschäftlicher Verhältnisse gewichen. Dies veranschaulicht die Dialektik
der Kulturbewegung oder Reichsunmittelbarkeit der Poesie. Die Novellen sind poetische
Verdichtungen einer zunehmend poesiefeindlichen Welt.
2. Pankraz der Schmoller
,,Erzählen": Entwicklungsgeschichte in extremer und paradoxer Art. Novellenmoment ist, daß
ein wildes Tier beim Helden eine Humanisierung bewirkt, was von den Menschen nicht
erbracht worden konnte. Thematik des Kriegsdienstes, welche im Vorwort erwähnt wird.
Bezähmung der Lebenslust, die die anderen in den Bankrott treibt. Pankraz ist träumerischer
Egozentriker geht nach dem ersten Zusammenstoß mit der Realität (S. 18 hat Schläge gekriegt
und Schwester hat ihm sein Essen weggenommen) in die Welt hinaus. Nach 15 Jahren kehrt
er als Oberst zurück. Er erzählt wie er britischer Kolonialsoldat war, erwerbs- und arbeitsfähig
wurde. Die Heimkehr wurde (Novellenmotiv: unerhörte Begebenheit) durch das Erlegen des
Löwen im Zweikampf ausgelöst. Durch seine Reifung bleibt er ein nützlicher Mann. Was sind
aber die Verluste? Aufsuchen des gesellschaftlich-historischen Prozeßes im Inneren der
Individuen (Dialektik der Kulturbewegung). Der Knabe Pankraz hat keine Art der normativ-
sozialen Selbstkontrolle. Bei Konfrontationen mit der Realität zieht er sich auf sich selber
zurück (Narziß als Dichter und schmollen=unwillig schweigen und lächeln). Dieses
Poetentum und Träumerei nur aufgrund asozialen Vereinzelung und Agression. Er macht sich
materiell durch Poetentum und Nicht-Arbeiten schuldig, wobei seine Veranlagung durch
materielle Armut allerdings mitgeprägt wird. Er fühlt, daß er das Essen nicht mehr wert ist
und rennt weg. Beim Millitär verliert er die Arbeitsunfähigkeit und seinen Eßzwang, da er
realisiert, daß den Menschen vom Tiere die geplante Arbeit unterscheidet. Zunächst arbeitet
er um ein Mittagessen, dann für Geld. Später stellt er sozialerweise Büchsen her. Schließlich
beim Millitär erlernt er Ordnung und Disziplin. Selbsttätigkeit des Menschen (Feuerbach).
Milltär als Selbstzähmung und Indien als nicht domestizierte Natürlichkeit. Pankraz bringt
dies als Einsicht mit: wer stabil leben will, muß lernen, mit seinen Trieben umzugehen, was
eine Unterdrückung der inneren Natur des Gattungswesen Mensch impliziert. Indischer
Garten der Novelle (Wahrzeichen bürgerlich unterworfener äußerlicher Natur), steht Lydia als
Verkörperung der eigenen inneren Natur gegenüber. Zunächst erscheint sie ein citoyen- Ideal
zu sein, dann aber erscheint sie wie alle europäischen Weiber. Sie benutzt Pankraz nur, um
ihres eigenen Wertgefühls sicher zu sein. Sie rechnet mit seinem Gefühl (Antithetik). Er
interpretiert Shakespeare Lektüre falsch: er kann reale Fiktion und fiktionale Realität nicht
4
unterscheiden (Lebendichten und Erdichtung von Leben - Lebenszeugnisse oder Druck -
Erzeugnisse). Der Poetiker Pankraz erlernt, daß die ganze, heile Welt untergegangen ist (bei
den Romantikern: Riß durch die Welt) und daß das Kalkül über das Gemüt gewonnen hat und
daß die Welt prosaisch geworden ist. Trotzdem bestrickt ihn die Realität. Davon befreit er
sich durch die Jagd des zum Mythos gewordenen Löwen in Afrika. Mensch und Raubkatze
stehen sich in der Wüste in bitterster Schmollerei gegenüber: der Wille und die Ratio kämpfen
mit dem reißenden Trieb. Wieder errettet das Millitär Pankraz. Da nun, durch die Abtötung
des Libido seine Arbeitsfähigkeit und seine bürgerliche Vernunft gesichert sind, kann er nach
Hause zurückkehren. Der Traum vom ganzen Menschen verfällt bürgerlich-calvinistischer
Verdrängung (deshalb erscheint Lydias Schönheit nur als Zerrbild). Die poetische
Organisation der Novelle folgt dem Gesetz der bürgerlichen Verdrängung: die Tötung des
Löwen ist die novellistische unerhörte Begebenheit, da sie dem bürgerlich Unerhörten
(Pankraz Leidenschaft zu Lydia) ein Ende bereitet: das Paradoxon hier in sich mannigfacher
Art wiederspiegelnd, woran die Novelle, das Erzählen fast Irre wird. Seine Mutter und
Schwester hören nur die Soldatenlaufbahn mit, wobei Pankraz sich hinterher selber wünscht,
daß sie die Lydia-Geschichte nicht mitgehört haben. Der bürgerlichen Gattung Mensch kann
die Ganzheit als Charakteristikum nicht einmal in der erzählerischen Vergangenheit
nahegebracht werden. Die Unerreichbarkeit des sinnlich Schönen zu akzeptieren ist die
Grundlage einer nüchtern-tüchtigen Bürgerexistenz. Aber Pankraz hat Arbeit und Stetigkeit
und Freundlichkeit erlernt. Es stellt sich eine Gewinn- und Verlustrechnung dar
(Stellvertretercharakter für den gesamten Zyklus). Man kann die Novelle fast als
umgestülpten Bildungsroman lesen. Es wird in das zentrale Thema des Zyklus eingeführt: der
Held in seinem individuellen Ergehen wechselt von Seldwyla I nach Seldwyla II (auf die
beiden Vorworte und die darin skizzierten Entwicklungsprozeße bezogen). Der Beginn von
Pankraz bürgerlichem Leben fällt mit dem Ende des alten Seldwyla zusammen. Anders als bei
Goethes Novelle wird hier die Natur nicht durch sanftes Flötenspiel domestiziert. Keller ist
halt kritischer Realist und kein Klassiker mit einem humanistischem Menschenbild. Der
Erzähler Pankraz ist ohne Publikum und er stellt den geselligen Charakter der Novelle
überhaupt in Frage, was sich auch an der Parallelität zu den beiden dürftigen Vorworten (statt
einer Rahmenhandlung) ersehen läßt. Im Dekameron des humanistischen Menschen wirkte
erotisches Erzählen noch als Gesellschaftsbildend. Das Konstituens der Pankraz Novelle
hingegen ist das Schweigen oder Nicht-Erhört-Werden über das eigene Triebschicksal.
Pankraz muß die sich ereignete unerhörte Begebenheit in ihrem Kern vergessen und
verdrängen. Dem Grünen Heinrich hingegen ist ein solches noch vergönnt. Heinrich stirbt,
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aber Pankraz überlebt. Die objektive, gesellschaftsgeschichtliche Diagnose der Novelle des
Seldwyla Zyklus besagt, daß für Poesie subjektiver Erinnerungstrunkenheit kein Platz
vorhanden ist. Der prosaische Weltzustand setzt sich auch im Inneren des Protagonisten
durch. Der Erwerb der Geschäftstüchtigkeit der Seldwyler und des Pankraz wird durch den
Verlust des Lachens (Schmollens) bezahlt. Dies stellt die Dialektik der Kulturbewegung dar.
3. Romeo und Julia auf dem Dorfe
Tod aus Liebe und Erzählen): Novellistische unerhörte Begebenheit bildet der tödliche
Sieg der Liebe über den Haß. Weltliterarischer Zusammenhang im Titel ersichtlich. Der
Zusatz auf dem Dorfe verweist auf Liebesgeschichte von Bauernkindern. Keller zeigt im
Gegensatz zu den literarischen Vätern, was aus harmonischen, konkreten Beziehungen
zweier Ackerbürger wird, wenn die bürgerliche Moderne mit den prosaischen Prinzipien
ihres abstrakten Geschäftsverkehrs in deren Lebensbereich eingreift. Die Liebe als
poetisches Prinzip hingegen wird tödlich vernichtet (Paradoxon: irre-werden des
Erzählen: die Protagonisten zerfallen, die Gattung der Novelle aber nicht, wegen der
Lesbarkeit: hermeneutischer Sinn). Bei Shakepeares Romeo und Julia ist der Konflikt
zwischen historisch -gesellschaftlichen auf der Tagesordnung stehenden bürgerlichen,
weil individuellen beseelten und natürlichen Liebesbeziehung auf der einen Seite und
dem auf seine absurde Spitze getriebene traditionsgeleitete, formale Haßverhalten einer
historisch überlebten Aristokratie andererseits. Keller stellt die Liebe zweier
verfeindeter Bauernfamillienkinder dar. Diese wird durch einen Doppelselbstmord
markiert. An die Stelle feudaler Blutrache tritt das bürgerliche Recht. Anfangs ist eine
citoyen Utopie archaischen/homerschen/biblischen Charakters: die beiden Bauern
pflügen friedlich nebeneinander her. Es ist alltägliche, nicht-konkurrierende
Naturbemeisterung in der jener Form von Arbeit, die den Interessen der gesamten
Menschheit dienen und nicht den partikularen Interessen eines Eigentümers (Vgl.:
Ackerbürger Ruoff in Hadlaub Novelle). Die ackerbäuerliche Idylle und Natur-
Schönheit und ästhetische Stimmigkeit der Landschaft legitimiert die ackerbäuerliche
Ständegesellschaft. Die beiden Bauern erscheinen als Gleiche. Bei dem bürgerlichen
Realisten ist der Widerstand gegen die Moderne gebrochen. Die Figuren erliegen der
ökonomischen Erschütterung. Die im Anfangsbild implizierten Werte der französischen
Revolution gehen mit den beiden Vaterfiguren bei Keller unter. Das Resultat der
fortwirkenden Ursache ist der Streit um das Eigentum. Die beiden Bauern laden Schuld
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