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Das Sprechen über Emotionen als Teil der menschlichen Kultur

Subtitle: Körperidiome und Farben als Emotionsausdruck in afrikanischen Sprachen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 29 Pages
Authors: Andrea Lieske, Marc Becker
Subject: African Studies

Details

Event: Hauptseminar Ethnolinguistik SS2008
Institution/College: University of Cologne (Institut für Afrikanistik)
Tags: Sprechen, Emotionen, Teil, Kultur, Hauptseminar, Ethnolinguistik, SS2008
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 29
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V122132
ISBN (E-book): 978-3-640-26902-0
ISBN (Book): 978-3-640-26820-7

Abstract

Mit dem Sprechen über Emotionen gibt der Sprecher einen Teil von sich preis, öffnet sich, macht sich eventuell sogar angreifbar. Die Wege, seine Empfindungen klar auszudrücken und dennoch einen Gesichtsverlust zu vermeiden, bilden den nächsten Punkt. Diese Off-Record-Strategien erfordern ein hohes Maß an Sprachgewandtheit des Sprechers und sind ebenfalls kulturbedingt. Diese Kulturbedingtheit basiert unter anderem auf der natürlichen Umwelt, dem Traditionsschatz und auch den Tabus einer Gesellschaft. Neben der Körperwahrnehmung und ihren Mechanismen spielt auch die Farbwahrnehmung eine entscheidende Rolle für unsere Kommunikation. Wie wir sehen ist neben biologischen Regeln auch soziokulturellen Prägungen unterworfen. Farben sind letztlich also kulturelle Phänomene, die auch zur Verstärkung der Psi`s eingesetzt werden können. In der anschließenden Betrachtung der Verwendung von Körperteilidiomen in der Sprache beschäftigen wir uns mit dem zweiten global auftretenden Universalie des Sprechens über Emotionen. Gemäß dem Anthropozentrismus stellt diese Verwendung von Körper oder Körperteil bezogenen Formulierungen eine der wichtigsten Strategien menschlicher Kommunikation über Gefühle dar. Auch die verschiedenen Ursprünge solcher Wendungen sowie die variantenreichen Ausprägungen spiegeln die Vielfalt menschlicher Sprache. Die globale Verbreitung und die Universalität der Verwendung von Körperidiomen, Psi`s und Farben zur Kommunikation in den Sprachen der Welt zeigt der nächste Teil dieser Arbeit auf. Hierbei werden aus drei sehr unterschiedlichen Kulturen einzelne Aspekte des Emotionsausdruckes aufgegriffen und mit Sprachbeispielen unterlegt. Anhand des Hausa, des Zulu und des Ashanti bietet sich ein faszinierender Einblick in die vielfältige und im wahrsten Sinne auch farbenfrohe Nutzung solcher Sprachwerkzeuge. Die Zusammenfassung der in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse, mit welchen Strategien Menschen über Emotionen sprechen, bildet den Abschluss.


Excerpt (computer-generated)

Hauptseminar Ethnolinguistik

Institut für Afrikanistik

Universität zu Köln

Das Sprechen über Emotionen als Teil der menschlichen Kultur

Körperidiome und Farben als Emotionsausdruck in afrikanischen Sprachen

SS 2008 Marc Becker und Andrea Lieske

1


Inhalt

1. Einleitung (MB + AL) 3

2. Emotionen (MB) 4

2.1 Basisemotionen nach Plutchik 4

2.2. Konnotationen der Emotionen nach Kövesces 5

2.3. James ­ Lange ­Theory: Entstehung der Emotionen 6

3. Die Kommunikation über Emotionen (AL) 7

3.1. Force Dynamics ­ Strategien des Sprechens über Emotionen 7

3.2. Psi`s ­ Redewendungen aus der Werkzeugkiste der Sprache 8

3.3. Sprachstrategien zwischen Wahrheit und Gesichtswahrung 11

4. Farben ­ Das Gesehene und die Sicht darauf (AL) 12

4.1. Wie sehen wir? Farben als kulturelles Phänomen 12

4.2 Farben als Verstärkung der Psi`s 13

5. Körperteilidiome ­ Man sieht nur mit dem Herzen gut (AL) 15

5.1 Körperidiome ­ Zielbereiche und Varianten der Bildung 15

5.2. Der Transfer vom Erlebten zur Kommunikation 17

6. Körperteilidiome und Farben in afrikanischen Sprachen 19

6.1. Einführung (AL) 19

6.2. Beispiele aus dem Zulu, Republic of South Africa (MB) 19

6.3. Beispiele aus dem Hausa (AL) 21

6.4. Sprichworte auf den Goldmünzen der Ashanti (AL) 24

7. Schlussfolgerung (MB + AL) 25

Quellen

M.B. = Autor Marc Becker

A.L. = Autor Andrea Lieske

2


1. Einleitung

Der Mensch zeichnet sich durch die Vielfalt seiner Kommunikation aus. Das wesentliche

Werkzeug hierzu ist unsere Sprache. Kaum ein Thema wird intensiver besprochen und ist

zugleich schwerer fassbar als das eigene Empfinden. Wie sage ich, was ich fühle? Wie

werde ich verstanden? Die Kommunikation über Emotionen unterliegt sprach- und

kulturimpliziten Regeln. Trotz der Vielfalt der unterschiedlichen Wege, wie in den

Sprachen der Welt über Emotion gesprochen wird, lassen sich Gemeinsamkeiten

feststellen.

Um diese herauszustellen widmen wir uns in dieser Arbeit zunächst der Frage, was

Emotionen eigentlich sind und wie sie entstehen. Neben den Basisemotionen nach Plutchik

stehen hierbei auch global auftretende Konnotationen zu Emotionen im Mittelpunkt.

Diesen vermuteten Universalien im Bereich der Emotionen werden nun Strategien der

Kommunikation zur Seite gestellt, die

Force

Dynamics

und

Psi`s

. Die

Force Dynamics

,

die Strategien des Sprechens über psychische und physische Zustände, und die

Psi`s

, die

am häufigsten dafür verwendeten Konstrukte, gehören zum Repertoire jeder Sprache.

Dennoch sind sie äußerst variantenreich und spiegeln den Reichtum der menschlichen

Kulturen wider.

Mit dem Sprechen über Emotionen gibt der Sprecher einen Teil von sich preis, öffnet sich,

macht sich eventuell sogar angreifbar. Die Wege, seine Empfindungen klar auszudrücken

und dennoch einen Gesichtsverlust zu vermeiden, bilden den nächsten Punkt. Diese

Off-

Record

-Strategien erfordern ein hohes Maß an Sprachgewandtheit des Sprechers und sind

ebenfalls kulturbedingt. Diese Kulturbedingtheit basiert unter anderem auf der natürlichen

Umwelt, dem Traditionsschatz und auch den Tabus einer Gesellschaft.

Neben der Körperwahrnehmung und ihren Mechanismen spielt auch die

Farbwahrnehmung eine entscheidende Rolle für unsere Kommunikation. Wie wir sehen ist

neben biologischen Regeln auch soziokulturellen Prägungen unterworfen. Farben sind

letztlich also kulturelle Phänomene, die auch zur Verstärkung der

Psi`s

eingesetzt werden

können.

In der anschließenden Betrachtung der Verwendung von Körperteilidiomen in der Sprache

beschäftigen wir uns mit dem zweiten global auftretenden Universalie des Sprechens über

Emotionen. Gemäß dem Anthropozentrismus stellt diese Verwendung von Körper oder

Körperteil bezogenen Formulierungen eine der wichtigsten Strategien menschlicher

Kommunikation über Gefühle dar. Auch die verschiedenen Ursprünge solcher Wendungen

sowie die variantenreichen Ausprägungen spiegeln die Vielfalt menschlicher Sprache.

3


Die globale Verbreitung und die Universalität der Verwendung von Körperidiomen,

Psi`s

und Farben zur Kommunikation in den Sprachen der Welt zeigt der nächste Teil

dieser Arbeit auf. Hierbei werden aus drei sehr unterschiedlichen Kulturen einzelne

Aspekte des Emotionsausdruckes aufgegriffen und mit Sprachbeispielen unterlegt. Anhand

des Hausa, des Zulu und des Ashanti bietet sich ein faszinierender Einblick in die

vielfältige und im wahrsten Sinne auch farbenfrohe Nutzung solcher Sprachwerkzeuge.

Die Zusammenfassung der in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse, mit welchen

Strategien Menschen über Emotionen sprechen, bildet den Abschluss.

2. Emotionen

2.1 Basisemotionen nach Plutchik

Nach dem US-amerikanischen Psychologen Robert Plutchik zu urteilen gibt es acht

verschieden Basisemotionen, welche benannt sind als:

1. Furcht/Angst

2. Ärger/Zorn

3. Freude/Glück

4. Trauer

5. Akzeptanz/Vertrauen

6. Ekel

7. Erwartung

8. Überraschung

Diese einzelnen Basisemotionen sind miteinander kombinierbar und geben somit das

Spektrum der Emotionen wieder, das wir Menschen fühlen.

So definiert Plutchik, die Kombination aus Erwartung und Freude als Optimismus.

Hingegen bildet sich aus der Mischung von Furcht und Eckel das Gefühl der Scham.

Wenn sich zwei oder auch mehr Basisemotionen, die gegenläufige Emotionen beschreiben,

mit gleicher Intensität miteinander verknüpfen, kommt es zur gegenseitigen Aufhebung

oder gar zur emotionalen Verwirrung. Solche Emotionsverknüpfungen können bis hin zur

kompletten Handlungsunfähigkeit des Menschen führen, wie sie zum Beispiel gemischte

Freude und Furcht auslösen.

4


Emotionen sind hierbei Ketten aus Reiz (

Input

), Bewertung (

Verarbeitung

) und Reaktion

(

Output

) ­ anders gesagt erfolgt auf jeden Reiz eine kognitive Bewertung, die dann das

emotionale Verhalten des Menschen bestimmt. 1

Dies zeigte auch die Linguistin Wierzbicka für das Phänomen Angst auf, das sie in sieben

Stufen unterteilte.2

Diese Basisemotionen sind allen Menschen gegeben, so gehen neben Plutchik als auch

andere Autoren davon aus, dass diese Emotionen erblich also genetisch bedingt sind.

Ein Problem, das hierbei auftritt, ist die unterschiedlich kulturelle Bewertung, Benennung

und Umsetzung dieser Basiemotionen. So werden wir in Teilen der Welt und der

Sachliteratur von neun oder nur auch nur sechs Basisemotionen hören. Dies liegt darin

begründet, dass Teile der von Plutchik benannten Basisemotionen in der Welt anders

konnotiert werden. Zudem werden partiell andere Emotionen ebenso als Grund- oder

Basisemotionen angesehen, da sie sich nur ansatzweise mit Emotionsverknüpfungen

erklären lassen.

2.2. Konnotationen der Emotionen nach Kövesces

In der Betrachtung spezieller Metaphern in der Welt der Emotionen stoßen wir immer

wieder auf dieselben Konnotationen, mit denen Emotionen beschrieben oder treffender

umschrieben werden.3

Kövecses spricht in daher von generellen emotionsspezifischen Metaphern, es gibt also

nach ihm spezielle Metaphern mit denen im Generellen die meisten Basisemotionen

konnotiert werden. So wird zum Beispiel Ärger/ Zorn oft mit einem wilden Tier oder

besser mit dem Verhalten eines solchen gleichgesetzt. Doch auch Metaphern eines

geschlossenen Gefäßes (Herz, Körper) das überkocht oder zu explodieren droht wird gern

verwendet. Auch wird die Basisemotion Zorn/Wut/Ärger oft gleichgesetzt mit dem

Überschreiten von Grenzen. Diese natürlich im sprichwörtlichen Sinne gemeinte Metapher

meint die menschliche Toleranzgrenze wie in ,,

Das Maß ist Voll!

" oder ,,

Bis hier hin und

nicht weiter!

". Der Sprecher zieht somit eine imaginäre Grenze, die seiner Toleranzgrenze

entspricht. Wird diese überschritten drohen Konsequenzen, dies macht die Sprache dem

Eingeweihten klar deutlich. Umschrieben wird mit solchen Formulierungen aber auch die

eigene Schwelle zur Aggression, die Schwelle, die verhindert, dass man sich ,,

wie ein wild

gewordenes Tier

" aufführt.

1http://homepage.univie.ac.at/michael.trimmel/motivation_ss2002/DieEmotionstheorievonRobertPlutchik.pdf

Stand: 01.06.2008

2 Quelle Wierzbicka 1999

3 Kövecses 1998

5


Angst wird dagegen in den meisten Kulturen der Welt als lähmend empfunden oder auch

einem übermächtigen Feind gleichgesetzt, zuweilen wird Furcht auch als ein

übernatürliches Wesen oder eine übernatürliche Präsenz empfunden, die man nicht

bekämpfen kann.

Ausdrücke wie ,,

Ich war vor Angst gelähmt

" oder ,,

Die Angst überkam mich"

schildern

dies deutlich. Der Mensch wird somit als zur Passivität verdammt beschrieben. Er wird

zum Opfer seiner eigenen Angst, die er nicht bekämpfen kann, die einfach über ihn

kommt, gleich einer ,,dämonischen Macht" ohne dass er Gegenmaßnahmen ergreifen kann.

Ähnliches gilt auch für Trauer, die in vielen Kulturen ebenso als lähmend oder als

übermächtiger Gegner gesehen wird, der man nachgeben muss, um sie zu besiegen.

In den meisten Sprachen dieser Welt wird Freude /Glück mit dem Gefühl zu fliegen oder

dem Gefühl zu schweben gleichgesetzt.4 Ausdrücke

,,mein Herz flatterte vor Glück"

oder

,,auf Wolke Sieben schweben"

sind auch im Deutschen bekannt.

Scham dagegen wird häufig mit dem Gefühl keine Kleider am Leib zu tragen, also den

Blicken anderer ausgesetzt zu sein, assoziiert, aber auch oft mit dem Gefühl sich vor der

Welt zu verschließen. Das Bedürfnis die äußere Welt auszusperren und sich ,,in sein

Schneckenhaus zurückzuziehen", gar ,,sich einzuigeln" kennen wir aus der deutschen

Sprache. Gleichzeitig zeigen Sprichwörter auch ein zweites, generelles Gefühl, mit dem

Scham konnotiert wird: das Schrumpfen oder das Bedürfnis, sich möglichst klein zu

machen.

Sich ,,

einzuigeln

" und sich

,,in sein Schneckenhaus"

zurückzuziehen, das vermögen nur

sehr kleine Tiere. Man schrumpft also innerlich auf die Bedeutung einer Schnecke oder

eines Igels, versucht sich unauffällig zu machen, vor den Augen der Welt zu verschwinden.

Diese und andere Metaphern werden laut Kövecses in den Sprachen dieser Welt am

häufigsten gewählt, wenn Sprecher Emotionen wie Wut, Angst, Glück oder Scham

ausdrücken. Es gibt also weltweit vertretene Metaphern, die Emotionen darstellen. Diese

können in den einzelnen Kulturen überaus differenziert auftreten, doch ihre Struktur und

Verwendung ähneln sich. In dieser Form bilden solche Metaphern eine Universalie der

menschlichen Sprache.

2.3. James ­ Lange ­Theory: Entstehung der Emotionen

Nach der Theorie von William James und Carl Lange sind Nerven und Gehirn mit Organen

verknüpft. Lange wie auch James beziehen sich hierbei besonders auf die viszeralen

Organe. Diese Organe reagieren wiederum auf Reize wie Geruch, Geräusche,

4 Kövecses 1998

6



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