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Albert Schweizers "Ehrfurcht vor dem Leben"

Subtitle: Sein Einsatz für den Frieden

Scholary Paper (Seminar), 2004, 42 Pages
Author: Saskia Tiedemann
Subject: Pedagogy - Science, Theory, Anthropology

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 42
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V119990
ISBN (E-book): 978-3-640-23763-0
ISBN (Book): 978-3-640-24445-4
File size: 114 KB

Abstract

1.1 Vorbetrachtung „Ich habe wohl kaum einen Menschen persönlich kennengelernt, bei dem Güte und Schönheitsbedürfnis in solchem Maße zu einer Einheit verschmolzen sind, wie es bei Albert Schweitzer der Fall ist“. Diese Worte schrieb Albert Einstein 1954 noch zu Lebzeiten Schweitzers. Doch auch heute- 60 Jahre später- fasziniert Albert Schweitzer unzählige Menschen. Im Rahmen des Seminars „Friedenspädagogik“ beschäftigten auch wir uns mit dem Leben, Wirken und ethischen Denken Schweitzers. 1.2 Ziel der Hausarbeit Das Ziel unserer Hausarbeit ist es, Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nach ihrer Basis, ihren Grundsätzen und ihrem Wesen zu untersuchen und verständlich darzustellen. Um dies umzusetzen war unser Teilziel, sein Leben genauer zu betrachten, um Beweggründe für seine Ethik ersichtlich zu machen. 1.3 Vorgehen Als erstes wollen wir uns mit dem Leben Albert Schweitzers beschäftigen. Schweitzers Lebensweg ist so einmalig, dass er sich kaum mit einem anderen der heutigen Zeit vergleichen lässt. Um sein Leben und Werk besser verstehen zu können erschien es uns wichtig, näher darauf einzugehen. Im ersten Teil unserer Arbeit orientieren wir uns an dem Buch von Boris Nossik: Albert Schweitzer und an der Autobiografie Schweitzers: Aus meinem Leben und Denken. Im weiteren Verlauf unserer Hausarbeit möchten wir einen der Wegbegleiter Schweitzers erwähnen – Albert Einstein. Anschließend möchten wir anhand des Buches „Friede oder Atomkrieg“ mit Schweitzers Ansichten bezüglich der atomaren Bedrohung auseinandersetzen. Darauf folgend widmen wir uns seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Die in diesem Punkt unserer Arbeit verwendete Gliederung lehnt sich an die Gerhard Gansterers an. [...]


Fulltext (computer-generated)

Technische Universität Dresden

Fakultät Erziehungswissenschaft

Sommersemester 2004

Seminar Friedenspädagogik

ALBERT SCHWEIZERS "EHRFURCHT VOR DEM LEBEN"

SCHWEITZERS EINSATZ FÜR DEN FRIEDEN.

1


1. EINLEITUNG____________________________________________________ 4

1.1 VORBETRACHTUNG _______________________________________________ 4

1.2 ZIEL DER HAUSARBEIT ____________________________________________ 4

1.3 VORGEHEN ______________________________________________________ 4

2. ALBERT SCHWEITZER ­ EINDRÜCKE AUS SEINEM LEBEN________ 6

2.1 HERKUNFT UND KINDHEIT _________________________________________ 6

2.2 DIE JAHRE IN MÜHLHAUSEN ________________________________________ 7

2.3 STUDIENJAHRE IN STRAßBURG ______________________________________ 8

2.4 DIE JAHRE DER ERSTEN ARBEITSTÄTIGKEIT IN STRAßBURG______________ 10

2.5 DIE ENTSCHEIDUNG NACH AFRIKA ZU GEHEN UND DIE FOLGENDEN JAHRE__ 11

2.6 DIE ZEIT DES MEDIZINSTUDIUMS ___________________________________ 12

2.7 AUSREISE NACH AFRIKA ­ ANKUNFT IN LAMBARENE ___________________ 13

3. ALBERT EINSTEIN ­ EIN WEGBEGLEITER ALBERT SCHWEITZERS

_________________________________________________________________ 16

3.1 DER BRIEFWECHSEL VON ALBERT SCHWEITZER UND ALBERT EINSTEIN

ZWISCHEN 1948 UND 1955 ____________________________________________ 16

3.2 GEMEINSAMKEITEN VON ALBERT SCHWEITZER UND ALBERT EINSTEIN ____ 18

3.3 AUSSAGE DER BRIEFE ____________________________________________ 19

4. SCHWEITZERS ANSICHTEN BEZÜGLICH DER

ATOMKRIEGSGEFAHR DARGESTELLT ANHAND DES BUCHES

,,FRIEDE ODER ATOMKRIEG" ____________________________________ 19

4.1 DIE SITUATION IN EUROPA VOR DEN WELTKRIEGEN____________________ 20

4.2 DIE EINSTELLUNG DER MENSCHEN GEGENÜBER KRIEG _________________ 21

4.3 VON DER ENTDECKUNG DER RADIOAKTIVEN STRAHLUNG BIS ZUR NUTZUNG

ALS WAFFE ________________________________________________________ 21

4.4 DIE GEFAHR DER ATOMAREN BEDROHUNG ___________________________ 22

2


4.5 ,,DER ATOMKRIEG STEHT VOR DER TÜR"_____________________________ 24

4.6 DER WEG ZU EINEM ABKOMMEN GEGEN VERSUCHSEXPLOSIONEN ________ 24

5. DIE EHRFURCHT VOR DEM LEBEN _____________________________ 27

5.1 ENTSTEHUNG DES BEGRIFFS EHRFURCHT VOR DEM LEBEN ______________ 27

5.1.1 DAS ERLEBNIS AM OGOWE-FLUSS __________________________________ 28

5.1.2 BEGRIFF VON CHRISTIAN WAGNER _________________________________ 28

5.1.3 INSPIRATION DURCH KANT ODER GOETHE ____________________________ 29

5.2 GRUNDLAGE UND ZENTRALE BEGRIFFE DER EHRFURCHT VOR DEM LEBEN__ 29

5.2.1 DAS GRUNDPRINZIP DES SITTLICHEN ________________________________ 30

5.2.2 HAUPTPROBLEM DES SITTLICHEN HANDELNS: DIE SELBSTENTZWEIUNG DES

MENSCHEN ________________________________________________________ 31

5.2.3 DAS AUFMERKSAMWERDEN AUF DIE ERFURCHT VOR DEM LEBEN __________ 32

5.3 DIE WELTANSCHAUUNG DER EHRFURCHT VOR DEM LEBEN ______________ 35

5.3.1 BEGRIFF WELTANSCHAUUNG ______________________________________ 35

5.3.2 DIE ZIELE DER WELTANSCHAUUNG DER EHRFURCHT VOR DEM LEBEN ______ 35

5.4 WAS IST DIE EHRFURCHT VOR DEM LEBEN? __________________________ 38

6. SCHLUSSBEMERKUNG _________________________________________ 40

7. QUELLENVERZEICHNIS________________________________________ 41

3


1. Einleitung

1.1 Vorbetrachtung

,,Ich habe wohl kaum einen Menschen persönlich kennengelernt, bei dem Güte und

Schönheitsbedürfnis in solchem Maße zu einer Einheit verschmolzen sind, wie es bei

Albert Schweitzer der Fall ist".1 Diese Worte schrieb Albert Einstein 1954 noch zu

Lebzeiten Schweitzers. Doch auch heute- 60 Jahre später- fasziniert Albert

Schweitzer unzählige Menschen. Im Rahmen des Seminars ,,Friedenspädagogik"

beschäftigten auch wir uns mit dem Leben, Wirken und ethischen Denken

Schweitzers.

1.2 Ziel der Hausarbeit

Das Ziel unserer Hausarbeit ist es, Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben

nach ihrer Basis, ihren Grundsätzen und ihrem Wesen zu untersuchen und

verständlich darzustellen. Um dies umzusetzen war unser Teilziel, sein Leben

genauer zu betrachten, um Beweggründe für seine Ethik ersichtlich zu machen.

1.3 Vorgehen

Als erstes wollen wir uns mit dem Leben Albert Schweitzers beschäftigen.

Schweitzers Lebensweg ist so einmalig, dass er sich kaum mit einem anderen der

heutigen Zeit vergleichen lässt. Um sein Leben und Werk besser verstehen zu

können erschien es uns wichtig, näher darauf einzugehen. Im ersten Teil unserer

1 Albert Einstein, Albert Schweitzer: Freunde in ihrem Suchen nach Wahrheit, Menschlichkeit und

Frieden ; ihr Briefwechsel. S. 11.

4


Arbeit orientieren wir uns an dem Buch von Boris Nossik: Albert Schweitzer und an

der Autobiografie Schweitzers: Aus meinem Leben und Denken.

Im weiteren Verlauf unserer Hausarbeit möchten wir einen der Wegbegleiter

Schweitzers erwähnen ­ Albert Einstein. Anschließend möchten wir anhand des

Buches ,,Friede oder Atomkrieg" mit Schweitzers Ansichten bezüglich der atomaren

Bedrohung auseinandersetzen. Darauf folgend widmen wir uns seiner Ethik der

Ehrfurcht vor dem Leben. Die in diesem Punkt unserer Arbeit verwendete

Gliederung lehnt sich an die Gerhard Gansterers an.2

2 Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben.

5


2. Albert Schweitzer ­ Eindrücke aus seinem Leben

2.1 Herkunft und Kindheit

Geboren wurde Albert Schweitzer am 14. Januar 1875 in Kayersberg im Oberelsaß

am Fuße der Vogesen. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie Schweizer nach

Günsbach.

Sein Vater Ludwig Schweitzer war ein armer aber angesehener Pfarrer. Seine Mutter

Adele Schweitzer, geborene Schillinger, war selbst die Tochter eines Pfarrers und

wurde von Schweitzer selbst als liebevoll und zärtlich beschrieben. Er war das zweite

Kind seiner Eltern und hatte noch drei Schwestern und einen Bruder. Die Familie

Schweitzer wohnte in dem Pfarrhaus der Gemeinde Günsbach. Mit fünf Jahren lernte

der junge Schweizer bereits Klavier spielen und mit acht Jahren erlernte er das

Orgelspiel. Im selben Alter las er das Neue Testament, dies sollte der Beginn einer

großen Leseleidenschaft sein. Mit neun Jahren waren seine Orgelkünste bereits so

fortgeschritten, dass er ab und zu den Organist im Gottesdienst vertrat.

Bis 1884 ging er an die Dorfschule. Mit neun Jahren besuchte Schweitzer die

Realschule in Münster. Zu dieser musste er drei Kilometer laufen, er genoss diesen

Weg und erfreute sich an der Vielfalt der Natur. Früh zeigte sich auch seine Liebe zu

den Tieren, das Mitleid für andere Lebewesen und die Fähigkeit sich in diese

hineinzuversetzen. Als er acht Jahre alt war wurde er von einem Kameraden verführt

mit einer Steinschleuder auf Vögel zu schießen und empfand das einsetzende Läuten

der Kirchenglocken als Erlösung, verscheuchte die Vögel und ging wieder zurück

nach Hause. Dieses Geschehen betreffend wird Schweitzer von Nossik folgender

Weise zitiert: ,, Die Art, wie das Gebot, dass wir nicht töten und quälen sollen, an mir

arbeitete, ist das große Erlebnis meiner Kindheit und Jugend. Neben ihm verblassen

alle anderen."3.

Schweitzer ging ungern zur Schule, da er dies als Verlust der Freizeit empfand.

Er war sehr zurückhaltend aber auch sehr leidenschaftlich.

3 Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 24.

6


2.2 Die Jahre in Mühlhausen

Mit zehn Jahren wurde Schweitzer ein unentgeltlicher Platz im Gymnasium in

Mühlhausen zu teil. Für diese Zeit wurde er von seinem Großonkel Ludwig und

seine Großtante Sophie aufgenommen.

Anfangs war er ein sehr schlechter Schüler, stets sehr zerstreut und bereitete seinen

Eltern großen Kummer. Später, als er einen neuen Lehrer, Dr. Wehmann, bekam

wurden seine Noten wesentlich besser, da er in seinem Lehrer ein Vorbild sah.

In Mühlhausen vermisste er am meisten die Natur rund um Günsbach und langweilte

sich in seiner Freizeit sehr. Wahrscheinlich war dies auch ein bedeutender Faktor für

die Lesewut die sich in diesen Jahren entwickelte. Er verschlang nahezu Bücher und

Zeitungen. Seine Tante mochte das nicht und genehmigte ihm nur in bestimmten

Stunden zu lesen.

Sein Großonkel und seine Tante waren im Umgang mit Albert sehr streng, nahezu

pedantisch. Später schrieb er in seiner Autobiografie ,, Die strenge Zucht, in die ich

bei diesem Großonkel und seiner Frau ­ sie waren kinderlos ­ kam, hat mir sehr

wohlgetan."4

Es folgten die schwierigen Jahre der Pubertät in denen er häufig in Streit mit seinem

Umfeld geriet. Schweizer selbst beschreibt diesen Zustand später als Folge des

aufkommenden Aufklärungsgeist der in ihm erwachte.5

Er fand es bedrückend, dass die Menschen zusammen saßen und über unwichtige

Dinge diskutierten und dabei das eigentlich Wichtige vernachlässigten. Er vermisste

das vernuftsgemäße Reden der Menschen und litt sehr unter den Regeln der

Wohlerzogenheit, welche ihm verboten die Erwachsenen für diese

Gedankenlosigkeit zu tadeln.

4 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 8.

5 Vgl. Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 39.

7


Zu dieser Zeit begann auch der Konfirmationsunterricht bei dem Pfarrer Wennagel.

Dieser war der Überzeugung, ,,daß vor dem Glauben alles Nachdenken verstummen

müsse"6. Albert Schweitzer jedoch vertrat die gegenteilige Meinung, dass die

Religion doch erst durch das Nachdenken begriffen werden kann.

Nach dieser Zeit bekam Albert Schweizer Orgelunterricht bei Eugen Münch, welcher

in erstmals mit den Werken des Thomaskantors Bach bekannt machte. Später

widmete Schweizer ihm ein Buch, sein erstes Buch was im Jahre 1898 veröffentlicht

wurde. Während er in Mühlhausen das Gymnasium besuchte, zog seine Familie in

ein neues Haus.

Im Juni 1893 bestand Schweitzer die Abgangsprüfung.

2.3 Studienjahre in Straßburg

Im selben Jahr nahm er das Studium der Theologie, Philosophie und der Musik an

der Universität in Straßburg auf. Zuvor jedoch wurde er von seinem Onkel Auguste

nach Paris eingeladen und kam in den Genuss, von Charles Marie Widor, einem

französischem Orgelmeister, Orgelunterricht zu bekommen.

Während des Studiums war Schweitzer stark durch seinen Professor Holtzmann

beeinflusst. Er unterrichtete im Fach Theologie und gab eine Vorlesung zu den

Synoptikern, Matthäus, Lukas und Markus, mit welchen Schweitzer von seiner

Kindheit an vertraut war und die er nun endlich wissenschaftlich untersuchen konnte.

Jedoch stieß er nach einer gewissen Zeit des Studierens auf einen Widerspruch an der

Auslegung der Schriften, wie sie sein Professor und viele andere in dieser Zeit

vertraten.

Vom 1. April1894 an diente Schweitzer sein Militärjahr ab.

Später, als Albert Schweitzer in den Pfingstferien bei seinen Eltern in Günsbach war,

erwachte er eines Morgens und fühlte sich wie gelähmt vor Glück. Der Gedanke,

dass dieses Glück egoistischer Natur ist, quälte ihn sehr.

6 Ebd. S. 41.

8


Er empfand das Glück und die Gesundheit, die ihm zu teil wurden, als Geschenk

und war der Meinung, wenn er sie nicht mit anderen Menschen teilte und sie für sich

allein beanspruchen würde, dann würde dieses Geschenk einen Tages verloren

gehen. Er kam zu der Erkenntnis, dass der Mensch der vom eigenen Leid verschont

ist die Pflicht hat, das Leid der Anderen zu lindern.

Er fasste den Entschluss, sich bis zu seinem 30. Lebensjahr mit der Theologie, Musik

und der Wissenschaft zu beschäftigen, dann, wenn er alles in diesen Bereichen

geschafft hat, was er sich vorgenommen hat, wollte er sich dem Leben Anderer

widmen.7

Im Mai 1898 legte er sein Staatsexamen in Theologie ab. Aufgrund dieses Examens

erhielt Albert Schweitzer durch die Empfehlung seines Professors ein Stipendium.

Wie schon in seiner Kindheit und Jugend fühlte sich Schweitzer auch in seinen

Studienjahren der Natur sehr verbunden.

Er war sehr engagiert für andere Menschen und bat häufig um Hilfe, zum Beispiel

für die Finanzierung eines Hauses für Sträflinge und Landstreicher. 8 Er bat aber nie

für sich selbst, sondern stets nur für andere.

Gegen Ende Oktober 1898 fuhr Schweitzer für ein halbes Jahr nach Paris um an der

Sorbonne Philosophie zu studieren und sich bei Widor im Orgelspiel weiterbilden zu

lassen. Gleichzeitig hatte er Klavierunterricht bei Isidore Philipp und Marie Jaëll

Über Marie Jaëll schreibt er später: ,, Ihr verdanke ich es, daß ich durch

zweckmäßiges, wenig zeitraubendes Üben immer mehr Herr meiner Finger

wurde..."

Er arbeitete an seiner philosophischen Doktordissertation über Immanuel Kant und

ging 1899 wieder zurück nach Straßburg.

Schweitzer verbrachte den Sommer in Berlin und machte dort Bekanntschaft mit

vielen Musikern und Künstlern. Er verbrachte viel Zeit im Haus der Witwe von

Ernst Curtius und kam so mit der akademischen Welt zusammen.

Gegen Ende Juli des Jahres ging er zurück nach Straßburg. In diesem Jahr wurde

,, Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion

innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" veröffentlicht.

7 Ebd. S. 55 ff.

8 Ebd. S. 58.

9


Mit 24 Jahren bekam er das Angebot als Privatdozent an der Universität zu arbeiten.

Schweitzer lehnte das Angebot ab, da er sonst nicht hätte als Prediger arbeiten

können. Weil zu dieser Zeit es nicht angesehen war, wenn man als Prediger und als

Dozent arbeitete.9

Nach bestandener zweiter Theologieprüfung im Jahr 1900 wurde er Vikar an der

Kirche St. Nicolai.

2.4 Die Jahre der ersten Arbeitstätigkeit in Straßburg

In der Gemeinde St. Nicolai war er unter anderem für den Konfirmandenunterricht,

Kindergottesdienst und für die Nachmittagspredigten zuständig. Diese Arbeit breitete

ihm stets Freude.

Er bemängelte den Allgemeinen Verfall der Zivilisation, der sich seiner Meinung

nach am deutlichsten im Verfall der Schule widerspiegelte. Die Programme der

Schule verdrängten immer mehr die Ideale der Menschlichkeit und der Güte. Er wies

darauf hin dass eine gute Bildung ohne Philosophie nicht möglich sei und bemühte

sich die Bildungsmängel seiner Zöglinge auszugleichen.10

Schweitzer reiste zu Vorträgen nach Paris und veröffentlichte Werke (,,Das

Abendmahlsproblem aufgrund Grund der wissenschaftlichen Forschung des 19.

Jahrhunderts und der historischen Berichte" und ,,Das Messianitäts- und

Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Leben Jesu.") die gegen die damals anerkannte

theologische Auffassung waren.

Am 1. März 1902 hielt er seine Antrittsvorlesung an der Theologischen Fakultät in

Straßburg. Albert Schweitzer befasste sich zu dieser Zeit mit der Leben- Jesu

Forschung.

1903 bis 1904 waren seine so genannten ,,Bachjahre" in denen er sich seinem Buch

über Bach widmete. Die französische Fassung erschien 1905 und die überarbeitete

deutsche, um einiges umfangreichere Fassung erscheint 1908.

9 Vgl. Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 69.

10 Vgl. Ebd. S. 71.

10


2.5 Die Entscheidung nach Afrika zu gehen und die folgenden Jahre

In der ganzen Zeit des Studiums und der Zeit als Vikar bekam er regelmäßig Hefte

einer Pariser Missionsgesellschaft zugesandt. Eines Tages im Herbst des Jahres 1904

nahm er eines dieser Hefte zur Hand und las darin einen Artikel mit dem Titel ,,Les

besoins de la Mission du Congo" (Was der Kongomission Not tut).11

In diesem Artikel wurde über die fehlenden Leute in der Missionsstation geklagt. Der

Artikel wurde mit den folgenden Worten beendet: ,,Menschen, die auf den Wink des

Meisters einfach mit: Herr, ich mache mich auf den Weg, antworten, dieser Bedarf

die Kirche."12

Zusammen mit den Erfahrungen und Eindrücken seiner Kindheit, wie zum Beispiel

die Lesungen des Vaters in den Missionsgottesdiensten über den Missionar Casalis

und der Entschluss der Studienzeit, später einmal den armen und kranken Menschen

zu dienen, fasste er den Entschluss, nach Afrika zu gehen, um in der Missionsstation

zu arbeiten.

Die Suche nach der Antwort, wie er den Menschen helfen könnte und somit sein

Glück teilen konnte, was er in seinem bisherigen Leben hatte, war nun vorüber.

Selbst beschrieb er es: ,,Als ich mit dem Lesen fertig war, nahm ich ruhig meine

Arbeit vor. Das Suchen hatte ein Ende."13

Zunächst behielt Albert Schweitzer seinen Beschluss jedoch ein Jahr für sich. Er

teilte seine Entscheidung lediglich einem guten Kameraden mit.

Viele Zeitgenossen meinten, dass dies einer Flucht ähnelte und er die zivilisierte

Welt hinter sich lassen wollte. Jedoch hatte Albert Schweitzer auf seinem Gebiet

alles erreicht und konnte nun den Entschluss nachgehen und den Menschen helfen.

11 Vgl. Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 87.

12 Ebd. S. 88.

13 Ebd. S. 88.

11


In seinem Buch zitiert Boris Nossik Gerald Götting, welcher über den Entschluss

Schweitzers folgendes schrieb: ,,Albert Schweitzer hat für sich innerlich und

äußerlich den Weg gefunden, ... sein persönliches Werk der Buße für das tun, was

die bürgerliche Gesellschaft, was das ,christliche Abendland′ in den ,Kolonien′

angerichtet hat."14

Der Vorschlag den er dem Missionskomitee machte als Missionsarzt nach Gabun zu

gehen, wurde abgelehnt. Sie zweifelten nicht an seiner christlichen Liebe, jedoch

daran, ob er den rechten christlichen Glauben hätte.

Auch seine Freunde und Verwandten waren gegen seinen Entschluss als

Missionsarzt nach Afrika zu gehen.

2.6 Die Zeit des Medizinstudiums

Trotz allem begann er 1905 mit dem Medizinstudium. Während dieser Zeit lebte er

in Räumen die ihm von der Familie Curtius zur Verfügung gestellt wurden. Von der

Familie selbst wurde er wie ein Familienmitglied behandelt.

Es folgten schwere Studienjahre in denen er an weiteren Büchern schrieb. 1909

verlobte er sich mit Helene Breßlau, Tochter eines Straßburger Historikers und

Schwesternschülerin. Er kämpfte für den Erhalt der alten Orgeln, da sie, Schweitzers

Meinung nach, gegenüber den neuen Orgeln einen besseren Klang hatten.

1911 legte er sein Staatsexamen in Medizin ab.

Im folgenden Jahr heiratete Albert Schweitzer seine Helene und gab seine

Lehrtätigkeit an der Universität und sein Amt in St. Nicolai auf. Er reiste nach Paris

um Tropenmedizin zu studieren. Im Jahr 1913 bekam er seinen Doktortitel und

erledigte viele Vorbereitungen für die Ausreise aus Europa. Er unternahm viele

Bittgänge um die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Als er alle geldlichen

Mittel für die Gründung eines kleinen Spitals zusammen hatte, fuhr er erneut nach

Frankreich und führte erneut Gespräche mit dem Komitee der Missionsgesellschaft.

Diesmal bekam er die Stelle und die völlige Unabhängigkeit für seine Taten.

14 Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 97.

12


2.7 Ausreise nach Afrika ­ Ankunft in Lambarene

Nach einem letzen Besuch in Paris und in seiner Heimat reisten Albert Schweitzer

und seine Frau im Februar 1913 nach Lambarene aus. Ihnen wurde ein festlicher

Empfang bereitet, aber sie hatten sofort alle Hände voll zu tun, denn es gab sehr viele

Kranke. Anfangs musste ein Hühnerstall als provisorisches Spital dienen. Joseph

Azoawani war sein erster Helfer, der ihm durch seine Dolmetscherfähigkeiten eine

große Last von den Schultern nahm.

Albert Schweitzer arbeitete zusammen mit seiner Frau von Sonnenaufgang bis

Sonnenuntergang, schrieb nebenbei an einer Arbeit über die Bachchoräle und baute

eine Wellblechbaracke als neues Spital.

Zur Entspannung spielte er Klavier, welches eigens für die Benutzung in den

tropischen Verhältnissen, die in Lambarene herrschen, gebaut wurde.

In den ersten Briefen die Albert Schweitzer aus Lambarene schrieb lies sich ein

glücklicher und triumphierender Mann erkennen. Er war zufrieden, er heilte viele

Menschen, führte gute Operationen durch und sein Ruhm und Ansehen als Arzt

stiegen.

Die Familie Schweitzer erfuhr in Afrika vom Kriegsausbruch. Sie wurden unter

Hausarrest gestellt, da Gabun zu dieser Zeit französische Kolonie war und beide

einen deutschen Pass besaßen. Die Internierung wurde wenig später auf Betreiben

Widsors aufgehoben. 1914 erlaubte man ihm, wieder die Kranken zu verarzten.

Schweitzer verachtete die emotionale Abstumpfung und den Zynismus der Politiker

des 20. Jahrhunderts. Er hasste den Krieg und war für eine Weltanschauung der

Lebensbejahung. Albert Schweitzer zählte zu den Positivisten.15

Er suchte nach einem ethischen Prinzip, dass dem Verfall der Welt entgegenwirkte.

Als er eines Tages zu einer kranken Missionarsfrau nach N′ Gômô gerufen wurde

und auf dem Ogowe Fluss stromaufwärts durch eine Nilpferdherde fuhr, standen die

Worte ,,Erfurcht vor dem Leben" vor ihm.

15 Vgl. Ebd. S. 165 ff.

13


Nun hatte er eine Idee in der seine Vorstellungen der Welt- und Lebensbejahung und

die der Ethik miteinander verbunden waren.16 Aus diesen Gedanken sollte sein Buch

der ,,Kulturphilosophie" entstehen.

Im Jahr 1916 starb Schweitzers Mutter bei einem Unfall. Er konnte ihren Tod nie

richtig verkraften.17 Im folgenden Jahr wurden Albert Schweitzer und seine Frau in

das Gefangenenlager Garaison in den Pyrenäen überführt. Dort wurde Schweitzer

das Erste Mal seit seiner Kindheit krank. Einige Zeit später wurden sie in das

Internierungslager für Elsässer St. Rémy gebracht. In diesem Lager erkrankten alle

beide.

Am 12. Juli 1918 wurden sie entlassen. Albert Schweitzer musste aufgrund der

Spätfolgen seiner Krankheit (Ruhr) operiert werden. Am 14. Januar gebar Helene

ihre gemeinsame Tochter Rhena.

Im Jahr 1920 reisten Schweitzer und seine Frau nach Schweden zum Erzbischof

Söderblom, der sich über die Jahre als Gönner Schweitzers herausstellte und ihm

auch bei der Tilgung seiner finanziellen Schulden unter die Arme griff.

Bis zum Jahre 1924 unternahm Albert Schweitzer Vortragsreisen durch Schweden.

Weiterhin hielt er in den Jahren Vorlesungen und gab Konzerte in den

verschiedensten Städten und Ländern.

1923 erschienen die ersten beiden Bände seiner ,,Kulturphilosophie". Am 14.

Februar 1924 verließ Albert Schweitzer, ohne seine Frau und seine Tochter, Europa

und reiste zurück nach Afrika.

Es gab viel zu tun, denn über die Jahre hatte sich niemand um das Spital gekümmert.

Schweitzer bekam Unterstützung von verschiedenen Ärzten und Helfern. Ende des

Jahres 1925 entschied er sich aufgrund der vielen Patienten ein neues Krankenhaus

an einer anderen Stelle zu errichten.

Schon ein Jahr später war das neue Spital bezugsfertig und Albert Schweitzer reist

zurück nach Europa zu seiner Familie. Bis zu seiner Rückreise nach Lambarene im

Jahr 1929, diesmal mit seiner Frau, unternahm er viele Reisen durch Europa.

16 Vgl. Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 153.

17 Vgl. Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 245.

14


Albert Schweitzer äußerte sich deutlich kritisch gegen die Nazi- Parteien. Er

erkannte, dass sie zwar die ,,Rettung aus aller Not" versprachen, aber um den Preis

der Freiheit des eigenen Denkens und Handelns. Leider wurde er von den Menschen

der damaligen Zeit nicht ernst genommen.

Zwischen dem Jahr 1933 und bis zum Kriegsausbruch 1940 in Afrika reiste Albert

Schweitzer immer wieder nach Afrika und Europa um Vortragsreisen zu

unternehmen oder um Besorgungen für Lambarene zu machen. Sein Ruhm als Arzt

in Afrika wuchs, wie auch der in Europa.

Während der Kriegszeit war Lambarene völlig von der Außenwelt abgeschnitten,

aber sie bekamen Hilfesendungen aus Amerika, England und Schweden.

Ein gutes Beispiel für den Einfluss der Ideen und Wertvorstellungen Albert

Schweitzers den er schon in der damaligen Zeit hatte, ist die Formulierung des

Hippokratischen Eids des Jahres 1948: ,,Ich werde die höchste

Erfurcht vor dem

menschlichen Leben

von seiner Empfängnis an haben. ..."18

In den Jahren bis 1953 reiste er nach Europa, wieder nach Afrika, nach Amerika und

auch nach England.

Im Oktober 1953 erhielt er den Friedensnobelpreis. Diese Auszeichnung markiert

den Höhepunkt seiner Kariere in Europa. Das Geld, das es für diese Auszeichnung

bekam, führte er natürlich dem Spital in Lambarene zu.

Albert Schweitzer befasste sich zunehmend mit der Gefahr die von der atomaren

Aufrüstung ausgeht.

1957 bekam er die Nachricht, dass seine Frau Helene gestorben sei. Er ließ ihre

Asche überführen und begrub sie unter seinem Fenster in Lambarene.

Mit 85 Jahren war Schweitzer in Lambarene und die Jahre der harten Arbeit und der

Schlaflosigkeit machten sich bemerkbar. In einem Brief an Gerald Götting schrieb

Albert Schweitzer ,, Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich ein Mensch fühlt der

ausgeschlafen ist. Ich kann mir nicht die Stunden bewilligen, die ich zum Ausruhen

benötige."19

Als er 90 Jahre alt war kam seine Tochter Rhena und arbeitete sich als von ihrem

Vater erwählte Nachfolgerin in den Klinikalltag ein.

18 Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 269.

19 Ebd. S. 323.

15


Am 4. September 1965 starb Albert Schweitzer. Seine Tochter Rhena schrieb in

einem Telegram an Schweitzers Freunde in Europa: ,,Während dieser Zeit hatte er

nicht zu leiden, und als um 11 Uhr abends das Ende eintrat, starb er ruhig, friedlich

und würdig in seinem Bett, mitten im Urwald von Lambarene, in dem Spital, das er

gebaut und geliebt hat."20

3. Albert Einstein ­ ein Wegbegleiter Albert Schweitzers

3.1 Der Briefwechsel von Albert Schweitzer und Albert Einstein

zwischen 1948 und 1955

Albert Schweitzer und Albert Einstein haben sich nach gegenwärtigem

Kenntnisstand nur zweimal persönlich getroffen.21 Doch sie hatten regen

Briefkontakt. In den Briefen ,,unterhielten" sie sich über die Probleme von Kultur

und Gesellschaft, die Gefahren der atomaren Aufrüstung aber auch über Schweitzers

Wirken in Afrika.

In einem Schreiben an Einstein berichtete Schweitzer ,,Ich bin kein freier Mensch

mehr [...]"22 und bezog sich dabei auf seine Arbeit im Spital in Lambarene, welches

er mit großer Verantwortung führte. Einstein antwortete ihm darauf am 25.

September 1948 mit folgenden Worten: ,,Sie sind einer der wenigen, in denen

außergewöhnliche Arbeitskraft und Vielseitigkeit verbunden ist mit dem Streben,

den Menschen zu dienen und ihr Los zu erleichtern."23 Er lobte Schweitzers Arbeit

sehr und schien davon auch in hohem Maße beeindruckt gewesen zu sein. Am 28.

Februar im Jahre 1951 wendete sich Schweitzer wieder brieflich an Einstein.

20 Ebd. S. 333.

21 Vgl. url:http://www.einstein-website.de/verschiedenes.htm#schweitzer. (15.07.2004; 19.42 Uhr)

22 Albert Einstein, Albert Schweitzer: Freunde in ihrem Suchen nach Wahrheit, Menschlichkeit und

Frieden ; ihr Briefwechsel. S.3.

23 Ebd. S.7.

16


Diesmal betonte er ihre Ähnlichkeiten in Bezug auf ihre gemeinsame Besorgnis um

die Zukunft der Menschheit. In diesem Zusammenhang und auf Grund dieser

Gemeinsamkeiten nannte er Einstein in diesem Brief erstmals einen ,,Freund". 24

In dem Brief vom 06. Dezember 1954 unterrichtete Einstein Schweitzer von einer

,,ausgezeichnete[n] Frau und Lehrerin"25, welche verstorben war. Er erklärte ihm,

dass die Kollegen und Freunde der Frau diese gebührend ehren wollten und schickte

ihm den von ihnen entworfenen Beitrag mit.

Darin stand, dass zur Ehrung der Verstorbenen eine Medikamentenspende an

Schweitzers Spital gehen sollte.

Zu Schweitzers achtzigstem Geburtstag schrieb Einstein einen öffentlichen

Geburtstagsgruß mit der Überschrift ,,Schlichte Größe", welcher neben anderen in

einem Geburtstagssammelband veröffentlicht wurde. ,, Ich habe wohl kaum einen

Menschen persönlich kennengelernt, bei dem Güte und Schönheitsbedürfnis in

solchem Maße zu einer Einheit verschmolzen sind, wie es bei Albert Schweitzer der

Fall ist."26 In diesem ehrte er Albert Schweitzers Wesen und Werk. Er lobte an ihm,

dass er ,,Arme und Beine gebraucht, um seiner Bestimmung zu folgen", ,,stets aus

innerer Notwendigkeit heraus handelt" und sich immer ,,seine frohe, bejahende Natur

erhält".27

Daraufhin bedankte sich Schweitzer in einem Schreiben vom 20. Februar 1955

herzlich bei Einstein. Auch schrieb er, wie bewegt er von der großzügigen Spende

war. Im weiteren Verlauf des Briefes kritisierte er die UNO, welche angesichts neuer

Versuche mit Atombomben nichts unternimmt und berichtete Einstein davon, dass er

viele Briefe erhält, in denen er und Einstein aufgefordert werden, ihre Stimme

dagegen zu erheben. Schweitzer meinte dazu allerdings, sie hätten schon oft genug

ihre Stimme erhoben und nun sei es an der UNO, ,,[...] die Anregungen und das

Verantwortungsgefühl [zu] finden, [...] drohendes Unheil abzuwenden."28

24 Vgl. Ebd. S.8.

25 Vgl. Ebd. S.9.

26 Albert Einstein, Albert Schweitzer: Freunde in ihrem Suchen nach Wahrheit, Menschlichkeit und

Frieden ; ihr Briefwechsel. S. 11.

27 Vgl. Ebd. S.10f.

28 Vgl. Ebd. S. 13.

17


Am 18. Juni 1955 richtete Schweitzer einen Brief an Margot Einstein, die Nichte

Albert Einsteins. Er bedauerte den Tod ihres am 18. April 1955 verstorbenen Onkels.

Er beschrieb ihr das Kennen lernen zwischen den beiden und ergänzte: ,,Wir nahmen

aus der Ferne am Leben des Anderen Teil."29 Noch einmal betonte er hier die

innerliche Beziehung der beiden zueinander.

3.2

Gemeinsamkeiten von Albert Schweitzer und Albert Einstein

Schweitzer und Einstein wurden beide in Deutschland geboren (Schweitzer vier

Jahre früher; 1875) und erfuhren somit das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die

Zeit der Nationalsozialisten, zwei Weltkriege und das Atomzeitalter. Sie bekamen

beide zahlreiche Auszeichnungen. Unter anderem erhielt Einstein 1921 den

Nobelpreis für Physik und Schweitzer 1952 den Friedensnobelpreis. Sowohl

Schweitzer als auch Einstein empfanden den Niedergang der Kultur als bedrückend

und sahen in der Ethik den bedeutsamsten Grundpfeiler ihrer Religiosität. Ebenso

waren sich Beide in ihren ethischen und moralischen Wertvorstellungen sehr

ähnlich. Schweitzer und Einstein beurteilten beide ihre religiöse Erziehung als

ausschlaggebend für ihre ethische Grundeinstellung. Sie führten ein bescheidenes

Leben und vertraten eine humanistische Lebensgesinnung. Eine weitere

Gemeinsamkeit waren die öffentlichen Kundmachungen gegen den Krieg und die

atomare Aufrüstung. Für beide waren die Gründe für den I. und II. Weltkrieg der

,,Kulturverfall und kurzsichtiger Nationalismus".30 Darüber hinaus fühlten sich beide

von den gleichen Personen inspiriert.

29 Vgl. Ebd. S.15.

30 Vgl. Ebd. S.57.

18


Ihre Anregungen erhielten sie beispielsweise durch Jesus, Philosophen (Kant),

Schriftstellern (Buber), Komponisten (Bach), Wissenschaftlern (Planck) und

Politikern (Gandhi).31 Weiterhin war ihnen gemein, dass sie ihre Lebensgefährtinnen

in ihren letzten Lebensjahren verloren und selbst ihre letzte Ruhestätte weit

entfernten Kontinenten fanden.

3.3 Aussage der Briefe

In den Briefen ist zu erkennen, dass der Umgang der beiden miteinander sehr

freundschaftlich ist. Immer wieder bedauern sie es, wenn sie eine Gelegenheit

verpassten, sich zu treffen. Sie beschrieben ihre Freundschaft als

Seelenverwandtschaft, weil sie sich in vielem so ähnlich und nahe waren.

Es ist beeindruckend, welche enge Bindung und Freundschaft Albert Schweitzer und

Albert Einstein nur auf Grund ihrer gemeinsamen Vorstellungen und Ziele hatten.

Helen Dukas, die Sekretärin Einsteins schrieb im April 1957 einige Zeilen an

Schweitzer, die diese faszinierende Ähnlichkeit auf den Punkt bringt: ,,So vieles, was

sie in Ihren Briefen sagen, könnte Einstein selbst gesagt haben."32

4. Schweitzers Ansichten bezüglich der Atomkriegsgefahr dargestellt

anhand des Buches ,,Friede oder Atomkrieg"

Albert Schweitzer begann in den achtziger Jahren seines Lebens sich vermehrt mit

dem Problem der Atomkriegsgefahr zu beschäftigen. Er schien ,,ein Rufer für die

Zukunft der Menschen zu werden."33

31 Die Vertreter der einzelnen Disziplinen sind nur beispielhaft ausgewählt und erheben keinen

Anspruch auf Vollständigkeit.

32 Albert Einstein, Albert Schweitzer: Freunde in ihrem Suchen nach Wahrheit, Menschlichkeit und

Frieden ; ihr Briefwechsel. S.18.

33 Grabs Rudolf, Albert Schweitzer, Wegbereiter der ethischen Erneuerung. S. 27.

19


Ursachen beziehungsweise Gründe für die Hinwendung zu diesem Thema waren

unter anderem die Atombombenabwürfe am 6. August 1945 über Hiroshima und drei

Tage später am 9. August 1945 über Nagasaki. Aber auch das anschließende atomare

Wettrüsten der Großmächte, die Leichtgläubigkeit und die Teilnahmslosigkeit der

Menschheit (ausgenommen der Japaner) lieferten wohl ausreichend Gründe für

Albert Schweitzer um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Im folgendem werden wir anhand der Reden ,,Das Problem des Friedens in der

heutigen Welt", die Rede bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises; ,,Appell

an die Menschheit"; ,,Friede oder Atomkrieg", beides Reden die im Osloer Radio

ausgestrahlt wurden und den Text ,,Der Weg des Friedens heute" aus seinem Buch

,,Die Lehre vor der Erfurcht vor dem Leben", Schweitzers Einstellung zum

Spannungsfeld Frieden und Atomkrieg vorstellen.

4.1 Die Situation in Europa vor den Weltkriegen

Die Politiker und Staatsmänner des 19. Jahrhunderts waren nach der Meinung von

Albert Schweitzer den Aufgaben die sie erfüllen sollten nicht gewachsen. Sie maßen

,,dem geschichtlich Gegebenen und damit der Gerechtigkeit und Zeckmäßigkeit nicht

die gebührende ..."34 Bedeutung bei.

Europa war geprägt durch ein Zusammenwohnen verschiedener Völker, welche

entweder durch Zuzüge von Einwanderern oder durch die Inbesitznahme von Land

zustande kam. Im Verlauf des Jahrhunderts kam es zum Teil zu einer Verschmelzung

der Völker, jedoch nicht im Osten und Südosten Europas. In diesen Regionen wurde

der im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts immer stärker werdende Nationalstolz

zum Problem des friedlichen Zusammenlebens. Darin sah Schweitzer die Ursache für

den Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den östlichen und südöstlichen Ländern und

als alleiniges Mittel gegen den Kriegsausbruch sah er die Beachtung des

geschichtlich Relevanten und die Achtung der Gerechtigkeit.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde kein Friedensvertrag

unterzeichnet sondern nur Verträge mit dem Charakter eines Waffenstillstandes.

34 Ebd. S. 14.

20


4.2 Die Einstellung der Menschen gegenüber Krieg

Früher galt Krieg als Mittel, dass dem Fortschritt dient und dass die stärkeren Völker

sich gegen die Schwächeren durchsetzen. Der moderne Krieg ist mehr Übelbringer

als Fortschrittsbringer.

Durch die Genfer Konvention von 1864, welche unter anderem besagt dass die

Pflege der Verwundeten und die humane Behandlung von Kriegsgefangenen

gewährleistet sein muss, wurde von den Völkern geglaubt, dass der Krieg eine

fortschreitende Humanisierung erfährt.

Aufgrund dessen wurde der Kriegsausbruch 1914 von der Bevölkerung nicht so

schwer genommen weil sie an der Theorie der Kürze des Krieges und der

Humanisierung festhielten. Es sollte sich aber herausstellen, dass dies weder für den

Ersten noch für den Zweiten Weltkrieg zutreffend war. In beiden Kriegen wurde in

,,inhumanster Weise gekämpft und zerstört."35

Krieg ist aus ethischer Sicht nicht vertretbar, da sich der Mensch der grausamen

Unmenschlichkeit schuldig macht. Der Mensch verfällt in eine Hybris und verfügt

über Natur

und

Mensch, jedoch ist er durch geistige Unvollkommenheit

gekennzeichnet und bringt nicht die notwendige Vernunft für seine Entscheidungen

auf. Schweitzer forderte den Menschen auf zur Vernunft zu kommen.

4.3 Von der Entdeckung der radioaktiven Strahlung bis zur

Nutzung als Waffe

Die eigentliche Freude über die Entdeckung der radioaktiven Strahlung und ihre

Wirkung bei der Heilung von Krebszellen verblasste als begonnen wurde die

Entdeckung, die eigentlich Leben retten sollte, zum Zwecke der Machtsicherung und

zur Zerstörung menschlichen Lebens einzusetzen. Die Atombombe wurde 1945 in

Amerika entwickelt und über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen.

35 Ebd. S. 19.

21


Amerika wollte sich auf diesem Wege die einzigartige Überlegenheit über alle

Völker sichern. Friede war insofern geschaffen, dass man Respekt vor der Macht des

Anderen hatte.

Dies war der Startschuss für das atomare Wettrüsten Amerikas, der Sowjetunion und

Englands. Es wurden Raketengeschosse entwickelt um den Feind noch besser und

möglichst ohne eigene Verluste vernichten zu können. Auch der Raum des Meeres

war durch mit Atomwaffen bestückte Unterseebote nicht mehr sicher.

Das Ausmaß eines ausbrechenden Atomkriegs war nicht vorstellbar. Ein

amerikanischer General sagte bezüglich des Ausmaßes eines Atomkrieges: ,,Wenn in

einem Abstand von jeweils 10 Minuten 110 Wasserstoffbomben auf die USA

geworfen werden, so werden dabei 70 Millionen Menschen getötet oder verletzt.

Außerdem werden Tausende Quadratkilometer für eine ganze Generation

unbrauchbar."36 Für den Fall eines Bombenangriffs meinte Präsident Eisenhower,

wäre das einzige was helfen würde ein Gebet.37

4.4 Die Gefahr der atomaren Bedrohung

Am 1. März 1954 wurden in Bikini (Marshallinseln) die ersten

Wasserstoffbombentests der Amerikaner durchgeführt. Kurz darauf folgten die Tests

der Russen in Sibirien.

Als die Uranbomben auf Nagasaki und Hiroshima geworfen wurden, maßen die

Menschen des 20. Jahrhunderts den Bomben aufgrund ihrer geringen Größe und der

geringen Wirkung keine große Bedeutung bei. Um zu verdeutlichen welches Ausmaß

die Bomben hatten möchten wir einige Daten für den Abwurf der Uranbombe über

Hiroshima anführen. Es gab circa 66.000 Tote und circa 69.000 Verletze. Im Radius

von 1,6 Kilometern wurde alles vollständig zerstört, bis zu drei Kilometern reichte

die Druckwelle und hinterließ schwere Zerstörungen.

36 Ebd. S.68.

37 Vgl.Grabs Rudolf, Albert Schweitzer, Wegbereiter der ethischen Erneuerung, S. 68f.

22


Die von der Bombe ausgelöste ungeheuere Hitzewelle, die alles Brennbare

entflammte kam bis vier Kilometer rund um den Ort der Detonation. Die

verbleibende Explosionszone, in welcher durch Wind und Feuer große Zerstörungen

wüteten hatte einen Radius von bis zu über fünf Kilometern.38 In der damaligen Zeit

wusste man, dass die Wasserstoffbomben radioaktiven Staub in der Luft

zurücklassen und das dieser radioaktive Strahlung aussendet, welche schon in

geringen Mengen schädlich auf den menschlichen Organismus wirken.

Forscher befassten sich mit den Auswirkungen, die die Strahlen auf die Natur und

den Menschen hatten und kamen zu dem Ergebnis, dass die Strahlen eine nicht zu

unterschätzende Gefahr für die Menschheit darstellten. Leider wurde diese Mahnung

nicht im erwarteten Maße in das Bewusstsein der Menschen aufgenommen.

Albert Schweitzer leistet Aufklärungsarbeit um den Menschen die Gefahr zu

verdeutlichen, die von den Strahlen ausging.

Wie stark diese Ausmaße sein können, verdeutlichte Albert Schweitzer an dem

Beispiel der Untersuchungen im Columbiafluss nach den Abwürfen vom Bomben

über Bikini und Sibirien.

Das Plankton des Wassers wies eine 2000-mal höhere Radioaktivität auf als vor den

Abwürfen. Die Enten im Gewässer hatten eine 40.000-mal höhere Radioaktivität, die

Flussfische eine 150.000-mal höhere Radioaktivität und das Eigelb von einem

Wasservogelei wies sogar eine 1.000.000-mal höhere Radioaktivität auf.39

Schweitzer betonte, dass auch wenn von amtlicher und nichtamtlicher Seite

versichert wird, dass die Strahlung in der Luft für den Menschen nicht bedrohlich sei,

so ist sie in bedrohlichem Maß in allem anderen zu finden, was der Mensch zu sich

nimmt.

Die Strahlung befällt besonders den Knochenbau, die Leber und die Milz. Die Zellen

werden durch die Strahlung ionisiert und dies verändert die in der Zelle ablaufenden

chemischen Prozesse. So können sie die lebenswichtigen Funktionen nicht mehr

ausführen oder werden vollkommen degeneriert.

38 url: http:// www.safog.com/home/atombombe.html#Hiroshima, (07.07.2004; 22:23 Uhr).

39 Vgl. Grabs Rudolf, Albert Schweitzer, Wegbereiter der ethischen Erneuerung, S. 42.

23


Auch die Fortpflanzungszellen werden angegriffen, was erklärt warum nach den

Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki abnorm viele Totgeburten beziehungsweise

Kinder mit Missbildungen zur Welt kamen.

Schweitzer versuchte die Menschen seiner Zeit ,,wach zu rütteln"; ihnen die Augen

zu öffnen, welche Gefahr von den Versuchsexplosionen ausging. Jeder weitere

Atombombenabwurf würde die Gefahr erhöhen, deswegen ist es unbedingt

notwendig, erneute Abwürfe zu verhindern.

Schweitzer hoffte, dass aufgrund der Sympathie, die die Menschen für ihn hegten,

sich seine Mahnung im Geist der Menschen festsetzt.

4.5 ,,Der Atomkrieg steht vor der Tür"

Amerika begann als erstes Land Atomwaffen an die mit ihnen im Bund stehenden

Länder zu verteilen. Denn durch die Entwicklung der Raketengeschosse konnten

diese Länder zum strategisch günstigen Standpunkt werden, wenn es galt den Feind

zu schlagen. Dies stellte für die Sowjetunion eine erneute Bedrohung dar. Amerika

erhoffte sich mit dieser Strategie den Frieden durch Abschreckung zu erzwingen,

jedoch konnte dieser im Kontext der allgemeinen atomaren Aufrüstung nicht

aufrechterhalten werden.

Im Falle eines Atombombenangriffs waren schnelle Entscheidungen zur Gegenwehr

gefordert Dies barg die Gefahr, dass im Falle eines irrtümlich angenommenen

Atomangriffs es zu einem ungewollten Ausbruch eines Atomkriegs kommt.

4.6 Der Weg zu einem Abkommen gegen Versuchsexplosionen

Im Sommer 1957 verhandelten Amerika, England und die Sowjetunion über ein

Abkommen gegen die Atomwaffentests, jedoch ergebnislos. Das Gleiche geschah

bei der UNO Konferenz weil die Sowjetunion aufhörte sich am Geschehen zu

beteiligen.

Der von der Sowjetunion vorgeschlagene Stopp der Versuchsexplosionen wurde von

England und Amerika abgelehnt.

24


Sie bestritten die von den Versuchsexplosionen ausgehende Gefahr und hatten

keinen Grund die Versuche einzustellen, da die ,,Beruhigungspropaganda" der Presse

Wirkung zeigte. Die erhoffte Vorbildfunktion vom dem im Jahr 1957 unterbreiteten

Vorschlag Polens, dass Polen, die Slowakei sowie Ost- und Westdeutschland

atomwaffenfrei bleiben sollten, blieb aus.

Im Jahr 1958 planten einige amerikanische Wissenschaftler eine ,,saubere

Wasserstoffbombe" zu entwickeln. Sie sollte angeblich viel weniger radioaktive

Teilchen haben. Die negative Begleiterscheinung an dieser geplanten Entwicklung

war, dass die Versuchsexplosionen weitergeführt werden mussten. Aufgrund dieser

Tatsache schrieben amerikanische Wissenschaftler in einer Zeitschrift, dass die

,,saubere Atombombe" nicht für den Gebrauch, sondern einzig dafür bestimmt sei die

Menschen zu beruhigen.

Das Ende der Beruhigungspropaganda markierte eine Erklärung von 9235

Wissenschaftlern am 13. Januar 1958. Sie gaben bekannt, dass der durch die

Versuchsexplosionen entstehende radioaktive Staub eine ernstzunehmende Gefahr

für alle Gegenden der Erde sei. Sie forderten das sofortige Versuchsende.40

Jedoch sollte noch einige Zeit vergehen bis solch ein Abkommen geschlossen wurde.

Die am 20. Februar 1958 gestellte Bitte Japans mit den Atombombentests

aufzuhören lehnten die Großmächte ab. Die Presse und die Menschheit blieben

teilnahmslos.

Im Oktober des Jahres kam es nach langer Zeit der Planung zu einer Konferenz der

Atommächte in Genf. Ziel war es, eine andauernde, völlige Abschaffung der

Atomwaffen zu erreichen. Erschwerend für diese Konferenz war, dass aufgrund des

zurückliegenden Zweiten Weltkrieges kein Vertrauen unter den Teilnehmenden

herrschte.

Es wurde ein Plan zur Überwachung der Versuchsexplosionen aufgestellt. Dieser

Plan war aber nicht realisierbar. Die Atomwaffenmächte einigten sich darauf, bis auf

weiteres, keine Versuchsexplosionen mehr durchzuführen.

Amerika führte dennoch unterirdische Versuchsexplosionen bis zum 1. September

1961 durch. Die Sowjetunion führte die Tests ober- und unterirdisch durch.

40 Vgl. Ebd. S. 59.

25


Die Radioaktivität der Luft und des Wassers nahm in beunruhigender Weise zu und

die Angst der Bevölkerung vor einem Atomkrieg wurde größer.

Am 25. Juli 1963 wurde das Moskauer Abkommen geschlossen. Teilnehmende

Länder waren Amerika, England und die Sowjetunion. Sie einigten sich keine

Versuchsexplosionen in der Luft beziehungsweise im Wasser mehr durchzuführen.

Somit waren auch der Bau und die Weiterentwicklung neuer Atomwaffen

unmöglich.

Albert Schweitzer sah in dem Moskauer Abkommen einen ersten und

unumgänglichen Schritt auf dem Weg zum Frieden, nichtsdestoweniger sah er die

Notwendigkeit von weiteren Abkommen für die Abschaffung bestehender

Atomwaffen.

Eine mögliche Garantie der Einhaltung des Abkommens sah Albert Schweitzer im

gegenseitigen Vertrauen der Partner. Dieses Vertrauen könne nur dann erreicht

werden, wenn das Volk die Einhaltung des Moskauer Abkommens fordert.

Der Volkswillen ist somit ein entscheidender Faktor in der Frage des Friedens und

sein größter Feind ist der des Nationalismus. Doch wie erreicht man die

Humanitätsgesinnung? Jeder hat die Fähigkeit in sich, sie muss nur ,,ans Licht

gebracht" werden. Für die Sicherung des Friedens bildet die Gesinnung des Friedens

die Grundlage. Albert Schweitzer verwies ausdrücklich darauf, dass die Gesinnung

des Geistes erreichbar ist und den vorherrschenden Zustand der Angst, Bedrohung

und der stets bereit gehaltenen Mittel zur Selbstverteidigung ablösen soll.

Der erste Schritt in diese Richtung war die Wiedergutmachung der Verbrechen die in

den vergangenen Kriegen begangen wurden. Durch diese erste Form des

Aufeinander zu Gehens würde das Vertrauen der Völker untereinander wieder

aufgebaut werden. Dies bietet die Möglichkeit, Probleme vernünftig und angemessen

zu regeln. Albert Schweitzer verweist auf die Worte des Apostel Paulus: ,,So viel an

euch liegt, habt mit den Menschen Frieden."41

41 Grabs Rudolf, Albert Schweitzer, Wegbereiter der ethischen Erneuerung, S. 32.

26


5. Die Ehrfurcht vor dem Leben

5.1 Entstehung des Begriffs Ehrfurcht vor dem Leben

,,Unsere Kultur macht eine schwere Krise durch."42 Diese Worte Albert Schweitzers

veranschaulichen seine Wahrnehmung des Zustandes der Kultur im ausgehenden 19.

Jahrhundert. Von diesem Kulturniedergang war Schweitzer zutiefst berührt, was sein

gesamtes Denken beeinflusste. Seine intensive Auseinandersetzung mit der

Kulturphilosophie hatte ihren Anstoß 1899. Er war zu Gast bei der Witwe des

Altertumsforschers Ernst Curtius in Berlin, als sich dort eines Abends einige Männer

über ein Ereignis in ihrer Akademie unterhielten. Plötzlich ergriff einer der Männer

das Wort und sagte ,,Wir sind ja doch alle nur Epigonen."43 Diese Bemerkung sprach

Schweitzer direkt aus der Seele44 und bewegte ihn dazu, sich fortan mit seinem Werk

,,Wir Epigonen" zu beschäftigen. Diese Schrift sollte den Menschen die Augen für

den Kulturniedergang öffnen und war somit vorerst nur der Kulturkritik gewidmet.

Auf Grund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs musste er seine Arbeit daran

unterbrechen. Jedoch erweiterte Schweitzer 1915 sein Werk unter den Eindrücken

des Ersten Weltkrieges um die Idee des Wiederaufbaus der Kultur. Die Rettung der

Kultur vor ihrem Niedergang sah er darin, mittels einer Kulturweltanschauung,

welche in der Welt- und Lebensbejahung besteht, die Vollkommenheit der echten

Kultur wieder zu entdecken.45 Das Wesen der Welt- und Lebensbejahung liegt in

dem Willen, Fortschritte materieller und geistiger Art zu erlangen. Zum Aspekt der

Lebensbejahung schreibt er: ,,Lebensbejahung ist die geistige Tat, in der er [der

Mensch] aufhört, dahinzuleben und anfängt, sich seinem Leben mit Ehrfurcht

hinzugeben, um es auf seinen wahren Wert zu bringen."46

42 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 97.

43 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 143.

44 Vgl. Ebd.

45 Vgl. Ebd. S. 146.

46 Ebd. S. 154.

27


Doch nur durch das Einfließen der Ethik der Liebe Jesu Christi (Nächstenliebe) in

diese Weltanschauung erhält sie ihre ethische Natur.

Die Welt- und Lebensbejahung basiert auf dem Willen zum Leben, welcher die

Grundlage für sein ethisches Grundprinzip bildet( siehe 3.2.1).

Diese zum Ausgangspunkt gemachte Weltanschauung stellte ihn nun aber auch vor

die Aufgabe, einen absoluten und umfassenden Begriff des Ethischen zu finden.

5.1.1 Das Erlebnis am Ogowe-Fluss

Im September 1915 wurde Schweitzer von Kap Lorenz nach N`Gômô zu einer

erkrankten Missionsfrau gerufen. Dass diese Reise die Geburtsstunde des

umfassenden Begriffs des Ethischen werden sollte, schwante ihm nicht. Ganz

unverhofft sah er es plötzlich vor seinem geistigen Auge: Ehrfurcht vor dem Leben.

,,Das eiserne Tor hatte nachgegeben; der Pfad im Dickicht war sichtbar geworden.

Nun war ich zu der Idee vorgedrungen, in der Welt- und Lebensbejahung und Ethik

miteinander enthalten sind!"47 Schweitzer war schon von Kindheit an sehr

naturverbunden. In all seinen Schriften und Briefen erkennt man seine stark

ausgebildete Sensibilität für die Natur und alle Lebewesen.

(Beispiel mit Vögel-

Abschießen)

. Es ist wahrscheinlich, dass er befindlich im afrikanischen Dschungel

von seiner tiefen Naturliebe zur Findung des Begriffs inspiriert wurde.

Jedoch gibt es auch andere Vermutungen zur Herkunft dieser Begrifflichkeit.48

5.1.2 Begriff von Christian Wagner

Am 21. November 1987 fanden die Basler Albert Schweitzer Gespräche statt. Zu

dieser Veranstaltung hielt Erich Gärstner einen Vortrag über ,,Die Ethik der

Ehrfurcht vor dem Leben" und sagte aus, der Begriff sei schon Zwanzig Jahre vor

47 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 153.

48 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 58.

28


Albert Schweitzer von Christian Wagner (Bauer und Dichter aus Warmbronn; 1835-

1918; verkündete ,,das Recht aller Wesen auf Leben und Freude)49 entdeckt worden.

Freilich wusste Schweitzer damals nichts von Wagners Begriffskombination, womit

man ihm nicht den Vorwurf des Kopierens des Begriffes machen kann.

5.1.3 Inspiration durch Kant oder Goethe

Albert Schweitzer schrieb seine Dissertation zu Immanuel Kant. In seiner Schrift

,,Das Prinzip Vernunft" schreibt Hans Jonas, Kant habe sich mit dem Gefühl der

Ehrfurcht- nämlich der Ehrfurcht vor dem Gesetz- auseinander gesetzt.50 Auch durch

Johann Wolfgang von Goethes Begriffskombination ,,Ehrfurcht vor der Natur"

könnte Schweitzer zu seiner Begriffsfindung inspiriert haben. 51

In einem Brief an Fritz Buri am 14. Oktober 1947 äußert Schweitzer seine Freude

über die hohe Wertschätzung, die Andere seiner Ehrfurcht vor dem Leben

entgegenbringen. Er betont allerdings stark, dass der Begriff der Ehrfurcht vor dem

Leben sein Gedankengut sei. ,,Es passiert mir öfters, dass ich in einem Buch oder in

einer Zeitschrift den Ausdruck »Ehrfurcht vor dem Leben« finde, ohne dass der

Autor sich darüber klar ist, daß er eine Neuschöpfung ist und von mir stammt. Also

hat das Wort schon Kurs."52

5.2 Grundlage und zentrale Begriffe der Ehrfurcht vor dem Leben

Der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben von Albert Schweitzer liegt die Frage nach

dem Wesen des Sittlichen zu Grunde. Schon immer suchte er ein derartiges

,,Grundgesetz" oder ,,Grundgebot", das über allen anderen Gesetzen steht, welches

Verallgemeinerungsfähig und für alle Menschen nachvollziehbar ist. Wie schon in

49 url: http://www.oekosophie.de/html/body_ehrfurcht_vor_dem_leben.html (15.07.2004; 20.11 Uhr)

50 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 57.

51 Vgl. Ebd.

52 Bähr, Hans Walter (Hg.):Schweitzer, Albert: Leben, Werk und Denken. 1905 ­ 1965. Mitgeteilt in

seinen Briefen. S. 182.

29


3.1 erwähnt, ist für Schweitzer die Welt- und Lebensbejahung der Schlüssel zur

wahren Ethik. Diese Welt- und Lebensbejahung gründet sich in dem Willen zum

Leben in dem Menschen und um ihn herum.

,,Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will."53 Somit ist der

Kern seiner Ethik, allem Leben mit dem Willen zum Leben Ehrfurcht

entgegenzubringen.

Diese Feststellung ist das Wesen und des Grundprinzips des Sittlichen, welches

Schweitzer mehrfach ausweitet.

5.2.1 Das Grundprinzip des Sittlichen

Die ursprüngliche Fassung seines Grundprinzips des Sittlichen lautet ,,Gut ist, Leben

erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen."54 Die

erste Erweiterung dieses Prinzips ist, dass der Mensch ,,[...] der Nötigung gehorcht,

allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgendetwas

Lebendigem Schaden zu tun."55

Der Mensch soll somit alles Leben, ob Mensch, Tier oder Natur, als ehrwürdig

erkennen, respektieren und helfend unterstützen.

Die zweite Erweiterung seines Grundsatzes lässt einige Missverständnisse

aufkommen. ,,Als gut gilt ihm [dem Menschen]: Leben erhalten, Leben fördern,

entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten,

Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten." 56 Doch was ist

,,entwickelbares Leben"? Welche Kriterien sollen darüber entscheiden, welches

Leben als entwickelbar gilt und welches nicht? Zwar setzt sich Schweitzer mit

diesem Kritikpunkt auseinander, doch gibt er keine konkrete Antwort. In einer Rede

von 1952 wiederholte er diese Fassung seines Grundprinzips des Sittlichen fast

53 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 330.

54 Ebd. S. 331.

55 Ebd.

56 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 155.

30


wörtlich, nur verzichtet er auf die missverständliche Bezeichnung ,,entwickelbares

Leben." 57

Letztendlich reduziert er sein Prinzip nur auf den positiven Teil.

Er bezeichnet nun das Grundprinzip des Ethischen als ,,Hingebung an Leben aus

Ehrfurcht vor dem Leben".58 Mit dieser präzisen und gekürzten Festlegung gelang

ihm zugleich die Verbindung zu seinem absoluten Begriff der Ethik: Ehrfurcht vor

dem Leben.

5.2.2 Hauptproblem des Sittlichen Handelns: Die Selbstentzweiung des

Menschen

Die Entstehung der Selbstentzweiung des Menschen benennt Schweitzer in einer

Rede von 1952 als Ambivalenz der Welt, welche ,,Grausiges in Herrlichem,

Sinnloses in Sinnvollem, Leidvolles in Freudvollem"59 ist. Schweitzer möchte damit

ausdrücken, dass dadurch, das alles Leben Willen zum Leben besitz, ein

immerwährender Kampf entsteht, weil meist ein Leben auf Kosten eines anderen

besteht. Auf der einen Seite steht der Mensch also in Konflikt mit seiner Umwelt,

will aber aus dem Anspruch aus sich selbst heraus Leben schützen und wahren.

In seinen Betrachtungen über diese Selbstentzweiung geht er auch auf die

theologischen Aspekte ein. So gibt es für den Gläubigen Menschen eine ,,zweifache

Gotteserfahrung": den Gott der Liebe und den Gott der Naturgewalten.

Gott als Leben schaffende und zugleich Leben zerstörende Kraft. In der Theologie

wird dieses Phänomen als Theodizee - Problem bezeichnet.

Theodizee beschreibt den Versuch, das Böse und schlechte in der Welt mit der Liebe,

Gerechtigkeit und Güte Gottes in Einklang zu bringen. Um diese ,,zwei Gesichter

Gottes" zu verbinden, gebraucht Schweitzer ein beeindruckendes Gleichnis. Er

vergleicht diesen Zustand mit dem Golfstrom im Ozean. Der Golfstrom als bewegtes

und heißes Element befindet sich im Ozean, welcher kalt und unbewegt ist. Für den

57 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S.99.

58 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 328.

59 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 111.

31


menschlichen Verstand sei auch dies eine Vereinigung von sich ausschließenden

Materien, die jedoch in der Natur gemeinsam existieren.60 So lässt sich auch im

religiösen Kontext sagen: der Gott der Liebe und der Gott der Naturkräfte sind Eins,

nur sehr verschieden.

Gerhard Gansterer schreibt, Schweitzer weiche dem Theodizee-Problem allerdings

aus und verweise darauf, dass die Menschen dieses Rätsel der Welt nicht lösen

könnten aber versuchen sollten, sich anders zu verhalten und anders zu handeln.

5.2.3 Das Aufmerksamwerden auf die Erfurcht vor dem Leben

Doch wie kommt Schweitzer von der Erkenntnis des Willens zum Leben als Basis

seiner Ethik zu diesem Grundprinzip und somit zur Weltanschauung der Ehrfurcht

vor dem Leben? Er entwickelt vier Vermittlungsschritte61 des Erkennens vom

Lebenswillen hin zur Ehrfurcht vor dem Leben. Diese sind das Staunen, das Erleben,

das Denkend-Werden und die Mystik.

5.2.3.1 Das Staunen

Im Nachsinnen über sich und die Welt gerät der Mensch oft an seine Grenzen und

steht vor dem Rätsel des Lebens.

Dieses Rätseln lässt den Menschen immer wieder darüber erstaunen, wie

geheimnisvoll und unbegreiflich unsere Welt und unser Leben ist. Er ist bestrebt, das

ihn Umgebende zuerkennen und doch bleibt ihm oft nur das Darüber-Staunen.

Der Begriff des Erkennens bringt uns zur nächsten Vermittlungsinstanz, denn ,, Alles

wahre Erkennen geht in Erleben über."62 Wer also versucht, das ihn Umgebende zu

erkennen, erlebt es zugleich mit.

60 Vgl. Ebd. S. 113.

61 Vgl. Ebd. S. 89 ff.

62 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 329.

32


5.2.3.2 Das Erleben

,,Das zum Erleben werdende Erkennen lässt mich der Welt gegenüber nicht als rein

erkennendes Subjekt verharren, sondern drängt mir ein innerliches Verhältnis zu ihr

auf."63 Durch das Miterleben alles Lebendigen erkennt der Mensch seine Aufgabe

dem anderen Leben gegenüber und fühlt sich überdies gezwungen, dieses zu erhalten

und zu fördern. Der Aspekt des Denkend-Werdens ergibt sich aus der Synthese von

Staunen und Erleben.

5.2.3.3 Das Denkend-Werden

Das Denkend-Werden meint das tatsächliche und notwenige Erkennen der in jedem

Menschen enthaltenen Ehrfurcht vor dem Leben.

,,Wird der Mensch denkend über das Geheimnisvolle seines Lebens und der

Beziehungen, die zwischen ihm und dem die Welt erfüllenden Leben bestehen, so

kann er nicht anders, als daraufhin seinem eigenen Leben und allem Leben [...]

Ehrfurcht vor dem Leben entgegen zu bringen [...]."64 Nach Schweitzer impliziert

somit das Denkend-Werden direkt und unmittelbar die Ehrfurcht vor dem Leben.65

5.2.3.4 Die Mystik

Nach Schweitzer setzt die Mystik, sein vierter Vermittlungsschritt, dort ein, wo das

Denken beim Geheimnis des Lebenswillens angekommen und somit an seiner

Grenze ist.

,,Das Wesen der Mystik ist ja, daß aus meinem unbefangenen, naiven Sein in der

Welt durch das Denken über das Ich und über die Welt geistige Hingebung an den

geheimnisvollen unendlichen Willen wird, der im Universum in die Erscheinung

tritt."66

63 Ebd. S. 330

64 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 222.

65 Vgl. Ebd.

66 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 90

33


Es geht also darum, das Wissen um den Lebenswillen, der im Denken an seine

Grenzen gestoßen ist, für sich selbst und für alle anderen Lebewesen anzuerkennen.

All diese Schritte lassen uns Menschen die Ehrfurcht vor dem Leben in uns erkennen

und aufkeimen. Doch sie bilden auch eine Einheit indem sie zum Teil ineinander

übergehen und inhaltlich eng miteinander verbunden sind.

5.2.4 Das Erkennen der Ehrfurcht vor dem Leben

Eine wichtige Rolle bei Erkenntnisgeschehen der Ehrfurcht vor dem Leben spielen

für Schweitzer die Begriffe Unmittelbarkeit, Nötigung und das natürliche

Empfinden.

Mit dem ersten Begriff meint er die unmittelbare Einsicht in die Ehrfurcht vor dem

Leben. ,,Ehrfurcht vor dem Leben, veneration vitae, ist die unmittelbarste und

zugleich tiefste Leistung meines Willens zum Leben."67

Gansterer vermutet an dieser Stelle, dass das Erlebnis am Ogowe-Fluss Schweitzer

dazu veranlasst haben könne, diesen Punkt im Erkenntnisgeschehen als so wichtig zu

erachten. Denn auch ihm kam bei diesem Ereignis der Begriff der Ehrfurcht vor dem

Leben direkt und unmittelbar in sein Bewusstsein. 68 Mit dem Wort Nötigung meint

Schweitzer an dieser Stelle das innere Genötigt-Fühlen des Menschen zur Liebe

gegenüber anderen Menschen.

,,Aus innerer Nötigung, um sich selber treu zu sein und mit sich selber konsequent zu

bleiben"69 treten wir allen uns umgebenden Willen zum Leben mit Ehrfurcht

gegenüber. Der dritte Aspekt ist der des natürlichen Empfindens. Dieses fordere die

Ausweitung des Liebesgebotes auf alles Leben.70 Mit anderen Worten: das natürliche

Empfinden in uns Menschen impliziert die Ehrfurcht vor dem Leben; es liegt in

unserer Natur, allem Leben Liebe und Respekt entgegen zu bringen.

67 Ebd. S.89

68 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 94

69 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S.89.

70 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 96.

34


5.3 Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben

5.3.1 Begriff Weltanschauung

Schon immer wehrte sich Schweitzer gegen den Begriff der Weltanschauung als die

Basis für eine Ethik. Sein Werk ,,Kultur und Ethik" kritisiert zu einem großen Teil

misslungene Welterklärungsversuche. Doch indem er den Begriff Weltanschauung

mit ,,Ehrfurcht vor dem Leben" verknüpfte, versteht man dies nicht mehr als eine Art

Welterklärung, sondern als ,,geistige Überzeugung oder Gesinnung, die alles

Denken, Entscheiden und Handeln des Menschen beeinflusst und prägt"71 Diese Art

von Weltanschauung muss laut ihm optimistisch, das heißt lebensbejahend, und

ethisch, das heißt auf die innere Vollendung des Menschen ausgerichtet sein.

Durch diese Positivierung des Weltanschauungsbegriffes hat Schweitzer eine neue

Basis für seine Ethik geschaffen. Seine Ethik ist somit nicht nur Ethik, sondern

zugleich Weltanschauung.

5.3.2 Die Ziele der Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben

Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben verfolgt die Ziele der Schaffung

von Humanität, Kultur und Frieden. Diese Ziele sind natürlich nicht getrennt

voneinander zu sehen sondern bilden eine Einheit, in der eines das andere bedingt.

5.3.1.1 Humanität

1966 wurde im Auftrag von Schweitzer ein Sammelband mit dem Titel ,,Die Lehre

der Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten" veröffentlicht, der

auch einen Text mit der Überschrift ,,Humanität" beinhaltete. In diesem definierte

Schweitzer Humanität als ,,das wahrhaft gütige Verhalten des Menschen zum

71 Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 123.

35


Nebenmenschen".72 Indem ein Mensch zu einem anderen Menschen dieses gütige

Verhalten zeigt, so Schweitzer, überträgt sich dies auch auf die gesamte Gesellschaft.

Humanität soll nach ihm ,,[...]ein Sauerteig der Gesinnung der Einzelnen und der

Gesellschaft"73 sein, was nur erreichbar ist, wenn viele Menschen ,,[...]in Gedanken

und Handlungen Humanität mit der Wirklichkeit[...]" 74 verbinden.

Schweitzer meint damit, dass jeder einzelne Mensch dazu verpflichtet ist, jedes

Leben, ob menschlich, tierisch oder pflanzlich, zu respektieren und helfend zu

unterstützen.

5.3.1.2 Kultur

,,Kultur: Schaffung und Erhaltung von Werten, materiellen und geistigen Werten, die

dem Leben dienen."75 Genauer betrachtet schreibt Schweitzer der Kultur die

Aufgabe zu, den einzelnen Menschen vollkommen zu machen.

Vollständige Kultur sieht er darin, ,,...daß alle an sich mögliche Fortschritte des

Wissens und Könnens und der Vergesellschaftung der Menschen verwirklicht

werden und auf die innerliche Vollendung des Einzelnen, als auf das eigentliche und

letzte Ziel der Kultur, zusammenwirken."76 Schweitzer versteht Kultur nicht als ein

Weltgeschehen, sondern als das Erleben des Willens zum Leben in sich selbst. Der

sich in möglichst zahlreichen Menschen herausformende Wille zum Leben, der sich

aus den geistigen und materiellen Fortschritten der Menschheit entwickelt und der

zur Anwendung kommt, ist Kultur. Durch dieses Verständnis von Kultur bedarf diese

keiner Welterklärung, sondern hat aus sich allein heraus eine große Bedeutung für

die Welt. 77

72 Ebd. S.83.

73 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 353.

74 Ebd.

75 Schweitzer, Albert: Ehrfurcht vor dem Leben. Gedanken und Stoff 1936. In: Günzler, Claus;

Zürcher, Johann: Albert Schweitzer. Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. S. 463.

76 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 354.

77 Vgl. Ebd. S. 355.

36


5.2.1.3 Der Frieden

Die fundamentalen Vorraussetzungen für den Frieden sieht Schweitzer in der

Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben, deren angewandte Humanität und die

daraus resultierende Kultur.

Gerhard Gansterer stellt den Zusammenhang dieser Gesinnungen in einem Schema

dar, welches ich an dieser Stelle anführen möchte:

78

Es ist noch darauf zu verweisen, dass Gansterer betont, dass es nicht sicher ist, ob

Schweitzer überhaupt große Differenzen zwischen den Inhalten dieser Gesinnungen

sah. 79

Dass in seinen Augen Frieden nicht über Friedensbeschlüsse zu erreichen ist

kommentiert er folgendermaßen: ,,Regeln über Friedensschlüsse, mögen sie noch so

gut gemeint und noch so gut formuliert sein, vermögen nichts. Nur das Denken, das

die Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben zur Macht bringt, ist fähig, den ewigen

Frieden heranzuführen "80

Frieden resultiert also aus der Ehrfurcht vor dem Leben, die jeder Mensch in seinem

Inneren trägt.

78 Vgl. Gansterer, Gerhard: Die Ehrfurcht vor dem Leben. S. 128.

79 Vgl. Ebd.

80 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 368.

37


5.4 Was ist die Ehrfurcht vor dem Leben?

Um zu verdeutlichen, was die Ehrfurcht vor dem Leben tatsächlich ist, möchten wir

die einschlägigsten Aussagen Schweitzers dazu zitieren und diese zu erläutern. Das

Grundprinzip des Ethischen bezeichnet Schweitzer als ,,Hingebung an Leben aus

Ehrfurcht vor dem Leben".81 Immer wieder spricht er von Hingebung. Was versteht

er darunter? Man könnte Hingebung auch als Nächstenliebe charakterisieren.

Es geht darum, sich anderen Lebewesen helfend und unterstützend zu widmen. Ich

möchte dies an einem Bibelzitat aus Mt 7, 12 erläutern: ,,Alles nun, was ihr wollt,

dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!" 82 Schweitzer sagt, jeder hat den

Willen zum Leben in sich und somit auch den Wunsch, aus seinem Leben das

bestmögliche zu machen. Alles, was der Einzelne tut und vermeidet, um dies zu

erreichen, soll auch Maßstab für den Umgang mit seiner Umwelt sein. Denn jeder,

der den Willen zum Leben von Natur aus in sich spürt ist sich auch bewusst, dass

andere Lebewesen ebenso diesen Willen zum Leben in sich tragen.

In dieser Haltung, anderen Lebewesen helfend und unterstützend zu begegnen, sehen

wir die Bedeutung der Hingebung.

Den Zusammenhang zwischen dem ,,Für Sich" und dem ,,Für Andere" handeln

beschreibt er folgendermaßen: ,,Ehrfurcht vor dem Leben, die ich meinem Dasein

entgegenbringe, und Ehrfurcht, in der ich mich hingebend zu anderem Dasein

verhalte, greifen ineinander über."83 Hier wird deutlich, dass Schweitzer auch an den

einzelnen Menschen appelliert, den wirklichen Wert seines Lebens zu erkennen.

Bevor der Mensch seinem eigenen Leben keine Ehrfurcht erweist wird er es kaum

für andere Leben können. Diese Notwenigkeit sieht er durch die Lebensbejahung

gelöst, zu welcher er 1936 folgende Gedanken festhält: ,, Wir besitzen das Leben

nicht, um uns davon abzuwenden oder es wegzuwerfen, sondern um es zu erleben.

Lebensbejahung."84

81 Vgl. 16

82 Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers

83 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 337.

84 Schweitzer, Albert: Ehrfurcht vor dem Leben. Gedanken und Stoff 1936. In: Günzler, Claus;

Zürcher, Johann: Albert Schweitzer. Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. S. 463.

38


Die Lebensbejahung, welche den Ausgangspunkt des Entwurfes seiner

Weltanschauung darstellt, ist also zugleich eine der Vorraussetzungen der Gesinnung

der Ehrfurcht vor dem Leben

,,Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben begreift [...] alles in sich, was Liebe,

Hingebung, Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben bezeichnet werden kann."85 Die

hier mehrfach auftauchende Vorsilbe ,,Mit" verstärkt die Betonung, dass

Eigenschaften wie Leiden, Freuen und Streben in der Ethik der Ehrfurcht vor dem

Leben keine Eigenschaften sind, die das Individuum allein auf sich beziehen kann.

Es kommt darauf an, diese auch anderen zu Teil werden zu lassen und ihnen zum

Erleben dieser zu verhelfen.

Des Weiteren hebt Schweitzer mehrfach hervor, dass die Ehrfurcht vor dem Leben

nichts ist, was plötzlich auftaucht. Sie ist da ­ dort, wo der Mensch die Welt

untersucht; dort, wo er sie erkennen möchte. Im Gegensatz zu anderen Formen der

Ethik hat die Ehrfurcht vor dem Leben ihr festes Grundprinzip des Sittlichen. ,,Die

Ehrfurcht vor dem Leben aber, als etwas, das dem Denken immer gegenwärtig ist,

durchdringt das Beobachten, Überlegen und Entschließen des Menschen stetig und

nach allen Seiten."86

Ein wichtiger Aspekt der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist darüber hinaus, dass

sie die Hinwendung an das Leben auf Tiere und Pflanzen erweitert.

Albert Schweitzer formuliert ein Beispiel, indem diese unerbittliche Ehrfurcht vor

allem Leben deutlich wird. ,,Der Landmann, der auf seiner Wiese tausend Blumen

zur Nahrung für seine Kühe hingemäht hat, soll sich hüten, auf dem Heimweg in

geistlosem Zeitvertreib eine Blume am Rande der Landstraße zu köpfen, denn damit

vergeht er sich an Leben, ohne unter Gewalt der Notwendigkeit zu stehen."87

Zwischen den Lebensformen Mensch, Tier und Pflanze macht Schweitzer in seiner

Ethik keine Unterschiede. An diesem Beispiel wird auch wieder das Problem der

Selbstentzweiung deutlich (siehe Punkt 3.2.2). Die Ethik der Ehrfurcht vor dem

Leben lässt hier keine Ausreden zu: Leben schädigen oder gar zerstören ist, unter

welchen Umständen auch immer, schlecht. Sie überlässt dem Menschen selbst die

85 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 155f.

86 Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. S. 338.

87 Ebd. S. 340.

39


Entscheidung, inwieweit er ethisch bleiben kann und wann er sich durch äußere

Umstände genötigt fühlt, anderem Leben Schaden zuzufügen und somit schuldig zu

werden. 88 Schweitzers Ethik fordert also Friedfertigkeit bis zum Äußersten.

Überblickend kann man sagen, Ehrfurcht vor dem Leben ist eine dem Menschen von

Natur aus verinnerlichte Ethik, die ihn über sein Nachdenken über die Welt

immerfort dazu nötigt, an anderem Leben ­ einschließlich dem der Tiere und

Pflanzen ­ teil zu nehmen, es helfend zu unterstützen und zu erhalten.

6. Schlussbemerkung

Nachdem wir uns nun mit Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben

auseinander gesetzt haben sind wir zu der Einschätzung gelangt, dass diese in der

heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft nicht realisierbar ist. Die Grenze der zu

bedenkenden Notwendigkeit des Tötens von Tieren oder Pflanzen ist längst

überschritten.

Aber auch wenn uns Schweitzers Ethik an einigen Stellen zu radikal erscheint, wie

beispielsweise als er sich selbst als ,,Massenmörder der Bakterien, die mein Leben

gefährden können"89 beschuldigt ­ seine Gedanken sind trotz allem äußerst wichtig

für das friedliche Miteinander der Menschen. Boris Nossik schrieb 1987 einleitend

zu seiner Schweitzer ­ Biographie: ,,Heute besteht die Existenzfrage der Menschheit

darin, daß es gelingen muß, den Frieden zu erhalten. Von sicherem Frieden hängen

Leben und Glück der Menschen ab."90 Daran hat sich bis heute nichts geändert und

somit ist auch Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben immer noch aktuell.

88 Ebd.

89 Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. S. 339

90 Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. S. 7.

40


7. Quellenverzeichnis

Bähr, Hans Walter (Hg.): Albert Schweitzer. Leben, Werk und Denken. 1905 ­ 1965.

Mitgeteilt in seinen Briefen. Heidelberg, 1987.

Grabs, Rudolf: Albert Schweitzer. Wegbereiter der ethischen Forschung. Berlin,

1965.

Günzler, Claus; Zürcher, Johann (Hg.): Albert Schweitzer. Die Ehrfurcht vor dem

Leben. Kulturphilosophie III. Erster und zweiter Teil. München, 1999.

Günzler, Claus; Zürcher, Johann (Hg.): Albert Schweitzer. Die Ehrfurcht vor dem

Leben. Kulturphilosophie III. Zweiter und dritter Teil. München, 2000.

Hunold, Gerfried (Hg.): Gerhard Gansterer: Die Ehrfurcht vor dem Leben. Frankfurt

am Main, 1997.

Nossik, Boris Michailowitsch: Albert Schweitzer. Ein Leben für die Menschlichkeit.

9. Auflage. Leipzig, 1987.

Schweitzer, Albert: Aus meinem Leben und Denken. Leipzig, 1957.

Schweitzer, Albert: Friede oder Atomkrieg. München, 1981.

Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. München, 1990.

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