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Der Verschollene

Subtitle: (Amerika)

Classic, 2008, 261 Pages
Author: Franz Kafka
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Tags: Verschollene
Category: Classic
Year: 2008
Pages: 261
Language: German
Archive No.: V119796
ISBN (E-book): 978-3-640-22974-1
ISBN (Book): 978-3-640-23120-1
File size: 924 KB

Abstract

Der Heizer - Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte. ›So hoch!‹ sagte er sich und wurde, wie er so gar nicht an das Weggehen dachte, von der immer mehr anschwellenden Menge der Gepäckträger, die an ihm vorüberzogen, allmählich bis an das Bordgeländer geschoben. Ein junger Mann, mit dem er während der Fahrt flüchtig bekannt geworden war, sagte im Vorübergehen: »Ja, haben Sie denn noch keine Lust auszusteigen?« »Ich bin doch fertig«, sagte Karl, ihn anlachend, und hob aus Übermut, und weil er ein starker Junge war, seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er über seinen Bekannten hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit den andern entfernte, merkte er bestürzt, daß er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen hatte. Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr beglückt schien, um die Freundlichkeit, bei seinem Koffer einen Augenblick zu warten, überblickte noch die Situation, um sich bei der Rückkehr zurechtzufinden, und eilte davon. Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang, der seinen Weg sehr verkürzt hätte, zum erstenmal versperrt, was wahrscheinlich mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere zusammenhing, und mußte Treppen, die einander immer wieder folgten, durch fortwährend abbiegende Korridore, durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch mühselig suchen, bis er sich tatsächlich, da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in größerer Gesellschaft gegangen war, ganz und gar verirrt hatte. In seiner Ratlosigkeit und da er keinen Menschen traf und nur immerfort über sich das Scharren der tausend Menschenfüße hörte und von der Ferne, wie einen Hauch, das letzte Arbeiten der schon eingestellten Maschinen merkte, fing er, ohne zu überlegen, an eine beliebige kleine Tür zu schlagen an, bei der er in seinem Herumirren stockte.


Fulltext (computer-generated)

Der Verschollene - Franz Kafka

erstmalig erschienen 1927



Der Heizer

Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika

geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm

bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New

York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in

einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie

neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.

>So hoch! immer mehr anschwellenden Menge der Gepäckträger, die an ihm vorüberzogen,

allmählich bis an das Bordgeländer geschoben.

Ein junger Mann, mit dem er während der Fahrt flüchtig bekannt geworden war, sagte

im Vorübergehen: »Ja, haben Sie denn noch keine Lust auszusteigen?«

»Ich bin doch fertig«, sagte Karl, ihn anlachend, und hob aus Übermut, und weil er ein

starker Junge war, seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er über seinen Bekannten

hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit den andern entfernte,

merkte er bestürzt, daß er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen hatte.

Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr beglückt schien, um die Freundlichkeit, bei

seinem Koffer einen Augenblick zu warten, überblickte noch die Situation, um sich bei

der Rückkehr zurechtzufinden, und eilte davon. Unten fand er zu seinem Bedauern

einen Gang, der seinen Weg sehr verkürzt hätte, zum erstenmal versperrt, was

wahrscheinlich mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere zusammenhing, und mußte

Treppen, die einander immer wieder folgten, durch fortwährend abbiegende Korridore,

durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch mühselig suchen, bis er sich

tatsächlich, da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in größerer Gesellschaft

gegangen war, ganz und gar verirrt hatte. In seiner Ratlosigkeit und da er keinen

Menschen traf und nur immerfort über sich das Scharren der tausend Menschenfüße

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hörte und von der Ferne, wie einen Hauch, das letzte Arbeiten der schon eingestellten

Maschinen merkte, fing er, ohne zu überlegen, an eine beliebige kleine Tür zu schlagen

an, bei der er in seinem Herumirren stockte.

»Es ist ja offen«, rief es von innen und Karl öffnete mit ehrlichem Aufatmen die Tür.

»Warum schlagen Sie so verrückt auf die Tür?« fragte ein riesiger Mann, kaum daß er

nach Karl hinsah. Durch irgend eine Oberlichtluke fiel ein trübes, oben im Schiff längst

abgebrauchtes Licht in die klägliche Kabine, in welcher ein Bett, ein Schrank, ein Sessel

und der Mann knapp nebeneinander, wie eingelagert, standen. »Ich habe mich verirrt«,

sagte Karl, »ich habe es während der Fahrt gar nicht so bemerkt, aber es ist ein

schrecklich großes Schiff.« »Ja, da haben Sie recht«, sagte der Mann mit einigem Stolz

und hörte nicht auf, an dem Schloß eines kleinen Koffers zu hantieren, den er mit

beiden Händen immer wieder zudrückte, um das Einschnappen des Riegels zu

behorchen. »Aber kommen Sie doch herein!«, sagte der Mann weiter, »Sie werden doch

nicht draußen stehn!« »Störe ich nicht?« fragte Karl. »Ach, wie werden Sie denn stören!«

»Sind Sie ein Deutscher?« suchte sich Karl noch zu versichern, da er viel von den

Gefahren gehört hatte, welche besonders von Irländern den Neuankömmlingen in

Amerika drohen. »Bin ich, bin ich«, sagte der Mann. Karl zögerte noch. Da faßte

unversehens der Mann die Türklinke und schob mit der Türe, die er rasch schloß, Karl

zu sich herein. »Ich kann es nicht leiden, wenn man mir vom Gang hereinschaut«, sagte

der Mann, der wieder an seinem Koffer arbeitete, »da läuft jeder vorbei und schaut

herein, das soll der Zehnte aushalten!« »Aber der Gang ist doch ganz leer«, sagte Karl,

der unbehaglich an den Bettpfosten gequetscht dastand. »Ja, jetzt«, sagte der Mann. >Es

handelt sich doch um jetztmit dem Mann ist schwer zu reden. sich doch aufs Bett, da haben Sie mehr Platz«, sagte der Mann. Karl kroch, so gut es

ging, hinein und lachte dabei laut über den ersten vergeblichen Versuch, sich

hinüberzuschwingen. Kaum war er aber im Bett, rief er: »Gotteswillen, ich habe ja ganz

meinen Koffer vergessen!« »Wo ist er denn?« »Oben auf dem Deck, ein Bekannter gibt

acht auf ihn. Wie heißt er nur?« Und er zog aus einer Geheimtasche, die ihm seine

Mutter für die Reise im Rockfutter angelegt hatte, eine Visitkarte. »Butterbaum, Franz

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Butterbaum.« »Haben Sie den Koffer sehr nötig?« »Natürlich.« »Ja, warum haben Sie ihn

dann einem fremden Menschen gegeben?« »Ich hatte meinen Regenschirm unten

vergessen und bin gelaufen, um ihn zu holen, wollte aber den Koffer nicht

mitschleppen. Dann habe ich mich auch hier noch verirrt.« »Sie sind allein? Ohne

Begleitung?« »Ja, allein.« >Ich sollte mich vielleicht an diesen Mann halten durch den Kopf, >wo finde ich gleich einen besseren Freund. noch den Koffer verloren. Vom Regenschirm rede ich gar nicht.« Und der Mann setzte

sich auf den Sessel, als habe Karls Sache jetzt einiges Interesse für ihn gewonnen. »Ich

glaube aber, der Koffer ist noch nicht verloren.« »Glauben macht selig«, sagte der Mann

und kratzte sich kräftig in sei nem dunklen, kurzen, dichten Haar, »auf dem Schiff

wechseln mit den Hafenplätzen auch die Sitten. In Hamburg hätte Ihr Butterbaum den

Koffer vielleicht bewacht, hier ist höchstwahrscheinlich von beiden keine Spur mehr.«

»Da muß ich aber doch gleich hinaufschaun«, sagte Karl und sah sich um, wie er

hinauskommen könnte. »Bleiben Sie nur«, sagte der Mann und stieß ihn mit einer Hand

gegen die Brust, geradezu rauh, ins Bett zurück. »Warum denn?« fragte Karl ärgerlich.

»Weil es keinen Sinn hat«, sagte der Mann, »in einem kleinen Weilchen gehe ich auch,

dann gehen wir zusammen. Entweder ist der Koffer gestohlen, dann ist keine Hilfe, oder

der Mann hat ihn stehengelassen, dann werden wir ihn, bis das Schiff ganz entleert ist,

desto besser finden. Ebenso auch Ihren Regenschirm.« »Kennen Sie sich auf dem Schiff

aus?« fragte Karl mißtrauisch, und es schien ihm, als hätte der sonst überzeugende

Gedanke, daß auf dem leeren Schiff seine Sachen am besten zu finden sein würden,

einen verborgenen Haken. »Ich bin doch Schiffsheizer«, sagte der Mann. »Sie sind

Schiffsheizer!« rief Karl freudig, als überstiege das alle Erwartungen, und sah, den

Ellbogen aufgestützt, den Mann näher an. »Gerade vor der Kammer, wo ich mit dem

Slowaken geschlafen habe, war eine Luke angebracht, durch die man in den

Maschinenraum sehen konnte.« »Ja, dort habe ich gearbeitet«, sagte der Heizer. »Ich

habe mich immer so für Technik interessiert«, sagte Karl, der in einem bestimmten

Gedankengang blieb, »und ich wäre sicher später Ingenieur geworden, wenn ich nicht

nach Amerika hätte fahren müssen.« »Warum haben Sie denn fahren müssen?« »Ach

was!« sagte Karl und warf die ganze Geschichte mit der Hand weg. Dabei sah er lächelnd

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den Heizer an, als bitte er ihn selbst für das Nichteingestandene um seine Nachsicht. »Es

wird schon einen Grund haben«, sagte der Heizer, und man wußte nicht recht, ob er

damit die Erzählung dieses Grundes fordern oder abwehren wollte. »Jetzt könnte ich

auch Heizer werden«, sagte Karl, »meinen Eltern ist es jetzt ganz gleichgültig, was ich

werde.«»Meine Stelle wird frei«, sagte der Heizer, gab im Vollbewußtsein dessen die

Hände in die Hosentaschen und warf die Beine, die in faltigen, lederartigen, eisengrauen

Hosen staken, aufs Bett hin, um sie zu strecken. Karl mußte mehr an die Wand rücken.

»Sie verlassen das Schiff?« »Jawohl, wir marschieren heute ab.« »Warum denn? Gefällt es

Ihnen nicht?« »Ja, das sind die Verhältnisse, es entscheidet nicht immer, ob es einem

gefällt oder nicht. Übrigens haben Sie recht, es gefällt mir auch nicht. Sie denken

wahrscheinlich nicht ernstlich daran, Heizer zu werden, aber gerade dann kann man es

am leichtesten werden. Ich also rate Ihnen entschieden ab. Wenn Sie in Europa

studieren wollten, warum wollen Sie es denn hier nicht? Die amerikanischen

Universitäten sind ja unvergleichlich besser als die europäischen.« »Es ist ja möglich«,

sagte Karl, »aber ich habe ja fast kein Geld zum Studieren. Ich habe zwar von irgend

jemandem gelesen, der bei Tag in einem Geschäft gearbeitet und in der Nacht studiert

hat, bis er Doktor und ich glaube Bürgermeister wurde, aber dazu gehört doch eine

große Ausdauer, nicht? Ich fürchte, die fehlt mir. Außerdem war ich kein besonders

guter Schüler, der Abschied von der Schule ist mir wirklich nicht schwer geworden. Und

die Schulen hier sind vielleicht noch strenger. Englisch kann ich fast gar nicht.

Überhaupt ist man hier gegen Fremde so eingenommen, glaube ich.« »Haben Sie das

auch schon erfahren? Na, dann ist′s gut. Dann sind Sie mein Mann. Sehen Sie, wir sind

doch auf einem deutschen Schiff, es gehört der Hamburg-Amerika-Linie, warum sind

wir nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der Obermaschinist ein Rumäne? Er heißt

Schubal. Das ist doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet uns Deutsche

auf einem deutschen Schiff! Glauben Sie nicht« ­ ihm ging die Luft aus, er fackelte mit

der Hand, »daß ich klage, um zu klagen. Ich weiß, daß Sie keinen Einfluß haben und

selbst ein armes Bürschchen sind. Aber es ist zu arg!« Und er schlug auf den Tisch

mehrmals mit der Faust und ließ kein Auge von ihr, während er schlug. »Ich habe doch

schon auf so vielen Schiffen gedient« ­ und er nannte zwanzig Namen hintereinander,

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als sei es ein Wort, Karl wurde ganz wirr ­ »und habe mich ausgezeichnet, bin belobt

worden, war ein Arbeiter nach dem Geschmack meiner Kapitäne, sogar auf dem

gleichen Handelssegler war ich einige Jahre« ­ er erhob sich, als sei das der Höchstpunkt

seines Lebens ­ »und hier auf diesem Kasten, wo alles nach der Schnur eingerichtet ist,

wo kein Witz gefordert wird, hier taug ich nichts, hier stehe ich dem Schubal immer im

Wege, bin ein Faulpelz, verdiene hinausgeworfen zu werden und bekomme meinen

Lohn aus Gnade. Verstehen Sie das? Ich nicht.« »Das dürfen Sie sich nicht gefallen

lassen«, sagte Karl aufgeregt. Er hatte fast das Gefühl davon verloren, daß er auf dem

unsicheren Boden eines Schiffes, an der Küste eines unbekannten Erdteils war, so

heimisch war ihm hier auf dem Bett des Heizers zumute. »Waren Sie schon beim

Kapitän? Haben Sie schon bei ihm Ihr Recht gesucht?« »Ach gehen Sie, gehen Sie lieber

weg. Ich will Sie nicht hier haben. Sie hören nicht zu, was ich sage, und geben mir

Ratschläge. Wie soll ich denn zum Kapitän gehen!« Und müde setzte sich der Heizer

wieder und legte das Gesicht in beide Hände.

>Einen besseren Rat kann ich ihm nicht geben daß er lieber seinen Koffer hätte holen sollen, statt hier Ratschläge zu geben, die doch

nur für dumm gehalten wurden. Als ihm der Vater den Koffer für immer übergeben

hatte, hatte er im Scherz gefragt: »Wie lange wirst du ihn haben?« und jetzt war dieser

treue Koffer vielleicht schon im Ernst verloren. Der einzige Trost war noch, daß der

Vater von seiner jetzigen Lage kaum erfahren konnte, selbst wenn er nachforschen

sollte. Nur daß er bis New York mitgekommen war, konnte die Schiffsgesellschaft

gerade noch sagen. Leid tat es aber Karl, daß er die Sachen im Koffer noch kaum

verwendet hatte, trotzdem er es beispielsweise längst nötig gehabt hätte, das Hemd zu

wechseln. Da hatte er also am unrichtigen Ort gespart; jetzt, wo er es gerade am Beginn

seiner Laufbahn nötig haben würde, rein gekleidet aufzutreten, würde er im schmutzigen

Hemd erscheinen müssen. Sonst wäre der Verlust des Koffers nicht gar so arg gewesen,

denn der Anzug, den er anhatte, war sogar besser als jener im Koffer, der eigentlich nur

ein Notanzug war, den die Mutter noch knapp vor der Abreise hatte flicken müssen.

Jetzt erinnerte er sich auch, daß im Koffer noch ein Stück Veroneser Salami war, die ihm

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die Mutter als Extragabe eingepackt hatte, von der er jedoch nur den kleinsten Teil hatte

aufessen können, da er während der Fahrt ganz ohne Appetit gewesen war und die

Suppe, die im Zwischendeck zur Verteilung kam, ihm reichlich genügt hatte. Jetzt hätte

er aber die Wurst gern bei der Hand gehabt, um sie dem Heizer zu verehren. Denn

solche Leute sind leicht gewonnen, wenn man ihnen irgendeine Kleinigkeit zusteckt, das

wußte Karl von seinem Vater her, welcher durch Zigarrenverteilung alle die niedrigeren

Angestellten gewann, mit denen er geschäftlich zu tun hatte. Jetzt besaß Karl an

Verschenkbarem nur noch sein Geld, und das wollte er, wenn er schon vielleicht den

Koffer verloren haben sollte, vorläufig nicht anrühren. Wieder kehrten seine Gedanken

zum Koffer zurück, und er konnte jetzt wirklich nicht einsehen, warum er den Koffer

während der Fahrt so aufmerksam bewacht hatte, daß ihm die Wache fast den Schlaf

gekostet hatte, wenn er jetzt diesen gleichen Koffer so leicht sich hatte wegnehmen

lassen. Er erinnerte sich an die fünf Nächte, während derer er einen kleinen Slowaken,

der zwei Schlafstellen links von ihm gelegen war, unausgesetzt im Verdacht gehabt hatte,

daß er es auf seinen Koffer abgesehen habe. Dieser Slowake hatte nur darauf gelauert,

daß Karl endlich, von Schwäche befallen, für einen Augenblick einnickte, damit er den

Koffer mit einer langen Stange, mit der er immer während des Tages spielte oder übte,

zu sich hinüberziehen könne. Bei Tage sah dieser Slowake unschuldig genug aus, aber

kaum war die Nacht gekommen, erhob er sich von Zeit zu Zeit von seinem Lager und

sah traurig zu Karls Koffer hinüber. Karl konnte dies ganz deutlich erkennen, denn

immer hatte hie und da jemand mit der Unruhe des Auswanderers ein Lichtchen

angezündet, trotzdem dies nach der Schiffsordnung verboten war, und versuchte,

unverständliche Prospekte der Auswanderungsagenturen zu entziffern. War ein solches

Licht in der Nähe, dann konnte Karl ein wenig eindämmern, war es aber in der Ferne

oder war dunkel, dann mußte er die Augen offenhalten. Diese Anstrengung hatte ihn

recht erschöpft, und nun war sie vielleicht ganz nutzlos gewesen. Dieser Butterbaum,

wenn er ihn einmal irgendwo treffen sollte!

In diesem Augenblick ertönten draußen in weiter Ferne in die bisherige vollkommene

Ruhe hinein kleine kurze Schläge, wie von Kinderfüßen, sie kamen näher mit

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verstärktem Klang, und nun war es ein ruhiger Marsch von Männern. Sie gingen

offenbar, wie es in dem schmalen Gang natürlich war, in einer Reihe, man hörte Klirren

wie von Waffen. Karl, der schon nahe daran gewesen war, sich im Bett zu einem von

allen Sorgen um Koffer und Slowaken befreiten Schlafe auszustrecken, schreckte auf

und stieß den Heizer an, um ihn endlich aufmerksam zu machen, denn der Zug schien

mit seiner Spitze die Tür gerade erreicht zu haben. »Das ist die Schiffskapelle«, sagte der

Heizer, »die haben oben gespielt und gehen jetzt einpacken. Jetzt ist alles fertig und wir

können gehen. Kommen Sie!« Er faßte Karl bei der Hand, nahm noch im letzten

Augenblick ein eingerahmtes Muttergottesbild von der Wand über dem Bett, stopfte es

in seine Brusttasche, ergriff seinen Koffer und verließ mit Karl eilig die Kabine.

»Jetzt gehe ich ins Büro und werde den Herren meine Meinung sagen. Es ist kein

Passagier mehr da, man muß keine Rücksicht nehmen.« Dieses wiederholte der Heizer

verschiedenartig und wollte im Gehen mit Seitwärtsstoßen des Fußes eine den Weg

kreuzende Ratte niedertreten, stieß sie aber bloß schneller in das Loch hinein, daß sie

noch rechtzeitig erreicht hatte. Er war überhaupt langsam in seinen Bewegungen, denn

wenn er auch lange Beine hatte, so waren sie doch zu schwer.

Sie kamen durch eine Abteilung der Küche, wo einige Mädchen in schmutzigen

Schürzen ­ sie begossen sie absichtlich ­ Geschirr in großen Bottichen reinigten. Der

Heizer rief eine gewisse Line zu sich, legte den Arm um ihre Hüfte und führte sie, die

sich immerzu kokett gegen seinen Arm drückte, ein Stückchen mit. »Es gibt jetzt

Auszahlung, willst du mitkommen?« fragte er. »Warum soll ich mich bemühn, bring mir

das Geld lieber her«, antwortete sie, schlüpfte unter seinem Arm durch und lief davon.

»Wo hast du denn den schönen Knaben aufgegabelt?« rief sie noch, wollte aber keine

Antwort mehr. Man hörte das Lachen aller Mädchen, die ihre Arbeit unterbrochen

hatten.

Sie aber gingen weiter und kamen an eine Tür, die oben einen kleinen Vorgiebel hatte,

der von kleinen, vergoldeten Karyatiden getragen war. Für eine Schiffseinrichtung sah

das recht verschwenderisch aus. Karl war, wie er merkte, niemals in diese Gegend

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gekommen, die wahrscheinlich während der Fahrt den Passagieren der ersten und

zweiten Klasse vorbehalten gewesen war, während man jetzt vor der großen

Schiffsreinigung die Trennungstüren ausgehoben hatte. Sie waren auch tatsächlich schon

einigen Männern begegnet, die Besen an der Schulter trugen und den Heizer gegrüßt

hatten. Karl staunte über den großen Betrieb, in seinem Zwischendeck hatte er davon

freilich wenig erfahren. Längs der Gänge zogen sich auch Drähte elektrischer Leitungen,

und eine kleine Glocke hörte man immerfort.

Der Heizer klopfte respektvoll an der Türe an und forderte, als man »Herein!« rief, Karl

mit einer Handbewegung auf, ohne Furcht einzutreten. Dieser trat auch ein, aber blieb

an der Tür stehen. Vor den drei Fenstern des Zimmers sah er die Wellen des Meeres,

und bei Betrachtung ihrer fröhlichen Bewegung schlug ihm das Herz, als hätte er nicht

fünf lange Tage das Meer ununterbrochen gesehen. Große Schiffe kreuzten gegenseitig

ihre Wege und gaben dem Wellenschlag nur so weit nach, als es ihre Schwere erlaubte.

Wenn man die Augen klein machte, schienen diese Schiffe vor lauter Schwere zu

schwanken. Auf ihren Masten trugen sie schmale, aber lange Flaggen, die zwar durch die

Fahrt gestrafft wurden, trotzdem aber noch hin und her zappelten. Wahrscheinlich von

Kriegsschiffen her erklangen Salutschüsse, die Kanonenrohre eines solchen nicht

allzuweit vorüberfahrenden Schiffes, strahlend mit dem Reflex ihres Stahlmantels, waren

wie gehätschelt von der sicheren, glatten und doch nicht waagerechten Fahrt. Die

kleinen Schiffchen und Boote konnte man, wenigstens von der Tür aus, nur in der Ferne

beobachten, wie sie in Mengen in die Öffnungen zwischen den großen Schiffen

einliefen. Hinter alledem aber stand New York und sah Karl mit hunderttausend

Fenstern seiner Wolkenkratzer an. Ja, in diesem Zimmer wußte man, wo man war.

An einem runden Tisch saßen drei Herren, der eine ein Schiffsoffizier in blauer

Schiffsuniform, die zwei anderen, Beamte der Hafenbehörde, in schwarzen

amerikanischen Uniformen. Auf dem Tisch lagen, hochaufgeschichtet, verschiedene

Dokumente welche der Offizier zuerst mit der Feder in der Hand überflog, um sie dann

den beiden anderen zu reichen, die bald lasen, bald exzerpierten, bald in ihre

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Aktentaschen einlegten, wenn nicht gerade der eine, der fast ununterbrochen ein kleines

Geräusch mit den Zähnen vollführte, seinem Kollegen etwas in ein Protokoll diktierte.

Am Fenster saß an einem Schreibtisch, den Rücken der Türe zugewendet, ein kleinerer

Herr, der mit großen Folianten hantierte, die auf einem starken Bücherbrett in

Kopfhöhe vor ihm aneinandergereiht waren. Neben ihm stand eine offene, wenigstens

auf den ersten Blick leere Kassa.

Das zweite Fenster war leer und gab den besten Ausblick. In der Nähe des dritten aber

standen zwei Herren in halblautem Gespräch. Der eine lehnte neben dem Fenster, trug

auch die Schiffsuniform und spielte mit dem Griff des Degens. Derjenige, mit dem er

sprach, war dem Fenster zugewendet und enthüllte hie und da durch eine Bewegung

einen Teil der Ordensreihe auf der Brust des andern. Er war in Zivil und hatte ein

dünnes Bambusstöckchen, das, da er beide Hände an den Hüften festhielt, auch wie ein

Degen abstand.

Karl hatte nicht viel Zeit, alles anzusehen, denn bald trat ein Diener auf sie zu und fragte

den Heizer mit einem Blick, als gehöre er nicht hierher, was er denn wolle. Der Heizer

antwortete, so leise als er gefragt wurde, er wolle mit dem Herrn Oberkassier reden. Der

Diener lehnte für seinen Teil mit einer Handbewegung diese Bitte ab, ging aber dennoch

auf den Fußspitzen, dem runden Tisch in großem Bogen ausweichend, zu dem Herrn

mit den Folianten. Dieser Herr ­ das sah man deutlich ­ erstarrte geradezu unter den

Worten des Dieners, kehrte sich aber endlich nach dem Manne um, der ihn zu sprechen

wünschte, und fuchtelte dann, streng abwehrend, gegen den Heizer und der Sicherheit

halber auch gegen den Diener hin. Der Diener kehrte darauf zum Heizer zurück und

sagte in einem Tone, als vertraue er ihm etwas an: »Scheren Sie sich sofort aus dem

Zimmer!«

Der Heizer sah nach dieser Antwort zu Karl hinunter, als sei dieser sein Herz, dem er

stumm seinen Jammer klage. Ohne weitere Besinnung machte sich Karl los, lief quer

durchs Zimmer, daß er sogar leicht an den Sessel des Offiziers streifte, der Diener lief

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gebeugt mit zum Umfangen bereiten Armen, als jage er ein Ungeziefer, aber Karl war

der erste beim Tisch des Oberkassiers, wo er sich festhielt, für den Fall, daß der Diener

versuchen sollte, ihn fortzuziehen.

Natürlich wurde gleich das Zimmer lebendig. Der Schiffsoffizier am Tisch war

aufgesprungen, die Herren von der Hafenbehörde sahen ruhig, aber aufmerksam zu, die

beiden Herren am Fenster waren nebeneinander getreten, der Diener, welcher glaubte,

er sei dort, wo schon die hohen Herren Interesse zeigten, nicht mehr am Platze, trat

zurück. Der Heizer an der Türe wartete angespannt auf den Augenblick, bis seine Hilfe

nötig würde. Der Oberkassier endlich machte in seinem Lehnsessel eine große

Rechtswendung.

Karl kramte aus seiner Geheimtasche, die er den Blicken dieser Leute zu zeigen keine

Bedenken hatte, seinen Reisepaß hervor, den er statt weiterer Vorstellung geöffnet auf

den Tisch legte. Der Oberkassier schien diesen Paß für nebensächlich zu halten, denn er

schnippte ihn mit zwei Fingern beiseite, worauf Karl, als sei diese Formalität zur

Zufriedenheit erledigt, den Paß wieder einsteckte.

»Ich erlaube mir zu sagen«, begann er dann, »daß meiner Meinung nach dem Herrn

Heizer Unrecht geschehen ist. Es ist hier ein gewisser Schubal, der ihm aufsitzt. Er selbst

hat schon auf vielen Schiffen, die er Ihnen alle nennen kann, zur vollständigen

Zufriedenheit gedient, ist fleißig, meint es mit seiner Arbeit gut, und es ist wirklich nicht

einzusehen, warum er gerade auf diesem Schiff, wo doch der Dienst nicht so übermäßig

schwer ist, wie zum Beispiel auf Handelsseglern, schlecht entsprechen sollte. Es kann

daher nur Verleumdung sein, die ihn in seinem Vorwärtskommen hindert und ihn um

die Anerkennung bringt, die ihm sonst ganz bestimmt nicht fehlen würde. Ich habe nur

das Allgemeine über diese Sache gesagt, seine besonderen Beschwerden wird er Ihnen

selbst vorbringen.« Karl hatte sich mit dieser Rede an alle Herren gewendet, weil ja

tatsächlich auch alle zuhörten und es viel wahrscheinlicher schien, daß sich unter allen

zusammen ein Gerechter vorfand, als daß dieser Gerechte gerade der Oberkassier sein

sollte. Aus Schlauheit hatte außerdem Karl verschwiegen, daß er den Heizer erst so

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kurze Zeit kannte. Im übrigen hätte er noch viel besser gesprochen, wenn er nicht durch

das rote Gesicht des Herrn mit dem Bambusstöckchen beirrt worden wäre, das er von

seinem jetzigen Standort zum erstenmal sah.

»Es ist alles Wort für Wort richtig«, sagte der Heizer, ehe ihn noch jemand gefragt, ja ehe

man noch überhaupt auf ihn hingesehen hatte. Diese Übereiltheit des Heizers wäre ein

großer Fehler gewesen, wenn nicht der Herr mit den Orden, der, wie es jetzt Karl

aufleuchtete, jedenfalls der Kapitän war, offenbar mit sich bereits übereingekommen

wäre, den Heizer anzuhören. Er streckte nämlich die Hand aus und rief dem Heizer zu:

»Kommen Sie her!« mit einer Stimme, fest, um mit einem Hammer darauf zu schlagen.

Jetzt hing alles vom Benehmen des Heizers ab, denn was die Gerechtigkeit seiner Sache

anlangte, an der zweifelte Karl nicht.

Glücklicherweise zeigte sich bei dieser Gelegenheit, daß der Heizer schon viel in der

Welt herumgekommen war. Musterhaft ruhig nahm er aus seinem Köfferchen mit dem

ersten Griff ein Bündelchen Papiere sowie ein Notizbuch, ging damit, als verstünde sich

das von selbst, unter vollständiger Vernachlässigung des Oberkassiers, zum Kapitän und

breitete auf dem Fensterbrett seine Beweismittel aus. Dem Oberkassier blieb nichts

übrig, als sich selbst hinzubemühn. »Der Mann ist ein bekannter Querulant«, sagte er zur

Erklärung, »er ist mehr in der Kassa als im Maschinenraum. Er hat Schubal, diesen

ruhigen Menschen, ganz zur Verzweiflung gebracht. Hören Sie einmal!« wandte er sich

an den Heizer, »Sie treiben Ihre Zudringlichkeit doch schon wirklich zu weit. Wie oft hat

man Sie schon aus den Auszahlungsräumen hinausgeworfen, wie Sie es mit Ihren ganz

vollständig und ausnahmslos unberechtigten Forderungen verdienen! Wie oft sind Sie

von dort in die Hauptkassa gelaufen gekommen! Wie oft hat man Ihnen im guten gesagt,

daß Schubal Ihr unmittelbarer Vorgesetzter ist, mit dem allein Sie sich als ein

Untergebener abzufinden haben! Und jetzt kommen Sie gar noch her, wenn der Herr

Kapitän da ist, schämen sich nicht, sogar ihn zu belästigen, sondern entblöden sich nicht

einmal, als eingelernten Stimmführer Ihrer abgeschmackten Beschuldigungen diesen

Kleinen mitzubringen, den ich überhaupt zum erstenmal auf dem Schiffe sehe!«

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Karl hielt sich mit Gewalt zurück, vorzuspringen. Aber schon war auch der Kapitän da,

welcher sagte: »Hören wir den Mann doch einmal an. Der Schubal wird mir sowieso mit

der Zeit viel zu selbständig, womit ich aber nichts zu Ihren Gunsten gesagt haben will.«

Das letztere galt dem Heizer, es war nur natürlich, daß er sich nicht sofort für ihn

einsetzen konnte, aber alles schien auf dem richtigen Wege. Der Heizer begann seine

Erklärungen und überwand sich gleich am Anfang, indem er Schubal mit »Herr«

titulierte. Wie freute sich Karl am verlassenen Schreibtisch des Oberkassiers, wo er eine

Briefwaage immer wieder niederdrückte vor lauter Vergnügen. ­ Herr Schubal ist

ungerecht! Herr Schubal bevorzugt die Ausländer! Herr Schubal verwies den Heizer aus

dem Maschinenraum und ließ ihn Klosette reinigen, was doch gewiß nicht des Heizers

Sache war! ­ Einmal wurde sogar die Tüchtigkeit des Herrn Schubal angezweifelt, die

eher scheinbar als wirklich vorhanden sein sollte. Bei dieser Stelle starrte Karl mit aller

Kraft den Kapitän an, zutunlich, als sei er sein Kollege, nur damit er sich durch die etwas

ungeschickte Ausdrucksweise des Heizers nicht zu dessen Ungunsten beeinflussen lasse.

Immerhin erfuhr man aus den vielen Reden nichts Eigentliches, und wenn auch der

Kapitän noch immer vor sich hinsah, in den Augen die Entschlossenheit, den Heizer

diesmal bis zu Ende anzuhören, so wurden doch die anderen Herren ungeduldig, und

die Stimme des Heizers regierte bald nicht mehr unumschränkt in dem Raume, was

manches befürchten ließ. Als erster setzte der Herr in Zivil sein Bambusstöckchen in

Tätigkeit und klopfte, wenn auch nur leise, auf das Parkett. Die anderen Herren sahen

natürlich hie und da hin, die Herren von der Hafenbehörde, die offenbar pressiert

waren, griffen wieder zu den Akten und begannen, wenn auch noch etwas

geistesabwesend, sie durchzusehen, der Schiffsoffizier rückte seinen Tisch wieder näher,

und der Oberkassier, der gewonnenes Spiel zu haben glaubte, seufzte aus Ironie tief auf.

Von der allgemein eintretenden Zerstreuung schien nur der Diener bewahrt, der von

den Leiden des unter die Großen gestellten armen Mannes einen Teil mitfühlte und Karl

ernst zunickte, als wolle er damit etwas erklären.

Inzwischen ging vor den Fenstern das Hafenleben weiter, ein flaches Lastschiff mit

einem Berg von Fässern, die wunderbar verstaut sein mußten, daß sie nicht ins Rollen

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kamen, zog vorüber und erzeugte in dem Zimmer fast Dunkelheit; kleine Motorboote,

die Karl jetzt, wenn er Zeit gehabt hätte, genau hätte ansehen können, rauschten nach

den Zuckungen der Hände eines am Steuer aufrecht stehenden Mannes schnurgerade

dahin! Eigentümliche Schwimmkörper tauchten hie und da selbständig aus dem

ruhelosen Wasser, wurden gleich wieder überschwemmt und versanken vor dem

erstaunten Blick; Boote der Ozeandampfer wurden von heiß arbeitenden Matrosen

vorwärtsgerudert und waren voll von Passagieren, die darin, so wie man sie

hineingezwängt hatte, still und erwartungsvoll saßen, wenn es auch manche nicht

unterlassen konnten, die Köpfe nach den wechselnden Szenerien zu drehen. Eine

Bewegung ohne Ende, eine Unruhe, übertragen von dem unruhigen Element auf die

hilflosen Menschen und ihre Werke!

Aber alles mahnte zur Eile, zur Deutlichkeit, zu ganz genauer Darstellung; aber was tat

der Heizer? Er redete sich allerdings in Schweiß, die Papiere auf dem Fenster konnte er

längst mit seinen zitternden Händen nicht mehr halten; aus allen Himmelsrichtungen

strömten ihm Klagen über Schubal zu, von denen seiner Meinung nach jede einzelne

genügt diesen Schubal vollständig zu begraben, aber was er dem Kapitän vorzeigen

konnte, war nur ein trauriges Durcheinanderstrudeln aller insgesamt. Längst schon pfiff

der Herr mit dem Bambusstöckchen schwach zur Decke hinauf, die Herren von der

Hafenbehörde hielten schon den Offizier an ihrem Tisch und machten keine Miene, ihn

je wieder loszulassen, der Oberkassier wurde sichtlich nur durch die Ruhe des Kapitäns

vor dem Dreinfahren zurückgehalten, der Diener erwartete in Habachtstellung jeden

Augenblick einen auf den Heizer bezüglichen Befehl seines Kapitäns.

Da konnte Karl nicht mehr untätig bleiben. Er ging also langsam zu der Gruppe hin und

überlegte im Gehen nur desto schneller, wie er die Sache möglichst geschickt angreifen

könnte. Es war wirklich höchste Zeit, noch ein kleines Weilchen nur, und sie konnten

ganz gut beide aus dem Büro fliegen. Der Kapitän mochte ja ein guter Mann sein und

überdies gerade jetzt, wie es Karl schien, irgendeinen besonderen Grund haben, sich als

gerechter Vorgesetzter zu zeigen, aber schließlich war er kein Instrument, das man in

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Grund und Boden spielen konnte ­ und gerade so behandelte ihn der Heizer, allerdings

aus seinem grenzenlos empörten Innern heraus.

Karl sagte also zum Heizer: »Sie müssen das einfacher erzählen, klarer, der Herr Kapitän

kann es nicht würdigen, so wie Sie es ihm erzählen. Kennt er denn alle Maschinisten

Laufburschen beim Namen oder gar beim Taufnamen, daß er, wenn Sie nur einen

solchen Namen aussprechen, gleich wissen kann, um wen es sich handelt? Ordnen Sie

doch Ihre Beschwerden, sagen Sie die wichtigste zuerst und absteigend die anderen,

vielleicht wird es dann überhaupt nicht mehr nötig sein, die meisten auch nur zu

erwähnen. Mir haben Sie es doch immer so klar dargestellt!« >Wenn man in Amerika

Koffer stehlen kann, kann man auch hie und da lügen Wenn es aber nur geholfen hätte! Ob es nicht auch schon zu spät war? Der Heizer

unterbrach sich zwar sofort, als er die bekannte Stimme hörte, aber mit seinen Augen,

die ganz von Tränen der beleidigten Mannesehre, der schrecklichen Erinnerungen, der

äußersten gegenwärtigen Not verdeckt waren, konnte er Karl schon nicht einmal mehr

gut erkennen. Wie sollte er auch jetzt ­ Karl sah das schweigend vor dem jetzt

Schweigenden wohl ein ­, wie sollte er auch jetzt plötzlich seine Redeweise ändern, da es

ihm doch schien, als hätte er alles was zu sagen war, ohne die geringste Anerkennung

schon vorgebracht und als habe er andererseits noch gar nichts gesagt und könne doch

den Herren jetzt nicht zumuten, noch alles anzuhören. Und in einem solchen Zeitpunkt

kommt noch Karl, sein einziger Anhänger, daher, will ihm gute Lehren geben, zeigt ihm

aber statt dessen, daß alles, alles verloren ist.

>Wäre ich früher gekommen, statt aus dem Fenster zu schauen vor dem Heizer das Gesicht und schlug die Hände an die Hosennaht, zum Zeichen des

Endes jeder Hoffnung.

Aber der Heizer mißverstand das, witterte wohl in Karl irgendwelche geheimen

Vorwürfe gegen sich, und in der guten Absicht, sie ihm auszureden, fing er zur Krönung

seiner Taten mit Karl jetzt zu streiten an. Jetzt, wo doch die Herren am runden Tisch

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längst empört über den nutzlosen Lärm waren, der ihre wichtigen Arbeiten störte, wo

der Hauptkassier allmählich die Geduld des Kapitäns unverständlich fand und zum

sofortigen Ausbruch neigte, wo der Diener, ganz wieder in der Sphäre seiner Herren,

den Heizer mit wildem Blicke maß, und wo endlich der Herr mit dem

Bambusstöckchen, zu welchem sogar der Kapitän hie und da freundlich hinübersah,

schon gänzlich abgestumpft gegen den Heizer, ja von ihm angewidert, ein kleines

Notizbuch hervorzog und, offenbar mit ganz anderen Angelegenheiten beschäftigt, die

Augen zwischen dem Notizbuch und Karl hin und her wandern ließ.

»Ich weiß ja«, sagte Karl, der Mühe hatte, den jetzt gegen ihn gekehrten Schwall des

Heizers abzuwehren, trotzdem aber quer durch al en Streit noch ein Freundeslächeln für

ihn übrig hatte, »Sie haben recht, recht, ich habe ja nie daran gezweifelt.« Er hätte ihm

gern aus Furcht vor Schlägen die herumfahrenden Hände gehalten, noch lieber

allerdings ihn in einen Winkel gedrängt, um ihm ein paar leise, beruhigende Worte

zuzuflüstern, die niemand sonst hätte hören müssen. Aber der Heizer war außer Rand

und Band. Karl begann jetzt schon sogar aus dem Gedanken eine Art Trost zu

schöpfen, daß der Heizer im Notfall mit der Kraft seiner Verzweiflung alle anwesenden

sieben Männer bezwingen könne. Allerdings lag auf dem Schreibtisch, wie ein Blick

dorthin lehrte, ein Aufsatz mit viel zu vielen Druckknöpfen der elektrischen Leitung;

und eine Hand, einfach auf sie niedergedrückt, konnte das ganze Schiff mit allen seinen

von feindlichen Menschen gefüllten Gängen rebel isch machen.

Da trat der doch so uninteressierte Herr mit dem Bambusstöckchen auf Karl zu und

fragte, nicht überlaut, aber deutlich über allem Geschrei des Heizers: »Wie heißen Sie

denn eigentlich?« In diesem Augenblick, als hätte jemand hinter der Tür auf diese

Äußerung des Herrn gewartet, klopfte es. Der Diener sah zum Kapitän hinüber, dieser

nickte. Daher ging der Diener zur Tür und öffnete sie. Draußen stand in einem alten

Kaiserrock ein Mann von mittleren Proportionen, seinem Ansehen nach nicht eigentlich

zur Arbeit an den Maschinen geeignet, und war doch ­ Schubal. Wenn es Karl nicht an

aller Augen erkannt hätte, die eine gewisse Befriedigung ausdrückten, von der nicht

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einmal der Kapitän frei war, er hätte es zu seinem Schrecken am Heizer sehen müssen,

der die Fäuste an den gestrafften Armen so ballte, als sei diese Ballung das Wichtigste an

ihm, dem er alles, was er an Leben habe, zu opfern bereit sei. Da steckte jetzt alle seine

Kraft, auch die, welche ihn überhaupt aufrecht erhielt.

Und da war also der Feind, frei und frisch im Festanzug, unter dem Arm ein

Geschäftsbuch, wahrscheinlich die Lohnlisten und Arbeitsausweise des Heizers, und sah

mit dem ungescheuten Zugeständnis, daß er die Stimmung jedes einzelnen vor allem

feststellen wolle, in aller Augen der Reihe nach. Die sieben waren auch schon alle seine

Freunde, denn wenn auch der Kapitän früher gewisse Einwände gegen ihn gehabt oder

vielleicht nur vorgeschützt hatte, nach dem Leid, das ihm der Heizer angetan hatte,

schien ihm wahrscheinlich an Schubal auch das Geringste nicht mehr auszusetzen.

Gegen einen Mann wie den Heizer konnte man nicht streng genug verfahren, und wenn

dem Schubal etwas vorzuwerfen war, so war es der Umstand, daß er die

Widerspenstigkeit des Heizers im Laufe der Zeit nicht so weit hatte brechen können,

daß es dieser heute noch gewagt hatte, vor dem Kapitän zu erscheinen.

Nun konnte man ja vielleicht noch annehmen, die Gegenüberstellung des Heizers und

Schubals werde die ihr vor einem höheren Forum zukommende Wirkung auch vor den

Menschen nicht verfehlen, denn wenn sich auch Schubal gut verstellen konnte, er mußte

es doch durchaus nicht bis zum Ende aushalten können. Ein kurzes Aufblitzen seiner

Schlechtigkeit sollte genügen, um sie den Herren sichtbar zu machen, dafür wollte Karl

schon sorgen. Er kannte doch schon beiläufig den Scharfsinn, die Schwächen, die

Launen der einzelnen Herren, und unter diesem Gesichtspunkt war die bisher hier

verbrachte Zeit nicht verloren. Wenn nur der Heizer besser auf dem Platz gewesen wäre,

aber der schien vollständig kampfunfähig. Wenn man ihm den Schubal hingehalten

hätte, hätte er wohl dessen gehaßten Schädel mit den Fäusten aufklopfen können. Aber

schon die paar Schritte zu ihm hinzugehen, war er wohl kaum imstande. Warum hatte

denn Karl das so leicht Vorauszusehende nicht vorausgesehen, daß Schubal endlich

kommen müsse, wenn nicht aus eigenem Antrieb, so vom Kapitän gerufen. Warum

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hatte er auf dem Herweg mit dem Heizer nicht einen genauen Kriegsplan besprochen,

statt, wie sie es in Wirklichkeit getan hatten, heillos unvorbereitet einfach dort

einzutreten, wo eine Tür war? Konnte der Heizer überhaupt noch reden, ja und nein

sagen, wie es bei dem Kreuzverhör, das allerdings nur im günstigsten Fall bevorstand,

nötig sein würde? Er stand da, die Beine auseinandergestellt, die Knie unsicher, den

Kopf etwas gehoben, und die Luft verkehrte durch den offenen Mund, als gäbe es innen

keine Lungen mehr die sie verarbeiteten. Karl allerdings fühlte sich so kräftig und bei

Verstand, wie er es vielleicht zu Hause niemals gewesen war. Wenn ihn doch seine

Eltern sehen könnten, wie er in fremdem Land vor angesehenen Persönlichkeiten das

Gute verfocht und, wenn er es auch noch nicht zum Siege gebracht hatte, so doch zur

letzten Eroberung sich vollkommen bereitstellte! Würden sie ihre Meinung über ihn

revidieren? Ihn zwischen sich niedersetzen und loben? Ihm einmal, einmal in die ihnen

so ergebenen Augen sehn? Unsichere Fragen und ungeeignetster Augenblick, sie zu

stellen!

»Ich komme, weil ich glaube, daß mich der Heizer irgendwelcher Unredlichkeiten

beschuldigt. Ein Mädchen aus der Küche sagte mir, sie hätte ihn auf dem Wege hierher

gesehen. Herr Kapitän und Sie alle meine Herren, ich bin bereit, jede Beschuldigung an

der Hand meiner Schriften, nötigenfalls durch Aussagen unvoreingenommener und

unbeeinflußter Zeugen, die vor der Türe stehen, zu widerlegen.« So sprach Schubal. Das

war allerdings die klare Rede eines Mannes, und nach der Veränderung in den Mienen

der Zuhörer hätte man glauben können, sie hörten zum erstenmal nach langer Zeit

wieder menschliche Laute. Sie bemerkten freilich nicht, daß selbst diese schöne Rede

Löcher hatte. Warum war das erste sachliche Wort, das ihm einfiel, »Unredlichkeiten«?

Hätte vielleicht die Beschuldigung hier einsetzen müssen, statt bei seinen nationalen

Voreingenommenheiten? Ein Mädchen aus der Küche hatte den Heizer auf dem Weg

ins Büro gesehen, und Schubal hatte sofort begriffen? War es nicht das

Schuldbewußtsein, das ihm den Verstand schärfte? Und Zeugen hatte er gleich

mitgebracht und nannte sie noch außerdem unvoreingenommen und unbeeinflußt?

Gaunerei, nichts als Gaunerei! Und die Herren duldeten das und anerkannten es noch

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als richtiges Benehmen? Warum hatte er zweifellos sehr viel Zeit zwischen der Meldung

des Küchenmädchens und seiner Ankunft hier verstreichen lassen? Doch zu keinem

anderen Zwecke, als damit der Heizer die Herren so ermüde, daß sie allmählich ihre

klare Urteilskraft verlören, welche Schubal vor allem zu fürchten hatte. Hatte er, der

sicher schon lange hinter der Tür gestanden, nicht erst im Augenblick geklopft, als er

infolge der nebensächlichen Frage jenes Herrn hoffen durfte, der Heizer sei erledigt?

Alles war klar und wurde ja auch von Schubal wider Willen so dargeboten, aber den

Herrn mußte man es anders, noch handgreiflicher zeigen. Sie brauchten Aufrüttelung.

Also, Karl, rasch, nütze wenigstens die Zeit aus, ehe die Zeugen auftreten und alles

überschwemmen!

Eben aber winkte der Kapitän dem Schubal ab, der darauf hin sofort ­ denn seine

Angelegenheit schien für ein Weilchen aufgeschoben zu sein ­ beiseitetrat und mit dem

Diener, der sich ihm gleich angeschlossen hatte, eine leise Unterhaltung begann, bei der

es an Seitenblicken nach dem Heizer und Karl sowie an den überzeugtesten

Handbewegungen nicht fehlte. Schubal schien so seine nächste Rede einzuüben.

»Wollten Sie nicht den jungen Menschen etwas fragen, Herr Jakob?« sagte der Kapitän

unter allgemeiner Stille zu dem Herrn mit dem Bambusstöckchen.

»Allerdings«, sagte dieser, mit einer kleinen Neigung für die Aufmerksamkeit dankend.

Und fragte dann Karl nochmals: »Wie heißen Sie eigentlich?«

Karl, welcher glaubte, es sei im Interesse der großen Hauptsache gelegen, wenn dieser

Zwischenfall des hartnäckigen Fragers bald erledigt würde, antwortete kurz, ohne, wie es

seine Gewohnheit war, durch Vorweisung des Passes sich vorzustellen, den er erst hätte

suchen müssen: »Karl Roßmann.«

»Aber«, sagte der mit Jakob Angesprochene und trat zuerst fast ungläubig lächelnd

zurück. Auch der Kapitän, der Oberkassier, der Schiffsoffizier, ja sogar der Diener

zeigten deutlich ein übermäßiges Erstaunen wegen Karls Namen. Nur die Herren von

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der Hafenbehörde und Schubal verhielten sich gleichgültig.

»Aber«, wiederholte Herr Jakob und trat mit etwas steifen Schritten auf Karl zu, »dann

bin ich ja dein Onkel Jakob, und du bist mein lieber Neffe. Ahnte ich es doch die ganze

Zeit über!« sagte er zum Kapitän hin, ehe er Karl umarmte und küßte, der alles stumm

geschehen ließ.

»Wie heißen Sie?« fragte Karl, nachdem er sich losgelassen fühlte, zwar sehr höflich, aber

gänzlich ungerührt, und strengte sich an, die Folgen abzusehen, welche dieses neue

Ereignis für den Heizer haben dürfte. Vorläufig deutete nichts darauf hin, daß Schubal

aus dieser Sache Nutzen ziehen könnte.

»Begreifen Sie doch, junger Mann, Ihr Glück«, sagte der Kapitän, der durch Karls Frage

die Würde der Person des Herrn Jakob verletzt glaubte, der sich zum Fenster gestel t

hatte, offenbar, um sein aufgeregtes Gesicht, das er überdies mit einem Taschentuch

betupfte, den andern nicht zeigen zu müssen. »Es ist der Senator Edward Jakob, der sich

Ihnen als Ihr Onkel zu erkennen gegeben hat. Es erwartet Sie nunmehr, doch wohl ganz

gegen Ihre bisherigen Erwartungen, eine glänzende Laufbahn. Versuchen Sie das

einzusehen, so gut es im ersten Augenblick geht, und fassen Sie sich!«

»Ich habe allerdings einen Onkel Jakob in Amerika«, sagte Karl zum Kapitän gewendet, »

aber wenn ich recht verstanden habe, ist Jakob bloß der Zuname des Herrn Senators.«

»So ist es«, sagte der Kapitän erwartungsvoll.

»Nun, mein Onkel Jakob, welcher der Bruder meiner Mutter ist, heißt aber mit dem

Taufnamen Jakob, während sein Zuname natürlich gleich jenem meiner Mutter lauten

müßte, welche eine geborene Bendelmayer ist.«

»Meine Herren!« rief der Senator, der von seinem Erholungsposten vom Fenster munter

zurückkehrte, mit Bezug auf Karls Erklärung aus. Alle mit Ausnahme der Hafenbeamten

brachen in Lachen aus, manche wie in Rührung, manche undurchdringlich.

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>So lächerlich war das, was ich gesagt habe, doch keineswegs »Meine Herren«, wiederholte der Senator, »Sie nehmen gegen meinen und gegen Ihren

Willen an einer kleinen Familienszene teil, und ich kann deshalb nicht umhin, Ihnen eine

Erläuterung zu geben, da, wie ich glaube, nur der Herr Kapitän« ­ diese Erwähnung

hatte eine gegenseitige Verbeugung zur Folge ­ »vollständig unterrichtet ist.« >Jetzt muß

ich aber wirklich auf jedes Wort achtgeben einem Seitwärtsschauen bemerkte, daß in die Figur des Heizers das Leben

zurückzukehren begann.

»Ich lebe seit allen den langen Jahren meines amerikanischen Aufenthaltes ­ das Wort

Aufenthalt paßt hier allerdings schlecht für den amerikanischen Bürger, der ich mit

ganzer Seele bin ­, seit allen den langen Jahren lebe ich also von meinen europäischen

Verwandten vollständig getrennt, aus Gründen, die erstens nicht hierhergehören und die

zweitens zu erzählen mich wirklich zu sehr hernehmen würde. Ich fürchte mich sogar

vor dem Augenblick, wo ich vielleicht gezwungen sein werde, sie meinem lieben Neffen

zu erzählen, wobei sich leider ein offenes Wort über seine Eltern und ihren Anhang

nicht vermeiden lassen wird.«

>Es ist mein Onkel, kein ZweifelWahrscheinlich hat er

seinen Namen ändern lassen. »Mein lieber Neffe ist nun von seinen Eltern ­ sagen wir nur das Wort, das die Sache

auch wirklich bezeichnet einfach beiseitegeschafft worden, wie man eine Katze vor die

Tür wirft, wenn sie ärgert. Ich will durchaus nicht beschönigen, was mein Neffe gemacht

hat, daß er so gestraft wurde, aber sein Verschulden ist ein solches, daß sein einfaches

Nennen schon genug Entschuldigung enthält.«

>Das läßt sich hörenaber ich will nicht, daß er alles erzählt. Übrigens kann

er es ja auch nicht wissen. Woher denn? »Er wurde nämlich«, fuhr der Onkel fort und stützte sich mit kleinen Neigungen auf das

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vor ihm eingestemmte Bambusstöckchen, wodurch es ihm tatsächlich gelang, der Sache

die unnötige Feierlichkeit zu nehmen, die sie sonst unbedingt gehabt hätte, »er wurde

nämlich von einem Dienstmädchen, Johanna Brummer, einer etwa

fünfunddreißigjährigen Person, verführt. Ich will mit dem Worte >verführt Neffen durchaus nicht kränken, aber es ist doch schwer, ein anderes, gleich passendes

Wort zu finden.«

Karl, der schon ziemlich nahe zum Onkel getreten war, drehte sich um, um den

Eindruck der Erzählung von den Gesichtern der Anwesenden abzulesen. Keiner lachte,

alle hörten geduldig und ernsthaft zu. Schließlich lacht man auch nicht über den Neffen

eines Senators bei der ersten Gelegenheit, die sich darbietet. Eher hätte man schon sagen

können, daß der Heizer, wenn auch nur ganz wenig, Karl anlächelte, was aber erstens als

neues Lebenszeichen erfreulich und zweitens entschuldbar war, da ja Karl in der Kabine

aus dieser Sache, die jetzt so publik wurde, ein besonderes Geheimnis hatte machen

wollen.

»Nun hat diese Brummer«, setzte der Onkel fort, »von meinem Neffen ein Kind

bekommen, einen gesunden Jungen, welcher in der Taufe den Namen Jakob erhielt,

zweifellos in Gedanken an meine Wenigkeit, welche, selbst in den sicher nur ganz

nebensächlichen Erwähnungen meines Neffen, auf das Mädchen einen großen Eindruck

gemacht haben muß. Glücklicherweise, sage ich. Denn da die Eltern zur Vermeidung der

Alimentenzahlung oder sonstigen bis an sie selbst heranreichenden Skandals ­ ich

kenne, wie ich betonen muß, weder die dortigen Gesetze noch die sonstigen

Verhältnisse der Eltern-, da sie also zur Vermeidung der Alimentenzahlung und des

Skandals ihren Sohn, meinen lieben Neffen, nach Amerika haben transportieren lassen,

mit unverantwortlich ungenügender Ausrüstung, wie man sieht, so wäre der Junge, ohne

die gerade noch in Amerika lebendigen Zeichen und Wunder, auf sich allein angewiesen,

wohl schon gleich in einem Gäßchen im Hafen von New York verkommen, wenn nicht

jenes Dienstmädchen in einem an mich gerichteten Brief, der nach langen Irrfahrten

vorgestern in meinen Besitz kam, mir die ganze Geschichte samt Personenbeschreibung

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meines Neffen und vernünftigerweise auch Namensnennung des Schiffes mitgeteilt

hätte. Wenn ich es darauf angelegt hätte, Sie, meine Herren, zu unterhalten, könnte ich

wohl einige Stellen jenes Briefes« ­ er zog zwei riesige, engbeschriebene Briefbogen aus

der Tasche und schwenkte sie ­ »hier vorlesen. Er würde sicher Wirkung machen, da er

mit einer etwas einfachen, wenn auch immer gutgemeinten Schlauheit und mit viel Liebe

zu dem Vater des Kindes geschrieben ist. Aber ich will weder Sie mehr unterhalten, als

es zur Aufklärung nötig ist, noch vielleicht gar zum Empfang möglicherweise noch

bestehende Gefühle meines Neffen verletzen, der den Brief, wenn er mag, in der Stille

seines ihn schon erwartenden Zimmers zur Belehrung lesen kann.«

Karl hatte aber keine Gefühle für jenes Mädchen. Im Gedränge einer immer mehr

zurücktretenden Vergangenheit saß sie in ihrer Küche neben dem Küchenschrank, auf

dessen Platte sie ihren Ellbogen stützte. Sie sah ihn an, wenn er hin und wieder in die

Küche kam, um ein Glas zum Wassertrinken für seinen Vater zu holen oder einen

Auftrag seiner Mutter auszurichten. Manchmal schrieb sie in der vertrackten Stellung

seitlich vom Küchenschrank einen Brief und holte sich die Eingebungen von Karls

Gesicht. Manchmal hielt sie die Augen mit der Hand verdeckt, dann drang keine Anrede

zu ihr. Manchmal kniete sie in ihrem engen Zimmerchen neben der Küche und betete zu

einem hölzernen Kreuz; Karl beobachtete sie dann nur mit Scheu im Vorübergehen

durch die Spalte der ein wenig geöffneten Tür. Manchmal jagte sie in der Küche herum

und fuhr, wie eine Hexe lachend, zurück, wenn Karl ihr in den Weg kam. Manchmal

schloß sie die Küchentüre, wenn Karl eingetreten war, und behielt die Klinke so lange in

der Hand, bis er wegzugehn verlangte. Manchmal holte sie Sachen, die er gar nicht

haben wollte, und drückte sie ihm schweigend in die Hände. Einmal aber sagte sie »Karl«

und führte ihn, der noch über die unerwartete Ansprache staunte, unter Grimassen

seufzend in ihr Zimmerchen, das sie zusperrte. Würgend umarmte sie seinen Hals, und

während sie ihm bat, sie zu entkleiden, entkleidete sie in Wirklichkeit ihn und legte ihn in

ihr Bett, als wolle sie ihn von jetzt niemandem mehr lassen und ihn streicheln und

pflegen bis zum Ende der Welt.

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»Karl, o du mein Karl!« rief sie, als sähe sie ihn und bestätige sich seinen Besitz, während

er nicht das Geringste sah und sich unbehaglich in dem vielen warmen Bettzeug fühlte,

das sie eigens für ihn aufgehäuft zu haben schien.

Dann legte sie sich auch zu ihm und wollte irgendwelche Geheimnisse von ihm

erfahren, aber er konnte ihr keine sagen, und sie ärgerte sich im Scherz oder Ernst,

schüttelte ihn, horchte sein Herz ab, bot ihre Brust zum gleichen Abhorchen hin, wozu

sie Karl aber nicht bringen konnte, drückte ihren nackten Bauch an seinen Leib, suchte

mit jeder Hand, so widerlich, daß Karl Kopf und Hals aus den Kissen herausschüttelte,

zwischen seinen Beinen, stieß dann den Bauch einige Male gegen ihn, ­ ihm war, als sei

sie ein Teil seiner selbst, und vielleicht aus diesem Grunde hatte ihn eine entsetzliche

Hilfsbedürftigkeit ergriffen. Weinend kam er endlich nach vielen

Wiedersehenswünschen ihrerseits in sein Bett. Das war alles gewesen, und doch verstand

es der Onkel, daraus eine große Geschichte zu machen. Und die Köchin hatte also auch

an ihn gedacht und den Onkel von seiner Ankunft verständigt. Das war schön von ihr

gehandelt, und er würde es ihr wohl noch einmal vergelten.

»Und jetzt«, rief der Senator, »will ich von dir offen hören, ob ich dein Onkel bin oder

nicht.«

»Du bist mein Onkel«, sagte Karl und küßte ihm die Hand und wurde dafür auf die

Stirne geküßt. »Ich bin sehr froh, daß ich dich getroffen habe, aber du irrst, wenn du

glaubst, daß meine Eltern nur Schlechtes von dir reden. Aber auch abgesehen davon

sind in deiner Rede einige Fehler enthalten gewesen, das heißt, ich meine, es hat sich in

Wirklichkeit nicht alles so zugetragen. Du kannst aber auch wirklich von hier aus die

Dinge nicht so gut beurteilen, und ich glaube außerdem, daß es keinen besonderen

Schaden bringen wird, wenn die Herren in Einzelheiten einer Sache, an der ihnen doch

wirklich nicht viel liegen kann, ein wenig unrichtig informiert worden sind.«

»Wohl gesprochen«, sagte der Senator, führte Karl vor den sichtlich teilnehmenden

Kapitän und fragte: »Habe ich nicht einen prächtigen Neffen?«

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»Ich bin glücklich«, sagte der Kapitän mit einer Verbeugung, wie sie nur militärisch

geschulte Leute zustandebringen, »Ihren Neffen, Herr Senator, kennengelernt zu haben.

Es ist eine besondere Ehre für mein Schiff, daß es den Ort eines solchen

Zusammentreffens abgeben konnte. Aber die Fahrt im Zwischendeck war wohl sehr arg,

ja, wer kann denn wissen, wer da mitgeführt wird. Nun, wir tun alles mögliche, den

Leuten im Zwischendeck die Fahrt möglichst zu erleichtern, viel mehr zum Beispiel als

die amerikanischen Linien, aber eine solche Fahrt zu einem Vergnügen zu machen, ist

uns allerdings noch immer nicht gelungen.«

»Es hat mir nicht geschadet«, sagte Karl.

»Es hat ihm nicht geschadet!« wiederholte laut lachend der Senator.

»Nur meinen Koffer fürchte ich verloren zu-« und damit erinnerte er sich an alles, was

geschehen war und was noch zu tun übrigblieb, sah sich um und erblickte al e

Anwesenden stumm vor Achtung und Staunen auf ihren früheren Plätzen, die Augen

auf ihn gerichtet. Nur den Hafenbeamten sah man, soweit ihre strengen,

selbstzufriedenen Gesichter einen Einblick gestatteten, das Bedauern an, zu so

ungelegener Zeit gekommen zu sein, und die Taschenuhr, die sie jetzt vor sich liegen

hatten, war ihnen wahrscheinlich wichtiger als alles, was im Zimmer vorging und

vielleicht noch geschehen konnte.

Der erste, welcher nach dem Kapitän seine Anteilnahme ausdrückte, war

merkwürdigerweise der Heizer.

»Ich gratuliere Ihnen herzlich«, sagte er und schüttelte Karl die Hand, womit er auch

etwas wie Anerkennung ausdrücken wollte. Als er sich dann mit der gleichen Ansprache

auch an den Senator wenden wollte, trat dieser zurück, als überschreite der Heizer damit

seine Rechte; der Heizer ließ auch sofort ab.

Die übrigen aber sahen jetzt ein, was zu tun war, und bildeten gleich um Karl und den

Senator einen Wirrwarr. So geschah es, daß Karl sogar eine Gratulation Schubals erhielt,

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annahm und für sie dankte. Als letzte traten in der wieder entstandenen Ruhe die

Hafenbeamten hinzu und sagten zwei englische Worte, was einen lächerlichen Eindruck

machte.

Der Senator war ganz in der Laune, um das Vergnügen vollständig auszukosten,

nebensächlichere Momente sich und den anderen in Erinnerung zu bringen, was

natürlich von allen nicht nur geduldet, sondern mit Interesse hingenommen wurde. So

machte er darauf aufmerksam, daß er sich die in dem Brief der Köchin erwähnten

hervorstechendsten Erkennungszeichen Karls in sein Notizbuch zu möglicherweise

notwendigem augenblicklichen Gebrauch eingetragen hatte. Nun hatte er während des

unerträglichen Geschwätzes des Heizers zu keinem anderen Zweck, als um sich

abzulenken, das Notizbuch herausgezogen und die natürlich nicht gerade detektivisch

richtigen Beobachtungen der Köchin mit Karls Aussehen zum Spiel in Verbindung zu

bringen gesucht. »Und so findet man seinen Neffen!« schloß er in einem Ton, als wolle

er noch einmal Gratulationen bekommen.

»Was wird jetzt dem Heizer geschehen?« fragte Karl vorbei an der letzten Erzählung des

Onkels. Er glaubte in seiner neuen Stellung alles, was er dachte, auch aussprechen zu

können.

»Dem Heizer wird geschehen, was er verdient«, sagte der Senator, »und was der Herr

Kapitän für gut erachtet. Ich glaube, wir haben von dem Heizer genug und übergenug,

wozu mir jeder der anwesenden Herren sicher zustimmen wird.«

»Darauf kommt es doch nicht an, bei einer Sache der Gerechtigkeit«, sagte Karl. Er

stand zwischen dem Onkel und dem Kapitän und glaubte, vielleicht durch diese Stellung

beeinflußt, die Entscheidung in der Hand zu haben.

Und trotzdem schien der Heizer nichts mehr für sich zu hoffen. Die Hände hielt er halb

in dem Hosengürtel, der durch seine aufgeregten Bewegungen mit dem Streifen eines

gemusterten Hemdes zum Vorschein gekommen war. Das kümmerte ihn nicht im

geringsten; er hatte sein ganzes Leid geklagt, nun sollte man auch noch die paar Fetzen

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sehen, die er am Leibe hatte, und dann sollte man ihn forttragen. Er dachte sich aus, der

Diener und Schubal, als die zwei hier im Range Tiefsten, sollten ihm diese letzte Güte

erweisen. Schubal würde dann Ruhe haben und nicht mehr in Verzweiflung kommen,

wie sich der Oberkassier ausgedrückt hatte. Der Kapitän würde lauter Rumänen

anstellen können, es würde überall Rumänisch gesprochen werden, und vielleicht würde

dann wirklich alles besser gehen. Kein Heizer würde mehr in der Hauptkassa schwätzen,

nur sein letztes Geschwätz würde man in ziemlich freundlicher Erinnerung behalten, da

es, wie der Senator ausdrücklich erklärt hatte, die mittelbare Veranlassung zur

Erkennung des Neffen gegeben hatte. Dieser Neffe hatte ihm übrigens vorher öfters zu

nützen gesucht und daher für seinen Dienst bei der Wiedererkennung längst vorher

einen mehr als genügenden Dank abgestattet; dem Heizer fiel gar nicht ein, jetzt noch

etwas von ihm zu verlangen. Im übrigen, mochte er auch der Neffe des Senators sein,

ein Kapitän war er noch lange nicht, aber aus dem Munde des Kapitäns würde

schließlich das böse Wort fallen. ­ So wie es seiner Meinung entsprach, versuchte auch

der Heizer, nicht zu Karl hinzusehen, aber leider blieb in diesem Zimmer der Feinde

kein anderer Ruheort für seine Augen.

»Mißverstehe die Sachlage nicht«, sagte der Senator zu Karl, »es handelt sich vielleicht

um eine Sache der Gerechtigkeit, aber gleichzeitig um eine Sache der Disziplin.

Beides und ganz besonders das letztere unterliegt hier der Beurteilung des Herrn

Kapitäns.«

»So ist es«, murmelte der Heizer. Wer es merkte und verstand, lächelte befremdet.

»Wir aber haben überdies den Herrn Kapitän in seinen Amtsgeschäften, die sich sicher

gerade bei der Ankunft in New York unglaublich häufen, so sehr schon behindert, daß

es höchste Zeit für uns ist, das Schiff zu verlassen, um nicht zum Überfluß auch noch

durch irgendwelche höchst unnötige Einmischung diese geringfügige Zänkerei zweier

Maschinisten zu einem Ereignis zu machen. Ich begreife deine Handlungsweise, lieber

Neffe, übrigens vollkommen, aber gerade das gibt mir das Recht, dich eilends von hier

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fortzuführen.«

»Ich werde sofort ein Boot für Sie flottmachen lassen«, sagte der Kapitän, ohne zum

Erstaunen Karls auch nur den kleinsten Einwand gegen die Worte des Onkels

vorzubringen, die doch zweifellos als eine Selbstdemütigung des Onkels angesehen

werden konnten. Der Oberkassier eilte überstürzt zum Schreibtisch und telephonierte

den Befehl des Kapitäns an den Bootsmeister.

>Die Zeit drängt schonaber ohne alle zu beleidigen, kann ich nichts

tun. Ich kann doch jetzt den Onkel nicht verlassen, nachdem er mich kaum

wiedergefunden hat. Der Kapitän ist zwar höflich, aber das ist auch alles. Bei der

Disziplin hört seine Höflichkeit auf, und der Onkel hat ihm sicher aus der Seele

gesprochen. Mit Schubal will ich nicht reden, es tut mir sogar leid, daß ich ihm die Hand

gereicht habe. Und alle anderen Leute hier sind Spreu. Und er ging langsam in solchen Gedanken zum Heizer, zog dessen rechte Hand aus dem

Gürtel und hielt sie spielend in der seinen.

»Warum sagst du denn nichts?« fragte er. »Warum läßt du dir alles gefallen?«

Der Heizer legte nur die Stirn in Falten, als suche er den Ausdruck für das, was er zu

sagen habe. Im übrigen sah er auf Karls und seine Hand hinab.

»Dir ist ja unrecht geschehen wie keinem auf dem Schiff, das weiß ich ganz genau.« Und

Karl zog seine Finger hin und her zwischen den Fingern des Heizers, der mit glänzenden

Augen ringsumher schaute, als widerfahre ihm eine Wonne, die ihm aber niemand

verübeln möge.

»Du mußt dich aber zur Wehr setzen, ja und nein sagen, sonst haben doch die Leute

keine Ahnung von der Wahrheit. Du mußt mir versprechen, daß du mir folgen wirst,

denn ich selbst, das fürchte ich mit vielem Grund, werde dir gar nicht mehr helfen

können.« Und nun weinte Karl, während er die Hand des Heizers küßte, und nahm die

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rissige, fast leblose Hand und drückte sie an seine Wangen, wie einen Schatz, auf den

man verzichten muß. ­

Da war aber auch schon der Onkel Senator an seiner Seite und zog ihn, wenn auch nur

mit dem leichtesten Zwange, fort.

»Der Heizer scheint dich bezaubert zu haben«, sagte er und sah verständnisinnig über

Karls Kopf zum Kapitän hin. »Du hast dich verlassen gefühlt, da hast du den Heizer

gefunden und bist ihm jetzt dankbar, das ist ja ganz löblich. Treibe das aber, schon mir

zuliebe, nicht zu weit und lerne deine Stellung begreifen.«

Vor der Tür entstand ein Lärmen, man hörte Rufe, und es war sogar, als werde jemand

brutal gegen die Türe gestoßen. Ein Matrose trat ein, etwas verwildert, und hatte eine

Mädchenschürze umgebunden.

»Es sind Leute draußen«, rief er und stieß einmal mit dem Ellbogen herum, als sei er

noch im Gedränge. Endlich fand er seine Besinnung und wollte vor dem Kapitän

salutieren, da bemerkte er die Mädchenschürze, riß sie herunter, warf sie zu Boden und

rief: »Das ist ja ekelhaft, da haben sie mir eine Mädchenschürze umgebunden.« Dann

aber klappte er die Hacken zusammen und salutierte. Jemand versuchte zu lachen, aber

der Kapitän sagte streng: »Das nenne ich eine gute Laune. Wer ist denn draußen?«

»Es sind meine Zeugen«, sagte Schubal vortretend, »ich bitte ergebenst um

Entschuldigung für ihr unpassendes Benehmen. Wenn die Leute die Seefahrt hinter sich

haben, sind sie manchmal wie toll«

»Rufen Sie sie sofort herein!« befahl der Kapitän, und gleich sich zum Senator

umwendend, sagte er verbindlich, aber rasch: »Haben Sie jetzt die Güte, verehrter Herr

Senator, mit Ihrem Herrn Neffen diesem Matrosen zu folgen, der Sie ins Boot bringen

wird. Ich muß wohl nicht erst sagen, welches Vergnügen und welche Ehre mir das

persönliche Bekanntwerden mit Ihnen, Herr Senator, bereitet hat. Ich wünsche mir nur,

bald Gelegenheit zu haben, mit Ihnen, Herr Senator, unser unterbrochenes Gespräch

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über die amerikanischen Flottenverhältnisse wieder einmal aufnehmen zu können und

dann vielleicht neuerdings auf so angenehme Weise, wie heute, unterbrochen zu

werden.«

»Vorläufig genügt mir dieser eine Neffe«, sagte der Onkel lachend. »Und nun nehmen

Sie meinen besten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit und leben Sie wohl. Es wäre

übrigens gar nicht so unmöglich, daß wir«, ­ er drückte Karl herzlich an sich ­ »bei

unserer nächsten Europareise vielleicht für längere Zeit mit Ihnen zusammenkommen

könnten.«

»Es würde mich herzlich freuen«, sagte der Kapitän. Die beiden Herren schüttelten

einander die Hände, Karl konnte nur noch stumm und flüchtig seine Hand dem Kapitän

reichen, denn dieser war bereits von den vielleicht fünfzehn Leuten in Anspruch

genommen, welche unter Führung Schubals zwar etwas betroffen, aber doch sehr laut

einzogen. Der Matrose bat den Senator, vorausgehen zu dürfen, und teilte dann die

Menge für ihn und Karl, die leicht zwischen den sich verbeugenden Leuten durchkamen.

Es schien, daß diese im übrigen gutmütigen Leute den Streit Schubals mit dem Heizer

als einen Spaß auffaßten, dessen Lächerlichkeit nicht einmal vor dem Kapitän aufhöre.

Karl bemerkte unter ihnen auch das Küchenmädchen Line, welche, ihm lustig

zuzwinkernd, die vom Matrosen hingeworfene Schürze umband, denn es war die ihre.

Weiter dem Matrosen folgend, verließen sie das Büro und bogen in einen kleinen Gang

ein, der sie nach ein paar Schritten zu einem Türchen brachte, von dem aus eine kurze

Treppe in das Boot hinabführte, welches für sie vorbereitet war. Die Matrosen im Boot,

in das ihr Führer gleich mit einem einzigen Satz hinuntersprang, erhoben sich und

salutierten. Der Senator gab Karl gerade eine Ermahnung zu vorsichtigem

Hinuntersteigen, als Karl noch auf der obersten Stufe in heftiges Weinen ausbrach. Der

Senator legte die rechte Hand unter Karls Kinn, hielt ihn fest an sich gepreßt und

streichelte ihn mit der linken Hand. So gingen sie langsam Stufe für Stufe hinab und

traten engverbunden ins Boot, wo der Senator für Karl gerade sich gegenüber einen

guten Platz aussuchte. Auf ein Zeichen des Senators stießen die Matrosen vom Schiffe

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ab und waren gleich in voller Arbeit. Kaum waren sie ein paar Meter vom Schiffe

entfernt, machte Karl die unerwartete Entdeckung, daß sie sich gerade auf jener Seite

des Schiffes befanden, wohin die Fenster der Hauptkassa gingen. Alle drei Fenster waren

mit Zeugen Schubals besetzt, welche freundschaftlichst grüßten und winkten, sogar der

Onkel dankte, und ein Matrose machte das Kunststück, ohne eigentlich das

gleichmäßige Rudern zu unterbrechen, eine Kußhand hinaufzuschicken. Es war wirklich,

als gäbe es keinen Heizer mehr. Karl faßte den Onkel, mit dessen Knien sich die seinen

fast berührten, genauer ins Auge, und es kamen ihm Zweifel, ob dieser Mann ihm jemals

den Heizer werde ersetzen können. Auch wich der Onkel seinem Blicke aus und sah auf

die Wellen hin, von denen ihr Boot umschwankt wurde.

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Der Onkel

Im Hause des Onkels gewöhnte sich Karl bald an die neuen Verhältnisse. Der Onkel

kam ihm aber auch in jeder Kleinigkeit freundlich entgegen, und niemals mußte Karl

sich erst durch schlechte Erfahrungen belehren lassen, wie dies meist das erste Leben im

Ausland so verbittert.

Karls Zimmer lag im sechsten Stockwerk eines Hauses, dessen fünf untere Stockwerke,

an welche sich in der Tiefe noch drei unterirdische anschlossen, von dem

Geschäftsbetrieb des Onkels eingenommen wurden. Das Licht, das in sein Zimmer

durch zwei Fenster und eine Balkontüre eindrang, brachte Karl immer wieder zum

Staunen, wenn er des Morgens aus seiner kleinen Schlafkammer hier eintrat. Wo hätte er

wohl wohnen müssen, wenn er als armer kleiner Einwanderer ans Land gestiegen wäre?

Ja, vielleicht hätte man ihn, was der Onkel nach seiner Kenntnis der

Einwanderungsgesetze sogar für sehr wahrscheinlich hielt, gar nicht in die Vereinigten

Staaten eingelassen, sondern ihn nach Hause geschickt, ohne sich weiter darum zu

kümmern, daß er keine Heimat mehr hatte. Denn auf Mitleid durfte man hier nicht

hoffen, und es war ganz richtig, was Karl in dieser Hinsicht über Amerika gelesen hatte;

nur die Glücklichen schienen hier ihr Glück zwischen den unbekümmerten Gesichtern

ihrer Umgebung wahrhaft zu genießen.

Ein schmaler Balkon zog sich vor dem Zimmer seiner ganzen Länge nach hin. Was aber

in der Heimatstadt Karls wohl der höchste Aussichtspunkt gewesen wäre, gestattete hier

nicht viel mehr als den Überblick über eine Straße, die zwischen zwei Reihen förmlich

abgehackter Häuser gerade, und darum wie fliehend, in die Ferne sich verlief, wo aus

vielem Dunst die Formen einer Kathedrale ungeheuer sich erhoben. Und morgens wie

abends und in den Träumen der Nacht vollzog sich auf dieser Straße ein immer

drängender Verkehr, der, von oben gesehen, sich als eine aus immer neuen Anfängen

ineinandergestreute Mischung von verzerrten menschlichen Figuren und von Dächern

der Fuhrwerke aller Art darstellte, von der aus sich noch eine neue, vervielfältigte,

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wildere Mischung von Lärm, Staub und Gerüchen erhob, und alles dieses wurde erfaßt

und durchdrungen von einem mächtigen Licht, das immer wieder von der Menge der

Gegenstände verstreut, fortgetragen und wieder eifrig herbeigebracht wurde und das

dem betörten Auge so körperlich erschien, als werde über dieser Straße eine alles

bedeckende Glasscheibe jeden Augenblick immer wieder mit aller Kraft zerschlagen.

Vorsichtig wie der Onkel in allem war, riet er Karl, sich vorläufig ernsthaft nicht auf das

geringste einzulassen. Er sollte wohl alles prüfen und anschauen, aber sich nicht

gefangennehmen lassen. Die ersten Tage eines Europäers in Amerika seien ja einer

Geburt vergleichbar, und wenn man sich hier auch, damit nur Karl keine unnötige Angst

habe, rascher eingewöhne, als wenn man vom Jenseits in die menschliche Welt eintrete,

so müsse man sich doch vor Augen halten, daß das erste Urteil immer auf schwachen

Füßen stehe und daß man sich dadurch nicht vielleicht alle künftigen Urteile, mit deren

Hilfe man ja hier sein Leben weiterführen wolle, in Unordnung bringen lassen dürfe. Er

selbst habe Neuankömmlinge gekannt, die zum Beispiel statt nach diesen guten

Grundsätzen sich zu verhalten, tagelang auf ihrem Balkon gestanden und wie verlorene

Schafe auf die Straße hinuntergesehen hätten. Das müsse unbedingt verwirren! Diese

einsame Untätigkeit, die sich in einen arbeitsreichen New Yorker Tag verschaut, könne

einem Vergnügungsreisenden gestattet und vielleicht, wenn auch nicht vorbehaltlos,

angeraten werden, für einen, der hierbleiben wird, sei sie ein Verderben, man könne in

diesem Fall ruhig dieses Wort anwenden, wenn es auch eine Übertreibung ist. Und

tatsächlich verzog der Onkel ärgerlich das Gesicht, wenn er bei einem seiner Besuche,

die immer nur einmal täglich, und zwar immer zu den verschiedensten Tageszeiten,

erfolgten, Karl auf dem Balkon antraf. Karl merkte das bald und versagte sich

infolgedessen das Vergnügen, auf dem Balkon zu stehen, nach Möglichkeit.

Es war ja auch bei weitem nicht das einzige Vergnügen, das er hatte. In seinem Zimmer

stand ein amerikanischer Schreibtisch bester Sorte, wie sich ihn sein Vater seit Jahren

gewünscht und auf den verschiedensten Versteigerungen um einen ihm erreichbaren

billigen Preis zu kaufen gesucht hatte, ohne daß es ihm bei seinen kleinen Mitteln jemals

gelungen wäre. Natürlich war dieser Tisch mit jenen angeblich amerikanischen

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Schreibtischen, wie sie sich auf europäischen Versteigerungen herumtreiben, nicht zu

vergleichen. Er hatte zum Beispiel in seinem Aufsatz hundert Fächer verschiedenster

Größe, und selbst der Präsident der Union hätte für jeden seiner Akten einen passenden

Platz gefunden, aber außerdem war an der Seite ein Regulator, und man konnte durch

Drehen an einer Kurbel die verschiedensten Umstellungen und Neueinrichtungen der

Fächer nach Belieben und Bedarf erreichen. Dünne Seitenwändchen senkten sich

langsam und bildeten den Boden neu sich erhebender oder die Decke neu aufsteigender

Fächer; schon nach einer Umdrehung hatte der Aufsatz ein ganz anderes Aussehen, und

alles ging, je nachdem man die Kurbel drehte, langsam oder unsinnig rasch vor sich. Es

war eine neueste Erfindung, erinnerte aber Karl sehr lebhaft an die Krippenspiele, die zu

Hause auf dem Christmarkt den staunenden Kindern gezeigt wurden, und auch Karl war

oft, in seine Winterkleider eingepackt, davor gestanden und hatte ununterbrochen die

Kurbeldrehung, die ein alter Mann ausführte, mit den Wirkungen im Krippenspiel

verglichen, mit dem stockenden Vorwärtskommen der Heiligen Drei Könige, dem

Aufglänzen des Sternes und dem befangenen Leben im heiligen Stall. Und immer war es

ihm erschienen, als ob die Mutter, die hinter ihm stand, nicht genau genug alle

Ereignisse verfolge; er hatte sie zu sich hingezogen, bis er sie an seinem Rücken fühlte,

und hatte ihr so lange mit lauten Ausrufen verborgenere Erscheinungen gezeigt,

vielleicht ein Häschen, das vorn im Gras abwechselnd Männchen machte und sich dann

wieder zum Lauf bereitete, bis die Mutter ihm den Mund zuhielt und wahrscheinlich in

ihre frühere Unachtsamkeit verfiel. Der Tisch war freilich nicht dazu gemacht, nur an

solche Dinge zu erinnern, aber in der Geschichte der Erfindungen bestand wohl ein

ähnlich undeutlicher Zusammenhang wie in Karls Erinnerungen. Der Onkel war zum

Unterschied von Karl mit diesem Schreibtisch durchaus nicht einverstanden, nur hatte er

eben für Karl einen ordentlichen Schreibtisch kaufen wollen, und solche Schreibtische

waren jetzt sämtlich mit dieser Neueinrichtung versehen, deren Vorzug auch darin

bestand, bei älteren Schreibtischen ohne große Kosten angebracht werden zu können.

Immerhin unterließ der Onkel nicht, Karl zu raten, den Regulator möglichst gar nicht zu

verwenden; um die Wirkung des Rates zu verstärken, behauptete der Onkel, die

Maschinerie sei sehr empfindlich, leicht zu verderben und die Wiederherstellung sehr

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kostspielig. Es war nicht schwer einzusehen, daß solche Bemerkungen, nur Ausflüchte

waren, wenn man sich auch andererseits sagen mußte, daß der Regulator sehr leicht zu

fixieren war, was der Onkel jedoch nicht tat.

In den ersten Tagen, an denen selbstverständlich zwischen Karl und dem Onkel

häufigere Aussprachen stattgefunden hatten, hatte Karl auch erzählt, daß er zu Hause

zwar wenig, aber gern Klavier gespielt habe, was er allerdings lediglich mit den

Anfangskenntnissen hatte bestreiten können, die ihm die Mutter beigebracht hatte. Karl

war sich dessen wohl bewußt, daß eine solche Erzählung gleichzeitig die Bitte um ein

Klavier war, aber er hatte sich schon genügend umgesehen, um zu wissen, daß der

Onkel auf keine Weise zu sparen brauchte. Trotzdem wurde ihm diese Bitte nicht gleich

gewährt, aber etwa acht Tage später sagte der Onkel, fast in der Form eines

widerwilligen Eingeständnisses, das Klavier sei eben an gelangt und Karl könne, wenn er

wolle, den Transport überwachen. Das war allerdings eine leichte Arbeit, aber dabei

nicht einmal viel leichter als der Transport selbst, denn im Haus war ein eigener

Möbelaufzug, in welchem ohne Gedränge ein ganzer Möbelwagen Platz finden konnte,

und in diesem Aufzug schwebte auch das Piano zu Karls Zimmer hinauf. Karl selbst

hätte zwar in dem gleichen Aufzug mit dem Piano und den Transportarbeitern fahren

können, aber da gleich daneben ein Personenaufzug zur Benützung freistand, fuhr er in

diesem, hielt sich mittels eines Hebels stets in gleicher Höhe mit dem anderen Aufzug

und betrachtete unverwandt durch die Glaswände das schöne Instrument, das jetzt sein

Eigentum war. Als er es in seinem Zimmer hatte und die ersten Töne anschlug, bekam

er eine so närrische Freude, daß er, statt weiterzuspielen, aufsprang und aus einiger

Entfernung, die Hände in den Hüften, das Klavier lieber anstaunte. Auch die Akustik

des Zimmers war ausgezeichnet und sie trug dazu bei, sein anfängliches kleines

Unbehagen, in einem Eisenhause zu wohnen, gänzlich verschwinden zu lassen.

Tatsächlich merkte man auch im Zimmer, so eisenmäßig das Gebäude von außen

erschien, von eisernen Baubestandteilen nicht das geringste, und niemand hätte auch nur

eine Kleinigkeit in der Einrichtung aufzeigen können, welche die vollständigste

Gemütlichkeit irgendwie gestört hätte. Karl erhoffte in der ersten Zeit viel von seinem

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Klavierspiel und schämte sich nicht, wenigstens vor dem Einschlafen an die Möglichkeit

einer unmittelbaren Beeinflussung der amerikanischen Verhältnisse durch dieses

Klavierspiel zu denken. Es klang ja allerdings sonderbar, wenn er vor den in die

lärmerfüllte Luft geöffneten Fenstern ein altes Soldatenlied seiner Heimat spielte, das die

Soldaten am Abend, wenn sie in den Kasernenfenstern liegen und auf den finsteren

Platz hinausschauen, von Fenster zu Fenster einander zusingen, ­ aber sah er dann auf

die Straße, so war sie unverändert und nur ein kleines Stück eines großen Kreislaufes,

das man nicht an und für sich anhalten konnte, ohne alle Kräfte zu kennen, die in der

Runde wirkten. Der Onkel duldete das Klavierspiel, sagte auch nichts dagegen, zumal

sich Karl, auch nach seiner Mahnung, nur selten das Vergnügen des Spiels gönnte; ja, er

brachte Karl sogar Noten amerikanischer Märsche und natürlich auch der

Nationalhymne, aber allein aus der Freude an der Musik war es wohl nicht zu erklären,

als er eines Tages ohne allen Scherz Karl fragte, ob er nicht auch das Spiel auf der Geige

oder auf dem Waldhorn lernen wolle.

Natürlich war das Lernen des Englischen Karls erste und wichtigste Aufgabe. Ein junger

Professor einer Handelshochschule erschien morgens um sieben Uhr in Karls Zimmer

und fand ihn schon an seinem Schreibtisch bei den Heften sitzen oder memorierend im

Zimmer auf und ab gehen. Karl sah wohl ein, daß zur Aneignung des Englischen keine

Eile groß genug sei und daß er hier außerdem die beste Gelegenheit habe, seinem Onkel

eine außerordentliche Freude durch rasche Fortschritte zu machen. Und tatsächlich

gelang es bald, während zuerst das Englische in den Gesprächen mit dem Onkel sich auf

Gruß und Abschiedsworte beschränkt hatte, immer größere Teile der Gespräche ins

Englische hinüberzuspielen, wodurch gleichzeitig vertraulichere Themen sich

einzustellen begannen. Das erste amerikanische Gedicht, die Darstellung einer

Feuersbrunst, das Karl seinem Onkel an einem Abend rezitieren konnte, machten diesen

tiefernst vor Zufriedenheit. Sie standen damals beide an einem Fenster in Karls Zimmer,

der Onkel sah hinaus, wo alle Helligkeit des Himmels schon vergangen war, und schlug

im Mitgefühl der Verse langsam und gleichmäßig in die Hände, während Karl aufrecht

neben ihm stand und mit starren Augen das schwierige Gedicht sich entrang.

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Je besser Karls Englisch wurde, desto größere Lust zeigte der Onkel, ihn mit seinen

Bekannten zusammenzuführen, und ordnete nur für jeden Fall an, daß bei solchen

Zusammenkünften vorläufig der Englischprofessor sich immer in Karls Nähe zu halten

habe. Der allererste Bekannte, dem Karl eines Vormittags vorgestellt wurde, war ein

schlanker, junger, unglaublich biegsamer Mensch, den der Onkel mit besonderen

Komplimenten in Karls Zimmer führte. Er war offenbar einer jener vielen, vom

Standpunkt der Eltern aus gesehen, mißratenen Millionärssöhne, dessen Leben so

verlief, daß ein gewöhnlicher Mensch auch nur einen beliebigen Tag im Leben dieses

jungen Mannes nicht ohne Schmerz verfolgen konnte. Und als wisse oder ahne er dies

und als begegne er dem, soweit es in seiner Macht stand, war um seine Lippen und

Augen ein unaufhörliches Lächeln des Glückes, das ihm selbst, seinem Gegenüber und

der ganzen Welt zu gelten schien.

Mit diesem jungen Manne, einem Herrn Mack, wurde, unter unbedingter Zustimmung

des Onkels, besprochen, gemeinsam um halb sechs Uhr früh, sei es in der Reitschule, sei

es ins Freie, zu reiten. Karl zögerte zwar zuerst, seine Zusage zu geben, da er doch noch

niemals auf einem Pferd gesessen war und das Reiten zuerst ein wenig lernen wolle, aber

da ihm der Onkel und Mack so sehr zuredeten und das Reiten als bloßes Vergnügen und

als gesunde Übung, aber gar nicht als Kunst darstellten, sagte er schließlich zu. Nun

mußte er allerdings schon um halb fünf Uhr aus dem Bett, und das tat ihm oft sehr leid,

denn er litt hier, wohl infolge der steten Aufmerksamkeit, die er während des Tages

aufwenden mußte, geradezu an Schlafsucht, aber in seinem Badezimmer verlor sich das

Bedauern bald. Über die ganze Wanne der Länge und Breite nach spannte sich das Sieb

der Dusche ­ welcher Mitschüler zu Hause, und war er noch so reich, besaß etwas

Derartiges und gar noch allein für sich ­ und da lag nun Karl ausgestreckt, in dieser

Wanne konnte er die Arme ausbreiten, ließ die Ströme des lauen, heißen, wieder lauen

und endlich eisigen Wassers nach Belieben teilweise oder über die ganze Fläche hin auf

sich herab. Wie in dem noch ein wenig fortlaufenden Genusse des Schlafes lag er da und

fing besonders gern mit den geschlossenen Augenlidern die letzten, einzeln fallenden

Tropfen auf, die sich dann öffneten und über das Gesicht hinflossen.

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In der Reitschule, wo ihn das hoch sich aufbauende Automobil des Onkels absetzte,

erwartete ihn bereits der Englischprofessor, während Mack ausnahmslos erst später kam.

Er konnte aber auch unbesorgt erst später kommen, denn das eigentliche, lebendige

Reiten fing erst an, wenn er da war. Bäumten sich nicht die Pferde aus ihrem bisherigen

Halbschlaf auf, wenn er eintrat, knallte die Peitsche nicht lauter durch den Raum,

erschienen nicht plötzlich auf der umlaufenden Galerie einzelne Personen, Zuschauer,

Pferdewärter, Reitschüler oder was sie sonst sein mochten? Karl aber nützte die Zeit vor

der Ankunft Macks dazu aus, um doch ein wenig, wenn auch nur die primitivsten

Vorübungen des Reitens zu betreiben. Es war ein langer Mann da, der auf den höchsten

Pferderücken mit kaum erhobenem Arm hinaufreichte und der Karl diesen immer kaum

eine Viertelstunde dauernden Unterricht erteilte. Die Erfolge, die Karl hiebei hatte,

waren nicht übergroß, und er konnte sich viele englische Klagerufe dauernd aneignen,

die er während dieses Lernens zu seinem Englischprofessor atemlos ausstieß, der immer

am Türpfosten, meist schlafbedürftig, lehnte. Aber fast alle Unzufriedenheit mit dem

Reiten hörte auf, wenn Mack kam. Der lange Mann wurde weggeschickt, und bald hörte

man in dem noch immer halbdunklen Saal nichts anderes als die Hufe der

galoppierenden Pferde und man sah kaum etwas anderes als Macks erhobenen Arm, mit

dem er Karl ein Kommando gab. Nach einer halben Stunde solchen wie Schlaf

vergehenden Vergnügens wurde haltgemacht. Mack war in großer Eile, verabschiedete

sich von Karl, klopfte ihm manchmal auf die Wange, wenn er mit seinem Reiten

besonders zufrieden gewesen war, und verschwand, ohne vor großer Eile mit Karl auch

nur gemeinsam durch die Tür hinauszugehen. Karl nahm dann den Professor mit ins

Automobil, und sie fuhren zu ihrer Englischstunde meist auf Umwegen, denn bei der

Fahrt durch das Gedränge der großen Straße, die eigentlich direkt von dem Hause des

Onkels zur Reitschule führte, wäre zuviel Zeit verlorengegangen. Im übrigen hörte

wenigstens diese Begleitung des Englischprofessors bald auf, denn Karl, der sich

Vorwürfe machte, den müden Mann nutzlos in die Reitschule zu bemühen, zumal die

englische Verständigung mit Mack eine sehr einfache war, bat den Onkel, den Professor

von dieser Pflicht zu entheben. Nach einiger Überlegung gab der Onkel dieser Bitte

auch nach.

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Verhältnismäßig lange dauerte es, ehe sich der Onkel entschloß, Karl auch nur einen

kleinen Einblick in sein Geschäft zu erlauben, obwohl Karl öfters darum ersucht hatte.

Es war eine Art Kommissions-und Speditionsgeschäftes, wie sie, soweit sich Karl

erinnern konnte, in Europa vielleicht gar nicht zu finden war. Das Geschäft bestand

nämlich in einem Zwischenhandel, der aber die Waren nicht etwa von den Produzenten

zu den Konsumenten oder vielleicht zu den Händlern vermittelte, sondern welcher die

Vermittlung aller Waren und Urprodukte für die großen Fabrikskartelle und zwischen

ihnen besorgte. Es war daher ein Geschäft, welches in einem Käufe, Lagerungen,

Transporte und Verkäufe riesenhaften Umfangs umfaßte und ganz genaue,

unaufhörliche telephonische und telegraphische Verbindungen mit den Klienten

unterhalten mußte. Der Saal der Telegraphen war nicht kleiner, sondern größer als das

Telegraphenamt der Vaterstadt, durch das Karl einmal an der Hand eines dort

bekannten Mitschülers gegangen war. Im Saal der Telephone gingen, wohin man

schaute, die Türen der Telephonzellen auf und zu, und das Läuten war sinnverwirrend.

Der Onkel öffnete die nächste dieser Türen, und man sah dort im sprühenden

elektrischen Licht einen Angestellten, gleichgültig gegen jedes Geräusch der Türe, den

Kopf eingespannt in ein Stahlband, das ihm die Hörmuscheln an die Ohren drückte. Der

rechte Arm lag auf einem Tischchen, als wäre er besonders schwer, und nur die Finger,

welche den Bleistift hielten, zuckten unmenschlich gleichmäßig und rasch. In den

Worten, die er in den Sprechtrichter sagte, war er sehr sparsam, und oft sah man sogar,

daß er vielleicht gegen den Sprecher etwas einzuwenden hatte, ihn etwas genauer fragen

wollte, aber gewisse Worte, die er hörte, zwangen ihn, ehe er seine Absicht ausführen

konnte, die Augen zu senken und zu schreiben. Er mußte auch nicht reden, wie der

Onkel Karl leise erklärte, denn die gleichen Meldungen, wie sie dieser Mann aufnahm,

wurden noch von zwei anderen Angestellen gleichzeitig aufgenommen und dann

verglichen, so daß Irrtümer möglichst ausgeschlossen waren. In dem gleichen

Augenblick, als der Onkel und Karl aus der Tür getreten waren, schlüpfte ein Praktikant

hinein und kam mit dem inzwischen beschriebenen Papier heraus. Mitten durch den Saal

war ein beständiger Verkehr von hin- und hergejagten Leuten. Keiner grüßte, das

Grüßen war abgeschafft, jeder schloß sich den Schritten des ihm Vorhergehenden an

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und sah auf den Boden, auf dem er möglichst rasch vorwärtskommen wollte, oder fing

mit den Blicken wohl nur einzelne Worte oder Zahlen von Papieren ab, die er in der

Hand hielt und die bei seinem Laufschritt flatterten.

»Du hast es wirklich weit gebracht«, sagte Karl einmal auf einem dieser Gänge durch den

Betrieb, auf dessen Durchsicht man viele Tage verwenden mußte, selbst wenn man jede

Abteilung gerade nur gesehen haben wollte.

»Und alles habe ich vor dreißig Jahren selbst eingerichtet, mußt du wissen. Ich hatte

damals im Hafenviertel ein kleines Geschäft, und wenn dort im Tag fünf Kisten

abgeladen waren, so war es viel und ich ging aufgeblasen nach Hause. Heute habe ich die

drittgrößten Lagerhäuser im Hafen, und jener Laden ist das Eßzimmer und die

Gerätekammer der fünfundsechzigsten Gruppe meiner Packträger.«

»Das grenzt ja ans Wunderbare«, sagte Karl.

»Al e Entwicklungen gehen hier so schnell vor sich«, sagte der Onkel, das Gespräch

abbrechend.

Eines Tages kam der Onkel knapp vor der Zeit des Essens, das Karl wie gewöhnlich

allein einzunehmen gedachte, und forderte ihn auf, sich gleich schwarz anzuziehen und

mit ihm zum Essen zu kommen, an welchem zwei Geschäftsfreunde teilnehmen

würden. Während Karl sich im Nebenzimmer umkleidete, setzte sich der Onkel zum

Schreibtisch und sah die gerade beendete Englischaufgabe durch, schlug mit der Hand

auf den Tisch und rief laut: »Wirklich ausgezeichnet!«

Zweifellos gelang das Anziehen besser, als Karl dieses Lob hörte, aber er war auch

wirklich seines Englischen schon ziemlich sicher.

Im Speisezimmer des Onkels, das er vom ersten Abend seiner Ankunft noch in

Erinnerung hatte, erhoben sich zwei große, dicke Herren zur Begrüßung, ein gewisser

Green der eine, ein gewisser Pollunder der zweite, wie sich während des Tischgesprächs

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herausstellte. Der Onkel pflegte nämlich kaum ein flüchtiges Wort über irgendwelche

Bekannten auszusprechen und überließ es immer Karl, durch eigene Beobachtung das

Notwendige oder Interessante herauszufinden. Nachdem während des eigentlichen

Essens nur intime geschäftliche Angelegenheiten besprochen worden waren, was für

Karl eine gute Lektion hinsichtlich kaufmännischer Ausdrücke bedeutete, und man Karl

still mit seinem Essen sich hatte beschäftigen lassen, als sei er ein Kind, das sich vor

allem ordentlich sattessen müsse, beugte sich Herr Green zu Karl hin und fragte in dem

unverkennbaren Bestreben, ein möglichst deutliches Englisch zu sprechen, im

allgemeinen nach Karls ersten amerikanischen Eindrücken. Karl antwortete unter einer

Sterbensstille ringsherum mit einigen Seitenblicken auf den Onkel ziemlich ausführlich

und suchte sich zum Dank durch eine etwas New Yorkisch gefärbte Redeweise

angenehm zu machen. Bei einem Ausdruck lachten sogar alle drei Herren durcheinander,

und Karl fürchtete schon, einen groben Fehler gemacht zu haben; jedoch nein, er hatte,

wie Herr Pollunder erklärte, sogar etwas sehr Gelungenes gesagt. Dieser Herr Pollunder

schien überhaupt an Karl ein besonderes Gefallen zu finden, und während der Onkel

und Herr Green wieder zu den geschäftlichen Besprechungen zurückkehrten, ließ Herr

Pollunder Karl seinen Sessel nahe zu sich hinschieben, fragte ihn zuerst vielerlei über

seinen Namen, seine Herkunft und seine Reise aus, bis er dann schließlich, um Karl

wieder ausruhen zu lassen, lachend, hustend und eilig selbst von sich und seiner Tochter

erzählte, mit der er auf einem kleinen Landgut in der Nähe von New York wohnte, wo

er aber allerdings nur die Abende verbringen konnte, denn er war Bankier, und sein

Beruf hielt ihn in New York den ganzen Tag fest. Karl wurde auch gleich herzlichst

eingeladen, auf dieses Landgut hinauszukommen, ein so frischgebackener Amerikaner

wie Karl habe ja auch sicher das Bedürfnis, sich von New York manchmal zu erholen.

Karl bat den Onkel sofort um die Erlaubnis, diese Einladung annehmen zu dürfen, und

der Onkel gab auch scheinbar freudig diese Erlaubnis, ohne aber ein bestimmtes Datum

zu nennen oder auch nur in Erwägung ziehen zu lassen, wie es Karl und Herr Pol under

erwartet hatten.

Aber schon am nächsten Tage wurde Karl in ein Büro des Onkels beordert (der Onkel

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hatte zehn verschiedene Büros allein in diesem Hause), wo er den Onkel und Herrn

Pollunder ziemlich einsilbig in den Fauteuils liegend antraf.

»Herr Pollunder«, sagte der Onkel, er war in der Abenddämmerung des Zimmers kaum

zu erkennen, »Herr Pollunder ist gekommen, um dich auf sein Landgut mitzunehmen,

wie wir es gestern besprochen haben«

»Ich wußte nicht, daß es schon heute sein sollte«, antwortete Karl, »sonst wäre ich schon

vorbereitet.«

»Wenn du nicht vorbereitet bist, dann verschieben wir vielleicht den Besuch besser für

nächstens«, meinte der Onkel. »Was für Vorbereitungen!« rief Herr Pollunder. »Ein

junger Mann ist immer vorbereitet.«

»Es ist nicht seinetwegen«, sagte der Onkel, zu seinem Gaste gewendet, »aber er müßte

immerhin noch in sein Zimmer hinaufgehen, und Sie wären aufgehalten.«

»Es ist auch dazu reichlich Zeit«, sagte Herr Pollunder, »ich habe auch eine Verzögerung

vorbedacht und früher Geschäftsschluß gemacht.«

»Du siehst«, sagte der Onkel, »was für Unannehmlichkeiten dein Besuch schon jetzt

veranlaßt.«

»Es tut mir leid«, sagte Karl, »aber ich werde gleich wieder da sein«, und wollte schon

wegspringen.

»Übereilen Sie sich nicht«, sagte Herr Pollunder.

»Sie machen mir nicht die geringsten Unannehmlichkeiten, dagegen macht mir Ihr

Besuch eine reine Freude.«

»Du versäumst morgen deine Reitstunde, hast du sie schon abgesagt?«

»Nein«, sagte Karl, dieser Besuch, auf den er sich gefreut hatte, fing an, eine Last zu

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werden, »ich wußte ja nicht ­«

»Und trotzdem willst du wegfahren?« fragte der Onkel weiter.

Herr Pollunder, dieser freundliche Mensch, kam zu Hilfe. »Wir werden auf der Fahrt bei

der Reitschule halten und die Sache in Ordnung bringen.«

»Das läßt sich hören«, sagte der Onkel. »Aber Mack wird dich doch erwarten.«

»Erwarten wird er mich nicht«, sagte Karl, »aber er wird allerdings hinkommen.«

»Nun also?« sagte der Onkel, als wäre Karls Antwort nicht die geringste Rechtfertigung

gewesen.

Wieder sagte Herr Pollunder das Entscheidende: »Aber Klara« ­ sie war Herrn

Pollunders Tochter ­ »erwartet ihn auch und schon heute abend, und sie hat wohl den

Vorzug vor Mack?«

»Allerdings«, sagte der Onkel. »Also lauf schon in dein Zimmer«, und er schlug

mehrmals wie ohne Wil en gegen die Armlehne des Fauteuils. Karl war schon bei der

Tür, als ihn der Onkel noch mit der Frage zurückhielt: »Zur Englischstunde bist du doch

wohl morgen früh wieder hier?«

»Aber!« rief Herr Pollunder und drehte sich, soweit es seine Dicke erlaubte, in seinem

Fauteuil vor Erstaunen. »Ja darf er denn nicht wenigstens den morgigen Tag draußen

bleiben? Ich brächte ihn dann übermorgen früh wieder zurück?«

»Das geht auf keinen Fall«, erwiderte der Onkel. »Ich kann sein Studium nicht so in

Unordnung kommen lassen. Später, wenn er in einem an und für sich geregelten

Berufsleben sein wird, werde ich ihm sehr gern auch für längere Zeit erlauben, einer so

freundlichen und ehrenden Einladung zu folgen«

>Was das für Widersprüche sind! 44


Herr Pol under war traurig geworden.

»Für einen Abend und eine Nacht steht es aber wirklich fast nicht dafür.«

»Das war auch meine Meinung«, sagte der Onkel.

»Man muß nehmen, was man bekommt«, sagte Herr Pollunder und lachte schon wieder.

»Also, ich warte!« rief er Karl zu, welcher, da der Onkel nichts mehr sagte, davoneilte.

Als er bald reisefertig zurückkehrte, traf er im Büro nur noch Herrn Pollunder, der

Onkel war fortgegangen. Herr Pollunder schüttelte Karl ganz glücklich beide Hände, als

wolle er sich so stark als möglich dessen vergewissern, daß Karl nun doch mitfahre. Karl

war noch ganz erhitzt von der Eile und schüttelte auch seinerseits Herrn Pollunders

Hände, er freute sich, den Ausflug machen zu können.

»Hat sich der Onkel nicht darüber geärgert, daß ich fahre?«

»Aber nein! Das hat er ja alles nicht so ernst gemeint. Ihre Erziehung liegt ihm eben am

Herzen.«

»Hat er es Ihnen selbst gesagt, daß er das Frühere nicht so ernst gemeint hat?«

»O ja«, sagte Herr Pollunder gedehnt und bewies damit, daß er nicht lügen konnte.

»Es ist merkwürdig, wie ungern er mir die Erlaubnis gegeben hat, Sie zu besuchen,

obwohl Sie doch sein Freund sind.«

Auch Herr Pollunder konnte, obwohl er dies nicht offen eingestand, keine Erklärung

dafür finden, und beide dachten, als sie in Herrn Pollunders Automobil durch den

warmen Abend fuhren, noch lange darüber nach, ob wohl sie gleich von anderen

Dingen sprachen.

Sie saßen eng beieinander, und Herr Pollunder hielt Karls Hand in der seinen, während

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er erzählte. Karl wollte vieles über das Fräulein Klara hören, als sei er ungeduldig über

die lange Fahrt und könne mit Hilfe der Erzählungen früher ankommen als in

Wirklichkeit. Obwohl er am Abend noch niemals durch die New Yorker Straßen

gefahren war, und über Trottoir und Fahrbahn, alle Augenblicke die Richtung

wechselnd, wie in einem Wirbelwind der Lärm jagte, nicht wie von Menschen

verursacht, sondern wie ein fremdes Element, kümmerte sich Karl, während er Herrn

Pollunders Worte genau aufzunehmen suchte, um nichts anderes als Herrn Pol unders

dunkle Weste, über die quer eine dunkle Kette ruhig hing. Aus den Straßen, wo das

Publikum in großer, unverhüllter Furcht vor Verspätung in fliegendem Schritt und in

Fahrzeugen, die zu möglichster Eile gebracht waren, zu den Theatern drängte, kamen sie

durch Übergangsbezirke in die Vorstädte, wo ihr Automobil durch Polizeileute zu Pferd

immer wieder in Seitenstraßen gewiesen wurde, da die großen Straßen von den

demonstrierenden den Metallarbeitern, die im Streik standen, besetzt waren und nur der

notwendigste Wagenverkehr an den Kreuzungsstellen gestattet werden konnte.

Durchquerte dann das Automobil, aus dunkleren, dumpf hallenden Gassen kommend,

eine dieser, ganzen Plätzen gleichenden, großen Straßen, dann er schienen nach beiden

Seiten hin in Perspektiven, denen niemand bis zum Ende folgen konnte, die Trottoirs

angefüllt mit einer in winzigen Schritten sich bewegenden Masse, deren Gesang

einheitlicher war als der einer einzigen Menschenstimme. In der freigehaltenen Fahrbahn

aber sah man hie und da einen Polizisten auf unbeweglichem Pferde oder Träger von

Fahnen oder beschriebenen, über die Straße gespannten Tüchern oder einer von

Mitarbeitern und Ordonnanzen umgebenen Arbeiterführer oder einen Wagen der

elektrischen Straßenbahn, der sich nicht rasch genug geflüchtet hatte und nun leer und

dunkel dastand, während der Führer und der Schaffner auf der Plattform saßen. Kleine

Trupps von Neugierigen standen weit entfernt von den wirklichen Demonstranten und

verließen ihre Plätze nicht, obwohl sie über die eigentlichen Ereignisse im Unklaren

blieben. Karl aber lehnte froh in dem Arm, den Herr Pollunder um ihn gelegt hatte; die

Überzeugung, daß er bald in einem beleuchteten, von Mauern umgebenen, von Hunden

bewachten Landhause ein willkommener Gast sein werde, tat ihm über alle Maßen wohl,

und wenn er auch wegen einer beginnenden Schläfrigkeit nicht mehr al es, was Herr

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Pollunder sagte, fehlerlos oder wenigstens nicht ohne Unterbrechung auffaßte, so raffte

er sich doch von Zeit zu Zeit auf und wischte sich die Augen, um wieder für eine Weile

festzustellen, ob Herr Pollunder seine Schläfrigkeit bemerke, denn das wollte er um

jeden Preis vermieden wissen.

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Ein Landhaus bei New York

»Wir sind angekommen«, sagte Herr Pollunder gerade in einem von Karls verlorenen

Momenten. Das Automobil stand vor einem Landhaus, das, nach der Art von

Landhäusern reicher Leute in der Umgebung New Yorks, umfangreicher und höher war,

als es sonst für ein Landhaus nötig ist, das bloß einer Familie dienen soll. Da nur der

untere Teil des Hauses beleuchtet war, konnte man gar nicht bemessen, wie weit es in

die Höhe reichte. Vorne rauschten Kastanienbäume, zwischen denen ­ das Gitter war

schon geöffnet ­ ein kurzer Weg zur Freitreppe des Hauses führte. An seiner Müdigkeit

beim Aussteigen glaubte Karl zu bemerken, daß die Fahrt doch ziemlich lang gedauert

hatte. Im Dunkel der Kastanienallee hörte er eine Mädchenstimme neben sich sagen:

»Da ist ja endlich der Herr Jakob.«

»Ich heiße Roßmann«, sagte Karl und faßte die ihm hingereichte Hand eines Mädchens,

das er jetzt in Umrissen erkannte.

»Er ist ja nur Jakobs Neffe«, sagte Herr Pollunder erklärend, »und heißt selbst Karl

Roßmann.«

»Das ändert nichts an unserer Freude, ihn hier zu haben«, sagte das Mädchen, dem an

Namen nicht viel lag.

Trotzdem fragte Karl noch, während er zwischen Herrn Pollunder und dem Mädchen

auf das Haus zuschritt: »Sie sind das Fräulein Klara?«

»Ja«, sagte sie, und schon fiel ein wenig unterscheidendes Licht vom Hause her auf ihr

Gesicht, das sie ihm zuneigte, »ich wol te mich aber hier in der Finsternis nicht

vorstellen.«

>Ja hat sie uns denn am Gitter erwartet? aufwachte.

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»Wir haben übrigens noch einen Gast heute abend«, sagte Klara.

»Nicht möglich!« rief Pollunder ärgerlich.

»Herrn Green«, sagte Klara.

»Wann ist er gekommen?« fragte Karl, wie in einer Ahnung befangen.

»Vor einem Augenblick. Habt ihr denn sein Automobil nicht vor dem eueren gehört?«

Karl sah zu Pollunder auf, um zu erfahren, wie er die Sache beurteile, aber der hatte die

Hände in den Hosentaschen und stampfte bloß etwas stärker im Gehen.

»Es nützt nichts, nur knapp außerhalb New Yorks zu wohnen, von Störungen bleibt

man nicht verschont. Wir werden unseren Wohnsitz unbedingt noch weiter verlegen

müssen; und sollte ich die halbe Nacht durchfahren müssen, ehe ich nach Hause

komme.«

Sie blieben an der Freitreppe stehen.

»Aber Herr Green war doch schon sehr lange nicht hier«, sagte Klara, die offenbar mit

ihrem Vater gänzlich einverstanden war, ihn aber über sich hinaus beruhigen wollte.

»Warum kommt er denn gerade heute abend«, sagte Pollunder, und die Rede rollte

schon wütend über die wulstige Unterlippe, die als loses, schweres Fleisch leicht in große

Bewegung kam.

»Al erdings!« sagte Klara.

»Viel eicht wird er bald wieder weggehen«, bemerkte Karl und staunte selbst über das

Einverständnis, in welchem er sich mit diesen noch gestern ihm gänzlich fremden

Leuten befand.

»O nein«, sagte Klara, »er hat irgendein großes Geschäft für Papa, dessen Besprechung

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wahrscheinlich lange dauern wird, denn er hat mir schon im Spaß gedroht, daß ich, wenn

ich eine höfliche Hauswirtin sein will, bis zum Morgen werde zuhören müssen.«

»Also auch das noch. Dann bleibt er über Nacht!« rief Pollunder, als sei damit endlich

das Schlimmste erreicht.

»Ich hätte wahrhaftig Lust«, sagte er und wurde freundlicher durch den neuen

Gedanken, »ich hätte wahrhaftig Lust, Sie, Herrn Roßmann, wieder ins Automobil zu

nehmen und zu Ihrem Onkel zurückzubringen. Der heutige Abend ist schon von

vornherein gestört, und wer weiß, wann Sie uns nächstens Ihr Herr Onkel wieder

überläßt. Bringe ich Sie aber heute schon wieder zurück, so wird er Sie uns nächstens

doch nicht verweigern können.«

Und er faßte Karl schon bei der Hand, um seinen Plan auszuführen. Aber Karl rührte

sich nicht, und Klara bat, ihn hierzulassen, denn zumindest sie und Karl würden von

Herrn Green nicht im geringsten gestört werden können, und schließlich merkte auch

Pollunder selbst, daß sein Entschluß nicht der festeste war. Überdies ­ und dies war

vielleicht das Entscheidende ­ hörte man plötzlich Herrn Green vom obersten

Treppenaufsatz in den Garten hinunterrufen: »Wo bleibt ihr denn?«

»Kommt«, sagte Pollunder und bog auf die Freitreppe ein. Hinter ihm gingen Karl und

Klara, die einander jetzt im Licht studierten.

>Die roten Lippen, die sie hat Pollunder und wie schön sie sich in der Tochter verwandelt hatten.

»Nach dem Nachtmahl«, so sagte sie »werden wir, wenn es Ihnen recht ist, gleich in

meine Zimmer gehen, damit wir wenigstens diesen Herrn Green los sind, wenn schon

Papa sich mit ihm beschäftigen muß. Und Sie werden dann so freundlich sein, mir

Klavier vorzuspielen, denn Papa hat schon erzählt, wie gut Sie das können, ich aber bin

leider ganz unfähig, Musik auszuüben, und rühre mein Klavier nicht an, so sehr ich die

Musik eigentlich liebe.«

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Mit dem Vorschlag Klaras war Karl ganz einverstanden, wenn er auch gern Herrn

Pollunder mit in ihre Gesellschaft hätte ziehen wollen. Vor der riesigen Gestalt Greens ­

an Pollunders Größe hatte sich Karl eben schon gewöhnt ­, die sich vor ihnen, wie sie

die Stufen hinaufstiegen, langsam entwickelte, wich allerdings von Karl jede Hoffnung,

diesem Mann den Herrn Pollunder heute abend irgendwie zu entlocken.

Herr Green empfing sie sehr eilig, als sei vieles einzuholen, nahm Herrn Pollunders Arm

und schob Karl und Klara vor sich in das Speisezimmer, das besonders infolge der

Blumen auf dem Tische, die sich aus Streifen frischen Laubes halb aufrichteten, sehr

festlich aussah und doppelt die Anwesenheit des störenden Herrn Green bedauern ließ.

Gerade freute sich noch Karl, der beim Tische wartete, bis die anderen sich setzten, daß

die große Glastüre zum Garten hin offen bleiben würde, denn ein starker Duft wehte

herein wie in eine Gartenlaube, da ging gerade Herr Green unter Schnaufen daran, diese

Glastüre zuzumachen, bückte sich nach den untersten Riegeln, streckte sich nach den

obersten und al es so jugendlich rasch, daß der herbeieilende Diener nichts mehr zu tun

fand. Die ersten Worte des Herrn Green bei Tische waren Ausdrücke des Staunens

darüber, daß Karl die Erlaubnis des Onkels zu diesem Besuche bekommen hatte. Einen

gefüllten Suppenlöffel nach dem anderen hob er zum Mund und erklärte rechts zu

Klara, links zu Herrn Pol under, warum er so staune und wie der Onkel über Karl wache

und wie die Liebe des Onkels zu Karl zu groß sei, als daß man sie noch die Liebe eines

Onkels nennen könne.

>Nicht genug, daß er sich hier unnötig einmischt, mischt er sich noch gleichzeitig

zwischen mich und den Onkel ein goldfarbigen Suppe hinunterbringen. Dann wollte er sich aber wieder nichts anmerken

lassen, wie gestört er sich fühlte, und begann die Suppe stumm in sich hineinzuschütten.

Das Essen verging langsam wie eine Plage. Nur Herr Green und höchstens noch Klara

waren lebhaft und fanden mitunter Gelegenheit zu einem kurzen Lachen. Herr

Pollunder verfing sich nur einige Male in die Unterhaltung, wenn Herr Green von

Geschäften zu sprechen anfing. Doch zog er sich auch von solchen Gesprächen bald

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zurück, und Herr Green mußte ihn nach einiger Zeit wieder unvermutet damit

überraschen. Er legte übrigens Gewicht darauf ­ und da war es, daß Karl, der

aufhorchte, als drohe etwas, von Klara darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß

der Braten vor ihm stand und er bei einem Abendessen war ­, daß er von vornherein

nicht die Absicht gehabt habe, diesen unerwarteten Besuch zu machen. Denn wenn auch

das Geschäft, von dem noch gesprochen werden solle, von besonderer Dringlichkeit sei,

so hätte wenigstens das Wichtigste heute in der Stadt verhandelt und das

Nebensächlichere für morgen oder später aufgespart werden können. Und so sei er auch

tatsächlich, noch lange vor Geschäftsschluß, bei Herrn Pollunder gewesen, habe ihn aber

nicht angetroffen, so daß er gezwungen gewesen sei, nach Hause zu telephonieren, daß

er über Nacht ausbleibe, und herauszufahren.

»Dann muß ich um Entschuldigung bitten«, sagte Karl laut und ehe jemand Zeit zur

Antwort hatte, »denn ich bin daran schuld, daß Herr Pollunder sein Geschäft heute

früher verließ, und es tut mir sehr leid.«

Herr Pollunder bedeckte den größeren Teil seines Gesichtes mit der Serviette, während

Klara Karl zwar anlächelte, doch war es kein teilnehmendes Lächeln, sondern eines, das

ihn irgendwie beeinflussen sollte.

»Da braucht es keine Entschuldigung«, sagte Herr Green, der gerade eine Taube mit

scharfen Schnitten zerlegte, »ganz im Gegenteil, ich bin ja froh, den Abend in so

angenehmer Gesellschaft zu verbringen, statt das Nachtmahl allein zu Hause

einzunehmen, wo mich meine alte Wirtschafterin bedient, die so alt ist, daß ihr schon

der Weg von der Tür zu meinem Tisch schwer fällt, und ich mich für lange in meinen

Sessel zurücklehnen kann, wenn ich sie auf diesem Gang beobachten will. Erst vor

kurzem habe ich durchgesetzt, daß der Diener die Speisen bis zur Tür des

Speisezimmers bringt, der Weg aber von der Tür zu meinem Tisch gehört ihr, soweit ich

sie verstehe.«

»Mein Gott«, rief Klara, »ist das eine Treue!«

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»Ja, es gibt noch Treue auf der Welt«, sagte Herr Green und führte einen Bissen in den

Mund, wo die Zunge, wie Karl zufällig bemerkte, mit einem Schwunge die Speise ergriff.

Ihm wurde fast übel und er stand auf. Fast gleichzeitig griffen Herr Pollunder und Klara

nach seinen Händen.

»Sie müssen noch sitzen bleiben«, sagte Klara. Und als er sich wieder gesetzt hatte,

flüsterte sie ihm zu: »Wir werden bald zusammen verschwinden. Haben Sie Geduld.«

Herr Green hatte sich inzwischen ruhig mit seinem Essen beschäftigt, als sei es Herrn

Pollunders und Klaras natürliche Aufgabe, Karl zu beruhigen, wenn er ihm Übelkeiten

verursachte.

Das Essen zog sich besonders durch die Genauigkeit in die Länge, mit der Herr Green

jeden Gang behandelte, wenn er auch immer bereit war, jeden neuen Gang ohne

Ermüdung zu empfangen, es bekam wirklich den Anschein, als wolle er sich von seiner

alten Wirtschafterin gründlich erholen. Hin und wieder lobte er Fräulein Klaras Kunst in

der Führung des Hauswesens, was ihr sichtlich schmeichelte, während Karl versucht

war, ihn abzuwehren, als greife er sie an. Aber Herr Green begnügte sich nicht einmal

mit ihr, sondern bedauerte öfters, ohne vom Tel er aufzusehen, die auffallende

Appetitlosigkeit Karls. Herr Pollunder nahm Karls Appetit in Schutz, obwohl er als

Gastgeber Karl auch zum Essen hätte aufmuntern sollen. Und tatsächlich fühlte sich

Karl durch den Zwang, unter dem er während des ganzen Nachtmahls litt, so

empfindlich, daß er gegen die eigene bessere Einsicht diese Äußerung Herrn Pollunders

als Unfreundlichkeit auslegte. Und es entsprach nur diesem seinen Zustand, daß er

einmal ganz unpassend rasch und viel aß und dann wieder für lange Zeit müde Gabel

und Messer sinken ließ und der Unbeweglichste der Gesellschaft war, mit dem der

Diener, der die Speisen reichte, oft nichts anzufangen wußte.

»Ich werde schon morgen dem Herrn Senator erzählen, wie Sie das Fräulein Klara durch

Ihr Nichtessen gekränkt haben«, sagte Herr Green und beschränkte sich darauf, die

spaßige Absicht dieser Worte durch die Art, wie er mit dem Besteck hantierte,

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auszudrücken.

»Sehen Sie nur das Mädchen an, wie traurig es ist«, fuhr er fort und griff Klara unters

Kinn. Sie ließ es geschehen und schloß die Augen.

»Du Dingschen«, rief er, lehnte sich zurück und lachte, hochrot im Gesicht, mit der

Kraft des Gesättigten. Vergebens suchte sich Karl das Benehmen Herrn Pollunders zu

erklären. Der saß vor seinem Teller und sah in ihn, als geschähe dort das eigentlich

Wichtige. Er zog Karls Sessel nicht näher zu sich und, wenn er einmal sprach, so sprach

er zu allen, aber zu Karl hatte er nichts Besonderes zu reden. Dagegen duldete er, daß

Green, dieser alte, ausgepichte New Yorker Junggeselle, mit deutlicher Absicht Klara

berührte, daß er Karl, Pollunders Gast, beleidigte oder wenigstens als Kind behandelte

und wer weiß zu welchen Taten sich stärkte und vordrang.

Nach Aufhebung der Tafel ­ als Green die allgemeine Stimmung merkte, war er der

erste, der aufstand und gewissermaßen alle mit sich erhob ­ ging Karl allein abseits zu

einem der großen, durch schmale weiße Leisten geteilten Fenster, die zur Terrasse

führten und die eigentlich, wie er beim Nähertreten merkte, richtige Türen waren. Was

war von der Abneigung übriggeblieben, die Herr Pollunder und seine Tochter anfangs

gegenüber Green gefühlt hatten und die damals Karl etwas unverständlich

vorgekommen war. Jetzt standen sie mit Green beisammen und nickten ihm zu. Der

Rauch aus Herrn Greens Zigarre, einem Geschenk Pollunders, die von jener Dicke war,

von der der Vater zu Hause hie und da als von einer Tatsache zu erzählen pflegte, die er

wahrscheinlich selbst mit eigenen Augen niemals gesehen hatte, verbreitete sich in dem

Saal und trug Greens Einfluß auch in Winkel und Nischen, die er persönlich niemals

betreten würde. Soweit entfernt Karl auch stand, noch spürte er von dem Rauch einen

Kitzel in der Nase, und das Benehmen Herrn Greens, nach welchem er sich von seinem

Platz aus nur einmal schnell umsah, erschien ihm infam. Jetzt hielt er es gar nicht mehr

für ausgeschlossen, daß ihm der Onkel die Erlaubnis zu diesem Besuch nur deshalb so

lange verweigert hatte, weil er den schwachen Charakter Herrn Pollunders kannte und

infolgedessen eine Kränkung Karls bei diesem Besuch, wenn auch nicht genau

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voraussah, so doch im Bereich der Möglichkeit erblickte. Auch das amerikanische

Mädchen gefiel ihm nicht, obwohl er sich sie durchaus nicht etwa viel schöner

vorgestellt hatte. Seit sich Herr Green mit ihr abgegeben hatte, war er sogar überrascht

von der Schönheit, deren ihr Gesicht fähig war, und besonders von dem Glanz ihrer

unbändig bewegten Augen. Einen Rock, der so fest wie der ihre den Körper

umschlossen hätte, hatte er noch niemals gesehen, kleine Falten in dem gelblichen,

zarten und festen Stoff zeigten die Stärke der Spannung. Und doch lag Karl gar nichts an

ihr und er hätte gern darauf verzichtet, auf ihre Zimmer geführt zu werden, wenn er statt

dessen die Tür, auf deren Klinke er für jeden Fall die Hände gelegt hatte, hätte öffnen,

ins Automobil steigen oder, wenn der Chauffeur schon schlief, allein nach New York

hätte spazieren dürfen. Die klare Nacht mit dem ihm zugeneigten vol en Mond stand

frei für jedermann, und draußen im Freien vielleicht Furcht zu haben schien Karl

sinnlos. Er stellte sich vor ­ und zum erstenmal wurde ihm in diesem Saale wohl ­, wie

er am Morgen ­ früher dürfte er kaum zu Fuß nach Hause kommen ­ den Onkel

überraschen wollte. Er war zwar noch niemals in seinem Schlafzimmer gewesen, wußte

auch gar nicht, wo es lag, aber er wollte es schon erfragen. Dann wollte er anklopfen und

auf das förmliche »Herein!« ins Zimmer laufen und den lieben Onkel, den er bisher

immer nur bis hoch hinauf angezogen und zugeknöpft kannte, aufrecht im Bette sitzend,

die Augen erstaunt zur Tür gerichtet, im Nachthemd überraschen. Das war ja an und für

sich vielleicht noch nicht viel, aber man mußte nur ausdenken, was das zur Folge haben

könnte. Vielleicht würde er zum erstenmal gemeinsam mit seinem Onkel frühstücken,

der Onkel im Bett, er auf einem Sessel, das Frühstück auf einem Tischchen zwischen

ihnen, vielleicht würde dieses gemeinsame Frühstück zu einer ständigen Einrichtung

werden, vielleicht würden sie infolge dieser Art Frühstück, was sogar kaum zu vermeiden

war, öfters als wie bisher bloß einmal während des Tages zusammenkommen und dann

natürlich auch offener miteinander reden können. Es lag ja schließlich nur an dem

Mangel dieser offenen Aussprache, wenn er heute dem Onkel gegenüber etwas

unfolgsam oder, besser, starrköpfig gewesen war. Und wenn er auch heute über Nacht

hierbleiben mußte ­ es sah leider ganz danach aus, obwohl man ihn hier beim Fenster

stehen und auf eigene Faust sich unterhalten ließ ­, vielleicht wurde dieser unglückliche

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Besuch der Wendepunkt zum Besseren in dem Verhältnis zum Onkel, vielleicht hatte

der Onkel in seinem Schlafzimmer heute abend ähnliche Gedanken.

Ein wenig getröstet wandte er sich um. Klara stand vor ihm und sagte: »Gefällt es Ihnen

denn gar nicht bei uns? Wollen Sie sich hier nicht ein wenig heimisch fühlen? Kommen

Sie, ich will den letzten Versuch machen.«

Sie führte ihn quer durch den Saal zur Türe. An einem Seitentisch saßen die beiden

Herren bei leicht schäumenden, in hohe Gläser gefüllten Getränken, die Karl unbekannt

waren und die er zu kosten Lust gehabt hätte. Herr Green hatte einen Ellbogen auf dem

Tisch, sein ganzes Gesicht war Herrn Pollunder möglichst nahe gerückt; wenn man

Herrn Pollunder nicht gekannt hätte, hätte man ganz gut annehmen können, es werde

hier etwas Verbrecherisches besprochen und kein Geschäft. Während Herr Pollunder

mit freundlichem Blick Karl zur Türe folgte, sah sich Green, obwohl man doch schon

unwillkürlich sich den Blicken seines Gegenübers anzuschließen pflegt, auch nicht im

geringsten nach Karl um, welchem in diesem Benehmen der Ausdruck einer Art

Überzeugung Greens zu liegen schien, jeder, Karl für sich und Green für sich, solle hier

mit seinen Fähigkeiten auszukommen versuchen, die notwendige gesellschaftliche

Verbindung zwischen ihnen werde sich schon mit der Zeit durch den Sieg oder die

Vernichtung eines von beiden herstellen.

>Wenn er das meintdann ist er ein Narr. Ich will wahrhaftig nichts von

ihm, und er soll mich auch in Ruhe lassen. Kaum war er auf den Gang getreten, fiel ihm ein, daß er sich wahrscheinlich unhöflich

benommen hatte, denn mit seinen auf Green gehefteten Augen hatte er sich von Klara

aus dem Zimmer fast schleppen lassen. Desto williger ging er jetzt neben ihr her. Auf

dem Wege durch die Gänge traute er zuerst seinen Augen nicht, als er alle zwanzig

Schritte einen reich livrierten Diener mit einem Armleuchter stehen sah, dessen dicken

Schaft jene mit beiden Händen umschlossen hielten.

»Die neue elektrische Leitung ist bisher nur im Speisezimmer eingeführt«, erklärte Klara.

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»Wir haben dieses Haus erst vor kurzem gekauft und es gänzlich umbauen lassen, soweit

sich ein altes Haus mit seiner eigensinnigen Bauart überhaupt umbauen läßt.«

»Da gibt es also auch schon in Amerika alte Häuser«, sagte Karl.

»Natürlich«, sagte Klara lachend und zog ihn weiter. »Sie haben merkwürdige Begriffe

von Amerika.«

»Sie sollen mich nicht auslachen«, sagte er ärgerlich. Schließlich kannte er schon Europa

und Amerika, sie aber nur Amerika.

Im Vorübergehen stieß Klara mit leicht ausgestreckter Hand eine Tür auf und sagte,

ohne anzuhalten: »Hier werden Sie schlafen.«

Karl wollte sich natürlich das Zimmer gleich anschauen, aber Klara erklärte ungeduldig

und fast schreiend, das habe doch Zeit und er solle nur vorher mitkommen. Sie zogen

sich auf dem Gang ein wenig hin und her, schließlich meinte Karl, er müsse sich nicht in

allem nach Klara richten, riß sich los und trat in das Zimmer. Ein überraschendes

Dunkel vor dem Fenster erklärte sich durch einen Baumwipfel, der sich dort in seinem

vollen Umfang wiegte. Man hörte Vogelgesang. Im Zimmer selbst, das vom Mondlicht

noch nicht erreicht war, konnte man allerdings fast gar nichts unterscheiden. Karl

bedauerte, die elektrische Taschenlampe, die er vom Onkel geschenkt bekommen hatte,

nicht mitgenommen zu haben. In diesem Hause war ja eine Taschenlampe

unentbehrlich, hätte man ein paar solcher Lampen gehabt, hätte man die Diener schlafen

schicken können. Er setzte sich aufs Fensterbrett und sah und horchte hinaus. Ein

aufgestörter Vogel schien sich durch das Laubwerk des alten Baumes zu drängen. Die

Pfeife eines New Yorker Vorortzuges erklang irgendwo im Land. Sonst war es still.

Aber nicht lange, denn Klara kam eilends herein. Sichtlich böse rief sie: »Was soll denn

das?« und klatschte auf ihren Rock. Karl wollte erst antworten, wenn sie höflicher

geworden war. Aber sie ging mit großen Schritten auf ihn zu, rief: »Also wollen Sie mit

mir kommen oder nicht?«, stieß ihn mit Absicht oder bloß in der Erregung, derart in die

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Brust, daß er aus dem Fenster gestürzt wäre, hätte er nicht noch im letzten Augenblick,

vom Fensterbrett gleitend, mit den Füßen den Zimmerboden berührt.

»Jetzt wäre ich bald hinausgefallen«, sagte er vorwurfsvoll.

»Schade, daß es nicht geschehen ist. Warum sind Sie so unartig! Ich stoße Sie noch

einmal hinunter.«

Und wirklich umfaßte sie ihn und trug ihn, der, zuerst verblüfft, sich schwer zu machen

vergaß, mit ihrem vom Sport gestählten Körper fast bis zum Fenster. Aber dort besann

er sich, machte sich mit einer Wendung der Hüften los und umfaßte sie.

»Ach, Sie tun mir wohl«, sagte sie gleich.

Aber nun glaubte Karl, sie nicht mehr loslassen zu dürfen. Er ließ ihr zwar Freiheit,

Schritte nach Belieben zu machen, folgte ihr aber und ließ sie nicht los. Es war auch so

leicht, sie in ihrem engen Kleid zu umfassen.

»Lassen Sie mich«, flüsterte sie, das erhitzte Gesicht eng an seinem, er mußte sich

anstrengen, sie zu sehen, so nahe war sie ihm. »Lassen Sie mich, ich werde Ihnen etwas

Schönes geben.« >Warum seufzt sie soes kann ihr nicht wehtun, ich

drücke sie ja nicht unachtsamen, schweigenden Dastehens, fühlte er wieder ihre wachsende Kraft an

seinem Leib, und sie hatte sich ihm entwunden, faßte ihn mit gut ausgenütztem

Obergriff, wehrte seine Beine mit Fußstellungen einer fremdartigen Kampftechnik ab

und trieb ihn vor sich, mit großartiger Regelmäßigkeit Atem holend, gegen die Wand.

Dort war aber ein Kanapee, auf das legte sie Karl hin und sagte, ohne sich allzusehr zu

ihm hinabzubeugen: »Jetzt rühr dich, wenn du kannst.«

»Katze, tolle Katze«, konnte Karl gerade noch aus dem Durcheinander von Wut und

Scham rufen, in dem er sich befand. »Du bist ja wahnsinnig, du tolle Katze!«

»Gib acht auf deine Worte«, sagte sie und ließ die eine Hand zu seinem Halse gleiten,

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den sie so stark zu würgen anfing, daß Karl ganz unfähig war, etwas anderes zu tun als

Luft zu schnappen, während sie mit der anderen Hand an seine Wange fuhr, wie

probeweise sie berührte, sie wieder und zwar immer weiter in die Luft zurückzog und

jeden Augenblick mit einer Ohrfeige niederfallen lassen konnte.

»Wie wäre es«, fragte sie dabei, »wenn ich dich zur Strafe für dein Benehmen einer Dame

gegenüber mit einer tüchtigen Ohrfeige nach Hause schicken wollte? Vielleicht wäre es

dir nützlich für deinen künftigen Lebensweg, wenn es auch keine schöne Erinnerung

abgeben würde. Du tust mir ja leid und bist ein erträglich hübscher Junge und, hättest du

Jiu-Jitsu gelernt, hättest du wahrscheinlich mich durchgeprügelt. Trotzdem, trotzdem ­

es verlockt mich geradezu riesig, dich zu ohrfeigen, so wie du jetzt daliegst. Ich werde es

wahrscheinlich bedauern; wenn ich es aber tun sollte, so wisse schon jetzt, daß ich es fast

gegen meinen Willen tun werde. Und ich werde mich dann natürlich nicht mit einer

Ohrfeige begnügen, sondern rechts und links schlagen, bis dir die Backen anschwellen.

Und vielleicht bist du ein Ehrenmann ­ ich möchte es fast glauben ­ und wirst mit den

Ohrfeigen nicht weiterleben wollen und dich aus der Welt schaffen. Aber warum bist du

auch so gegen mich gewesen, gefalle ich dir vielleicht nicht? Lohnt es sich nicht, auf

mein Zimmer zu kommen? Achtung! Jetzt hätte ich dir schon fast unversehens die

Ohrfeige aufgeputzt. Wenn du heute also noch so loskommen solltest, benimm dich

nächstens feiner. Ich bin nicht dein Onkel, mit dem du trotzen kannst. Im übrigen wil

ich dich noch darauf aufmerksam machen, daß du, wenn ich dich ungeohrfeigt loslasse,

nicht glauben mußt, daß deine jetzige Lage und wirkliches Geohrfeigt werden vom

Standpunkt der Ehre aus das gleiche sind. Solltest du das glauben wollen, so würde ich

es doch vorziehen, dich wirklich zu ohrfeigen. Was wohl Mack sagen wird, wenn ich ihm

das alles erzähle.«

Bei der Erinnerung an Mack ließ sie Karl los, in seinen undeutlichen Gedanken erschien

ihm Mack wie ein Befreier. Er fühlte noch ein Weilchen Klaras Hand an seinem Hals,

wand sich daher noch ein wenig und lag dann still.

Sie forderte ihn auf, aufzustehen, er antwortete nicht und rührte sich nicht. Sie

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entzündete irgendwo eine Kerze, das Zimmer bekam Licht, ein blaues Zickzackmuster

erschien auf dem Plafond, aber Karl lag, den Kopf aufs Sofapolster aufgestützt so, wie

ihn Klara gebettet hatte, und wandte ihn nicht einen Fingerbreit. Klara ging im Zimmer

herum, ihr Rock rauschte um ihre Beine, wahrscheinlich beim Fenster blieb sie eine

lange Weile stehen.

»Ausgetrotzt?« hörte man sie dann fragen.

Karl empfand es schwer, in diesem Zimmer, das ihm doch von Herrn Pollunder für

diese Nacht zugedacht war, keine Ruhe bekommen zu können. Da wanderte dieses

Mädchen herum, blieb stehen und redete, und er hatte sie doch so unaussprechlich satt.

Rasch schlafen und von hier fortgehen war sein einziger Wunsch. Er wollte gar nicht

mehr ins Bett, nur hier auf dem Kanapee wollte er bleiben. Er lauerte nur darauf, daß sie

wegginge, um hinter ihr her zur Tür zu springen, sie zu verriegeln, und dann wieder

zurück auf das Kanapee sich zu werfen. Er hatte ein solches Bedürfnis, sich zu strecken

und zu gähnen, aber vor Klara wollte er das nicht tun. Und so lag er, starrte hinauf,

fühlte sein Gesicht immer unbeweglicher werden und eine ihn umkreisende Fliege

flimmerte ihm; vor den Augen, ohne daß er recht wußte, was es war.

Klara trat wieder zu ihm, beugte sich in die Richtung seiner Blicke und, hätte er sich

nicht bezwungen, hätte er sie schon anschauen müssen.

»Ich gehe jetzt«, sagte sie. »Vielleicht bekommst du später Lust, zu mir zu kommen. Die

Tür zu meinen Zimmern ist die vierte, von dieser Tür aus gerechnet, auf dieser Seite des

Ganges. Du gehst also an drei weiteren Türen vorüber und die, zu welcher du dann

kommst, ist die richtige. Ich gehe nicht mehr hinunter in den Saal, sondern bleibe schon

in meinem Zimmer. Du hast mich aber auch ordentlich müde gemacht. Ich werde nicht

gerade auf dich warten, aber wenn du kommen willst, so komm. Erinnere dich, daß du

versprochen hast, mir auf dem Klavier vorzuspielen. Aber vielleicht habe ich dich ganz

entnervt und du kannst dich nicht mehr rühren, dann bleib und schlaf dich aus. Dem

Vater sage ich vorläufig von unserer Rauferei kein Wort; ich bemerke das für den Fall,

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daß dir das Sorge machen sollte.« Darauf lief sie trotz ihrer angeblichen Müdigkeit mit

zwei Sprüngen aus dem Zimmer.

Sofort setzte sich Karl aufrecht, dieses Liegen war schon unerträglich geworden. Um ein

wenig Bewegung zu machen, ging er zur Tür und sah auf den Gang hinaus. War dort

aber eine Finsternis! Er war froh, als er die Tür zugemacht und abgesperrt hatte und

wieder bei seinem Tisch im Schein der Kerze stand. Sein Entschluß war, nicht länger in

diesem Haus zu bleiben, sondern hinunter zu Herrn Pollunder zu gehen, ihm offen zu

sagen, wie ihn Klara behandelt hatte ­ am Eingeständnis seiner Niederlage lag ihm gar

nichts ­ und mit dieser wohl genügenden Begründung um die Erlaubnis zu bitten, nach

Hause fahren oder gehen zu dürfen. Sollte Herr Pollunder etwas gegen diese sofortige

Heimkehr einzuwenden haben, dann wollte ihn Karl wenigstens bitten, ihn durch einen

Diener zum nächsten Hotel führen zu lassen. In dieser Weise, wie sie Karl plante, ging

man zwar sonst in der Regel nicht mit freundlichen Gastgebern um, aber noch seltener

ging man mit einem Gaste derart um, wie es Klara getan hatte. Sie hatte sogar noch ihr

Versprechen, dem Herrn Pollunder von der Rauferei vorläufig nichts zu sagen, für eine

Freundlichkeit gehalten, das war aber schon himmelschreiend. Ja, war denn Karl zu

einem Ringkampf eingeladen worden, so daß es für ihn beschämend gewesen wäre, von

einem Mädchen geworfen zu werden, das wahrscheinlich den größten Teil ihres Lebens

mit dem Lernen von Ringkämpferkniffen verbracht hatte? Am Ende hatte sie gar von

Mack Unterricht bekommen. Mochte sie ihm nur alles erzählen; der war sicher

einsichtig, das wußte Karl, obwohl er niemals Gelegenheit gehabt hatte, das im einzelnen

zu erfahren. Karl wußte aber auch, daß, wenn Mack ihn unterrichtete, er noch viel

größere Fortschritte als Klara machen würde; dann käme er eines Tages wieder hierher,

höchstwahrscheinlich uneingeladen, untersuchte natürlich zuerst die Örtlichkeit, deren

genaue Kenntnis ein großer Vorteil Klaras gewesen war, packte dann diese gleiche Klara

und klopfte mit ihr das gleiche Kanapee aus, auf das sie ihn heute geworfen hatte.

Jetzt handelte es sich nur darum, den Weg zum Saal zurückzufinden, wo er ja

wahrscheinlich auch seinen Hut in der ersten Zerstreutheit auf einen unpassenden Platz

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gelegt hatte. Die Kerze wollte er natürlich mitnehmen, aber selbst bei Licht war es nicht

leicht, sich auszukennen. Er wußte zum Beispiel nicht einmal, ob dieses Zimmer in der

gleichen Ebene wie der Saal gelegen war. Klara hatte ihn auf dem Herweg immer so

gezogen, daß er sich gar nicht hatte umsehen können. Herr Green und die

leuchtertragenden Diener hatten ihm auch zu denken gegeben; kurz, er wußte jetzt

tatsächlich nicht einmal, ob sie eine oder zwei oder vielleicht gar keine Treppe passiert

hatten. Nach der Aussicht zu schließen, lag das Zimmer ziemlich hoch, und er suchte

sich deshalb einzubilden, daß sie über Treppen gekommen waren, aber schon zum

Hauseingang hatte man ja über Treppen steigen müssen, warum konnte nicht auch diese

Seite des Hauses erhöht sein, Aber wenn wenigstens auf dem Gang irgendwo ein

Lichtschein aus einer Tür zu sehen oder eine Stimme aus der Ferne auch noch so leise

zu hören gewesen wäre!

Seine Taschenuhr, ein Geschenk des Onkels, zeigte elf Uhr, er nahm die Kerze und ging

auf den Gang hinaus. Die Tür ließ er offen, um für den Fall, als sein Suchen vergeblich

wäre, wenigstens sein Zimmer wiederzufinden und danach, für den äußersten Notfall,

die Tür zu Klaras Zimmer. Zur Sicherheit, damit sich die Türe nicht von selbst schließe,

verstellte er sie mit einem Sessel. Auf dem Gange zeigte sich der Übelstand, daß gegen

Karl ­ er ging natürlich von Klaras Türe weg nach links ­ ein Luftzug strich, der zwar

ganz schwach war, aber immerhin leicht die Kerze hätte auslöschen können, so daß Karl

die Flamme mit der Hand schützen und überdies öfters stehenbleiben mußte, damit die

niedergedrückte Flamme sich erhole. Es war ein langsames Vorwärtskommen, und der

Weg schien dadurch doppelt lang. Karl war schon an großen Strecken der Wände

vorübergekommen, die gänzlich ohne Türen waren, man konnte sich nicht vorstellen,

was dahinter war. Dann kam wieder Tür an Tür, er versuchte, mehrere zu öffnen, sie

waren versperrt und die Räume offenbar unbewohnt. Es war eine Raumverschwendung

sondergleichen, und Karl dachte an die östlichen New Yorker Quartiere, die ihm der

Onkel zu zeigen versprochen hatte, wo angeblich in einem kleinen Zimmer mehrere

Familien wohnten und das Heim einer Familie in einem Zimmerwinkel bestand, in dem

sich die Kinder um ihre Eltern scharten. Und hier standen so viele Zimmer leer und

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waren nur dazu da, um hohl zu klingen, wenn man an die Tür schlug. Herr Pollunder

schien Karl irregeführt zu sein von falschen Freunden und vernarrt in seine Tochter und

dadurch verdorben. Der Onkel hatte ihn sicher richtig beurteilt, und nur sein Grundsatz,

auf die Menschenbeurteilung Karls keinen Einfluß zu nehmen, war schuld an diesem

Besuch und an diesen Wanderungen auf den Gängen. Karl wollte das morgen dem

Onkel ohne weiteres sagen, denn nach seinem Grundsatz würde der Onkel auch das

Urteil des Neffen über ihn gerne und ruhig anhören. Überdies war dieser Grundsatz

vielleicht das einzige, was Karl an seinem Onkel nicht gefiel, und selbst dieses

Nichtgefallen war nicht unbedingt.

Plötzlich hörte die Wand an der einen Gangseite auf, und ein eiskaltes marmornes

Geländer trat an ihre Stelle. Karl stellte die Kerze neben sich und beugte sich vorsichtig

hinüber. Dunkle Leere wehte ihm entgegen. Wenn das die Haupthalle des Hauses war ­

im Schimmer der Kerze erschien ein Stück einer gewölbeartig geführten Decke ­,

warum war man nicht durch diese Halle eingetreten? Wozu diente nur dieser große, tiefe

Raum? Man stand ja hier oben wie auf der Galerie einer Kirche. Karl bedauerte fast,

nicht bis morgen in diesem Hause bleiben zu können, er hätte gern bei Tageslicht von

Herrn Pollunder sich überall herumführen und über alles unterrichten lassen.

Das Geländer war übrigens nicht lang, und bald wurde Karl wieder vom geschlossenen

Gang aufgenommen. Bei einer plötzlichen Wendung des Ganges stieß Karl mit ganzer

Wucht an die Mauer, und nur die ununterbrochene Sorgfalt, mit der er die Kerze

krampfhaft hielt, bewahrte sie glücklicherweise vor dem Fallen und Auslöschen. Da der

Gang kein Ende nehmen wollte, nirgends ein Fenster einen Ausblick gab, weder in der

Höhe noch in der Tiefe sich etwas rührte, dachte Karl schon, er gehe immerfort im

gleichen Kreisgang in der Runde, und hoffte schon, die offene Tür seines Zimmers

vielleicht wiederzufinden, aber weder sie noch das Geländer kehrte wieder. Bis jetzt

hatte sich Karl von lautem Rufen zurückgehalten, denn er wollte in einem fremden Haus

zu so später Stunde keinen Lärm machen, aber jetzt sah er ein, daß es in diesem

unbeleuchteten Hause kein Unrecht war, und machte sich gerade daran, nach beiden

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Seiten des Ganges ein lautes »Hallo!« zu schreien, als er in der Richtung, aus der er

gekommen war, ein kleines, sich näherndes Licht bemerkte. Jetzt konnte er erst die

Länge des geraden Ganges abschätzen; das Haus war eine Festung, keine Villa. Karls

Freude über dieses rettende Licht war so groß, daß er alle Vorsicht vergaß und darauf

zulief; schon bei den ersten Sprüngen löschte seine Kerze aus. Er achtete nicht darauf,

denn er brauchte sie nicht mehr, hier kam ihm ein alter Diener mit einer Laterne

entgegen, der ihm den richtigen Weg schon zeigen würde.

»Wer sind Sie?« fragte der Diener und hielt Karl die Laterne ans Gesicht, wodurch er

gleichzeitig sein eigenes beleuchtete. Sein Gesicht erschien etwas steif durch einen

großen, weißen Vollbart, der erst auf der Brust in seidenartige Ringel ausging. >Es muß

ein treuer Diener sein, dem man das Tragen eines solchen Bartes erlaubt und sah diesen Bart unverwandt der Länge und Breite nach an, ohne sich dadurch

behindert zu fühlen, daß er selbst beobachtet wurde. Im übrigen antwortete er sofort,

daß er der Gast des Herrn Pollunder sei, aus seinem Zimmer in das Speisezimmer gehen

wolle und es nicht finden könne.

»Ach so«, sagte der Diener »wir haben das elektrische Licht noch nicht eingeführt.«

»Ich weiß«, sagte Karl.

»Wollen Sie nicht Ihre Kerze an meiner Lampe anzünden?« fragte der Diener.

»Bitte«, sagte Karl und tat es.

»Es zieht hier so auf den Gängen«, sagte der Diener »die Kerze löscht leicht aus, darum

habe ich eine Laterne.«

»Ja, eine Laterne ist viel praktischer«, sagte Karl.

»Sie sind auch schon von der Kerze ganz betropft«, sagte der Diener und leuchtete mit

der Kerze Karls Anzug ab.

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»Das habe ich ja gar nicht bemerkt!« rief Karl, und es tat ihm sehr leid, da es ein

schwarzer Anzug war, von dem der Onkel gesagt hatte, er passe ihm am besten von

allen. Die Rauferei mit Klara dürfte dem Anzug auch nicht genützt haben, erinnerte er

sich jetzt. Der Diener war gefällig genug, den Anzug zu reinigen, so gut es in der Eile

ging; immer wieder drehte sich Karl vor ihm herum und zeigte ihm noch hier und dort

einen Fleck, den der Diener folgsam entfernte.

»Warum zieht es denn hier eigentlich so?« fragte Karl, als sie schon weitergingen.

»Es ist hier eben noch viel zu bauen«, sagte der Diener, »man hat zwar mit dem Umbau

schon angefangen, aber es geht sehr langsam. Jetzt streiken auch noch die Bauarbeiter,

wie Sie vielleicht wissen. Man hat viel Ärger mit so einem Bau. Jetzt sind da ein paar

große Durchbrüche gemacht worden, die niemand vermauert, und die Zugluft geht

durch das ganze Haus. Wenn ich nicht die Ohren voll Watte hätte, könnte ich nicht

bestehen.«

»Da muß ich wohl lauter reden?«, fragte Karl.

»Nein, Sie haben eine klare Stimme«, sagte der Diener. »Aber um auf diesen Bau

zurückzukommen; besonders, hier in der Nähe der Kapelle, die später unbedingt von

dem übrigen Haus abgesperrt werden muß, ist die Zugluft gar nicht auszuhalten.«

»Die Brüstung, an der man in diesem Gang vorüberkommt, geht also in eine Kapelle

hinaus?«

»Ja.«

>Das habe ich mir gleich gedacht »Sie ist sehr sehenswert«, sagte der Diener, »wäre sie nicht gewesen, hätte wohl Herr

Mack das Haus nicht gekauft.

Herr Mack?« fragte Karl , »ich dachte, das Haus gehöre Herrn Pollunder?«

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»Allerdings«, sagte der Diener »aber Herr Mack hat doch bei diesem Kauf den Ausschlag

gegeben. Sie kennen Herrn Mack nicht?«

»O ja«, sagte Karl. »Aber in welcher Verbindung ist er denn mit Herrn Pollunder?«

»Er ist der Bräutigam des Fräuleins«, sagte der Diener.

»Das wußte ich freilich nicht«, sagte Karl und blieb stehen.

»Setzt Sie das in solches Erstaunen?« fragte der Diener.

»Ich will es mir nur zurechtlegen. Wenn man solche Beziehungen nicht kennt, kann man

ja die größten Fehler machen«, antwortete Karl.

»Es wundert mich nur, daß man Ihnen davon nichts gesagt hat«, sagte der Diener.

»Ja, wirklich«, sagte Karl beschämt.

»Wahrscheinlich dachte man, Sie wüßten es«, sagte der Diener, »es ist ja keine Neuigkeit.

Hier sind wir übrigens«, und öffnete eine Türe, hinter der sich eine Treppe zeigte, die

senkrecht zu der Hintertüre des ebenso wie bei der Ankunft hell beleuchteten

Speisezimmers führte.

Ehe Karl in das Speisezimmer eintrat, aus dem man die Stimmen Herrn Pollunders und

Herrn Greens unverändert wie vor nun wohl schon zwei Stunden hörte, sagte der

Diener: »Wenn Sie wollen, erwarte ich Sie hier und führe Sie dann in Ihr Zimmer. Es

macht immerhin Schwierigkeiten, sich gleich am ersten Abend hier auszukennen.«

»Ich werde nicht mehr in mein Zimmer zurückkehren«, sagte Karl und wußte nicht,

warum er bei dieser Auskunft traurig wurde.

»Es wird nicht so arg sein«, sagte der Diener, ein wenig überlegen lächelnd, und klopfte

ihm auf den Arm. Er hatte sich wahrscheinlich Karls Worte dahin erklärt, daß Karl

beabsichtige, während der ganzen Nacht im Speisezimmer zu bleiben, sich mit den

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Herren zu unterhalten und mit ihnen zu trinken. Karl wollte jetzt keine Bekenntnisse

machen, außerdem dachte er, der Diener, der ihm besser gefiel als die anderen hiesigen

Diener, könne ihm ja dann die Wegrichtung nach New York zeigen, und sagte deshalb:

»Wenn Sie hier warten wollen, so ist das sicherlich eine große Freundlichkeit von Ihnen,

und ich nehme sie dankbar an. Jedenfalls werde ich in einer kleinen Weile

herauskommen und Ihnen dann sagen, was ich weiter tun werde. Ich denke schon, daß

mir Ihre Hilfe noch nötig sein wird.« »Gut«, sagte der Diener, stel te die Laterne auf den

Boden und setzte sich auf ein niedriges Postament, dessen Leere wahrscheinlich auch

mit dem Umbau des Hauses zusammenhing. »Ich werde also hier warten. Die Kerze

können Sie auch bei mir lassen«, sagte der Diener noch, als Karl mit der brennenden

Kerze in den Saal gehen wollte.

»Ich bin aber zerstreut«, sagte Karl und reichte die Kerze dem Diener hin, welcher ihm

bloß zunickte, ohne daß man wußte, ob er es mit Absicht tat oder ob es eine Folge

dessen war, daß er mit der Hand seinen Bart strich.

Karl öffnete die Tür, die ohne seine Schuld laut erklirrte, denn sie bestand aus einer

einzigen Glasplatte, die sich fast bog, wenn die Tür rasch geöffnet und nur an der Klinke

festgehalten wurde. Karl ließ die Tür erschrocken los, denn er hatte gerade besonders

still eintreten wollen.

Ohne sich mehr umzudrehen, merkte er noch, wie hinter ihm der Diener, der offenbar

von seinem Postament herabgestiegen war, vorsichtig und ohne das geringste Geräusch,

die Tür schloß.

»Verzeihen Sie, daß ich störe«, sagte er zu den beiden Herren, die ihn mit ihren großen,

erstaunten Gesichtern ansahen. Gleichzeitig aber überflog er mit einem Blick den Saal,

ob er nicht irgendwo schnell seinen Hut finden könne. Er war aber nirgends zu sehen,

der Eßtisch war völlig abgeräumt, vielleicht war der Hut unangenehmerweise irgendwie

in die Küche fortgetragen worden.

»Wo haben Sie denn Klara gelassen?« fragte Herr Pollunder, dem übrigens die Störung

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nicht unlieb schien, denn er setzte sich gleich anders in seinem Fauteuil und kehrte Karl

seine ganze Front zu. Herr Green spielte den Unbeteiligten, zog eine Brieftasche heraus,

die an Größe und Dicke ein Ungeheuer ihrer Art war, schien in den vielen Taschen ein

bestimmtes Stück zu suchen, las aber während des Suchens auch andere Papiere, die ihm

gerade in die Hand kamen.

»Ich hätte eine Bitte, die Sie nicht mißverstehen dürfen«, sagte Karl, ging eiligst zu Herrn

Pollunder hin und legte, um ihm recht nahe zu sein, die Hand auf die Armlehne des

Fauteuils.

»Was soll denn das für eine Bitte sein?« fragte Herr Pollunder und sah Karl mit offenem,

rückhaltlosem Blicke an. »Sie ist natürlich schon erfüllt.« Und er legte den Arm um Karl

und zog ihn zu sich zwischen seine Beine. Karl duldete das gerne, obwohl er sich im

allgemeinen doch für eine solche Behandlung allzu erwachsen fühlte. Aber das

Aussprechen seiner Bitte wurde natürlich schwieriger.

»Wie gefällt es Ihnen denn eigentlich bei uns?« fragte Herr Pollunder. »Scheint es Ihnen

nicht auch, daß man auf dem Lande sozusagen befreit wird, wenn man aus der Stadt

herauskommt? Im allgemeinen« ­ und ein nicht mißzuverstehender, durch Karl etwas

verdeckter Seitenblick ging auf Herrn Green ­, »im allgemeinen habe ich dieses Gefühl

immer wieder, jeden Abend.«

>Er sprichtals wüßte er nichts von dem großen Haus, den endlosen

Gängen, der Kapelle, den leeren Zimmern, dem Dunkel überall. »Nun«, sagte Herr Pollunder, »die Bitte!«, und er schüttelte Karl freundschaftlich, der

stumm dastand.

»Ich bitte«, sagte Karl und, so sehr er die Stimme dämpfte, es ließ sich nicht vermeiden,

daß der daneben sitzende Green alles hörte, vor dem Karl die Bitte, die möglicherweise

als eine Beleidigung Pollunders aufgefaßt werden konnte, so gern verschwiegen hätte ­

»ich bitte, lassen Sie mich noch jetzt, in der Nacht, nach Hause.«

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Und da das Ärgste ausgesprochen war, drängte alles andere um so schneller nach, er

sagte, ohne die geringste Lüge zu gebrauchen, Dinge, an die er gar nicht eigentlich

vorher gedacht hatte. »Ich möchte um alles gerne nach Hause. Ich werde gerne

wiederkommen, denn wo Sie, Herr Pollunder, sind, dort bin auch ich gerne. Nur heute

kann ich nicht hierbleiben. Sie wissen, der Onkel hat mir die Erlaubnis zu diesem

Besuch nicht gerne gegeben. Er hat sicher dafür seine guten Gründe gehabt, wie für

alles, was er tut, und ich habe es mir herausgenommen, gegen seine bessere Einsicht die

Erlaubnis förmlich zu erzwingen. Ich habe seine Liebe zu mir einfach mißbraucht. Was

für Bedenken er gegen diesen Besuch hatte, ist ja jetzt gleichgültig, ich weiß bloß ganz

bestimmt, daß nichts in diesem Bedenken war, was Sie, Herr Pollunder, kränken könnte,

der Sie der beste, der allerbeste Freund meines Onkels sind. Kein anderer kann sich in

der Freundschaft meines Onkels auch nur im entferntesten mit Ihnen vergleichen. Das

ist ja auch die einzige Entschuldigung für meine Unfolgsamkeit, aber keine genügende.

Sie haben vielleicht keinen genauen Einblick in das Verhältnis zwischen meinem Onkel

und mir, ich will daher nur von dem Einleuchtendsten sprechen. Solange meine

Englischstudien nicht abgeschlossen sind und ich mich im praktischen Handel nicht

genügend ungesehen habe, bin ich gänzlich auf die Güte meines Onkels angewiesen, die

ich allerdings als Blutsverwandter genießen darf. Sie dürfen nicht glauben, daß ich schon

jetzt irgendwie mein Brot anständig ­ und vor allem anderen soll mich Gott bewahren ­

verdienen könnte. Dazu ist leider meine Erziehung zu unpraktisch gewesen. Ich habe

vier Klassen eines europäischen Gymnasiums als Durchschnittsschüler durchgemacht,

und das bedeutet für den Gelderwerb viel weniger als nichts, denn unsere Gymnasien

sind im Lehrplan sehr rückschrittlich. Sie würden lachen, wenn ich Ihnen erzählen

wollte, was ich gelernt habe. Wenn man weiter studiert, das Gymnasium zu Ende macht,

an die Universität geht, dann gleicht sich ja wahrscheinlich alles irgendwie aus, und man

hat zum Schluß eine geordnete Bildung, mit der sich etwas anfangen läßt und die einem

die Entschlossenheit zum Gelderwerb gibt. Ich aber bin aus diesem

zusammenhängenden Studium leider herausgerissen worden; manchmal glaube ich, ich

weiß gar nichts, und schließlich wäre auch alles, was ich wissen könnte, für Amerikaner

noch immer zu wenig. Jetzt werden in meiner Heimat neuestens hie und da

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Reformgymnasien eingerichtet, wo man auch moderne Sprachen und vielleicht auch

Handelswissenschaften lernt; als ich aus der Volksschule trat, gab es das noch nicht.

Mein Vater wollte mich zwar im Englischen unterrichten lassen, aber erstens konnte ich

damals nicht ahnen, welches Unglück über mich kommen wird und wie ich das

Englische brauchen werde, und zweitens mußte ich für das Gymnasium viel lernen, so

daß ich für andere Beschäftigungen nicht besonders viel Zeit hatte. ­ Ich erwähne das

alles, um Ihnen zu zeigen, wie abhängig ich von meinem Onkel bin und wie verpflichtet

infolgedessen ich ihm gegenüber auch bin. Sie werden sicher zugeben, daß ich es mir bei

solchen Verhältnissen nicht erlauben darf, auch nur das geringste gegen seinen auch nur

geahnten Willen zu tun. Und darum muß ich, um den Fehler, den ich ihm gegenüber

begangen habe, nur halbwegs wiedergutzumachen, sofort nach Hause gehen.«

Während dieser langen Rede Karls hatte Herr Pollunder aufmerksam zugehört, öfters,

besonders wenn der Onkel erwähnt wurde, Karl, wenn auch unmerklich, an sich

gedrückt und einige Male ernst und wie erwartungsvoll zu Green hinübergesehen, der

sich weiterhin mit seiner Brieftasche beschäftigte. Karl aber war, je deutlicher ihm seine

Stellung zum Onkel im Laufe seiner Rede zu Bewußtsein kam, immer unruhiger

geworden, hatte sich unwillkürlich aus dem Arm Pollunders zu drängen gesucht. Alles

beengte ihn hier; der Weg zum Onkel durch die Glastüre, über die Treppe, durch die

Allee, über die Landstraßen, durch die Vorstädte zur großen Verkehrsstraße,

einmündend in des Onkels Haus, erschien ihm als etwas streng Zusammengehöriges, das

leer, glatt und für ihn vorbereitet dalag und mit einer starken Stimme nach ihm

verlangte. Herrn Pollunders Güte und Herrn Greens Abscheulichkeit verschwammen,

und er wollte aus diesem rauchigen Zimmer nichts anderes für sich haben als die

Erlaubnis zum Abschiednehmen. Zwar fühlte er sich gegen Herrn Pol under

abgeschlossen, gegen Herrn Green kampfbereit, und doch erfüllte ihn ringsherum eine

unbestimmte Furcht, deren Stöße seine Augen trübten.

Er trat einen Schritt zurück und stand nun gleich weit von Herrn Pollunder und von

Herrn Green entfernt.»Wollten Sie ihm nicht etwas sagen?« fragte Herr Pollunder Herrn

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Green und faßte wie bittend Herrn Greens Hand.

»Ich wüßte nicht, was ich ihm sagen sollte«, sagte Herr Green, der endlich einen Brief

aus seiner Tasche gezogen und vor sich auf den Tisch gelegt hatte.

»Es ist recht lobenswert, daß er zu seinem Onkel zurückkehren will, und nach

menschlicher Voraussicht sollte man glauben, daß er dem Onkel eine besondere Freude

damit machen wird. Es müßte denn sein, daß er durch seine Unfolgsamkeit den Onkel

schon allzu böse gemacht hat, was ja auch möglich ist. Dann allerdings wäre es besser, er

bliebe hier. Es ist eben schwer, etwas Bestimmtes zu sagen; wir sind zwar beide Freunde

des Onkels und es dürfte Mühe machen, zwischen meiner und Herrn Pol unders

Freundschaft Rangunterschiede zu erkennen, aber in das Innere des Onkels können wir

nicht hineinschauen, und ganz besonders nicht über die vielen Kilometer hinweg, die

uns hier von New York trennen«.

»Bitte, Herr Green«, sagte Karl und näherte sich mit Selbstüberwindung Herrn Green.

»Ich höre aus Ihren Worten heraus, daß Sie es auch für das beste halten, wenn ich gleich

zurückkehre.«

»Das habe ich durchaus nicht gesagt«, meinte Herr Green und vertiefte sich in das

Anschauen des Briefes, an dessen Rändern er mit zwei Fingern hin und her fuhr. Er

schien damit andeuten zu wollen, daß er von Herrn Pollunder gefragt worden sei, ihm

auch geantwortet habe, während er mit Karl eigentlich nichts zu tun habe.

Inzwischen war Herr Pollunder zu Karl getreten und hatte ihn sanft von Herrn Green

weg zu einem der großen Fenster gezogen. »Lieber Herr Roßmann«, sagte er, zu Karls

Ohr hinabgebeugt, und wischte zur Vorbereitung mit dem Taschentuch über sein

Gesicht und, bei der Nase innehaltend, schneuzte er sich, »Sie werden doch nicht

glauben, daß ich Sie gegen Ihren Willen hier zurückhalten will. Davon ist ja keine Rede.

Das Automobil kann ich Ihnen zwar nicht zur Verfügung stellen, denn es steht weit von

hier in einer öffentlichen Garage, da ich noch keine Zeit hatte, hier, wo alles erst im

Werden ist, eine eigene Garage einzurichten. Der Chauffeur wiederum schläft nicht hier

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im Haus, sondern in der Nähe der Garage, ich weiß wirklich selbst nicht, wo. Außerdem

ist es gar nicht seine Pflicht, jetzt zu Hause zu sein, seine Pflicht ist es nur, früh zur

rechten Zeit hier vorzufahren. Aber das alles wären keine Hindernisse für Ihre

augenblickliche Heimkehr, denn wenn Sie darauf bestehen, begleite ich Sie sofort zur

nächsten Station der Stadtbahn, die allerdings so weit entfernt ist, daß Sie nicht viel

früher zu Hause ankommen dürften, als wenn Sie früh ­ wir fahren ja schon um sieben

Uhr ­ mit mir in meinem Automobil fahren wollen.«

»Da möchte ich, Herr Pollunder, doch lieber mit der Stadtbahn fahren«, sagte Karl.

»An die Stadtbahn habe ich gar nicht gedacht. Sie sagen selbst, daß ich mit der Stadtbahn

früher ankomme, als früh mit dem Automobil.«

»Es ist aber ein ganz kleiner Unterschied.«

»Trotzdem, trotzdem, Herr Pollunder«, sagte Karl, »ich werde in Erinnerung an Ihre

Freundlichkeit immer gerne herkommen, vorausgesetzt natürlich, daß Sie mich nach

meinem heutigen Benehmen noch einladen wollen, und vielleicht werde ich es nächstens

besser ausdrücken können, warum heute jede Minute, um die ich meinen Onkel früher

sehe, für mich so wichtig ist.« Und, als hätte er bereits die Erlaubnis zum weggehen

erhalten, fügte er hinzu: »Aber keinesfalls dürfen Sie mich begleiten. Es ist auch ganz

unnötig. Draußen ist ein Diener, der mich gern zur Station begleiten wird. Jetzt muß ich

nur noch meinen Hut suchen.« Und bei den letzten Worten durchschritt er schon das

Zimmer, um noch in Eile einen letzten Versuch zu machen, ob sein Hut doch vielleicht

zu finden wäre.

»Könnte ich Ihnen nicht mit einer Mütze aushelfen?« sagte Herr Green und zog eine

Mütze aus der Tasche.

»Vielleicht paßt sie Ihnen zufällig.« Verblüfft blieb Karl stehen und sagte: »Ich werde

Ihnen doch nicht Ihre Mütze wegnehmen. Ich kann ja ganz gut mit unbedecktem Kopf

gehen. Ich brauche gar nichts«

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»Es ist nicht meine Mütze. Nehmen Sie nur!«

»Dann danke ich«, sagte Karl, um sich nicht aufzuhalten, und nahm die Mütze. Er zog

sie an und lachte zuerst, da sie ganz genau paßte, nahm sie wieder in die Hand und

betrachtete sie, konnte aber das Besondere, das er an ihr suchte, nicht finden; es war eine

vollkommen neue Mütze. »Sie paßt so gut!« sagte er.

»Also, sie paßt!« rief Herr Green und schlug auf den Tisch.

Karl ging schon zur Türe zu, um den Diener zu holen, da erhob sich Herr Green,

streckte sich nach dem reichlichen Mahl und der vielen Ruhe, klopfte stark gegen seine

Brust und sagte in einem Ton zwischen Rat und Befehl: »Ehe Sie weggehen, müssen Sie

von Fräulein Klara Abschied nehmen.«

»Das müssen Sie«, sagte auch Herr Pollunder, der ebenfalls aufgestanden war. Ihm hörte

man es an, daß die Worte nicht aus seinem Herzen kamen, schwach ließ er die Hände an

die Hosennaht schlagen und knöpfte immer wieder seinen Rock auf und zu, der nach

der augenblicklichen Mode ganz kurz war und kaum zu den Hüften ging, was so dicke

Leute wie Herrn Pollunder schlecht kleidete. Übrigens hatte man, wenn er so neben

Herrn Green stand, den deutlichen Eindruck, daß es bei Herrn Pollunder keine gesunde

Dicke war; der Rücken war in seiner ganzen Masse etwas gekrümmt, der Bauch sah

weich und unhaltbar aus, eine wahre Last, und das Gesicht erschien bleich und geplagt.

Dagegen stand hier Herr Green, vielleicht noch etwas dicker als Herr Pollunder, aber es

war eine zusammenhängende, sich gegenseitig tragende Dicke, die Füße waren

soldatisch zusammengeklappt, den Kopf trug er aufrecht und schaukelnd; er schien ein

großer Turner, ein Vorturner, zu sein.

»Gehen Sie also vorerst«, fuhr Herr Green fort, »zu Fräulein Klara. Das dürfte Ihnen

sicher Vergnügen machen und paßt auch sehr gut in meine Zeiteinteilung hinein. Ich

habe Ihnen nämlich tatsächlich, ehe Sie von hier fortgehen, etwas Interessantes zu sagen,

was wahrscheinlich auch für Ihre Rückkehr entscheidend sein kann. Nur bin ich leider

durch höheren Befehl gebunden, Ihnen vor Mitternacht nichts zu verraten. Sie können

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sich vorstellen, daß mir das selbst leid tut, denn es stört meine Nachtruhe, aber ich halte

mich an meinen Auftrag. Jetzt ist es viertel zwölf, ich kann also meine Geschäfte noch

mit Herrn Pollunder zu Ende besprechen, wobei Ihre Gegenwart nur stören würde, und

Sie können ein hübsches Weilchen mit Fräulein Klara verbringen. Punkt zwölf stellen

Sie sich dann hier ein, wo Sie das Nötige erfahren werden.«

Konnte Karl diese Forderung ablehnen, die von ihm wirklich nur das Geringste an

Höflichkeit und Dankbarkeit gegenüber Herrn Pollunder verlangte und die überdies ein

sonst unbeteiligter, roher Mann stellte, während Herr Pollunder, den es anging, sich mit

Worten und Blicken möglichst zurückhielt?. Und was war jenes Interessante, das er erst

um Mitternacht erfahren durfte? Wenn es seine Heimkehr nicht wenigstens um die

dreiviertel Stunde beschleunigte, um die sie jetzt verschob, interessierte es ihn wenig.

Aber sein größter Zweifel, ob er überhaupt zu Klara gehen konnte, die doch seine

Feindin war. Wenn er wenigstens das Schlageisen bei sich gehabt hätte, das ihm der

Onkel als Briefbeschwerer geschenkt hatte! Das Zimmer Klaras mochte ja eine recht

gefährliche Höhle sein. Aber nun war es ja ganz und gar unmöglich, hier gegen Klara das

Geringste zu sagen, da sie Pollunders Tochter und, wie er jetzt gehört hatte, gar Macks

Braut war. Sie hätte ja nur um eine Kleinigkeit anders sich zu ihm verhalten müssen, und

er hätte sie wegen ihrer Beziehungen offen bewundert. Noch überlegte er das alles, aber

schon merkte er, daß man keine Überlegungen von ihm verlangte, denn Green öffnete

die Tür und sagte dem Diener, der vom Postamente sprang: »Führen Sie diesen jungen

Mann zu Fräulein Klara«.

>So führt man Befehle aus Altersschwäche, auf einem besonders kurzen Weg zu Klaras Zimmer zog. Als Karl an

seinem Zimmer vorüberkam, dessen Tür noch immer offen stand, wollte er, vielleicht zu

seiner Beruhigung, für einen Augenblick eintreten. Der Diener ließ das aber nicht zu.

»Nein«, sagte er, »Sie müssen zu Fräulein Klara. Sie haben es ja selbst gehört.«

»Ich würde mich nur einen Augenblick drinnen aufhalten«, sagte Karl, und er dachte

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daran, sich zur Abwechslung ein wenig auf das Kanapee zu werfen, damit ihm die Zeit

rascher gegen Mitternacht vorrücke.

»Erschweren Sie mir die Ausführung meines Auftrages nicht«, sagte der Diener.

>Er scheint es für eine Strafe zu halten, daß ich zu Fräulein Klara gehen muß Karl und machte ein paar Schritte, blieb aber aus Trotz wieder stehen.

»Kommen Sie doch, junger Herr«, sagte der Diener, »wenn Sie nun schon einmal hier

sind. Ich weiß, Sie wollten noch in der Nacht weggehen, es geht eben nicht alles nach

Wunsch, ich habe es Ihnen ja gleich gesagt, daß es kaum möglich sein wird.«

»Ja, ich will weggehen und werde auch weggehen«, sagte Karl, »und will jetzt nur von

Fräulein Klara Abschied nehmen.«

»So?« sagte der Diener, und Karl sah ihm wohl an, daß er kein Wort davon glaubte.

»Warum zögern Sie also, Abschied zu nehmen; kommen Sie doch.«

»Wer ist auf dem Gang?« ertönte Klaras Stimme, und man sah sie aus einer nahen Tür

sich vorbeugen, eine große Tischlampe mit rotem Schirm in der Hand. Der Diener eilte

zu ihr hin und erstattete die Meldung. Karl ging ihm langsam nach.

»Sie kommen spät«, sagte Klara.

Ohne ihr vorläufig zu antworten, sagte Karl zum Diener leise, aber, da er seine Natur

schon kannte, im Ton strengen Befehls: »Sie warten auf mich knapp vor dieser Tür!«

»Ich wollte schon schlafen gehen«, sagte Klara und stellte die Lampe auf den Tisch. Wie

unten im Speisezimmer schloß auch hier wieder der Diener vorsichtig von außen die

Tür. »Es ist ja schon halb zwölf vorüber.«

»Halb zwölf vorüber?« wiederholte Karl fragend, wie erschrocken über diese Zahlen.

»Dann muß ich mich aber sofort Verabschieden«, sagte Karl, »denn Punkt zwölf muß

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ich schon unten im Speisesaal sein.«

»Was Sie für eilige Geschäfte haben«, sagte Klara und ordnete zerstreut die Falten ihres

losen Nachtkleides. Ihr Gesicht glühte und immerfort lächelte sie. Karl glaubte zu

erkennen, daß keine Gefahr bestand, mit Klara wieder in Streit zu geraten. »Könnten Sie

nicht doch noch ein wenig Klavier spielen, wie es mir gestern Papa und heute Sie selbst

versprochen haben?«

»Ist es nicht aber schon zu spät?« fragte Karl. Er hätte ihr gern gefällig sein wollen, denn

sie war ganz anders als vorher, so als wäre sie irgendwie aufgestiegen in die Kreise

Pollunders und weiterhin Macks.

»Ja, spät ist es schon«, sagte sie, und es schien ihr die Lust zur Musik schon vergangen zu

sein. »Dann widerhallt hier auch jeder Ton im ganzen Hause, ich bin überzeugt, wenn

Sie spielen, wacht noch oben in der Dachkammer die Dienerschaft auf.

»Dann lasse ich also das Spiel, ich hoffe ja bestimmt noch wiederzukommen; übrigens,

wenn es Ihnen keine besondere Mühe macht, besuchen Sie doch einmal meinen Onkel

und schauen Sie bei der Gelegenheit auch in mein Zimmer. Ich habe ein prachtvolles

Piano. Der Onkel hat es mir geschenkt. Dann spiele ich Ihnen, wenn es Ihnen recht ist,

alle meine Stückchen vor, es sind leider nicht viele, und sie passen auch gar nicht zu

einem so großen Instrument, auf dem nur Virtuosen sich hören lassen sollten. Aber

auch dieses Vergnügen werden Sie haben können, wenn Sie mich von Ihrem Besuch

vorher verständigen, denn der Onkel will nächstens einen berühmten Lehrer für mich

engagieren ­ Sie können sich denken, wie ich mich darauf freue ­, und dessen Spiel wird

allerdings dafür stehen, mir während der Unterrichtsstunde einen Besuch zu machen.

Ich bin, wenn ich ehrlich sein soll, froh, daß es für das Spiel schon zu spät ist, denn ich

kann noch gar nichts, Sie würden staunen, wie wenig ich kann. Und nun erlauben Sie,

daß ich mich verabschiede, schließlich ist es ja doch schon Schlafenszeit.« Und weil ihn

Klara gütig ansah und ihm wegen der Rauferei gar nichts nachzutragen schien, fügte er

lächelnd hinzu, während er ihr die Hand reichte: »In meiner Heimat pflegt man zu sagen:

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>Schlafe wohl und träume süß. »Warten Sie«, sagte sie, ohne die Hand anzunehmen, »viel eicht sollten Sie doch spielen.«

Und sie verschwand durch eine kleine Seitentür, neben der das Piano stand.

>Was ist dennLange kann ich nicht warten, so lieb sie auch ist. an der Gangtüre, und der Diener, der die Türe nicht ganz zu öffnen wagte, flüsterte

durch einen kleinen Spalt: »Verzeihen Sie, ich wurde soeben abberufen und kann nicht

mehr warten.«

»Gehen Sie nur«, sagte Karl, der sich nun getraute, den Weg ins Speisezimmer allein zu

finden. »Lassen Sie mir nur die Laterne vor der Türe. Wie spät ist es übrigens?«

»Bald dreiviertel zwölf«, sagte der Diener.

»Wie langsam die Zeit vergeht«, sagte Karl. Der Diener wollte schon die Türe schließen,

da erinnerte sich Karl, daß er ihm noch kein Trinkgeld gegeben hatte, nahm einen

Schilling aus der Hosentasche ­ er trug jetzt immer Münzengeld, nach amerikanischer

Sitte lose klingelnd, in der Hosentasche, Banknoten dagegen in der Westentasche ­ und

reichte ihn dem Diener mit den Worten: »Für Ihre guten Dienste.«

Klara war schon wieder eingetreten, die Hände an ihrer festen Frisur, als es Karl einfiel,

daß er den Diener doch nicht hätte wegschicken sollen, denn wer würde ihn jetzt zur

Station der Stadtbahn führen? Nun, da würde wohl schon Herr Pollunder einen Diener

noch auftreiben können, vielleicht war übrigens dieser Diener ins Speisezimmer gerufen

worden und würde dann zur Verfügung stehen.

»Ich bitte Sie also doch, ein wenig zu spielen. Man hört hier so selten Musik, daß man

sich keine Gelegenheit, sie zu hören, entgehen lassen will.«

»Dann ist es aber höchste Zeit«, sagte Karl ohne weitere Überlegung und setzte sich

gleich zum Klavier.

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»Wollen Sie Noten haben?« fragte Klara.

»Danke, ich kann ja Noten nicht einmal vollkommen lesen«, antwortete Karl und spielte

schon. Es war ein kleines Lied, das, wie Karl wohl wußte, ziemlich langsam hätte gespielt

werden müssen, um, besonders für Fremde, auch nur verständlich zu sein, aber er

hudelte es in ärgstem Marschtempo hinunter. Nach der Beendigung fuhr die gestörte

Stille des Hauses wie in großem Gedränge wieder an ihren Platz. Man saß wie

benommen da und rührte sich nicht.

»Ganz schön«, sagte Klara, aber es gab keine Höflichkeitsformel, die Karl nach diesem

Spiel hätte schmeicheln können.

»Wie spät ist es?«, fragte er.

»Dreiviertel zwölf«

»Dann habe ich noch ein Weilchen Zeit«, sagte er und dachte bei sich: >Entweder ­ oder.

Ich muß ja nicht alle zehn Lieder spielen, die ich kann, aber eines kann ich nach

Möglichkeit gut spielen. aufgestörte Verlangen des Zuhörers sich nach der nächsten Note streckte, die Karl

zurückhielt und nur schwer hergab. Er mußte ja tatsächlich bei jedem Lied die nötigen

Tasten mit den Augen erst zusammensuchen, aber außerdem fühlte er in sich ein Leid

entstehen, das, über das Ende des Liedes hinaus, ein anderes Ende suchte und es nicht

finden konnte. »Ich kann ja nichts«, sagte Karl nach Schluß des Liedes und sah Klara mit

Tränen in den Augen an.

Da ertönte aus dem Nebenzimmer lautes Händeklatschen. »Es hört noch jemand zu!«

rief Karl aufgerüttelt.

»Mack«, sagte Klara leise. Und schon hörte man Mack rufen: »Karl Roßmann, Karl

Roßmann!«

Karl schwang sich mit beiden Füßen zugleich über die Klavierbank und öffnete die Tür.

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Er sah dort Mack in einem großen Himmelbett halb liegend sitzen, die Bettdecke war

lose über die Beine geworfen. Der Baldachin aus blauer Seide war die einzige, ein wenig

mädchenhafte Pracht des sonst einfachen, aus schwerem Holz eckig gezimmerten

Bettes. Auf dem Nachttischchen brannte nur eine Kerze, aber die Bettwäsche und

Macks Hemd waren so weiß, daß das über sie fallende Kerzenlicht in fast blendendem

Widerschein von ihnen strahlte; auch der Baldachin leuchtete, wenigstens am Rande, mit

seiner leicht gewellten, nicht ganz fest gespannten Seide. Gleich hinter Mack versank

aber das Bett und alles in vollständigem Dunkel. Klara lehnte sich an den Bettpfosten

und hatte nur noch Augen für Mack.

»Servus«, sagte Mack und reichte Karl die Hand. »Sie spielen ja recht gut, bisher habe ich

bloß Ihre Reitkunst gekannt«.

»Ich kann das eine so schlecht wie das andere«, sagte Karl.»Wenn ich gewußt hätte, daß

Sie zuhören, hätte ich bestimmt nicht gespielt Aber Ihr Fräulein« ­ er unterbrach sich, er

zögerte »Braut« zu sagen, da Mack und Klara offenbar schon miteinander schliefen.

»Ich ahnte es ja«, sagte Mack, »darum mußte sie Klara aus New York hierherlocken,

sonst hätte ich Ihr Spiel gar nicht zu hören bekommen. Es ist ja reichlich anfängerhaft,

und selbst in diesen Liedern, die Sie doch eingeübt hatten und die sehr primitiv gesetzt

sind, haben Sie einige Fehler gemacht, aber immerhin hat es mich sehr gefreut, ganz

abgesehen davon, daß ich das Spiel keines Menschen verachte. Wollen Sie sich aber

nicht setzen und noch ein Weilchen bei uns bleiben? Klara, gib ihm doch einen Sessel.«

»Ich danke«, sagte Karl stockend. »Ich kann nicht bleiben, so gern ich hierbliebe. Zu spät

erfahre ich, daß es so wohnliche Zimmer in diesem Hause gibt.«

»Ich baue alles in dieser Art um«, sagte Mack.

In diesem Augenblick erklangen zwölf Glockenschläge, rasch hintereinander, einer in

den Lärm des anderen dreinschlagend. Karl fühlte das Wehen der großen Bewegung

dieser Glocken an den Wangen. Was war das für ein Dorf, das solche Glocken hatte!

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»Höchste Zeit«, sagte Karl, streckte Mack und Klara nur die Hände hin, ohne sie zu

fassen, und lief auf den Gang hinaus. Dort fand er die Laterne nicht und bedauerte, dem

Diener zu bald das Trinkgeld gegeben zu haben.

Er wollte sich an der Wand zu der offenen Tür seines Zimmers hintasten, war aber

kaum in der Hälfte des Weges, als er Herrn Green mit erhobener Kerze eilig

heranschwanken sah. In der Hand, in der er auch die Kerze hielt, trug er einen Brief.

»Roßmann, warum kommen Sie denn nicht? Warum lassen Sie mich warten? Was haben

Sie denn bei Fräulein Klara getrieben?«

>Viele Fragen!und jetzt drückt er mich noch an die Wand tatsächlich stand er dicht vor Karl, der mit dem Rücken an der Wand lehnte. Green

nahm in diesem Gang eine schon lächerliche Größe an, und Karl stellte sich zum Spaß

die Frage, ob er nicht etwa den guten Herrn Pol under aufgefressen habe.

»Sie sind tatsächlich kein Mann von Wort. Versprechen, um zwölf hinunterzukommen

und umschleichen statt dessen die Türe Fräulein Klaras. Ich dagegen habe Ihnen für

Mitternacht etwas Interessantes versprochen und bin damit schon da.« Und damit

reichte er Karl den Brief.

Auf dem Umschlag stand »An Karl Roßmann, um Mitternacht persönlich abzugeben,

wo immer er angetroffen wird«.

»Schließlich«, sagte Herr Green, während Karl den Brief öffnete, »ist es, glaube ich,

schon anerkennenswert, daß ich Ihretwegen aus New York hierhergefahren bin, so daß

Sie mich durchaus nicht noch auf den Gängen Ihnen nachlaufen lassen müßten.«

»Vom Onkel!« sagte Karl, kaum daß er in den Brief hineingeschaut hatte.

»Ich habe es erwartet«, sagte er zu Herrn Green gewendet.

»Ob Sie es erwartet haben oder nicht, ist mir kolossal gleichgültig. Lesen Sie nur schon«,

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sagte dieser und hielt Karl die Kerze hin.

Karl las bei ihrem Licht:

»Geliebter Neffe! Wie Du während unseres leider viel zu kurzen Zusammenlebens schon

erkannt haben wirst, bin ich durchaus ein Mann von Prinzipien. Das ist nicht nur für

meine Umgebung, sondern auch für mich sehr unangenehm und traurig, aber ich

verdanke meinen Prinzipien alles, was ich bin, und niemand darf verlangen, daß ich mich

vom Erdboden wegleugne, niemand, auch Du nicht, mein geliebter Neffe, wenn auch

Du gerade der erste in der Reihe wärest, wenn es mir einmal einfallen sollte, jenen

allgemeinen Angriff gegen mich zuzulassen. Dann würde ich am liebsten gerade Dich

mit diesen beiden Händen, mit denen ich das Papier halte und beschreibe, auffangen

und hochheben. Da aber vorläufig gar nichts darauf hindeutet, daß dies einmal

geschehen könnte, muß ich Dich nach dem heutigen Vorfall unbedingt von mir

fortschicken und ich bitte Dich dringend, mich weder selbst aufzusuchen, noch brieflich

oder durch Zwischenträger Verkehr mit mir zu suchen. Du hast Dich gegen meinen

Willen dafür entschieden, heute abend von mir fortzugehen, dann bleibe aber auch bei

diesem Entschluß Dein Leben lang, nur dann war es ein männlicher Entschluß. Ich

erwählte zum Überbringer dieser Nachricht Herrn Green, meinen besten Freund, der

sicherlich für Dich schonende Worte genug finden wird, die mir im Augenblick

tatsächlich nicht zur Verfügung stehen. Er ist ein einflußreicher Mann und wird Dich,

schon mir zuliebe, in Deinen ersten selbständigen Schritten mit Rat und Tat

unterstützen. Um unsere Trennung zu begreifen, die mir jetzt am Schlusse dieses Briefes

wieder unfaßlich scheint, muß ich mir immer wieder neuerlich sagen: Von Deiner

Familie, Karl, kommt nichts Gutes. Sollte Herr Green vergessen, Dir Deinen Koffer und

Deinen Regenschirm auszuhändigen, so erinnere ihn daran. Mit besten Wünschen für

Dein weiteres Wohlergehen

Dein treuer Onkel Jakob.«

»Sind Sie fertig?« fragte Green.

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»Ja«, sagte Karl.

»Haben Sie mir den Koffer und den Regenschirm mitgebracht?« fragte Karl.

»Hier ist er«, sagte Green und stellte Karls alten Reisekoffer, den er bisher mit der linken

Hand hinter den Rücken versteckt hatte, neben Karl auf den Boden.

»Und den Regenschirm?«, fragte Karl weiter.

»Alles hier«, sagte Green und zog auch den Regenschirm hervor, den er in einer

Hosentasche hängen hatte. »Die Sachen hat ein gewisser Schubal, ein Obermaschinist

der >Hamburg-Amerika-Linie haben. Sie können ihm bei Gelegenheit danken.«

»Nun habe ich wenigstens meine alten Sachen wieder«, sagte Karl und legte den Schirm

auf den Koffer.

»Sie sollen aber in Zukunft besser auf sie achtgeben, läßt Ihnen der Herr Senator sagen«,

bemerkte Herr Green und fragte dann, offenbar aus privater Neugierde: »Was ist das

eigentlich für ein merkwürdiger Koffer?«

»Es ist ein Koffer, mit dem die Soldaten in meiner Heimat zum Militär einrücken«,

antwortete Karl, »es ist der alte Militärkoffer meines Vater. Er ist sonst ganz praktisch«,

fügte er lächelnd hinzu, »vorausgesetzt, daß man ihn nicht irgendwo stehen läßt.«

»Schließlich sind Sie ja belehrt genug«, sagte Herr Green, »und einen zweiten Onkel

haben Sie in Amerika wohl nicht. Hier gebe ich Ihnen noch eine Karte dritter Klasse

nach San Franzisko. Ich habe diese Reise für Sie beschlossen, weil erstens die

Erwerbsmöglichkeiten im Osten für Sie viel besser sind und weil zweitens hier in al en

Dingen, die für Sie in Betracht kommen könnten, Ihr Onkel seine Hände im Spiele hat

und ein Zusammentreffen unbedingt vermieden werden muß. In Frisko können Sie ganz

ungestört arbeiten; fangen Sie nur ruhig ganz unten an und versuchen Sie, sich

allmählich hinaufzuarbeiten.«

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Karl konnte keine Bosheit aus diesen Worten heraushören, die schlimme Nachricht,

welche den ganzen Abend in Green gesteckt hatte, war überbracht, und von nun an

schien Green ein ungefährlicher Mann, mit dem man vielleicht offener reden konnte als

mit jedem anderen. Der beste Mensch, der ohne eigene Schuld zum Boten einer so

geheimen und quälenden Entschließung auserwählt wird, muß, solange er sie bei sich

behält, verdächtig scheinen. »Ich werde«, sagte Karl, die Bestätigung eines erfahrenen

Mannes erwartend, »dieses Haus sofort verlassen, denn ich bin nur als Neffe meines

Onkels aufgenommen, während ich als Fremder hier nichts zu suchen habe. Würden Sie

so liebenswürdig sein, mir den Ausgang zu zeigen und mich dann auf den Weg zu

führen, auf dem ich zur nächsten Gastwirtschaft komme?«

»Aber rasch«, sagte Green. »Sie machen mir nicht wenig Scherereien.«

Beim Anblick des großen Schrittes, den Green gleich gemacht hatte, stockte Karl, das

war doch eine verdächtige Eile, und er faßte Green unten beim Rock und sagte in einem

plötzlichen Erkennen des wahren Sachverhaltes: »Eines müssen Sie mir noch erklären:

auf dem Umschlag des Briefes, den Sie mir zu übergeben hatten, steht bloß, daß ich ihn

um Mitternacht erhalten soll, wo immer ich angetroffen werde. Warum haben Sie mich

also mit Berufung auf diesen Brief hier zurückgehalten, als ich um viertel zwölf von hier

fort wollte? Sie gingen dabei über Ihren Auftrag hinaus.«

Green leitete seine Antwort mit einer Handbewegung ein, welche das Unnütze von

Karls Bemerkung übertrieben darstellte, und sagte dann: »Steht vielleicht auf dem

Umschlag, daß ich mich Ihretwegen zu Tode hetzen soll, und läßt viel eicht der Inhalt

des Briefes darauf schließen, daß die Aufschrift so aufzufassen ist? Hätte ich Sie nicht

zurückgehalten, hätte ich Ihnen den Brief eben um Mitternacht auf der Landstraße

übergeben müssen.«

»Nein«, sagte Karl unbeirrt, »es ist nicht ganz so. Auf dem Umschlag steht: >Zu

übergeben nach Mitternacht. nicht folgen können, oder ich wäre, was allerdings selbst Herr Pollunder geleugnet hat,

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schon um Mitternacht bei meinem Onkel angekommen, oder es wäre schließlich Ihre

Pflicht gewesen, mich in Ihrem Automobil, von dem plötzlich nicht mehr die Rede war,

zu meinem Onkel zurückzubringen, da ich so danach verlangte, zurückzukehren. Besagt

nicht die Überschrift ganz deutlich, daß die Mitternacht für mich noch der letzte Termin

sein soll? Und Sie sind es, der die Schuld trägt, daß ich ihn versäumt habe.«

Karl sah Green mit scharfen Augen an und erkannte wohl, wie in Green die

Beschämung über diese Entlarvung mit der Freude über das Gelingen seiner Absicht

kämpfte. Endlich nahm er sich zusammen und sagte in einem Tone, als wäre er Karl, der

doch schon lange schwieg, mitten in die Rede gefallen: »Kein Wort weiter!« und schob

ihn, der Koffer und Schirm wieder aufgenommen hatte, durch eine kleine Tür, die er vor

ihm aufstieß, hinaus.

Karl stand erstaunt im Freien. Eine an das Haus angebaute Treppe ohne Geländer

führte vor ihm hinab. Er mußte nur hinuntergehen und dann sich ein wenig rechts zur

Al ee wenden, die auf die Landstraße führte. In dem hellen Mondschein konnte man

sich gar nicht verirren. Unten im Garten hörte er das vielfache Bellen von Hunden, die,

losgelassen, ringsherum im Dunkel der Bäume liefen. Man hörte in der sonstigen Stille

ganz genau, wie sie nach ihren großen Sprüngen ins Gras schlugen.

Ohne von diesen Hunden belästigt zu werden, kam Karl glücklich aus dem Garten. Er

konnte nicht mit Bestimmtheit feststellen, in welcher Richtung New York lag. Er hatte

bei der Herfahrt zu wenig auf die Einzelheiten geachtet, die ihm jetzt hätten nützlich

sein können. Schließlich sagte er sich, daß er ja nicht unbedingt nach New York müsse,

wo ihn niemand erwarte und einer sogar mit Bestimmtheit nicht erwarte. Er wählte also

eine beliebige Richtung und machte sich auf den Weg.

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Weg nach Ramses

In dem kleinen Wirtshaus, in das Karl nach kurzem Marsch kam, und das eigentlich nur

eine kleine letzte Station des New Yorker Fuhrwerkverkehrs bildete und deshalb kaum

für Nachtlager benützt zu werden pflegte, verlangte Karl die billigste Bettstelle, die zu

haben war, denn er glaubte, mit dem Sparen sofort anfangen zu müssen. Er wurde,

seiner Forderung entsprechend, vom Wirt mit einem Wink, als sei er ein Angestellter, die

Treppe hinaufgewiesen, wo ihn ein zerrauftes, altes Frauenzimmer, ärgerlich über den

gestörten Schlaf, empfing und, fast ohne ihn anzuhören, mit ununterbrochenen

Ermahnungen, leise aufzutreten, in ein Zimmer führte, dessen Tür sie, nicht ohne ihn

vorher mit einem Pst! angehaucht zu haben, schloß.

Karl wußte zuerst nicht recht, ob die Fenstervorhänge bloß herabgelassen waren oder ob

vielleicht das Zimmer überhaupt keine Fenster habe, so finster war es; schließlich

bemerkte er eine kleine, verhängte Luke, deren Tuch er wegzog, wodurch einiges Licht

hereinkam. Das Zimmer hatte zwei Betten, die aber beide schon besetzt waren. Karl sah

dort zwei junge Leute, die in schwerem Schlafe lagen und vor allem deshalb wenig

vertrauenswürdig erschienen, weil sie, ohne verständlichen Grund, angezogen schliefen;

der eine hatte sogar seine Stiefel an.

In dem Augenblick, als Karl die Luke freigelegt hatte, hob einer der Schläfer die Arme

und Beine ein wenig in die Höhe, was einen derartigen Anblick bot, daß Karl trotz

seinen Sorgen in sich hineinlachte.

Er sah bald ein, daß er, abgesehen davon, daß auch keine andere Schlafgelegenheit,

weder Kanapee noch Sofa, vorhanden war, zu keinem Schlafe werde kommen können,

denn er durfte seinen erst wiedergewonnenen Koffer und das Geld, das er bei sich trug,

keiner Gefahr aussetzen. Weggehen aber wollte er auch nicht, denn er getraute sich

nicht, an der Zimmerfrau und dem Wirt vorüber das Haus gleich wieder zu verlassen.

Schließlich war es ja hier doch vielleicht nicht unsicherer als auf der Landstraße.

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Auffallend war freilich, daß im ganzen Zimmer, soweit sich das bei dem halben Licht

feststellen ließ, kein einziges Gepäckstück zu entdecken war. Aber vielleicht und

höchstwahrscheinlich waren die zwei jungen Leute die Hausdiener, die der Gäste wegen

bald aufstehen mußten und deshalb angezogen schliefen. Dann war es allerdings nicht

besonders ehrenvoll, mit ihnen zu schlafen, aber desto ungefährlicher. Nur durfte er sich

aber, solange das nicht außer jedem Zweifel stand, auf keinen Fall zum Schlafe

niederlegen.

Unter dem Bett stand eine Kerze mit Zündhölzchen, die sich Karl mit schleichenden

Schritten holte. Er hatte kein Bedenken, Licht zu machen, denn das Zimmer gehörte

nach Auftrag des Wirtes ihm ebensogut wie den beiden anderen, die überdies den Schlaf

der halben Nacht schon genossen hatten und durch den Besitz der Betten ihm

gegenüber in unvergleichlichem Vorteil waren. Im übrigen gab er sich natürlich durch

Vorsicht beim Herumgehen und Hantieren alle Mühe, sie nicht zu wecken.

Zunächst wollte er seinen Koffer untersuchen, um einmal einen Überblick über seine

Sachen zu bekommen, an die er sich schon nur undeutlich erinnerte und von denen

sicher das Wertvollste schon verlorengegangen sein dürfte. Denn wenn der Schubal

seine Hand auf etwas legt, dann ist wenig Hoffnung, daß man es unbeschädigt

zurückbekommt. Allerdings hatte er vom Onkel ein großes Trinkgeld erwarten können,

während er aber andererseits wieder beim Fehlen einzelner Objekte auf den eigentlichen

Kofferwächter, den Herrn Butterbaum, sich hatte ausreden können.

Über den ersten Anblick beim Öffnen des Koffers war Karl entsetzt. Wie viele Stunden

hatte er während der Überfahrt darauf verwendet, den Koffer zu ordnen und wieder neu

zu ordnen, und jetzt war alles so wild durcheinander hineingestopft, daß der Deckel

beim Öffnen des Schlosses von selbst in die Höhe sprang.

Bald aber erkannte Karl zu seiner Freude, daß die Unordnung nur darin ihren Grund

hatte, daß man seinen Anzug, den er während der Fahrt getragen hatte und für den der

Koffer natürlich nicht mehr berechnet gewesen war, nachträglich mit eingepackt hatte.

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Nicht das Geringste fehlte. In der Geheimtasche des Rockes befand sich nicht nur der

Paß, sondern auch das von zu Hause mitgenommene Geld, so daß Karl, wenn er jenes,

das er bei sich hatte, dazu legte, mit Geld für den Augenblick reichlich versehen war.

Auch die Wäsche, die er bei seiner Ankunft auf dem Leib getragen hatte, fand sich vor,

rein gewaschen und gebügelt. Er legte auch sofort Uhr und Geld in die bewährte

Geheimtasche. Das einzig Bedauerliche war, daß die Veroneser Salami, die auch nicht

fehlte, allen Sachen ihren Geruch mitgeteilt hatte. Wenn sich das nicht durch irgendein

Mittel beseitigen ließ, hatte Karl die Aussicht, monatelang in diesen Geruch eingehüllt

herumzugehen.

Beim Hervorsuchen einiger Gegenstände, die zuunterst lagen ­ es waren dies eine

Taschenbibel, Briefpapier und die Photographien der Eltern ­, fiel ihm die Mütze vom

Kopf und in den Koffer. In ihrer alten Umgebung erkannte er sie sofort, es war seine

Mütze, die Mütze, die ihm die Mutter als Reisemütze mitgegeben hatte. Er hatte jedoch

aus Vorsicht diese Mütze auf dem Schiff nicht getragen, da er wußte, daß man in

Amerika allgemein Mützen statt Hüte trägt, weshalb er die seine nicht schon vor der

Ankunft hatte abnützen wollen. Nun hatte sie allerdings Herr Green dazu benützt, um

sich auf Karls Kosten zu belustigen. Ob ihm vielleicht auch dazu der Onkel den Auftrag

gegeben hatte? Und in einer unabsichtlichen, wütenden Bewegung faßte er den

Kofferdeckel, der laut zuklappte.

Nun war keine Hilfe mehr, die beiden Schläfer waren geweckt. Zuerst streckte sich und

gähnte der eine, ihm folgte gleich der andere. Dabei war fast der ganze Kofferinhalt auf

dem Tisch ausgeschüttet; wenn es Diebe waren, brauchten sie nur heranzutreten und

auszuwählen. Nicht nur um dieser Möglichkeit vorzukommen, sondern um auch sonst

gleich Klarheit zu schaffen, ging Karl mit der Kerze in der Hand zu den Betten und

erklärte, mit welchem Rechte er hier sei. Sie schienen diese Erklärung gar nicht erwartet

zu haben, denn, noch viel zu verschlafen, um reden zu können, sahen sie ihn bloß ohne

jedes Erstaunen an. Sie waren beide sehr junge Leute, aber schwere Arbeit oder Not

hatten ihnen vorzeitig die Knochen aus den Gesichtern vorgetrieben, unordentliche

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Bärte hingen ihnen ums Kinn, ihr schon lange nicht geschnittenes Haar lag ihnen

zerfahren auf dem Kopf, und ihre tiefliegenden Augen rieben und drückten sie nun noch

vor Verschlafenheit mit den Fingerknöcheln.

Karl wollte ihren augenblicklichen Schwächezustand ausnützen und sagte deshalb: »Ich

heiße Karl Roßmann und bin ein Deutscher. Bitte, sagen Sie mir, da wir doch ein

gemeinsames Zimmer haben, auch Ihren Namen und Ihre Nationalität. Ich erkläre nur

noch gleich, daß ich keinen Anspruch auf ein Bett habe, da ich so spät gekommen bin

und überhaupt nicht die Absicht habe, zu schlafen. Außerdem müssen Sie sich nicht an

meinem schönen Kleid stoßen, ich bin vollständig arm und ohne Aussichten.«

Der Kleinere von beiden ­ es war jener, der die Stiefel anhatte ­ deutete mit Armen,

Beinen und Mienen an, daß ihn das alles gar nicht interessiere und daß jetzt überhaupt

keine Zeit für derartige Redensarten sei, legte sich nieder und schlief sofort; der andere,

ein dunkelhäutiger Mann, legte sich auch wieder nieder, sagte aber noch vor dem

Einschlafen mit lässig ausgestreckter Hand: »Der da heißt Robinson und ist Irländer, ich

heiße Delamarche, bin Franzose und bitte jetzt um Ruhe.« Kaum hatte er das gesagt,

blies er mit großem Atemaufwand Karls Kerze aus und fiel auf das Kissen zurück.

>Diese Gefahr ist also vorläufig abgewehrt Wenn ihre Schläfrigkeit nicht Vorwand war, war ja alles gut. Unangenehm war bloß, daß

der eine Irländer war. Karl wußte nicht mehr genau, in welchem Buch er einmal zu

Hause gelesen hatte, daß man sich in Amerika vor den Irländern hüten solle. Während

seines Aufenthaltes beim Onkel hätte er freilich die beste Gelegenheit gehabt, der Frage

nach der Gefährlichkeit der Irländer auf den Grund zu gehen, hatte dies aber, weil er

sich für immer gut aufgehoben geglaubt hatte, völlig versäumt. Nun wollte er wenigstens

mit der Kerze, die er wieder angezündet hatte, diesen Irländer genauer ansehen, wobei er

fand, daß gerade dieser erträglicher aussah als der Franzose. Er hatte sogar noch eine

Spur von runden Wangen und lächelte im Schlaf ganz freundlich, soweit das Karl aus

einiger Entfernung, auf den Fußspitzen stehend, feststellen konnte.

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Trotz allem fest entschlossen, nicht zu schlafen, setzte sich Karl auf den einzigen Stuhl

des Zimmers, verschob vorläufig das Packen des Koffers, da er ja dafür die ganze Nacht

noch verwenden konnte, und blätterte ein wenig in der Bibel, ohne etwas zu lesen. Dann

nahm er die Photographie der Eltern zur Hand, auf welcher der kleine Vater hoch

aufgerichtet stand, während die Mutter in dem Fauteuil vor ihm, ein wenig eingesunken,

dasaß. Die eine Hand hielt der Vater auf der Rückenlehne des Fauteuils, die andere, zur

Faust geballt, auf einem illustrierten Buch, das aufgeschlagen auf einem schwachen

Schmucktischchen ihm zur Seite lag. Es gab auch eine andere Photographie, auf welcher

Karl mit seinen Eltern abgebildet war. Vater und Mutter sahen ihn dort scharf an,

während er nach dem Auftrag des Photographen den Apparat hatte anschauen müssen.

Diese Photographie hatte er aber auf die Reise nicht mitbekommen.

Desto genauer sah er die vor ihm liegende an und suchte von verschiedenen Seiten den

Blick des Vaters aufzufangen. Aber der Vater wollte, wie er auch den Anblick durch

verschiedene Kerzenstellungen änderte, nicht lebendig werden, sein waagrechter, starker

Schnurrbart sah der Wirklichkeit auch gar nicht ähnlich, es war keine gute Aufnahme.

Die Mutter dagegen war schon besser abgebildet, ihr Mund war so verzogen, als sei ihr

ein Leid angetan worden und als zwinge sie sich zu lächeln. Karl schien es, als müsse

dies jedem, der das Bild ansah, so sehr auffallen, daß es ihm im nächsten Augenblick

wieder schien, die Deutlichkeit dieses Eindrucks sei zu stark und fast widersinnig. Wie

könne man von einem Bild so sehr die unumstößliche Überzeugung eines verborgenen

Gefühls des Abgebildeten erhalten! Und er sah vom Bild ein Weilchen lang weg. Als er

mit den Blicken wieder zurückkehrte, fiel ihm die Hand der Mutter auf, die ganz vorne

an der Lehne des Fauteuils herabhing, zum Küssen nahe. Er dachte, ob es nicht

vielleicht doch gut wäre, den Eltern zu schreiben, wie sie es ja tatsächlich beide (und der

Vater zuletzt sehr streng in Hamburg) von ihm verlangt hatten. Er hatte sich freilich

damals, als ihm die Mutter am Fenster an einem schrecklichen Abend die Amerikareise

angekündigt hatte, unabänderlich zugeschworen, niemals zu schreiben, aber was galt ein

solcher Schwur eines unerfahrenen Jungen hier in den neuen Verhältnissen! Ebensogut

hätte er damals schwören können, daß er nach zwei Monaten amerikanischen

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Aufenthalts General der amerikanischen Miliz sein werde, während er tatsächlich in einer

Dachkammer mit zwei Lumpen beisammen war, in einem Wirtshaus vor New York, und

außerdem zugeben mußte, daß er hier wirklich an seinem Platze war. Und lächelnd

prüfte er die Gesichter der Eltern, als könne man aus ihnen erkennen, ob sie noch

immer das Verlangen hatten, eine Nachricht von ihrem Sohn zu bekommen.

In diesem Anschauen merkte er bald, daß er doch sehr müde war und kaum die Nacht

werde durchwachen können. Das Bild entfiel seinen Händen, dann legte er das Gesicht

auf das Bild, dessen Kühle seiner Wange wohltat, und mit einem angenehmen Gefühle

schlief er ein.

Geweckt wurde er früh durch das Kitzeln unter der Achsel. Es war der Franzose, der

sich diese Zudringlichkeit erlaubte. Aber auch der Irländer stand schon vor Karls Tisch

und beide sahen ihn mit keinem geringeren Interesse an, als es Karl in der Nacht ihnen

gegenüber getan hatte. Karl wunderte sich nicht darüber, daß ihn ihr Aufstehen nicht

schon geweckt hatte; sie mußten durchaus nicht aus böser Absicht besonders leise

aufgetreten sein, denn er hatte tief geschlafen und außerdem hatte ihnen das Anziehen

und offenbar auch das Waschen nicht viel Arbeit gemacht.

Nun begrüßten sie einander ordentlich und mit einer gewissen Förmlichkeit, und Karl

erfuhr, daß die beiden Maschinenschlosser waren, die in New York schon lange Zeit

keine Arbeit hatten bekommen können und infolgedessen ziemlich heruntergekommen

waren. Robinson öffnete zum Beweise dessen seinen Rock, und man konnte sehen, daß

kein Hemd da war, was man allerdings auch schon an dem lose sitzenden Kragen hätte

erkennen können, der hinten am Rock befestigt war. Sie hatten die Absicht, in das zwei

Tagereisen von New York entfernte Städtchen Butterford zu marschieren, wo angeblich

Arbeitsstellen frei waren. Sie hatten nichts dagegen, daß Karl mitkomme, und

versprachen ihm erstens, zeitweilig seinen Koffer zu tragen, und zweitens, falls sie selbst

Arbeit bekommen sollten, ihm eine Lehrlingsstelle zu verschaffen, was, wenn nur

überhaupt Arbeit vorhanden sei, eine Leichtigkeit wäre. Karl hatte noch kaum

zugestimmt, als sie ihm schon freundschaftlich den Rat gaben, das schöne Kleid

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auszuziehen, da es ihm bei jeder Bewerbung um eine Stelle hinderlich sein werde.

Gerade in diesem Hause sei eine gute Gelegenheit, das Kleid los zu werden, denn die

Zimmerfrau betreibe einen Kleiderhandel. Sie halfen Karl, der auch rücksichtlich des

Kleides noch nicht ganz entschlossen war, aus dem Kleid heraus und trugen es davon.

Als Karl, allein gelassen und ein wenig schlaftrunken, sein altes Reisekleid noch langsam

anzog, machte er sich Vorwürfe, das Kleid verkauft zu haben, das ihm vielleicht bei der

Bewerbung um eine Lehrlingsstelle schaden, bei der um einen besseren Posten aber nur

nützen konnte, und er öffnete die Tür, um die beiden zurückzurufen, stieß aber schon

mit ihnen zusammen, die einen halben Dollar als Erlös auf den Tisch legten, dabei aber

so fröhliche Gesichter machten, daß man sich unmöglich dazu überreden konnte, sie

hätten bei dem Verkauf nicht auch ihren Verdienst gehabt, und zwar einen ärgerlich

großen.

Es war übrigens keine Zeit, sich darüber auszusprechen, denn die Zimmerfrau kam

herein, genau so verschlafen wie in der Nacht, und trieb alle drei auf den Gang hinaus,

mit der Erklärung, daß das Zimmer für neue Gäste hergerichtet werden müsse. Davon

war aber natürlich keine Rede, sie handelte nur aus Bosheit. Karl, der seinen Koffer

gerade hatte ordnen wollen, mußte zusehen, wie die Frau seine Sachen mit beiden

Händen packte und mit einer Kraft in den Koffer warf, als seien es irgendwelche Tiere,

die man zum Kuschen bringen mußte. Die beiden Schlosser machten sich zwar um sie

zu schaffen, zupften sie an ihrem Rock, beklopften ihren Rücken, aber wenn sie die

Absicht hatten, Karl damit zu helfen, so war das ganz verfehlt. Als die Frau den Koffer

zugeklappt hatte, drückte sie Karl den Halter in die Hand, schüttelte die Schlosser ab

und jagte alle drei mit der Drohung aus dem Zimmer, daß sie, wenn sie nicht folgten,

keinen Kaffee bekommen würden. Die Frau mußte offenbar gänzlich vergessen haben,

daß Karl nicht von allem Anfang an zu den Schlossern gehört hatte, denn sie behandelte

sie als eine einzige Bande. Allerdings hatten die Schlosser Karls Kleid ihr verkauft und

damit eine gewisse Gemeinsamkeit erwiesen.

Auf dem Gange mußten sie lange hin und her gehen, und besonders der Franzose, der

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sich in Karl eingehängt hatte, schimpfte ununterbrochen, drohte, den Wirt, wenn er sich

vorwagen sollte, niederzuboxen, und es schien eine Vorbereitung dazu zu sein, daß er

die geballten Fäuste rasend aneinander rieb. Endlich kam ein unschuldiger kleiner Junge,

der sich strecken mußte, als er dem Franzosen die Kaffeekanne reichte. Leider war nur

eine Kanne vorhanden, und man konnte dem Jungen nicht begreiflich machen, daß

noch Gläser erwünscht wären. So konnte immer nur einer trinken und die beiden

anderen standen vor ihm und warteten. Karl hatte keine Lust zu trinken, wollte aber die

anderen nicht kränken und stand also, wenn er an der Reihe war, untätig da, die Kanne

an den Lippen.

Zum Abschied warf der Irländer die Kanne auf die steinernen Fliesen hin. Sie verließen,

von niemandem gesehen, das Haus und traten in den dichten, gelblichen Morgennebel.

Sie marschierten im allgemeinen still nebeneinander am Rande der Straße, Karl mußte

seinen Koffer tragen, die anderen würden ihn wahrscheinlich erst auf seine Bitte

ablösen; hie und da schoß ein Automobil aus dem Nebel, und die drei drehten ihre

Köpfe nach den meist riesenhaften Wagen, die so auffällig in ihrem Bau und so kurz in

ihrer Erscheinung waren, daß man nicht Zeit hatte, auch nur das Vorhandensein von

Insassen zu bemerken. Später begannen die Kolonnen von Fuhrwerken, welche

Lebensmittel nach New York brachten, und die in fünf, die ganze Breite der Straße

einnehmenden Reihen so ununterbrochen dahinzogen, daß niemand die Straße hätte

überqueren können. Von Zeit zu Zeit verbreiterte sich die Straße zu einem Platz, in

dessen Mitte auf einer turmartigen Erhöhung ein Polizist auf und ab schritt, um alles

übersehen und mit einem Stöckchen den Verkehr auf der Hauptstraße sowie den von

den Seitenstraßen hier einmündenden Verkehr ordnen zu können, der dann bis zum

nächsten Platze und zum nächsten Polizisten unbeaufsichtigt blieb, aber von den

schweigenden und aufmerksamen Kutschern und Chauffeuren freiwillig in genügender

Ordnung gehalten wurde. Über die allgemeine Ruhe staunte Karl am meisten. Wäre

nicht das Geschrei der sorglosen Schlachttiere gewesen, man hätte vielleicht nichts

gehört als das Klappern der Hufe und das Sausen der Antiderapants. Dabei war die

Fahrtschnelligkeit natürlich nicht immer die gleiche. Wenn auf einzelnen Plätzen infolge

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allzu großen Andrangs von den Seiten große Umstellungen vorgenommen werden

mußten, stockten die ganzen Reihen und fuhren nur Schritt für Schritt, dann aber kam

es auch wieder vor, daß für ein Weilchen alles blitzschnell vorbeijagte, bis es, wie von

einer einzigen Bremse regiert, sich wieder besänftigte. Dabei stieg von der Straße nicht

der geringste Staub auf, alles bewegte sich in der klarsten Luft. Fußgänger gab es keine,

hier wanderten keine einzelnen Marktweiber zur Stadt wie in Karls Heimat, aber doch

erschienen hie und da große, flache Automobile, auf denen an zwanzig Frauen mit

Rückenkörben, also doch vielleicht Marktweiber, standen und die Hälse streckten, um

den Verkehr zu überblicken und sich Hoffnung auf raschere Fahrt zu holen.

Dann sah man ähnliche Automobile, auf denen einzelne Männer, die Hände in den

Hosentaschen, herumspazierten. Auf einem dieser Automobile, die verschiedene

Aufschriften trugen, las Karl unter einem kleinen Aufschrei: »Hafenarbeiter für die

Spedition Jakob aufgenommen.« Der Wagen fuhr gerade ganz langsam, und ein auf der

Wagentreppe stehender kleiner, gebückter, lebhafter Mann lud die drei Wanderer zum

Einsteigen ein. Karl flüchtete sich hinter die Schlosser, als könne sich auf dem Wagen

der Onkel befinden und ihn sehen. Er war froh, daß auch die beiden die Einladung

ablehnten, wenn ihn auch der hochmütige Gesichtsausdruck gewissermaßen kränkte, mit

dem sie das taten. Sie mußten durchaus nicht glauben, daß sie zu gut waren, um in die

Dienste des Onkels zu treten. Er gab es ihnen, wenn auch natürlich nicht ausdrücklich,

sofort zu verstehen. Darauf bat ihn Delamarche, sich gefälligst nicht in Sachen

einzumischen, die er nicht verstehe; diese Art, Leute aufzunehmen, sei ein schändlicher

Betrug, und die Firma Jakob sei berüchtigt in den ganzen Vereinigten Staaten. Karl

antwortete nicht, hielt sich aber von nun an mehr an den Irländer, er bat ihn auch, ihm

jetzt ein wenig den Koffer zu tragen, was dieser, nachdem Karl seine Bitte mehrmals

wiederholt hatte, auch tat. Nur klagte er ununterbrochen über die Schwere des Koffers,

bis es sich zeigte, daß er nur die Absicht hatte, den Koffer um die Veroneser Salami zu

erleichtern, die ihm wohl schon im Hotel angenehm aufgefallen war. Karl mußte sie

auspacken, der Franzose nahm sie zu sich, um sie mit seinem dolchartigen Messer zu

behandeln und fast ganz allein aufzuessen. Robinson bekam nur hie und da eine

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Schnitte, Karl dagegen, der wieder den Koffer tragen mußte, wenn er ihn nicht auf der

Landstraße stehen lassen wollte, bekam nichts, als hätte er sich seinen Anteil schon im

voraus genommen. Es schien ihm zu kleinlich, um ein Stückchen zu betteln, aber die

Galle regte sich in ihm.

Aller Nebel war schon verschwunden, in der Ferne erglänzte ein hohes Gebirge, das mit

welligem Kamm in noch ferneren Sonnendunst führte. An der Seite der Straße lagen

schlecht bebaute Felder, die sich um große Fabriken hinzogen, die dunkel angeraucht im

freien Lande standen. In den wahllos hingestellten einzelnen Mietskasernen zitterten die

vielen Fenster in der mannigfaltigsten Bewegung und Beleuchtung, und auf all den

kleinen, schwachen Balkonen hatten Frauen und Kinder vielerlei zu tun, während um sie

herum, sie verdeckend und enthüllend, aufgehängte und hingelegte Tücher und

Wäschestücke im Morgenwind flatterten und mächtig sich bauschten. Glitten die Blicke

von den Häusern ab, dann sah man Lerchen hoch am Himmel fliegen und unten wieder

die Schwalben, nicht allzuweit über den Köpfen der Fahrenden.

Vieles erinnerte Karl an seine Heimat und er wußte nicht, ob er gut daran tue, New York

zu verlassen und in das Innere des Landes zu gehen. In New York war das Meer und zu

jeder Zeit die Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat. Und so blieb er stehen und sagte

zu seinen beiden Begleitern, er habe doch wieder Lust, in New York zu bleiben. Und als

Delamarche ihn einfach weitertreiben wollte, ließ er sich nicht treiben und sagte, daß er

doch wohl noch das Recht habe, über sich zu entscheiden. Der Irländer mußte erst

vermitteln und erklären, daß Butterford viel schöner als New York sei, und beide

mußten ihn noch sehr bitten, ehe er wieder weiterging. Und selbst dann wäre er noch

nicht gegangen, wenn er sich nicht gesagt hätte, daß es für ihn vielleicht besser sei, an

einen Ort zu kommen, wo die Möglichkeit der Rückkehr in die Heimat keine so leichte

sei. Gewiß werde er dort besser arbeiten und vorwärtskommen, da ihn keine unnützen

Gedanken hindern würden.

Und nun war er es, der die beiden anderen zog, und sie freuten sich so sehr über seinen

Eifer, daß sie, ohne sich erst bitten zu lassen, den Koffer abwechselnd trugen und Karl

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gar nicht recht verstand, womit er ihnen eigentlich diese Freude verursache. Sie kamen

in eine ansteigende Gegend und, wenn sie hie und da stehenblieben, konnten sie beim

Rückblick das Panorama New Yorks und seines Hafens immer ausgedehnter sich

entwickeln sehen. Die Brücke, die New York mit Brooklyn verbindet, hing zart über den

East River, und sie erzitterte, wenn man die Augen klein machte. Sie schien ganz ohne

Verkehr zu sein, und unter ihr spannte sich das unbelebte, glatte Wasserband. Alles in

beiden Riesenstädten schien leer und nutzlos aufgestellt. Unter den Häusern gab es

kaum einen Unterschied zwischen den großen und den kleinen. In der unsichtbaren

Tiefe der Straßen ging wahrscheinlich das Leben fort nach seiner Art, aber über ihnen

war nichts zu sehen als leichter Dunst, der sich zwar nicht bewegte, aber ohne Mühe

verjagbar zu sein schien. Selbst in den Hafen, den größten der Welt, war Ruhe

eingekehrt, und nur hie und da glaubte man, wohl beeinflußt von der Erinnerung an

einen früheren Anblick aus der Nähe, ein Schiff zu sehen, das eine kurze Strecke sich

fortschob. Aber man konnte ihm auch nicht lange folgen, es entging den Augen und war

nicht mehr zu finden.

Aber Delamarche und Robinson sahen offenbar viel mehr, sie zeigten nach rechts und

links und überwölbten mit den ausgestreckten Händen Plätze und Gärten, die sie mit

Namen benannten. Sie konnten es nicht begreifen, daß Karl über zwei Monate in New

York gewesen war und kaum etwas anderes von der Stadt gesehen hatte als eine Straße.

Und sie versprachen ihm, wenn sie in Butterford genug verdient hätten, mit ihm nach

New York zu gehen und ihm alles Sehenswerte zu zeigen und ganz besonders natürlich

jene Örtlichkeiten, wo man sich bis zum Seligwerden unterhielt. Und Robinson begann

im Anschluß daran mit vollem Mund ein Lied zu singen, das Delamarche mit

Händeklatschen begleitete und das Karl als eine Operettenmelodie aus seiner Heimat

erkannte, die ihm hier mit dem englischen Text viel besser gefiel, als sie ihm je zu Hause

gefallen hatte. So gab es eine kleine Vorstellung im Freien, an der alle Anteil nahmen,

nur die Stadt unten, die sich angeblich bei dieser Melodie unterhielt, schien gar nichts

davon zu wissen.

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Einmal fragte Karl, wo denn die Spedition Jakob liege, und sofort sah er Delamarches

und Robinsons ausgestreckte Zeigefinger vielleicht auf den gleichen, vielleicht auf

meilenweit entfernte Punkte gerichtet. Als sie dann weitergingen, fragte Karl, wann sie

frühestens mit genügendem Verdienst nach New York zurückkehren könnten.

Delamarche sagte, das könne schon ganz gut in einem Monat sein, denn in Butterford

sei Arbeitermangel und die Löhne seien hoch. Natürlich würden sie ihr Geld in eine

gemeinsame Kasse legen, damit zufällige Unterschiede im Verdienst unter ihnen als

Kameraden ausgeglichen würden. Die gemeinsame Kasse gefiel Karl nicht, obwohl er als

Lehrling natürlich weniger verdienen würde als ausgelernte Arbeiter. Überdies erwähnte

Robinson, daß sie natürlich, wenn in Butterford keine Arbeit wäre, weiter wandern

müßten, entweder um als Landarbeiter irgendwo unterzukommen oder vielleicht nach

Kalifornien in die Goldwäschereien zu gehen, was, nach Robinsons ausführlichen

Erzählungen zu schließen, sein liebster Plan war.

»Warum sind Sie denn Schlosser geworden, wenn Sie jetzt in die Goldwäschereien

wol en?« fragte Karl, der ungern von der Notwendigkeit solcher weiten, unsicheren

Reisen hörte.

»Warum ich Schlosser geworden bin?« sagte Robinson, »doch gewiß nicht deshalb, damit

meiner Mutter Sohn dabei verhungert. In den Goldwäschereien ist ein feiner Verdienst.«

»War einmal«, sagte Delamarche.

»Ist noch immer«, sagte Robinson und erzählte von vielen dabei reich gewordenen

Bekannten, die noch immer dort waren, natürlich keinen Finger mehr rührten, aus alter

Freundschaft ihm aber und selbstverständlich auch seinen Kameraden zu Reichtum

verhelfen würden. »Wir werden schon in Butterford Stellen erzwingen«, sagte

Delamarche und sprach damit Karl aus der Seele, aber eine zuversichtliche

Ausdrucksweise war es nicht. Während des Tages machten sie nur einmal in einem

Wirtshaus halt und aßen davor im Freien an einem, wie es Karl schien, eisernen Tisch

fast rohes Fleisch, das man mit Messer und Gabel nicht zerschneiden, sondern nur

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zerreißen konnte. Das Brot hatte eine walzenartige Form, und in jedem Brotlaib steckte

ein langes Messer. Zu diesem Essen wurde eine schwarze Flüssigkeit gereicht, die im

Halse brannte. Delamarche und Robinson schmeckte sie aber, sie erhoben oft auf die

Erfüllung verschiedener Wünsche ihre Gläser und stießen miteinander an, wobei sie ein

Weilchen lang in der Höhe Glas an Glas hielten. Am Nebentisch saßen Arbeiter in

kalkbespritzten Blusen, und alle tranken die gleiche Flüssigkeit. Automobile, die in

Mengen vorüberfuhren, warfen Schwaden von Staub über die Tische hin. Große

Zeitungsblätter wurden herumgereicht, man sprach erregt vom Streik der Bahnarbeiter,

der Name Mack wurde öfters genannt. Karl erkundigte sich über ihn und erfuhr, daß

dies der Vater des ihm bekannten Mack und der größte Bauunternehmer von New York

war. Der Streik kostete ihn Millionen und bedrohte vielleicht seine geschäftliche

Stellung. Karl glaubte kein Wort von diesem Gerede schlecht unterrichteter,

übelwollender Leute.

Verbittert wurde das Essen für Karl außerdem dadurch, daß es sehr fraglich war, wie das

Essen gezahlt werden sollte. Das Natürliche wäre gewesen, daß jeder seinen Teil gezahlt

hätte, aber Delamarche wie auch Robinson hatten gelegentlich bemerkt, daß für das

letzte Nachtlager ihr letztes Geld aufgegangen war. Uhr, Ring oder sonst etwas

Veräußerbares war an keinem zu sehen. Und Karl konnte ihnen doch nicht vorhalten,

daß sie an dem Verkauf seiner Kleider etwas verdient hätten, das wäre doch Beleidigung

und Abschied für immer gewesen. Das Erstaunliche aber war, daß weder Delamarche

noch Robinson irgendwelche Sorgen wegen der Bezahlung hatten, vielmehr hatten sie

gute Laune genug, möglichst oft Anknüpfungen mit der Kellnerin zu versuchen, die

stolz und mit schwerem Gang zwischen den Tischen hin und her ging. Ihr Haar ging ihr

von den Seiten ein wenig lose in Stirn und Wangen, und sie strich es immer wieder

zurück, indem sie mit den Händen darunter hinfuhr. Schließlich, als man vielleicht das

erste freundliche Wort von ihr erwartete, trat sie zum Tische, legte beide Hände auf ihn

und fragte: »Wer zahlt?« Nie waren Hände rascher aufgeflogen als jetzt jene von

Delamarche und Robinson, die auf Karl zeigten. Karl erschrak darüber nicht, denn er

hatte es ja vorausgesehen, und sah nichts Schlimmes darin, daß die Kameraden, von

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denen er ja auch Vorteile erwartete, einige Kleinigkeiten von ihm bezahlen ließen, wenn

es auch anständiger gewesen wäre, diese Sache vor dem entscheidenden Augenblick

ausdrücklich zu besprechen. Peinlich war bloß, daß er das Geld erst aus der

Geheimtasche heraufbefördern mußte. Seine ursprüngliche Absicht war es gewesen, das

Geld für die letzte Not aufzuheben und sich also vorläufig mit seinen Kameraden

gewissermaßen in eine Reihe zu stellen. Der Vorteil, den er durch dieses Geld und vor

allem durch das Verschweigen des Besitzes gegenüber den Kameraden erlangte, wurde

für diese mehr als reichlich dadurch aufgewogen, daß sie schon seit ihrer Kindheit in

Amerika waren, daß sie genügende Kenntnisse und Erfahrungen für Gelderwerb hatten

und daß sie schließlich an bessere Lebensverhältnisse als ihre gegenwärtigen nicht

gewöhnt waren. Diese bisherigen Absichten, die Karl rücksichtlich seines Geldes hatte,

mußten an und für sich durch diese Bezahlung nicht gestört werden, denn einen

Vierteldollar konnte er schließlich entbehren und deshalb also ein Vierteldollarstück auf

den Tisch legen und erklären, dies sei sein einziges Eigentum und er sei bereit, es für die

gemeinsame Reise nach Butterford zu opfern. Für die Fußreise genügte ein solcher

Betrag auch vollkommen. Nun aber wußte er nicht, ob er genügend Kleingeld hatte, und

überdies lag dieses Geld sowie die zusammengelegten Banknoten irgendwo in der Tiefe

der Geheimtasche, in der man eben am besten etwas fand, wenn man den ganzen Inhalt

auf den Tisch schüttete. Außerdem war es höchst unnötig, daß die Kameraden von

dieser Geheimtasche überhaupt etwas erfuhren. Nun schien es zum Glück, daß die

Kameraden sich noch immer mehr für die Kel nerin interessierten als dafür, wie Karl das

Geld für die Bezahlung zusammenbrächte. Delamarche lockte die Kellnerin durch die

Aufforderung, die Rechnung aufzustellen, zwischen sich und Robinson und sie konnte

die Zudringlichkeiten der beiden nur dadurch abwehren, daß sie einem oder dem

anderen die ganze Hand auf das Gesicht legte und ihn wegschob. Inzwischen sammelte

Karl, heiß vor Anstrengung, unter der Tischplatte in der einen Hand das Geld, das er mit

der anderen Stück für Stück in der Geheimtasche herumjagte und herausholte. Endlich

glaubte er, obwohl er das amerikanische Geld noch nicht genau kannte, er hätte,

wenigstens der Menge der Stücke nach, eine genügende Summe, und legte sie auf den

Tisch. Der Klang des Geldes unterbrach sofort die Scherze. Zu Karls Ärger und zu

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allgemeinem Erstaunen zeigte sich, daß fast ein ganzer Dollar dalag. Keiner fragte zwar,

warum Karl von dem Gelde, das für eine bequeme Eisenbahnfahrt nach Butterford

gereicht hätte, früher nichts gesagt hatte, aber Karl war doch in großer Verlegenheit.

Langsam strich er, nachdem das Essen bezahlt war, das Geld wieder ein, noch aus seiner

Hand nahm Delamarche ein Geldstück, das er für die Kellnerin als Trinkgeld brauchte,

die er umarmte und an sich drückte, um ihr dann, von der anderen Seite her, das Geld

zu überreichen.

Karl war ihnen dankbar, daß sie auf dem Weitermarsch keine Bemerkungen über das

Geld machten, und er dachte sogar eine Zeitlang daran, ihnen sein ganzes Vermögen

einzugestehen, unterließ das aber doch, da sich keine rechte Gelegenheit fand. Gegen

Abend kamen sie in eine mehr ländliche, fruchtbare Gegend. Ringsherum sah man

ungeteilte Felder, die sich in ihrem ersten Grün über sanfte Hügel legten, reiche

Landsitze umgrenzten die Straße, und stundenlang ging man zwischen den vergoldeten

Gittern der Gärten, mehrmals kreuzten sie den gleichen langsam fließenden Strom und

vielemal hörten sie über sich die Eisenbahnzüge auf den hoch sich schwingenden

Viadukten donnern.

Eben ging die Sonne an dem geraden Rande ferner Wälder nieder, als sie sich auf einer

Anhöhe inmitten einer kleinen Baumgruppe ins Gras hinwarfen, um sich von den

Strapazen auszuruhen. Delamarche und Robinson lagen da und streckten sich nach

Kräften. Karl saß aufrecht und sah auf die ein paar Meter tiefer führende Straße, auf der

immer wieder Automobile, wie schon während des ganzen Tages, leicht aneinander

vorübereilten, als würden sie in genauer Anzahl immer wieder von der Ferne abgeschickt

und in der gleichen Anzahl in der anderen Ferne erwartet. Während des ganzen Tages

seit dem frühesten Morgen hatte Karl kein Automobil halten, keinen Passagier

aussteigen gesehen.

Robinson machte den Vorschlag, die Nacht hier zu verbringen, da sie alle genügend

müde wären, da sie dann desto früher ausmarschieren könnten und da sie schließlich

kaum ein billigeres und besser gelegenes Nachtlager vor Einbruch völliger Dunkelheit

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finden könnten. Delamarche war einverstanden, und nur Karl glaubte zu der Bemerkung

verpflichtet zu sein, daß er Geld genug habe, um das Nachtlager für alle auch in einem

Hotel zu bezahlen. Delamarche sagte, sie würden das Geld noch brauchen, er solle es

nur gut aufheben. Delamarche verbarg nicht im geringsten, daß man mit Karls Geld

schon rechnete. Da sein erster Vorschlag angenommen war, erklärte nun Robinson

weiter, nun müßten sie aber vor dem Schlafen, um sich für morgen zu kräftigen, etwas

Tüchtiges essen, und einer solle das Essen für alle aus dem Hotel holen, das in nächster

Nähe an der Landstraße mit der Aufschrift »Hotel Occidental« leuchtete. Als der

Jüngste, und da sich auch sonst niemand meldete, zögerte Karl nicht, sich für diese

Besorgung anzubieten, und ging, nachdem er eine Bestellung auf Speck, Brot und Bier

erhalten hatte, ins Hotel hinüber.

Es mußte eine große Stadt in der Nähe sein, denn gleich der erste Saal des Hotels, den

Karl betrat, war von einer lauten Menge erfüllt, und an dem Büfett, das sich an einer

Längswand und an den zwei Seitenwänden hinzog, liefen unaufhörlich viele Kellner mit

weißen Schürzen vor der Brust und konnten doch die ungeduldigen Gäste nicht

zufriedenstellen, denn immer wieder hörte man an den verschiedensten Stel en Flüche

und Fäuste, die auf den Tisch schlugen. Karl wurde von niemandem beachtet; es gab

auch im Saale selbst keine Bedienung, die Gäste, die an winzigen, bereits zwischen drei

Tischnachbarn verschwindenden Tischen saßen, holten alles, was sie wünschten, beim

Büfett. Auf allen Tischchen stand eine große Flasche mit Öl, Essig oder dergleichen, und

alle Speisen, die vom Büfett geholt wurden, wurden vor dem Essen aus dieser Flasche

übergossen. Wollte Karl überhaupt erst zum Büfett kommen, wo ja dann

wahrscheinlich, besonders bei seiner großen Bestellung, die Schwierigkeiten erst

beginnen würden, mußte er sich zwischen vielen Tischen durchdrängen, was natürlich

bei aller Vorsicht nicht ohne grobe Belästigung der Gäste durchzuführen war, die jedoch

alles wie gefühllos hinnahmen, selbst als Karl einmal, allerdings gleichfalls von einem

Gast, gegen ein Tischchen gestoßen wurde, das er fast umgeworfen hätte. Er

entschuldigte sich zwar, wurde aber offenbar nicht verstanden, verstand übrigens auch

nicht das geringste von dem, was man ihm zurief.

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Beim Büfett fand er mit Mühe ein kleines freies Plätzchen, auf dem ihm eine lange Weile

die Aussicht durch die aufgestützten Ellbogen seiner Nachbarn genommen war. Es

schien hier überhaupt eine Sitte, die Ellbogen aufzustützen und die Faust an die Schläfe

zu drücken; Karl mußte daran denken, wie der Lateinprofessor Dr. Krumpal gerade

diese Haltung gehaßt hatte und wie er immer heimlich und unversehens

herangekommen war und mittels eines plötzlich erscheinenden Lineals mit scherzhaftem

Ruck die Ellbogen von den Tischen gestreift hatte.

Karl stand eng ans Büfett gedrängt, denn kaum hatte er sich angestel t, war hinter ihm

ein Tisch aufgestellt worden, und der eine der dort sich niederlassenden Gäste streifte

schwer, wenn er sich nur ein wenig beim Reden zurückbog, mit seinem großen Hut

Karls Rücken. Und dabei war so wenig Hoffnung, vom Kellner etwas zu bekommen,

selbst als die beiden plumpen Nachbarn befriedigt weggegangen waren. Einigemal hatte

Karl einen Kellner über den Tisch hin bei der Schürze gefaßt, aber immer hatte sich der

mit verzerrtem Gesicht losgerissen. Keiner war zu halten, sie liefen nur und liefen nur.

Wenn wenigstens in der Nähe Karls etwas Passendes zum Essen und Trinken gewesen

wäre, er hätte es genommen, sich nach dem Preis erkundigt, das Geld hingelegt und

wäre mit Freude weggegangen. Aber gerade vor ihm lagen nur Schüsseln mit

heringartigen Fischen, deren schwarze Schuppen am Rande goldig glänzten. Die

konnten sehr teuer sein und würden wahrscheinlich niemanden sättigen. Außerdem

waren kleine Fäßchen mit Rum erreichbar, aber Rum wollte er seinen Kameraden nicht

bringen, sie schienen schon sowieso bei jeder Gelegenheit nur auf den konzentriertesten

Alkohol auszugehen und darin wollte er sie nicht noch unterstützen.

Es blieb also Karl nichts übrig, als einen anderen Platz zu suchen und mit seinen

Bemühungen von vorne anzulangen. Nun aber war auch schon die Zeit sehr vorgerückt.

Die Uhr am anderen Ende des Saales, deren Zeiger man bei scharfem Hinsehen durch

den Rauch gerade noch erkennen konnte, zeigte schon neun vorüber. Anderswo am

Büfett war aber das Gedränge noch größer als an dem früheren, ein wenig abgelegenen

Platz. Außerdem füllte sich der Saal desto mehr, je später es wurde. Immer wieder zogen

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durch die Haupttüre mit großem Hallo neue Gäste ein. An manchen Stellen räumten

Gäste selbstherrlich das Büfett ab und setzten sich aufs Pult und tranken einander zu, es

waren die besten Plätze, man übersah den ganzen Saal.

Karl drängte sich zwar noch weiter durch, aber eine eigentliche Hoffnung, etwas zu

erreichen, hatte er nicht mehr. Er machte sich Vorwürfe darüber, daß er, der die hiesigen

Verhältnisse nicht kannte, sich zu dieser Besorgung angeboten hatte. Seine Kameraden

würden ihn mit vollem Rechte auszanken und gar noch denken, daß er, nur um Geld zu

sparen, nichts mitgebracht hatte. Nun stand er gar in einer Gegend, wo ringsherum an

den Tischen warme Fleischspeisen mit schönen, gelben Kartoffeln gegessen wurden; es

war ihm unbegreiflich, wie sich die Leute das verschafft hatten.

Da sah er ein paar Schritte vor sich eine ältere, offenbar zum Hotelpersonal gehörige

Frau, die lachend mit einem Gaste redete. Dabei arbeitete sie fortwährend mit einer

Haarnadel in ihrer Frisur herum. Sofort war Karl entschlossen, seine Bestellung bei

dieser Frau vorzubringen, schon weil sie ihm als die einzige Frau im Saal eine Ausnahme

vom allgemeinen Lärm und Jagen bedeutete und dann auch aus dem einfachen Grunde,

weil sie die einzige Hotelangestellte war, die man erreichen konnte, vorausgesetzt

allerdings, daß sie nicht beim ersten Wort, das er an sie richten würde, in Geschäften

fortlief. Aber ganz das Gegenteil trat ein. Karl hatte sie noch gar nicht angeredet,

sondern nur ein wenig belauert, als sie, wie man eben manchmal mitten im Gespräch

beiseite schaut, zu Karl hinsah und ihn, ihre Rede unterbrechend, freundlich und in

einem Englisch, klar wie die Grammatik, fragte, ob er etwas suche.

»Allerdings«, sagte Karl »ich kann hier gar nichts bekommen.«

»Dann kommen Sie mit mir, Kleiner«, sagte sie, verabschiedete sich von ihrem

Bekannten, der seinen Hut abnahm, was hier wie unglaubliche Höflichkeit erschien,

faßte Karl bei der Hand, ging zum Büfett, schob einen Gast beiseite, öffnete eine

Klapptüre im Pult, durchquerte den Gang hinter dem Pult, wo man sich vor den

unermüdlich laufenden Kellnern in acht nehmen mußte, öffnete eine zweifache

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Tapetentüre, und schon befanden sie sich in großen, kühlen Vorratskammern. >Man

muß eben den Mechanismus kennen »Also, was wollen Sie denn?« fragte sie und beugte sich dienstbereit zu ihm herab. Sie

war sehr dick, ihr Leib schaukelte sich, aber ihr Gesicht hatte eine, natürlich im

Verhältnis, fast zarte Bildung. Karl war fast versucht, im Anblick der vielen Eßwaren, die

hier sorgfältig in Regalen und auf Tischen aufgerichtet lagen, für seine Bestellung rasch

ein feineres Nachtessen auszudenken, besonders da er erwarten konnte, von dieser

einflußreichen Frau billiger bedient zu werden, schließlich aber nannte er doch wieder,

da ihm nichts Passendes einfiel, nur Speck, Brot und Bier.

»Nichts weiter?« fragte die Frau.

»Nein danke«, sagte Karl, »aber für drei Personen.«

Auf die Frage der Frau nach den beiden anderen erzählte Karl in ein paar kurzen

Worten von seinen Kameraden, es machte ihm Freude, ein wenig ausgefragt zu werden.

»Aber das ist ja Essen für Sträflinge«, sagte die Frau und erwartete nun offenbar weitere

Wünsche Karls. Dieser aber fürchtete nun, sie werde ihn beschenken und kein Geld

annehmen wollen, und schwieg deshalb. »Das werden wir gleich zusammengestel t

haben«, sagte die Frau, ging mit einer bei ihrer Dicke bewunderungswerten

Beweglichkeit zu einem Tisch hin, schnitt mit einem langen, dünnen, sägeblattartigen

Messer ein großes Stück mit viel Fleisch durchwachsenen Specks ab, nahm aus einem

Regal einen Laib Brot, hob vom Boden drei Flaschen Bier auf und legte alles in einen

leichten Strohkorb, den sie Karl reichte. Zwischendurch erklärte sie Karl, sie habe ihn

deshalb hierhergeführt, weil die Eßwaren draußen auf dem Büfett im Rauch und in den

vielen Ausdünstungen trotz dem schnellen Verbrauch immer die Frische verlieren. Für

die Leute draußen sei aber alles gut genug. Karl sagte nun gar nichts mehr, denn er

wußte nicht, wodurch er diese auszeichnende Behandlung verdiene. Er dachte an seine

Kameraden, die vielleicht, so gute Kenner Amerikas sie auch waren, doch nicht bis in

diese Vorratskammer gedrungen wären und sich mit den verdorbenen Eßwaren auf dem

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Büfett hätten begnügen müssen. Man hörte hier keinen Laut aus dem Saal, die Mauern

mußten sehr dick sein, um diese Gewölbe genügend kühl zu erhalten. Karl hatte schon

den Strohkorb ein Weilchen lang in der Hand, dachte aber nicht ans Zahlen und rührte

sich auch nicht. Nur als die Frau noch nachträglich eine Flasche, ähnlich denen, die

draußen auf den Tischen standen, in den Korb legen wollte, dankte er schaudernd.

»Haben Sie noch einen weiten Marsch?« fragte die Frau.

»Bis nach Butterford«, antwortete Karl.

»Das ist noch sehr weit«, sagte die Frau.

»Noch eine Tagereise«, sagte Karl.

»Nicht weiter?« fragte die Frau.

»O nein«, sagte Karl.

Die Frau rückte einige Sachen auf den Tischen zurecht, ein Kellner kam herein, schaute

suchend herum, wurde dann von der Frau auf eine große Schüssel, in der ein breiter, mit

ein wenig Petersilie bestreuter Haufen von Sardinen lag, hingewiesen und trug dann

diese Schüssel in den erhobenen Händen in den Saal hinaus.

»Warum wollen Sie denn eigentlich im Freien übernachten?« fragte die Frau.

»Wir haben hier Platz genug. Schlafen Sie bei uns im Hotel.«

Das war für Karl sehr verlockend, besonders da er die vorige Nacht so schlecht

verbracht hatte.

»Ich habe mein Gepäck draußen«, sagte er zögernd und nicht ganz ohne Eitelkeit.

»Das bringen Sie nur her«, sagte die Frau, »das ist kein Hindernis.«

»Aber meine Kameraden!« sagte Karl und merkte sofort, daß die allerdings ein Hindernis

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waren.

»Die dürfen natürlich auch hier übernachten«, sagte die Frau. »Kommen Sie nur! Lassen

Sie sich nicht so bitten.« »Meine Kameraden sind im übrigen brave Leute«, sagte Karl,

»aber sie sind nicht rein.«

»Haben Sie den Schmutz im Saal nicht gesehen?« fragte die Frau und verzog das

Gesicht. »Zu uns kann wirklich der Ärgste kommen. Ich werde also gleich drei Betten

vorbereiten lassen. Allerdings nur auf dem Dachboden, denn das Hotel ist vollbesetzt,

ich bin auch auf den Dachboden übersiedelt, aber besser als im Freien ist es jedenfalls.«

»Ich kann meine Kameraden nicht mitbringen«, sagte Karl. Er stellte sich vor, welchen

Lärm die beiden auf den Gängen dieses feinen Hotels machen würden; Robinson würde

alles verunreinigen und Delamarche unfehlbar selbst diese Frau belästigen.

»Ich weiß nicht, warum das unmöglich sein soll«, sagte die Frau, »aber wenn Sie es so

wollen, dann lassen Sie eben Ihre Kameraden draußen und kommen allein zu uns.«

»Das geht nicht, das geht nicht«, sagte Karl, »es sind meine Kameraden und ich muß bei

ihnen bleiben.«

»Sie sind starrköpfig«, sagte die Frau und sah von ihm weg »man meint es gut mit Ihnen,

möchte Ihnen gern behilflich sein, und Sie wehren sich mit allen Kräften.« Karl sah das

alles ein, aber er wußte keinen Ausweg, so sagte er nur noch: »Meinen besten Dank für

Ihre Freundlichkeit.« Dann erinnerte er sich daran, daß er noch nicht gezahlt hatte, und

fragte nach dem schuldigen Betrag.

»Zahlen Sie das erst, wenn Sie mir den Strohkorb zurückbringen«, sagte die Frau.

»Spätestens morgen früh muß ich ihn haben.«

»Bitte«, sagte Karl. Sie öffnete eine Türe, die geradewegs ins Freie führte, und sagte

noch, während er mit einer Verbeugung hinaustrat: »Gute Nacht, Sie handeln aber nicht

recht.« Er war schon ein paar Schritte weit, da rief sie ihm noch nach: »Auf Wiedersehen

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morgen!«

Kaum war er draußen, hörte er auch schon wieder aus dem Saal den ungeschwächten

Lärm, in den sich jetzt auch Klänge eines Blasorchesters mischten. Er war froh, daß er

nicht durch den Saal hatte hinausgehen müssen. Das Hotel war jetzt in allen seinen fünf

Stockwerken beleuchtet und machte die Straße davor in ihrer ganzen Breite hel . Noch

immer fuhren draußen, wenn auch schon in unterbrochener Folge, Automobile, rascher

aus der Ferne her anwachsend als bei Tage, tasteten mit den weißen Strahlen ihrer

Laternen den Boden der Straße ab, kreuzten mit erblassenden Lichtern die Lichtzone

des Hotels und eilten aufleuchtend in das weitere Dunkel.

Die Kameraden fand Karl schon in tiefem Schlaf, er war aber auch zu lange

ausgeblieben. Gerade wollte er das Mitgebrachte appetitlich auf Papiere ausbreiten, die

er im Korb vorfand, um erst, wenn alles fertig wäre, die Kameraden zu wecken, als er zu

seinem Schrecken seinen Koffer, den er abgesperrt zurückgelassen hatte und dessen

Schlüssel er in der Tasche trug, vollständig geöffnet sah, während der halbe Inhalt

ringsherum im Gras verstreut war.

»Steht auf!« rief er. »Ihr schlaft, und inzwischen waren Diebe da.«

»Fehlt denn etwas?« fragte Delamarche. Robinson war noch nicht ganz wach und griff

schon nach dem Bier.

»Ich weiß nicht«, rief Karl, »aber der Koffer ist offen. Das ist doch eine

Unvorsichtigkeit, sich schlafen zu legen und den Koffer hier frei stehen zu lassen.«

Delamarche und Robinson lachten, und der erstere sagte: »Sie dürfen eben nächstens

nicht so lange fortbleiben. Das Hotel ist zehn Schritte entfernt, und Sie brauchen zum

Hin- und Herweg drei Stunden. Wir haben Hunger gehabt, haben gedacht, daß Sie in

Ihrem Koffer etwas zum Essen haben könnten, und haben das Schloß so lange gekitzelt,

bis es sich aufgemacht hat. Im übrigen war ja gar nichts darin, und Sie können alles

wieder ruhig einpacken.«

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»So«, sagte Karl, starrte in den rasch sich leerenden Korb und horchte auf das

eigentümliche Geräusch, das Robinson beim Trinken hervorbrachte, da ihm die

Flüssigkeit zuerst weit in die Gurgel eindrang, dann aber mit einer Art Pfeifen wieder

zurückschnellte, um erst dann in großem Erguß in die Tiefe zu rollen.

»Haben Sie schon zu Ende gegessen?« fragte er, als sich die beiden einen Augenblick

verschnauften.

»Haben Sie denn nicht schon im Hotel gegessen?« fragte Delamarche, der glaubte, Karl

beanspruche seinen Anteil.

»Wenn Sie noch essen wollen, dann beeilen Sie sich«, sagte Karl und ging zu seinem

Koffer.

»Der scheint Launen zu haben«, sagte Delamarche zu Robinson.

»Ich habe keine Launen«, sagte Karl, »aber ist das vielleicht recht, in meiner Abwesenheit

meinen Koffer aufzubrechen und meine Sachen herauszuwerfen? Ich weiß, man muß

unter Kameraden manches dulden, und ich habe mich auch darauf vorbereitet, aber das

ist zu viel.

Ich werde im Hotel übernachten und gehe nicht nach Butterford. Essen Sie rasch auf,

ich muß den Korb zurückgeben.«

»Siehst du, Robinson, so spricht man«, sagte Delamarche, »das ist die feine Redeweise.

Er ist eben ein Deutscher. Du hast mich früh vor ihm gewarnt, aber ich bin ein guter

Narr gewesen und habe ihn doch mitgenommen. Wir haben ihm unser Vertrauen

geschenkt, haben ihn einen ganzen Tag mit uns geschleppt, haben dadurch zumindest

einen halben Tag verloren und jetzt ­ weil ihn dort im Hotel irgend jemand gelockt hat ­

verabschiedet er sich, verabschiedet sich einfach. Aber weil er ein falscher Deutscher ist,

tut er dies nicht offen, sondern sucht sich den Vorwand mit dem Koffer, und weil er ein

grober Deutscher ist, kann er nicht weggehen, ohne uns in unserer Ehre zu beleidigen

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und uns Diebe zu nennen, weil wir mit seinem Koffer einen kleinen Scherz gemacht

haben.«

Karl, der seine Sachen packte, sagte, ohne sich umzuwenden: »Reden Sie nur so weiter

und erleichtern Sie mir das Weggehen. Ich weiß ganz gut, was Kameradschaft ist. Ich

habe in Europa auch Freunde gehabt, und keiner kann mir vorwerfen, daß ich mich

falsch oder gemein gegen ihn benommen hätte. Wir sind jetzt natürlich außer

Verbindung, aber wenn ich noch einmal nach Europa zurückkommen sollte, werden

mich alle gut aufnehmen und mich sofort als ihren Freund anerkennen. Und Sie,

Delamarche, und Sie, Robinson, Sie hätte ich verraten sollen, da Sie doch, was ich

niemals vertuschen werde, so freundlich waren, sich meiner anzunehmen und mir eine

Lehrlingsstelle in Butterford in Aussicht zu stellen? Aber es ist etwas anderes. Sie haben

nichts, und das erniedrigt Sie in meinen Augen nicht im geringsten, aber Sie mißgönnen

mir meinen kleinen Besitz und suchen mich deshalb zu demütigen, das kann ich nicht

aushalten. Und nun, nachdem Sie meinen Koffer aufgebrochen haben, entschuldigen Sie

sich mit keinem Wort, sondern beschimpfen mich noch und beschimpfen weiter mein

Volk ­ damit nehmen Sie mir aber auch jede Möglichkeit, bei Ihnen zu bleiben.

Übrigens gilt das alles nicht eigentlich von Ihnen, Robinson. Gegen Ihren Charakter

habe ich nur einzuwenden, daß Sie von Delamarche zu sehr abhängig sind.«

»Da sehen wir ja«, sagte Delamarche, indem er zu Karl trat und ihm einen leichten Stoß

gab, wie um ihn aufmerksam zu machen »da sehen wir ja, wie Sie sich entpuppen. Den

ganzen Tag sind Sie hinter mir gegangen, haben sich an meinem Rock gehalten, haben

mir jede Bewegung nachgemacht und waren sonst still wie ein Mäuschen. Jetzt aber, da

Sie im Hotel irgendeinen Rückhalt spüren, fangen Sie große Reden zu halten an. Sie sind

ein kleiner Schlaumeier, und ich weiß noch gar nicht, ob wir das so ruhig hinnehmen

werden. Ob wir nicht das Lehrgeld für das verlangen werden, was Sie uns während des

Tages abgeschaut haben. Du, Robinson, wir beneiden ihn ­ meint er ­ um seinen Besitz.

Ein Tag Arbeit in Butterford ­ von Kalifornien gar nicht zu reden ­, und wir haben

zehnmal mehr, als Sie uns gezeigt haben und als Sie in Ihrem Rockfutter noch versteckt

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haben mögen. Also, nur immer Achtung aufs Maul!«

Karl hatte sich vom Koffer erhoben und sah nun auch den verschlafenen, aber vom Bier

ein wenig belebten Robinson herankommen. »Wenn ich noch lange hierbliebe«, sagte er,

»könnte ich vielleicht noch weitere Überraschungen erleben. Sie scheinen Lust zu haben,

mich durchzuprügeln.«

»Al e Geduld hat ein Ende«, sagte Robinson.

»Sie schweigen besser, Robinson«, sagte Karl, ohne Delamarche aus den Augen zu

lassen, »im Innern geben Sie mir ja doch recht, aber nach außen müssen Sie es mit

Delamarche halten!«

»Wollen Sie ihn vielleicht bestechen?« fragte Delamarche.

»Fällt mir nicht ein«, sagte Karl. »Ich bin froh, daß ich fortgehe, und ich will mit keinem

von Ihnen mehr etwas zu tun haben. Nur eines will ich noch sagen, Sie haben mir den

Vorwurf gemacht, daß ich Geld besitze und es vor Ihnen versteckt habe. Angenommen,

daß es wahr ist, war es nicht sehr richtig Leuten gegenüber gehandelt, die ich erst ein

paar Stunden kannte, und bestätigen Sie nicht noch durch Ihr jetziges Benehmen die

Richtigkeit einer derartigen Handlungsweise?«

»Bleib ruhig«, sagte Delamarche zu Robinson, obwohl sich dieser nicht rührte. Dann

fragte er Karl: »Da Sie so unverschämt aufrichtig sind, so treiben Sie doch, da wir ja so

gemütlich beisammenstehen, diese Aufrichtigkeit noch weiter und gestehen Sie ein,

warum Sie eigentlich ins Hotel wollen.« Karl mußte einen Schritt über den Koffer

hinweg machen, so nahe war Delamarche an ihn herangetreten. Aber Delamarche ließ

sich dadurch nicht beirren, schob den Koffer beiseite, machte einen Schritt vorwärts,

wobei er den Fuß auf ein weißes Vorhemd setzte, das im Gras liegengeblieben war, und

wiederholte seine Frage.

Wie zur Antwort stieg von der Straße her ein Mann mit einer stark leuchtenden

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Taschenlampe zu der Gruppe herauf. Es war ein Kellner aus dem Hotel. Kaum hatte er

Karl erblickt, sagte er: »Ich suche Sie schon fast eine halbe Stunde. Alle Böschungen auf

beiden Straßenseiten habe ich schon abgesucht. Die Frau Oberköchin läßt Ihnen

nämlich sagen, daß sie den Strohkorb, den sie Ihnen geborgt hat, dringend braucht.«

»Hier ist er«, sagte Karl mit einer vor Aufregung unsicheren Stimme. Delamarche und

Robinson waren in scheinbarer Bescheidenheit beiseite getreten, wie sie es vor fremden

gutgestellten Leuten immer machten. Der Kel ner nahm den Korb an sich und sagte:

»Dann läßt Sie die Frau Oberköchin fragen, ob Sie es sich nicht überlegt haben und

doch vielleicht im Hotel übernachten wollten. Auch die beiden anderen Herren wären

willkommen, wenn Sie sie mitnehmen wollen. Die Betten sind schon vorbereitet. Die

Nacht ist ja heute warm, aber hier, auf der Lehne, ist es durchaus nicht ungefährlich zu

schlafen, man findet öfters Schlangen.«

»Da die Frau Oberköchin so freundlich ist, werde ich ihre Einladung doch annehmen«,

sagte Karl und wartete auf eine Äußerung seiner Kameraden. Aber Robinson stand

stumpf da, und Delamarche hatte die Hände in den Hosentaschen und schaute zu den

Sternen hinauf. Beide bauten offenbar darauf, daß Karl sie ohne weiteres mitnehmen

werde.

»Für diesen Fall«, sagte der Kel ner »habe ich den Auftrag, Sie ins Hotel zu führen und

Ihr Gepäck zu tragen.«

»Dann warten Sie, bitte, noch einen Augenblick«, sagte Karl und bückte sich, um die

paar Sachen, die noch herumlagen, in den Koffer zu legen.

Plötzlich richtete er sich auf. Die Photographie fehlte, sie war ganz oben im Koffer

gelegen und war nirgends zu finden. Alles war vollständig, nur die Photographie fehlte.

»Ich kann die Photographie nicht finden«, sagte er bittend zu Delamarche.

»Welche Photographie?« fragte dieser.

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»Die Photographie meiner Eltern«, sagte Karl.

»Wir haben keine Photographie gesehen«, sagte Delamarche.

»Es war keine Photographie darin, Herr Roßmann«, bestätigte auch Robinson von seiner

Seite.

»Aber das ist doch unmöglich«, sagte Karl, und seine hilfesuchenden Blicke zogen den

Kellner näher. »Sie lag obenauf und jetzt ist sie weg. Wenn Sie doch lieber den Spaß mit

dem Koffer nicht gemacht hätten.«

»Jeder Irrtum ist ausgeschlossen«, sagte Delamarche, »in dem Koffer war keine

Photographie.«

»Sie war mir wichtiger als alles, was ich sonst im Koffer habe«, sagte Karl zum Kellner,

der herumging und im Grase suchte. »Sie ist nämlich unersetzlich, ich bekomme keine

zweite.« Und als der Kellner von dem aussichtslosen Suchen abließ, sagte er noch: »Es

war das einzige Bild, das ich von meinen Eltern besaß.«

Daraufhin sagte der Kellner laut, ohne jede Beschönigung: »Vielleicht könnten wir noch

die Taschen der Herren untersuchen.«

»Ja«, sagte Karl sofort, »ich muß die Photographie finden. Aber ehe ich die Taschen

durchsuche, sage ich noch, daß, wer mir die Photographie freiwillig gibt, den ganzen

gefüllten Koffer bekommt.« Nach einem Augenblick allgemeiner Stille sagte Karl zum

Kellner: »Meine Kameraden wollen also offenbar die Taschendurchsuchung. Aber selbst

jetzt verspreche ich sogar demjenigen, in dessen Tasche die Photographie gefunden

wird, den ganzen Koffer. Mehr kann ich nicht tun.«

Sofort machte sich der Kel ner daran, Delamarche zu untersuchen, der ihm schwieriger

zu behandeln schien als Robinson, den er Karl überließ. Er machte Karl darauf

aufmerksam, daß beide gleichzeitig untersucht werden müßten, da sonst einer

unbeobachtet die Photographie beiseiteschaffen könnte. Gleich beim ersten Griff fand

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Karl in Robinsons Tasche eine ihm gehörige Krawatte, aber er nahm sie nicht an sich

und rief dem Kellner zu: »Was Sie bei Delamarche auch finden mögen, lassen Sie ihm,

bitte, alles. Ich will nichts als die Photographie, nur die Photographie.«

Beim Durchsuchen der Brusttaschen gelangte Karl mit der Hand an die heiße, fettige

Brust Robinsons, und es kam ihm zu Bewußtsein, daß er an seinen Kameraden vielleicht

ein großes Unrecht begehe. Er beeilte sich nun nach Möglichkeit. Im übrigen war alles

umsonst, weder bei Robinson noch bei Delamarche fand sich die Photographie vor.

»Es hilft nichts«, sagte der Kel ner.

»Sie haben wahrscheinlich die Photographie zerrissen und die Stücke weggeworfen«,

sagte Karl. »Ich dachte, sie wären Freunde, aber im geheimen wollten sie mir nur

schaden. Nicht eigentlich Robinson, der wäre gar nicht auf den Einfall gekommen, daß

die Photographie solchen Wert für mich hat, aber desto mehr Delamarche.« Karl sah nur

den Kellner vor sich, dessen Laterne einen kleinen Kreis beleuchtete, während alles

sonst, auch Delamarche und Robinson, in tiefem Dunkel war.

Es war natürlich gar nicht mehr die Rede davon, daß die beiden in das Hotel

mitgenommen werden könnten. Der Kellner schwang den Koffer auf die Achsel, Karl

nahm den Strohkorb, und sie gingen. Karl war schon auf der Straße, als er, im

Nachdenken sich unterbrechend, stehen blieb und in das Dunkel hinaufrief: »Hören Sie

einmal, sollte doch einer von Ihnen die Photographie noch haben und mir ins Hotel

bringen wollen ­ er bekommt den Koffer noch immer und wird, ich schwöre es, nicht

angezeigt.« Es kam keine eigentliche Antwort herunter, nur ein abgerissenes Wort war zu

hören, der Beginn eines Zurufs Robinsons, dem aber offenbar Delamarche sofort den

Mund stopfte. Noch eine lange Weile wartete Karl, ob man sich oben nicht doch noch

anders entscheiden würde. Zweimal rief er in Abständen: »Ich bin noch immer da!« Aber

kein Laut antwortete, nur einmal rollte ein Stein den Abhang herab, vielleicht durch

Zufall, vielleicht in einem verfehlten Wurf.

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Hotel Occidental

Im Hotel wurde Karl gleich in eine Art Büro geführt, in welchem die Oberköchin, ein

Vormerkbuch in der Hand, einer jungen Schreibmaschinistin einen Brief in die

Schreibmaschine diktierte. Das äußerst präzise Diktieren, der beherrschte und elastische

Tastenschlag jagten an dem nur hie und da merklichen Ticken der Wanduhr vorüber, die

schon fast halb zwölf zeigte. »So!« sagte die Oberköchin, klappte das Vormerkbuch zu,

die Schreibmaschinistin sprang auf und stülpte den Holzdeckel über die Maschine, ohne

bei dieser mechanischen Arbeit die Augen von Karl zu lassen. Sie sah noch wie ein

Schulmädchen aus, ihre Schürze war sehr sorgfältig gebügelt, auf den Achseln zum

Beispiel gewellt, die Frisur recht hoch, und man staunte ein wenig, wenn man nach

diesen Einzelheiten ihr ernstes Gesicht sah. Nach Verbeugungen, zuerst gegen die

Oberköchin, dann gegen Karl, entfernte sie sich, und Karl sah unwillkürlich die

Oberköchin mit einem fragenden Blicke an.

»Das ist aber schön, daß Sie nun doch gekommen sind«, sagte die Oberköchin. »Und

Ihre Kameraden?«

»Ich habe sie nicht mitgenommen«, sagte Karl.

»Die marschieren wohl sehr früh aus«, sagte die Oberköchin, wie um sich die Sache zu

erklären.

>Muß sie denn nicht denken, daß ich auch mitmarschiere? deshalb, um jeden Zweifel auszuschließen: »Wir sind in Unfrieden

auseinandergegangen.«

Die Oberköchin schien das als eine angenehme Nachricht aufzufassen. »Dann sind Sie

also frei?« fragte sie.

»Ja, frei bin ich«, sagte Karl, und nichts schien ihm wertloser.

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»Hören Sie, möchten Sie nicht hier im Hotel eine Stelle annehmen?« fragte die

Oberköchin.

»Sehr gern«, sagte Karl, »ich habe aber entsetzlich wenig Kenntnisse. Ich kann zum

Beispiel nicht einmal auf der Schreibmaschine schreiben.«

»Das ist nicht das Wichtigste«, sagte die Oberköchin. »Sie bekämen eben vorläufig nur

eine ganz kleine Anstellung und müßten dann zusehen, durch Fleiß und

Aufmerksamkeit sich hinaufzubringen. Jedenfalls aber glaube ich, daß es für Sie besser

und passender wäre, sich irgendwo festzusetzen, statt so durch die Welt zu bummeln.

Dazu scheinen Sie mir nicht gemacht.«

>Das würde alles auch der Onkel unterschreiben Gleichzeitig erinnerte er sich, daß er, um den man so besorgt war, sich noch gar nicht

vorgestellt hatte. »Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er »daß ich mich noch gar nicht vor

gestellt habe, ich heiße Karl Roßmann.«

»Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Karl, »ich bin noch nicht lange in Amerika.«

»Woher sind Sie denn?«

»Aus Prag in Böhmen«, sagte Karl.

»Sehen Sie einmal an«, rief die Oberköchin in einem stark englisch betonten Deutsch

und hob fast die Arme, »dann sind wir ja Landsleute, ich heiße Grete Mitzelbach und bin

aus Wien. Und Prag kenne ich ja ausgezeichnet, ich war ja ein halbes Jahr in der

Goldenen Gans auf dem Wenzelsplatz angestellt. Aber denken Sie nur einmal!«

»Wann ist das gewesen?« fragte Karl.

»Das ist schon viele, viele Jahre her.«

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»Die alte Goldene Gans«, sagte Karl, »ist vor zwei Jahren niedergerissen worden.«

»Ja, freilich«, sagte die Oberköchin, ganz in Gedanken an vergangene Zeiten.

Mit einem Male aber wieder lebhaft werdend, rief sie und faßte dabei Karls Hände:

»Jetzt, da es sich herausgestellt hat, daß Sie mein Landsmann sind, dürfen Sie um keinen

Preis von hier fort. Das dürfen Sie mir nicht antun. Hätten Sie zum Beispiel Lust,

Liftjunge zu werden? Sagen Sie nur ja und Sie sind es. Wenn Sie ein bißchen

herumgekommen sind, werden Sie wissen, daß es nicht besonders leicht ist, solche

Stellen zu bekommen, denn sie sind der beste Anfang, den man sich denken kann. Sie

kommen mit allen Gästen zusammen, man sieht Sie immer, man gibt Ihnen kleine

Aufträge; kurz, Sie haben jeden Tag die Möglichkeit, zu etwas Besserem zu gelangen.

Für alles übrige lassen Sie mich sorgen.«

»Liftjunge möchte ich ganz gerne sein«, sagte Karl nach einer kleinen Pause. Es wäre ein

großer Unsinn gewesen, gegen die Stelle eines Liftjungen mit Rücksicht auf seine fünf

Gymnasialklassen Bedenken zu haben. Eher wäre hier in Amerika Grund gewesen, sich

der fünf Gymnasialklassen zu schämen. Übrigens hatten die Liftjungen Karl immer

gefallen, sie waren ihm wie der Schmuck des Hotels erschienen.

»Sind nicht Sprachkenntnisse erforderlich?« fragte er noch.

»Sie sprechen Deutsch und ein schönes Englisch, das genügt vollkommen.«

»Englisch habe ich erst in Amerika in zweieinhalb Monaten erlernt«, sagte Karl, er

glaubte, seinen einzigen Vorzug nicht verschweigen zu dürfen.

»Das spricht schon genügend für Sie«, sagte die Oberköchin.

»Wenn ich daran denke, welche Schwierigkeiten mir das Englisch gemacht hat. Das ist

allerdings schon seine dreißig Jahre her. Gerade gestern habe ich davon gesprochen.

Gestern war nämlich mein fünfzigster Geburtstag.« Und sie suchte lächelnd den

Eindruck von Karls Mienen abzulesen, den die Würde dieses Alters auf ihn machte.

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»Dann wünsche ich Ihnen viel Glück«, sagte Karl.

»Das kann man immer brauchen«, sagte sie, schüttelte Karl die Hand und wurde wieder

halb traurig über diese alte Redensart aus der Heimat, die ihr da im Deutschsprechen

eingefallen war.

»Aber ich halte Sie hier auf«, rief sie dann.

»Und Sie sind gewiß sehr müde, und wir können auch alles viel besser bei Tag

besprechen. Die Freude, einen Landsmann getroffen zu haben, macht ganz gedankenlos.

Kommen Sie, ich werde Sie in Ihr Zimmer führen.«

»Ich habe noch eine Bitte, Frau Oberköchin«, sagte Karl im Anblick des

Telephonkastens, der auf dem Tisch stand, »es ist möglich, daß mir morgen, vielleicht

sehr früh, meine früheren Kameraden eine Photographie bringen, die ich dringend

brauche. Wären Sie so freundlich und würden Sie dem Portier telephonieren, er möchte

die Leute zu mir schicken oder mich holen lassen?«

»Gewiß«, sagte die Oberköchin, »aber würde es nicht genügen, wenn er ihnen die

Photographie abnimmt? Was ist es denn für eine Photographie, wenn man fragen darf?«

»Es ist die Photographie meiner Eltern«, sagte Karl.

»Nein, ich muß mit den Leuten selbst sprechen.« Die Oberköchin sagte nichts weiter

und gab telephonisch in die Portierloge den entsprechenden Befehl, wobei sie 536 als

Zimmernummer Karls nannte.

Sie gingen dann durch eine der Eingangstür entgegengesetzte Tür auf einen kleinen

Gang hinaus, wo an dem Geländer eines Aufzuges ein kleiner Liftjunge schlafend lehnte.

»Wir können uns selbst bedienen«, sagte die Oberköchin leise und ließ Karl in den

Aufzug eintreten.

»Eine Arbeitszeit von zehn bis zwölf Stunden ist eben ein wenig zuviel für einen solchen

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Jungen«, sagte sie dann, während sie aufwärts fuhren.

»Aber es ist eigentümlich in Amerika. Da ist dieser kleine Junge zum Beispiel, er ist auch

erst vor einem halben Jahre mit seinen Eltern hier angekommen, er ist ein Italiener. Jetzt

sieht er aus, als könne er die Arbeit unmöglich aushalten, hat schon kein Fleisch im

Gesicht, schläft im Dienst ein, obwohl er von Natur sehr bereitwillig ist, ­ aber er muß

nur noch ein halbes Jahr hier oder irgendwo anders in Amerika dienen und hält alles mit

Leichtigkeit aus, und in fünf Jahren wird er ein starker Mann sein. Von solchen

Beispielen könnte ich Ihnen stundenlang erzählen. Dabei denke ich gar nicht an Sie,

denn Sie sind ein kräftiger Junge; Sie sind siebzehn Jahre alt, nicht?«

»Ich werde nächsten Monat sechzehn«, antwortete Karl.

»Sogar erst sechzehn!« sagte die Oberköchin. »Also nur Mut!«

Oben führte sie Karl in ein Zimmer, das zwar schon als Dachzimmer eine schiefe Wand

hatte, im übrigen aber bei einer Beleuchtung durch zwei Glühlampen sich sehr wohnlich

zeigte.

»Erschrecken Sie nicht über die Einrichtung«, sagte die Oberköchin, »es ist nämlich kein

Hotelzimmer, sondern ein Zimmer meiner Wohnung, die aus drei Zimmern besteht, so

daß Sie mich nicht im geringsten stören. Ich sperre die Verbindungstüre ab, so daß Sie

ganz ungeniert bleiben. Morgen, als neuer Hotelangestellter, werden Sie natürlich Ihr

eigenes Zimmerchen bekommen. Wären Sie mit Ihren Kameraden gekommen, dann

hätte ich Ihnen in der gemeinsamen Schlafkammer der Hausdiener aufbetten lassen, aber

da Sie allein sind, denke ich, daß es Ihnen hier besser passen wird, wenn Sie auch nur auf

einem Sofa schlafen müssen. Und nun schlafen Sie wohl, damit Sie sich für den Dienst

kräftigen. Er wird morgen noch nicht zu anstrengend sein.«

»Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Freundlichkeit.«

»Warten Sie«, sagte sie, beim Ausgang stehenbleibend, »da wären Sie aber bald geweckt

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worden.« Und sie ging zu der einen Seitentür des Zimmers, klopfte und rief: »Therese!«

»Bitte, Frau Oberköchin«, meldete sich die Stimme der kleinen Schreibmaschinistin.

»Wenn du mich früh wecken gehst, so mußt du über den Gang gehen, hier im Zimmer

schläft ein Gast. Er ist todmüde.« Sie lächelte Karl zu, während sie dies sagte. »Hast du

verstanden?«

»Ja, Frau Oberköchin.«

»Also dann gute Nacht!«

»Gute Nacht wünsch ich.«

»Ich schlafe nämlich«, sagte die Oberköchin zur Erklärung, »seit einigen Jahren

ungemein schlecht. Jetzt kann ich ja mit meiner Stellung zufrieden sein und brauche

eigentlich keine Sorgen zu haben. Aber es müssen die Folgen meiner früheren Sorgen

sein, die mir diese Schlaflosigkeit verursachen. Wenn ich um drei Uhr früh einschlafe,

kann ich froh sein. Da ich aber schon um fünf, spätestens um halb sechs wieder auf dem

Platze sein muß, muß ich mich wecken lassen, und zwar besonders vorsichtig, damit ich

nicht noch nervöser werde, als ich es schon bin. Und da weckt mich eben die Therese.

Aber jetzt wissen Sie wirklich schon alles, und ich komme gar nicht weg. Gute Nacht!«

Und trotz ihrer Schwere huschte sie fast aus dem Zimmer.

Karl freute sich auf den Schlaf, denn der Tag hatte ihn sehr hergenommen. Und

behaglichere Umgebung konnte er für einen langen, ungestörten Schlaf gar nicht

wünschen. Das Zimmer war zwar nicht zum Schlafzimmer bestimmt, es war eher ein

Wohnzimmer, oder, richtiger, ein Repräsentationszimmer der Oberköchin, und ein

Waschtisch war ihm zuliebe eigens für diesen Abend hergebracht worden, aber dennoch

fühlte sich Karl nicht als Eindringling, sondern nur desto besser versorgt. Sein Koffer

war richtig her gestellt und wohl schon lange nicht in größerer Sicherheit gewesen. Auf

einem niedrigen Schrank mit Schiebefächern, über den eine großmaschige wollene

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Decke gezogen war, standen verschiedene Photographien im Rahmen und unter Glas;

bei der Besichtigung des Zimmers blieb Karl da stehen und sah sie an. Es waren meist

alte Photographien und stellten in der Mehrzahl Mädchen dar, die, in unmodernen,

unbehaglichen Kleidern, mit locker aufgesetzten, kleinen, aber hochgehenden Hüten, die

rechte Hand auf einen Schirm gestützt, dem Beschauer zugewendet waren und doch mit

den Blicken auswichen. Unter den Herrenbildnissen fiel Karl besonders das eines jungen

Soldaten auf, der das Käppi auf ein Tischchen gelegt hatte, stramm mit seinem wilden

schwarzen Haar dastand und voll von einem stolzen, aber unterdrückten Lachen war.

Die Knöpfe seiner Uniform waren auf der Photographie nachträglich vergoldet worden.

Alle diese Photographien stammten wohl noch aus Europa, man hätte dies auf der

Rückseite wahrscheinlich auch genau ablesen können, aber Karl wollte sie nicht in die

Hand nehmen. So wie diese Photographien hier standen, so hätte er auch die

Photographie seiner Eltern in seinem künftigen Zimmer aufstellen mögen.

Gerade streckte er sich nach einer gründlichen Waschung des ganzen Körpers, die er,

seiner Nachbarin wegen, möglichst leise durchzuführen sich bemüht hatte, im Vorgenuß

des Schlafes auf seinem Kanapee aus, da glaubte er ein schwaches Klopfen an einer Tür

zu hören. Man konnte nicht gleich feststellen, an welcher Tür es war, es konnte auch

bloß ein zufälliges Geräusch sein. Es wiederholte sich auch nicht gleich, und Karl schlief

schon fast, als es wieder erfolgte. Aber nun war kein Zweifel mehr, daß es ein Klopfen

war und von der Tür der Schreibmaschinistin herkam. Karl lief auf den Fußspitzen zur

Tür hin und fragte so leise, daß es, wenn man trotz allem nebenan doch schlief,

niemanden hätte wecken können: »Wünschen Sie etwas?«

Sofort und ebenso leise kam die Antwort: »Möchten Sie nicht die Tür öffnen? Der

Schlüssel steckt auf Ihrer Seite.«

»Bitte«, sagte Karl, »ich muß mich nur zuerst anziehen.« Es gab eine kleine Pause, dann

hieß es: »Das ist nicht nötig. Machen Sie auf und legen Sie sich ins Bett, ich werde ein

wenig warten.«

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»Gut«, sagte Karl und führte es auch so aus, nur drehte er außerdem noch das elektrische

Licht an.

»Ich liege schon«, sagte er dann etwas lauter. Da trat auch schon aus ihrem dunklen

Zimmer die kleine Schreibmaschinistin, genau so angezogen wie unten im Büro, sie hatte

wohl die ganze Zeit über nicht daran gedacht, schlafen zu gehen.

»Entschuldigen Sie vielmals«, sagte sie und stand ein wenig gebückt vor Karls Lager,

»und verraten Sie mich, bitte, nicht. Ich will Sie auch nicht lange stören, ich weiß, daß Sie

todmüde sind.«

»Es ist nicht so arg«, sagte Karl, »aber es wäre vielleicht doch besser gewesen, ich hätte

mich angezogen.« Er mußte ausgestreckt daliegen, um bis an den Hals zugedeckt sein zu

können, denn er besaß kein Nachthemd.

»Ich bleibe ja nur einen Augenblick«, sagte sie und griff nach einem Sessel. »Kann ich

mich zum Kanapee setzen?«

Karl nickte. Da setzte sie sich so eng zum Kanapee, daß Karl an die Mauer rücken

mußte, um zu ihr aufschauen zu können. Sie hatte ein rundes, gleichmäßiges Gesicht,

nur die Stirn war ungewöhnlich hoch, aber das konnte auch vielleicht nur an der Frisur

liegen, die ihr nicht recht paßte. Ihr Anzug war sehr rein und sorgfältig. In der linken

Hand quetschte sie ein Taschentuch.

»Werden Sie lange hierbleiben?« fragte sie.

»Es ist noch nicht ganz bestimmt«, antwortete Karl, »aber ich denke, ich werde bleiben.«

»Das wäre nämlich sehr gut«, sagte sie und fuhr mit dem Taschentuch über ihr Gesicht,

»ich bin hier nämlich so allein.«

»Das wundert mich«, sagte Karl. »Die Frau Oberköchin ist doch sehr freundlich zu

Ihnen. Sie behandelt Sie gar nicht wie eine Angestellte. Ich dachte schon, Sie wären

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Verwandte.«

»O nein«, sagte sie, »ich heiße Therese Berchtold, ich bin aus Pommern.«

Auch Karl stellte sich vor, daraufhin sah sie ihn zum erstenmal voll an, als sei er ihr

durch die Namensnennung ein wenig fremder geworden. Sie schwiegen ein Weilchen.

Dann sagte sie: »Sie dürfen nicht glauben, daß ich undankbar bin. Ohne die Frau

Oberköchin stünde es ja mit mir viel schlechter. Ich war früher Küchenmädchen hier im

Hotel und schon in großer Gefahr, entlassen zu werden, denn ich konnte die schwere

Arbeit nicht leisten. Man stellt hier sehr große Ansprüche. Vor einem Monat ist ein

Küchenmädchen nur vor Überanstrengung ohnmächtig geworden und vierzehn Tage im

Krankenhaus gelegen. Und ich bin nicht sehr stark, ich habe früher viel zu leiden gehabt

und bin dadurch in der Entwicklung ein wenig zurückgeblieben; Sie würden wohl gar

nicht sagen, daß ich schon achtzehn Jahre alt bin. Aber jetzt werde ich schon stärker.«

»Der Dienst hier muß wirklich sehr anstrengend sein«, sagte Karl. »Unten habe ich jetzt

einen Liftjungen stehend schlafen gesehen.«

»Dabei haben es die Liftjungen noch am besten«, sagte sie, »die verdienen ihr schönes

Geld an Trinkgeldern und müssen sich schließlich doch bei weitem nicht so plagen wie

die Leute in der Küche. Aber da habe ich wirklich einmal Glück gehabt, die Frau

Oberköchin hat einmal ein Mädchen gebraucht, um die Servietten für ein Bankett

herzurichten, hat zu uns Küchenmädchen heruntergeschickt, es gibt hier an fünfzig

solcher Mädchen, ich war gerade bei der Hand und habe sie sehr zufriedengestellt, denn

im Aufbauen der Servietten habe ich mich immer ausgekannt. Und so hat sie mich von

da an in ihrer Nähe behalten und allmählich zu ihrer Sekretärin ausgebildet. Dabei habe

ich sehr viel gelernt.«

»Gibt es denn da so viel zu schreiben?« fragte Karl.

»Ach, sehr viel«, antwortete sie, »das können Sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen.

Sie haben doch gesehen, daß ich heute bis halb zwölf gearbeitet habe, und heute ist kein

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besonderer Tag. Allerdings schreibe ich nicht immerfort, sondern habe auch viele

Besorgungen in der Stadt zu machen.«

»Wie heißt denn die Stadt?« fragte Karl.

»Das wissen Sie nicht?« sagte sie, »Ramses.«

»Ist es eine große Stadt?« fragte Karl.

»Sehr groß«, antwortete sie, »ich gehe nicht gern hin. Aber wollen Sie nicht wirklich

schon schlafen?«

»Nein, nein«, sagte Karl, »ich weiß ja noch gar nicht, warum Sie hereingekommen sind.«

»Weil ich mit niemandem reden kann. Ich bin nicht wehleidig, aber wenn wirklich

niemand für einen da ist, so ist man schon glücklich, schließlich von jemandem angehört

zu werden. Ich habe Sie schon unten im Saal gesehen, ich kam gerade, um die Frau

Oberköchin zu holen, als sie Sie in die Speisekammer wegführte.«

»Das ist ein schrecklicher Saal«, sagte Karl.

»Ich merke es schon gar nicht mehr«, antwortete sie. »Aber ich wollte nur sagen, daß ja

die Frau Oberköchin so freundlich zu mir ist, wie es nur meine Mutter war. Aber es ist

doch ein zu großer Unterschied in unserer Stellung, als daß ich frei mit ihr reden könnte.

Unter den Küchenmädchen habe ich früher gute Freundinnen gehabt, aber die sind

schon längst nicht mehr hier, und die neuen Mädchen kenne ich kaum. Schließlich

kommt es mir manchmal vor, daß mich meine jetzige Arbeit mehr anstrengt als die

frühere, daß ich sie aber nicht einmal so gut verrichte wie die, und daß mich die Frau

Oberköchin nur aus Mitleid in meiner Stellung hält. Schließlich muß man ja wirklich eine

bessere Schulbildung gehabt haben, um Sekretärin zu werden. Es ist eine Sünde, das zu

sagen, aber oft und oft fürchte ich, wahnsinnig zu werden. Um Gottes willen«, sagte sie

plötzlich viel schneller und griff flüchtig nach Karls Schulter, da er die Hände unter der

Decke hielt, »Sie dürfen aber der Frau Oberköchin kein Wort davon sagen, sonst bin ich

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wirklich verloren. Wenn ich ihr außer den Umständen, die ich ihr durch meine Arbeit

mache, auch noch Leid bereiten sollte, das wäre wirklich das Höchste.«

»Es ist selbstverständlich, daß ich ihr nichts sagen werde«, antwortete Karl.

»Dann ist es gut«, sagte sie, »und bleiben Sie hier. Ich wäre froh, wenn Sie hierblieben,

und wir könnten, wenn es Ihnen recht ist, zusammenhalten. Gleich, wie ich Sie zum

erstenmal gesehen habe, habe ich Vertrauen zu Ihnen gehabt. Und trotzdem ­ denken

Sie, so schlecht bin ich ­ habe ich auch Angst gehabt, die Frau Oberköchin könnte Sie

an meiner Stelle zum Sekretär machen und mich entlassen. Erst wie ich da lange allein

gesessen bin, während Sie unten im Büro waren, habe ich mir die Sache so zurechtgelegt,

daß es sogar sehr gut wäre, wenn Sie meine Arbeiten übernähmen, denn die würden Sie

sicher besser verstehen. Wenn Sie die Besorgungen in der Stadt nicht machen wollten,

könnte ich ja diese Arbeit behalten. Sonst aber wäre ich in der Küche gewiß viel

nützlicher, besonders da ich auch schon etwas stärker geworden bin.«

»Die Sache ist schon geordnet«, sagte Karl, »ich werde Liftjunge und Sie bleiben

Sekretärin. Wenn Sie aber der Frau Oberköchin nur die geringste Andeutung von Ihren

Plänen machen, verrate ich auch das übrige, was Sie mir heute gesagt haben, so leid es

mir tun würde.«

Diese Tonart erregte Therese so sehr, daß sie sich beim Bett niederwarf und wimmernd

das Gesicht ins Bettzeug drückte.

»Ich verrate ja nichts«, sagte Karl, »aber Sie dürfen auch nichts sagen.«

Nun konnte er nicht mehr ganz unter seiner Decke versteckt bleiben, streichelte ein

wenig ihren Arm, fand nichts Rechtes, was er ihr sagen könne, und dachte nur, daß hier

ein bitteres Leben sei. Endlich beruhigte sie sich wenigstens so weit, daß sie sich ihres

Weinens schämte, sah Karl dankbar an, redete ihm zu, morgen lange zu schlafen, und

versprach, wenn sie Zeit fände, gegen acht Uhr heraufzukommen und ihn zu wecken.

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»Sie wecken ja so geschickt«, sagte Karl.

»Ja, einiges kann ich«, sagte sie, fuhr mit der Hand zum Abschied sanft über seine Decke

hin und lief in ihr Zimmer.

Am nächsten Tag bestand Karl darauf, gleich seinen Dienst anzutreten, obwohl ihm die

Oberköchin diesen Tag für die Besichtigung von Ramses freigeben wollte. Aber Karl

erklärte offen, dafür werde sich noch Gelegenheit finden, jetzt sei es für ihn das

Wichtigste, mit der Arbeit anzufangen, denn eine auf ein anderes Ziel gerichtete Arbeit

habe er schon in Europa nutzlos abgebrochen und fange als Liftjunge in einem Alter an,

in dem wenigstens die tüchtigeren Jungen nahe daran seien, in natürlicher Folge eine

höhere Arbeit zu übernehmen. Es sei ganz richtig, daß er als Liftjunge anfange, aber

ebenso richtig sei, daß er sich besonders beeilen müsse. Bei diesen Umständen würde

ihm die Besichtigung der Stadt gar kein Vergnügen machen. Nicht einmal zu einem

kurzen Weg, zu dem ihn Therese aufforderte, konnte er sich entschließen. Immer

schwebte ihm der Gedanke vor Augen, es könne schließlich mit ihm, wenn er nicht

fleißig sei, so weit kommen wie mit Delamarche und Robinson.

Beim Hotelschneider wurde ihm die Liftjungenuniform ausprobiert, die äußerlich sehr

prächtig mit Goldknöpfen und Goldschnüren ausgestattet war, bei deren Anziehen es

Karl aber doch ein wenig schauderte, denn besonders unter den Achseln war das

Röckchen kalt, hart und dabei unaustrockbar naß von dem Schweiß der Liftjungen, die

es vor ihm getragen hatten. Die Uniform mußte auch vor allem über der Brust eigens für

Karl erweitert werden, denn keine der zehn vorliegenden wollte auch nur beiläufig

passen. Trotz dieser Näharbeit, die hier notwendig war, und obwohl der Meister sehr

peinlich schien ­ zweimal flog die bereits abgelieferte Uniform aus seiner Hand in die

Werkstatt zurück ­, war alles in kaum fünf Minuten erledigt, und Karl verließ das Atelier

schon als Liftjunge mit anliegenden Hosen und einem, trotz der bestimmten

gegenteiligen Zusicherung des Meisters, sehr beengenden Jäckchen, das immer wieder zu

Atemübungen verlockte, da man sehen wol te, ob das Atmen noch immer möglich war.

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Dann meldete er sich bei jenem Oberkellner, unter dessen Befehl er stehen sollte, einem

schlanken, schönen Mann mit großer Nase, der wohl schon in den Vierzigern stehen

konnte. Er hatte keine Zeit, sich auch nur auf das geringste Gespräch einzulassen, und

läutete bloß einen Liftjungen herbei, zufällig gerade jenen, den Karl gestern gesehen

hatte. Der Oberkellner nannte ihn nur bei seinem Taufnamen Giacomo, was Karl erst

später erfuhr, denn in der englischen Aussprache war der Name nicht zu erkennen.

Dieser Junge bekam nun den Auftrag, Karl das für den Liftdienst Notwendige zu zeigen,

aber er war so scheu und eilig, daß Karl von ihm, so wenig auch im Grunde zu zeigen

war, kaum dieses Wenige erfahren konnte. Sicher war Giacomo auch deshalb verärgert,

weil er den Liftdienst offenbar Karls halber verlassen mußte und den Zimmermädchen

zur Hilfeleistung zugeteilt war, was ihm nach bestimmten Erfahrungen, die er aber

verschwieg, entehrend vorkam. Enttäuscht war Karl vor allem dadurch, daß ein

Liftjunge mit der Maschinerie des Aufzuges nur insoferne etwas zu tun hatte, als er ihn

durch einen einfachen Druck auf den Knopf in Bewegung setzte, während für

Reparaturen am Triebwerk derartig ausschließlich die Maschinisten des Hotels

verwendet wurden, daß zum Beispiel Giacomo trotz halbjährigem Dienst beim Lift

weder das Triebwerk im Keller, noch die Maschinerie im Innern des Aufzuges mit

eigenen Augen gesehen hatte, obwohl ihn dies, wie er ausdrücklich sagte, sehr gefreut

hätte. Überhaupt war es ein einförmiger Dienst und wegen der zwölfstündigen

Arbeitszeit, abwechselnd bei Tag und Nacht, so anstrengend, daß er nach Giacomos

Angaben überhaupt nicht auszuhalten war, wenn man nicht minutenweise im Stehen

schlafen konnte. Karl sagte hiezu nichts, aber er begriff wohl, daß gerade diese Kunst

Giacomo die Stelle gekostet hatte.

Sehr willkommen war es Karl, daß der Aufzug, den er zu besorgen hatte, nur für die

obersten Stockwerke bestimmt war, weshalb er es nicht mit den anspruchsvollsten

reichen Leuten zu tun haben würde. Allerdings konnte man hier auch nicht so viel

lernen wie anderswo und es war nur für den Anfang gut.

Schon nach der ersten Woche sah Karl ein, daß er dem Dienst vollständig gewachsen

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war. Das Messing seines Aufzuges war am besten geputzt, keiner der dreißig anderen

Aufzüge konnte sich damit vergleichen, und es wäre vielleicht noch leuchtender

gewesen, wenn der Junge, der bei dem gleichen Aufzug diente, auch nur annähernd so

fleißig gewesen wäre und sich nicht in seiner Lässigkeit durch Karls Fleiß unterstützt

gefühlt hätte. Es war ein geborener Amerikaner, namens Renell, ein eitler Junge mit

dunklen Augen und glatten, etwas gehöhlten Wangen. Er hatte einen eleganten

Privatanzug, in dem er an dienstfreien Abenden leicht parfümiert in die Stadt eilte; hie

und da bat er auch Karl, ihn abends zu vertreten, da er in Familienangelegenheiten

weggehen müsse, und es kümmerte ihn wenig, daß sein Aussehen allen solchen

Ausreden widersprach. Trotzdem konnte ihn Karl gut leiden und hatte es gern, wenn

Renel an solchen Abenden vor dem Ausgehen in seinem Privatanzug unten beim Lift

vor ihm stehenblieb, sich noch ein wenig entschuldigte, während er die Handschuhe

über die Finger zog, und dann durch den Korridor abging. Im übrigen wollte ihm Karl

mit diesen Vertretungen nur eine Gefälligkeit machen, wie sie ihm gegenüber einem

älteren Kollegen am Anfang selbstverständlich schien, eine dauernde Einrichtung sollte

es nicht werden. Denn ermüdend genug war dieses ewige Fahren im Lift allerdings und

gar in den Abendstunden hatte es fast keine Unterbrechung.

Bald lernte Karl auch die kurzen, tiefen Verbeugungen machen, die man von den

Liftjungen verlangt, und das Trinkgeld fing er im Fluge ab. Es verschwand in seiner

Westentasche, und niemand hätte nach seinen Mienen sagen können, ob es groß oder

klein war. Vor Damen öffnete er die Tür mit einer kleinen Beigabe von Galanterie und

schwang sich in den Aufzug langsam hinter ihnen, die in Sorge um ihre Röcke, Hüte und

Behänge zögernder als Männer einzutreten pflegten. Während der Fahrt stand er, weil

dies das unauffälligste war, knapp bei der Tür, mit dem Rücken zu seinen Fahrgästen,

und hielt den Griff der Aufzugstür, um sie im Augenblick der Ankunft plötzlich und

doch nicht etwa erschreckend seitwärts wegzustoßen. Selten nur klopfte ihm einer

während der Fahrt auf die Schulter, um irgendeine kleine Auskunft zu bekommen, dann

drehte er sich eilig um, als habe er es erwartet, und gab mit lauter Stimme Antwort. Oft

gab es trotz den vielen Aufzügen, besonders nach Schluß der Theater oder nach

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Ankunft bestimmter Expreßzüge, ein solches Gedränge, daß er, kaum daß die Gäste

oben entlassen waren, wieder hinunterrasen mußte, um die dort Wartenden

aufzunehmen. Er hatte auch die Möglichkeit, durch Ziehen an einem durch den

Aufzugskasten hindurchgehenden Drahtseil, die gewöhnliche Schnelligkeit zu steigern,

allerdings war dies durch die Aufzugsordnung verboten und sollte auch gefährlich sein.

Karl tat es auch niemals, wenn er mit Passagieren fuhr, aber wenn er sie oben abgesetzt

hatte und unten andere warteten, dann kannte er keine Rücksicht und arbeitete an dem

Seil mit starken, taktmäßigen Griffen wie ein Matrose. Er wußte übrigens, daß dies die

anderen Liftjungen auch taten, und er wollte seine Passagiere nicht an andere Jungen

verlieren. Einzelne Gäste, die längere Zeit im Hotel wohnten, was hier übrigens ziemlich

gebräuchlich war, zeigten hie und da durch ein Lächeln, daß sie Karl als ihren Liftjungen

erkannten, Karl nahm diese Freundlichkeit mit ernstem Gesichte, aber gerne an.

Manchmal, wenn der Verkehr etwas schwächer war, konnte er auch besondere kleine

Aufträge annehmen, zum Beispiel, einem Hotelgast, der sich nicht erst in sein Zimmer

bemühen wollte, eine im Zimmer vergessene Kleinigkeit zu holen, dann flog er in

seinem, in solchen Augenblicken ihm besonders vertrauten Aufzug allein hinauf, trat in

das fremde Zimmer, wo meistens sonderbare Dinge, die er nie gesehen hatte,

herumlagen oder an den Kleiderrechen hingen, fühlte den charakteristischen Geruch

einer fremden Seife, eines Parfüms, eines Mundwassers und eilte, ohne sich im

geringsten aufzuhalten, mit dem meist trotz undeutlichen Angaben gefundenen

Gegenstand wieder zurück. Oft bedauerte er, größere Aufträge nicht übernehmen zu

können, da hierfür eigene Diener und Botenjungen bestimmt waren, die ihre Wege auf

Fahrrädern, ja sogar Motorrädern besorgten. Nur zu Botengängen aus den Zimmern in

die Speise- oder Spielsäle konnte sich Karl bei günstiger Gelegenheit verwenden lassen.

Wenn er nach der zwölfstündigen Arbeitszeit drei Tage lang um sechs Uhr abends, die

nächsten drei Tage um sechs Uhr früh aus der Arbeit kam, war er so müde, daß er

geradewegs, ohne sich um jemanden zu kümmern, in sein Bett ging. Es lag im

gemeinsamen Schlafsaal der Liftjungen, die Frau Oberköchin, deren Einfluß vielleicht

doch nicht so groß war, wie er am ersten Abend geglaubt hatte, hatte sich zwar bemüht,

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ihm ein eigenes Zimmerchen zu verschaffen, und es wäre ihr wohl auch gelungen, aber

da Karl sah, welche Schwierigkeiten es machte und wie die Oberköchin öfters mit

seinem Vorgesetzten, jenem so beschäftigten Oberkellner, wegen dieser Sache

telephonierte, verzichtete er darauf und überzeugte die Oberköchin von dem Ernst

seines Verzichtes mit dem Hinweis darauf, daß er von den anderen Jungen wegen eines

nicht eigentlich selbsterarbeiteten Vorzuges nicht beneidet werden wolle.

Ein ruhiges Schlafzimmer war dieser Schlafsaal allerdings nicht. Denn da jeder einzelne

die freie Zeit von zwölf Stunden verschiedenartig auf Essen, Schlaf, Vergnügen und

Nebenverdienst verteilte, war im Schlafsaal immerfort die größte Bewegung. Da

schliefen einige und zogen die Decke über die Ohren, um nichts zu hören; wurde doch

einer geweckt, dann schrie er so wütend über das Geschrei der anderen, daß auch die

übrigen noch so guten Schläfer nicht standhalten konnten. Fast jeder Junge hatte seine

Pfeife, es wurde damit eine Art Luxus getrieben, auch Karl hatte sich eine angeschafft

und fand bald Geschmack an ihr. Nun durfte aber im Dienst nicht geraucht werden, die

Folge dessen war, daß im Schlafsaal jeder, solange er nicht unbedingt schlief, auch

rauchte. Infolgedessen stand jedes Bett in einer eigenen Rauchwolke und alles in einem

allgemeinen Dunst. Es war unmöglich durchzusetzen, obwohl eigentlich die Mehrzahl

grundsätzlich zustimmte, daß in der Nacht nur an einem Ende des Saales das Licht

brennen sollte. Wäre dieser Vorschlag durchgedrungen, dann hätten diejenigen, welche

schlafen wollten, dies im Dunkel der einen Saalhälfte ­ es war ein großer Saal mit vierzig

Betten ­ ruhig tun können, während die anderen im beleuchteten Teil Würfel oder

Karten hätten spielen und alles übrige besorgen können, wozu Licht nötig war. Hätte

einer, dessen Bett in der beleuchteten Saalhälfte stand, schlafen gehen wollen, so hätte er

sich in eines der freien Betten im Dunkel legen können, denn es standen immer Betten

genug frei, und niemand wendete gegen eine derartige vorübergehende Benützung seines

Bettes durch einen anderen etwas ein. Aber es gab keine Nacht, in der diese Einteilung

befolgt worden wäre. Immer wieder fanden sich zum Beispiel zwei, welche, nachdem sie

das Dunkel zu etwas Schlaf ausgenützt hatten, Lust bekamen, in ihren Betten auf einem

zwischen sie gelegten Brett Karten zu spielen, und natürlich drehten sie eine passende

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elektrische Lampe auf, deren stechendes Licht die Schlafenden, wenn sie ihm

zugewendet waren, auffahren ließ. Man wälzte sich zwar noch ein wenig herum, fand

aber schließlich auch nichts Besseres zu tun, als mit dem gleichfalls geweckten Nachbarn

auch ein Spiel bei neuer Beleuchtung vorzunehmen. Und wieder dampften natürlich

auch alle Pfeifen. Es gab allerdings auch einige, die um jeden Preis schlafen wollten ­

Karl gehörte meist zu ihnen ­ und die, statt den Kopf aufs Kissen zu legen, ihn mit dem

Kissen bedeckten oder hineinwickelten; aber wie wollte man im Schlaf bleiben, wenn der

nächste Nachbar in tiefer Nacht aufstand, um vor dem Dienst noch ein wenig in der

Stadt dem Vergnügen nachzugehen, wenn er in dem am Kopfende des eigenen Bettes

angebrachten Waschbecken laut und wassersprühend sich wusch, wenn er die Stiefel

nicht nur polternd anzog, sondern stampfend sich besser in sie hineintreten wollte ­ fast

alle hatten trotz amerikanischer Stiefelform zu enge Stiefel ­, um dann schließlich, da

ihm eine Kleinigkeit in seiner Ausstattung fehlte, das Kissen des Schlafenden zu heben,

unter dem man, allerdings schon längst geweckt, nur darauf wartete, auf ihn loszufahren.

Nun waren sie aber auch alle Sportsleute und junge, meist kräftige Burschen, die keine

Gelegenheit zu sportlichen Übungen versäumen wollten. Und man konnte sicher sein,

wenn man in der Nacht, mitten aus dem Schlaf durch großen Lärm geweckt, aufsprang,

auf dem Boden neben seinem Bett zwei Ringkämpfer zu finden und bei greller

Beleuchtung auf allen Betten in der Runde aufrecht stehende Sachverständige in Hemd

und Unterhosen. Einmal fiel anläßlich eines solchen nächtlichen Boxkampfes einer der

Kämpfer über den schlafenden Karl, und das erste, was Karl beim Öffnen der Augen

erblickte, war das Blut, das dem Jungen aus der Nase rann und, ehe man noch etwas

dagegen unternehmen konnte, das ganze Bettzeug überfloß. Oft verbrachte Karl fast die

ganzen zwölf Stunden mit Versuchen, einige Stunden Schlaf zu gewinnen, obwohl es ihn

auch sehr lockte, an den Unterhaltungen der anderen teilzunehmen; aber immer wieder

schien es ihm, daß alle anderen in ihrem Leben einen Vorsprung vor ihm hatten, den er

durch fleißigere Arbeit und ein wenig Verzichtleistung ausgleichen müsse. Obwohl ihm

also hauptsächlich seiner Arbeit wegen am Schlaf sehr gelegen war, beklagte er sich doch

weder gegenüber der Oberköchin, noch gegenüber Therese über die Verhältnisse im

Schlafsaal, denn erstens trugen im ganzen und großen alle Jungen schwer daran, ohne

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sich ernstlich zu beklagen, und zweitens war die Plage im Schlafsaal ein notwendiger Teil

seiner Aufgabe als Liftjunge, die er ja aus den Händen der Oberköchin dankbar

übernommen hatte.

Einmal in der Woche hatte er beim Schichtwechsel vierundzwanzig Stunden frei, die er

zum Teil dazu verwendete, bei der Oberköchin ein, zwei Besuche zu machen und mit

Therese, deren kärgliche freie Zeit er abpaßte, irgendwo, in einem Winkel, auf einem

Korridor und selten nur in ihrem Zimmer, einige flüchtige Reden auszutauschen.

Manchmal begleitete er sie auch auf ihren Besorgungen in der Stadt, die alle höchst eilig

ausgeführt werden mußten. Dann liefen sie fast, Karl mit ihrer Tasche in der Hand, zur

nächsten Station der Untergrundbahn, die Fahrt verging im Nu, als werde der Zug ohne

jeden Widerstand nur hingerissen, schon waren sie ihm entstiegen, klapperten, statt auf

den Aufzug zu warten, der ihnen zu langsam war, die Stufen hinauf, die großen Plätze,

von denen sternförmig die Straßen auseinanderflogen, erschienen und brachten ein

Getümmel in den von allen Seiten geradlinig strömenden Verkehr, aber Karl und

Therese eilten eng beisammen in die verschiedenen Büros, Waschanstalten, Lagerhäuser

und Geschäfte, in denen telephonisch nicht leicht zu besorgende, im übrigen nicht

besonders verantwortliche Bestellungen oder Beschwerden auszurichten waren. Therese

merkte bald, daß Karls Hilfe hiebei nicht zu verachten war, daß sie vielmehr in vieles

eine große Beschleunigung brachte. Niemals mußte sie in seiner Begleitung wie sonst oft

darauf warten, daß die überbeschäftigten Geschäftsleute sie anhörten. Er trat an das Pult

und klopfte so lange mit den Knöcheln darauf, bis es half, er rief über Menschenmauern

sein noch immer etwas überspitztes, aus hundert Stimmen leicht herauszuhörendes

Englisch hin, er ging auf die Leute ohne Zögern zu, und mochten sie sich hochmütig in

die Tiefe der längsten Geschäftssäle zurückgezogen haben. Er tat es nicht aus Übermut

und würdigte jeden Widerstand, aber er fühlte sich in einer sicheren Stellung, die ihm

Rechte gab, das Hotel Occidental war eine Kundschaft, deren man nicht spotten durfte,

und schließlich war Therese trotz ihrer geschäftlichen Erfahrung hilfsbedürftig.

»Sie sollten immer mitkommen«, sagte sie manchmal, glücklich lachend, wenn sie von

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einer besonders gut ausgeführten Unternehmung kamen.

Nur dreimal während der eineinhalb Monate, die Karl in Ramses blieb, war er längere

Zeit, über ein paar Stunden, in Thereses Zimmerchen. Es war natürlich kleiner als

irgendein Zimmer der Oberköchin, die wenigen Dinge, welche darin standen, waren

gewissermaßen nur um das Fenster gelagert, aber Karl verstand schon nach seinen

Erfahrungen aus dem Schlafsaal den Wert eines eigenen, verhältnismäßig ruhigen

Zimmers, und wenn er es auch nicht ausdrücklich sagte, so merkte Therese doch, wie

ihm ihr Zimmer gefiel. Sie hatte keine Geheimnisse vor ihm, und es wäre auch nicht gut

möglich gewesen, nach ihrem Besuch damals, am ersten Abend, noch Geheimnisse vor

ihm zu haben. Sie war ein uneheliches Kind, ihr Vater war Baupolier und hatte die

Mutter und das Kind aus Pommern sich nachkommen lassen; aber als hätte er damit

seine Pflicht erfüllt oder als hätte er andere Menschen erwartet als die abgearbeitete Frau

und das schwache Kind, die er an der Landungsstelle in Empfang nahm, war er bald

nach ihrer Ankunft ohne viel Erklärungen nach Kanada ausgewandert, und die

Zurückgebliebenen hatten weder einen Brief noch eine sonstige Nachricht von ihm

erhalten, was zum Teil auch nicht zu verwundern war, denn sie waren in den

Massenquartieren des New Yorker Ostens unauffindbar verloren.

Einmal erzählte Therese ­ Karl stand neben ihr beim Fenster und sah auf die Straße ­

vom Tode ihrer Mutter. Wie die Mutter und sie an einem Winterabend ­ sie konnte

damals etwa fünf Jahre alt gewesen sein ­ jede mit ihrem Bündel durch die Straßen

eilten, um Schlafstellen zu suchen. Wie die Mutter sie zuerst bei der Hand führte ­ es

war ein Schneesturm und nicht leicht vorwärtszukommen ­, bis die Hand erlahmte und

sie Therese, ohne sich nach ihr umzusehen, losließ, die sich nun Mühe geben mußte,

sich selbst an den Röcken der Mutter festzuhalten. Oft stolperte Therese und fiel sogar,

aber die Mutter war wie in einem Wahn und hielt nicht an. Und diese Schneestürme in

den langen, geraden New Yorker Straßen! Karl hatte noch keinen Winter in New York

mitgemacht. Geht man gegen den Wind, und der dreht sich im Kreise, kann man keinen

Augenblick die Augen öffnen, immerfort zerreibt einem der Wind den Schnee auf dem

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Gesicht, man läuft, aber kommt nicht weiter, es ist etwas Verzweifeltes. Ein Kind ist

dabei natürlich gegen die Erwachsenen im Vorteil, es läuft unter dem Wind durch und

hat noch ein wenig Freude an allem. So hatte auch damals Therese ihre Mutter nicht

ganz begreifen können, und sie war fest davon überzeugt, daß, wenn sie sich an jenem

Abend klüger ­ sie war eben noch ein so kleines Kind ­ zu ihrer Mutter verhalten hätte,

diese nicht einen so jammervollen Tod hätte erleiden müssen. Die Mutter war damals

schon zwei Tage ohne Arbeit gewesen, nicht das kleinste Geldstück war mehr

vorhanden, der Tag war ohne einen Bissen im Freien verbracht worden, und in ihren

Bündeln schleppten sie nur unbrauchbare Fetzen mit sich herum, die sie, vielleicht aus

Aberglauben, nicht wegzuwerfen wagten. Nun war der Mutter für den nächsten Morgen

Arbeit bei einem Bau in Aussicht gestellt worden, aber sie fürchtete, wie sie Therese den

ganzen Tag über zu erklären suchte, die günstige Gelegenheit nicht ausnützen zu

können, denn sie fühlte sich todmüde, hatte schon am Morgen zum Schrecken der

Passanten auf der Gasse viel Blut gehustet, und ihre einzige Sehnsucht war, irgendwo in

die Wärme zu kommen und sich auszuruhen. Und gerade an diesem Abend war es

unmöglich, ein Plätzchen zu bekommen. Dort, wo sie nicht schon vom Hausbesorger

aus dem Torgang gewiesen wurden, in dem man sich immerhin vom Wetter ein wenig

hätte erholen können, durcheilten sie die engen, eisigen Korridore, durchstiegen die

hohen Stockwerke, umkreisten die schmalen Terrassen der Höfe, klopften wahllos an

Türen, wagten einmal niemanden anzusprechen, baten dann jeden, der ihnen

entgegenkam, und einmal oder zweimal hockte die Mutter atemlos auf der Stufe einer

stillen Treppe nieder, riß Therese, die sich fast wehrte, an sich und küßte sie mit

schmerzhaftem Anpressen der Lippen. Wenn man nachher weiß, daß das die letzten

Küsse waren, begreift man nicht, daß man, und mag man ein kleiner Wurm gewesen

sein, so blind sein konnte, das nicht einzusehen. In manchen Zimmern, an denen sie

vorüberkamen, waren die Türen geöffnet, um eine erstickende Luft herauszulassen, und

aus dem rauchigen Dunst, der, wie durch einen Brand verursacht, die Zimmer erfüllte,

trat nur die Gestalt irgend jemandes hervor, der im Türrahmen stand und entweder

durch seine stumme Gegenwart oder durch ein kurzes Wort die Unmöglichkeit eines

Unterkommens in dem betreffenden Zimmer bewies. Therese schien es jetzt im

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Rückblick, daß die Mutter nur in den ersten Stunden ernstlich einen Platz suchte, denn

nachdem etwa Mitternacht vorüber war, hat sie wohl niemanden mehr angesprochen,

obwohl sie mit kleinen Pausen bis zur Morgendämmerung nicht aufhörte weiterzueilen

und obwohl in diesen Häusern, in denen weder Haustore noch Wohnungstüren je

verschlossen werden, immerfort Leben ist und einem auf Schritt und Tritt Menschen

begegnen. Natürlich war es kein Laufen, das sie rasch weiterbrachte, sondern es war nur

die äußerste Anstrengung, deren sie fähig waren, und es konnte in Wirklichkeit ganz gut

auch bloß ein Schleichen sein. Therese wußte auch nicht, ob sie von Mitternacht bis fünf

Uhr früh in zwanzig Häusern oder in zwei oder gar nur in einem Haus gewesen waren.

Die Korridore dieser Häuser sind nach schlauen Plänen der besten Raumausnützung,

aber ohne Rücksicht auf leichte Orientierung angelegt; wie oft waren sie wohl durch die

gleichen Korridore gekommen! Therese hatte wohl in dunkler Erinnerung, daß sie das

Tor eines Hauses, das sie ewig durchsucht hatten, wieder verließen, aber ebenso schien

es ihr, daß sie sich auf der Gasse gleich umgewandt und wieder in dieses Haus gestürzt

hätten. Für das Kind war es natürlich ein unbegreifliches Leid, einmal von der Mutter

gehalten, einmal sich an ihr festhaltend, ohne ein kleines Wort des Trostes mitgeschleift

zu werden, und das Ganze schien damals für seinen Unverstand nur die Erklärung zu

haben, daß die Mutter von ihm weglaufen wolle. Darum hielt sich Therese desto fester,

selbst wenn die Mutter sie an einer Hand hielt, der Sicherheit halber auch noch mit der

anderen Hand an den Röcken der Mutter, und heulte in Abständen. Sie wollte nicht hier

zurückgelassen werden, zwischen den Leuten, die vor ihnen die Treppe stampfend

emporstiegen, die hinter ihnen, noch nicht zu sehen, hinter einer Wendung der Treppe

herankamen, die in den Gängen vor einer Tür Streit miteinander hatten und einander

gegenseitig in das Zimmer hineinstießen. Betrunkene wanderten mit dumpfem Gesang

im Haus umher, und glücklich schlüpfte noch die Mutter mit Therese durch solche sich

gerade schließende Gruppen. Gewiß hätten sie spät in der Nacht, wo man nicht mehr so

achtgab und niemand mehr unbedingt auf seinem Recht bestand, wenigstens in einen

der allgemeinen, von Unternehmern vermieteten Schlafsäle sich drängen können, an

deren einigen sie vorüberkamen, aber Therese verstand es nicht, und die Mutter wollte

keine Ruhe mehr. Am Morgen, dem Beginn eines schönen Wintertages, lehnten sie

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beide an einer Hausmauer und hatten dort vielleicht ein wenig geschlafen, vielleicht nur

mit offenen Augen herumgestarrt. Es zeigte sich, daß Therese ihr Bündel verloren hatte,

und die Mutter machte sich daran, Therese zur Strafe für die Unachtsamkeit zu schlagen,

aber Therese hörte keinen Schlag und spürte keinen. Sie gingen dann weiter durch die

sich belebenden Gassen, die Mutter an der Mauer, kamen über eine Brücke, wo die

Mutter mit der Hand den Reif vom Geländer streifte, und gelangten schließlich, damals

hatte Therese es hingenommen, heute verstand sie es nicht, gerade zu jenem Bau, zu

dem die Mutter für jenen Morgen bestellt war. Sie sagte Therese nicht, ob sie warten

oder weggehen solle, und Therese nahm dies als Befehl zum Warten, da dies ihren

Wünschen am besten entsprach. Sie setzte sich also auf einen Ziegelhaufen und sah zu,

wie die Mutter ihr Bündel aufschnürte, einen bunten Fetzen herausnahm und damit ihr

Kopftuch umband, das sie während der ganzen Nacht getragen hatte. Therese war zu

müde, als daß ihr auch nur der Gedanke gekommen wäre, der Mutter zu helfen. Ohne

sich in der Bauhütte zu melden, wie dies üblich war, und ohne jemanden zu fragen, stieg

die Mutter eine Leiter hinauf, als wisse sie schon selbst, welche Arbeit ihr zugeteilt war.

Therese wunderte sich darüber, da die Handlangerinnen gewöhnlich nur unten mit

Kalklöschen, mit dem Hinreichen der Ziegel und mit sonstigen einfachen Arbeiten

beschäftigt werden. Sie dachte daher, die Mutter wolle heute eine besser bezahlte Arbeit

ausführen, und lächelte verschlafen zu ihr hinauf. Der Bau war noch nicht hoch, kaum

bis zum Erdgeschoß, gediehen, wenn auch schon die hohen Gerüststangen für den

weiteren Bau, allerdings noch ohne Verbindungshölzer, zum blauen Himmel ragten.

Oben umging die Mutter geschickt die Maurer, die Ziegel auf Ziegel legten und sie

unbegreiflicherweise nicht zur Rede stellten, sie hielt sich vorsichtig mit zarter Hand an

einem Holzverschlag, der als Geländer diente, und Therese staunte unten in ihrem Dusel

diese Geschicklichkeit an und glaubte noch einen freundlichen Blick der Mutter erhalten

zu haben. Nun kam aber die Mutter auf ihrem Gang zu einem kleinen Ziegelhaufen, vor

dem das Geländer und wahrscheinlich auch der Weg aufhörte, aber sie hielt sich nicht

daran, ging auf den Ziegelhaufen los, ihre Geschicklichkeit schien sie verlassen zu haben,

sie stieß den Ziegelhaufen um und fiel über ihn hinweg in die Tiefe. Viele Ziegel rollten

ihr nach und schließlich, eine ganze Weile später, löste sich irgendwo ein schweres Brett

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los und krachte auf sie nieder. Die letzte Erinnerung Thereses an ihre Mutter war, wie

sie mit auseinandergestreckten Beinen dalag in dem karierten Rock, der noch aus

Pommern stammte, wie jenes auf ihr liegende rohe Brett sie fast bedeckte, wie nun die

Leute von allen Seiten zusammenliefen und wie oben vom Bau irgendein Mann zornig

etwas hinunterrief.

Es war spät geworden, als Therese ihre Erzählung beendet hatte. Sie hatte ausführlich

erzählt, wie es sonst nicht ihre Gewohnheit war, und gerade bei gleichgültigen Stellen,

wie bei der Beschreibung der Gerüststangen, die jede für sich allein in den Himmel

ragten, hatte sie mit Tränen in den Augen innehalten müssen. Sie wußte jede Kleinigkeit,

die damals vorgefallen war, jetzt, nach zehn Jahren, ganz genau, und weil der Anblick

ihrer Mutter oben im halbfertigen Erdgeschoß das letzte Andenken an das Leben der

Mutter war und sie es ihrem Freunde gar nicht deutlich genug überantworten konnte,

wollte sie nach dem Schlusse ihrer Erzählung noch einmal darauf zurückkommen,

stockte aber, legte das Gesicht in die Hände und sagte kein Wort mehr.

Es gab aber auch lustigere Zeiten in Theresens Zimmer. Gleich bei seinem ersten

Besuch hatte Karl dort ein Lehrbuch der kaufmännischen Korrespondenz liegen

gesehen und auf seine Bitten geborgt erhalten. Es wurde gleichzeitig besprochen, daß

Karl die im Buch enthaltenen Aufgaben machen und Therese, die das Buch, soweit es

für ihre kleinen Arbeiten nötig war, schon durchstudiert hatte, zur Durchsicht vorlegen

solle. Nun lag Karl ganze Nächte lang, Watte in den Ohren, unten auf seinem Bett im

Schlafsaal, der Abwechslung halber in allen möglichen Lagen, las im Buch und kritzelte

die Aufgaben in ein Heftchen, mit einer Füllfeder, die ihm die Oberköchin zur

Belohnung dafür geschenkt hatte, daß er für sie ein großes Inventarverzeichnis sehr

praktisch angelegt und rein ausgeführt hatte. Es gelang ihm, die meisten Störungen der

anderen Jungen dadurch zum Guten zu wenden, daß er sich von ihnen immer kleine

Ratschläge in der englischen Sprache geben ließ, bis sie dessen müde wurden und ihn in

Ruhe ließen. Oft staunte er, wie die anderen mit ihrer gegenwärtigen Lage ganz

ausgesöhnt waren, ihren provisorischen Charakter ­ ältere als zwanzigjährige Liftjungen

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wurden nicht geduldet ­ gar nicht fühlten, die Notwendigkeit einer Entscheidung über

ihren künftigen Beruf nicht einsahen und trotz Karls Beispiel nichts anderes lasen als

höchstens Detektivgeschichten, die in schmutzigen Fetzen von Bett zu Bett gereicht

wurden.

Bei den Zusammenkünften korrigierte nun Therese mit übergroßer Umständlichkeit; es

ergaben sich strittige Ansichten, Karl führte als Zeugen seinen großen New Yorker

Professor an, aber der galt bei Therese ebenso wenig wie die grammatikalischen

Meinungen der Liftjungen. Sie nahm ihm die Füllfeder aus der Hand und strich die

Stelle, von deren Fehlerhaftigkeit sie überzeugt war, durch, Karl aber strich in solchen

Zweifelfällen, obwohl im allgemeinen keine höhere Autorität als Therese die Sache zu

Gesicht bekommen sollte, aus Genauigkeit die Striche Theresens wieder durch.

Manchmal allerdings kam die Oberköchin und entschied dann immer zu Theresens

Gunsten, was noch nicht beweisend war, denn Therese war ihre Sekretärin. Gleichzeitig

aber brachte sie die allgemeine Versöhnung, denn es wurde Tee gekocht, Gebäck geholt,

und Karl mußte von Europa erzählen, allerdings mit vielen Unterbrechungen von seiten

der Oberköchin, die immer wieder fragte und staunte, wodurch sie Karl zu Bewußtsein

brachte, wie vieles sich dort in verhältnismäßig kurzer Zeit von Grund aus geändert

hatte und wie vieles wohl auch schon seit seiner Abwesenheit anders geworden war und

immerfort anders wurde.

Karl mochte etwa einen Monat in Ramses gewesen sein, als ihm eines Abends Renell im

Vorübergehen sagte, er sei vor dem Hotel von einem Mann mit Namen Delamarche

angesprochen und nach Karl ausgefragt worden. Renell habe nun keinen Grund gehabt,

etwas zu verschweigen, und habe der Wahrheit gemäß erzählt, daß Karl Liftjunge sei,

jedoch Aussicht habe, infolge der Protektion der Oberköchin noch ganz andere Stellen

zu bekommen. Karl merkte, wie vorsichtig Renell von Delamarche behandelt worden

war, der ihn sogar für diesen Abend zu einem gemeinsamen Nachtmahl eingeladen

hatte.

»Ich habe nichts mehr mit Delamarche zu tun«, sagte Karl »nimm du dich nur auch vor

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ihm in acht!«

»Ich?« sagte Renell, streckte sich und eilte weg. Er war der zierlichste Junge im Hotel,

und es ging unter den anderen Jungen, ohne daß man den Urheber wußte, das Gerücht

um, daß er von einer vornehmen Dame, die schon längere Zeit im Hotel wohnte, im Lift

zumindest abgeküßt worden sei. Für den, der das Gerücht kannte, hatte es unbedingt

einen großen Reiz, jene selbstbewußte Dame, in deren Äußerem nicht das Geringste die

Möglichkeit eines solchen Benehmens ahnen ließ, mit ihren ruhigen, leichten Schritten,

zarten Schleiern, streng geschnürter Taille an sich vorübergehen zu sehen. Sie wohnte im

ersten Stock, und Renells Lift war nicht der ihre, aber man konnte natürlich, wenn die

anderen Lifts augenblicklich besetzt waren, solchen Gästen den Eintritt in einen anderen

Lift nicht verwehren. So kam es, daß diese Dame hie und da in Karls und Renells Lift

fuhr, und tatsächlich immer nur, wenn Renell Dienst hatte. Es konnte Zufall sein, aber

niemand glaubte daran, und wenn der Lift mit den beiden abfuhr, gab es in der ganzen

Reihe der Liftjungen eine mühsam unterdrückte Unruhe, die sogar schon zum

Einschreiten eines Oberkellners geführt hatte. Sei es nun, daß die Dame, sei es, daß das

Gerücht die Ursache war, jedenfalls hatte sich Renell verändert, war noch bei weitem

selbstbewußter geworden, überließ das Putzen gänzlich Karl, der schon auf die nächste

Gelegenheit einer gründlichen Aussprache hierüber wartete, und war im Schlafsaal gar

nicht mehr zu sehen. Kein anderer war so vollständig aus der Gemeinschaft der

Liftjungen ausgetreten, denn im allgemeinen hielten alle, zumindest in Dienstfragen,

streng zusammen und hatten eine Organisation, die von der Hoteldirektion anerkannt

war.

Alles dieses ließ sich Karl durch den Kopf gehen, dachte auch an Delamarche, und

verrichtete im übrigen seinen Dienst wie immer. Gegen Mitternacht hatte er eine kleine

Abwechslung, denn Therese, die ihn öfters mit kleinen Geschenken überraschte, brachte

ihm einen großen Apfel und eine Tafel Schokolade. Sie unterhielten sich ein wenig,

durch die Unterbrechungen, welche die Fahrten mit dem Aufzug brachten, kaum

gestört. Das Gespräch kam auch auf Delamarche, und Karl merkte, daß er sich

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eigentlich durch Therese hatte beeinflussen lassen, wenn er ihn seit einiger Zeit für einen

gefährlichen Menschen hielt, denn so erschien er allerdings Therese nach Karls

Erzählungen. Karl jedoch hielt ihn im Grunde nur für einen Lumpen, der durch das

Unglück sich hatte verderben lassen und mit dem man schon auskommen konnte.

Therese widersprach dem aber sehr lebhaft und forderte Karl in langen Reden das

Versprechen ab, kein Wort mit Delamarche mehr zu reden. Statt dieses Versprechen zu

geben, drängte sie Karl wiederholt, schlafen zu gehen, da Mitternacht schon längst

vorüber war, und als sie sich weigerte, drohte er, seinen Posten zu verlassen und sie in

ihr Zimmer zu führen. Als sie endlich bereit war wegzugehen, sagte er: »Warum machst

du dir so unnötige Sorgen, Therese? Für den Fall, daß du dadurch besser schlafen

solltest, verspreche ich dir gerne, daß ich mit Delamarche nur reden werde, wenn es sich

nicht vermeiden läßt.« Dann kamen viele Fahrten, denn der Junge am Nebenlift wurde

zu irgendeiner anderen Hilfeleistung verwendet, und Karl mußte beide Lifts besorgen.

Es gab Gäste, die von Unordnung sprachen, und ein Herr, der eine Dame begleitete,

berührte Karl sogar leicht mit dem Spazierstock, um ihn zur Eile anzutreiben, eine

Ermahnung, die recht unnötig war. Wenn doch wenigstens die Gäste, da sie sahen, daß

bei dem einen Lift kein Junge stand, gleich zu Karls Lift getreten wären, aber das taten

sie nicht, sondern gingen zu dem Nebenlift und blieben dort, die Hand an der Klinke,

stehen oder traten gar selbst in den Aufzug ein, was nach dem strengsten Paragraphen

der Dienstordnung die Liftjungen um jeden Preis verhüten sollten. So gab es für Karl ein

sehr ermüdendes Hin- und Herlaufen, ohne daß er aber dabei das Bewußtsein gehabt

hätte, seine Pflicht genau zu erfüllen. Gegen drei Uhr früh wol te überdies ein

Packträger, ein alter Mann, mit dem er ein wenig befreundet war, irgendeine

Hilfeleistung von ihm haben, aber die konnte er nun keinesfalls leisten, denn gerade

standen Gäste vor seinen beiden Lifts, und es gehörte Geistesgegenwart dazu, sich

sofort mit großen Schritten für eine Gruppe zu entscheiden. Er war daher glücklich, als

der andere Junge wieder antrat, und rief ein paar Worte des Vorwurfs wegen seines

langen Ausbleibens zu ihm hinüber, obwohl er wahrscheinlich keine Schuld daran hatte.

Nach vier Uhr früh trat ein wenig Ruhe ein, aber Karl brauchte sie auch schon dringend.

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Er lehnte schwer am Geländer neben seinem Aufzug, aß langsam den Apfel, aus dem

schon nach dem ersten Biß ein starker Duft strömte, und sah in einen Lichtschacht

hinunter, der von den großen Fenstern der Vorratskammern umgeben war, hinter denen

hängende Massen von Bananen im Dunkel gerade noch schimmerten.

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Der Fall Robinson

Da klopfte ihm jemand auf die Schulter. Karl, der natürlich dachte, es wäre ein Gast,

steckte den Apfel eiligst in die Tasche und eilte, kaum daß er den Mann ansah, zum

Aufzug hin.

»Guten Abend, Herr Roßmann«, sagte nun aber der Mann »ich bin es, Robinson.«

»Sie haben sich aber verändert!« sagte Karl und schüttelte den Kopf.

»Ja, es geht mir gut«, sagte Robinson und sah an seiner Kleidung hinunter, die vielleicht

aus ziemlich feinen Stücken bestand, aber so zusammengewürfelt war, daß sie geradezu

schäbig aussah. Das Auffallendste war eine offenbar zum erstenmal getragene weiße

Weste mit vier kleinen, schwarz eingefaßten Täschchen, auf die Robinson auch durch

Vorstrecken der Brust aufmerksam zu machen suchte.

»Sie haben teuere Kleider«, sagte Karl und dachte flüchtig an sein schönes einfaches

Kleid, in dem er sogar neben Renell hätte bestehen können und das die zwei schlechten

Freunde verkauft hatten.

»Ja«, sagte Robinson, »ich kaufe mir fast jeden Tag irgend etwas. Wie gefällt Ihnen die

Weste?«

»Ganz gut«, sagte Karl.

»Es sind aber keine wirklichen Taschen, das ist nur so gemacht«, sagte Robinson und

faßte Karl bei der Hand, damit sich dieser selbst davon überzeuge. Aber Karl wich

zurück, denn aus Robinsons Mund kam ein unerträglicher Branntweingeruch.

»Sie trinken wieder viel«, sagte Karl und stand schon wieder am Geländer.

»Nein«, sagte Robinson, »nicht viel«, und fügte im Widerspruch zu seiner früheren

Zufriedenheit hinzu: »Was hat der Mensch sonst auf der Welt.« Eine Fahrt unterbrach

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das Gespräch, und kaum war Karl wieder unten, erfolgte ein telephonischer Anruf, laut

dessen Karl den Hotelarzt holen sollte, da eine Dame im siebenten Stockwerk einen

Ohnmachtsanfall erlitten hatte. Während dieses Weges hoffte Karl im geheimen, daß

Robinson sich inzwischen entfernt haben werde, denn er wollte nicht mit ihm gesehen

werden und, in Gedanken an Theresens Warnung, auch von Delamarche nichts hören.

Aber Robinson wartete noch in der steifen Haltung eines Vollgetrunkenen, und gerade

ging ein höherer Hotelbeamter in schwarzem Gehrock und Zylinderhut vorüber,

glücklicherweise ohne Robinson, wie es schien, besonders zu beachten.

»Wollen Sie, Roßmann, nicht einmal zu uns kommen, wir haben es jetzt sehr fein«, sagte

Robinson und sah Karl lockend an.

»Laden Sie mich ein oder Delamarche?« fragte Karl.

»Ich und Delamarche. Wir sind darin einig«, sagte Robinson.

»Dann sage ich Ihnen und bitte Sie, Delamarche das gleiche auszurichten: Unser

Abschied war, wenn das nicht schon an und für sich klar gewesen sein sollte, ein

endgültiger. Sie beide haben mir mehr Leid getan als irgend jemand. Haben Sie sich

vielleicht in den Kopf gesetzt, mich auch weiterhin nicht in Ruhe zu lassen?«

»Wir sind doch Ihre Kameraden«, sagte Robinson, und widerliche Tränen der

Trunkenheit stiegen ihm in die Augen. »Delamarche läßt Ihnen sagen, daß er Sie für alles

Frühere entschädigen will. Wir wohnen jetzt mit Brunelda zusammen, einer herrlichen

Sängerin.« Und im Anschluß daran wollte er gerade ein Lied in hohen Tönen singen,

wenn ihn nicht Karl noch rechtzeitig angezischt hätte: »Schweigen Sie, aber

augenblicklich; wissen Sie denn nicht, wo Sie sind!«

»Roßmann«, sagte Robinson, nun rücksichtlich des Singens eingeschüchtert »ich bin

doch Ihr Kamerad, sagen Sie, was Sie wollen. Und nun haben Sie hier eine so schöne

Position, könnten Sie mir einiges Geld überlassen?«

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»Sie vertrinken es ja bloß wieder«, sagte Karl, »da sehe ich in Ihrer Tasche sogar

irgendeine Branntweinflasche, aus der Sie gewiß, während ich weg war, getrunken haben,

denn anfangs waren Sie ja noch ziemlich bei Sinnen.«

»Das ist nur zur Stärkung, wenn ich auf einem Wege bin«, sagte Robinson

entschuldigend.

»Ich will Sie ja nicht mehr bessern«, sagte Karl.

»Aber das Geld!« sagte Robinson mit aufgerissenen Augen.

»Sie haben wohl von Delamarche den Auftrag bekommen, Geld mitzubringen. Gut, ich

gebe Ihnen Geld, aber nur unter der Bedingung, daß Sie sofort von hier fortgehen und

niemals mehr mich hier besuchen. Wenn Sie mir etwas mitteilen wollen, schreiben Sie an

mich. Karl Roßmann, Liftjunge, Hotel Occidental, genügt als Adresse. Aber hier dürfen

Sie, das wiederhole ich, mich nicht mehr besuchen. Hier bin ich im Dienst und habe

keine Zeit für Besuche. Wollen Sie also das Geld unter dieser Bedingung?« fragte Karl

und griff in die Westentaschen, denn er war entschlossen, das Trinkgeld der heutigen

Nacht zu opfern. Robinson nickte bloß zu der Frage und atmete schwer. Karl deutete

das unrichtig und fragte nochmals: »Ja oder nein?«

Da winkte ihn Robinson zu sich heran und flüsterte unter Schlingbewegungen, die

schon ganz deutlich waren: »Roßmann, mir ist sehr schlecht.«

»Zum Teufel«, entfuhr es Karl, und mit beiden Händen schleppte er ihn zum Geländer.

Und schon ergoß es sich aus Robinsons Mund in die Tiefe. Hilflos strich er in den

Pausen, die ihm seine Übelkeit ließ, blindlings zu Karl hin.

»Sie sind wirklich ein guter Junge«, sagte er dann, oder: »Es hört schon auf«, was aber

noch lange nicht richtig war, oder: »Die Hunde, was haben sie mir dort für ein Zeug

eingegossen!« Karl hielt es vor Unruhe und Ekel bei ihm nicht mehr aus und begann auf

und ab zu gehen. Hier, im Winkel neben dem Aufzug, war ja Robinson ein wenig

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versteckt, aber wie, wenn ihn doch jemand bemerkte, einer dieser nervösen, reichen

Gäste, die nur darauf warten, dem herbeilaufenden Hotelbeamten eine Beschwerde

mitzuteilen, für welche dieser dann wütend am ganzen Hause Rache nimmt, oder wenn

einer dieser immerfort wechselnden Hoteldetektivs vorüberkäme, die niemand kennt

außer der Direktion und die man in jedem Menschen vermutet, der prüfende Blicke,

vielleicht bloß aus Kurzsichtigkeit, macht. Und unten brauchte nur jemand bei dem die

ganze Nacht nicht aussetzenden Restaurationsbetrieb in die Vorratskammern zu gehen,

staunend die Scheußlichkeit im Lichtschacht zu bemerken und Karl telephonisch

anzufragen, was denn um Himmels willen da oben los sei. Konnte Karl dann Robinson

verleugnen? Und wenn er es täte, würde sich nicht Robinson in seiner Dummheit und

Verzweiflung statt aller Entschuldigung gerade nur auf Karl berufen? Und mußte dann

nicht Karl sofort entlassen werden, da dann das Unerhörte geschehen war, daß ein

Liftjunge, der niedrigste und entbehrlichste Angestellte in der ungeheueren Stufenleiter

der Dienerschaft dieses Hotels, durch seinen Freund das Hotel hatte beschmutzen und

die Gäste erschrecken oder ganz vertreiben lassen? Konnte man einen Liftjungen weiter

dulden, der solche Freunde hatte, von denen er sich überdies während seiner

Dienststunden besuchen ließ? Sah es nicht ganz so aus, als ob ein solcher Liftjunge

selbst ein Säufer oder gar etwas Ärgeres sei, denn welche Vermutung war

einleuchtender, als daß er seine Freunde aus den Vorräten des Hotels so lange

überfütterte, bis sie an einer beliebigen Stelle dieses gleichen, peinlich rein gehaltenen

Hotels solche Dinge ausführten, wie jetzt Robinson? Und warum sollte sich ein solcher

Junge auf die Diebstähle von Lebensmitteln beschränken, da doch die Möglichkeiten zu

stehlen bei der bekannten Nachlässigkeit der Gäste, den überall offenstehenden

Schränken, den auf den Tischen herumliegenden Kostbarkeiten, den aufgerissenen

Kassetten, den gedankenlos hingeworfenen Schlüsseln wirklich unzählige waren?

Gerade sah Karl in der Ferne Gäste aus einem Kellerlokal heraufsteigen, in dem eben

eine Varietévorstellung beendet worden war. Karl stellte sich zu seinem Aufzug und

wagte sich gar nicht nach Robinson umzudrehen, aus Furcht vor dem, was er zu sehen

bekommen könnte. Es beruhigte ihn wenig, daß er keinen Laut, nicht einmal einen

143


Seufzer, von dort hörte. Er bediente zwar seine Gäste und fuhr mit ihnen auf und ab,

aber seine Zerstreutheit konnte er doch nicht ganz verbergen, und bei jeder

Abwärtsfahrt war er darauf gefaßt, unten eine peinliche Überraschung vorzufinden.

Endlich hatte er wieder Zeit, nach Robinson zu sehen, der in seinem Winkel ganz klein

kauerte und das Gesicht gegen die Knie drückte. Seinen runden, harten Hut hatte er weit

aus der Stirne geschoben.

»Also jetzt gehen Sie schon«, sagte Karl leise und bestimmt. »Hier ist das Geld. Wenn Sie

sich beeilen, kann ich Ihnen noch den kürzesten Weg zeigen.«

»Ich werde nicht weggehen können«, sagte Robinson und wischte sich mit einem

winzigen Taschentuche die Stirn, »ich werde hier sterben. Sie können sich nicht

vorstellen, wie schlecht mir ist. Delamarche nimmt mich überall in die feinen Lokale mit,

aber ich vertrage dieses zimperliche Zeug nicht, ich sage es Delamarche täglich.«

»Hier können Sie nun einmal nicht bleiben«, sagte Karl, »bedenken Sie doch, wo Sie

sind. Wenn man Sie hier findet, werden Sie bestraft, und ich verliere meinen Posten.

Wollen Sie das?«

»Ich kann nicht weggehen«, sagte Robinson, »lieber springe ich da hinunter«, und er

zeigte zwischen den Geländerstangen in den Lichtschacht.

»Wenn ich hier so sitze, so kann ich es noch ertragen, aber aufstehen kann ich nicht, ich

habe es ja schon versucht, während Sie weg waren.«

»Dann hole ich also einen Wagen, und Sie fahren ins Krankenhaus«, sagte Karl und

schüttelte ein wenig Robinsons Beine, der jeden Augenblick in völlige Teilnahmslosigkeit

zu verfallen drohte. Aber kaum hatte Robinson das Wort Krankenhaus gehört, das ihm

schreckliche Vorstellungen zu erwecken schien, als er laut zu weinen anfing und die

Hände, um Gnade bittend, nach Karl ausstreckte.

»Still«, sagte Karl, schlug ihm mit einem Klaps die Hände nieder, lief zu dem Liftjungen,

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den er in der Nacht vertreten hatte, bat ihn für ein kleines Weilchen um die gleiche

Gefälligkeit, eilte zu Robinson zurück, zog den noch immer Schluchzenden mit aller

Kraft in die Höhe und flüsterte ihm zu: »Robinson, wenn Sie wollen, daß ich mich Ihrer

annehme, dann strengen Sie sich aber an, jetzt eine ganz kleine Strecke Wegs aufrecht zu

gehen. Ich führe Sie nämlich in mein Bett, in dem Sie so lange bleiben können, bis Ihnen

gut ist. Sie werden staunen, wie bald Sie sich erholen werden. Aber jetzt benehmen Sie

sich nur vernünftig, denn auf den Gängen sind überall Leute, und auch mein Bett ist in

einem allgemeinen Schlafsaal. Wenn man auf Sie auch nur ein wenig aufmerksam wird,

kann ich nichts mehr für Sie tun. Und die Augen müssen Sie offenhalten, ich kann Sie da

nicht wie einen Todkranken herumführen.«

»Ich will ja alles tun, was Sie für recht halten«, sagte Robinson, »aber Sie allein werden

mich nicht führen können. Könnten Sie nicht noch Renell holen?«

»Renell ist nicht hier«, sagte Karl.

»Ach ja«, sagte Robinson, »Renell ist mit Delamarche beisammen. Die beiden haben

mich ja nach Ihnen ausgeschickt. Ich verwechsle schon alles.« Karl benützte diese und

noch andere unverständliche Selbstgespräche Robinsons, um ihn vorwärts zu schieben,

und kam mit ihm auch glücklich bis zu einer Ecke, von der aus ein etwas schwächer

beleuchteter Gang zum Schlafsaal der Liftjungen führte. Gerade jagte in vollem Lauf ein

Liftjunge auf sie zu und an ihnen vorüber. Im übrigen hatten sie bis jetzt nur

ungefährliche Begegnungen gehabt; zwischen vier und fünf Uhr war nämlich die stillste

Zeit, und Karl hatte wohl gewußt, daß, wenn ihm das Wegschaffen Robinsons jetzt nicht

gelänge, in der Morgendämmerung und im beginnenden Tagesverkehr überhaupt nicht

mehr daran zu denken wäre.

Im Schlafsaal war am anderen Ende des Saales gerade eine große Rauferei oder sonstige

Veranstaltung im Gange, man hörte rhythmisches Händeklatschen, aufgeregtes

Füßetrappeln und sportliche Zurufe. In der bei der Tür gelegenen Saalhälfte sah man in

den Betten nur wenige unbeirrte Schläfer, die meisten lagen auf dem Rücken und

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starrten in die Luft, während hie und da einer, bekleidet oder unbekleidet, wie er gerade

war, aus dem Bett sprang, um nachzusehen, wie die Dinge am anderen Saalende standen.

So brachte Karl Robinson, der sich an das Gehen inzwischen ein wenig gewöhnt hatte,

ziemlich unbeachtet in Renells Bett, da es der Türe sehr nahe lag und glücklicherweise

nicht besetzt war, während in seinem eigenen Bett, wie er aus der Ferne sah, ein fremder

Junge, den er gar nicht kannte, ruhig schlief. Kaum fühlte Robinson das Bett unter sich,

als er sofort ­ ein Bein baumelte noch aus dem Bett heraus ­ einschlief. Karl zog ihm

die Decke weit über das Gesicht und glaubte, sich wenigstens für die nächste Zeit keine

Sorgen machen zu müssen, da Robinson gewiß nicht vor sechs Uhr früh erwachen

würde, und bis dahin würde er wieder hier sein und dann, vielleicht schon mit Renell, ein

Mittel finden, um Robinson wegzubringen. Eine Inspektion des Schlafsaales durch

irgendwelche höheren Organe gab es nur in außerordentlichen Fällen, die Abschaffung

der früher üblichen al gemeinen Inspektion hatten die Liftjungen schon vor Jahren

durchgesetzt, es war also auch von dieser Seite nichts zu fürchten.

Als Karl wieder bei seinem Aufzug angelangt war, sah er, daß sowohl sein Aufzug als

auch jener seines Nachbarn gerade in die Höhe fuhren. Unruhig wartete er darauf, wie

sich das aufklären würde. Sein Aufzug kam früher herunter, und es entstieg ihm jener

Junge, der vor einem Weilchen durch den Gang gelaufen war.

»Ja, wo bist du denn gewesen, Roßmann?« fragte dieser.

»Warum bist du weggegangen? Warum hast du es nicht gemeldet?«

»Aber ich habe ihm doch gesagt, daß er mich ein Weilchen vertreten soll«, antwortete

Karl und zeigte auf den Jungen vom Nachbarlift, der gerade herankam. »Ich habe ihn

doch auch zwei Stunden lang während des größten Verkehrs vertreten.«

»Das ist alles sehr gut«, sagte der Angesprochene »aber das genügt doch nicht. Weißt du

denn nicht, daß man auch die kürzeste Abwesenheit während des Dienstes im Büro des

Oberkellners melden mußt? Dazu hast du ja das Telephon da. Ich hätte dich schon

gerne vertreten, aber du weißt ja, daß das nicht so leicht ist. Gerade waren vor beiden

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Lifts neue Gäste vom Vier-Uhr-dreißig-Expreßzug. Ich konnte doch nicht zuerst mit

deinem Lift laufen und meine Gäste warten lassen, so bin ich also zuerst mit meinem

Lift hinaufgefahren!«

»Nun?« fragte Karl gespannt, da beide Jungen schwiegen.

»Nun«, sagte der Junge vom Nachbarlift, »da geht gerade der Oberkellner vorüber, sieht

die Leute vor deinem Lift ohne Bedienung, bekommt Galle, fragt mich, der ich gleich

hergerannt bin, wo du steckst, ich habe keine Ahnung davon, denn du hast mir ja gar

nicht gesagt, wohin du gehst, und so telephoniert er gleich in den Schlafsaal, daß sofort

ein anderer Junge herkommen soll.«

»Ich habe dich ja noch im Gang getroffen«, sagte Karls Ersatzmann. Karl nickte.

»Natürlich«, beteuerte der andere Junge »habe ich gleich gesagt, daß du mich um deine

Vertretung gebeten hast, aber hört denn der auf solche Entschuldigungen, Du kennst

ihn wahrscheinlich noch nicht. Und wir sollen dir ausrichten, daß du sofort ins Büro

kommen sollst. Also halte dich lieber nicht auf und lauf hin. Vielleicht verzeiht er es dir

noch, du warst ja wirklich nur zwei Minuten weg. Berufe dich nur ruhig darauf, daß du

mich um Vertretung gebeten hast. Davon, daß du mich vertreten hast, rede lieber nicht,

laß dir raten, mir kann nichts geschehen, ich hatte Erlaubnis, aber es ist nicht gut, von

einer solchen Sache zu reden und sie noch in diese Angelegenheit zu mischen, mit der

sie nichts zu tun hat.«

»Es ist das erstemal gewesen, daß ich meinen Posten verlassen habe«, sagte Karl.

»Das ist immer so, nur glaubt man es nicht«, sagte der Junge und lief zu seinem Lift, da

sich Leute näherten.

Karls Vertreter, ein etwa vierzehnjähriger Junge, der offenbar mit Karl Mitleid hatte,

sagte: »Es sind schon viele Fälle vorgekommen, in denen man solche Sachen verziehen

hat. Gewöhnlich wird man zu anderen Arbeiten versetzt. Entlassen wurde, soviel ich

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weiß, wegen einer solchen Sache nur einer. Du mußt dir eine gute Entschuldigung

ausdenken. Auf keinen Fall sage, daß dir plötzlich schlecht geworden ist, da lacht er dich

aus. Da ist es schon besser, du sagst, ein Gast hat dir irgendeine eilige Bestellung an

einen anderen Gast aufgegeben und du weißt nicht mehr, wer der erste Gast war, und

den zweiten hast du nicht finden können.«

»Na«, sagte Karl, »es wird nicht so schlimm werden«, nach allem, was er gehört hatte,

glaubte er an keinen guten Ausgang mehr. Und wenn selbst diese Dienstversäumnis

verziehen werden sollte, so lag doch drinnen im Schlafsaal noch Robinson als lebendige

Schuld, und es war bei dem galligen Charakter des Oberkellners nur zu wahrscheinlich,

daß man sich mit keiner oberflächlichen Untersuchung begnügen und Robinson

schließlich doch noch aufstöbern würde. Es bestand wohl kein ausdrückliches Verbot,

nach dem fremde Leute in den Schlafsaal nicht mitgenommen werden durften, aber dies

bestand nur deshalb nicht, weil eben unausdenkbare Dinge nicht verboten werden.

Als Karl in das Büro des Oberkellners eintrat, saß dieser gerade bei seinem

Morgenkaffee, machte einmal einen Schluck und sah dann wieder in ein Verzeichnis, das

ihm offenbar der gleichfalls anwesende oberste Hotelportier überbracht hatte. Es war

dies ein großer Mann, den seine üppige, reichgeschmückte Uniform ­ noch auf den

Achseln und die Arme hinunter schlängelten sich goldene Ketten und Bänder ­ noch

breitschultriger machte, als er von Natur aus war. Ein glänzender schwarzer Schnurrbart,

weit in Spitzen ausgezogen, so wie ihn Ungarn tragen, rührte sich auch bei der

schnellsten Kopfbewegung nicht. Im übrigen konnte sich der Mann infolge seiner

Kleiderlast überhaupt nur schwer bewegen und stellte sich nicht anders als mit seitwärts

eingestemmten Beinen auf, um sein Gewicht richtig zu verteilen.

Karl war frei und eilig eingetreten, wie er es sich hier im Hotel angewöhnt hatte, denn

die Langsamkeit und Vorsicht, die bei Privatpersonen Höflichkeit bedeutet, hält man bei

Liftjungen für Faulheit. Außerdem mußte man ihm auch nicht gleich beim Eintreten

sein Schuldbewußtsein ansehen. Der Oberkellner hatte zwar flüchtig auf die sich

öffnende Tür hingeblickt, war dann aber sofort zu seinem Kaffee und zu seiner Lektüre

148


zurückgekehrt, ohne sich weiter um Karl zu kümmern. Der Portier aber fühlte sich

vielleicht durch Karls Anwesenheit gestört, vielleicht hatte er irgendeine geheime

Nachricht oder Bitte vorzutragen, jedenfalls sah er alle Augenblicke bös und mit steif

geneigtem Kopf nach Karl hin, um sich dann, wenn er, offenbar seiner Absicht

entsprechend, mit Karls Blicken zusammengetroffen war, wieder dem Oberkellner

zuzuwenden. Karl aber glaubte, es würde sich nicht gut ausnehmen, wenn er jetzt, da er

nun schon einmal hier war, das Büro wieder verließe, ohne vom Oberkellner den Befehl

hiezu erhalten zu haben. Dieser aber studierte weiter das Verzeichnis und aß

zwischendurch von einem Stück Kuchen, von dem er hie und da, ohne im Lesen

innezuhalten, den Zucker abschüttelte. Einmal fiel ein Blatt des Verzeichnisses zu

Boden, der Portier machte nicht einmal den Versuch, es aufzuheben, er wußte, daß er es

nicht zustande brächte, es war auch nicht nötig, denn Karl war schon zur Stelle und

reichte das Blatt dem Oberkellner, der es ihm mit einer Handbewegung abnahm, als sei

es von selbst vom Boden aufgeflogen. Die ganze kleine Dienstleistung hatte nichts

genützt, denn der Portier hörte auch weiterhin mit seinen bösen Blicken nicht auf.

Trotzdem war Karl gefaßter als früher. Schon daß seine Sache für den Oberkellner so

wenig Wichtigkeit zu haben schien, konnte man für ein gutes Zeichen halten. Es war

schließlich auch nur begreiflich. Natürlich bedeutet ein Liftjunge gar nichts und darf sich

deshalb nichts erlauben, aber eben deshalb, weil er nichts bedeutet, kann er auch nichts

Außerordentliches anstellen. Schließlich war der Oberkellner in seiner Jugend selbst

Liftjunge gewesen ­ was noch der Stolz dieser Generation von Liftjungen war ­, er war

es gewesen, der die Liftjungen zum erstenmal organisiert hatte, und gewiß hat auch er

einmal ohne Erlaubnis seinen Posten verlassen, wenn ihn auch jetzt allerdings niemand

zwingen konnte, sich daran zu erinnern, und wenn man auch nicht außer acht lassen

durfte, daß er, gerade als gewesener Liftjunge, darin seine Pflicht sah, diesen Stand durch

zeitweilig unnachsichtliche Strenge in Ordnung zu halten. Nun setzte aber Karl

außerdem seine Hoffnung auf das Vorrücken der Zeit. Nach der Bürouhr war es schon

viertel sechs, jeden Augenblick konnte Renell zurückkehren, vielleicht war er sogar

schon da, denn es mußte ihm doch aufgefallen sein, daß Robinson nicht

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zurückgekommen war, übrigens konnten sich Delamarche und Renell gar nicht weit

vom Hotel Occidental aufgehalten haben, wie Karl jetzt einfiel, denn sonst hätte auch

Robinson in seinem elenden Zustand den Weg hierher nicht gefunden. Wenn nun Renell

Robinson in seinem Bett antraf, was doch geschehen mußte, dann war alles gut. Denn

praktisch, wie Renell war, besonders wenn es sich um seine Interessen handelte, würde

er schon Robinson irgendwie gleich aus dem Hotel entfernen, was ja um so leichter

geschehen konnte, als Robinson sich inzwischen ein wenig gestärkt hatte und überdies

wahrscheinlich Delamarche vor dem Hotel wartete, um ihn in Empfang zu nehmen.

Wenn aber Robinson einmal entfernt war, dann konnte Karl dem Oberkellner viel

ruhiger entgegentreten und für diesmal vielleicht noch mit einer, wenn auch schweren,

Rüge davonkommen. Dann würde er sich mit Therese beraten, ob er der Oberköchin

die Wahrheit sagen dürfe ­ er für seinen Teil sah kein Hindernis ­, und wenn das

möglich war, würde die Sache ohne besonderen Schaden aus der Welt geschafft sein.

Gerade hatte sich Karl durch solche Überlegungen ein wenig beruhigt und machte sich

daran, das in dieser Nacht eingenommene Trinkgeld unauffällig zu überzählen, denn es

schien ihm dem Gefühl nach besonders reichlich gewesen zu sein, als der Oberkellner

das Verzeichnis mit den Worten »Warten Sie noch, bitte, einen Augenblick, Feodor« auf

den Tisch legte, elastisch aufsprang und Karl so laut anschrie, daß dieser erschrocken

vorerst nur in das große, schwarze Mundloch starrte.

»Du hast deinen Posten ohne Erlaubnis verlassen. Weißt du, was das bedeutet? Das

bedeutet Entlassung. Ich will keine Entschuldigungen hören, deine erlogenen Ausreden

kannst du für dich behalten, mir genügt vollständig die Tatsache, daß du nicht da warst.

Wenn ich das einmal dulde und verzeihe, werden nächstens alle vierzig Liftjungen

während des Dienstes davonlaufen, und ich kann meine fünftausend Gäste allein die

Treppe hinauftragen.«

Karl schwieg. Der Portier war näher gekommen und zog das Röckchen Karls, das einige

Falten warf, ein wenig tiefer, zweifellos um den Oberkellner auf diese kleine

Unordentlichkeit im Anzug Karls besonders aufmerksam zu machen.

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»Ist dir vielleicht plötzlich schlecht geworden?« fragte der Oberkellner listig.

Karl sah ihn prüfend an und antwortete: »Nein.«

»Also nicht einmal schlecht ist dir geworden?« schrie der Oberkellner desto stärker.

»Also dann mußt du ja irgendeine großartige Lüge erfunden haben. Welche

Entschuldigung hast du? Heraus damit.«

»Ich habe nicht gewußt, daß man telephonisch um Erlaubnis bitten muß«, sagte Karl.

»Das ist allerdings köstlich«, sagte der Oberkellner, faßte Karl beim Rockkragen und

brachte ihn fast in der Schwebe vor eine Dienstordnung der Lifts, die an der Wand

aufgenagelt war. Auch der Portier ging hinter ihnen zur Wand hin. »Da, lies!« sagte der

Oberkellner und zeigte auf einen Paragraphen. Karl glaubte, er solle es für sich lesen.

»Laut!« kommandierte aber der Oberkellner.

Statt laut zu lesen, sagte Karl, in der Hoffnung, damit den Oberkellner besser zu

beruhigen: »Ich kenne den Paragraphen, ich habe ja die Dienstordnung auch bekommen

und genau gelesen. Aber gerade eine solche Bestimmung, die man niemals braucht,

vergißt man. Ich diene schon zwei Monate und habe niemals meinen Posten verlassen.«

»Dafür wirst du ihn jetzt verlassen«, sagte der Oberkellner, ging zum Tisch hin, nahm

das Verzeichnis wieder zur Hand, als wolle er darin weiterlesen, schlug damit aber auf

den Tisch, als sei es ein nutzloser Fetzen, und ging, starke Röte auf Stirn und Wangen,

kreuz und quer im Zimmer herum.

»Wegen eines solchen Bengels hat man das nötig! Solche Aufregungen beim

Nachtdienst!« stieß er einigemal hervor. »Wissen Sie, wer gerade hinauffahren wollte, als

dieser Kerl hier vom Lift weggelaufen war?« wandte er sich zum Portier. Und er nannte

einen Namen, bei dem es dem Portier, der gewiß alle Gäste kannte und bewerten

konnte, so schauderte, daß er schnell auf Karl hinsah, als sei nur dessen Existenz eine

Bestätigung dessen, daß der Träger jenes Namens eine Zeitlang bei einem Lift, dessen

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Junge weggelaufen war, nutzlos hatte warten müssen.

»Das ist schrecklich!« sagte der Portier und schüttelte langsam in grenzenloser

Beunruhigung den Kopf gegen Karl hin, welcher ihn traurig ansah und dachte, daß er

nun auch für die Begriffstützigkeit dieses Mannes werde büßen müssen.

»Ich kenne dich übrigens auch schon«, sagte der Portier und streckte seinen dicken,

großen, steifgespannten Zeigefinger aus.

»Du bist der einzige Junge, welcher mich grundsätzlich nicht grüßt. Was bildest du dir

eigentlich ein! Jeder, der an der Portierloge vorübergeht, muß mich grüßen. Mit den

übrigen Portiers kannst du es halten, wie du willst, ich aber verlange gegrüßt zu werden.

Ich tue zwar manchmal so, als ob ich nicht aufpaßte, aber du kannst ganz ruhig sein, ich

weiß sehr genau, wer mich grüßt oder nicht, du Lümmel!« Und er wandte sich von Karl

ab und schritt hochaufgerichtet auf den Oberkellner zu, der aber, statt sich zu des

Portiers Sache zu äußern, sein Frühstück beendete und eine Morgenzeitung überflog, die

ein Diener eben ins Zimmer hereingebracht hatte.

»Herr Oberportier«, sagte Karl, der während der Unachtsamkeit des Oberkel ners

wenigstens die Sache mit dem Portier ins reine bringen wollte, denn er begriff, daß ihm

vielleicht der Vorwurf des Portiers nicht schaden konnte, wohl aber dessen Feindschaft

»ich grüße Sie ganz gewiß. Ich bin doch noch nicht lange in Amerika und stamme aus

Europa, wo man bekanntlich viel mehr grüßt, als nötig ist. Das habe ich mir natürlich

noch nicht ganz abgewöhnen können, und noch vor zwei Monaten hat man mir in New

York, wo ich zufällig in höheren Kreisen verkehrte, bei jeder Gelegenheit zugeredet, mit

meiner übertriebenen Höflichkeit aufzuhören. Und da sollte ich gerade Sie nicht gegrüßt

haben! Ich habe Sie jeden Tag einigemal gegrüßt. Aber natürlich nicht jedesmal, wenn

ich Sie gesehen habe, da ich doch täglich hundertmal an Ihnen vorüberkomme.«

»Du hast mich jedesmal zu grüßen, jedesmal, ohne Ausnahme, du hast die ganze Zeit,

während du mit mir sprichst, die Kappe in der Hand zu halten, du hast mich immer mit

>OberportierSie 152


»Jedesmal?« wiederholte Karl leise und fragend, er erinnerte sich jetzt, wie er vom Portier

während der ganzen Zeit seines hiesigen Aufenthaltes immer streng und vorwurfsvoll

angeschaut worden war, schon von jenem ersten Morgen an, an dem er, seiner

dienenden Stellung noch nicht recht angepaßt, etwas zu kühn, diesen Portier ohne

weiteres umständlich und dringlich ausgefragt hatte, ob nicht zwei Männer vielleicht

nach ihm gefragt und etwa eine Photographie für ihn zurückgelassen hätten.

»Jetzt siehst du, wohin ein solches Benehmen führt«, sagte der Portier, der wieder ganz

nahe zu Karl zurückgekehrt war, und zeigte auf den noch lesenden Oberkellner, als sei

dieser der Vertreter seiner Rache.

»In deiner nächsten Stellung wirst du es schon verstehen, den Portier zu grüßen, und

wenn es auch nur vielleicht in einer elenden Spelunke sein wird.«

Karl sah ein, daß er eigentlich seinen Posten schon verloren hatte, denn der Oberkellner

hatte es bereits ausgesprochen, der Oberportier als fertige Tatsache wiederholt, und

wegen eines Liftjungen dürfte wohl die Bestätigung der Entlassung seitens der

Hoteldirektion nicht nötig sein. Es war allerdings schneller gegangen, als er gedacht

hatte, denn schließlich hatte er doch zwei Monate gedient, so gut er konnte, und gewiß

besser als mancher andere Junge. Aber auf solche Dinge wird eben im entscheidenden

Augenblick offenbar in keinem Weltteil, weder in Europa, noch in Amerika, Rücksicht

genommen, sondern es wird so entschieden, wie einem in der ersten Wut das Urteil aus

dem Munde fährt. Vielleicht wäre es jetzt am besten gewesen, wenn er sich gleich

verabschiedet hätte und weggegangen wäre, die Oberköchin und Therese schliefen

vielleicht noch, er hätte sich, um ihnen die Enttäuschung und Trauer über sein

Benehmen wenigstens beim persönlichen Abschied zu ersparen, brieflich verabschieden,

hätte rasch seinen Koffer packen und in der Stille fortgehen können. Blieb er aber auch

nur einen Tag noch, und er hätte allerdings ein wenig Schlaf gebraucht, so erwartete ihn

nichts anderes als Aufbauschung seiner Sache zum Skandal, Vorwürfe von allen Seiten,

der unerträgliche Anblick der Tränen Theresens und vielleicht gar der Oberköchin und

möglicherweise zuguterletzt auch noch eine Bestrafung. Andererseits aber beirrte es ihn,

153


daß er hier zwei Feinden gegenüberstand und daß an jedem Wort, das er aussprechen

würde, wenn nicht der eine, so der andere etwas aussetzen und zum Schlechten deuten

würde. Deshalb schwieg er und genoß vorläufig die Ruhe, die im Zimmer herrschte,

denn der Oberkellner las noch immer die Zeitung, und der Oberportier ordnete sein

über den Tisch hin verstreutes Verzeichnis nach den Seitenzahlen, was ihm bei seiner

offenbaren Kurzsichtigkeit große Schwierigkeiten machte.

Endlich legte der Oberkellner die Zeitung gähnend hin, vergewisserte sich durch einen

Blick auf Karl, daß dieser noch anwesend sei, und drehte die Glocke des Tischtelephons

an. Er rief mehrere Male »Hallo!«, aber niemand meldete sich.

»Es meldet sich niemand«, sagte er zum Oberportier. Dieser, der das Telephonieren, wie

es Karl schien, mit besonderem Interesse beobachtete, sagte: »Es ist ja schon dreiviertel

sechs. Sie ist gewiß schon wach. Läuten Sie nur stärker.« In diesem Augenblick kam,

ohne weitere Aufforderung, das telephonische Gegenzeichen.

»Hier Oberkellner Ishary«, sagte der Oberkellner.

»Guten Morgen, Frau Oberköchin. Ich habe Sie doch nicht am Ende geweckt? Das tut

mir sehr leid. Ja, ja, dreiviertel sechs ist es schon. Aber es tut mir aufrichtig leid, daß ich

Sie erschreckt habe. Sie sollten während des Schlafens das Telephon abstellen. Nein,

nein, tatsächlich, es gibt für mich keine Entschuldigung, besonders bei der

Geringfügigkeit der Sache, wegen der ich Sie sprechen will. Aber natürlich habe ich Zeit,

bitte sehr, ich bleibe beim Telephon, wenn es Ihnen recht ist.«

»Sie muß im Nachthemd zum Telephon gelaufen sein«, sagte der Oberkellner lächelnd

zum Oberportier, der die ganze Zeit über mit gespanntem Gesichtsausdruck zum

Telephonkasten sich gebückt gehalten hatte. »Ich habe sie wirklich geweckt, sie wird

nämlich sonst von dem kleinen Mädel, das bei ihr auf der Schreibmaschine schreibt,

geweckt, und die muß es heute ausnahmsweise versäumt haben. Es tut mir leid, daß ich

sie aufgeschreckt habe, sie ist sowieso nervös.«

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»Warum spricht sie nicht weiter?«

»Sie ist nachschauen gegangen, was mit dem Mädel los ist«, antwortete der Oberkellner

schon mit der Muschel am Ohr, denn es läutete wieder.

»Sie wird sich schon finden«, redete er weiter ins Telephon hinein. »Sie dürfen sich nicht

von allem so erschrecken lassen. Sie brauchen wirklich eine gründliche Erholung. Ja also,

meine kleine Anfrage. Es ist da ein Liftjunge namens« ­ er drehte sich fragend nach Karl

um, der, da er genau aufpaßte, gleich mit seinem Namen aushelfen konnte ­ »also

namens Karl Roßmann. Wenn ich mich recht erinnere, so haben Sie sich für ihn ein

wenig interessiert; leider hat er Ihre Freundlichkeit schlecht belohnt, er hat ohne

Erlaubnis seinen Posten verlassen, hat mir dadurch schwere, jetzt noch gar nicht

übersehbare Unannehmlichkeiten verursacht, und ich habe ihn daher soeben entlassen.

Ich hoffe, Sie nehmen die Sache nicht tragisch. Wie meinen Sie? Entlassen, ja, entlassen.

Aber ich sagte Ihnen doch, daß er seinen Posten verlassen hat. Nein, da kann ich Ihnen

wirklich nicht nachgeben, liebe Frau Oberköchin. Es handelt sich um meine Autorität,

da steht viel auf dem Spiel, so ein Junge verdirbt mir die ganze Bande. Gerade bei den

Liftjungen muß man teuflisch aufpassen. Nein, nein, in diesem Falle kann ich Ihnen den

Gefallen nicht tun, so sehr ich es mir immer angelegen sein lasse, Ihnen gefällig zu sein.

Und wenn ich ihn schon trotz allem hier ließe, zu keinem anderen Zweck, als um meine

Galle in Tätigkeit zu erhalten, Ihretwegen, ja, Ihretwegen, Frau Oberköchin, kann er

nicht hierbleiben. Sie nehmen einen Anteil an ihm, den er durchaus nicht verdient, und

da ich nicht nur ihn kenne, sondern auch Sie, weiß ich, daß das zu den schwersten

Enttäuschungen für Sie führen müßte, die ich Ihnen um jeden Preis ersparen will. Ich

sage das ganz offen, obwohl der verstockte Junge ein paar Schritte vor mir steht. Er wird

entlassen, nein, nein, Frau Oberköchin, er wird vollständig entlassen, nein, nein, er wird

zu keiner anderen Arbeit versetzt, er ist vollständig unbrauchbar. Übrigens laufen ja auch

sonst Beschwerden gegen ihn ein. Der Oberportier zum Beispiel, ja also, was denn,

Feodor, ja, Feodor beklagt sich über die Unhöflichkeit und Frechheit dieses Jungen.

Wie, das soll nicht genügen? Ja, liebe Frau Oberköchin, Sie verleugnen wegen dieses

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Jungen Ihren Charakter. Nein, so dürfen Sie mir nicht zusetzen.«

In diesem Augenblick beugte sich der Portier zum Ohr des Oberkellners und flüsterte

etwas. Der Oberkellner sah ihn zuerst erstaunt an und redete dann so rasch in das

Telephon, daß Karl ihn anfangs nicht ganz genau verstand und auf den Fußspitzen zwei

Schritte näher trat.

»Liebe Frau Oberköchin«, hieß es, »aufrichtig gesagt, ich hätte nicht geglaubt, daß Sie

eine so schlechte Menschenkennerin sind. Eben erfahre ich etwas über Ihren

Engelsjungen, was Ihre Meinung über ihn gründlich ändern wird, und es tut mir fast leid,

daß gerade ich es Ihnen sagen muß. Dieser feine Junge also, den Sie ein Muster von

Anstand nennen, läßt keine dienstfreie Nacht vergehen, ohne in die Stadt zu laufen, aus

der er erst am Morgen wiederkommt. Ja, ja, Frau Oberköchin, das ist durch Zeugen

bewiesen, durch einwandfreie Zeugen, ja. Können Sie mir nun vielleicht sagen, wo er das

Geld zu diesen Lustbarkeiten hernimmt? Wie er die Aufmerksamkeit für seinen Dienst

behalten soll? Und wollen Sie vielleicht auch noch, daß ich Ihnen beschreiben soll, was

er in der Stadt treibt? Diesen Jungen loszuwerden will ich mich aber ganz besonders

beeilen. Und Sie, bitte, nehmen das als Mahnung, wie vorsichtig man gegen hergelaufene

Burschen sein soll.«

»Aber, Herr Oberkellner«, rief nun Karl, förmlich erleichtert durch den großen Irrtum,

der hier unterlaufen schien und der vielleicht am ehesten dazu führen konnte, daß sich

alles noch unerwartet besserte, »da liegt bestimmt eine Verwechslung vor. Ich glaube,

der Herr Oberportier hat Ihnen gesagt, daß ich jede Nacht weggehe. Das ist aber

durchaus nicht richtig, ich bin vielmehr jede Nacht im Schlafsaal, das können alle

Jungens bestätigen. Wenn ich nicht schlafe, lerne ich kaufmännische Korrespondenz,

aber aus dem Schlafsaal rühre ich mich keine Nacht. Das ist ja leicht zu beweisen. Der

Herr Oberportier verwechselt mich offenbar mit jemand anderem, und jetzt verstehe ich

auch, warum er glaubt, daß ich ihn nicht grüße.«

»Wirst du sofort schweigen«, schrie der Oberportier und schüttelte die Faust, wo andere

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einen Finger bewegt hätten. »Ich soll dich mit jemand anderem verwechseln! Ja, dann

kann ich nicht mehr Oberportier sein, wenn ich die Leute verwechsle. Hören Sie nur,

Herr Isbary, dann kann ich nicht mehr Oberportier sein, nun ja, wenn ich die Leute

verwechsle. In meinen dreißig Dienstjahren ist mir allerdings noch keine Verwechslung

passiert, wie mir hunderte von Herren Oberkellnern, die wir seit jener Zeit hatten,

bestätigen müssen, aber bei dir, miserabler Junge, soll ich mit den Verwechslungen

angefangen haben. Bei dir, mit deiner auffallenden, glatten Fratze. Was gibt es da zu

verwechseln! Du könntest jede Nacht hinter meinem Rücken in die Stadt gelaufen sein,

und ich bestätige bloß nach deinem Gesicht, daß du ein ausgegorener Lump bist.«

»Laß, Feodor!« sagte der Oberkellner, dessen telephonisches Gespräch mit der

Oberköchin plötzlich abgebrochen worden zu sein schien. »Die Sache ist ja ganz

einfach. Auf seine Unterhaltungen in der Nacht kommt es in erster Reihe gar nicht an.

Er möchte ja vielleicht vor seinem Abschied noch irgendeine große Untersuchung über

seine Nachtbeschäftigung verursachen wollen. Ich kann mir schon vorstel en, daß ihm

das gefallen würde. Es würden womöglich alle vierzig Liftjungen heraufzitiert und als

Zeugen einvernommen, die würden ihn natürlich auch alle verwechselt haben, es müßte

also zur Zeugenschaft allmählich das ganze Personal heran, der Hotelbetrieb würde

natürlich auf ein Weilchen eingestellt, und wenn er dann schließlich doch

hinausgeworfen würde, so hätte er doch wenigstens seinen Spaß gehabt. Also das

machen wir lieber nicht. Die Oberköchin, diese gute Frau, hat er schon zum Narren

gehalten, und damit soll es genug sein. Ich will nichts weiter hören; du bist wegen

Dienstversäumnis auf der Stelle aus dem Dienst entlassen. Da gebe ich dir eine

Anweisung an die Kasse, daß dir dein Lohn bis zum heutigen Tage ausgezahlt werde.

Das ist übrigens bei deinem Verhalten ­ unter uns gesagt ­ einfach ein Geschenk, das

ich dir nur aus Rücksicht auf die Frau Oberköchin mache.«

Ein telephonischer Anruf hielt den Oberkellner ab, die Anweisung sofort zu

unterschreiben.

»Die Liftjungen geben mir aber heute zu schaffen!« rief er schon nach Anhören der

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ersten Worte.

»Das ist ja unerhört!« rief er nach einem Weilchen. Und vom Telephon weg wandte er

sich zum Hotelportier und sagte: »Bitte, Feodor, halt mal diesen Burschen ein wenig, wir

werden noch mit ihm zu reden haben.« Und ins Telephon gab er den Befehl: »Komm

sofort herauf!«

Nun konnte sich der Oberportier wenigstens austoben, was ihm beim Reden nicht hatte

gelingen wollen. Er hielt Karl oben am Arm fest, aber nicht etwa mit ruhigem Griff, der

schließlich auszuhalten gewesen wäre, sondern er lockerte hie und da den Griff und

machte ihn dann mit Steigerung fester und fester, was bei seinen großen Körperkräften

gar nicht aufzuhören schien und ein Dunkel vor Karls Augen verursachte. Aber er hielt

Karl nicht nur, sondern als hätte er auch den Befehl bekommen, ihn gleichzeitig zu

strecken, zog er ihn auch hie und da in die Höhe und schüttelte ihn, wobei er immer

wieder halb fragend zum Oberkellner sagte: »Ob ich ihn jetzt nur nicht verwechsle, ob

ich ihn jetzt nur nicht verwechsle.«

Es war eine Erlösung für Karl, als der oberste der Liftjungen, ein gewisser Beß, ein ewig

fauchender, dicker Junge eintrat, und die Aufmerksamkeit des Oberportiers ein wenig

auf sich lenkte. Karl war so ermattet, daß er kaum grüßte, als er zu seinem Erstaunen

hinter dem Jungen Therese, leichenblaß, unordentlich angezogen, mit lose aufgesteckten

Haaren, hereinschlüpfen sah. Im Augenblick war sie bei ihm und flüsterte: »Weiß es

schon die Oberköchin?«

»Der Oberkellner hat es ihr telephoniert«, antwortete Karl.

»Dann ist es schon gut, dann ist es schon gut«, sagte sie rasch, mit lebhaften Augen.

»Nein«, sagte Karl. »Du weißt ja nicht, was sie gegen mich haben. Ich muß weg, die

Oberköchin ist davon auch schon überzeugt. Bitte, bleib nicht hier, geh hinauf, ich

werde mich dann von dir verabschieden kommen.«

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»Aber, Roßmann, was fällt dir denn ein, du wirst schön bei uns bleiben, solange es dir

gefällt. Der Oberkellner macht ja alles, was die Oberköchin will, er liebt sie ja, ich habe

es letzthin erfahren. Da sei nur ruhig.«

»Bitte, Therese, geh jetzt weg. Ich kann mich nicht so gut verteidigen, wenn du hier bist.

Und ich muß mich genau verteidigen, weil Lügen gegen mich vorgebracht werden. Je

besser ich aber aufpassen und mich verteidigen kann, desto mehr Hoffnung ist, daß ich

bleibe. Also, Therese-« Leider konnte er in einem plötzlichen Schmerz nicht unterlassen,

leise hinzuzufügen: »Wenn mich nur dieser Oberportier losließe! Ich wußte gar nicht,

daß er mein Feind ist. Aber wie er mich immerfort drückt und zieht.« >Warum sage ich

das nur!kein Frauenzimmer kann das ruhig anhören tatsächlich wandte sich Therese, ohne daß er sie noch mit der freien Hand hätte davon

abhalten können, an den Oberportier: »Herr Oberportier, bitte, lassen Sie doch sofort

den Roßmann frei. Sie machen ihm ja Schmerzen. Die Frau Oberköchin wird gleich

persönlich kommen, und dann wird man schon sehen, daß ihm in allem Unrecht

geschieht. Lassen Sie ihn los; was kann es Ihnen denn für ein Vergnügen machen, ihn zu

quälen!« Und sie griff sogar nach des Oberportiers Hand.

»Befehl, kleines Fräulein, Befehl«, sagte der Oberportier und zog mit der freien Hand

Therese freundlich an sich, während er mit der anderen Karl nun sogar angestrengt

drückte, als wolle er ihm nicht nur Schmerzen machen, sondern als habe er mit diesem

in seinem Besitz befindlichen Arm ein besonderes Ziel, das noch lange nicht erreicht sei.

Therese brauchte einige Zeit, um sich der Umarmung des Oberportiers zu entwinden,

und wollte sich gerade beim Oberkellner, der sich noch immer von dem sehr

umständlichen Beß erzählen ließ, für Karl einsetzen, als die Oberköchin mit raschem

Schritte eintrat.

»Gott sei Dank!« rief Therese und man hörte einen Augenblick lang im Zimmer nichts

als diese lauten Worte. Gleich sprang der Oberkellner auf und schob Beß zur Seite.

»Sie kommen also selbst, Frau Oberköchin? Wegen dieser Kleinigkeit? Nach unserem

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Telephongespräch konnte ich es ja ahnen, aber geglaubt habe ich es eigentlich doch

nicht. Und dabei wird die Sache Ihres Schützlings immerfort ärger. Ich fürchte, ich

werde ihn tatsächlich nicht entlassen, aber dafür einsperren lassen müssen. Hören Sie

selbst.« Und er winkte Beß herbei.

»Ich möchte zuerst ein paar Worte mit dem Roßmann reden«, sagte die Oberköchin und

setzte sich auf einen Sessel, da sie der Oberkellner hierzu nötigte.

»Karl, bitte, komm näher«, sagte sie dann. Karl folgte oder wurde vielmehr vom

Oberportier näher geschleppt.

»Lassen Sie ihn doch los«, sagte die Oberköchin ärgerlich, »er ist doch kein

Raubmörder!« Der Oberportier ließ ihn tatsächlich los, drückte aber vorher noch einmal

so stark, daß ihm selbst vor Anstrengung die Tränen in die Augen traten.

»Karl«, sagte die Oberköchin, legte die Hände ruhig in den Schoß und sah Karl mit

geneigtem Kopfe an ­ es war gar nicht wie ein Verhör ­ »vor allem will ich dir sagen,

daß ich noch vollständiges Vertrauen zu dir habe. Auch der Herr Oberkellner ist ein

gerechter Mann, dafür bürge ich. Wir beide wollen dich im Grunde gerne hier behalten«

­ sie sah hiebei flüchtig zum Oberkellner hinüber, als wolle sie bitten, ihr nicht ins Wort

zu fallen. Es geschah auch nicht. »Vergiß also, was man dir bis jetzt vielleicht hier gesagt

hat. Vor al em, was dir vielleicht der Herr Oberportier gesagt hat, mußt du nicht

besonders schwer nehmen. Er ist zwar ein aufgeregter Mann, was bei seinem Dienst kein

Wunder ist, aber er hat auch Frau und Kinder und weiß, daß man einen Jungen, der nur

auf sich angewiesen ist, nicht unnötig plagen muß, sondern daß das schon die übrige

Welt genügend besorgt.«

Es war ganz still im Zimmer. Der Oberportier sah, Erklärungen fordernd, auf den

Oberkellner, dieser sah auf die Oberköchin und schüttelte den Kopf. Der Liftjunge Beß

grinste recht sinnlos hinter dem Rücken des Oberkellners. Therese schluchzte vor

Freude und Leid in sich hinein und hatte alle Mühe, es niemanden hören zu lassen.

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Karl aber blickte, obwohl das nur als schlechtes Zeichen aufgefaßt werden konnte, nicht

auf die Oberköchin, die gewiß nach seinem Blick verlangte, sondern vor sich auf den

Fußboden. In seinem Arm zuckte der Schmerz nach allen Richtungen, das Hemd klebte

an den Striemen fest, und er hätte eigentlich den Rock ausziehen und die Sache besehen

sollen. Was die Oberköchin sagte, war natürlich sehr freundlich gemeint, aber

unglücklicherweise schien es ihm, als müsse es gerade durch das Verhalten der

Oberköchin zutage treten, daß er keine Freundlichkeit verdiene, daß er die Wohltaten

der Oberköchin zwei Monate unverdient genossen habe, ja, daß er nichts anderes

verdiene, als unter die Hände des Oberportiers zu kommen.

»Ich sage das«, fuhr die Oberköchin fort, »damit du jetzt unbeirrt antwortest, was du

übrigens wahrscheinlich auch sonst getan hättest, wie ich dich zu kennen glaube.«

»Darf ich, bitte, inzwischen den Arzt holen, der Mann könnte nämlich inzwischen

verbluten«, mischte sich plötzlich der Liftjunge Beß sehr höflich, aber sehr störend ein.

»Geh«, sagte der Oberkel ner zu Beß, der gleich davonlief. Und dann zur Oberköchin:

»Die Sache ist die. Der Oberportier hat den Jungen da nicht zum Spaß festgehalten.

Unten, im Schlafsaal der Liftjungen, ist nämlich in einem Bett sorgfältig zugedeckt ein

wildfremder, schwer betrunkener Mann aufgefunden worden. Man hat ihn natürlich

geweckt und wollte ihn wegschaffen. Da hat dieser Mann aber einen großen Radau zu

machen angefangen, immer wieder herumgeschrien, der Schlafsaal gehöre dem Karl

Roßmann, dessen Gast er sei, der ihn hergebracht habe und der jeden bestrafen werde,

der ihn anzurühren wagen würde. Im übrigen müsse er auch deshalb auf den Karl

Roßmann warten, weil ihm dieser Geld versprochen habe und es nur holen gegangen sei.

Achten Sie, bitte, darauf, Frau Oberköchin: Geld versprochen habe und es holen

gegangen sei. Du kannst auch achtgeben, Roßmann«, sagte der Oberkellner nebenbei zu

Karl, der sich gerade nach Therese umgedreht hatte, die wie gebannt den Oberkellner

anstarrte und immer wieder entweder irgendwelche Haare aus der Stirn strich oder diese

Handbewegung um ihrer selbst willen machte.

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»Aber vielleicht erinnere ich dich an irgendwelche Verpflichtungen. Der Mann unten hat

nämlich weiterhin gesagt, daß ihr beide nach deiner Rückkunft irgendeiner Sängerin

einen Nachtbesuch machen werdet, deren Namen allerdings niemand verstanden hat, da

ihn der Mann immer nur unter Gesang aussprechen konnte.«

Hier unterbrach sich der Oberkellner, denn die sichtlich bleich gewordene Oberköchin

erhob sich vom Sessel, den sie ein wenig zurückstieß.

»Ich verschone Sie mit dem Weiteren«, sagte der Oberkellner.

»Nein, bitte, nein«, sagte die Oberköchin und ergriff seine Hand »erzählen Sie nur weiter,

ich will alles hören, darum bin ich ja hier.«

Der Oberportier, der vortrat und sich zum Zeichen dessen, daß er von Anfang an alles

durchschaut hatte, laut auf die Brust schlug, wurde vom Oberkellner mit den Worten:

»Ja, Sie hatten ganz recht, Feodor!« gleichzeitig beruhigt und zurückgewiesen.

»Es ist nicht mehr viel zu erzählen«, sagte der Oberkellner. »Wie die Jungen eben schon

sind, haben sie den Mann zuerst ausgelacht, haben dann mit ihm Streit bekommen, und

er ist, da dort immer gute Boxer zur Verfügung stehen, einfach niedergeboxt worden;

und ich habe gar nicht zu fragen gewagt, an welchen und an wie vielen Stellen er blutet,

denn diese Jungen sind fürchterliche Boxer, und ein Betrunkener macht es ihnen

natürlich leicht!«

»So«, sagte die Oberköchin, hielt den Sessel an der Lehne und sah auf den Platz, den sie

eben verlassen hatte. »Also sprich doch, bitte, ein Wort, Roßmann!« sagte sie dann.

Therese war von ihrem bisherigen Platz zur Oberköchin hinübergelaufen und hatte sich,

was sie Karl sonst niemals hatte tun sehen, in die Oberköchin eingehängt. Der

Oberkellner stand knapp hinter der Oberköchin und glättete langsam einen kleinen,

bescheidenen Spitzenkragen der Oberköchin, der sich ein wenig umgeschlagen hatte.

Der Oberportier neben Karl sagte: »Also wird′s?«, wollte damit aber nur einen Stoß

maskieren, den er unterdessen Karl in den Rücken gab.

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»Es ist wahr«, sagte Karl, infolge des Stoßes unsicherer, als er wollte, »daß ich den Mann

in den Schlafsaal gebracht habe.«

»Mehr wollen wir nicht wissen«, sagte der Portier im Namen aller. Die Oberköchin

wandte sich stumm zum Oberkellner und dann zu Therese.

»Ich konnte mir nicht anders helfen«, sagte Karl weiter. »Der Mann ist mein Kamerad

von früher her, er kam, nachdem wir uns zwei Monate lang nicht gesehen hatten,

hierher, um mir einen Besuch zu machen, war aber so betrunken, daß er nicht wieder

allein fortgehen konnte.«

Der Oberkellner sagte neben der Oberköchin halblaut vor sich hin: »Er kam also zu

Besuch und war nachher so betrunken, daß er nicht fortgehen konnte.« Die Oberköchin

flüsterte über die Schulter dem Oberkellner etwas zu, der mit einem offenbar nicht zu

dieser Sache gehörigen Lächeln Einwände zu machen schien. Therese ­ Karl sah nur zu

ihr hin- drückte ihr Gesicht in völliger Hilflosigkeit an die Oberköchin und wollte nichts

mehr sehen. Der einzige, der mit Karls Erklärung vollständig zufrieden war, war der

Oberportier, welcher einigemal wiederholte: »Es ist ja ganz recht, seinem Saufbruder

muß man helfen«, und diese Erklärung jedem der Anwesenden durch Blicke und

Handbewegungen einzuprägen suchte.

»Schuld also bin ich«, sagte Karl und machte eine Pause, als warte er auf ein freundliches

Wort seiner Richter, das ihm Mut zur weiteren Verteidigung geben könnte, aber es kam

nicht, »schuld bin ich nur daran, daß ich den Mann ­ er heißt Robinson, ist ein Irländer

­ in den Schlafsaal gebracht habe. Alles andere, was er gesagt hat, hat er aus

Betrunkenheit gesagt und ist nicht richtig.«

»Du hast ihm also kein Geld versprochen?« fragte der Oberkellner.

»Ja«, sagte Karl, und es tat ihm leid, daß er das vergessen hatte, er hatte sich aus

Unüberlegtheit oder Zerstreutheit in allzu bestimmten Ausdrücken als schuldlos

bezeichnet.

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»Geld habe ich ihm versprochen, weil er mich darum gebeten hat. Aber ich wollte es

nicht holen, sondern ihm das Trinkgeld geben, das ich heute nacht verdient hatte.« Und

er zog zum Beweise das Geld aus der Tasche und zeigte auf der flachen Hand die paar

kleinen Münzen.

»Du verrennst dich immer mehr«, sagte der Oberkellner. »Wenn man dir glauben sollte,

müßte man immer das, was du früher gesagt hast, vergessen. Zuerst hast du also den

Mann ­ nicht einmal den Namen Robinson glaube ich dir, so hat, seit es Irland gibt, kein

Irländer geheißen ­, zuerst also hast du ihn nur in den Schlafsaal gebracht, wofür allein

du übrigens schon im Schwung hinausfliegen könntest, Geld aber hast du ihm zuerst

nicht versprochen, dann wieder, wenn man dich überraschend fragt, hast du ihm Geld

versprochen. Aber wir haben hier kein Antwort- und Fragespiel, sondern wollen deine

Rechtfertigung hören. Zuerst aber wolltest du das Geld nicht holen, sondern ihm dein

heutiges Trinkgeld geben, dann aber zeigt sich, daß du dieses Geld noch bei dir hast, also

offenbar doch noch anderes Geld holen wolltest, wofür auch dein langes Ausbleiben

spricht. Schließlich wäre es ja nichts Besonderes, wenn du für ihn aus deinem Koffer

hättest Geld holen wollen; daß du es aber mit aller Kraft leugnest, das ist allerdings etwas

Besonderes, ebenso wie du auch immerfort verschweigen willst, daß du den Mann erst

hier im Hotel betrunken gemacht hast, woran ja nicht der geringste Zweifel ist, denn du

selbst hast zugegeben, daß er allein gekommen ist, aber nicht allein weggehen konnte,

und er selbst hat ja im Schlafsaal herumgeschrien, daß er dein Gast ist. Fraglich also

bleiben jetzt nur noch zwei Dinge, die du, wenn du die Sache vereinfachen willst, selbst

beantworten kannst, die man aber schließlich auch ohne deine Mithilfe wird feststellen

können: Erstens, wie hast du dir den Zutritt zu den Vorratskammern verschafft, und

zweitens, wie hast du verschenkbares Geld angesammelt?«

>Es ist unmöglich, sich zu verteidigen, wenn nicht guter Wille da ist antwortete dem Oberkellner nicht mehr, so sehr Therese wahrscheinlich darunter litt. Er

wußte, daß alles, was er sagen konnte, hinterher ganz anders aussehen würde, als es

gemeint gewesen war, und daß es nur der Art der Beurteilung überlassen bleibe, Gutes

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oder Böses vorzufinden.

»Er antwortet nicht«, sagte die Oberköchin.

»Es ist das Vernünftigste, was er tun kann«, sagte der Oberkel ner.

»Er wird sich schon noch etwas ausdenken«, sagte der Oberportier und strich mit der

früher grausamen Hand behutsam seinen Bart.

»Sei still«, sagte die Oberköchin zu Therese, die an ihrer Seite zu schluchzen begann, »du

siehst, er antwortet nicht, wie kann ich denn da etwas für ihn tun? Schließlich bin ich es,

die vor dem Herrn Oberkellner unrecht behält. Sag doch, Therese, habe ich deiner

Meinung nach etwas für ihn zu tun versäumt?« Wie konnte das Therese wissen, und was

nützte es, daß sich die Oberköchin durch diese öffentlich an das kleine Mädchen

gerichtete Frage und Bitte vor diesen beiden Herren vielleicht viel vergab?

»Frau Oberköchin«, sagte Karl, der sich noch einmal aufraffte, aber nur um Therese die

Antwort zu ersparen, zu keinem anderen Zweck, »ich glaube nicht, daß ich Ihnen

irgendwie Schande gemacht habe, und nach genauer Untersuchung müßte das auch jeder

andere finden.«

»Jeder andere«, sagte der Oberportier und zeigte mit dem Finger auf den Oberkellner

»das ist eine Spitze gegen Sie, Herr Isbary.«

»Nun, Frau Oberköchin«, sagte dieser, »es ist halb sieben, hohe und höchste Zeit. Ich

denke, Sie lassen mir am besten das Schlußwort in dieser schon allzu duldsam

behandelten Sache.«

Der kleine Giacomo war hereingekommen, wollte zu Karl treten, ließ aber, durch die

allgemein herrschende Stille erschreckt, davon ab und wartete.

Die Oberköchin hatte seit Karls letzten Worten den Blick nicht von ihm gewendet, und

es deutete auch nichts darauf hin, daß sie die Bemerkung des Oberkellners gehört hatte.

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Ihre Augen sahen voll auf Karl hin, sie waren groß und blau, aber ein wenig getrübt

durch das Alter und die viele Mühe. Wie sie so dastand und den Sessel vor sich schwach

schaukelte, hätte man ganz gut erwarten können, sie werde im nächsten Augenblick

sagen: >Nun, Karl, die Sache ist, wenn ich es überlege, noch nicht recht klargestellt und

braucht, wie du richtig gesagt hast, noch eine genaue Untersuchung. Und die wollen wir

jetzt veranstalten, ob man sonst damit einverstanden ist oder nicht, denn Gerechtigkeit

muß sein. Statt dessen aber sagte die Oberköchin nach einer kleinen Pause, die niemand zu

unterbrechen gewagt hatte ­ nur die Uhr schlug in Bestätigung der Worte des

Oberkellners halb sieben und mit ihr, wie jeder wußte, gleichzeitig alle Uhren im ganzen

Hotel, es klang im Ohr und in der Ahnung wie das zweimalige Zucken einer einzigen

großen Ungeduld ­: »Nein, Karl, nein, nein! Das wollen wir uns nicht einreden.

Gerechte Dinge haben auch ein besonderes Aussehen, und das hat, ich muß es gestehen,

deine Sache nicht. Ich darf das sagen und muß es auch sagen; ich muß es gestehen, denn

ich bin es, die mit dem besten Vorurteil für dich hergekommen ist. Du siehst, auch

Therese schweigt.« (Aber sie schwieg doch nicht, sie weinte.)

Die Oberköchin stockte in einem plötzlich sie überkommenden Entschluß und sagte:

»Karl, komm einmal her«, und als er zu ihr gekommen war ­ gleich vereinigten sich

hinter seinem Rücken der Oberkellner und der Oberportier zu lebhaftem Gespräch ­,

umfaßte sie ihn mit der linken Hand, ging mit ihm und der willenlos folgenden Therese

in die Tiefe des Zimmers und dort mit beiden einigemal auf und ab, wobei sie sagte: »Es

ist möglich, Karl, und darauf scheinst du zu vertrauen, sonst würde ich dich überhaupt

nicht verstehen, daß eine Untersuchung dir in einzelnen Kleinigkeiten recht geben wird.

Warum denn nicht? Du hast vielleicht tatsächlich den Oberportier gegrüßt. Ich glaube es

sogar bestimmt, ich weiß auch, was ich von dem Oberportier zu halten habe, du siehst,

ich rede selbst jetzt noch offen zu dir. Aber solche kleine Rechtfertigungen helfen dir gar

nichts. Der Oberkellner, dessen Menschenkenntnis ich im Laufe vieler Jahre zu schätzen

gelernt habe, und welcher der verläßlichste Mensch ist, den ich überhaupt kenne, hat

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deine Schuld klar ausgesprochen, und die scheint mir allerdings unwiderleglich.

Vielleicht hast du bloß unüberlegt gehandelt, vielleicht aber bist du nicht der; für den ich

dich gehalten habe. Und doch«, damit unterbrach sie sich gewissermaßen selbst und sah

flüchtig nach den beiden Herren zurück, »kann ich es mir noch nicht abgewöhnen, dich

für einen im Grunde anständigen Jungen zu halten.«

»Frau Oberköchin! Frau Oberköchin!« mahnte der Oberkellner, der ihren Blick

aufgefangen hatte.

»Wir sind gleich fertig«, sagte die Oberköchin und redete nun schneller auf Karl ein:

»Höre, Karl, so wie ich die Sache übersehe, bin ich noch froh, daß der Oberkel ner keine

Untersuchung einleiten will; denn, wollte er sie einleiten, ich müßte es in deinem

Interesse verhindern. Niemand soll erfahren, wie und womit du den Mann bewirtet hast,

der übrigens nicht einer deiner früheren Kameraden gewesen sein kann, wie du vorgibst,

denn mit denen hast du ja zum Abschied großen Streit gehabt, so daß du nicht jetzt

einen von ihnen traktieren wirst. Es kann also nur ein Bekannter sein, mit dem du dich

leichtsinnigerweise in der Nacht in irgendeiner städtischen Kneipe verbrüdert hast. Wie

konntest du mir, Karl, alle diese Dinge verbergen? Wenn es dir im Schlafsaal vielleicht

unerträglich war und du zuerst aus diesem unschuldigen Grunde mit deinem

Nachtschwärmen angefangen hast, warum hast du denn kein Wort gesagt, du weißt, ich

wollte dir ein eigenes Zimmer verschaffen und habe darauf geradezu erst über deine

Bitten verzichtet. Es scheint jetzt, als hättest du den allgemeinen Schlafsaal vorgezogen,

weil du dich dort ungebundener fühltest. Und dein Geld hattest du doch in meiner

Kassa aufgehoben, und die Trinkgelder brachtest du mir jede Woche; woher, um Gottes

willen, Junge, hast du das Geld für deine Vergnügungen genommen und woher wolltest

du jetzt das Geld für deinen Freund holen? Das sind natürlich lauter Dinge, die ich

wenigstens jetzt dem Oberkellner gar nicht andeuten darf, denn dann wäre vielleicht eine

Untersuchung unausweichlich. Du mußt also unbedingt aus dem Hotel, und zwar so

schnell als möglich. Geh direkt in die Pension Brenner ­ du warst doch schon mehrmals

mit Therese dort ­, sie werden dich auf diese Empfehlung hin umsonst aufnehmen - «

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und die Oberköchin schrieb mit einem goldenen Crayon, den sie aus der Bluse zog,

einige Zeilen auf eine Visitenkarte, wobei sie aber die Rede nicht unterbrach ­ »deinen

Koffer werde ich dir gleich nachschicken. Therese, lauf doch in die Garderobe der

Liftjungen und pack seinen Koffer!« (Aber Therese rührte sich noch nicht, sondern

wollte, wie sie alles Leid ausgehalten hatte, nun auch die Wendung zum Besseren, welche

die Sache Karls dank der Güte der Oberköchin nahm, ganz miterleben.)

Jemand öffnete, ohne sich zu zeigen, ein wenig die Tür und schloß sie gleich wieder. Es

mußte offenbar Giacomo gegolten haben, denn dieser trat vor und sagte: »Roßmann, ich

habe dir etwas auszurichten.«

»Gleich«, sagte die Oberköchin und steckte Karl, der mit gesenktem Kopf ihr zugehört

hatte, die Visitenkarte in die Tasche, »dein Geld behalte ich vorläufig, du weißt, du

kannst es mir anvertrauen. Heute bleib zu Hause und überlege deine Angelegenheit,

morgen ­ heute habe ich keine Zeit, auch habe ich mich schon viel zu lange hier

aufgehalten ­ komme ich zu Brenner, und wir werden zusehen, was wir weiter für dich

machen können. Verlassen werde ich dich nicht, das sollst du jedenfalls schon heute

wissen. Über deine Zukunft mußt du dir keine Sorgen machen, eher über die

letztvergangene Zeit.« Darauf klopfte sie ihm leicht auf die Schulter und ging zum

Oberkellner hinüber. Karl hob den Kopf und sah der großen, stattlichen Frau nach, die

sich in ruhigem Schritt und freier Haltung von ihm entfernte.

»Bist du denn gar nicht froh«, sagte Therese, die bei ihm zurückgeblieben war »daß alles

so gut ausgefallen ist?«

»O ja«, sagte Karl und lächelte ihr zu, wußte aber nicht, warum er darüber froh sein

sollte, daß man ihn als einen Dieb wegschickte. Aus Theresens Augen strahlte die reinste

Freude, als sei es ihr ganz gleich gültig, ob Karl etwas verbrochen hatte oder nicht, ob er

gerecht beurteilt worden war oder nicht, wenn man ihn nur gerade entwischen ließ, in

Schande oder in Ehren. Und so verhielt sich gerade Therese, die doch in ihren eigenen

Angelegenheiten so peinlich war und ein nicht ganz eindeutiges Wort der Oberköchin

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wochenlang in ihren Gedanken drehte und untersuchte. Mit Absicht fragte er: »Wirst du

meinen Koffer gleich packen und wegschicken?« Er mußte gegen seinen Willen vor

Staunen den Kopf schütteln, so schnell fand sich Therese in die Frage hinein, und die

Überzeugung, daß in dem Koffer Dinge waren, die man vor allen Leuten geheimhalten

mußte, ließ sie gar nicht nach Karl hinübersehen, gar nicht ihm die Hand reichen,

sondern nur flüstern: »Natürlich, Karl, gleich, gleich werde ich den Koffer packen.« Und

schon war sie davongelaufen.

Nun ließ sich aber Giacomo nicht mehr halten, und aufgeregt durch das lange Warten

rief er laut: »Roßmann, der Mann wälzt sich unten im Gang und will sich nicht

wegschaffen lassen. Sie wollten ihn ins Krankenhaus bringen lassen, aber er wehrt sich

und behauptet, du würdest niemals dulden, daß er ins Krankenhaus kommt. Man solle

ein Automobil nehmen und ihn nach Hause schicken, du würdest das Automobil

bezahlen. Willst du?«

»Der Mann hat Vertrauen zu dir«, sagte der Oberkellner. Karl zuckte mit den Schultern

und zählte Giacomo sein Geld in die Hand. »Mehr habe ich nicht«, sagte er dann.

»Ich soll dich auch fragen, ob du mitfahren willst«, fragte noch Giacomo, mit dem Gelde

klimpernd.

»Er wird nicht mitfahren«, sagte die Oberköchin.

»Also, Roßmann«, sagte der Oberkellner schnell und wartete gar nicht, bis Giacomo

draußen war, »du bist auf der Stelle entlassen.«

Der Oberportier nickte mehrere Male, als wären es seine eigenen Worte, die der

Oberkellner nur nachspreche.

»Die Gründe deiner Entlassung kann ich gar nicht laut aussprechen, denn sonst müßte

ich dich einsperren lassen.«

Der Oberportier sah auffallend streng zur Oberköchin hinüber, denn er hatte wohl

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erkannt, daß sie die Ursache dieser allzu milden Behandlung war.

»Jetzt geh zu Beß, zieh dich um, übergib Beß deine Livree und verlasse sofort, aber

sofort das Haus.«

Die Oberköchin schloß die Augen, sie wollte damit Karl beruhigen. Während er sich

zum Abschied verbeugte, sah er flüchtig, wie der Oberkellner die Hand der Oberköchin

wie im geheimen umfaßte und mit ihr spielte. Der Oberportier begleitete Karl mit

schweren Schritten bis zur Tür, die er ihn nicht schließen ließ, sondern selbst noch offen

hielt, um Karl nachschreien zu können: »In einer Viertelminute will ich dich beim

Haupttor an mir vorübergehen sehen! Merk dir das!«

Karl beeilte sich, wie er nur konnte, um nur beim Haupttor eine Belästigung zu

vermeiden, aber es ging alles viel langsamer, als er wollte. Zuerst war Beß nicht gleich zu

finden und jetzt, in der Frühstückszeit, war alles voll Menschen, dann zeigte sich, daß ein

Junge sich Karls alte Hosen ausgeborgt hatte, und Karl mußte die Kleiderständer bei fast

allen Betten absuchen, ehe er diese Hosen fand, so daß wohl fünf Minuten vergangen

waren, ehe Karl zum Haupttor kam. Gerade vor ihm ging eine Dame mitten zwischen

vier Herren. Sie gingen alle auf ein großes Automobil zu, das sie erwartete und dessen

Schlag bereits ein Lakai geöffnet hielt, während er den freien linken Arm seitwärts

waagrecht und steif ausstreckte, was höchst feierlich aussah. Aber Karl hatte umsonst

gehofft, hinter dieser vornehmen Gesellschaft unbemerkt hinauszukommen. Schon

faßte ihn der Oberportier bei der Hand und zog ihn zwischen zwei Herren hindurch, die

er um Verzeihung bat, zu sich hin.

»Das soll eine Viertelminute gewesen sein«, sagte er und sah Karl von der Seite an, als

beobachte er eine schlecht gehende Uhr. »Komm einmal her«, sagte er dann und führte

ihn in die große Portierloge, die Karl zwar schon längst einmal anzusehen Lust gehabt

hatte, in die er aber jetzt, von dem Portier geschoben, nur mit Mißtrauen eintrat. Er war

schon in der Tür, als er sich umwandte und den Versuch machte, den Oberportier

wegzuschieben und wegzukommen.

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»Nein, nein, hier geht man hinein«, sagte der Oberportier und drehte Karl um.

»Ich bin doch schon entlassen«, sagte Karl und meinte damit, daß ihm im Hotel niemand

mehr etwas zu befehlen habe.

»Solange ich dich halte, bist du nicht entlassen«, sagte der Portier, was allerdings auch

richtig war.

Karl fand schließlich auch keine Ursache, warum er sich gegen den Portier wehren sollte.

Was konnte ihm denn auch im Grunde noch geschehen? Überdies bestanden die Wände

der Portierloge ausschließlich aus ungeheueren Glasscheiben, durch die man die im

Vestibül gegeneinanderströmende Menschenmenge deutlich sah, als wäre man mitten

unter ihnen. Ja, es schien in der ganzen Portierloge keinen Winkel zu geben, in dem man

sich vor den Augen der Leute verbergen konnte. So eilig es dort draußen die Leute zu

haben schienen, denn mit ausgestrecktem Arm und gesenktem Kopf, mit spähenden

Augen, mit hochgehaltenen Gepäckstücken suchten sie ihren Weg, so versäumte doch

kaum einer, einen Blick in die Portierloge zu werfen, denn hinter deren Scheiben waren

immer Ankündigungen und Nachrichten ausgehängt, die sowohl für die Gäste als für

das Hotelpersonal Wichtigkeit hatten. Außerdem aber bestand noch ein unmittelbarer

Verkehr der Portierloge mit dem Vestibül, denn an zwei großen Schiebefenstern saßen

zwei Unterportiers und waren unaufhörlich damit beschäftigt, Auskünfte in den

verschiedensten Angelegenheiten zu erteilen. Das waren geradezu überbürdete Leute,

und Karl hätte behaupten wol en, daß der Oberportier, wie er ihn kannte, sich in seiner

Laufbahn um diese Posten herumgewunden hatte. Diese zwei Auskunftserteiler hatten ­

von außen konnte man sich das nicht richtig vorstellen ­ in der Öffnung des Fensters

immer zumindest zehn fragende Gesichter vor sich. Unter diesen zehn Fragern, die

immerfort wechselten, war oft ein Durcheinander von Sprachen, als sei jeder einzelne

von einem anderen Lande abgesandt. Immer fragten einige gleichzeitig, immer redeten

außerdem einzelne untereinander. Die meisten wollten etwas aus der Portierloge holen

oder etwas dort abgeben, so sah man immer auch ungeduldig fuchtelnde Hände aus dem

Gedränge ragen. Einmal hatte einer ein Begehren wegen irgendeiner Zeitung, die sich

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unversehens von der Höhe aus entfaltete und für einen Augenblick alle Gesichter

verhüllte. All diesem mußten nun die zwei Unterportiers standhalten. Bloßes Reden

hätte für ihre Aufgabe nicht genügt, sie plapperten, besonders der eine, ein düsterer

Mann mit einem das ganze Gesicht umgebenden dunklen Bart, gab die Auskunft ohne

die geringste Unterbrechung. Er sah weder auf die Tischplatte, wo er fortwährend

Handreichungen auszuführen hatte, noch auf das Gesicht dieses oder jenes Fragers,

sondern ausschließlich starr vor sich, offenbar um seine Kräfte zu sparen und zu

sammeln. Übrigens störte wohl sein Bart ein wenig die Verständlichkeit seiner Rede, und

Karl konnte in dem Weilchen, während dessen er bei ihm stehenblieb, sehr wenig von

dem Gesagten auffassen, wenn es auch möglicherweise trotz dem englischen Beiklang

gerade fremde Sprachen waren, die er gebrauchen mußte. Außerdem beirrte es, daß sich

eine Auskunft so knapp an die andere anschloß und in sie überging, so daß oft noch ein

Frager mit gespanntem Gesicht zuhorchte, da er glaubte, es gehe noch um seine Sache,

um erst nach einem Weilchen zu merken, daß er schon erledigt war. Gewöhnen mußte

man sich auch daran, daß der Unterportier niemals bat, eine Frage zu wiederholen, selbst

wenn sie im ganzen verständlich und nur ein wenig undeutlich gestellt war, ein kaum

merkliches Kopfschütteln verriet dann, daß er nicht die Absicht habe, diese Frage zu

beantworten, und es war Sache des Fragestellers, seinen eigenen Fehler zu erkennen und

die Frage besser zu formulieren. Besonders damit verbrachten manche Leute sehr lange

Zeit vor dem Schalter. Zur Unterstützung der Unterportiers war jedem ein Laufbursche

beigegeben, der in gestrecktem Lauf von einem Bücherregal und aus verschiedenen

Kasten alles herbeizubringen hatte, was der Unterportier gerade benötigte. Das waren

die bestbezahlten, wenn auch anstrengendsten Posten, die es im Hotel für ganz junge

Leute gab, in gewissem Sinne waren sie auch noch ärger daran als die Unterportiers,

denn diese hatten bloß nachzudenken und zu reden, während die jungen Leute

gleichzeitig nachdenken und laufen mußten. Brachten sie einmal etwas Unrichtiges

herbei, so konnte sich natürlich der Unterportier in der Eile nicht damit aufhalten, ihnen

lange Belehrungen zu geben, er warf vielmehr einfach, das, was sie ihm auf den Tisch

legten, mit einem Ruck vom Tisch hinunter. Sehr interessant war die Ablösung der

Unterportiers, die gerade kurz nach dem Eintritt Karls stattfand. Eine solche Ablösung

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mußte natürlich, wenigstens während des Tages, öfters stattfinden, denn es gab wohl

kaum einen Menschen, der es länger als eine Stunde hinter dem Schalter ausgehalten

hätte. Zur Ablösungszeit ertönte nun eine Glocke, und gleichzeitig traten aus einer

Seitentür die zwei Unterportiers, die jetzt an die Reihe kommen sollten, jeder von

seinem Laufburschen gefolgt. Sie stellten sich vorläufig untätig beim Schalter auf und

betrachteten ein Weilchen die Leute draußen, um festzustellen, in welchem Stadium sich

gerade die augenblickliche Fragebeantwortung befand. Schien ihnen der Augenblick

passend, um einzugreifen, klopften sie dem abzulösenden Unterportier auf die Schulter,

der, obwohl er sich bisher um nichts, was hinter seinem Rücken vorging, gekümmert

hatte, sofort verstand und seinen Platz freimachte. Das Ganze ging so rasch, daß es oft

die Leute draußen überraschte und sie aus Schrecken über das so plötzlich vor ihnen

auftauchende neue Gesicht fast zurückwichen. Die abgelösten zwei Männer streckten

sich und begossen dann über zwei bereitstehenden Waschbecken ihre heißen Köpfe. Die

abgelösten Laufburschen durften sich aber noch nicht strecken, sondern hatten noch ein

Weilchen damit zu tun, die während ihrer Dienststunden auf den Boden geworfenen

Gegenstände aufzuheben und an ihren Platz zu legen.

Alles dieses hatte Karl mit der angespanntesten Aufmerksamkeit in wenigen

Augenblicken in sich aufgenommen, und mit leichten Kopfschmerzen folgte er still dem

Oberportier, der ihn weiterführte. Offenbar hatte auch der Oberportier den großen

Eindruck beachtet, den diese Art der Auskunftserteilung auf Karl gemacht hatte, und er

riß plötzlich an Karls Hand und sagte: »Siehst du, so wird hier gearbeitet.« Karl hatte ja

allerdings hier im Hotel nicht gefaulenzt, aber von solcher Arbeit hatte er doch keine

Ahnung gehabt, und fast völlig vergessend, daß der Oberportier sein großer Feind war,

sah er zu ihm auf und nickte stumm und anerkennend mit dem Kopf. Das schien dem

Oberportier aber wieder eine Überschätzung des Unterportiers und vielleicht eine

Unhöflichkeit gegenüber seiner Person zu sein, denn, als hätte er Karl zum Narren

gehalten, rief er, ohne Besorgnis, daß man ihn hören könnte: »Natürlich ist dieses hier

die dümmste Arbeit im ganzen Hotel; wenn man eine Stunde zugehört hat, kennt man

so ziemlich alle Fragen, die gestellt werden, und den Rest braucht man ja nicht zu

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beantworten. Wenn du nicht frech und ungezogen gewesen wärest, gelogen, gelumpt,

gesoffen und gestohlen hättest, hätte ich dich vielleicht bei so einem Fenster anstellen

können, denn dazu kann ich ausschließlich nur vernagelte Köpfe brauchen.«

Karl überhörte gänzlich die Beschimpfung, soweit sie ihn betraf, so sehr war er darüber

empört, daß die ehrliche und schwere Arbeit der Unterportiers, statt anerkannt zu

werden, verhöhnt wurde, und überdies verhöhnt von einem Mann, der, wenn er es

gewagt hätte, sich einmal zu einem solchen Schalter zu setzen, gewiß nach ein paar

Minuten unter dem Gelächter aller Frager hätte abziehen müssen.

»Lassen Sie mich«, sagte Karl, seine Neugierde in betreff der Portierloge war bis zum

Übermaß gestillt »ich will mit Ihnen nichts mehr zu tun haben.«

»Das genügt nicht, um fortzukommen«, sagte der Oberportier, drückte Karls Arme, daß

dieser sie gar nicht rühren konnte, und trug ihn förmlich an das andere Ende der

Portierloge. Sahen die Leute draußen diese Gewalttätigkeit des Oberportiers nicht. Oder,

wenn sie es sahen, wie faßten sie sie denn auf, daß keiner sich darüber aufhielt, daß

niemand wenigstens an die Scheibe klopfte, um dem Oberportier zu zeigen, daß er

beobachtet werde und nicht nach seinem Gutdünken mit Karl verfahren dürfe.

Aber bald hatte Karl auch keine Hoffnung mehr, vom Vestibül aus Hilfe zu bekommen,

denn der Oberportier griff an eine Schnur, und über den Scheiben der halben

Portierloge zogen sich im Fluge bis in die letzte Höhe schwarze Vorhänge zusammen.

Auch in diesem Teil der Portierloge waren ja Menschen, aber al e in voller Arbeit und

ohne Ohr und Auge für alles, was nicht mit ihrer Arbeit zusammenhing. Außerdem

waren sie ganz vom Oberportier abhängig und hätten, statt Karl zu helfen, lieber

geholfen, alles zu verbergen, was auch immer dem Oberportier eingefallen wäre. Da

waren zum Beispiel sechs Unterportiers bei sechs Telephonen. Die Anordnung war, wie

man gleich bemerkte, so getroffen, daß immer einer bloß Gespräche aufnahm, während

sein Nachbar nach den vom ersten empfangenen Notizen die Aufträge telephonisch

weiterleitete. Es waren dies jene neuesten Telephone, für die keine Telephonzelle nötig

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war, denn das Glockenläuten war nicht lauter als ein Zirpen, man konnte in das

Telephon mit Flüstern hineinsprechen und doch kamen die Worte dank besonderer

elektrischer Verstärkungen mit Donnerstimme an ihrem Ziele an. Deshalb hörte man die

drei Sprecher an ihren Telephonen kaum und hätte glauben können, sie beobachteten

murmelnd irgendeinen Vorgang in der Telephonmuschel, während die drei anderen, wie

betäubt von dem auf sie herandringenden, für die Umgebung im übrigen unhörbaren

Lärm, die Köpfe auf das Papier sinken ließen, das zu beschreiben ihre Aufgabe war.

Wieder stand auch hier neben jedem der drei Sprecher ein Junge zur Hilfeleistung; diese

drei Jungen taten nichts anderes, als abwechselnd den Kopf horchend zu ihrem Herrn

zu strecken und dann eilig, als würden sie gestochen, in riesigen, gelben Büchern ­ die

umschlagenden Blättermassen überrauschten bei weitem jedes Geräusch der Telephone

­ die Telephonnummern herauszusuchen.

Karl konnte sich tatsächlich nicht enthalten, das alles genau zu verfolgen, obwohl der

Oberportier, der sich gesetzt hatte, ihn in einer Art Umklammerung vor sich hinhielt.

»Es ist meine Pflicht«, sagte der Oberportier und schüttelte Karl, als wolle er nur

erreichen, daß dieser ihm sein Gesicht zuwende, »das, was der Oberkel ner aus welchen

Gründen immer versäumt hat, im Namen der Hoteldirektion wenigstens ein wenig

nachzuholen. So tritt hier immer jeder für den anderen ein. Ohne das wäre ein so großer

Betrieb undenkbar. Du willst vielleicht sagen, daß ich nicht dein unmittelbarer

Vorgesetzter bin; nun, desto schöner ist es von mir, daß ich mich dieser sonst

verlassenen Sache annehme. Im übrigen bin ich in gewissem Sinne als Oberportier über

alle gesetzt, denn mir unterstehen doch alle Tore des Hotels, also dieses Haupttor, die

drei Mittel ­ und die zehn Nebentore, von den unzähligen Türchen und türlosen

Ausgängen gar nicht zu reden. Natürlich haben mir alle in Betracht kommenden

Bedienungsmannschaften unbedingt zu gehorchen. Gegenüber diesen großen Ehren

habe ich natürlich andererseits vor der Hoteldirektion die Verpflichtung, niemanden

hinauszulassen, der nur im geringsten verdächtig ist. Gerade du aber kommst mir, weil es

mir so beliebt, sogar stark verdächtig vor.« Und vor Freude darüber hob er die Hände

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und ließ sie wieder stark zurückschlagen, daß es klatschte und wehtat.

»Es ist möglich«, fügte er hinzu und unterhielt sich dabei königlich, »daß du bei einem

anderen Ausgang unbemerkt hinausgekommen wärest, denn du standest mir natürlich

nicht dafür, besondere Anweisungen deinetwegen ergehen zu lassen. Aber da du nun

einmal hier bist, will ich dich genießen. Im übrigen habe ich nicht daran gezweifelt, daß

du das Rendezvous, das wir uns beim Haupttor gegeben hatten, auch einhalten wirst,

denn das ist eine Regel, daß der Freche und der Unfolgsame gerade dort und dann mit

seinen Lastern aufhört, wo es ihm schadet. Du wirst das an dir selbst gewiß noch oft

beobachten können.«

»Glauben Sie nicht«, sagte Karl und atmete den eigentümlich dumpfen Geruch ein, der

vom Oberportier ausging, und den er erst hier, wo er so lange in seiner nächsten Nähe

stand, bemerkte, »glauben Sie nicht«, sagte er, »daß ich vollständig in Ihrer Gewalt bin,

ich kann ja schreien.«

»Und ich kann dir den Mund stopfen«, sagte der Oberportier ebenso ruhig und schnell,

wie er es wohl nötigenfalls auszuführen gedachte.

»Und meinst du denn wirklich, wenn man deinetwegen hereinkommen sollte, es würde

sich jemand finden, der dir recht geben würde, mir, dem Oberportier gegenüber? Du

siehst also wohl den Unsinn deiner Hoffnungen ein. Weißt du, wie du noch in der

Uniform warst, da hast du ja tatsächlich noch ein wenig beachtenswert ausgesehen, aber

in diesem Anzug, der tatsächlich nur in Europa möglich ist! ­« Und er zerrte an den

verschiedensten Stellen des Anzuges, der jetzt allerdings, obwohl er vor fünf Monaten

noch fast neu gewesen war, abgenützt, faltig, vor allem aber dreckig war, was

hauptsächlich auf die Rücksichtslosigkeit der Liftjungen zurückzufahren war, die jeden

Tag, um den Saalboden dem allgemeinen Befehl gemäß glatt und staubfrei zu erhalten,

aus Faulheit keine eigentliche Reinigung vornahmen, sondern mit irgendeinem Öl den

Boden besprengten und damit gleichzeitig alle Kleider auf den Kleiderständern

schändlich bespritzten. Nun konnte man seine Kleider aufheben, wo man wollte, immer

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fand sich einer, der gerade seine Kleider nicht bei der Hand hatte, dagegen die

versteckten fremden Kleider mit Leichtigkeit fand und sich ausborgte. Und womöglich

war dieser eine gerade derjenige, der an diesem Tage die Saalreinigung vorzunehmen

hatte und der dann die Kleider nicht nur mit dem Öl bespritzte, sondern vollständig von

oben bis unten begoß. Nur Renell hatte seine kostbaren Kleider an irgendeinem

geheimen Orte versteckt, von wo sie kaum jemals einer hervorgezogen hatte, zumal sich

ja auch niemand vielleicht aus Bosheit oder Geiz fremde Kleider ausborgte, sondern aus

bloßer Eile und Nachlässigkeit dort nahm, wo er sie fand. Aber selbst auf Renells Kleid

war mitten auf dem Rücken ein kreisrunder, rötlicher Ölfleck, und in der Stadt hätte ein

Kenner an diesem Fleck selbst in diesem eleganten jungen Mann den Liftjungen

feststellen können.

Und Karl sagte sich bei diesen Erinnerungen, daß er auch als Liftjunge genug gelitten

hatte und daß doch alles vergebens gewesen war, denn nun war dieser Liftjungendienst

nicht, wie er gehofft hatte, eine Vorstufe zu besserer Anstellung gewesen, vielmehr war

er jetzt noch tiefer hinabgedrückt worden und sogar sehr nahe an das Gefängnis geraten.

Überdies wurde er jetzt noch vom Oberportier festgehalten, der wohl darüber

nachdachte, wie er Karl noch weiter beschämen könne. Und, völlig vergessend, daß der

Oberportier durchaus nicht der Mann war, der sich vielleicht überzeugen ließ, rief Karl,

während er sich mit der gerade freien Hand mehrmals gegen die Stirn schlug: »Und

wenn ich Sie wirklich nicht gegrüßt haben sollte, wie kann denn ein erwachsener Mensch

wegen eines unterlassenen Grußes so rachsüchtig werden!«

»Ich bin nicht rachsüchtig«, sagte der Oberportier, »ich will nur deine Taschen

durchsuchen. Ich bin zwar überzeugt, daß ich nichts finden werde, denn du wirst wohl

vorsichtig gewesen sein und hast wohl deinen Freund allmählich alles, jeden Tag etwas,

wegschleppen lassen. Aber durchsucht worden mußt du sein.« Und schon griff er in die

eine von Karls Rocktaschen mit solcher Gewalt, daß die seitlichen Nähte platzten.

»Da ist also schon nichts«, sagte er und überklaubte in seiner Hand den Inhalt dieser

Tasche, einen Reklamekalender des Hotels, ein Blatt mit einer Aufgabe aus

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kaufmännischer Korrespondenz, einige Rock- und Hosenknöpfe, die Visitenkarte der

Oberköchin, einen Polierstift für die Nägel, den ihm einmal ein Gast beim Kofferpacken

zugeworfen hatte, einen alten Taschenspiegel, den ihm Renell einmal zum Dank für

vielleicht zehn Vertretungen im Dienste geschenkt hatte, und noch ein paar

Kleinigkeiten.

»Da ist also nichts«, wiederholte der Oberportier und warf alles unter die Bank, als sei es

selbstverständlich, daß das Eigentum Karls, soweit es nicht gestohlen war, unter die

Bank gehöre.

>Jetzt ist′s aber genug der Oberportier, durch die Gier unvorsichtig gemacht, in Karls zweiter Tasche

herumgrub, fuhr Karl mit einem Ruck aus den Ärmeln heraus, stieß im ersten, noch

unbeherrschten Sprung einen Unterportier ziemlich stark gegen seinen Apparat, lief

durch die schwüle Luft, eigentlich langsamer, als er beabsichtigt hatte, zur Tür, war aber

glücklich draußen, ehe der Oberportier in seinem schweren Mantel sich auch nur hatte

erheben können. Die Organisation des Wachdienstes mußte doch nicht so mustergültig

sein, es läutete zwar von einigen Seiten, aber Gott weiß zu welchen Zwecken!

Hotelangestel te gingen zwar im Torgang in solcher Anzahl kreuz und quer, daß man

fast daran denken konnte, sie wollten in unauffälliger Weise den Ausgang unmöglich

machen, denn viel sonstigen Sinn konnte man in diesem Hin- und Hergehen nicht

erkennen; jedenfalls kam Karl bald ins Freie, mußte aber noch das Hoteltrottoir

entlanggehen, denn zur Straße konnte man nicht gelangen, da eine ununterbrochene

Reihe von Automobilen stockend sich am Haupttor vorbeibewegte. Diese Automobile

waren, um nur so bald als möglich zu ihrer Herrschaft zu kommen, geradezu

ineinandergefahren, jedes wurde vom nachfolgenden vorwärtsgeschoben. Fußgänger, die

es besonders eilig hatten, auf die Straße zu gelangen, stiegen zwar hie und da durch die

einzelnen Automobile hindurch, als sei dort ein öffentlicher Durchgang, und es war

ihnen ganz gleichgültig, ob im Automobil nur der Chauffeur und die Dienerschaft saß

oder auch die vornehmsten Leute. Ein solches Benehmen schien aber Karl doch

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übertrieben, und man mußte sich wohl in den Verhältnissen schon auskennen, um das

zu wagen; wie leicht konnte er an ein Automobil geraten, dessen Insassen das

übelnahmen, ihn hinunterwarfen und einen Skandal veranlaßten, und nichts hatte er als

ein entlaufener verdächtiger Hotelangestellter in Hemdärmeln mehr zu fürchten.

Schließlich konnte ja die Reihe der Automobile nicht in Ewigkeit so fortgehen, und er

war auch, solange er sich ans Hotel hielt, eigentlich am wenigsten verdächtig. Tatsächlich

gelangte Karl endlich an eine Stelle, wo die Automobilreihe zwar nicht aufhörte, aber zur

Straße hin abzog und lockerer wurde. Gerade wollte er in den Verkehr der Straße

schlüpfen, in dem wohl noch viel verdächtiger aussehende Leute, als er war, frei

herumliefen, da hörte er in der Nähe seinen Namen rufen. Er wandte sich um und sah,

wie zwei ihm wohlbekannte Liftjungen aus einer niedrigen, kleinen Türöffnung, die wie

der Eingang einer Gruft aussah, mit äußerster Anstrengung eine Bahre herauszogen, auf

der, wie Karl nun erkannte, wahrhaftig Robinson lag, Kopf, Gesicht und Arme

mannigfaltig umbunden. Es war häßlich anzusehen, wie er die Arme an die Augen

führte, um mit dem Verbande die Tränen abzuwischen, die er vor Schmerzen oder vor

sonstigem Leid oder gar vor Freude über das Wiedersehen mit Karl vergoß.

»Roßmann«, rief er vorwurfsvoll, »warum läßt du mich denn so lange warten! Schon eine

Stunde verbringe ich damit, mich zu wehren, damit ich nicht wegtransportiert werde, ehe

du kommst. Diese Kerle« ­ und er gab dem einen Liftjungen ein Kopfstück, als sei er

durch die Verbände vor Schlägen geschützt ­ »sind ja wahre Teufel. Ach, Roßmann, der

Besuch bei dir ist mir teuer zu stehen gekommen.«

»Was hat man dir denn gemacht?« sagte Karl und trat an die Bahre heran, welche die

Liftjungen, um sich auszuruhen, lachend niederstellten.

»Du fragst noch«, seufzte Robinson »und siehst, wie ich ausschaue. Bedenke, ich bin ja

höchstwahrscheinlich für mein ganzes Leben zum Krüppel ge schlagen. Ich habe

fürchterliche Schmerzen von hier bis hierher« ­ und er zeigte zuerst auf den Kopf und

dann auf die Zehen ­ »ich möchte dir wünschen, daß du gesehen hättest, wie ich aus der

Nase geblutet habe. Meine Weste ist ganz verdorben, die habe ich überhaupt dort

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gelassen, meine Hosen sind zerfetzt, ich bin in Unterhosen« ­ und er lüftete die Decke

ein wenig und lud Karl ein, unter sie zu schauen.

»Was wird nur aus mir werden! Ich werde zumindest einige Monate liegen müssen, und

das will ich dir gleich sagen, ich habe niemanden anderen als dich, der mich pflegen

könnte, Delamarche ist ja viel zu ungeduldig. Roßmann, Roßmannchen!« Und Robinson

streckte die Hand nach dem ein wenig zurücktretenden Karl aus, um ihn durch

Streicheln für sich zu gewinnen.

»Warum habe ich dich nur besuchen müssen!« wiederholte er mehrere Male, um Karl die

Mitschuld nicht vergessen zu lassen, die dieser an seinem Unglück hatte.

Nun erkannte zwar Karl sofort, daß das Klagen Robinsons nicht von seinen Wunden,

sondern von dem ungeheueren Katzenjammer stammte, in dem er sich befand, da er, in

schwerer Trunkenheit kaum eingeschlafen, gleich geweckt und zu seiner Überraschung

blutig geboxt worden war und sich in der wachen Welt gar nicht mehr zurechtfinden

konnte. Die Bedeutungslosigkeit der Wunden war schon an den unförmlichen, aus alten

Fetzen bestehenden Verbänden zu sehen, mit denen ihn die Liftjungen offenbar zum

Spaß ganz und gar umwickelt hatten. Und auch die zwei Liftjungen an den Enden der

Bahre prusteten vor Lachen von Zeit zu Zeit. Nun war aber hier nicht der Ort,

Robinson zur Besinnung zu bringen, denn stürmend eilten hier die Passanten, ohne sich

um die Gruppe an der Bahre zu kümmern, vorbei, öfters sprangen Leute mit richtigem

Turnerschwung über Robinson hinweg, der mit Karls Geld bezahlte Chauffeur rief:

»Vorwärts, vorwärts!« Die Liftjungen hoben mit letzter Kraft die Bahre auf, Robinson

erfaßte Karls Hand und sagte schmeichelnd: »Nun komm, so komm doch.« War nicht

Karl in dem Aufzug, in dem er sich befand, im Dunkel des Automobils noch am besten

aufgehoben? Und so setzte er sich neben Robinson, der den Kopf an ihn lehnte. Die

zurückbleibenden Liftjungen schüttelten ihm, als ihrem gewesenen Kollegen, durch das

Coupéfenster herzlich die Hand, und das Automobil drehte sich mit scharfer Wendung

zur Straße hin. Es schien, als müsse unbedingt ein Unglück geschehen, aber gleich nahm

der alles umfassende Verkehr auch die schnurgerade Fahrt dieses Automobils ruhig in

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sich auf.

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Ein Asyl

Es mußte wohl eine entlegene Vorstadtstraße sein, in der das Automobil haltmachte,

denn ringsherum herrschte Stille, am Trottoirrand hockten Kinder und spielten. Ein

Mann mit einer Menge alter Kleider über den Schultern rief beobachtend zu den

Fenstern der Häuser empor. In seiner Müdigkeit fühlte sich Karl unbehaglich, als er aus

dem Automobil auf den Asphalt trat, den die Vormittagssonne warm und hell beschien.

»Wohnst du wirklich hier?« rief er ins Automobil hinein.

Robinson, der während der ganzen Fahrt friedlich geschlafen hatte, brummte irgendeine

undeutliche Bejahung und schien darauf zu warten, daß Karl ihn hinaustragen werde.

»Dann habe ich hier also nichts mehr zu tun. Leb wohl«, sagte Karl und machte sich

daran, die ein wenig sich senkende Straße abwärts zu gehen.

»Aber Karl, was fällt dir denn ein?« rief Robinson und stand schon vor lauter Sorge

ziemlich aufrecht, nur mit noch etwas unruhigen Knien, im Wagen.

»Ich muß doch gehen«, sagte Karl, der der raschen Gesundung Robinsons zugesehen

hatte.

»In Hemdärmeln?« fragte dieser.

»Ich werde mir schon noch einen Rock verdienen«, antwortete Karl, nickte Robinson

zuversichtlich zu, grüßte mit erhobener Hand und wäre wirklich fortgegangen, wenn

nicht der Chauffeur gerufen hätte: »Noch einen kleinen Augenblick Geduld, mein Herr!«

Es zeigte sich unangenehmerweise, daß der Chauffeur noch Ansprüche auf eine

nachträgliche Bezahlung stellte, denn die Wartezeit vor dem Hotel war noch nicht

bezahlt.

»Nun ja«, rief aus dem Automobil Robinson in Bestätigung der Richtigkeit dieser

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Forderung, »ich habe ja dort so lange auf dich warten müssen. Etwas mußt du ihm noch

geben.«

»Ja, freilich«, sagte der Chauffeur.

»Ja, wenn ich nur noch etwas hätte«, sagte Karl und griff in die Hosentaschen, obwohl er

wußte, daß es nutzlos war.

»Ich kann mich nur an Sie halten«, sagte der Chauffeur und stellte sich breitbeinig auf,

»von dem kranken Mann dort kann ich nichts verlangen.«

Vom Tor her näherte sich ein junger Bursch mit zerfressener Nase und hörte aus einer

Entfernung von einigen Schritten zu. Gerade machte durch die Straße ein Polizeimann

die Runde, faßte mit gesenktem Gesicht den hemdärmeligen Menschen ins Auge und

blieb stehen.

Robinson, der den Polizeimann auch bemerkt hatte, machte die Dummheit, aus dem

anderen Fenster ihm zuzurufen: »Es ist nichts, es ist nichts!«, als ob man einen

Polizeimann wie eine Fliege verscheuchen könnte. Die Kinder, welche den Polizeimann

beobachtet hatten, wurden nun durch sein Stillstehen auch auf Karl und den Chauffeur

aufmerksam und liefen im Trab herbei. Im Tor gegenüber stand eine alte Frau und sah

starr hinüber.

»Roßmann!« rief da eine Stimme aus der Höhe. Es war Delamarche, der das vom Balkon

des letzten Stockwerks rief. Er selbst war nur schon recht undeutlich gegen den weißlich

blauen Himmel zu sehen, hatte offenbar einen Schlafrock an und beobachtete mit einem

Operngucker die Straße. Neben ihm war ein roter Sonnenschirm aufgespannt, unter

dem eine Frau zu sitzen schien. »Halloh!« rief er mit größter Anstrengung, um sich

verständlich zu machen, »ist Robinson auch da?«

»Ja«, antwortete Karl, von einem zweiten, viel lauteren »Ja« Robinsons aus dem Wagen

kräftig unterstützt.

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»Halloh!« rief es zurück, »ich komme gleich!«

Robinson beugte sich aus dem Wagen.

»Das ist ein Mann«, sagte er, und dieses Lob Delamarches war an Karl gerichtet, an den

Chauffeur, an den Polizeimann und an jeden, der es hören wollte. Oben auf dem

Balkon, den man aus Zerstreutheit noch ansah, obwohl ihn Delamarche schon verlassen

hatte, erhob sich nun unter dem Sonnenschirm tatsächlich eine starke Frau in rotem,

taillenlosem Kleid, nahm den Operngucker von der Brüstung und sah durch ihn auf die

Leute hinunter, die nur allmählich die Blicke von ihr wandten. Karl sah in Erwartung

Delamarches in das Haustor und weiterhin in den Hof, den eine fast ununterbrochene

Reihe von Geschäftsdienern durchquerte, von denen jeder eine kleine, aber offenbar

sehr schwere Kiste auf der Achsel trug. Der Chauffeur war zu seinem Wagen getreten

und putzte, um die Zeit auszunützen, mit einem Fetzen die Wagenlaternen. Robinson

befühlte seine Gliedmaßen, schien erstaunt über die geringen Schmerzen zu sein, die er

trotz größter Aufmerksamkeit fühlen konnte, und begann vorsichtig, mit tief geneigtem

Gesicht, einen der dicken Verbände am Bein zu lösen. Der Polizeimann hielt sein

schwarzes Stöckchen quer vor sich und wartete still, mit der großen Geduld, die

Polizeileute haben müssen, ob sie nun im gewöhnlichen Dienst oder auf der Lauer sind.

Der Bursche mit der zerfressenen Nase setzte sich auf einen Torstein und streckte die

Beine von sich. Die Kinder näherten sich Karl allmählich mit kleinen Schritten, denn

dieser schien ihnen, obwohl er sie nicht beachtete, wegen seiner blauen Hemdärmel der

wichtigste von allen zu sein.

An der Länge der Zeit, die bis zur Ankunft Delamarches verging, konnte man die große

Höhe dieses Hauses ermessen. Und Delamarche kam sogar sehr eilig, mit nur flüchtig

zugezogenem Schlafrock.

»Also, da seid ihr!« rief er erfreut und streng zugleich. Bei seinen großen Schritten

enthüllte sich stets für einen Augenblick seine farbige Unterkleidung. Karl begriff nicht

ganz, warum Delamarche hier, in der Stadt, in der riesigen Mietskaserne, auf der offenen

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Straße, so bequem angezogen herumging, als sei er in seiner Privatvilla. Ebenso wie

Robinson hatte auch Delamarche sich sehr verändert. Sein dunkles, glatt rasiertes,

peinlich reines, von roh ausgearbeiteten Muskeln gebildetes Gesicht sah stolz und

respekteinflößend aus. Der grelle Schein seiner jetzt immer etwas zusammengezogenen

Augen überraschte. Sein violetter Schlafrock war zwar alt, fleckig und für ihn zu groß,

aber aus diesem häßlichen Kleidungsstück bauschte sich oben eine mächtige, dunkle

Krawatte aus schwerer Seide.

»Nun?« fragte er alle insgesamt. Der Polizeimann trat ein wenig näher und lehnte sich an

den Motorkasten des Automobils. Karl gab eine kleine Erklärung.

»Robinson ist ein wenig marod, aber wenn er sich Mühe gibt, wird er schon die Treppen

hinaufgehen können; der Chauffeur hier will noch eine Nachzahlung zum Fahrgeld, das

ich schon bezahlt habe. Und jetzt gehe ich. Guten Tag.«

»Du gehst nicht«, sagte Delamarche.

»Ich habe es ihm auch schon gesagt«, meldete sich Robinson aus dem Wagen.

»Ich gehe doch«, sagte Karl und machte ein paar Schritte. Aber Delamarche war schon

hinter ihm und schob ihn mit Gewalt zurück.

»Ich sage, du bleibst!« rief er.

»Aber laßt mich doch«, sagte Karl und machte sich bereit, wenn es nötig sein sollte, mit

den Fäusten sich die Freiheit zu verschaffen, so wenig Aussicht auf Erfolg gegenüber

einem Mann wie Delamarche auch war. Aber da stand doch der Polizeimann, da war der

Chauffeur, hie und da gingen Arbeitergruppen durch die sonst freilich ruhige Straße;

würde man es denn dulden, daß ihm von Delamarche ein Unrecht geschehe? In einem

Zimmer hätte er mit ihm nicht allein sein wollen, aber hier? Delamarche zahlte jetzt

ruhig dem Chauffeur, der unter vielen Verbeugungen den unverdient großen Betrag

einsteckte und aus Dankbarkeit zu Robinson ging und mit diesem offenbar darüber

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sprach, wie er am besten herausbefördert werden könnte. Karl sah sich unbeobachtet,

vielleicht duldete Delamarche ein stillschweigendes Fortgehen leichter; wenn Streit

vermieden werden konnte, war es natürlich am besten, und so ging Karl einfach in die

Fahrbahn hinein, um möglichst rasch wegzukommen. Die Kinder strömten zu

Delamarche, um ihn auf Karls Flucht aufmerksam zu machen, aber er mußte selbst gar

nicht eingreifen, denn der Polizeimann sagte mit vorgestrecktem Stabe »Halt!« »Wie

heißt du?« fragte er, schob den Stab unter den Arm und zog langsam ein Buch hervor.

Karl sah ihn jetzt zum erstenmal genauer an, es war ein kräftiger Mann, hatte aber schon

fast ganz weißes Haar.

»Karl Roßmann«, sagte er.

»Roßmann«, wiederholte der Polizeimann, zweifellos nur, weil er ein ruhiger und

gründlicher Mensch war, aber Karl, der es hier eigentlich zum erstenmal mit

amerikanischen Behörden zu tun bekam, sah schon in dieser Wiederholung das

Aussprechen eines gewissen Verdachtes. Und tatsächlich konnte seine Sache nicht gut

stehen, denn selbst Robinson, der doch so sehr mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt

war, bat aus dem Wagen heraus mit stummen lebhaften Handbewegungen den

Delamarche, er möge Karl doch helfen. Aber Delamarche wehrte ihn mit hastigem

Kopfschütteln ab und sah untätig zu, die Hände in seinen übergroßen Taschen. Der

Bursche auf dem Türstein erklärte einer Frau, die jetzt erst aus dem Tore trat, den

ganzen Sachverhalt von allem Anfang an. Die Kinder standen in einem Halbkreis hinter

Karl und sahen still zum Polizeimann hinauf.

»Zeig deine Ausweispapiere«, sagte der Polizeimann. Das war wohl nur eine formelle

Frage; denn wenn man keinen Rock hat, wird man auch nicht viel Ausweispapiere bei

sich haben. Karl schwieg deshalb, um lieber auf die nächste Frage ausführlich zu

antworten und so den Mangel der Ausweispapiere möglichst zu vertuschen.

Aber die nächste Frage war: »Du hast also keine Ausweispapiere?« und Karl mußte

antworten: »Bei mir nicht.«

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»Das ist aber schlimm«, sagte der Polizeimann, sah nachdenklich im Kreise umher und

klopfte mit zwei Fingern auf den Deckel seines Buches.

»Hast du irgendeinen Verdienst?« fragte der Polizeimann schließlich.

»Ich war Liftjunge«, sagte Karl.

»Du warst Liftjunge, bist es also nicht mehr, und wovon lebst du denn jetzt?«

»Jetzt werde ich mir eine neue Arbeit suchen.«

»Ja, bist du denn entlassen worden?«

»Ja, vor einer Stunde.«

»Plötzlich?«

»Ja«, sagte Karl und hob wie zur Entschuldigung die Hand. Die ganze Geschichte

konnte er hier nicht erzählen, und wenn es auch möglich gewesen wäre, so schien es

doch ganz aussichtslos, ein drohendes Unrecht durch Erzählung eines erlittenen

Unrechts abzuwehren. Und wenn er sein Recht nicht von der Güte der Oberköchin und

von der Einsicht des Oberkellners erhalten hatte, von der Gesellschaft hier auf der

Straße hatte er es gewiß nicht zu erwarten.

»Und ohne Rock bist du entlassen worden?« fragte der Polizeimann.

»Nun ja«, sagte Karl; also auch in Amerika gehörte es zur Art der Behörden, das, was sie

sahen, noch eigens zu fragen. (Wie hatte sein Vater bei der Beschaffung des Reisepasses

über die nutzlosen Fragereien der Behörden sich ärgern müssen!) Karl hatte große Lust

wegzulaufen, sich irgendwo zu verstecken und keine Fragen mehr anhören zu müssen.

Und nun stellte gar der Polizeimann jene Frage, vor der sich Karl am meisten gefürchtet

und in deren unruhiger Voraussicht er sich bisher wahrscheinlich unvorsichtiger

benommen hatte, als es sonst geschehen wäre.

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»In welchem Hotel warst du denn angestellt?«

Er senkte den Kopf und antwortete nicht, auf diese Frage wollte er unbedingt nicht

antworten. Es durfte nicht geschehen, daß er, von einem Polizeimann eskortiert, wieder

ins Hotel Occidental zurückkäme, daß dort Verhöre stattfanden, zu denen seine Freunde

und Feinde bei gezogen würden, daß die Oberköchin ihre schon sehr schwach

gewordene gute Meinung über Karl gänzlich aufgab, da sie ihn, den sie in der Pension

Brenner vermutete, von einem Polizeimann aufgegriffen, in Hemdärmeln, ohne ihre

Visitenkarte, zu rückgekehrt fand, während der Oberkellner vielleicht nur voll

Verständnis nicken und der Oberportier dagegen von der Hand Gottes sprechen würde,

die den Lumpen endlich gefunden habe.

»Er war im Hotel Occidental angestellt«, sagte Delamarche und trat an die Seite des

Polizeimannes.

»Nein«, rief Karl und stampfte mit dem Fuße auf, »es ist nicht wahr!« Delamarche sah

ihn mit spöttisch zugespitztem Munde an, als könne er noch ganz andere Dinge

verraten. Unter die Kinder brachte die unerwartete Aufregung Karls große Bewegung,

und sie zogen zu Delamarche hin, um lieber von dort aus Karl genau anzusehen.

Robinson hatte den Kopf völlig aus dem Wagen gesteckt und verhielt sich vor Spannung

ganz ruhig; hie und da ein Augenzwinkern war seine einzige Bewegung. Der Bursche im

Tor schlug in die Hände vor Vergnügen, die Frau neben ihm gab ihm einen Stoß mit

dem Ellbogen, damit er ruhig sei. Die Gepäckträger hatten gerade Frühstückspause und

erschienen sämtlich, mit großen Töpfen schwarzen Kaffees, in dem sie mit

Stangenbroten herumführten. Einige setzten sich auf den Trottoirrand, alle schlürften

den Kaffee sehr laut.

»Sie kennen wohl den Jungen?« fragte der Polizeimann den Delamarche.

»Besser, als mir lieb ist«, sagte dieser.

»Ich habe ihm seinerzeit viel Gutes getan, er aber hat sich dafür sehr schlecht bedankt,

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was Sie wohl, selbst nach dem ganz kurzen Verhör, das Sie mit ihm angestellt haben,

leicht begreifen werden.«

»Ja«, sagte der Polizeimann »er scheint ein verstockter Junge zu sein.«

»Das ist er«, sagte Delamarche, »aber es ist das noch nicht seine schlechteste

Eigenschaft«.

»So?« sagte der Polizeimann.

»Ja«, sagte Delamarche, der nun im Reden war und dabei mit den Händen in den

Taschen seinen ganzen Mantel in schwingende Bewegung brachte, »das ist ein feiner

Hecht. Ich und mein Freund dort im Wagen, wir haben ihn zufällig im Elend

aufgegriffen, er hatte damals keine Ahnung von amerikanischen Verhältnissen, er kam

gerade aus Europa, wo man ihn auch nicht hatte brauchen können; nun, wir schleppten

ihn mit uns, ließen ihn mit uns leben, erklärten ihm alles, wollten ihm einen Posten

verschaffen, dachten, trotz allen Anzeichen, die dagegen sprachen, noch einen

brauchbaren Menschen aus ihm zu machen, da verschwand er einmal in der Nacht, war

einfach weg, und das unter Begleitumständen, die ich lieber verschweigen will. War es so

oder nicht?« fragte Delamarche schließlich und zupfte Karl am Hemdärmel.

»Zurück, ihr Kinder!« rief der Polizeimann, denn diese hatten sich so weit vorgedrängt,

daß Delamarche fast über eines gestolpert wäre. Inzwischen waren auch die

Gepäckträger, die bisher die Interessantheit dieses Verhörs unterschätzt hatten,

aufmerksam geworden und hatten sich in dichtem Ring hinter Karl versammelt, der nun

auch nicht einen Schritt hätte zurücktreten können und überdies unaufhörlich in den

Ohren das Durcheinander der Stimmen dieser Gepäckträger hatte, die in einem gänzlich

unverständlichen, vielleicht mit slawischen Worten untermischten Englisch mehr

polterten als redeten.

»Danke für die Auskunft«, sagte der Polizeimann und salutierte vor Delamarche.

»Jedenfalls werde ich ihn mitnehmen und dem Hotel Occidental zurückgeben lassen.«

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Aber Delamarche sagte: »Dürfte ich die Bitte stellen, mir den Jungen vorläufig zu

überlassen, ich hätte einiges mit ihm in Ordnung zu bringen. Ich verpflichte mich, ihn

dann selbst ins Hotel zurückzuführen.«

»Das kann ich nicht tun«, sagte der Polizeimann.

Delamarche sagte: »Hier ist meine Visitenkarte«, und reichte ihm ein Kärtchen.

Der Polizeimann sah es anerkennend an, sagte aber, verbindlich lächelnd: »Nein, es ist

vergeblich.«

So sehr sich Karl bisher vor Delamarche gehütet hatte, jetzt sah er in ihm die einzig

mögliche Rettung. Es war zwar verdächtig, wie sich dieser beim Polizeimann um Karl

bewarb, aber jedenfalls würde sich Delamarche leichter als der Polizeimann bewegen

lassen, ihn nicht ins Hotel zurückzuführen. Und selbst wenn Karl an der Hand des

Delamarche ins Hotel zurückkam, so war es viel weniger schlimm, als wenn es in

Begleitung des Polizeimannes geschah. Vorläufig aber durfte natürlich Karl nicht zu

erkennen geben, daß er tatsächlich zu Delamarche wollte, sonst war alles verloren. Und

unruhig sah er auf die Hand des Polizeimannes, die sich jeden Augenblick erheben

konnte, um ihn zu fassen.

»Ich müßte doch wenigstens erfahren, warum er plötzlich entlassen worden ist«, sagte

schließlich der Polizeimann, während Delamarche mit verdrießlichem Gesicht beiseite

sah und die Visitenkarte zwischen den Fingerspitzen zerdrückte.

»Aber er ist doch gar nicht entlassen!« rief Robinson zu allgemeiner Überraschung und

beugte sich, auf den Chauffeur gestützt, möglichst weit aus dem Wagen. »Im Gegenteil,

er hat ja dort einen guten Posten. Im Schlafsaal ist er der oberste und kann hineinführen,

wen er will. Nur ist er riesig beschäftigt, und wenn man etwas von ihm haben will, muß

man lange warten. Immerfort steckt er beim Oberkellner, bei der Oberköchin und ist

Vertrauensperson. Entlassen ist er auf keinen Fall. Ich weiß nicht, warum er das gesagt

hat. Wie kann er denn entlassen sein? Ich habe mich im Hotel schwer verletzt, und da

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hat er den Auftrag bekommen, mich nach Hause zu schaffen, und weil er gerade ohne

Rock war, ist er eben ohne Rock mitgefahren. Ich konnte nicht noch warten, bis er den

Rock holt.«

»Nun also«, sagte Delamarche mit ausgebreiteten Armen, in einem Ton, als werfe er dem

Polizeimann Mangel an Menschenkenntnis vor, und diese seine zwei Worte schienen in

die Unbestimmtheit der Aussage Robinsons eine widerspruchslose Klarheit zu bringen.

»Ist das aber auch wahr?« fragte der Polizeimann schon schwächer. »Und wenn es wahr

ist, warum gibt der Junge vor, entlassen zu sein?«

»Du sollst antworten«, sagte Delamarche.

Karl sah den Polizeimann an, der hier zwischen fremden, nur auf sich selbst bedachten

Leuten Ordnung schaffen sollte, und etwas von seinen allgemeinen Sorgen ging auch auf

Karl über. Er wollte nicht lügen und hielt die Hände fest verschlungen auf dem Rücken.

In dem Tore erschien ein Aufseher und klatschte in die Hände, zum Zeichen, daß die

Gepäckträger wieder an ihre Arbeit gehen sollten. Sie schütteten den Bodensatz aus

ihren Kaffeetöpfen und zogen verstummend mit schwankenden Schritten ins Haus.

»So kommen wir zu keinem Ende«, sagte der Polizeimann und wollte Karl am Arm

fassen. Karl wich unwillkürlich noch ein wenig zurück, fühlte den freien Raum, der sich

ihm infolge des Abmarsches der Gepäckträger eröffnet hatte, wandte sich um und setzte

sich unter einigen großen Anfangssprüngen in Lauf. Die Kinder brachen in einen

einzigen Schrei aus und liefen mit ausgestreckten Ärmchen ein paar Schritte mit.

»Haltet ihn!« rief der Polizeimann die lange, fast leere Gasse hinab und lief unter

gleichmäßigem Ausstoßen dieses Rufes in geräuschlosem, große Kraft und Übung

verratendem Lauf hinter Karl her. Es war ein Glück für Karl, daß die Verfolgung in

einem Arbeiterviertel stattfand. Die Arbeiter halten es nicht mit den Behörden. Karl lief

mitten in der Fahrbahn, weil er dort die wenigsten Hindernisse hatte, und sah nun hie

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und da auf dem Trottoir Arbeiter stehenbleiben und ihn ruhig beobachten, während der

Polizeimann ihnen sein »Haltet ihn!« zurief und in seinem Lauf, er hielt sich klugerweise

auf dem glatten Trottoir, unaufhörlich den Stab gegen Karl hin ausstreckte. Karl hatte

wenig Hoffnung und verlor sie fast ganz, als der Polizeimann nun, da sie sich

Quergassen näherten, die gewiß auch Polizeipatrouillen enthielten, geradezu betäubende

Pfiffe ausstieß. Karls Vorteil war lediglich seine leichte Kleidung, er flog, oder besser

stürzte, die sich immer mehr senkende Straße hinab, nur machte er, zerstreut infolge

seiner Verschlafenheit, oft zu hohe, zeitraubende und nutzlose Sprünge. Außerdem aber

hatte der Polizeimann sein Ziel, ohne nachdenken zu müssen, immer vor Augen, für

Karl dagegen war der Lauf doch eigentlich Nebensache, er mußte nachdenken, unter

verschiedenen Möglichkeiten auswählen, immer neu sich entschließen. Sein etwas

verzweifelter Plan war vorläufig, die Quergassen zu vermeiden, da man nicht wissen

konnte, was in ihnen steckte, vielleicht würde er da geradewegs in eine Wachstube

hineinlaufen; er wollte sich, solange es nur ging, an diese weithin übersichtliche Straße

halten, die erst tief unten in eine Brücke auslief, die, kaum begonnen, in Wasser- und

Sonnendunst verschwand. Gerade wollte er sich nach diesem Entschluß zu schnellerem

Lauf zusammennehmen, um die erste Querstraße besonders eilig zu passieren, da sah er

nicht allzu weit vor sich einen Polizeimann, lauernd an die dunkle Mauer eines im

Schatten liegenden Hauses gedrückt, bereit, im richtigen Augenblick auf Karl

loszuspringen. Jetzt blieb keine Hilfe als die Quergasse, und als er gar aus dieser Gasse

ganz harmlos beim Namen gerufen wurde ­ es schien ihm zwar zuerst eine Täuschung

zu sein, denn ein Sausen hatte er schon die ganze Zeit lang in den Ohren ­, zögerte er

nicht mehr länger und bog, um die Polizeileute möglichst zu überraschen, auf einem Fuß

sich schwenkend, rechtwinklig in diese Gasse ein.

Kaum war er zwei Sprünge weit gekommen ­ daß man seinen Namen gerufen hatte,

hatte er schon wieder vergessen, nun pfiff auch der zweite Polizeimann, man merkte

seine unverbrauchte Kraft, ferne Passanten in dieser Querstraße schienen eine raschere

Gangart anzunehmen ­, da griff aus einer kleinen Haustüre eine Hand nach Karl und

zog ihn mit den Worten »Still sein!« in einen dunklen Flur. Es war Delamarche, ganz

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außer Atem, mit erhitzten Wangen, seine Haare klebten ihm rings um den Kopf. Den

Schlafrock trug er unter dem Arm und war nur mit Hemd und Unterhose bekleidet. Die

Türe, welche nicht das eigentliche Haustor war, sondern nur einen unscheinbaren

Nebeneingang bildete, hatte er gleich geschlossen und versperrt.

»Einen Augenblick«, sagte er dann, lehnte sich mit hochgehaltenem Kopf an die Wand

und atmete schwer. Karl lag fast in seinen Armen und drückte halb besinnungslos das

Gesicht an seine Brust.

»Da laufen die Herren«, sagte Delamarche und streckte den Finger aufhorchend gegen

die Tür. Wirklich liefen jetzt die zwei Polizeileute vorbei, ihr Laufen klang in der leeren

Gasse, wie wenn Stahl gegen Stein geschlagen wird.

»Du bist aber ordentlich hergenommen«, sagte Delamarche zu Karl, der noch immer an

seinem Atem würgte und kein Wort herausbringen konnte. Delamarche setzte ihn

vorsichtig auf den Boden, kniete neben ihm nieder, strich ihm mehrmals über die Stirn

und beobachtete ihn.

»Jetzt geht es schon«, sagte Karl und stand mühsam auf.

»Dann also los«, sagte Delamarche, der seinen Schlafrock wieder angezogen hatte, und

schob Karl, der noch vor Schwäche den Kopf gesenkt hielt, vor sich her. Von Zeit zu

Zeit schüttelte er Karl, um ihn frischer zu machen.

»Du willst müde sein?« sagte er. »Du konntest doch im Freien laufen wie ein Pferd, ich

aber mußte hier durch die verfluchten Gänge und Höfe schleichen. Glücklicherweise bin

ich aber auch ein Läufer.« Vor Stolz gab er Karl einen weit ausgeholten Schlag auf den

Rücken.

»Von Zeit zu Zeit ist ein solches Wettrennen mit der Polizei eine gute Übung.«

»Ich war schon müde, wie ich zu laufen anfing«, sagte Karl.

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»Für schlechtes Laufen gibt es keine Entschuldigung«, sagte Delamarche.

»Wenn ich nicht wäre, hätten sie dich schon längst gefaßt.«

»Ich glaube auch«, sagte Karl.

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet.«

»Kein Zweifel«, sagte Delamarche.

Sie gingen durch einen langen, schmalen Flurgang, der mit dunklen, glatten Steinen

gepflastert war. Hie und da öffnete sich rechts oder links ein Treppenaufgang oder man

erhielt einen Durchblick in einen anderen größeren Flur. Erwachsene waren kaum zu

sehen, nur Kinder spielten auf den leeren Treppen. An einem Geländer stand ein kleines

Mädchen und weinte, daß ihr vor Tränen das ganze Gesicht glänzte. Kaum hatte sie

Delamarche bemerkt, als sie, mit offenem Munde nach Luft schnappend, die Treppe

hinauflief und sich erst hoch oben beruhigte, als sie nach häufigem Umdrehen sich

überzeugt hatte, daß ihr niemand folge oder folgen wolle.

»Die habe ich vor einem Augenblick niedergerannt«, sagte Delamarche lachend und

drohte ihr mit der Faust, worauf sie schreiend weiter hinauflief.

Auch die Höfe, durch die sie kamen, waren fast gänzlich verlassen. Nur hie und da

schob ein Geschäftsdiener einen zweirädrigen Karren vor sich her, eine Frau füllte an

der Pumpe eine Kanne mit Wasser, ein Briefträger durchquerte mit ruhigen Schritten

den ganzen Hof, ein alter Mann mit weißem Schnauzbart saß mit übergeschlagenen

Beinen vor einer Glastür und rauchte eine Pfeife, vor einem Speditionsgeschäft wurden

Kisten abgeladen, die unbeschäftigten Pferde drehten gleichmütig die Köpfe, ein Mann

in einem Arbeitsmantel überwachte mit einem Papier in der Hand die ganze Arbeit; in

einem Büro war das Fenster geöffnet, und ein Angestellter, der an seinem Schreibpult

saß, hatte sich von ihm abgewendet und sah nachdenklich hinaus, wo gerade Karl und

Delamarche vorübergingen.

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»Eine ruhigere Gegend kann man sich gar nicht wünschen«, sagte Delamarche.

»Am Abend ist ein paar Stunden lang großer Lärm, aber während des Tages geht es hier

musterhaft zu.« Karl nickte, ihm schien die Ruhe zu groß zu sein.

»Ich könnte gar nicht anderswo wohnen«, sagte Delamarche, »denn Brunelda verträgt

absolut keinen Lärm. Kennst du Brunelda? Nun, du wirst sie ja sehen. Jedenfalls

empfehle ich dir, dich möglichst still aufzuführen.«

Als sie zu der Treppe kamen, die zur Wohnung Delamarches führte, war das Automobil

bereits weggefahren, und der Bursche mit der zerfressenen Nase meldete, ohne über

Karls Wiedererscheinen irgendwie zu staunen, er habe Robinson die Treppe

hinaufgetragen. Delamarche nickte ihm bloß zu, als sei er sein Diener, der eine

selbstverständliche Pflicht erfüllt habe, und zog Karl, der ein wenig zögerte und auf die

sonnige Straße sah, mit sich die Treppe hinauf. »Wir sind gleich oben«, sagte Delamarche

einige Male während des Treppensteigens, aber seine Voraussage wollte sich nicht

erfüllen, immer wieder setzte sich an eine Treppe eine neue in nur unmerklich

veränderter Richtung an. Einmal blieb Karl sogar stehen, nicht eigentlich vor Müdigkeit,

aber vor Wehrlosigkeit gegenüber dieser Treppenlänge.

»Die Wohnung liegt ja sehr hoch«, sagte Delamarche, als sie weitergingen, »aber auch das

hat seine Vorteile. Man geht sehr selten aus, den ganzen Tag ist man im Schlafrock, wir

haben es sehr gemütlich. Natürlich kommen in diese Höhe auch keine Besuche herauf.«

>Woher sollten denn die Besuche kommen? Treppenabsatz Robinson vor einer geschlossenen Wohnungstür, und nun waren sie

angelangt; die Treppe war noch nicht einmal zu Ende, sondern führte im Halbdunkel

weiter, ohne daß irgend etwas auf ihren baldigen Abschluß hinzudeuten schien.

»Ich habe es mir ja gedacht«, sagte Robinson leise, als bedrückten ihn noch Schmerzen

»Delamarche bringt ihn! Roßmann, was wärest du ohne Delamarche!« Robinson stand in

Unterkleidung da und suchte sich nur, soweit es möglich war, in die kleine Bettdecke

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einzuwickeln, die man ihm aus dem Hotel Occidental mitgegeben hatte; es war nicht

einzusehen, warum er nicht in die Wohnung ging, statt hier vor möglicherweise

vorüberkommenden Leuten sich lächerlich zu machen.

»Schläft sie?« fragte Delamarche.

»Ich glaube nicht«, sagte Robinson, »aber ich habe doch lieber gewartet, bis du kommst.«

»Zuerst müssen wir schauen, ob sie schläft«, sagte Delamarche und beugte sich zum

Schlüsselloch. Nachdem er lange unter verschiedenartigen Kopfdrehungen

hindurchgeschaut hatte, erhob er sich und sagte: »Man sieht sie nicht genau, das Rouleau

ist heruntergelassen. Sie sitzt auf dem Kanapee, aber vielleicht schläft sie.«

»Ist sie denn krank?« fragte Karl, denn Delamarche stand da, als bitte er um Rat. Nun

aber fragte er in scharfem Tone zurück: »Krank?«

»Er kennt sie ja nicht«, sagte Robinson entschuldigend.

Ein paar Türen weiter waren zwei Frauen auf den Korridor getreten, sie wischten die

Hände an ihren Schürzen rein, sahen auf Delamarche und Robinson und schienen sich

über sie zu unterhalten. Aus einer Tür sprang ein noch ganz junges Mädchen mit

glänzendem blondem Haar und schmiegte sich zwischen die zwei Frauen, indem es sich

in ihre Arme einhängte.

»Das sind widerliche Weiber«, sagte Delamarche leise, aber offenbar nur aus Rücksicht

auf die schlafende Brunelda, »nächstens werde ich sie bei der Polizei anzeigen und werde

für Jahre Ruhe vor ihnen haben. Schau nicht hin«, zischte er dann Karl an, der nichts

Böses daran gefunden hatte, die Frauen anzuschauen, wenn man nun schon einmal auf

dem Gang auf das Erwachen Bruneldas warten mußte. Und ärgerlich schüttelte er den

Kopf, als habe er von Delamarche keine Ermahnungen anzunehmen, und wollte, um

dies noch deutlicher zu zeigen, auf die Frauen zugehen, da hielt ihn aber Robinson mit

den Worten »Roßmann, hüte dich!« am Ärmel zurück, und Delamarche, schon durch

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Karl gereizt, wurde über ein lautes Auflachen des Mädchens so wütend, daß er mit

großem Anlauf, Arme und Beine werfend, auf die Frauen zueilte, die jede in ihre Türe

wie weggeweht verschwanden.

»So muß ich hier öfters die Gänge reinigen«, sagte Delamarche, als er mit langsamen

Schritten zurückkehrte; da erinnerte er sich an Karls Widerstand und sagte: »Von dir

aber erwarte ich ein ganz anderes Benehmen, sonst könntest du mit mir schlechte

Erfahrungen machen.«

Da rief aus dem Zimmer eine fragende Stimme in sanftem, müdem Tonfall:

»Delamarche?«

»Ja«, antwortete Delamarche und sah freundlich die Tür an, »können wir eintreten?«

»O ja«, hieß es, und Delamarche öffnete, nachdem er noch die zwei hinter ihm

Wartenden mit einem Blick gestreift hatte, langsam die Tür.

Man trat in vollständiges Dunkel ein. Der Vorhang der Balkontüre, ein Fenster war nicht

vorhanden, war bis zum Boden hinabgelassen und wenig durchscheinend, außerdem

aber trug die Überfüllung des Zimmers mit Möbeln und herumhängenden Kleidern viel

zu seiner Verdunkelung bei. Die Luft war dumpf, und man roch geradezu den Staub, der

sich hier in Winkeln, die offenbar für jede Hand unzugänglich waren, angesammelt hatte.

Das erste, was Karl beim Eintritt bemerkte, waren drei Kasten, die knapp hintereinander

aufgestellt waren.

Auf dem Kanapee lag die Frau, die früher vom Balkon hinuntergeschaut hatte. Ihr rotes

Kleid hatte sich unten ein wenig verzogen und hing in einem großen Zipfel bis auf den

Boden, man sah ihre Beine fast bis zu den Knien, sie trug dicke weiße Wollstrümpfe;

Schuhe hatte sie keine.

»Das ist eine Hitze, Delamarche«, sagte sie, wandte das Gesicht von der Wand, hielt ihre

Hand lässig in Schwebe gegen Delamarche hin, der sie ergriff und küßte. Karl sah nur

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ihr Doppelkinn an, das bei der Wendung des Kopfes auch mitrollte.

»Soll ich den Vorhang vielleicht hinaufziehen lassen?« fragte Delamarche.

»Nur das nicht«, sagte sie mit geschlossenen Augen und wie verzweifelt, »dann wird es ja

noch ärger.«

Karl war zum Fußende des Kanapees getreten, um die Frau genauer anzusehen, er

wunderte sich über ihre Klagen, denn die Hitze war gar nicht außerordentlich.

»Warte, ich werde es dir ein wenig bequem machen«, sagte Delamarche ängstlich, öffnete

oben am Halse ein paar Knöpfe und zog dort das Kleid auseinander, so daß der Hals

und der Ansatz der Brust frei wurde und ein zarter, gelblicher Spitzensaum des Hemdes

erschien.

»Wer ist das«, sagte die Frau plötzlich und zeigte mit dem Finger auf Karl »warum starrt

er mich so an?«

»Du fängst bald an, dich nützlich zu machen«, sagte Delamarche und schob Karl

beiseite, während er die Frau mit den Worten beruhigte: »Es ist nur der Junge, den ich

zu deiner Bedienung mitgebracht habe.«

»Aber ich will doch niemanden haben!« rief sie.

»Warum bringst du mir fremde Leute in die Wohnung?«

»Aber die ganze Zeit wünschst du dir doch eine Bedienung«, sagte Delamarche und

kniete nieder; auf dem Kanapee war trotz seiner großen Breite neben Brunelda nicht der

geringste Platz.

»Ach, Delamarche«, sagte sie, »du verstehst mich nicht und verstehst mich nicht.«

»Dann verstehe ich dich also wirklich nicht«, sagte Delamarche und nahm ihr Gesicht

zwischen beide Hände.

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»Aber es ist ja nichts geschehen, wenn du willst, geht er augenblicklich fort.«

»Wenn er schon einmal hier ist, soll er bleiben«, sagte sie nun wieder, und Karl war ihr in

seiner Müdigkeit für diese vielleicht gar nicht freundlich gemeinten Worte so dankbar,

daß er, immer in undeutlichen Gedanken an diese endlose Treppe, die er nun vielleicht

gleich wieder hätte abwärtssteigen müssen, über den auf seiner Decke friedlich

schlafenden Robinson hinwegtrat und trotz allem ärgerlichen Händefuchteln

Delamarches sagte: »Ich danke Ihnen jedenfalls dafür, daß Sie mich noch ein wenig hier

lassen wollen. Ich habe wohl schon vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, dabei

genug gearbeitet und verschiedene Aufregungen gehabt. Ich bin schrecklich müde. Ich

weiß gar nicht recht, wo ich bin. Wenn ich aber ein paar Stunden geschlafen habe,

können Sie mich ohne Rücksichtnahme fortschicken, und ich werde gerne gehen.«

»Du kannst überhaupt hierbleiben«, sagte die Frau und fügte ironisch hinzu, »Platz

haben wir ja in Überfluß, wie du siehst.«

»Du mußt also fortgehen«, sagte Delamarche, »wir können dich nicht brauchen.«

»Nein, er soll bleiben«, sagte die Frau nun wieder im Ernste. Und Delamarche sagte zu

Karl wie in Ausführung dieses Wunsches: »Also leg dich schon irgendwo hin.«

»Er kann sich auf die Vorhänge legen, aber er muß sich die Stiefel ausziehen, damit er

nichts zerreißt.«

Delamarche zeigte Karl den Platz, den sie meinte. Zwischen der Türe und den drei

Schränken war ein großer Haufen von verschiedenartigsten Fenstervorhängen

hingeworfen. Wenn man alle regelmäßig zusammengefaltet, die schweren zu unterst und

weiter hinauf die leichteren gelegt und schließlich die verschiedenen in den Haufen

gesteckten Bretter und Holzringe herausgezogen hätte, so wäre es ein erträgliches Lager

geworden, so war es nur eine schaukelnde und gleitende Masse, auf die sich aber Karl

trotzdem augenblicklich legte, denn zu besonderen Schlafvorbereitungen war er zu müde

und mußte sich auch mit Rücksicht auf seine Gastgeber hüten, viel Umstände zu

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machen.

Er war schon fast im eigentlichen Schlaf, da hörte er einen lauten Schrei, erhob sich und

sah die Brunelda aufrecht auf dem Kanapee sitzen, die Arme weit ausbreiten und

Delamarche, der vor ihr kniete, umschlingen. Karl, dem der Anblick peinlich war, lehnte

sich wieder zurück und versenkte sich in die Vorhänge zur Fortsetzung des Schlafes.

Daß er es hier auch nicht zwei Tage aushalten würde, schien ihm klar zu sein, desto

nötiger aber war es, sich zuerst gründlich auszuschlafen, um sich dann bei völligem

Verstande schnell und richtig entschließen zu können.

Aber Brunelda hatte schon Karls vor Müdigkeit groß aufgerissene Augen, die sie schon

einmal erschreckt hatten, bemerkt und rief: »Delamarche, ich halte es vor Hitze nicht

aus, ich brenne, ich muß mich ausziehen, ich muß baden, schick die beiden aus dem

Zimmer, wohin du willst, auf den Gang, auf den Balkon, nur daß ich sie nicht mehr

sehe! Man ist in seiner eigenen Wohnung, und immerfort gestört. Wenn ich mit dir allein

wäre, Delamarche! Ach Gott, sie sind noch immer da! Wie dieser unverschämte

Robinson sich in Gegenwart einer Dame in seiner Unterkleidung streckt. Und wie dieser

fremde Junge, der mich vor einem Augenblick ganz wild angeschaut hat, sich wieder

gelegt hat, um mich zu täuschen! Nur weg mit ihnen, Delamarche, sie sind mir eine Last,

sie liegen mir auf der Brust, wenn ich jetzt umkomme, ist es ihretwegen.«

»Sofort sind sie draußen, zieh dich nur aus«, sagte Delamarche, ging zu Robinson hin

und schüttelte ihn mit dem Fuß, den er ihm auf die Brust setzte. Gleichzeitig rief er Karl

zu: »Roßmann, aufstehen! Ihr müßt beide auf den Balkon! Und wehe euch, wenn ihr

hereinkommt, ehe man euch ruft! Und jetzt flink, Robinson« ­ dabei schüttelte er

Robinson stärker ­ »und du, Roßmann, gib acht, daß ich nicht auch über dich komme«,

dabei klatschte er laut zweimal in die Hände.

»Wie lang das dauert!« rief Brunelda auf dem Kanapee, sie hatte beim Sitzen die Beine

weit auseinandergestellt, um ihrem übermäßig dicken Körper mehr Raum zu

verschaffen, nur mit größter Anstrengung, unter vielem Schnappen und häufigem

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Ausruhen, konnte sie sich so weit bücken, um ihre Strümpfe am obersten Ende zu

fassen und ein wenig hinunterzuziehen, gänzlich ausziehen konnte sie sich nicht, das

mußte Delamarche besorgen, auf den sie nun ungeduldig wartete.

Ganz stumpf vor Müdigkeit war Karl von dem Haufen hinuntergekrochen und ging

langsam zur Balkontüre, ein Stück Vorhangstoff hatte sich ihm um den Fuß gewickelt,

und er schleppte es gleichgültig mit. In seiner Zerstreutheit sagte er sogar, als er an

Brunelda vorüberkam: »Ich wünsche gute Nacht« und wanderte dann an Delamarche

vorbei, der den Vorhang der Balkontüre ein wenig beiseite zog, auf den Balkon hinaus.

Gleich hinter Karl kam Robinson, wohl nicht minder schläfrig, denn er summte vor sich

hin: »Immerfort malträtiert man einen! Wenn Brunelda nicht mitkommt, gehe ich nicht

auf den Balkon.« Aber trotz dieser Versicherung ging er ohne jeden Widerstand hinaus,

wo er sich, da Karl schon in den Lehnstuhl gesunken war, sofort auf den Steinboden

legte.

Als Karl erwachte, war es schon Abend, die Sterne standen schon am Himmel, hinter

den hohen Häusern der gegenüberliegenden Straßenseite stieg der Schein des Mondes

empor. Erst nach einigem Umherschauen in der unbekannten Gegend, einigem

Aufatmen in der kühlen, erfrischenden Luft wurde sich Karl dessen bewußt, wo er war.

Wie unvorsichtig war er gewesen, alle Ratschläge der Oberköchin, alle Warnungen

Theresens, alle eigenen Befürchtungen hatte er vernachlässigt, saß hier ruhig auf dem

Balkon Delamarches und hatte hier gar den halben Tag verschlafen, als sei nicht hier

hinter dem Vorhang Delamarche, sein großer Feind. Auf dem Boden wand sich der

faule Robinson und zog Karl am Fuße, er schien ihn auch auf diese Weise geweckt zu

haben, denn er sagte: »Du hast einen Schlaf, Roßmann! Das ist die sorglose Jugend. Wie

lange willst du denn noch schlafen? Ich hätte dich ja noch schlafen lassen, aber erstens

ist es mir da auf dem Boden zu langweilig und zweitens habe ich einen großen Hunger.

Ich bitte dich, steh ein wenig auf, ich habe da unten, im Sessel drin, etwas zum Essen

aufgehoben, ich möchte es gern herausziehen. Du bekommst dann auch etwas.« Und

Karl, der aufstand, sah nun zu, wie Robinson, ohne aufzustehen, sich auf dem Bauch

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herüberwälzte und mit aus gestreckten Händen unter dem Sessel eine versilberte Schale

hervorzog, wie sie etwa zum Aufbewahren von Visitenkarten dient. Auf dieser Schale lag

aber eine halbe, ganz schwarze Wurst, einige dünne Zigaretten, eine geöffnete, aber noch

gut gefüllte und von Öl überfließende Sardinenbüchse und eine Menge meist zerdrückter

und zu einem Ballen gewordener Bonbons. Dann erschien noch ein großes Stück Brot

und eine Art Parfümflasche, die aber etwas anderes als Parfüm zu enthalten schien, denn

Robinson zeigte mit besonderer Genugtuung auf sie und schnalzte zu Karl hinauf.

»Siehst du, Roßmann«, sagte Robinson, während er Sardine nach Sardine

hinunterschlang und hie und da die Hände vom Öl an einem Wolltuch reinigte, das

offenbar Brunelda auf dem Balkon vergessen hatte. »Siehst du, Roßmann, so muß man

sich sein Essen aufheben, wenn man nicht verhungern will. Du, ich bin ganz beiseite

geschoben. Und wenn man immerfort als Hund behandelt wird denkt man schließlich,

man ist′s wirklich. Gut daß du da bist, Roßmann, ich kann wenigstens mit jemandem

reden. Im Hause spricht ja niemand mit mir. Wir sind verhaßt. Und alles wegen der

Brunelda. Sie ist ja natürlich ein prächtiges Weib. Du-« und er winkte Karl zu sich herab,

um ihm zuzuflüstern, ­ »ich habe sie einmal nackt gesehen. O!« Und in der Erinnerung

an diese Freude fing er an, Karls Beine zu drücken und zu schlagen, bis Karl ausrief:

»Robinson, du bist ja verrückt«, seine Hände packte und zurückstieß.

»Du bist eben noch ein Kind, Roßmann«, sagte Robinson, zog einen Dolch, den er an

einer Halsschnur trug, unter dem Hemd hervor, nahm die Dolchkappe ab und zerschnitt

die harte Wurst. »Du mußt noch viel zulernen. Bist aber bei uns an der richtigen Quelle.

Setz dich doch. Willst du nicht auch etwas essen? Nun, vielleicht bekommst du Appetit,

wenn du mir zuschaust. Trinken willst du auch nicht, Du willst aber rein gar nichts. Und

gesprächig bist du gerade auch nicht besonders. Aber es ist ganz gleichgültig, mit wem

man auf dem Balkon ist, wenn nur überhaupt jemand da ist. Ich bin nämlich sehr oft auf

dem Balkon. Das macht der Brunelda solchen Spaß. Es muß ihr nur etwas einfallen,

einmal ist es ihr kalt, einmal heiß, einmal will sie schlafen, einmal will sie sich kämmen,

einmal will sie das Mieder öffnen, einmal will sie es anziehen, und da werde ich immer

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auf den Balkon geschickt. Manchmal tut sie wirklich das, was sie sagt, aber meistens liegt

sie nur so wie früher auf dem Kanapee und rührt sich nicht. Früher habe ich öfters den

Vorhang so ein wenig weggezogen und durchgeschaut, aber seit einmal Delamarche bei

einer solchen Gelegenheit ­ ich weiß genau, daß er es nicht wollte, sondern es nur auf

Bruneldas Bitte tat ­ mir mit der Peitsche einige Male ins Gesicht geschlagen hat ­ siehst

du die Striemen? ­, wage ich nicht mehr, durchzuschauen. Und so liege ich dann hier auf

dem Balkon und habe kein Vergnügen außer essen. Vorgestern, wie ich des Abends so

allein gelegen bin, damals war ich noch in meinen eleganten Kleidern, die ich leider in

deinem Hotel verloren habe ­ diese Hunde; reißen einem die teueren Kleider vom Leib!

­ wie ich also da so allein gelegen bin und durch das Geländer hinuntergeschaut habe,

war mir alles so traurig und ich habe zu heulen angefangen. Da ist zufällig, ohne daß ich

es gleich bemerkt habe, die Brunelda zu mir herausgekommen in dem roten Kleid ­ das

paßt ihr doch von allen am besten ­, hat mir ein wenig zugeschaut und hat endlich

gesagt: >Robinson warum weinst du? dem Saum die Augen abgewischt. Wer weiß, was sie noch getan hätte, wenn nicht

Delamarche nach ihr gerufen hätte und sie nicht sofort wieder ins Zimmer hätte

hineingehen müssen. Natürlich habe ich gedacht, jetzt sei die Reihe an mir, und habe

durch den Vorhang gefragt, ob ich schon ins Zimmer darf. Und was meinst du, hat die

Brunelda gesagt: >Nein!Was fäl t dir ein? »Warum bleibst du denn hier, wenn man dich so behandelt?« fragte Karl.

»Verzeih, Roßmann, du fragst nicht sehr gescheit«, antwortete Robinson. »Du wirst

schon auch noch hier bleiben, und wenn man dich noch ärger behandelt. Übrigens

behandelt man mich gar nicht so arg.«

»Nein«, sagte Karl, »ich gehe bestimmt weg, und womöglich noch heute abend. Ich

bleibe nicht bei euch.«

»Wie willst du denn zum Beispiel das anstellen, heute abend wegzugehen?« fragte

Robinson, der das Weiche aus dem Brot herausgeschnitten hatte und sorgfältig in dem

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Öl der Sardinenbüchse tränkte. »Wie willst du weggehen, wenn du nicht einmal ins

Zimmer hineingehen darfst?«

»Warum dürfen wir denn nicht hineingehen?«

»Nun, solange es nicht geläutet hat, dürfen wir nicht hineingehen«, sagte Robinson, der

mit möglichst weit geöffnetem Munde das fette Brot verspeiste, während er mit einer

Hand das vom Brot herabtropfende Öl auffing, um von Zeit zu Zeit das noch übrige

Brot in diese, als Reservoir dienende, hohle Hand zu tauchen. »Es ist hier alles strenger

geworden. Zuerst war da nur ein dünner Vorhang, man hat zwar nicht durchgesehen,

aber am Abend hat man doch die Schatten erkannt. Das war der Brunelda unangenehm,

und da habe ich einen ihrer Theatermäntel zu einem Vorhang umarbeiten und statt des

alten Vorhanges hier aufhängen müssen. Jetzt sieht man gar nichts mehr. Dann habe ich

früher immer fragen dürfen, ob ich schon hineingehen darf, und man hat mir, je nach

den Umständen, ja oder nein geantwortet, aber dann habe ich das wahrscheinlich zu sehr

ausgenützt und zu oft gefragt. Brunelda konnte das nicht ertragen ­ und sie ist trotz

ihrer Dicke sehr schwach veranlagt, Kopfschmerzen hat sie oft und Gicht in den Beinen

fast immer ­ und so wurde bestimmt, daß ich nicht mehr fragen darf, sondern daß,

wenn ich hineingehen kann, auf die Tischglocke gedrückt wird. Das gibt ein solches

Läuten, daß es mich selbst aus dem Schlafe weckt ­ ich habe einmal eine Katze zu

meiner Unterhaltung hier gehabt, die ist vor Schrecken über dieses Läuten weggelaufen

und nicht mehr zurückgekommen; also, geläutet hat es heute noch nicht, wenn es

nämlich läutet, dann darf ich nicht nur, sondern muß hineingehen ­ und wenn es einmal

so lange nicht läutet, dann kann es noch sehr lange dauern.«

»Ja«, sagte Karl, »aber was für dich gilt, muß doch noch nicht für mich gelten. Überhaupt

gilt so etwas nur für den, der es sich gefallen läßt.«

»Aber«, rief Robinson, »warum sollte denn das nicht auch für dich gelten?

Selbstverständlich gilt es auch für dich. Warte hier nur ruhig mit mir, bis es läutet. Dann

kannst du ja versuchen, ob du wegkommst.«

204


»Warum gehst du denn eigentlich nicht fort von hier? Nur deshalb, weil Delamarche

dein Freund ist oder, besser, war. Ist denn das ein Leben? Wäre es da nicht in Butterford

besser, wohin ihr zuerst wolltet? Oder gar in Kalifornien, wo du Freunde hast?«

»Ja«, sagte Robinson, »das konnte niemand voraussehen.« Und ehe er weiter erzählte,

sagte er noch: »Auf dein Wohl, lieber Roßmann« und nahm einen langen Zug aus der

Parfümflasche. »Wir waren ja damals, wie du uns so gemein hast sitzenlassen, sehr

schlecht daran. Arbeit konnten wir in den ersten Tagen keine bekommen, Delamarche

übrigens wollte keine Arbeit, er hätte sie schon bekommen, sondern schickte nur immer

mich auf die Suche, und ich habe kein Glück. Er hat sich nur so herumgetrieben, aber es

war schon fast Abend, da hatte er nur ein Damenportemonnaie mitgebracht. Es war

zwar sehr schön, aus Perlen, jetzt hat er es der Brunelda geschenkt, aber es war fast

nichts darin. Dann sagte er, wir sollten in die Wohnungen betteln gehen, bei dieser

Gelegenheit kann man natürlich manches Brauchbare finden, wir sind also betteln

gegangen, und ich habe, damit es besser aussieht, vor den Wohnungstüren gesungen.

Und wie schon Delamarche immer Glück hat, kaum sind wir vor der zweiten Wohnung

gestanden, einer sehr reichen Wohnung im Parterre, und haben an der Tür der Köchin

und dem Diener etwas vorgesungen, da kommt die Dame, der diese Wohnung gehört,

eben Brunelda, die Treppe herauf. Sie war vielleicht zu stark geschnürt und konnte die

paar Stufen gar nicht heraufkommen. Aber wie schön sie ausgesehen hat, Roßmann! Sie

hat ein ganz weißes Kleid mit einem roten Sonnenschirm gehabt. Zum Ablecken war sie.

Zum Austrinken war sie. Ach Gott, ach Gott, war sie schön. So ein Frauenzimmer!

Nein, sag mir nur, wie kann es so ein Frauenzimmer geben? Natürlich ist das Mädchen

und der Diener ihr gleich entgegengelaufen und haben sie fast hinaufgetragen. Wir sind

rechts und links von der Tür gestanden und haben salutiert, das macht man hier so. Sie

ist ein wenig stehengeblieben, weil sie noch immer nicht genug Atem hatte, und nun

weiß ich nicht, wie das eigentlich geschehen ist, ich war durch das Hungern nicht ganz

bei Verstand, und sie war eben in der Nähe noch schöner und riesig breit und infolge

eines besonderen Mieders, ich kann es dir dann im Kasten zeigen, überall so fest; kurz,

ich habe sie ein bißchen hinten angerührt, aber ganz leicht, weißt du, nur so angerührt.

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Natürlich kann man das nicht dulden, daß ein Bettler eine reiche Dame anrührt. Es war

ja fast keine Berührung, aber schließlich war es eben doch eine Berührung. Wer weiß,

wie schlimm das ausgefallen wäre, wenn mir nicht Delamarche sofort eine Ohrfeige

gegeben hätte, und zwar eine solche Ohrfeige, daß ich sofort meine beiden Hände für

die Wange brauchte.«

»Was ihr getrieben habt!« sagte Karl, von der Geschichte ganz gefangen genommen, und

setzte sich auf den Boden. »Das war also Brunelda?«

»Nun ja«, sagte Robinson, »das war Brunelda.«

»Sagtest du nicht einmal, daß sie eine Sängerin ist?« fragte Karl.

»Freilich ist sie eine Sängerin, und eine große Sängerin«, antwortete Robinson, der eine

große Bonbonmasse auf der Zunge wälzte und hie und da ein Stück, das aus dem Mund

gedrängt wurde, mit dem Finger wieder zurückdrückte. »Aber das wußten wir natürlich

damals noch nicht, wir sahen nur, daß es eine reiche und sehr feine Dame war. Sie tat,

als wäre nichts geschehen, und vielleicht hatte sie auch nichts gespürt, denn ich hatte sie

tatsächlich nur mit den Fingerspitzen angetippt. Aber immerfort hat sie den Delamarche

angesehen, der ihr wieder ­ wie er das schon trifft ­ gerade in die Augen zurückgeschaut

hat. Darauf hat sie zu ihm gesagt: >Komm mal auf ein Weilchen hinein Sonnenschirm in die Wohnung gezeigt, wohin Delamarche ihr vorangehen sollte. Dann

sind sie beide hineingegangen, und die Dienerschaft hat hinter ihnen die Tür zugemacht.

Mich haben sie draußen vergessen, und da habe ich gedacht, es wird nicht gar so lange

dauern, und habe mich auf die Treppe gesetzt, um Delamarche zu erwarten. Aber statt

Delamarches ist der Diener heraus gekommen und hat mir eine ganze Schüssel Suppe

herausgebracht. >Eine Aufmerksamkeit Delamarches! noch, während ich aß, ein Weilchen bei mir stehen und erzählte mir einiges über

Brunelda, und da habe ich gesehen, welche Bedeutung der Besuch bei Brunelda für uns

haben könnte. Denn Brunelda war eine geschiedene Frau, hatte ein großes Vermögen

und war vollständig selbständig! Ihr früherer Mann, ein Kakaofabrikant, liebte sie zwar

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noch immer, aber sie wollte von ihm nicht das geringste hören. Er kam sehr oft in die

Wohnung, immer sehr elegant, wie zu einer Hochzeit, angezogen ­ das ist Wort für

Wort wahr, ich kenne ihn selbst ­, aber der Diener wagte trotz der größten Bestechung

nicht, Brunelda zu fragen, ob sie ihn empfangen wollte, denn er hatte schon einige Male

gefragt, und immer hatte ihm Brunelda das, was sie gerade bei der Hand hatte, ins

Gesicht geworfen. Einmal sogar ihre große gefüllte Wärmflasche, und mit der hatte sie

ihm einen Vorderzahn ausgeschlagen. Ja, Roßmann, da schaust du!«

»Woher kennst du den Mann?« fragte Karl.

»Er kommt manchmal auch herauf«, sagte Robinson.

»Herauf?« Karl schlug vor Staunen leicht mit der Hand auf den Boden.

»Du kannst ruhig staunen«, fuhr Robinson fort, »selbst ich habe gestaunt, wie mir das

der Diener damals erzählt hat. Denk nur, wenn Brunelda nicht zu Hause war, hat sich

der Mann von dem Diener in ihre Zimmer führen lassen und immer eine Kleinigkeit als

Andenken mitgenommen und immer etwas sehr Teueres und Feines für Brunelda

zurückgelassen und dem Diener streng verboten zu sagen, von wem es ist. Aber einmal,

als er etwas ­ wie der Diener sagte und ich glaube es ­ geradezu Unbezahlbares aus

Porzellan mitgebracht hatte, muß Brunelda es irgendwie erkannt haben, hat es sofort auf

den Boden geworfen, ist darauf herumgetreten, hat es angespuckt und noch einiges

andere damit gemacht, so daß es der Diener vor Ekel kaum hinaustragen konnte.«

»Was hat ihr denn der Mann getan?« fragte Karl.

»Das weiß ich eigentlich nicht«, sagte Robinson. »Ich glaube aber, nichts Besonderes,

wenigstens weiß er es selbst nicht. Ich habe ja schon manchmal mit ihm darüber

gesprochen. Er erwartet mich täglich dort an der Straßenecke, wenn ich komme, so muß

ich ihm Neuigkeiten erzählen; kann ich nicht kommen, wartet er eine halbe Stunde und

geht dann wieder weg. Es war für mich ein guter Nebenverdienst, denn er bezahlte die

Nachrichten sehr vornehm, aber seit Delamarche davon erfahren hat, muß ich ihm alles

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abliefern, und so gehe ich seltener hin.«

»Aber was will der Mann haben?« fragte Karl. »Was will er denn haben? Er hört doch, sie

will ihn nicht.«

»Ja«, seufzte Robinson, zündete sich eine Zigarette an und blies unter großen

Armschwenkungen den Rauch in die Höhe. Dann schien er sich anders zu entschließen

und sagte: »Was kümmert das mich? Ich weiß nur, er würde viel Geld dafür geben, wenn

er so hier auf dem Balkon liegen dürfte wie wir.«

Karl stand auf, lehnte sich ans Geländer und sah auf die Straße hinunter. Der Mond war

schon sichtbar, in die Tiefe der Gasse drang sein Licht aber noch nicht. Die am Tag so

leere Gasse war, besonders vor den Haustoren, gedrängt voll von Menschen, alle waren

in langsamer, schwerfälliger Bewegung, die Hemdärmel der Männer, die hellen Kleider

der Frauen hoben sich schwach vom Dunkel ab, alle waren ohne Kopfbedeckung. Die

vielen Balkone ringsum waren nun insgesamt besetzt, dort saßen beim Licht einer

Glühlampe die Familien, je nach der Größe des Balkons, um einen kleinen Tisch herum

oder bloß auf Sesseln in einer Reihe oder sie steckten wenigstens die Köpfe aus dem

Zimmer hervor. Die Männer saßen breitbeinig da, die Füße zwischen den

Geländerstangen hinausgestreckt, und lasen Zeitungen, die fast bis auf den Boden

reichten, oder spielten Karten, scheinbar stumm, aber unter starken Schlägen auf die

Tische, die Frauen hatten den Schoß voll Näharbeit und erübrigten nur hie und da einen

kurzen Blick für ihre Umgebung oder für die Straße. Eine blonde, schwache Frau auf

dem benachbarten Balkon gähnte immerfort, verdrehte dabei die Augen und hob immer

vor den Mund ein Wäschestück, das sie gerade flickte; selbst auf den kleinsten Balkonen

verstanden es die Kinder, einander zu jagen, was den Eltern sehr lästig fiel. Im Inneren

vieler Zimmer waren Grammophone aufgestellt und bliesen Gesang oder

Orchestralmusik hervor, man kümmerte sich nicht besonders um diese Musik, nur hie

und da gab der Familienvater einen Wink, und irgend jemand eilte ins Zimmer hinein,

um eine neue Platte einzulegen. An manchen Fenstern sah man vollständig

bewegungslose Liebespaare, an einem Fenster Karl gegenüber stand ein solches Paar

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aufrecht, der junge Mann hatte seinen Arm um das Mädchen gelegt und drückte mit der

Hand ihre Brust.

»Kennst du jemanden von den Leuten hier nebenan?« fragte Karl Robinson, der nun

auch aufgestanden war, und, weil es ihn fröstelte, außer der Bettdecke auch noch die

Decke Bruneldas um sich gewickelt hielt.

»Fast niemanden, das ist ja eben das Schlimme an meiner Stellung«, sagte Robinson und

zog Karl näher zu sich, um ihm ins Ohr flüstern zu können, »sonst hätte ich mich

augenblicklich nicht gerade zu beklagen. Die Brunelda hat ja Delamarches wegen alles,

was sie hatte, verkauft und ist mit all ihren Reichtümern hierher in diese

Vorstadtwohnung gezogen, damit sie sich ihm ganz widmen kann und damit sie

niemand stört, übrigens war das auch der Wunsch Delamarches.« »Und die Dienerschaft

hat sie entlassen?« fragte Karl.

»Ganz richtig«, sagte Robinson. »Wo sollte man auch die Dienerschaft hier

unterbringen? Diese Diener sind ja sehr anspruchsvolle Herren. Einmal hat Delamarche

bei der Brunelda einen solchen Diener einfach mit Ohrfeigen aus dem Zimmer

getrieben, da ist eine nach der andern geflogen, bis der Mann draußen war. Natürlich

haben die anderen Diener sich mit ihm vereinigt und vor der Tür Lärm gemacht, da ist

Delamarche herausgekommen (ich war damals nicht Diener, sondern Hausfreund, aber

doch war ich mit den Dienern beisammen) und hat gefragt: >Was wollt ihr? Diener, ein gewisser Isidor, hat daraufhin gesagt: >Sie haben mit uns nichts zu reden,

unsere Herrin ist die gnädige Frau. sehr verehrt. Aber Brunelda ist, ohne sich um sie zu kümmern, zu Delamarche gelaufen,

sie war damals doch noch nicht so schwer wie jetzt, hat ihn vor allen umarmt, geküßt

und >Liebster DelamarcheUnd schick doch schon diese Affen weg endlich gesagt. Affen ­ das sollten die Diener sein; stell dir die Gesichter vor, die sie da

machten. Dann hat die Brunelda die Hand Delamarches zu ihrer Geldtasche hingezogen,

die sie am Gürtel trug, Delamarche hat hineingegriffen und also angefangen, die Diener

auszuzahlen; die Brunelda hat sich nur dadurch an der Auszahlung beteiligt, daß sie mit

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der offenen Geldtasche im Gürtel dabei gestanden ist. Delamarche mußte oft

hineingreifen, denn er verteilte das Geld, ohne zu zählen und ohne die Forderungen zu

prüfen. Schließlich sagte er: >Da ihr also mit mir nicht reden wollt, sage ich euch nur im

Namen Bruneldas: Packt euch, aber sofort. noch einige Prozesse, Delamarche mußte sogar einmal zu Gericht, aber davon weiß ich

nichts Genaueres. Nur gleich nach dem Abschied der Diener hat Delamarche zu

Brunelda gesagt: >Jetzt hast du also keine Dienerschaft?Aber da ist ja

Robinson. Achsel gegeben: >Also gut, du wirst unser Diener sein. die Wange geklopft. Wenn sich die Gelegenheit findet, Roßmann, laß dir auch einmal

von ihr auf die Wange klopfen. Du wirst staunen, wie schön das ist.«

»Du bist also Delamarches Diener geworden?« sagte Karl zusammenfassend.

Robinson hörte das Bedauern aus der Frage heraus und antwortete: »Ich bin Diener,

aber das bemerken nur wenige Leute. Du siehst, du selbst wußtest es nicht, obwohl du

doch schon ein Weilchen bei uns bist. Du hast ja gesehen, wie ich in der Nacht bei euch

im Hotel angezogen war. Das Feinste vom Feinen hatte ich an. Gehen Diener so

angezogen? Nur ist eben die Sache die, daß ich nicht oft weggehen darf, ich muß immer

bei der Hand sein, in der Wirtschaft ist eben immer etwas zu tun. Eine Person ist eben

zu wenig für die viele Arbeit. Wie du vielleicht bemerkt hast, haben wir sehr viele Sachen

im Zimmer herumstehen; was wir eben bei dem großen Auszug nicht verkaufen

konnten, haben wir mitgenommen. Natürlich hätte man es wegschenken können, aber

Brunelda schenkt nichts weg. Denk dir nur, welche Arbeit es gegeben hat, diese Sachen

die Treppe heraufzutragen.« »Robinson, du hast das alles heraufgetragen?« rief Karl.

»Wer denn sonst?« sagte Robinson. »Es war noch ein Hilfsarbeiter da, ein faules Luder;

ich habe die meiste Arbeit allein machen müssen. Brunelda ist unten beim Wagen

gestanden, Delamarche hat oben angeordnet, wohin die Sachen zu legen sind, und ich

bin immerfort hin und her gelaufen. Es hat zwei Tage gedauert, sehr lange, nicht wahr?

Aber du weißt ja gar nicht, wieviel Sachen hier im Zimmer sind, alle Kasten sind voll

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und hinter den Kasten ist alles vol gestopft bis zur Decke hinauf. Wenn man ein paar

Leute für den Transport aufgenommen hätte; wäre ja alles bald fertig gewesen, aber

Brunelda wollte es niemandem außer mir anvertrauen. Das war ja sehr schön, aber ich

habe damals meine Gesundheit für mein ganzes Leben verdorben, und was habe ich

denn sonst gehabt als meine Gesundheit? Wenn ich mich nur ein wenig anstrenge, sticht

es mich hier und hier und hier. Glaubst du, diese Jungen im Hotel, diese Grasfrösche ­

was sind sie denn sonst? ­ hätten mich jemals besiegen können, wenn ich gesund wäre?

Aber was mir auch fehlen sollte, dem Delamarche und der Brunelda sage ich kein Wort,

ich werde arbeiten, solange es gehen wird, und wenn es nicht mehr gehen wird, werde

ich mich hinlegen und sterben, und dann erst, zu spät, werden sie sehen, daß ich krank

gewesen bin und trotzdem immerfort und immerfort weitergearbeitet und mich in ihren

Diensten zu Tode gearbeitet habe. Ach Roßmann-«, sagte er schließlich und trocknete

die Augen an Karls Hemdärmel. Nach einem Weilchen sagte er: »Ist dir denn nicht kalt,

du stehst da so im Hemd?«

»Geh, Robinson«, sagte Karl, »immerfort weinst du. Ich glaube nicht, daß du so krank

bist. Du siehst ganz gesund aus, aber weil du immerfort da auf dem Balkon liegst, hast

du dir so Verschiedenes ausgedacht. Du hast vielleicht manchmal einen Stich in der

Brust, das habe ich auch, das hat jeder. Wenn alle Menschen wegen jeder Kleinigkeit so

weinen wollten wie du, müßten die Leute auf allen Balkonen weinen.«

»Ich weiß es besser«, sagte Robinson und wischte nun die Augen mit dem Zipfel seiner

Decke. »Der Student, der nebenan bei der Vermieterin wohnt, die auch für uns kochte,

hat mir letzthin, als ich das Eßgeschirr zurückbrachte, gesagt: >Hören Sie einmal,

Robinson, sind Sie nicht krank? ich nur das Geschirr hingelegt und wollte weggehen. Da ist er zu mir gegangen und hat

gesagt: >Hören Sie, Mann, treiben Sie die Sache nicht zum Äußersten, Sie sind krank.Ja

also, ich bitte, was soll ich denn machen?Das ist Ihre Sache gesagt und hat sich umgedreht. Die anderen dort bei Tisch haben gelacht, wir haben ja

hier überall Feinde, und so bin ich lieber weggegangen.«

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»Also Leuten, die dich zum Narren halten, glaubst du, und Leuten, die es gut mit dir

meinen, glaubst du nicht.«

»Aber ich muß doch wissen, wie mir ist«, fuhr Robinson auf, kehrte aber gleich wieder

zum Weinen zurück.

»Du weißt eben nicht, was dir fehlt, du solltest irgendeine ordentliche Arbeit für dich

suchen, statt hier Delamarches Diener zu machen. Denn soweit ich nach deinen

Erzählungen und nach dem, was ich selbst gesehen habe, urteilen kann, ist das hier kein

Dienst, sondern eine Sklaverei. Das kann kein Mensch ertragen, das glaube ich dir. Du

aber denkst, weil du Delamarches Freund bist, darfst du ihn nicht verlassen. Das ist

falsch; wenn er nicht einsieht, was für ein elendes Leben du führst, so hast du ihm

gegenüber nicht die geringsten Verpflichtungen mehr.«

»Du glaubst also wirklich, Roßmann, daß ich mich wieder erholen werde, wenn ich das

Dienen hier aufgebe?«

»Gewiß«, sagte Karl.

»Gewiß?« fragte nochmals Robinson. »Ganz gewiß«, sagte Karl lächelnd.

»Dann könnte ich ja gleich anfangen, mich zu erholen«, sagte Robinson und sah Karl an.

»Wieso denn?« fragte dieser.

»Nun, weil du doch meine Arbeit hier übernehmen sollst«, antwortete Robinson.

»Wer hat dir denn das gesagt?« fragte Karl.

»Das ist doch ein alter Plan. Davon wird ja schon seit einigen Tagen gesprochen. Es hat

damit angefangen, daß Brunelda mich ausgezankt hat, weil ich die Wohnung nicht

sauber genug halte. Natürlich habe ich versprochen, daß ich alles gleich in Ordnung

bringen werde. Nun, das ist aber sehr schwer. Ich kann zum Beispiel in meinem Zustand

nicht überallhin kriechen, um den Staub wegzuwischen, man kann sich schon in der

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Mitte des Zimmers nicht rühren, wie erst dort zwischen den Möbeln und den Vorräten?

Und wenn man alles genau reinigen will, muß man doch auch die Möbel von ihrem Platz

wegschieben, und das soll ich allein machen? Außerdem müßte das alles ganz leise

geschehen, weil doch Brunelda, die ja das Zimmer kaum verläßt, nicht gestört werden

darf. Ich habe also zwar versprochen, daß ich alles rein machen werde, aber rein

gemacht habe ich es tatsächlich nicht. Als Brunelda das bemerkt hat, hat sie zu

Delamarche gesagt, daß das nicht so weitergeht und daß man noch eine Hilfskraft wird

aufnehmen müssen. >Ich will nicht, Delamarchedaß du mir einmal

Vorwürfe machst, ich hätte die Wirtschaft nicht gut geführt. Selbst kann ich mich nicht

anstrengen, das siehst du doch ein, und Robinson genügt nicht; am Anfang war er so

frisch und hat sich überall umgesehen, aber jetzt ist er immerfort müde und sitzt meist in

einem Winkel. Aber ein Zimmer mit so viel Gegenständen wie das unsrige hält sich

nicht selbst in Ordnung. denn eine beliebige Person kann man natürlich in einen solchen Haushalt nicht

aufnehmen, auch zur Probe nicht, denn man paßt uns ja von allen Seiten auf. Weil ich

aber dein guter Freund bin und von Renell gehört habe, wie du dich im Hotel plagen

mußt, habe ich dich in Vorschlag gebracht. Delamarche war gleich einverstanden,

obwohl du dich damals gegen ihn so keck benommen hast, und ich habe mich natürlich

sehr gefreut, daß ich dir so nützlich sein konnte. Für dich ist nämlich diese Stellung wie

geschaffen, du bist jung, stark und geschickt, während ich nichts mehr wert bin. Nur will

ich dir sagen, daß du noch keineswegs aufgenommen bist; wenn du Brunelda nicht

gefällst, können wir dich nicht brauchen. Also strenge dich nur an, daß du ihr angenehm

bist, für das übrige werde ich schon sorgen.«

»Und was wirst du machen, wenn ich hier Diener sein werde?« fragte Karl; er fühlte sich

so frei, der erste Schrecken, den ihm die Mitteilungen Robinsons verursacht hatten, war

vorüber. Delamarche hatte also keine schlimmeren Absichten mit ihm, als ihn zum

Diener zu machen ­ hätte er schlimmere Absichten gehabt, dann hätte sie der

plapperhafte Robinson gewiß verraten ­, wenn es aber so stand, dann getraute sich Karl,

noch heute nacht den Abschied durchzuführen. Man kann niemanden zwingen, einen

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Posten anzunehmen. Und während Karl früher Sorgen gehabt hatte, ob er nach seiner

Entlassung aus dem Hotel bald genug, um vor Hunger geschützt zu sein, einen

passenden und womöglich nicht unansehnlicheren Posten bekommen werde, schien ihm

jetzt im Vergleich zu dem ihm hier zugedachten Posten, der ihm widerlich war, jeder

andere Posten gut genug, und selbst die stellungslose Not hätte er diesem Posten

vorgezogen. Robinson das aber begreiflich zu machen, versuchte er gar nicht, besonders

da Robinson jetzt in jedem Urteil durch die Hoffnung völlig befangen war, von Karl

entlastet zu werden.

»Ich werde also«, sagte Robinson und begleitete die Rede mit behaglichen

Handbewegungen ­ die Ellbogen hatte er auf das Geländer aufgestützt ­ »dir zunächst

alles erklären und die Vorräte zeigen. Du bist gebildet und hast sicher auch eine schöne

Schrift, du könntest also gleich ein Verzeichnis all der Sachen machen, die wir da haben.

Das hat sich Brunelda schon längst gewünscht. Wenn morgen vormittag schönes Wetter

ist, werden wir Brunelda bitten, daß sie sich auf den Balkon setzt, und inzwischen

werden wir ruhig und ohne sie zu stören im Zimmer arbeiten können. Denn darauf,

Roßmann, mußt du vor allem achtgeben. Nur nicht Brunelda stören. Sie hört alles,

wahrscheinlich hat sie als Sängerin so empfindliche Ohren. Du rollst zum Beispiel das

Faß mit Schnaps, das hinter den Kasten steht, heraus, es macht Lärm, weil es schwer ist

und dort überall verschiedene Sachen herumliegen, so daß man es nicht mit einem Male

durchrollen kann. Brunelda liegt zum Beispiel ruhig auf dem Kanapee und fängt Fliegen,

die sie überhaupt sehr belästigen. Du glaubst also, sie kümmert sich um dich nicht, und

rollst dein Faß weiter. Sie liegt noch immer ruhig. Aber in einem Augenblick, wo du es

gar nicht erwartest und wo du am wenigsten Lärm machst, setzt sie sich plötzlich

aufrecht, schlägt mit beiden Händen auf das Kanapee, daß man sie vor Staub nicht sieht

­ seit wir hier sind, habe ich das Kanapee nicht ausgeklopft; ich kann ja nicht, sie liegt

doch immerfort darauf ­ und fängt schrecklich zu schreien an, wie ein Mann, und

schreit so stundenlang. Das Singen haben ihr die Nachbarn verboten, das Schreien aber

kann ihr niemand verbieten, sie muß schreien, übrigens geschieht es ja jetzt nur selten,

ich und Delamarche sind sehr vorsichtig geworden. Es hat ihr ja auch sehr geschadet.

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Einmal ist sie ohnmächtig geworden, und ich habe ­ Delamarche war gerade weg ­ den

Studenten von nebenan holen müssen, der hat sie aus einer großen Flasche mit

Flüssigkeit bespritzt, es hat auch geholfen, aber diese Flüssigkeit hat einen unerträglichen

Geruch gehabt, noch jetzt, wenn man die Nase zum Kanapee hält, riecht man es. Der

Student ist sicher unser Feind, wie alle hier, du mußt dich auch vor allen in acht nehmen

und dich mit keinem einlassen.«

»Du, Robinson«, sagte Karl, »das ist aber ein schwerer Dienst. Da hast du mich für einen

schönen Posten empfohlen.«

»Mach dir keine Sorgen«, sagte Robinson und schüttelte mit geschlossenen Augen den

Kopf, um alle möglichen Sorgen Karls abzuwehren. »Der Posten hat auch Vorteile, wie

sie dir kein anderer Posten bieten kann. Du bist immerfort in der Nähe einer Dame wie

Brunelda, du schläfst manchmal mit ihr im gleichen Zimmer, das bringt schon, wie du

dir denken kannst, verschiedene Annehmlichkeiten mit sich. Du wirst reichlich bezahlt

werden, Geld ist in Menge da, ich habe als Freund Delamarches nichts bekommen; nur

wenn ich ausgegangen bin, hat mir Brunelda immer etwas mitgegeben, aber du wirst

natürlich bezahlt werden wie ein anderer Diener. Du bist ja auch nichts anderes. Das

Wichtigste für dich aber ist, daß ich dir den Posten sehr erleichtern werde. Zunächst

werde ich natürlich nichts machen, damit ich mich erhole, aber wie ich nur ein wenig

erholt bin, kannst du auf mich rechnen. Die eigentliche Bedienung Bruneldas behalte ich

überhaupt für mich, also das Frisieren und Anziehen, soweit es nicht Delamarche

besorgt. Du wirst dich nur um das Aufräumen des Zimmers, um Besorgungen und die

schwereren häuslichen Arbeiten zu kümmern haben.«

»Nein, Robinson«, sagte Karl, »das alles verlockt mich nicht.«

»Mach keine Dummheiten, Roßmann«, sagte Robinson, ganz nahe an Karls Gesicht,

»verscherze dir nicht diese schöne Gelegenheit. Wo bekommst du denn gleich einen

Posten? Wer kennt dich? Wen kennst du? Wir, zwei Männer, die schon viel erlebt haben

und große Erfahrungen besitzen, sind wochenlang herumgelaufen, ohne Arbeit zu

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bekommen. Es ist nicht leicht, es ist sogar verzweifelt schwer.«

Karl nickte und wunderte sich, wie vernünftig Robinson sprechen konnte. Für ihn

hatten diese Ratschläge al erdings keine Geltung, er durfte hier nicht bleiben, in der

großen Stadt würde sich wohl noch ein Plätzchen für ihn finden, die ganze Nacht über,

das wußte er, waren alle Gasthäuser überfüllt, man brauchte Bedienung für die Gäste,

darin hatte er nun schon Übung. Er würde sich schon rasch und unauffällig in

irgendeinen Betrieb einfügen. Gerade im gegenüberliegenden Hause war unten ein

kleines Gasthaus untergebracht, aus dem eine rauschende Musik hervordrang. Der

Haupteingang war nur mit einem großen gelben Vorhang verdeckt, der manchmal, von

einem Luftzug bewegt, mächtig in die Gasse hinausflatterte. Sonst war es in der Gasse

freilich viel stiller geworden. Die meisten Balkone waren finster, nur in der Ferne fand

sich noch hier oder dort ein einzelnes Licht, aber kaum faßte man es für ein Weilchen

ins Auge, erhoben sich dort die Leute, und während sie in die Wohnung zurückdrängten,

griff ein Mann an die Glühlampe und drehte, als letzter auf dem Balkon zurückbleibend,

nach einem kurzen Blick auf die Gasse das Licht aus.

>Nun beginnt ja schon die Nachtbleibe ich noch länger hier, gehöre ich

schon zu ihnen. wegzuziehen. »Was willst du?« sagte Robinson und stellte sich zwischen Karl und den

Vorhang.

»Weg will ich«, sagte Karl. »Laß mich! Laß mich!«

»Du willst sie doch nicht stören«, rief Robinson, »was fällt dir denn nur ein!« Und er

legte Karl die Arme um den Hals, hing sich mit seiner ganzen Last an ihn, umklammerte

mit den Beinen Karls Beine und zog ihn so im Augenblick auf die Erde nieder. Aber

Karl hatte unter den Liftjungen ein wenig raufen gelernt, und so stieß er Robinson die

Faust unter das Kinn, aber schwach und voll Schonung. Der gab Karl noch rasch und

ganz rücksichtslos mit dem Knie einen vollen Stoß in den Bauch, fang dann aber, beide

Hände am Kinn, so laut zu heulen an, daß von dem benachbarten Balkon ein Mann

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unter wildem Händeklatschen »Ruhe!« befahl. Karl lag noch ein wenig still, um den

Schmerz, den ihm der Stoß Robinsons verursacht hatte, zu verwinden. Er wandte nur

das Gesicht zum Vorhang hin, der ruhig und schwer vor dem offenbar dunklen Zimmer

hing. Es schien ja niemand mehr im Zimmer zu sein, vielleicht war Delamarche mit

Brunelda ausgegangen, und Karl hatte schon völlige Freiheit. Robinson, der sich wirklich

wie ein Wächterhund benahm, war ja endgültig abgeschüttelt.

Da ertönten aus der Ferne von der Gasse her stoßweise Trommeln und Trompeten.

Einzelne Rufe vieler Leute sammelten sich bald zu einem allgemeinen Schreien. Karl

drehte den Kopf und sah, wie sich alle Balkone von neuem belebten. Langsam erhob er

sich, er konnte sich nicht ganz aufrichten und mußte sich schwer gegen das Geländer

drücken. Unten auf dem Trottoir marschierten junge Burschen mit großen Schritten,

ausgestreckten Armen, die Mützen in der erhobenen Hand, die Gesichter

zurückgewandt. Die Fahrbahn blieb noch frei. Einzelne schwenkten auf hohen Stangen

Lampions, die von einem gelblichen Rauch umhüllt waren. Gerade traten die Trommler

und Trompeter in breiten Reihen ans Licht, und Karl staunte über ihre Menge, da hörte

er hinter sich Stimmen, drehte sich um und sah den Delamarche den schweren Vorhang

heben und dann aus dem Zimmerdunkel Brunelda treten, im roten Kleid, mit einem

Spitzenüberwurf um die Schultern, einem dunklen Häußchen über dem wahrscheinlich

unfrisierten und bloß aufgehäuften Haar, dessen Enden lose hie und da hervorsahen. In

der Hand hielt sie einen kleinen aus gespannten Fächer, bewegte ihn aber nicht, sondern

drückte ihn eng an sich.

Karl schob sich dem Geländer entlang zur Seite, um den beiden Platz zu machen. Gewiß

würde ihn niemand zum Hierbleiben zwingen und, wenn es auch Delamarche versuchen

wollte, Brunelda würde ihn auf seine Bitte sofort entlassen. Sie konnte ihn ja gar nicht

leiden, seine Augen erschreckten sie. Aber als er einen Schritt zur Tür hin machte, hatte

sie es doch bemerkt und sagte: »Wohin denn, Kleiner?« Karl stockte vor den strengen

Blicken Delamarches, und Brunelda zog ihn zu sich. »Willst du dir denn nicht den

Aufzug unten ansehen?« sagte sie und schob ihn vor sich an das Geländer. »Weißt du,

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worum es sich handelt?« hörte Karl sie hinter sich sagen und machte ohne Erfolg eine

unwillkürliche Bewegung, um sich ihrem Druck zu entziehen. Traurig sah er auf die

Gasse hinunter, als sei dort der Grund seiner Traurigkeit.

Delamarche stand zuerst mit gekreuzten Armen hinter Brunelda, dann lief er ins

Zimmer und brachte Brunelda den Operngucker. Unten war hinter den Musikanten der

Hauptteil des Aufzuges erschienen. Auf den Schultern eines riesenhaften Mannes saß ein

Herr, von dem man in dieser Höhe nichts anderes sah als seine matt schimmernde

Glatze, über der er seinen Zylinderhut ständig grüßend hoch erhoben hielt. Rings um

ihn wurden offenbar Holztafeln getragen, die, vom Balkon aus gesehen, ganz weiß

erschienen; die Anordnung war derartig getroffen, daß diese Plakate von allen Seiten sich

förmlich an den Herrn anlehnten, der aus ihrer Mitte hoch hervorragte. Da alles im

Gange war, lockerte sich diese Mauer von Plakaten immerfort und ordnete sich auch

immerfort von neuem.

Im weiteren Umkreis war um den Herrn die ganze Breite der Gasse, wenn auch, soweit

man im Dunkel schätzen konnte, auf eine unbedeutende Länge hin, von Anhängern des

Herrn angefüllt, die sämtlich in die Hände klatschten und wahrscheinlich den Namen

des Herrn, einen ganz kurzen, aber unverständlichen Namen, in einem getragenen

Gesange verkündeten. Einzelne, die geschickt in der Menge verteilt waren, hatten

Automobillaternen mit äußerst starkem Licht, das sie die Häuser auf beiden Seiten der

Straße langsam auf- und abwärts führten. In Karls Höhe störte das Licht nicht mehr,

aber auf den unteren Ballkonen sah man die Leute, die davon bestrichen wurden, eiligst

die Hände an die Augen führen.

Delamarche erkundigte sich auf die Bitte Bruneldas bei den Leuten auf dem

Nachbarbalkon, was die Veranstaltung zu bedeuten habe. Karl war ein wenig neugierig,

ob und wie man ihm antworten würde. Und tatsächlich mußte Delamarche dreimal

fragen, ohne eine Antwort zu bekommen. Er beugte sich schon gefährlich über das

Geländer, Brunelda stampfte vor Ärger über die Nachbarn leicht auf, Karl fühlte ihre

Knie. Endlich kam doch irgendeine Antwort, aber gleichzeitig fingen auf diesem Balkon,

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der gedrängt voll Menschen war, alle laut zu lachen an. Daraufhin schrie Delamarche

etwas hinüber, so laut, daß, wenn nicht augenblicklich in der ganzen Gasse viel Lärm

gewesen wäre, alles ringsherum erstaunt hätte aufhorchen müssen. Jedenfalls hatte es die

Wirkung, daß das Lachen unnatürlich bald sich legte.

»Es wird morgen ein Richter in unserem Bezirk gewählt und der, den sie unten tragen,

ist ein Kandidat«, sagte Delamarche, vollkommen ruhig zu Brunelda zurückkehrend.

»Nein!« rief er dann und klopfte liebkosend Brunelda auf den Rücken. »Wir wissen

schon gar nicht mehr, was in der Welt vorgeht.«

»Delamarche«, sagte Brunelda, auf das Benehmen der Nachbarn zurückkommend, »wie

gern wollte ich übersiedeln, wenn es nicht so anstrengend wäre. Ich darf es mir aber

leider nicht zumuten.« Und unter großen Seufzern, unruhig und zerstreut, nestelte sie an

Karls Hemd, der möglichst unauffällig immer wieder diese kleinen, fetten Händchen

wegzuschieben suchte, was ihm auch leicht gelang, denn Brunelda dachte nicht an ihn,

sie war mit ganz anderen Gedanken beschäftigt.

Aber auch Karl vergaß bald Brunelda und duldete die Last ihrer Arme auf seinen

Achseln, denn die Vorgänge auf der Straße nahmen ihn sehr in Anspruch. Auf

Anordnung einer kleinen Gruppe gestikulierender Männer, die knapp vor dem

Kandidaten marschierten und deren Unterhaltungen eine besondere Bedeutung haben

mußten, denn von allen Seiten sah man lauschende Gesichter sich ihnen zuneigen,

wurde unerwarteterweise vor dem Gasthaus haltgemacht. Einer dieser maßgebenden

Männer machte mit erhobener Hand ein Zeichen, das sowohl der Menge als auch dem

Kandidaten galt. Die Menge verstummte, und der Kandidat, der sich auf den Schultern

seines Trägers mehrmals aufzustellen suchte und mehrmals in den Sitz zurückfiel, hielt

eine kleine Rede, während welcher er seinen Zylinder in Windeseile hin- und herfahren

ließ. Man sah das ganz deutlich, denn während seiner Rede waren alle

Automobillaternen auf ihn gerichtet worden, so daß er in der Mitte eines hellen Sternes

sich befand.

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Nun erkannte man aber auch schon das Interesse, welches die ganze Straße an der

Angelegenheit nahm. Auf den Balkonen, die von Parteigängern des Kandidaten besetzt

waren, fiel man mit in das Singen seines Namens ein und ließ die weit über das Geländer

vorgestreckten Hände maschinenmäßig klatschen. Auf den übrigen Balkonen, die sogar

in der Mehrzahl waren, erhob sich ein starker Gegengesang, der allerdings keine

einheitliche Wirkung hatte, da es sich um die Anhänger verschiedener Kandidaten

handelte. Dagegen verbanden sich weiterhin alle Feinde des anwesenden Kandidaten zu

einem al gemeinen Pfeifen, und sogar Grammophone wurden vielfach wieder in Gang

gesetzt. Zwischen den einzelnen Balkonen wurden politische Streitigkeiten mit einer

durch die nächtliche Stunde verstärkten Erregung ausgetragen. Die meisten waren schon

in Nachtkleidern und hatten nur Überröcke umgeworfen, die Frauen hüllten sich in

große, dunkle Tücher, die unbeachteten Kinder kletterten beängstigend auf den

Einfassungen der Balkone umher und kamen in immer größerer Zahl aus den dunklen

Zimmern, in denen sie schon geschlafen hatten, hervor. Hie und da wurden einzelne

unkenntliche Gegenstände von besonders Erhitzten in der Richtung ihrer Gegner

geschleudert, manchmal gelangten sie an ihr Ziel, meist aber fielen sie auf die Straße

hinab, wo sie oft ein Wutgeheul hervorriefen. Wurde den führenden Männern unten der

Lärm zu arg, so erhielten die Trommler und Trompeter den Auftrag einzugreifen, und

ihr schmetterndes, mit ganzer Kraft ausgeführtes, nicht endenwollendes Signal

unterdrückte alle menschlichen Stimmen bis zu den Dächern der Häuser hinauf. Und

immer, ganz plötzlich ­ man glaubte es kaum ­, hörten sie auf, worauf die hierfür

offenbar eingeübte Menge auf der Straße in die für einen Augenblick eingetretene

allgemeine Stille ihren Parteigesang emporbrüllte ­ man sah im Lichte der

Automobillaternen den Mund jedes einzelnen weit geöffnet ­, bis dann die inzwischen

zur Besinnung gekommenen Gegner zehnmal so stark wie früher aus allen Balkonen

und Fenstern hervorschrien und die Partei unten nach ihrem kurzen Sieg zu einem für

diese Höhe wenigstens gänzlichen Verstummen brachten.

»Wie gefällt es dir, Kleiner?« fragte Brunelda, die sich eng hinter Karl hin- und herdrehte,

um mit dem Gucker möglichst alles zu übersehen. Karl antwortete nur durch

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Kopfnicken. Nebenbei bemerkte er, wie Robinson dem Delamarche eifrig verschiedene

Mitteilungen offenbar über Karls Verhalten machte, denen aber Delamarche keine

Bedeutung beizumessen schien, denn er suchte Robinson mit der Linken, mit der

Rechten hatte er Brunelda umfaßt, immerfort beiseite zu schieben. »Willst du nicht

durch den Gucker schauen?« fragte Brunelda und klopfte auf Karls Brust, um zu zeigen,

daß sie ihn meine.

»Ich sehe genug«, sagte Karl.

»Versuch es doch«, sagte sie »du wirst besser sehen.«

»Ich habe gute Augen«, antwortete Karl »ich sehe alles.« Er empfand es nicht als

Liebenswürdigkeit, sondern als Störung, als sie den Gucker seinen Augen näherte, und

tatsächlich sagte sie nun nichts als das eine Wort »Du!«, melodisch, aber drohend. Und

schon hatte Karl den Gucker an seinen Augen und sah nun tatsächlich nichts.

»Ich sehe ja nichts«, sagte er und wollte den Gucker loswerden, aber den Gucker hielt sie

fest, und den auf ihrer Brust eingebetteten Kopf konnte er weder zurück noch seitwärts

schieben.

»Jetzt siehst du aber schon«, sagte sie und drehte an der Schraube des Guckers.

»Nein, ich sehe noch immer nichts«, sagte Karl und dachte daran, daß er Robinson ohne

seinen Willen nun tatsächlich entlastet habe, denn Bruneldas unerträgliche Launen

wurden nun an ihm ausgelassen.

»Wann wirst du denn endlich sehen?« sagte sie und drehte ­ Karl hatte nun sein ganzes

Gesicht in ihrem schweren Atem ­ weiter an der Schraube. »Jetzt?« fragte sie.

»Nein, nein, nein!« rief Karl, obwohl er nun tatsächlich, wenn auch nur sehr undeutlich,

alles unterscheiden konnte. Aber gerade hatte Brunelda irgend etwas mit Delamarche zu

tun, sie hielt den Gucker nur lose vor Karls Gesicht, und Karl konnte, ohne daß sie es

besonders beachtete, unter dem Gucker hinweg auf die Straße sehen. Später bestand sie

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auch nicht mehr auf ihrem Willen und benützte den Gucker für sich.

Aus dem Gastbaus unten war ein Kellner getreten, und aus der Türschwelle hin und her

eilend, nahm er die Bestellungen der Führer entgegen. Man sah, wie er sich streckte, um

das Innere des Lokals zu übersehen und möglichst viel Bedienung herbeizurufen.

Während dieser offenbar einem großen Freitrinken dienenden Vorbereitungen ließ der

Kandidat nicht vom Reden ab. Sein Träger, der riesige, nur ihm dienende Mann, machte

immer nach einigen Sätzen eine kleine Drehung, um die Rede allen Teilen der Menge

zukommen zu lassen. Der Kandidat hielt sich meist ganz zusammengekrümmt und

versuchte mit ruckweisen Bewegungen der einen freien Hand und des Zylinders in der

anderen seinen Worten möglichste Eindringlichkeit zu geben. Manchmal aber, in fast

regelmäßigen Zwischenräumen, durchfuhr es ihn, er erhob sich mit ausgebreiteten

Armen, er redete nicht mehr eine Gruppe, sondern die Gesamtheit an, er sprach zu den

Bewohnern der Häuser bis zu den höchsten Stockwerken hinauf, und doch war es

vollkommen klar, daß ihn schon in den untersten Stockwerken niemand hören konnte;

ja, daß ihm auch, wenn die Möglichkeit gewesen wäre, niemand hätte zuhören wollen,

denn jedes Fenster und jeder Balkon war doch zumindest von einem schreienden

Redner besetzt. Inzwischen brachten einige Kellner aus dem Gasthaus ein mit gefüllten

leuchtenden Gläsern besetztes Brett, im Umfang eines Billards, hervor. Die Führer

organisierten die Verteilung, die in Form eines Vorbeimarsches an der Gasthaustür

erfolgte. Aber obwohl die Gläser auf dem Brett immer wieder nachgehüllt wurden,

genügten sie für die Menge nicht, und zwei Reihen von Schankburschen mußten rechts

und links vom Brett durchschlüpfen und die Menge weiterhin versorgen. Der Kandidat

hatte natürlich mit dem Reden aufgehört und benützte die Pause, um sich neu zu

kräftigen. Abseits von der Menge und dem grellen Licht trug ihn sein Träger langsam

hin und her, und nur einige seiner nächsten Anhänger begleiteten ihn dort und sprachen

zu ihm hinauf.

»Sieh mal den Kleinen«, sagte Brunelda, »er vergißt vor lauter Schauen, wo er ist.« Und

sie überraschte Karl und drehte mit beiden Händen sein Gesicht sich zu, so daß sie ihm

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in die Augen sah. Es dauerte aber nur einen Augenblick, denn Karl schüttelte gleich ihre

Hände ab, und ärgerlich darüber, daß man ihn nicht ein Weilchen in Ruhe ließ, und

gleichzeitig voll Lust, auf die Straße zu gehen und alles von der Nähe anzusehen, suchte

er sich nun mit aller Kraft vom Druck Bruneldas zu befreien und sagte: »Bitte, lassen Sie

mich weg.«

»Du wirst bei uns bleiben«, sagte Delamarche, ohne den Blick von der Straße zu wenden,

und streckte nur eine Hand aus, um Karl am Weggehen zu verhindern.

»Laß nur«, sagte Brunelda und wehrte die Hand des Delamarche ab, »er bleibt ja schon.«

Und sie drückte Karl noch fester ans Geländer, er hätte mit ihr raufen müssen, um sich

von ihr zu befreien. Und wenn ihm das auch gelungen wäre, was hätte er damit erreicht!

Links von ihm stand Delamarche, rechts hatte sich nun Robinson aufgestellt, er war in

einer regelrechten Gefangenschaft.

»Sei froh, daß man dich nicht hinauswirft«, sagte Robinson und beklopfte Karl mit der

Hand, die er unter Bruneldas Arm durchgezogen hatte.

»Hinauswirft?« sagte Delamarche. »Einen entlaufenen Dieb wirft man nicht hinaus, den

übergibt man der Polizei. Und das kann ihm gleich morgen früh geschehen, wenn er

nicht ganz ruhig ist.«

Von diesem Augenblick an hatte Karl an dem Schauspiel unten keine Freude mehr. Nur

gezwungen, weil er Bruneldas wegen sich nicht aufrichten konnte, beugte er sich ein

wenig über das Geländer. Voll eigener Sorgen, mit zerstreuten Blicken sah er die Leute

unten an, die in Gruppen von etwa zwanzig Mann vor die Gasthaustüre traten, die

Gläser ergriffen, sich umdrehten und diese Gläser in der Richtung gegen den jetzt mit

sich beschäftigten Kandidaten schwenkten, einen Parteigruß ausriefen, die Gläser leerten

und sie, jedenfalls dröhnend, in dieser Höhe aber unhörbar, auf das Brett wieder

niedersetzten, um einer neuen, vor Ungeduld lärmenden Gruppe Platz zu machen. Über

Auftrag der Führer war die Kapelle, die bisher im Gastbaus gespielt hatte, auf die Gasse

getreten, ihre großen Blasinstrumente strahlten aus der dunklen Menge, aber ihr Spiel

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verging fast im allgemeinen Lärm. Die Straße war nun, wenigstens auf der Seite, wo sich

das Gasthaus befand, weithin mit Menschen angefüllt. Von oben, woher Karl am

Morgen im Automobil gekommen war, strömten sie herab, von unten, von der Brücke

her, liefen sie herauf, und selbst die Leute in den Häusern hatten der Verlockung nicht

widerstehen können, in diese Angelegenheit mit eigenen Händen einzugreifen, auf den

Balkonen und in den Fenstern waren fast nur Frauen und Kinder zurückgeblieben,

während die Männer unten aus den Haustoren drängten. Nun aber hatte die Musik und

die Bewirtung den Zweck erreicht, die Versammlung war genügend groß, ein von zwei

Automobillaternen flankierter Führer winkte der Musik ab, stieß einen starken Pfiff aus,

und nun sah man den ein wenig abgeirrten Träger mit dem Kandidaten durch einen von

Anhängern gebahnten Weg eiligst herbeikommen.

Kaum war er bei der Gasthaustüre, begann der Kandidat im Schein der nun im engen

Kreis um ihn gehaltenen Automobillaternen seine neue Rede. Aber nun war alles viel

schwieriger als früher, der Träger hatte nicht die geringste Bewegungsfreiheit mehr, das

Gedränge war zu groß. Die nächsten Anhänger, die früher mit allen möglichen Mitteln

die Wirkung der Reden des Kandidaten zu verstärken versucht hatten, hatten nun Mühe,

sich in seiner Nähe zu erhalten, wohl zwanzig hielten sich mit aller Anstrengung am

Träger fest. Aber selbst dieser starke Mann konnte keinen Schritt nach seinem Willen

mehr machen, an eine Einflußnahme auf die Menge durch bestimmte Wendungen oder

durch passendes Vorrücken oder Zurückweichen war nicht mehr zu denken. Die Menge

flutete ohne Plan, einer lag am anderen, keiner stand mehr aufrecht, die Gegner schienen

sich durch neues Publikum sehr vermehrt zu haben, der Träger hatte sich lange in der

Nähe der Gasthaustüre gehalten, nun aber ließ er sich, scheinbar ohne Widerstand, die

Gasse auf- und abwärts treiben, der Kandidat redete immerfort, aber es war nicht mehr

ganz klar, ob er sein Programm auseinanderlegte oder um Hilfe rief; wenn nicht alles

täuschte, hatte sich auch ein Gegenkandidat eingefunden, oder gar mehrere, denn hie

und da sah man in irgendeinem plötzlich aufflammenden Licht einen von der Menge

emporgehobenen Mann mit bleichem Gesicht und geballten Fäusten eine von

vielstimmigen Rufen begrüßte Rede halten.

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»Was geschieht denn da?« fragte Karl und wandte sich in atemloser Verwirrung an seine

Wächter.

»Wie es den Kleinen aufregt«, sagte Brunelda zu Delamarche und faßte Karl am Kinn,

um seinen Kopf an sich zu ziehen. Aber das hatte Karl nicht wollen und er schüttelte

sich, durch die Vorgänge auf der Straße förmlich rücksichtslos gemacht, so stark, daß

Brunelda ihn nicht nur losließ, sondern zurückwich und ihn gänzlich freigab. »Jetzt hast

du genug gesehen«, sagte sie, offenbar durch Karls Benehmen böse gemacht, »geh ins

Zimmer, bette auf und bereite alles für die Nacht vor.« Sie streckte die Hand nach dem

Zimmer aus. Das war ja die Richtung, die Karl schon seit einigen Stunden nehmen

wollte, er widersprach mit keinem Wort. Da hörte man von der Gasse her das Krachen

von viel zersplitterndem Glas. Karl konnte sich nicht bezwingen und sprang noch rasch

zum Geländer, um flüchtig noch einmal hinunterzuschauen. Ein Anschlag der Gegner,

und vielleicht ein entscheidender, war geglückt, die Automobillaternen der Anhänger, die

mit ihrem starken Licht wenigstens die Hauptvorgänge vor der gesamten Öffentlichkeit

geschehen ließen und dadurch alles in gewissen Grenzen gehalten hatten, waren sämtlich

und gleichzeitig zerschmettert worden, den Kandidaten und seinen Träger umfing nun

die gemeinsame unsichere Beleuchtung, die in ihrer plötzlichen Ausbreitung wie völlige

Finsternis wirkte. Auch nicht beiläufig hätte man jetzt angeben können, wo sich der

Kandidat befand, und das Täuschende des Dunkels wurde noch vermehrt durch einen

gerade einsetzenden, breiten, einheitlichen Gesang, der von unten, von der Brücke her

sich näherte.

»Habe ich dir nicht gesagt, was du jetzt zu tun hast!« sagte Brunelda. »Beeile dich. Ich bin

müde«, fügte sie hinzu und streckte dann die Arme in die Höhe, so daß sich ihre Brust

noch viel mehr wölbte als gewöhnlich. Delamarche, der sie noch immer umfaßt hielt,

zog sie mit sich in eine Ecke des Balkons. Robinson ging ihnen nach, um die

Überbleibsel seines Essens, die noch dort lagen, beiseite zu schieben.

Diese günstige Gelegenheit mußte Karl ausnützen, jetzt war keine Zeit

hinunterzuschauen, von den Vorgängen auf der Straße würde er unten noch genug

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sehen, und mehr als von hier oben. In zwei Sprüngen eilte er durch das rötlich

beleuchtete Zimmer, aber die Tür war verschlossen und der Schlüssel abgezogen. Der

mußte jetzt gefunden werden, aber wer wollte in dieser Unordnung einen Schlüssel

finden und gar in der kurzen, kostbaren Zeit, die Karl zur Verfügung stand! Jetzt hätte er

schon eigentlich auf der Treppe sein, hätte laufen und laufen sollen. Und nun suchte er

den Schlüssel! Suchte ihn in allen zugänglichen Schubladen, stöberte auf dem Tisch

herum, wo verschiedenes Eßgeschirr, Servietten und irgendeine angefangene Stickerei

herumlagen, wurde durch einen Lehnstuhl angelockt, auf dem ein ganz verfitzter Haufen

alter Kleidungsstücke sich befand, in denen der Schlüssel sich möglicherweise befinden,

aber niemals aufgefunden werden konnte, und warf sich schließlich auf das tatsächlich

übelriechende Kanapee, um in allen Ecken und Falten nach dem Schlüssel zu tasten.

Dann ließ er vom Suchen ab und stockte in der Mitte des Zimmers. Gewiß hatte

Brunelda den Schlüssel an ihrem Gürtel befestigt, sagte er sich, dort hingen ja so viele

Sachen, alles Suchen war umsonst.

Und blindlings ergriff Karl zwei Messer und bohrte sie zwischen die Türflügel, eines

oben, eines unten, um zwei voneinander entfernte Angriffspunkte zu erhalten. Kaum

hatte er an den Messern gezogen, brachen natürlich die Klingen entzwei. Er hatte nichts

anderes wollen, die Stümpfe, die er nun fester einbohren konnte, würden desto besser

halten. Und nun zog er mit aller Kraft, die Arme weit ausgebreitet, die Beine weit

auseinander gestemmt, stöhnend und dabei genau auf die Tür aufpassend. Sie würde

nicht auf die Dauer widerstehen können, das erkannte er mit Freuden aus dem deutlich

hörbaren Sichlockern der Riegel, je langsamer es aber ging, desto richtiger war es,

aufspringen durfte ja das Schloß gar nicht, sonst würde man ja auf dem Balkon

aufmerksam werden, das Schloß mußte sich vielmehr ganz langsam voneinander lösen,

und darauf arbeitete Karl mit größter Vorsicht hin, die Augen immer mehr dem Schlosse

nähernd.

»Seht einmal«, hörte er da die Stimme des Delamarche.

Alle drei standen im Zimmer, der Vorhang war hinter ihnen schon zugezogen, Karl

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mußte ihr Kommen überhört haben, die Hände sanken ihm bei dem Anblick von den

Messern herab. Aber er hatte gar nicht Zeit, irgendein Wort zur Erklärung oder

Entschuldigung zu sagen, denn in einem weit über die augenblickliche Gelegenheit

hinausgehenden Wutanfall sprang Delamarche ­ sein gelöstes Schlafrockseil beschrieb

eine große Figur in der Luft ­ auf Karl los. Karl wich noch im letzten Augenblick dem

Angriff aus, er hätte die Messer aus der Tür ziehen und zur Verteidigung benützen

können, aber das tat er nicht, dagegen griff er, sich bückend und aufspringend, nach dem

breiten Schlafrockkragen des Delamarche, schlug ihn in die Höhe, zog ihn dann noch

weiter hinauf ­ der Schlafrock war ja für Delamarche viel zu groß ­ und hielt nun

glücklich den Delamarche beim Kopf, der, allzusehr überrascht, zuerst blind mit den

Händen fuchtelte und erst nach einem Weilchen, aber noch nicht mit ganzer Wirkung

mit den Fäusten auf Karls Rücken schlug, der sich, um sein Gesicht zu schützen, an die

Brust des Delamarche geworfen hatte. Die Faustschläge ertrug Karl, wenn er sich auch

vor Schmerzen wand und wenn auch die Schläge immer stärker wurden, aber wie hätte

er das nicht ertragen sollen, vor sich sah er ja den Sieg. Die Hände am Kopf des

Delamarche, die Daumen wohl gerade über seinen Augen, führte er ihn vor sich her

gegen das ärgste Möbeldurcheinander und versuchte überdies, mit den Fußspitzen das

Schlafrockseil um die Füße des Delamarche zu schlingen und ihn auch so zu Fall zu

bringen.

Da er sich aber ganz und gar mit Delamarche beschäftigen mußte, zumal er dessen

Widerstand immer mehr wachsen fühlte und immer sehniger dieser feindliche Körper

sich ihm entgegenstemmte, vergaß er tatsächlich, daß er nicht mit Delamarche allein war.

Aber nur allzubald wurde er daran erinnert, denn plötzlich versagten seine Füße, die

Robinson, der sich hinter ihm auf den Boden geworfen hatte, schreiend auseinander

preßte. Seufzend ließ Karl von Delamarche ab, der noch einen Schritt zurückwich.

Brunelda stand mit weit auseinander gestellten Beinen und gebeugten Knien in ihrer

ganzen Breite in der Zimmermitte und verfolgte die Vorgänge mit leuchtenden Augen.

Als beteilige sie sich tatsächlich an dem Kampf, atmete sie tief, visierte mit den Augen

und ließ ihre Fäuste langsam vorrücken. Delamarche schlug seinen Kragen nieder, hatte

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nun wieder freien Blick, und nun gab es natürlich keinen Kampf mehr, sondern bloß

eine Bestrafung. Er faßte Karl vorn beim Hemd, hob ihn fast vom Boden und

schleuderte ihn, vor Verachtung sah er ihn gar nicht an, so gewaltig gegen einen ein paar

Schritte entfernten Schrank, daß Karl im ersten Augenblick meinte, die stechenden

Schmerzen im Rücken und am Kopf, die ihm das Aufschlagen am Kasten verursachte,

stammten unmittelbar von der Hand des Delamarche. »Du Halunke!« hörte er den

Delamarche in dem Dunkel, das vor seinen zitternden Augen entstand, noch laut

ausrufen. Und in der ersten Erschöpfung, in der er vor dem Kasten zusammensank,

klangen ihm die Worte »Warte nur!« noch schwach in den Ohren nach.

Als er zur Besinnung kam, war es um ihn ganz finster, es mochte noch spät in der Nacht

sein, vom Balkon her drang unter dem Vorhang ein leichter Schimmer des Mondlichts in

das Zimmer. Man hörte die ruhigen Atemzüge der drei Schläfer, die bei weitem lautesten

stammten von Brunelda, sie schnaufte im Schlaf, wie sie es bisweilen beim Reden tat; es

war aber nicht leicht festzustellen, in welcher Richtung die einzelnen Schläfer sich

befanden, das ganze Zimmer war von dem Rauschen ihres Atems voll. Erst nachdem er

seine Umgebung ein wenig geprüft hatte, dachte Karl an sich, und da erschrak er sehr,

denn wenn er sich auch ganz krumm und steif von Schmerzen fühlte, so hatte er doch

nicht daran gedacht, daß er eine schwere blutige Verletzung erlitten haben könnte. Nun

aber hatte er eine Last auf dem Kopf, und das ganze Gesicht, der Hals, die Brust unter

dem Hemd waren feucht wie von Blut. Er mußte ans Licht, um seinen Zustand genau

festzustellen, vielleicht hatte man ihn zum Krüppel geschlagen, dann würde ihn

Delamarche wohl gerne entlassen, aber was sollte er dann anfangen, dann gab es

wirklich keine Aussichten mehr für ihn. Der Bursche mit der zerfressenen Nase im

Torweg fiel ihm ein, und er legte einen Augenblick lang das Gesicht in seine Hände.

Unwillkürlich wandte er sich dann der Tür zu und tastete sich auf allen vieren hin. Bald

erfühlte er mit den Fingerspitzen einen Stiefel und weiterhin ein Bein. Das war

Robinson, wer schlief sonst in Stiefeln? Man hatte ihm befohlen, sich quer vor die Tür

zu legen, um Karl an der Flucht zu hindern. Aber kannte man denn Karls Zustand

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nicht? Vorläufig wollte er gar nicht entfliehen, er wollte nur ans Licht kommen. Konnte

er also nicht zur Tür hinaus, so mußte er auf den Balkon.

Den Eßtisch fand er an einer offenbar ganz anderen Stelle als am Abend, das Kanapee,

dem sich Karl natürlich sehr vorsichtig näherte, war überraschenderweise leer, dagegen

stieß er in der Zimmermitte auf hochgeschichtete, wenn auch stark gepreßte Kleider,

Decken, Vorhänge, Polster und Teppiche. Zuerst dachte er, es sei nur ein kleiner

Haufen, ähnlich dem, den er am Abend auf dem Sofa gefunden hatte und der etwa auf

die Erde gerollt war, aber zu seinem Staunen bemerkte er beim Weiterkriechen, daß da

eine ganze Wagenladung solcher Sachen lag, die man wahrscheinlich für die Nacht aus

den Kasten herausgenommen hatte, wo sie während des Tages aufbewahrt wurden. Er

umkroch den Haufen und erkannte bald, daß das Ganze eine Art Bettlager darstellte, auf

dem hoch oben, wie er sich durch vorsichtiges Tasten überzeugte, Delamarche und

Brunelda ruhten.

Jetzt wußte er also, wo alle schliefen, und beeilte sich nun, auf den Balkon zu kommen.

Es war eine ganz andere Welt, in der er sich nun, außerhalb des Vorhangs, schnell erhob.

In der frischen Nachtluft, im vollen Schein des Mondes ging er einigemal auf dem

Balkon auf und ab. Er sah auf die Straße, sie war ganz still, aus dem Gasthaus klang

noch die Musik, aber nur gedämpft, hervor, vor der Tür kehrte ein Mann das Trottoir, in

der Gasse, in der am Abend innerhalb des wüsten allgemeinen Lärms das Schreien eines

Wahlkandidaten von tausend anderen Stimmen nicht hatte unterschieden werden

können, hörte man nun deutlich das Kratzen des Besens auf dem Pflaster.

Das Rücken eines Tisches auf dem Nachbarbalkon machte Karl aufmerksam, dort saß ja

jemand und studierte. Es war ein junger Mann mit einem kleinen Spitzbart, an dem er

beim Lesen, das er mit raschen Lippenbewegungen begleitete, ständig drehte. Er saß, das

Gesicht Karl zugewendet, an einem kleinen, mit Büchern bedeckten Tisch, die

Glühlampe hatte er von der Mauer abgenommen, zwischen zwei große Bücher

geklemmt, und war nun von ihrem grellen Licht ganz überleuchtet.

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»Guten Abend«, sagte Karl, da er bemerkt zu haben glaubte, daß der junge Mann zu ihm

herübergeschaut hätte.

Aber das mußte wohl ein Irrtum gewesen sein, denn der junge Mann schien ihn

überhaupt noch nicht bemerkt zu haben, legte die Hand über die Augen, um das Licht

abzublenden und festzustellen, wer da plötzlich grüßte, und hob dann, da er noch immer

nichts sah, die Glühlampe hoch, um mit ihr auch den Nachbarbalkon ein wenig zu

beleuchten.

»Guten Abend«, sagte dann auch er, blickte einen Augenblick lang scharf hinüber, und

fügte dann hinzu: »Und was Weiter?«

»Ich störe Sie?« fragte Karl.

»Gewiß, gewiß«, sagte der Mann und brachte die Glühlampe wieder an ihren früheren

Ort.

Mit diesen Worten war allerdings jede Anknüpfung abgelehnt, aber Karl verließ

trotzdem die Balkonecke, in der er dem Manne am nächsten war, nicht. Stumm sah er

zu, wie der Mann in seinem Buche las, die Blätter wendete, hie und da in einem anderen

Buche das er immer mit Blitzesschnelle ergriff, irgend etwas nachschlug und öfters

Notizen in ein Heft eintrug, wobei er immer überraschend tief das Gesicht zu dem

Hefte senkte.

Ob dieser Mann vielleicht ein Student war? Es sah ganz so aus, als ob er studierte. Nicht

viel anders ­ jetzt war es schon lange her ­ war Karl zu Hause am Tisch der Eltern

gesessen und hatte seine Aufgaben geschrieben, während der Vater die Zeitung las oder

Bucheintragungen und Korrespondenzen für einen Verein erledigte und die Mutter mit

einer Näharbeit beschäftigt war und hoch den Faden aus dem Stoffe zog. Um den Vater

nicht zu belästigen, hatte Karl nur das Heft und das Schreibzeug auf den Tisch gelegt,

während er die nötigen Bücher rechts und links von sich auf Sesseln angeordnet hatte.

Wie still war es dort gewesen! Wie selten waren fremde Leute in jenes Zimmer

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gekommen! Schon als kleines Kind hatte Karl immer gerne zugesehen, wenn die Mutter

gegen Abend die Wohnungstür mit dem Schlüssel absperrte. Sie hatte keine Ahnung

davon, daß es jetzt mit Karl so weit gekommen war, daß er fremde Türen mit Messern

aufzubrechen suchte.

Und welchen Zweck hatte sein ganzes Studium gehabt! Er hatte ja alles vergessen; wenn

es darauf angekommen wäre, hier sein Studium fortzusetzen, es wäre ihm sehr schwer

geworden. Er erinnerte sich daran, daß er zu Hause einmal einen Monat lang krank

gewesen war; welche Mühe hatte es ihn damals gekostet, sich nachher wieder in dem

unterbrochenen Lernen zurechtzufinden. Und nun hatte er außer dem Lehrbuch der

englischen Handelskorrespondenz schon so lange kein Buch gelesen.

»Sie, junger Mann«, hörte sich Karl plötzlich angesprochen, »könnten Sie sich nicht

anderswo aufstellen? Ihr Herüberstarren stört mich schrecklich. Um zwei Uhr in der

Nacht kann man doch schließlich verlangen, auf dem Balkon ungestört arbeiten zu

können. Wollen Sie denn etwas von mir?«

»Sie studieren?« fragte Karl.

»Ja, ja«, sagte der Mann und benützte dieses für das Lernen verlorene Weilchen, um

unter seinen Büchern eine neue Ordnung einzurichten.

»Dann will ich Sie nicht stören«, sagte Karl, »ich gehe überhaupt schon ins Zimmer

zurück. Gute Nacht.«

Der Mann gab nicht einmal eine Antwort, mit einem plötzlichen Entschlusse hatte er

sich nach Beseitigung dieser Störung wieder ans Studieren gemacht und stützte die Stirn

schwer in die rechte Hand.

Da erinnerte sich Karl knapp vor dem Vorhang daran, warum er eigentlich

herausgekommen war, er wußte ja noch gar nicht, wie es mit ihm stand. Was lastete nur

so auf seinem Kopf? Er griff hinauf und staunte, da war keine blutige Verletzung, wie er

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im Dunkel des Zimmers gefürchtet hatte, es war nur ein noch immer feuchter,

turbanartiger Verband. Er war, nach den noch hie und da hängenden Spitzenüberresten

zu schließen, aus einem alten Wäschestück Bruneldas gerissen, und Robinson hatte ihn

wohl flüchtig Karl um den Kopf gewickelt. Nur hatte er vergessen, ihn auszuwinden,

und so war während Karls Bewußtlosigkeit das viele Wasser das Gesicht hinab- und

unter das Hemd geronnen und hatte Karl solchen Schrecken eingejagt.

»Sie sind wohl noch immer da?« fragte der Mann und blinzelte hinüber.

»Jetzt gehe ich aber wirklich schon«, sagte Karl »ich wollte hier nur etwas anschauen, im

Zimmer ist es ganz finster.«

»Wer sind Sie denn?« sagte der Mann, legte den Federhalter in das vor ihm geöffnete

Buch und trat an das Geländer. »Wie heißen Sie? Wie kommen Sie zu den Leuten? Sind

Sie schon lange hier? Was wollen Sie denn anschauen? Drehen Sie doch Ihre Glühlampe

dort auf, damit man Sie sehen kann.«

Karl tat dies, zog aber, ehe er antwortete, noch den Vorhang der Tür fester zu, damit

man im Inneren nichts merken konnte. »Verzeihen Sie«, sagte er dann im Flüsterton,

»daß ich so leise rede. Wenn mich die drinnen hören, habe ich wieder einen Krawall.«

»Wieder?« fragte der Mann.

»Ja«, sagte Karl, »ich habe ja erst abends einen großen Streit mit ihnen gehabt. Ich muß

da noch eine fürchterliche Beule haben.« Und er tastete hinten seinen Kopf ab. »Was

war denn das für ein Streit?« fragte der Mann und fügte, da Karl nicht gleich antwortete,

hinzu: »Mir können Sie ruhig alles anvertrauen, was Sie gegen diese Herrschaften auf

dem Herzen haben. Ich hasse sie nämlich alle drei, und ganz besonders Ihre Madame.

Es sollte mich übrigens wundern, wenn man Sie nicht schon gegen mich gehetzt hätte.

Ich heiße Josef Mendel und bin Student.«

»Ja«, sagte Karl, »erzählt hat man mir schon von Ihnen, aber nichts Schlimmes. Sie

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haben wohl einmal Frau Brunelda behandelt, nicht wahr?«

»Das stimmt«, sagte der Student und lachte. »Riecht das Kanapee noch danach?«

»O ja«, sagte Karl.

»Das freut mich aber«, sagte der Student und fuhr mit der Hand durchs Haar. »Und

warum macht man Ihnen Beulen?«

»Es war ein Streit«, sagte Karl im Nachdenken darüber, wie er es dem Studenten erklären

sollte. Dann aber unterbrach er sich und sagte: »Störe ich Sie denn nicht?« »Erstens«,

sagte der Student, »haben Sie mich schon gestört, und ich bin leider so nervös, daß ich

lange Zeit brauche, um mich wieder zurechtzufinden. Seit Sie da Ihre Spaziergänge auf

dem Balkon angefangen haben, komme ich mit dem Studieren nicht vorwärts. Zweitens

aber mache ich um drei Uhr immer eine Pause. Erzählen Sie also nur ruhig. Es

interessiert mich auch.«

»Es ist ganz einfach«, sagte Karl. »Delamarche will, daß ich bei ihm Diener werde. Aber

ich will nicht. Ich wäre am liebsten noch gleich abends weggegangen. Er wollte mich

nicht lassen, hat die Tür abgesperrt, ich wollte sie aufbrechen, und dann kam es zu der

Rauferei. Ich bin unglücklich, daß ich noch hier bin.«

»Haben Sie denn eine andere Stellung?« fragte der Student.

»Nein«, sagte Karl, »aber daran liegt mir nichts, wenn ich nur von hier fort wäre.«

»Hören Sie einmal«, sagte der Student, »daran liegt Ihnen nichts?« Und beide schwiegen

ein Weilchen. »Warum wollen Sie denn bei den Leuten nicht bleiben?« fragte dann der

Student.

»Delamarche ist ein schlechter Mensch«, sagte Karl, »ich kenne ihn schon von früher

her. Ich marschierte einmal einen Tag lang mit ihm und war froh, als ich nicht mehr bei

ihm war. Und jetzt soll ich Diener bei ihm werden?«

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»Wenn alle Diener bei der Auswahl ihrer Herrschaften so heikel sein wollten wie Sie!«

sagte der Student und schien zu lächeln. »Sehen Sie, ich bin während des Tages

Verkäufer, niedrigster Verkäufer, eher schon Laufbursche im Warenhaus von Montly.

Dieser Montly ist zweifellos ein Schurke, aber das läßt mich ganz ruhig, wütend bin ich

nur, daß ich so elend bezahlt werde. Nehmen Sie sich also an mir ein Beispiel.«

»Wie?« sagte Karl, »Sie sind bei Tag Verkäufer und in der Nacht studieren Sie?«

»Ja«, sagte der Student, »es geht nicht anders. Ich habe schon alles mögliche versucht,

aber diese Lebensweise ist noch die beste. Vor Jahren war ich nur Student, bei Tag und

Nacht, wissen Sie, nur bin ich dabei fast verhungert, habe in einer schmutzigen alten

Höhle geschlafen und wagte mich in meinem damaligen Anzug nicht in die Hörsäle.

Aber das ist vorüber.«

»Aber wann schlafen Sie?« fragte Karl und sah den Studenten verwundert an.

»Ja, schlafen!« sagte der Student. »Schlafen werde ich, wenn ich mit meinem Studium

fertig bin. Vorläufig trinke ich schwarzen Kaffee.« Und er wandte sich um, zog unter

seinem Studiertisch eine große Flasche hervor, goß aus ihr schwarzen Kaffee in ein

Täßchen und schüttete ihn in sich hinein, so wie man Medizinen eilig schluckt, um

möglichst wenig von ihrem Geschmack zu spüren.

»Eine feine Sache, der schwarze Kaffee«, sagte der Student. »Schade, daß Sie so weit

sind, daß ich Ihnen nicht ein wenig hinüberreichen kann.«

»Mir schmeckt schwarzer Kaffee nicht«, sagte Karl.

»Mir auch nicht«, sagte der Student und lachte. »Aber was wollte ich ohne ihn anfangen.

Ohne den schwarzen Kaffee würde mich Montly keinen Augenblick behalten. Ich sage

immer Montly, obwohl der natürlich keine Ahnung hat, daß ich auf der Welt bin. Ganz

genau weiß ich nicht, wie ich mich im Geschäft benehmen würde, wenn ich nicht dort

im Pult eine gleich große Flasche wie diese immer vorbereitet hätte, denn ich habe noch

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nie gewagt, mit dem Kaffeetrinken auszusetzen, aber, glauben Sie mir nur, ich würde

bald hinter dem Pulte liegen und schlafen. Leider ahnt man das, sie nennen mich dort

den >Schwarzen Kaffee Vorwärtskommen schon geschadet hat.«

»Und wann werden Sie mit Ihrem Studium fertig werden?« fragte Karl.

»Es geht langsam«, sagte der Student mit gesenktem Kopf. Er verließ das Geländer und

setzte sich wieder an den Tisch; die Ellbogen auf das offene Buch aufgestützt, mit den

Händen durch seine Haare fahrend, sagte er dann: »Es kann noch ein bis zwei Jahre

dauern.«

»Ich wollte auch studieren«, sagte Karl, als gebe ihm dieser Umstand ein Anrecht auf ein

noch größeres Vertrauen, als es der jetzt verstummende Student ihm gegenüber schon

bewiesen hatte.

»So«, sagte der Student, und es war nicht ganz klar, ob er in seinem Buche schon wieder

las oder nur zerstreut hineinstarrte, »seien Sie froh, daß Sie das Studium aufgegeben

haben. Ich selbst studiere schon seit Jahren eigentlich nur aus Konsequenz. Befriedigung

habe ich wenig davon und Zukunftsaussichten noch weniger. Welche Aussichten wollte

ich denn haben! Amerika ist voll von Schwindeldoktoren.«

»Ich wollte Ingenieur werden«, sagte Karl noch eilig zu dem scheinbar schon gänzlich

unaufmerksamen Studenten hinüber.

»Und jetzt sollen Sie Diener bei diesen Leuten werden«, sagte der Student und sah

flüchtig auf, »das schmerzt Sie natürlich.«

Diese Schlußfolgerung des Studenten war allerdings ein Mißverständnis, aber vielleicht

konnte es Karl beim Studenten nützen. Er fragte deshalb: »Könnte ich nicht vielleicht

auch eine Stelle im Warenhaus bekommen?«

Diese Frage riß den Studenten völlig von seinem Buche los; der Gedanke, daß er Karl

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bei seiner Postenbewerbung behilflich sein könnte, kam ihm gar nicht. »Versuchen Sie

es«, sagte er, »oder versuchen Sie es lieber nicht. Daß ich meinen Posten bei Montly

bekommen habe, ist der bisher größte Erfolg meines Lebens gewesen. Wenn ich

zwischen dem Studium und meinem Posten zu wählen hatte, würde ich natürlich den

Posten wählen. Meine Anstrengung geht nur darauf hin, die Notwendigkeit einer

solchen Wahl nicht eintreten zu lassen.« »So schwer ist es, dort einen Posten zu

bekommen«, sagte Karl mehr für sich.

»Ach, was denken Sie denn«, sagte der Student, »es ist leichter, hier Bezirksrichter zu

werden als Türöffner bei Montly.«

Karl schwieg. Dieser Student, der doch so viel erfahrener war als er und der den

Delamarche aus irgendwelchen Karl noch unbekannten Gründen haßte, der dagegen

Karl gewiß nichts Schlechtes wünschte, fand für Karl kein Wort der Aufmunterung, den

Delamarche zu verlassen. Und dabei kannte er noch gar nicht die Gefahr, die Karl von

der Polizei drohte und vor der er nur bei Delamarche halbwegs geschützt war.

»Sie haben doch am Abend die Demonstration unten gesehen? Nicht wahr? Wenn man

die Verhältnisse nicht kannte, sollte man doch denken, dieser Kandidat, er heißt Lobter,

werde doch irgendwelche Aussichten haben oder er komme doch wenigstens in

Betracht, nicht?«

»Ich verstehe von Politik nichts«, sagte Karl.

»Das ist ein Fehler«, sagte der Student. »Aber abgesehen davon haben Sie doch Augen

und Ohren. Der Mann hat doch zweifellos Freunde und Feinde gehabt, das kann Ihnen

doch nicht entgangen sein. Und nun bedenken Sie, der Mann hat, meiner Meinung nach,

nicht die geringsten Aussichten, gewählt zu werden. Ich weiß zufällig alles über ihn, es

wohnt da bei uns einer, der ihn kennt. Er ist kein unfähiger Mensch, und seinen

politischen Ansichten und seiner politischen Vergangenheit nach wäre gerade er der

passende Richter für den Bezirk. Aber kein Mensch denkt daran, daß er gewählt werden

könnte, er wird so prachtvoll durchfallen, als man durchfallen kann, er wird für die

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Wahlkampagne seine paar Dollars hinausgeworfen haben, das wird alles sein.«

Karl und der Student sahen einander ein Weilchen schweigend an. Der Student nickte

lächelnd und drückte mit einer Hand die müden Augen.

»Nun, werden Sie noch nicht schlafen gehen?« fragte er dann. »Ich muß ja auch wieder

studieren. Sehen Sie, wieviel ich noch durchzuarbeiten habe.« Und er blätterte ein halbes

Buch rasch durch, um Karl einen Begriff von der Arbeit zu geben, die noch auf ihn

wartete.

»Dann also gute Nacht«, sagte Karl und verbeugte sich.

»Kommen Sie doch einmal zu uns herüber«, sagte der Student, der schon wieder an

seinem Tisch saß, »natürlich nur, wenn Sie Lust haben. Sie werden hier immer große

Gesellschaft finden. Von neun bis zehn Uhr abends habe ich auch für Sie Zeit.«

»Sie raten mir also, bei Delamarche zu bleiben?« fragte Karl.

»Unbedingt«, sagte der Student und senkte schon den Kopf zu seinen Büchern. Es

schien, als hätte gar nicht er das Wort gesagt; wie von einer Stimme gesprochen, die

tiefer war als jene des Studenten, klang es noch in Karls Ohren nach. Langsam ging er

zum Vorhang, warf noch einen Blick auf den Studenten, der jetzt ganz unbeweglich, von

der großen Finsternis umgeben, in seinem Lichtschein saß, und schlüpfte ins Zimmer.

Die vereinten Atemzüge der drei Schläfer empfingen ihn. Er suchte die Wand entlang

das Kanapee und, als er es gefunden hatte, streckte er sich ruhig auf ihm aus, als sei es

sein gewohntes Lager. Da ihm der Student, der den Delamarche und die hiesigen

Verhältnisse genau kannte und überdies ein gebildeter Mann war, geraten hatte, hier zu

bleiben, hatte er vorläufig keine Bedenken. So hohe Ziele wie der Student hatte er nicht,

wer weiß, ob es ihm sogar zu Hause gelungen wäre, das Studium zu Ende zu führen,

und wenn es zu Hause kaum möglich schien, so konnte niemand verlangen, daß er es

hier im fremden Lande tue. Die Hoffnung aber, einen Posten zu finden, in dem er etwas

leisten und für seine Leistungen anerkannt werden könnte, war gewiß größer, wenn er

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vorläufig die Dienerstelle bei Delamarche annahm und aus dieser Sicherheit heraus eine

günstige Gelegenheit abwartete. Es schienen sich ja in dieser Straße viele Büros mittleren

und unteren Ranges zu befinden, die vielleicht im Falle des Bedarfes bei der Auswahl

ihres Personals nicht gar zu wählerisch waren. Er wollte ja gern, wenn es sein mußte,

Geschäftsdiener werden, aber schließlich war es ja gar nicht ausgeschlossen, daß er auch

für reine Büroarbeit aufgenommen werden konnte und einstmals als Bürobeamter an

seinem Schreibtisch sitzen und ohne Sorgen ein Weilchen lang aus dem offenen Fenster

schauen würde wie jener Beamte, den er heute früh beim Durchmarsch durch die Höfe

gesehen hatte. Beruhigend fiel ihm ein, als er die Augen schloß, daß er doch jung war

und daß Delamarche ihn doch einmal freigeben würde; dieser Haushalt sah ja wirklich

nicht danach aus, als sei er für die Ewigkeit gemacht. Wenn aber Karl einmal einen

solchen Posten in einem Büro hätte, dann wollte er sich mit nichts anderem beschäftigen

als mit seinen Büroarbeiten und nicht die Kräfte zersplittern wie der Student. Wenn es

nötig sein sollte, wollte er auch die Nacht fürs Büro verwenden, was man ja im Beginn

bei seiner geringen kaufmännischen Vorbildung sowieso von ihm verlangen würde. Er

wollte nur an das Interesse des Geschäftes denken, dem er zu dienen hätte, und allen

Arbeiten sich unterziehen, selbst solchen, die andere Bürobeamte als ihrer nicht würdig

zurückweisen würden. Die guten Vorsätze drängten sich in seinem Kopf, als stehe sein

künftiger Chef vor dem Kanapee und lese sie von seinem Gesicht ab.

In solchen Gedanken schlief Karl ein und nur im ersten Halbschlaf störte ihn noch ein

gewaltiges Seufzen Bruneldas, die, scheinbar von schweren Träumen geplagt, sich auf

ihrem Lager wälzte.

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Das Naturtheater von Oklahoma

Karl sah an einer Straßenecke ein Plakat mit folgender Aufschrift: »Auf dem Rennplatz

in Clayton wird heute von sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für das Theater in

Oklahoma aufgenommen! Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur

heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an

seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will,

melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer

sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier! Aber beeilt euch,

damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zwölf Uhr wird alles geschlossen und

nicht mehr geöffnet! Verflucht sei, wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!«

Es standen zwar viele Leute vor dem Plakat, aber es schien nicht viel Beifall zu finden.

Es gab so viel Plakate, Plakaten glaubte niemand mehr. Und dieses Plakat war noch

unwahrscheinlicher, als Plakate sonst zu sein pflegen. Vor allem aber hatte es einen

großen Fehler, es stand kein Wörtchen von der Bezahlung darin. Wäre sie auch nur ein

wenig erwähnungswert gewesen, das Plakat hätte sie gewiß genannt; es hätte das

Verlockendste nicht vergessen. Künstler werden wollte niemand, wohl aber wollte jeder

für seine Arbeit bezahlt werden.

Für Karl stand aber doch in dem Plakat eine große Verlockung. »Jeder war

willkommen«, hieß es. Jeder, also auch Karl. Alles, was er bisher getan hatte, war

vergessen, niemand wollte ihm daraus einen Vorwurf machen. Er durfte sich zu einer

Arbeit melden, die keine Schande war, zu der man vielmehr öffentlich einladen konnte!

Und ebenso öffentlich wurde das Versprechen gegeben, daß man auch ihn annehmen

würde. Er verlangte nichts Besseres, er wollte endlich den Anfang einer anständigen

Laufbahn finden, und hier zeigte er sich vielleicht. Mochte alles Großsprecherische, das

auf dem Plakate stand, eine Lüge sein, mochte das große Theater von Oklahoma ein

kleiner Wanderzirkus sein, es wollte Leute aufnehmen, das war genügend. Karl las das

Plakat nicht zum zweiten Male, suchte aber noch einmal den Satz: »Jeder ist

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willkommen« hervor. Zuerst dachte er daran, zu Fuß nach Clayton zu gehen, aber das

wären drei Stunden angestrengten Marsches gewesen, und er wäre dann möglicherweise

gerade zurecht gekommen, um zu erfahren, daß man schon alle verfügbaren Stellen

besetzt hätte. Nach dem Plakat war allerdings die Zahl der Aufzunehmenden

unbegrenzt, aber so waren immer alle derartigen Stellenangebote abgefaßt. Karl sah ein,

daß er entweder auf die Stelle verzichten oder fahren mußte. Er überrechnete sein Geld,

es hätte ohne diese Fahrt für acht Tage gereicht, er schob die kleinen Münzen auf der

flachen Hand hin und her. Ein Herr, der ihn beobachtet hatte, klopfte ihm auf die

Schulter und sagte: »Viel Glück zur Fahrt nach Clayton.« Karl nickte stumm und

rechnete weiter. Aber er entschloß sich bald, teilte das für die Fahrt notwendige Geld ab

und lief zur Untergrundbahn. Als er in Clayton ausstieg, hörte er gleich den Lärm vieler

Trompeten. Es war ein wirrer Lärm, die Trompeten waren nicht gegeneinander

abgestimmt, es wurde rücksichtslos geblasen. Aber das störte Karl nicht, es bestätigte

ihm vielmehr, daß das Theater von Oklahoma ein großes Unternehmen war. Aber als er

aus dem Stationsgebäude trat und die ganze Anlage vor sich überblickte, sah er, daß alles

noch größer war, als er nur irgendwie hatte denken können, und er begriff nicht, wie ein

Unternehmen nur zu dem Zweck, um Personal zu erhalten, derartige Aufwendungen

machen konnte. Vor dem Eingang zum Rennplatz war ein langes, niedriges Podium

aufgebaut, auf dem Hunderte von Frauen, als Engel gekleidet, in weißen Tüchern mit

großen Flügeln am Rücken, auf langen, goldglänzenden Trompeten bliesen. Sie waren

aber nicht unmittelbar auf dem Podium, sondern jede stand auf einem Postament, das

aber nicht zu sehen war, denn die langen wehenden Tücher der Engelkleidung hüllten es

vollständig ein. Da nun die Postamente sehr hoch, wohl bis zwei Meter hoch waren,

sahen die Gestalten der Frauen riesenhaft aus, nur ihre kleinen Köpfe störten ein wenig

den Eindruck der Größe, auch ihr gelöstes Haar hing zu kurz und fast lächerlich

zwischen den großen Flügeln und an den Seiten hinab. Damit keine Einförmigkeit

entstehe, hatte man Postamente in der verschiedensten Größe verwendet; es gab ganz

niedrige Frauen, nicht weit über Lebensgröße, aber neben ihnen schwangen sich andere

Frauen in solche Höhe hinauf, daß man sie beim leichtesten Windstoß in Gefahr

glaubte. Und nun bliesen alle diese Frauen.

240


Es gab nicht viele Zuhörer. Klein, im Vergleich zu den großen Gestalten, gingen etwa

zehn Burschen vor dem Podium hin und her und blickten zu den Frauen hinauf. Sie

zeigten einander diese oder jene, sie schienen aber nicht die Absicht zu haben,

einzutreten und sich aufnehmen zu lassen. Nur ein einziger älterer Mann war zu sehen,

er stand ein wenig abseits. Er hatte gleich auch seine Frau und ein Kind im Kinderwagen

mitgebracht. Die Frau hielt mit der einen Hand den Wagen, mit der anderen stützte sie

sich auf die Schulter des Mannes. Sie bewunderten zwar das Schauspiel, aber man

erkannte doch, daß sie enttäuscht waren. Sie hatten wohl auch erwartet, eine

Arbeitsgelegenheit zu finden, dieses Trompetenblasen aber beirrte sie. Karl war in der

gleichen Lage. Er trat in die Nähe des Mannes, hörte ein wenig den Trompeten zu und

sagte dann: »Hier ist doch die Aufnahmestelle für das Theater von Oklahoma?«

»Ich glaubte es auch«, sagte der Mann, »aber wir warten hier schon seit einer Stunde und

hören nichts als die Trompeten. Nirgends ist ein Plakat zu sehen, nirgends ein Ausrufer,

nirgends jemand, der Auskunft geben könnte.«

Karl sagte: »Vielleicht wartet man, bis mehr Leute zusammenkommen. Es sind wirklich

noch sehr wenig hier.«

»Möglich«, sagte der Mann, und sie schwiegen wieder. Es war auch schwer, im Lärm der

Trompeten etwas zu verstehen. Aber dann flüsterte die Frau etwas ihrem Manne zu, er

nickte, und sie rief gleich Karl an: »Könnten Sie nicht in die Rennbahn hinübergehen

und fragen, wo die Aufnahme stattfindet?«

»Ja«, sagte Karl, »aber ich müßte über das Podium gehen, zwischen den Engeln durch.«

»Ist das so schwierig?« fragte die Frau.

Für Karl erschien ihr der Weg leicht, ihren Mann aber wollte sie nicht ausschicken.

»Nun ja«, sagte Karl, »ich werde gehen.«

»Sie sind sehr gefällig«, sagte die Frau, und sie wie auch ihr Mann drückten Karl die

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Hand.

Die Burschen liefen zusammen, um aus der Nähe zu sehen, wie Karl auf das Podium

stieg. Es war, als bliesen die Frauen stärker, um den ersten Stel ensuchenden zu

begrüßen. Diejenigen aber, an deren Postament Karl gerade vorüberging, gaben sogar

die Trompeten vom Munde und beugten sich zur Seite, um seinen Weg zu verfolgen.

Karl sah auf dem anderen Ende des Podiums einen unruhig auf und ab gehenden Mann,

der offenbar nur auf Leute wartete, um ihnen alle Auskunft zu geben, die man nur

wünschen konnte. Karl wollte schon auf ihn zugehen, da hörte er über sich seinen

Namen rufen.

»Karl!« rief der Engel. Karl sah auf und fing vor freudiger Überraschung zu lachen an.

Es war Fanny.

»Fanny!« rief er und grüßte mit der Hand hinauf.

»Komm doch her!« rief Fanny. »Du wirst doch nicht an mir vorüberlaufen!« Und sie

schlug die Tücher auseinander, so daß das Postament und eine schmale Treppe, die

hinaufführte, freigelegt wurde.

»Ist es erlaubt hinaufzugehen?« fragte Karl.

»Wer will uns verbieten, daß wir einander die Hand drücken!« rief Fanny und blickte sich

erzürnt um, ob nicht etwa schon jemand mit dem Verbote käme. Karl lief aber schon die

Treppe hinauf.

»Langsamer!« rief Fanny. »Das Postament und wir beide stürzen um!« Aber es geschah

nichts, Karl kam glücklich bis zur letzten Stufe. »Sieh nur«, sagte Fanny, nachdem sie

einander begrüßt hatten, »sieh nur, was für eine Arbeit ich bekommen habe.«

»Es ist ja schön«, sagte Karl und sah sich um. Alle Frauen in der Nähe hatten schon Karl

bemerkt und kicherten. »Du bist fast die Höchste«, sagte Karl und streckte die Hand aus,

um die Höhe der anderen abzumessen.

242


»Ich habe dich gleich gesehen«, sagte Fanny, »als du aus der Station kamst, aber ich bin

leider hier in der letzten Reihe, man sieht mich nicht, und rufen konnte ich auch nicht.

Ich habe zwar besonders laut geblasen, aber du hast mich nicht erkannt.«

»Ihr blast ja alle schlecht«, sagte Karl, »laß mich einmal blasen.«

»Aber gewiß«, sagte Fanny und reichte ihm die Trompete, »aber verdirb den Chor nicht,

sonst entläßt man mich.«

Karl fing zu blasen an; er hatte gedacht, es sei eine grob gearbeitete Trompete, nur zum

Lärmmachen bestimmt, aber nun zeigte es sich, daß es ein Instrument war, das fast jede

Feinheit ausführen konnte. Waren alle Instrumente von gleicher Beschaffenheit, so

wurde ein großer Mißbrauch mit ihnen getrieben. Karl blies, ohne sich vom Lärm der

anderen stören zu lassen, aus voller Brust ein Lied, das er irgendwo in einer Kneipe

einmal gehört hatte. Er war froh, eine alte Freundin getroffen zu haben und hier, vor

allen bevorzugt, die Trompete blasen zu dürfen und möglicherweise bald eine gute

Stellung bekommen zu können. Viele Frauen stellten das Blasen ein und hörten zu; als er

plötzlich abbrach, war kaum die Hälfte der Trompeten in Tätigkeit, erst allmählich kam

wieder der vollständige Lärm zustande.

»Du bist ja ein Künstler«, sagte Fanny, als Karl ihr die Trompete wieder reichte. »Laß

dich als Trompeter aufnehmen.«

»Werden denn auch Männer aufgenommen?« fragte Karl.

»Ja«, sagte Fanny, »wir blasen zwei Stunden lang. Dann werden wir von Männern, die als

Teufel angezogen sind, abgelöst. Die Hälfte bläst, die Hälfte trommelt. Es ist sehr schön,

wie überhaupt die ganze Ausstattung sehr kostbar ist. Ist nicht auch unser Kleid sehr

schön? und die Flügel?« Sie sah an sich hinab.

»Glaubst du«, fragte Karl, »daß auch ich noch eine Stelle bekommen werde?«

»Ganz bestimmt«, sagte Fanny, »es ist ja das größte Theater der Welt. Wie gut es sich

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trifft, daß wir wieder beisammen sein werden. Allerdings kommt es darauf an, welche

Stelle du bekommst. Es wäre nämlich auch möglich, daß wir, auch wenn wir beide hier

angestellt sind, uns doch gar nicht sähen.«

»Ist denn das Ganze wirklich so groß?« fragte Karl.

»Es ist das größte Theater der Welt«, sagte Fanny nochmals, »ich habe es allerdings

selbst noch nicht gesehen, aber manche meiner Kolleginnen, die schon in Oklahoma

waren, sagen, es sei fast grenzenlos.«

»Es melden sich aber wenig Leute«, sagte Karl und zeigte hinunter auf die Burschen und

die kleine Familie.

»Das ist wahr«, sagte Fanny. »Bedenke aber, daß wir in allen Städten Leute aufnehmen,

daß unsere Werbetruppe immerfort reist und daß es noch viele solcher Truppen gibt.«

»Ist denn das Theater noch nicht eröffnet?« fragte Karl.

»O ja«, sagte Fanny, »es ist ein altes Theater, aber es wird immerfort vergrößert.«

»Ich wundere mich«, sagte Karl, »daß sich nicht mehr Leute dazu drängen.«

»Ja«, sagte Fanny, »es ist merkwürdig.«

»Viel eicht«, sagte Karl, »schreckt dieser Aufwand an Engeln und Teufeln mehr ab, als er

anzieht.«

»Wie du das herausfinden kannst«, sagte Fanny. »Es ist aber möglich. Sag es unserem

Führer, vielleicht kannst du ihm dadurch nützen.«

»Wo ist er?« fragte Karl.

»In der Rennbahn«, sagte Fanny, »auf der Schiedsrichtertribüne.«

»Auch das wundert mich«, sagte Karl, »warum geschieht denn die Aufnahme auf der

244


Rennbahn?«

»Ja«, sagte Fanny, »wir machen überall die größten Vorbereitungen für den größten

Andrang. Auf der Rennbahn ist eben viel Platz. Und in allen Ständen, wo sonst die

Wetten abgeschlossen werden, sind die Aufnahmekanzleien eingerichtet. Es sollen

zweihundert verschiedene Kanzleien sein.«

»Aber«, rief Karl, »hat denn das Theater von Oklahoma so große Einkünfte, um

derartige Werbetruppen erhalten zu können?«

»Was kümmert uns denn das?« sagte Fanny. »Aber nun geh, Karl, damit du nichts

versäumst, ich muß auch wieder blasen. Versuche, auf jeden Fall einen Posten bei dieser

Truppe zu bekommen, und komm gleich zu mir, es melden. Denke daran, daß ich in

großer Unruhe auf die Nachricht warte.«

Sie drückte ihm die Hand, ermahnte ihn zur Vorsicht beim Hinabsteigen, setzte wieder

die Trompete an die Lippen, blies aber nicht, ehe sie Karl unten auf dem Boden in

Sicherheit sah. Karl legte wieder die Tücher über die Treppe, so wie sie früher gewesen

waren, Fanny dankte durch Kopfnicken, und Karl ging, das eben Gehörte nach

verschiedenen Richtungen hin überlegend, auf den Mann zu, der schon Karl oben bei

Fanny gesehen und sich dem Postament genähert hatte, um ihn zu erwarten.

»Sie wollen bei uns eintreten?« fragte der Mann. »Ich bin der Personalchef dieser Truppe

und heiße Sie willkommen.« Er war ständig wie aus Höflichkeit ein wenig vorgebeugt,

tänzelte, obwohl er sich nicht von der Stelle rührte, und spielte mit seiner Uhrkette.

»Ich danke«, sagte Karl, »ich habe das Plakat Ihrer Gesellschaft gelesen und melde mich,

wie es dort verlangt wird.«

»Sehr richtig«, sagte der Mann anerkennend, »leider verhält sich hier nicht jeder so

richtig.«

Karl dachte daran, daß er jetzt den Mann darauf aufmerksam machen könnte, daß

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möglicherweise die Lockmittel der Werbetruppe gerade wegen ihrer Großartigkeit

versagten. Aber er sagte es nicht, denn dieser Mann war gar nicht der Führer der

Truppe, und außerdem wäre es wenig empfehlend gewesen, wenn er, der noch gar nicht

aufgenommen war, gleich Verbesserungsvorschläge gemacht hätte. Darum sagte er nur:

»Es wartet draußen noch einer, der sich auch anmelden will und der mich nur

vorausgeschickt hat. Darf ich ihn jetzt holen?«

»Natürlich«, sagte der Mann, »je mehr kommen, desto besser.«

»Er hat auch eine Frau bei sich und ein kleines Kind im Kinderwagen. Sollen die auch

kommen?«

»Natürlich«, sagte der Mann und schien über Karls Zweifel zu lächeln. »Wir können alle

brauchen.«

»Ich bin gleich wieder zurück«, sagte Karl und lief wieder zurück an den Rand des

Podiums. Er winkte dem Ehepaar zu und rief, daß alle kommen dürften. Er half, den

Kinderwagen auf das Podium heben, und sie gingen nun gemeinsam. Die Burschen, die

das sahen, berieten sich miteinander, stiegen dann langsam, bis zum letzten Augenblick

noch zögernd, die Hände in den Taschen, auf das Podium hinauf und folgten schließlich

Karl und der Familie. Eben kamen aus dem Stationsgebäude der Untergrundbahn neue

Passagiere hervor, die, angesichts des Podiums mit den Engeln, staunend die Arme

erhoben. Immerhin schien es, als ob die Bewerbung um Stellen nun doch lebhafter

werden sollte. Karl war sehr froh, so früh, vielleicht als erster, gekommen zu sein, das

Ehepaar war ängstlich und stellte verschiedene Fragen darüber, ob große Anforderungen

gestellt würden. Karl sagte, er wisse noch nichts Bestimmtes, er hätte aber wirklich den

Eindruck erhalten, daß jeder ohne Ausnahme genommen würde. Er glaube, man dürfe

getrost sein. Der Personalchef kam ihnen schon entgegen, war sehr zufrieden, daß so

viele kamen, rieb sich die Hände, grüßte jeden einzelnen durch eine kleine Verbeugung

und stellte sie alle in eine Reihe. Karl war der erste, dann kam das Ehepaar und dann erst

die anderen. Als sie sich alle aufgestellt hatten ­ die Burschen drängten sich zuerst

246


durcheinander, und es dauerte ein Weilchen, ehe bei ihnen Ruhe eintrat ­, sagte der

Personalchef, während die Trompeten verstummten: »Im Namen des Theaters von

Oklahoma begrüße ich Sie. Sie sind früh gekommen« (es war aber schon bald Mittag),

»das Gedränge ist noch nicht groß, die Formalitäten Ihrer Aufnahme werden daher bald

erledigt sein. Sie haben natürlich alle Ihre Legitimationspapiere bei sich.«

Die Burschen holten gleich irgendwelche Papiere aus den Taschen und schwenkten sie

gegen den Personalchef hin, der Ehemann stieß seine Frau an, die unter dem Federbett

des Kinderwagens ein ganzes Bündel Papiere hervorzog. Karl allerdings hatte keine.

Sollte das ein Hindernis für seine Aufnahme werden? Immerhin wußte Karl aus

Erfahrung, daß sich derartige Vorschriften, wenn man nur ein wenig entschlossen ist,

leicht umgehen lassen. Es war nicht unwahrscheinlich. Der Personalchef überblickte die

Reihe, vergewisserte sich, daß alle Papiere hatten, und da auch Karl die Hand, allerdings

die leere Hand erhob, nahm er an, auch bei ihm sei alles in Ordnung.

»Es ist gut«, sagte dann der Personalchef und winkte den Burschen ab, die ihre Papiere

gleich untersucht haben wollten, »die Papiere werden jetzt in den Aufnahmekanzleien

überprüft werden. Wie Sie schon aus unserem Plakat gesehen haben, können wir jeden

brauchen. Wir müssen aber natürlich wissen, welchen Beruf er bisher ausgeübt hat,

damit wir ihn an den richtigen Ort stellen können, wo er seine Kenntnisse verwerten

kann.«

>Es ist ja ein Theater »Wir haben daher«, fuhr der Personalchef fort, »in den Buchmacherbuden

Aufnahmekanzleien eingerichtet, je eine Kanzlei für eine Berufsgruppe. Jeder von ihnen

wird mir also jetzt seinen Beruf angeben, die Familie gehört im allgemeinen zur

Aufnahmekanzlei des Mannes. Ich werde Sie dann zu den Kanzleien führen, wo zuerst

Ihre Papiere und dann Ihre Kenntnisse von Fachmännern überprüft werden sollen, es

wird nur eine ganz kurze Prüfung sein, niemand muß sich fürchten. Dort werden Sie

dann auch gleich aufgenommen werden und die weiteren Weisungen erhalten. Fangen

247


wir also an. Hier, die erste Kanzlei, ist, wie schon die Aufschrift sagt, für Ingenieure

bestimmt. Ist vielleicht ein Ingenieur unter Ihnen?« Karl meldete sich. Er glaubte, gerade

weil er keine Papiere hatte, müsse er bestrebt sein, alle Formalitäten möglichst rasch

durchzujagen, eine kleine Berechtigung, sich zu melden, hatte er auch, denn er hatte ja

Ingenieur werden wollen. Aber als die Burschen sahen, daß Karl sich meldete, wurden

sie neidisch und meldeten sich auch alle; alle meldeten sich. Der Personalchef streckte

sich in die Höhe und sagte zu den Burschen: »Sie sind Ingenieur?« Da senkten sie alle

langsam die Hände, Karl dagegen bestand auf seiner ersten Meldung. Der Personalchef

sah ihn zwar ungläubig an, denn Karl schien ihm zu kläglich angezogen und auch zu

jung, um Ingenieur sein zu können, aber er sagte doch nichts weiter, vielleicht aus

Dankbarkeit, weil Karl ihm, wenigstens seiner Meinung nach, die Bewerber

hereingeführt hatte. Er zeigte bloß einladend nach der Kanzlei, und Karl ging hin,

während sich der Personalchef den anderen zuwandte.

In der Kanzlei für Ingenieure saßen an den zwei Seiten eines rechtwinkeligen Pultes zwei

Herren und verglichen zwei große Verzeichnisse, die vor ihnen lagen. Der eine las vor,

der andere strich in seinem Verzeichnis die vorgelesenen Namen an. Als Karl grüßend

vor sie hintrat, legten sie sofort die Verzeichnisse fort und nahmen andere große Bücher

vor, die sie aufschlugen.

Der eine, offenbar nur ein Schreiber, sagte: »Ich bitte um Ihre Legitimationspapiere.«

»Ich habe sie leider nicht bei mir«, sagte Karl.

»Er hat sie nicht be


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