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Bulle und Lamm

Subtitle: Exegetische Reflexionen zu Ex 32,7-14, das Goldene Kalb und Opferlamm Gottes

Essay, 2008, 32 Pages
Author: Jan Thomas Otte
Subject: Theology - Biblical Theology

Details

Event: Hauptseminar Homiletik
Institution/College: University of Heidelberg
Tags: Bulle, Lamm, Hauptseminar, Homiletik
Category: Essay
Year: 2008
Pages: 32
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German
Archive No.: V121195
ISBN (E-book): 978-3-640-25545-0
ISBN (Book): 978-3-640-25548-1
Notes :
Eine Verbindung von Journalismus, BWL und Rhetorik für eine zeitgemäße Predigt, die ihren Kern nicht verleugnet, keinen dogmatischen Zeigefinger hochhält, aber provoziert und nachdenklich macht!


Abstract

Eine Predigt ist im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man seine weitreichenden Konsequenzen in der Interpretation des Hörers bedenkt. Einerseits soll Predigt nicht billig, eindimensional oder schwarz-weiß daherkommen, den Hörer nicht für dumm verkaufen. Mancher Prediger will die Gefahr von Langeweile, Gefühlsduselei und Geschwätz vermeiden. Ein in der Homiletik viel zitierter Zeitungsartikel warnt vor sogar von einer Show, einer stupiden „Pädagogisierung des homiletischen Aktes“ . Der Pfarrer versucht, seine Gemeinde mit den neuesten Erkenntnissen aus der Unterhaltungsindustrie harmlos, leicht verständlich und eingängig bei Laune zu halten. So gut gemeint der Ansatz auch ist, möglichst viele Hörer zu erreichen, so negativ ist die Rezeption dieses Gottesdienstes aus der Sicht des Journalisten. Meiner Meinung ist diese Methode in der Werbebranche vorteilhafter als in der Kirche. Ist Predigt nun Werbung, ein Kunstwerk oder noch viel mehr? Es gibt viele Großmodelle zur Interpretation und Rezeption von Texten aus der Sicht des Hörers. In einem von ihnen stellt Umberto Eco fest, dass unter den Bedingungen einer „ästhetischen Kommunikation“ einem einzigen Bedeutungsträger häufig mehre Bedeutungen zuzuordnen seien. Dabei be-nutzt Eco eine Feld-Metapher zwischen Suggestivität, Möglichkeit, Reiz und Relationen . Predigt ist demnach ein großartiges Kunstwerk, das nur schwierig mit all seinen Facetten durchschaut werden kann und Mehrdeutigkeit zulässt. Diese von Eco angesprochene Inter-pretation bedeute aber nicht Beliebigkeit, sagt Gerhard Marcel Martin. Predigt soll zwar vielseitig-kreativ, aber eben auch nicht zu kunterbunt in der Gestaltung, billig in der Art und gewollt in der Inszenierung sein. Andererseits soll sie den Hörer auch nicht mit theologischem Geschwätz aus dem Sinai und Kanaan überfrachten...


Excerpt (computer-generated)

Jan Thomas Otte

7. Fachsemester

1


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung S. 2

a. Exegetische Annahmen S. 7

b. Systematische Analyse S. 12

c. Seelsorgliche Dimension S. 18

2. Predigttext Ex 32,7 14 S. 23

3. Literaturverzeichnis S. 30

1. Einleitung

Im Nachklang meiner ersten, in einem ordentlichen Gottesdienst der evangelischen Lan

deskirche gehaltenen Predigt1 kamen viele Ideen auf, wie man grundsätzlich eine gute Pre

digt vorbereitet, schreibt und hält. Im Mittelpunkt stand dabei das Kommunikationsgesche

hen mit drei existentiellen Entwicklungspotentialen: Wie bringe ich es meinem Nachbarn

bei? Wie erreiche ich, dass jeder Hörer eine ermahnende wie ermutigende Botschaft mit

nach Hause nimmt? Wie erfülle ich den persönlichen Anspruch seelsorglicher Predigt?

Im Nachbereiten der Predigt, verstärkt durch die räumliche und sprachliche Distanz mei

nes Studiums in den USA, ist mir wichtig geworden, die Fülle unsortierter Gedanken auf ei

nem abstrakteren Niveau zu reflektieren. Damit möchte ich meine künftigen Predigten ein

facher und nachvollziehbarer strukturieren. Dabei habe ich von verschiedenen Homiletik

Modellen profitiert und die Literatur aus dem Heidelberger Homiletik Seminar (SS 2008)

weiter vertieft.

Eine Predigt ist im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man seine weitreichenden

Konsequenzen in der Interpretation des Hörers bedenkt. Einerseits soll Predigt nicht billig,

1 Am Sonntag

Rogate

, den 28. April 2008 sowie anschließend im Homiletik Seminar (Kapitel 2).

2


eindimensional oder schwarz weiß daherkommen, den Hörer nicht für dumm verkaufen.

Mancher Prediger will die Gefahr von Langeweile, Gefühlsduselei und Geschwätz vermeiden.

Ein in der Homiletik viel zitierter Zeitungsartikel warnt vor sogar von einer

Show

, einer stupi

den ,,Pädagogisierung des homiletischen Aktes"2. Der Pfarrer versucht, seine Gemeinde mit

den neuesten Erkenntnissen aus der Unterhaltungsindustrie harmlos, leicht verständlich und

eingängig bei Laune zu halten. So gut gemeint der Ansatz auch ist, möglichst viele Hörer zu

erreichen, so negativ ist die Rezeption dieses Gottesdienstes aus der Sicht des Journalisten.

Meiner Meinung ist diese Methode in der Werbebranche vorteilhafter als in der Kirche.3

Ist Predigt nun Werbung, ein Kunstwerk oder noch viel mehr? Es gibt viele Großmodelle

zur Interpretation und Rezeption von Texten aus der Sicht des Hörers. In einem von ihnen

stellt Umberto Eco fest, dass unter den Bedingungen einer ,,ästhetischen Kommunikation"

einem einzigen Bedeutungsträger häufig mehre Bedeutungen zuzuordnen seien.4 Dabei be

nutzt Eco eine Feld Metapher zwischen Suggestivität, Möglichkeit, Reiz und Relationen5.

Predigt ist demnach ein großartiges Kunstwerk, das nur schwierig mit all seinen Facetten

durchschaut werden kann und Mehrdeutigkeit zulässt. Diese von Eco angesprochene Inter

pretation bedeute aber nicht Beliebigkeit, sagt Gerhard Marcel Martin. Predigt soll zwar viel

seitig kreativ, aber eben auch nicht zu kunterbunt in der Gestaltung, billig in der Art und ge

wollt in der Inszenierung sein. Andererseits soll sie den Hörer auch nicht mit theologischem

Geschwätz aus dem Sinai und Kanaan überfrachten.

Wie kann der Prediger eine sinnvolle Verbindung erreichen? Wilfried Engemann rät im

Dilemma der Möglichkeit einer guten Predigt zur ,,taktischen Ambiguität". Er kritisiert eine

,,abgesicherte, abgeschirmte und abgedichtete, (...) verklebte und verklumpte Predigt (...),

die nur auf vertrauten semantischen Pfaden dahingleitet" 6. Bertholt Brecht sagte dazu ein

2 Iden, Peter, Der Pastor als Entertainer. Wenn Gottesdienste zur Mitspielshow werden, in: Frankfurter Rund

schau, 14.10.2005, 9.

3 Die Werbeaktion der EKD zur Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover ist auf ein geteiltes Echo in Gemeinden

und Medien gestossen. www.ekd.de/newsletter/news49.html, 12.01.2009.

4 Eco, Umberto, Die Grenzen der Interpretation, Wien 1992, 284.

5 Ebd., 299. Sowie: Bieritz, Karl Heinrich, Plädoyer für eine eigensinnige Predigt, in: BThZ 14, 1997, 32.

6 Ebd., 35.

3


mal, es sei ,,das Schlimmste, wenn die Dinge sich verkrusten in Wörtern, hart werden, weh

tun beim Schmeißen, tot herumliegen"7.

Die einzige Möglichkeit der Predigt besteht demnach in einem Kompromiss zwischen in

haltlicher Eindeutigkeit und gestalterischer Vielseitigkeit, die Botschaft von Gnade, Sünde

und dem Goldenen Kalb zu vermitteln. Die theologische Aussage sollte klar und deutlich

transportiert werden statt wiederum zu starr an Konzepten aus der Literaturwissenschaft,

Rhetorik aus der Antike oder Filmwissenschaft der Moderne festzuklammern. Meiner Mei

nung geht es hauptsächlich darum, soweit möglich auch in einer anonymeren Stadtkirche

den Hörer da seelsorgerlich abzuholen, wo er gerade ist. Daher kann Predigt immer nur indi

viduell gehört und verstanden werden. Modelle aus den Medien, der Werbung und Weltlite

ratur helfen dabei, das

Genus

von Predigt zu verstehen.

Der Philosoph Wolfgang Welsch beschreibt eine umfassende Ästhetisierung der Lebens

welt, in welcher die Massenmedien einen immer höheren Einfluss auf den Einzelnen ausü

ben. Dieser wiederum kann durch das Überangebot an Reizen kaum noch zwischen Realität

und medial inszenierter Wirklichkeit unterscheiden. Dabei geht es in der Werbung auch um

eine ökonomische Strategie, den Austausch von ,,Ware und Verpackung, Sein und Schein,

hardware

und

software

"8.

Für viele Adressaten ist es wichtig, einen (zumindest assoziierbaren) Erlebniswert durch

das Werteversprechen eines Mediums zu haben, z.B. ein Konzert. Martin Nicol hat hier, in

spiriert von neueren Modellen aus den USA, Grundideen für eine dramaturgische Homiletik9

gelegt. Seine Analogien zwischen Pfarrer und Pianist oder Filmemacher wirken erhellend und

doch ernüchternd auf die konkrete Predigtpraxis. Richtig erscheint aber die Feststellung im

eigenen Alltag, dass der moderne Mensch durchschnittlich mehrere Stunden am Tag diverse

Medien konsumiert. Mehr oder weniger stehen sie in Konkurrenz zur Sprache in der Kirche

und beeinflussen diese mehr oder weniger offensichtlich. Dies ist in der vorliegenden Predigt

vor allem bei der langen Einleitung der Finanzkrise zu spüren. Die nachrichtlich gehaltene

Sprache wirkt wie die Tagesschau vom Vorabend.

7 Brecht, Berthold, Gesammelte Werke, Suhrkamp, Bd. 20, 1967, 13.

8 Bieritz, Karl Heinrich, Plädoyer für eine eigensinnige Predigt, 44.

9 Nicol, Martin, Einander ins Bild setzen, Göttingen 2002, 36.

4


In der Mediengesellschaft werden auch religiöse Inhalte leicht zu Produkten. Besonders

Fernsehgottesdienste, Radioandachten und missionarische Internetangebote werden als

Produkt vermarktet.10 Der Markt wird dabei von den Hörern gebildet, die sich wiederum

zwischen diversen anderen Kanälen11 entscheiden müssen. Und Öffentlichkeitsreferenten

der Kirche versuchen gleichermaßen beim Rundfunksender und möglichem Empfänger zwi

schen Zahnbürste und Lenkrad (beim Autofahren) einen Bedarf zu wecken.

So gesehen ist die Predigt ein Produkt, zumindest ein Angebot, das mit vielen anderen

Möglichkeiten einer Multi Options Gesellschaft konkurriert. Folgt man diesem Ansatz, wäre

die Homiletik entsprechend

Marketing

. So sehr dieses ökonomisierende Vokabular Anlass

für Kontroversen bietet, findet meiner Meinung ein mehr oder weniger sichtbarer Austausch

zwischen Werbung und Predigt statt. Werbeagenturen haben in den letzten Jahren häufiger

als sonst religiöses Vokabular benutzt.12 Und Prediger versuchen, ihre Zuhörer mit weltlichen

Beispielen aus den Medien zu locken.

Die Unternehmensberatung McKinsey stellte in ihrem Evangelischen Münchenprogramm

1996 heraus, dass sich die Kirche wieder mehr auf ihre Kernkompetenzen: Bibel, Bekenntnis

und Institution des Glaubens berufen sollte.13 In der ökonomischen McKinsey Analyse fehlt

allerdings (neben Appellen zu mehr Kundenorientierung und Innovationsschüben) ein freu

diges Erwarten des Heiligen Geistes. Das Wirken der Predigt wird durch die unverfügbare

Präsenz des Heiligen Geistes beeinflusst, sodass auch jede unvollkommene Predigt (wie die

vorliegende Version) im Erleben ganzheitlich und

per se

konkurrenzlos ist.

Predigt bedarf weniger homiletischer Konzepte noch ökonomischer Modelle, sondern ei

ne biblische Fundierung und seelsorgerliche Ausrichtung an einer mehr oder weniger ersich

tlichen Bedürftigkeit des Hörers. Es geht darum, dass für jeden Hörer eine plausible Bot

schaft erkennbar ist.

10 Der Autor spricht seit 2006 regelmäßig Andachten ,,Feels like Heaven" auf Radio Rockland, Speyer.

11 Antrittsrede von Papst Benedikt XVI. auf dem Petersplatz, 24.04.2005: ,,Wir haben zu viele Frequenzen im

Ohr (...) Können IHN oft nicht mehr hören".

12 Zum Beispiel das Magnum Eis von Lagnese: ,,Ich bete es an" oder Toyota Autos: ,,Nichts ist unmöglich".

13 Evangelisch Lutherische Kirche in Bayern (Hg.), Das evangelische München Programm, München 1998, 301.

5


In den Pseudopaulinen ist zu lesen14, dass Predigt ist ein hartes Stück Arbeit ist. Dies

erfordert Gewissenhaftigkeit, theologische Verantwortung und Disziplin. Vielleicht liegt die

größte Schwäche der vorliegenden Predigt darin, dass sie mutiger, deutlicher und entschie

dener das Wort Gottes predigen sollte. Manche angehenden Pfarrer, wie der Prediger im

Text, scheinen mutloser zu sein, als sie es eigentlich sein müssten. Mutlos der Gemeinde

Mut machen wollend, tendiert der Prediger im Sinne Sören Kierkegaards leicht zu einem

Nachäffer: ,,Als geistlos bestimmt wird der Mensch zu einer Sprechmaschine; und nichts hin

dert, daß er eine philosophische Leier so gut wie ein Glaubensbekenntnis (...) auswendig

lernt"15.

Dieses Ereignis lässt sich auch auf die Geschichte vom Clown übertragen, der in den

Ort rennt, um die Bewohner vorm Feuer zu warnen, aber durch sein Übertreiben von Me

thoden und Inhalten nicht mehr ernst genommen wird. Manche ,,Sprechmaschinen" finden

sich parallel in den Medien, indem manche Moderatoren in

Talk Shows

jeden Tag aufs Neue

versuchen, ihr Geschwätz von gestern zu übertreffen. Dabei will die vorliegende Predigt ei

gentlich eine sinnvollere Lebensgestaltung zwischen dem diesseitigen Wiederholen von Sün

de und Gnade, Vergehen und Segnen vermitteln.

Die Werbung erreicht dieses Ziel, indem sie dem Kunden suggeriert, dass er nur

durch den Kauf, Besitz und Gebrauch eines Produktes erfüllt leben kann: ,,Werbung instru

mentalisiert in einer von postkonfessioneller Religiosität geprägten Gesellschaft religiöse

Motive, um trotzdem aus Menschen Kunden und aus Kunden Marken Gläubige zu ma

chen"16. Welsch spricht dabei von einem konsequentem

Emotional Design

. Auch die vorlie

gende Predigte ist mit Sehnsüchten und Appellen nach Geborgenheit, Zuwendung, Harmo

nie und Liebe (als Zustände des Begehrens) aufgeladen.17

Sollte Predigt nun an der Werbung orientiert sein? Sicherlich ist das eine höchst bedenk

liche Vorstellung. Trotzdem bietet ein Berücksichtigen von Strategien aus der Wirtschaft

auch Vorteile, die Botschaft an den Mann zu bringen. Viele Menschen haben in unserer Ge

sellschaft, deren Bruttosozialprodukt heute mehr als 70 Prozent aus Dienstleistungen erwirt

14 Titus 1,9 und 1 Tim 5,17.

15 Kierkegaard, Sören, Der Begriff Angst, Hamburg 1984, 103.

16 http://www.glauben und kaufen.de/wallpapr_thesen.php, 11.01.2009.

17 Bieritz, Karl Heinrich, Plädoyer für eine eigensinnige Predigt, 45.

6



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