Subtitle: (Amerika)
Classic, 2008, 261 Pages
Author: Franz Kafka
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Year: 2008
Pages: 261
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22974-1
ISBN (Book): 978-3-640-23120-1
File size: 924 KB
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Abstract
Der Heizer - Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte. ›So hoch!‹ sagte er sich und wurde, wie er so gar nicht an das Weggehen dachte, von der immer mehr anschwellenden Menge der Gepäckträger, die an ihm vorüberzogen, allmählich bis an das Bordgeländer geschoben. Ein junger Mann, mit dem er während der Fahrt flüchtig bekannt geworden war, sagte im Vorübergehen: »Ja, haben Sie denn noch keine Lust auszusteigen?« »Ich bin doch fertig«, sagte Karl, ihn anlachend, und hob aus Übermut, und weil er ein starker Junge war, seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er über seinen Bekannten hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit den andern entfernte, merkte er bestürzt, daß er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen hatte. Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr beglückt schien, um die Freundlichkeit, bei seinem Koffer einen Augenblick zu warten, überblickte noch die Situation, um sich bei der Rückkehr zurechtzufinden, und eilte davon. Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang, der seinen Weg sehr verkürzt hätte, zum erstenmal versperrt, was wahrscheinlich mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere zusammenhing, und mußte Treppen, die einander immer wieder folgten, durch fortwährend abbiegende Korridore, durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch mühselig suchen, bis er sich tatsächlich, da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in größerer Gesellschaft gegangen war, ganz und gar verirrt hatte. In seiner Ratlosigkeit und da er keinen Menschen traf und nur immerfort über sich das Scharren der tausend Menschenfüße hörte und von der Ferne, wie einen Hauch, das letzte Arbeiten der schon eingestellten Maschinen merkte, fing er, ohne zu überlegen, an eine beliebige kleine Tür zu schlagen an, bei der er in seinem Herumirren stockte.
Fulltext (computer-generated)
Der Verschollene - Franz Kafka
erstmalig erschienen 1927
Der Heizer
Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika
geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm
bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New
York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in
einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie
neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.
>So hoch! immer mehr anschwellenden Menge der Gepäckträger, die an ihm vorüberzogen,
allmählich bis an das Bordgeländer geschoben.
Ein junger Mann, mit dem er während der Fahrt flüchtig bekannt geworden war, sagte
im Vorübergehen: »Ja, haben Sie denn noch keine Lust auszusteigen?«
»Ich bin doch fertig«, sagte Karl, ihn anlachend, und hob aus Übermut, und weil er ein
starker Junge war, seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er über seinen Bekannten
hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit den andern entfernte,
merkte er bestürzt, daß er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen hatte.
Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr beglückt schien, um die Freundlichkeit, bei
seinem Koffer einen Augenblick zu warten, überblickte noch die Situation, um sich bei
der Rückkehr zurechtzufinden, und eilte davon. Unten fand er zu seinem Bedauern
einen Gang, der seinen Weg sehr verkürzt hätte, zum erstenmal versperrt, was
wahrscheinlich mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere zusammenhing, und mußte
Treppen, die einander immer wieder folgten, durch fortwährend abbiegende Korridore,
durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch mühselig suchen, bis er sich
tatsächlich, da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in größerer Gesellschaft
gegangen war, ganz und gar verirrt hatte. In seiner Ratlosigkeit und da er keinen
Menschen traf und nur immerfort über sich das Scharren der tausend Menschenfüße
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hörte und von der Ferne, wie einen Hauch, das letzte Arbeiten der schon eingestellten
Maschinen merkte, fing er, ohne zu überlegen, an eine beliebige kleine Tür zu schlagen
an, bei der er in seinem Herumirren stockte.
»Es ist ja offen«, rief es von innen und Karl öffnete mit ehrlichem Aufatmen die Tür.
»Warum schlagen Sie so verrückt auf die Tür?« fragte ein riesiger Mann, kaum daß er
nach Karl hinsah. Durch irgend eine Oberlichtluke fiel ein trübes, oben im Schiff längst
abgebrauchtes Licht in die klägliche Kabine, in welcher ein Bett, ein Schrank, ein Sessel
und der Mann knapp nebeneinander, wie eingelagert, standen. »Ich habe mich verirrt«,
sagte Karl, »ich habe es während der Fahrt gar nicht so bemerkt, aber es ist ein
schrecklich großes Schiff.« »Ja, da haben Sie recht«, sagte der Mann mit einigem Stolz
und hörte nicht auf, an dem Schloß eines kleinen Koffers zu hantieren, den er mit
beiden Händen immer wieder zudrückte, um das Einschnappen des Riegels zu
behorchen. »Aber kommen Sie doch herein!«, sagte der Mann weiter, »Sie werden doch
nicht draußen stehn!« »Störe ich nicht?« fragte Karl. »Ach, wie werden Sie denn stören!«
»Sind Sie ein Deutscher?« suchte sich Karl noch zu versichern, da er viel von den
Gefahren gehört hatte, welche besonders von Irländern den Neuankömmlingen in
Amerika drohen. »Bin ich, bin ich«, sagte der Mann. Karl zögerte noch. Da faßte
unversehens der Mann die Türklinke und schob mit der Türe, die er rasch schloß, Karl
zu sich herein. »Ich kann es nicht leiden, wenn man mir vom Gang hereinschaut«, sagte
der Mann, der wieder an seinem Koffer arbeitete, »da läuft jeder vorbei und schaut
herein, das soll der Zehnte aushalten!« »Aber der Gang ist doch ganz leer«, sagte Karl,
der unbehaglich an den Bettpfosten gequetscht dastand. »Ja, jetzt«, sagte der Mann. >Es
handelt sich doch um jetztmit dem Mann ist schwer zu reden. sich doch aufs Bett, da haben Sie mehr Platz«, sagte der Mann. Karl kroch, so gut es
ging, hinein und lachte dabei laut über den ersten vergeblichen Versuch, sich
hinüberzuschwingen. Kaum war er aber im Bett, rief er: »Gotteswillen, ich habe ja ganz
meinen Koffer vergessen!« »Wo ist er denn?« »Oben auf dem Deck, ein Bekannter gibt
acht auf ihn. Wie heißt er nur?« Und er zog aus einer Geheimtasche, die ihm seine
Mutter für die Reise im Rockfutter angelegt hatte, eine Visitkarte. »Butterbaum, Franz
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Butterbaum.« »Haben Sie den Koffer sehr nötig?« »Natürlich.« »Ja, warum haben Sie ihn
dann einem fremden Menschen gegeben?« »Ich hatte meinen Regenschirm unten
vergessen und bin gelaufen, um ihn zu holen, wollte aber den Koffer nicht
mitschleppen. Dann habe ich mich auch hier noch verirrt.« »Sie sind allein? Ohne
Begleitung?« »Ja, allein.« >Ich sollte mich vielleicht an diesen Mann halten durch den Kopf, >wo finde ich gleich einen besseren Freund. noch den Koffer verloren. Vom Regenschirm rede ich gar nicht.« Und der Mann setzte
sich auf den Sessel, als habe Karls Sache jetzt einiges Interesse für ihn gewonnen. »Ich
glaube aber, der Koffer ist noch nicht verloren.« »Glauben macht selig«, sagte der Mann
und kratzte sich kräftig in sei nem dunklen, kurzen, dichten Haar, »auf dem Schiff
wechseln mit den Hafenplätzen auch die Sitten. In Hamburg hätte Ihr Butterbaum den
Koffer vielleicht bewacht, hier ist höchstwahrscheinlich von beiden keine Spur mehr.«
»Da muß ich aber doch gleich hinaufschaun«, sagte Karl und sah sich um, wie er
hinauskommen könnte. »Bleiben Sie nur«, sagte der Mann und stieß ihn mit einer Hand
gegen die Brust, geradezu rauh, ins Bett zurück. »Warum denn?« fragte Karl ärgerlich.
»Weil es keinen Sinn hat«, sagte der Mann, »in einem kleinen Weilchen gehe ich auch,
dann gehen wir zusammen. Entweder ist der Koffer gestohlen, dann ist keine Hilfe, oder
der Mann hat ihn stehengelassen, dann werden wir ihn, bis das Schiff ganz entleert ist,
desto besser finden. Ebenso auch Ihren Regenschirm.« »Kennen Sie sich auf dem Schiff
aus?« fragte Karl mißtrauisch, und es schien ihm, als hätte der sonst überzeugende
Gedanke, daß auf dem leeren Schiff seine Sachen am besten zu finden sein würden,
einen verborgenen Haken. »Ich bin doch Schiffsheizer«, sagte der Mann. »Sie sind
Schiffsheizer!« rief Karl freudig, als überstiege das alle Erwartungen, und sah, den
Ellbogen aufgestützt, den Mann näher an. »Gerade vor der Kammer, wo ich mit dem
Slowaken geschlafen habe, war eine Luke angebracht, durch die man in den
Maschinenraum sehen konnte.« »Ja, dort habe ich gearbeitet«, sagte der Heizer. »Ich
habe mich immer so für Technik interessiert«, sagte Karl, der in einem bestimmten
Gedankengang blieb, »und ich wäre sicher später Ingenieur geworden, wenn ich nicht
nach Amerika hätte fahren müssen.« »Warum haben Sie denn fahren müssen?« »Ach
was!« sagte Karl und warf die ganze Geschichte mit der Hand weg. Dabei sah er lächelnd
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den Heizer an, als bitte er ihn selbst für das Nichteingestandene um seine Nachsicht. »Es
wird schon einen Grund haben«, sagte der Heizer, und man wußte nicht recht, ob er
damit die Erzählung dieses Grundes fordern oder abwehren wollte. »Jetzt könnte ich
auch Heizer werden«, sagte Karl, »meinen Eltern ist es jetzt ganz gleichgültig, was ich
werde.«»Meine Stelle wird frei«, sagte der Heizer, gab im Vollbewußtsein dessen die
Hände in die Hosentaschen und warf die Beine, die in faltigen, lederartigen, eisengrauen
Hosen staken, aufs Bett hin, um sie zu strecken. Karl mußte mehr an die Wand rücken.
»Sie verlassen das Schiff?« »Jawohl, wir marschieren heute ab.« »Warum denn? Gefällt es
Ihnen nicht?« »Ja, das sind die Verhältnisse, es entscheidet nicht immer, ob es einem
gefällt oder nicht. Übrigens haben Sie recht, es gefällt mir auch nicht. Sie denken
wahrscheinlich nicht ernstlich daran, Heizer zu werden, aber gerade dann kann man es
am leichtesten werden. Ich also rate Ihnen entschieden ab. Wenn Sie in Europa
studieren wollten, warum wollen Sie es denn hier nicht? Die amerikanischen
Universitäten sind ja unvergleichlich besser als die europäischen.« »Es ist ja möglich«,
sagte Karl, »aber ich habe ja fast kein Geld zum Studieren. Ich habe zwar von irgend
jemandem gelesen, der bei Tag in einem Geschäft gearbeitet und in der Nacht studiert
hat, bis er Doktor und ich glaube Bürgermeister wurde, aber dazu gehört doch eine
große Ausdauer, nicht? Ich fürchte, die fehlt mir. Außerdem war ich kein besonders
guter Schüler, der Abschied von der Schule ist mir wirklich nicht schwer geworden. Und
die Schulen hier sind vielleicht noch strenger. Englisch kann ich fast gar nicht.
Überhaupt ist man hier gegen Fremde so eingenommen, glaube ich.« »Haben Sie das
auch schon erfahren? Na, dann ist′s gut. Dann sind Sie mein Mann. Sehen Sie, wir sind
doch auf einem deutschen Schiff, es gehört der Hamburg-Amerika-Linie, warum sind
wir nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der Obermaschinist ein Rumäne? Er heißt
Schubal. Das ist doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet uns Deutsche
auf einem deutschen Schiff! Glauben Sie nicht« ihm ging die Luft aus, er fackelte mit
der Hand, »daß ich klage, um zu klagen. Ich weiß, daß Sie keinen Einfluß haben und
selbst ein armes Bürschchen sind. Aber es ist zu arg!« Und er schlug auf den Tisch
mehrmals mit der Faust und ließ kein Auge von ihr, während er schlug. »Ich habe doch
schon auf so vielen Schiffen gedient« und er nannte zwanzig Namen hintereinander,
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als sei es ein Wort, Karl wurde ganz wirr »und habe mich ausgezeichnet, bin belobt
worden, war ein Arbeiter nach dem Geschmack meiner Kapitäne, sogar auf dem
gleichen Handelssegler war ich einige Jahre« er erhob sich, als sei das der Höchstpunkt
seines Lebens »und hier auf diesem Kasten, wo alles nach der Schnur eingerichtet ist,
wo kein Witz gefordert wird, hier taug ich nichts, hier stehe ich dem Schubal immer im
Wege, bin ein Faulpelz, verdiene hinausgeworfen zu werden und bekomme meinen
Lohn aus Gnade. Verstehen Sie das? Ich nicht.« »Das dürfen Sie sich nicht gefallen
lassen«, sagte Karl aufgeregt. Er hatte fast das Gefühl davon verloren, daß er auf dem
unsicheren Boden eines Schiffes, an der Küste eines unbekannten Erdteils war, so
heimisch war ihm hier auf dem Bett des Heizers zumute. »Waren Sie schon beim
Kapitän? Haben Sie schon bei ihm Ihr Recht gesucht?« »Ach gehen Sie, gehen Sie lieber
weg. Ich will Sie nicht hier haben. Sie hören nicht zu, was ich sage, und geben mir
Ratschläge. Wie soll ich denn zum Kapitän gehen!« Und müde setzte sich der Heizer
wieder und legte das Gesicht in beide Hände.
>Einen besseren Rat kann ich ihm nicht geben daß er lieber seinen Koffer hätte holen sollen, statt hier Ratschläge zu geben, die doch
nur für dumm gehalten wurden. Als ihm der Vater den Koffer für immer übergeben
hatte, hatte er im Scherz gefragt: »Wie lange wirst du ihn haben?« und jetzt war dieser
treue Koffer vielleicht schon im Ernst verloren. Der einzige Trost war noch, daß der
Vater von seiner jetzigen Lage kaum erfahren konnte, selbst wenn er nachforschen
sollte. Nur daß er bis New York mitgekommen war, konnte die Schiffsgesellschaft
gerade noch sagen. Leid tat es aber Karl, daß er die Sachen im Koffer noch kaum
verwendet hatte, trotzdem er es beispielsweise längst nötig gehabt hätte, das Hemd zu
wechseln. Da hatte er also am unrichtigen Ort gespart; jetzt, wo er es gerade am Beginn
seiner Laufbahn nötig haben würde, rein gekleidet aufzutreten, würde er im schmutzigen
Hemd erscheinen müssen. Sonst wäre der Verlust des Koffers nicht gar so arg gewesen,
denn der Anzug, den er anhatte, war sogar besser als jener im Koffer, der eigentlich nur
ein Notanzug war, den die Mutter noch knapp vor der Abreise hatte flicken müssen.
Jetzt erinnerte er sich auch, daß im Koffer noch ein Stück Veroneser Salami war, die ihm
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die Mutter als Extragabe eingepackt hatte, von der er jedoch nur den kleinsten Teil hatte
aufessen können, da er während der Fahrt ganz ohne Appetit gewesen war und die
Suppe, die im Zwischendeck zur Verteilung kam, ihm reichlich genügt hatte. Jetzt hätte
er aber die Wurst gern bei der Hand gehabt, um sie dem Heizer zu verehren. Denn
solche Leute sind leicht gewonnen, wenn man ihnen irgendeine Kleinigkeit zusteckt, das
wußte Karl von seinem Vater her, welcher durch Zigarrenverteilung alle die niedrigeren
Angestellten gewann, mit denen er geschäftlich zu tun hatte. Jetzt besaß Karl an
Verschenkbarem nur noch sein Geld, und das wollte er, wenn er schon vielleicht den
Koffer verloren haben sollte, vorläufig nicht anrühren. Wieder kehrten seine Gedanken
zum Koffer zurück, und er konnte jetzt wirklich nicht einsehen, warum er den Koffer
während der Fahrt so aufmerksam bewacht hatte, daß ihm die Wache fast den Schlaf
gekostet hatte, wenn er jetzt diesen gleichen Koffer so leicht sich hatte wegnehmen
lassen. Er erinnerte sich an die fünf Nächte, während derer er einen kleinen Slowaken,
der zwei Schlafstellen links von ihm gelegen war, unausgesetzt im Verdacht gehabt hatte,
daß er es auf seinen Koffer abgesehen habe. Dieser Slowake hatte nur darauf gelauert,
daß Karl endlich, von Schwäche befallen, für einen Augenblick einnickte, damit er den
Koffer mit einer langen Stange, mit der er immer während des Tages spielte oder übte,
zu sich hinüberziehen könne. Bei Tage sah dieser Slowake unschuldig genug aus, aber
kaum war die Nacht gekommen, erhob er sich von Zeit zu Zeit von seinem Lager und
sah traurig zu Karls Koffer hinüber. Karl konnte dies ganz deutlich erkennen, denn
immer hatte hie und da jemand mit der Unruhe des Auswanderers ein Lichtchen
angezündet, trotzdem dies nach der Schiffsordnung verboten war, und versuchte,
unverständliche Prospekte der Auswanderungsagenturen zu entziffern. War ein solches
Licht in der Nähe, dann konnte Karl ein wenig eindämmern, war es aber in der Ferne
oder war dunkel, dann mußte er die Augen offenhalten. Diese Anstrengung hatte ihn
recht erschöpft, und nun war sie vielleicht ganz nutzlos gewesen. Dieser Butterbaum,
wenn er ihn einmal irgendwo treffen sollte!
In diesem Augenblick ertönten draußen in weiter Ferne in die bisherige vollkommene
Ruhe hinein kleine kurze Schläge, wie von Kinderfüßen, sie kamen näher mit
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verstärktem Klang, und nun war es ein ruhiger Marsch von Männern. Sie gingen
offenbar, wie es in dem schmalen Gang natürlich war, in einer Reihe, man hörte Klirren
wie von Waffen. Karl, der schon nahe daran gewesen war, sich im Bett zu einem von
allen Sorgen um Koffer und Slowaken befreiten Schlafe auszustrecken, schreckte auf
und stieß den Heizer an, um ihn endlich aufmerksam zu machen, denn der Zug schien
mit seiner Spitze die Tür gerade erreicht zu haben. »Das ist die Schiffskapelle«, sagte der
Heizer, »die haben oben gespielt und gehen jetzt einpacken. Jetzt ist alles fertig und wir
können gehen. Kommen Sie!« Er faßte Karl bei der Hand, nahm noch im letzten
Augenblick ein eingerahmtes Muttergottesbild von der Wand über dem Bett, stopfte es
in seine Brusttasche, ergriff seinen Koffer und verließ mit Karl eilig die Kabine.
»Jetzt gehe ich ins Büro und werde den Herren meine Meinung sagen. Es ist kein
Passagier mehr da, man muß keine Rücksicht nehmen.« Dieses wiederholte der Heizer
verschiedenartig und wollte im Gehen mit Seitwärtsstoßen des Fußes eine den Weg
kreuzende Ratte niedertreten, stieß sie aber bloß schneller in das Loch hinein, daß sie
noch rechtzeitig erreicht hatte. Er war überhaupt langsam in seinen Bewegungen, denn
wenn er auch lange Beine hatte, so waren sie doch zu schwer.
Sie kamen durch eine Abteilung der Küche, wo einige Mädchen in schmutzigen
Schürzen sie begossen sie absichtlich Geschirr in großen Bottichen reinigten. Der
Heizer rief eine gewisse Line zu sich, legte den Arm um ihre Hüfte und führte sie, die
sich immerzu kokett gegen seinen Arm drückte, ein Stückchen mit. »Es gibt jetzt
Auszahlung, willst du mitkommen?« fragte er. »Warum soll ich mich bemühn, bring mir
das Geld lieber her«, antwortete sie, schlüpfte unter seinem Arm durch und lief davon.
»Wo hast du denn den schönen Knaben aufgegabelt?« rief sie noch, wollte aber keine
Antwort mehr. Man hörte das Lachen aller Mädchen, die ihre Arbeit unterbrochen
hatten.
Sie aber gingen weiter und kamen an eine Tür, die oben einen kleinen Vorgiebel hatte,
der von kleinen, vergoldeten Karyatiden getragen war. Für eine Schiffseinrichtung sah
das recht verschwenderisch aus. Karl war, wie er merkte, niemals in diese Gegend
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gekommen, die wahrscheinlich während der Fahrt den Passagieren der ersten und
zweiten Klasse vorbehalten gewesen war, während man jetzt vor der großen
Schiffsreinigung die Trennungstüren ausgehoben hatte. Sie waren auch tatsächlich schon
einigen Männern begegnet, die Besen an der Schulter trugen und den Heizer gegrüßt
hatten. Karl staunte über den großen Betrieb, in seinem Zwischendeck hatte er davon
freilich wenig erfahren. Längs der Gänge zogen sich auch Drähte elektrischer Leitungen,
und eine kleine Glocke hörte man immerfort.
Der Heizer klopfte respektvoll an der Türe an und forderte, als man »Herein!« rief, Karl
mit einer Handbewegung auf, ohne Furcht einzutreten. Dieser trat auch ein, aber blieb
an der Tür stehen. Vor den drei Fenstern des Zimmers sah er die Wellen des Meeres,
und bei Betrachtung ihrer fröhlichen Bewegung schlug ihm das Herz, als hätte er nicht
fünf lange Tage das Meer ununterbrochen gesehen. Große Schiffe kreuzten gegenseitig
ihre Wege und gaben dem Wellenschlag nur so weit nach, als es ihre Schwere erlaubte.
Wenn man die Augen klein machte, schienen diese Schiffe vor lauter Schwere zu
schwanken. Auf ihren Masten trugen sie schmale, aber lange Flaggen, die zwar durch die
Fahrt gestrafft wurden, trotzdem aber noch hin und her zappelten. Wahrscheinlich von
Kriegsschiffen her erklangen Salutschüsse, die Kanonenrohre eines solchen nicht
allzuweit vorüberfahrenden Schiffes, strahlend mit dem Reflex ihres Stahlmantels, waren
wie gehätschelt von der sicheren, glatten und doch nicht waagerechten Fahrt. Die
kleinen Schiffchen und Boote konnte man, wenigstens von der Tür aus, nur in der Ferne
beobachten, wie sie in Mengen in die Öffnungen zwischen den großen Schiffen
einliefen. Hinter alledem aber stand New York und sah Karl mit hunderttausend
Fenstern seiner Wolkenkratzer an. Ja, in diesem Zimmer wußte man, wo man war.
An einem runden Tisch saßen drei Herren, der eine ein Schiffsoffizier in blauer
Schiffsuniform, die zwei anderen, Beamte der Hafenbehörde, in schwarzen
amerikanischen Uniformen. Auf dem Tisch lagen, hochaufgeschichtet, verschiedene
Dokumente welche der Offizier zuerst mit der Feder in der Hand überflog, um sie dann
den beiden anderen zu reichen, die bald lasen, bald exzerpierten, bald in ihre
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Aktentaschen einlegten, wenn nicht gerade der eine, der fast ununterbrochen ein kleines
Geräusch mit den Zähnen vollführte, seinem Kollegen etwas in ein Protokoll diktierte.
Am Fenster saß an einem Schreibtisch, den Rücken der Türe zugewendet, ein kleinerer
Herr, der mit großen Folianten hantierte, die auf einem starken Bücherbrett in
Kopfhöhe vor ihm aneinandergereiht waren. Neben ihm stand eine offene, wenigstens
auf den ersten Blick leere Kassa.
Das zweite Fenster war leer und gab den besten Ausblick. In der Nähe des dritten aber
standen zwei Herren in halblautem Gespräch. Der eine lehnte neben dem Fenster, trug
auch die Schiffsuniform und spielte mit dem Griff des Degens. Derjenige, mit dem er
sprach, war dem Fenster zugewendet und enthüllte hie und da durch eine Bewegung
einen Teil der Ordensreihe auf der Brust des andern. Er war in Zivil und hatte ein
dünnes Bambusstöckchen, das, da er beide Hände an den Hüften festhielt, auch wie ein
Degen abstand.
Karl hatte nicht viel Zeit, alles anzusehen, denn bald trat ein Diener auf sie zu und fragte
den Heizer mit einem Blick, als gehöre er nicht hierher, was er denn wolle. Der Heizer
antwortete, so leise als er gefragt wurde, er wolle mit dem Herrn Oberkassier reden. Der
Diener lehnte für seinen Teil mit einer Handbewegung diese Bitte ab, ging aber dennoch
auf den Fußspitzen, dem runden Tisch in großem Bogen ausweichend, zu dem Herrn
mit den Folianten. Dieser Herr das sah man deutlich erstarrte geradezu unter den
Worten des Dieners, kehrte sich aber endlich nach dem Manne um, der ihn zu sprechen
wünschte, und fuchtelte dann, streng abwehrend, gegen den Heizer und der Sicherheit
halber auch gegen den Diener hin. Der Diener kehrte darauf zum Heizer zurück und
sagte in einem Tone, als vertraue er ihm etwas an: »Scheren Sie sich sofort aus dem
Zimmer!«
Der Heizer sah nach dieser Antwort zu Karl hinunter, als sei dieser sein Herz, dem er
stumm seinen Jammer klage. Ohne weitere Besinnung machte sich Karl los, lief quer
durchs Zimmer, daß er sogar leicht an den Sessel des Offiziers streifte, der Diener lief
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gebeugt mit zum Umfangen bereiten Armen, als jage er ein Ungeziefer, aber Karl war
der erste beim Tisch des Oberkassiers, wo er sich festhielt, für den Fall, daß der Diener
versuchen sollte, ihn fortzuziehen.
Natürlich wurde gleich das Zimmer lebendig. Der Schiffsoffizier am Tisch war
aufgesprungen, die Herren von der Hafenbehörde sahen ruhig, aber aufmerksam zu, die
beiden Herren am Fenster waren nebeneinander getreten, der Diener, welcher glaubte,
er sei dort, wo schon die hohen Herren Interesse zeigten, nicht mehr am Platze, trat
zurück. Der Heizer an der Türe wartete angespannt auf den Augenblick, bis seine Hilfe
nötig würde. Der Oberkassier endlich machte in seinem Lehnsessel eine große
Rechtswendung.
Karl kramte aus seiner Geheimtasche, die er den Blicken dieser Leute zu zeigen keine
Bedenken hatte, seinen Reisepaß hervor, den er statt weiterer Vorstellung geöffnet auf
den Tisch legte. Der Oberkassier schien diesen Paß für nebensächlich zu halten, denn er
schnippte ihn mit zwei Fingern beiseite, worauf Karl, als sei diese Formalität zur
Zufriedenheit erledigt, den Paß wieder einsteckte.
»Ich erlaube mir zu sagen«, begann er dann, »daß meiner Meinung nach dem Herrn
Heizer Unrecht geschehen ist. Es ist hier ein gewisser Schubal, der ihm aufsitzt. Er selbst
hat schon auf vielen Schiffen, die er Ihnen alle nennen kann, zur vollständigen
Zufriedenheit gedient, ist fleißig, meint es mit seiner Arbeit gut, und es ist wirklich nicht
einzusehen, warum er gerade auf diesem Schiff, wo doch der Dienst nicht so übermäßig
schwer ist, wie zum Beispiel auf Handelsseglern, schlecht entsprechen sollte. Es kann
daher nur Verleumdung sein, die ihn in seinem Vorwärtskommen hindert und ihn um
die Anerkennung bringt, die ihm sonst ganz bestimmt nicht fehlen würde. Ich habe nur
das Allgemeine über diese Sache gesagt, seine besonderen Beschwerden wird er Ihnen
selbst vorbringen.« Karl hatte sich mit dieser Rede an alle Herren gewendet, weil ja
tatsächlich auch alle zuhörten und es viel wahrscheinlicher schien, daß sich unter allen
zusammen ein Gerechter vorfand, als daß dieser Gerechte gerade der Oberkassier sein
sollte. Aus Schlauheit hatte außerdem Karl verschwiegen, daß er den Heizer erst so
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kurze Zeit kannte. Im übrigen hätte er noch viel besser gesprochen, wenn er nicht durch
das rote Gesicht des Herrn mit dem Bambusstöckchen beirrt worden wäre, das er von
seinem jetzigen Standort zum erstenmal sah.
»Es ist alles Wort für Wort richtig«, sagte der Heizer, ehe ihn noch jemand gefragt, ja ehe
man noch überhaupt auf ihn hingesehen hatte. Diese Übereiltheit des Heizers wäre ein
großer Fehler gewesen, wenn nicht der Herr mit den Orden, der, wie es jetzt Karl
aufleuchtete, jedenfalls der Kapitän war, offenbar mit sich bereits übereingekommen
wäre, den Heizer anzuhören. Er streckte nämlich die Hand aus und rief dem Heizer zu:
»Kommen Sie her!« mit einer Stimme, fest, um mit einem Hammer darauf zu schlagen.
Jetzt hing alles vom Benehmen des Heizers ab, denn was die Gerechtigkeit seiner Sache
anlangte, an der zweifelte Karl nicht.
Glücklicherweise zeigte sich bei dieser Gelegenheit, daß der Heizer schon viel in der
Welt herumgekommen war. Musterhaft ruhig nahm er aus seinem Köfferchen mit dem
ersten Griff ein Bündelchen Papiere sowie ein Notizbuch, ging damit, als verstünde sich
das von selbst, unter vollständiger Vernachlässigung des Oberkassiers, zum Kapitän und
breitete auf dem Fensterbrett seine Beweismittel aus. Dem Oberkassier blieb nichts
übrig, als sich selbst hinzubemühn. »Der Mann ist ein bekannter Querulant«, sagte er zur
Erklärung, »er ist mehr in der Kassa als im Maschinenraum. Er hat Schubal, diesen
ruhigen Menschen, ganz zur Verzweiflung gebracht. Hören Sie einmal!« wandte er sich
an den Heizer, »Sie treiben Ihre Zudringlichkeit doch schon wirklich zu weit. Wie oft hat
man Sie schon aus den Auszahlungsräumen hinausgeworfen, wie Sie es mit Ihren ganz
vollständig und ausnahmslos unberechtigten Forderungen verdienen! Wie oft sind Sie
von dort in die Hauptkassa gelaufen gekommen! Wie oft hat man Ihnen im guten gesagt,
daß Schubal Ihr unmittelbarer Vorgesetzter ist, mit dem allein Sie sich als ein
Untergebener abzufinden haben! Und jetzt kommen Sie gar noch her, wenn der Herr
Kapitän da ist, schämen sich nicht, sogar ihn zu belästigen, sondern entblöden sich nicht
einmal, als eingelernten Stimmführer Ihrer abgeschmackten Beschuldigungen diesen
Kleinen mitzubringen, den ich überhaupt zum erstenmal auf dem Schiffe sehe!«
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Karl hielt sich mit Gewalt zurück, vorzuspringen. Aber schon war auch der Kapitän da,
welcher sagte: »Hören wir den Mann doch einmal an. Der Schubal wird mir sowieso mit
der Zeit viel zu selbständig, womit ich aber nichts zu Ihren Gunsten gesagt haben will.«
Das letztere galt dem Heizer, es war nur natürlich, daß er sich nicht sofort für ihn
einsetzen konnte, aber alles schien auf dem richtigen Wege. Der Heizer begann seine
Erklärungen und überwand sich gleich am Anfang, indem er Schubal mit »Herr«
titulierte. Wie freute sich Karl am verlassenen Schreibtisch des Oberkassiers, wo er eine
Briefwaage immer wieder niederdrückte vor lauter Vergnügen. Herr Schubal ist
ungerecht! Herr Schubal bevorzugt die Ausländer! Herr Schubal verwies den Heizer aus
dem Maschinenraum und ließ ihn Klosette reinigen, was doch gewiß nicht des Heizers
Sache war! Einmal wurde sogar die Tüchtigkeit des Herrn Schubal angezweifelt, die
eher scheinbar als wirklich vorhanden sein sollte. Bei dieser Stelle starrte Karl mit aller
Kraft den Kapitän an, zutunlich, als sei er sein Kollege, nur damit er sich durch die etwas
ungeschickte Ausdrucksweise des Heizers nicht zu dessen Ungunsten beeinflussen lasse.
Immerhin erfuhr man aus den vielen Reden nichts Eigentliches, und wenn auch der
Kapitän noch immer vor sich hinsah, in den Augen die Entschlossenheit, den Heizer
diesmal bis zu Ende anzuhören, so wurden doch die anderen Herren ungeduldig, und
die Stimme des Heizers regierte bald nicht mehr unumschränkt in dem Raume, was
manches befürchten ließ. Als erster setzte der Herr in Zivil sein Bambusstöckchen in
Tätigkeit und klopfte, wenn auch nur leise, auf das Parkett. Die anderen Herren sahen
natürlich hie und da hin, die Herren von der Hafenbehörde, die offenbar pressiert
waren, griffen wieder zu den Akten und begannen, wenn auch noch etwas
geistesabwesend, sie durchzusehen, der Schiffsoffizier rückte seinen Tisch wieder näher,
und der Oberkassier, der gewonnenes Spiel zu haben glaubte, seufzte aus Ironie tief auf.
Von der allgemein eintretenden Zerstreuung schien nur der Diener bewahrt, der von
den Leiden des unter die Großen gestellten armen Mannes einen Teil mitfühlte und Karl
ernst zunickte, als wolle er damit etwas erklären.
Inzwischen ging vor den Fenstern das Hafenleben weiter, ein flaches Lastschiff mit
einem Berg von Fässern, die wunderbar verstaut sein mußten, daß sie nicht ins Rollen
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kamen, zog vorüber und erzeugte in dem Zimmer fast Dunkelheit; kleine Motorboote,
die Karl jetzt, wenn er Zeit gehabt hätte, genau hätte ansehen können, rauschten nach
den Zuckungen der Hände eines am Steuer aufrecht stehenden Mannes schnurgerade
dahin! Eigentümliche Schwimmkörper tauchten hie und da selbständig aus dem
ruhelosen Wasser, wurden gleich wieder überschwemmt und versanken vor dem
erstaunten Blick; Boote der Ozeandampfer wurden von heiß arbeitenden Matrosen
vorwärtsgerudert und waren voll von Passagieren, die darin, so wie man sie
hineingezwängt hatte, still und erwartungsvoll saßen, wenn es auch manche nicht
unterlassen konnten, die Köpfe nach den wechselnden Szenerien zu drehen. Eine
Bewegung ohne Ende, eine Unruhe, übertragen von dem unruhigen Element auf die
hilflosen Menschen und ihre Werke!
Aber alles mahnte zur Eile, zur Deutlichkeit, zu ganz genauer Darstellung; aber was tat
der Heizer? Er redete sich allerdings in Schweiß, die Papiere auf dem Fenster konnte er
längst mit seinen zitternden Händen nicht mehr halten; aus allen Himmelsrichtungen
strömten ihm Klagen über Schubal zu, von denen seiner Meinung nach jede einzelne
genügt diesen Schubal vollständig zu begraben, aber was er dem Kapitän vorzeigen
konnte, war nur ein trauriges Durcheinanderstrudeln aller insgesamt. Längst schon pfiff
der Herr mit dem Bambusstöckchen schwach zur Decke hinauf, die Herren von der
Hafenbehörde hielten schon den Offizier an ihrem Tisch und machten keine Miene, ihn
je wieder loszulassen, der Oberkassier wurde sichtlich nur durch die Ruhe des Kapitäns
vor dem Dreinfahren zurückgehalten, der Diener erwartete in Habachtstellung jeden
Augenblick einen auf den Heizer bezüglichen Befehl seines Kapitäns.
Da konnte Karl nicht mehr untätig bleiben. Er ging also langsam zu der Gruppe hin und
überlegte im Gehen nur desto schneller, wie er die Sache möglichst geschickt angreifen
könnte. Es war wirklich höchste Zeit, noch ein kleines Weilchen nur, und sie konnten
ganz gut beide aus dem Büro fliegen. Der Kapitän mochte ja ein guter Mann sein und
überdies gerade jetzt, wie es Karl schien, irgendeinen besonderen Grund haben, sich als
gerechter Vorgesetzter zu zeigen, aber schließlich war er kein Instrument, das man in
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Grund und Boden spielen konnte und gerade so behandelte ihn der Heizer, allerdings
aus seinem grenzenlos empörten Innern heraus.
Karl sagte also zum Heizer: »Sie müssen das einfacher erzählen, klarer, der Herr Kapitän
kann es nicht würdigen, so wie Sie es ihm erzählen. Kennt er denn alle Maschinisten
Laufburschen beim Namen oder gar beim Taufnamen, daß er, wenn Sie nur einen
solchen Namen aussprechen, gleich wissen kann, um wen es sich handelt? Ordnen Sie
doch Ihre Beschwerden, sagen Sie die wichtigste zuerst und absteigend die anderen,
vielleicht wird es dann überhaupt nicht mehr nötig sein, die meisten auch nur zu
erwähnen. Mir haben Sie es doch immer so klar dargestellt!« >Wenn man in Amerika
Koffer stehlen kann, kann man auch hie und da lügen Wenn es aber nur geholfen hätte! Ob es nicht auch schon zu spät war? Der Heizer
unterbrach sich zwar sofort, als er die bekannte Stimme hörte, aber mit seinen Augen,
die ganz von Tränen der beleidigten Mannesehre, der schrecklichen Erinnerungen, der
äußersten gegenwärtigen Not verdeckt waren, konnte er Karl schon nicht einmal mehr
gut erkennen. Wie sollte er auch jetzt Karl sah das schweigend vor dem jetzt
Schweigenden wohl ein , wie sollte er auch jetzt plötzlich seine Redeweise ändern, da es
ihm doch schien, als hätte er alles was zu sagen war, ohne die geringste Anerkennung
schon vorgebracht und als habe er andererseits noch gar nichts gesagt und könne doch
den Herren jetzt nicht zumuten, noch alles anzuhören. Und in einem solchen Zeitpunkt
kommt noch Karl, sein einziger Anhänger, daher, will ihm gute Lehren geben, zeigt ihm
aber statt dessen, daß alles, alles verloren ist.
>Wäre ich früher gekommen, statt aus dem Fenster zu schauen vor dem Heizer das Gesicht und schlug die Hände an die Hosennaht, zum Zeichen des
Endes jeder Hoffnung.
Aber der Heizer mißverstand das, witterte wohl in Karl irgendwelche geheimen
Vorwürfe gegen sich, und in der guten Absicht, sie ihm auszureden, fing er zur Krönung
seiner Taten mit Karl jetzt zu streiten an. Jetzt, wo doch die Herren am runden Tisch
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längst empört über den nutzlosen Lärm waren, der ihre wichtigen Arbeiten störte, wo
der Hauptkassier allmählich die Geduld des Kapitäns unverständlich fand und zum
sofortigen Ausbruch neigte, wo der Diener, ganz wieder in der Sphäre seiner Herren,
den Heizer mit wildem Blicke maß, und wo endlich der Herr mit dem
Bambusstöckchen, zu welchem sogar der Kapitän hie und da freundlich hinübersah,
schon gänzlich abgestumpft gegen den Heizer, ja von ihm angewidert, ein kleines
Notizbuch hervorzog und, offenbar mit ganz anderen Angelegenheiten beschäftigt, die
Augen zwischen dem Notizbuch und Karl hin und her wandern ließ.
»Ich weiß ja«, sagte Karl, der Mühe hatte, den jetzt gegen ihn gekehrten Schwall des
Heizers abzuwehren, trotzdem aber quer durch al en Streit noch ein Freundeslächeln für
ihn übrig hatte, »Sie haben recht, recht, ich habe ja nie daran gezweifelt.« Er hätte ihm
gern aus Furcht vor Schlägen die herumfahrenden Hände gehalten, noch lieber
allerdings ihn in einen Winkel gedrängt, um ihm ein paar leise, beruhigende Worte
zuzuflüstern, die niemand sonst hätte hören müssen. Aber der Heizer war außer Rand
und Band. Karl begann jetzt schon sogar aus dem Gedanken eine Art Trost zu
schöpfen, daß der Heizer im Notfall mit der Kraft seiner Verzweiflung alle anwesenden
sieben Männer bezwingen könne. Allerdings lag auf dem Schreibtisch, wie ein Blick
dorthin lehrte, ein Aufsatz mit viel zu vielen Druckknöpfen der elektrischen Leitung;
und eine Hand, einfach auf sie niedergedrückt, konnte das ganze Schiff mit allen seinen
von feindlichen Menschen gefüllten Gängen rebel isch machen.
Da trat der doch so uninteressierte Herr mit dem Bambusstöckchen auf Karl zu und
fragte, nicht überlaut, aber deutlich über allem Geschrei des Heizers: »Wie heißen Sie
denn eigentlich?« In diesem Augenblick, als hätte jemand hinter der Tür auf diese
Äußerung des Herrn gewartet, klopfte es. Der Diener sah zum Kapitän hinüber, dieser
nickte. Daher ging der Diener zur Tür und öffnete sie. Draußen stand in einem alten
Kaiserrock ein Mann von mittleren Proportionen, seinem Ansehen nach nicht eigentlich
zur Arbeit an den Maschinen geeignet, und war doch Schubal. Wenn es Karl nicht an
aller Augen erkannt hätte, die eine gewisse Befriedigung ausdrückten, von der nicht
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einmal der Kapitän frei war, er hätte es zu seinem Schrecken am Heizer sehen müssen,
der die Fäuste an den gestrafften Armen so ballte, als sei diese Ballung das Wichtigste an
ihm, dem er alles, was er an Leben habe, zu opfern bereit sei. Da steckte jetzt alle seine
Kraft, auch die, welche ihn überhaupt aufrecht erhielt.
Und da war also der Feind, frei und frisch im Festanzug, unter dem Arm ein
Geschäftsbuch, wahrscheinlich die Lohnlisten und Arbeitsausweise des Heizers, und sah
mit dem ungescheuten Zugeständnis, daß er die Stimmung jedes einzelnen vor allem
feststellen wolle, in aller Augen der Reihe nach. Die sieben waren auch schon alle seine
Freunde, denn wenn auch der Kapitän früher gewisse Einwände gegen ihn gehabt oder
vielleicht nur vorgeschützt hatte, nach dem Leid, das ihm der Heizer angetan hatte,
schien ihm wahrscheinlich an Schubal auch das Geringste nicht mehr auszusetzen.
Gegen einen Mann wie den Heizer konnte man nicht streng genug verfahren, und wenn
dem Schubal etwas vorzuwerfen war, so war es der Umstand, daß er die
Widerspenstigkeit des Heizers im Laufe der Zeit nicht so weit hatte brechen können,
daß es dieser heute noch gewagt hatte, vor dem Kapitän zu erscheinen.
Nun konnte man ja vielleicht noch annehmen, die Gegenüberstellung des Heizers und
Schubals werde die ihr vor einem höheren Forum zukommende Wirkung auch vor den
Menschen nicht verfehlen, denn wenn sich auch Schubal gut verstellen konnte, er mußte
es doch durchaus nicht bis zum Ende aushalten können. Ein kurzes Aufblitzen seiner
Schlechtigkeit sollte genügen, um sie den Herren sichtbar zu machen, dafür wollte Karl
schon sorgen. Er kannte doch schon beiläufig den Scharfsinn, die Schwächen, die
Launen der einzelnen Herren, und unter diesem Gesichtspunkt war die bisher hier
verbrachte Zeit nicht verloren. Wenn nur der Heizer besser auf dem Platz gewesen wäre,
aber der schien vollständig kampfunfähig. Wenn man ihm den Schubal hingehalten
hätte, hätte er wohl dessen gehaßten Schädel mit den Fäusten aufklopfen können. Aber
schon die paar Schritte zu ihm hinzugehen, war er wohl kaum imstande. Warum hatte
denn Karl das so leicht Vorauszusehende nicht vorausgesehen, daß Schubal endlich
kommen müsse, wenn nicht aus eigenem Antrieb, so vom Kapitän gerufen. Warum
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hatte er auf dem Herweg mit dem Heizer nicht einen genauen Kriegsplan besprochen,
statt, wie sie es in Wirklichkeit getan hatten, heillos unvorbereitet einfach dort
einzutreten, wo eine Tür war? Konnte der Heizer überhaupt noch reden, ja und nein
sagen, wie es bei dem Kreuzverhör, das allerdings nur im günstigsten Fall bevorstand,
nötig sein würde? Er stand da, die Beine auseinandergestellt, die Knie unsicher, den
Kopf etwas gehoben, und die Luft verkehrte durch den offenen Mund, als gäbe es innen
keine Lungen mehr die sie verarbeiteten. Karl allerdings fühlte sich so kräftig und bei
Verstand, wie er es vielleicht zu Hause niemals gewesen war. Wenn ihn doch seine
Eltern sehen könnten, wie er in fremdem Land vor angesehenen Persönlichkeiten das
Gute verfocht und, wenn er es auch noch nicht zum Siege gebracht hatte, so doch zur
letzten Eroberung sich vollkommen bereitstellte! Würden sie ihre Meinung über ihn
revidieren? Ihn zwischen sich niedersetzen und loben? Ihm einmal, einmal in die ihnen
so ergebenen Augen sehn? Unsichere Fragen und ungeeignetster Augenblick, sie zu
stellen!
»Ich komme, weil ich glaube, daß mich der Heizer irgendwelcher Unredlichkeiten
beschuldigt. Ein Mädchen aus der Küche sagte mir, sie hätte ihn auf dem Wege hierher
gesehen. Herr Kapitän und Sie alle meine Herren, ich bin bereit, jede Beschuldigung an
der Hand meiner Schriften, nötigenfalls durch Aussagen unvoreingenommener und
unbeeinflußter Zeugen, die vor der Türe stehen, zu widerlegen.« So sprach Schubal. Das
war allerdings die klare Rede eines Mannes, und nach der Veränderung in den Mienen
der Zuhörer hätte man glauben können, sie hörten zum erstenmal nach langer Zeit
wieder menschliche Laute. Sie bemerkten freilich nicht, daß selbst diese schöne Rede
Löcher hatte. Warum war das erste sachliche Wort, das ihm einfiel, »Unredlichkeiten«?
Hätte vielleicht die Beschuldigung hier einsetzen müssen, statt bei seinen nationalen
Voreingenommenheiten? Ein Mädchen aus der Küche hatte den Heizer auf dem Weg
ins Büro gesehen, und Schubal hatte sofort begriffen? War es nicht das
Schuldbewußtsein, das ihm den Verstand schärfte? Und Zeugen hatte er gleich
mitgebracht und nannte sie noch außerdem unvoreingenommen und unbeeinflußt?
Gaunerei, nichts als Gaunerei! Und die Herren duldeten das und anerkannten es noch
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als richtiges Benehmen? Warum hatte er zweifellos sehr viel Zeit zwischen der Meldung
des Küchenmädchens und seiner Ankunft hier verstreichen lassen? Doch zu keinem
anderen Zwecke, als damit der Heizer die Herren so ermüde, daß sie allmählich ihre
klare Urteilskraft verlören, welche Schubal vor allem zu fürchten hatte. Hatte er, der
sicher schon lange hinter der Tür gestanden, nicht erst im Augenblick geklopft, als er
infolge der nebensächlichen Frage jenes Herrn hoffen durfte, der Heizer sei erledigt?
Alles war klar und wurde ja auch von Schubal wider Willen so dargeboten, aber den
Herrn mußte man es anders, noch handgreiflicher zeigen. Sie brauchten Aufrüttelung.
Also, Karl, rasch, nütze wenigstens die Zeit aus, ehe die Zeugen auftreten und alles
überschwemmen!
Eben aber winkte der Kapitän dem Schubal ab, der darauf hin sofort denn seine
Angelegenheit schien für ein Weilchen aufgeschoben zu sein beiseitetrat und mit dem
Diener, der sich ihm gleich angeschlossen hatte, eine leise Unterhaltung begann, bei der
es an Seitenblicken nach dem Heizer und Karl sowie an den überzeugtesten
Handbewegungen nicht fehlte. Schubal schien so seine nächste Rede einzuüben.
»Wollten Sie nicht den jungen Menschen etwas fragen, Herr Jakob?« sagte der Kapitän
unter allgemeiner Stille zu dem Herrn mit dem Bambusstöckchen.
»Allerdings«, sagte dieser, mit einer kleinen Neigung für die Aufmerksamkeit dankend.
Und fragte dann Karl nochmals: »Wie heißen Sie eigentlich?«
Karl, welcher glaubte, es sei im Interesse der großen Hauptsache gelegen, wenn dieser
Zwischenfall des hartnäckigen Fragers bald erledigt würde, antwortete kurz, ohne, wie es
seine Gewohnheit war, durch Vorweisung des Passes sich vorzustellen, den er erst hätte
suchen müssen: »Karl Roßmann.«
»Aber«, sagte der mit Jakob Angesprochene und trat zuerst fast ungläubig lächelnd
zurück. Auch der Kapitän, der Oberkassier, der Schiffsoffizier, ja sogar der Diener
zeigten deutlich ein übermäßiges Erstaunen wegen Karls Namen. Nur die Herren von
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der Hafenbehörde und Schubal verhielten sich gleichgültig.
»Aber«, wiederholte Herr Jakob und trat mit etwas steifen Schritten auf Karl zu, »dann
bin ich ja dein Onkel Jakob, und du bist mein lieber Neffe. Ahnte ich es doch die ganze
Zeit über!« sagte er zum Kapitän hin, ehe er Karl umarmte und küßte, der alles stumm
geschehen ließ.
»Wie heißen Sie?« fragte Karl, nachdem er sich losgelassen fühlte, zwar sehr höflich, aber
gänzlich ungerührt, und strengte sich an, die Folgen abzusehen, welche dieses neue
Ereignis für den Heizer haben dürfte. Vorläufig deutete nichts darauf hin, daß Schubal
aus dieser Sache Nutzen ziehen könnte.
»Begreifen Sie doch, junger Mann, Ihr Glück«, sagte der Kapitän, der durch Karls Frage
die Würde der Person des Herrn Jakob verletzt glaubte, der sich zum Fenster gestel t
hatte, offenbar, um sein aufgeregtes Gesicht, das er überdies mit einem Taschentuch
betupfte, den andern nicht zeigen zu müssen. »Es ist der Senator Edward Jakob, der sich
Ihnen als Ihr Onkel zu erkennen gegeben hat. Es erwartet Sie nunmehr, doch wohl ganz
gegen Ihre bisherigen Erwartungen, eine glänzende Laufbahn. Versuchen Sie das
einzusehen, so gut es im ersten Augenblick geht, und fassen Sie sich!«
»Ich habe allerdings einen Onkel Jakob in Amerika«, sagte Karl zum Kapitän gewendet, »
aber wenn ich recht verstanden habe, ist Jakob bloß der Zuname des Herrn Senators.«
»So ist es«, sagte der Kapitän erwartungsvoll.
»Nun, mein Onkel Jakob, welcher der Bruder meiner Mutter ist, heißt aber mit dem
Taufnamen Jakob, während sein Zuname natürlich gleich jenem meiner Mutter lauten
müßte, welche eine geborene Bendelmayer ist.«
»Meine Herren!« rief der Senator, der von seinem Erholungsposten vom Fenster munter
zurückkehrte, mit Bezug auf Karls Erklärung aus. Alle mit Ausnahme der Hafenbeamten
brachen in Lachen aus, manche wie in Rührung, manche undurchdringlich.
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>So lächerlich war das, was ich gesagt habe, doch keineswegs »Meine Herren«, wiederholte der Senator, »Sie nehmen gegen meinen und gegen Ihren
Willen an einer kleinen Familienszene teil, und ich kann deshalb nicht umhin, Ihnen eine
Erläuterung zu geben, da, wie ich glaube, nur der Herr Kapitän« diese Erwähnung
hatte eine gegenseitige Verbeugung zur Folge »vollständig unterrichtet ist.« >Jetzt muß
ich aber wirklich auf jedes Wort achtgeben einem Seitwärtsschauen bemerkte, daß in die Figur des Heizers das Leben
zurückzukehren begann.
»Ich lebe seit allen den langen Jahren meines amerikanischen Aufenthaltes das Wort
Aufenthalt paßt hier allerdings schlecht für den amerikanischen Bürger, der ich mit
ganzer Seele bin , seit allen den langen Jahren lebe ich also von meinen europäischen
Verwandten vollständig getrennt, aus Gründen, die erstens nicht hierhergehören und die
zweitens zu erzählen mich wirklich zu sehr hernehmen würde. Ich fürchte mich sogar
vor dem Augenblick, wo ich vielleicht gezwungen sein werde, sie meinem lieben Neffen
zu erzählen, wobei sich leider ein offenes Wort über seine Eltern und ihren Anhang
nicht vermeiden lassen wird.«
>Es ist mein Onkel, kein ZweifelWahrscheinlich hat er
seinen Namen ändern lassen. »Mein lieber Neffe ist nun von seinen Eltern sagen wir nur das Wort, das die Sache
auch wirklich bezeichnet einfach beiseitegeschafft worden, wie man eine Katze vor die
Tür wirft, wenn sie ärgert. Ich will durchaus nicht beschönigen, was mein Neffe gemacht
hat, daß er so gestraft wurde, aber sein Verschulden ist ein solches, daß sein einfaches
Nennen schon genug Entschuldigung enthält.«
>Das läßt sich hörenaber ich will nicht, daß er alles erzählt. Übrigens kann
er es ja auch nicht wissen. Woher denn? »Er wurde nämlich«, fuhr der Onkel fort und stützte sich mit kleinen Neigungen auf das
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vor ihm eingestemmte Bambusstöckchen, wodurch es ihm tatsächlich gelang, der Sache
die unnötige Feierlichkeit zu nehmen, die sie sonst unbedingt gehabt hätte, »er wurde
nämlich von einem Dienstmädchen, Johanna Brummer, einer etwa
fünfunddreißigjährigen Person, verführt. Ich will mit dem Worte >verführt Neffen durchaus nicht kränken, aber es ist doch schwer, ein anderes, gleich passendes
Wort zu finden.«
Karl, der schon ziemlich nahe zum Onkel getreten war, drehte sich um, um den
Eindruck der Erzählung von den Gesichtern der Anwesenden abzulesen. Keiner lachte,
alle hörten geduldig und ernsthaft zu. Schließlich lacht man auch nicht über den Neffen
eines Senators bei der ersten Gelegenheit, die sich darbietet. Eher hätte man schon sagen
können, daß der Heizer, wenn auch nur ganz wenig, Karl anlächelte, was aber erstens als
neues Lebenszeichen erfreulich und zweitens entschuldbar war, da ja Karl in der Kabine
aus dieser Sache, die jetzt so publik wurde, ein besonderes Geheimnis hatte machen
wollen.
»Nun hat diese Brummer«, setzte der Onkel fort, »von meinem Neffen ein Kind
bekommen, einen gesunden Jungen, welcher in der Taufe den Namen Jakob erhielt,
zweifellos in Gedanken an meine Wenigkeit, welche, selbst in den sicher nur ganz
nebensächlichen Erwähnungen meines Neffen, auf das Mädchen einen großen Eindruck
gemacht haben muß. Glücklicherweise, sage ich. Denn da die Eltern zur Vermeidung der
Alimentenzahlung oder sonstigen bis an sie selbst heranreichenden Skandals ich
kenne, wie ich betonen muß, weder die dortigen Gesetze noch die sonstigen
Verhältnisse der Eltern-, da sie also zur Vermeidung der Alimentenzahlung und des
Skandals ihren Sohn, meinen lieben Neffen, nach Amerika haben transportieren lassen,
mit unverantwortlich ungenügender Ausrüstung, wie man sieht, so wäre der Junge, ohne
die gerade noch in Amerika lebendigen Zeichen und Wunder, auf sich allein angewiesen,
wohl schon gleich in einem Gäßchen im Hafen von New York verkommen, wenn nicht
jenes Dienstmädchen in einem an mich gerichteten Brief, der nach langen Irrfahrten
vorgestern in meinen Besitz kam, mir die ganze Geschichte samt Personenbeschreibung
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meines Neffen und vernünftigerweise auch Namensnennung des Schiffes mitgeteilt
hätte. Wenn ich es darauf angelegt hätte, Sie, meine Herren, zu unterhalten, könnte ich
wohl einige Stellen jenes Briefes« er zog zwei riesige, engbeschriebene Briefbogen aus
der Tasche und schwenkte sie »hier vorlesen. Er würde sicher Wirkung machen, da er
mit einer etwas einfachen, wenn auch immer gutgemeinten Schlauheit und mit viel Liebe
zu dem Vater des Kindes geschrieben ist. Aber ich will weder Sie mehr unterhalten, als
es zur Aufklärung nötig ist, noch vielleicht gar zum Empfang möglicherweise noch
bestehende Gefühle meines Neffen verletzen, der den Brief, wenn er mag, in der Stille
seines ihn schon erwartenden Zimmers zur Belehrung lesen kann.«
Karl hatte aber keine Gefühle für jenes Mädchen. Im Gedränge einer immer mehr
zurücktretenden Vergangenheit saß sie in ihrer Küche neben dem Küchenschrank, auf
dessen Platte sie ihren Ellbogen stützte. Sie sah ihn an, wenn er hin und wieder in die
Küche kam, um ein Glas zum Wassertrinken für seinen Vater zu holen oder einen
Auftrag seiner Mutter auszurichten. Manchmal schrieb sie in der vertrackten Stellung
seitlich vom Küchenschrank einen Brief und holte sich die Eingebungen von Karls
Gesicht. Manchmal hielt sie die Augen mit der Hand verdeckt, dann drang keine Anrede
zu ihr. Manchmal kniete sie in ihrem engen Zimmerchen neben der Küche und betete zu
einem hölzernen Kreuz; Karl beobachtete sie dann nur mit Scheu im Vorübergehen
durch die Spalte der ein wenig geöffneten Tür. Manchmal jagte sie in der Küche herum
und fuhr, wie eine Hexe lachend, zurück, wenn Karl ihr in den Weg kam. Manchmal
schloß sie die Küchentüre, wenn Karl eingetreten war, und behielt die Klinke so lange in
der Hand, bis er wegzugehn verlangte. Manchmal holte sie Sachen, die er gar nicht
haben wollte, und drückte sie ihm schweigend in die Hände. Einmal aber sagte sie »Karl«
und führte ihn, der noch über die unerwartete Ansprache staunte, unter Grimassen
seufzend in ihr Zimmerchen, das sie zusperrte. Würgend umarmte sie seinen Hals, und
während sie ihm bat, sie zu entkleiden, entkleidete sie in Wirklichkeit ihn und legte ihn in
ihr Bett, als wolle sie ihn von jetzt niemandem mehr lassen und ihn streicheln und
pflegen bis zum Ende der Welt.
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»Karl, o du mein Karl!« rief sie, als sähe sie ihn und bestätige sich seinen Besitz, während
er nicht das Geringste sah und sich unbehaglich in dem vielen warmen Bettzeug fühlte,
das sie eigens für ihn aufgehäuft zu haben schien.
Dann legte sie sich auch zu ihm und wollte irgendwelche Geheimnisse von ihm
erfahren, aber er konnte ihr keine sagen, und sie ärgerte sich im Scherz oder Ernst,
schüttelte ihn, horchte sein Herz ab, bot ihre Brust zum gleichen Abhorchen hin, wozu
sie Karl aber nicht bringen konnte, drückte ihren nackten Bauch an seinen Leib, suchte
mit jeder Hand, so widerlich, daß Karl Kopf und Hals aus den Kissen herausschüttelte,
zwischen seinen Beinen, stieß dann den Bauch einige Male gegen ihn, ihm war, als sei
sie ein Teil seiner selbst, und vielleicht aus diesem Grunde hatte ihn eine entsetzliche
Hilfsbedürftigkeit ergriffen. Weinend kam er endlich nach vielen
Wiedersehenswünschen ihrerseits in sein Bett. Das war alles gewesen, und doch verstand
es der Onkel, daraus eine große Geschichte zu machen. Und die Köchin hatte also auch
an ihn gedacht und den Onkel von seiner Ankunft verständigt. Das war schön von ihr
gehandelt, und er würde es ihr wohl noch einmal vergelten.
»Und jetzt«, rief der Senator, »will ich von dir offen hören, ob ich dein Onkel bin oder
nicht.«
»Du bist mein Onkel«, sagte Karl und küßte ihm die Hand und wurde dafür auf die
Stirne geküßt. »Ich bin sehr froh, daß ich dich getroffen habe, aber du irrst, wenn du
glaubst, daß meine Eltern nur Schlechtes von dir reden. Aber auch abgesehen davon
sind in deiner Rede einige Fehler enthalten gewesen, das heißt, ich meine, es hat sich in
Wirklichkeit nicht alles so zugetragen. Du kannst aber auch wirklich von hier aus die
Dinge nicht so gut beurteilen, und ich glaube außerdem, daß es keinen besonderen
Schaden bringen wird, wenn die Herren in Einzelheiten einer Sache, an der ihnen doch
wirklich nicht viel liegen kann, ein wenig unrichtig informiert worden sind.«
»Wohl gesprochen«, sagte der Senator, führte Karl vor den sichtlich teilnehmenden
Kapitän und fragte: »Habe ich nicht einen prächtigen Neffen?«
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»Ich bin glücklich«, sagte der Kapitän mit einer Verbeugung, wie sie nur militärisch
geschulte Leute zustandebringen, »Ihren Neffen, Herr Senator, kennengelernt zu haben.
Es ist eine besondere Ehre für mein Schiff, daß es den Ort eines solchen
Zusammentreffens abgeben konnte. Aber die Fahrt im Zwischendeck war wohl sehr arg,
ja, wer kann denn wissen, wer da mitgeführt wird. Nun, wir tun alles mögliche, den
Leuten im Zwischendeck die Fahrt möglichst zu erleichtern, viel mehr zum Beispiel als
die amerikanischen Linien, aber eine solche Fahrt zu einem Vergnügen zu machen, ist
uns allerdings noch immer nicht gelungen.«
»Es hat mir nicht geschadet«, sagte Karl.
»Es hat ihm nicht geschadet!« wiederholte laut lachend der Senator.
»Nur meinen Koffer fürchte ich verloren zu-« und damit erinnerte er sich an alles, was
geschehen war und was noch zu tun übrigblieb, sah sich um und erblickte al e
Anwesenden stumm vor Achtung und Staunen auf ihren früheren Plätzen, die Augen
auf ihn gerichtet. Nur den Hafenbeamten sah man, soweit ihre strengen,
selbstzufriedenen Gesichter einen Einblick gestatteten, das Bedauern an, zu so
ungelegener Zeit gekommen zu sein, und die Taschenuhr, die sie jetzt vor sich liegen
hatten, war ihnen wahrscheinlich wichtiger als alles, was im Zimmer vorging und
vielleicht noch geschehen konnte.
Der erste, welcher nach dem Kapitän seine Anteilnahme ausdrückte, war
merkwürdigerweise der Heizer.
»Ich gratuliere Ihnen herzlich«, sagte er und schüttelte Karl die Hand, womit er auch
etwas wie Anerkennung ausdrücken wollte. Als er sich dann mit der gleichen Ansprache
auch an den Senator wenden wollte, trat dieser zurück, als überschreite der Heizer damit
seine Rechte; der Heizer ließ auch sofort ab.
Die übrigen aber sahen jetzt ein, was zu tun war, und bildeten gleich um Karl und den
Senator einen Wirrwarr. So geschah es, daß Karl sogar eine Gratulation Schubals erhielt,
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annahm und für sie dankte. Als letzte traten in der wieder entstandenen Ruhe die
Hafenbeamten hinzu und sagten zwei englische Worte, was einen lächerlichen Eindruck
machte.
Der Senator war ganz in der Laune, um das Vergnügen vollständig auszukosten,
nebensächlichere Momente sich und den anderen in Erinnerung zu bringen, was
natürlich von allen nicht nur geduldet, sondern mit Interesse hingenommen wurde. So
machte er darauf aufmerksam, daß er sich die in dem Brief der Köchin erwähnten
hervorstechendsten Erkennungszeichen Karls in sein Notizbuch zu möglicherweise
notwendigem augenblicklichen Gebrauch eingetragen hatte. Nun hatte er während des
unerträglichen Geschwätzes des Heizers zu keinem anderen Zweck, als um sich
abzulenken, das Notizbuch herausgezogen und die natürlich nicht gerade detektivisch
richtigen Beobachtungen der Köchin mit Karls Aussehen zum Spiel in Verbindung zu
bringen gesucht. »Und so findet man seinen Neffen!« schloß er in einem Ton, als wolle
er noch einmal Gratulationen bekommen.
»Was wird jetzt dem Heizer geschehen?« fragte Karl vorbei an der letzten Erzählung des
Onkels. Er glaubte in seiner neuen Stellung alles, was er dachte, auch aussprechen zu
können.
»Dem Heizer wird geschehen, was er verdient«, sagte der Senator, »und was der Herr
Kapitän für gut erachtet. Ich glaube, wir haben von dem Heizer genug und übergenug,
wozu mir jeder der anwesenden Herren sicher zustimmen wird.«
»Darauf kommt es doch nicht an, bei einer Sache der Gerechtigkeit«, sagte Karl. Er
stand zwischen dem Onkel und dem Kapitän und glaubte, vielleicht durch diese Stellung
beeinflußt, die Entscheidung in der Hand zu haben.
Und trotzdem schien der Heizer nichts mehr für sich zu hoffen. Die Hände hielt er halb
in dem Hosengürtel, der durch seine aufgeregten Bewegungen mit dem Streifen eines
gemusterten Hemdes zum Vorschein gekommen war. Das kümmerte ihn nicht im
geringsten; er hatte sein ganzes Leid geklagt, nun sollte man auch noch die paar Fetzen
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sehen, die er am Leibe hatte, und dann sollte man ihn forttragen. Er dachte sich aus, der
Diener und Schubal, als die zwei hier im Range Tiefsten, sollten ihm diese letzte Güte
erweisen. Schubal würde dann Ruhe haben und nicht mehr in Verzweiflung kommen,
wie sich der Oberkassier ausgedrückt hatte. Der Kapitän würde lauter Rumänen
anstellen können, es würde überall Rumänisch gesprochen werden, und vielleicht würde
dann wirklich alles besser gehen. Kein Heizer würde mehr in der Hauptkassa schwätzen,
nur sein letztes Geschwätz würde man in ziemlich freundlicher Erinnerung behalten, da
es, wie der Senator ausdrücklich erklärt hatte, die mittelbare Veranlassung zur
Erkennung des Neffen gegeben hatte. Dieser Neffe hatte ihm übrigens vorher öfters zu
nützen gesucht und daher für seinen Dienst bei der Wiedererkennung längst vorher
einen mehr als genügenden Dank abgestattet; dem Heizer fiel gar nicht ein, jetzt noch
etwas von ihm zu verlangen. Im übrigen, mochte er auch der Neffe des Senators sein,
ein Kapitän war er noch lange nicht, aber aus dem Munde des Kapitäns würde
schließlich das böse Wort fallen. So wie es seiner Meinung entsprach, versuchte auch
der Heizer, nicht zu Karl hinzusehen, aber leider blieb in diesem Zimmer der Feinde
kein anderer Ruheort für seine Augen.
»Mißverstehe die Sachlage nicht«, sagte der Senator zu Karl, »es handelt sich vielleicht
um eine Sache der Gerechtigkeit, aber gleichzeitig um eine Sache der Disziplin.
Beides und ganz besonders das letztere unterliegt hier der Beurteilung des Herrn
Kapitäns.«
»So ist es«, murmelte der Heizer. Wer es merkte und verstand, lächelte befremdet.
»Wir aber haben überdies den Herrn Kapitän in seinen Amtsgeschäften, die sich sicher
gerade bei der Ankunft in New York unglaublich häufen, so sehr schon behindert, daß
es höchste Zeit für uns ist, das Schiff zu verlassen, um nicht zum Überfluß auch noch
durch irgendwelche höchst unnötige Einmischung diese geringfügige Zänkerei zweier
Maschinisten zu einem Ereignis zu machen. Ich begreife deine Handlungsweise, lieber
Neffe, übrigens vollkommen, aber gerade das gibt mir das Recht, dich eilends von hier
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fortzuführen.«
»Ich werde sofort ein Boot für Sie flottmachen lassen«, sagte der Kapitän, ohne zum
Erstaunen Karls auch nur den kleinsten Einwand gegen die Worte des Onkels
vorzubringen, die doch zweifellos als eine Selbstdemütigung des Onkels angesehen
werden konnten. Der Oberkassier eilte überstürzt zum Schreibtisch und telephonierte
den Befehl des Kapitäns an den Bootsmeister.
>Die Zeit drängt schonaber ohne alle zu beleidigen, kann ich nichts
tun. Ich kann doch jetzt den Onkel nicht verlassen, nachdem er mich kaum
wiedergefunden hat. Der Kapitän ist zwar höflich, aber das ist auch alles. Bei der
Disziplin hört seine Höflichkeit auf, und der Onkel hat ihm sicher aus der Seele
gesprochen. Mit Schubal will ich nicht reden, es tut mir sogar leid, daß ich ihm die Hand
gereicht habe. Und alle anderen Leute hier sind Spreu. Und er ging langsam in solchen Gedanken zum Heizer, zog dessen rechte Hand aus dem
Gürtel und hielt sie spielend in der seinen.
»Warum sagst du denn nichts?« fragte er. »Warum läßt du dir alles gefallen?«
Der Heizer legte nur die Stirn in Falten, als suche er den Ausdruck für das, was er zu
sagen habe. Im übrigen sah er auf Karls und seine Hand hinab.
»Dir ist ja unrecht geschehen wie keinem auf dem Schiff, das weiß ich ganz genau.« Und
Karl zog seine Finger hin und her zwischen den Fingern des Heizers, der mit glänzenden
Augen ringsumher schaute, als widerfahre ihm eine Wonne, die ihm aber niemand
verübeln möge.
»Du mußt dich aber zur Wehr setzen, ja und nein sagen, sonst haben doch die Leute
keine Ahnung von der Wahrheit. Du mußt mir versprechen, daß du mir folgen wirst,
denn ich selbst, das fürchte ich mit vielem Grund, werde dir gar nicht mehr helfen
können.« Und nun weinte Karl, während er die Hand des Heizers küßte, und nahm die
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rissige, fast leblose Hand und drückte sie an seine Wangen, wie einen Schatz, auf den
man verzichten muß.
Da war aber auch schon der Onkel Senator an seiner Seite und zog ihn, wenn auch nur
mit dem leichtesten Zwange, fort.
»Der Heizer scheint dich bezaubert zu haben«, sagte er und sah verständnisinnig über
Karls Kopf zum Kapitän hin. »Du hast dich verlassen gefühlt, da hast du den Heizer
gefunden und bist ihm jetzt dankbar, das ist ja ganz löblich. Treibe das aber, schon mir
zuliebe, nicht zu weit und lerne deine Stellung begreifen.«
Vor der Tür entstand ein Lärmen, man hörte Rufe, und es war sogar, als werde jemand
brutal gegen die Türe gestoßen. Ein Matrose trat ein, etwas verwildert, und hatte eine
Mädchenschürze umgebunden.
»Es sind Leute draußen«, rief er und stieß einmal mit dem Ellbogen herum, als sei er
noch im Gedränge. Endlich fand er seine Besinnung und wollte vor dem Kapitän
salutieren, da bemerkte er die Mädchenschürze, riß sie herunter, warf sie zu Boden und
rief: »Das ist ja ekelhaft, da haben sie mir eine Mädchenschürze umgebunden.« Dann
aber klappte er die Hacken zusammen und salutierte. Jemand versuchte zu lachen, aber
der Kapitän sagte streng: »Das nenne ich eine gute Laune. Wer ist denn draußen?«
»Es sind meine Zeugen«, sagte Schubal vortretend, »ich bitte ergebenst um
Entschuldigung für ihr unpassendes Benehmen. Wenn die Leute die Seefahrt hinter sich
haben, sind sie manchmal wie toll«
»Rufen Sie sie sofort herein!« befahl der Kapitän, und gleich sich zum Senator
umwendend, sagte er verbindlich, aber rasch: »Haben Sie jetzt die Güte, verehrter Herr
Senator, mit Ihrem Herrn Neffen diesem Matrosen zu folgen, der Sie ins Boot bringen
wird. Ich muß wohl nicht erst sagen, welches Vergnügen und welche Ehre mir das
persönliche Bekanntwerden mit Ihnen, Herr Senator, bereitet hat. Ich wünsche mir nur,
bald Gelegenheit zu haben, mit Ihnen, Herr Senator, unser unterbrochenes Gespräch
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über die amerikanischen Flottenverhältnisse wieder einmal aufnehmen zu können und
dann vielleicht neuerdings auf so angenehme Weise, wie heute, unterbrochen zu
werden.«
»Vorläufig genügt mir dieser eine Neffe«, sagte der Onkel lachend. »Und nun nehmen
Sie meinen besten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit und leben Sie wohl. Es wäre
übrigens gar nicht so unmöglich, daß wir«, er drückte Karl herzlich an sich »bei
unserer nächsten Europareise vielleicht für längere Zeit mit Ihnen zusammenkommen
könnten.«
»Es würde mich herzlich freuen«, sagte der Kapitän. Die beiden Herren schüttelten
einander die Hände, Karl konnte nur noch stumm und flüchtig seine Hand dem Kapitän
reichen, denn dieser war bereits von den vielleicht fünfzehn Leuten in Anspruch
genommen, welche unter Führung Schubals zwar etwas betroffen, aber doch sehr laut
einzogen. Der Matrose bat den Senator, vorausgehen zu dürfen, und teilte dann die
Menge für ihn und Karl, die leicht zwischen den sich verbeugenden Leuten durchkamen.
Es schien, daß diese im übrigen gutmütigen Leute den Streit Schubals mit dem Heizer
als einen Spaß auffaßten, dessen Lächerlichkeit nicht einmal vor dem Kapitän aufhöre.
Karl bemerkte unter ihnen auch das Küchenmädchen Line, welche, ihm lustig
zuzwinkernd, die vom Matrosen hingeworfene Schürze umband, denn es war die ihre.
Weiter dem Matrosen folgend, verließen sie das Büro und bogen in einen kleinen Gang
ein, der sie nach ein paar Schritten zu einem Türchen brachte, von dem aus eine kurze
Treppe in das Boot hinabführte, welches für sie vorbereitet war. Die Matrosen im Boot,
in das ihr Führer gleich mit einem einzigen Satz hinuntersprang, erhoben sich und
salutierten. Der Senator gab Karl gerade eine Ermahnung zu vorsichtigem
Hinuntersteigen, als Karl noch auf der obersten Stufe in heftiges Weinen ausbrach. Der
Senator legte die rechte Hand unter Karls Kinn, hielt ihn fest an sich gepreßt und
streichelte ihn mit der linken Hand. So gingen sie langsam Stufe für Stufe hinab und
traten engverbunden ins Boot, wo der Senator für Karl gerade sich gegenüber einen
guten Platz aussuchte. Auf ein Zeichen des Senators stießen die Matrosen vom Schiffe
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ab und waren gleich in voller Arbeit. Kaum waren sie ein paar Meter vom Schiffe
entfernt, machte Karl die unerwartete Entdeckung, daß sie sich gerade auf jener Seite
des Schiffes befanden, wohin die Fenster der Hauptkassa gingen. Alle drei Fenster waren
mit Zeugen Schubals besetzt, welche freundschaftlichst grüßten und winkten, sogar der
Onkel dankte, und ein Matrose machte das Kunststück, ohne eigentlich das
gleichmäßige Rudern zu unterbrechen, eine Kußhand hinaufzuschicken. Es war wirklich,
als gäbe es keinen Heizer mehr. Karl faßte den Onkel, mit dessen Knien sich die seinen
fast berührten, genauer ins Auge, und es kamen ihm Zweifel, ob dieser Mann ihm jemals
den Heizer werde ersetzen können. Auch wich der Onkel seinem Blicke aus und sah auf
die Wellen hin, von denen ihr Boot umschwankt wurde.
32
Der Onkel
Im Hause des Onkels gewöhnte sich Karl bald an die neuen Verhältnisse. Der Onkel
kam ihm aber auch in jeder Kleinigkeit freundlich entgegen, und niemals mußte Karl
sich erst durch schlechte Erfahrungen belehren lassen, wie dies meist das erste Leben im
Ausland so verbittert.
Karls Zimmer lag im sechsten Stockwerk eines Hauses, dessen fünf untere Stockwerke,
an welche sich in der Tiefe noch drei unterirdische anschlossen, von dem
Geschäftsbetrieb des Onkels eingenommen wurden. Das Licht, das in sein Zimmer
durch zwei Fenster und eine Balkontüre eindrang, brachte Karl immer wieder zum
Staunen, wenn er des Morgens aus seiner kleinen Schlafkammer hier eintrat. Wo hätte er
wohl wohnen müssen, wenn er als armer kleiner Einwanderer ans Land gestiegen wäre?
Ja, vielleicht hätte man ihn, was der Onkel nach seiner Kenntnis der
Einwanderungsgesetze sogar für sehr wahrscheinlich hielt, gar nicht in die Vereinigten
Staaten eingelassen, sondern ihn nach Hause geschickt, ohne sich weiter darum zu
kümmern, daß er keine Heimat mehr hatte. Denn auf Mitleid durfte man hier nicht
hoffen, und es war ganz richtig, was Karl in dieser Hinsicht über Amerika gelesen hatte;
nur die Glücklichen schienen hier ihr Glück zwischen den unbekümmerten Gesichtern
ihrer Umgebung wahrhaft zu genießen.
Ein schmaler Balkon zog sich vor dem Zimmer seiner ganzen Länge nach hin. Was aber
in der Heimatstadt Karls wohl der höchste Aussichtspunkt gewesen wäre, gestattete hier
nicht viel mehr als den Überblick über eine Straße, die zwischen zwei Reihen förmlich
abgehackter Häuser gerade, und darum wie fliehend, in die Ferne sich verlief, wo aus
vielem Dunst die Formen einer Kathedrale ungeheuer sich erhoben. Und morgens wie
abends und in den Träumen der Nacht vollzog sich auf dieser Straße ein immer
drängender Verkehr, der, von oben gesehen, sich als eine aus immer neuen Anfängen
ineinandergestreute Mischung von verzerrten menschlichen Figuren und von Dächern
der Fuhrwerke aller Art darstellte, von der aus sich noch eine neue, vervielfältigte,
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wildere Mischung von Lärm, Staub und Gerüchen erhob, und alles dieses wurde erfaßt
und durchdrungen von einem mächtigen Licht, das immer wieder von der Menge der
Gegenstände verstreut, fortgetragen und wieder eifrig herbeigebracht wurde und das
dem betörten Auge so körperlich erschien, als werde über dieser Straße eine alles
bedeckende Glasscheibe jeden Augenblick immer wieder mit aller Kraft zerschlagen.
Vorsichtig wie der Onkel in allem war, riet er Karl, sich vorläufig ernsthaft nicht auf das
geringste einzulassen. Er sollte wohl alles prüfen und anschauen, aber sich nicht
gefangennehmen lassen. Die ersten Tage eines Europäers in Amerika seien ja einer
Geburt vergleichbar, und wenn man sich hier auch, damit nur Karl keine unnötige Angst
habe, rascher eingewöhne, als wenn man vom Jenseits in die menschliche Welt eintrete,
so müsse man sich doch vor Augen halten, daß das erste Urteil immer auf schwachen
Füßen stehe und daß man sich dadurch nicht vielleicht alle künftigen Urteile, mit deren
Hilfe man ja hier sein Leben weiterführen wolle, in Unordnung bringen lassen dürfe. Er
selbst habe Neuankömmlinge gekannt, die zum Beispiel statt nach diesen guten
Grundsätzen sich zu verhalten, tagelang auf ihrem Balkon gestanden und wie verlorene
Schafe auf die Straße hinuntergesehen hätten. Das müsse unbedingt verwirren! Diese
einsame Untätigkeit, die sich in einen arbeitsreichen New Yorker Tag verschaut, könne
einem Vergnügungsreisenden gestattet und vielleicht, wenn auch nicht vorbehaltlos,
angeraten werden, für einen, der hierbleiben wird, sei sie ein Verderben, man könne in
diesem Fall ruhig dieses Wort anwenden, wenn es auch eine Übertreibung ist. Und
tatsächlich verzog der Onkel ärgerlich das Gesicht, wenn er bei einem seiner Besuche,
die immer nur einmal täglich, und zwar immer zu den verschiedensten Tageszeiten,
erfolgten, Karl auf dem Balkon antraf. Karl merkte das bald und versagte sich
infolgedessen das Vergnügen, auf dem Balkon zu stehen, nach Möglichkeit.
Es war ja auch bei weitem nicht das einzige Vergnügen, das er hatte. In seinem Zimmer
stand ein amerikanischer Schreibtisch bester Sorte, wie sich ihn sein Vater seit Jahren
gewünscht und auf den verschiedensten Versteigerungen um einen ihm erreichbaren
billigen Preis zu kaufen gesucht hatte, ohne daß es ihm bei seinen kleinen Mitteln jemals
gelungen wäre. Natürlich war dieser Tisch mit jenen angeblich amerikanischen
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Schreibtischen, wie sie sich auf europäischen Versteigerungen herumtreiben, nicht zu
vergleichen. Er hatte zum Beispiel in seinem Aufsatz hundert Fächer verschiedenster
Größe, und selbst der Präsident der Union hätte für jeden seiner Akten einen passenden
Platz gefunden, aber außerdem war an der Seite ein Regulator, und man konnte durch
Drehen an einer Kurbel die verschiedensten Umstellungen und Neueinrichtungen der
Fächer nach Belieben und Bedarf erreichen. Dünne Seitenwändchen senkten sich
langsam und bildeten den Boden neu sich erhebender oder die Decke neu aufsteigender
Fächer; schon nach einer Umdrehung hatte der Aufsatz ein ganz anderes Aussehen, und
alles ging, je nachdem man die Kurbel drehte, langsam oder unsinnig rasch vor sich. Es
war eine neueste Erfindung, erinnerte aber Karl sehr lebhaft an die Krippenspiele, die zu
Hause auf dem Christmarkt den staunenden Kindern gezeigt wurden, und auch Karl war
oft, in seine Winterkleider eingepackt, davor gestanden und hatte ununterbrochen die
Kurbeldrehung, die ein alter Mann ausführte, mit den Wirkungen im Krippenspiel
verglichen, mit dem stockenden Vorwärtskommen der Heiligen Drei Könige, dem
Aufglänzen des Sternes und dem befangenen Leben im heiligen Stall. Und immer war es
ihm erschienen, als ob die Mutter, die hinter ihm stand, nicht genau genug alle
Ereignisse verfolge; er hatte sie zu sich hingezogen, bis er sie an seinem Rücken fühlte,
und hatte ihr so lange mit lauten Ausrufen verborgenere Erscheinungen gezeigt,
vielleicht ein Häschen, das vorn im Gras abwechselnd Männchen machte und sich dann
wieder zum Lauf bereitete, bis die Mutter ihm den Mund zuhielt und wahrscheinlich in
ihre frühere Unachtsamkeit verfiel. Der Tisch war freilich nicht dazu gemacht, nur an
solche Dinge zu erinnern, aber in der Geschichte der Erfindungen bestand wohl ein
ähnlich undeutlicher Zusammenhang wie in Karls Erinnerungen. Der Onkel war zum
Unterschied von Karl mit diesem Schreibtisch durchaus nicht einverstanden, nur hatte er
eben für Karl einen ordentlichen Schreibtisch kaufen wollen, und solche Schreibtische
waren jetzt sämtlich mit dieser Neueinrichtung versehen, deren Vorzug auch darin
bestand, bei älteren Schreibtischen ohne große Kosten angebracht werden zu können.
Immerhin unterließ der Onkel nicht, Karl zu raten, den Regulator möglichst gar nicht zu
verwenden; um die Wirkung des Rates zu verstärken, behauptete der Onkel, die
Maschinerie sei sehr empfindlich, leicht zu verderben und die Wiederherstellung sehr
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kostspielig. Es war nicht schwer einzusehen, daß solche Bemerkungen, nur Ausflüchte
waren, wenn man sich auch andererseits sagen mußte, daß der Regulator sehr leicht zu
fixieren war, was der Onkel jedoch nicht tat.
In den ersten Tagen, an denen selbstverständlich zwischen Karl und dem Onkel
häufigere Aussprachen stattgefunden hatten, hatte Karl auch erzählt, daß er zu Hause
zwar wenig, aber gern Klavier gespielt habe, was er allerdings lediglich mit den
Anfangskenntnissen hatte bestreiten können, die ihm die Mutter beigebracht hatte. Karl
war sich dessen wohl bewußt, daß eine solche Erzählung gleichzeitig die Bitte um ein
Klavier war, aber er hatte sich schon genügend umgesehen, um zu wissen, daß der
Onkel auf keine Weise zu sparen brauchte. Trotzdem wurde ihm diese Bitte nicht gleich
gewährt, aber etwa acht Tage später sagte der Onkel, fast in der Form eines
widerwilligen Eingeständnisses, das Klavier sei eben an gelangt und Karl könne, wenn er
wolle, den Transport überwachen. Das war allerdings eine leichte Arbeit, aber dabei
nicht einmal viel leichter als der Transport selbst, denn im Haus war ein eigener
Möbelaufzug, in welchem ohne Gedränge ein ganzer Möbelwagen Platz finden konnte,
und in diesem Aufzug schwebte auch das Piano zu Karls Zimmer hinauf. Karl selbst
hätte zwar in dem gleichen Aufzug mit dem Piano und den Transportarbeitern fahren
können, aber da gleich daneben ein Personenaufzug zur Benützung freistand, fuhr er in
diesem, hielt sich mittels eines Hebels stets in gleicher Höhe mit dem anderen Aufzug
und betrachtete unverwandt durch die Glaswände das schöne Instrument, das jetzt sein
Eigentum war. Als er es in seinem Zimmer hatte und die ersten Töne anschlug, bekam
er eine so närrische Freude, daß er, statt weiterzuspielen, aufsprang und aus einiger
Entfernung, die Hände in den Hüften, das Klavier lieber anstaunte. Auch die Akustik
des Zimmers war ausgezeichnet und sie trug dazu bei, sein anfängliches kleines
Unbehagen, in einem Eisenhause zu wohnen, gänzlich verschwinden zu lassen.
Tatsächlich merkte man auch im Zimmer, so eisenmäßig das Gebäude von außen
erschien, von eisernen Baubestandteilen nicht das geringste, und niemand hätte auch nur
eine Kleinigkeit in der Einrichtung aufzeigen können, welche die vollständigste
Gemütlichkeit irgendwie gestört hätte. Karl erhoffte in der ersten Zeit viel von seinem
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Klavierspiel und schämte sich nicht, wenigstens vor dem Einschlafen an die Möglichkeit
einer unmittelbaren Beeinflussung der amerikanischen Verhältnisse durch dieses
Klavierspiel zu denken. Es klang ja allerdings sonderbar, wenn er vor den in die
lärmerfüllte Luft geöffneten Fenstern ein altes Soldatenlied seiner Heimat spielte, das die
Soldaten am Abend, wenn sie in den Kasernenfenstern liegen und auf den finsteren
Platz hinausschauen, von Fenster zu Fenster einander zusingen, aber sah er dann auf
die Straße, so war sie unverändert und nur ein kleines Stück eines großen Kreislaufes,
das man nicht an und für sich anhalten konnte, ohne alle Kräfte zu kennen, die in der
Runde wirkten. Der Onkel duldete das Klavierspiel, sagte auch nichts dagegen, zumal
sich Karl, auch nach seiner Mahnung, nur selten das Vergnügen des Spiels gönnte; ja, er
brachte Karl sogar Noten amerikanischer Märsche und natürlich auch der
Nationalhymne, aber allein aus der Freude an der Musik war es wohl nicht zu erklären,
als er eines Tages ohne allen Scherz Karl fragte, ob er nicht auch das Spiel auf der Geige
oder auf dem Waldhorn lernen wolle.
Natürlich war das Lernen des Englischen Karls erste und wichtigste Aufgabe. Ein junger
Professor einer Handelshochschule erschien morgens um sieben Uhr in Karls Zimmer
und fand ihn schon an seinem Schreibtisch bei den Heften sitzen oder memorierend im
Zimmer auf und ab gehen. Karl sah wohl ein, daß zur Aneignung des Englischen keine
Eile groß genug sei und daß er hier außerdem die beste Gelegenheit habe, seinem Onkel
eine außerordentliche Freude durch rasche Fortschritte zu machen. Und tatsächlich
gelang es bald, während zuerst das Englische in den Gesprächen mit dem Onkel sich auf
Gruß und Abschiedsworte beschränkt hatte, immer größere Teile der Gespräche ins
Englische hinüberzuspielen, wodurch gleichzeitig vertraulichere Themen sich
einzustellen begannen. Das erste amerikanische Gedicht, die Darstellung einer
Feuersbrunst, das Karl seinem Onkel an einem Abend rezitieren konnte, machten diesen
tiefernst vor Zufriedenheit. Sie standen damals beide an einem Fenster in Karls Zimmer,
der Onkel sah hinaus, wo alle Helligkeit des Himmels schon vergangen war, und schlug
im Mitgefühl der Verse langsam und gleichmäßig in die Hände, während Karl aufrecht
neben ihm stand und mit starren Augen das schwierige Gedicht sich entrang.
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Je besser Karls Englisch wurde, desto größere Lust zeigte der Onkel, ihn mit seinen
Bekannten zusammenzuführen, und ordnete nur für jeden Fall an, daß bei solchen
Zusammenkünften vorläufig der Englischprofessor sich immer in Karls Nähe zu halten
habe. Der allererste Bekannte, dem Karl eines Vormittags vorgestellt wurde, war ein
schlanker, junger, unglaublich biegsamer Mensch, den der Onkel mit besonderen
Komplimenten in Karls Zimmer führte. Er war offenbar einer jener vielen, vom
Standpunkt der Eltern aus gesehen, mißratenen Millionärssöhne, dessen Leben so
verlief, daß ein gewöhnlicher Mensch auch nur einen beliebigen Tag im Leben dieses
jungen Mannes nicht ohne Schmerz verfolgen konnte. Und als wisse oder ahne er dies
und als begegne er dem, soweit es in seiner Macht stand, war um seine Lippen und
Augen ein unaufhörliches Lächeln des Glückes, das ihm selbst, seinem Gegenüber und
der ganzen Welt zu gelten schien.
Mit diesem jungen Manne, einem Herrn Mack, wurde, unter unbedingter Zustimmung
des Onkels, besprochen, gemeinsam um halb sechs Uhr früh, sei es in der Reitschule, sei
es ins Freie, zu reiten. Karl zögerte zwar zuerst, seine Zusage zu geben, da er doch noch
niemals auf einem Pferd gesessen war und das Reiten zuerst ein wenig lernen wolle, aber
da ihm der Onkel und Mack so sehr zuredeten und das Reiten als bloßes Vergnügen und
als gesunde Übung, aber gar nicht als Kunst darstellten, sagte er schließlich zu. Nun
mußte er allerdings schon um halb fünf Uhr aus dem Bett, und das tat ihm oft sehr leid,
denn er litt hier, wohl infolge der steten Aufmerksamkeit, die er während des Tages
aufwenden mußte, geradezu an Schlafsucht, aber in seinem Badezimmer verlor sich das
Bedauern bald. Über die ganze Wanne der Länge und Breite nach spannte sich das Sieb
der Dusche welcher Mitschüler zu Hause, und war er noch so reich, besaß etwas
Derartiges und gar noch allein für sich und da lag nun Karl ausgestreckt, in dieser
Wanne konnte er die Arme ausbreiten, ließ die Ströme des lauen, heißen, wieder lauen
und endlich eisigen Wassers nach Belieben teilweise oder über die ganze Fläche hin auf
sich herab. Wie in dem noch ein wenig fortlaufenden Genusse des Schlafes lag er da und
fing besonders gern mit den geschlossenen Augenlidern die letzten, einzeln fallenden
Tropfen auf, die sich dann öffneten und über das Gesicht hinflossen.
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In der Reitschule, wo ihn das hoch sich aufbauende Automobil des Onkels absetzte,
erwartete ihn bereits der Englischprofessor, während Mack ausnahmslos erst später kam.
Er konnte aber auch unbesorgt erst später kommen, denn das eigentliche, lebendige
Reiten fing erst an, wenn er da war. Bäumten sich nicht die Pferde aus ihrem bisherigen
Halbschlaf auf, wenn er eintrat, knallte die Peitsche nicht lauter durch den Raum,
erschienen nicht plötzlich auf der umlaufenden Galerie einzelne Personen, Zuschauer,
Pferdewärter, Reitschüler oder was sie sonst sein mochten? Karl aber nützte die Zeit vor
der Ankunft Macks dazu aus, um doch ein wenig, wenn auch nur die primitivsten
Vorübungen des Reitens zu betreiben. Es war ein langer Mann da, der auf den höchsten
Pferderücken mit kaum erhobenem Arm hinaufreichte und der Karl diesen immer kaum
eine Viertelstunde dauernden Unterricht erteilte. Die Erfolge, die Karl hiebei hatte,
waren nicht übergroß, und er konnte sich viele englische Klagerufe dauernd aneignen,
die er während dieses Lernens zu seinem Englischprofessor atemlos ausstieß, der immer
am Türpfosten, meist schlafbedürftig, lehnte. Aber fast alle Unzufriedenheit mit dem
Reiten hörte auf, wenn Mack kam. Der lange Mann wurde weggeschickt, und bald hörte
man in dem noch immer halbdunklen Saal nichts anderes als die Hufe der
galoppierenden Pferde und man sah kaum etwas anderes als Macks erhobenen Arm, mit
dem er Karl ein Kommando gab. Nach einer halben Stunde solchen wie Schlaf
vergehenden Vergnügens wurde haltgemacht. Mack war in großer Eile, verabschiedete
sich von Karl, klopfte ihm manchmal auf die Wange, wenn er mit seinem Reiten
besonders zufrieden gewesen war, und verschwand, ohne vor großer Eile mit Karl auch
nur gemeinsam durch die Tür hinauszugehen. Karl nahm dann den Professor mit ins
Automobil, und sie fuhren zu ihrer Englischstunde meist auf Umwegen, denn bei der
Fahrt durch das Gedränge der großen Straße, die eigentlich direkt von dem Hause des
Onkels zur Reitschule führte, wäre zuviel Zeit verlorengegangen. Im übrigen hörte
wenigstens diese Begleitung des Englischprofessors bald auf, denn Karl, der sich
Vorwürfe machte, den müden Mann nutzlos in die Reitschule zu bemühen, zumal die
englische Verständigung mit Mack eine sehr einfache war, bat den Onkel, den Professor
von dieser Pflicht zu entheben. Nach einiger Überlegung gab der Onkel dieser Bitte
auch nach.
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Verhältnismäßig lange dauerte es, ehe sich der Onkel entschloß, Karl auch nur einen
kleinen Einblick in sein Geschäft zu erlauben, obwohl Karl öfters darum ersucht hatte.
Es war eine Art Kommissions-und Speditionsgeschäftes, wie sie, soweit sich Karl
erinnern konnte, in Europa vielleicht gar nicht zu finden war. Das Geschäft bestand
nämlich in einem Zwischenhandel, der aber die Waren nicht etwa von den Produzenten
zu den Konsumenten oder vielleicht zu den Händlern vermittelte, sondern welcher die
Vermittlung aller Waren und Urprodukte für die großen Fabrikskartelle und zwischen
ihnen besorgte. Es war daher ein Geschäft, welches in einem Käufe, Lagerungen,
Transporte und Verkäufe riesenhaften Umfangs umfaßte und ganz genaue,
unaufhörliche telephonische und telegraphische Verbindungen mit den Klienten
unterhalten mußte. Der Saal der Telegraphen war nicht kleiner, sondern größer als das
Telegraphenamt der Vaterstadt, durch das Karl einmal an der Hand eines dort
bekannten Mitschülers gegangen war. Im Saal der Telephone gingen, wohin man
schaute, die Türen der Telephonzellen auf und zu, und das Läuten war sinnverwirrend.
Der Onkel öffnete die nächste dieser Türen, und man sah dort im sprühenden
elektrischen Licht einen Angestellten, gleichgültig gegen jedes Geräusch der Türe, den
Kopf eingespannt in ein Stahlband, das ihm die Hörmuscheln an die Ohren drückte. Der
rechte Arm lag auf einem Tischchen, als wäre er besonders schwer, und nur die Finger,
welche den Bleistift hielten, zuckten unmenschlich gleichmäßig und rasch. In den
Worten, die er in den Sprechtrichter sagte, war er sehr sparsam, und oft sah man sogar,
daß er vielleicht gegen den Sprecher etwas einzuwenden hatte, ihn etwas genauer fragen
wollte, aber gewisse Worte, die er hörte, zwangen ihn, ehe er seine Absicht ausführen
konnte, die Augen zu senken und zu schreiben. Er mußte auch nicht reden, wie der
Onkel Karl leise erklärte, denn die gleichen Meldungen, wie sie dieser Mann aufnahm,
wurden noch von zwei anderen Angestellen gleichzeitig aufgenommen und dann
verglichen, so daß Irrtümer möglichst ausgeschlossen waren. In dem gleichen
Augenblick, als der Onkel und Karl aus der Tür getreten waren, schlüpfte ein Praktikant
hinein und kam mit dem inzwischen beschriebenen Papier heraus. Mitten durch den Saal
war ein beständiger Verkehr von hin- und hergejagten Leuten. Keiner grüßte, das
Grüßen war abgeschafft, jeder schloß sich den Schritten des ihm Vorhergehenden an
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und sah auf den Boden, auf dem er möglichst rasch vorwärtskommen wollte, oder fing
mit den Blicken wohl nur einzelne Worte oder Zahlen von Papieren ab, die er in der
Hand hielt und die bei seinem Laufschritt flatterten.
»Du hast es wirklich weit gebracht«, sagte Karl einmal auf einem dieser Gänge durch den
Betrieb, auf dessen Durchsicht man viele Tage verwenden mußte, selbst wenn man jede
Abteilung gerade nur gesehen haben wollte.
»Und alles habe ich vor dreißig Jahren selbst eingerichtet, mußt du wissen. Ich hatte
damals im Hafenviertel ein kleines Geschäft, und wenn dort im Tag fünf Kisten
abgeladen waren, so war es viel und ich ging aufgeblasen nach Hause. Heute habe ich die
drittgrößten Lagerhäuser im Hafen, und jener Laden ist das Eßzimmer und die
Gerätekammer der fünfundsechzigsten Gruppe meiner Packträger.«
»Das grenzt ja ans Wunderbare«, sagte Karl.
»Al e Entwicklungen gehen hier so schnell vor sich«, sagte der Onkel, das Gespräch
abbrechend.
Eines Tages kam der Onkel knapp vor der Zeit des Essens, das Karl wie gewöhnlich
allein einzunehmen gedachte, und forderte ihn auf, sich gleich schwarz anzuziehen und
mit ihm zum Essen zu kommen, an welchem zwei Geschäftsfreunde teilnehmen
würden. Während Karl sich im Nebenzimmer umkleidete, setzte sich der Onkel zum
Schreibtisch und sah die gerade beendete Englischaufgabe durch, schlug mit der Hand
auf den Tisch und rief laut: »Wirklich ausgezeichnet!«
Zweifellos gelang das Anziehen besser, als Karl dieses Lob hörte, aber er war auch
wirklich seines Englischen schon ziemlich sicher.
Im Speisezimmer des Onkels, das er vom ersten Abend seiner Ankunft noch in
Erinnerung hatte, erhoben sich zwei große, dicke Herren zur Begrüßung, ein gewisser
Green der eine, ein gewisser Pollunder der zweite, wie sich während des Tischgesprächs
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herausstellte. Der Onkel pflegte nämlich kaum ein flüchtiges Wort über irgendwelche
Bekannten auszusprechen und überließ es immer Karl, durch eigene Beobachtung das
Notwendige oder Interessante herauszufinden. Nachdem während des eigentlichen
Essens nur intime geschäftliche Angelegenheiten besprochen worden waren, was für
Karl eine gute Lektion hinsichtlich kaufmännischer Ausdrücke bedeutete, und man Karl
still mit seinem Essen sich hatte beschäftigen lassen, als sei er ein Kind, das sich vor
allem ordentlich sattessen müsse, beugte sich Herr Green zu Karl hin und fragte in dem
unverkennbaren Bestreben, ein möglichst deutliches Englisch zu sprechen, im
allgemeinen nach Karls ersten amerikanischen Eindrücken. Karl antwortete unter einer
Sterbensstille ringsherum mit einigen Seitenblicken auf den Onkel ziemlich ausführlich
und suchte sich zum Dank durch eine etwas New Yorkisch gefärbte Redeweise
angenehm zu machen. Bei einem Ausdruck lachten sogar alle drei Herren durcheinander,
und Karl fürchtete schon, einen groben Fehler gemacht zu haben; jedoch nein, er hatte,
wie Herr Pollunder erklärte, sogar etwas sehr Gelungenes gesagt. Dieser Herr Pollunder
schien überhaupt an Karl ein besonderes Gefallen zu finden, und während der Onkel
und Herr Green wieder zu den geschäftlichen Besprechungen zurückkehrten, ließ Herr
Pollunder Karl seinen Sessel nahe zu sich hinschieben, fragte ihn zuerst vielerlei über
seinen Namen, seine Herkunft und seine Reise aus, bis er dann schließlich, um Karl
wieder ausruhen zu lassen, lachend, hustend und eilig selbst von sich und seiner Tochter
erzählte, mit der er auf einem kleinen Landgut in der Nähe von New York wohnte, wo
er aber allerdings nur die Abende verbringen konnte, denn er war Bankier, und sein
Beruf hielt ihn in New York den ganzen Tag fest. Karl wurde auch gleich herzlichst
eingeladen, auf dieses Landgut hinauszukommen, ein so frischgebackener Amerikaner
wie Karl habe ja auch sicher das Bedürfnis, sich von New York manchmal zu erholen.
Karl bat den Onkel sofort um die Erlaubnis, diese Einladung annehmen zu dürfen, und
der Onkel gab auch scheinbar freudig diese Erlaubnis, ohne aber ein bestimmtes Datum
zu nennen oder auch nur in Erwägung ziehen zu lassen, wie es Karl und Herr Pol under
erwartet hatten.
Aber schon am nächsten Tage wurde Karl in ein Büro des Onkels beordert (der Onkel
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hatte zehn verschiedene Büros allein in diesem Hause), wo er den Onkel und Herrn
Pollunder ziemlich einsilbig in den Fauteuils liegend antraf.
»Herr Pollunder«, sagte der Onkel, er war in der Abenddämmerung des Zimmers kaum
zu erkennen, »Herr Pollunder ist gekommen, um dich auf sein Landgut mitzunehmen,
wie wir es gestern besprochen haben«
»Ich wußte nicht, daß es schon heute sein sollte«, antwortete Karl, »sonst wäre ich schon
vorbereitet.«
»Wenn du nicht vorbereitet bist, dann verschieben wir vielleicht den Besuch besser für
nächstens«, meinte der Onkel. »Was für Vorbereitungen!« rief Herr Pollunder. »Ein
junger Mann ist immer vorbereitet.«
»Es ist nicht seinetwegen«, sagte der Onkel, zu seinem Gaste gewendet, »aber er müßte
immerhin noch in sein Zimmer hinaufgehen, und Sie wären aufgehalten.«
»Es ist auch dazu reichlich Zeit«, sagte Herr Pollunder, »ich habe auch eine Verzögerung
vorbedacht und früher Geschäftsschluß gemacht.«
»Du siehst«, sagte der Onkel, »was für Unannehmlichkeiten dein Besuch schon jetzt
veranlaßt.«
»Es tut mir leid«, sagte Karl, »aber ich werde gleich wieder da sein«, und wollte schon
wegspringen.
»Übereilen Sie sich nicht«, sagte Herr Pollunder.
»Sie machen mir nicht die geringsten Unannehmlichkeiten, dagegen macht mir Ihr
Besuch eine reine Freude.«
»Du versäumst morgen deine Reitstunde, hast du sie schon abgesagt?«
»Nein«, sagte Karl, dieser Besuch, auf den er sich gefreut hatte, fing an, eine Last zu
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werden, »ich wußte ja nicht «
»Und trotzdem willst du wegfahren?« fragte der Onkel weiter.
Herr Pollunder, dieser freundliche Mensch, kam zu Hilfe. »Wir werden auf der Fahrt bei
der Reitschule halten und die Sache in Ordnung bringen.«
»Das läßt sich hören«, sagte der Onkel. »Aber Mack wird dich doch erwarten.«
»Erwarten wird er mich nicht«, sagte Karl, »aber er wird allerdings hinkommen.«
»Nun also?« sagte der Onkel, als wäre Karls Antwort nicht die geringste Rechtfertigung
gewesen.
Wieder sagte Herr Pollunder das Entscheidende: »Aber Klara« sie war Herrn
Pollunders Tochter »erwartet ihn auch und schon heute abend, und sie hat wohl den
Vorzug vor Mack?«
»Allerdings«, sagte der Onkel. »Also lauf schon in dein Zimmer«, und er schlug
mehrmals wie ohne Wil en gegen die Armlehne des Fauteuils. Karl war schon bei der
Tür, als ihn der Onkel noch mit der Frage zurückhielt: »Zur Englischstunde bist du doch
wohl morgen früh wieder hier?«
»Aber!« rief Herr Pollunder und drehte sich, soweit es seine Dicke erlaubte, in seinem
Fauteuil vor Erstaunen. »Ja darf er denn nicht wenigstens den morgigen Tag draußen
bleiben? Ich brächte ihn dann übermorgen früh wieder zurück?«
»Das geht auf keinen Fall«, erwiderte der Onkel. »Ich kann sein Studium nicht so in
Unordnung kommen lassen. Später, wenn er in einem an und für sich geregelten
Berufsleben sein wird, werde ich ihm sehr gern auch für längere Zeit erlauben, einer so
freundlichen und ehrenden Einladung zu folgen«
>Was das für Widersprüche sind! 44
Herr Pol under war traurig geworden.
»Für einen Abend und eine Nacht steht es aber wirklich fast nicht dafür.«
»Das war auch meine Meinung«, sagte der Onkel.
»Man muß nehmen, was man bekommt«, sagte Herr Pollunder und lachte schon wieder.
»Also, ich warte!« rief er Karl zu, welcher, da der Onkel nichts mehr sagte, davoneilte.
Als er bald reisefertig zurückkehrte, traf er im Büro nur noch Herrn Pollunder, der
Onkel war fortgegangen. Herr Pollunder schüttelte Karl ganz glücklich beide Hände, als
wolle er sich so stark als möglich dessen vergewissern, daß Karl nun doch mitfahre. Karl
war noch ganz erhitzt von der Eile und schüttelte auch seinerseits Herrn Pollunders
Hände, er freute sich, den Ausflug machen zu können.
»Hat sich der Onkel nicht darüber geärgert, daß ich fahre?«
»Aber nein! Das hat er ja alles nicht so ernst gemeint. Ihre Erziehung liegt ihm eben am
Herzen.«
»Hat er es Ihnen selbst gesagt, daß er das Frühere nicht so ernst gemeint hat?«
»O ja«, sagte Herr Pollunder gedehnt und bewies damit, daß er nicht lügen konnte.
»Es ist merkwürdig, wie ungern er mir die Erlaubnis gegeben hat, Sie zu besuchen,
obwohl Sie doch sein Freund sind.«
Auch Herr Pollunder konnte, obwohl er dies nicht offen eingestand, keine Erklärung
dafür finden, und beide dachten, als sie in Herrn Pollunders Automobil durch den
warmen Abend fuhren, noch lange darüber nach, ob wohl sie gleich von anderen
Dingen sprachen.
Sie saßen eng beieinander, und Herr Pollunder hielt Karls Hand in der seinen, während
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er erzählte. Karl wollte vieles über das Fräulein Klara hören, als sei er ungeduldig über
die lange Fahrt und könne mit Hilfe der Erzählungen früher ankommen als in
Wirklichkeit. Obwohl er am Abend noch niemals durch die New Yorker Straßen
gefahren war, und über Trottoir und Fahrbahn, alle Augenblicke die Richtung
wechselnd, wie in einem Wirbelwind der Lärm jagte, nicht wie von Menschen
verursacht, sondern wie ein fremdes Element, kümmerte sich Karl, während er Herrn
Pollunders Worte genau aufzunehmen suchte, um nichts anderes als Herrn Pol unders
dunkle Weste, über die quer eine dunkle Kette ruhig hing. Aus den Straßen, wo das
Publikum in großer, unverhüllter Furcht vor Verspätung in fliegendem Schritt und in
Fahrzeugen, die zu möglichster Eile gebracht waren, zu den Theatern drängte, kamen sie
durch Übergangsbezirke in die Vorstädte, wo ihr Automobil durch Polizeileute zu Pferd
immer wieder in Seitenstraßen gewiesen wurde, da die großen Straßen von den
demonstrierenden den Metallarbeitern, die im Streik standen, besetzt waren und nur der
notwendigste Wagenverkehr an den Kreuzungsstellen gestattet werden konnte.
Durchquerte dann das Automobil, aus dunkleren, dumpf hallenden Gassen kommend,
eine dieser, ganzen Plätzen gleichenden, großen Straßen, dann er schienen nach beiden
Seiten hin in Perspektiven, denen niemand bis zum Ende folgen konnte, die Trottoirs
angefüllt mit einer in winzigen Schritten sich bewegenden Masse, deren Gesang
einheitlicher war als der einer einzigen Menschenstimme. In der freigehaltenen Fahrbahn
aber sah man hie und da einen Polizisten auf unbeweglichem Pferde oder Träger von
Fahnen oder beschriebenen, über die Straße gespannten Tüchern oder einer von
Mitarbeitern und Ordonnanzen umgebenen Arbeiterführer oder einen Wagen der
elektrischen Straßenbahn, der sich nicht rasch genug geflüchtet hatte und nun leer und
dunkel dastand, während der Führer und der Schaffner auf der Plattform saßen. Kleine
Trupps von Neugierigen standen weit entfernt von den wirklichen Demonstranten und
verließen ihre Plätze nicht, obwohl sie über die eigentlichen Ereignisse im Unklaren
blieben. Karl aber lehnte froh in dem Arm, den Herr Pollunder um ihn gelegt hatte; die
Überzeugung, daß er bald in einem beleuchteten, von Mauern umgebenen, von Hunden
bewachten Landhause ein willkommener Gast sein werde, tat ihm über alle Maßen wohl,
und wenn er auch wegen einer beginnenden Schläfrigkeit nicht mehr al es, was Herr
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Pollunder sagte, fehlerlos oder wenigstens nicht ohne Unterbrechung auffaßte, so raffte
er sich doch von Zeit zu Zeit auf und wischte sich die Augen, um wieder für eine Weile
festzustellen, ob Herr Pollunder seine Schläfrigkeit bemerke, denn das wollte er um
jeden Preis vermieden wissen.
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Ein Landhaus bei New York
»Wir sind angekommen«, sagte Herr Pollunder gerade in einem von Karls verlorenen
Momenten. Das Automobil stand vor einem Landhaus, das, nach der Art von
Landhäusern reicher Leute in der Umgebung New Yorks, umfangreicher und höher war,
als es sonst für ein Landhaus nötig ist, das bloß einer Familie dienen soll. Da nur der
untere Teil des Hauses beleuchtet war, konnte man gar nicht bemessen, wie weit es in
die Höhe reichte. Vorne rauschten Kastanienbäume, zwischen denen das Gitter war
schon geöffnet ein kurzer Weg zur Freitreppe des Hauses führte. An seiner Müdigkeit
beim Aussteigen glaubte Karl zu bemerken, daß die Fahrt doch ziemlich lang gedauert
hatte. Im Dunkel der Kastanienallee hörte er eine Mädchenstimme neben sich sagen:
»Da ist ja endlich der Herr Jakob.«
»Ich heiße Roßmann«, sagte Karl und faßte die ihm hingereichte Hand eines Mädchens,
das er jetzt in Umrissen erkannte.
»Er ist ja nur Jakobs Neffe«, sagte Herr Pollunder erklärend, »und heißt selbst Karl
Roßmann.«
»Das ändert nichts an unserer Freude, ihn hier zu haben«, sagte das Mädchen, dem an
Namen nicht viel lag.
Trotzdem fragte Karl noch, während er zwischen Herrn Pollunder und dem Mädchen
auf das Haus zuschritt: »Sie sind das Fräulein Klara?«
»Ja«, sagte sie, und schon fiel ein wenig unterscheidendes Licht vom Hause her auf ihr
Gesicht, das sie ihm zuneigte, »ich wol te mich aber hier in der Finsternis nicht
vorstellen.«
>Ja hat sie uns denn am Gitter erwartet? aufwachte.
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»Wir haben übrigens noch einen Gast heute abend«, sagte Klara.
»Nicht möglich!« rief Pollunder ärgerlich.
»Herrn Green«, sagte Klara.
»Wann ist er gekommen?« fragte Karl, wie in einer Ahnung befangen.
»Vor einem Augenblick. Habt ihr denn sein Automobil nicht vor dem eueren gehört?«
Karl sah zu Pollunder auf, um zu erfahren, wie er die Sache beurteile, aber der hatte die
Hände in den Hosentaschen und stampfte bloß etwas stärker im Gehen.
»Es nützt nichts, nur knapp außerhalb New Yorks zu wohnen, von Störungen bleibt
man nicht verschont. Wir werden unseren Wohnsitz unbedingt noch weiter verlegen
müssen; und sollte ich die halbe Nacht durchfahren müssen, ehe ich nach Hause
komme.«
Sie blieben an der Freitreppe stehen.
»Aber Herr Green war doch schon sehr lange nicht hier«, sagte Klara, die offenbar mit
ihrem Vater gänzlich einverstanden war, ihn aber über sich hinaus beruhigen wollte.
»Warum kommt er denn gerade heute abend«, sagte Pollunder, und die Rede rollte
schon wütend über die wulstige Unterlippe, die als loses, schweres Fleisch leicht in große
Bewegung kam.
»Al erdings!« sagte Klara.
»Viel eicht wird er bald wieder weggehen«, bemerkte Karl und staunte selbst über das
Einverständnis, in welchem er sich mit diesen noch gestern ihm gänzlich fremden
Leuten befand.
»O nein«, sagte Klara, »er hat irgendein großes Geschäft für Papa, dessen Besprechung
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wahrscheinlich lange dauern wird, denn er hat mir schon im Spaß gedroht, daß ich, wenn
ich eine höfliche Hauswirtin sein will, bis zum Morgen werde zuhören müssen.«
»Also auch das noch. Dann bleibt er über Nacht!« rief Pollunder, als sei damit endlich
das Schlimmste erreicht.
»Ich hätte wahrhaftig Lust«, sagte er und wurde freundlicher durch den neuen
Gedanken, »ich hätte wahrhaftig Lust, Sie, Herrn Roßmann, wieder ins Automobil zu
nehmen und zu Ihrem Onkel zurückzubringen. Der heutige Abend ist schon von
vornherein gestört, und wer weiß, wann Sie uns nächstens Ihr Herr Onkel wieder
überläßt. Bringe ich Sie aber heute schon wieder zurück, so wird er Sie uns nächstens
doch nicht verweigern können.«
Und er faßte Karl schon bei der Hand, um seinen Plan auszuführen. Aber Karl rührte
sich nicht, und Klara bat, ihn hierzulassen, denn zumindest sie und Karl würden von
Herrn Green nicht im geringsten gestört werden können, und schließlich merkte auch
Pollunder selbst, daß sein Entschluß nicht der festeste war. Überdies und dies war
vielleicht das Entscheidende hörte man plötzlich Herrn Green vom obersten
Treppenaufsatz in den Garten hinunterrufen: »Wo bleibt ihr denn?«
»Kommt«, sagte Pollunder und bog auf die Freitreppe ein. Hinter ihm gingen Karl und
Klara, die einander jetzt im Licht studierten.
>Die roten Lippen, die sie hat Pollunder und wie schön sie sich in der Tochter verwandelt hatten.
»Nach dem Nachtmahl«, so sagte sie »werden wir, wenn es Ihnen recht ist, gleich in
meine Zimmer gehen, damit wir wenigstens diesen Herrn Green los sind, wenn schon
Papa sich mit ihm beschäftigen muß. Und Sie werden dann so freundlich sein, mir
Klavier vorzuspielen, denn Papa hat schon erzählt, wie gut Sie das können, ich aber bin
leider ganz unfähig, Musik auszuüben, und rühre mein Klavier nicht an, so sehr ich die
Musik eigentlich liebe.«
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Mit dem Vorschlag Klaras war Karl ganz einverstanden, wenn er auch gern Herrn
Pollunder mit in ihre Gesellschaft hätte ziehen wollen. Vor der riesigen Gestalt Greens
an Pollunders Größe hatte sich Karl eben schon gewöhnt , die sich vor ihnen, wie sie
die Stufen hinaufstiegen, langsam entwickelte, wich allerdings von Karl jede Hoffnung,
diesem Mann den Herrn Pollunder heute abend irgendwie zu entlocken.
Herr Green empfing sie sehr eilig, als sei vieles einzuholen, nahm Herrn Pollunders Arm
und schob Karl und Klara vor sich in das Speisezimmer, das besonders infolge der
Blumen auf dem Tische, die sich aus Streifen frischen Laubes halb aufrichteten, sehr
festlich aussah und doppelt die Anwesenheit des störenden Herrn Green bedauern ließ.
Gerade freute sich noch Karl, der beim Tische wartete, bis die anderen sich setzten, daß
die große Glastüre zum Garten hin offen bleiben würde, denn ein starker Duft wehte
herein wie in eine Gartenlaube, da ging gerade Herr Green unter Schnaufen daran, diese
Glastüre zuzumachen, bückte sich nach den untersten Riegeln, streckte sich nach den
obersten und al es so jugendlich rasch, daß der herbeieilende Diener nichts mehr zu tun
fand. Die ersten Worte des Herrn Green bei Tische waren Ausdrücke des Staunens
darüber, daß Karl die Erlaubnis des Onkels zu diesem Besuche bekommen hatte. Einen
gefüllten Suppenlöffel nach dem anderen hob er zum Mund und erklärte rechts zu
Klara, links zu Herrn Pol under, warum er so staune und wie der Onkel über Karl wache
und wie die Liebe des Onkels zu Karl zu groß sei, als daß man sie noch die Liebe eines
Onkels nennen könne.
>Nicht genug, daß er sich hier unnötig einmischt, mischt er sich noch gleichzeitig
zwischen mich und den Onkel ein goldfarbigen Suppe hinunterbringen. Dann wollte er sich aber wieder nichts anmerken
lassen, wie gestört er sich fühlte, und begann die Suppe stumm in sich hineinzuschütten.
Das Essen verging langsam wie eine Plage. Nur Herr Green und höchstens noch Klara
waren lebhaft und fanden mitunter Gelegenheit zu einem kurzen Lachen. Herr
Pollunder verfing sich nur einige Male in die Unterhaltung, wenn Herr Green von
Geschäften zu sprechen anfing. Doch zog er sich auch von solchen Gesprächen bald
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zurück, und Herr Green mußte ihn nach einiger Zeit wieder unvermutet damit
überraschen. Er legte übrigens Gewicht darauf und da war es, daß Karl, der
aufhorchte, als drohe etwas, von Klara darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß
der Braten vor ihm stand und er bei einem Abendessen war , daß er von vornherein
nicht die Absicht gehabt habe, diesen unerwarteten Besuch zu machen. Denn wenn auch
das Geschäft, von dem noch gesprochen werden solle, von besonderer Dringlichkeit sei,
so hätte wenigstens das Wichtigste heute in der Stadt verhandelt und das
Nebensächlichere für morgen oder später aufgespart werden können. Und so sei er auch
tatsächlich, noch lange vor Geschäftsschluß, bei Herrn Pollunder gewesen, habe ihn aber
nicht angetroffen, so daß er gezwungen gewesen sei, nach Hause zu telephonieren, daß
er über Nacht ausbleibe, und herauszufahren.
»Dann muß ich um Entschuldigung bitten«, sagte Karl laut und ehe jemand Zeit zur
Antwort hatte, »denn ich bin daran schuld, daß Herr Pollunder sein Geschäft heute
früher verließ, und es tut mir sehr leid.«
Herr Pollunder bedeckte den größeren Teil seines Gesichtes mit der Serviette, während
Klara Karl zwar anlächelte, doch war es kein teilnehmendes Lächeln, sondern eines, das
ihn irgendwie beeinflussen sollte.
»Da braucht es keine Entschuldigung«, sagte Herr Green, der gerade eine Taube mit
scharfen Schnitten zerlegte, »ganz im Gegenteil, ich bin ja froh, den Abend in so
angenehmer Gesellschaft zu verbringen, statt das Nachtmahl allein zu Hause
einzunehmen, wo mich meine alte Wirtschafterin bedient, die so alt ist, daß ihr schon
der Weg von der Tür zu meinem Tisch schwer fällt, und ich mich für lange in meinen
Sessel zurücklehnen kann, wenn ich sie auf diesem Gang beobachten will. Erst vor
kurzem habe ich durchgesetzt, daß der Diener die Speisen bis zur Tür des
Speisezimmers bringt, der Weg aber von der Tür zu meinem Tisch gehört ihr, soweit ich
sie verstehe.«
»Mein Gott«, rief Klara, »ist das eine Treue!«
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»Ja, es gibt noch Treue auf der Welt«, sagte Herr Green und führte einen Bissen in den
Mund, wo die Zunge, wie Karl zufällig bemerkte, mit einem Schwunge die Speise ergriff.
Ihm wurde fast übel und er stand auf. Fast gleichzeitig griffen Herr Pollunder und Klara
nach seinen Händen.
»Sie müssen noch sitzen bleiben«, sagte Klara. Und als er sich wieder gesetzt hatte,
flüsterte sie ihm zu: »Wir werden bald zusammen verschwinden. Haben Sie Geduld.«
Herr Green hatte sich inzwischen ruhig mit seinem Essen beschäftigt, als sei es Herrn
Pollunders und Klaras natürliche Aufgabe, Karl zu beruhigen, wenn er ihm Übelkeiten
verursachte.
Das Essen zog sich besonders durch die Genauigkeit in die Länge, mit der Herr Green
jeden Gang behandelte, wenn er auch immer bereit war, jeden neuen Gang ohne
Ermüdung zu empfangen, es bekam wirklich den Anschein, als wolle er sich von seiner
alten Wirtschafterin gründlich erholen. Hin und wieder lobte er Fräulein Klaras Kunst in
der Führung des Hauswesens, was ihr sichtlich schmeichelte, während Karl versucht
war, ihn abzuwehren, als greife er sie an. Aber Herr Green begnügte sich nicht einmal
mit ihr, sondern bedauerte öfters, ohne vom Tel er aufzusehen, die auffallende
Appetitlosigkeit Karls. Herr Pollunder nahm Karls Appetit in Schutz, obwohl er als
Gastgeber Karl auch zum Essen hätte aufmuntern sollen. Und tatsächlich fühlte sich
Karl durch den Zwang, unter dem er während des ganzen Nachtmahls litt, so
empfindlich, daß er gegen die eigene bessere Einsicht diese Äußerung Herrn Pollunders
als Unfreundlichkeit auslegte. Und es entsprach nur diesem seinen Zustand, daß er
einmal ganz unpassend rasch und viel aß und dann wieder für lange Zeit müde Gabel
und Messer sinken ließ und der Unbeweglichste der Gesellschaft war, mit dem der
Diener, der die Speisen reichte, oft nichts anzufangen wußte.
»Ich werde schon morgen dem Herrn Senator erzählen, wie Sie das Fräulein Klara durch
Ihr Nichtessen gekränkt haben«, sagte Herr Green und beschränkte sich darauf, die
spaßige Absicht dieser Worte durch die Art, wie er mit dem Besteck hantierte,
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auszudrücken.
»Sehen Sie nur das Mädchen an, wie traurig es ist«, fuhr er fort und griff Klara unters
Kinn. Sie ließ es geschehen und schloß die Augen.
»Du Dingschen«, rief er, lehnte sich zurück und lachte, hochrot im Gesicht, mit der
Kraft des Gesättigten. Vergebens suchte sich Karl das Benehmen Herrn Pollunders zu
erklären. Der saß vor seinem Teller und sah in ihn, als geschähe dort das eigentlich
Wichtige. Er zog Karls Sessel nicht näher zu sich und, wenn er einmal sprach, so sprach
er zu allen, aber zu Karl hatte er nichts Besonderes zu reden. Dagegen duldete er, daß
Green, dieser alte, ausgepichte New Yorker Junggeselle, mit deutlicher Absicht Klara
berührte, daß er Karl, Pollunders Gast, beleidigte oder wenigstens als Kind behandelte
und wer weiß zu welchen Taten sich stärkte und vordrang.
Nach Aufhebung der Tafel als Green die allgemeine Stimmung merkte, war er der
erste, der aufstand und gewissermaßen alle mit sich erhob ging Karl allein abseits zu
einem der großen, durch schmale weiße Leisten geteilten Fenster, die zur Terrasse
führten und die eigentlich, wie er beim Nähertreten merkte, richtige Türen waren. Was
war von der Abneigung übriggeblieben, die Herr Pollunder und seine Tochter anfangs
gegenüber Green gefühlt hatten und die damals Karl etwas unverständlich
vorgekommen war. Jetzt standen sie mit Green beisammen und nickten ihm zu. Der
Rauch aus Herrn Greens Zigarre, einem Geschenk Pollunders, die von jener Dicke war,
von der der Vater zu Hause hie und da als von einer Tatsache zu erzählen pflegte, die er
wahrscheinlich selbst mit eigenen Augen niemals gesehen hatte, verbreitete sich in dem
Saal und trug Greens Einfluß auch in Winkel und Nischen, die er persönlich niemals
betreten würde. Soweit entfernt Karl auch stand, noch spürte er von dem Rauch einen
Kitzel in der Nase, und das Benehmen Herrn Greens, nach welchem er sich von seinem
Platz aus nur einmal schnell umsah, erschien ihm infam. Jetzt hielt er es gar nicht mehr
für ausgeschlossen, daß ihm der Onkel die Erlaubnis zu diesem Besuch nur deshalb so
lange verweigert hatte, weil er den schwachen Charakter Herrn Pollunders kannte und
infolgedessen eine Kränkung Karls bei diesem Besuch, wenn auch nicht genau
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voraussah, so doch im Bereich der Möglichkeit erblickte. Auch das amerikanische
Mädchen gefiel ihm nicht, obwohl er sich sie durchaus nicht etwa viel schöner
vorgestellt hatte. Seit sich Herr Green mit ihr abgegeben hatte, war er sogar überrascht
von der Schönheit, deren ihr Gesicht fähig war, und besonders von dem Glanz ihrer
unbändig bewegten Augen. Einen Rock, der so fest wie der ihre den Körper
umschlossen hätte, hatte er noch niemals gesehen, kleine Falten in dem gelblichen,
zarten und festen Stoff zeigten die Stärke der Spannung. Und doch lag Karl gar nichts an
ihr und er hätte gern darauf verzichtet, auf ihre Zimmer geführt zu werden, wenn er statt
dessen die Tür, auf deren Klinke er für jeden Fall die Hände gelegt hatte, hätte öffnen,
ins Automobil steigen oder, wenn der Chauffeur schon schlief, allein nach New York
hätte spazieren dürfen. Die klare Nacht mit dem ihm zugeneigten vol en Mond stand
frei für jedermann, und draußen im Freien vielleicht Furcht zu haben schien Karl
sinnlos. Er stellte sich vor und zum erstenmal wurde ihm in diesem Saale wohl , wie
er am Morgen früher dürfte er kaum zu Fuß nach Hause kommen den Onkel
überraschen wollte. Er war zwar noch niemals in seinem Schlafzimmer gewesen, wußte
auch gar nicht, wo es lag, aber er wollte es schon erfragen. Dann wollte er anklopfen und
auf das förmliche »Herein!« ins Zimmer laufen und den lieben Onkel, den er bisher
immer nur bis hoch hinauf angezogen und zugeknöpft kannte, aufrecht im Bette sitzend,
die Augen erstaunt zur Tür gerichtet, im Nachthemd überraschen. Das war ja an und für
sich vielleicht noch nicht viel, aber man mußte nur ausdenken, was das zur Folge haben
könnte. Vielleicht würde er zum erstenmal gemeinsam mit seinem Onkel frühstücken,
der Onkel im Bett, er auf einem Sessel, das Frühstück auf einem Tischchen zwischen
ihnen, vielleicht würde dieses gemeinsame Frühstück zu einer ständigen Einrichtung
werden, vielleicht würden sie infolge dieser Art Frühstück, was sogar kaum zu vermeiden
war, öfters als wie bisher bloß einmal während des Tages zusammenkommen und dann
natürlich auch offener miteinander reden können. Es lag ja schließlich nur an dem
Mangel dieser offenen Aussprache, wenn er heute dem Onkel gegenüber etwas
unfolgsam oder, besser, starrköpfig gewesen war. Und wenn er auch heute über Nacht
hierbleiben mußte es sah leider ganz danach aus, obwohl man ihn hier beim Fenster
stehen und auf eigene Faust sich unterhalten ließ , vielleicht wurde dieser unglückliche
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Besuch der Wendepunkt zum Besseren in dem Verhältnis zum Onkel, vielleicht hatte
der Onkel in seinem Schlafzimmer heute abend ähnliche Gedanken.
Ein wenig getröstet wandte er sich um. Klara stand vor ihm und sagte: »Gefällt es Ihnen
denn gar nicht bei uns? Wollen Sie sich hier nicht ein wenig heimisch fühlen? Kommen
Sie, ich will den letzten Versuch machen.«
Sie führte ihn quer durch den Saal zur Türe. An einem Seitentisch saßen die beiden
Herren bei leicht schäumenden, in hohe Gläser gefüllten Getränken, die Karl unbekannt
waren und die er zu kosten Lust gehabt hätte. Herr Green hatte einen Ellbogen auf dem
Tisch, sein ganzes Gesicht war Herrn Pollunder möglichst nahe gerückt; wenn man
Herrn Pollunder nicht gekannt hätte, hätte man ganz gut annehmen können, es werde
hier etwas Verbrecherisches besprochen und kein Geschäft. Während Herr Pollunder
mit freundlichem Blick Karl zur Türe folgte, sah sich Green, obwohl man doch schon
unwillkürlich sich den Blicken seines Gegenübers anzuschließen pflegt, auch nicht im
geringsten nach Karl um, welchem in diesem Benehmen der Ausdruck einer Art
Überzeugung Greens zu liegen schien, jeder, Karl für sich und Green für sich, solle hier
mit seinen Fähigkeiten auszukommen versuchen, die notwendige gesellschaftliche
Verbindung zwischen ihnen werde sich schon mit der Zeit durch den Sieg oder die
Vernichtung eines von beiden herstellen.
>Wenn er das meintdann ist er ein Narr. Ich will wahrhaftig nichts von
ihm, und er soll mich auch in Ruhe lassen. Kaum war er auf den Gang getreten, fiel ihm ein, daß er sich wahrscheinlich unhöflich
benommen hatte, denn mit seinen auf Green gehefteten Augen hatte er sich von Klara
aus dem Zimmer fast schleppen lassen. Desto williger ging er jetzt neben ihr her. Auf
dem Wege durch die Gänge traute er zuerst seinen Augen nicht, als er alle zwanzig
Schritte einen reich livrierten Diener mit einem Armleuchter stehen sah, dessen dicken
Schaft jene mit beiden Händen umschlossen hielten.
»Die neue elektrische Leitung ist bisher nur im Speisezimmer eingeführt«, erklärte Klara.
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»Wir haben dieses Haus erst vor kurzem gekauft und es gänzlich umbauen lassen, soweit
sich ein altes Haus mit seiner eigensinnigen Bauart überhaupt umbauen läßt.«
»Da gibt es also auch schon in Amerika alte Häuser«, sagte Karl.
»Natürlich«, sagte Klara lachend und zog ihn weiter. »Sie haben merkwürdige Begriffe
von Amerika.«
»Sie sollen mich nicht auslachen«, sagte er ärgerlich. Schließlich kannte er schon Europa
und Amerika, sie aber nur Amerika.
Im Vorübergehen stieß Klara mit leicht ausgestreckter Hand eine Tür auf und sagte,
ohne anzuhalten: »Hier werden Sie schlafen.«
Karl wollte sich natürlich das Zimmer gleich anschauen, aber Klara erklärte ungeduldig
und fast schreiend, das habe doch Zeit und er solle nur vorher mitkommen. Sie zogen
sich auf dem Gang ein wenig hin und her, schließlich meinte Karl, er müsse sich nicht in
allem nach Klara richten, riß sich los und trat in das Zimmer. Ein überraschendes
Dunkel vor dem Fenster erklärte sich durch einen Baumwipfel, der sich dort in seinem
vollen Umfang wiegte. Man hörte Vogelgesang. Im Zimmer selbst, das vom Mondlicht
noch nicht erreicht war, konnte man allerdings fast gar nichts unterscheiden. Karl
bedauerte, die elektrische Taschenlampe, die er vom Onkel geschenkt bekommen hatte,
nicht mitgenommen zu haben. In diesem Hause war ja eine Taschenlampe
unentbehrlich, hätte man ein paar solcher Lampen gehabt, hätte man die Diener schlafen
schicken können. Er setzte sich aufs Fensterbrett und sah und horchte hinaus. Ein
aufgestörter Vogel schien sich durch das Laubwerk des alten Baumes zu drängen. Die
Pfeife eines New Yorker Vorortzuges erklang irgendwo im Land. Sonst war es still.
Aber nicht lange, denn Klara kam eilends herein. Sichtlich böse rief sie: »Was soll denn
das?« und klatschte auf ihren Rock. Karl wollte erst antworten, wenn sie höflicher
geworden war. Aber sie ging mit großen Schritten auf ihn zu, rief: »Also wollen Sie mit
mir kommen oder nicht?«, stieß ihn mit Absicht oder bloß in der Erregung, derart in die
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Brust, daß er aus dem Fenster gestürzt wäre, hätte er nicht noch im letzten Augenblick,
vom Fensterbrett gleitend, mit den Füßen den Zimmerboden berührt.
»Jetzt wäre ich bald hinausgefallen«, sagte er vorwurfsvoll.
»Schade, daß es nicht geschehen ist. Warum sind Sie so unartig! Ich stoße Sie noch
einmal hinunter.«
Und wirklich umfaßte sie ihn und trug ihn, der, zuerst verblüfft, sich schwer zu machen
vergaß, mit ihrem vom Sport gestählten Körper fast bis zum Fenster. Aber dort besann
er sich, machte sich mit einer Wendung der Hüften los und umfaßte sie.
»Ach, Sie tun mir wohl«, sagte sie gleich.
Aber nun glaubte Karl, sie nicht mehr loslassen zu dürfen. Er ließ ihr zwar Freiheit,
Schritte nach Belieben zu machen, folgte ihr aber und ließ sie nicht los. Es war auch so
leicht, sie in ihrem engen Kleid zu umfassen.
»Lassen Sie mich«, flüsterte sie, das erhitzte Gesicht eng an seinem, er mußte sich
anstrengen, sie zu sehen, so nahe war sie ihm. »Lassen Sie mich, ich werde Ihnen etwas
Schönes geben.« >Warum seufzt sie soes kann ihr nicht wehtun, ich
drücke sie ja nicht unachtsamen, schweigenden Dastehens, fühlte er wieder ihre wachsende Kraft an
seinem Leib, und sie hatte sich ihm entwunden, faßte ihn mit gut ausgenütztem
Obergriff, wehrte seine Beine mit Fußstellungen einer fremdartigen Kampftechnik ab
und trieb ihn vor sich, mit großartiger Regelmäßigkeit Atem holend, gegen die Wand.
Dort war aber ein Kanapee, auf das legte sie Karl hin und sagte, ohne sich allzusehr zu
ihm hinabzubeugen: »Jetzt rühr dich, wenn du kannst.«
»Katze, tolle Katze«, konnte Karl gerade noch aus dem Durcheinander von Wut und
Scham rufen, in dem er sich befand. »Du bist ja wahnsinnig, du tolle Katze!«
»Gib acht auf deine Worte«, sagte sie und ließ die eine Hand zu seinem Halse gleiten,
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den sie so stark zu würgen anfing, daß Karl ganz unfähig war, etwas anderes zu tun als
Luft zu schnappen, während sie mit der anderen Hand an seine Wange fuhr, wie
probeweise sie berührte, sie wieder und zwar immer weiter in die Luft zurückzog und
jeden Augenblick mit einer Ohrfeige niederfallen lassen konnte.
»Wie wäre es«, fragte sie dabei, »wenn ich dich zur Strafe für dein Benehmen einer Dame
gegenüber mit einer tüchtigen Ohrfeige nach Hause schicken wollte? Vielleicht wäre es
dir nützlich für deinen künftigen Lebensweg, wenn es auch keine schöne Erinnerung
abgeben würde. Du tust mir ja leid und bist ein erträglich hübscher Junge und, hättest du
Jiu-Jitsu gelernt, hättest du wahrscheinlich mich durchgeprügelt. Trotzdem, trotzdem
es verlockt mich geradezu riesig, dich zu ohrfeigen, so wie du jetzt daliegst. Ich werde es
wahrscheinlich bedauern; wenn ich es aber tun sollte, so wisse schon jetzt, daß ich es fast
gegen meinen Willen tun werde. Und ich werde mich dann natürlich nicht mit einer
Ohrfeige begnügen, sondern rechts und links schlagen, bis dir die Backen anschwellen.
Und vielleicht bist du ein Ehrenmann ich möchte es fast glauben und wirst mit den
Ohrfeigen nicht weiterleben wollen und dich aus der Welt schaffen. Aber warum bist du
auch so gegen mich gewesen, gefalle ich dir vielleicht nicht? Lohnt es sich nicht, auf
mein Zimmer zu kommen? Achtung! Jetzt hätte ich dir schon fast unversehens die
Ohrfeige aufgeputzt. Wenn du heute also noch so loskommen solltest, benimm dich
nächstens feiner. Ich bin nicht dein Onkel, mit dem du trotzen kannst. Im übrigen wil
ich dich noch darauf aufmerksam machen, daß du, wenn ich dich ungeohrfeigt loslasse,
nicht glauben mußt, daß deine jetzige Lage und wirkliches Geohrfeigt werden vom
Standpunkt der Ehre aus das gleiche sind. Solltest du das glauben wollen, so würde ich
es doch vorziehen, dich wirklich zu ohrfeigen. Was wohl Mack sagen wird, wenn ich ihm
das alles erzähle.«
Bei der Erinnerung an Mack ließ sie Karl los, in seinen undeutlichen Gedanken erschien
ihm Mack wie ein Befreier. Er fühlte noch ein Weilchen Klaras Hand an seinem Hals,
wand sich daher noch ein wenig und lag dann still.
Sie forderte ihn auf, aufzustehen, er antwortete nicht und rührte sich nicht. Sie
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entzündete irgendwo eine Kerze, das Zimmer bekam Licht, ein blaues Zickzackmuster
erschien auf dem Plafond, aber Karl lag, den Kopf aufs Sofapolster aufgestützt so, wie
ihn Klara gebettet hatte, und wandte ihn nicht einen Fingerbreit. Klara ging im Zimmer
herum, ihr Rock rauschte um ihre Beine, wahrscheinlich beim Fenster blieb sie eine
lange Weile stehen.
»Ausgetrotzt?« hörte man sie dann fragen.
Karl empfand es schwer, in diesem Zimmer, das ihm doch von Herrn Pollunder für
diese Nacht zugedacht war, keine Ruhe bekommen zu können. Da wanderte dieses
Mädchen herum, blieb stehen und redete, und er hatte sie doch so unaussprechlich satt.
Rasch schlafen und von hier fortgehen war sein einziger Wunsch. Er wollte gar nicht
mehr ins Bett, nur hier auf dem Kanapee wollte er bleiben. Er lauerte nur darauf, daß sie
wegginge, um hinter ihr her zur Tür zu springen, sie zu verriegeln, und dann wieder
zurück auf das Kanapee sich zu werfen. Er hatte ein solches Bedürfnis, sich zu strecken
und zu gähnen, aber vor Klara wollte er das nicht tun. Und so lag er, starrte hinauf,
fühlte sein Gesicht immer unbeweglicher werden und eine ihn umkreisende Fliege
flimmerte ihm; vor den Augen, ohne daß er recht wußte, was es war.
Klara trat wieder zu ihm, beugte sich in die Richtung seiner Blicke und, hätte er sich
nicht bezwungen, hätte er sie schon anschauen müssen.
»Ich gehe jetzt«, sagte sie. »Vielleicht bekommst du später Lust, zu mir zu kommen. Die
Tür zu meinen Zimmern ist die vierte, von dieser Tür aus gerechnet, auf dieser Seite des
Ganges. Du gehst also an drei weiteren Türen vorüber und die, zu welcher du dann
kommst, ist die richtige. Ich gehe nicht mehr hinunter in den Saal, sondern bleibe schon
in meinem Zimmer. Du hast mich aber auch ordentlich müde gemacht. Ich werde nicht
gerade auf dich warten, aber wenn du kommen willst, so komm. Erinnere dich, daß du
versprochen hast, mir auf dem Klavier vorzuspielen. Aber vielleicht habe ich dich ganz
entnervt und du kannst dich nicht mehr rühren, dann bleib und schlaf dich aus. Dem
Vater sage ich vorläufig von unserer Rauferei kein Wort; ich bemerke das für den Fall,
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daß dir das Sorge machen sollte.« Darauf lief sie trotz ihrer angeblichen Müdigkeit mit
zwei Sprüngen aus dem Zimmer.
Sofort setzte sich Karl aufrecht, dieses Liegen war schon unerträglich geworden. Um ein
wenig Bewegung zu machen, ging er zur Tür und sah auf den Gang hinaus. War dort
aber eine Finsternis! Er war froh, als er die Tür zugemacht und abgesperrt hatte und
wieder bei seinem Tisch im Schein der Kerze stand. Sein Entschluß war, nicht länger in
diesem Haus zu bleiben, sondern hinunter zu Herrn Pollunder zu gehen, ihm offen zu
sagen, wie ihn Klara behandelt hatte am Eingeständnis seiner Niederlage lag ihm gar
nichts und mit dieser wohl genügenden Begründung um die Erlaubnis zu bitten, nach
Hause fahren oder gehen zu dürfen. Sollte Herr Pollunder etwas gegen diese sofortige
Heimkehr einzuwenden haben, dann wollte ihn Karl wenigstens bitten, ihn durch einen
Diener zum nächsten Hotel führen zu lassen. In dieser Weise, wie sie Karl plante, ging
man zwar sonst in der Regel nicht mit freundlichen Gastgebern um, aber noch seltener
ging man mit einem Gaste derart um, wie es Klara getan hatte. Sie hatte sogar noch ihr
Versprechen, dem Herrn Pollunder von der Rauferei vorläufig nichts zu sagen, für eine
Freundlichkeit gehalten, das war aber schon himmelschreiend. Ja, war denn Karl zu
einem Ringkampf eingeladen worden, so daß es für ihn beschämend gewesen wäre, von
einem Mädchen geworfen zu werden, das wahrscheinlich den größten Teil ihres Lebens
mit dem Lernen von Ringkämpferkniffen verbracht hatte? Am Ende hatte sie gar von
Mack Unterricht bekommen. Mochte sie ihm nur alles erzählen; der war sicher
einsichtig, das wußte Karl, obwohl er niemals Gelegenheit gehabt hatte, das im einzelnen
zu erfahren. Karl wußte aber auch, daß, wenn Mack ihn unterrichtete, er noch viel
größere Fortschritte als Klara machen würde; dann käme er eines Tages wieder hierher,
höchstwahrscheinlich uneingeladen, untersuchte natürlich zuerst die Örtlichkeit, deren
genaue Kenntnis ein großer Vorteil Klaras gewesen war, packte dann diese gleiche Klara
und klopfte mit ihr das gleiche Kanapee aus, auf das sie ihn heute geworfen hatte.
Jetzt handelte es sich nur darum, den Weg zum Saal zurückzufinden, wo er ja
wahrscheinlich auch seinen Hut in der ersten Zerstreutheit auf einen unpassenden Platz
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gelegt hatte. Die Kerze wollte er natürlich mitnehmen, aber selbst bei Licht war es nicht
leicht, sich auszukennen. Er wußte zum Beispiel nicht einmal, ob dieses Zimmer in der
gleichen Ebene wie der Saal gelegen war. Klara hatte ihn auf dem Herweg immer so
gezogen, daß er sich gar nicht hatte umsehen können. Herr Green und die
leuchtertragenden Diener hatten ihm auch zu denken gegeben; kurz, er wußte jetzt
tatsächlich nicht einmal, ob sie eine oder zwei oder vielleicht gar keine Treppe passiert
hatten. Nach der Aussicht zu schließen, lag das Zimmer ziemlich hoch, und er suchte
sich deshalb einzubilden, daß sie über Treppen gekommen waren, aber schon zum
Hauseingang hatte man ja über Treppen steigen müssen, warum konnte nicht auch diese
Seite des Hauses erhöht sein, Aber wenn wenigstens auf dem Gang irgendwo ein
Lichtschein aus einer Tür zu sehen oder eine Stimme aus der Ferne auch noch so leise
zu hören gewesen wäre!
Seine Taschenuhr, ein Geschenk des Onkels, zeigte elf Uhr, er nahm die Kerze und ging
auf den Gang hinaus. Die Tür ließ er offen, um für den Fall, als sein Suchen vergeblich
wäre, wenigstens sein Zimmer wiederzufinden und danach, für den äußersten Notfall,
die Tür zu Klaras Zimmer. Zur Sicherheit, damit sich die Türe nicht von selbst schließe,
verstellte er sie mit einem Sessel. Auf dem Gange zeigte sich der Übelstand, daß gegen
Karl er ging natürlich von Klaras Türe weg nach links ein Luftzug strich, der zwar
ganz schwach war, aber immerhin leicht die Kerze hätte auslöschen können, so daß Karl
die Flamme mit der Hand schützen und überdies öfters stehenbleiben mußte, damit die
niedergedrückte Flamme sich erhole. Es war ein langsames Vorwärtskommen, und der
Weg schien dadurch doppelt lang. Karl war schon an großen Strecken der Wände
vorübergekommen, die gänzlich ohne Türen waren, man konnte sich nicht vorstellen,
was dahinter war. Dann kam wieder Tür an Tür, er versuchte, mehrere zu öffnen, sie
waren versperrt und die Räume offenbar unbewohnt. Es war eine Raumverschwendung
sondergleichen, und Karl dachte an die östlichen New Yorker Quartiere, die ihm der
Onkel zu zeigen versprochen hatte, wo angeblich in einem kleinen Zimmer mehrere
Familien wohnten und das Heim einer Familie in einem Zimmerwinkel bestand, in dem
sich die Kinder um ihre Eltern scharten. Und hier standen so viele Zimmer leer und
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waren nur dazu da, um hohl zu klingen, wenn man an die Tür schlug. Herr Pollunder
schien Karl irregeführt zu sein von falschen Freunden und vernarrt in seine Tochter und
dadurch verdorben. Der Onkel hatte ihn sicher richtig beurteilt, und nur sein Grundsatz,
auf die Menschenbeurteilung Karls keinen Einfluß zu nehmen, war schuld an diesem
Besuch und an diesen Wanderungen auf den Gängen. Karl wollte das morgen dem
Onkel ohne weiteres sagen, denn nach seinem Grundsatz würde der Onkel auch das
Urteil des Neffen über ihn gerne und ruhig anhören. Überdies war dieser Grundsatz
vielleicht das einzige, was Karl an seinem Onkel nicht gefiel, und selbst dieses
Nichtgefallen war nicht unbedingt.
Plötzlich hörte die Wand an der einen Gangseite auf, und ein eiskaltes marmornes
Geländer trat an ihre Stelle. Karl stellte die Kerze neben sich und beugte sich vorsichtig
hinüber. Dunkle Leere wehte ihm entgegen. Wenn das die Haupthalle des Hauses war
im Schimmer der Kerze erschien ein Stück einer gewölbeartig geführten Decke ,
warum war man nicht durch diese Halle eingetreten? Wozu diente nur dieser große, tiefe
Raum? Man stand ja hier oben wie auf der Galerie einer Kirche. Karl bedauerte fast,
nicht bis morgen in diesem Hause bleiben zu können, er hätte gern bei Tageslicht von
Herrn Pollunder sich überall herumführen und über alles unterrichten lassen.
Das Geländer war übrigens nicht lang, und bald wurde Karl wieder vom geschlossenen
Gang aufgenommen. Bei einer plötzlichen Wendung des Ganges stieß Karl mit ganzer
Wucht an die Mauer, und nur die ununterbrochene Sorgfalt, mit der er die Kerze
krampfhaft hielt, bewahrte sie glücklicherweise vor dem Fallen und Auslöschen. Da der
Gang kein Ende nehmen wollte, nirgends ein Fenster einen Ausblick gab, weder in der
Höhe noch in der Tiefe sich etwas rührte, dachte Karl schon, er gehe immerfort im
gleichen Kreisgang in der Runde, und hoffte schon, die offene Tür seines Zimmers
vielleicht wiederzufinden, aber weder sie noch das Geländer kehrte wieder. Bis jetzt
hatte sich Karl von lautem Rufen zurückgehalten, denn er wollte in einem fremden Haus
zu so später Stunde keinen Lärm machen, aber jetzt sah er ein, daß es in diesem
unbeleuchteten Hause kein Unrecht war, und machte sich gerade daran, nach beiden
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Seiten des Ganges ein lautes »Hallo!« zu schreien, als er in der Richtung, aus der er
gekommen war, ein kleines, sich näherndes Licht bemerkte. Jetzt konnte er erst die
Länge des geraden Ganges abschätzen; das Haus war eine Festung, keine Villa. Karls
Freude über dieses rettende Licht war so groß, daß er alle Vorsicht vergaß und darauf
zulief; schon bei den ersten Sprüngen löschte seine Kerze aus. Er achtete nicht darauf,
denn er brauchte sie nicht mehr, hier kam ihm ein alter Diener mit einer Laterne
entgegen, der ihm den richtigen Weg schon zeigen würde.
»Wer sind Sie?« fragte der Diener und hielt Karl die Laterne ans Gesicht, wodurch er
gleichzeitig sein eigenes beleuchtete. Sein Gesicht erschien etwas steif durch einen
großen, weißen Vollbart, der erst auf der Brust in seidenartige Ringel ausging. >Es muß
ein treuer Diener sein, dem man das Tragen eines solchen Bartes erlaubt und sah diesen Bart unverwandt der Länge und Breite nach an, ohne sich dadurch
behindert zu fühlen, daß er selbst beobachtet wurde. Im übrigen antwortete er sofort,
daß er der Gast des Herrn Pollunder sei, aus seinem Zimmer in das Speisezimmer gehen
wolle und es nicht finden könne.
»Ach so«, sagte der Diener »wir haben das elektrische Licht noch nicht eingeführt.«
»Ich weiß«, sagte Karl.
»Wollen Sie nicht Ihre Kerze an meiner Lampe anzünden?« fragte der Diener.
»Bitte«, sagte Karl und tat es.
»Es zieht hier so auf den Gängen«, sagte der Diener »die Kerze löscht leicht aus, darum
habe ich eine Laterne.«
»Ja, eine Laterne ist viel praktischer«, sagte Karl.
»Sie sind auch schon von der Kerze ganz betropft«, sagte der Diener und leuchtete mit
der Kerze Karls Anzug ab.
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»Das habe ich ja gar nicht bemerkt!« rief Karl, und es tat ihm sehr leid, da es ein
schwarzer Anzug war, von dem der Onkel gesagt hatte, er passe ihm am besten von
allen. Die Rauferei mit Klara dürfte dem Anzug auch nicht genützt haben, erinnerte er
sich jetzt. Der Diener war gefällig genug, den Anzug zu reinigen, so gut es in der Eile
ging; immer wieder drehte sich Karl vor ihm herum und zeigte ihm noch hier und dort
einen Fleck, den der Diener folgsam entfernte.
»Warum zieht es denn hier eigentlich so?« fragte Karl, als sie schon weitergingen.
»Es ist hier eben noch viel zu bauen«, sagte der Diener, »man hat zwar mit dem Umbau
schon angefangen, aber es geht sehr langsam. Jetzt streiken auch noch die Bauarbeiter,
wie Sie vielleicht wissen. Man hat viel Ärger mit so einem Bau. Jetzt sind da ein paar
große Durchbrüche gemacht worden, die niemand vermauert, und die Zugluft geht
durch das ganze Haus. Wenn ich nicht die Ohren voll Watte hätte, könnte ich nicht
bestehen.«
»Da muß ich wohl lauter reden?«, fragte Karl.
»Nein, Sie haben eine klare Stimme«, sagte der Diener. »Aber um auf diesen Bau
zurückzukommen; besonders, hier in der Nähe der Kapelle, die später unbedingt von
dem übrigen Haus abgesperrt werden muß, ist die Zugluft gar nicht auszuhalten.«
»Die Brüstung, an der man in diesem Gang vorüberkommt, geht also in eine Kapelle
hinaus?«
»Ja.«
>Das habe ich mir gleich gedacht »Sie ist sehr sehenswert«, sagte der Diener, »wäre sie nicht gewesen, hätte wohl Herr
Mack das Haus nicht gekauft.
Herr Mack?« fragte Karl , »ich dachte, das Haus gehöre Herrn Pollunder?«
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»Allerdings«, sagte der Diener »aber Herr Mack hat doch bei diesem Kauf den Ausschlag
gegeben. Sie kennen Herrn Mack nicht?«
»O ja«, sagte Karl. »Aber in welcher Verbindung ist er denn mit Herrn Pollunder?«
»Er ist der Bräutigam des Fräuleins«, sagte der Diener.
»Das wußte ich freilich nicht«, sagte Karl und blieb stehen.
»Setzt Sie das in solches Erstaunen?« fragte der Diener.
»Ich will es mir nur zurechtlegen. Wenn man solche Beziehungen nicht kennt, kann man
ja die größten Fehler machen«, antwortete Karl.
»Es wundert mich nur, daß man Ihnen davon nichts gesagt hat«, sagte der Diener.
»Ja, wirklich«, sagte Karl beschämt.
»Wahrscheinlich dachte man, Sie wüßten es«, sagte der Diener, »es ist ja keine Neuigkeit.
Hier sind wir übrigens«, und öffnete eine Türe, hinter der sich eine Treppe zeigte, die
senkrecht zu der Hintertüre des ebenso wie bei der Ankunft hell beleuchteten
Speisezimmers führte.
Ehe Karl in das Speisezimmer eintrat, aus dem man die Stimmen Herrn Pollunders und
Herrn Greens unverändert wie vor nun wohl schon zwei Stunden hörte, sagte der
Diener: »Wenn Sie wollen, erwarte ich Sie hier und führe Sie dann in Ihr Zimmer. Es
macht immerhin Schwierigkeiten, sich gleich am ersten Abend hier auszukennen.«
»Ich werde nicht mehr in mein Zimmer zurückkehren«, sagte Karl und wußte nicht,
warum er bei dieser Auskunft traurig wurde.
»Es wird nicht so arg sein«, sagte der Diener, ein wenig überlegen lächelnd, und klopfte
ihm auf den Arm. Er hatte sich wahrscheinlich Karls Worte dahin erklärt, daß Karl
beabsichtige, während der ganzen Nacht im Speisezimmer zu bleiben, sich mit den
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Herren zu unterhalten und mit ihnen zu trinken. Karl wollte jetzt keine Bekenntnisse
machen, außerdem dachte er, der Diener, der ihm besser gefiel als die anderen hiesigen
Diener, könne ihm ja dann die Wegrichtung nach New York zeigen, und sagte deshalb:
»Wenn Sie hier warten wollen, so ist das sicherlich eine große Freundlichkeit von Ihnen,
und ich nehme sie dankbar an. Jedenfalls werde ich in einer kleinen Weile
herauskommen und Ihnen dann sagen, was ich weiter tun werde. Ich denke schon, daß
mir Ihre Hilfe noch nötig sein wird.« »Gut«, sagte der Diener, stel te die Laterne auf den
Boden und setzte sich auf ein niedriges Postament, dessen Leere wahrscheinlich auch
mit dem Umbau des Hauses zusammenhing. »Ich werde also hier warten. Die Kerze
können Sie auch bei mir lassen«, sagte der Diener noch, als Karl mit der brennenden
Kerze in den Saal gehen wollte.
»Ich bin aber zerstreut«, sagte Karl und reichte die Kerze dem Diener hin, welcher ihm
bloß zunickte, ohne daß man wußte, ob er es mit Absicht tat oder ob es eine Folge
dessen war, daß er mit der Hand seinen Bart strich.
Karl öffnete die Tür, die ohne seine Schuld laut erklirrte, denn sie bestand aus einer
einzigen Glasplatte, die sich fast bog, wenn die Tür rasch geöffnet und nur an der Klinke
festgehalten wurde. Karl ließ die Tür erschrocken los, denn er hatte gerade besonders
still eintreten wollen.
Ohne sich mehr umzudrehen, merkte er noch, wie hinter ihm der Diener, der offenbar
von seinem Postament herabgestiegen war, vorsichtig und ohne das geringste Geräusch,
die Tür schloß.
»Verzeihen Sie, daß ich störe«, sagte er zu den beiden Herren, die ihn mit ihren großen,
erstaunten Gesichtern ansahen. Gleichzeitig aber überflog er mit einem Blick den Saal,
ob er nicht irgendwo schnell seinen Hut finden könne. Er war aber nirgends zu sehen,
der Eßtisch war völlig abgeräumt, vielleicht war der Hut unangenehmerweise irgendwie
in die Küche fortgetragen worden.
»Wo haben Sie denn Klara gelassen?« fragte Herr Pollunder, dem übrigens die Störung
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nicht unlieb schien, denn er setzte sich gleich anders in seinem Fauteuil und kehrte Karl
seine ganze Front zu. Herr Green spielte den Unbeteiligten, zog eine Brieftasche heraus,
die an Größe und Dicke ein Ungeheuer ihrer Art war, schien in den vielen Taschen ein
bestimmtes Stück zu suchen, las aber während des Suchens auch andere Papiere, die ihm
gerade in die Hand kamen.
»Ich hätte eine Bitte, die Sie nicht mißverstehen dürfen«, sagte Karl, ging eiligst zu Herrn
Pollunder hin und legte, um ihm recht nahe zu sein, die Hand auf die Armlehne des
Fauteuils.
»Was soll denn das für eine Bitte sein?« fragte Herr Pollunder und sah Karl mit offenem,
rückhaltlosem Blicke an. »Sie ist natürlich schon erfüllt.« Und er legte den Arm um Karl
und zog ihn zu sich zwischen seine Beine. Karl duldete das gerne, obwohl er sich im
allgemeinen doch für eine solche Behandlung allzu erwachsen fühlte. Aber das
Aussprechen seiner Bitte wurde natürlich schwieriger.
»Wie gefällt es Ihnen denn eigentlich bei uns?« fragte Herr Pollunder. »Scheint es Ihnen
nicht auch, daß man auf dem Lande sozusagen befreit wird, wenn man aus der Stadt
herauskommt? Im allgemeinen« und ein nicht mißzuverstehender, durch Karl etwas
verdeckter Seitenblick ging auf Herrn Green , »im allgemeinen habe ich dieses Gefühl
immer wieder, jeden Abend.«
>Er sprichtals wüßte er nichts von dem großen Haus, den endlosen
Gängen, der Kapelle, den leeren Zimmern, dem Dunkel überall. »Nun«, sagte Herr Pollunder, »die Bitte!«, und er schüttelte Karl freundschaftlich, der
stumm dastand.
»Ich bitte«, sagte Karl und, so sehr er die Stimme dämpfte, es ließ sich nicht vermeiden,
daß der daneben sitzende Green alles hörte, vor dem Karl die Bitte, die möglicherweise
als eine Beleidigung Pollunders aufgefaßt werden konnte, so gern verschwiegen hätte
»ich bitte, lassen Sie mich noch jetzt, in der Nacht, nach Hause.«
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Und da das Ärgste ausgesprochen war, drängte alles andere um so schneller nach, er
sagte, ohne die geringste Lüge zu gebrauchen, Dinge, an die er gar nicht eigentlich
vorher gedacht hatte. »Ich möchte um alles gerne nach Hause. Ich werde gerne
wiederkommen, denn wo Sie, Herr Pollunder, sind, dort bin auch ich gerne. Nur heute
kann ich nicht hierbleiben. Sie wissen, der Onkel hat mir die Erlaubnis zu diesem
Besuch nicht gerne gegeben. Er hat sicher dafür seine guten Gründe gehabt, wie für
alles, was er tut, und ich habe es mir herausgenommen, gegen seine bessere Einsicht die
Erlaubnis förmlich zu erzwingen. Ich habe seine Liebe zu mir einfach mißbraucht. Was
für Bedenken er gegen diesen Besuch hatte, ist ja jetzt gleichgültig, ich weiß bloß ganz
bestimmt, daß nichts in diesem Bedenken war, was Sie, Herr Pollunder, kränken könnte,
der Sie der beste, der allerbeste Freund meines Onkels sind. Kein anderer kann sich in
der Freundschaft meines Onkels auch nur im entferntesten mit Ihnen vergleichen. Das
ist ja auch die einzige Entschuldigung für meine Unfolgsamkeit, aber keine genügende.
Sie haben vielleicht keinen genauen Einblick in das Verhältnis zwischen meinem Onkel
und mir, ich will daher nur von dem Einleuchtendsten sprechen. Solange meine
Englischstudien nicht abgeschlossen sind und ich mich im praktischen Handel nicht
genügend ungesehen habe, bin ich gänzlich auf die Güte meines Onkels angewiesen, die
ich allerdings als Blutsverwandter genießen darf. Sie dürfen nicht glauben, daß ich schon
jetzt irgendwie mein Brot anständig und vor allem anderen soll mich Gott bewahren
verdienen könnte. Dazu ist leider meine Erziehung zu unpraktisch gewesen. Ich habe
vier Klassen eines europäischen Gymnasiums als Durchschnittsschüler durchgemacht,
und das bedeutet für den Gelderwerb viel weniger als nichts, denn unsere Gymnasien
sind im Lehrplan sehr rückschrittlich. Sie würden lachen, wenn ich Ihnen erzählen
wollte, was ich gelernt habe. Wenn man weiter studiert, das Gymnasium zu Ende macht,
an die Universität geht, dann gleicht sich ja wahrscheinlich alles irgendwie aus, und man
hat zum Schluß eine geordnete Bildung, mit der sich etwas anfangen läßt und die einem
die Entschlossenheit zum Gelderwerb gibt. Ich aber bin aus diesem
zusammenhängenden Studium leider herausgerissen worden; manchmal glaube ich, ich
weiß gar nichts, und schließlich wäre auch alles, was ich wissen könnte, für Amerikaner
noch immer zu wenig. Jetzt werden in meiner Heimat neuestens hie und da
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Reformgymnasien eingerichtet, wo man auch moderne Sprachen und vielleicht auch
Handelswissenschaften lernt; als ich aus der Volksschule trat, gab es das noch nicht.
Mein Vater wollte mich zwar im Englischen unterrichten lassen, aber erstens konnte ich
damals nicht ahnen, welches Unglück über mich kommen wird und wie ich das
Englische brauchen werde, und zweitens mußte ich für das Gymnasium viel lernen, so
daß ich für andere Beschäftigungen nicht besonders viel Zeit hatte. Ich erwähne das
alles, um Ihnen zu zeigen, wie abhängig ich von meinem Onkel bin und wie verpflichtet
infolgedessen ich ihm gegenüber auch bin. Sie werden sicher zugeben, daß ich es mir bei
solchen Verhältnissen nicht erlauben darf, auch nur das geringste gegen seinen auch nur
geahnten Willen zu tun. Und darum muß ich, um den Fehler, den ich ihm gegenüber
begangen habe, nur halbwegs wiedergutzumachen, sofort nach Hause gehen.«
Während dieser langen Rede Karls hatte Herr Pollunder aufmerksam zugehört, öfters,
besonders wenn der Onkel erwähnt wurde, Karl, wenn auch unmerklich, an sich
gedrückt und einige Male ernst und wie erwartungsvoll zu Green hinübergesehen, der
sich weiterhin mit seiner Brieftasche beschäftigte. Karl aber war, je deutlicher ihm seine
Stellung zum Onkel im Laufe seiner Rede zu Bewußtsein kam, immer unruhiger
geworden, hatte sich unwillkürlich aus dem Arm Pollunders zu drängen gesucht. Alles
beengte ihn hier; der Weg zum Onkel durch die Glastüre, über die Treppe, durch die
Allee, über die Landstraßen, durch die Vorstädte zur großen Verkehrsstraße,
einmündend in des Onkels Haus, erschien ihm als etwas streng Zusammengehöriges, das
leer, glatt und für ihn vorbereitet dalag und mit einer starken Stimme nach ihm
verlangte. Herrn Pollunders Güte und Herrn Greens Abscheulichkeit verschwammen,
und er wollte aus diesem rauchigen Zimmer nichts anderes für sich haben als die
Erlaubnis zum Abschiednehmen. Zwar fühlte er sich gegen Herrn Pol under
abgeschlossen, gegen Herrn Green kampfbereit, und doch erfüllte ihn ringsherum eine
unbestimmte Furcht, deren Stöße seine Augen trübten.
Er trat einen Schritt zurück und stand nun gleich weit von Herrn Pollunder und von
Herrn Green entfernt.»Wollten Sie ihm nicht etwas sagen?« fragte Herr Pollunder Herrn
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Green und faßte wie bittend Herrn Greens Hand.
»Ich wüßte nicht, was ich ihm sagen sollte«, sagte Herr Green, der endlich einen Brief
aus seiner Tasche gezogen und vor sich auf den Tisch gelegt hatte.
»Es ist recht lobenswert, daß er zu seinem Onkel zurückkehren will, und nach
menschlicher Voraussicht sollte man glauben, daß er dem Onkel eine besondere Freude
damit machen wird. Es müßte denn sein, daß er durch seine Unfolgsamkeit den Onkel
schon allzu böse gemacht hat, was ja auch möglich ist. Dann allerdings wäre es besser, er
bliebe hier. Es ist eben schwer, etwas Bestimmtes zu sagen; wir sind zwar beide Freunde
des Onkels und es dürfte Mühe machen, zwischen meiner und Herrn Pol unders
Freundschaft Rangunterschiede zu erkennen, aber in das Innere des Onkels können wir
nicht hineinschauen, und ganz besonders nicht über die vielen Kilometer hinweg, die
uns hier von New York trennen«.
»Bitte, Herr Green«, sagte Karl und näherte sich mit Selbstüberwindung Herrn Green.
»Ich höre aus Ihren Worten heraus, daß Sie es auch für das beste halten, wenn ich gleich
zurückkehre.«
»Das habe ich durchaus nicht gesagt«, meinte Herr Green und vertiefte sich in das
Anschauen des Briefes, an dessen Rändern er mit zwei Fingern hin und her fuhr. Er
schien damit andeuten zu wollen, daß er von Herrn Pollunder gefragt worden sei, ihm
auch geantwortet habe, während er mit Karl eigentlich nichts zu tun habe.
Inzwischen war Herr Pollunder zu Karl getreten und hatte ihn sanft von Herrn Green
weg zu einem der großen Fenster gezogen. »Lieber Herr Roßmann«, sagte er, zu Karls
Ohr hinabgebeugt, und wischte zur Vorbereitung mit dem Taschentuch über sein
Gesicht und, bei der Nase innehaltend, schneuzte er sich, »Sie werden doch nicht
glauben, daß ich Sie gegen Ihren Willen hier zurückhalten will. Davon ist ja keine Rede.
Das Automobil kann ich Ihnen zwar nicht zur Verfügung stellen, denn es steht weit von
hier in einer öffentlichen Garage, da ich noch keine Zeit hatte, hier, wo alles erst im
Werden ist, eine eigene Garage einzurichten. Der Chauffeur wiederum schläft nicht hier
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im Haus, sondern in der Nähe der Garage, ich weiß wirklich selbst nicht, wo. Außerdem
ist es gar nicht seine Pflicht, jetzt zu Hause zu sein, seine Pflicht ist es nur, früh zur
rechten Zeit hier vorzufahren. Aber das alles wären keine Hindernisse für Ihre
augenblickliche Heimkehr, denn wenn Sie darauf bestehen, begleite ich Sie sofort zur
nächsten Station der Stadtbahn, die allerdings so weit entfernt ist, daß Sie nicht viel
früher zu Hause ankommen dürften, als wenn Sie früh wir fahren ja schon um sieben
Uhr mit mir in meinem Automobil fahren wollen.«
»Da möchte ich, Herr Pollunder, doch lieber mit der Stadtbahn fahren«, sagte Karl.
»An die Stadtbahn habe ich gar nicht gedacht. Sie sagen selbst, daß ich mit der Stadtbahn
früher ankomme, als früh mit dem Automobil.«
»Es ist aber ein ganz kleiner Unterschied.«
»Trotzdem, trotzdem, Herr Pollunder«, sagte Karl, »ich werde in Erinnerung an Ihre
Freundlichkeit immer gerne herkommen, vorausgesetzt natürlich, daß Sie mich nach
meinem heutigen Benehmen noch einladen wollen, und vielleicht werde ich es nächstens
besser ausdrücken können, warum heute jede Minute, um die ich meinen Onkel früher
sehe, für mich so wichtig ist.« Und, als hätte er bereits die Erlaubnis zum weggehen
erhalten, fügte er hinzu: »Aber keinesfalls dürfen Sie mich begleiten. Es ist auch ganz
unnötig. Draußen ist ein Diener, der mich gern zur Station begleiten wird. Jetzt muß ich
nur noch meinen Hut suchen.« Und bei den letzten Worten durchschritt er schon das
Zimmer, um noch in Eile einen letzten Versuch zu machen, ob sein Hut doch vielleicht
zu finden wäre.
»Könnte ich Ihnen nicht mit einer Mütze aushelfen?« sagte Herr Green und zog eine
Mütze aus der Tasche.
»Vielleicht paßt sie Ihnen zufällig.« Verblüfft blieb Karl stehen und sagte: »Ich werde
Ihnen doch nicht Ihre Mütze wegnehmen. Ich kann ja ganz gut mit unbedecktem Kopf
gehen. Ich brauche gar nichts«
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»Es ist nicht meine Mütze. Nehmen Sie nur!«
»Dann danke ich«, sagte Karl, um sich nicht aufzuhalten, und nahm die Mütze. Er zog
sie an und lachte zuerst, da sie ganz genau paßte, nahm sie wieder in die Hand und
betrachtete sie, konnte aber das Besondere, das er an ihr suchte, nicht finden; es war eine
vollkommen neue Mütze. »Sie paßt so gut!« sagte er.
»Also, sie paßt!« rief Herr Green und schlug auf den Tisch.
Karl ging schon zur Türe zu, um den Diener zu holen, da erhob sich Herr Green,
streckte sich nach dem reichlichen Mahl und der vielen Ruhe, klopfte stark gegen seine
Brust und sagte in einem Ton zwischen Rat und Befehl: »Ehe Sie weggehen, müssen Sie
von Fräulein Klara Abschied nehmen.«
»Das müssen Sie«, sagte auch Herr Pollunder, der ebenfalls aufgestanden war. Ihm hörte
man es an, daß die Worte nicht aus seinem Herzen kamen, schwach ließ er die Hände an
die Hosennaht schlagen und knöpfte immer wieder seinen Rock auf und zu, der nach
der augenblicklichen Mode ganz kurz war und kaum zu den Hüften ging, was so dicke
Leute wie Herrn Pollunder schlecht kleidete. Übrigens hatte man, wenn er so neben
Herrn Green stand, den deutlichen Eindruck, daß es bei Herrn Pollunder keine gesunde
Dicke war; der Rücken war in seiner ganzen Masse etwas gekrümmt, der Bauch sah
weich und unhaltbar aus, eine wahre Last, und das Gesicht erschien bleich und geplagt.
Dagegen stand hier Herr Green, vielleicht noch etwas dicker als Herr Pollunder, aber es
war eine zusammenhängende, sich gegenseitig tragende Dicke, die Füße waren
soldatisch zusammengeklappt, den Kopf trug er aufrecht und schaukelnd; er schien ein
großer Turner, ein Vorturner, zu sein.
»Gehen Sie also vorerst«, fuhr Herr Green fort, »zu Fräulein Klara. Das dürfte Ihnen
sicher Vergnügen machen und paßt auch sehr gut in meine Zeiteinteilung hinein. Ich
habe Ihnen nämlich tatsächlich, ehe Sie von hier fortgehen, etwas Interessantes zu sagen,
was wahrscheinlich auch für Ihre Rückkehr entscheidend sein kann. Nur bin ich leider
durch höheren Befehl gebunden, Ihnen vor Mitternacht nichts zu verraten. Sie können
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sich vorstellen, daß mir das selbst leid tut, denn es stört meine Nachtruhe, aber ich halte
mich an meinen Auftrag. Jetzt ist es viertel zwölf, ich kann also meine Geschäfte noch
mit Herrn Pollunder zu Ende besprechen, wobei Ihre Gegenwart nur stören würde, und
Sie können ein hübsches Weilchen mit Fräulein Klara verbringen. Punkt zwölf stellen
Sie sich dann hier ein, wo Sie das Nötige erfahren werden.«
Konnte Karl diese Forderung ablehnen, die von ihm wirklich nur das Geringste an
Höflichkeit und Dankbarkeit gegenüber Herrn Pollunder verlangte und die überdies ein
sonst unbeteiligter, roher Mann stellte, während Herr Pollunder, den es anging, sich mit
Worten und Blicken möglichst zurückhielt?. Und was war jenes Interessante, das er erst
um Mitternacht erfahren durfte? Wenn es seine Heimkehr nicht wenigstens um die
dreiviertel Stunde beschleunigte, um die sie jetzt verschob, interessierte es ihn wenig.
Aber sein größter Zweifel, ob er überhaupt zu Klara gehen konnte, die doch seine
Feindin war. Wenn er wenigstens das Schlageisen bei sich gehabt hätte, das ihm der
Onkel als Briefbeschwerer geschenkt hatte! Das Zimmer Klaras mochte ja eine recht
gefährliche Höhle sein. Aber nun war es ja ganz und gar unmöglich, hier gegen Klara das
Geringste zu sagen, da sie Pollunders Tochter und, wie er jetzt gehört hatte, gar Macks
Braut war. Sie hätte ja nur um eine Kleinigkeit anders sich zu ihm verhalten müssen, und
er hätte sie wegen ihrer Beziehungen offen bewundert. Noch überlegte er das alles, aber
schon merkte er, daß man keine Überlegungen von ihm verlangte, denn Green öffnete
die Tür und sagte dem Diener, der vom Postamente sprang: »Führen Sie diesen jungen
Mann zu Fräulein Klara«.
>So führt man Befehle aus Altersschwäche, auf einem besonders kurzen Weg zu Klaras Zimmer zog. Als Karl an
seinem Zimmer vorüberkam, dessen Tür noch immer offen stand, wollte er, vielleicht zu
seiner Beruhigung, für einen Augenblick eintreten. Der Diener ließ das aber nicht zu.
»Nein«, sagte er, »Sie müssen zu Fräulein Klara. Sie haben es ja selbst gehört.«
»Ich würde mich nur einen Augenblick drinnen aufhalten«, sagte Karl, und er dachte
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daran, sich zur Abwechslung ein wenig auf das Kanapee zu werfen, damit ihm die Zeit
rascher gegen Mitternacht vorrücke.
»Erschweren Sie mir die Ausführung meines Auftrages nicht«, sagte der Diener.
>Er scheint es für eine Strafe zu halten, daß ich zu Fräulein Klara gehen muß Karl und machte ein paar Schritte, blieb aber aus Trotz wieder stehen.
»Kommen Sie doch, junger Herr«, sagte der Diener, »wenn Sie nun schon einmal hier
sind. Ich weiß, Sie wollten noch in der Nacht weggehen, es geht eben nicht alles nach
Wunsch, ich habe es Ihnen ja gleich gesagt, daß es kaum möglich sein wird.«
»Ja, ich will weggehen und werde auch weggehen«, sagte Karl, »und will jetzt nur von
Fräulein Klara Abschied nehmen.«
»So?« sagte der Diener, und Karl sah ihm wohl an, daß er kein Wort davon glaubte.
»Warum zögern Sie also, Abschied zu nehmen; kommen Sie doch.«
»Wer ist auf dem Gang?« ertönte Klaras Stimme, und man sah sie aus einer nahen Tür
sich vorbeugen, eine große Tischlampe mit rotem Schirm in der Hand. Der Diener eilte
zu ihr hin und erstattete die Meldung. Karl ging ihm langsam nach.
»Sie kommen spät«, sagte Klara.
Ohne ihr vorläufig zu antworten, sagte Karl zum Diener leise, aber, da er seine Natur
schon kannte, im Ton strengen Befehls: »Sie warten auf mich knapp vor dieser Tür!«
»Ich wollte schon schlafen gehen«, sagte Klara und stellte die Lampe auf den Tisch. Wie
unten im Speisezimmer schloß auch hier wieder der Diener vorsichtig von außen die
Tür. »Es ist ja schon halb zwölf vorüber.«
»Halb zwölf vorüber?« wiederholte Karl fragend, wie erschrocken über diese Zahlen.
»Dann muß ich mich aber sofort Verabschieden«, sagte Karl, »denn Punkt zwölf muß
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ich schon unten im Speisesaal sein.«
»Was Sie für eilige Geschäfte haben«, sagte Klara und ordnete zerstreut die Falten ihres
losen Nachtkleides. Ihr Gesicht glühte und immerfort lächelte sie. Karl glaubte zu
erkennen, daß keine Gefahr bestand, mit Klara wieder in Streit zu geraten. »Könnten Sie
nicht doch noch ein wenig Klavier spielen, wie es mir gestern Papa und heute Sie selbst
versprochen haben?«
»Ist es nicht aber schon zu spät?« fragte Karl. Er hätte ihr gern gefällig sein wollen, denn
sie war ganz anders als vorher, so als wäre sie irgendwie aufgestiegen in die Kreise
Pollunders und weiterhin Macks.
»Ja, spät ist es schon«, sagte sie, und es schien ihr die Lust zur Musik schon vergangen zu
sein. »Dann widerhallt hier auch jeder Ton im ganzen Hause, ich bin überzeugt, wenn
Sie spielen, wacht noch oben in der Dachkammer die Dienerschaft auf.
»Dann lasse ich also das Spiel, ich hoffe ja bestimmt noch wiederzukommen; übrigens,
wenn es Ihnen keine besondere Mühe macht, besuchen Sie doch einmal meinen Onkel
und schauen Sie bei der Gelegenheit auch in mein Zimmer. Ich habe ein prachtvolles
Piano. Der Onkel hat es mir geschenkt. Dann spiele ich Ihnen, wenn es Ihnen recht ist,
alle meine Stückchen vor, es sind leider nicht viele, und sie passen auch gar nicht zu
einem so großen Instrument, auf dem nur Virtuosen sich hören lassen sollten. Aber
auch dieses Vergnügen werden Sie haben können, wenn Sie mich von Ihrem Besuch
vorher verständigen, denn der Onkel will nächstens einen berühmten Lehrer für mich
engagieren Sie können sich denken, wie ich mich darauf freue , und dessen Spiel wird
allerdings dafür stehen, mir während der Unterrichtsstunde einen Besuch zu machen.
Ich bin, wenn ich ehrlich sein soll, froh, daß es für das Spiel schon zu spät ist, denn ich
kann noch gar nichts, Sie würden staunen, wie wenig ich kann. Und nun erlauben Sie,
daß ich mich verabschiede, schließlich ist es ja doch schon Schlafenszeit.« Und weil ihn
Klara gütig ansah und ihm wegen der Rauferei gar nichts nachzutragen schien, fügte er
lächelnd hinzu, während er ihr die Hand reichte: »In meiner Heimat pflegt man zu sagen:
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>Schlafe wohl und träume süß. »Warten Sie«, sagte sie, ohne die Hand anzunehmen, »viel eicht sollten Sie doch spielen.«
Und sie verschwand durch eine kleine Seitentür, neben der das Piano stand.
>Was ist dennLange kann ich nicht warten, so lieb sie auch ist. an der Gangtüre, und der Diener, der die Türe nicht ganz zu öffnen wagte, flüsterte
durch einen kleinen Spalt: »Verzeihen Sie, ich wurde soeben abberufen und kann nicht
mehr warten.«
»Gehen Sie nur«, sagte Karl, der sich nun getraute, den Weg ins Speisezimmer allein zu
finden. »Lassen Sie mir nur die Laterne vor der Türe. Wie spät ist es übrigens?«
»Bald dreiviertel zwölf«, sagte der Diener.
»Wie langsam die Zeit vergeht«, sagte Karl. Der Diener wollte schon die Türe schließen,
da erinnerte sich Karl, daß er ihm noch kein Trinkgeld gegeben hatte, nahm einen
Schilling aus der Hosentasche er trug jetzt immer Münzengeld, nach amerikanischer
Sitte lose klingelnd, in der Hosentasche, Banknoten dagegen in der Westentasche und
reichte ihn dem Diener mit den Worten: »Für Ihre guten Dienste.«
Klara war schon wieder eingetreten, die Hände an ihrer festen Frisur, als es Karl einfiel,
daß er den Diener doch nicht hätte wegschicken sollen, denn wer würde ihn jetzt zur
Station der Stadtbahn führen? Nun, da würde wohl schon Herr Pollunder einen Diener
noch auftreiben können, vielleicht war übrigens dieser Diener ins Speisezimmer gerufen
worden und würde dann zur Verfügung stehen.
»Ich bitte Sie also doch, ein wenig zu spielen. Man hört hier so selten Musik, daß man
sich keine Gelegenheit, sie zu hören, entgehen lassen will.«
»Dann ist es aber höchste Zeit«, sagte Karl ohne weitere Überlegung und setzte sich
gleich zum Klavier.
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»Wollen Sie Noten haben?« fragte Klara.
»Danke, ich kann ja Noten nicht einmal vollkommen lesen«, antwortete Karl und spielte
schon. Es war ein kleines Lied, das, wie Karl wohl wußte, ziemlich langsam hätte gespielt
werden müssen, um, besonders für Fremde, auch nur verständlich zu sein, aber er
hudelte es in ärgstem Marschtempo hinunter. Nach der Beendigung fuhr die gestörte
Stille des Hauses wie in großem Gedränge wieder an ihren Platz. Man saß wie
benommen da und rührte sich nicht.
»Ganz schön«, sagte Klara, aber es gab keine Höflichkeitsformel, die Karl nach diesem
Spiel hätte schmeicheln können.
»Wie spät ist es?«, fragte er.
»Dreiviertel zwölf«
»Dann habe ich noch ein Weilchen Zeit«, sagte er und dachte bei sich: >Entweder oder.
Ich muß ja nicht alle zehn Lieder spielen, die ich kann, aber eines kann ich nach
Möglichkeit gut spielen. aufgestörte Verlangen des Zuhörers sich nach der nächsten Note streckte, die Karl
zurückhielt und nur schwer hergab. Er mußte ja tatsächlich bei jedem Lied die nötigen
Tasten mit den Augen erst zusammensuchen, aber außerdem fühlte er in sich ein Leid
entstehen, das, über das Ende des Liedes hinaus, ein anderes Ende suchte und es nicht
finden konnte. »Ich kann ja nichts«, sagte Karl nach Schluß des Liedes und sah Klara mit
Tränen in den Augen an.
Da ertönte aus dem Nebenzimmer lautes Händeklatschen. »Es hört noch jemand zu!«
rief Karl aufgerüttelt.
»Mack«, sagte Klara leise. Und schon hörte man Mack rufen: »Karl Roßmann, Karl
Roßmann!«
Karl schwang sich mit beiden Füßen zugleich über die Klavierbank und öffnete die Tür.
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Er sah dort Mack in einem großen Himmelbett halb liegend sitzen, die Bettdecke war
lose über die Beine geworfen. Der Baldachin aus blauer Seide war die einzige, ein wenig
mädchenhafte Pracht des sonst einfachen, aus schwerem Holz eckig gezimmerten
Bettes. Auf dem Nachttischchen brannte nur eine Kerze, aber die Bettwäsche und
Macks Hemd waren so weiß, daß das über sie fallende Kerzenlicht in fast blendendem
Widerschein von ihnen strahlte; auch der Baldachin leuchtete, wenigstens am Rande, mit
seiner leicht gewellten, nicht ganz fest gespannten Seide. Gleich hinter Mack versank
aber das Bett und alles in vollständigem Dunkel. Klara lehnte sich an den Bettpfosten
und hatte nur noch Augen für Mack.
»Servus«, sagte Mack und reichte Karl die Hand. »Sie spielen ja recht gut, bisher habe ich
bloß Ihre Reitkunst gekannt«.
»Ich kann das eine so schlecht wie das andere«, sagte Karl.»Wenn ich gewußt hätte, daß
Sie zuhören, hätte ich bestimmt nicht gespielt Aber Ihr Fräulein« er unterbrach sich, er
zögerte »Braut« zu sagen, da Mack und Klara offenbar schon miteinander schliefen.
»Ich ahnte es ja«, sagte Mack, »darum mußte sie Klara aus New York hierherlocken,
sonst hätte ich Ihr Spiel gar nicht zu hören bekommen. Es ist ja reichlich anfängerhaft,
und selbst in diesen Liedern, die Sie doch eingeübt hatten und die sehr primitiv gesetzt
sind, haben Sie einige Fehler gemacht, aber immerhin hat es mich sehr gefreut, ganz
abgesehen davon, daß ich das Spiel keines Menschen verachte. Wollen Sie sich aber
nicht setzen und noch ein Weilchen bei uns bleiben? Klara, gib ihm doch einen Sessel.«
»Ich danke«, sagte Karl stockend. »Ich kann nicht bleiben, so gern ich hierbliebe. Zu spät
erfahre ich, daß es so wohnliche Zimmer in diesem Hause gibt.«
»Ich baue alles in dieser Art um«, sagte Mack.
In diesem Augenblick erklangen zwölf Glockenschläge, rasch hintereinander, einer in
den Lärm des anderen dreinschlagend. Karl fühlte das Wehen der großen Bewegung
dieser Glocken an den Wangen. Was war das für ein Dorf, das solche Glocken hatte!
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»Höchste Zeit«, sagte Karl, streckte Mack und Klara nur die Hände hin, ohne sie zu
fassen, und lief auf den Gang hinaus. Dort fand er die Laterne nicht und bedauerte, dem
Diener zu bald das Trinkgeld gegeben zu haben.
Er wollte sich an der Wand zu der offenen Tür seines Zimmers hintasten, war aber
kaum in der Hälfte des Weges, als er Herrn Green mit erhobener Kerze eilig
heranschwanken sah. In der Hand, in der er auch die Kerze hielt, trug er einen Brief.
»Roßmann, warum kommen Sie denn nicht? Warum lassen Sie mich warten? Was haben
Sie denn bei Fräulein Klara getrieben?«
>Viele Fragen!und jetzt drückt er mich noch an die Wand tatsächlich stand er dicht vor Karl, der mit dem Rücken an der Wand lehnte. Green
nahm in diesem Gang eine schon lächerliche Größe an, und Karl stellte sich zum Spaß
die Frage, ob er nicht etwa den guten Herrn Pol under aufgefressen habe.
»Sie sind tatsächlich kein Mann von Wort. Versprechen, um zwölf hinunterzukommen
und umschleichen statt dessen die Türe Fräulein Klaras. Ich dagegen habe Ihnen für
Mitternacht etwas Interessantes versprochen und bin damit schon da.« Und damit
reichte er Karl den Brief.
Auf dem Umschlag stand »An Karl Roßmann, um Mitternacht persönlich abzugeben,
wo immer er angetroffen wird«.
»Schließlich«, sagte Herr Green, während Karl den Brief öffnete, »ist es, glaube ich,
schon anerkennenswert, daß ich Ihretwegen aus New York hierhergefahren bin, so daß
Sie mich durchaus nicht noch auf den Gängen Ihnen nachlaufen lassen müßten.«
»Vom Onkel!« sagte Karl, kaum daß er in den Brief hineingeschaut hatte.
»Ich habe es erwartet«, sagte er zu Herrn Green gewendet.
»Ob Sie es erwartet haben oder nicht, ist mir kolossal gleichgültig. Lesen Sie nur schon«,
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sagte dieser und hielt Karl die Kerze hin.
Karl las bei ihrem Licht:
»Geliebter Neffe! Wie Du während unseres leider viel zu kurzen Zusammenlebens schon
erkannt haben wirst, bin ich durchaus ein Mann von Prinzipien. Das ist nicht nur für
meine Umgebung, sondern auch für mich sehr unangenehm und traurig, aber ich
verdanke meinen Prinzipien alles, was ich bin, und niemand darf verlangen, daß ich mich
vom Erdboden wegleugne, niemand, auch Du nicht, mein geliebter Neffe, wenn auch
Du gerade der erste in der Reihe wärest, wenn es mir einmal einfallen sollte, jenen
allgemeinen Angriff gegen mich zuzulassen. Dann würde ich am liebsten gerade Dich
mit diesen beiden Händen, mit denen ich das Papier halte und beschreibe, auffangen
und hochheben. Da aber vorläufig gar nichts darauf hindeutet, daß dies einmal
geschehen könnte, muß ich Dich nach dem heutigen Vorfall unbedingt von mir
fortschicken und ich bitte Dich dringend, mich weder selbst aufzusuchen, noch brieflich
oder durch Zwischenträger Verkehr mit mir zu suchen. Du hast Dich gegen meinen
Willen dafür entschieden, heute abend von mir fortzugehen, dann bleibe aber auch bei
diesem Entschluß Dein Leben lang, nur dann war es ein männlicher Entschluß. Ich
erwählte zum Überbringer dieser Nachricht Herrn Green, meinen besten Freund, der
sicherlich für Dich schonende Worte genug finden wird, die mir im Augenblick
tatsächlich nicht zur Verfügung stehen. Er ist ein einflußreicher Mann und wird Dich,
schon mir zuliebe, in Deinen ersten selbständigen Schritten mit Rat und Tat
unterstützen. Um unsere Trennung zu begreifen, die mir jetzt am Schlusse dieses Briefes
wieder unfaßlich scheint, muß ich mir immer wieder neuerlich sagen: Von Deiner
Familie, Karl, kommt nichts Gutes. Sollte Herr Green vergessen, Dir Deinen Koffer und
Deinen Regenschirm auszuhändigen, so erinnere ihn daran. Mit besten Wünschen für
Dein weiteres Wohlergehen
Dein treuer Onkel Jakob.«
»Sind Sie fertig?« fragte Green.
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»Ja«, sagte Karl.
»Haben Sie mir den Koffer und den Regenschirm mitgebracht?« fragte Karl.
»Hier ist er«, sagte Green und stellte Karls alten Reisekoffer, den er bisher mit der linken
Hand hinter den Rücken versteckt hatte, neben Karl auf den Boden.
»Und den Regenschirm?«, fragte Karl weiter.
»Alles hier«, sagte Green und zog auch den Regenschirm hervor, den er in einer
Hosentasche hängen hatte. »Die Sachen hat ein gewisser Schubal, ein Obermaschinist
der >Hamburg-Amerika-Linie haben. Sie können ihm bei Gelegenheit danken.«
»Nun habe ich wenigstens meine alten Sachen wieder«, sagte Karl und legte den Schirm
auf den Koffer.
»Sie sollen aber in Zukunft besser auf sie achtgeben, läßt Ihnen der Herr Senator sagen«,
bemerkte Herr Green und fragte dann, offenbar aus privater Neugierde: »Was ist das
eigentlich für ein merkwürdiger Koffer?«
»Es ist ein Koffer, mit dem die Soldaten in meiner Heimat zum Militär einrücken«,
antwortete Karl, »es ist der alte Militärkoffer meines Vater. Er ist sonst ganz praktisch«,
fügte er lächelnd hinzu, »vorausgesetzt, daß man ihn nicht irgendwo stehen läßt.«
»Schließlich sind Sie ja belehrt genug«, sagte Herr Green, »und einen zweiten Onkel
haben Sie in Amerika wohl nicht. Hier gebe ich Ihnen noch eine Karte dritter Klasse
nach San Franzisko. Ich habe diese Reise für Sie beschlossen, weil erstens die
Erwerbsmöglichkeiten im Osten für Sie viel besser sind und weil zweitens hier in al en
Dingen, die für Sie in Betracht kommen könnten, Ihr Onkel seine Hände im Spiele hat
und ein Zusammentreffen unbedingt vermieden werden muß. In Frisko können Sie ganz
ungestört arbeiten; fangen Sie nur ruhig ganz unten an und versuchen Sie, sich
allmählich hinaufzuarbeiten.«
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Karl konnte keine Bosheit aus diesen Worten heraushören, die schlimme Nachricht,
welche den ganzen Abend in Green gesteckt hatte, war überbracht, und von nun an
schien Green ein ungefährlicher Mann, mit dem man vielleicht offener reden konnte als
mit jedem anderen. Der beste Mensch, der ohne eigene Schuld zum Boten einer so
geheimen und quälenden Entschließung auserwählt wird, muß, solange er sie bei sich
behält, verdächtig scheinen. »Ich werde«, sagte Karl, die Bestätigung eines erfahrenen
Mannes erwartend, »dieses Haus sofort verlassen, denn ich bin nur als Neffe meines
Onkels aufgenommen, während ich als Fremder hier nichts zu suchen habe. Würden Sie
so liebenswürdig sein, mir den Ausgang zu zeigen und mich dann auf den Weg zu
führen, auf dem ich zur nächsten Gastwirtschaft komme?«
»Aber rasch«, sagte Green. »Sie machen mir nicht wenig Scherereien.«
Beim Anblick des großen Schrittes, den Green gleich gemacht hatte, stockte Karl, das
war doch eine verdächtige Eile, und er faßte Green unten beim Rock und sagte in einem
plötzlichen Erkennen des wahren Sachverhaltes: »Eines müssen Sie mir noch erklären:
auf dem Umschlag des Briefes, den Sie mir zu übergeben hatten, steht bloß, daß ich ihn
um Mitternacht erhalten soll, wo immer ich angetroffen werde. Warum haben Sie mich
also mit Berufung auf diesen Brief hier zurückgehalten, als ich um viertel zwölf von hier
fort wollte? Sie gingen dabei über Ihren Auftrag hinaus.«
Green leitete seine Antwort mit einer Handbewegung ein, welche das Unnütze von
Karls Bemerkung übertrieben darstellte, und sagte dann: »Steht vielleicht auf dem
Umschlag, daß ich mich Ihretwegen zu Tode hetzen soll, und läßt viel eicht der Inhalt
des Briefes darauf schließen, daß die Aufschrift so aufzufassen ist? Hätte ich Sie nicht
zurückgehalten, hätte ich Ihnen den Brief eben um Mitternacht auf der Landstraße
übergeben müssen.«
»Nein«, sagte Karl unbeirrt, »es ist nicht ganz so. Auf dem Umschlag steht: >Zu
übergeben nach Mitternacht. nicht folgen können, oder ich wäre, was allerdings selbst Herr Pollunder geleugnet hat,
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schon um Mitternacht bei meinem Onkel angekommen, oder es wäre schließlich Ihre
Pflicht gewesen, mich in Ihrem Automobil, von dem plötzlich nicht mehr die Rede war,
zu meinem Onkel zurückzubringen, da ich so danach verlangte, zurückzukehren. Besagt
nicht die Überschrift ganz deutlich, daß die Mitternacht für mich noch der letzte Termin
sein soll? Und Sie sind es, der die Schuld trägt, daß ich ihn versäumt habe.«
Karl sah Green mit scharfen Augen an und erkannte wohl, wie in Green die
Beschämung über diese Entlarvung mit der Freude über das Gelingen seiner Absicht
kämpfte. Endlich nahm er sich zusammen und sagte in einem Tone, als wäre er Karl, der
doch schon lange schwieg, mitten in die Rede gefallen: »Kein Wort weiter!« und schob
ihn, der Koffer und Schirm wieder aufgenommen hatte, durch eine kleine Tür, die er vor
ihm aufstieß, hinaus.
Karl stand erstaunt im Freien. Eine an das Haus angebaute Treppe ohne Geländer
führte vor ihm hinab. Er mußte nur hinuntergehen und dann sich ein wenig rechts zur
Al ee wenden, die auf die Landstraße führte. In dem hellen Mondschein konnte man
sich gar nicht verirren. Unten im Garten hörte er das vielfache Bellen von Hunden, die,
losgelassen, ringsherum im Dunkel der Bäume liefen. Man hörte in der sonstigen Stille
ganz genau, wie sie nach ihren großen Sprüngen ins Gras schlugen.
Ohne von diesen Hunden belästigt zu werden, kam Karl glücklich aus dem Garten. Er
konnte nicht mit Bestimmtheit feststellen, in welcher Richtung New York lag. Er hatte
bei der Herfahrt zu wenig auf die Einzelheiten geachtet, die ihm jetzt hätten nützlich
sein können. Schließlich sagte er sich, daß er ja nicht unbedingt nach New York müsse,
wo ihn niemand erwarte und einer sogar mit Bestimmtheit nicht erwarte. Er wählte also
eine beliebige Richtung und machte sich auf den Weg.
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Weg nach Ramses
In dem kleinen Wirtshaus, in das Karl nach kurzem Marsch kam, und das eigentlich nur
eine kleine letzte Station des New Yorker Fuhrwerkverkehrs bildete und deshalb kaum
für Nachtlager benützt zu werden pflegte, verlangte Karl die billigste Bettstelle, die zu
haben war, denn er glaubte, mit dem Sparen sofort anfangen zu müssen. Er wurde,
seiner Forderung entsprechend, vom Wirt mit einem Wink, als sei er ein Angestellter, die
Treppe hinaufgewiesen, wo ihn ein zerrauftes, altes Frauenzimmer, ärgerlich über den
gestörten Schlaf, empfing und, fast ohne ihn anzuhören, mit ununterbrochenen
Ermahnungen, leise aufzutreten, in ein Zimmer führte, dessen Tür sie, nicht ohne ihn
vorher mit einem Pst! angehaucht zu haben, schloß.
Karl wußte zuerst nicht recht, ob die Fenstervorhänge bloß herabgelassen waren oder ob
vielleicht das Zimmer überhaupt keine Fenster habe, so finster war es; schließlich
bemerkte er eine kleine, verhängte Luke, deren Tuch er wegzog, wodurch einiges Licht
hereinkam. Das Zimmer hatte zwei Betten, die aber beide schon besetzt waren. Karl sah
dort zwei junge Leute, die in schwerem Schlafe lagen und vor allem deshalb wenig
vertrauenswürdig erschienen, weil sie, ohne verständlichen Grund, angezogen schliefen;
der eine hatte sogar seine Stiefel an.
In dem Augenblick, als Karl die Luke freigelegt hatte, hob einer der Schläfer die Arme
und Beine ein wenig in die Höhe, was einen derartigen Anblick bot, daß Karl trotz
seinen Sorgen in sich hineinlachte.
Er sah bald ein, daß er, abgesehen davon, daß auch keine andere Schlafgelegenheit,
weder Kanapee noch Sofa, vorhanden war, zu keinem Schlafe werde kommen können,
denn er durfte seinen erst wiedergewonnenen Koffer und das Geld, das er bei sich trug,
keiner Gefahr aussetzen. Weggehen aber wollte er auch nicht, denn er getraute sich
nicht, an der Zimmerfrau und dem Wirt vorüber das Haus gleich wieder zu verlassen.
Schließlich war es ja hier doch vielleicht nicht unsicherer als auf der Landstraße.
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Auffallend war freilich, daß im ganzen Zimmer, soweit sich das bei dem halben Licht
feststellen ließ, kein einziges Gepäckstück zu entdecken war. Aber vielleicht und
höchstwahrscheinlich waren die zwei jungen Leute die Hausdiener, die der Gäste wegen
bald aufstehen mußten und deshalb angezogen schliefen. Dann war es allerdings nicht
besonders ehrenvoll, mit ihnen zu schlafen, aber desto ungefährlicher. Nur durfte er sich
aber, solange das nicht außer jedem Zweifel stand, auf keinen Fall zum Schlafe
niederlegen.
Unter dem Bett stand eine Kerze mit Zündhölzchen, die sich Karl mit schleichenden
Schritten holte. Er hatte kein Bedenken, Licht zu machen, denn das Zimmer gehörte
nach Auftrag des Wirtes ihm ebensogut wie den beiden anderen, die überdies den Schlaf
der halben Nacht schon genossen hatten und durch den Besitz der Betten ihm
gegenüber in unvergleichlichem Vorteil waren. Im übrigen gab er sich natürlich durch
Vorsicht beim Herumgehen und Hantieren alle Mühe, sie nicht zu wecken.
Zunächst wollte er seinen Koffer untersuchen, um einmal einen Überblick über seine
Sachen zu bekommen, an die er sich schon nur undeutlich erinnerte und von denen
sicher das Wertvollste schon verlorengegangen sein dürfte. Denn wenn der Schubal
seine Hand auf etwas legt, dann ist wenig Hoffnung, daß man es unbeschädigt
zurückbekommt. Allerdings hatte er vom Onkel ein großes Trinkgeld erwarten können,
während er aber andererseits wieder beim Fehlen einzelner Objekte auf den eigentlichen
Kofferwächter, den Herrn Butterbaum, sich hatte ausreden können.
Über den ersten Anblick beim Öffnen des Koffers war Karl entsetzt. Wie viele Stunden
hatte er während der Überfahrt darauf verwendet, den Koffer zu ordnen und wieder neu
zu ordnen, und jetzt war alles so wild durcheinander hineingestopft, daß der Deckel
beim Öffnen des Schlosses von selbst in die Höhe sprang.
Bald aber erkannte Karl zu seiner Freude, daß die Unordnung nur darin ihren Grund
hatte, daß man seinen Anzug, den er während der Fahrt getragen hatte und für den der
Koffer natürlich nicht mehr berechnet gewesen war, nachträglich mit eingepackt hatte.
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Nicht das Geringste fehlte. In der Geheimtasche des Rockes befand sich nicht nur der
Paß, sondern auch das von zu Hause mitgenommene Geld, so daß Karl, wenn er jenes,
das er bei sich hatte, dazu legte, mit Geld für den Augenblick reichlich versehen war.
Auch die Wäsche, die er bei seiner Ankunft auf dem Leib getragen hatte, fand sich vor,
rein gewaschen und gebügelt. Er legte auch sofort Uhr und Geld in die bewährte
Geheimtasche. Das einzig Bedauerliche war, daß die Veroneser Salami, die auch nicht
fehlte, allen Sachen ihren Geruch mitgeteilt hatte. Wenn sich das nicht durch irgendein
Mittel beseitigen ließ, hatte Karl die Aussicht, monatelang in diesen Geruch eingehüllt
herumzugehen.
Beim Hervorsuchen einiger Gegenstände, die zuunterst lagen es waren dies eine
Taschenbibel, Briefpapier und die Photographien der Eltern , fiel ihm die Mütze vom
Kopf und in den Koffer. In ihrer alten Umgebung erkannte er sie sofort, es war seine
Mütze, die Mütze, die ihm die Mutter als Reisemütze mitgegeben hatte. Er hatte jedoch
aus Vorsicht diese Mütze auf dem Schiff nicht getragen, da er wußte, daß man in
Amerika allgemein Mützen statt Hüte trägt, weshalb er die seine nicht schon vor der
Ankunft hatte abnützen wollen. Nun hatte sie allerdings Herr Green dazu benützt, um
sich auf Karls Kosten zu belustigen. Ob ihm vielleicht auch dazu der Onkel den Auftrag
gegeben hatte? Und in einer unabsichtlichen, wütenden Bewegung faßte er den
Kofferdeckel, der laut zuklappte.
Nun war keine Hilfe mehr, die beiden Schläfer waren geweckt. Zuerst streckte sich und
gähnte der eine, ihm folgte gleich der andere. Dabei war fast der ganze Kofferinhalt auf
dem Tisch ausgeschüttet; wenn es Diebe waren, brauchten sie nur heranzutreten und
auszuwählen. Nicht nur um dieser Möglichkeit vorzukommen, sondern um auch sonst
gleich Klarheit zu schaffen, ging Karl mit der Kerze in der Hand zu den Betten und
erklärte, mit welchem Rechte er hier sei. Sie schienen diese Erklärung gar nicht erwartet
zu haben, denn, noch viel zu verschlafen, um reden zu können, sahen sie ihn bloß ohne
jedes Erstaunen an. Sie waren beide sehr junge Leute, aber schwere Arbeit oder Not
hatten ihnen vorzeitig die Knochen aus den Gesichtern vorgetrieben, unordentliche
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Bärte hingen ihnen ums Kinn, ihr schon lange nicht geschnittenes Haar lag ihnen
zerfahren auf dem Kopf, und ihre tiefliegenden Augen rieben und drückten sie nun noch
vor Verschlafenheit mit den Fingerknöcheln.
Karl wollte ihren augenblicklichen Schwächezustand ausnützen und sagte deshalb: »Ich
heiße Karl Roßmann und bin ein Deutscher. Bitte, sagen Sie mir, da wir doch ein
gemeinsames Zimmer haben, auch Ihren Namen und Ihre Nationalität. Ich erkläre nur
noch gleich, daß ich keinen Anspruch auf ein Bett habe, da ich so spät gekommen bin
und überhaupt nicht die Absicht habe, zu schlafen. Außerdem müssen Sie sich nicht an
meinem schönen Kleid stoßen, ich bin vollständig arm und ohne Aussichten.«
Der Kleinere von beiden es war jener, der die Stiefel anhatte deutete mit Armen,
Beinen und Mienen an, daß ihn das alles gar nicht interessiere und daß jetzt überhaupt
keine Zeit für derartige Redensarten sei, legte sich nieder und schlief sofort; der andere,
ein dunkelhäutiger Mann, legte sich auch wieder nieder, sagte aber noch vor dem
Einschlafen mit lässig ausgestreckter Hand: »Der da heißt Robinson und ist Irländer, ich
heiße Delamarche, bin Franzose und bitte jetzt um Ruhe.« Kaum hatte er das gesagt,
blies er mit großem Atemaufwand Karls Kerze aus und fiel auf das Kissen zurück.
>Diese Gefahr ist also vorläufig abgewehrt Wenn ihre Schläfrigkeit nicht Vorwand war, war ja alles gut. Unangenehm war bloß, daß
der eine Irländer war. Karl wußte nicht mehr genau, in welchem Buch er einmal zu
Hause gelesen hatte, daß man sich in Amerika vor den Irländern hüten solle. Während
seines Aufenthaltes beim Onkel hätte er freilich die beste Gelegenheit gehabt, der Frage
nach der Gefährlichkeit der Irländer auf den Grund zu gehen, hatte dies aber, weil er
sich für immer gut aufgehoben geglaubt hatte, völlig versäumt. Nun wollte er wenigstens
mit der Kerze, die er wieder angezündet hatte, diesen Irländer genauer ansehen, wobei er
fand, daß gerade dieser erträglicher aussah als der Franzose. Er hatte sogar noch eine
Spur von runden Wangen und lächelte im Schlaf ganz freundlich, soweit das Karl aus
einiger Entfernung, auf den Fußspitzen stehend, feststellen konnte.
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Trotz allem fest entschlossen, nicht zu schlafen, setzte sich Karl auf den einzigen Stuhl
des Zimmers, verschob vorläufig das Packen des Koffers, da er ja dafür die ganze Nacht
noch verwenden konnte, und blätterte ein wenig in der Bibel, ohne etwas zu lesen. Dann
nahm er die Photographie der Eltern zur Hand, auf welcher der kleine Vater hoch
aufgerichtet stand, während die Mutter in dem Fauteuil vor ihm, ein wenig eingesunken,
dasaß. Die eine Hand hielt der Vater auf der Rückenlehne des Fauteuils, die andere, zur
Faust geballt, auf einem illustrierten Buch, das aufgeschlagen auf einem schwachen
Schmucktischchen ihm zur Seite lag. Es gab auch eine andere Photographie, auf welcher
Karl mit seinen Eltern abgebildet war. Vater und Mutter sahen ihn dort scharf an,
während er nach dem Auftrag des Photographen den Apparat hatte anschauen müssen.
Diese Photographie hatte er aber auf die Reise nicht mitbekommen.
Desto genauer sah er die vor ihm liegende an und suchte von verschiedenen Seiten den
Blick des Vaters aufzufangen. Aber der Vater wollte, wie er auch den Anblick durch
verschiedene Kerzenstellungen änderte, nicht lebendig werden, sein waagrechter, starker
Schnurrbart sah der Wirklichkeit auch gar nicht ähnlich, es war keine gute Aufnahme.
Die Mutter dagegen war schon besser abgebildet, ihr Mund war so verzogen, als sei ihr
ein Leid angetan worden und als zwinge sie sich zu lächeln. Karl schien es, als müsse
dies jedem, der das Bild ansah, so sehr auffallen, daß es ihm im nächsten Augenblick
wieder schien, die Deutlichkeit dieses Eindrucks sei zu stark und fast widersinnig. Wie
könne man von einem Bild so sehr die unumstößliche Überzeugung eines verborgenen
Gefühls des Abgebildeten erhalten! Und er sah vom Bild ein Weilchen lang weg. Als er
mit den Blicken wieder zurückkehrte, fiel ihm die Hand der Mutter auf, die ganz vorne
an der Lehne des Fauteuils herabhing, zum Küssen nahe. Er dachte, ob es nicht
vielleicht doch gut wäre, den Eltern zu schreiben, wie sie es ja tatsächlich beide (und der
Vater zuletzt sehr streng in Hamburg) von ihm verlangt hatten. Er hatte sich freilich
damals, als ihm die Mutter am Fenster an einem schrecklichen Abend die Amerikareise
angekündigt hatte, unabänderlich zugeschworen, niemals zu schreiben, aber was galt ein
solcher Schwur eines unerfahrenen Jungen hier in den neuen Verhältnissen! Ebensogut
hätte er damals schwören können, daß er nach zwei Monaten amerikanischen
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Aufenthalts General der amerikanischen Miliz sein werde, während er tatsächlich in einer
Dachkammer mit zwei Lumpen beisammen war, in einem Wirtshaus vor New York, und
außerdem zugeben mußte, daß er hier wirklich an seinem Platze war. Und lächelnd
prüfte er die Gesichter der Eltern, als könne man aus ihnen erkennen, ob sie noch
immer das Verlangen hatten, eine Nachricht von ihrem Sohn zu bekommen.
In diesem Anschauen merkte er bald, daß er doch sehr müde war und kaum die Nacht
werde durchwachen können. Das Bild entfiel seinen Händen, dann legte er das Gesicht
auf das Bild, dessen Kühle seiner Wange wohltat, und mit einem angenehmen Gefühle
schlief er ein.
Geweckt wurde er früh durch das Kitzeln unter der Achsel. Es war der Franzose, der
sich diese Zudringlichkeit erlaubte. Aber auch der Irländer stand schon vor Karls Tisch
und beide sahen ihn mit keinem geringeren Interesse an, als es Karl in der Nacht ihnen
gegenüber getan hatte. Karl wunderte sich nicht darüber, daß ihn ihr Aufstehen nicht
schon geweckt hatte; sie mußten durchaus nicht aus böser Absicht besonders leise
aufgetreten sein, denn er hatte tief geschlafen und außerdem hatte ihnen das Anziehen
und offenbar auch das Waschen nicht viel Arbeit gemacht.
Nun begrüßten sie einander ordentlich und mit einer gewissen Förmlichkeit, und Karl
erfuhr, daß die beiden Maschinenschlosser waren, die in New York schon lange Zeit
keine Arbeit hatten bekommen können und infolgedessen ziemlich heruntergekommen
waren. Robinson öffnete zum Beweise dessen seinen Rock, und man konnte sehen, daß
kein Hemd da war, was man allerdings auch schon an dem lose sitzenden Kragen hätte
erkennen können, der hinten am Rock befestigt war. Sie hatten die Absicht, in das zwei
Tagereisen von New York entfernte Städtchen Butterford zu marschieren, wo angeblich
Arbeitsstellen frei waren. Sie hatten nichts dagegen, daß Karl mitkomme, und
versprachen ihm erstens, zeitweilig seinen Koffer zu tragen, und zweitens, falls sie selbst
Arbeit bekommen sollten, ihm eine Lehrlingsstelle zu verschaffen, was, wenn nur
überhaupt Arbeit vorhanden sei, eine Leichtigkeit wäre. Karl hatte noch kaum
zugestimmt, als sie ihm schon freundschaftlich den Rat gaben, das schöne Kleid
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auszuziehen, da es ihm bei jeder Bewerbung um eine Stelle hinderlich sein werde.
Gerade in diesem Hause sei eine gute Gelegenheit, das Kleid los zu werden, denn die
Zimmerfrau betreibe einen Kleiderhandel. Sie halfen Karl, der auch rücksichtlich des
Kleides noch nicht ganz entschlossen war, aus dem Kleid heraus und trugen es davon.
Als Karl, allein gelassen und ein wenig schlaftrunken, sein altes Reisekleid noch langsam
anzog, machte er sich Vorwürfe, das Kleid verkauft zu haben, das ihm vielleicht bei der
Bewerbung um eine Lehrlingsstelle schaden, bei der um einen besseren Posten aber nur
nützen konnte, und er öffnete die Tür, um die beiden zurückzurufen, stieß aber schon
mit ihnen zusammen, die einen halben Dollar als Erlös auf den Tisch legten, dabei aber
so fröhliche Gesichter machten, daß man sich unmöglich dazu überreden konnte, sie
hätten bei dem Verkauf nicht auch ihren Verdienst gehabt, und zwar einen ärgerlich
großen.
Es war übrigens keine Zeit, sich darüber auszusprechen, denn die Zimmerfrau kam
herein, genau so verschlafen wie in der Nacht, und trieb alle drei auf den Gang hinaus,
mit der Erklärung, daß das Zimmer für neue Gäste hergerichtet werden müsse. Davon
war aber natürlich keine Rede, sie handelte nur aus Bosheit. Karl, der seinen Koffer
gerade hatte ordnen wollen, mußte zusehen, wie die Frau seine Sachen mit beiden
Händen packte und mit einer Kraft in den Koffer warf, als seien es irgendwelche Tiere,
die man zum Kuschen bringen mußte. Die beiden Schlosser machten sich zwar um sie
zu schaffen, zupften sie an ihrem Rock, beklopften ihren Rücken, aber wenn sie die
Absicht hatten, Karl damit zu helfen, so war das ganz verfehlt. Als die Frau den Koffer
zugeklappt hatte, drückte sie Karl den Halter in die Hand, schüttelte die Schlosser ab
und jagte alle drei mit der Drohung aus dem Zimmer, daß sie, wenn sie nicht folgten,
keinen Kaffee bekommen würden. Die Frau mußte offenbar gänzlich vergessen haben,
daß Karl nicht von allem Anfang an zu den Schlossern gehört hatte, denn sie behandelte
sie als eine einzige Bande. Allerdings hatten die Schlosser Karls Kleid ihr verkauft und
damit eine gewisse Gemeinsamkeit erwiesen.
Auf dem Gange mußten sie lange hin und her gehen, und besonders der Franzose, der
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sich in Karl eingehängt hatte, schimpfte ununterbrochen, drohte, den Wirt, wenn er sich
vorwagen sollte, niederzuboxen, und es schien eine Vorbereitung dazu zu sein, daß er
die geballten Fäuste rasend aneinander rieb. Endlich kam ein unschuldiger kleiner Junge,
der sich strecken mußte, als er dem Franzosen die Kaffeekanne reichte. Leider war nur
eine Kanne vorhanden, und man konnte dem Jungen nicht begreiflich machen, daß
noch Gläser erwünscht wären. So konnte immer nur einer trinken und die beiden
anderen standen vor ihm und warteten. Karl hatte keine Lust zu trinken, wollte aber die
anderen nicht kränken und stand also, wenn er an der Reihe war, untätig da, die Kanne
an den Lippen.
Zum Abschied warf der Irländer die Kanne auf die steinernen Fliesen hin. Sie verließen,
von niemandem gesehen, das Haus und traten in den dichten, gelblichen Morgennebel.
Sie marschierten im allgemeinen still nebeneinander am Rande der Straße, Karl mußte
seinen Koffer tragen, die anderen würden ihn wahrscheinlich erst auf seine Bitte
ablösen; hie und da schoß ein Automobil aus dem Nebel, und die drei drehten ihre
Köpfe nach den meist riesenhaften Wagen, die so auffällig in ihrem Bau und so kurz in
ihrer Erscheinung waren, daß man nicht Zeit hatte, auch nur das Vorhandensein von
Insassen zu bemerken. Später begannen die Kolonnen von Fuhrwerken, welche
Lebensmittel nach New York brachten, und die in fünf, die ganze Breite der Straße
einnehmenden Reihen so ununterbrochen dahinzogen, daß niemand die Straße hätte
überqueren können. Von Zeit zu Zeit verbreiterte sich die Straße zu einem Platz, in
dessen Mitte auf einer turmartigen Erhöhung ein Polizist auf und ab schritt, um alles
übersehen und mit einem Stöckchen den Verkehr auf der Hauptstraße sowie den von
den Seitenstraßen hier einmündenden Verkehr ordnen zu können, der dann bis zum
nächsten Platze und zum nächsten Polizisten unbeaufsichtigt blieb, aber von den
schweigenden und aufmerksamen Kutschern und Chauffeuren freiwillig in genügender
Ordnung gehalten wurde. Über die allgemeine Ruhe staunte Karl am meisten. Wäre
nicht das Geschrei der sorglosen Schlachttiere gewesen, man hätte vielleicht nichts
gehört als das Klappern der Hufe und das Sausen der Antiderapants. Dabei war die
Fahrtschnelligkeit natürlich nicht immer die gleiche. Wenn auf einzelnen Plätzen infolge
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allzu großen Andrangs von den Seiten große Umstellungen vorgenommen werden
mußten, stockten die ganzen Reihen und fuhren nur Schritt für Schritt, dann aber kam
es auch wieder vor, daß für ein Weilchen alles blitzschnell vorbeijagte, bis es, wie von
einer einzigen Bremse regiert, sich wieder besänftigte. Dabei stieg von der Straße nicht
der geringste Staub auf, alles bewegte sich in der klarsten Luft. Fußgänger gab es keine,
hier wanderten keine einzelnen Marktweiber zur Stadt wie in Karls Heimat, aber doch
erschienen hie und da große, flache Automobile, auf denen an zwanzig Frauen mit
Rückenkörben, also doch vielleicht Marktweiber, standen und die Hälse streckten, um
den Verkehr zu überblicken und sich Hoffnung auf raschere Fahrt zu holen.
Dann sah man ähnliche Automobile, auf denen einzelne Männer, die Hände in den
Hosentaschen, herumspazierten. Auf einem dieser Automobile, die verschiedene
Aufschriften trugen, las Karl unter einem kleinen Aufschrei: »Hafenarbeiter für die
Spedition Jakob aufgenommen.« Der Wagen fuhr gerade ganz langsam, und ein auf der
Wagentreppe stehender kleiner, gebückter, lebhafter Mann lud die drei Wanderer zum
Einsteigen ein. Karl flüchtete sich hinter die Schlosser, als könne sich auf dem Wagen
der Onkel befinden und ihn sehen. Er war froh, daß auch die beiden die Einladung
ablehnten, wenn ihn auch der hochmütige Gesichtsausdruck gewissermaßen kränkte, mit
dem sie das taten. Sie mußten durchaus nicht glauben, daß sie zu gut waren, um in die
Dienste des Onkels zu treten. Er gab es ihnen, wenn auch natürlich nicht ausdrücklich,
sofort zu verstehen. Darauf bat ihn Delamarche, sich gefälligst nicht in Sachen
einzumischen, die er nicht verstehe; diese Art, Leute aufzunehmen, sei ein schändlicher
Betrug, und die Firma Jakob sei berüchtigt in den ganzen Vereinigten Staaten. Karl
antwortete nicht, hielt sich aber von nun an mehr an den Irländer, er bat ihn auch, ihm
jetzt ein wenig den Koffer zu tragen, was dieser, nachdem Karl seine Bitte mehrmals
wiederholt hatte, auch tat. Nur klagte er ununterbrochen über die Schwere des Koffers,
bis es sich zeigte, daß er nur die Absicht hatte, den Koffer um die Veroneser Salami zu
erleichtern, die ihm wohl schon im Hotel angenehm aufgefallen war. Karl mußte sie
auspacken, der Franzose nahm sie zu sich, um sie mit seinem dolchartigen Messer zu
behandeln und fast ganz allein aufzuessen. Robinson bekam nur hie und da eine
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Schnitte, Karl dagegen, der wieder den Koffer tragen mußte, wenn er ihn nicht auf der
Landstraße stehen lassen wollte, bekam nichts, als hätte er sich seinen Anteil schon im
voraus genommen. Es schien ihm zu kleinlich, um ein Stückchen zu betteln, aber die
Galle regte sich in ihm.
Aller Nebel war schon verschwunden, in der Ferne erglänzte ein hohes Gebirge, das mit
welligem Kamm in noch ferneren Sonnendunst führte. An der Seite der Straße lagen
schlecht bebaute Felder, die sich um große Fabriken hinzogen, die dunkel angeraucht im
freien Lande standen. In den wahllos hingestellten einzelnen Mietskasernen zitterten die
vielen Fenster in der mannigfaltigsten Bewegung und Beleuchtung, und auf all den
kleinen, schwachen Balkonen hatten Frauen und Kinder vielerlei zu tun, während um sie
herum, sie verdeckend und enthüllend, aufgehängte und hingelegte Tücher und
Wäschestücke im Morgenwind flatterten und mächtig sich bauschten. Glitten die Blicke
von den Häusern ab, dann sah man Lerchen hoch am Himmel fliegen und unten wieder
die Schwalben, nicht allzuweit über den Köpfen der Fahrenden.
Vieles erinnerte Karl an seine Heimat und er wußte nicht, ob er gut daran tue, New York
zu verlassen und in das Innere des Landes zu gehen. In New York war das Meer und zu
jeder Zeit die Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat. Und so blieb er stehen und sagte
zu seinen beiden Begleitern, er habe doch wieder Lust, in New York zu bleiben. Und als
Delamarche ihn einfach weitertreiben wollte, ließ er sich nicht treiben und sagte, daß er
doch wohl noch das Recht habe, über sich zu entscheiden. Der Irländer mußte erst
vermitteln und erklären, daß Butterford viel schöner als New York sei, und beide
mußten ihn noch sehr bitten, ehe er wieder weiterging. Und selbst dann wäre er noch
nicht gegangen, wenn er sich nicht gesagt hätte, daß es für ihn vielleicht besser sei, an
einen Ort zu kommen, wo die Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat keine so leichte
sei. Gewiß werde er dort besser arbeiten und vorwärtskommen, da ihn keine unnützen
Gedanken hindern würden.
Und nun war er es, der die beiden anderen zog, und sie freuten sich so sehr über seinen
Eifer, daß sie, ohne sich erst bitten zu lassen, den Koffer abwechselnd trugen und Karl
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gar nicht recht verstand, womit er ihnen eigentlich diese Freude verursache. Sie kamen
in eine ansteigende Gegend und, wenn sie hie und da stehenblieben, konnten sie beim
Rückblick das Panorama New Yorks und seines Hafens immer ausgedehnter sich
entwickeln sehen. Die Brücke, die New York mit Brooklyn verbindet, hing zart über den
East River, und sie erzitterte, wenn man die Augen klein machte. Sie schien ganz ohne
Verkehr zu sein, und unter ihr spannte sich das unbelebte, glatte Wasserband. Alles in
beiden Riesenstädten schien leer und nutzlos aufgestellt. Unter den Häusern gab es
kaum einen Unterschied zwischen den großen und den kleinen. In der unsichtbaren
Tiefe der Straßen ging wahrscheinlich das Leben fort nach seiner Art, aber über ihnen
war nichts zu sehen als leichter Dunst, der sich zwar nicht bewegte, aber ohne Mühe
verjagbar zu sein schien. Selbst in den Hafen, den größten der Welt, war Ruhe
eingekehrt, und nur hie und da glaubte man, wohl beeinflußt von der Erinnerung an
einen früheren Anblick aus der Nähe, ein Schiff zu sehen, das eine kurze Strecke sich
fortschob. Aber man konnte ihm auch nicht lange folgen, es entging den Augen und war
nicht mehr zu finden.
Aber Delamarche und Robinson sahen offenbar viel mehr, sie zeigten nach rechts und
links und überwölbten mit den ausgestreckten Händen Plätze und Gärten, die sie mit
Namen benannten. Sie konnten es nicht begreifen, daß Karl über zwei Monate in New
York gewesen war und kaum etwas anderes von der Stadt gesehen hatte als eine Straße.
Und sie versprachen ihm, wenn sie in Butterford genug verdient hätten, mit ihm nach
New York zu gehen und ihm alles Sehenswerte zu zeigen und ganz besonders natürlich
jene Örtlichkeiten, wo man sich bis zum Seligwerden unterhielt. Und Robinson begann
im Anschluß daran mit vollem Mund ein Lied zu singen, das Delamarche mit
Händeklatschen begleitete und das Karl als eine Operettenmelodie aus seiner Heimat
erkannte, die ihm hier mit dem englischen Text viel besser gefiel, als sie ihm je zu Hause
gefallen hatte. So gab es eine kleine Vorstellung im Freien, an der alle Anteil nahmen,
nur die Stadt unten, die sich angeblich bei dieser Melodie unterhielt, schien gar nichts
davon zu wissen.
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Einmal fragte Karl, wo denn die Spedition Jakob liege, und sofort sah er Delamarches
und Robinsons ausgestreckte Zeigefinger vielleicht auf den gleichen, vielleicht auf
meilenweit entfernte Punkte gerichtet. Als sie dann weitergingen, fragte Karl, wann sie
frühestens mit genügendem Verdienst nach New York zurückkehren könnten.
Delamarche sagte, das könne schon ganz gut in einem Monat sein, denn in Butterford
sei Arbeitermangel und die Löhne seien hoch. Natürlich würden sie ihr Geld in eine
gemeinsame Kasse legen, damit zufällige Unterschiede im Verdienst unter ihnen als
Kameraden ausgeglichen würden. Die gemeinsame Kasse gefiel Karl nicht, obwohl er als
Lehrling natürlich weniger verdienen würde als ausgelernte Arbeiter. Überdies erwähnte
Robinson, daß sie natürlich, wenn in Butterford keine Arbeit wäre, weiter wandern
müßten, entweder um als Landarbeiter irgendwo unterzukommen oder vielleicht nach
Kalifornien in die Goldwäschereien zu gehen, was, nach Robinsons ausführlichen
Erzählungen zu schließen, sein liebster Plan war.
»Warum sind Sie denn Schlosser geworden, wenn Sie jetzt in die Goldwäschereien
wol en?« fragte Karl, der ungern von der Notwendigkeit solcher weiten, unsicheren
Reisen hörte.
»Warum ich Schlosser geworden bin?« sagte Robinson, »doch gewiß nicht deshalb, damit
meiner Mutter Sohn dabei verhungert. In den Goldwäschereien ist ein feiner Verdienst.«
»War einmal«, sagte Delamarche.
»Ist noch immer«, sagte Robinson und erzählte von vielen dabei reich gewordenen
Bekannten, die noch immer dort waren, natürlich keinen Finger mehr rührten, aus alter
Freundschaft ihm aber und selbstverständlich auch seinen Kameraden zu Reichtum
verhelfen würden. »Wir werden schon in Butterford Stellen erzwingen«, sagte
Delamarche und sprach damit Karl aus der Seele, aber eine zuversichtliche
Ausdrucksweise war es nicht. Während des Tages machten sie nur einmal in einem
Wirtshaus halt und aßen davor im Freien an einem, wie es Karl schien, eisernen Tisch
fast rohes Fleisch, das man mit Messer und Gabel nicht zerschneiden, sondern nur
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zerreißen konnte. Das Brot hatte eine walzenartige Form, und in jedem Brotlaib steckte
ein langes Messer. Zu diesem Essen wurde eine schwarze Flüssigkeit gereicht, die im
Halse brannte. Delamarche und Robinson schmeckte sie aber, sie erhoben oft auf die
Erfüllung verschiedener Wünsche ihre Gläser und stießen miteinander an, wobei sie ein
Weilchen lang in der Höhe Glas an Glas hielten. Am Nebentisch saßen Arbeiter in
kalkbespritzten Blusen, und alle tranken die gleiche Flüssigkeit. Automobile, die in
Mengen vorüberfuhren, warfen Schwaden von Staub über die Tische hin. Große
Zeitungsblätter wurden herumgereicht, man sprach erregt vom Streik der Bahnarbeiter,
der Name Mack wurde öfters genannt. Karl erkundigte sich über ihn und erfuhr, daß
dies der Vater des ihm bekannten Mack und der größte Bauunternehmer von New York
war. Der Streik kostete ihn Millionen und bedrohte vielleicht seine geschäftliche
Stellung. Karl glaubte kein Wort von diesem Gerede schlecht unterrichteter,
übelwollender Leute.
Verbittert wurde das Essen für Karl außerdem dadurch, daß es sehr fraglich war, wie das
Essen gezahlt werden sollte. Das Natürliche wäre gewesen, daß jeder seinen Teil gezahlt
hätte, aber Delamarche wie auch Robinson hatten gelegentlich bemerkt, daß für das
letzte Nachtlager ihr letztes Geld aufgegangen war. Uhr, Ring oder sonst etwas
Veräußerbares war an keinem zu sehen. Und Karl konnte ihnen doch nicht vorhalten,
daß sie an dem Verkauf seiner Kleider etwas verdient hätten, das wäre doch Beleidigung
und Abschied für immer gewesen. Das Erstaunliche aber war, daß weder Delamarche
noch Robinson irgendwelche Sorgen wegen der Bezahlung hatten, vielmehr hatten sie
gute Laune genug, möglichst oft Anknüpfungen mit der Kellnerin zu versuchen, die
stolz und mit schwerem Gang zwischen den Tischen hin und her ging. Ihr Haar ging ihr
von den Seiten ein wenig lose in Stirn und Wangen, und sie strich es immer wieder
zurück, indem sie mit den Händen darunter hinfuhr. Schließlich, als man vielleicht das
erste freundliche Wort von ihr erwartete, trat sie zum Tische, legte beide Hände auf ihn
und fragte: »Wer zahlt?« Nie waren Hände rascher aufgeflogen als jetzt jene von
Delamarche und Robinson, die auf Karl zeigten. Karl erschrak darüber nicht, denn er
hatte es ja vorausgesehen, und sah nichts Schlimmes darin, daß die Kameraden, von
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denen er ja auch Vorteile erwartete, einige Kleinigkeiten von ihm bezahlen ließen, wenn
es auch anständiger gewesen wäre, diese Sache vor dem entscheidenden Augenblick
ausdrücklich zu besprechen. Peinlich war bloß, daß er das Geld erst aus der
Geheimtasche heraufbefördern mußte. Seine ursprüngliche Absicht war es gewesen, das
Geld für die letzte Not aufzuheben und sich also vorläufig mit seinen Kameraden
gewissermaßen in eine Reihe zu stellen. Der Vorteil, den er durch dieses Geld und vor
allem durch das Verschweigen des Besitzes gegenüber den Kameraden erlangte, wurde
für diese mehr als reichlich dadurch aufgewogen, daß sie schon seit ihrer Kindheit in
Amerika waren, daß sie genügende Kenntnisse und Erfahrungen für Gelderwerb hatten
und daß sie schließlich an bessere Lebensverhältnisse als ihre gegenwärtigen nicht
gewöhnt waren. Diese bisherigen Absichten, die Karl rücksichtlich seines Geldes hatte,
mußten an und für sich durch diese Bezahlung nicht gestört werden, denn einen
Vierteldollar konnte er schließlich entbehren und deshalb also ein Vierteldollarstück auf
den Tisch legen und erklären, dies sei sein einziges Eigentum und er sei bereit, es für die
gemeinsame Reise nach Butterford zu opfern. Für die Fußreise genügte ein solcher
Betrag auch vollkommen. Nun aber wußte er nicht, ob er genügend Kleingeld hatte, und
überdies lag dieses Geld sowie die zusammengelegten Banknoten irgendwo in der Tiefe
der Geheimtasche, in der man eben am besten etwas fand, wenn man den ganzen Inhalt
auf den Tisch schüttete. Außerdem war es höchst unnötig, daß die Kameraden von
dieser Geheimtasche überhaupt etwas erfuhren. Nun schien es zum Glück, daß die
Kameraden sich noch immer mehr für die Kel nerin interessierten als dafür, wie Karl das
Geld für die Bezahlung zusammenbrächte. Delamarche lockte die Kellnerin durch die
Aufforderung, die Rechnung aufzustellen, zwischen sich und Robinson und sie konnte
die Zudringlichkeiten der beiden nur dadurch abwehren, daß sie einem oder dem
anderen die ganze Hand auf das Gesicht legte und ihn wegschob. Inzwischen sammelte
Karl, heiß vor Anstrengung, unter der Tischplatte in der einen Hand das Geld, das er mit
der anderen Stück für Stück in der Geheimtasche herumjagte und herausholte. Endlich
glaubte er, obwohl er das amerikanische Geld noch nicht genau kannte, er hätte,
wenigstens der Menge der Stücke nach, eine genügende Summe, und legte sie auf den
Tisch. Der Klang des Geldes unterbrach sofort die Scherze. Zu Karls Ärger und zu
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allgemeinem Erstaunen zeigte sich, daß fast ein ganzer Dollar dalag. Keiner fragte zwar,
warum Karl von dem Gelde, das für eine bequeme Eisenbahnfahrt nach Butterford
gereicht hätte, früher nichts gesagt hatte, aber Karl war doch in großer Verlegenheit.
Langsam strich er, nachdem das Essen bezahlt war, das Geld wieder ein, noch aus seiner
Hand nahm Delamarche ein Geldstück, das er für die Kellnerin als Trinkgeld brauchte,
die er umarmte und an sich drückte, um ihr dann, von der anderen Seite her, das Geld
zu überreichen.
Karl war ihnen dankbar, daß sie auf dem Weitermarsch keine Bemerkungen über das
Geld machten, und er dachte sogar eine Zeitlang daran, ihnen sein ganzes Vermögen
einzugestehen, unterließ das aber doch, da sich keine rechte Gelegenheit fand. Gegen
Abend kamen sie in eine mehr ländliche, fruchtbare Gegend. Ringsherum sah man
ungeteilte Felder, die sich in ihrem ersten Grün über sanfte Hügel legten, reiche
Landsitze umgrenzten die Straße, und stundenlang ging man zwischen den vergoldeten
Gittern der Gärten, mehrmals kreuzten sie den gleichen langsam fließenden Strom und
vielemal hörten sie über sich die Eisenbahnzüge auf den hoch sich schwingenden
Viadukten donnern.
Eben ging die Sonne an dem geraden Rande ferner Wälder nieder, als sie sich auf einer
Anhöhe inmitten einer kleinen Baumgruppe ins Gras hinwarfen, um sich von den
Strapazen auszuruhen. Delamarche und Robinson lagen da und streckten sich nach
Kräften. Karl saß aufrecht und sah auf die ein paar Meter tiefer führende Straße, auf der
immer wieder Automobile, wie schon während des ganzen Tages, leicht aneinander
vorübereilten, als würden sie in genauer Anzahl immer wieder von der Ferne abgeschickt
und in der gleichen Anzahl in der anderen Ferne erwartet. Während des ganzen Tages
seit dem frühesten Morgen hatte Karl kein Automobil halten, keinen Passagier
aussteigen gesehen.
Robinson machte den Vorschlag, die Nacht hier zu verbringen, da sie alle genügend
müde wären, da sie dann desto früher ausmarschieren könnten und da sie schließlich
kaum ein billigeres und besser gelegenes Nachtlager vor Einbruch völliger Dunkelheit
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finden könnten. Delamarche war einverstanden, und nur Karl glaubte zu der Bemerkung
verpflichtet zu sein, daß er Geld genug habe, um das Nachtlager für alle auch in einem
Hotel zu bezahlen. Delamarche sagte, sie würden das Geld noch brauchen, er solle es
nur gut aufheben. Delamarche verbarg nicht im geringsten, daß man mit Karls Geld
schon rechnete. Da sein erster Vorschlag angenommen war, erklärte nun Robinson
weiter, nun müßten sie aber vor dem Schlafen, um sich für morgen zu kräftigen, etwas
Tüchtiges essen, und einer solle das Essen für alle aus dem Hotel holen, das in nächster
Nähe an der Landstraße mit der Aufschrift »Hotel Occidental« leuchtete. Als der
Jüngste, und da sich auch sonst niemand meldete, zögerte Karl nicht, sich für diese
Besorgung anzubieten, und ging, nachdem er eine Bestellung auf Speck, Brot und Bier
erhalten hatte, ins Hotel hinüber.
Es mußte eine große Stadt in der Nähe sein, denn gleich der erste Saal des Hotels, den
Karl betrat, war von einer lauten Menge erfüllt, und an dem Büfett, das sich an einer
Längswand und an den zwei Seitenwänden hinzog, liefen unaufhörlich viele Kellner mit
weißen Schürzen vor der Brust und konnten doch die ungeduldigen Gäste nicht
zufriedenstellen, denn immer wieder hörte man an den verschiedensten Stel en Flüche
und Fäuste, die auf den Tisch schlugen. Karl wurde von niemandem beachtet; es gab
auch im Saale selbst keine Bedienung, die Gäste, die an winzigen, bereits zwischen drei
Tischnachbarn verschwindenden Tischen saßen, holten alles, was sie wünschten, beim
Büfett. Auf allen Tischchen stand eine große Flasche mit Öl, Essig oder dergleichen, und
alle Speisen, die vom Büfett geholt wurden, wurden vor dem Essen aus dieser Flasche
übergossen. Wollte Karl überhaupt erst zum Büfett kommen, wo ja dann
wahrscheinlich, besonders bei seiner großen Bestellung, die Schwierigkeiten erst
beginnen würden, mußte er sich zwischen vielen Tischen durchdrängen, was natürlich
bei aller Vorsicht nicht ohne grobe Belästigung der Gäste durchzuführen war, die jedoch
alles wie gefühllos hinnahmen, selbst als Karl einmal, allerdings gleichfalls von einem
Gast, gegen ein Tischchen gestoßen wurde, das er fast umgeworfen hätte. Er
entschuldigte sich zwar, wurde aber offenbar nicht verstanden, verstand übrigens auch
nicht das geringste von dem, was man ihm zurief.
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Beim Büfett fand er mit Mühe ein kleines freies Plätzchen, auf dem ihm eine lange Weile
die Aussicht durch die aufgestützten Ellbogen seiner Nachbarn genommen war. Es
schien hier überhaupt eine Sitte, die Ellbogen aufzustützen und die Faust an die Schläfe
zu drücken; Karl mußte daran denken, wie der Lateinprofessor Dr. Krumpal gerade
diese Haltung gehaßt hatte und wie er immer heimlich und unversehens
herangekommen war und mittels eines plötzlich erscheinenden Lineals mit scherzhaftem
Ruck die Ellbogen von den Tischen gestreift hatte.
Karl stand eng ans Büfett gedrängt, denn kaum hatte er sich angestel t, war hinter ihm
ein Tisch aufgestellt worden, und der eine der dort sich niederlassenden Gäste streifte
schwer, wenn er sich nur ein wenig beim Reden zurückbog, mit seinem großen Hut
Karls Rücken. Und dabei war so wenig Hoffnung, vom Kellner etwas zu bekommen,
selbst als die beiden plumpen Nachbarn befriedigt weggegangen waren. Einigemal hatte
Karl einen Kellner über den Tisch hin bei der Schürze gefaßt, aber immer hatte sich der
mit verzerrtem Gesicht losgerissen. Keiner war zu halten, sie liefen nur und liefen nur.
Wenn wenigstens in der Nähe Karls etwas Passendes zum Essen und Trinken gewesen
wäre, er hätte es genommen, sich nach dem Preis erkundigt, das Geld hingelegt und
wäre mit Freude weggegangen. Aber gerade vor ihm lagen nur Schüsseln mit
heringartigen Fischen, deren schwarze Schuppen am Rande goldig glänzten. Die
konnten sehr teuer sein und würden wahrscheinlich niemanden sättigen. Außerdem
waren kleine Fäßchen mit Rum erreichbar, aber Rum wollte er seinen Kameraden nicht
bringen, sie schienen schon sowieso bei jeder Gelegenheit nur auf den konzentriertesten
Alkohol auszugehen und darin wollte er sie nicht noch unterstützen.
Es blieb also Karl nichts übrig, als einen anderen Platz zu suchen und mit seinen
Bemühungen von vorne anzulangen. Nun aber war auch schon die Zeit sehr vorgerückt.
Die Uhr am anderen Ende des Saales, deren Zeiger man bei scharfem Hinsehen durch
den Rauch gerade noch erkennen konnte, zeigte schon neun vorüber. Anderswo am
Büfett war aber das Gedränge noch größer als an dem früheren, ein wenig abgelegenen
Platz. Außerdem füllte sich der Saal desto mehr, je später es wurde. Immer wieder zogen
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durch die Haupttüre mit großem Hallo neue Gäste ein. An manchen Stellen räumten
Gäste selbstherrlich das Büfett ab und setzten sich aufs Pult und tranken einander zu, es
waren die besten Plätze, man übersah den ganzen Saal.
Karl drängte sich zwar noch weiter durch, aber eine eigentliche Hoffnung, etwas zu
erreichen, hatte er nicht mehr. Er machte sich Vorwürfe darüber, daß er, der die hiesigen
Verhältnisse nicht kannte, sich zu dieser Besorgung angeboten hatte. Seine Kameraden
würden ihn mit vollem Rechte auszanken und gar noch denken, daß er, nur um Geld zu
sparen, nichts mitgebracht hatte. Nun stand er gar in einer Gegend, wo ringsherum an
den Tischen warme Fleischspeisen mit schönen, gelben Kartoffeln gegessen wurden; es
war ihm unbegreiflich, wie sich die Leute das verschafft hatten.
Da sah er ein paar Schritte vor sich eine ältere, offenbar zum Hotelpersonal gehörige
Frau, die lachend mit einem Gaste redete. Dabei arbeitete sie fortwährend mit einer
Haarnadel in ihrer Frisur herum. Sofort war Karl entschlossen, seine Bestellung bei
dieser Frau vorzubringen, schon weil sie ihm als die einzige Frau im Saal eine Ausnahme
vom allgemeinen Lärm und Jagen bedeutete und dann auch aus dem einfachen Grunde,
weil sie die einzige Hotelangestellte war, die man erreichen konnte, vorausgesetzt
allerdings, daß sie nicht beim ersten Wort, das er an sie richten würde, in Geschäften
fortlief. Aber ganz das Gegenteil trat ein. Karl hatte sie noch gar nicht angeredet,
sondern nur ein wenig belauert, als sie, wie man eben manchmal mitten im Gespräch
beiseite schaut, zu Karl hinsah und ihn, ihre Rede unterbrechend, freundlich und in
einem Englisch, klar wie die Grammatik, fragte, ob er etwas suche.
»Allerdings«, sagte Karl »ich kann hier gar nichts bekommen.«
»Dann kommen Sie mit mir, Kleiner«, sagte sie, verabschiedete sich von ihrem
Bekannten, der seinen Hut abnahm, was hier wie unglaubliche Höflichkeit erschien,
faßte Karl bei der Hand, ging zum Büfett, schob einen Gast beiseite, öffnete eine
Klapptüre im Pult, durchquerte den Gang hinter dem Pult, wo man sich vor den
unermüdlich laufenden Kellnern in acht nehmen mußte, öffnete eine zweifache
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Tapetentüre, und schon befanden sie sich in großen, kühlen Vorratskammern. >Man
muß eben den Mechanismus kennen »Also, was wollen Sie denn?« fragte sie und beugte sich dienstbereit zu ihm herab. Sie
war sehr dick, ihr Leib schaukelte sich, aber ihr Gesicht hatte eine, natürlich im
Verhältnis, fast zarte Bildung. Karl war fast versucht, im Anblick der vielen Eßwaren, die
hier sorgfältig in Regalen und auf Tischen aufgerichtet lagen, für seine Bestellung rasch
ein feineres Nachtessen auszudenken, besonders da er erwarten konnte, von dieser
einflußreichen Frau billiger bedient zu werden, schließlich aber nannte er doch wieder,
da ihm nichts Passendes einfiel, nur Speck, Brot und Bier.
»Nichts weiter?« fragte die Frau.
»Nein danke«, sagte Karl, »aber für drei Personen.«
Auf die Frage der Frau nach den beiden anderen erzählte Karl in ein paar kurzen
Worten von seinen Kameraden, es machte ihm Freude, ein wenig ausgefragt zu werden.
»Aber das ist ja Essen für Sträflinge«, sagte die Frau und erwartete nun offenbar weitere
Wünsche Karls. Dieser aber fürchtete nun, sie werde ihn beschenken und kein Geld
annehmen wollen, und schwieg deshalb. »Das werden wir gleich zusammengestel t
haben«, sagte die Frau, ging mit einer bei ihrer Dicke bewunderungswerten
Beweglichkeit zu einem Tisch hin, schnitt mit einem langen, dünnen, sägeblattartigen
Messer ein großes Stück mit viel Fleisch durchwachsenen Specks ab, nahm aus einem
Regal einen Laib Brot, hob vom Boden drei Flaschen Bier auf und legte alles in einen
leichten Strohkorb, den sie Karl reichte. Zwischendurch erklärte sie Karl, sie habe ihn
deshalb hierhergeführt, weil die Eßwaren draußen auf dem Büfett im Rauch und in den
vielen Ausdünstungen trotz dem schnellen Verbrauch immer die Frische verlieren. Für
die Leute draußen sei aber alles gut genug. Karl sagte nun gar nichts mehr, denn er
wußte nicht, wodurch er diese auszeichnende Behandlung verdiene. Er dachte an seine
Kameraden, die vielleicht, so gute Kenner Amerikas sie auch waren, doch nicht bis in
diese Vorratskammer gedrungen wären und sich mit den verdorbenen Eßwaren auf dem
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Büfett hätten begnügen müssen. Man hörte hier keinen Laut aus dem Saal, die Mauern
mußten sehr dick sein, um diese Gewölbe genügend kühl zu erhalten. Karl hatte schon
den Strohkorb ein Weilchen lang in der Hand, dachte aber nicht ans Zahlen und rührte
sich auch nicht. Nur als die Frau noch nachträglich eine Flasche, ähnlich denen, die
draußen auf den Tischen standen, in den Korb legen wollte, dankte er schaudernd.
»Haben Sie noch einen weiten Marsch?« fragte die Frau.
»Bis nach Butterford«, antwortete Karl.
»Das ist noch sehr weit«, sagte die Frau.
»Noch eine Tagereise«, sagte Karl.
»Nicht weiter?« fragte die Frau.
»O nein«, sagte Karl.
Die Frau rückte einige Sachen auf den Tischen zurecht, ein Kellner kam herein, schaute
suchend herum, wurde dann von der Frau auf eine große Schüssel, in der ein breiter, mit
ein wenig Petersilie bestreuter Haufen von Sardinen lag, hingewiesen und trug dann
diese Schüssel in den erhobenen Händen in den Saal hinaus.
»Warum wollen Sie denn eigentlich im Freien übernachten?« fragte die Frau.
»Wir haben hier Platz genug. Schlafen Sie bei uns im Hotel.«
Das war für Karl sehr verlockend, besonders da er die vorige Nacht so schlecht
verbracht hatte.
»Ich habe mein Gepäck draußen«, sagte er zögernd und nicht ganz ohne Eitelkeit.
»Das bringen Sie nur her«, sagte die Frau, »das ist kein Hindernis.«
»Aber meine Kameraden!« sagte Karl und merkte sofort, daß die allerdings ein Hindernis
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waren.
»Die dürfen natürlich auch hier übernachten«, sagte die Frau. »Kommen Sie nur! Lassen
Sie sich nicht so bitten.« »Meine Kameraden sind im übrigen brave Leute«, sagte Karl,
»aber sie sind nicht rein.«
»Haben Sie den Schmutz im Saal nicht gesehen?« fragte die Frau und verzog das
Gesicht. »Zu uns kann wirklich der Ärgste kommen. Ich werde also gleich drei Betten
vorbereiten lassen. Allerdings nur auf dem Dachboden, denn das Hotel ist vollbesetzt,
ich bin auch auf den Dachboden übersiedelt, aber besser als im Freien ist es jedenfalls.«
»Ich kann meine Kameraden nicht mitbringen«, sagte Karl. Er stellte sich vor, welchen
Lärm die beiden auf den Gängen dieses feinen Hotels machen würden; Robinson würde
alles verunreinigen und Delamarche unfehlbar selbst diese Frau belästigen.
»Ich weiß nicht, warum das unmöglich sein soll«, sagte die Frau, »aber wenn Sie es so
wollen, dann lassen Sie eben Ihre Kameraden draußen und kommen allein zu uns.«
»Das geht nicht, das geht nicht«, sagte Karl, »es sind meine Kameraden und ich muß bei
ihnen bleiben.«
»Sie sind starrköpfig«, sagte die Frau und sah von ihm weg »man meint es gut mit Ihnen,
möchte Ihnen gern behilflich sein, und Sie wehren sich mit allen Kräften.« Karl sah das
alles ein, aber er wußte keinen Ausweg, so sagte er nur noch: »Meinen besten Dank für
Ihre Freundlichkeit.« Dann erinnerte er sich daran, daß er noch nicht gezahlt hatte, und
fragte nach dem schuldigen Betrag.
»Zahlen Sie das erst, wenn Sie mir den Strohkorb zurückbringen«, sagte die Frau.
»Spätestens morgen früh muß ich ihn haben.«
»Bitte«, sagte Karl. Sie öffnete eine Türe, die geradewegs ins Freie führte, und sagte
noch, während er mit einer Verbeugung hinaustrat: »Gute Nacht, Sie handeln aber nicht
recht.« Er war schon ein paar Schritte weit, da rief sie ihm noch nach: »Auf Wiedersehen
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morgen!«
Kaum war er draußen, hörte er auch schon wieder aus dem Saal den ungeschwächten
Lärm, in den sich jetzt auch Klänge eines Blasorchesters mischten. Er war froh, daß er
nicht durch den Saal hatte hinausgehen müssen. Das Hotel war jetzt in allen seinen fünf
Stockwerken beleuchtet und machte die Straße davor in ihrer ganzen Breite hel . Noch
immer fuhren draußen, wenn auch schon in unterbrochener Folge, Automobile, rascher
aus der Ferne her anwachsend als bei Tage, tasteten mit den weißen Strahlen ihrer
Laternen den Boden der Straße ab, kreuzten mit erblassenden Lichtern die Lichtzone
des Hotels und eilten aufleuchtend in das weitere Dunkel.
Die Kameraden fand Karl schon in tiefem Schlaf, er war aber auch zu lange
ausgeblieben. Gerade wollte er das Mitgebrachte appetitlich auf Papiere ausbreiten, die
er im Korb vorfand, um erst, wenn alles fertig wäre, die Kameraden zu wecken, als er zu
seinem Schrecken seinen Koffer, den er abgesperrt zurückgelassen hatte und dessen
Schlüssel er in der Tasche trug, vollständig geöffnet sah, während der halbe Inhalt
ringsherum im Gras verstreut war.
»Steht auf!« rief er. »Ihr schlaft, und inzwischen waren Diebe da.«
»Fehlt denn etwas?« fragte Delamarche. Robinson war noch nicht ganz wach und griff
schon nach dem Bier.
»Ich weiß nicht«, rief Karl, »aber der Koffer ist offen. Das ist doch eine
Unvorsichtigkeit, sich schlafen zu legen und den Koffer hier frei stehen zu lassen.«
Delamarche und Robinson lachten, und der erstere sagte: »Sie dürfen eben nächstens
nicht so lange fortbleiben. Das Hotel ist zehn Schritte entfernt, und Sie brauchen zum
Hin- und Herweg drei Stunden. Wir haben Hunger gehabt, haben gedacht, daß Sie in
Ihrem Koffer etwas zum Essen haben könnten, und haben das Schloß so lange gekitzelt,
bis es sich aufgemacht hat. Im übrigen war ja gar nichts darin, und Sie können alles
wieder ruhig einpacken.«
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»So«, sagte Karl, starrte in den rasch sich leerenden Korb und horchte auf das
eigentümliche Geräusch, das Robinson beim Trinken hervorbrachte, da ihm die
Flüssigkeit zuerst weit in die Gurgel eindrang, dann aber mit einer Art Pfeifen wieder
zurückschnellte, um erst dann in großem Erguß in die Tiefe zu rollen.
»Haben Sie schon zu Ende gegessen?« fragte er, als sich die beiden einen Augenblick
verschnauften.
»Haben Sie denn nicht schon im Hotel gegessen?« fragte Delamarche, der glaubte, Karl
beanspruche seinen Anteil.
»Wenn Sie noch essen wollen, dann beeilen Sie sich«, sagte Karl und ging zu seinem
Koffer.
»Der scheint Launen zu haben«, sagte Delamarche zu Robinson.
»Ich habe keine Launen«, sagte Karl, »aber ist das vielleicht recht, in meiner Abwesenheit
meinen Koffer aufzubrechen und meine Sachen herauszuwerfen? Ich weiß, man muß
unter Kameraden manches dulden, und ich habe mich auch darauf vorbereitet, aber das
ist zu viel.
Ich werde im Hotel übernachten und gehe nicht nach Butterford. Essen Sie rasch auf,
ich muß den Korb zurückgeben.«
»Siehst du, Robinson, so spricht man«, sagte Delamarche, »das ist die feine Redeweise.
Er ist eben ein Deutscher. Du hast mich früh vor ihm gewarnt, aber ich bin ein guter
Narr gewesen und habe ihn doch mitgenommen. Wir haben ihm unser Vertrauen
geschenkt, haben ihn einen ganzen Tag mit uns geschleppt, haben dadurch zumindest
einen halben Tag verloren und jetzt weil ihn dort im Hotel irgend jemand gelockt hat
verabschiedet er sich, verabschiedet sich einfach. Aber weil er ein falscher Deutscher ist,
tut er dies nicht offen, sondern sucht sich den Vorwand mit dem Koffer, und weil er ein
grober Deutscher ist, kann er nicht weggehen, ohne uns in unserer Ehre zu beleidigen
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und uns Diebe zu nennen, weil wir mit seinem Koffer einen kleinen Scherz gemacht
haben.«
Karl, der seine Sachen packte, sagte, ohne sich umzuwenden: »Reden Sie nur so weiter
und erleichtern Sie mir das Weggehen. Ich weiß ganz gut, was Kameradschaft ist. Ich
habe in Europa auch Freunde gehabt, und keiner kann mir vorwerfen, daß ich mich
falsch oder gemein gegen ihn benommen hätte. Wir sind jetzt natürlich außer
Verbindung, aber wenn ich noch einmal nach Europa zurückkommen sollte, werden
mich alle gut aufnehmen und mich sofort als ihren Freund anerkennen. Und Sie,
Delamarche, und Sie, Robinson, Sie hätte ich verraten sollen, da Sie doch, was ich
niemals vertuschen werde, so freundlich waren, sich meiner anzunehmen und mir eine
Lehrlingsstelle in Butterford in Aussicht zu stellen? Aber es ist etwas anderes. Sie haben
nichts, und das erniedrigt Sie in meinen Augen nicht im geringsten, aber Sie mißgönnen
mir meinen kleinen Besitz und suchen mich deshalb zu demütigen, das kann ich nicht
aushalten. Und nun, nachdem Sie meinen Koffer aufgebrochen haben, entschuldigen Sie
sich mit keinem Wort, sondern beschimpfen mich noch und beschimpfen weiter mein
Volk damit nehmen Sie mir aber auch jede Möglichkeit, bei Ihnen zu bleiben.
Übrigens gilt das alles nicht eigentlich von Ihnen, Robinson. Gegen Ihren Charakter
habe ich nur einzuwenden, daß Sie von Delamarche zu sehr abhängig sind.«
»Da sehen wir ja«, sagte Delamarche, indem er zu Karl trat und ihm einen leichten Stoß
gab, wie um ihn aufmerksam zu machen »da sehen wir ja, wie Sie sich entpuppen. Den
ganzen Tag sind Sie hinter mir gegangen, haben sich an meinem Rock gehalten, haben
mir jede Bewegung nachgemacht und waren sonst still wie ein Mäuschen. Jetzt aber, da
Sie im Hotel irgendeinen Rückhalt spüren, fangen Sie große Reden zu halten an. Sie sind
ein kleiner Schlaumeier, und ich weiß noch gar nicht, ob wir das so ruhig hinnehmen
werden. Ob wir nicht das Lehrgeld für das verlangen werden, was Sie uns während des
Tages abgeschaut haben. Du, Robinson, wir beneiden ihn meint er um seinen Besitz.
Ein Tag Arbeit in Butterford von Kalifornien gar nicht zu reden , und wir haben
zehnmal mehr, als Sie uns gezeigt haben und als Sie in Ihrem Rockfutter noch versteckt
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haben mögen. Also, nur immer Achtung aufs Maul!«
Karl hatte sich vom Koffer erhoben und sah nun auch den verschlafenen, aber vom Bier
ein wenig belebten Robinson herankommen. »Wenn ich noch lange hierbliebe«, sagte er,
»könnte ich vielleicht noch weitere Überraschungen erleben. Sie scheinen Lust zu haben,
mich durchzuprügeln.«
»Al e Geduld hat ein Ende«, sagte Robinson.
»Sie schweigen besser, Robinson«, sagte Karl, ohne Delamarche aus den Augen zu
lassen, »im Innern geben Sie mir ja doch recht, aber nach außen müssen Sie es mit
Delamarche halten!«
»Wollen Sie ihn vielleicht bestechen?« fragte Delamarche.
»Fällt mir nicht ein«, sagte Karl. »Ich bin froh, daß ich fortgehe, und ich will mit keinem
von Ihnen mehr etwas zu tun haben. Nur eines will ich noch sagen, Sie haben mir den
Vorwurf gemacht, daß ich Geld besitze und es vor Ihnen versteckt habe. Angenommen,
daß es wahr ist, war es nicht sehr richtig Leuten gegenüber gehandelt, die ich erst ein
paar Stunden kannte, und bestätigen Sie nicht noch durch Ihr jetziges Benehmen die
Richtigkeit einer derartigen Handlungsweise?«
»Bleib ruhig«, sagte Delamarche zu Robinson, obwohl sich dieser nicht rührte. Dann
fragte er Karl: »Da Sie so unverschämt aufrichtig sind, so treiben Sie doch, da wir ja so
gemütlich beisammenstehen, diese Aufrichtigkeit noch weiter und gestehen Sie ein,
warum Sie eigentlich ins Hotel wollen.« Karl mußte einen Schritt über den Koffer
hinweg machen, so nahe war Delamarche an ihn herangetreten. Aber Delamarche ließ
sich dadurch nicht beirren, schob den Koffer beiseite, machte einen Schritt vorwärts,
wobei er den Fuß auf ein weißes Vorhemd setzte, das im Gras liegengeblieben war, und
wiederholte seine Frage.
Wie zur Antwort stieg von der Straße her ein Mann mit einer stark leuchtenden
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Taschenlampe zu der Gruppe herauf. Es war ein Kellner aus dem Hotel. Kaum hatte er
Karl erblickt, sagte er: »Ich suche Sie schon fast eine halbe Stunde. Alle Böschungen auf
beiden Straßenseiten habe ich schon abgesucht. Die Frau Oberköchin läßt Ihnen
nämlich sagen, daß sie den Strohkorb, den sie Ihnen geborgt hat, dringend braucht.«
»Hier ist er«, sagte Karl mit einer vor Aufregung unsicheren Stimme. Delamarche und
Robinson waren in scheinbarer Bescheidenheit beiseite getreten, wie sie es vor fremden
gutgestellten Leuten immer machten. Der Kel ner nahm den Korb an sich und sagte:
»Dann läßt Sie die Frau Oberköchin fragen, ob Sie es sich nicht überlegt haben und
doch vielleicht im Hotel übernachten wollten. Auch die beiden anderen Herren wären
willkommen, wenn Sie sie mitnehmen wollen. Die Betten sind schon vorbereitet. Die
Nacht ist ja heute warm, aber hier, auf der Lehne, ist es durchaus nicht ungefährlich zu
schlafen, man findet öfters Schlangen.«
»Da die Frau Oberköchin so freundlich ist, werde ich ihre Einladung doch annehmen«,
sagte Karl und wartete auf eine Äußerung seiner Kameraden. Aber Robinson stand
stumpf da, und Delamarche hatte die Hände in den Hosentaschen und schaute zu den
Sternen hinauf. Beide bauten offenbar darauf, daß Karl sie ohne weiteres mitnehmen
werde.
»Für diesen Fall«, sagte der Kel ner »habe ich den Auftrag, Sie ins Hotel zu führen und
Ihr Gepäck zu tragen.«
»Dann warten Sie, bitte, noch einen Augenblick«, sagte Karl und bückte sich, um die
paar Sachen, die noch herumlagen, in den Koffer zu legen.
Plötzlich richtete er sich auf. Die Photographie fehlte, sie war ganz oben im Koffer
gelegen und war nirgends zu finden. Alles war vollständig, nur die Photographie fehlte.
»Ich kann die Photographie nicht finden«, sagte er bittend zu Delamarche.
»Welche Photographie?« fragte dieser.
110
»Die Photographie meiner Eltern«, sagte Karl.
»Wir haben keine Photographie gesehen«, sagte Delamarche.
»Es war keine Photographie darin, Herr Roßmann«, bestätigte auch Robinson von seiner
Seite.
»Aber das ist doch unmöglich«, sagte Karl, und seine hilfesuchenden Blicke zogen den
Kellner näher. »Sie lag obenauf und jetzt ist sie weg. Wenn Sie doch lieber den Spaß mit
dem Koffer nicht gemacht hätten.«
»Jeder Irrtum ist ausgeschlossen«, sagte Delamarche, »in dem Koffer war keine
Photographie.«
»Sie war mir wichtiger als alles, was ich sonst im Koffer habe«, sagte Karl zum Kellner,
der herumging und im Grase suchte. »Sie ist nämlich unersetzlich, ich bekomme keine
zweite.« Und als der Kellner von dem aussichtslosen Suchen abließ, sagte er noch: »Es
war das einzige Bild, das ich von meinen Eltern besaß.«
Daraufhin sagte der Kellner laut, ohne jede Beschönigung: »Vielleicht könnten wir noch
die Taschen der Herren untersuchen.«
»Ja«, sagte Karl sofort, »ich muß die Photographie finden. Aber ehe ich die Taschen
durchsuche, sage ich noch, daß, wer mir die Photographie freiwillig gibt, den ganzen
gefüllten Koffer bekommt.« Nach einem Augenblick allgemeiner Stille sagte Karl zum
Kellner: »Meine Kameraden wollen also offenbar die Taschendurchsuchung. Aber selbst
jetzt verspreche ich sogar demjenigen, in dessen Tasche die Photographie gefunden
wird, den ganzen Koffer. Mehr kann ich nicht tun.«
Sofort machte sich der Kel ner daran, Delamarche zu untersuchen, der ihm schwieriger
zu behandeln schien als Robinson, den er Karl überließ. Er machte Karl darauf
aufmerksam, daß beide gleichzeitig untersucht werden müßten, da sonst einer
unbeobachtet die Photographie beiseiteschaffen könnte. Gleich beim ersten Griff fand
111
Karl in Robinsons Tasche eine ihm gehörige Krawatte, aber er nahm sie nicht an sich
und rief dem Kellner zu: »Was Sie bei Delamarche auch finden mögen, lassen Sie ihm,
bitte, alles. Ich will nichts als die Photographie, nur die Photographie.«
Beim Durchsuchen der Brusttaschen gelangte Karl mit der Hand an die heiße, fettige
Brust Robinsons, und es kam ihm zu Bewußtsein, daß er an seinen Kameraden vielleicht
ein großes Unrecht begehe. Er beeilte sich nun nach Möglichkeit. Im übrigen war alles
umsonst, weder bei Robinson noch bei Delamarche fand sich die Photographie vor.
»Es hilft nichts«, sagte der Kel ner.
»Sie haben wahrscheinlich die Photographie zerrissen und die Stücke weggeworfen«,
sagte Karl. »Ich dachte, sie wären Freunde, aber im geheimen wollten sie mir nur
schaden. Nicht eigentlich Robinson, der wäre gar nicht auf den Einfall gekommen, daß
die Photographie solchen Wert für mich hat, aber desto mehr Delamarche.« Karl sah nur
den Kellner vor sich, dessen Laterne einen kleinen Kreis beleuchtete, während alles
sonst, auch Delamarche und Robinson, in tiefem Dunkel war.
Es war natürlich gar nicht mehr die Rede davon, daß die beiden in das Hotel
mitgenommen werden könnten. Der Kellner schwang den Koffer auf die Achsel, Karl
nahm den Strohkorb, und sie gingen. Karl war schon auf der Straße, als er, im
Nachdenken sich unterbrechend, stehen blieb und in das Dunkel hinaufrief: »Hören Sie
einmal, sollte doch einer von Ihnen die Photographie noch haben und mir ins Hotel
bringen wollen er bekommt den Koffer noch immer und wird, ich schwöre es, nicht
angezeigt.« Es kam keine eigentliche Antwort herunter, nur ein abgerissenes Wort war zu
hören, der Beginn eines Zurufs Robinsons, dem aber offenbar Delamarche sofort den
Mund stopfte. Noch eine lange Weile wartete Karl, ob man sich oben nicht doch noch
anders entscheiden würde. Zweimal rief er in Abständen: »Ich bin noch immer da!« Aber
kein Laut antwortete, nur einmal rollte ein Stein den Abhang herab, vielleicht durch
Zufall, vielleicht in einem verfehlten Wurf.
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Hotel Occidental
Im Hotel wurde Karl gleich in eine Art Büro geführt, in welchem die Oberköchin, ein
Vormerkbuch in der Hand, einer jungen Schreibmaschinistin einen Brief in die
Schreibmaschine diktierte. Das äußerst präzise Diktieren, der beherrschte und elastische
Tastenschlag jagten an dem nur hie und da merklichen Ticken der Wanduhr vorüber, die
schon fast halb zwölf zeigte. »So!« sagte die Oberköchin, klappte das Vormerkbuch zu,
die Schreibmaschinistin sprang auf und stülpte den Holzdeckel über die Maschine, ohne
bei dieser mechanischen Arbeit die Augen von Karl zu lassen. Sie sah noch wie ein
Schulmädchen aus, ihre Schürze war sehr sorgfältig gebügelt, auf den Achseln zum
Beispiel gewellt, die Frisur recht hoch, und man staunte ein wenig, wenn man nach
diesen Einzelheiten ihr ernstes Gesicht sah. Nach Verbeugungen, zuerst gegen die
Oberköchin, dann gegen Karl, entfernte sie sich, und Karl sah unwillkürlich die
Oberköchin mit einem fragenden Blicke an.
»Das ist aber schön, daß Sie nun doch gekommen sind«, sagte die Oberköchin. »Und
Ihre Kameraden?«
»Ich habe sie nicht mitgenommen«, sagte Karl.
»Die marschieren wohl sehr früh aus«, sagte die Oberköchin, wie um sich die Sache zu
erklären.
>Muß sie denn nicht denken, daß ich auch mitmarschiere? deshalb, um jeden Zweifel auszuschließen: »Wir sind in Unfrieden
auseinandergegangen.«
Die Oberköchin schien das als eine angenehme Nachricht aufzufassen. »Dann sind Sie
also frei?« fragte sie.
»Ja, frei bin ich«, sagte Karl, und nichts schien ihm wertloser.
113
»Hören Sie, möchten Sie nicht hier im Hotel eine Stelle annehmen?« fragte die
Oberköchin.
»Sehr gern«, sagte Karl, »ich habe aber entsetzlich wenig Kenntnisse. Ich kann zum
Beispiel nicht einmal auf der Schreibmaschine schreiben.«
»Das ist nicht das Wichtigste«, sagte die Oberköchin. »Sie bekämen eben vorläufig nur
eine ganz kleine Anstellung und müßten dann zusehen, durch Fleiß und
Aufmerksamkeit sich hinaufzubringen. Jedenfalls aber glaube ich, daß es für Sie besser
und passender wäre, sich irgendwo festzusetzen, statt so durch die Welt zu bummeln.
Dazu scheinen Sie mir nicht gemacht.«
>Das würde alles auch der Onkel unterschreiben Gleichzeitig erinnerte er sich, daß er, um den man so besorgt war, sich noch gar nicht
vorgestellt hatte. »Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er »daß ich mich noch gar nicht vor
gestellt habe, ich heiße Karl Roßmann.«
»Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?«
»Ja«, sagte Karl, »ich bin noch nicht lange in Amerika.«
»Woher sind Sie denn?«
»Aus Prag in Böhmen«, sagte Karl.
»Sehen Sie einmal an«, rief die Oberköchin in einem stark englisch betonten Deutsch
und hob fast die Arme, »dann sind wir ja Landsleute, ich heiße Grete Mitzelbach und bin
aus Wien. Und Prag kenne ich ja ausgezeichnet, ich war ja ein halbes Jahr in der
Goldenen Gans auf dem Wenzelsplatz angestellt. Aber denken Sie nur einmal!«
»Wann ist das gewesen?« fragte Karl.
»Das ist schon viele, viele Jahre her.«
114
»Die alte Goldene Gans«, sagte Karl, »ist vor zwei Jahren niedergerissen worden.«
»Ja, freilich«, sagte die Oberköchin, ganz in Gedanken an vergangene Zeiten.
Mit einem Male aber wieder lebhaft werdend, rief sie und faßte dabei Karls Hände:
»Jetzt, da es sich herausgestellt hat, daß Sie mein Landsmann sind, dürfen Sie um keinen
Preis von hier fort. Das dürfen Sie mir nicht antun. Hätten Sie zum Beispiel Lust,
Liftjunge zu werden? Sagen Sie nur ja und Sie sind es. Wenn Sie ein bißchen
herumgekommen sind, werden Sie wissen, daß es nicht besonders leicht ist, solche
Stellen zu bekommen, denn sie sind der beste Anfang, den man sich denken kann. Sie
kommen mit allen Gästen zusammen, man sieht Sie immer, man gibt Ihnen kleine
Aufträge; kurz, Sie haben jeden Tag die Möglichkeit, zu etwas Besserem zu gelangen.
Für alles übrige lassen Sie mich sorgen.«
»Liftjunge möchte ich ganz gerne sein«, sagte Karl nach einer kleinen Pause. Es wäre ein
großer Unsinn gewesen, gegen die Stelle eines Liftjungen mit Rücksicht auf seine fünf
Gymnasialklassen Bedenken zu haben. Eher wäre hier in Amerika Grund gewesen, sich
der fünf Gymnasialklassen zu schämen. Übrigens hatten die Liftjungen Karl immer
gefallen, sie waren ihm wie der Schmuck des Hotels erschienen.
»Sind nicht Sprachkenntnisse erforderlich?« fragte er noch.
»Sie sprechen Deutsch und ein schönes Englisch, das genügt vollkommen.«
»Englisch habe ich erst in Amerika in zweieinhalb Monaten erlernt«, sagte Karl, er
glaubte, seinen einzigen Vorzug nicht verschweigen zu dürfen.
»Das spricht schon genügend für Sie«, sagte die Oberköchin.
»Wenn ich daran denke, welche Schwierigkeiten mir das Englisch gemacht hat. Das ist
allerdings schon seine dreißig Jahre her. Gerade gestern habe ich davon gesprochen.
Gestern war nämlich mein fünfzigster Geburtstag.« Und sie suchte lächelnd den
Eindruck von Karls Mienen abzulesen, den die Würde dieses Alters auf ihn machte.
115
»Dann wünsche ich Ihnen viel Glück«, sagte Karl.
»Das kann man immer brauchen«, sagte sie, schüttelte Karl die Hand und wurde wieder
halb traurig über diese alte Redensart aus der Heimat, die ihr da im Deutschsprechen
eingefallen war.
»Aber ich halte Sie hier auf«, rief sie dann.
»Und Sie sind gewiß sehr müde, und wir können auch alles viel besser bei Tag
besprechen. Die Freude, einen Landsmann getroffen zu haben, macht ganz gedankenlos.
Kommen Sie, ich werde Sie in Ihr Zimmer führen.«
»Ich habe noch eine Bitte, Frau Oberköchin«, sagte Karl im Anblick des
Telephonkastens, der auf dem Tisch stand, »es ist möglich, daß mir morgen, vielleicht
sehr früh, meine früheren Kameraden eine Photographie bringen, die ich dringend
brauche. Wären Sie so freundlich und würden Sie dem Portier telephonieren, er möchte
die Leute zu mir schicken oder mich holen lassen?«
»Gewiß«, sagte die Oberköchin, »aber würde es nicht genügen, wenn er ihnen die
Photographie abnimmt? Was ist es denn für eine Photographie, wenn man fragen darf?«
»Es ist die Photographie meiner Eltern«, sagte Karl.
»Nein, ich muß mit den Leuten selbst sprechen.« Die Oberköchin sagte nichts weiter
und gab telephonisch in die Portierloge den entsprechenden Befehl, wobei sie 536 als
Zimmernummer Karls nannte.
Sie gingen dann durch eine der Eingangstür entgegengesetzte Tür auf einen kleinen
Gang hinaus, wo an dem Geländer eines Aufzuges ein kleiner Liftjunge schlafend lehnte.
»Wir können uns selbst bedienen«, sagte die Oberköchin leise und ließ Karl in den
Aufzug eintreten.
»Eine Arbeitszeit von zehn bis zwölf Stunden ist eben ein wenig zuviel für einen solchen
116
Jungen«, sagte sie dann, während sie aufwärts fuhren.
»Aber es ist eigentümlich in Amerika. Da ist dieser kleine Junge zum Beispiel, er ist auch
erst vor einem halben Jahre mit seinen Eltern hier angekommen, er ist ein Italiener. Jetzt
sieht er aus, als könne er die Arbeit unmöglich aushalten, hat schon kein Fleisch im
Gesicht, schläft im Dienst ein, obwohl er von Natur sehr bereitwillig ist, aber er muß
nur noch ein halbes Jahr hier oder irgendwo anders in Amerika dienen und hält alles mit
Leichtigkeit aus, und in fünf Jahren wird er ein starker Mann sein. Von solchen
Beispielen könnte ich Ihnen stundenlang erzählen. Dabei denke ich gar nicht an Sie,
denn Sie sind ein kräftiger Junge; Sie sind siebzehn Jahre alt, nicht?«
»Ich werde nächsten Monat sechzehn«, antwortete Karl.
»Sogar erst sechzehn!« sagte die Oberköchin. »Also nur Mut!«
Oben führte sie Karl in ein Zimmer, das zwar schon als Dachzimmer eine schiefe Wand
hatte, im übrigen aber bei einer Beleuchtung durch zwei Glühlampen sich sehr wohnlich
zeigte.
»Erschrecken Sie nicht über die Einrichtung«, sagte die Oberköchin, »es ist nämlich kein
Hotelzimmer, sondern ein Zimmer meiner Wohnung, die aus drei Zimmern besteht, so
daß Sie mich nicht im geringsten stören. Ich sperre die Verbindungstüre ab, so daß Sie
ganz ungeniert bleiben. Morgen, als neuer Hotelangestellter, werden Sie natürlich Ihr
eigenes Zimmerchen bekommen. Wären Sie mit Ihren Kameraden gekommen, dann
hätte ich Ihnen in der gemeinsamen Schlafkammer der Hausdiener aufbetten lassen, aber
da Sie allein sind, denke ich, daß es Ihnen hier besser passen wird, wenn Sie auch nur auf
einem Sofa schlafen müssen. Und nun schlafen Sie wohl, damit Sie sich für den Dienst
kräftigen. Er wird morgen noch nicht zu anstrengend sein.«
»Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Freundlichkeit.«
»Warten Sie«, sagte sie, beim Ausgang stehenbleibend, »da wären Sie aber bald geweckt
117
worden.« Und sie ging zu der einen Seitentür des Zimmers, klopfte und rief: »Therese!«
»Bitte, Frau Oberköchin«, meldete sich die Stimme der kleinen Schreibmaschinistin.
»Wenn du mich früh wecken gehst, so mußt du über den Gang gehen, hier im Zimmer
schläft ein Gast. Er ist todmüde.« Sie lächelte Karl zu, während sie dies sagte. »Hast du
verstanden?«
»Ja, Frau Oberköchin.«
»Also dann gute Nacht!«
»Gute Nacht wünsch ich.«
»Ich schlafe nämlich«, sagte die Oberköchin zur Erklärung, »seit einigen Jahren
ungemein schlecht. Jetzt kann ich ja mit meiner Stellung zufrieden sein und brauche
eigentlich keine Sorgen zu haben. Aber es müssen die Folgen meiner früheren Sorgen
sein, die mir diese Schlaflosigkeit verursachen. Wenn ich um drei Uhr früh einschlafe,
kann ich froh sein. Da ich aber schon um fünf, spätestens um halb sechs wieder auf dem
Platze sein muß, muß ich mich wecken lassen, und zwar besonders vorsichtig, damit ich
nicht noch nervöser werde, als ich es schon bin. Und da weckt mich eben die Therese.
Aber jetzt wissen Sie wirklich schon alles, und ich komme gar nicht weg. Gute Nacht!«
Und trotz ihrer Schwere huschte sie fast aus dem Zimmer.
Karl freute sich auf den Schlaf, denn der Tag hatte ihn sehr hergenommen. Und
behaglichere Umgebung konnte er für einen langen, ungestörten Schlaf gar nicht
wünschen. Das Zimmer war zwar nicht zum Schlafzimmer bestimmt, es war eher ein
Wohnzimmer, oder, richtiger, ein Repräsentationszimmer der Oberköchin, und ein
Waschtisch war ihm zuliebe eigens für diesen Abend hergebracht worden, aber dennoch
fühlte sich Karl nicht als Eindringling, sondern nur desto besser versorgt. Sein Koffer
war richtig her gestellt und wohl schon lange nicht in größerer Sicherheit gewesen. Auf
einem niedrigen Schrank mit Schiebefächern, über den eine großmaschige wollene
118
Decke gezogen war, standen verschiedene Photographien im Rahmen und unter Glas;
bei der Besichtigung des Zimmers blieb Karl da stehen und sah sie an. Es waren meist
alte Photographien und stellten in der Mehrzahl Mädchen dar, die, in unmodernen,
unbehaglichen Kleidern, mit locker aufgesetzten, kleinen, aber hochgehenden Hüten, die
rechte Hand auf einen Schirm gestützt, dem Beschauer zugewendet waren und doch mit
den Blicken auswichen. Unter den Herrenbildnissen fiel Karl besonders das eines jungen
Soldaten auf, der das Käppi auf ein Tischchen gelegt hatte, stramm mit seinem wilden
schwarzen Haar dastand und voll von einem stolzen, aber unterdrückten Lachen war.
Die Knöpfe seiner Uniform waren auf der Photographie nachträglich vergoldet worden.
Alle diese Photographien stammten wohl noch aus Europa, man hätte dies auf der
Rückseite wahrscheinlich auch genau ablesen können, aber Karl wollte sie nicht in die
Hand nehmen. So wie diese Photographien hier standen, so hätte er auch die
Photographie seiner Eltern in seinem künftigen Zimmer aufstellen mögen.
Gerade streckte er sich nach einer gründlichen Waschung des ganzen Körpers, die er,
seiner Nachbarin wegen, möglichst leise durchzuführen sich bemüht hatte, im Vorgenuß
des Schlafes auf seinem Kanapee aus, da glaubte er ein schwaches Klopfen an einer Tür
zu hören. Man konnte nicht gleich feststellen, an welcher Tür es war, es konnte auch
bloß ein zufälliges Geräusch sein. Es wiederholte sich auch nicht gleich, und Karl schlief
schon fast, als es wieder erfolgte. Aber nun war kein Zweifel mehr, daß es ein Klopfen
war und von der Tür der Schreibmaschinistin herkam. Karl lief auf den Fußspitzen zur
Tür hin und fragte so leise, daß es, wenn man trotz allem nebenan doch schlief,
niemanden hätte wecken können: »Wünschen Sie etwas?«
Sofort und ebenso leise kam die Antwort: »Möchten Sie nicht die Tür öffnen? Der
Schlüssel steckt auf Ihrer Seite.«
»Bitte«, sagte Karl, »ich muß mich nur zuerst anziehen.« Es gab eine kleine Pause, dann
hieß es: »Das ist nicht nötig. Machen Sie auf und legen Sie sich ins Bett, ich werde ein
wenig warten.«
119
»Gut«, sagte Karl und führte es auch so aus, nur drehte er außerdem noch das elektrische
Licht an.
»Ich liege schon«, sagte er dann etwas lauter. Da trat auch schon aus ihrem dunklen
Zimmer die kleine Schreibmaschinistin, genau so angezogen wie unten im Büro, sie hatte
wohl die ganze Zeit über nicht daran gedacht, schlafen zu gehen.
»Entschuldigen Sie vielmals«, sagte sie und stand ein wenig gebückt vor Karls Lager,
»und verraten Sie mich, bitte, nicht. Ich will Sie auch nicht lange stören, ich weiß, daß Sie
todmüde sind.«
»Es ist nicht so arg«, sagte Karl, »aber es wäre vielleicht doch besser gewesen, ich hätte
mich angezogen.« Er mußte ausgestreckt daliegen, um bis an den Hals zugedeckt sein zu
können, denn er besaß kein Nachthemd.
»Ich bleibe ja nur einen Augenblick«, sagte sie und griff nach einem Sessel. »Kann ich
mich zum Kanapee setzen?«
Karl nickte. Da setzte sie sich so eng zum Kanapee, daß Karl an die Mauer rücken
mußte, um zu ihr aufschauen zu können. Sie hatte ein rundes, gleichmäßiges Gesicht,
nur die Stirn war ungewöhnlich hoch, aber das konnte auch vielleicht nur an der Frisur
liegen, die ihr nicht recht paßte. Ihr Anzug war sehr rein und sorgfältig. In der linken
Hand quetschte sie ein Taschentuch.
»Werden Sie lange hierbleiben?« fragte sie.
»Es ist noch nicht ganz bestimmt«, antwortete Karl, »aber ich denke, ich werde bleiben.«
»Das wäre nämlich sehr gut«, sagte sie und fuhr mit dem Taschentuch über ihr Gesicht,
»ich bin hier nämlich so allein.«
»Das wundert mich«, sagte Karl. »Die Frau Oberköchin ist doch sehr freundlich zu
Ihnen. Sie behandelt Sie gar nicht wie eine Angestellte. Ich dachte schon, Sie wären
120
Verwandte.«
»O nein«, sagte sie, »ich heiße Therese Berchtold, ich bin aus Pommern.«
Auch Karl stellte sich vor, daraufhin sah sie ihn zum erstenmal voll an, als sei er ihr
durch die Namensnennung ein wenig fremder geworden. Sie schwiegen ein Weilchen.
Dann sagte sie: »Sie dürfen nicht glauben, daß ich undankbar bin. Ohne die Frau
Oberköchin stünde es ja mit mir viel schlechter. Ich war früher Küchenmädchen hier im
Hotel und schon in großer Gefahr, entlassen zu werden, denn ich konnte die schwere
Arbeit nicht leisten. Man stellt hier sehr große Ansprüche. Vor einem Monat ist ein
Küchenmädchen nur vor Überanstrengung ohnmächtig geworden und vierzehn Tage im
Krankenhaus gelegen. Und ich bin nicht sehr stark, ich habe früher viel zu leiden gehabt
und bin dadurch in der Entwicklung ein wenig zurückgeblieben; Sie würden wohl gar
nicht sagen, daß ich schon achtzehn Jahre alt bin. Aber jetzt werde ich schon stärker.«
»Der Dienst hier muß wirklich sehr anstrengend sein«, sagte Karl. »Unten habe ich jetzt
einen Liftjungen stehend schlafen gesehen.«
»Dabei haben es die Liftjungen noch am besten«, sagte sie, »die verdienen ihr schönes
Geld an Trinkgeldern und müssen sich schließlich doch bei weitem nicht so plagen wie
die Leute in der Küche. Aber da habe ich wirklich einmal Glück gehabt, die Frau
Oberköchin hat einmal ein Mädchen gebraucht, um die Servietten für ein Bankett
herzurichten, hat zu uns Küchenmädchen heruntergeschickt, es gibt hier an fünfzig
solcher Mädchen, ich war gerade bei der Hand und habe sie sehr zufriedengestellt, denn
im Aufbauen der Servietten habe ich mich immer ausgekannt. Und so hat sie mich von
da an in ihrer Nähe behalten und allmählich zu ihrer Sekretärin ausgebildet. Dabei habe
ich sehr viel gelernt.«
»Gibt es denn da so viel zu schreiben?« fragte Karl.
»Ach, sehr viel«, antwortete sie, »das können Sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen.
Sie haben doch gesehen, daß ich heute bis halb zwölf gearbeitet habe, und heute ist kein
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besonderer Tag. Allerdings schreibe ich nicht immerfort, sondern habe auch viele
Besorgungen in der Stadt zu machen.«
»Wie heißt denn die Stadt?« fragte Karl.
»Das wissen Sie nicht?« sagte sie, »Ramses.«
»Ist es eine große Stadt?« fragte Karl.
»Sehr groß«, antwortete sie, »ich gehe nicht gern hin. Aber wollen Sie nicht wirklich
schon schlafen?«
»Nein, nein«, sagte Karl, »ich weiß ja noch gar nicht, warum Sie hereingekommen sind.«
»Weil ich mit niemandem reden kann. Ich bin nicht wehleidig, aber wenn wirklich
niemand für einen da ist, so ist man schon glücklich, schließlich von jemandem angehört
zu werden. Ich habe Sie schon unten im Saal gesehen, ich kam gerade, um die Frau
Oberköchin zu holen, als sie Sie in die Speisekammer wegführte.«
»Das ist ein schrecklicher Saal«, sagte Karl.
»Ich merke es schon gar nicht mehr«, antwortete sie. »Aber ich wollte nur sagen, daß ja
die Frau Oberköchin so freundlich zu mir ist, wie es nur meine Mutter war. Aber es ist
doch ein zu großer Unterschied in unserer Stellung, als daß ich frei mit ihr reden könnte.
Unter den Küchenmädchen habe ich früher gute Freundinnen gehabt, aber die sind
schon längst nicht mehr hier, und die neuen Mädchen kenne ich kaum. Schließlich
kommt es mir manchmal vor, daß mich meine jetzige Arbeit mehr anstrengt als die
frühere, daß ich sie aber nicht einmal so gut verrichte wie die, und daß mich die Frau
Oberköchin nur aus Mitleid in meiner Stellung hält. Schließlich muß man ja wirklich eine
bessere Schulbildung gehabt haben, um Sekretärin zu werden. Es ist eine Sünde, das zu
sagen, aber oft und oft fürchte ich, wahnsinnig zu werden. Um Gottes willen«, sagte sie
plötzlich viel schneller und griff flüchtig nach Karls Schulter, da er die Hände unter der
Decke hielt, »Sie dürfen aber der Frau Oberköchin kein Wort davon sagen, sonst bin ich
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wirklich verloren. Wenn ich ihr außer den Umständen, die ich ihr durch meine Arbeit
mache, auch noch Leid bereiten sollte, das wäre wirklich das Höchste.«
»Es ist selbstverständlich, daß ich ihr nichts sagen werde«, antwortete Karl.
»Dann ist es gut«, sagte sie, »und bleiben Sie hier. Ich wäre froh, wenn Sie hierblieben,
und wir könnten, wenn es Ihnen recht ist, zusammenhalten. Gleich, wie ich Sie zum
erstenmal gesehen habe, habe ich Vertrauen zu Ihnen gehabt. Und trotzdem denken
Sie, so schlecht bin ich habe ich auch Angst gehabt, die Frau Oberköchin könnte Sie
an meiner Stelle zum Sekretär machen und mich entlassen. Erst wie ich da lange allein
gesessen bin, während Sie unten im Büro waren, habe ich mir die Sache so zurechtgelegt,
daß es sogar sehr gut wäre, wenn Sie meine Arbeiten übernähmen, denn die würden Sie
sicher besser verstehen. Wenn Sie die Besorgungen in der Stadt nicht machen wollten,
könnte ich ja diese Arbeit behalten. Sonst aber wäre ich in der Küche gewiß viel
nützlicher, besonders da ich auch schon etwas stärker geworden bin.«
»Die Sache ist schon geordnet«, sagte Karl, »ich werde Liftjunge und Sie bleiben
Sekretärin. Wenn Sie aber der Frau Oberköchin nur die geringste Andeutung von Ihren
Plänen machen, verrate ich auch das übrige, was Sie mir heute gesagt haben, so leid es
mir tun würde.«
Diese Tonart erregte Therese so sehr, daß sie sich beim Bett niederwarf und wimmernd
das Gesicht ins Bettzeug drückte.
»Ich verrate ja nichts«, sagte Karl, »aber Sie dürfen auch nichts sagen.«
Nun konnte er nicht mehr ganz unter seiner Decke versteckt bleiben, streichelte ein
wenig ihren Arm, fand nichts Rechtes, was er ihr sagen könne, und dachte nur, daß hier
ein bitteres Leben sei. Endlich beruhigte sie sich wenigstens so weit, daß sie sich ihres
Weinens schämte, sah Karl dankbar an, redete ihm zu, morgen lange zu schlafen, und
versprach, wenn sie Zeit fände, gegen acht Uhr heraufzukommen und ihn zu wecken.
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»Sie wecken ja so geschickt«, sagte Karl.
»Ja, einiges kann ich«, sagte sie, fuhr mit der Hand zum Abschied sanft über seine Decke
hin und lief in ihr Zimmer.
Am nächsten Tag bestand Karl darauf, gleich seinen Dienst anzutreten, obwohl ihm die
Oberköchin diesen Tag für die Besichtigung von Ramses freigeben wollte. Aber Karl
erklärte offen, dafür werde sich noch Gelegenheit finden, jetzt sei es für ihn das
Wichtigste, mit der Arbeit anzufangen, denn eine auf ein anderes Ziel gerichtete Arbeit
habe er schon in Europa nutzlos abgebrochen und fange als Liftjunge in einem Alter an,
in dem wenigstens die tüchtigeren Jungen nahe daran seien, in natürlicher Folge eine
höhere Arbeit zu übernehmen. Es sei ganz richtig, daß er als Liftjunge anfange, aber
ebenso richtig sei, daß er sich besonders beeilen müsse. Bei diesen Umständen würde
ihm die Besichtigung der Stadt gar kein Vergnügen machen. Nicht einmal zu einem
kurzen Weg, zu dem ihn Therese aufforderte, konnte er sich entschließen. Immer
schwebte ihm der Gedanke vor Augen, es könne schließlich mit ihm, wenn er nicht
fleißig sei, so weit kommen wie mit Delamarche und Robinson.
Beim Hotelschneider wurde ihm die Liftjungenuniform ausprobiert, die äußerlich sehr
prächtig mit Goldknöpfen und Goldschnüren ausgestattet war, bei deren Anziehen es
Karl aber doch ein wenig schauderte, denn besonders unter den Achseln war das
Röckchen kalt, hart und dabei unaustrockbar naß von dem Schweiß der Liftjungen, die
es vor ihm getragen hatten. Die Uniform mußte auch vor allem über der Brust eigens für
Karl erweitert werden, denn keine der zehn vorliegenden wollte auch nur beiläufig
passen. Trotz dieser Näharbeit, die hier notwendig war, und obwohl der Meister sehr
peinlich schien zweimal flog die bereits abgelieferte Uniform aus seiner Hand in die
Werkstatt zurück , war alles in kaum fünf Minuten erledigt, und Karl verließ das Atelier
schon als Liftjunge mit anliegenden Hosen und einem, trotz der bestimmten
gegenteiligen Zusicherung des Meisters, sehr beengenden Jäckchen, das immer wieder zu
Atemübungen verlockte, da man sehen wol te, ob das Atmen noch immer möglich war.
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Dann meldete er sich bei jenem Oberkellner, unter dessen Befehl er stehen sollte, einem
schlanken, schönen Mann mit großer Nase, der wohl schon in den Vierzigern stehen
konnte. Er hatte keine Zeit, sich auch nur auf das geringste Gespräch einzulassen, und
läutete bloß einen Liftjungen herbei, zufällig gerade jenen, den Karl gestern gesehen
hatte. Der Oberkellner nannte ihn nur bei seinem Taufnamen Giacomo, was Karl erst
später erfuhr, denn in der englischen Aussprache war der Name nicht zu erkennen.
Dieser Junge bekam nun den Auftrag, Karl das für den Liftdienst Notwendige zu zeigen,
aber er war so scheu und eilig, daß Karl von ihm, so wenig auch im Grunde zu zeigen
war, kaum dieses Wenige erfahren konnte. Sicher war Giacomo auch deshalb verärgert,
weil er den Liftdienst offenbar Karls halber verlassen mußte und den Zimmermädchen
zur Hilfeleistung zugeteilt war, was ihm nach bestimmten Erfahrungen, die er aber
verschwieg, entehrend vorkam. Enttäuscht war Karl vor allem dadurch, daß ein
Liftjunge mit der Maschinerie des Aufzuges nur insoferne etwas zu tun hatte, als er ihn
durch einen einfachen Druck auf den Knopf in Bewegung setzte, während für
Reparaturen am Triebwerk derartig ausschließlich die Maschinisten des Hotels
verwendet wurden, daß zum Beispiel Giacomo trotz halbjährigem Dienst beim Lift
weder das Triebwerk im Keller, noch die Maschinerie im Innern des Aufzuges mit
eigenen Augen gesehen hatte, obwohl ihn dies, wie er ausdrücklich sagte, sehr gefreut
hätte. Überhaupt war es ein einförmiger Dienst und wegen der zwölfstündigen
Arbeitszeit, abwechselnd bei Tag und Nacht, so anstrengend, daß er nach Giacomos
Angaben überhaupt nicht auszuhalten war, wenn man nicht minutenweise im Stehen
schlafen konnte. Karl sagte hiezu nichts, aber er begriff wohl, daß gerade diese Kunst
Giacomo die Stelle gekostet hatte.
Sehr willkommen war es Karl, daß der Aufzug, den er zu besorgen hatte, nur für die
obersten Stockwerke bestimmt war, weshalb er es nicht mit den anspruchsvollsten
reichen Leuten zu tun haben würde. Allerdings konnte man hier auch nicht so viel
lernen wie anderswo und es war nur für den Anfang gut.
Schon nach der ersten Woche sah Karl ein, daß er dem Dienst vollständig gewachsen
125
war. Das Messing seines Aufzuges war am besten geputzt, keiner der dreißig anderen
Aufzüge konnte sich damit vergleichen, und es wäre vielleicht noch leuchtender
gewesen, wenn der Junge, der bei dem gleichen Aufzug diente, auch nur annähernd so
fleißig gewesen wäre und sich nicht in seiner Lässigkeit durch Karls Fleiß unterstützt
gefühlt hätte. Es war ein geborener Amerikaner, namens Renell, ein eitler Junge mit
dunklen Augen und glatten, etwas gehöhlten Wangen. Er hatte einen eleganten
Privatanzug, in dem er an dienstfreien Abenden leicht parfümiert in die Stadt eilte; hie
und da bat er auch Karl, ihn abends zu vertreten, da er in Familienangelegenheiten
weggehen müsse, und es kümmerte ihn wenig, daß sein Aussehen allen solchen
Ausreden widersprach. Trotzdem konnte ihn Karl gut leiden und hatte es gern, wenn
Renel an solchen Abenden vor dem Ausgehen in seinem Privatanzug unten beim Lift
vor ihm stehenblieb, sich noch ein wenig entschuldigte, während er die Handschuhe
über die Finger zog, und dann durch den Korridor abging. Im übrigen wollte ihm Karl
mit diesen Vertretungen nur eine Gefälligkeit machen, wie sie ihm gegenüber einem
älteren Kollegen am Anfang selbstverständlich schien, eine dauernde Einrichtung sollte
es nicht werden. Denn ermüdend genug war dieses ewige Fahren im Lift allerdings und
gar in den Abendstunden hatte es fast keine Unterbrechung.
Bald lernte Karl auch die kurzen, tiefen Verbeugungen machen, die man von den
Liftjungen verlangt, und das Trinkgeld fing er im Fluge ab. Es verschwand in seiner
Westentasche, und niemand hätte nach seinen Mienen sagen können, ob es groß oder
klein war. Vor Damen öffnete er die Tür mit einer kleinen Beigabe von Galanterie und
schwang sich in den Aufzug langsam hinter ihnen, die in Sorge um ihre Röcke, Hüte und
Behänge zögernder als Männer einzutreten pflegten. Während der Fahrt stand er, weil
dies das unauffälligste war, knapp bei der Tür, mit dem Rücken zu seinen Fahrgästen,
und hielt den Griff der Aufzugstür, um sie im Augenblick der Ankunft plötzlich und
doch nicht etwa erschreckend seitwärts wegzustoßen. Selten nur klopfte ihm einer
während der Fahrt auf die Schulter, um irgendeine kleine Auskunft zu bekommen, dann
drehte er sich eilig um, als habe er es erwartet, und gab mit lauter Stimme Antwort. Oft
gab es trotz den vielen Aufzügen, besonders nach Schluß der Theater oder nach
126
Ankunft bestimmter Expreßzüge, ein solches Gedränge, daß er, kaum daß die Gäste
oben entlassen waren, wieder hinunterrasen mußte, um die dort Wartenden
aufzunehmen. Er hatte auch die Möglichkeit, durch Ziehen an einem durch den
Aufzugskasten hindurchgehenden Drahtseil, die gewöhnliche Schnelligkeit zu steigern,
allerdings war dies durch die Aufzugsordnung verboten und sollte auch gefährlich sein.
Karl tat es auch niemals, wenn er mit Passagieren fuhr, aber wenn er sie oben abgesetzt
hatte und unten andere warteten, dann kannte er keine Rücksicht und arbeitete an dem
Seil mit starken, taktmäßigen Griffen wie ein Matrose. Er wußte übrigens, daß dies die
anderen Liftjungen auch taten, und er wollte seine Passagiere nicht an andere Jungen
verlieren. Einzelne Gäste, die längere Zeit im Hotel wohnten, was hier übrigens ziemlich
gebräuchlich war, zeigten hie und da durch ein Lächeln, daß sie Karl als ihren Liftjungen
erkannten, Karl nahm diese Freundlichkeit mit ernstem Gesichte, aber gerne an.
Manchmal, wenn der Verkehr etwas schwächer war, konnte er auch besondere kleine
Aufträge annehmen, zum Beispiel, einem Hotelgast, der sich nicht erst in sein Zimmer
bemühen wollte, eine im Zimmer vergessene Kleinigkeit zu holen, dann flog er in
seinem, in solchen Augenblicken ihm besonders vertrauten Aufzug allein hinauf, trat in
das fremde Zimmer, wo meistens sonderbare Dinge, die er nie gesehen hatte,
herumlagen oder an den Kleiderrechen hingen, fühlte den charakteristischen Geruch
einer fremden Seife, eines Parfüms, eines Mundwassers und eilte, ohne sich im
geringsten aufzuhalten, mit dem meist trotz undeutlichen Angaben gefundenen
Gegenstand wieder zurück. Oft bedauerte er, größere Aufträge nicht übernehmen zu
können, da hierfür eigene Diener und Botenjungen bestimmt waren, die ihre Wege auf
Fahrrädern, ja sogar Motorrädern besorgten. Nur zu Botengängen aus den Zimmern in
die Speise- oder Spielsäle konnte sich Karl bei günstiger Gelegenheit verwenden lassen.
Wenn er nach der zwölfstündigen Arbeitszeit drei Tage lang um sechs Uhr abends, die
nächsten drei Tage um sechs Uhr früh aus der Arbeit kam, war er so müde, daß er
geradewegs, ohne sich um jemanden zu kümmern, in sein Bett ging. Es lag im
gemeinsamen Schlafsaal der Liftjungen, die Frau Oberköchin, deren Einfluß vielleicht
doch nicht so groß war, wie er am ersten Abend geglaubt hatte, hatte sich zwar bemüht,
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ihm ein eigenes Zimmerchen zu verschaffen, und es wäre ihr wohl auch gelungen, aber
da Karl sah, welche Schwierigkeiten es machte und wie die Oberköchin öfters mit
seinem Vorgesetzten, jenem so beschäftigten Oberkellner, wegen dieser Sache
telephonierte, verzichtete er darauf und überzeugte die Oberköchin von dem Ernst
seines Verzichtes mit dem Hinweis darauf, daß er von den anderen Jungen wegen eines
nicht eigentlich selbsterarbeiteten Vorzuges nicht beneidet werden wolle.
Ein ruhiges Schlafzimmer war dieser Schlafsaal allerdings nicht. Denn da jeder einzelne
die freie Zeit von zwölf Stunden verschiedenartig auf Essen, Schlaf, Vergnügen und
Nebenverdienst verteilte, war im Schlafsaal immerfort die größte Bewegung. Da
schliefen einige und zogen die Decke über die Ohren, um nichts zu hören; wurde doch
einer geweckt, dann schrie er so wütend über das Geschrei der anderen, daß auch die
übrigen noch so guten Schläfer nicht standhalten konnten. Fast jeder Junge hatte seine
Pfeife, es wurde damit eine Art Luxus getrieben, auch Karl hatte sich eine angeschafft
und fand bald Geschmack an ihr. Nun durfte aber im Dienst nicht geraucht werden, die
Folge dessen war, daß im Schlafsaal jeder, solange er nicht unbedingt schlief, auch
rauchte. Infolgedessen stand jedes Bett in einer eigenen Rauchwolke und alles in einem
allgemeinen Dunst. Es war unmöglich durchzusetzen, obwohl eigentlich die Mehrzahl
grundsätzlich zustimmte, daß in der Nacht nur an einem Ende des Saales das Licht
brennen sollte. Wäre dieser Vorschlag durchgedrungen, dann hätten diejenigen, welche
schlafen wollten, dies im Dunkel der einen Saalhälfte es war ein großer Saal mit vierzig
Betten ruhig tun können, während die anderen im beleuchteten Teil Würfel oder
Karten hätten spielen und alles übrige besorgen können, wozu Licht nötig war. Hätte
einer, dessen Bett in der beleuchteten Saalhälfte stand, schlafen gehen wollen, so hätte er
sich in eines der freien Betten im Dunkel legen können, denn es standen immer Betten
genug frei, und niemand wendete gegen eine derartige vorübergehende Benützung seines
Bettes durch einen anderen etwas ein. Aber es gab keine Nacht, in der diese Einteilung
befolgt worden wäre. Immer wieder fanden sich zum Beispiel zwei, welche, nachdem sie
das Dunkel zu etwas Schlaf ausgenützt hatten, Lust bekamen, in ihren Betten auf einem
zwischen sie gelegten Brett Karten zu spielen, und natürlich drehten sie eine passende
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elektrische Lampe auf, deren stechendes Licht die Schlafenden, wenn sie ihm
zugewendet waren, auffahren ließ. Man wälzte sich zwar noch ein wenig herum, fand
aber schließlich auch nichts Besseres zu tun, als mit dem gleichfalls geweckten Nachbarn
auch ein Spiel bei neuer Beleuchtung vorzunehmen. Und wieder dampften natürlich
auch alle Pfeifen. Es gab allerdings auch einige, die um jeden Preis schlafen wollten
Karl gehörte meist zu ihnen und die, statt den Kopf aufs Kissen zu legen, ihn mit dem
Kissen bedeckten oder hineinwickelten; aber wie wollte man im Schlaf bleiben, wenn der
nächste Nachbar in tiefer Nacht aufstand, um vor dem Dienst noch ein wenig in der
Stadt dem Vergnügen nachzugehen, wenn er in dem am Kopfende des eigenen Bettes
angebrachten Waschbecken laut und wassersprühend sich wusch, wenn er die Stiefel
nicht nur polternd anzog, sondern stampfend sich besser in sie hineintreten wollte fast
alle hatten trotz amerikanischer Stiefelform zu enge Stiefel , um dann schließlich, da
ihm eine Kleinigkeit in seiner Ausstattung fehlte, das Kissen des Schlafenden zu heben,
unter dem man, allerdings schon längst geweckt, nur darauf wartete, auf ihn loszufahren.
Nun waren sie aber auch alle Sportsleute und junge, meist kräftige Burschen, die keine
Gelegenheit zu sportlichen Übungen versäumen wollten. Und man konnte sicher sein,
wenn man in der Nacht, mitten aus dem Schlaf durch großen Lärm geweckt, aufsprang,
auf dem Boden neben seinem Bett zwei Ringkämpfer zu finden und bei greller
Beleuchtung auf allen Betten in der Runde aufrecht stehende Sachverständige in Hemd
und Unterhosen. Einmal fiel anläßlich eines solchen nächtlichen Boxkampfes einer der
Kämpfer über den schlafenden Karl, und das erste, was Karl beim Öffnen der Augen
erblickte, war das Blut, das dem Jungen aus der Nase rann und, ehe man noch etwas
dagegen unternehmen konnte, das ganze Bettzeug überfloß. Oft verbrachte Karl fast die
ganzen zwölf Stunden mit Versuchen, einige Stunden Schlaf zu gewinnen, obwohl es ihn
auch sehr lockte, an den Unterhaltungen der anderen teilzunehmen; aber immer wieder
schien es ihm, daß alle anderen in ihrem Leben einen Vorsprung vor ihm hatten, den er
durch fleißigere Arbeit und ein wenig Verzichtleistung ausgleichen müsse. Obwohl ihm
also hauptsächlich seiner Arbeit wegen am Schlaf sehr gelegen war, beklagte er sich doch
weder gegenüber der Oberköchin, noch gegenüber Therese über die Verhältnisse im
Schlafsaal, denn erstens trugen im ganzen und großen alle Jungen schwer daran, ohne
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sich ernstlich zu beklagen, und zweitens war die Plage im Schlafsaal ein notwendiger Teil
seiner Aufgabe als Liftjunge, die er ja aus den Händen der Oberköchin dankbar
übernommen hatte.
Einmal in der Woche hatte er beim Schichtwechsel vierundzwanzig Stunden frei, die er
zum Teil dazu verwendete, bei der Oberköchin ein, zwei Besuche zu machen und mit
Therese, deren kärgliche freie Zeit er abpaßte, irgendwo, in einem Winkel, auf einem
Korridor und selten nur in ihrem Zimmer, einige flüchtige Reden auszutauschen.
Manchmal begleitete er sie auch auf ihren Besorgungen in der Stadt, die alle höchst eilig
ausgeführt werden mußten. Dann liefen sie fast, Karl mit ihrer Tasche in der Hand, zur
nächsten Station der Untergrundbahn, die Fahrt verging im Nu, als werde der Zug ohne
jeden Widerstand nur hingerissen, schon waren sie ihm entstiegen, klapperten, statt auf
den Aufzug zu warten, der ihnen zu langsam war, die Stufen hinauf, die großen Plätze,
von denen sternförmig die Straßen auseinanderflogen, erschienen und brachten ein
Getümmel in den von allen Seiten geradlinig strömenden Verkehr, aber Karl und
Therese eilten eng beisammen in die verschiedenen Büros, Waschanstalten, Lagerhäuser
und Geschäfte, in denen telephonisch nicht leicht zu besorgende, im übrigen nicht
besonders verantwortliche Bestellungen oder Beschwerden auszurichten waren. Therese
merkte bald, daß Karls Hilfe hiebei nicht zu verachten war, daß sie vielmehr in vieles
eine große Beschleunigung brachte. Niemals mußte sie in seiner Begleitung wie sonst oft
darauf warten, daß die überbeschäftigten Geschäftsleute sie anhörten. Er trat an das Pult
und klopfte so lange mit den Knöcheln darauf, bis es half, er rief über Menschenmauern
sein noch immer etwas überspitztes, aus hundert Stimmen leicht herauszuhörendes
Englisch hin, er ging auf die Leute ohne Zögern zu, und mochten sie sich hochmütig in
die Tiefe der längsten Geschäftssäle zurückgezogen haben. Er tat es nicht aus Übermut
und würdigte jeden Widerstand, aber er fühlte sich in einer sicheren Stellung, die ihm
Rechte gab, das Hotel Occidental war eine Kundschaft, deren man nicht spotten durfte,
und schließlich war Therese trotz ihrer geschäftlichen Erfahrung hilfsbedürftig.
»Sie sollten immer mitkommen«, sagte sie manchmal, glücklich lachend, wenn sie von
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einer besonders gut ausgeführten Unternehmung kamen.
Nur dreimal während der eineinhalb Monate, die Karl in Ramses blieb, war er längere
Zeit, über ein paar Stunden, in Thereses Zimmerchen. Es war natürlich kleiner als
irgendein Zimmer der Oberköchin, die wenigen Dinge, welche darin standen, waren
gewissermaßen nur um das Fenster gelagert, aber Karl verstand schon nach seinen
Erfahrungen aus dem Schlafsaal den Wert eines eigenen, verhältnismäßig ruhigen
Zimmers, und wenn er es auch nicht ausdrücklich sagte, so merkte Therese doch, wie
ihm ihr Zimmer gefiel. Sie hatte keine Geheimnisse vor ihm, und es wäre auch nicht gut
möglich gewesen, nach ihrem Besuch damals, am ersten Abend, noch Geheimnisse vor
ihm zu haben. Sie war ein uneheliches Kind, ihr Vater war Baupolier und hatte die
Mutter und das Kind aus Pommern sich nachkommen lassen; aber als hätte er damit
seine Pflicht erfüllt oder als hätte er andere Menschen erwartet als die abgearbeitete Frau
und das schwache Kind, die er an der Landungsstelle in Empfang nahm, war er bald
nach ihrer Ankunft ohne viel Erklärungen nach Kanada ausgewandert, und die
Zurückgebliebenen hatten weder einen Brief noch eine sonstige Nachricht von ihm
erhalten, was zum Teil auch nicht zu verwundern war, denn sie waren in den
Massenquartieren des New Yorker Ostens unauffindbar verloren.
Einmal erzählte Therese Karl stand neben ihr beim Fenster und sah auf die Straße
vom Tode ihrer Mutter. Wie die Mutter und sie an einem Winterabend sie konnte
damals etwa fünf Jahre alt gewesen sein jede mit ihrem Bündel durch die Straßen
eilten, um Schlafstellen zu suchen. Wie die Mutter sie zuerst bei der Hand führte es
war ein Schneesturm und nicht leicht vorwärtszukommen , bis die Hand erlahmte und
sie Therese, ohne sich nach ihr umzusehen, losließ, die sich nun Mühe geben mußte,
sich selbst an den Röcken der Mutter festzuhalten. Oft stolperte Therese und fiel sogar,
aber die Mutter war wie in einem Wahn und hielt nicht an. Und diese Schneestürme in
den langen, geraden New Yorker Straßen! Karl hatte noch keinen Winter in New York
mitgemacht. Geht man gegen den Wind, und der dreht sich im Kreise, kann man keinen
Augenblick die Augen öffnen, immerfort zerreibt einem der Wind den Schnee auf dem
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Gesicht, man läuft, aber kommt nicht weiter, es ist etwas Verzweifeltes. Ein Kind ist
dabei natürlich gegen die Erwachsenen im Vorteil, es läuft unter dem Wind durch und
hat noch ein wenig Freude an allem. So hatte auch damals Therese ihre Mutter nicht
ganz begreifen können, und sie war fest davon überzeugt, daß, wenn sie sich an jenem
Abend klüger sie war eben noch ein so kleines Kind zu ihrer Mutter verhalten hätte,
diese nicht einen so jammervollen Tod hätte erleiden müssen. Die Mutter war damals
schon zwei Tage ohne Arbeit gewesen, nicht das kleinste Geldstück war mehr
vorhanden, der Tag war ohne einen Bissen im Freien verbracht worden, und in ihren
Bündeln schleppten sie nur unbrauchbare Fetzen mit sich herum, die sie, vielleicht aus
Aberglauben, nicht wegzuwerfen wagten. Nun war der Mutter für den nächsten Morgen
Arbeit bei einem Bau in Aussicht gestellt worden, aber sie fürchtete, wie sie Therese den
ganzen Tag über zu erklären suchte, die günstige Gelegenheit nicht ausnützen zu
können, denn sie fühlte sich todmüde, hatte schon am Morgen zum Schrecken der
Passanten auf der Gasse viel Blut gehustet, und ihre einzige Sehnsucht war, irgendwo in
die Wärme zu kommen und sich auszuruhen. Und gerade an diesem Abend war es
unmöglich, ein Plätzchen zu bekommen. Dort, wo sie nicht schon vom Hausbesorger
aus dem Torgang gewiesen wurden, in dem man sich immerhin vom Wetter ein wenig
hätte erholen können, durcheilten sie die engen, eisigen Korridore, durchstiegen die
hohen Stockwerke, umkreisten die schmalen Terrassen der Höfe, klopften wahllos an
Türen, wagten einmal niemanden anzusprechen, baten dann jeden, der ihnen
entgegenkam, und einmal oder zweimal hockte die Mutter atemlos auf der Stufe einer
stillen Treppe nieder, riß Therese, die sich fast wehrte, an sich und küßte sie mit
schmerzhaftem Anpressen der Lippen. Wenn man nachher weiß, daß das die letzten
Küsse waren, begreift man nicht, daß man, und mag man ein kleiner Wurm gewesen
sein, so blind sein konnte, das nicht einzusehen. In manchen Zimmern, an denen sie
vorüberkamen, waren die Türen geöffnet, um eine erstickende Luft herauszulassen, und
aus dem rauchigen Dunst, der, wie durch einen Brand verursacht, die Zimmer erfüllte,
trat nur die Gestalt irgend jemandes hervor, der im Türrahmen stand und entweder
durch seine stumme Gegenwart oder durch ein kurzes Wort die Unmöglichkeit eines
Unterkommens in dem betreffenden Zimmer bewies. Therese schien es jetzt im
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Rückblick, daß die Mutter nur in den ersten Stunden ernstlich einen Platz suchte, denn
nachdem etwa Mitternacht vorüber war, hat sie wohl niemanden mehr angesprochen,
obwohl sie mit kleinen Pausen bis zur Morgendämmerung nicht aufhörte weiterzueilen
und obwohl in diesen Häusern, in denen weder Haustore noch Wohnungstüren je
verschlossen werden, immerfort Leben ist und einem auf Schritt und Tritt Menschen
begegnen. Natürlich war es kein Laufen, das sie rasch weiterbrachte, sondern es war nur
die äußerste Anstrengung, deren sie fähig waren, und es konnte in Wirklichkeit ganz gut
auch bloß ein Schleichen sein. Therese wußte auch nicht, ob sie von Mitternacht bis fünf
Uhr früh in zwanzig Häusern oder in zwei oder gar nur in einem Haus gewesen waren.
Die Korridore dieser Häuser sind nach schlauen Plänen der besten Raumausnützung,
aber ohne Rücksicht auf leichte Orientierung angelegt; wie oft waren sie wohl durch die
gleichen Korridore gekommen! Therese hatte wohl in dunkler Erinnerung, daß sie das
Tor eines Hauses, das sie ewig durchsucht hatten, wieder verließen, aber ebenso schien
es ihr, daß sie sich auf der Gasse gleich umgewandt und wieder in dieses Haus gestürzt
hätten. Für das Kind war es natürlich ein unbegreifliches Leid, einmal von der Mutter
gehalten, einmal sich an ihr festhaltend, ohne ein kleines Wort des Trostes mitgeschleift
zu werden, und das Ganze schien damals für seinen Unverstand nur die Erklärung zu
haben, daß die Mutter von ihm weglaufen wolle. Darum hielt sich Therese desto fester,
selbst wenn die Mutter sie an einer Hand hielt, der Sicherheit halber auch noch mit der
anderen Hand an den Röcken der Mutter, und heulte in Abständen. Sie wollte nicht hier
zurückgelassen werden, zwischen den Leuten, die vor ihnen die Treppe stampfend
emporstiegen, die hinter ihnen, noch nicht zu sehen, hinter einer Wendung der Treppe
herankamen, die in den Gängen vor einer Tür Streit miteinander hatten und einander
gegenseitig in das Zimmer hineinstießen. Betrunkene wanderten mit dumpfem Gesang
im Haus umher, und glücklich schlüpfte noch die Mutter mit Therese durch solche sich
gerade schließende Gruppen. Gewiß hätten sie spät in der Nacht, wo man nicht mehr so
achtgab und niemand mehr unbedingt auf seinem Recht bestand, wenigstens in einen
der allgemeinen, von Unternehmern vermieteten Schlafsäle sich drängen können, an
deren einigen sie vorüberkamen, aber Therese verstand es nicht, und die Mutter wollte
keine Ruhe mehr. Am Morgen, dem Beginn eines schönen Wintertages, lehnten sie
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beide an einer Hausmauer und hatten dort vielleicht ein wenig geschlafen, vielleicht nur
mit offenen Augen herumgestarrt. Es zeigte sich, daß Therese ihr Bündel verloren hatte,
und die Mutter machte sich daran, Therese zur Strafe für die Unachtsamkeit zu schlagen,
aber Therese hörte keinen Schlag und spürte keinen. Sie gingen dann weiter durch die
sich belebenden Gassen, die Mutter an der Mauer, kamen über eine Brücke, wo die
Mutter mit der Hand den Reif vom Geländer streifte, und gelangten schließlich, damals
hatte Therese es hingenommen, heute verstand sie es nicht, gerade zu jenem Bau, zu
dem die Mutter für jenen Morgen bestellt war. Sie sagte Therese nicht, ob sie warten
oder weggehen solle, und Therese nahm dies als Befehl zum Warten, da dies ihren
Wünschen am besten entsprach. Sie setzte sich also auf einen Ziegelhaufen und sah zu,
wie die Mutter ihr Bündel aufschnürte, einen bunten Fetzen herausnahm und damit ihr
Kopftuch umband, das sie während der ganzen Nacht getragen hatte. Therese war zu
müde, als daß ihr auch nur der Gedanke gekommen wäre, der Mutter zu helfen. Ohne
sich in der Bauhütte zu melden, wie dies üblich war, und ohne jemanden zu fragen, stieg
die Mutter eine Leiter hinauf, als wisse sie schon selbst, welche Arbeit ihr zugeteilt war.
Therese wunderte sich darüber, da die Handlangerinnen gewöhnlich nur unten mit
Kalklöschen, mit dem Hinreichen der Ziegel und mit sonstigen einfachen Arbeiten
beschäftigt werden. Sie dachte daher, die Mutter wolle heute eine besser bezahlte Arbeit
ausführen, und lächelte verschlafen zu ihr hinauf. Der Bau war noch nicht hoch, kaum
bis zum Erdgeschoß, gediehen, wenn auch schon die hohen Gerüststangen für den
weiteren Bau, allerdings noch ohne Verbindungshölzer, zum blauen Himmel ragten.
Oben umging die Mutter geschickt die Maurer, die Ziegel auf Ziegel legten und sie
unbegreiflicherweise nicht zur Rede stellten, sie hielt sich vorsichtig mit zarter Hand an
einem Holzverschlag, der als Geländer diente, und Therese staunte unten in ihrem Dusel
diese Geschicklichkeit an und glaubte noch einen freundlichen Blick der Mutter erhalten
zu haben. Nun kam aber die Mutter auf ihrem Gang zu einem kleinen Ziegelhaufen, vor
dem das Geländer und wahrscheinlich auch der Weg aufhörte, aber sie hielt sich nicht
daran, ging auf den Ziegelhaufen los, ihre Geschicklichkeit schien sie verlassen zu haben,
sie stieß den Ziegelhaufen um und fiel über ihn hinweg in die Tiefe. Viele Ziegel rollten
ihr nach und schließlich, eine ganze Weile später, löste sich irgendwo ein schweres Brett
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los und krachte auf sie nieder. Die letzte Erinnerung Thereses an ihre Mutter war, wie
sie mit auseinandergestreckten Beinen dalag in dem karierten Rock, der noch aus
Pommern stammte, wie jenes auf ihr liegende rohe Brett sie fast bedeckte, wie nun die
Leute von allen Seiten zusammenliefen und wie oben vom Bau irgendein Mann zornig
etwas hinunterrief.
Es war spät geworden, als Therese ihre Erzählung beendet hatte. Sie hatte ausführlich
erzählt, wie es sonst nicht ihre Gewohnheit war, und gerade bei gleichgültigen Stellen,
wie bei der Beschreibung der Gerüststangen, die jede für sich allein in den Himmel
ragten, hatte sie mit Tränen in den Augen innehalten müssen. Sie wußte jede Kleinigkeit,
die damals vorgefallen war, jetzt, nach zehn Jahren, ganz genau, und weil der Anblick
ihrer Mutter oben im halbfertigen Erdgeschoß das letzte Andenken an das Leben der
Mutter war und sie es ihrem Freunde gar nicht deutlich genug überantworten konnte,
wollte sie nach dem Schlusse ihrer Erzählung noch einmal darauf zurückkommen,
stockte aber, legte das Gesicht in die Hände und sagte kein Wort mehr.
Es gab aber auch lustigere Zeiten in Theresens Zimmer. Gleich bei seinem ersten
Besuch hatte Karl dort ein Lehrbuch der kaufmännischen Korrespondenz liegen
gesehen und auf seine Bitten geborgt erhalten. Es wurde gleichzeitig besprochen, daß
Karl die im Buch enthaltenen Aufgaben machen und Therese, die das Buch, soweit es
für ihre kleinen Arbeiten nötig war, schon durchstudiert hatte, zur Durchsicht vorlegen
solle. Nun lag Karl ganze Nächte lang, Watte in den Ohren, unten auf seinem Bett im
Schlafsaal, der Abwechslung halber in allen möglichen Lagen, las im Buch und kritzelte
die Aufgaben in ein Heftchen, mit einer Füllfeder, die ihm die Oberköchin zur
Belohnung dafür geschenkt hatte, daß er für sie ein großes Inventarverzeichnis sehr
praktisch angelegt und rein ausgeführt hatte. Es gelang ihm, die meisten Störungen der
anderen Jungen dadurch zum Guten zu wenden, daß er sich von ihnen immer kleine
Ratschläge in der englischen Sprache geben ließ, bis sie dessen müde wurden und ihn in
Ruhe ließen. Oft staunte er, wie die anderen mit ihrer gegenwärtigen Lage ganz
ausgesöhnt waren, ihren provisorischen Charakter ältere als zwanzigjährige Liftjungen
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wurden nicht geduldet gar nicht fühlten, die Notwendigkeit einer Entscheidung über
ihren künftigen Beruf nicht einsahen und trotz Karls Beispiel nichts anderes lasen als
höchstens Detektivgeschichten, die in schmutzigen Fetzen von Bett zu Bett gereicht
wurden.
Bei den Zusammenkünften korrigierte nun Therese mit übergroßer Umständlichkeit; es
ergaben sich strittige Ansichten, Karl führte als Zeugen seinen großen New Yorker
Professor an, aber der galt bei Therese ebenso wenig wie die grammatikalischen
Meinungen der Liftjungen. Sie nahm ihm die Füllfeder aus der Hand und strich die
Stelle, von deren Fehlerhaftigkeit sie überzeugt war, durch, Karl aber strich in solchen
Zweifelfällen, obwohl im allgemeinen keine höhere Autorität als Therese die Sache zu
Gesicht bekommen sollte, aus Genauigkeit die Striche Theresens wieder durch.
Manchmal allerdings kam die Oberköchin und entschied dann immer zu Theresens
Gunsten, was noch nicht beweisend war, denn Therese war ihre Sekretärin. Gleichzeitig
aber brachte sie die allgemeine Versöhnung, denn es wurde Tee gekocht, Gebäck geholt,
und Karl mußte von Europa erzählen, allerdings mit vielen Unterbrechungen von seiten
der Oberköchin, die immer wieder fragte und staunte, wodurch sie Karl zu Bewußtsein
brachte, wie vieles sich dort in verhältnismäßig kurzer Zeit von Grund aus geändert
hatte und wie vieles wohl auch schon seit seiner Abwesenheit anders geworden war und
immerfort anders wurde.
Karl mochte etwa einen Monat in Ramses gewesen sein, als ihm eines Abends Renell im
Vorübergehen sagte, er sei vor dem Hotel von einem Mann mit Namen Delamarche
angesprochen und nach Karl ausgefragt worden. Renell habe nun keinen Grund gehabt,
etwas zu verschweigen, und habe der Wahrheit gemäß erzählt, daß Karl Liftjunge sei,
jedoch Aussicht habe, infolge der Protektion der Oberköchin noch ganz andere Stellen
zu bekommen. Karl merkte, wie vorsichtig Renell von Delamarche behandelt worden
war, der ihn sogar für diesen Abend zu einem gemeinsamen Nachtmahl eingeladen
hatte.
»Ich habe nichts mehr mit Delamarche zu tun«, sagte Karl »nimm du dich nur auch vor
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ihm in acht!«
»Ich?« sagte Renell, streckte sich und eilte weg. Er war der zierlichste Junge im Hotel,
und es ging unter den anderen Jungen, ohne daß man den Urheber wußte, das Gerücht
um, daß er von einer vornehmen Dame, die schon längere Zeit im Hotel wohnte, im Lift
zumindest abgeküßt worden sei. Für den, der das Gerücht kannte, hatte es unbedingt
einen großen Reiz, jene selbstbewußte Dame, in deren Äußerem nicht das Geringste die
Möglichkeit eines solchen Benehmens ahnen ließ, mit ihren ruhigen, leichten Schritten,
zarten Schleiern, streng geschnürter Taille an sich vorübergehen zu sehen. Sie wohnte im
ersten Stock, und Renells Lift war nicht der ihre, aber man konnte natürlich, wenn die
anderen Lifts augenblicklich besetzt waren, solchen Gästen den Eintritt in einen anderen
Lift nicht verwehren. So kam es, daß diese Dame hie und da in Karls und Renells Lift
fuhr, und tatsächlich immer nur, wenn Renell Dienst hatte. Es konnte Zufall sein, aber
niemand glaubte daran, und wenn der Lift mit den beiden abfuhr, gab es in der ganzen
Reihe der Liftjungen eine mühsam unterdrückte Unruhe, die sogar schon zum
Einschreiten eines Oberkellners geführt hatte. Sei es nun, daß die Dame, sei es, daß das
Gerücht die Ursache war, jedenfalls hatte sich Renell verändert, war noch bei weitem
selbstbewußter geworden, überließ das Putzen gänzlich Karl, der schon auf die nächste
Gelegenheit einer gründlichen Aussprache hierüber wartete, und war im Schlafsaal gar
nicht mehr zu sehen. Kein anderer war so vollständig aus der Gemeinschaft der
Liftjungen ausgetreten, denn im allgemeinen hielten alle, zumindest in Dienstfragen,
streng zusammen und hatten eine Organisation, die von der Hoteldirektion anerkannt
war.
Alles dieses ließ sich Karl durch den Kopf gehen, dachte auch an Delamarche, und
verrichtete im übrigen seinen Dienst wie immer. Gegen Mitternacht hatte er eine kleine
Abwechslung, denn Therese, die ihn öfters mit kleinen Geschenken überraschte, brachte
ihm einen großen Apfel und eine Tafel Schokolade. Sie unterhielten sich ein wenig,
durch die Unterbrechungen, welche die Fahrten mit dem Aufzug brachten, kaum
gestört. Das Gespräch kam auch auf Delamarche, und Karl merkte, daß er sich
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eigentlich durch Therese hatte beeinflussen lassen, wenn er ihn seit einiger Zeit für einen
gefährlichen Menschen hielt, denn so erschien er allerdings Therese nach Karls
Erzählungen. Karl jedoch hielt ihn im Grunde nur für einen Lumpen, der durch das
Unglück sich hatte verderben lassen und mit dem man schon auskommen konnte.
Therese widersprach dem aber sehr lebhaft und forderte Karl in langen Reden das
Versprechen ab, kein Wort mit Delamarche mehr zu reden. Statt dieses Versprechen zu
geben, drängte sie Karl wiederholt, schlafen zu gehen, da Mitternacht schon längst
vorüber war, und als sie sich weigerte, drohte er, seinen Posten zu verlassen und sie in
ihr Zimmer zu führen. Als sie endlich bereit war wegzugehen, sagte er: »Warum machst
du dir so unnötige Sorgen, Therese? Für den Fall, daß du dadurch besser schlafen
solltest, verspreche ich dir gerne, daß ich mit Delamarche nur reden werde, wenn es sich
nicht vermeiden läßt.« Dann kamen viele Fahrten, denn der Junge am Nebenlift wurde
zu irgendeiner anderen Hilfeleistung verwendet, und Karl mußte beide Lifts besorgen.
Es gab Gäste, die von Unordnung sprachen, und ein Herr, der eine Dame begleitete,
berührte Karl sogar leicht mit dem Spazierstock, um ihn zur Eile anzutreiben, eine
Ermahnung, die recht unnötig war. Wenn doch wenigstens die Gäste, da sie sahen, daß
bei dem einen Lift kein Junge stand, gleich zu Karls Lift getreten wären, aber das taten
sie nicht, sondern gingen zu dem Nebenlift und blieben dort, die Hand an der Klinke,
stehen oder traten gar selbst in den Aufzug ein, was nach dem strengsten Paragraphen
der Dienstordnung die Liftjungen um jeden Preis verhüten sollten. So gab es für Karl ein
sehr ermüdendes Hin- und Herlaufen, ohne daß er aber dabei das Bewußtsein gehabt
hätte, seine Pflicht genau zu erfüllen. Gegen drei Uhr früh wol te überdies ein
Packträger, ein alter Mann, mit dem er ein wenig befreundet war, irgendeine
Hilfeleistung von ihm haben, aber die konnte er nun keinesfalls leisten, denn gerade
standen Gäste vor seinen beiden Lifts, und es gehörte Geistesgegenwart dazu, sich
sofort mit großen Schritten für eine Gruppe zu entscheiden. Er war daher glücklich, als
der andere Junge wieder antrat, und rief ein paar Worte des Vorwurfs wegen seines
langen Ausbleibens zu ihm hinüber, obwohl er wahrscheinlich keine Schuld daran hatte.
Nach vier Uhr früh trat ein wenig Ruhe ein, aber Karl brauchte sie auch schon dringend.
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Er lehnte schwer am Geländer neben seinem Aufzug, aß langsam den Apfel, aus dem
schon nach dem ersten Biß ein starker Duft strömte, und sah in einen Lichtschacht
hinunter, der von den großen Fenstern der Vorratskammern umgeben war, hinter denen
hängende Massen von Bananen im Dunkel gerade noch schimmerten.
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Der Fall Robinson
Da klopfte ihm jemand auf die Schulter. Karl, der natürlich dachte, es wäre ein Gast,
steckte den Apfel eiligst in die Tasche und eilte, kaum daß er den Mann ansah, zum
Aufzug hin.
»Guten Abend, Herr Roßmann«, sagte nun aber der Mann »ich bin es, Robinson.«
»Sie haben sich aber verändert!« sagte Karl und schüttelte den Kopf.
»Ja, es geht mir gut«, sagte Robinson und sah an seiner Kleidung hinunter, die vielleicht
aus ziemlich feinen Stücken bestand, aber so zusammengewürfelt war, daß sie geradezu
schäbig aussah. Das Auffallendste war eine offenbar zum erstenmal getragene weiße
Weste mit vier kleinen, schwarz eingefaßten Täschchen, auf die Robinson auch durch
Vorstrecken der Brust aufmerksam zu machen suchte.
»Sie haben teuere Kleider«, sagte Karl und dachte flüchtig an sein schönes einfaches
Kleid, in dem er sogar neben Renell hätte bestehen können und das die zwei schlechten
Freunde verkauft hatten.
»Ja«, sagte Robinson, »ich kaufe mir fast jeden Tag irgend etwas. Wie gefällt Ihnen die
Weste?«
»Ganz gut«, sagte Karl.
»Es sind aber keine wirklichen Taschen, das ist nur so gemacht«, sagte Robinson und
faßte Karl bei der Hand, damit sich dieser selbst davon überzeuge. Aber Karl wich
zurück, denn aus Robinsons Mund kam ein unerträglicher Branntweingeruch.
»Sie trinken wieder viel«, sagte Karl und stand schon wieder am Geländer.
»Nein«, sagte Robinson, »nicht viel«, und fügte im Widerspruch zu seiner früheren
Zufriedenheit hinzu: »Was hat der Mensch sonst auf der Welt.« Eine Fahrt unterbrach
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das Gespräch, und kaum war Karl wieder unten, erfolgte ein telephonischer Anruf, laut
dessen Karl den Hotelarzt holen sollte, da eine Dame im siebenten Stockwerk einen
Ohnmachtsanfall erlitten hatte. Während dieses Weges hoffte Karl im geheimen, daß
Robinson sich inzwischen entfernt haben werde, denn er wollte nicht mit ihm gesehen
werden und, in Gedanken an Theresens Warnung, auch von Delamarche nichts hören.
Aber Robinson wartete noch in der steifen Haltung eines Vollgetrunkenen, und gerade
ging ein höherer Hotelbeamter in schwarzem Gehrock und Zylinderhut vorüber,
glücklicherweise ohne Robinson, wie es schien, besonders zu beachten.
»Wollen Sie, Roßmann, nicht einmal zu uns kommen, wir haben es jetzt sehr fein«, sagte
Robinson und sah Karl lockend an.
»Laden Sie mich ein oder Delamarche?« fragte Karl.
»Ich und Delamarche. Wir sind darin einig«, sagte Robinson.
»Dann sage ich Ihnen und bitte Sie, Delamarche das gleiche auszurichten: Unser
Abschied war, wenn das nicht schon an und für sich klar gewesen sein sollte, ein
endgültiger. Sie beide haben mir mehr Leid getan als irgend jemand. Haben Sie sich
vielleicht in den Kopf gesetzt, mich auch weiterhin nicht in Ruhe zu lassen?«
»Wir sind doch Ihre Kameraden«, sagte Robinson, und widerliche Tränen der
Trunkenheit stiegen ihm in die Augen. »Delamarche läßt Ihnen sagen, daß er Sie für alles
Frühere entschädigen will. Wir wohnen jetzt mit Brunelda zusammen, einer herrlichen
Sängerin.« Und im Anschluß daran wollte er gerade ein Lied in hohen Tönen singen,
wenn ihn nicht Karl noch rechtzeitig angezischt hätte: »Schweigen Sie, aber
augenblicklich; wissen Sie denn nicht, wo Sie sind!«
»Roßmann«, sagte Robinson, nun rücksichtlich des Singens eingeschüchtert »ich bin
doch Ihr Kamerad, sagen Sie, was Sie wollen. Und nun haben Sie hier eine so schöne
Position, könnten Sie mir einiges Geld überlassen?«
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»Sie vertrinken es ja bloß wieder«, sagte Karl, »da sehe ich in Ihrer Tasche sogar
irgendeine Branntweinflasche, aus der Sie gewiß, während ich weg war, getrunken haben,
denn anfangs waren Sie ja noch ziemlich bei Sinnen.«
»Das ist nur zur Stärkung, wenn ich auf einem Wege bin«, sagte Robinson
entschuldigend.
»Ich will Sie ja nicht mehr bessern«, sagte Karl.
»Aber das Geld!« sagte Robinson mit aufgerissenen Augen.
»Sie haben wohl von Delamarche den Auftrag bekommen, Geld mitzubringen. Gut, ich
gebe Ihnen Geld, aber nur unter der Bedingung, daß Sie sofort von hier fortgehen und
niemals mehr mich hier besuchen. Wenn Sie mir etwas mitteilen wollen, schreiben Sie an
mich. Karl Roßmann, Liftjunge, Hotel Occidental, genügt als Adresse. Aber hier dürfen
Sie, das wiederhole ich, mich nicht mehr besuchen. Hier bin ich im Dienst und habe
keine Zeit für Besuche. Wollen Sie also das Geld unter dieser Bedingung?« fragte Karl
und griff in die Westentaschen, denn er war entschlossen, das Trinkgeld der heutigen
Nacht zu opfern. Robinson nickte bloß zu der Frage und atmete schwer. Karl deutete
das unrichtig und fragte nochmals: »Ja oder nein?«
Da winkte ihn Robinson zu sich heran und flüsterte unter Schlingbewegungen, die
schon ganz deutlich waren: »Roßmann, mir ist sehr schlecht.«
»Zum Teufel«, entfuhr es Karl, und mit beiden Händen schleppte er ihn zum Geländer.
Und schon ergoß es sich aus Robinsons Mund in die Tiefe. Hilflos strich er in den
Pausen, die ihm seine Übelkeit ließ, blindlings zu Karl hin.
»Sie sind wirklich ein guter Junge«, sagte er dann, oder: »Es hört schon auf«, was aber
noch lange nicht richtig war, oder: »Die Hunde, was haben sie mir dort für ein Zeug
eingegossen!« Karl hielt es vor Unruhe und Ekel bei ihm nicht mehr aus und begann auf
und ab zu gehen. Hier, im Winkel neben dem Aufzug, war ja Robinson ein wenig
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versteckt, aber wie, wenn ihn doch jemand bemerkte, einer dieser nervösen, reichen
Gäste, die nur darauf warten, dem herbeilaufenden Hotelbeamten eine Beschwerde
mitzuteilen, für welche dieser dann wütend am ganzen Hause Rache nimmt, oder wenn
einer dieser immerfort wechselnden Hoteldetektivs vorüberkäme, die niemand kennt
außer der Direktion und die man in jedem Menschen vermutet, der prüfende Blicke,
vielleicht bloß aus Kurzsichtigkeit, macht. Und unten brauchte nur jemand bei dem die
ganze Nacht nicht aussetzenden Restaurationsbetrieb in die Vorratskammern zu gehen,
staunend die Scheußlichkeit im Lichtschacht zu bemerken und Karl telephonisch
anzufragen, was denn um Himmels willen da oben los sei. Konnte Karl dann Robinson
verleugnen? Und wenn er es täte, würde sich nicht Robinson in seiner Dummheit und
Verzweiflung statt aller Entschuldigung gerade nur auf Karl berufen? Und mußte dann
nicht Karl sofort entlassen werden, da dann das Unerhörte geschehen war, daß ein
Liftjunge, der niedrigste und entbehrlichste Angestellte in der ungeheueren Stufenleiter
der Dienerschaft dieses Hotels, durch seinen Freund das Hotel hatte beschmutzen und
die Gäste erschrecken oder ganz vertreiben lassen? Konnte man einen Liftjungen weiter
dulden, der solche Freunde hatte, von denen er sich überdies während seiner
Dienststunden besuchen ließ? Sah es nicht ganz so aus, als ob ein solcher Liftjunge
selbst ein Säufer oder gar etwas Ärgeres sei, denn welche Vermutung war
einleuchtender, als daß er seine Freunde aus den Vorräten des Hotels so lange
überfütterte, bis sie an einer beliebigen Stelle dieses gleichen, peinlich rein gehaltenen
Hotels solche Dinge ausführten, wie jetzt Robinson? Und warum sollte sich ein solcher
Junge auf die Diebstähle von Lebensmitteln beschränken, da doch die Möglichkeiten zu
stehlen bei der bekannten Nachlässigkeit der Gäste, den überall offenstehenden
Schränken, den auf den Tischen herumliegenden Kostbarkeiten, den aufgerissenen
Kassetten, den gedankenlos hingeworfenen Schlüsseln wirklich unzählige waren?
Gerade sah Karl in der Ferne Gäste aus einem Kellerlokal heraufsteigen, in dem eben
eine Varietévorstellung beendet worden war. Karl stellte sich zu seinem Aufzug und
wagte sich gar nicht nach Robinson umzudrehen, aus Furcht vor dem, was er zu sehen
bekommen könnte. Es beruhigte ihn wenig, daß er keinen Laut, nicht einmal einen
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Seufzer, von dort hörte. Er bediente zwar seine Gäste und fuhr mit ihnen auf und ab,
aber seine Zerstreutheit konnte er doch nicht ganz verbergen, und bei jeder
Abwärtsfahrt war er darauf gefaßt, unten eine peinliche Überraschung vorzufinden.
Endlich hatte er wieder Zeit, nach Robinson zu sehen, der in seinem Winkel ganz klein
kauerte und das Gesicht gegen die Knie drückte. Seinen runden, harten Hut hatte er weit
aus der Stirne geschoben.
»Also jetzt gehen Sie schon«, sagte Karl leise und bestimmt. »Hier ist das Geld. Wenn Sie
sich beeilen, kann ich Ihnen noch den kürzesten Weg zeigen.«
»Ich werde nicht weggehen können«, sagte Robinson und wischte sich mit einem
winzigen Taschentuche die Stirn, »ich werde hier sterben. Sie können sich nicht
vorstellen, wie schlecht mir ist. Delamarche nimmt mich überall in die feinen Lokale mit,
aber ich vertrage dieses zimperliche Zeug nicht, ich sage es Delamarche täglich.«
»Hier können Sie nun einmal nicht bleiben«, sagte Karl, »bedenken Sie doch, wo Sie
sind. Wenn man Sie hier findet, werden Sie bestraft, und ich verliere meinen Posten.
Wollen Sie das?«
»Ich kann nicht weggehen«, sagte Robinson, »lieber springe ich da hinunter«, und er
zeigte zwischen den Geländerstangen in den Lichtschacht.
»Wenn ich hier so sitze, so kann ich es noch ertragen, aber aufstehen kann ich nicht, ich
habe es ja schon versucht, während Sie weg waren.«
»Dann hole ich also einen Wagen, und Sie fahren ins Krankenhaus«, sagte Karl und
schüttelte ein wenig Robinsons Beine, der jeden Augenblick in völlige Teilnahmslosigkeit
zu verfallen drohte. Aber kaum hatte Robinson das Wort Krankenhaus gehört, das ihm
schreckliche Vorstellungen zu erwecken schien, als er laut zu weinen anfing und die
Hände, um Gnade bittend, nach Karl ausstreckte.
»Still«, sagte Karl, schlug ihm mit einem Klaps die Hände nieder, lief zu dem Liftjungen,
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den er in der Nacht vertreten hatte, bat ihn für ein kleines Weilchen um die gleiche
Gefälligkeit, eilte zu Robinson zurück, zog den noch immer Schluchzenden mit aller
Kraft in die Höhe und flüsterte ihm zu: »Robinson, wenn Sie wollen, daß ich mich Ihrer
annehme, dann strengen Sie sich aber an, jetzt eine ganz kleine Strecke Wegs aufrecht zu
gehen. Ich führe Sie nämlich in mein Bett, in dem Sie so lange bleiben können, bis Ihnen
gut ist. Sie werden staunen, wie bald Sie sich erholen werden. Aber jetzt benehmen Sie
sich nur vernünftig, denn auf den Gängen sind überall Leute, und auch mein Bett ist in
einem allgemeinen Schlafsaal. Wenn man auf Sie auch nur ein wenig aufmerksam wird,
kann ich nichts mehr für Sie tun. Und die Augen müssen Sie offenhalten, ich kann Sie da
nicht wie einen Todkranken herumführen.«
»Ich will ja alles tun, was Sie für recht halten«, sagte Robinson, »aber Sie allein werden
mich nicht führen können. Könnten Sie nicht noch Renell holen?«
»Renell ist nicht hier«, sagte Karl.
»Ach ja«, sagte Robinson, »Renell ist mit Delamarche beisammen. Die beiden haben
mich ja nach Ihnen ausgeschickt. Ich verwechsle schon alles.« Karl benützte diese und
noch andere unverständliche Selbstgespräche Robinsons, um ihn vorwärts zu schieben,
und kam mit ihm auch glücklich bis zu einer Ecke, von der aus ein etwas schwächer
beleuchteter Gang zum Schlafsaal der Liftjungen führte. Gerade jagte in vollem Lauf ein
Liftjunge auf sie zu und an ihnen vorüber. Im übrigen hatten sie bis jetzt nur
ungefährliche Begegnungen gehabt; zwischen vier und fünf Uhr war nämlich die stillste
Zeit, und Karl hatte wohl gewußt, daß, wenn ihm das Wegschaffen Robinsons jetzt nicht
gelänge, in der Morgendämmerung und im beginnenden Tagesverkehr überhaupt nicht
mehr daran zu denken wäre.
Im Schlafsaal war am anderen Ende des Saales gerade eine große Rauferei oder sonstige
Veranstaltung im Gange, man hörte rhythmisches Händeklatschen, aufgeregtes
Füßetrappeln und sportliche Zurufe. In der bei der Tür gelegenen Saalhälfte sah man in
den Betten nur wenige unbeirrte Schläfer, die meisten lagen auf dem Rücken und
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starrten in die Luft, während hie und da einer, bekleidet oder unbekleidet, wie er gerade
war, aus dem Bett sprang, um nachzusehen, wie die Dinge am anderen Saalende standen.
So brachte Karl Robinson, der sich an das Gehen inzwischen ein wenig gewöhnt hatte,
ziemlich unbeachtet in Renells Bett, da es der Türe sehr nahe lag und glücklicherweise
nicht besetzt war, während in seinem eigenen Bett, wie er aus der Ferne sah, ein fremder
Junge, den er gar nicht kannte, ruhig schlief. Kaum fühlte Robinson das Bett unter sich,
als er sofort ein Bein baumelte noch aus dem Bett heraus einschlief. Karl zog ihm
die Decke weit über das Gesicht und glaubte, sich wenigstens für die nächste Zeit keine
Sorgen machen zu müssen, da Robinson gewiß nicht vor sechs Uhr früh erwachen
würde, und bis dahin würde er wieder hier sein und dann, vielleicht schon mit Renell, ein
Mittel finden, um Robinson wegzubringen. Eine Inspektion des Schlafsaales durch
irgendwelche höheren Organe gab es nur in außerordentlichen Fällen, die Abschaffung
der früher üblichen al gemeinen Inspektion hatten die Liftjungen schon vor Jahren
durchgesetzt, es war also auch von dieser Seite nichts zu fürchten.
Als Karl wieder bei seinem Aufzug angelangt war, sah er, daß sowohl sein Aufzug als
auch jener seines Nachbarn gerade in die Höhe fuhren. Unruhig wartete er darauf, wie
sich das aufklären würde. Sein Aufzug kam früher herunter, und es entstieg ihm jener
Junge, der vor einem Weilchen durch den Gang gelaufen war.
»Ja, wo bist du denn gewesen, Roßmann?« fragte dieser.
»Warum bist du weggegangen? Warum hast du es nicht gemeldet?«
»Aber ich habe ihm doch gesagt, daß er mich ein Weilchen vertreten soll«, antwortete
Karl und zeigte auf den Jungen vom Nachbarlift, der gerade herankam. »Ich habe ihn
doch auch zwei Stunden lang während des größten Verkehrs vertreten.«
»Das ist alles sehr gut«, sagte der Angesprochene »aber das genügt doch nicht. Weißt du
denn nicht, daß man auch die kürzeste Abwesenheit während des Dienstes im Büro des
Oberkellners melden mußt? Dazu hast du ja das Telephon da. Ich hätte dich schon
gerne vertreten, aber du weißt ja, daß das nicht so leicht ist. Gerade waren vor beiden
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Lifts neue Gäste vom Vier-Uhr-dreißig-Expreßzug. Ich konnte doch nicht zuerst mit
deinem Lift laufen und meine Gäste warten lassen, so bin ich also zuerst mit meinem
Lift hinaufgefahren!«
»Nun?« fragte Karl gespannt, da beide Jungen schwiegen.
»Nun«, sagte der Junge vom Nachbarlift, »da geht gerade der Oberkellner vorüber, sieht
die Leute vor deinem Lift ohne Bedienung, bekommt Galle, fragt mich, der ich gleich
hergerannt bin, wo du steckst, ich habe keine Ahnung davon, denn du hast mir ja gar
nicht gesagt, wohin du gehst, und so telephoniert er gleich in den Schlafsaal, daß sofort
ein anderer Junge herkommen soll.«
»Ich habe dich ja noch im Gang getroffen«, sagte Karls Ersatzmann. Karl nickte.
»Natürlich«, beteuerte der andere Junge »habe ich gleich gesagt, daß du mich um deine
Vertretung gebeten hast, aber hört denn der auf solche Entschuldigungen, Du kennst
ihn wahrscheinlich noch nicht. Und wir sollen dir ausrichten, daß du sofort ins Büro
kommen sollst. Also halte dich lieber nicht auf und lauf hin. Vielleicht verzeiht er es dir
noch, du warst ja wirklich nur zwei Minuten weg. Berufe dich nur ruhig darauf, daß du
mich um Vertretung gebeten hast. Davon, daß du mich vertreten hast, rede lieber nicht,
laß dir raten, mir kann nichts geschehen, ich hatte Erlaubnis, aber es ist nicht gut, von
einer solchen Sache zu reden und sie noch in diese Angelegenheit zu mischen, mit der
sie nichts zu tun hat.«
»Es ist das erstemal gewesen, daß ich meinen Posten verlassen habe«, sagte Karl.
»Das ist immer so, nur glaubt man es nicht«, sagte der Junge und lief zu seinem Lift, da
sich Leute näherten.
Karls Vertreter, ein etwa vierzehnjähriger Junge, der offenbar mit Karl Mitleid hatte,
sagte: »Es sind schon viele Fälle vorgekommen, in denen man solche Sachen verziehen
hat. Gewöhnlich wird man zu anderen Arbeiten versetzt. Entlassen wurde, soviel ich
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weiß, wegen einer solchen Sache nur einer. Du mußt dir eine gute Entschuldigung
ausdenken. Auf keinen Fall sage, daß dir plötzlich schlecht geworden ist, da lacht er dich
aus. Da ist es schon besser, du sagst, ein Gast hat dir irgendeine eilige Bestellung an
einen anderen Gast aufgegeben und du weißt nicht mehr, wer der erste Gast war, und
den zweiten hast du nicht finden können.«
»Na«, sagte Karl, »es wird nicht so schlimm werden«, nach allem, was er gehört hatte,
glaubte er an keinen guten Ausgang mehr. Und wenn selbst diese Dienstversäumnis
verziehen werden sollte, so lag doch drinnen im Schlafsaal noch Robinson als lebendige
Schuld, und es war bei dem galligen Charakter des Oberkellners nur zu wahrscheinlich,
daß man sich mit keiner oberflächlichen Untersuchung begnügen und Robinson
schließlich doch noch aufstöbern würde. Es bestand wohl kein ausdrückliches Verbot,
nach dem fremde Leute in den Schlafsaal nicht mitgenommen werden durften, aber dies
bestand nur deshalb nicht, weil eben unausdenkbare Dinge nicht verboten werden.
Als Karl in das Büro des Oberkellners eintrat, saß dieser gerade bei seinem
Morgenkaffee, machte einmal einen Schluck und sah dann wieder in ein Verzeichnis, das
ihm offenbar der gleichfalls anwesende oberste Hotelportier überbracht hatte. Es war
dies ein großer Mann, den seine üppige, reichgeschmückte Uniform noch auf den
Achseln und die Arme hinunter schlängelten sich goldene Ketten und Bänder noch
breitschultriger machte, als er von Natur aus war. Ein glänzender schwarzer Schnurrbart,
weit in Spitzen ausgezogen, so wie ihn Ungarn tragen, rührte sich auch bei der
schnellsten Kopfbewegung nicht. Im übrigen konnte sich der Mann infolge seiner
Kleiderlast überhaupt nur schwer bewegen und stellte sich nicht anders als mit seitwärts
eingestemmten Beinen auf, um sein Gewicht richtig zu verteilen.
Karl war frei und eilig eingetreten, wie er es sich hier im Hotel angewöhnt hatte, denn
die Langsamkeit und Vorsicht, die bei Privatpersonen Höflichkeit bedeutet, hält man bei
Liftjungen für Faulheit. Außerdem mußte man ihm auch nicht gleich beim Eintreten
sein Schuldbewußtsein ansehen. Der Oberkellner hatte zwar flüchtig auf die sich
öffnende Tür hingeblickt, war dann aber sofort zu seinem Kaffee und zu seiner Lektüre
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zurückgekehrt, ohne sich weiter um Karl zu kümmern. Der Portier aber fühlte sich
vielleicht durch Karls Anwesenheit gestört, vielleicht hatte er irgendeine geheime
Nachricht oder Bitte vorzutragen, jedenfalls sah er alle Augenblicke bös und mit steif
geneigtem Kopf nach Karl hin, um sich dann, wenn er, offenbar seiner Absicht
entsprechend, mit Karls Blicken zusammengetroffen war, wieder dem Oberkellner
zuzuwenden. Karl aber glaubte, es würde sich nicht gut ausnehmen, wenn er jetzt, da er
nun schon einmal hier war, das Büro wieder verließe, ohne vom Oberkellner den Befehl
hiezu erhalten zu haben. Dieser aber studierte weiter das Verzeichnis und aß
zwischendurch von einem Stück Kuchen, von dem er hie und da, ohne im Lesen
innezuhalten, den Zucker abschüttelte. Einmal fiel ein Blatt des Verzeichnisses zu
Boden, der Portier machte nicht einmal den Versuch, es aufzuheben, er wußte, daß er es
nicht zustande brächte, es war auch nicht nötig, denn Karl war schon zur Stelle und
reichte das Blatt dem Oberkellner, der es ihm mit einer Handbewegung abnahm, als sei
es von selbst vom Boden aufgeflogen. Die ganze kleine Dienstleistung hatte nichts
genützt, denn der Portier hörte auch weiterhin mit seinen bösen Blicken nicht auf.
Trotzdem war Karl gefaßter als früher. Schon daß seine Sache für den Oberkellner so
wenig Wichtigkeit zu haben schien, konnte man für ein gutes Zeichen halten. Es war
schließlich auch nur begreiflich. Natürlich bedeutet ein Liftjunge gar nichts und darf sich
deshalb nichts erlauben, aber eben deshalb, weil er nichts bedeutet, kann er auch nichts
Außerordentliches anstellen. Schließlich war der Oberkellner in seiner Jugend selbst
Liftjunge gewesen was noch der Stolz dieser Generation von Liftjungen war , er war
es gewesen, der die Liftjungen zum erstenmal organisiert hatte, und gewiß hat auch er
einmal ohne Erlaubnis seinen Posten verlassen, wenn ihn auch jetzt allerdings niemand
zwingen konnte, sich daran zu erinnern, und wenn man auch nicht außer acht lassen
durfte, daß er, gerade als gewesener Liftjunge, darin seine Pflicht sah, diesen Stand durch
zeitweilig unnachsichtliche Strenge in Ordnung zu halten. Nun setzte aber Karl
außerdem seine Hoffnung auf das Vorrücken der Zeit. Nach der Bürouhr war es schon
viertel sechs, jeden Augenblick konnte Renell zurückkehren, vielleicht war er sogar
schon da, denn es mußte ihm doch aufgefallen sein, daß Robinson nicht
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zurückgekommen war, übrigens konnten sich Delamarche und Renell gar nicht weit
vom Hotel Occidental aufgehalten haben, wie Karl jetzt einfiel, denn sonst hätte auch
Robinson in seinem elenden Zustand den Weg hierher nicht gefunden. Wenn nun Renell
Robinson in seinem Bett antraf, was doch geschehen mußte, dann war alles gut. Denn
praktisch, wie Renell war, besonders wenn es sich um seine Interessen handelte, würde
er schon Robinson irgendwie gleich aus dem Hotel entfernen, was ja um so leichter
geschehen konnte, als Robinson sich inzwischen ein wenig gestärkt hatte und überdies
wahrscheinlich Delamarche vor dem Hotel wartete, um ihn in Empfang zu nehmen.
Wenn aber Robinson einmal entfernt war, dann konnte Karl dem Oberkellner viel
ruhiger entgegentreten und für diesmal vielleicht noch mit einer, wenn auch schweren,
Rüge davonkommen. Dann würde er sich mit Therese beraten, ob er der Oberköchin
die Wahrheit sagen dürfe er für seinen Teil sah kein Hindernis , und wenn das
möglich war, würde die Sache ohne besonderen Schaden aus der Welt geschafft sein.
Gerade hatte sich Karl durch solche Überlegungen ein wenig beruhigt und machte sich
daran, das in dieser Nacht eingenommene Trinkgeld unauffällig zu überzählen, denn es
schien ihm dem Gefühl nach besonders reichlich gewesen zu sein, als der Oberkellner
das Verzeichnis mit den Worten »Warten Sie noch, bitte, einen Augenblick, Feodor« auf
den Tisch legte, elastisch aufsprang und Karl so laut anschrie, daß dieser erschrocken
vorerst nur in das große, schwarze Mundloch starrte.
»Du hast deinen Posten ohne Erlaubnis verlassen. Weißt du, was das bedeutet? Das
bedeutet Entlassung. Ich will keine Entschuldigungen hören, deine erlogenen Ausreden
kannst du für dich behalten, mir genügt vollständig die Tatsache, daß du nicht da warst.
Wenn ich das einmal dulde und verzeihe, werden nächstens alle vierzig Liftjungen
während des Dienstes davonlaufen, und ich kann meine fünftausend Gäste allein die
Treppe hinauftragen.«
Karl schwieg. Der Portier war näher gekommen und zog das Röckchen Karls, das einige
Falten warf, ein wenig tiefer, zweifellos um den Oberkellner auf diese kleine
Unordentlichkeit im Anzug Karls besonders aufmerksam zu machen.
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»Ist dir vielleicht plötzlich schlecht geworden?« fragte der Oberkellner listig.
Karl sah ihn prüfend an und antwortete: »Nein.«
»Also nicht einmal schlecht ist dir geworden?« schrie der Oberkellner desto stärker.
»Also dann mußt du ja irgendeine großartige Lüge erfunden haben. Welche
Entschuldigung hast du? Heraus damit.«
»Ich habe nicht gewußt, daß man telephonisch um Erlaubnis bitten muß«, sagte Karl.
»Das ist allerdings köstlich«, sagte der Oberkellner, faßte Karl beim Rockkragen und
brachte ihn fast in der Schwebe vor eine Dienstordnung der Lifts, die an der Wand
aufgenagelt war. Auch der Portier ging hinter ihnen zur Wand hin. »Da, lies!« sagte der
Oberkellner und zeigte auf einen Paragraphen. Karl glaubte, er solle es für sich lesen.
»Laut!« kommandierte aber der Oberkellner.
Statt laut zu lesen, sagte Karl, in der Hoffnung, damit den Oberkellner besser zu
beruhigen: »Ich kenne den Paragraphen, ich habe ja die Dienstordnung auch bekommen
und genau gelesen. Aber gerade eine solche Bestimmung, die man niemals braucht,
vergißt man. Ich diene schon zwei Monate und habe niemals meinen Posten verlassen.«
»Dafür wirst du ihn jetzt verlassen«, sagte der Oberkellner, ging zum Tisch hin, nahm
das Verzeichnis wieder zur Hand, als wolle er darin weiterlesen, schlug damit aber auf
den Tisch, als sei es ein nutzloser Fetzen, und ging, starke Röte auf Stirn und Wangen,
kreuz und quer im Zimmer herum.
»Wegen eines solchen Bengels hat man das nötig! Solche Aufregungen beim
Nachtdienst!« stieß er einigemal hervor. »Wissen Sie, wer gerade hinauffahren wollte, als
dieser Kerl hier vom Lift weggelaufen war?« wandte er sich zum Portier. Und er nannte
einen Namen, bei dem es dem Portier, der gewiß alle Gäste kannte und bewerten
konnte, so schauderte, daß er schnell auf Karl hinsah, als sei nur dessen Existenz eine
Bestätigung dessen, daß der Träger jenes Namens eine Zeitlang bei einem Lift, dessen
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Junge weggelaufen war, nutzlos hatte warten müssen.
»Das ist schrecklich!« sagte der Portier und schüttelte langsam in grenzenloser
Beunruhigung den Kopf gegen Karl hin, welcher ihn traurig ansah und dachte, daß er
nun auch für die Begriffstützigkeit dieses Mannes werde büßen müssen.
»Ich kenne dich übrigens auch schon«, sagte der Portier und streckte seinen dicken,
großen, steifgespannten Zeigefinger aus.
»Du bist der einzige Junge, welcher mich grundsätzlich nicht grüßt. Was bildest du dir
eigentlich ein! Jeder, der an der Portierloge vorübergeht, muß mich grüßen. Mit den
übrigen Portiers kannst du es halten, wie du willst, ich aber verlange gegrüßt zu werden.
Ich tue zwar manchmal so, als ob ich nicht aufpaßte, aber du kannst ganz ruhig sein, ich
weiß sehr genau, wer mich grüßt oder nicht, du Lümmel!« Und er wandte sich von Karl
ab und schritt hochaufgerichtet auf den Oberkellner zu, der aber, statt sich zu des
Portiers Sache zu äußern, sein Frühstück beendete und eine Morgenzeitung überflog, die
ein Diener eben ins Zimmer hereingebracht hatte.
»Herr Oberportier«, sagte Karl, der während der Unachtsamkeit des Oberkel ners
wenigstens die Sache mit dem Portier ins reine bringen wollte, denn er begriff, daß ihm
vielleicht der Vorwurf des Portiers nicht schaden konnte, wohl aber dessen Feindschaft
»ich grüße Sie ganz gewiß. Ich bin doch noch nicht lange in Amerika und stamme aus
Europa, wo man bekanntlich viel mehr grüßt, als nötig ist. Das habe ich mir natürlich
noch nicht ganz abgewöhnen können, und noch vor zwei Monaten hat man mir in New
York, wo ich zufällig in höheren Kreisen verkehrte, bei jeder Gelegenheit zugeredet, mit
meiner übertriebenen Höflichkeit aufzuhören. Und da sollte ich gerade Sie nicht gegrüßt
haben! Ich habe Sie jeden Tag einigemal gegrüßt. Aber natürlich nicht jedesmal, wenn
ich Sie gesehen habe, da ich doch täglich hundertmal an Ihnen vorüberkomme.«
»Du hast mich jedesmal zu grüßen, jedesmal, ohne Ausnahme, du hast die ganze Zeit,
während du mit mir sprichst, die Kappe in der Hand zu halten, du hast mich immer mit
>OberportierSie 152
»Jedesmal?« wiederholte Karl leise und fragend, er erinnerte sich jetzt, wie er vom Portier
während der ganzen Zeit seines hiesigen Aufenthaltes immer streng und vorwurfsvoll
angeschaut worden war, schon von jenem ersten Morgen an, an dem er, seiner
dienenden Stellung noch nicht recht angepaßt, etwas zu kühn, diesen Portier ohne
weiteres umständlich und dringlich ausgefragt hatte, ob nicht zwei Männer vielleicht
nach ihm gefragt und etwa eine Photographie für ihn zurückgelassen hätten.
»Jetzt siehst du, wohin ein solches Benehmen führt«, sagte der Portier, der wieder ganz
nahe zu Karl zurückgekehrt war, und zeigte auf den noch lesenden Oberkellner, als sei
dieser der Vertreter seiner Rache.
»In deiner nächsten Stellung wirst du es schon verstehen, den Portier zu grüßen, und
wenn es auch nur vielleicht in einer elenden Spelunke sein wird.«
Karl sah ein, daß er eigentlich seinen Posten schon verloren hatte, denn der Oberkellner
hatte es bereits ausgesprochen, der Oberportier als fertige Tatsache wiederholt, und
wegen eines Liftjungen dürfte wohl die Bestätigung der Entlassung seitens der
Hoteldirektion nicht nötig sein. Es war allerdings schneller gegangen, als er gedacht
hatte, denn schließlich hatte er doch zwei Monate gedient, so gut er konnte, und gewiß
besser als mancher andere Junge. Aber auf solche Dinge wird eben im entscheidenden
Augenblick offenbar in keinem Weltteil, weder in Europa, noch in Amerika, Rücksicht
genommen, sondern es wird so entschieden, wie einem in der ersten Wut das Urteil aus
dem Munde fährt. Vielleicht wäre es jetzt am besten gewesen, wenn er sich gleich
verabschiedet hätte und weggegangen wäre, die Oberköchin und Therese schliefen
vielleicht noch, er hätte sich, um ihnen die Enttäuschung und Trauer über sein
Benehmen wenigstens beim persönlichen Abschied zu ersparen, brieflich verabschieden,
hätte rasch seinen Koffer packen und in der Stille fortgehen können. Blieb er aber auch
nur einen Tag noch, und er hätte allerdings ein wenig Schlaf gebraucht, so erwartete ihn
nichts anderes als Aufbauschung seiner Sache zum Skandal, Vorwürfe von allen Seiten,
der unerträgliche Anblick der Tränen Theresens und vielleicht gar der Oberköchin und
möglicherweise zuguterletzt auch noch eine Bestrafung. Andererseits aber beirrte es ihn,
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daß er hier zwei Feinden gegenüberstand und daß an jedem Wort, das er aussprechen
würde, wenn nicht der eine, so der andere etwas aussetzen und zum Schlechten deuten
würde. Deshalb schwieg er und genoß vorläufig die Ruhe, die im Zimmer herrschte,
denn der Oberkellner las noch immer die Zeitung, und der Oberportier ordnete sein
über den Tisch hin verstreutes Verzeichnis nach den Seitenzahlen, was ihm bei seiner
offenbaren Kurzsichtigkeit große Schwierigkeiten machte.
Endlich legte der Oberkellner die Zeitung gähnend hin, vergewisserte sich durch einen
Blick auf Karl, daß dieser noch anwesend sei, und drehte die Glocke des Tischtelephons
an. Er rief mehrere Male »Hallo!«, aber niemand meldete sich.
»Es meldet sich niemand«, sagte er zum Oberportier. Dieser, der das Telephonieren, wie
es Karl schien, mit besonderem Interesse beobachtete, sagte: »Es ist ja schon dreiviertel
sechs. Sie ist gewiß schon wach. Läuten Sie nur stärker.« In diesem Augenblick kam,
ohne weitere Aufforderung, das telephonische Gegenzeichen.
»Hier Oberkellner Ishary«, sagte der Oberkellner.
»Guten Morgen, Frau Oberköchin. Ich habe Sie doch nicht am Ende geweckt? Das tut
mir sehr leid. Ja, ja, dreiviertel sechs ist es schon. Aber es tut mir aufrichtig leid, daß ich
Sie erschreckt habe. Sie sollten während des Schlafens das Telephon abstellen. Nein,
nein, tatsächlich, es gibt für mich keine Entschuldigung, besonders bei der
Geringfügigkeit der Sache, wegen der ich Sie sprechen will. Aber natürlich habe ich Zeit,
bitte sehr, ich bleibe beim Telephon, wenn es Ihnen recht ist.«
»Sie muß im Nachthemd zum Telephon gelaufen sein«, sagte der Oberkellner lächelnd
zum Oberportier, der die ganze Zeit über mit gespanntem Gesichtsausdruck zum
Telephonkasten sich gebückt gehalten hatte. »Ich habe sie wirklich geweckt, sie wird
nämlich sonst von dem kleinen Mädel, das bei ihr auf der Schreibmaschine schreibt,
geweckt, und die muß es heute ausnahmsweise versäumt haben. Es tut mir leid, daß ich
sie aufgeschreckt habe, sie ist sowieso nervös.«
154
»Warum spricht sie nicht weiter?«
»Sie ist nachschauen gegangen, was mit dem Mädel los ist«, antwortete der Oberkellner
schon mit der Muschel am Ohr, denn es läutete wieder.
»Sie wird sich schon finden«, redete er weiter ins Telephon hinein. »Sie dürfen sich nicht
von allem so erschrecken lassen. Sie brauchen wirklich eine gründliche Erholung. Ja also,
meine kleine Anfrage. Es ist da ein Liftjunge namens« er drehte sich fragend nach Karl
um, der, da er genau aufpaßte, gleich mit seinem Namen aushelfen konnte »also
namens Karl Roßmann. Wenn ich mich recht erinnere, so haben Sie sich für ihn ein
wenig interessiert; leider hat er Ihre Freundlichkeit schlecht belohnt, er hat ohne
Erlaubnis seinen Posten verlassen, hat mir dadurch schwere, jetzt noch gar nicht
übersehbare Unannehmlichkeiten verursacht, und ich habe ihn daher soeben entlassen.
Ich hoffe, Sie nehmen die Sache nicht tragisch. Wie meinen Sie? Entlassen, ja, entlassen.
Aber ich sagte Ihnen doch, daß er seinen Posten verlassen hat. Nein, da kann ich Ihnen
wirklich nicht nachgeben, liebe Frau Oberköchin. Es handelt sich um meine Autorität,
da steht viel auf dem Spiel, so ein Junge verdirbt mir die ganze Bande. Gerade bei den
Liftjungen muß man teuflisch aufpassen. Nein, nein, in diesem Falle kann ich Ihnen den
Gefallen nicht tun, so sehr ich es mir immer angelegen sein lasse, Ihnen gefällig zu sein.
Und wenn ich ihn schon trotz allem hier ließe, zu keinem anderen Zweck, als um meine
Galle in Tätigkeit zu erhalten, Ihretwegen, ja, Ihretwegen, Frau Oberköchin, kann er
nicht hierbleiben. Sie nehmen einen Anteil an ihm, den er durchaus nicht verdient, und
da ich nicht nur ihn kenne, sondern auch Sie, weiß ich, daß das zu den schwersten
Enttäuschungen für Sie führen müßte, die ich Ihnen um jeden Preis ersparen will. Ich
sage das ganz offen, obwohl der verstockte Junge ein paar Schritte vor mir steht. Er wird
entlassen, nein, nein, Frau Oberköchin, er wird vollständig entlassen, nein, nein, er wird
zu keiner anderen Arbeit versetzt, er ist vollständig unbrauchbar. Übrigens laufen ja auch
sonst Beschwerden gegen ihn ein. Der Oberportier zum Beispiel, ja also, was denn,
Feodor, ja, Feodor beklagt sich über die Unhöflichkeit und Frechheit dieses Jungen.
Wie, das soll nicht genügen? Ja, liebe Frau Oberköchin, Sie verleugnen wegen dieses
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Jungen Ihren Charakter. Nein, so dürfen Sie mir nicht zusetzen.«
In diesem Augenblick beugte sich der Portier zum Ohr des Oberkellners und flüsterte
etwas. Der Oberkellner sah ihn zuerst erstaunt an und redete dann so rasch in das
Telephon, daß Karl ihn anfangs nicht ganz genau verstand und auf den Fußspitzen zwei
Schritte näher trat.
»Liebe Frau Oberköchin«, hieß es, »aufrichtig gesagt, ich hätte nicht geglaubt, daß Sie
eine so schlechte Menschenkennerin sind. Eben erfahre ich etwas über Ihren
Engelsjungen, was Ihre Meinung über ihn gründlich ändern wird, und es tut mir fast leid,
daß gerade ich es Ihnen sagen muß. Dieser feine Junge also, den Sie ein Muster von
Anstand nennen, läßt keine dienstfreie Nacht vergehen, ohne in die Stadt zu laufen, aus
der er erst am Morgen wiederkommt. Ja, ja, Frau Oberköchin, das ist durch Zeugen
bewiesen, durch einwandfreie Zeugen, ja. Können Sie mir nun vielleicht sagen, wo er das
Geld zu diesen Lustbarkeiten hernimmt? Wie er die Aufmerksamkeit für seinen Dienst
behalten soll? Und wollen Sie vielleicht auch noch, daß ich Ihnen beschreiben soll, was
er in der Stadt treibt? Diesen Jungen loszuwerden will ich mich aber ganz besonders
beeilen. Und Sie, bitte, nehmen das als Mahnung, wie vorsichtig man gegen hergelaufene
Burschen sein soll.«
»Aber, Herr Oberkellner«, rief nun Karl, förmlich erleichtert durch den großen Irrtum,
der hier unterlaufen schien und der vielleicht am ehesten dazu führen konnte, daß sich
alles noch unerwartet besserte, »da liegt bestimmt eine Verwechslung vor. Ich glaube,
der Herr Oberportier hat Ihnen gesagt, daß ich jede Nacht weggehe. Das ist aber
durchaus nicht richtig, ich bin vielmehr jede Nacht im Schlafsaal, das können alle
Jungens bestätigen. Wenn ich nicht schlafe, lerne ich kaufmännische Korrespondenz,
aber aus dem Schlafsaal rühre ich mich keine Nacht. Das ist ja leicht zu beweisen. Der
Herr Oberportier verwechselt mich offenbar mit jemand anderem, und jetzt verstehe ich
auch, warum er glaubt, daß ich ihn nicht grüße.«
»Wirst du sofort schweigen«, schrie der Oberportier und schüttelte die Faust, wo andere
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einen Finger bewegt hätten. »Ich soll dich mit jemand anderem verwechseln! Ja, dann
kann ich nicht mehr Oberportier sein, wenn ich die Leute verwechsle. Hören Sie nur,
Herr Isbary, dann kann ich nicht mehr Oberportier sein, nun ja, wenn ich die Leute
verwechsle. In meinen dreißig Dienstjahren ist mir allerdings noch keine Verwechslung
passiert, wie mir hunderte von Herren Oberkellnern, die wir seit jener Zeit hatten,
bestätigen müssen, aber bei dir, miserabler Junge, soll ich mit den Verwechslungen
angefangen haben. Bei dir, mit deiner auffallenden, glatten Fratze. Was gibt es da zu
verwechseln! Du könntest jede Nacht hinter meinem Rücken in die Stadt gelaufen sein,
und ich bestätige bloß nach deinem Gesicht, daß du ein ausgegorener Lump bist.«
»Laß, Feodor!« sagte der Oberkellner, dessen telephonisches Gespräch mit der
Oberköchin plötzlich abgebrochen worden zu sein schien. »Die Sache ist ja ganz
einfach. Auf seine Unterhaltungen in der Nacht kommt es in erster Reihe gar nicht an.
Er möchte ja vielleicht vor seinem Abschied noch irgendeine große Untersuchung über
seine Nachtbeschäftigung verursachen wollen. Ich kann mir schon vorstel en, daß ihm
das gefallen würde. Es würden womöglich alle vierzig Liftjungen heraufzitiert und als
Zeugen einvernommen, die würden ihn natürlich auch alle verwechselt haben, es müßte
also zur Zeugenschaft allmählich das ganze Personal heran, der Hotelbetrieb würde
natürlich auf ein Weilchen eingestellt, und wenn er dann schließlich doch
hinausgeworfen würde, so hätte er doch wenigstens seinen Spaß gehabt. Also das
machen wir lieber nicht. Die Oberköchin, diese gute Frau, hat er schon zum Narren
gehalten, und damit soll es genug sein. Ich will nichts weiter hören; du bist wegen
Dienstversäumnis auf der Stelle aus dem Dienst entlassen. Da gebe ich dir eine
Anweisung an die Kasse, daß dir dein Lohn bis zum heutigen Tage ausgezahlt werde.
Das ist übrigens bei deinem Verhalten unter uns gesagt einfach ein Geschenk, das
ich dir nur aus Rücksicht auf die Frau Oberköchin mache.«
Ein telephonischer Anruf hielt den Oberkellner ab, die Anweisung sofort zu
unterschreiben.
»Die Liftjungen geben mir aber heute zu schaffen!« rief er schon nach Anhören der
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ersten Worte.
»Das ist ja unerhört!« rief er nach einem Weilchen. Und vom Telephon weg wandte er
sich zum Hotelportier und sagte: »Bitte, Feodor, halt mal diesen Burschen ein wenig, wir
werden noch mit ihm zu reden haben.« Und ins Telephon gab er den Befehl: »Komm
sofort herauf!«
Nun konnte sich der Oberportier wenigstens austoben, was ihm beim Reden nicht hatte
gelingen wollen. Er hielt Karl oben am Arm fest, aber nicht etwa mit ruhigem Griff, der
schließlich auszuhalten gewesen wäre, sondern er lockerte hie und da den Griff und
machte ihn dann mit Steigerung fester und fester, was bei seinen großen Körperkräften
gar nicht aufzuhören schien und ein Dunkel vor Karls Augen verursachte. Aber er hielt
Karl nicht nur, sondern als hätte er auch den Befehl bekommen, ihn gleichzeitig zu
strecken, zog er ihn auch hie und da in die Höhe und schüttelte ihn, wobei er immer
wieder halb fragend zum Oberkellner sagte: »Ob ich ihn jetzt nur nicht verwechsle, ob
ich ihn jetzt nur nicht verwechsle.«
Es war eine Erlösung für Karl, als der oberste der Liftjungen, ein gewisser Beß, ein ewig
fauchender, dicker Junge eintrat, und die Aufmerksamkeit des Oberportiers ein wenig
auf sich lenkte. Karl war so ermattet, daß er kaum grüßte, als er zu seinem Erstaunen
hinter dem Jungen Therese, leichenblaß, unordentlich angezogen, mit lose aufgesteckten
Haaren, hereinschlüpfen sah. Im Augenblick war sie bei ihm und flüsterte: »Weiß es
schon die Oberköchin?«
»Der Oberkellner hat es ihr telephoniert«, antwortete Karl.
»Dann ist es schon gut, dann ist es schon gut«, sagte sie rasch, mit lebhaften Augen.
»Nein«, sagte Karl. »Du weißt ja nicht, was sie gegen mich haben. Ich muß weg, die
Oberköchin ist davon auch schon überzeugt. Bitte, bleib nicht hier, geh hinauf, ich
werde mich dann von dir verabschieden kommen.«
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»Aber, Roßmann, was fällt dir denn ein, du wirst schön bei uns bleiben, solange es dir
gefällt. Der Oberkellner macht ja alles, was die Oberköchin will, er liebt sie ja, ich habe
es letzthin erfahren. Da sei nur ruhig.«
»Bitte, Therese, geh jetzt weg. Ich kann mich nicht so gut verteidigen, wenn du hier bist.
Und ich muß mich genau verteidigen, weil Lügen gegen mich vorgebracht werden. Je
besser ich aber aufpassen und mich verteidigen kann, desto mehr Hoffnung ist, daß ich
bleibe. Also, Therese-« Leider konnte er in einem plötzlichen Schmerz nicht unterlassen,
leise hinzuzufügen: »Wenn mich nur dieser Oberportier losließe! Ich wußte gar nicht,
daß er mein Feind ist. Aber wie er mich immerfort drückt und zieht.« >Warum sage ich
das nur!kein Frauenzimmer kann das ruhig anhören tatsächlich wandte sich Therese, ohne daß er sie noch mit der freien Hand hätte davon
abhalten können, an den Oberportier: »Herr Oberportier, bitte, lassen Sie doch sofort
den Roßmann frei. Sie machen ihm ja Schmerzen. Die Frau Oberköchin wird gleich
persönlich kommen, und dann wird man schon sehen, daß ihm in allem Unrecht
geschieht. Lassen Sie ihn los; was kann es Ihnen denn für ein Vergnügen machen, ihn zu
quälen!« Und sie griff sogar nach des Oberportiers Hand.
»Befehl, kleines Fräulein, Befehl«, sagte der Oberportier und zog mit der freien Hand
Therese freundlich an sich, während er mit der anderen Karl nun sogar angestrengt
drückte, als wolle er ihm nicht nur Schmerzen machen, sondern als habe er mit diesem
in seinem Besitz befindlichen Arm ein besonderes Ziel, das noch lange nicht erreicht sei.
Therese brauchte einige Zeit, um sich der Umarmung des Oberportiers zu entwinden,
und wollte sich gerade beim Oberkellner, der sich noch immer von dem sehr
umständlichen Beß erzählen ließ, für Karl einsetzen, als die Oberköchin mit raschem
Schritte eintrat.
»Gott sei Dank!« rief Therese und man hörte einen Augenblick lang im Zimmer nichts
als diese lauten Worte. Gleich sprang der Oberkellner auf und schob Beß zur Seite.
»Sie kommen also selbst, Frau Oberköchin? Wegen dieser Kleinigkeit? Nach unserem
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Telephongespräch konnte ich es ja ahnen, aber geglaubt habe ich es eigentlich doch
nicht. Und dabei wird die Sache Ihres Schützlings immerfort ärger. Ich fürchte, ich
werde ihn tatsächlich nicht entlassen, aber dafür einsperren lassen müssen. Hören Sie
selbst.« Und er winkte Beß herbei.
»Ich möchte zuerst ein paar Worte mit dem Roßmann reden«, sagte die Oberköchin und
setzte sich auf einen Sessel, da sie der Oberkellner hierzu nötigte.
»Karl, bitte, komm näher«, sagte sie dann. Karl folgte oder wurde vielmehr vom
Oberportier näher geschleppt.
»Lassen Sie ihn doch los«, sagte die Oberköchin ärgerlich, »er ist doch kein
Raubmörder!« Der Oberportier ließ ihn tatsächlich los, drückte aber vorher noch einmal
so stark, daß ihm selbst vor Anstrengung die Tränen in die Augen traten.
»Karl«, sagte die Oberköchin, legte die Hände ruhig in den Schoß und sah Karl mit
geneigtem Kopfe an es war gar nicht wie ein Verhör »vor allem will ich dir sagen,
daß ich noch vollständiges Vertrauen zu dir habe. Auch der Herr Oberkellner ist ein
gerechter Mann, dafür bürge ich. Wir beide wollen dich im Grunde gerne hier behalten«
sie sah hiebei flüchtig zum Oberkellner hinüber, als wolle sie bitten, ihr nicht ins Wort
zu fallen. Es geschah auch nicht. »Vergiß also, was man dir bis jetzt vielleicht hier gesagt
hat. Vor al em, was dir vielleicht der Herr Oberportier gesagt hat, mußt du nicht
besonders schwer nehmen. Er ist zwar ein aufgeregter Mann, was bei seinem Dienst kein
Wunder ist, aber er hat auch Frau und Kinder und weiß, daß man einen Jungen, der nur
auf sich angewiesen ist, nicht unnötig plagen muß, sondern daß das schon die übrige
Welt genügend besorgt.«
Es war ganz still im Zimmer. Der Oberportier sah, Erklärungen fordernd, auf den
Oberkellner, dieser sah auf die Oberköchin und schüttelte den Kopf. Der Liftjunge Beß
grinste recht sinnlos hinter dem Rücken des Oberkellners. Therese schluchzte vor
Freude und Leid in sich hinein und hatte alle Mühe, es niemanden hören zu lassen.
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Karl aber blickte, obwohl das nur als schlechtes Zeichen aufgefaßt werden konnte, nicht
auf die Oberköchin, die gewiß nach seinem Blick verlangte, sondern vor sich auf den
Fußboden. In seinem Arm zuckte der Schmerz nach allen Richtungen, das Hemd klebte
an den Striemen fest, und er hätte eigentlich den Rock ausziehen und die Sache besehen
sollen. Was die Oberköchin sagte, war natürlich sehr freundlich gemeint, aber
unglücklicherweise schien es ihm, als müsse es gerade durch das Verhalten der
Oberköchin zutage treten, daß er keine Freundlichkeit verdiene, daß er die Wohltaten
der Oberköchin zwei Monate unverdient genossen habe, ja, daß er nichts anderes
verdiene, als unter die Hände des Oberportiers zu kommen.
»Ich sage das«, fuhr die Oberköchin fort, »damit du jetzt unbeirrt antwortest, was du
übrigens wahrscheinlich auch sonst getan hättest, wie ich dich zu kennen glaube.«
»Darf ich, bitte, inzwischen den Arzt holen, der Mann könnte nämlich inzwischen
verbluten«, mischte sich plötzlich der Liftjunge Beß sehr höflich, aber sehr störend ein.
»Geh«, sagte der Oberkel ner zu Beß, der gleich davonlief. Und dann zur Oberköchin:
»Die Sache ist die. Der Oberportier hat den Jungen da nicht zum Spaß festgehalten.
Unten, im Schlafsaal der Liftjungen, ist nämlich in einem Bett sorgfältig zugedeckt ein
wildfremder, schwer betrunkener Mann aufgefunden worden. Man hat ihn natürlich
geweckt und wollte ihn wegschaffen. Da hat dieser Mann aber einen großen Radau zu
machen angefangen, immer wieder herumgeschrien, der Schlafsaal gehöre dem Karl
Roßmann, dessen Gast er sei, der ihn hergebracht habe und der jeden bestrafen werde,
der ihn anzurühren wagen würde. Im übrigen müsse er auch deshalb auf den Karl
Roßmann warten, weil ihm dieser Geld versprochen habe und es nur holen gegangen sei.
Achten Sie, bitte, darauf, Frau Oberköchin: Geld versprochen habe und es holen
gegangen sei. Du kannst auch achtgeben, Roßmann«, sagte der Oberkellner nebenbei zu
Karl, der sich gerade nach Therese umgedreht hatte, die wie gebannt den Oberkellner
anstarrte und immer wieder entweder irgendwelche Haare aus der Stirn strich oder diese
Handbewegung um ihrer selbst willen machte.
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»Aber vielleicht erinnere ich dich an irgendwelche Verpflichtungen. Der Mann unten hat
nämlich weiterhin gesagt, daß ihr beide nach deiner Rückkunft irgendeiner Sängerin
einen Nachtbesuch machen werdet, deren Namen allerdings niemand verstanden hat, da
ihn der Mann immer nur unter Gesang aussprechen konnte.«
Hier unterbrach sich der Oberkellner, denn die sichtlich bleich gewordene Oberköchin
erhob sich vom Sessel, den sie ein wenig zurückstieß.
»Ich verschone Sie mit dem Weiteren«, sagte der Oberkellner.
»Nein, bitte, nein«, sagte die Oberköchin und ergriff seine Hand »erzählen Sie nur weiter,
ich will alles hören, darum bin ich ja hier.«
Der Oberportier, der vortrat und sich zum Zeichen dessen, daß er von Anfang an alles
durchschaut hatte, laut auf die Brust schlug, wurde vom Oberkellner mit den Worten:
»Ja, Sie hatten ganz recht, Feodor!« gleichzeitig beruhigt und zurückgewiesen.
»Es ist nicht mehr viel zu erzählen«, sagte der Oberkellner. »Wie die Jungen eben schon
sind, haben sie den Mann zuerst ausgelacht, haben dann mit ihm Streit bekommen, und
er ist, da dort immer gute Boxer zur Verfügung stehen, einfach niedergeboxt worden;
und ich habe gar nicht zu fragen gewagt, an welchen und an wie vielen Stellen er blutet,
denn diese Jungen sind fürchterliche Boxer, und ein Betrunkener macht es ihnen
natürlich leicht!«
»So«, sagte die Oberköchin, hielt den Sessel an der Lehne und sah auf den Platz, den sie
eben verlassen hatte. »Also sprich doch, bitte, ein Wort, Roßmann!« sagte sie dann.
Therese war von ihrem bisherigen Platz zur Oberköchin hinübergelaufen und hatte sich,
was sie Karl sonst niemals hatte tun sehen, in die Oberköchin eingehängt. Der
Oberkellner stand knapp hinter der Oberköchin und glättete langsam einen kleinen,
bescheidenen Spitzenkragen der Oberköchin, der sich ein wenig umgeschlagen hatte.
Der Oberportier neben Karl sagte: »Also wird′s?«, wollte damit aber nur einen Stoß
maskieren, den er unterdessen Karl in den Rücken gab.
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»Es ist wahr«, sagte Karl, infolge des Stoßes unsicherer, als er wollte, »daß ich den Mann
in den Schlafsaal gebracht habe.«
»Mehr wollen wir nicht wissen«, sagte der Portier im Namen aller. Die Oberköchin
wandte sich stumm zum Oberkellner und dann zu Therese.
»Ich konnte mir nicht anders helfen«, sagte Karl weiter. »Der Mann ist mein Kamerad
von früher her, er kam, nachdem wir uns zwei Monate lang nicht gesehen hatten,
hierher, um mir einen Besuch zu machen, war aber so betrunken, daß er nicht wieder
allein fortgehen konnte.«
Der Oberkellner sagte neben der Oberköchin halblaut vor sich hin: »Er kam also zu
Besuch und war nachher so betrunken, daß er nicht fortgehen konnte.« Die Oberköchin
flüsterte über die Schulter dem Oberkellner etwas zu, der mit einem offenbar nicht zu
dieser Sache gehörigen Lächeln Einwände zu machen schien. Therese Karl sah nur zu
ihr hin- drückte ihr Gesicht in völliger Hilflosigkeit an die Oberköchin und wollte nichts
mehr sehen. Der einzige, der mit Karls Erklärung vollständig zufrieden war, war der
Oberportier, welcher einigemal wiederholte: »Es ist ja ganz recht, seinem Saufbruder
muß man helfen«, und diese Erklärung jedem der Anwesenden durch Blicke und
Handbewegungen einzuprägen suchte.
»Schuld also bin ich«, sagte Karl und machte eine Pause, als warte er auf ein freundliches
Wort seiner Richter, das ihm Mut zur weiteren Verteidigung geben könnte, aber es kam
nicht, »schuld bin ich nur daran, daß ich den Mann er heißt Robinson, ist ein Irländer
in den Schlafsaal gebracht habe. Alles andere, was er gesagt hat, hat er aus
Betrunkenheit gesagt und ist nicht richtig.«
»Du hast ihm also kein Geld versprochen?« fragte der Oberkellner.
»Ja«, sagte Karl, und es tat ihm leid, daß er das vergessen hatte, er hatte sich aus
Unüberlegtheit oder Zerstreutheit in allzu bestimmten Ausdrücken als schuldlos
bezeichnet.
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»Geld habe ich ihm versprochen, weil er mich darum gebeten hat. Aber ich wollte es
nicht holen, sondern ihm das Trinkgeld geben, das ich heute nacht verdient hatte.« Und
er zog zum Beweise das Geld aus der Tasche und zeigte auf der flachen Hand die paar
kleinen Münzen.
»Du verrennst dich immer mehr«, sagte der Oberkellner. »Wenn man dir glauben sollte,
müßte man immer das, was du früher gesagt hast, vergessen. Zuerst hast du also den
Mann nicht einmal den Namen Robinson glaube ich dir, so hat, seit es Irland gibt, kein
Irländer geheißen , zuerst also hast du ihn nur in den Schlafsaal gebracht, wofür allein
du übrigens schon im Schwung hinausfliegen könntest, Geld aber hast du ihm zuerst
nicht versprochen, dann wieder, wenn man dich überraschend fragt, hast du ihm Geld
versprochen. Aber wir haben hier kein Antwort- und Fragespiel, sondern wollen deine
Rechtfertigung hören. Zuerst aber wolltest du das Geld nicht holen, sondern ihm dein
heutiges Trinkgeld geben, dann aber zeigt sich, daß du dieses Geld noch bei dir hast, also
offenbar doch noch anderes Geld holen wolltest, wofür auch dein langes Ausbleiben
spricht. Schließlich wäre es ja nichts Besonderes, wenn du für ihn aus deinem Koffer
hättest Geld holen wollen; daß du es aber mit aller Kraft leugnest, das ist allerdings etwas
Besonderes, ebenso wie du auch immerfort verschweigen willst, daß du den Mann erst
hier im Hotel betrunken gemacht hast, woran ja nicht der geringste Zweifel ist, denn du
selbst hast zugegeben, daß er allein gekommen ist, aber nicht allein weggehen konnte,
und er selbst hat ja im Schlafsaal herumgeschrien, daß er dein Gast ist. Fraglich also
bleiben jetzt nur noch zwei Dinge, die du, wenn du die Sache vereinfachen willst, selbst
beantworten kannst, die man aber schließlich auch ohne deine Mithilfe wird feststellen
können: Erstens, wie hast du dir den Zutritt zu den Vorratskammern verschafft, und
zweitens, wie hast du verschenkbares Geld angesammelt?«
>Es ist unmöglich, sich zu verteidigen, wenn nicht guter Wille da ist antwortete dem Oberkellner nicht mehr, so sehr Therese wahrscheinlich darunter litt. Er
wußte, daß alles, was er sagen konnte, hinterher ganz anders aussehen würde, als es
gemeint gewesen war, und daß es nur der Art der Beurteilung überlassen bleibe, Gutes
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oder Böses vorzufinden.
»Er antwortet nicht«, sagte die Oberköchin.
»Es ist das Vernünftigste, was er tun kann«, sagte der Oberkel ner.
»Er wird sich schon noch etwas ausdenken«, sagte der Oberportier und strich mit der
früher grausamen Hand behutsam seinen Bart.
»Sei still«, sagte die Oberköchin zu Therese, die an ihrer Seite zu schluchzen begann, »du
siehst, er antwortet nicht, wie kann ich denn da etwas für ihn tun? Schließlich bin ich es,
die vor dem Herrn Oberkellner unrecht behält. Sag doch, Therese, habe ich deiner
Meinung nach etwas für ihn zu tun versäumt?« Wie konnte das Therese wissen, und was
nützte es, daß sich die Oberköchin durch diese öffentlich an das kleine Mädchen
gerichtete Frage und Bitte vor diesen beiden Herren vielleicht viel vergab?
»Frau Oberköchin«, sagte Karl, der sich noch einmal aufraffte, aber nur um Therese die
Antwort zu ersparen, zu keinem anderen Zweck, »ich glaube nicht, daß ich Ihnen
irgendwie Schande gemacht habe, und nach genauer Untersuchung müßte das auch jeder
andere finden.«
»Jeder andere«, sagte der Oberportier und zeigte mit dem Finger auf den Oberkellner
»das ist eine Spitze gegen Sie, Herr Isbary.«
»Nun, Frau Oberköchin«, sagte dieser, »es ist halb sieben, hohe und höchste Zeit. Ich
denke, Sie lassen mir am besten das Schlußwort in dieser schon allzu duldsam
behandelten Sache.«
Der kleine Giacomo war hereingekommen, wollte zu Karl treten, ließ aber, durch die
allgemein herrschende Stille erschreckt, davon ab und wartete.
Die Oberköchin hatte seit Karls letzten Worten den Blick nicht von ihm gewendet, und
es deutete auch nichts darauf hin, daß sie die Bemerkung des Oberkellners gehört hatte.
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Ihre Augen sahen voll auf Karl hin, sie waren groß und blau, aber ein wenig getrübt
durch das Alter und die viele Mühe. Wie sie so dastand und den Sessel vor sich schwach
schaukelte, hätte man ganz gut erwarten können, sie werde im nächsten Augenblick
sagen: >Nun, Karl, die Sache ist, wenn ich es überlege, noch nicht recht klargestellt und
braucht, wie du richtig gesagt hast, noch eine genaue Untersuchung. Und die wollen wir
jetzt veranstalten, ob man sonst damit einverstanden ist oder nicht, denn Gerechtigkeit
muß sein. Statt dessen aber sagte die Oberköchin nach einer kleinen Pause, die niemand zu
unterbrechen gewagt hatte nur die Uhr schlug in Bestätigung der Worte des
Oberkellners halb sieben und mit ihr, wie jeder wußte, gleichzeitig alle Uhren im ganzen
Hotel, es klang im Ohr und in der Ahnung wie das zweimalige Zucken einer einzigen
großen Ungeduld : »Nein, Karl, nein, nein! Das wollen wir uns nicht einreden.
Gerechte Dinge haben auch ein besonderes Aussehen, und das hat, ich muß es gestehen,
deine Sache nicht. Ich darf das sagen und muß es auch sagen; ich muß es gestehen, denn
ich bin es, die mit dem besten Vorurteil für dich hergekommen ist. Du siehst, auch
Therese schweigt.« (Aber sie schwieg doch nicht, sie weinte.)
Die Oberköchin stockte in einem plötzlich sie überkommenden Entschluß und sagte:
»Karl, komm einmal her«, und als er zu ihr gekommen war gleich vereinigten sich
hinter seinem Rücken der Oberkellner und der Oberportier zu lebhaftem Gespräch ,
umfaßte sie ihn mit der linken Hand, ging mit ihm und der willenlos folgenden Therese
in die Tiefe des Zimmers und dort mit beiden einigemal auf und ab, wobei sie sagte: »Es
ist möglich, Karl, und darauf scheinst du zu vertrauen, sonst würde ich dich überhaupt
nicht verstehen, daß eine Untersuchung dir in einzelnen Kleinigkeiten recht geben wird.
Warum denn nicht? Du hast vielleicht tatsächlich den Oberportier gegrüßt. Ich glaube es
sogar bestimmt, ich weiß auch, was ich von dem Oberportier zu halten habe, du siehst,
ich rede selbst jetzt noch offen zu dir. Aber solche kleine Rechtfertigungen helfen dir gar
nichts. Der Oberkellner, dessen Menschenkenntnis ich im Laufe vieler Jahre zu schätzen
gelernt habe, und welcher der verläßlichste Mensch ist, den ich überhaupt kenne, hat
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deine Schuld klar ausgesprochen, und die scheint mir allerdings unwiderleglich.
Vielleicht hast du bloß unüberlegt gehandelt, vielleicht aber bist du nicht der; für den ich
dich gehalten habe. Und doch«, damit unterbrach sie sich gewissermaßen selbst und sah
flüchtig nach den beiden Herren zurück, »kann ich es mir noch nicht abgewöhnen, dich
für einen im Grunde anständigen Jungen zu halten.«
»Frau Oberköchin! Frau Oberköchin!« mahnte der Oberkellner, der ihren Blick
aufgefangen hatte.
»Wir sind gleich fertig«, sagte die Oberköchin und redete nun schneller auf Karl ein:
»Höre, Karl, so wie ich die Sache übersehe, bin ich noch froh, daß der Oberkel ner keine
Untersuchung einleiten will; denn, wollte er sie einleiten, ich müßte es in deinem
Interesse verhindern. Niemand soll erfahren, wie und womit du den Mann bewirtet hast,
der übrigens nicht einer deiner früheren Kameraden gewesen sein kann, wie du vorgibst,
denn mit denen hast du ja zum Abschied großen Streit gehabt, so daß du nicht jetzt
einen von ihnen traktieren wirst. Es kann also nur ein Bekannter sein, mit dem du dich
leichtsinnigerweise in der Nacht in irgendeiner städtischen Kneipe verbrüdert hast. Wie
konntest du mir, Karl, alle diese Dinge verbergen? Wenn es dir im Schlafsaal vielleicht
unerträglich war und du zuerst aus diesem unschuldigen Grunde mit deinem
Nachtschwärmen angefangen hast, warum hast du denn kein Wort gesagt, du weißt, ich
wollte dir ein eigenes Zimmer verschaffen und habe darauf geradezu erst über deine
Bitten verzichtet. Es scheint jetzt, als hättest du den allgemeinen Schlafsaal vorgezogen,
weil du dich dort ungebundener fühltest. Und dein Geld hattest du doch in meiner
Kassa aufgehoben, und die Trinkgelder brachtest du mir jede Woche; woher, um Gottes
willen, Junge, hast du das Geld für deine Vergnügungen genommen und woher wolltest
du jetzt das Geld für deinen Freund holen? Das sind natürlich lauter Dinge, die ich
wenigstens jetzt dem Oberkellner gar nicht andeuten darf, denn dann wäre vielleicht eine
Untersuchung unausweichlich. Du mußt also unbedingt aus dem Hotel, und zwar so
schnell als möglich. Geh direkt in die Pension Brenner du warst doch schon mehrmals
mit Therese dort , sie werden dich auf diese Empfehlung hin umsonst aufnehmen - «
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und die Oberköchin schrieb mit einem goldenen Crayon, den sie aus der Bluse zog,
einige Zeilen auf eine Visitenkarte, wobei sie aber die Rede nicht unterbrach »deinen
Koffer werde ich dir gleich nachschicken. Therese, lauf doch in die Garderobe der
Liftjungen und pack seinen Koffer!« (Aber Therese rührte sich noch nicht, sondern
wollte, wie sie alles Leid ausgehalten hatte, nun auch die Wendung zum Besseren, welche
die Sache Karls dank der Güte der Oberköchin nahm, ganz miterleben.)
Jemand öffnete, ohne sich zu zeigen, ein wenig die Tür und schloß sie gleich wieder. Es
mußte offenbar Giacomo gegolten haben, denn dieser trat vor und sagte: »Roßmann, ich
habe dir etwas auszurichten.«
»Gleich«, sagte die Oberköchin und steckte Karl, der mit gesenktem Kopf ihr zugehört
hatte, die Visitenkarte in die Tasche, »dein Geld behalte ich vorläufig, du weißt, du
kannst es mir anvertrauen. Heute bleib zu Hause und überlege deine Angelegenheit,
morgen heute habe ich keine Zeit, auch habe ich mich schon viel zu lange hier
aufgehalten komme ich zu Brenner, und wir werden zusehen, was wir weiter für dich
machen können. Verlassen werde ich dich nicht, das sollst du jedenfalls schon heute
wissen. Über deine Zukunft mußt du dir keine Sorgen machen, eher über die
letztvergangene Zeit.« Darauf klopfte sie ihm leicht auf die Schulter und ging zum
Oberkellner hinüber. Karl hob den Kopf und sah der großen, stattlichen Frau nach, die
sich in ruhigem Schritt und freier Haltung von ihm entfernte.
»Bist du denn gar nicht froh«, sagte Therese, die bei ihm zurückgeblieben war »daß alles
so gut ausgefallen ist?«
»O ja«, sagte Karl und lächelte ihr zu, wußte aber nicht, warum er darüber froh sein
sollte, daß man ihn als einen Dieb wegschickte. Aus Theresens Augen strahlte die reinste
Freude, als sei es ihr ganz gleich gültig, ob Karl etwas verbrochen hatte oder nicht, ob er
gerecht beurteilt worden war oder nicht, wenn man ihn nur gerade entwischen ließ, in
Schande oder in Ehren. Und so verhielt sich gerade Therese, die doch in ihren eigenen
Angelegenheiten so peinlich war und ein nicht ganz eindeutiges Wort der Oberköchin
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wochenlang in ihren Gedanken drehte und untersuchte. Mit Absicht fragte er: »Wirst du
meinen Koffer gleich packen und wegschicken?« Er mußte gegen seinen Willen vor
Staunen den Kopf schütteln, so schnell fand sich Therese in die Frage hinein, und die
Überzeugung, daß in dem Koffer Dinge waren, die man vor allen Leuten geheimhalten
mußte, ließ sie gar nicht nach Karl hinübersehen, gar nicht ihm die Hand reichen,
sondern nur flüstern: »Natürlich, Karl, gleich, gleich werde ich den Koffer packen.« Und
schon war sie davongelaufen.
Nun ließ sich aber Giacomo nicht mehr halten, und aufgeregt durch das lange Warten
rief er laut: »Roßmann, der Mann wälzt sich unten im Gang und will sich nicht
wegschaffen lassen. Sie wollten ihn ins Krankenhaus bringen lassen, aber er wehrt sich
und behauptet, du würdest niemals dulden, daß er ins Krankenhaus kommt. Man solle
ein Automobil nehmen und ihn nach Hause schicken, du würdest das Automobil
bezahlen. Willst du?«
»Der Mann hat Vertrauen zu dir«, sagte der Oberkellner. Karl zuckte mit den Schultern
und zählte Giacomo sein Geld in die Hand. »Mehr habe ich nicht«, sagte er dann.
»Ich soll dich auch fragen, ob du mitfahren willst«, fragte noch Giacomo, mit dem Gelde
klimpernd.
»Er wird nicht mitfahren«, sagte die Oberköchin.
»Also, Roßmann«, sagte der Oberkellner schnell und wartete gar nicht, bis Giacomo
draußen war, »du bist auf der Stelle entlassen.«
Der Oberportier nickte mehrere Male, als wären es seine eigenen Worte, die der
Oberkellner nur nachspreche.
»Die Gründe deiner Entlassung kann ich gar nicht laut aussprechen, denn sonst müßte
ich dich einsperren lassen.«
Der Oberportier sah auffallend streng zur Oberköchin hinüber, denn er hatte wohl
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erkannt, daß sie die Ursache dieser allzu milden Behandlung war.
»Jetzt geh zu Beß, zieh dich um, übergib Beß deine Livree und verlasse sofort, aber
sofort das Haus.«
Die Oberköchin schloß die Augen, sie wollte damit Karl beruhigen. Während er sich
zum Abschied verbeugte, sah er flüchtig, wie der Oberkellner die Hand der Oberköchin
wie im geheimen umfaßte und mit ihr spielte. Der Oberportier begleitete Karl mit
schweren Schritten bis zur Tür, die er ihn nicht schließen ließ, sondern selbst noch offen
hielt, um Karl nachschreien zu können: »In einer Viertelminute will ich dich beim
Haupttor an mir vorübergehen sehen! Merk dir das!«
Karl beeilte sich, wie er nur konnte, um nur beim Haupttor eine Belästigung zu
vermeiden, aber es ging alles viel langsamer, als er wollte. Zuerst war Beß nicht gleich zu
finden und jetzt, in der Frühstückszeit, war alles voll Menschen, dann zeigte sich, daß ein
Junge sich Karls alte Hosen ausgeborgt hatte, und Karl mußte die Kleiderständer bei fast
allen Betten absuchen, ehe er diese Hosen fand, so daß wohl fünf Minuten vergangen
waren, ehe Karl zum Haupttor kam. Gerade vor ihm ging eine Dame mitten zwischen
vier Herren. Sie gingen alle auf ein großes Automobil zu, das sie erwartete und dessen
Schlag bereits ein Lakai geöffnet hielt, während er den freien linken Arm seitwärts
waagrecht und steif ausstreckte, was höchst feierlich aussah. Aber Karl hatte umsonst
gehofft, hinter dieser vornehmen Gesellschaft unbemerkt hinauszukommen. Schon
faßte ihn der Oberportier bei der Hand und zog ihn zwischen zwei Herren hindurch, die
er um Verzeihung bat, zu sich hin.
»Das soll eine Viertelminute gewesen sein«, sagte er und sah Karl von der Seite an, als
beobachte er eine schlecht gehende Uhr. »Komm einmal her«, sagte er dann und führte
ihn in die große Portierloge, die Karl zwar schon längst einmal anzusehen Lust gehabt
hatte, in die er aber jetzt, von dem Portier geschoben, nur mit Mißtrauen eintrat. Er war
schon in der Tür, als er sich umwandte und den Versuch machte, den Oberportier
wegzuschieben und wegzukommen.
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»Nein, nein, hier geht man hinein«, sagte der Oberportier und drehte Karl um.
»Ich bin doch schon entlassen«, sagte Karl und meinte damit, daß ihm im Hotel niemand
mehr etwas zu befehlen habe.
»Solange ich dich halte, bist du nicht entlassen«, sagte der Portier, was allerdings auch
richtig war.
Karl fand schließlich auch keine Ursache, warum er sich gegen den Portier wehren sollte.
Was konnte ihm denn auch im Grunde noch geschehen? Überdies bestanden die Wände
der Portierloge ausschließlich aus ungeheueren Glasscheiben, durch die man die im
Vestibül gegeneinanderströmende Menschenmenge deutlich sah, als wäre man mitten
unter ihnen. Ja, es schien in der ganzen Portierloge keinen Winkel zu geben, in dem man
sich vor den Augen der Leute verbergen konnte. So eilig es dort draußen die Leute zu
haben schienen, denn mit ausgestrecktem Arm und gesenktem Kopf, mit spähenden
Augen, mit hochgehaltenen Gepäckstücken suchten sie ihren Weg, so versäumte doch
kaum einer, einen Blick in die Portierloge zu werfen, denn hinter deren Scheiben waren
immer Ankündigungen und Nachrichten ausgehängt, die sowohl für die Gäste als für
das Hotelpersonal Wichtigkeit hatten. Außerdem aber bestand noch ein unmittelbarer
Verkehr der Portierloge mit dem Vestibül, denn an zwei großen Schiebefenstern saßen
zwei Unterportiers und waren unaufhörlich damit beschäftigt, Auskünfte in den
verschiedensten Angelegenheiten zu erteilen. Das waren geradezu überbürdete Leute,
und Karl hätte behaupten wol en, daß der Oberportier, wie er ihn kannte, sich in seiner
Laufbahn um diese Posten herumgewunden hatte. Diese zwei Auskunftserteiler hatten
von außen konnte man sich das nicht richtig vorstellen in der Öffnung des Fensters
immer zumindest zehn fragende Gesichter vor sich. Unter diesen zehn Fragern, die
immerfort wechselten, war oft ein Durcheinander von Sprachen, als sei jeder einzelne
von einem anderen Lande abgesandt. Immer fragten einige gleichzeitig, immer redeten
außerdem einzelne untereinander. Die meisten wollten etwas aus der Portierloge holen
oder etwas dort abgeben, so sah man immer auch ungeduldig fuchtelnde Hände aus dem
Gedränge ragen. Einmal hatte einer ein Begehren wegen irgendeiner Zeitung, die sich
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unversehens von der Höhe aus entfaltete und für einen Augenblick alle Gesichter
verhüllte. All diesem mußten nun die zwei Unterportiers standhalten. Bloßes Reden
hätte für ihre Aufgabe nicht genügt, sie plapperten, besonders der eine, ein düsterer
Mann mit einem das ganze Gesicht umgebenden dunklen Bart, gab die Auskunft ohne
die geringste Unterbrechung. Er sah weder auf die Tischplatte, wo er fortwährend
Handreichungen auszuführen hatte, noch auf das Gesicht dieses oder jenes Fragers,
sondern ausschließlich starr vor sich, offenbar um seine Kräfte zu sparen und zu
sammeln. Übrigens störte wohl sein Bart ein wenig die Verständlichkeit seiner Rede, und
Karl konnte in dem Weilchen, während dessen er bei ihm stehenblieb, sehr wenig von
dem Gesagten auffassen, wenn es auch möglicherweise trotz dem englischen Beiklang
gerade fremde Sprachen waren, die er gebrauchen mußte. Außerdem beirrte es, daß sich
eine Auskunft so knapp an die andere anschloß und in sie überging, so daß oft noch ein
Frager mit gespanntem Gesicht zuhorchte, da er glaubte, es gehe noch um seine Sache,
um erst nach einem Weilchen zu merken, daß er schon erledigt war. Gewöhnen mußte
man sich auch daran, daß der Unterportier niemals bat, eine Frage zu wiederholen, selbst
wenn sie im ganzen verständlich und nur ein wenig undeutlich gestellt war, ein kaum
merkliches Kopfschütteln verriet dann, daß er nicht die Absicht habe, diese Frage zu
beantworten, und es war Sache des Fragestellers, seinen eigenen Fehler zu erkennen und
die Frage besser zu formulieren. Besonders damit verbrachten manche Leute sehr lange
Zeit vor dem Schalter. Zur Unterstützung der Unterportiers war jedem ein Laufbursche
beigegeben, der in gestrecktem Lauf von einem Bücherregal und aus verschiedenen
Kasten alles herbeizubringen hatte, was der Unterportier gerade benötigte. Das waren
die bestbezahlten, wenn auch anstrengendsten Posten, die es im Hotel für ganz junge
Leute gab, in gewissem Sinne waren sie auch noch ärger daran als die Unterportiers,
denn diese hatten bloß nachzudenken und zu reden, während die jungen Leute
gleichzeitig nachdenken und laufen mußten. Brachten sie einmal etwas Unrichtiges
herbei, so konnte sich natürlich der Unterportier in der Eile nicht damit aufhalten, ihnen
lange Belehrungen zu geben, er warf vielmehr einfach, das, was sie ihm auf den Tisch
legten, mit einem Ruck vom Tisch hinunter. Sehr interessant war die Ablösung der
Unterportiers, die gerade kurz nach dem Eintritt Karls stattfand. Eine solche Ablösung
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mußte natürlich, wenigstens während des Tages, öfters stattfinden, denn es gab wohl
kaum einen Menschen, der es länger als eine Stunde hinter dem Schalter ausgehalten
hätte. Zur Ablösungszeit ertönte nun eine Glocke, und gleichzeitig traten aus einer
Seitentür die zwei Unterportiers, die jetzt an die Reihe kommen sollten, jeder von
seinem Laufburschen gefolgt. Sie stellten sich vorläufig untätig beim Schalter auf und
betrachteten ein Weilchen die Leute draußen, um festzustellen, in welchem Stadium sich
gerade die augenblickliche Fragebeantwortung befand. Schien ihnen der Augenblick
passend, um einzugreifen, klopften sie dem abzulösenden Unterportier auf die Schulter,
der, obwohl er sich bisher um nichts, was hinter seinem Rücken vorging, gekümmert
hatte, sofort verstand und seinen Platz freimachte. Das Ganze ging so rasch, daß es oft
die Leute draußen überraschte und sie aus Schrecken über das so plötzlich vor ihnen
auftauchende neue Gesicht fast zurückwichen. Die abgelösten zwei Männer streckten
sich und begossen dann über zwei bereitstehenden Waschbecken ihre heißen Köpfe. Die
abgelösten Laufburschen durften sich aber noch nicht strecken, sondern hatten noch ein
Weilchen damit zu tun, die während ihrer Dienststunden auf den Boden geworfenen
Gegenstände aufzuheben und an ihren Platz zu legen.
Alles dieses hatte Karl mit der angespanntesten Aufmerksamkeit in wenigen
Augenblicken in sich aufgenommen, und mit leichten Kopfschmerzen folgte er still dem
Oberportier, der ihn weiterführte. Offenbar hatte auch der Oberportier den großen
Eindruck beachtet, den diese Art der Auskunftserteilung auf Karl gemacht hatte, und er
riß plötzlich an Karls Hand und sagte: »Siehst du, so wird hier gearbeitet.« Karl hatte ja
allerdings hier im Hotel nicht gefaulenzt, aber von solcher Arbeit hatte er doch keine
Ahnung gehabt, und fast völlig vergessend, daß der Oberportier sein großer Feind war,
sah er zu ihm auf und nickte stumm und anerkennend mit dem Kopf. Das schien dem
Oberportier aber wieder eine Überschätzung des Unterportiers und vielleicht eine
Unhöflichkeit gegenüber seiner Person zu sein, denn, als hätte er Karl zum Narren
gehalten, rief er, ohne Besorgnis, daß man ihn hören könnte: »Natürlich ist dieses hier
die dümmste Arbeit im ganzen Hotel; wenn man eine Stunde zugehört hat, kennt man
so ziemlich alle Fragen, die gestellt werden, und den Rest braucht man ja nicht zu
173
beantworten. Wenn du nicht frech und ungezogen gewesen wärest, gelogen, gelumpt,
gesoffen und gestohlen hättest, hätte ich dich vielleicht bei so einem Fenster anstellen
können, denn dazu kann ich ausschließlich nur vernagelte Köpfe brauchen.«
Karl überhörte gänzlich die Beschimpfung, soweit sie ihn betraf, so sehr war er darüber
empört, daß die ehrliche und schwere Arbeit der Unterportiers, statt anerkannt zu
werden, verhöhnt wurde, und überdies verhöhnt von einem Mann, der, wenn er es
gewagt hätte, sich einmal zu einem solchen Schalter zu setzen, gewiß nach ein paar
Minuten unter dem Gelächter aller Frager hätte abziehen müssen.
»Lassen Sie mich«, sagte Karl, seine Neugierde in betreff der Portierloge war bis zum
Übermaß gestillt »ich will mit Ihnen nichts mehr zu tun haben.«
»Das genügt nicht, um fortzukommen«, sagte der Oberportier, drückte Karls Arme, daß
dieser sie gar nicht rühren konnte, und trug ihn förmlich an das andere Ende der
Portierloge. Sahen die Leute draußen diese Gewalttätigkeit des Oberportiers nicht. Oder,
wenn sie es sahen, wie faßten sie sie denn auf, daß keiner sich darüber aufhielt, daß
niemand wenigstens an die Scheibe klopfte, um dem Oberportier zu zeigen, daß er
beobachtet werde und nicht nach seinem Gutdünken mit Karl verfahren dürfe.
Aber bald hatte Karl auch keine Hoffnung mehr, vom Vestibül aus Hilfe zu bekommen,
denn der Oberportier griff an eine Schnur, und über den Scheiben der halben
Portierloge zogen sich im Fluge bis in die letzte Höhe schwarze Vorhänge zusammen.
Auch in diesem Teil der Portierloge waren ja Menschen, aber al e in voller Arbeit und
ohne Ohr und Auge für alles, was nicht mit ihrer Arbeit zusammenhing. Außerdem
waren sie ganz vom Oberportier abhängig und hätten, statt Karl zu helfen, lieber
geholfen, alles zu verbergen, was auch immer dem Oberportier eingefallen wäre. Da
waren zum Beispiel sechs Unterportiers bei sechs Telephonen. Die Anordnung war, wie
man gleich bemerkte, so getroffen, daß immer einer bloß Gespräche aufnahm, während
sein Nachbar nach den vom ersten empfangenen Notizen die Aufträge telephonisch
weiterleitete. Es waren dies jene neuesten Telephone, für die keine Telephonzelle nötig
174
war, denn das Glockenläuten war nicht lauter als ein Zirpen, man konnte in das
Telephon mit Flüstern hineinsprechen und doch kamen die Worte dank besonderer
elektrischer Verstärkungen mit Donnerstimme an ihrem Ziele an. Deshalb hörte man die
drei Sprecher an ihren Telephonen kaum und hätte glauben können, sie beobachteten
murmelnd irgendeinen Vorgang in der Telephonmuschel, während die drei anderen, wie
betäubt von dem auf sie herandringenden, für die Umgebung im übrigen unhörbaren
Lärm, die Köpfe auf das Papier sinken ließen, das zu beschreiben ihre Aufgabe war.
Wieder stand auch hier neben jedem der drei Sprecher ein Junge zur Hilfeleistung; diese
drei Jungen taten nichts anderes, als abwechselnd den Kopf horchend zu ihrem Herrn
zu strecken und dann eilig, als würden sie gestochen, in riesigen, gelben Büchern die
umschlagenden Blättermassen überrauschten bei weitem jedes Geräusch der Telephone
die Telephonnummern herauszusuchen.
Karl konnte sich tatsächlich nicht enthalten, das alles genau zu verfolgen, obwohl der
Oberportier, der sich gesetzt hatte, ihn in einer Art Umklammerung vor sich hinhielt.
»Es ist meine Pflicht«, sagte der Oberportier und schüttelte Karl, als wolle er nur
erreichen, daß dieser ihm sein Gesicht zuwende, »das, was der Oberkel ner aus welchen
Gründen immer versäumt hat, im Namen der Hoteldirektion wenigstens ein wenig
nachzuholen. So tritt hier immer jeder für den anderen ein. Ohne das wäre ein so großer
Betrieb undenkbar. Du willst vielleicht sagen, daß ich nicht dein unmittelbarer
Vorgesetzter bin; nun, desto schöner ist es von mir, daß ich mich dieser sonst
verlassenen Sache annehme. Im übrigen bin ich in gewissem Sinne als Oberportier über
alle gesetzt, denn mir unterstehen doch alle Tore des Hotels, also dieses Haupttor, die
drei Mittel und die zehn Nebentore, von den unzähligen Türchen und türlosen
Ausgängen gar nicht zu reden. Natürlich haben mir alle in Betracht kommenden
Bedienungsmannschaften unbedingt zu gehorchen. Gegenüber diesen großen Ehren
habe ich natürlich andererseits vor der Hoteldirektion die Verpflichtung, niemanden
hinauszulassen, der nur im geringsten verdächtig ist. Gerade du aber kommst mir, weil es
mir so beliebt, sogar stark verdächtig vor.« Und vor Freude darüber hob er die Hände
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und ließ sie wieder stark zurückschlagen, daß es klatschte und wehtat.
»Es ist möglich«, fügte er hinzu und unterhielt sich dabei königlich, »daß du bei einem
anderen Ausgang unbemerkt hinausgekommen wärest, denn du standest mir natürlich
nicht dafür, besondere Anweisungen deinetwegen ergehen zu lassen. Aber da du nun
einmal hier bist, will ich dich genießen. Im übrigen habe ich nicht daran gezweifelt, daß
du das Rendezvous, das wir uns beim Haupttor gegeben hatten, auch einhalten wirst,
denn das ist eine Regel, daß der Freche und der Unfolgsame gerade dort und dann mit
seinen Lastern aufhört, wo es ihm schadet. Du wirst das an dir selbst gewiß noch oft
beobachten können.«
»Glauben Sie nicht«, sagte Karl und atmete den eigentümlich dumpfen Geruch ein, der
vom Oberportier ausging, und den er erst hier, wo er so lange in seiner nächsten Nähe
stand, bemerkte, »glauben Sie nicht«, sagte er, »daß ich vollständig in Ihrer Gewalt bin,
ich kann ja schreien.«
»Und ich kann dir den Mund stopfen«, sagte der Oberportier ebenso ruhig und schnell,
wie er es wohl nötigenfalls auszuführen gedachte.
»Und meinst du denn wirklich, wenn man deinetwegen hereinkommen sollte, es würde
sich jemand finden, der dir recht geben würde, mir, dem Oberportier gegenüber? Du
siehst also wohl den Unsinn deiner Hoffnungen ein. Weißt du, wie du noch in der
Uniform warst, da hast du ja tatsächlich noch ein wenig beachtenswert ausgesehen, aber
in diesem Anzug, der tatsächlich nur in Europa möglich ist! « Und er zerrte an den
verschiedensten Stellen des Anzuges, der jetzt allerdings, obwohl er vor fünf Monaten
noch fast neu gewesen war, abgenützt, faltig, vor allem aber dreckig war, was
hauptsächlich auf die Rücksichtslosigkeit der Liftjungen zurückzufahren war, die jeden
Tag, um den Saalboden dem allgemeinen Befehl gemäß glatt und staubfrei zu erhalten,
aus Faulheit keine eigentliche Reinigung vornahmen, sondern mit irgendeinem Öl den
Boden besprengten und damit gleichzeitig alle Kleider auf den Kleiderständern
schändlich bespritzten. Nun konnte man seine Kleider aufheben, wo man wollte, immer
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fand sich einer, der gerade seine Kleider nicht bei der Hand hatte, dagegen die
versteckten fremden Kleider mit Leichtigkeit fand und sich ausborgte. Und womöglich
war dieser eine gerade derjenige, der an diesem Tage die Saalreinigung vorzunehmen
hatte und der dann die Kleider nicht nur mit dem Öl bespritzte, sondern vollständig von
oben bis unten begoß. Nur Renell hatte seine kostbaren Kleider an irgendeinem
geheimen Orte versteckt, von wo sie kaum jemals einer hervorgezogen hatte, zumal sich
ja auch niemand vielleicht aus Bosheit oder Geiz fremde Kleider ausborgte, sondern aus
bloßer Eile und Nachlässigkeit dort nahm, wo er sie fand. Aber selbst auf Renells Kleid
war mitten auf dem Rücken ein kreisrunder, rötlicher Ölfleck, und in der Stadt hätte ein
Kenner an diesem Fleck selbst in diesem eleganten jungen Mann den Liftjungen
feststellen können.
Und Karl sagte sich bei diesen Erinnerungen, daß er auch als Liftjunge genug gelitten
hatte und daß doch alles vergebens gewesen war, denn nun war dieser Liftjungendienst
nicht, wie er gehofft hatte, eine Vorstufe zu besserer Anstellung gewesen, vielmehr war
er jetzt noch tiefer hinabgedrückt worden und sogar sehr nahe an das Gefängnis geraten.
Überdies wurde er jetzt noch vom Oberportier festgehalten, der wohl darüber
nachdachte, wie er Karl noch weiter beschämen könne. Und, völlig vergessend, daß der
Oberportier durchaus nicht der Mann war, der sich vielleicht überzeugen ließ, rief Karl,
während er sich mit der gerade freien Hand mehrmals gegen die Stirn schlug: »Und
wenn ich Sie wirklich nicht gegrüßt haben sollte, wie kann denn ein erwachsener Mensch
wegen eines unterlassenen Grußes so rachsüchtig werden!«
»Ich bin nicht rachsüchtig«, sagte der Oberportier, »ich will nur deine Taschen
durchsuchen. Ich bin zwar überzeugt, daß ich nichts finden werde, denn du wirst wohl
vorsichtig gewesen sein und hast wohl deinen Freund allmählich alles, jeden Tag etwas,
wegschleppen lassen. Aber durchsucht worden mußt du sein.« Und schon griff er in die
eine von Karls Rocktaschen mit solcher Gewalt, daß die seitlichen Nähte platzten.
»Da ist also schon nichts«, sagte er und überklaubte in seiner Hand den Inhalt dieser
Tasche, einen Reklamekalender des Hotels, ein Blatt mit einer Aufgabe aus
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kaufmännischer Korrespondenz, einige Rock- und Hosenknöpfe, die Visitenkarte der
Oberköchin, einen Polierstift für die Nägel, den ihm einmal ein Gast beim Kofferpacken
zugeworfen hatte, einen alten Taschenspiegel, den ihm Renell einmal zum Dank für
vielleicht zehn Vertretungen im Dienste geschenkt hatte, und noch ein paar
Kleinigkeiten.
»Da ist also nichts«, wiederholte der Oberportier und warf alles unter die Bank, als sei es
selbstverständlich, daß das Eigentum Karls, soweit es nicht gestohlen war, unter die
Bank gehöre.
>Jetzt ist′s aber genug der Oberportier, durch die Gier unvorsichtig gemacht, in Karls zweiter Tasche
herumgrub, fuhr Karl mit einem Ruck aus den Ärmeln heraus, stieß im ersten, noch
unbeherrschten Sprung einen Unterportier ziemlich stark gegen seinen Apparat, lief
durch die schwüle Luft, eigentlich langsamer, als er beabsichtigt hatte, zur Tür, war aber
glücklich draußen, ehe der Oberportier in seinem schweren Mantel sich auch nur hatte
erheben können. Die Organisation des Wachdienstes mußte doch nicht so mustergültig
sein, es läutete zwar von einigen Seiten, aber Gott weiß zu welchen Zwecken!
Hotelangestel te gingen zwar im Torgang in solcher Anzahl kreuz und quer, daß man
fast daran denken konnte, sie wollten in unauffälliger Weise den Ausgang unmöglich
machen, denn viel sonstigen Sinn konnte man in diesem Hin- und Hergehen nicht
erkennen; jedenfalls kam Karl bald ins Freie, mußte aber noch das Hoteltrottoir
entlanggehen, denn zur Straße konnte man nicht gelangen, da eine ununterbrochene
Reihe von Automobilen stockend sich am Haupttor vorbeibewegte. Diese Automobile
waren, um nur so bald als möglich zu ihrer Herrschaft zu kommen, geradezu
ineinandergefahren, jedes wurde vom nachfolgenden vorwärtsgeschoben. Fußgänger, die
es besonders eilig hatten, auf die Straße zu gelangen, stiegen zwar hie und da durch die
einzelnen Automobile hindurch, als sei dort ein öffentlicher Durchgang, und es war
ihnen ganz gleichgültig, ob im Automobil nur der Chauffeur und die Dienerschaft saß
oder auch die vornehmsten Leute. Ein solches Benehmen schien aber Karl doch
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übertrieben, und man mußte sich wohl in den Verhältnissen schon auskennen, um das
zu wagen; wie leicht konnte er an ein Automobil geraten, dessen Insassen das
übelnahmen, ihn hinunterwarfen und einen Skandal veranlaßten, und nichts hatte er als
ein entlaufener verdächtiger Hotelangestellter in Hemdärmeln mehr zu fürchten.
Schließlich konnte ja die Reihe der Automobile nicht in Ewigkeit so fortgehen, und er
war auch, solange er sich ans Hotel hielt, eigentlich am wenigsten verdächtig. Tatsächlich
gelangte Karl endlich an eine Stelle, wo die Automobilreihe zwar nicht aufhörte, aber zur
Straße hin abzog und lockerer wurde. Gerade wollte er in den Verkehr der Straße
schlüpfen, in dem wohl noch viel verdächtiger aussehende Leute, als er war, frei
herumliefen, da hörte er in der Nähe seinen Namen rufen. Er wandte sich um und sah,
wie zwei ihm wohlbekannte Liftjungen aus einer niedrigen, kleinen Türöffnung, die wie
der Eingang einer Gruft aussah, mit äußerster Anstrengung eine Bahre herauszogen, auf
der, wie Karl nun erkannte, wahrhaftig Robinson lag, Kopf, Gesicht und Arme
mannigfaltig umbunden. Es war häßlich anzusehen, wie er die Arme an die Augen
führte, um mit dem Verbande die Tränen abzuwischen, die er vor Schmerzen oder vor
sonstigem Leid oder gar vor Freude über das Wiedersehen mit Karl vergoß.
»Roßmann«, rief er vorwurfsvoll, »warum läßt du mich denn so lange warten! Schon eine
Stunde verbringe ich damit, mich zu wehren, damit ich nicht wegtransportiert werde, ehe
du kommst. Diese Kerle« und er gab dem einen Liftjungen ein Kopfstück, als sei er
durch die Verbände vor Schlägen geschützt »sind ja wahre Teufel. Ach, Roßmann, der
Besuch bei dir ist mir teuer zu stehen gekommen.«
»Was hat man dir denn gemacht?« sagte Karl und trat an die Bahre heran, welche die
Liftjungen, um sich auszuruhen, lachend niederstellten.
»Du fragst noch«, seufzte Robinson »und siehst, wie ich ausschaue. Bedenke, ich bin ja
höchstwahrscheinlich für mein ganzes Leben zum Krüppel ge schlagen. Ich habe
fürchterliche Schmerzen von hier bis hierher« und er zeigte zuerst auf den Kopf und
dann auf die Zehen »ich möchte dir wünschen, daß du gesehen hättest, wie ich aus der
Nase geblutet habe. Meine Weste ist ganz verdorben, die habe ich überhaupt dort
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gelassen, meine Hosen sind zerfetzt, ich bin in Unterhosen« und er lüftete die Decke
ein wenig und lud Karl ein, unter sie zu schauen.
»Was wird nur aus mir werden! Ich werde zumindest einige Monate liegen müssen, und
das will ich dir gleich sagen, ich habe niemanden anderen als dich, der mich pflegen
könnte, Delamarche ist ja viel zu ungeduldig. Roßmann, Roßmannchen!« Und Robinson
streckte die Hand nach dem ein wenig zurücktretenden Karl aus, um ihn durch
Streicheln für sich zu gewinnen.
»Warum habe ich dich nur besuchen müssen!« wiederholte er mehrere Male, um Karl die
Mitschuld nicht vergessen zu lassen, die dieser an seinem Unglück hatte.
Nun erkannte zwar Karl sofort, daß das Klagen Robinsons nicht von seinen Wunden,
sondern von dem ungeheueren Katzenjammer stammte, in dem er sich befand, da er, in
schwerer Trunkenheit kaum eingeschlafen, gleich geweckt und zu seiner Überraschung
blutig geboxt worden war und sich in der wachen Welt gar nicht mehr zurechtfinden
konnte. Die Bedeutungslosigkeit der Wunden war schon an den unförmlichen, aus alten
Fetzen bestehenden Verbänden zu sehen, mit denen ihn die Liftjungen offenbar zum
Spaß ganz und gar umwickelt hatten. Und auch die zwei Liftjungen an den Enden der
Bahre prusteten vor Lachen von Zeit zu Zeit. Nun war aber hier nicht der Ort,
Robinson zur Besinnung zu bringen, denn stürmend eilten hier die Passanten, ohne sich
um die Gruppe an der Bahre zu kümmern, vorbei, öfters sprangen Leute mit richtigem
Turnerschwung über Robinson hinweg, der mit Karls Geld bezahlte Chauffeur rief:
»Vorwärts, vorwärts!« Die Liftjungen hoben mit letzter Kraft die Bahre auf, Robinson
erfaßte Karls Hand und sagte schmeichelnd: »Nun komm, so komm doch.« War nicht
Karl in dem Aufzug, in dem er sich befand, im Dunkel des Automobils noch am besten
aufgehoben? Und so setzte er sich neben Robinson, der den Kopf an ihn lehnte. Die
zurückbleibenden Liftjungen schüttelten ihm, als ihrem gewesenen Kollegen, durch das
Coupéfenster herzlich die Hand, und das Automobil drehte sich mit scharfer Wendung
zur Straße hin. Es schien, als müsse unbedingt ein Unglück geschehen, aber gleich nahm
der alles umfassende Verkehr auch die schnurgerade Fahrt dieses Automobils ruhig in
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sich auf.
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Ein Asyl
Es mußte wohl eine entlegene Vorstadtstraße sein, in der das Automobil haltmachte,
denn ringsherum herrschte Stille, am Trottoirrand hockten Kinder und spielten. Ein
Mann mit einer Menge alter Kleider über den Schultern rief beobachtend zu den
Fenstern der Häuser empor. In seiner Müdigkeit fühlte sich Karl unbehaglich, als er aus
dem Automobil auf den Asphalt trat, den die Vormittagssonne warm und hell beschien.
»Wohnst du wirklich hier?« rief er ins Automobil hinein.
Robinson, der während der ganzen Fahrt friedlich geschlafen hatte, brummte irgendeine
undeutliche Bejahung und schien darauf zu warten, daß Karl ihn hinaustragen werde.
»Dann habe ich hier also nichts mehr zu tun. Leb wohl«, sagte Karl und machte sich
daran, die ein wenig sich senkende Straße abwärts zu gehen.
»Aber Karl, was fällt dir denn ein?« rief Robinson und stand schon vor lauter Sorge
ziemlich aufrecht, nur mit noch etwas unruhigen Knien, im Wagen.
»Ich muß doch gehen«, sagte Karl, der der raschen Gesundung Robinsons zugesehen
hatte.
»In Hemdärmeln?« fragte dieser.
»Ich werde mir schon noch einen Rock verdienen«, antwortete Karl, nickte Robinson
zuversichtlich zu, grüßte mit erhobener Hand und wäre wirklich fortgegangen, wenn
nicht der Chauffeur gerufen hätte: »Noch einen kleinen Augenblick Geduld, mein Herr!«
Es zeigte sich unangenehmerweise, daß der Chauffeur noch Ansprüche auf eine
nachträgliche Bezahlung stellte, denn die Wartezeit vor dem Hotel war noch nicht
bezahlt.
»Nun ja«, rief aus dem Automobil Robinson in Bestätigung der Richtigkeit dieser
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Forderung, »ich habe ja dort so lange auf dich warten müssen. Etwas mußt du ihm noch
geben.«
»Ja, freilich«, sagte der Chauffeur.
»Ja, wenn ich nur noch etwas hätte«, sagte Karl und griff in die Hosentaschen, obwohl er
wußte, daß es nutzlos war.
»Ich kann mich nur an Sie halten«, sagte der Chauffeur und stellte sich breitbeinig auf,
»von dem kranken Mann dort kann ich nichts verlangen.«
Vom Tor her näherte sich ein junger Bursch mit zerfressener Nase und hörte aus einer
Entfernung von einigen Schritten zu. Gerade machte durch die Straße ein Polizeimann
die Runde, faßte mit gesenktem Gesicht den hemdärmeligen Menschen ins Auge und
blieb stehen.
Robinson, der den Polizeimann auch bemerkt hatte, machte die Dummheit, aus dem
anderen Fenster ihm zuzurufen: »Es ist nichts, es ist nichts!«, als ob man einen
Polizeimann wie eine Fliege verscheuchen könnte. Die Kinder, welche den Polizeimann
beobachtet hatten, wurden nun durch sein Stillstehen auch auf Karl und den Chauffeur
aufmerksam und liefen im Trab herbei. Im Tor gegenüber stand eine alte Frau und sah
starr hinüber.
»Roßmann!« rief da eine Stimme aus der Höhe. Es war Delamarche, der das vom Balkon
des letzten Stockwerks rief. Er selbst war nur schon recht undeutlich gegen den weißlich
blauen Himmel zu sehen, hatte offenbar einen Schlafrock an und beobachtete mit einem
Operngucker die Straße. Neben ihm war ein roter Sonnenschirm aufgespannt, unter
dem eine Frau zu sitzen schien. »Halloh!« rief er mit größter Anstrengung, um sich
verständlich zu machen, »ist Robinson auch da?«
»Ja«, antwortete Karl, von einem zweiten, viel lauteren »Ja« Robinsons aus dem Wagen
kräftig unterstützt.
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»Halloh!« rief es zurück, »ich komme gleich!«
Robinson beugte sich aus dem Wagen.
»Das ist ein Mann«, sagte er, und dieses Lob Delamarches war an Karl gerichtet, an den
Chauffeur, an den Polizeimann und an jeden, der es hören wollte. Oben auf dem
Balkon, den man aus Zerstreutheit noch ansah, obwohl ihn Delamarche schon verlassen
hatte, erhob sich nun unter dem Sonnenschirm tatsächlich eine starke Frau in rotem,
taillenlosem Kleid, nahm den Operngucker von der Brüstung und sah durch ihn auf die
Leute hinunter, die nur allmählich die Blicke von ihr wandten. Karl sah in Erwartung
Delamarches in das Haustor und weiterhin in den Hof, den eine fast ununterbrochene
Reihe von Geschäftsdienern durchquerte, von denen jeder eine kleine, aber offenbar
sehr schwere Kiste auf der Achsel trug. Der Chauffeur war zu seinem Wagen getreten
und putzte, um die Zeit auszunützen, mit einem Fetzen die Wagenlaternen. Robinson
befühlte seine Gliedmaßen, schien erstaunt über die geringen Schmerzen zu sein, die er
trotz größter Aufmerksamkeit fühlen konnte, und begann vorsichtig, mit tief geneigtem
Gesicht, einen der dicken Verbände am Bein zu lösen. Der Polizeimann hielt sein
schwarzes Stöckchen quer vor sich und wartete still, mit der großen Geduld, die
Polizeileute haben müssen, ob sie nun im gewöhnlichen Dienst oder auf der Lauer sind.
Der Bursche mit der zerfressenen Nase setzte sich auf einen Torstein und streckte die
Beine von sich. Die Kinder näherten sich Karl allmählich mit kleinen Schritten, denn
dieser schien ihnen, obwohl er sie nicht beachtete, wegen seiner blauen Hemdärmel der
wichtigste von allen zu sein.
An der Länge der Zeit, die bis zur Ankunft Delamarches verging, konnte man die große
Höhe dieses Hauses ermessen. Und Delamarche kam sogar sehr eilig, mit nur flüchtig
zugezogenem Schlafrock.
»Also, da seid ihr!« rief er erfreut und streng zugleich. Bei seinen großen Schritten
enthüllte sich stets für einen Augenblick seine farbige Unterkleidung. Karl begriff nicht
ganz, warum Delamarche hier, in der Stadt, in der riesigen Mietskaserne, auf der offenen
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Straße, so bequem angezogen herumging, als sei er in seiner Privatvilla. Ebenso wie
Robinson hatte auch Delamarche sich sehr verändert. Sein dunkles, glatt rasiertes,
peinlich reines, von roh ausgearbeiteten Muskeln gebildetes Gesicht sah stolz und
respekteinflößend aus. Der grelle Schein seiner jetzt immer etwas zusammengezogenen
Augen überraschte. Sein violetter Schlafrock war zwar alt, fleckig und für ihn zu groß,
aber aus diesem häßlichen Kleidungsstück bauschte sich oben eine mächtige, dunkle
Krawatte aus schwerer Seide.
»Nun?« fragte er alle insgesamt. Der Polizeimann trat ein wenig näher und lehnte sich an
den Motorkasten des Automobils. Karl gab eine kleine Erklärung.
»Robinson ist ein wenig marod, aber wenn er sich Mühe gibt, wird er schon die Treppen
hinaufgehen können; der Chauffeur hier will noch eine Nachzahlung zum Fahrgeld, das
ich schon bezahlt habe. Und jetzt gehe ich. Guten Tag.«
»Du gehst nicht«, sagte Delamarche.
»Ich habe es ihm auch schon gesagt«, meldete sich Robinson aus dem Wagen.
»Ich gehe doch«, sagte Karl und machte ein paar Schritte. Aber Delamarche war schon
hinter ihm und schob ihn mit Gewalt zurück.
»Ich sage, du bleibst!« rief er.
»Aber laßt mich doch«, sagte Karl und machte sich bereit, wenn es nötig sein sollte, mit
den Fäusten sich die Freiheit zu verschaffen, so wenig Aussicht auf Erfolg gegenüber
einem Mann wie Delamarche auch war. Aber da stand doch der Polizeimann, da war der
Chauffeur, hie und da gingen Arbeitergruppen durch die sonst freilich ruhige Straße;
würde man es denn dulden, daß ihm von Delamarche ein Unrecht geschehe? In einem
Zimmer hätte er mit ihm nicht allein sein wollen, aber hier? Delamarche zahlte jetzt
ruhig dem Chauffeur, der unter vielen Verbeugungen den unverdient großen Betrag
einsteckte und aus Dankbarkeit zu Robinson ging und mit diesem offenbar darüber
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sprach, wie er am besten herausbefördert werden könnte. Karl sah sich unbeobachtet,
vielleicht duldete Delamarche ein stillschweigendes Fortgehen leichter; wenn Streit
vermieden werden konnte, war es natürlich am besten, und so ging Karl einfach in die
Fahrbahn hinein, um möglichst rasch wegzukommen. Die Kinder strömten zu
Delamarche, um ihn auf Karls Flucht aufmerksam zu machen, aber er mußte selbst gar
nicht eingreifen, denn der Polizeimann sagte mit vorgestrecktem Stabe »Halt!« »Wie
heißt du?« fragte er, schob den Stab unter den Arm und zog langsam ein Buch hervor.
Karl sah ihn jetzt zum erstenmal genauer an, es war ein kräftiger Mann, hatte aber schon
fast ganz weißes Haar.
»Karl Roßmann«, sagte er.
»Roßmann«, wiederholte der Polizeimann, zweifellos nur, weil er ein ruhiger und
gründlicher Mensch war, aber Karl, der es hier eigentlich zum erstenmal mit
amerikanischen Behörden zu tun bekam, sah schon in dieser Wiederholung das
Aussprechen eines gewissen Verdachtes. Und tatsächlich konnte seine Sache nicht gut
stehen, denn selbst Robinson, der doch so sehr mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt
war, bat aus dem Wagen heraus mit stummen lebhaften Handbewegungen den
Delamarche, er möge Karl doch helfen. Aber Delamarche wehrte ihn mit hastigem
Kopfschütteln ab und sah untätig zu, die Hände in seinen übergroßen Taschen. Der
Bursche auf dem Türstein erklärte einer Frau, die jetzt erst aus dem Tore trat, den
ganzen Sachverhalt von allem Anfang an. Die Kinder standen in einem Halbkreis hinter
Karl und sahen still zum Polizeimann hinauf.
»Zeig deine Ausweispapiere«, sagte der Polizeimann. Das war wohl nur eine formelle
Frage; denn wenn man keinen Rock hat, wird man auch nicht viel Ausweispapiere bei
sich haben. Karl schwieg deshalb, um lieber auf die nächste Frage ausführlich zu
antworten und so den Mangel der Ausweispapiere möglichst zu vertuschen.
Aber die nächste Frage war: »Du hast also keine Ausweispapiere?« und Karl mußte
antworten: »Bei mir nicht.«
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»Das ist aber schlimm«, sagte der Polizeimann, sah nachdenklich im Kreise umher und
klopfte mit zwei Fingern auf den Deckel seines Buches.
»Hast du irgendeinen Verdienst?« fragte der Polizeimann schließlich.
»Ich war Liftjunge«, sagte Karl.
»Du warst Liftjunge, bist es also nicht mehr, und wovon lebst du denn jetzt?«
»Jetzt werde ich mir eine neue Arbeit suchen.«
»Ja, bist du denn entlassen worden?«
»Ja, vor einer Stunde.«
»Plötzlich?«
»Ja«, sagte Karl und hob wie zur Entschuldigung die Hand. Die ganze Geschichte
konnte er hier nicht erzählen, und wenn es auch möglich gewesen wäre, so schien es
doch ganz aussichtslos, ein drohendes Unrecht durch Erzählung eines erlittenen
Unrechts abzuwehren. Und wenn er sein Recht nicht von der Güte der Oberköchin und
von der Einsicht des Oberkellners erhalten hatte, von der Gesellschaft hier auf der
Straße hatte er es gewiß nicht zu erwarten.
»Und ohne Rock bist du entlassen worden?« fragte der Polizeimann.
»Nun ja«, sagte Karl; also auch in Amerika gehörte es zur Art der Behörden, das, was sie
sahen, noch eigens zu fragen. (Wie hatte sein Vater bei der Beschaffung des Reisepasses
über die nutzlosen Fragereien der Behörden sich ärgern müssen!) Karl hatte große Lust
wegzulaufen, sich irgendwo zu verstecken und keine Fragen mehr anhören zu müssen.
Und nun stellte gar der Polizeimann jene Frage, vor der sich Karl am meisten gefürchtet
und in deren unruhiger Voraussicht er sich bisher wahrscheinlich unvorsichtiger
benommen hatte, als es sonst geschehen wäre.
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»In welchem Hotel warst du denn angestellt?«
Er senkte den Kopf und antwortete nicht, auf diese Frage wollte er unbedingt nicht
antworten. Es durfte nicht geschehen, daß er, von einem Polizeimann eskortiert, wieder
ins Hotel Occidental zurückkäme, daß dort Verhöre stattfanden, zu denen seine Freunde
und Feinde bei gezogen würden, daß die Oberköchin ihre schon sehr schwach
gewordene gute Meinung über Karl gänzlich aufgab, da sie ihn, den sie in der Pension
Brenner vermutete, von einem Polizeimann aufgegriffen, in Hemdärmeln, ohne ihre
Visitenkarte, zu rückgekehrt fand, während der Oberkellner vielleicht nur voll
Verständnis nicken und der Oberportier dagegen von der Hand Gottes sprechen würde,
die den Lumpen endlich gefunden habe.
»Er war im Hotel Occidental angestellt«, sagte Delamarche und trat an die Seite des
Polizeimannes.
»Nein«, rief Karl und stampfte mit dem Fuße auf, »es ist nicht wahr!« Delamarche sah
ihn mit spöttisch zugespitztem Munde an, als könne er noch ganz andere Dinge
verraten. Unter die Kinder brachte die unerwartete Aufregung Karls große Bewegung,
und sie zogen zu Delamarche hin, um lieber von dort aus Karl genau anzusehen.
Robinson hatte den Kopf völlig aus dem Wagen gesteckt und verhielt sich vor Spannung
ganz ruhig; hie und da ein Augenzwinkern war seine einzige Bewegung. Der Bursche im
Tor schlug in die Hände vor Vergnügen, die Frau neben ihm gab ihm einen Stoß mit
dem Ellbogen, damit er ruhig sei. Die Gepäckträger hatten gerade Frühstückspause und
erschienen sämtlich, mit großen Töpfen schwarzen Kaffees, in dem sie mit
Stangenbroten herumführten. Einige setzten sich auf den Trottoirrand, alle schlürften
den Kaffee sehr laut.
»Sie kennen wohl den Jungen?« fragte der Polizeimann den Delamarche.
»Besser, als mir lieb ist«, sagte dieser.
»Ich habe ihm seinerzeit viel Gutes getan, er aber hat sich dafür sehr schlecht bedankt,
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was Sie wohl, selbst nach dem ganz kurzen Verhör, das Sie mit ihm angestellt haben,
leicht begreifen werden.«
»Ja«, sagte der Polizeimann »er scheint ein verstockter Junge zu sein.«
»Das ist er«, sagte Delamarche, »aber es ist das noch nicht seine schlechteste
Eigenschaft«.
»So?« sagte der Polizeimann.
»Ja«, sagte Delamarche, der nun im Reden war und dabei mit den Händen in den
Taschen seinen ganzen Mantel in schwingende Bewegung brachte, »das ist ein feiner
Hecht. Ich und mein Freund dort im Wagen, wir haben ihn zufällig im Elend
aufgegriffen, er hatte damals keine Ahnung von amerikanischen Verhältnissen, er kam
gerade aus Europa, wo man ihn auch nicht hatte brauchen können; nun, wir schleppten
ihn mit uns, ließen ihn mit uns leben, erklärten ihm alles, wollten ihm einen Posten
verschaffen, dachten, trotz allen Anzeichen, die dagegen sprachen, noch einen
brauchbaren Menschen aus ihm zu machen, da verschwand er einmal in der Nacht, war
einfach weg, und das unter Begleitumständen, die ich lieber verschweigen will. War es so
oder nicht?« fragte Delamarche schließlich und zupfte Karl am Hemdärmel.
»Zurück, ihr Kinder!« rief der Polizeimann, denn diese hatten sich so weit vorgedrängt,
daß Delamarche fast über eines gestolpert wäre. Inzwischen waren auch die
Gepäckträger, die bisher die Interessantheit dieses Verhörs unterschätzt hatten,
aufmerksam geworden und hatten sich in dichtem Ring hinter Karl versammelt, der nun
auch nicht einen Schritt hätte zurücktreten können und überdies unaufhörlich in den
Ohren das Durcheinander der Stimmen dieser Gepäckträger hatte, die in einem gänzlich
unverständlichen, vielleicht mit slawischen Worten untermischten Englisch mehr
polterten als redeten.
»Danke für die Auskunft«, sagte der Polizeimann und salutierte vor Delamarche.
»Jedenfalls werde ich ihn mitnehmen und dem Hotel Occidental zurückgeben lassen.«
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Aber Delamarche sagte: »Dürfte ich die Bitte stellen, mir den Jungen vorläufig zu
überlassen, ich hätte einiges mit ihm in Ordnung zu bringen. Ich verpflichte mich, ihn
dann selbst ins Hotel zurückzuführen.«
»Das kann ich nicht tun«, sagte der Polizeimann.
Delamarche sagte: »Hier ist meine Visitenkarte«, und reichte ihm ein Kärtchen.
Der Polizeimann sah es anerkennend an, sagte aber, verbindlich lächelnd: »Nein, es ist
vergeblich.«
So sehr sich Karl bisher vor Delamarche gehütet hatte, jetzt sah er in ihm die einzig
mögliche Rettung. Es war zwar verdächtig, wie sich dieser beim Polizeimann um Karl
bewarb, aber jedenfalls würde sich Delamarche leichter als der Polizeimann bewegen
lassen, ihn nicht ins Hotel zurückzuführen. Und selbst wenn Karl an der Hand des
Delamarche ins Hotel zurückkam, so war es viel weniger schlimm, als wenn es in
Begleitung des Polizeimannes geschah. Vorläufig aber durfte natürlich Karl nicht zu
erkennen geben, daß er tatsächlich zu Delamarche wollte, sonst war alles verloren. Und
unruhig sah er auf die Hand des Polizeimannes, die sich jeden Augenblick erheben
konnte, um ihn zu fassen.
»Ich müßte doch wenigstens erfahren, warum er plötzlich entlassen worden ist«, sagte
schließlich der Polizeimann, während Delamarche mit verdrießlichem Gesicht beiseite
sah und die Visitenkarte zwischen den Fingerspitzen zerdrückte.
»Aber er ist doch gar nicht entlassen!« rief Robinson zu allgemeiner Überraschung und
beugte sich, auf den Chauffeur gestützt, möglichst weit aus dem Wagen. »Im Gegenteil,
er hat ja dort einen guten Posten. Im Schlafsaal ist er der oberste und kann hineinführen,
wen er will. Nur ist er riesig beschäftigt, und wenn man etwas von ihm haben will, muß
man lange warten. Immerfort steckt er beim Oberkellner, bei der Oberköchin und ist
Vertrauensperson. Entlassen ist er auf keinen Fall. Ich weiß nicht, warum er das gesagt
hat. Wie kann er denn entlassen sein? Ich habe mich im Hotel schwer verletzt, und da
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hat er den Auftrag bekommen, mich nach Hause zu schaffen, und weil er gerade ohne
Rock war, ist er eben ohne Rock mitgefahren. Ich konnte nicht noch warten, bis er den
Rock holt.«
»Nun also«, sagte Delamarche mit ausgebreiteten Armen, in einem Ton, als werfe er dem
Polizeimann Mangel an Menschenkenntnis vor, und diese seine zwei Worte schienen in
die Unbestimmtheit der Aussage Robinsons eine widerspruchslose Klarheit zu bringen.
»Ist das aber auch wahr?« fragte der Polizeimann schon schwächer. »Und wenn es wahr
ist, warum gibt der Junge vor, entlassen zu sein?«
»Du sollst antworten«, sagte Delamarche.
Karl sah den Polizeimann an, der hier zwischen fremden, nur auf sich selbst bedachten
Leuten Ordnung schaffen sollte, und etwas von seinen allgemeinen Sorgen ging auch auf
Karl über. Er wollte nicht lügen und hielt die Hände fest verschlungen auf dem Rücken.
In dem Tore erschien ein Aufseher und klatschte in die Hände, zum Zeichen, daß die
Gepäckträger wieder an ihre Arbeit gehen sollten. Sie schütteten den Bodensatz aus
ihren Kaffeetöpfen und zogen verstummend mit schwankenden Schritten ins Haus.
»So kommen wir zu keinem Ende«, sagte der Polizeimann und wollte Karl am Arm
fassen. Karl wich unwillkürlich noch ein wenig zurück, fühlte den freien Raum, der sich
ihm infolge des Abmarsches der Gepäckträger eröffnet hatte, wandte sich um und setzte
sich unter einigen großen Anfangssprüngen in Lauf. Die Kinder brachen in einen
einzigen Schrei aus und liefen mit ausgestreckten Ärmchen ein paar Schritte mit.
»Haltet ihn!« rief der Polizeimann die lange, fast leere Gasse hinab und lief unter
gleichmäßigem Ausstoßen dieses Rufes in geräuschlosem, große Kraft und Übung
verratendem Lauf hinter Karl her. Es war ein Glück für Karl, daß die Verfolgung in
einem Arbeiterviertel stattfand. Die Arbeiter halten es nicht mit den Behörden. Karl lief
mitten in der Fahrbahn, weil er dort die wenigsten Hindernisse hatte, und sah nun hie
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und da auf dem Trottoir Arbeiter stehenbleiben und ihn ruhig beobachten, während der
Polizeimann ihnen sein »Haltet ihn!« zurief und in seinem Lauf, er hielt sich klugerweise
auf dem glatten Trottoir, unaufhörlich den Stab gegen Karl hin ausstreckte. Karl hatte
wenig Hoffnung und verlor sie fast ganz, als der Polizeimann nun, da sie sich
Quergassen näherten, die gewiß auch Polizeipatrouillen enthielten, geradezu betäubende
Pfiffe ausstieß. Karls Vorteil war lediglich seine leichte Kleidung, er flog, oder besser
stürzte, die sich immer mehr senkende Straße hinab, nur machte er, zerstreut infolge
seiner Verschlafenheit, oft zu hohe, zeitraubende und nutzlose Sprünge. Außerdem aber
hatte der Polizeimann sein Ziel, ohne nachdenken zu müssen, immer vor Augen, für
Karl dagegen war der Lauf doch eigentlich Nebensache, er mußte nachdenken, unter
verschiedenen Möglichkeiten auswählen, immer neu sich entschließen. Sein etwas
verzweifelter Plan war vorläufig, die Quergassen zu vermeiden, da man nicht wissen
konnte, was in ihnen steckte, vielleicht würde er da geradewegs in eine Wachstube
hineinlaufen; er wollte sich, solange es nur ging, an diese weithin übersichtliche Straße
halten, die erst tief unten in eine Brücke auslief, die, kaum begonnen, in Wasser- und
Sonnendunst verschwand. Gerade wollte er sich nach diesem Entschluß zu schnellerem
Lauf zusammennehmen, um die erste Querstraße besonders eilig zu passieren, da sah er
nicht allzu weit vor sich einen Polizeimann, lauernd an die dunkle Mauer eines im
Schatten liegenden Hauses gedrückt, bereit, im richtigen Augenblick auf Karl
loszuspringen. Jetzt blieb keine Hilfe als die Quergasse, und als er gar aus dieser Gasse
ganz harmlos beim Namen gerufen wurde es schien ihm zwar zuerst eine Täuschung
zu sein, denn ein Sausen hatte er schon die ganze Zeit lang in den Ohren , zögerte er
nicht mehr länger und bog, um die Polizeileute möglichst zu überraschen, auf einem Fuß
sich schwenkend, rechtwinklig in diese Gasse ein.
Kaum war er zwei Sprünge weit gekommen daß man seinen Namen gerufen hatte,
hatte er schon wieder vergessen, nun pfiff auch der zweite Polizeimann, man merkte
seine unverbrauchte Kraft, ferne Passanten in dieser Querstraße schienen eine raschere
Gangart anzunehmen , da griff aus einer kleinen Haustüre eine Hand nach Karl und
zog ihn mit den Worten »Still sein!« in einen dunklen Flur. Es war Delamarche, ganz
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außer Atem, mit erhitzten Wangen, seine Haare klebten ihm rings um den Kopf. Den
Schlafrock trug er unter dem Arm und war nur mit Hemd und Unterhose bekleidet. Die
Türe, welche nicht das eigentliche Haustor war, sondern nur einen unscheinbaren
Nebeneingang bildete, hatte er gleich geschlossen und versperrt.
»Einen Augenblick«, sagte er dann, lehnte sich mit hochgehaltenem Kopf an die Wand
und atmete schwer. Karl lag fast in seinen Armen und drückte halb besinnungslos das
Gesicht an seine Brust.
»Da laufen die Herren«, sagte Delamarche und streckte den Finger aufhorchend gegen
die Tür. Wirklich liefen jetzt die zwei Polizeileute vorbei, ihr Laufen klang in der leeren
Gasse, wie wenn Stahl gegen Stein geschlagen wird.
»Du bist aber ordentlich hergenommen«, sagte Delamarche zu Karl, der noch immer an
seinem Atem würgte und kein Wort herausbringen konnte. Delamarche setzte ihn
vorsichtig auf den Boden, kniete neben ihm nieder, strich ihm mehrmals über die Stirn
und beobachtete ihn.
»Jetzt geht es schon«, sagte Karl und stand mühsam auf.
»Dann also los«, sagte Delamarche, der seinen Schlafrock wieder angezogen hatte, und
schob Karl, der noch vor Schwäche den Kopf gesenkt hielt, vor sich her. Von Zeit zu
Zeit schüttelte er Karl, um ihn frischer zu machen.
»Du willst müde sein?« sagte er. »Du konntest doch im Freien laufen wie ein Pferd, ich
aber mußte hier durch die verfluchten Gänge und Höfe schleichen. Glücklicherweise bin
ich aber auch ein Läufer.« Vor Stolz gab er Karl einen weit ausgeholten Schlag auf den
Rücken.
»Von Zeit zu Zeit ist ein solches Wettrennen mit der Polizei eine gute Übung.«
»Ich war schon müde, wie ich zu laufen anfing«, sagte Karl.
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»Für schlechtes Laufen gibt es keine Entschuldigung«, sagte Delamarche.
»Wenn ich nicht wäre, hätten sie dich schon längst gefaßt.«
»Ich glaube auch«, sagte Karl.
»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet.«
»Kein Zweifel«, sagte Delamarche.
Sie gingen durch einen langen, schmalen Flurgang, der mit dunklen, glatten Steinen
gepflastert war. Hie und da öffnete sich rechts oder links ein Treppenaufgang oder man
erhielt einen Durchblick in einen anderen größeren Flur. Erwachsene waren kaum zu
sehen, nur Kinder spielten auf den leeren Treppen. An einem Geländer stand ein kleines
Mädchen und weinte, daß ihr vor Tränen das ganze Gesicht glänzte. Kaum hatte sie
Delamarche bemerkt, als sie, mit offenem Munde nach Luft schnappend, die Treppe
hinauflief und sich erst hoch oben beruhigte, als sie nach häufigem Umdrehen sich
überzeugt hatte, daß ihr niemand folge oder folgen wolle.
»Die habe ich vor einem Augenblick niedergerannt«, sagte Delamarche lachend und
drohte ihr mit der Faust, worauf sie schreiend weiter hinauflief.
Auch die Höfe, durch die sie kamen, waren fast gänzlich verlassen. Nur hie und da
schob ein Geschäftsdiener einen zweirädrigen Karren vor sich her, eine Frau füllte an
der Pumpe eine Kanne mit Wasser, ein Briefträger durchquerte mit ruhigen Schritten
den ganzen Hof, ein alter Mann mit weißem Schnauzbart saß mit übergeschlagenen
Beinen vor einer Glastür und rauchte eine Pfeife, vor einem Speditionsgeschäft wurden
Kisten abgeladen, die unbeschäftigten Pferde drehten gleichmütig die Köpfe, ein Mann
in einem Arbeitsmantel überwachte mit einem Papier in der Hand die ganze Arbeit; in
einem Büro war das Fenster geöffnet, und ein Angestellter, der an seinem Schreibpult
saß, hatte sich von ihm abgewendet und sah nachdenklich hinaus, wo gerade Karl und
Delamarche vorübergingen.
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»Eine ruhigere Gegend kann man sich gar nicht wünschen«, sagte Delamarche.
»Am Abend ist ein paar Stunden lang großer Lärm, aber während des Tages geht es hier
musterhaft zu.« Karl nickte, ihm schien die Ruhe zu groß zu sein.
»Ich könnte gar nicht anderswo wohnen«, sagte Delamarche, »denn Brunelda verträgt
absolut keinen Lärm. Kennst du Brunelda? Nun, du wirst sie ja sehen. Jedenfalls
empfehle ich dir, dich möglichst still aufzuführen.«
Als sie zu der Treppe kamen, die zur Wohnung Delamarches führte, war das Automobil
bereits weggefahren, und der Bursche mit der zerfressenen Nase meldete, ohne über
Karls Wiedererscheinen irgendwie zu staunen, er habe Robinson die Treppe
hinaufgetragen. Delamarche nickte ihm bloß zu, als sei er sein Diener, der eine
selbstverständliche Pflicht erfüllt habe, und zog Karl, der ein wenig zögerte und auf die
sonnige Straße sah, mit sich die Treppe hinauf. »Wir sind gleich oben«, sagte Delamarche
einige Male während des Treppensteigens, aber seine Voraussage wollte sich nicht
erfüllen, immer wieder setzte sich an eine Treppe eine neue in nur unmerklich
veränderter Richtung an. Einmal blieb Karl sogar stehen, nicht eigentlich vor Müdigkeit,
aber vor Wehrlosigkeit gegenüber dieser Treppenlänge.
»Die Wohnung liegt ja sehr hoch«, sagte Delamarche, als sie weitergingen, »aber auch das
hat seine Vorteile. Man geht sehr selten aus, den ganzen Tag ist man im Schlafrock, wir
haben es sehr gemütlich. Natürlich kommen in diese Höhe auch keine Besuche herauf.«
>Woher sollten denn die Besuche kommen? Treppenabsatz Robinson vor einer geschlossenen Wohnungstür, und nun waren sie
angelangt; die Treppe war noch nicht einmal zu Ende, sondern führte im Halbdunkel
weiter, ohne daß irgend etwas auf ihren baldigen Abschluß hinzudeuten schien.
»Ich habe es mir ja gedacht«, sagte Robinson leise, als bedrückten ihn noch Schmerzen
»Delamarche bringt ihn! Roßmann, was wärest du ohne Delamarche!« Robinson stand in
Unterkleidung da und suchte sich nur, soweit es möglich war, in die kleine Bettdecke
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einzuwickeln, die man ihm aus dem Hotel Occidental mitgegeben hatte; es war nicht
einzusehen, warum er nicht in die Wohnung ging, statt hier vor möglicherweise
vorüberkommenden Leuten sich lächerlich zu machen.
»Schläft sie?« fragte Delamarche.
»Ich glaube nicht«, sagte Robinson, »aber ich habe doch lieber gewartet, bis du kommst.«
»Zuerst müssen wir schauen, ob sie schläft«, sagte Delamarche und beugte sich zum
Schlüsselloch. Nachdem er lange unter verschiedenartigen Kopfdrehungen
hindurchgeschaut hatte, erhob er sich und sagte: »Man sieht sie nicht genau, das Rouleau
ist heruntergelassen. Sie sitzt auf dem Kanapee, aber vielleicht schläft sie.«
»Ist sie denn krank?« fragte Karl, denn Delamarche stand da, als bitte er um Rat. Nun
aber fragte er in scharfem Tone zurück: »Krank?«
»Er kennt sie ja nicht«, sagte Robinson entschuldigend.
Ein paar Türen weiter waren zwei Frauen auf den Korridor getreten, sie wischten die
Hände an ihren Schürzen rein, sahen auf Delamarche und Robinson und schienen sich
über sie zu unterhalten. Aus einer Tür sprang ein noch ganz junges Mädchen mit
glänzendem blondem Haar und schmiegte sich zwischen die zwei Frauen, indem es sich
in ihre Arme einhängte.
»Das sind widerliche Weiber«, sagte Delamarche leise, aber offenbar nur aus Rücksicht
auf die schlafende Brunelda, »nächstens werde ich sie bei der Polizei anzeigen und werde
für Jahre Ruhe vor ihnen haben. Schau nicht hin«, zischte er dann Karl an, der nichts
Böses daran gefunden hatte, die Frauen anzuschauen, wenn man nun schon einmal auf
dem Gang auf das Erwachen Bruneldas warten mußte. Und ärgerlich schüttelte er den
Kopf, als habe er von Delamarche keine Ermahnungen anzunehmen, und wollte, um
dies noch deutlicher zu zeigen, auf die Frauen zugehen, da hielt ihn aber Robinson mit
den Worten »Roßmann, hüte dich!« am Ärmel zurück, und Delamarche, schon durch
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Karl gereizt, wurde über ein lautes Auflachen des Mädchens so wütend, daß er mit
großem Anlauf, Arme und Beine werfend, auf die Frauen zueilte, die jede in ihre Türe
wie weggeweht verschwanden.
»So muß ich hier öfters die Gänge reinigen«, sagte Delamarche, als er mit langsamen
Schritten zurückkehrte; da erinnerte er sich an Karls Widerstand und sagte: »Von dir
aber erwarte ich ein ganz anderes Benehmen, sonst könntest du mit mir schlechte
Erfahrungen machen.«
Da rief aus dem Zimmer eine fragende Stimme in sanftem, müdem Tonfall:
»Delamarche?«
»Ja«, antwortete Delamarche und sah freundlich die Tür an, »können wir eintreten?«
»O ja«, hieß es, und Delamarche öffnete, nachdem er noch die zwei hinter ihm
Wartenden mit einem Blick gestreift hatte, langsam die Tür.
Man trat in vollständiges Dunkel ein. Der Vorhang der Balkontüre, ein Fenster war nicht
vorhanden, war bis zum Boden hinabgelassen und wenig durchscheinend, außerdem
aber trug die Überfüllung des Zimmers mit Möbeln und herumhängenden Kleidern viel
zu seiner Verdunkelung bei. Die Luft war dumpf, und man roch geradezu den Staub, der
sich hier in Winkeln, die offenbar für jede Hand unzugänglich waren, angesammelt hatte.
Das erste, was Karl beim Eintritt bemerkte, waren drei Kasten, die knapp hintereinander
aufgestellt waren.
Auf dem Kanapee lag die Frau, die früher vom Balkon hinuntergeschaut hatte. Ihr rotes
Kleid hatte sich unten ein wenig verzogen und hing in einem großen Zipfel bis auf den
Boden, man sah ihre Beine fast bis zu den Knien, sie trug dicke weiße Wollstrümpfe;
Schuhe hatte sie keine.
»Das ist eine Hitze, Delamarche«, sagte sie, wandte das Gesicht von der Wand, hielt ihre
Hand lässig in Schwebe gegen Delamarche hin, der sie ergriff und küßte. Karl sah nur
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ihr Doppelkinn an, das bei der Wendung des Kopfes auch mitrollte.
»Soll ich den Vorhang vielleicht hinaufziehen lassen?« fragte Delamarche.
»Nur das nicht«, sagte sie mit geschlossenen Augen und wie verzweifelt, »dann wird es ja
noch ärger.«
Karl war zum Fußende des Kanapees getreten, um die Frau genauer anzusehen, er
wunderte sich über ihre Klagen, denn die Hitze war gar nicht außerordentlich.
»Warte, ich werde es dir ein wenig bequem machen«, sagte Delamarche ängstlich, öffnete
oben am Halse ein paar Knöpfe und zog dort das Kleid auseinander, so daß der Hals
und der Ansatz der Brust frei wurde und ein zarter, gelblicher Spitzensaum des Hemdes
erschien.
»Wer ist das«, sagte die Frau plötzlich und zeigte mit dem Finger auf Karl »warum starrt
er mich so an?«
»Du fängst bald an, dich nützlich zu machen«, sagte Delamarche und schob Karl
beiseite, während er die Frau mit den Worten beruhigte: »Es ist nur der Junge, den ich
zu deiner Bedienung mitgebracht habe.«
»Aber ich will doch niemanden haben!« rief sie.
»Warum bringst du mir fremde Leute in die Wohnung?«
»Aber die ganze Zeit wünschst du dir doch eine Bedienung«, sagte Delamarche und
kniete nieder; auf dem Kanapee war trotz seiner großen Breite neben Brunelda nicht der
geringste Platz.
»Ach, Delamarche«, sagte sie, »du verstehst mich nicht und verstehst mich nicht.«
»Dann verstehe ich dich also wirklich nicht«, sagte Delamarche und nahm ihr Gesicht
zwischen beide Hände.
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»Aber es ist ja nichts geschehen, wenn du willst, geht er augenblicklich fort.«
»Wenn er schon einmal hier ist, soll er bleiben«, sagte sie nun wieder, und Karl war ihr in
seiner Müdigkeit für diese vielleicht gar nicht freundlich gemeinten Worte so dankbar,
daß er, immer in undeutlichen Gedanken an diese endlose Treppe, die er nun vielleicht
gleich wieder hätte abwärtssteigen müssen, über den auf seiner Decke friedlich
schlafenden Robinson hinwegtrat und trotz allem ärgerlichen Händefuchteln
Delamarches sagte: »Ich danke Ihnen jedenfalls dafür, daß Sie mich noch ein wenig hier
lassen wollen. Ich habe wohl schon vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, dabei
genug gearbeitet und verschiedene Aufregungen gehabt. Ich bin schrecklich müde. Ich
weiß gar nicht recht, wo ich bin. Wenn ich aber ein paar Stunden geschlafen habe,
können Sie mich ohne Rücksichtnahme fortschicken, und ich werde gerne gehen.«
»Du kannst überhaupt hierbleiben«, sagte die Frau und fügte ironisch hinzu, »Platz
haben wir ja in Überfluß, wie du siehst.«
»Du mußt also fortgehen«, sagte Delamarche, »wir können dich nicht brauchen.«
»Nein, er soll bleiben«, sagte die Frau nun wieder im Ernste. Und Delamarche sagte zu
Karl wie in Ausführung dieses Wunsches: »Also leg dich schon irgendwo hin.«
»Er kann sich auf die Vorhänge legen, aber er muß sich die Stiefel ausziehen, damit er
nichts zerreißt.«
Delamarche zeigte Karl den Platz, den sie meinte. Zwischen der Türe und den drei
Schränken war ein großer Haufen von verschiedenartigsten Fenstervorhängen
hingeworfen. Wenn man alle regelmäßig zusammengefaltet, die schweren zu unterst und
weiter hinauf die leichteren gelegt und schließlich die verschiedenen in den Haufen
gesteckten Bretter und Holzringe herausgezogen hätte, so wäre es ein erträgliches Lager
geworden, so war es nur eine schaukelnde und gleitende Masse, auf die sich aber Karl
trotzdem augenblicklich legte, denn zu besonderen Schlafvorbereitungen war er zu müde
und mußte sich auch mit Rücksicht auf seine Gastgeber hüten, viel Umstände zu
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machen.
Er war schon fast im eigentlichen Schlaf, da hörte er einen lauten Schrei, erhob sich und
sah die Brunelda aufrecht auf dem Kanapee sitzen, die Arme weit ausbreiten und
Delamarche, der vor ihr kniete, umschlingen. Karl, dem der Anblick peinlich war, lehnte
sich wieder zurück und versenkte sich in die Vorhänge zur Fortsetzung des Schlafes.
Daß er es hier auch nicht zwei Tage aushalten würde, schien ihm klar zu sein, desto
nötiger aber war es, sich zuerst gründlich auszuschlafen, um sich dann bei völligem
Verstande schnell und richtig entschließen zu können.
Aber Brunelda hatte schon Karls vor Müdigkeit groß aufgerissene Augen, die sie schon
einmal erschreckt hatten, bemerkt und rief: »Delamarche, ich halte es vor Hitze nicht
aus, ich brenne, ich muß mich ausziehen, ich muß baden, schick die beiden aus dem
Zimmer, wohin du willst, auf den Gang, auf den Balkon, nur daß ich sie nicht mehr
sehe! Man ist in seiner eigenen Wohnung, und immerfort gestört. Wenn ich mit dir allein
wäre, Delamarche! Ach Gott, sie sind noch immer da! Wie dieser unverschämte
Robinson sich in Gegenwart einer Dame in seiner Unterkleidung streckt. Und wie dieser
fremde Junge, der mich vor einem Augenblick ganz wild angeschaut hat, sich wieder
gelegt hat, um mich zu täuschen! Nur weg mit ihnen, Delamarche, sie sind mir eine Last,
sie liegen mir auf der Brust, wenn ich jetzt umkomme, ist es ihretwegen.«
»Sofort sind sie draußen, zieh dich nur aus«, sagte Delamarche, ging zu Robinson hin
und schüttelte ihn mit dem Fuß, den er ihm auf die Brust setzte. Gleichzeitig rief er Karl
zu: »Roßmann, aufstehen! Ihr müßt beide auf den Balkon! Und wehe euch, wenn ihr
hereinkommt, ehe man euch ruft! Und jetzt flink, Robinson« dabei schüttelte er
Robinson stärker »und du, Roßmann, gib acht, daß ich nicht auch über dich komme«,
dabei klatschte er laut zweimal in die Hände.
»Wie lang das dauert!« rief Brunelda auf dem Kanapee, sie hatte beim Sitzen die Beine
weit auseinandergestellt, um ihrem übermäßig dicken Körper mehr Raum zu
verschaffen, nur mit größter Anstrengung, unter vielem Schnappen und häufigem
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Ausruhen, konnte sie sich so weit bücken, um ihre Strümpfe am obersten Ende zu
fassen und ein wenig hinunterzuziehen, gänzlich ausziehen konnte sie sich nicht, das
mußte Delamarche besorgen, auf den sie nun ungeduldig wartete.
Ganz stumpf vor Müdigkeit war Karl von dem Haufen hinuntergekrochen und ging
langsam zur Balkontüre, ein Stück Vorhangstoff hatte sich ihm um den Fuß gewickelt,
und er schleppte es gleichgültig mit. In seiner Zerstreutheit sagte er sogar, als er an
Brunelda vorüberkam: »Ich wünsche gute Nacht« und wanderte dann an Delamarche
vorbei, der den Vorhang der Balkontüre ein wenig beiseite zog, auf den Balkon hinaus.
Gleich hinter Karl kam Robinson, wohl nicht minder schläfrig, denn er summte vor sich
hin: »Immerfort malträtiert man einen! Wenn Brunelda nicht mitkommt, gehe ich nicht
auf den Balkon.« Aber trotz dieser Versicherung ging er ohne jeden Widerstand hinaus,
wo er sich, da Karl schon in den Lehnstuhl gesunken war, sofort auf den Steinboden
legte.
Als Karl erwachte, war es schon Abend, die Sterne standen schon am Himmel, hinter
den hohen Häusern der gegenüberliegenden Straßenseite stieg der Schein des Mondes
empor. Erst nach einigem Umherschauen in der unbekannten Gegend, einigem
Aufatmen in der kühlen, erfrischenden Luft wurde sich Karl dessen bewußt, wo er war.
Wie unvorsichtig war er gewesen, alle Ratschläge der Oberköchin, alle Warnungen
Theresens, alle eigenen Befürchtungen hatte er vernachlässigt, saß hier ruhig auf dem
Balkon Delamarches und hatte hier gar den halben Tag verschlafen, als sei nicht hier
hinter dem Vorhang Delamarche, sein großer Feind. Auf dem Boden wand sich der
faule Robinson und zog Karl am Fuße, er schien ihn auch auf diese Weise geweckt zu
haben, denn er sagte: »Du hast einen Schlaf, Roßmann! Das ist die sorglose Jugend. Wie
lange willst du denn noch schlafen? Ich hätte dich ja noch schlafen lassen, aber erstens
ist es mir da auf dem Boden zu langweilig und zweitens habe ich einen großen Hunger.
Ich bitte dich, steh ein wenig auf, ich habe da unten, im Sessel drin, etwas zum Essen
aufgehoben, ich möchte es gern herausziehen. Du bekommst dann auch etwas.« Und
Karl, der aufstand, sah nun zu, wie Robinson, ohne aufzustehen, sich auf dem Bauch
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herüberwälzte und mit aus gestreckten Händen unter dem Sessel eine versilberte Schale
hervorzog, wie sie etwa zum Aufbewahren von Visitenkarten dient. Auf dieser Schale lag
aber eine halbe, ganz schwarze Wurst, einige dünne Zigaretten, eine geöffnete, aber noch
gut gefüllte und von Öl überfließende Sardinenbüchse und eine Menge meist zerdrückter
und zu einem Ballen gewordener Bonbons. Dann erschien noch ein großes Stück Brot
und eine Art Parfümflasche, die aber etwas anderes als Parfüm zu enthalten schien, denn
Robinson zeigte mit besonderer Genugtuung auf sie und schnalzte zu Karl hinauf.
»Siehst du, Roßmann«, sagte Robinson, während er Sardine nach Sardine
hinunterschlang und hie und da die Hände vom Öl an einem Wolltuch reinigte, das
offenbar Brunelda auf dem Balkon vergessen hatte. »Siehst du, Roßmann, so muß man
sich sein Essen aufheben, wenn man nicht verhungern will. Du, ich bin ganz beiseite
geschoben. Und wenn man immerfort als Hund behandelt wird denkt man schließlich,
man ist′s wirklich. Gut daß du da bist, Roßmann, ich kann wenigstens mit jemandem
reden. Im Hause spricht ja niemand mit mir. Wir sind verhaßt. Und alles wegen der
Brunelda. Sie ist ja natürlich ein prächtiges Weib. Du-« und er winkte Karl zu sich herab,
um ihm zuzuflüstern, »ich habe sie einmal nackt gesehen. O!« Und in der Erinnerung
an diese Freude fing er an, Karls Beine zu drücken und zu schlagen, bis Karl ausrief:
»Robinson, du bist ja verrückt«, seine Hände packte und zurückstieß.
»Du bist eben noch ein Kind, Roßmann«, sagte Robinson, zog einen Dolch, den er an
einer Halsschnur trug, unter dem Hemd hervor, nahm die Dolchkappe ab und zerschnitt
die harte Wurst. »Du mußt noch viel zulernen. Bist aber bei uns an der richtigen Quelle.
Setz dich doch. Willst du nicht auch etwas essen? Nun, vielleicht bekommst du Appetit,
wenn du mir zuschaust. Trinken willst du auch nicht, Du willst aber rein gar nichts. Und
gesprächig bist du gerade auch nicht besonders. Aber es ist ganz gleichgültig, mit wem
man auf dem Balkon ist, wenn nur überhaupt jemand da ist. Ich bin nämlich sehr oft auf
dem Balkon. Das macht der Brunelda solchen Spaß. Es muß ihr nur etwas einfallen,
einmal ist es ihr kalt, einmal heiß, einmal will sie schlafen, einmal will sie sich kämmen,
einmal will sie das Mieder öffnen, einmal will sie es anziehen, und da werde ich immer
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auf den Balkon geschickt. Manchmal tut sie wirklich das, was sie sagt, aber meistens liegt
sie nur so wie früher auf dem Kanapee und rührt sich nicht. Früher habe ich öfters den
Vorhang so ein wenig weggezogen und durchgeschaut, aber seit einmal Delamarche bei
einer solchen Gelegenheit ich weiß genau, daß er es nicht wollte, sondern es nur auf
Bruneldas Bitte tat mir mit der Peitsche einige Male ins Gesicht geschlagen hat siehst
du die Striemen? , wage ich nicht mehr, durchzuschauen. Und so liege ich dann hier auf
dem Balkon und habe kein Vergnügen außer essen. Vorgestern, wie ich des Abends so
allein gelegen bin, damals war ich noch in meinen eleganten Kleidern, die ich leider in
deinem Hotel verloren habe diese Hunde; reißen einem die teueren Kleider vom Leib!
wie ich also da so allein gelegen bin und durch das Geländer hinuntergeschaut habe,
war mir alles so traurig und ich habe zu heulen angefangen. Da ist zufällig, ohne daß ich
es gleich bemerkt habe, die Brunelda zu mir herausgekommen in dem roten Kleid das
paßt ihr doch von allen am besten , hat mir ein wenig zugeschaut und hat endlich
gesagt: >Robinson warum weinst du? dem Saum die Augen abgewischt. Wer weiß, was sie noch getan hätte, wenn nicht
Delamarche nach ihr gerufen hätte und sie nicht sofort wieder ins Zimmer hätte
hineingehen müssen. Natürlich habe ich gedacht, jetzt sei die Reihe an mir, und habe
durch den Vorhang gefragt, ob ich schon ins Zimmer darf. Und was meinst du, hat die
Brunelda gesagt: >Nein!Was fäl t dir ein? »Warum bleibst du denn hier, wenn man dich so behandelt?« fragte Karl.
»Verzeih, Roßmann, du fragst nicht sehr gescheit«, antwortete Robinson. »Du wirst
schon auch noch hier bleiben, und wenn man dich noch ärger behandelt. Übrigens
behandelt man mich gar nicht so arg.«
»Nein«, sagte Karl, »ich gehe bestimmt weg, und womöglich noch heute abend. Ich
bleibe nicht bei euch.«
»Wie willst du denn zum Beispiel das anstellen, heute abend wegzugehen?« fragte
Robinson, der das Weiche aus dem Brot herausgeschnitten hatte und sorgfältig in dem
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Öl der Sardinenbüchse tränkte. »Wie willst du weggehen, wenn du nicht einmal ins
Zimmer hineingehen darfst?«
»Warum dürfen wir denn nicht hineingehen?«
»Nun, solange es nicht geläutet hat, dürfen wir nicht hineingehen«, sagte Robinson, der
mit möglichst weit geöffnetem Munde das fette Brot verspeiste, während er mit einer
Hand das vom Brot herabtropfende Öl auffing, um von Zeit zu Zeit das noch übrige
Brot in diese, als Reservoir dienende, hohle Hand zu tauchen. »Es ist hier alles strenger
geworden. Zuerst war da nur ein dünner Vorhang, man hat zwar nicht durchgesehen,
aber am Abend hat man doch die Schatten erkannt. Das war der Brunelda unangenehm,
und da habe ich einen ihrer Theatermäntel zu einem Vorhang umarbeiten und statt des
alten Vorhanges hier aufhängen müssen. Jetzt sieht man gar nichts mehr. Dann habe ich
früher immer fragen dürfen, ob ich schon hineingehen darf, und man hat mir, je nach
den Umständen, ja oder nein geantwortet, aber dann habe ich das wahrscheinlich zu sehr
ausgenützt und zu oft gefragt. Brunelda konnte das nicht ertragen und sie ist trotz
ihrer Dicke sehr schwach veranlagt, Kopfschmerzen hat sie oft und Gicht in den Beinen
fast immer und so wurde bestimmt, daß ich nicht mehr fragen darf, sondern daß,
wenn ich hineingehen kann, auf die Tischglocke gedrückt wird. Das gibt ein solches
Läuten, daß es mich selbst aus dem Schlafe weckt ich habe einmal eine Katze zu
meiner Unterhaltung hier gehabt, die ist vor Schrecken über dieses Läuten weggelaufen
und nicht mehr zurückgekommen; also, geläutet hat es heute noch nicht, wenn es
nämlich läutet, dann darf ich nicht nur, sondern muß hineingehen und wenn es einmal
so lange nicht läutet, dann kann es noch sehr lange dauern.«
»Ja«, sagte Karl, »aber was für dich gilt, muß doch noch nicht für mich gelten. Überhaupt
gilt so etwas nur für den, der es sich gefallen läßt.«
»Aber«, rief Robinson, »warum sollte denn das nicht auch für dich gelten?
Selbstverständlich gilt es auch für dich. Warte hier nur ruhig mit mir, bis es läutet. Dann
kannst du ja versuchen, ob du wegkommst.«
204
»Warum gehst du denn eigentlich nicht fort von hier? Nur deshalb, weil Delamarche
dein Freund ist oder, besser, war. Ist denn das ein Leben? Wäre es da nicht in Butterford
besser, wohin ihr zuerst wolltet? Oder gar in Kalifornien, wo du Freunde hast?«
»Ja«, sagte Robinson, »das konnte niemand voraussehen.« Und ehe er weiter erzählte,
sagte er noch: »Auf dein Wohl, lieber Roßmann« und nahm einen langen Zug aus der
Parfümflasche. »Wir waren ja damals, wie du uns so gemein hast sitzenlassen, sehr
schlecht daran. Arbeit konnten wir in den ersten Tagen keine bekommen, Delamarche
übrigens wollte keine Arbeit, er hätte sie schon bekommen, sondern schickte nur immer
mich auf die Suche, und ich habe kein Glück. Er hat sich nur so herumgetrieben, aber es
war schon fast Abend, da hatte er nur ein Damenportemonnaie mitgebracht. Es war
zwar sehr schön, aus Perlen, jetzt hat er es der Brunelda geschenkt, aber es war fast
nichts darin. Dann sagte er, wir sollten in die Wohnungen betteln gehen, bei dieser
Gelegenheit kann man natürlich manches Brauchbare finden, wir sind also betteln
gegangen, und ich habe, damit es besser aussieht, vor den Wohnungstüren gesungen.
Und wie schon Delamarche immer Glück hat, kaum sind wir vor der zweiten Wohnung
gestanden, einer sehr reichen Wohnung im Parterre, und haben an der Tür der Köchin
und dem Diener etwas vorgesungen, da kommt die Dame, der diese Wohnung gehört,
eben Brunelda, die Treppe herauf. Sie war vielleicht zu stark geschnürt und konnte die
paar Stufen gar nicht heraufkommen. Aber wie schön sie ausgesehen hat, Roßmann! Sie
hat ein ganz weißes Kleid mit einem roten Sonnenschirm gehabt. Zum Ablecken war sie.
Zum Austrinken war sie. Ach Gott, ach Gott, war sie schön. So ein Frauenzimmer!
Nein, sag mir nur, wie kann es so ein Frauenzimmer geben? Natürlich ist das Mädchen
und der Diener ihr gleich entgegengelaufen und haben sie fast hinaufgetragen. Wir sind
rechts und links von der Tür gestanden und haben salutiert, das macht man hier so. Sie
ist ein wenig stehengeblieben, weil sie noch immer nicht genug Atem hatte, und nun
weiß ich nicht, wie das eigentlich geschehen ist, ich war durch das Hungern nicht ganz
bei Verstand, und sie war eben in der Nähe noch schöner und riesig breit und infolge
eines besonderen Mieders, ich kann es dir dann im Kasten zeigen, überall so fest; kurz,
ich habe sie ein bißchen hinten angerührt, aber ganz leicht, weißt du, nur so angerührt.
205
Natürlich kann man das nicht dulden, daß ein Bettler eine reiche Dame anrührt. Es war
ja fast keine Berührung, aber schließlich war es eben doch eine Berührung. Wer weiß,
wie schlimm das ausgefallen wäre, wenn mir nicht Delamarche sofort eine Ohrfeige
gegeben hätte, und zwar eine solche Ohrfeige, daß ich sofort meine beiden Hände für
die Wange brauchte.«
»Was ihr getrieben habt!« sagte Karl, von der Geschichte ganz gefangen genommen, und
setzte sich auf den Boden. »Das war also Brunelda?«
»Nun ja«, sagte Robinson, »das war Brunelda.«
»Sagtest du nicht einmal, daß sie eine Sängerin ist?« fragte Karl.
»Freilich ist sie eine Sängerin, und eine große Sängerin«, antwortete Robinson, der eine
große Bonbonmasse auf der Zunge wälzte und hie und da ein Stück, das aus dem Mund
gedrängt wurde, mit dem Finger wieder zurückdrückte. »Aber das wußten wir natürlich
damals noch nicht, wir sahen nur, daß es eine reiche und sehr feine Dame war. Sie tat,
als wäre nichts geschehen, und vielleicht hatte sie auch nichts gespürt, denn ich hatte sie
tatsächlich nur mit den Fingerspitzen angetippt. Aber immerfort hat sie den Delamarche
angesehen, der ihr wieder wie er das schon trifft gerade in die Augen zurückgeschaut
hat. Darauf hat sie zu ihm gesagt: >Komm mal auf ein Weilchen hinein Sonnenschirm in die Wohnung gezeigt, wohin Delamarche ihr vorangehen sollte. Dann
sind sie beide hineingegangen, und die Dienerschaft hat hinter ihnen die Tür zugemacht.
Mich haben sie draußen vergessen, und da habe ich gedacht, es wird nicht gar so lange
dauern, und habe mich auf die Treppe gesetzt, um Delamarche zu erwarten. Aber statt
Delamarches ist der Diener heraus gekommen und hat mir eine ganze Schüssel Suppe
herausgebracht. >Eine Aufmerksamkeit Delamarches! noch, während ich aß, ein Weilchen bei mir stehen und erzählte mir einiges über
Brunelda, und da habe ich gesehen, welche Bedeutung der Besuch bei Brunelda für uns
haben könnte. Denn Brunelda war eine geschiedene Frau, hatte ein großes Vermögen
und war vollständig selbständig! Ihr früherer Mann, ein Kakaofabrikant, liebte sie zwar
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noch immer, aber sie wollte von ihm nicht das geringste hören. Er kam sehr oft in die
Wohnung, immer sehr elegant, wie zu einer Hochzeit, angezogen das ist Wort für
Wort wahr, ich kenne ihn selbst , aber der Diener wagte trotz der größten Bestechung
nicht, Brunelda zu fragen, ob sie ihn empfangen wollte, denn er hatte schon einige Male
gefragt, und immer hatte ihm Brunelda das, was sie gerade bei der Hand hatte, ins
Gesicht geworfen. Einmal sogar ihre große gefüllte Wärmflasche, und mit der hatte sie
ihm einen Vorderzahn ausgeschlagen. Ja, Roßmann, da schaust du!«
»Woher kennst du den Mann?« fragte Karl.
»Er kommt manchmal auch herauf«, sagte Robinson.
»Herauf?« Karl schlug vor Staunen leicht mit der Hand auf den Boden.
»Du kannst ruhig staunen«, fuhr Robinson fort, »selbst ich habe gestaunt, wie mir das
der Diener damals erzählt hat. Denk nur, wenn Brunelda nicht zu Hause war, hat sich
der Mann von dem Diener in ihre Zimmer führen lassen und immer eine Kleinigkeit als
Andenken mitgenommen und immer etwas sehr Teueres und Feines für Brunelda
zurückgelassen und dem Diener streng verboten zu sagen, von wem es ist. Aber einmal,
als er etwas wie der Diener sagte und ich glaube es geradezu Unbezahlbares aus
Porzellan mitgebracht hatte, muß Brunelda es irgendwie erkannt haben, hat es sofort auf
den Boden geworfen, ist darauf herumgetreten, hat es angespuckt und noch einiges
andere damit gemacht, so daß es der Diener vor Ekel kaum hinaustragen konnte.«
»Was hat ihr denn der Mann getan?« fragte Karl.
»Das weiß ich eigentlich nicht«, sagte Robinson. »Ich glaube aber, nichts Besonderes,
wenigstens weiß er es selbst nicht. Ich habe ja schon manchmal mit ihm darüber
gesprochen. Er erwartet mich täglich dort an der Straßenecke, wenn ich komme, so muß
ich ihm Neuigkeiten erzählen; kann ich nicht kommen, wartet er eine halbe Stunde und
geht dann wieder weg. Es war für mich ein guter Nebenverdienst, denn er bezahlte die
Nachrichten sehr vornehm, aber seit Delamarche davon erfahren hat, muß ich ihm alles
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abliefern, und so gehe ich seltener hin.«
»Aber was will der Mann haben?« fragte Karl. »Was will er denn haben? Er hört doch, sie
will ihn nicht.«
»Ja«, seufzte Robinson, zündete sich eine Zigarette an und blies unter großen
Armschwenkungen den Rauch in die Höhe. Dann schien er sich anders zu entschließen
und sagte: »Was kümmert das mich? Ich weiß nur, er würde viel Geld dafür geben, wenn
er so hier auf dem Balkon liegen dürfte wie wir.«
Karl stand auf, lehnte sich ans Geländer und sah auf die Straße hinunter. Der Mond war
schon sichtbar, in die Tiefe der Gasse drang sein Licht aber noch nicht. Die am Tag so
leere Gasse war, besonders vor den Haustoren, gedrängt voll von Menschen, alle waren
in langsamer, schwerfälliger Bewegung, die Hemdärmel der Männer, die hellen Kleider
der Frauen hoben sich schwach vom Dunkel ab, alle waren ohne Kopfbedeckung. Die
vielen Balkone ringsum waren nun insgesamt besetzt, dort saßen beim Licht einer
Glühlampe die Familien, je nach der Größe des Balkons, um einen kleinen Tisch herum
oder bloß auf Sesseln in einer Reihe oder sie steckten wenigstens die Köpfe aus dem
Zimmer hervor. Die Männer saßen breitbeinig da, die Füße zwischen den
Geländerstangen hinausgestreckt, und lasen Zeitungen, die fast bis auf den Boden
reichten, oder spielten Karten, scheinbar stumm, aber unter starken Schlägen auf die
Tische, die Frauen hatten den Schoß voll Näharbeit und erübrigten nur hie und da einen
kurzen Blick für ihre Umgebung oder für die Straße. Eine blonde, schwache Frau auf
dem benachbarten Balkon gähnte immerfort, verdrehte dabei die Augen und hob immer
vor den Mund ein Wäschestück, das sie gerade flickte; selbst auf den kleinsten Balkonen
verstanden es die Kinder, einander zu jagen, was den Eltern sehr lästig fiel. Im Inneren
vieler Zimmer waren Grammophone aufgestellt und bliesen Gesang oder
Orchestralmusik hervor, man kümmerte sich nicht besonders um diese Musik, nur hie
und da gab der Familienvater einen Wink, und irgend jemand eilte ins Zimmer hinein,
um eine neue Platte einzulegen. An manchen Fenstern sah man vollständig
bewegungslose Liebespaare, an einem Fenster Karl gegenüber stand ein solches Paar
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aufrecht, der junge Mann hatte seinen Arm um das Mädchen gelegt und drückte mit der
Hand ihre Brust.
»Kennst du jemanden von den Leuten hier nebenan?« fragte Karl Robinson, der nun
auch aufgestanden war, und, weil es ihn fröstelte, außer der Bettdecke auch noch die
Decke Bruneldas um sich gewickelt hielt.
»Fast niemanden, das ist ja eben das Schlimme an meiner Stellung«, sagte Robinson und
zog Karl näher zu sich, um ihm ins Ohr flüstern zu können, »sonst hätte ich mich
augenblicklich nicht gerade zu beklagen. Die Brunelda hat ja Delamarches wegen alles,
was sie hatte, verkauft und ist mit all ihren Reichtümern hierher in diese
Vorstadtwohnung gezogen, damit sie sich ihm ganz widmen kann und damit sie
niemand stört, übrigens war das auch der Wunsch Delamarches.« »Und die Dienerschaft
hat sie entlassen?« fragte Karl.
»Ganz richtig«, sagte Robinson. »Wo sollte man auch die Dienerschaft hier
unterbringen? Diese Diener sind ja sehr anspruchsvolle Herren. Einmal hat Delamarche
bei der Brunelda einen solchen Diener einfach mit Ohrfeigen aus dem Zimmer
getrieben, da ist eine nach der andern geflogen, bis der Mann draußen war. Natürlich
haben die anderen Diener sich mit ihm vereinigt und vor der Tür Lärm gemacht, da ist
Delamarche herausgekommen (ich war damals nicht Diener, sondern Hausfreund, aber
doch war ich mit den Dienern beisammen) und hat gefragt: >Was wollt ihr? Diener, ein gewisser Isidor, hat daraufhin gesagt: >Sie haben mit uns nichts zu reden,
unsere Herrin ist die gnädige Frau. sehr verehrt. Aber Brunelda ist, ohne sich um sie zu kümmern, zu Delamarche gelaufen,
sie war damals doch noch nicht so schwer wie jetzt, hat ihn vor allen umarmt, geküßt
und >Liebster DelamarcheUnd schick doch schon diese Affen weg endlich gesagt. Affen das sollten die Diener sein; stell dir die Gesichter vor, die sie da
machten. Dann hat die Brunelda die Hand Delamarches zu ihrer Geldtasche hingezogen,
die sie am Gürtel trug, Delamarche hat hineingegriffen und also angefangen, die Diener
auszuzahlen; die Brunelda hat sich nur dadurch an der Auszahlung beteiligt, daß sie mit
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der offenen Geldtasche im Gürtel dabei gestanden ist. Delamarche mußte oft
hineingreifen, denn er verteilte das Geld, ohne zu zählen und ohne die Forderungen zu
prüfen. Schließlich sagte er: >Da ihr also mit mir nicht reden wollt, sage ich euch nur im
Namen Bruneldas: Packt euch, aber sofort. noch einige Prozesse, Delamarche mußte sogar einmal zu Gericht, aber davon weiß ich
nichts Genaueres. Nur gleich nach dem Abschied der Diener hat Delamarche zu
Brunelda gesagt: >Jetzt hast du also keine Dienerschaft?Aber da ist ja
Robinson. Achsel gegeben: >Also gut, du wirst unser Diener sein. die Wange geklopft. Wenn sich die Gelegenheit findet, Roßmann, laß dir auch einmal
von ihr auf die Wange klopfen. Du wirst staunen, wie schön das ist.«
»Du bist also Delamarches Diener geworden?« sagte Karl zusammenfassend.
Robinson hörte das Bedauern aus der Frage heraus und antwortete: »Ich bin Diener,
aber das bemerken nur wenige Leute. Du siehst, du selbst wußtest es nicht, obwohl du
doch schon ein Weilchen bei uns bist. Du hast ja gesehen, wie ich in der Nacht bei euch
im Hotel angezogen war. Das Feinste vom Feinen hatte ich an. Gehen Diener so
angezogen? Nur ist eben die Sache die, daß ich nicht oft weggehen darf, ich muß immer
bei der Hand sein, in der Wirtschaft ist eben immer etwas zu tun. Eine Person ist eben
zu wenig für die viele Arbeit. Wie du vielleicht bemerkt hast, haben wir sehr viele Sachen
im Zimmer herumstehen; was wir eben bei dem großen Auszug nicht verkaufen
konnten, haben wir mitgenommen. Natürlich hätte man es wegschenken können, aber
Brunelda schenkt nichts weg. Denk dir nur, welche Arbeit es gegeben hat, diese Sachen
die Treppe heraufzutragen.« »Robinson, du hast das alles heraufgetragen?« rief Karl.
»Wer denn sonst?« sagte Robinson. »Es war noch ein Hilfsarbeiter da, ein faules Luder;
ich habe die meiste Arbeit allein machen müssen. Brunelda ist unten beim Wagen
gestanden, Delamarche hat oben angeordnet, wohin die Sachen zu legen sind, und ich
bin immerfort hin und her gelaufen. Es hat zwei Tage gedauert, sehr lange, nicht wahr?
Aber du weißt ja gar nicht, wieviel Sachen hier im Zimmer sind, alle Kasten sind voll
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und hinter den Kasten ist alles vol gestopft bis zur Decke hinauf. Wenn man ein paar
Leute für den Transport aufgenommen hätte; wäre ja alles bald fertig gewesen, aber
Brunelda wollte es niemandem außer mir anvertrauen. Das war ja sehr schön, aber ich
habe damals meine Gesundheit für mein ganzes Leben verdorben, und was habe ich
denn sonst gehabt als meine Gesundheit? Wenn ich mich nur ein wenig anstrenge, sticht
es mich hier und hier und hier. Glaubst du, diese Jungen im Hotel, diese Grasfrösche
was sind sie denn sonst? hätten mich jemals besiegen können, wenn ich gesund wäre?
Aber was mir auch fehlen sollte, dem Delamarche und der Brunelda sage ich kein Wort,
ich werde arbeiten, solange es gehen wird, und wenn es nicht mehr gehen wird, werde
ich mich hinlegen und sterben, und dann erst, zu spät, werden sie sehen, daß ich krank
gewesen bin und trotzdem immerfort und immerfort weitergearbeitet und mich in ihren
Diensten zu Tode gearbeitet habe. Ach Roßmann-«, sagte er schließlich und trocknete
die Augen an Karls Hemdärmel. Nach einem Weilchen sagte er: »Ist dir denn nicht kalt,
du stehst da so im Hemd?«
»Geh, Robinson«, sagte Karl, »immerfort weinst du. Ich glaube nicht, daß du so krank
bist. Du siehst ganz gesund aus, aber weil du immerfort da auf dem Balkon liegst, hast
du dir so Verschiedenes ausgedacht. Du hast vielleicht manchmal einen Stich in der
Brust, das habe ich auch, das hat jeder. Wenn alle Menschen wegen jeder Kleinigkeit so
weinen wollten wie du, müßten die Leute auf allen Balkonen weinen.«
»Ich weiß es besser«, sagte Robinson und wischte nun die Augen mit dem Zipfel seiner
Decke. »Der Student, der nebenan bei der Vermieterin wohnt, die auch für uns kochte,
hat mir letzthin, als ich das Eßgeschirr zurückbrachte, gesagt: >Hören Sie einmal,
Robinson, sind Sie nicht krank? ich nur das Geschirr hingelegt und wollte weggehen. Da ist er zu mir gegangen und hat
gesagt: >Hören Sie, Mann, treiben Sie die Sache nicht zum Äußersten, Sie sind krank.Ja
also, ich bitte, was soll ich denn machen?Das ist Ihre Sache gesagt und hat sich umgedreht. Die anderen dort bei Tisch haben gelacht, wir haben ja
hier überall Feinde, und so bin ich lieber weggegangen.«
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»Also Leuten, die dich zum Narren halten, glaubst du, und Leuten, die es gut mit dir
meinen, glaubst du nicht.«
»Aber ich muß doch wissen, wie mir ist«, fuhr Robinson auf, kehrte aber gleich wieder
zum Weinen zurück.
»Du weißt eben nicht, was dir fehlt, du solltest irgendeine ordentliche Arbeit für dich
suchen, statt hier Delamarches Diener zu machen. Denn soweit ich nach deinen
Erzählungen und nach dem, was ich selbst gesehen habe, urteilen kann, ist das hier kein
Dienst, sondern eine Sklaverei. Das kann kein Mensch ertragen, das glaube ich dir. Du
aber denkst, weil du Delamarches Freund bist, darfst du ihn nicht verlassen. Das ist
falsch; wenn er nicht einsieht, was für ein elendes Leben du führst, so hast du ihm
gegenüber nicht die geringsten Verpflichtungen mehr.«
»Du glaubst also wirklich, Roßmann, daß ich mich wieder erholen werde, wenn ich das
Dienen hier aufgebe?«
»Gewiß«, sagte Karl.
»Gewiß?« fragte nochmals Robinson. »Ganz gewiß«, sagte Karl lächelnd.
»Dann könnte ich ja gleich anfangen, mich zu erholen«, sagte Robinson und sah Karl an.
»Wieso denn?« fragte dieser.
»Nun, weil du doch meine Arbeit hier übernehmen sollst«, antwortete Robinson.
»Wer hat dir denn das gesagt?« fragte Karl.
»Das ist doch ein alter Plan. Davon wird ja schon seit einigen Tagen gesprochen. Es hat
damit angefangen, daß Brunelda mich ausgezankt hat, weil ich die Wohnung nicht
sauber genug halte. Natürlich habe ich versprochen, daß ich alles gleich in Ordnung
bringen werde. Nun, das ist aber sehr schwer. Ich kann zum Beispiel in meinem Zustand
nicht überallhin kriechen, um den Staub wegzuwischen, man kann sich schon in der
212
Mitte des Zimmers nicht rühren, wie erst dort zwischen den Möbeln und den Vorräten?
Und wenn man alles genau reinigen will, muß man doch auch die Möbel von ihrem Platz
wegschieben, und das soll ich allein machen? Außerdem müßte das alles ganz leise
geschehen, weil doch Brunelda, die ja das Zimmer kaum verläßt, nicht gestört werden
darf. Ich habe also zwar versprochen, daß ich alles rein machen werde, aber rein
gemacht habe ich es tatsächlich nicht. Als Brunelda das bemerkt hat, hat sie zu
Delamarche gesagt, daß das nicht so weitergeht und daß man noch eine Hilfskraft wird
aufnehmen müssen. >Ich will nicht, Delamarchedaß du mir einmal
Vorwürfe machst, ich hätte die Wirtschaft nicht gut geführt. Selbst kann ich mich nicht
anstrengen, das siehst du doch ein, und Robinson genügt nicht; am Anfang war er so
frisch und hat sich überall umgesehen, aber jetzt ist er immerfort müde und sitzt meist in
einem Winkel. Aber ein Zimmer mit so viel Gegenständen wie das unsrige hält sich
nicht selbst in Ordnung. denn eine beliebige Person kann man natürlich in einen solchen Haushalt nicht
aufnehmen, auch zur Probe nicht, denn man paßt uns ja von allen Seiten auf. Weil ich
aber dein guter Freund bin und von Renell gehört habe, wie du dich im Hotel plagen
mußt, habe ich dich in Vorschlag gebracht. Delamarche war gleich einverstanden,
obwohl du dich damals gegen ihn so keck benommen hast, und ich habe mich natürlich
sehr gefreut, daß ich dir so nützlich sein konnte. Für dich ist nämlich diese Stellung wie
geschaffen, du bist jung, stark und geschickt, während ich nichts mehr wert bin. Nur will
ich dir sagen, daß du noch keineswegs aufgenommen bist; wenn du Brunelda nicht
gefällst, können wir dich nicht brauchen. Also strenge dich nur an, daß du ihr angenehm
bist, für das übrige werde ich schon sorgen.«
»Und was wirst du machen, wenn ich hier Diener sein werde?« fragte Karl; er fühlte sich
so frei, der erste Schrecken, den ihm die Mitteilungen Robinsons verursacht hatten, war
vorüber. Delamarche hatte also keine schlimmeren Absichten mit ihm, als ihn zum
Diener zu machen hätte er schlimmere Absichten gehabt, dann hätte sie der
plapperhafte Robinson gewiß verraten , wenn es aber so stand, dann getraute sich Karl,
noch heute nacht den Abschied durchzuführen. Man kann niemanden zwingen, einen
213
Posten anzunehmen. Und während Karl früher Sorgen gehabt hatte, ob er nach seiner
Entlassung aus dem Hotel bald genug, um vor Hunger geschützt zu sein, einen
passenden und womöglich nicht unansehnlicheren Posten bekommen werde, schien ihm
jetzt im Vergleich zu dem ihm hier zugedachten Posten, der ihm widerlich war, jeder
andere Posten gut genug, und selbst die stellungslose Not hätte er diesem Posten
vorgezogen. Robinson das aber begreiflich zu machen, versuchte er gar nicht, besonders
da Robinson jetzt in jedem Urteil durch die Hoffnung völlig befangen war, von Karl
entlastet zu werden.
»Ich werde also«, sagte Robinson und begleitete die Rede mit behaglichen
Handbewegungen die Ellbogen hatte er auf das Geländer aufgestützt »dir zunächst
alles erklären und die Vorräte zeigen. Du bist gebildet und hast sicher auch eine schöne
Schrift, du könntest also gleich ein Verzeichnis all der Sachen machen, die wir da haben.
Das hat sich Brunelda schon längst gewünscht. Wenn morgen vormittag schönes Wetter
ist, werden wir Brunelda bitten, daß sie sich auf den Balkon setzt, und inzwischen
werden wir ruhig und ohne sie zu stören im Zimmer arbeiten können. Denn darauf,
Roßmann, mußt du vor allem achtgeben. Nur nicht Brunelda stören. Sie hört alles,
wahrscheinlich hat sie als Sängerin so empfindliche Ohren. Du rollst zum Beispiel das
Faß mit Schnaps, das hinter den Kasten steht, heraus, es macht Lärm, weil es schwer ist
und dort überall verschiedene Sachen herumliegen, so daß man es nicht mit einem Male
durchrollen kann. Brunelda liegt zum Beispiel ruhig auf dem Kanapee und fängt Fliegen,
die sie überhaupt sehr belästigen. Du glaubst also, sie kümmert sich um dich nicht, und
rollst dein Faß weiter. Sie liegt noch immer ruhig. Aber in einem Augenblick, wo du es
gar nicht erwartest und wo du am wenigsten Lärm machst, setzt sie sich plötzlich
aufrecht, schlägt mit beiden Händen auf das Kanapee, daß man sie vor Staub nicht sieht
seit wir hier sind, habe ich das Kanapee nicht ausgeklopft; ich kann ja nicht, sie liegt
doch immerfort darauf und fängt schrecklich zu schreien an, wie ein Mann, und
schreit so stundenlang. Das Singen haben ihr die Nachbarn verboten, das Schreien aber
kann ihr niemand verbieten, sie muß schreien, übrigens geschieht es ja jetzt nur selten,
ich und Delamarche sind sehr vorsichtig geworden. Es hat ihr ja auch sehr geschadet.
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Einmal ist sie ohnmächtig geworden, und ich habe Delamarche war gerade weg den
Studenten von nebenan holen müssen, der hat sie aus einer großen Flasche mit
Flüssigkeit bespritzt, es hat auch geholfen, aber diese Flüssigkeit hat einen unerträglichen
Geruch gehabt, noch jetzt, wenn man die Nase zum Kanapee hält, riecht man es. Der
Student ist sicher unser Feind, wie alle hier, du mußt dich auch vor allen in acht nehmen
und dich mit keinem einlassen.«
»Du, Robinson«, sagte Karl, »das ist aber ein schwerer Dienst. Da hast du mich für einen
schönen Posten empfohlen.«
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Robinson und schüttelte mit geschlossenen Augen den
Kopf, um alle möglichen Sorgen Karls abzuwehren. »Der Posten hat auch Vorteile, wie
sie dir kein anderer Posten bieten kann. Du bist immerfort in der Nähe einer Dame wie
Brunelda, du schläfst manchmal mit ihr im gleichen Zimmer, das bringt schon, wie du
dir denken kannst, verschiedene Annehmlichkeiten mit sich. Du wirst reichlich bezahlt
werden, Geld ist in Menge da, ich habe als Freund Delamarches nichts bekommen; nur
wenn ich ausgegangen bin, hat mir Brunelda immer etwas mitgegeben, aber du wirst
natürlich bezahlt werden wie ein anderer Diener. Du bist ja auch nichts anderes. Das
Wichtigste für dich aber ist, daß ich dir den Posten sehr erleichtern werde. Zunächst
werde ich natürlich nichts machen, damit ich mich erhole, aber wie ich nur ein wenig
erholt bin, kannst du auf mich rechnen. Die eigentliche Bedienung Bruneldas behalte ich
überhaupt für mich, also das Frisieren und Anziehen, soweit es nicht Delamarche
besorgt. Du wirst dich nur um das Aufräumen des Zimmers, um Besorgungen und die
schwereren häuslichen Arbeiten zu kümmern haben.«
»Nein, Robinson«, sagte Karl, »das alles verlockt mich nicht.«
»Mach keine Dummheiten, Roßmann«, sagte Robinson, ganz nahe an Karls Gesicht,
»verscherze dir nicht diese schöne Gelegenheit. Wo bekommst du denn gleich einen
Posten? Wer kennt dich? Wen kennst du? Wir, zwei Männer, die schon viel erlebt haben
und große Erfahrungen besitzen, sind wochenlang herumgelaufen, ohne Arbeit zu
215
bekommen. Es ist nicht leicht, es ist sogar verzweifelt schwer.«
Karl nickte und wunderte sich, wie vernünftig Robinson sprechen konnte. Für ihn
hatten diese Ratschläge al erdings keine Geltung, er durfte hier nicht bleiben, in der
großen Stadt würde sich wohl noch ein Plätzchen für ihn finden, die ganze Nacht über,
das wußte er, waren alle Gasthäuser überfüllt, man brauchte Bedienung für die Gäste,
darin hatte er nun schon Übung. Er würde sich schon rasch und unauffällig in
irgendeinen Betrieb einfügen. Gerade im gegenüberliegenden Hause war unten ein
kleines Gasthaus untergebracht, aus dem eine rauschende Musik hervordrang. Der
Haupteingang war nur mit einem großen gelben Vorhang verdeckt, der manchmal, von
einem Luftzug bewegt, mächtig in die Gasse hinausflatterte. Sonst war es in der Gasse
freilich viel stiller geworden. Die meisten Balkone waren finster, nur in der Ferne fand
sich noch hier oder dort ein einzelnes Licht, aber kaum faßte man es für ein Weilchen
ins Auge, erhoben sich dort die Leute, und während sie in die Wohnung zurückdrängten,
griff ein Mann an die Glühlampe und drehte, als letzter auf dem Balkon zurückbleibend,
nach einem kurzen Blick auf die Gasse das Licht aus.
>Nun beginnt ja schon die Nachtbleibe ich noch länger hier, gehöre ich
schon zu ihnen. wegzuziehen. »Was willst du?« sagte Robinson und stellte sich zwischen Karl und den
Vorhang.
»Weg will ich«, sagte Karl. »Laß mich! Laß mich!«
»Du willst sie doch nicht stören«, rief Robinson, »was fällt dir denn nur ein!« Und er
legte Karl die Arme um den Hals, hing sich mit seiner ganzen Last an ihn, umklammerte
mit den Beinen Karls Beine und zog ihn so im Augenblick auf die Erde nieder. Aber
Karl hatte unter den Liftjungen ein wenig raufen gelernt, und so stieß er Robinson die
Faust unter das Kinn, aber schwach und voll Schonung. Der gab Karl noch rasch und
ganz rücksichtslos mit dem Knie einen vollen Stoß in den Bauch, fang dann aber, beide
Hände am Kinn, so laut zu heulen an, daß von dem benachbarten Balkon ein Mann
216
unter wildem Händeklatschen »Ruhe!« befahl. Karl lag noch ein wenig still, um den
Schmerz, den ihm der Stoß Robinsons verursacht hatte, zu verwinden. Er wandte nur
das Gesicht zum Vorhang hin, der ruhig und schwer vor dem offenbar dunklen Zimmer
hing. Es schien ja niemand mehr im Zimmer zu sein, vielleicht war Delamarche mit
Brunelda ausgegangen, und Karl hatte schon völlige Freiheit. Robinson, der sich wirklich
wie ein Wächterhund benahm, war ja endgültig abgeschüttelt.
Da ertönten aus der Ferne von der Gasse her stoßweise Trommeln und Trompeten.
Einzelne Rufe vieler Leute sammelten sich bald zu einem allgemeinen Schreien. Karl
drehte den Kopf und sah, wie sich alle Balkone von neuem belebten. Langsam erhob er
sich, er konnte sich nicht ganz aufrichten und mußte sich schwer gegen das Geländer
drücken. Unten auf dem Trottoir marschierten junge Burschen mit großen Schritten,
ausgestreckten Armen, die Mützen in der erhobenen Hand, die Gesichter
zurückgewandt. Die Fahrbahn blieb noch frei. Einzelne schwenkten auf hohen Stangen
Lampions, die von einem gelblichen Rauch umhüllt waren. Gerade traten die Trommler
und Trompeter in breiten Reihen ans Licht, und Karl staunte über ihre Menge, da hörte
er hinter sich Stimmen, drehte sich um und sah den Delamarche den schweren Vorhang
heben und dann aus dem Zimmerdunkel Brunelda treten, im roten Kleid, mit einem
Spitzenüberwurf um die Schultern, einem dunklen Häußchen über dem wahrscheinlich
unfrisierten und bloß aufgehäuften Haar, dessen Enden lose hie und da hervorsahen. In
der Hand hielt sie einen kleinen aus gespannten Fächer, bewegte ihn aber nicht, sondern
drückte ihn eng an sich.
Karl schob sich dem Geländer entlang zur Seite, um den beiden Platz zu machen. Gewiß
würde ihn niemand zum Hierbleiben zwingen und, wenn es auch Delamarche versuchen
wollte, Brunelda würde ihn auf seine Bitte sofort entlassen. Sie konnte ihn ja gar nicht
leiden, seine Augen erschreckten sie. Aber als er einen Schritt zur Tür hin machte, hatte
sie es doch bemerkt und sagte: »Wohin denn, Kleiner?« Karl stockte vor den strengen
Blicken Delamarches, und Brunelda zog ihn zu sich. »Willst du dir denn nicht den
Aufzug unten ansehen?« sagte sie und schob ihn vor sich an das Geländer. »Weißt du,
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worum es sich handelt?« hörte Karl sie hinter sich sagen und machte ohne Erfolg eine
unwillkürliche Bewegung, um sich ihrem Druck zu entziehen. Traurig sah er auf die
Gasse hinunter, als sei dort der Grund seiner Traurigkeit.
Delamarche stand zuerst mit gekreuzten Armen hinter Brunelda, dann lief er ins
Zimmer und brachte Brunelda den Operngucker. Unten war hinter den Musikanten der
Hauptteil des Aufzuges erschienen. Auf den Schultern eines riesenhaften Mannes saß ein
Herr, von dem man in dieser Höhe nichts anderes sah als seine matt schimmernde
Glatze, über der er seinen Zylinderhut ständig grüßend hoch erhoben hielt. Rings um
ihn wurden offenbar Holztafeln getragen, die, vom Balkon aus gesehen, ganz weiß
erschienen; die Anordnung war derartig getroffen, daß diese Plakate von allen Seiten sich
förmlich an den Herrn anlehnten, der aus ihrer Mitte hoch hervorragte. Da alles im
Gange war, lockerte sich diese Mauer von Plakaten immerfort und ordnete sich auch
immerfort von neuem.
Im weiteren Umkreis war um den Herrn die ganze Breite der Gasse, wenn auch, soweit
man im Dunkel schätzen konnte, auf eine unbedeutende Länge hin, von Anhängern des
Herrn angefüllt, die sämtlich in die Hände klatschten und wahrscheinlich den Namen
des Herrn, einen ganz kurzen, aber unverständlichen Namen, in einem getragenen
Gesange verkündeten. Einzelne, die geschickt in der Menge verteilt waren, hatten
Automobillaternen mit äußerst starkem Licht, das sie die Häuser auf beiden Seiten der
Straße langsam auf- und abwärts führten. In Karls Höhe störte das Licht nicht mehr,
aber auf den unteren Ballkonen sah man die Leute, die davon bestrichen wurden, eiligst
die Hände an die Augen führen.
Delamarche erkundigte sich auf die Bitte Bruneldas bei den Leuten auf dem
Nachbarbalkon, was die Veranstaltung zu bedeuten habe. Karl war ein wenig neugierig,
ob und wie man ihm antworten würde. Und tatsächlich mußte Delamarche dreimal
fragen, ohne eine Antwort zu bekommen. Er beugte sich schon gefährlich über das
Geländer, Brunelda stampfte vor Ärger über die Nachbarn leicht auf, Karl fühlte ihre
Knie. Endlich kam doch irgendeine Antwort, aber gleichzeitig fingen auf diesem Balkon,
218
der gedrängt voll Menschen war, alle laut zu lachen an. Daraufhin schrie Delamarche
etwas hinüber, so laut, daß, wenn nicht augenblicklich in der ganzen Gasse viel Lärm
gewesen wäre, alles ringsherum erstaunt hätte aufhorchen müssen. Jedenfalls hatte es die
Wirkung, daß das Lachen unnatürlich bald sich legte.
»Es wird morgen ein Richter in unserem Bezirk gewählt und der, den sie unten tragen,
ist ein Kandidat«, sagte Delamarche, vollkommen ruhig zu Brunelda zurückkehrend.
»Nein!« rief er dann und klopfte liebkosend Brunelda auf den Rücken. »Wir wissen
schon gar nicht mehr, was in der Welt vorgeht.«
»Delamarche«, sagte Brunelda, auf das Benehmen der Nachbarn zurückkommend, »wie
gern wollte ich übersiedeln, wenn es nicht so anstrengend wäre. Ich darf es mir aber
leider nicht zumuten.« Und unter großen Seufzern, unruhig und zerstreut, nestelte sie an
Karls Hemd, der möglichst unauffällig immer wieder diese kleinen, fetten Händchen
wegzuschieben suchte, was ihm auch leicht gelang, denn Brunelda dachte nicht an ihn,
sie war mit ganz anderen Gedanken beschäftigt.
Aber auch Karl vergaß bald Brunelda und duldete die Last ihrer Arme auf seinen
Achseln, denn die Vorgänge auf der Straße nahmen ihn sehr in Anspruch. Auf
Anordnung einer kleinen Gruppe gestikulierender Männer, die knapp vor dem
Kandidaten marschierten und deren Unterhaltungen eine besondere Bedeutung haben
mußten, denn von allen Seiten sah man lauschende Gesichter sich ihnen zuneigen,
wurde unerwarteterweise vor dem Gasthaus haltgemacht. Einer dieser maßgebenden
Männer machte mit erhobener Hand ein Zeichen, das sowohl der Menge als auch dem
Kandidaten galt. Die Menge verstummte, und der Kandidat, der sich auf den Schultern
seines Trägers mehrmals aufzustellen suchte und mehrmals in den Sitz zurückfiel, hielt
eine kleine Rede, während welcher er seinen Zylinder in Windeseile hin- und herfahren
ließ. Man sah das ganz deutlich, denn während seiner Rede waren alle
Automobillaternen auf ihn gerichtet worden, so daß er in der Mitte eines hellen Sternes
sich befand.
219
Nun erkannte man aber auch schon das Interesse, welches die ganze Straße an der
Angelegenheit nahm. Auf den Balkonen, die von Parteigängern des Kandidaten besetzt
waren, fiel man mit in das Singen seines Namens ein und ließ die weit über das Geländer
vorgestreckten Hände maschinenmäßig klatschen. Auf den übrigen Balkonen, die sogar
in der Mehrzahl waren, erhob sich ein starker Gegengesang, der allerdings keine
einheitliche Wirkung hatte, da es sich um die Anhänger verschiedener Kandidaten
handelte. Dagegen verbanden sich weiterhin alle Feinde des anwesenden Kandidaten zu
einem al gemeinen Pfeifen, und sogar Grammophone wurden vielfach wieder in Gang
gesetzt. Zwischen den einzelnen Balkonen wurden politische Streitigkeiten mit einer
durch die nächtliche Stunde verstärkten Erregung ausgetragen. Die meisten waren schon
in Nachtkleidern und hatten nur Überröcke umgeworfen, die Frauen hüllten sich in
große, dunkle Tücher, die unbeachteten Kinder kletterten beängstigend auf den
Einfassungen der Balkone umher und kamen in immer größerer Zahl aus den dunklen
Zimmern, in denen sie schon geschlafen hatten, hervor. Hie und da wurden einzelne
unkenntliche Gegenstände von besonders Erhitzten in der Richtung ihrer Gegner
geschleudert, manchmal gelangten sie an ihr Ziel, meist aber fielen sie auf die Straße
hinab, wo sie oft ein Wutgeheul hervorriefen. Wurde den führenden Männern unten der
Lärm zu arg, so erhielten die Trommler und Trompeter den Auftrag einzugreifen, und
ihr schmetterndes, mit ganzer Kraft ausgeführtes, nicht endenwollendes Signal
unterdrückte alle menschlichen Stimmen bis zu den Dächern der Häuser hinauf. Und
immer, ganz plötzlich man glaubte es kaum , hörten sie auf, worauf die hierfür
offenbar eingeübte Menge auf der Straße in die für einen Augenblick eingetretene
allgemeine Stille ihren Parteigesang emporbrüllte man sah im Lichte der
Automobillaternen den Mund jedes einzelnen weit geöffnet , bis dann die inzwischen
zur Besinnung gekommenen Gegner zehnmal so stark wie früher aus allen Balkonen
und Fenstern hervorschrien und die Partei unten nach ihrem kurzen Sieg zu einem für
diese Höhe wenigstens gänzlichen Verstummen brachten.
»Wie gefällt es dir, Kleiner?« fragte Brunelda, die sich eng hinter Karl hin- und herdrehte,
um mit dem Gucker möglichst alles zu übersehen. Karl antwortete nur durch
220
Kopfnicken. Nebenbei bemerkte er, wie Robinson dem Delamarche eifrig verschiedene
Mitteilungen offenbar über Karls Verhalten machte, denen aber Delamarche keine
Bedeutung beizumessen schien, denn er suchte Robinson mit der Linken, mit der
Rechten hatte er Brunelda umfaßt, immerfort beiseite zu schieben. »Willst du nicht
durch den Gucker schauen?« fragte Brunelda und klopfte auf Karls Brust, um zu zeigen,
daß sie ihn meine.
»Ich sehe genug«, sagte Karl.
»Versuch es doch«, sagte sie »du wirst besser sehen.«
»Ich habe gute Augen«, antwortete Karl »ich sehe alles.« Er empfand es nicht als
Liebenswürdigkeit, sondern als Störung, als sie den Gucker seinen Augen näherte, und
tatsächlich sagte sie nun nichts als das eine Wort »Du!«, melodisch, aber drohend. Und
schon hatte Karl den Gucker an seinen Augen und sah nun tatsächlich nichts.
»Ich sehe ja nichts«, sagte er und wollte den Gucker loswerden, aber den Gucker hielt sie
fest, und den auf ihrer Brust eingebetteten Kopf konnte er weder zurück noch seitwärts
schieben.
»Jetzt siehst du aber schon«, sagte sie und drehte an der Schraube des Guckers.
»Nein, ich sehe noch immer nichts«, sagte Karl und dachte daran, daß er Robinson ohne
seinen Willen nun tatsächlich entlastet habe, denn Bruneldas unerträgliche Launen
wurden nun an ihm ausgelassen.
»Wann wirst du denn endlich sehen?« sagte sie und drehte Karl hatte nun sein ganzes
Gesicht in ihrem schweren Atem weiter an der Schraube. »Jetzt?« fragte sie.
»Nein, nein, nein!« rief Karl, obwohl er nun tatsächlich, wenn auch nur sehr undeutlich,
alles unterscheiden konnte. Aber gerade hatte Brunelda irgend etwas mit Delamarche zu
tun, sie hielt den Gucker nur lose vor Karls Gesicht, und Karl konnte, ohne daß sie es
besonders beachtete, unter dem Gucker hinweg auf die Straße sehen. Später bestand sie
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auch nicht mehr auf ihrem Willen und benützte den Gucker für sich.
Aus dem Gastbaus unten war ein Kellner getreten, und aus der Türschwelle hin und her
eilend, nahm er die Bestellungen der Führer entgegen. Man sah, wie er sich streckte, um
das Innere des Lokals zu übersehen und möglichst viel Bedienung herbeizurufen.
Während dieser offenbar einem großen Freitrinken dienenden Vorbereitungen ließ der
Kandidat nicht vom Reden ab. Sein Träger, der riesige, nur ihm dienende Mann, machte
immer nach einigen Sätzen eine kleine Drehung, um die Rede allen Teilen der Menge
zukommen zu lassen. Der Kandidat hielt sich meist ganz zusammengekrümmt und
versuchte mit ruckweisen Bewegungen der einen freien Hand und des Zylinders in der
anderen seinen Worten möglichste Eindringlichkeit zu geben. Manchmal aber, in fast
regelmäßigen Zwischenräumen, durchfuhr es ihn, er erhob sich mit ausgebreiteten
Armen, er redete nicht mehr eine Gruppe, sondern die Gesamtheit an, er sprach zu den
Bewohnern der Häuser bis zu den höchsten Stockwerken hinauf, und doch war es
vollkommen klar, daß ihn schon in den untersten Stockwerken niemand hören konnte;
ja, daß ihm auch, wenn die Möglichkeit gewesen wäre, niemand hätte zuhören wollen,
denn jedes Fenster und jeder Balkon war doch zumindest von einem schreienden
Redner besetzt. Inzwischen brachten einige Kellner aus dem Gasthaus ein mit gefüllten
leuchtenden Gläsern besetztes Brett, im Umfang eines Billards, hervor. Die Führer
organisierten die Verteilung, die in Form eines Vorbeimarsches an der Gasthaustür
erfolgte. Aber obwohl die Gläser auf dem Brett immer wieder nachgehüllt wurden,
genügten sie für die Menge nicht, und zwei Reihen von Schankburschen mußten rechts
und links vom Brett durchschlüpfen und die Menge weiterhin versorgen. Der Kandidat
hatte natürlich mit dem Reden aufgehört und benützte die Pause, um sich neu zu
kräftigen. Abseits von der Menge und dem grellen Licht trug ihn sein Träger langsam
hin und her, und nur einige seiner nächsten Anhänger begleiteten ihn dort und sprachen
zu ihm hinauf.
»Sieh mal den Kleinen«, sagte Brunelda, »er vergißt vor lauter Schauen, wo er ist.« Und
sie überraschte Karl und drehte mit beiden Händen sein Gesicht sich zu, so daß sie ihm
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in die Augen sah. Es dauerte aber nur einen Augenblick, denn Karl schüttelte gleich ihre
Hände ab, und ärgerlich darüber, daß man ihn nicht ein Weilchen in Ruhe ließ, und
gleichzeitig voll Lust, auf die Straße zu gehen und alles von der Nähe anzusehen, suchte
er sich nun mit aller Kraft vom Druck Bruneldas zu befreien und sagte: »Bitte, lassen Sie
mich weg.«
»Du wirst bei uns bleiben«, sagte Delamarche, ohne den Blick von der Straße zu wenden,
und streckte nur eine Hand aus, um Karl am Weggehen zu verhindern.
»Laß nur«, sagte Brunelda und wehrte die Hand des Delamarche ab, »er bleibt ja schon.«
Und sie drückte Karl noch fester ans Geländer, er hätte mit ihr raufen müssen, um sich
von ihr zu befreien. Und wenn ihm das auch gelungen wäre, was hätte er damit erreicht!
Links von ihm stand Delamarche, rechts hatte sich nun Robinson aufgestellt, er war in
einer regelrechten Gefangenschaft.
»Sei froh, daß man dich nicht hinauswirft«, sagte Robinson und beklopfte Karl mit der
Hand, die er unter Bruneldas Arm durchgezogen hatte.
»Hinauswirft?« sagte Delamarche. »Einen entlaufenen Dieb wirft man nicht hinaus, den
übergibt man der Polizei. Und das kann ihm gleich morgen früh geschehen, wenn er
nicht ganz ruhig ist.«
Von diesem Augenblick an hatte Karl an dem Schauspiel unten keine Freude mehr. Nur
gezwungen, weil er Bruneldas wegen sich nicht aufrichten konnte, beugte er sich ein
wenig über das Geländer. Voll eigener Sorgen, mit zerstreuten Blicken sah er die Leute
unten an, die in Gruppen von etwa zwanzig Mann vor die Gasthaustüre traten, die
Gläser ergriffen, sich umdrehten und diese Gläser in der Richtung gegen den jetzt mit
sich beschäftigten Kandidaten schwenkten, einen Parteigruß ausriefen, die Gläser leerten
und sie, jedenfalls dröhnend, in dieser Höhe aber unhörbar, auf das Brett wieder
niedersetzten, um einer neuen, vor Ungeduld lärmenden Gruppe Platz zu machen. Über
Auftrag der Führer war die Kapelle, die bisher im Gastbaus gespielt hatte, auf die Gasse
getreten, ihre großen Blasinstrumente strahlten aus der dunklen Menge, aber ihr Spiel
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verging fast im allgemeinen Lärm. Die Straße war nun, wenigstens auf der Seite, wo sich
das Gasthaus befand, weithin mit Menschen angefüllt. Von oben, woher Karl am
Morgen im Automobil gekommen war, strömten sie herab, von unten, von der Brücke
her, liefen sie herauf, und selbst die Leute in den Häusern hatten der Verlockung nicht
widerstehen können, in diese Angelegenheit mit eigenen Händen einzugreifen, auf den
Balkonen und in den Fenstern waren fast nur Frauen und Kinder zurückgeblieben,
während die Männer unten aus den Haustoren drängten. Nun aber hatte die Musik und
die Bewirtung den Zweck erreicht, die Versammlung war genügend groß, ein von zwei
Automobillaternen flankierter Führer winkte der Musik ab, stieß einen starken Pfiff aus,
und nun sah man den ein wenig abgeirrten Träger mit dem Kandidaten durch einen von
Anhängern gebahnten Weg eiligst herbeikommen.
Kaum war er bei der Gasthaustüre, begann der Kandidat im Schein der nun im engen
Kreis um ihn gehaltenen Automobillaternen seine neue Rede. Aber nun war alles viel
schwieriger als früher, der Träger hatte nicht die geringste Bewegungsfreiheit mehr, das
Gedränge war zu groß. Die nächsten Anhänger, die früher mit allen möglichen Mitteln
die Wirkung der Reden des Kandidaten zu verstärken versucht hatten, hatten nun Mühe,
sich in seiner Nähe zu erhalten, wohl zwanzig hielten sich mit aller Anstrengung am
Träger fest. Aber selbst dieser starke Mann konnte keinen Schritt nach seinem Willen
mehr machen, an eine Einflußnahme auf die Menge durch bestimmte Wendungen oder
durch passendes Vorrücken oder Zurückweichen war nicht mehr zu denken. Die Menge
flutete ohne Plan, einer lag am anderen, keiner stand mehr aufrecht, die Gegner schienen
sich durch neues Publikum sehr vermehrt zu haben, der Träger hatte sich lange in der
Nähe der Gasthaustüre gehalten, nun aber ließ er sich, scheinbar ohne Widerstand, die
Gasse auf- und abwärts treiben, der Kandidat redete immerfort, aber es war nicht mehr
ganz klar, ob er sein Programm auseinanderlegte oder um Hilfe rief; wenn nicht alles
täuschte, hatte sich auch ein Gegenkandidat eingefunden, oder gar mehrere, denn hie
und da sah man in irgendeinem plötzlich aufflammenden Licht einen von der Menge
emporgehobenen Mann mit bleichem Gesicht und geballten Fäusten eine von
vielstimmigen Rufen begrüßte Rede halten.
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»Was geschieht denn da?« fragte Karl und wandte sich in atemloser Verwirrung an seine
Wächter.
»Wie es den Kleinen aufregt«, sagte Brunelda zu Delamarche und faßte Karl am Kinn,
um seinen Kopf an sich zu ziehen. Aber das hatte Karl nicht wollen und er schüttelte
sich, durch die Vorgänge auf der Straße förmlich rücksichtslos gemacht, so stark, daß
Brunelda ihn nicht nur losließ, sondern zurückwich und ihn gänzlich freigab. »Jetzt hast
du genug gesehen«, sagte sie, offenbar durch Karls Benehmen böse gemacht, »geh ins
Zimmer, bette auf und bereite alles für die Nacht vor.« Sie streckte die Hand nach dem
Zimmer aus. Das war ja die Richtung, die Karl schon seit einigen Stunden nehmen
wollte, er widersprach mit keinem Wort. Da hörte man von der Gasse her das Krachen
von viel zersplitterndem Glas. Karl konnte sich nicht bezwingen und sprang noch rasch
zum Geländer, um flüchtig noch einmal hinunterzuschauen. Ein Anschlag der Gegner,
und vielleicht ein entscheidender, war geglückt, die Automobillaternen der Anhänger, die
mit ihrem starken Licht wenigstens die Hauptvorgänge vor der gesamten Öffentlichkeit
geschehen ließen und dadurch alles in gewissen Grenzen gehalten hatten, waren sämtlich
und gleichzeitig zerschmettert worden, den Kandidaten und seinen Träger umfing nun
die gemeinsame unsichere Beleuchtung, die in ihrer plötzlichen Ausbreitung wie völlige
Finsternis wirkte. Auch nicht beiläufig hätte man jetzt angeben können, wo sich der
Kandidat befand, und das Täuschende des Dunkels wurde noch vermehrt durch einen
gerade einsetzenden, breiten, einheitlichen Gesang, der von unten, von der Brücke her
sich näherte.
»Habe ich dir nicht gesagt, was du jetzt zu tun hast!« sagte Brunelda. »Beeile dich. Ich bin
müde«, fügte sie hinzu und streckte dann die Arme in die Höhe, so daß sich ihre Brust
noch viel mehr wölbte als gewöhnlich. Delamarche, der sie noch immer umfaßt hielt,
zog sie mit sich in eine Ecke des Balkons. Robinson ging ihnen nach, um die
Überbleibsel seines Essens, die noch dort lagen, beiseite zu schieben.
Diese günstige Gelegenheit mußte Karl ausnützen, jetzt war keine Zeit
hinunterzuschauen, von den Vorgängen auf der Straße würde er unten noch genug
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sehen, und mehr als von hier oben. In zwei Sprüngen eilte er durch das rötlich
beleuchtete Zimmer, aber die Tür war verschlossen und der Schlüssel abgezogen. Der
mußte jetzt gefunden werden, aber wer wollte in dieser Unordnung einen Schlüssel
finden und gar in der kurzen, kostbaren Zeit, die Karl zur Verfügung stand! Jetzt hätte er
schon eigentlich auf der Treppe sein, hätte laufen und laufen sollen. Und nun suchte er
den Schlüssel! Suchte ihn in allen zugänglichen Schubladen, stöberte auf dem Tisch
herum, wo verschiedenes Eßgeschirr, Servietten und irgendeine angefangene Stickerei
herumlagen, wurde durch einen Lehnstuhl angelockt, auf dem ein ganz verfitzter Haufen
alter Kleidungsstücke sich befand, in denen der Schlüssel sich möglicherweise befinden,
aber niemals aufgefunden werden konnte, und warf sich schließlich auf das tatsächlich
übelriechende Kanapee, um in allen Ecken und Falten nach dem Schlüssel zu tasten.
Dann ließ er vom Suchen ab und stockte in der Mitte des Zimmers. Gewiß hatte
Brunelda den Schlüssel an ihrem Gürtel befestigt, sagte er sich, dort hingen ja so viele
Sachen, alles Suchen war umsonst.
Und blindlings ergriff Karl zwei Messer und bohrte sie zwischen die Türflügel, eines
oben, eines unten, um zwei voneinander entfernte Angriffspunkte zu erhalten. Kaum
hatte er an den Messern gezogen, brachen natürlich die Klingen entzwei. Er hatte nichts
anderes wollen, die Stümpfe, die er nun fester einbohren konnte, würden desto besser
halten. Und nun zog er mit aller Kraft, die Arme weit ausgebreitet, die Beine weit
auseinander gestemmt, stöhnend und dabei genau auf die Tür aufpassend. Sie würde
nicht auf die Dauer widerstehen können, das erkannte er mit Freuden aus dem deutlich
hörbaren Sichlockern der Riegel, je langsamer es aber ging, desto richtiger war es,
aufspringen durfte ja das Schloß gar nicht, sonst würde man ja auf dem Balkon
aufmerksam werden, das Schloß mußte sich vielmehr ganz langsam voneinander lösen,
und darauf arbeitete Karl mit größter Vorsicht hin, die Augen immer mehr dem Schlosse
nähernd.
»Seht einmal«, hörte er da die Stimme des Delamarche.
Alle drei standen im Zimmer, der Vorhang war hinter ihnen schon zugezogen, Karl
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mußte ihr Kommen überhört haben, die Hände sanken ihm bei dem Anblick von den
Messern herab. Aber er hatte gar nicht Zeit, irgendein Wort zur Erklärung oder
Entschuldigung zu sagen, denn in einem weit über die augenblickliche Gelegenheit
hinausgehenden Wutanfall sprang Delamarche sein gelöstes Schlafrockseil beschrieb
eine große Figur in der Luft auf Karl los. Karl wich noch im letzten Augenblick dem
Angriff aus, er hätte die Messer aus der Tür ziehen und zur Verteidigung benützen
können, aber das tat er nicht, dagegen griff er, sich bückend und aufspringend, nach dem
breiten Schlafrockkragen des Delamarche, schlug ihn in die Höhe, zog ihn dann noch
weiter hinauf der Schlafrock war ja für Delamarche viel zu groß und hielt nun
glücklich den Delamarche beim Kopf, der, allzusehr überrascht, zuerst blind mit den
Händen fuchtelte und erst nach einem Weilchen, aber noch nicht mit ganzer Wirkung
mit den Fäusten auf Karls Rücken schlug, der sich, um sein Gesicht zu schützen, an die
Brust des Delamarche geworfen hatte. Die Faustschläge ertrug Karl, wenn er sich auch
vor Schmerzen wand und wenn auch die Schläge immer stärker wurden, aber wie hätte
er das nicht ertragen sollen, vor sich sah er ja den Sieg. Die Hände am Kopf des
Delamarche, die Daumen wohl gerade über seinen Augen, führte er ihn vor sich her
gegen das ärgste Möbeldurcheinander und versuchte überdies, mit den Fußspitzen das
Schlafrockseil um die Füße des Delamarche zu schlingen und ihn auch so zu Fall zu
bringen.
Da er sich aber ganz und gar mit Delamarche beschäftigen mußte, zumal er dessen
Widerstand immer mehr wachsen fühlte und immer sehniger dieser feindliche Körper
sich ihm entgegenstemmte, vergaß er tatsächlich, daß er nicht mit Delamarche allein war.
Aber nur allzubald wurde er daran erinnert, denn plötzlich versagten seine Füße, die
Robinson, der sich hinter ihm auf den Boden geworfen hatte, schreiend auseinander
preßte. Seufzend ließ Karl von Delamarche ab, der noch einen Schritt zurückwich.
Brunelda stand mit weit auseinander gestellten Beinen und gebeugten Knien in ihrer
ganzen Breite in der Zimmermitte und verfolgte die Vorgänge mit leuchtenden Augen.
Als beteilige sie sich tatsächlich an dem Kampf, atmete sie tief, visierte mit den Augen
und ließ ihre Fäuste langsam vorrücken. Delamarche schlug seinen Kragen nieder, hatte
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nun wieder freien Blick, und nun gab es natürlich keinen Kampf mehr, sondern bloß
eine Bestrafung. Er faßte Karl vorn beim Hemd, hob ihn fast vom Boden und
schleuderte ihn, vor Verachtung sah er ihn gar nicht an, so gewaltig gegen einen ein paar
Schritte entfernten Schrank, daß Karl im ersten Augenblick meinte, die stechenden
Schmerzen im Rücken und am Kopf, die ihm das Aufschlagen am Kasten verursachte,
stammten unmittelbar von der Hand des Delamarche. »Du Halunke!« hörte er den
Delamarche in dem Dunkel, das vor seinen zitternden Augen entstand, noch laut
ausrufen. Und in der ersten Erschöpfung, in der er vor dem Kasten zusammensank,
klangen ihm die Worte »Warte nur!« noch schwach in den Ohren nach.
Als er zur Besinnung kam, war es um ihn ganz finster, es mochte noch spät in der Nacht
sein, vom Balkon her drang unter dem Vorhang ein leichter Schimmer des Mondlichts in
das Zimmer. Man hörte die ruhigen Atemzüge der drei Schläfer, die bei weitem lautesten
stammten von Brunelda, sie schnaufte im Schlaf, wie sie es bisweilen beim Reden tat; es
war aber nicht leicht festzustellen, in welcher Richtung die einzelnen Schläfer sich
befanden, das ganze Zimmer war von dem Rauschen ihres Atems voll. Erst nachdem er
seine Umgebung ein wenig geprüft hatte, dachte Karl an sich, und da erschrak er sehr,
denn wenn er sich auch ganz krumm und steif von Schmerzen fühlte, so hatte er doch
nicht daran gedacht, daß er eine schwere blutige Verletzung erlitten haben könnte. Nun
aber hatte er eine Last auf dem Kopf, und das ganze Gesicht, der Hals, die Brust unter
dem Hemd waren feucht wie von Blut. Er mußte ans Licht, um seinen Zustand genau
festzustellen, vielleicht hatte man ihn zum Krüppel geschlagen, dann würde ihn
Delamarche wohl gerne entlassen, aber was sollte er dann anfangen, dann gab es
wirklich keine Aussichten mehr für ihn. Der Bursche mit der zerfressenen Nase im
Torweg fiel ihm ein, und er legte einen Augenblick lang das Gesicht in seine Hände.
Unwillkürlich wandte er sich dann der Tür zu und tastete sich auf allen vieren hin. Bald
erfühlte er mit den Fingerspitzen einen Stiefel und weiterhin ein Bein. Das war
Robinson, wer schlief sonst in Stiefeln? Man hatte ihm befohlen, sich quer vor die Tür
zu legen, um Karl an der Flucht zu hindern. Aber kannte man denn Karls Zustand
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nicht? Vorläufig wollte er gar nicht entfliehen, er wollte nur ans Licht kommen. Konnte
er also nicht zur Tür hinaus, so mußte er auf den Balkon.
Den Eßtisch fand er an einer offenbar ganz anderen Stelle als am Abend, das Kanapee,
dem sich Karl natürlich sehr vorsichtig näherte, war überraschenderweise leer, dagegen
stieß er in der Zimmermitte auf hochgeschichtete, wenn auch stark gepreßte Kleider,
Decken, Vorhänge, Polster und Teppiche. Zuerst dachte er, es sei nur ein kleiner
Haufen, ähnlich dem, den er am Abend auf dem Sofa gefunden hatte und der etwa auf
die Erde gerollt war, aber zu seinem Staunen bemerkte er beim Weiterkriechen, daß da
eine ganze Wagenladung solcher Sachen lag, die man wahrscheinlich für die Nacht aus
den Kasten herausgenommen hatte, wo sie während des Tages aufbewahrt wurden. Er
umkroch den Haufen und erkannte bald, daß das Ganze eine Art Bettlager darstellte, auf
dem hoch oben, wie er sich durch vorsichtiges Tasten überzeugte, Delamarche und
Brunelda ruhten.
Jetzt wußte er also, wo alle schliefen, und beeilte sich nun, auf den Balkon zu kommen.
Es war eine ganz andere Welt, in der er sich nun, außerhalb des Vorhangs, schnell erhob.
In der frischen Nachtluft, im vollen Schein des Mondes ging er einigemal auf dem
Balkon auf und ab. Er sah auf die Straße, sie war ganz still, aus dem Gasthaus klang
noch die Musik, aber nur gedämpft, hervor, vor der Tür kehrte ein Mann das Trottoir, in
der Gasse, in der am Abend innerhalb des wüsten allgemeinen Lärms das Schreien eines
Wahlkandidaten von tausend anderen Stimmen nicht hatte unterschieden werden
können, hörte man nun deutlich das Kratzen des Besens auf dem Pflaster.
Das Rücken eines Tisches auf dem Nachbarbalkon machte Karl aufmerksam, dort saß ja
jemand und studierte. Es war ein junger Mann mit einem kleinen Spitzbart, an dem er
beim Lesen, das er mit raschen Lippenbewegungen begleitete, ständig drehte. Er saß, das
Gesicht Karl zugewendet, an einem kleinen, mit Büchern bedeckten Tisch, die
Glühlampe hatte er von der Mauer abgenommen, zwischen zwei große Bücher
geklemmt, und war nun von ihrem grellen Licht ganz überleuchtet.
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»Guten Abend«, sagte Karl, da er bemerkt zu haben glaubte, daß der junge Mann zu ihm
herübergeschaut hätte.
Aber das mußte wohl ein Irrtum gewesen sein, denn der junge Mann schien ihn
überhaupt noch nicht bemerkt zu haben, legte die Hand über die Augen, um das Licht
abzublenden und festzustellen, wer da plötzlich grüßte, und hob dann, da er noch immer
nichts sah, die Glühlampe hoch, um mit ihr auch den Nachbarbalkon ein wenig zu
beleuchten.
»Guten Abend«, sagte dann auch er, blickte einen Augenblick lang scharf hinüber, und
fügte dann hinzu: »Und was Weiter?«
»Ich störe Sie?« fragte Karl.
»Gewiß, gewiß«, sagte der Mann und brachte die Glühlampe wieder an ihren früheren
Ort.
Mit diesen Worten war allerdings jede Anknüpfung abgelehnt, aber Karl verließ
trotzdem die Balkonecke, in der er dem Manne am nächsten war, nicht. Stumm sah er
zu, wie der Mann in seinem Buche las, die Blätter wendete, hie und da in einem anderen
Buche das er immer mit Blitzesschnelle ergriff, irgend etwas nachschlug und öfters
Notizen in ein Heft eintrug, wobei er immer überraschend tief das Gesicht zu dem
Hefte senkte.
Ob dieser Mann vielleicht ein Student war? Es sah ganz so aus, als ob er studierte. Nicht
viel anders jetzt war es schon lange her war Karl zu Hause am Tisch der Eltern
gesessen und hatte seine Aufgaben geschrieben, während der Vater die Zeitung las oder
Bucheintragungen und Korrespondenzen für einen Verein erledigte und die Mutter mit
einer Näharbeit beschäftigt war und hoch den Faden aus dem Stoffe zog. Um den Vater
nicht zu belästigen, hatte Karl nur das Heft und das Schreibzeug auf den Tisch gelegt,
während er die nötigen Bücher rechts und links von sich auf Sesseln angeordnet hatte.
Wie still war es dort gewesen! Wie selten waren fremde Leute in jenes Zimmer
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gekommen! Schon als kleines Kind hatte Karl immer gerne zugesehen, wenn die Mutter
gegen Abend die Wohnungstür mit dem Schlüssel absperrte. Sie hatte keine Ahnung
davon, daß es jetzt mit Karl so weit gekommen war, daß er fremde Türen mit Messern
aufzubrechen suchte.
Und welchen Zweck hatte sein ganzes Studium gehabt! Er hatte ja alles vergessen; wenn
es darauf angekommen wäre, hier sein Studium fortzusetzen, es wäre ihm sehr schwer
geworden. Er erinnerte sich daran, daß er zu Hause einmal einen Monat lang krank
gewesen war; welche Mühe hatte es ihn damals gekostet, sich nachher wieder in dem
unterbrochenen Lernen zurechtzufinden. Und nun hatte er außer dem Lehrbuch der
englischen Handelskorrespondenz schon so lange kein Buch gelesen.
»Sie, junger Mann«, hörte sich Karl plötzlich angesprochen, »könnten Sie sich nicht
anderswo aufstellen? Ihr Herüberstarren stört mich schrecklich. Um zwei Uhr in der
Nacht kann man doch schließlich verlangen, auf dem Balkon ungestört arbeiten zu
können. Wollen Sie denn etwas von mir?«
»Sie studieren?« fragte Karl.
»Ja, ja«, sagte der Mann und benützte dieses für das Lernen verlorene Weilchen, um
unter seinen Büchern eine neue Ordnung einzurichten.
»Dann will ich Sie nicht stören«, sagte Karl, »ich gehe überhaupt schon ins Zimmer
zurück. Gute Nacht.«
Der Mann gab nicht einmal eine Antwort, mit einem plötzlichen Entschlusse hatte er
sich nach Beseitigung dieser Störung wieder ans Studieren gemacht und stützte die Stirn
schwer in die rechte Hand.
Da erinnerte sich Karl knapp vor dem Vorhang daran, warum er eigentlich
herausgekommen war, er wußte ja noch gar nicht, wie es mit ihm stand. Was lastete nur
so auf seinem Kopf? Er griff hinauf und staunte, da war keine blutige Verletzung, wie er
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im Dunkel des Zimmers gefürchtet hatte, es war nur ein noch immer feuchter,
turbanartiger Verband. Er war, nach den noch hie und da hängenden Spitzenüberresten
zu schließen, aus einem alten Wäschestück Bruneldas gerissen, und Robinson hatte ihn
wohl flüchtig Karl um den Kopf gewickelt. Nur hatte er vergessen, ihn auszuwinden,
und so war während Karls Bewußtlosigkeit das viele Wasser das Gesicht hinab- und
unter das Hemd geronnen und hatte Karl solchen Schrecken eingejagt.
»Sie sind wohl noch immer da?« fragte der Mann und blinzelte hinüber.
»Jetzt gehe ich aber wirklich schon«, sagte Karl »ich wollte hier nur etwas anschauen, im
Zimmer ist es ganz finster.«
»Wer sind Sie denn?« sagte der Mann, legte den Federhalter in das vor ihm geöffnete
Buch und trat an das Geländer. »Wie heißen Sie? Wie kommen Sie zu den Leuten? Sind
Sie schon lange hier? Was wollen Sie denn anschauen? Drehen Sie doch Ihre Glühlampe
dort auf, damit man Sie sehen kann.«
Karl tat dies, zog aber, ehe er antwortete, noch den Vorhang der Tür fester zu, damit
man im Inneren nichts merken konnte. »Verzeihen Sie«, sagte er dann im Flüsterton,
»daß ich so leise rede. Wenn mich die drinnen hören, habe ich wieder einen Krawall.«
»Wieder?« fragte der Mann.
»Ja«, sagte Karl, »ich habe ja erst abends einen großen Streit mit ihnen gehabt. Ich muß
da noch eine fürchterliche Beule haben.« Und er tastete hinten seinen Kopf ab. »Was
war denn das für ein Streit?« fragte der Mann und fügte, da Karl nicht gleich antwortete,
hinzu: »Mir können Sie ruhig alles anvertrauen, was Sie gegen diese Herrschaften auf
dem Herzen haben. Ich hasse sie nämlich alle drei, und ganz besonders Ihre Madame.
Es sollte mich übrigens wundern, wenn man Sie nicht schon gegen mich gehetzt hätte.
Ich heiße Josef Mendel und bin Student.«
»Ja«, sagte Karl, »erzählt hat man mir schon von Ihnen, aber nichts Schlimmes. Sie
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haben wohl einmal Frau Brunelda behandelt, nicht wahr?«
»Das stimmt«, sagte der Student und lachte. »Riecht das Kanapee noch danach?«
»O ja«, sagte Karl.
»Das freut mich aber«, sagte der Student und fuhr mit der Hand durchs Haar. »Und
warum macht man Ihnen Beulen?«
»Es war ein Streit«, sagte Karl im Nachdenken darüber, wie er es dem Studenten erklären
sollte. Dann aber unterbrach er sich und sagte: »Störe ich Sie denn nicht?« »Erstens«,
sagte der Student, »haben Sie mich schon gestört, und ich bin leider so nervös, daß ich
lange Zeit brauche, um mich wieder zurechtzufinden. Seit Sie da Ihre Spaziergänge auf
dem Balkon angefangen haben, komme ich mit dem Studieren nicht vorwärts. Zweitens
aber mache ich um drei Uhr immer eine Pause. Erzählen Sie also nur ruhig. Es
interessiert mich auch.«
»Es ist ganz einfach«, sagte Karl. »Delamarche will, daß ich bei ihm Diener werde. Aber
ich will nicht. Ich wäre am liebsten noch gleich abends weggegangen. Er wollte mich
nicht lassen, hat die Tür abgesperrt, ich wollte sie aufbrechen, und dann kam es zu der
Rauferei. Ich bin unglücklich, daß ich noch hier bin.«
»Haben Sie denn eine andere Stellung?« fragte der Student.
»Nein«, sagte Karl, »aber daran liegt mir nichts, wenn ich nur von hier fort wäre.«
»Hören Sie einmal«, sagte der Student, »daran liegt Ihnen nichts?« Und beide schwiegen
ein Weilchen. »Warum wollen Sie denn bei den Leuten nicht bleiben?« fragte dann der
Student.
»Delamarche ist ein schlechter Mensch«, sagte Karl, »ich kenne ihn schon von früher
her. Ich marschierte einmal einen Tag lang mit ihm und war froh, als ich nicht mehr bei
ihm war. Und jetzt soll ich Diener bei ihm werden?«
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»Wenn alle Diener bei der Auswahl ihrer Herrschaften so heikel sein wollten wie Sie!«
sagte der Student und schien zu lächeln. »Sehen Sie, ich bin während des Tages
Verkäufer, niedrigster Verkäufer, eher schon Laufbursche im Warenhaus von Montly.
Dieser Montly ist zweifellos ein Schurke, aber das läßt mich ganz ruhig, wütend bin ich
nur, daß ich so elend bezahlt werde. Nehmen Sie sich also an mir ein Beispiel.«
»Wie?« sagte Karl, »Sie sind bei Tag Verkäufer und in der Nacht studieren Sie?«
»Ja«, sagte der Student, »es geht nicht anders. Ich habe schon alles mögliche versucht,
aber diese Lebensweise ist noch die beste. Vor Jahren war ich nur Student, bei Tag und
Nacht, wissen Sie, nur bin ich dabei fast verhungert, habe in einer schmutzigen alten
Höhle geschlafen und wagte mich in meinem damaligen Anzug nicht in die Hörsäle.
Aber das ist vorüber.«
»Aber wann schlafen Sie?« fragte Karl und sah den Studenten verwundert an.
»Ja, schlafen!« sagte der Student. »Schlafen werde ich, wenn ich mit meinem Studium
fertig bin. Vorläufig trinke ich schwarzen Kaffee.« Und er wandte sich um, zog unter
seinem Studiertisch eine große Flasche hervor, goß aus ihr schwarzen Kaffee in ein
Täßchen und schüttete ihn in sich hinein, so wie man Medizinen eilig schluckt, um
möglichst wenig von ihrem Geschmack zu spüren.
»Eine feine Sache, der schwarze Kaffee«, sagte der Student. »Schade, daß Sie so weit
sind, daß ich Ihnen nicht ein wenig hinüberreichen kann.«
»Mir schmeckt schwarzer Kaffee nicht«, sagte Karl.
»Mir auch nicht«, sagte der Student und lachte. »Aber was wollte ich ohne ihn anfangen.
Ohne den schwarzen Kaffee würde mich Montly keinen Augenblick behalten. Ich sage
immer Montly, obwohl der natürlich keine Ahnung hat, daß ich auf der Welt bin. Ganz
genau weiß ich nicht, wie ich mich im Geschäft benehmen würde, wenn ich nicht dort
im Pult eine gleich große Flasche wie diese immer vorbereitet hätte, denn ich habe noch
234
nie gewagt, mit dem Kaffeetrinken auszusetzen, aber, glauben Sie mir nur, ich würde
bald hinter dem Pulte liegen und schlafen. Leider ahnt man das, sie nennen mich dort
den >Schwarzen Kaffee Vorwärtskommen schon geschadet hat.«
»Und wann werden Sie mit Ihrem Studium fertig werden?« fragte Karl.
»Es geht langsam«, sagte der Student mit gesenktem Kopf. Er verließ das Geländer und
setzte sich wieder an den Tisch; die Ellbogen auf das offene Buch aufgestützt, mit den
Händen durch seine Haare fahrend, sagte er dann: »Es kann noch ein bis zwei Jahre
dauern.«
»Ich wollte auch studieren«, sagte Karl, als gebe ihm dieser Umstand ein Anrecht auf ein
noch größeres Vertrauen, als es der jetzt verstummende Student ihm gegenüber schon
bewiesen hatte.
»So«, sagte der Student, und es war nicht ganz klar, ob er in seinem Buche schon wieder
las oder nur zerstreut hineinstarrte, »seien Sie froh, daß Sie das Studium aufgegeben
haben. Ich selbst studiere schon seit Jahren eigentlich nur aus Konsequenz. Befriedigung
habe ich wenig davon und Zukunftsaussichten noch weniger. Welche Aussichten wollte
ich denn haben! Amerika ist voll von Schwindeldoktoren.«
»Ich wollte Ingenieur werden«, sagte Karl noch eilig zu dem scheinbar schon gänzlich
unaufmerksamen Studenten hinüber.
»Und jetzt sollen Sie Diener bei diesen Leuten werden«, sagte der Student und sah
flüchtig auf, »das schmerzt Sie natürlich.«
Diese Schlußfolgerung des Studenten war allerdings ein Mißverständnis, aber vielleicht
konnte es Karl beim Studenten nützen. Er fragte deshalb: »Könnte ich nicht vielleicht
auch eine Stelle im Warenhaus bekommen?«
Diese Frage riß den Studenten völlig von seinem Buche los; der Gedanke, daß er Karl
235
bei seiner Postenbewerbung behilflich sein könnte, kam ihm gar nicht. »Versuchen Sie
es«, sagte er, »oder versuchen Sie es lieber nicht. Daß ich meinen Posten bei Montly
bekommen habe, ist der bisher größte Erfolg meines Lebens gewesen. Wenn ich
zwischen dem Studium und meinem Posten zu wählen hatte, würde ich natürlich den
Posten wählen. Meine Anstrengung geht nur darauf hin, die Notwendigkeit einer
solchen Wahl nicht eintreten zu lassen.« »So schwer ist es, dort einen Posten zu
bekommen«, sagte Karl mehr für sich.
»Ach, was denken Sie denn«, sagte der Student, »es ist leichter, hier Bezirksrichter zu
werden als Türöffner bei Montly.«
Karl schwieg. Dieser Student, der doch so viel erfahrener war als er und der den
Delamarche aus irgendwelchen Karl noch unbekannten Gründen haßte, der dagegen
Karl gewiß nichts Schlechtes wünschte, fand für Karl kein Wort der Aufmunterung, den
Delamarche zu verlassen. Und dabei kannte er noch gar nicht die Gefahr, die Karl von
der Polizei drohte und vor der er nur bei Delamarche halbwegs geschützt war.
»Sie haben doch am Abend die Demonstration unten gesehen? Nicht wahr? Wenn man
die Verhältnisse nicht kannte, sollte man doch denken, dieser Kandidat, er heißt Lobter,
werde doch irgendwelche Aussichten haben oder er komme doch wenigstens in
Betracht, nicht?«
»Ich verstehe von Politik nichts«, sagte Karl.
»Das ist ein Fehler«, sagte der Student. »Aber abgesehen davon haben Sie doch Augen
und Ohren. Der Mann hat doch zweifellos Freunde und Feinde gehabt, das kann Ihnen
doch nicht entgangen sein. Und nun bedenken Sie, der Mann hat, meiner Meinung nach,
nicht die geringsten Aussichten, gewählt zu werden. Ich weiß zufällig alles über ihn, es
wohnt da bei uns einer, der ihn kennt. Er ist kein unfähiger Mensch, und seinen
politischen Ansichten und seiner politischen Vergangenheit nach wäre gerade er der
passende Richter für den Bezirk. Aber kein Mensch denkt daran, daß er gewählt werden
könnte, er wird so prachtvoll durchfallen, als man durchfallen kann, er wird für die
236
Wahlkampagne seine paar Dollars hinausgeworfen haben, das wird alles sein.«
Karl und der Student sahen einander ein Weilchen schweigend an. Der Student nickte
lächelnd und drückte mit einer Hand die müden Augen.
»Nun, werden Sie noch nicht schlafen gehen?« fragte er dann. »Ich muß ja auch wieder
studieren. Sehen Sie, wieviel ich noch durchzuarbeiten habe.« Und er blätterte ein halbes
Buch rasch durch, um Karl einen Begriff von der Arbeit zu geben, die noch auf ihn
wartete.
»Dann also gute Nacht«, sagte Karl und verbeugte sich.
»Kommen Sie doch einmal zu uns herüber«, sagte der Student, der schon wieder an
seinem Tisch saß, »natürlich nur, wenn Sie Lust haben. Sie werden hier immer große
Gesellschaft finden. Von neun bis zehn Uhr abends habe ich auch für Sie Zeit.«
»Sie raten mir also, bei Delamarche zu bleiben?« fragte Karl.
»Unbedingt«, sagte der Student und senkte schon den Kopf zu seinen Büchern. Es
schien, als hätte gar nicht er das Wort gesagt; wie von einer Stimme gesprochen, die
tiefer war als jene des Studenten, klang es noch in Karls Ohren nach. Langsam ging er
zum Vorhang, warf noch einen Blick auf den Studenten, der jetzt ganz unbeweglich, von
der großen Finsternis umgeben, in seinem Lichtschein saß, und schlüpfte ins Zimmer.
Die vereinten Atemzüge der drei Schläfer empfingen ihn. Er suchte die Wand entlang
das Kanapee und, als er es gefunden hatte, streckte er sich ruhig auf ihm aus, als sei es
sein gewohntes Lager. Da ihm der Student, der den Delamarche und die hiesigen
Verhältnisse genau kannte und überdies ein gebildeter Mann war, geraten hatte, hier zu
bleiben, hatte er vorläufig keine Bedenken. So hohe Ziele wie der Student hatte er nicht,
wer weiß, ob es ihm sogar zu Hause gelungen wäre, das Studium zu Ende zu führen,
und wenn es zu Hause kaum möglich schien, so konnte niemand verlangen, daß er es
hier im fremden Lande tue. Die Hoffnung aber, einen Posten zu finden, in dem er etwas
leisten und für seine Leistungen anerkannt werden könnte, war gewiß größer, wenn er
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vorläufig die Dienerstelle bei Delamarche annahm und aus dieser Sicherheit heraus eine
günstige Gelegenheit abwartete. Es schienen sich ja in dieser Straße viele Büros mittleren
und unteren Ranges zu befinden, die vielleicht im Falle des Bedarfes bei der Auswahl
ihres Personals nicht gar zu wählerisch waren. Er wollte ja gern, wenn es sein mußte,
Geschäftsdiener werden, aber schließlich war es ja gar nicht ausgeschlossen, daß er auch
für reine Büroarbeit aufgenommen werden konnte und einstmals als Bürobeamter an
seinem Schreibtisch sitzen und ohne Sorgen ein Weilchen lang aus dem offenen Fenster
schauen würde wie jener Beamte, den er heute früh beim Durchmarsch durch die Höfe
gesehen hatte. Beruhigend fiel ihm ein, als er die Augen schloß, daß er doch jung war
und daß Delamarche ihn doch einmal freigeben würde; dieser Haushalt sah ja wirklich
nicht danach aus, als sei er für die Ewigkeit gemacht. Wenn aber Karl einmal einen
solchen Posten in einem Büro hätte, dann wollte er sich mit nichts anderem beschäftigen
als mit seinen Büroarbeiten und nicht die Kräfte zersplittern wie der Student. Wenn es
nötig sein sollte, wollte er auch die Nacht fürs Büro verwenden, was man ja im Beginn
bei seiner geringen kaufmännischen Vorbildung sowieso von ihm verlangen würde. Er
wollte nur an das Interesse des Geschäftes denken, dem er zu dienen hätte, und allen
Arbeiten sich unterziehen, selbst solchen, die andere Bürobeamte als ihrer nicht würdig
zurückweisen würden. Die guten Vorsätze drängten sich in seinem Kopf, als stehe sein
künftiger Chef vor dem Kanapee und lese sie von seinem Gesicht ab.
In solchen Gedanken schlief Karl ein und nur im ersten Halbschlaf störte ihn noch ein
gewaltiges Seufzen Bruneldas, die, scheinbar von schweren Träumen geplagt, sich auf
ihrem Lager wälzte.
238
Das Naturtheater von Oklahoma
Karl sah an einer Straßenecke ein Plakat mit folgender Aufschrift: »Auf dem Rennplatz
in Clayton wird heute von sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für das Theater in
Oklahoma aufgenommen! Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur
heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an
seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will,
melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer
sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier! Aber beeilt euch,
damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zwölf Uhr wird alles geschlossen und
nicht mehr geöffnet! Verflucht sei, wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!«
Es standen zwar viele Leute vor dem Plakat, aber es schien nicht viel Beifall zu finden.
Es gab so viel Plakate, Plakaten glaubte niemand mehr. Und dieses Plakat war noch
unwahrscheinlicher, als Plakate sonst zu sein pflegen. Vor allem aber hatte es einen
großen Fehler, es stand kein Wörtchen von der Bezahlung darin. Wäre sie auch nur ein
wenig erwähnungswert gewesen, das Plakat hätte sie gewiß genannt; es hätte das
Verlockendste nicht vergessen. Künstler werden wollte niemand, wohl aber wollte jeder
für seine Arbeit bezahlt werden.
Für Karl stand aber doch in dem Plakat eine große Verlockung. »Jeder war
willkommen«, hieß es. Jeder, also auch Karl. Alles, was er bisher getan hatte, war
vergessen, niemand wollte ihm daraus einen Vorwurf machen. Er durfte sich zu einer
Arbeit melden, die keine Schande war, zu der man vielmehr öffentlich einladen konnte!
Und ebenso öffentlich wurde das Versprechen gegeben, daß man auch ihn annehmen
würde. Er verlangte nichts Besseres, er wollte endlich den Anfang einer anständigen
Laufbahn finden, und hier zeigte er sich vielleicht. Mochte alles Großsprecherische, das
auf dem Plakate stand, eine Lüge sein, mochte das große Theater von Oklahoma ein
kleiner Wanderzirkus sein, es wollte Leute aufnehmen, das war genügend. Karl las das
Plakat nicht zum zweiten Male, suchte aber noch einmal den Satz: »Jeder ist
239
willkommen« hervor. Zuerst dachte er daran, zu Fuß nach Clayton zu gehen, aber das
wären drei Stunden angestrengten Marsches gewesen, und er wäre dann möglicherweise
gerade zurecht gekommen, um zu erfahren, daß man schon alle verfügbaren Stellen
besetzt hätte. Nach dem Plakat war allerdings die Zahl der Aufzunehmenden
unbegrenzt, aber so waren immer alle derartigen Stellenangebote abgefaßt. Karl sah ein,
daß er entweder auf die Stelle verzichten oder fahren mußte. Er überrechnete sein Geld,
es hätte ohne diese Fahrt für acht Tage gereicht, er schob die kleinen Münzen auf der
flachen Hand hin und her. Ein Herr, der ihn beobachtet hatte, klopfte ihm auf die
Schulter und sagte: »Viel Glück zur Fahrt nach Clayton.« Karl nickte stumm und
rechnete weiter. Aber er entschloß sich bald, teilte das für die Fahrt notwendige Geld ab
und lief zur Untergrundbahn. Als er in Clayton ausstieg, hörte er gleich den Lärm vieler
Trompeten. Es war ein wirrer Lärm, die Trompeten waren nicht gegeneinander
abgestimmt, es wurde rücksichtslos geblasen. Aber das störte Karl nicht, es bestätigte
ihm vielmehr, daß das Theater von Oklahoma ein großes Unternehmen war. Aber als er
aus dem Stationsgebäude trat und die ganze Anlage vor sich überblickte, sah er, daß alles
noch größer war, als er nur irgendwie hatte denken können, und er begriff nicht, wie ein
Unternehmen nur zu dem Zweck, um Personal zu erhalten, derartige Aufwendungen
machen konnte. Vor dem Eingang zum Rennplatz war ein langes, niedriges Podium
aufgebaut, auf dem Hunderte von Frauen, als Engel gekleidet, in weißen Tüchern mit
großen Flügeln am Rücken, auf langen, goldglänzenden Trompeten bliesen. Sie waren
aber nicht unmittelbar auf dem Podium, sondern jede stand auf einem Postament, das
aber nicht zu sehen war, denn die langen wehenden Tücher der Engelkleidung hüllten es
vollständig ein. Da nun die Postamente sehr hoch, wohl bis zwei Meter hoch waren,
sahen die Gestalten der Frauen riesenhaft aus, nur ihre kleinen Köpfe störten ein wenig
den Eindruck der Größe, auch ihr gelöstes Haar hing zu kurz und fast lächerlich
zwischen den großen Flügeln und an den Seiten hinab. Damit keine Einförmigkeit
entstehe, hatte man Postamente in der verschiedensten Größe verwendet; es gab ganz
niedrige Frauen, nicht weit über Lebensgröße, aber neben ihnen schwangen sich andere
Frauen in solche Höhe hinauf, daß man sie beim leichtesten Windstoß in Gefahr
glaubte. Und nun bliesen alle diese Frauen.
240
Es gab nicht viele Zuhörer. Klein, im Vergleich zu den großen Gestalten, gingen etwa
zehn Burschen vor dem Podium hin und her und blickten zu den Frauen hinauf. Sie
zeigten einander diese oder jene, sie schienen aber nicht die Absicht zu haben,
einzutreten und sich aufnehmen zu lassen. Nur ein einziger älterer Mann war zu sehen,
er stand ein wenig abseits. Er hatte gleich auch seine Frau und ein Kind im Kinderwagen
mitgebracht. Die Frau hielt mit der einen Hand den Wagen, mit der anderen stützte sie
sich auf die Schulter des Mannes. Sie bewunderten zwar das Schauspiel, aber man
erkannte doch, daß sie enttäuscht waren. Sie hatten wohl auch erwartet, eine
Arbeitsgelegenheit zu finden, dieses Trompetenblasen aber beirrte sie. Karl war in der
gleichen Lage. Er trat in die Nähe des Mannes, hörte ein wenig den Trompeten zu und
sagte dann: »Hier ist doch die Aufnahmestelle für das Theater von Oklahoma?«
»Ich glaubte es auch«, sagte der Mann, »aber wir warten hier schon seit einer Stunde und
hören nichts als die Trompeten. Nirgends ist ein Plakat zu sehen, nirgends ein Ausrufer,
nirgends jemand, der Auskunft geben könnte.«
Karl sagte: »Vielleicht wartet man, bis mehr Leute zusammenkommen. Es sind wirklich
noch sehr wenig hier.«
»Möglich«, sagte der Mann, und sie schwiegen wieder. Es war auch schwer, im Lärm der
Trompeten etwas zu verstehen. Aber dann flüsterte die Frau etwas ihrem Manne zu, er
nickte, und sie rief gleich Karl an: »Könnten Sie nicht in die Rennbahn hinübergehen
und fragen, wo die Aufnahme stattfindet?«
»Ja«, sagte Karl, »aber ich müßte über das Podium gehen, zwischen den Engeln durch.«
»Ist das so schwierig?« fragte die Frau.
Für Karl erschien ihr der Weg leicht, ihren Mann aber wollte sie nicht ausschicken.
»Nun ja«, sagte Karl, »ich werde gehen.«
»Sie sind sehr gefällig«, sagte die Frau, und sie wie auch ihr Mann drückten Karl die
241
Hand.
Die Burschen liefen zusammen, um aus der Nähe zu sehen, wie Karl auf das Podium
stieg. Es war, als bliesen die Frauen stärker, um den ersten Stel ensuchenden zu
begrüßen. Diejenigen aber, an deren Postament Karl gerade vorüberging, gaben sogar
die Trompeten vom Munde und beugten sich zur Seite, um seinen Weg zu verfolgen.
Karl sah auf dem anderen Ende des Podiums einen unruhig auf und ab gehenden Mann,
der offenbar nur auf Leute wartete, um ihnen alle Auskunft zu geben, die man nur
wünschen konnte. Karl wollte schon auf ihn zugehen, da hörte er über sich seinen
Namen rufen.
»Karl!« rief der Engel. Karl sah auf und fing vor freudiger Überraschung zu lachen an.
Es war Fanny.
»Fanny!« rief er und grüßte mit der Hand hinauf.
»Komm doch her!« rief Fanny. »Du wirst doch nicht an mir vorüberlaufen!« Und sie
schlug die Tücher auseinander, so daß das Postament und eine schmale Treppe, die
hinaufführte, freigelegt wurde.
»Ist es erlaubt hinaufzugehen?« fragte Karl.
»Wer will uns verbieten, daß wir einander die Hand drücken!« rief Fanny und blickte sich
erzürnt um, ob nicht etwa schon jemand mit dem Verbote käme. Karl lief aber schon die
Treppe hinauf.
»Langsamer!« rief Fanny. »Das Postament und wir beide stürzen um!« Aber es geschah
nichts, Karl kam glücklich bis zur letzten Stufe. »Sieh nur«, sagte Fanny, nachdem sie
einander begrüßt hatten, »sieh nur, was für eine Arbeit ich bekommen habe.«
»Es ist ja schön«, sagte Karl und sah sich um. Alle Frauen in der Nähe hatten schon Karl
bemerkt und kicherten. »Du bist fast die Höchste«, sagte Karl und streckte die Hand aus,
um die Höhe der anderen abzumessen.
242
»Ich habe dich gleich gesehen«, sagte Fanny, »als du aus der Station kamst, aber ich bin
leider hier in der letzten Reihe, man sieht mich nicht, und rufen konnte ich auch nicht.
Ich habe zwar besonders laut geblasen, aber du hast mich nicht erkannt.«
»Ihr blast ja alle schlecht«, sagte Karl, »laß mich einmal blasen.«
»Aber gewiß«, sagte Fanny und reichte ihm die Trompete, »aber verdirb den Chor nicht,
sonst entläßt man mich.«
Karl fing zu blasen an; er hatte gedacht, es sei eine grob gearbeitete Trompete, nur zum
Lärmmachen bestimmt, aber nun zeigte es sich, daß es ein Instrument war, das fast jede
Feinheit ausführen konnte. Waren alle Instrumente von gleicher Beschaffenheit, so
wurde ein großer Mißbrauch mit ihnen getrieben. Karl blies, ohne sich vom Lärm der
anderen stören zu lassen, aus voller Brust ein Lied, das er irgendwo in einer Kneipe
einmal gehört hatte. Er war froh, eine alte Freundin getroffen zu haben und hier, vor
allen bevorzugt, die Trompete blasen zu dürfen und möglicherweise bald eine gute
Stellung bekommen zu können. Viele Frauen stellten das Blasen ein und hörten zu; als er
plötzlich abbrach, war kaum die Hälfte der Trompeten in Tätigkeit, erst allmählich kam
wieder der vollständige Lärm zustande.
»Du bist ja ein Künstler«, sagte Fanny, als Karl ihr die Trompete wieder reichte. »Laß
dich als Trompeter aufnehmen.«
»Werden denn auch Männer aufgenommen?« fragte Karl.
»Ja«, sagte Fanny, »wir blasen zwei Stunden lang. Dann werden wir von Männern, die als
Teufel angezogen sind, abgelöst. Die Hälfte bläst, die Hälfte trommelt. Es ist sehr schön,
wie überhaupt die ganze Ausstattung sehr kostbar ist. Ist nicht auch unser Kleid sehr
schön? und die Flügel?« Sie sah an sich hinab.
»Glaubst du«, fragte Karl, »daß auch ich noch eine Stelle bekommen werde?«
»Ganz bestimmt«, sagte Fanny, »es ist ja das größte Theater der Welt. Wie gut es sich
243
trifft, daß wir wieder beisammen sein werden. Allerdings kommt es darauf an, welche
Stelle du bekommst. Es wäre nämlich auch möglich, daß wir, auch wenn wir beide hier
angestellt sind, uns doch gar nicht sähen.«
»Ist denn das Ganze wirklich so groß?« fragte Karl.
»Es ist das größte Theater der Welt«, sagte Fanny nochmals, »ich habe es allerdings
selbst noch nicht gesehen, aber manche meiner Kolleginnen, die schon in Oklahoma
waren, sagen, es sei fast grenzenlos.«
»Es melden sich aber wenig Leute«, sagte Karl und zeigte hinunter auf die Burschen und
die kleine Familie.
»Das ist wahr«, sagte Fanny. »Bedenke aber, daß wir in allen Städten Leute aufnehmen,
daß unsere Werbetruppe immerfort reist und daß es noch viele solcher Truppen gibt.«
»Ist denn das Theater noch nicht eröffnet?« fragte Karl.
»O ja«, sagte Fanny, »es ist ein altes Theater, aber es wird immerfort vergrößert.«
»Ich wundere mich«, sagte Karl, »daß sich nicht mehr Leute dazu drängen.«
»Ja«, sagte Fanny, »es ist merkwürdig.«
»Viel eicht«, sagte Karl, »schreckt dieser Aufwand an Engeln und Teufeln mehr ab, als er
anzieht.«
»Wie du das herausfinden kannst«, sagte Fanny. »Es ist aber möglich. Sag es unserem
Führer, vielleicht kannst du ihm dadurch nützen.«
»Wo ist er?« fragte Karl.
»In der Rennbahn«, sagte Fanny, »auf der Schiedsrichtertribüne.«
»Auch das wundert mich«, sagte Karl, »warum geschieht denn die Aufnahme auf der
244
Rennbahn?«
»Ja«, sagte Fanny, »wir machen überall die größten Vorbereitungen für den größten
Andrang. Auf der Rennbahn ist eben viel Platz. Und in allen Ständen, wo sonst die
Wetten abgeschlossen werden, sind die Aufnahmekanzleien eingerichtet. Es sollen
zweihundert verschiedene Kanzleien sein.«
»Aber«, rief Karl, »hat denn das Theater von Oklahoma so große Einkünfte, um
derartige Werbetruppen erhalten zu können?«
»Was kümmert uns denn das?« sagte Fanny. »Aber nun geh, Karl, damit du nichts
versäumst, ich muß auch wieder blasen. Versuche, auf jeden Fall einen Posten bei dieser
Truppe zu bekommen, und komm gleich zu mir, es melden. Denke daran, daß ich in
großer Unruhe auf die Nachricht warte.«
Sie drückte ihm die Hand, ermahnte ihn zur Vorsicht beim Hinabsteigen, setzte wieder
die Trompete an die Lippen, blies aber nicht, ehe sie Karl unten auf dem Boden in
Sicherheit sah. Karl legte wieder die Tücher über die Treppe, so wie sie früher gewesen
waren, Fanny dankte durch Kopfnicken, und Karl ging, das eben Gehörte nach
verschiedenen Richtungen hin überlegend, auf den Mann zu, der schon Karl oben bei
Fanny gesehen und sich dem Postament genähert hatte, um ihn zu erwarten.
»Sie wollen bei uns eintreten?« fragte der Mann. »Ich bin der Personalchef dieser Truppe
und heiße Sie willkommen.« Er war ständig wie aus Höflichkeit ein wenig vorgebeugt,
tänzelte, obwohl er sich nicht von der Stelle rührte, und spielte mit seiner Uhrkette.
»Ich danke«, sagte Karl, »ich habe das Plakat Ihrer Gesellschaft gelesen und melde mich,
wie es dort verlangt wird.«
»Sehr richtig«, sagte der Mann anerkennend, »leider verhält sich hier nicht jeder so
richtig.«
Karl dachte daran, daß er jetzt den Mann darauf aufmerksam machen könnte, daß
245
möglicherweise die Lockmittel der Werbetruppe gerade wegen ihrer Großartigkeit
versagten. Aber er sagte es nicht, denn dieser Mann war gar nicht der Führer der
Truppe, und außerdem wäre es wenig empfehlend gewesen, wenn er, der noch gar nicht
aufgenommen war, gleich Verbesserungsvorschläge gemacht hätte. Darum sagte er nur:
»Es wartet draußen noch einer, der sich auch anmelden will und der mich nur
vorausgeschickt hat. Darf ich ihn jetzt holen?«
»Natürlich«, sagte der Mann, »je mehr kommen, desto besser.«
»Er hat auch eine Frau bei sich und ein kleines Kind im Kinderwagen. Sollen die auch
kommen?«
»Natürlich«, sagte der Mann und schien über Karls Zweifel zu lächeln. »Wir können alle
brauchen.«
»Ich bin gleich wieder zurück«, sagte Karl und lief wieder zurück an den Rand des
Podiums. Er winkte dem Ehepaar zu und rief, daß alle kommen dürften. Er half, den
Kinderwagen auf das Podium heben, und sie gingen nun gemeinsam. Die Burschen, die
das sahen, berieten sich miteinander, stiegen dann langsam, bis zum letzten Augenblick
noch zögernd, die Hände in den Taschen, auf das Podium hinauf und folgten schließlich
Karl und der Familie. Eben kamen aus dem Stationsgebäude der Untergrundbahn neue
Passagiere hervor, die, angesichts des Podiums mit den Engeln, staunend die Arme
erhoben. Immerhin schien es, als ob die Bewerbung um Stellen nun doch lebhafter
werden sollte. Karl war sehr froh, so früh, vielleicht als erster, gekommen zu sein, das
Ehepaar war ängstlich und stellte verschiedene Fragen darüber, ob große Anforderungen
gestellt würden. Karl sagte, er wisse noch nichts Bestimmtes, er hätte aber wirklich den
Eindruck erhalten, daß jeder ohne Ausnahme genommen würde. Er glaube, man dürfe
getrost sein. Der Personalchef kam ihnen schon entgegen, war sehr zufrieden, daß so
viele kamen, rieb sich die Hände, grüßte jeden einzelnen durch eine kleine Verbeugung
und stellte sie alle in eine Reihe. Karl war der erste, dann kam das Ehepaar und dann erst
die anderen. Als sie sich alle aufgestellt hatten die Burschen drängten sich zuerst
246
durcheinander, und es dauerte ein Weilchen, ehe bei ihnen Ruhe eintrat , sagte der
Personalchef, während die Trompeten verstummten: »Im Namen des Theaters von
Oklahoma begrüße ich Sie. Sie sind früh gekommen« (es war aber schon bald Mittag),
»das Gedränge ist noch nicht groß, die Formalitäten Ihrer Aufnahme werden daher bald
erledigt sein. Sie haben natürlich alle Ihre Legitimationspapiere bei sich.«
Die Burschen holten gleich irgendwelche Papiere aus den Taschen und schwenkten sie
gegen den Personalchef hin, der Ehemann stieß seine Frau an, die unter dem Federbett
des Kinderwagens ein ganzes Bündel Papiere hervorzog. Karl allerdings hatte keine.
Sollte das ein Hindernis für seine Aufnahme werden? Immerhin wußte Karl aus
Erfahrung, daß sich derartige Vorschriften, wenn man nur ein wenig entschlossen ist,
leicht umgehen lassen. Es war nicht unwahrscheinlich. Der Personalchef überblickte die
Reihe, vergewisserte sich, daß alle Papiere hatten, und da auch Karl die Hand, allerdings
die leere Hand erhob, nahm er an, auch bei ihm sei alles in Ordnung.
»Es ist gut«, sagte dann der Personalchef und winkte den Burschen ab, die ihre Papiere
gleich untersucht haben wollten, »die Papiere werden jetzt in den Aufnahmekanzleien
überprüft werden. Wie Sie schon aus unserem Plakat gesehen haben, können wir jeden
brauchen. Wir müssen aber natürlich wissen, welchen Beruf er bisher ausgeübt hat,
damit wir ihn an den richtigen Ort stellen können, wo er seine Kenntnisse verwerten
kann.«
>Es ist ja ein Theater »Wir haben daher«, fuhr der Personalchef fort, »in den Buchmacherbuden
Aufnahmekanzleien eingerichtet, je eine Kanzlei für eine Berufsgruppe. Jeder von ihnen
wird mir also jetzt seinen Beruf angeben, die Familie gehört im allgemeinen zur
Aufnahmekanzlei des Mannes. Ich werde Sie dann zu den Kanzleien führen, wo zuerst
Ihre Papiere und dann Ihre Kenntnisse von Fachmännern überprüft werden sollen, es
wird nur eine ganz kurze Prüfung sein, niemand muß sich fürchten. Dort werden Sie
dann auch gleich aufgenommen werden und die weiteren Weisungen erhalten. Fangen
247
wir also an. Hier, die erste Kanzlei, ist, wie schon die Aufschrift sagt, für Ingenieure
bestimmt. Ist vielleicht ein Ingenieur unter Ihnen?« Karl meldete sich. Er glaubte, gerade
weil er keine Papiere hatte, müsse er bestrebt sein, alle Formalitäten möglichst rasch
durchzujagen, eine kleine Berechtigung, sich zu melden, hatte er auch, denn er hatte ja
Ingenieur werden wollen. Aber als die Burschen sahen, daß Karl sich meldete, wurden
sie neidisch und meldeten sich auch alle; alle meldeten sich. Der Personalchef streckte
sich in die Höhe und sagte zu den Burschen: »Sie sind Ingenieur?« Da senkten sie alle
langsam die Hände, Karl dagegen bestand auf seiner ersten Meldung. Der Personalchef
sah ihn zwar ungläubig an, denn Karl schien ihm zu kläglich angezogen und auch zu
jung, um Ingenieur sein zu können, aber er sagte doch nichts weiter, vielleicht aus
Dankbarkeit, weil Karl ihm, wenigstens seiner Meinung nach, die Bewerber
hereingeführt hatte. Er zeigte bloß einladend nach der Kanzlei, und Karl ging hin,
während sich der Personalchef den anderen zuwandte.
In der Kanzlei für Ingenieure saßen an den zwei Seiten eines rechtwinkeligen Pultes zwei
Herren und verglichen zwei große Verzeichnisse, die vor ihnen lagen. Der eine las vor,
der andere strich in seinem Verzeichnis die vorgelesenen Namen an. Als Karl grüßend
vor sie hintrat, legten sie sofort die Verzeichnisse fort und nahmen andere große Bücher
vor, die sie aufschlugen.
Der eine, offenbar nur ein Schreiber, sagte: »Ich bitte um Ihre Legitimationspapiere.«
»Ich habe sie leider nicht bei mir«, sagte Karl.
»Er hat sie nicht be
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