Untertitel: (Re-)Emanzipation der Dichtung
Hauptseminararbeit, 2008, 20 Seiten
Autor: Robert Krahl
Fach: Latein
Details
Institution/Hochschule: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Seminar für Klassische Altertumswissenschaften)
Tags: Properz, Römische, Liebeselegie
Jahr: 2008
Seiten: 20
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 5 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-27646-2
ISBN (Buch): 978-3-640-27757-5
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Zusammenfassung / Abstract
Das letzte Gedichte des dritten Properz'schen Elegien-Buches wurde in zahlreichen Diskussionen in zwei Gedichte aufgeteilt. Die vorliegende Arbeit widerlegt diese Teilung und bezieht sich dabei vor allem auf die Bedeutung des Gedichtes als Umbruchstelle im Werk des Dichters. Am Ende des dritten Buches befreit sich das dichtende Subjekt unter geschickten Rückgriff auf das Eröffnungsgedicht (Properz 1, 1) von der selbstverschuldeten Gefangenschaft in der elegischen Liebe und kündigt somit indirekt einen Wandel in Thematik und Sichtweise seiner weiteren Dichtung an (Re-Emanzipation). Ein Rahmenthema der Arbeit ist auch ein methodisches, da die Frage nach einer möglichen Überinterpretation aufgrund dichterischer Verweistechniken in den Mittelpunkt rückt.
Textauszug (computergeneriert)
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Philosophische Fakultät I
Seminar für Klassische Altertumswissenschaften
Hauptseminar: ,,Römische Liebeselegie"
Sommersemester 2008
Properz 3, 24/25
(Re-)Emanzipation der Dichtung
Halle, den 9. September 2008
Robert Krahl
Angestrebter Abschluss:
Lehramt an Gymnasien (Französisch/ Latein) 9./ 7. Fachsemester
I
Die Wahl eines Wortes, der Aufbau eines Satzes, die Anordnung der Sätze zu einem Text
und die Stellung eines Textes selber in einen größeren Zusammenhang mehrerer Texte ist
kein Zufall. Das spätestens seit den europäischen Romantiken tradierte Bild des Gefühle in
Verse gießenden Dichters, der dabei in reduzierter Weise gleichsam nur als inspiriertes
Medium zwischen Gefühltem und Text erscheint, prägt heute zumal in der Schule
leider immer noch die Herangehensweise an einen lyrischen Text. Zweifelsohne vermitteln
Gedichte Gefühle und deren wie auch immer geartete Vergegenwärtigung auf Seiten des
Rezipienten ist ein Anliegen von Dichtung. Doch es wird bei diesem verzerrten Bild häufig
unterschlagen, dass Dichten als Erschaffen eines Kunstwerks immer auch genaues Bauen,
Verwandeln und Schleifen ebendieser Gedanken und Gefühle umfasst, wobei die
Besonderheit der Lyrik wohl in ihrem Ver-Dichten besteht, also in der Eigenart, Gedanken
und Strukturen komprimiert auftreten zu lassen und es dem Leser somit zu ermöglichen,
durch die entsprechende Umkehroperation, also durch eine Dekomprimierung, eine zwar
gelenkte, aber nie vollständig festgelegte Lektüre zu erfahren, welche zudem noch in der
Tiefe der Rezeption variieren kann hier freilich findet sich die subjektive Grenze hin zur
,,Überinterpretation". Aber auch diese abschätzige Bewertung einer interpretatorischen
Aussage über einen Text ist nicht rein subjektiv-individuell, sie ist vielmehr gebunden an
Lektüregewohnheiten eines Einzelnen und einer Gesellschaft. Diese Gewohnheiten
wiederum lassen bei aller Vorsicht auf den gesellschaftlichen Umgang mit Medien
überhaupt schließen.
Hans-Christian Günthers Untersuchung1 zur letzten Elegie von Properz′ drittem Buch
(III 24/25) liefert in Hinblick auf die Untersuchung der Verweisstruktur dieses Textes
scheinbar eine Überinterpretation. Er warnt am Ende seiner Ausführungen selbst vor
einer solch überspitzten Analyse des Textes, ,,ganz besonders dann, wenn man sicher der
Unterscheidung zwischen intendierten und freien, sich spontan ergebenden Bezügen nicht
bewußt bleibt" (Günther 1997: 62). Weiter rechtfertigt er jedoch seine sehr vielschichtige
Herausarbeitung intertextueller Verweisstrukturen der Elegie mit dem Hinweis darauf, dass
,,eine jede Interpretation [...] notwendigerweise die Sachverhalte zuspitzen muß, und in
diesem Sinne Überinterpretation sein muß" (ebd.: 63). Dieses Zugeständnis rettet er
schließlich durch den Hinweis auf den Rezipienten (ebd.):
1 Günther, Hans-Christian (1997):
Properz und das Selbstzitat in der augusteischen Dichtung.
München:
Bayrische Akademie der Wissenschaften. [= Sitzungsberichte Jahrgang 1997, Heft 2]
2
Bleibt man sich dieser Tatsache [d.h. Überinterpretation durch notwendige Zuspitzung des
Sachverhaltes, R.K.] sowie der Grenzen der Beweisbarkeit konkreter historischer Tatsachen bewußt,
so wird es nicht nur nichts schaden, sondern im Gegenteil unsere Sensibilität für den
Bedeutungsreichtum dichterischen Wortes nur schärfen, wenn wir auch über die möglicherweise
intendierten Verweise hinaus versuchen, das Geflecht von Beziehungen nachzuzeichnen, innerhalb
derer jenseits
eines
einseitig historisch ausgerichteten Zugangs zum Text
für uns
das Wort des
Dichters steht.
Wenn also für das Etikett ,,Überinterpretation" ein historischer Maßstab angesetzt wird, so
mangelt es einer nicht-zugespitzten Auslegung des Textes mindestes an zwei
Eigenschaften: Zum einen bewahrt das undichte Gefüge historischer Tatsachen zumal
mit Bezug auf die Antike einen Vorbehalt gegenüber einer Auslegung im Sinne der
Dichterintention, und zum anderen wird der Rezipient der Dichtung nicht in vollem
Umfange berücksichtigt, da er historisch begrenzt bleibt; doch auch wir sind heute Leser
des Textes. Und auch wenn der Hintergrund für unsere Herangehensweise an antike Texte
durchaus ein eher historischer ist, so können (und wollen) wir nicht verhindern, dass wir
Rezipienten eines Kunstwerkes sind. In diesem Sinne hebt eine Überinterpretation ein
Kunstwerk aus seiner historischen Gebundenheit heraus und aktualisiert es vor einem
neuen Wahrnehmungshintergrund.
An dieser Stelle tut sich ein Problem der Altertumswissenschaften auf sowohl in der
Methode als auch was noch viel drängender scheint in der Zielsetzung. Methodisch ist
eine tiefgehende historische Interpretation schon wegen der mangelhaften Faktenlage
schwer machbar, was in Bezug auf die Zielsetzung zur Folge hat, dass eine umfassende
Erschließung der antiken Gedankenwelt wohl unmöglich bleibt. Doch trotz mangelnder
historischer Verortung bleibt uns das Kunstwerk im Hier und Jetzt. Eine (im Sinne
Gadamers) hermeneutische Interpretation mit Bezug auf den Interpretierenden als
Rezipienten und unter historisch vorgenommener Klärung von heute nicht ohne weiteres
irgendwie2 Verstehbarem kann eine neue Aufgabe der Altphilologie sein.
Properz′ Elegie III 24/25 bietet sich für diese Art der Interpretation geradezu an. Dem
heutigen Leser unverständliche mythologische oder lebensweltliche Verweise bleiben fast
vollkommen aus. Allein die Kenntnis der vorhergehenden und nachfolgenden Texte gibt
den Kontext vor, was die Elegie für Günthers Zielsetzung die Untersuchung der
augusteischen
ars allusiva
im Sinne eines Selbstzitates so attraktiv gemacht haben dürfte.
2 i.S.v. ,,wenn auch historisch nicht korrekt, so doch überhaupt irgendetwas im Zusammenhang Verstehbares
hervorrufend"
3
Es soll an dieser Stelle keine Lanze gebrochen werden für alle möglichen deiktischen
Ebenen, die Günther aufweist, doch soll gezeigt werden, wie eine intensive textimmanente
Betrachtung der Verweisstrukturen als Argumentationshilfe für altertumswissenschaftlich
relevante Fragen dienen kann, die auf Grundlage der mangelnden oder unzureichenden
historischen Fakten3 nicht zu klären sind4.
Diese Fragen wiederum sind in Bezug auf die Elegie III 24/25 vor allem die folgenden
drei: Inwiefern bilden die beiden Texte III 24 und III 25 die Einheit, welche in den
vorangegangenen Zeilen ja bereits vorausgesetzt worden ist? Inwiefern sind (ausgewählte)
textkritische Heilungsverfahren als gelungen anzusehen? Und schließlich die wesentliche,
im Titel der Arbeit anklingende Frage: Inwiefern macht die Schlusselegie des dritten
Buches poetologische Aussagen und inwiefern ist es somit mehr oder aber zumindest
etwas anderes als nur ein Abschied von oder ein Ende der Properz′schen Liebesdichtung?
Hier nämlich bleiben die bisherigen Interpretationen zu unpräzise.
Im folgenden Teil II wird die Elegie analysiert und die Positionen zu den beiden ersten
Fragen (Einheit der Texte, Textkritik) werden zusammengetragen. Der Teil III widmet sich
der dritten Frage (poetologische Aussagen, dichterische Re-Emanzipation), welche einen
neunen Aspekt in der Diskussion dieser Elegie hervorbringen wird.
3 z.B. analoge Werke anderer Autoren, Überliefungslage, autorenspezifische Lexika und Eigenheiten im Stil
4 Als Beispiel für die scheinbar recht waghalsige Methode Günthers: ,,Durch gewisse ganz spezifische
Einzelzüge wird eine bestimmte prävalente Vorbildstelle evoziert; die Darstellung des Sachverhalts an der
verweisenden Stelle weicht jedoch demonstrativ von der
zunächst
evozierten Vorbildstelle ab. Durch derart
,unpräzise′ Zitate gewinnt der Dichter die Möglichkeit, durch die prävalente Vorbildstelle hindurch auf
andere Gestaltungen desselben Inhaltsbereichs anzuspielen. U.U. scheinen auch die Vorbilder insbesondere
die griechischen des ,zitierten′ Passus auf. In jedem Falle konzentriert der Dichter so in einem einzigen
Passus einen Inhaltsbereich in all seinen Konnotationen" (Günther 1997: 57). Wenn Günther, wie oben
gezeigt, eine so zugespitzte, ja überinterpretierte Analyse vornimmt, so verfällt er in eben das Dilemma, aus
dem er sich zu retten versuchte. Die Tiefe und Vielschichtigkeit der Anspielungen sind für den heutigen
Leser (und nicht nur für den laienhaften!) kaum zu erkennen. Auch soll an dieser Stelle stark bezweifelt
werden, ob der antike Leser eine solche Verweiskette aufzumachen im Stande war. Damals wie heute ist dies
nur wenigen Experten vorbehalten.
Man muss also trennen: Eine (Über-)Interpretation des Altertumswissenschaftlers Günther verschafft dem
Rezipienten Günther Freude und Genugtuung das ist nachvollziehbar. Doch zwei Konsequenzen dürfen aus
ihr nicht geschlossen werden: Zum einen war der Mehrheit der antiken Rezipienten dieser Verweisreichtum
wohl nicht bewusst, zum anderen ist es zumindest sehr fraglich, ob dieser Reichtum und die sich daraus
ergebende Systematik einen intendierten und somit konstituierenden Hintergrund hat was immerhin
möglich wäre, wenn innerhalb der antiken Fachleserschaft tatsächlich all diese Anspielungen funktionierten
oder ob diese Systematik sich aus den thematischen, motivlichen und genregebundenen Eigenschaften des
Textes zwangsläufig (aber eben nicht zufällig!) ergibt. Ist man gewillt, diese letzte Aussage über einen quasi
,,sich selbst konstituierenden Text" zu bejahen, so erhält man zwar ein Instrument zur Zurückverfolgung und
Sichtbarmachung kognitiver Grundlagen eines Textes, doch die mangelnde Bewusstheit einer solchen Tiefe
beim Autor wie auch beim Leser muss dazu führen, dass von diesen allzu tiefen Strukturen keine validen
Aussagen über z.B. textkritische Fragen gemacht werden können; allerdings können sie einen Beitrag zu
kompositorischen Fragen liefern. Vor allem jedoch dienen sie dem Lesegenuss und lassen vielleicht erahnen,
dass dieser in der Antike ähnlich gewesen sein könnte je nach Intensität der Lektüre und je nach
gesellschaftlicher Verbreitung dieser Intensität.
4
II
Bei der Behandlung der letzten Elegie des dritten Buches der Properz′schen
Liebesdichtung steht im Bereich der Sekundärliteratur vor allem eine Frage im
Vordergrund, nämlich die nach der Einheit der beiden Texte. Die bisherige Benennung der
Elegie als III 24/25 legt nahe, dass an dieser Stelle von der Einheit der beiden Texte
ausgegangen wird. Doch auch Vertreter der Trennung in zwei Elegien wie Erich Burck5
geben zu, dass sich beide Texte ,,auf einer höheren Ebene, einander ergänzend"
(Burck 1959: 209) verhielten. Die Einheit beider Texte wird also nicht infrage gestellt,
lediglich die Ausgestaltung dieser Einheit steht zur Disposition. Es bestehen also über die
Zusammengehörigkeit beider Texte ebenso wenig Zweifel wie über den Einschnitt
zwischen beiden Elegieabschnitten. Unter diesem Aspekt betrachtet, relativiert sich diese
kompositorische Frage zunächst beträchtlich.
Das elegische Ich apostrophiert zunächst Cynthia despektierlich als
mulier
(v. 1) und
bezeichnet das Selbstvertrauen auf ihre äußerliche Schönheit (
fiducia formae
) effektvoll
zum Auftakt als
falsa
; überheblich, so der Pentameter, hätten sie die offensichtlich
begehrenden Blicke des lyrischen Ichs (
oculis meis6
) einst gemacht. Dieser Auftakt wirkt
umso herausragender und vom Folgenden deutlicher abgesetzt, da das zweite Distichon in
ernsthafteren Worten die zuvor so affektgeladenen Verse expliziert. Die Wandelung der
Apostrophe von
mulier
zu
Cynthia
(v. 3) macht dies unter anderem deutlich. Vielfach habe
er sie gerühmt; nun schämt er sich für die Konsequenzen seiner Verse. Die folgenden zwei
Distichen geben gleichsam Beispiele seiner früheren Lobeshymnen: Er habe ihre
Wandelbarkeit im Äußerlichen (v. 5) gelobt, was zur Konsequenz nach sich zog, dass er
sie in Liebe für etwas hielt, was sie nicht war (v. 6). Ganz parallel stellt auch das folgende
5 Burck, Erich (1959): ,,Abschied von der Liebesdichtung (Properz 3, 24 und 25)"
Hermes
87 (1959).
191-211.
6 Für diese in den Handschriften überlieferte Junktur gibt es einige Änderungsversuche. Burck (1959: 192f.)
nimmt mit Hinblick auf die Elegie I 1 (
Cynthia prima suis miserum me cepit ocellis
, v. 1) eine Änderung zu
oculis tuis
vor. Auf die Verweisstelle I 1 wird noch im Teil III einzugehen sein; sie bietet hier in der Tat auch
ein textkritisches Korrektiv. Allein sie vermag uns keine sichere Auskunft zu geben (was sie diesbezüglich
fast wieder wertlos macht). Denn sie könnte zugleich als Begründung für die Lesarten
tuis
wie
meis
gelten.
Burck argumentiert für erstere, wenn er von der ,,berückenden Wirkung gerade der Augen Cynthias" und von
deren ,,betörende[r] Kraft" (Burck 1959: 193) spricht. Günther (1997: 16) hält dies für eine
,,Schlimmbesserung" und plädiert für das überlieferte
meis
, indem er paraphrasiert ,,′in meinen Augen′, ,nur
weil ich dich (vor Liebe blind) bewunderte′". Nicht nur die Überlieferung so Günther spreche für
meis
,
sondern auch der Verweis auf I 1: Im Sinne der im Teil I erörterten, gesuchten Vielschichtigkeit von
Anspielungen bliebe ein bloßes
tuis
,,blaß und banal" (ebd.). Heyworth (Heyworth, S.J. (2007):
Cynthia: A
companion to the text of Propertius
. New York: Oxford University Press.) plädiert für
elegis meis
(Heyworth
2007: 409). Auf diese Lesart werden wir ebenfalls in Teil III zurückkommen, da sie die poetologischen
Aussagen des Textes unterstützen würde. Aus textkritischer und inhaltlicher Sicht jedoch steht der
Überlieferung
oculis meis
nichts im Wege, weshalb an dieser Stelle dafür Partei ergriffen werden soll.
5
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