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Adam Smith - Betrachtungen zu seiner ökonomischen Theorie und deren Einfluss auf den Liberalismus

Scholary Paper (Seminar), 2008, 20 Pages
Author: Martin Hackethal
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal

Details

Event: Politische Theorie des 19. und 20. Jahrhunderts
Institution/College: Technical University of Chemnitz
Tags: Adam, Smith, Einfluss, Liberalismus, Wohlstand, Theory, Theorie, Politik, ethischen
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2008
Pages: 20
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German
Archive No.: V119500
ISBN (E-book): 978-3-640-22925-3
ISBN (Book): 978-3-640-23127-0
File size: 136 KB

Abstract

Insgesamt sind zwei Werke Adam Smiths für die Nachwelt von Bedeutung. „The Theory of Moral Sentiments“ erschien 1759 und ist eine Abhandlung über die die Natur des Menschen und dessen Verhältnis zur Gesellschaft. 1776 wurde „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ veröffentlicht, Smiths bekanntestes Werk. Es gilt als Grundstein der klassischen Ökonomie. Dieses Werk ist es auch, mit dem sich diese Arbeit im Wesentlichen befasst. Dessen Bedeutung für die Geisteswelt beschränkt sich nicht nur auf die ökonomische Ebene. Vielmehr beeinflusste Smiths Forderung nach der „natürlichen Freiheit“ der Individuen auch viele politische Denker, die sich später als Anhänger des Liberalismus unter anderem auf ihn berufen sollten. So ist Smith in jeder Hinsicht aktuell. Nicht nur weil wir heute in einem kapitalistischen System der Marktwirtschaft leben, sondern auch in einem demokratischer Verfassungsstaat. Diese Arbeit befasst sich mit der ökonomischen Theorie Smiths aus gesellschafts-theoretischer Sicht. Durch die Untersuchung dieser werde ich sie kritisch nach logischen Zusammenhängen zur politischen Theorie des Liberalismus analysieren, vor allem im Hinblick auf die soziale Verträglichkeit. Hat Smith seine Gesellschaftstheorie weit genug durchdacht? Gibt es Widersprüche?


Fulltext (computer-generated)

TU Chemnitz - Philosophische Fakultät

Fachbereich Politikwissenschaft

Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte

PS: Politische Theorie des 19. und 20. Jahrhunderts

Sommersemester 2008

Adam Smith

Betrachtungen zu seiner ökonomischen Theorie und dessen Einfluss auf den

Liberalismus

Vorgelegt von:

Hackethal, Martin

Abgabedatum: 30.09.2008


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1

1.1. Problemstellung 1

1.2. Forschungsstand 2

1.3. Aufbau 2

2. Wirtschaftsgeschichtlicher Hintergrund zu Zeiten Smiths 3

3. Smiths Nationalökonomie 4

3.1. Konsum als Zielfunktion der Volkswirtschaft 4

3.2. Die Freiheit als Grundlage der Ökonomie 5

3.4. Die Rolle des Staates 6

3.5. Die Bedeutung von Smiths klassischer Nationalökonomie 7

4. Kohärenz zum politischen Liberalismus 7

5. Zum Problem der Verteilungsgerechtigkeit 8

5.1. Die Moral als natürliche Barriere des Egoismus 9

5.2. Kritik 10

5.2.1. Die historische Epoche des ,,laissez-faire"-Kapitalismus 11

5.2.2. Ist Gerechtigkeit definierbar? 12

6. Nachwirkungen auf den Liberalismus 14

7. Schlussbetrachtung 15

8. Bibliografie 17


1. Einleitung

Adam Smith, geboren 1723 in der schottischen Stadt Kirkcaldy, gilt heute als Vater der

modernen Nationalökonomie. Von 1737 bis 1746 studierte er an den renommierten

Universitäten von Glasgow und Oxford.1 1751 erhielt Smith an der Universität von

Glasgow die Professur für Logik und 1752 wurde er zum Professor für Moralphilosophie

ernannt.2 1764 verabschiedet er sich von der Universität und machte eine 18-monatige

Reise durch Frankreich. Dort lernte er unter anderem die führenden Vertreter der

Aufklärung, wie zum Beispiel Voltaire, kennen.3 Ab 1778 arbeitete Smith als Zollrevisor

in Edinburgh. Dort starb er schließlich 1790 im Alter von 67 Jahren.4

1.1. Problemstellung

Insgesamt sind zwei Werke Adam Smiths für die Nachwelt von Bedeutung. ,,The Theory

of Moral Sentiments" erschien 1759 und ist eine Abhandlung über die die Natur des

Menschen und dessen Verhältnis zur Gesellschaft. 1776 wurde ,,An Inquiry into the Nature

and Causes of the Wealth of Nations" veröffentlicht, Smiths bekanntestes Werk. Es gilt als

Grundstein der klassischen Ökonomie. Dieses Werk ist es auch, mit dem sich diese Arbeit

im Wesentlichen befasst. Dessen Bedeutung für die Geisteswelt beschränkt sich nicht nur

auf die ökonomische Ebene. Vielmehr beeinflusste Smiths Forderung nach der ,,natürlichen

Freiheit" der Individuen auch viele politische Denker, die sich später als Anhänger des

Liberalismus unter anderem auf ihn berufen sollten. So ist Smith in jeder Hinsicht aktuell.

Nicht nur weil wir heute in einem kapitalistischen System der Marktwirtschaft leben,

sondern auch in einem demokratischer Verfassungsstaat.

Diese Arbeit befasst sich mit der ökonomischen Theorie Smiths aus gesellschafts-

theoretischer Sicht. Durch die Untersuchung dieser werde ich sie kritisch nach logischen

Zusammenhängen zur politischen Theorie des Liberalismus analysieren, vor allem im

Hinblick auf die soziale Verträglichkeit. Hat Smith seine Gesellschaftstheorie weit genug

durchdacht? Gibt es Widersprüche?

1 Vgl. Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007, S. 25 f.

2 Vgl. ebd., S 27.

3 Vgl. ebd., S. 30 ff.

4 Vgl. ebd., S. 45.

1


1.2. Forschungsstand

Aufgrund der großen Bedeutung dieses Werkes ist der Umfang der Literatur, die sich

mit der Nationalökonomie Smiths beschäftigt, so groß, dass es unmöglich ist alles an

dieser Stelle aufzuzählen. Die Sekundärliteratur umfasst sowohl allgemeine

Abhandlungen über das Werk wie ,,Adam Smith zur Einführung"5 von Michael Aßländer,

als auch Untersuchungen einzelner Aspekte von Smiths Philosophie.6 Selbst zu aktuellen

Themen gibt es Verknüpfungen zu Adam Smith, wie etwa ,,Adam Smith in Beijing: Die

Genealogie des 21. Jahrhunderts"7 von Giovanni Arrighi. Aber wie schon gesagt, diese

Beispielwerke dienen nur dazu, einen kleinen Ausschnitt des Forschungsstandes

aufzuzeigen. Vor allem im anglo-amerikanischen Sprachraum findet sich eine große Fülle

von Sekundärliteratur.

1.3. Aufbau

Nach einer anfänglichen Einführung in die wirtschaftsgeschichtlichen Umstände seiner

Zeit, befasst sich der erste Teil dieser Arbeit ausschließlich mit der ökonomischen Theorie

von Adam Smith. Aufgrund der eingegrenzten Thematik, werden nur jene Aspekte

untersucht, die von gesellschaftstheoretischer Relevanz sind. Dazu wird hauptsächlich

Smiths ,,Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker" verwendet.

Unter Zuhilfenahme von Sekundärliteratur betrachte ich in dem darauf folgenden Teil

Parallelen zum Liberalismus, dem eine Auseinandersetzung über das Problem der

Verteilungsgerechtigkeit folgt. Im letzten Kapitel wird am Beispiel John Stuart Mills

betrachtet, welche Positionen der politische Liberalismus in der Folge zu dieser Thematik

einnahm.

5 Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007.

6 Manstetten, Reiner: Das Menschenbild der Ökonomie. Der homo oeconomicus und die Anthropologie

von Adam Smith.

7 Arrighi, Giovanni: Adam Smith in Beijing. Die Genealogie des 21. Jahrhunderts, Hamburg 2008.

2


2. Wirtschaftsgeschichtlicher Hintergrund zu Zeiten Smiths

Vom 17. Jahrhundert bis tief in das 18. Jahrhundert betrieben die meisten europäischen

Länder eine Wirtschaftspolitik, die uns heute als Merkantilismus bekannt ist.

Merkantilismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene wirtschaftspolitische Ideen, welche

sowohl geld- als auch handelspolitische Ansätze verbinden.8 Es ist kein Zufall, dass die

Entstehung merkantilistischer Grundsätze zeitlich ungefähr mit dem Aufkommen

absolutistischer Herrschaftsformen zusammenfällt. Die Königshäuser Europas unterhielten

teure Armeen und um die Pracht und den Luxus ihrer kostspieligen Höfe aufrecht zu

erhalten, benötigten sie auch sehr viel Geld.9 Der Merkantilismus als Ganzes kann aber

nicht als geschlossene Wirtschaftstheorie betrachtet werden, wurde er doch in den

einzelnen Staaten auf unterschiedliche Weise betrieben und aufgefasst. So förderte damals

der französische Staat, dem Ursprungsland des Merkantilismus, intensiv den Ausbau der

Infrastruktur und die Errichtung von Manufakturen, bei gleichzeitiger Festlegung der

Preise und Erlassung von Produktionsvorschriften. Die Binnenzölle wurden vereinheitlicht

und die Einfuhr ausländischer Fabrikationsgüter wurde durch hohe Zölle erschwert. In

England hingegen war die Regulierung der Binnenwirtschaft weitaus weniger ausgeprägt.

Die Regierenden setzten die Schwerpunkte staatlicher Aktivität auf den Außenhandel und

Kolonialisierung.10 Auffälligstes Merkmal aller merkantilistischen Volkswirtschaften, war

jedoch der stark ausgeprägte Protektionismus der Länder mit dem Ziel einer aktiven

Handelsbilanz. Dem liegt zugrunde, dass der Außenhandel als Nullsummenspiel betrachtet

wurde: Positive Effekte im Inland sollten durch negative Effekte im Ausland erkauft

werden.11 Dies hatte folgenreiche Konsequenzen: Im Glauben daran, dass eine

gemeinsame Wohlfahrtsmaximierung durch Tausch nicht möglich ist und deswegen die

eigenen Märkte abgeschottet wurden, verschlechterten sich die zwischenstaatlichen

Beziehungen Europas im 17. und 18. Jahrhundert enorm.12 Selbst mehrere Kriege wie der

englisch-holländische Seekrieg 1652 bis 1654 können direkt auf merkantilistische Politik

zurückgeführt werden.13 Gravierender noch waren die sozialen Folgen. Zur Strategie der

8 Vgl. Schönherr Gunnar: Die Ökonomie in Geschichte und Theorie, in: Bertelsmann Lexikothek:

Wirtschaft, Staat, Gesellschaft. Hrsg. von Gudemann, Wolf-Eckhard, Auflage B, Gütersloh 1997, S. 18.

9 Vgl. ebd., S. 19.

10 Vgl. a.a.O.

11 Vgl. Haas, Hans-Dieter: Internationale Wirtschaft. Rahmenbedingungen Akteure räumliche Prozesse,

München

2006,

S.192.

12 Vgl. ebd., S. 192 f.

13 Vgl. Pleticha Heinz: Dreihundert Jahre Expansion der europäischen Mächte, in: Bertelsmann

Lexikothek: Panorama der Weltgeschichte II. Hrsg. von Pleticha, Heinz, Auflage B, Gütersloh 1997, S.

3


Merkantilisten gehörte es ebenfalls, das allgemeine Lohnniveau und damit die Güterpreise

niedrig zu halten. Strukturen bürgerlicher Selbstverwaltung wie Gilden oder Zünfte wurden

vom zentralistischen Staat zerstört und sollten nur noch zur Selbstverwaltung dienen.14

Letztendlich trieb der ,,Primat der Gewerbepolitik"15, die Produktion von Industriegütern

um jeden Preis, die Agrarwirtschaft in eine tiefe Krise. Zwar konnten einige Teile der

Bevölkerung von diesen wirtschaftlichen und staatlichen Zuständen profitieren, wie etwa

der Landadel, doch brachte diese Ära fast überall eine ,,Verkümmerung des Handwerkes

und eine Verelendung der Bauern"16 mit sich. Diese offensichtlichen Misstände schufen

den Boden für Kritik und für eine Umwälzung. Schon lange vor Adam Smith kritisierten

Gelehrte wie John Locke und David Hume den Merkantilismus, doch erst Smith konnte

eine Alternative formulieren. So war einer der Hauptintentionen seines Werkes

,,Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker" darzulegen, dass

merkantilistische Politik zielverfehlende Politik ist.17

3. Smiths Nationalökonomie

3.1. Konsum als Zielfunktion der Volkswirtschaft

Smith stellte fest, dass im Merkantilsystem, den Interessen des Produzenten die

Interessen des Konsumenten geopfert wurden.18 Das klingt einleuchtend, wurden doch,

wie gerade beschrieben, die Preise ständig durch Zölle und Subventionen künstlich in die

Höhe getrieben, um so den heimischen Produzenten einen Vorteil zu verschaffen. Smith

aber machte deutlich, dass nicht der Produzent sondern der Konsument im Mittelpunkt

wirtschaftspolitischen Handelns stehen sollte:

,,Konsum ist der einzige Sinn und Zweck aller Produktion, und das Interesse des

Produzenten sollte nur insoweit berücksichtigt werden, als es für die Förderung des

Konsumenteninteresses nötig sein mag."19

250.

14 Vgl. Reif, Hans: Die geistigen Grundlagen, in: Luchtenberg, Paul / Erbe, Walter (Hrsg.): Geschichte des

deutschen Liberalismus. Köln 1966, S. 14.

15 Schönherr Gunnar: Die Ökonomie in Geschichte und Theorie, in: Bertelsmann Lexikothek: Wirtschaft,

Staat, Gesellschaft. Hrsg. von Gudemann, Wolf-Eckhard, Auflage B, Gütersloh 1997, S. 18.

16 Reif, Hans: Die geistigen Grundlagen. in: Luchtenberg, Paul / Erbe, Walter (Hrsg.): Geschichte des

deutschen Liberalismus, Köln 1966, S. 14.

17 Vgl. Smith, Adam: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker. Tübingen 2005,

S.5.

18 Vgl. ebd. S. 645

19 a.a.O.

4


Diese Symbiose von Konsum und Produktion bestimmt auch heute noch die moderne

Marktwirtschaft. So selbstverständlich, wie diese Aussage für uns sein mag, historisch

gesehen war sie eine völlig neue ökonomische Betrachtungsweise. Der Reichtum eines

Landes manifestierte sich vor Smith nach der Ansammlung von Gold und Silber. Und

tatsächlich brachte die merkantilistische Politik der Exportförderung bei gleichzeitiger

Einfuhrbeschränkung, hohe Preise auf dem heimischen Markt und so höhere

Steuereinnahmen für die Herrschenden. Die höheren Preise aber sorgten

konsequenterweise auch für eine schlechtere Versorgung der Bevölkerung.20 Indem Smith

also den Konsum und deren Steigerung zum höchsten Sinn seiner Nationalökonomie

macht, wird der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt erstmals einer Bedeutung zugemessen.

Ein Gedanke, der ökonomisch für mich die gleiche Brisanz inne hat, wie John Lockes

Auffassung, dass Regierungen nur den Bedürfnissen freier Menschen innerhalb einer

Gesellschaft dienen sollten.

3.2. Die Freiheit als Grundlage der Ökonomie

Und auch Smith hebt die Freiheit der Individuen hervor. Doch anders als der liberale

Vordenker Locke oder andere liberale Denker, die ihm folgten, erklärte Smith die Freiheit

nicht zum Recht (zumindest nicht ausdrücklich), sondern schlichtweg zu einer

Notwendigkeit, um eine wie im oberen Absatz beschriebene Wohlfahrtsteigerung zu

erreichen. Einerseits schlussfolgert er, historisch begründet,21 dass jede Beschränkung der

Wirtschaft sich tendenziell eher nachteilig auswirkt:

,,Somit wirkt jedes System, das entweder durch außerordentliche Anreize für eine

bestimmte Art der Erwerbstätigkeit dieser einen größeren Teil des Kapitals der

Gesellschaft hinzuwenden will, als von dorthin allein flösse, oder durch

außerordentliche Beschränkungen für eine bestimmte Art der Erwerbstätigkeit dieser

einen Teil des Kapitals entziehen will, dem großen Zweck den es fördern will

entgegen."22

Andererseits sieht er in dem frei handelnden Individuum die treibende Kraft der

Ökonomie. Der Einzelne wünscht sich stets eine Verbesserung seiner materiellen Lage.

Daher ist er auch stets gewillt seine Arbeitskraft und sein Kapital möglichst effektiv

20 Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007, S. 119.

21 Vgl. Smith, Adam: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker. Tübingen 2005,

S. 650 ff.

22 Ebd., S. 671.

5


einzusetzen.23 Zu welchen Zweck er dies tut kann jeder Einzelne viel besser beurteilen als

ein Staat, der nicht in der Lage ist alle Wirtschaftsabläufe eines Landes in seiner

Komplexität zu erfassen.24

3.3. Die ,,unsichtbare Hand"

Wer steuert nun sowohl die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen als auch deren

Konsum? Smith erläutert dies mit seiner berühmten Metapher der ,,invisible hand":

,,Da also jeder einzelne danach trachtet, sein Kapital möglichst in der heimischen

Erwerbstätigkeit einzusetzen und diese Erwerbstätigkeit so auszurichten, dass die größte

Wertschöpfung erfolgt, arbeitet jeder einzelne notwendigerweise darauf hin, dass

jährliche Volkseinkommen möglichst groß zu machen. [...] und er diese Erwerbstätigkeit

so ausrichtet, dass die größte Wertschöpfung erfolgt, denkt er nur an seinen eigenen

Vorteil, und dabei wird er [...] von einer unsichtbaren Hand gelenkt."25

Mit diesen Marktmechanismus schafft Smith eine Synthese seiner Erkenntnisse. So ist es

das nach materiellen Wohlstand strebende (egoistische) Individuum, welches scheinbar aus

reinem Eigeninteresse handelnd, versucht, seine Arbeit und Kapital möglichst

gewinnbringend einzusetzen. Durch die unsichtbare Hand jedoch sind seine Leistungen für

die gesamte Gesellschaft von Nutzen. Die Folge ist eine produktivere Gesamtwirtschaft,

aber auch eine optimale Konsumentenversorgung der Bevölkerung, da sich zur Gewinn-

maximierung die Produktion an der gegebenen Nachfrage ausrichten muss. Der Staat aber,

auch wenn er gute Absichten verfolgt, würde durch sein Eingreifen in den

Wirtschaftsprozess, der allgemeinen Wohlfahrtmaximierung nur schaden. 26

3.4. Die Rolle des Staates

Nach Smith ist also ein Staat, der zielgerichtete Wirtschaftspolitik betreibt, um durch

Eingriffe in das Marktgeschehen die Wohlfahrt zu steigern, höchst ungeeignet. Dies

bedeutet aber nicht, dass Smith den Staat generell ablehnt. Im Gegenteil, ein gut

funktionierendes Gesellschaftssystem ist wichtig für eine gut funktionierende Wirtschaft

eines Landes. Mit diesem Ziel hat der Staat nur drei Pflichten zu erfüllen. Erstens die

Gesellschaft vor Gewalttaten und Angriffen anderer Länder zu schützen. Zweitens die

Pflicht, durch Rechtspflege die Mitglieder der Gesellschaft vor Ungerechtigkeit und

23 Vgl. Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007, S 120.

24 Vgl. Smith, Adam: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker. Tübingen 2005,

S. 467.

25 A.a.O.

26 Vgl. ebd., S. 671.

6


Übergriffe durch andere Mitglieder zu schützen. Und drittens hat der Staat die Pflicht für

eine funktionierende Infrastruktur und andere öffentliche Objekte zu sorgen.27 Während

also der Staat für einen stabilen gesellschaftlichen Rahmen sorgt, soll er die Wirtschaft

weitestgehend unberührt lassen.

3.5. Die Bedeutung von Smiths klassischer Nationalökonomie

Welch große Bedeutung und Einfluss die ,,Untersuchung über Wesen und Ursachen des

Reichtums der Völker" auf die Nachwelt hatte ist bekannt. Schon zu Lebzeiten galt Adam

Smith als einer der wichtigsten Denker der europäischen Geisteswelt und bis heute ist sein

Werk ein wichtiger Bestandteil ökonomischer Theorie. Zahlreiche von ihm geschilderten

Sachverhalte wurden von späteren Theoretikern wie David Ricardo aufgenommen,

weiterentwickelt und verfeinert.28 Bis heute bildet Smiths Werk das Fundament des

modernen Kapitalismus. Damit schuf er eine Wirtschaftsordnung, die meiner Meinung

nach bis heute ohne Alternativen als die effektivste anzusehen ist.

4. Kohärenz zum politischen Liberalismus

Schon bei der Recherche zu dieser Arbeit sind mir viele Parallelen von Smiths Gedanken

zu jenen des Liberalismus aufgefallen. In dieser Hinsicht zu unterstreichen ist die

Betonung der ,,natürlichen Freiheit" des Menschen als einer der Grundlagen der

smith′schen Theorie. Zwar ist die Begründung dieser ökonomischer Art, doch die

Wechselwirkung und Verstrickung von Wirtschaft und Politik machen solch eine

Notwendigkeit der Freiheit des Einzelnen zwangsläufig zu einer politischen Forderung.

Eine Forderung, die auch zentraler Bestandteil des Liberalismus ist. Er sieht die Freiheit

als Grundrecht an, da jeder Mensch frei geboren ist. So schreibt John Stuart Mill:

,,Die einzige Freiheit, die diesen Namen verdient, besteht darin unser eigenes Wohl auf

unsere eigene Art zu suchen, solange wir nicht die Absicht hegen, andere ihrer Freiheit

zu berauben [...]"29

Dieser für beide Theorien charakteristische Forderung nach einem höchstmöglichen Maß

an Freiheit, folgt als Konsequenz, dass die staatliche und politische Macht einer

Beschränkung unterworfen sein sollte. Anders als die Beschränkung staatlicher Macht im

ökonomischen Sektor, ist der Fokus der Liberalen in dieser Hinsicht auf die Gesellschaft

ausgerichtet. Ein Rückzug aus dem gesellschaftlichen Bereich, wann immer dies möglich

27 Vgl. ebd., S. 671 f.

28 Vgl. Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007. S. 178 f.

29 John Stuart Mill: Bürgerliche Freiheit, in: Nida-Rümelin, Julian / Vossenkuhl, Wilhelm (Hrsg.): Ethische

und politische Freiheit. Berlin 1998, S. 38.

7


ist, lautet hier das Credo.30 Zu einer Überschneidung kommt es, wenn nach der nun

verbliebenen Rolle des Staates gefragt wird. Sowohl für Smith (s.o. 2.5) als auch im

Liberalismus31 soll er als Rechtsstaat durch Gesetzgebung, Verwaltung und

Rechtssprechung zum aktiven Hüter der gerade erwähnten Freiheiten werden. Für Leonard

Trelawny Hobhouse beispielsweise, ein bedeutender englischer liberaler Politiker und

Theoretiker, bedeutet Freiheit eine ,,qualitative Selbstverwirklichung" der Individuen, die

nicht im Widerspruch zu anderen Individuen stehen darf. Dabei ist es die Aufgabe des

Staates durch Zwang individuelle Zwänge zu vermeiden, um freiheitliche Werte wie freie

Meinungsäußerung, Sicherheit und persönliches Eigentum zu schützen.32

Die Analogien zwischen Smith und dem politischen Liberalismus sind nicht zu übersehen.

Allein die Aufgliederung des Begriffs ,,Liberalismus" sowohl in politischen Liberalismus

als auch ökonomischen Liberalismus (dessen erster bekannter Vertreter Smith war)

verdeutlicht dies.

5. Zum Problem der Verteilungsgerechtigkeit

Aber lassen sich diese beiden Theorien so einfach gleichsetzen? Es ist ganz

offensichtlich, dass der Grund für die gemeinsame Verortung beider Theorien die

Forderung nach der Freiheit des Individuums ist. Die Frage lautet deswegen, ob die

ökonomische Freiheit Smiths mit der Freiheit, sich selbst verwirklichen zu können,

harmonieren kann? Denn frei von Zwängen leben zu können, bedeutet im Grunde

genommen unabhängig zu sein. Und genau hier sehe ich ein Problem. Ein Mensch, der

frei zu sein scheint von einem Staat und seiner Fremdbestimmung über ihn, kann keinen

Nutzen daraus ziehen, wenn er sich statt dessen einem Markt unterwerfen muss. Der

Liberalismus propagierte keinen Anarchismus. Die Menschen sollen in einer Gesellschaft

leben, deren soziale Interaktion darauf beschränkt ist, die Freiheit des jeweils anderen nicht

zu gefährden. Wenn es aber Egoismus ist, der die wirtschaftlichen Aktivitäten der

Menschen antreibt, entsteht ein Wettbewerb, in dem es sowohl Verlierer als auch Sieger

gibt. Gewiss aber hat ein in Armut geborener Mensch ohne Kapital sehr viel weniger

Chancen auf dem Markt erfolgreich zu sein. Eher noch scheint sein Schicksal dazu

30 Vgl. Heidenreich, Bernd: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts als Grundlage des demokratischen

Diskurses, in: Heidenreich, Bernd: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts. Konservatismus,

Liberalismus, Sozialismus, 2. Aufl., Berlin 2002, S. 12.

31 Vgl. a.a.O.

32 Schnorr, Stefan-Georg: Liberalismus zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Reformulierung liberaler

politischer Theorie in Deutschland und England am Beispiel von Friedrich Naumann und Leonard T.

Hobhouse, Baden- Baden 1990, S 438 f.

8


determiniert zu sein von anderen in Abhängigkeit zu leben, die über große Mengen von

Kapital verfügen. Ein Mensch ausgestattet mit viel Kapital wiederum, wird aufgrund des

Wettbewerbsvorteils und seines egoistischen Triebs nach materieller Bereicherung

wahrscheinlich noch reicher werden und seine Vorteile gnadenlos ausnutzen. Angesichts

dieser neu geschaffenen Abhängigkeiten und extremen Ungleichheiten hinsichtlich der

materiellen Möglichkeiten, ist es fraglich, ob dabei von einer für alle gültigen Freiheit der

Selbstverwirklichung oder gar Selbstbestimmung noch zu reden sei.

Zugegeben, ich bediene mich hier einer etwas zugespitzten Formulierung. Sie soll mir aber

dazu dienen, auf eine Problematik hinzuweisen, mit welcher ich mich im Folgenden

auseinander setzen werde: Der Verteilungsgerechtigkeit.

5.1. Die Moral als natürliche Barriere des Egoismus

Es mag wohl typisch sein für diesen Wissenschaftszweig, wenn es Smith zum Ziel hatte

als Ökonom ein effizientes, also wohlfahrtssteigerndes System zu bestimmen und

gesellschaftliche Konsequenzen eher untergeordnet zu betrachten. Ziel der Wirtschaft ist

eben die Konsummaximierung, mehr nicht. Und tatsächlich äußert sich Smith nirgends

im ,,Reichtum der Völker" darüber wie der Konsum verteilt ist. Trotzdem ist er keineswegs

nur der kühler Verfechter von Markt und Wettbewerb gewesen. Er hat vielmehr, und dies

wird oftmals gerne vergessen, dem Mechanismus der Marktwirtschaft den des

"moralischen Gefühls" an die Seite gestellt. Adam Smith selbst war nicht nur ein Ökonom,

er war auch ein Moralphilosoph. Er räumte seinem zweitem großem Werk ,,The Theory of

Moral Sentiments" sogar einen sehr viel höheren Stellenwert ein als dem ,,Reichtum der

Völker". Es soll uns helfen die aufgeworfene Problematik unter einem anderen

Blickwinkel Smiths zu betrachten.

Eines der wesentlichen Bestimmungsmerkmale des Menschen nach Smith, ist es die

Fähigkeit Gefühle für seine Mitmenschen empfinden zu können. Diese Gefühle fasst er

unter dem Begriff der Sympathie zusammen.33 Diese Fähigkeit des Mitfühlen, bedeutet

sich in einer gegebenen Situation, in die Lage anderer Menschen versetzen zu können, und

dabei dessen Gefühle und Affekte nachzuvollziehen. Die Gefühle von Betroffenen und

Beobachter sind aber nicht zwangsläufig identisch. So kann es sein, dass der Zuschauer die

Gefühlsäußerungen des anderen nicht nachvollziehen kann und sie deswegen nicht billigt.

33 Vgl. Aßländer, Michael S.: Adam Smith zur Einführung, Hamburg 2007, S. 48.

9


Dem Menschen ist aber es stets ein Bedürfnis, sich dem Mitgefühl seiner Umgebung zu

sichern.34 Ich denke dies ist nachvollziehbar. Niemand fühlt sich wohl in einer Umgebung

von Menschen, die unsere Gefühle nicht teilen können. Aus diesem Drang, unsere Affekte

auf ein für den Außenstehenden verständliches Maß zu regulieren, entstehen nach Smith

die Tugenden der Selbstbeherrschung. Aus der anderen Perspektive, die des Zuschauers

wiederum resultiert unsere Fähigkeit, die Gefühle unserer Mitmenschen nachempfinden zu

können. Dies nennt Smith die liebenswürdigen Tugenden.35

Wie lässt sich dies mit der geschilderten Problematik in Verbindung bringen? Smith nennt

in diesem Zusammenhang verschiedene Arten der Tugend wie die Tugend der

Wohltätigkeit. Doch als konstitutiv für jede Form der Gesellschaft sieht er die Beachtung

der Tugend der Gerechtigkeit.36 Ein Mensch, der in seinem Inneren noch so egoistisch sein

mag, würde diesen Hang nicht vollkommen nach außen hin ausleben. Denn er fühlt, dass

die anderen diesen seinen Hang, sich selbst den Vorzug zu geben, nicht nachempfinden

können. Daraus entsteht ein Anspruch für alle anderen Gesellschaftsmitglieder auf

Gerechtigkeit und dieser ist in jener Hinsicht regulativ für das egoistische Verhalten

Einzelner.37

Mit Bezug auf den Reichtum der Völker bedeutet dies, dass das Individuum durch den ihm

natürlichen Egoismus nach individuellen Vorteilen und Verbesserung seiner materiellen

Lage strebt. Dieser Egoismus aber gleichzeitig durch die Sympathie gegenüber den

Mitmenschen begrenzt wird. Es ist also die Furcht des Einzelnen vor der Nichtbilligung

seiner Mitmenschen, die ihn dazu zwingt, nicht allzu selbstsüchtig zu handeln.

Gerechtigkeit als oberste gesellschaftliche Maxime menschlichen Handelns erzeugt eine

Wechselwirkung mit der Ökonomie und ungerechte Marktergebnisse könnten so korrigiert

werden.

5.2. Kritik

So einleuchtend wie dies zu klingen scheint, zweifle ich trotzdem an dieser Harmonie

von Markt und Moral. Nebenbei gesehen glaube ich nicht daran, dass der Mensch, wie

Kant es formulieren würde, nur eine reine Pflichtethik befolgt, wenn er die Moral sein

Handeln beeinflussen lässt, sondern dass auch die Nächstenliebe, die Fähigkeit zum

34 Vgl. ebd., S. 49 f.

35 Vgl. ebd., S. 53.

36 Vgl. ebd., S. 63.

37 Vgl. ebd., S. 63 f.

10


Guten, eine Rolle spielt. So will ich den Einfluss der Moral auf das menschliche Handeln

auch nicht abstreiten. Schon Platon wusste, dass die Gerechtigkeit zum menschlichen

Glück führt und nicht die Ungerechtigkeit. Doch gibt es zwei Punkte, die Anlass zur Kritik

geben. Bei Ersteren bediene ich mich wieder Platon, der sagte, dass nur der gerecht

handeln könnte, der auch gerecht ist.38 Ist denn jeder Mensch gerecht bzw. handelt er

gerecht? Natürlich lassen sich Smith und Platon nicht so einfach vergleichen. Deutlich

wird aber, dass Smith durch seine Moralphilosophie den Menschen per se gerecht werden

lässt. Empirisch lässt sich dies nicht direkt messen, da die Gerechtigkeit an sich nicht

messbar ist. Wohl aber lassen historische Tatsachen zumindest Vermutungen zu.

5.2.1. Die historische Epoche des ,,laissez-faire"-Kapitalismus

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts begann sich in England der wirtschaftliche

Liberalismus , als Reaktion auf das Versagen des protektionistischen Merkantilsystems, zu

etablieren. Es sollte die Epoche des so genannten ,,laissez-faire"-Kapitalismus einleiten.39

So begann die englische Regierung mittels zahlreicher wirtschaftlicher und sozialer

Reformen die Märkte schrittweise zu liberalisieren. Dazu gehörte die Freisetzung der

Arbeitskraft und des Grund und Bodens durch die Bauernbefreiung, die Freisetzung der

gewerblichen Wirtschaft durch die Gewerbefreiheit und die Freisetzung des Handels und

des Marktes durch die Handels- und Niederlassungsfreiheit.40 Die sich entwickelnde

liberale Leistungsgesellschaft fing an die die produktive Arbeit zur Reichtumsquelle, den

Markt zum Regulator der Einkommensverteilung und die individuelle

Selbstverantwortung, ganz im smith′schen Sinne, zum wirtschaftlichen

Entscheidungsprinzip zu erheben.41 Der Straßenbau förderte die Produktion auf den Markt

hin. Erst durch ihn konnte das Gesetz des Angebots und der Nachfrage zum Tragen einer

freihändlerischen Wirtschaft kommen. Englands Wirtschaft verwandelt sich nun bald in ein

dynamisches Gefüge der Konkurrenz sowie der Kalkulation.42 Als zusätzlicher Motor für

die expandierende Wirtschaft galt die Industrialisierung. Die seit 1770 einsetzende

industrielle Revolution wurde durch technische Neuerungen wie die Dampfmaschine durch

James Watt 1770 und einem günstigen Arbeitsmarkt, verursacht durch ein rapides

38 Vgl. Barbaric, Damir: Platon über das Gute und die Gerechtigkeit. Würzburg 2005, S. 17.

39 Boelcke, Willi Alfred: Liberalismus, in: Albers, Willi: Lagerhaltung bis Oligopoltheorie (Handwörterbuch

der Wirtschaftswissenschaft (HDWW), Band 5). Stuttgart 1980, S. 41.

40 Vgl. ebd. S. 41f.

41 Vgl. ebd. S. 42.

42 Vgl. Kluxen, Kurt: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 4. Aufl., Stuttgart 1991,

S. 478.

11


Bevölkerungswachstum, ermöglicht.43 Das Zusammenspiel von freien Markt und Technik

ermöglichte innerhalb kürzester Zeit ein immenses Wirtschaftswachstum. Mitte des 19.

Jahrhunderts war England die führende Handels-, Finanz- und Wirtschaftsmacht. So

steigerte sich etwa die Zahl britischer Exporte von 1814 bis 1854 um fast das Dreifache.44

Das Volksvermögen versechsfachte sich sogar von 1760 bis 1860.45 Der Preis dafür aber

waren die bekannten gravierenden Folgen für die wachsende Zahl von Arbeitern. Die

ländlichen Arbeitsverhältnisse änderten sich. Die Heim- und Gewerbeindustrie war

gegenüber den industriell arbeitenden Unternehmen nicht mehr konkurrenzfähig und das

Landvolk war zur Landflucht gezwungen.46 Dort stellte der Unternehmer in dieser Zeit

eine Art neuen Herrenstand dar. Diesem gegenüber stand eine völlig verarmte Masse von

Fabrikarbeiter, die für ihre eingebrachte Arbeit einen Lohn bekamen, welcher über den

Existenzerhalt nicht hinausging.47 Auch dies ist ein Produkt des freien Zusammenspiels

marktwirtschaftlicher Kräfte, die gefühllose Wertbestimmung menschlicher Arbeit durch

Angebot und Nachfrage. Dies ging dann soweit, dass aufgrund einer reinen

Kostenkalkulation Kinder als noch billigere Arbeitskräfte in den Fabriken immer beliebter

wurde. Etwa ein Drittel aller Kinder unter 15 Jahren standen nach Mindestschätzungen

Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Arbeitsverhältnis.48 Einseitig betrachtet sollte Smith

also Recht behalten. Die Liberalisierung des Marktes führte, begünstigt durch die

Industrialisierung als kausale Wechselbeziehung, zu einer erheblichen

Wohlfahrtssteigerung. Doch kam dieser Reichtum nur einer kleinen, sehr reich

gewordenen Schicht zugute, während sich für einen großen Teil der verarmten Masse die

materielle Lage sogar verschlechterte. Etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten zwei

Drittel der Bevölkerung sozialen Unterschichten an, auf sie entfiel lediglich ein Viertel des

Volkseinkommens.49

5.2.2. Ist Gerechtigkeit definierbar?

Der zweite Punkt ist die Frage, wie denn Gerechtigkeit überhaupt zu definieren sei.

Diese Frage zieht sich durch die ganze Geschichte der Philosophie. Bis heute konnten in

43 Vgl. ebd., S. 479.

44 Vgl. Porter, Andrew / Louis, William Roger: The nineteenth century (The Oxford history of the British

empire, Band 3). Oxford 1999 , S. 35.

45 Vgl. Niedhart, Gottfried: Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert. München 2004, S.34.

46 Vgl. Kluxen, Kurt: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 4. Aufl., Stuttgart 1991,

S. 478 f.

47 Vgl. ebd., S. 480.

48 Vgl. Niedhart, Gottfried: Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert. München 2004, S.46.

49 Vgl. ebd., S.44.

12


dieser Hinsicht all die verschiedenen Meinungen und Auffassungen noch nicht auf einen

Nenner gebracht werden. In der Ökonomie sind die bekanntesten Auffassungen zum

Thema Gerechtigkeit die drei Verteilungsprinzipien: Das Leistungsprinzip, das

Bedürfnisprinzip und das Gleichheitsprinzip. Anders als das Bedürfnisprinzip, dessen Ziel

die individuelle Wohlfahrt ist, oder dem Gleichheitsprinzip, welches auf soziale Befriedung

abzielt, dient das Leistungsprinzip der Maximierung der Produktivität. Nach dieser

Auffassung von Gerechtigkeit ist es gerecht, dass jene, die den größten Beitrag am

volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen leisten auch entsprechende Belohnungen für sich

beanspruchen dürfen.50 Nur so könnte es einen Anreiz für das Streben nach Verbesserung

der eigenen materiellen Lage geben. Anhand seiner Schriften im Reichtum der Völker sei

wohl anzunehmen, dass Smith eher dem Leistungsprinzip zugeneigt wäre. Dies sind

letztlich aber nur Vermutungen und würden die aufgeworfene Problematik nicht lösen

können. Denn das Leistungsprinzip birgt im Grunde genommen die selben Probleme in

sich: ungleiche Verteilung, die mit dem liberalen Grundwert des Rechtes auf

Selbstbestimmung im Widerspruch steht.

Mit ,,The Theory of Moral Sentiments" machte Smith deutlich, dass die Moral mittels der

Sympathie tatsächlich direkten Einfluss auf unser Handeln hat und regulativ auf das

egoistische Streben des Menschen wirken kann. Doch die gravierenden sozialen Folgen der

Ära des so genannten Manchesterkapitalismus machen klar, dass dies nicht alleine

ausreicht. Der gesellschaftliche Zwang scheint nicht stark genug zu sein, um den Mensch

,,gerecht" zu machen. Zudem lässt sich der Begriff der Gerechtigkeit nicht eindeutig

fassen und es besteht die Gefahr ins Subjektive abzugleiten. Adam Smith jedenfalls äußert

sich dazu nicht. Vielleicht, weil er selbst nicht ahnen konnte, welche soziale Folgen ein

vollkommen ungebändigter Markt haben könnte, da ihm eine empirische Überprüfung

nicht möglich war. Zu Smiths Lebzeiten befand sich die Industrialisierung erst in den

Anfängen und der Wirtschaftsliberalismus fing erst langsam an, zu Beginn des 19.

Jahrhunderts, sich als wirtschaftspolitisches Programm Großbritanniens zu etablieren. (s.o.

4.3.1.) Vielleicht, weil er subjektiv betrachtet der Meinung war, dass Verteilung über den

Markt, ähnlich dem Leistungsprinzip, gerecht genug wäre und somit mit dem Reichtum der

Völker keine weiteren Ergänzungen nötig wären. Oder ganz banal, weil er sich damit nicht

weiter beschäftigen wollte.

50 Vgl. Wenzel, Michael: Soziale Kategorisierungen im Bereich distributiver Gerechtigkeit. Münster 1997 ,

S.67 f.

13


6. Nachwirkungen auf den Liberalismus

So mag der Leser vielleicht unbefriedigt sein, weil Smith sich mit dieser sehr

bedeutenden Thematik nicht oder nur ungenügend (wenn man ,,The Theory of Moral

Sentiments" als seine Antwort betrachten mag) befasste. Kritisiert werden kann Smith

dafür aber aus den eben genannten Gründen nicht. Wie aber hat sich der Liberalismus

gegenüber dem Siegeszug der industriellen Produktionsweise und auf den auf Smith

zurückgehenden ökonomischen und sozialen Transformationsprozess artikuliert? Dazu gab

es unter liberalen Denkern und Ökonomen teilweise sehr kontroverse Ansichten. So vertrat

David Ricardo die sehr pessimistische Ansicht, dass überhaupt kein Fortschritt in der

sozialen Lage der Menschheit möglich sei. Daher lehnte er auch jegliche Armen- und

Sozialgesetzgebung ab, weil es angesichts der enormen Steigerungen der Agrar- und

Warenproduktion bei gleichzeitiger verbesserter medizinischer und hygienischer

Versorgung im 19. Jahrhundert, zu einem, alle historische Erfahrungen sprengenden,

Bevölkerungswachstum kam. Und deswegen der daraus resultierende Bedürfniswachstum

schlichtweg nicht erfüllbar sei. Ricardo empfahl daher für die wachsende Masse der

Industriearbeiter lediglich die Sicherung des Existenzminimums durch Handarbeit.51

Tatsächlich sollte aber das Konzept eines Interventionsstaates im Interesse der bürgerlichen

Selbstständigkeit in der liberalen Wirtschafts- und Sozialtheorie des 19. Jahrhunderts

vorherrschen.52 Klare Worte dazu findet John Stuart Mill in den ,,Prinziples of Political

Economy". Dort fordert er im ökonomischen Bereich individuelle Chancengleichheit, vor

allem im Hinblick auf Eigentum und Bildung.53 Mill stellte Smiths grundsätzliche

ökonomischen Mechanismen nicht in Frage, sondern stimmte im Wesentlichen mit ihnen

überein. So kommt für Mill der individuellen Freiheit eine überragende Bedeutung zu und

seines Erachtens ist ein darauf aufbauendes Wirtschaftssystem äußerst effizient.54 Doch

trotz seiner kritischen Einstellung als Liberaler gegenüber dem Staat, sieht er einen

Regelungsbedarf der Wirtschaft. So empfand Mill die volkswirtschaftliche Verteilung des

Produktionsergebnisses und des Eigentums seiner Zeit im 19. Jahrhundert als sehr

ungerecht und griff die Ungleichheiten der Lohnverteilung an:

,,Dass nämlich der größte Anteil denen zufällt, die überhaupt niemals gearbeitet haben

[...] und so in absteigender Linie die Vergütung umso mehr abnimmt, je härter und

51

Vgl. Trautmann, Günther / Holl, Karl: Sozialer Liberalismus. Göttingen 1986 , S. 21.

52 Vgl. ebd., S. 27.

53 Vgl. Hottinger, Olaf: Eigeninteresse und individuelles Nutzenkalkül in der Theorie der Gesellschaft und

Ökonomie von Adam Smith, Jeremy Bentham und John Stuart Mill, Marburg 1998, S. 371.

54 Vgl. ebd., S. 379.

14


unangenehmer die Arbeit ist."55

Des Weiteren ist Mill der Auffassung, dass die Gütererzeugung in erster Linie auf Arbeit

zurückzuführen ist und daher Einkommen nur aus Arbeit geschaffen werden sollte.

Einkommen, welches aus Kapital und Boden erwirtschaftet wurde ist für ihn in ethischer

Hinsicht aber problematisch und der Keim für Ungerechtigkeit. Nur wenn es um die

Entlohnung der eigenen Arbeit geht sind für Mill Einkommen aus Kapitalgewinn und

Bodenrente gerechtfertigt.56 Deswegen vertrat Mill die eher schon sozialistische Position,

dass Kapital und Boden abhängend von deren Verwendung in genossenschaftliches

Staatseigentum überführt werden sollte:

,,Kein Mensch schafft Land. Es ist das ursprüngliche Erbe des ganzen

Menschengeschlechts. Seine Aneignung ist im ganzen eine Frage des allgemeinen

Nutzens. Ist das Privateigentum am Boden nicht nützlich ist es ungerecht"57

Solche Positionen würden heute wohl nur noch wenige liberale Denker teilen. Dennoch

lässt sich am Beispiel Mills feststellen, dass nicht nur Marx erkannte, dass die Entstehung

des Proletariats auf kapitalistische Strukturen zurückzuführen war und freie ökonomische

Entfaltung sich für einen Teil der Bevölkerung auch negativ auswirken kann. Dieser

ideengeschichtlichen Auseinandersetzung ist es meiner Meinung nach zu verdanken, dass

wir heute eine Marktwirtschaft mit ,,sozialen Antlitz" haben.

7. Schlussbetrachtung

Was ist nun der ,,Reichtum der Völker"? Smith verdeutlichte uns, dass dieser sich nicht

in Form von Gold oder anderen Edelmetallen manifestiert, sondern durch den

größtmöglichen Nutzen der Konsumenten. Dieser wird gewährleistet durch ein System

natürlicher Freiheiten. Smith lässt den Menschen, befreit von staatlichen Eingriffen, seinen

natürlichen Egoismus ausleben und schafft damit eine Wohlfahrtsssteigerung und

Erhöhung des Volkseinkommens zum Wohle der ganzen Gesellschaft. Diese Freiheit, die er

als Voraussetzung für sein ökonomisches System sieht, ist es, die ihn in die Nähe anderer

liberaler Denker rückt und weswegen er heute zu den Vordenkern des politischen

Liberalismus gezählt wird. Der Reichtum eines Volkes misst sich aber nicht nur lediglich

am erbrachten Volkseinkommen, sondern auch daran, wie dieses verteilt ist. Rein objektiv

mag ein Volk mit hohem Volkseinkommen noch so reich sein. Wenn sich der Reichtum

aber nur in den Händen einer Person konzentriert während der Rest hungert, kommt diese

55 Ebd., S. 372.

56 Vgl. a.a.O.

57 Ebd., S. 373.

15


Zustandsbeschreibung eines Volkes eher einer Ironie gleich. Adam Smith hat mit dem

Theorem der unsichtbaren Hand ein harmonierendes Zusammenspiel verschiedener

Marktkräfte geschaffen, die zu einer optimalen Ressourcenallokation führt. Die

Wirkungsweise der unsichtbaren Hand erstreckt sich dennoch nicht weiter auf eine

harmonische Verteilung des durch sie erwirtschafteten Wohlstands. Auch der regulative

Einfluss der Moral, spezieller dem sympathtischen Gefühl der Gerechtigkeit, wie in Smiths

,, The Theory of Moral Sentiments", erweist sich als ungenügend. Dies zeigte der

historische Beleg der sozioökonomischen Zustände in der ersten Hälfte des 19.

Jahrhunderts, die dem Zustand der vollkommen freien Marktwirtschaft am nächsten kam.

Dieser Widerspruch von Wohlstandsvermehrung und ungleicher Verteilung wurde von

vielen späteren Denkern erkannt und in unterschiedlicher Weise interpretiert. Die

marxistische Ideologie lehnte deswegen, aufgrund der geforderten fundamentalen

Gleichheit aller Menschen (Gleichheitsprinzip), sämtliches Privateigentum und

persönliches materielles Streben, also auch Adam Smith und die Marktwirtschaft,

prinzipiell ab.58 Der Liberalismus hingegen hielt im Wesentlichen an den Ideen Smiths

fest, korrigierte ihn aber im Sinne der Verteilung, wo der Staat als Ausgleich zu den

Ergebnissen, die der Markt hervorbringt, dient. Das lässt sich gut an unserer sozialen

Marktwirtschaft erkennen. Wir haben einen freien Markt und Wettbewerb. Sind die

Marktergebnisse aber nicht im Sinne des gesellschaftlichen Wohles, greift der Staat

beispielsweise in Form von Kartellbestimmungen oder Arbeitnehmerschutz ein.

Für diese Arbeit offen bleibt die Frage danach, was ,,gerechte" Verteilung ist. Eine Frage,

die ich in Form einer wissenschaftlichen Arbeit nicht wertfrei beantworten kann. Ich

persönlich aber sehe Adam Smiths ökonomische Theorie als eine der Voraussetzungen

dafür, dass wir uns heute diese Frage überhaupt stellen können. Ohne sie würden wir heute

immer noch in den mittelalterlichen Zuständen staatlicher Willkür leben und eine

Steigerung des Wohlstandes und dessen Verteilung hätte nie statt gefunden.

58 Vgl. Marx, Karl / Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei. 48. Aufl., Berlin 1983, S. 61.

16


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