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"Die Eri muss die Suppe salzen" - Erika Mann in ihrer Familie

Subtitle: Eine psychodynamische Studie

Diploma Thesis, 2007, 123 Pages
Author: Anna Schwake
Subject: Psychology - Personality Psychology

Details

Institution/College: University of Bremen
Tags: Suppe, Erika, Mann, Familie
Category: Diploma Thesis
Year: 2007
Pages: 123
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 62  Entries
Language: German
Archive No.: V122998
ISBN (E-book): 978-3-640-27101-6


Abstract

„Erika Mann war eine außergewöhnliche Frau, [...].“ – so beginnt M. Reich-Ranicki das Kapitel „Seine treue Tochter“ über die älteste Tochter Katia und Thomas Manns in seinem Buch „Thomas Mann und die Seinen“ (1990, S. 180). Das dies in der Tat so war, wird allein in einer Auflistung der verschiedenen Tätigkeiten und Berufe Erika Manns deutlich: Denn sie war nicht nur Schauspielerin und Gründerin, Direktorin sowie Mitwirkende des Kabaretts „die Pfeffermühle“, sondern ebenso politische Rednerin und Publizistin. Nach der Emigration in die USA reiste sie als eine der erfolgreichsten Vortragsreisenden mehrere Jahre quer durch den amerikanischen Kontinent. Als Rundfunksprecherin war sie für die BBC in London tätig, und sie besuchte als Kriegsberichterstatterin der US-amerikanischen Armee verschiedene Kriegsschauplätze. Andererseits war Erika Mann ebenso Autorin einer Reihe von Kinderbüchern. Für den Bruder gab sie nach dessen Tod seine Werke heraus; ihrem jahrelangen Einsatz ist es zu verdanken, dass Klaus Manns Werk die heutige verdiente Beachtung erfährt (Prestel, 1985). Insbesondere setzte sich Erika Mann auch für den Vater und dessen schriftstellerische Arbeit ein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm die Zusammenarbeit zu, und die Tochter wurde Sekretärin, Agentin, Pressesprecherin, Managerin und Lektorin des Vaters (Lühe, 1993). In ihrer Hand lag die Verfilmung der väterlichen Werke und nach dem Tod Thomas Manns Mann die Nachlassarbeit.


Excerpt (computer-generated)

Inhaltsverzeichnis I

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG 1


2 BIOGRAPHIE ERIKA MANNS 4
2.1 Kindheit und Jugend in München 4
2.2 Die Schauspielerin 5
2.3 Reisen und erste schriftstellerische Versuche 7
2.4 Im Kampf gegen den Nationalsozialismus 8
2.4.1 Das Kabarett ,,die Pfeffermühle" 8
2.4.2 Die politische Rednerin und Publizistin 10
2.4.3 Engagement neben der Tätigkeit als Lecturerin 12
2.4.4 Als Rundfunksprecherin in London 13
2.4.5 Die Kriegsberichterstatterin 14
2.5 Enttäuschende Nachkriegsjahre 15
2.5.1 Das Ende der Karriere als politische Vortragsreisende 15
2.5.2 Abwenden von Amerika 16
2.6 Die Kinderbuch-Autorin 17
2.7 Arbeit für Bruder und Vater 19
2.7.1 Einsatz für das Werk Klaus Manns 19
2.7.2 Zusammenarbeit mit und Nachlassarbeit für Thomas Mann 20
2.8 Selbstdestruktivität und Tod 23

3 DIE REFERENZTHEORIEN 25
3.1 Darstellung der ersten Referenztheorie: Die ,,Triangulierung" 25
3. 1. 1 Definition 25
3. 1. 2 Entstehung und Weiterentwicklung der Theorie der Triangulierung 25
3. 1. 2. 1 Die Subphasen der ,,Loslösung und Individuation" nach Mahler 26
3. 1. 2. 2 Abelins Konzept der frühen Triangulierung 29
3.1.2.3 Rotmanns Überlegungen zur Bedeutung des Vaters in der ,,Wiederannäherungsphase" 32
3.1.2.4 Die ,,Vollständige Triade" 34
3.1.2.5 Die ,,Fixierung der Loslösungs-Wiederannäherungs-Dynamik" 35
3.1.3 Triade und Triangulierung 36


Inhaltsverzeichnis II

3.2 Darstellung der zweiten Referenztheorie: Die ,,Delegation" 39
3.2.1 Die ,,Delegation" innerhalb der Mehrgenerationenfamilientheorie Helm Stierlins 39
3.2.2 Kennzeichen des Delegationsprozesses 39
3.2.3 Unterscheidung der Aufträge 41
3.2.4 Entgleisungen des Delegationsprozesses 42
3.2.5 Gebundene und ausgestoßene Delegierte 43
3.2.6 Der ,,Delegationsdruck" 45

4 ANWENDUNG DER REFERENZTHEORIEN AUF ERIKA MANN 46
4.1 Erika Mann als Triangulierte 46
4.1.1 Erlebte Erika Mann in den ersten Lebensjahren eine emotional-verfügbare Mutter? 46
4.1.2 Wie wirkte sich die Beziehung zu ihrem Vater auf ihre Triangulierung aus? 50
4.1.2.1 Wie erlebte Erika Mann ihren Vater? 50
4.1.2.2 Wie wirkte sich dieses Erleben auf die Triangulierung Erika Manns aus? 56
4.1.3 Wie wirkte sich die Beziehung der Eltern auf Erika Manns Triangulierung aus? 61
4.1.3.1 Wie erlebte Erika Mann die Beziehung der Eltern zueinander? 61
4.1.3.2 Wie wirkte sich dieses Erleben auf die Triangulierung Erika Manns aus? 68
4.1.4 Die Fähigkeit Erika Manns, Nähe und Distanz in den Beziehungen innerhalb der Familie zu regulieren 71
4.1.4.1 Erika Manns Beziehung zu ihren Eltern 71
4.1.4.2 Die Beziehung Erika Manns zu ihrem Bruder Klaus Mann 75
4.1.5 Wie wirkte sich ihre innere trianguläre Beziehungsstruktur auf das Erleben und Gestalten späterer Beziehungen aus? 77
4.1.5.1 Konnte Erika Mann (in Beziehungen) eigenen Interessen nachgehen? 77
4.1.5.2 Der Loyalitätskonflikt nach Rotmann 78
4.1.5.3 Der Modus Erika Manns Freundschaftsbeziehungen 80
4.1.5.4 Erika Manns Liebesbeziehungen 83
4.1.6 Zusammenfassende Betrachtung der Triangulierung Erika Manns 85
4.2 Erika Mann als ,,Delegierte" ihrer Eltern 87
4.2.1 Erika Manns Delegationen 87
4.2.1.1 Aufträge auf der Es-Ebene 87
4.2.1.2 Aufträge auf der Ich-Ebene 91
4.2.1.3 Aufträge auf der Überich-Ebene 101
4.2.2 Erika Mann als loyale und gebundene Delegierte 102
4.2.3 Zuschreibungen von Verwandten und der Delegationsdruck in der Familie Mann ­ Pringsheim 105
4.2.4 Erika Manns Konflikte als Delegierte 108

5 SCHLUSS 111


Einleitung 1

1 Einleitung

,,Erika Mann war eine außergewöhnliche Frau, [...]." ­ so beginnt M. Reich-Ranicki das Kapitel ,,Seine treue Tochter" über die älteste Tochter Katia und Thomas Manns in seinem Buch ,,Thomas Mann und die Seinen" (1990, S. 180).
Das dies in der Tat so war, wird allein in einer Auflistung der verschiedenen Tätigkeiten und Berufe Erika Manns deutlich: Denn sie war nicht nur Schauspielerin und Grün-derin, Direktorin sowie Mitwirkende des Kabaretts ,,die Pfeffermühle", sondern ebenso politische Rednerin und Publizistin. Nach der Emigration in die USA reiste sie als eine der erfolgreichsten Vortragsreisenden mehrere Jahre quer durch den amerikanischen Kontinent. Als Rundfunksprecherin war sie für die BBC in London tätig, und sie besuchte als Kriegsberichterstatterin der US-amerikanischen Armee verschiedene Kriegsschauplätze. Andererseits war Erika Mann ebenso Autorin einer Reihe von Kinderbüchern. Für den Bruder gab sie nach dessen Tod seine Werke heraus; ihrem jahrelangen Einsatz ist es zu verdanken, dass Klaus Manns Werk die heutige verdiente Beachtung erfährt (Prestel, 1985). Insbesondere setzte sich Erika Mann auch für den Vater und dessen schriftstellerische Arbeit ein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm die Zusammenarbeit zu, und die Tochter wurde Sekretärin, Agentin, Pressesprecherin, Managerin und Lektorin des Vaters (Lühe, 1993). In ihrer Hand lag die Verfilmung der väterlichen Werke und nach dem Tod Thomas Manns Mann die Nachlassarbeit.
Erika Mann war zudem eine interessante Persönlichkeit: Sie war mutig und entschieden, unternahm mit ihrem Bruder Weltreisen und gewann als leidenschaftliche Autofahrerin eine Rallye. Der Bruder Golo Mann beschreibt sie als intelligent und anpassungsfähig (,,Meine Schwester Erika", 1965, in: Prestel, 1985, S. 240-245). Ihr Auftreten war selbstbewusst und charmant. Andererseits gelang es ihr nicht, ein eigenständiges und befriedigendes Leben aufzubauen und sich von den Eltern zu lösen: ,,Wenn der Eindruck nicht trügt, war es dieser hochbegabten und überaus temperamentvollen Frau nicht gegeben, in Frieden mit sich selber zu leben: Die man einst aus Deutschland vertrieben hatte, ist eine Getriebene geblieben. Überdies wurden ihr vermutlich tiefe persönliche Enttäuschungen nicht erspart." (Reich-Ranicki, 1990, S. 189).


Einleitung 2

Edith Loewenberg, eine Freundin Erika Manns, habe es als die Tragik in deren Leben bezeichnet, dass sie so vielseitig begabt, aber so wenig zielgerichtet im Umgang mit ihren Talenten gewesen sei (so Lühe, 1993).
In der allgemeinen Öffentlichkeit steht Erika Mann außerdem bis heute eher im Schatten der weit bekannteren Familienmitglieder Thomas und Klaus Mann:

,,Obwohl ein Teil ihres Werkes in den letzten Jahren in Deutschland wieder entdeckt worden ist, erinnert man sich an sie auch heute noch vor allem als die Tochter von Thomas Mann, die Ehefrau von W.H. Auden und die Schwester von Klaus Mann." (Weiss, 2000, S. 197).

Auf die Familie Mann wurde ich erstmals aufmerksam, als wir im Rahmen des Deutsch-Leistungskurses in der Schule Thomas Manns Werke, z. B. ,,Tonio Kröger", behandelten. Als wir besprachen, wie das Leitmotiv der Gegenüberstellung des ,,nordischen" und des ,,südländischen" Typs autobiographisch als innerer Widerspruch Thomas Manns zu verstehen ist, war mein Interesse geweckt für die Person des Schriftstellers hinter der Literatur sowie für den starken Zusammenhang zwischen der Herkunft, den persönlichen Motiven des Verfassers und seinen Erzählungen und Romanen. Innerhalb des Studiums nutzte ich die Chance, mich in der Projektarbeit nicht nur mit Thomas Manns Biographie auseinanderzusetzen, sondern die Familien Mann und Pringsheim (die Herkunftsfamilie seiner Frau Katia Mann) ausführlicher und unter dem Blickwinkel des mehrgenerationalen Ansatzes zu betrachten.
Diese Arbeit widmet sich Erika Mann und speziell der Frage, inwieweit ihr Leben durch die Familie und ihren Einsatz für diese bestimmt war. Der Titel ,,Die Eri muss die Suppe salzen" steht hierfür: In der Familie Mann war dieser Satz eine geläufige Redewendung, die auf einer Situation beruhte, die sich während des Ersten Weltkriegs ereignete, als Erika Mann zehn Jahre alt war:
,,Die Familie, minus Erika, saß ratlos um den Mittagstisch; es gab ein kostbares Gericht, eine Pilzsuppe, aber sie schmeckte so sonderbar, und die kummervolle Inklination war, sie lieber wegzuschütten. Erika, verspätet aus der ,,höheren Töchterschule" eintreffend, wurde über die Lage informiert, kostete und entschied: ,,Da fehlt Salz." Es stimmte; ein paar Löffel Salz ließen die Suppe schmecken, wie Pilzsuppen zu schmecken haben. ­ Der Vorfall wurde später sprichwörtlich. Wie oft habe ich meinen Vater sagen hören: ,,Die Erika muss die Suppe salzen". Sie tat es, mit der Kompromißlosigkeit und Treffsicherheit, die zum Wesen ihres Urteils und ihres Charakters gehörten." (so ihr Bruder Golo Mann, ,,Meine Schwester Erika", 1965, in: Prestel, 1985, S. 240-241).

Um ,,Erika Mann in ihrer Familie" ­ wie es weiter im Titel heißt ­ zu untersuchen, werden zwei Referenztheorien aus verschiedenen Bereichen der Psychologie auf ihre Person angewendet: Zum einen die Theorie der ,,Triangulierung", die vor dem Hintergrund der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie entstanden ist und beschreibt, wie das Kind innerhalb seiner ersten Lebensjahre durch das Erleben und Verinnerlichen seiner Beziehungen zu Mutter und Vater sowie der Beziehung der Eltern zueinander eine innere trianguläre, also eine Dreipersonenbeziehungs-Struktur entwickelt, die Grundlage für alle späteren Beziehungen im Leben ist (Schon, in: Mertens& Waldvogel, 2000). Ist der Entwicklungsprozess der ,,Triangulierung" vollständig durchlaufen, hat das Kind die Fähigkeit zur Ambivalenz erreicht (Kapitel 3.1). Die zweite Referenztheorie, die Theorie der ,,Delegation" von Helm Stierlin, entspringt dem mehrgenerationalen-familientheoretischen Ansatz und verdeutlicht, wie Eltern ihren
Kindern unbewusst ihre Erwartungen und Wünsche, die sie auf sie richten, vermitteln (Kapitel 3.2).


Einleitung 3

Bevor die beiden Referenztheorien vorgestellt und anschließend auf Erika Mann be-zogen werden, wird die Biographie Erika Manns dargestellt (Kapitel 2). Hierbei stehen die vielen verschiedenen Tätigkeiten und Berufe, die sie in ihrem Leben ausübte, im Vordergrund. Es erschien mir sinnvoll, an dieser Stelle hauptsächlich den äußeren Verlauf darzustellen und dann in den Anwendungskapiteln theoriespezifisch jeweils näher auszuführen: So wird innerhalb der Anwendung der Theorie der ,,Triangulierung" beschrieben, wie Erika Mann die Beziehung zu beiden Elternteilen sowie die der Eltern zueinander erlebte und welche Auswirkungen diese Erfahrungen auf den Verlauf und Ausgang ihrer Triangulierung hatten. Außerdem wird in diesem Kapitel ein Bild von Erika Manns enger Beziehung zu ihrem Bruder Klaus Mann, zu Freunden, Kollegen und Liebespartnern gezeichnet und erläutert, wie diese im Zusammenhang mit ihrer ,,Triangulierung" zu verstehen sind (Kapitel 4.1). Innerhalb der Anwendung der Theorie der ,,Delegation" wird näher beschrieben, in welchem Maße das Leben Erika Manns mit dem ihrer Eltern und ihres Bruders verbunden blieb (Kapitel 4.2).

Als Quellen für die Informationen zu Erika Mann, ihrer Familie und ihrem Leben, habe ich sowohl autobiographische als auch biographische Werke verwendet. Mittlerweile ist viel über ,,die Manns" bekannt1, da mehrere Mitglieder der Familie Persönliches in Tagebüchern und autobiographischen Schriften berichteten. Erika Mann gab lebenslang ungern Auskunft über sich selbst und ihr Innerstes: Einerseits schrieb sie kein Tagebuch, und ihre geplante Autobiographie blieb ein Fragment. Andererseits erhält man den Eindruck, sie habe stets versucht, ihre Familie positiv darzustellen und störende Fakten verschwiegen oder sogar verschönt. Daher habe ich insbesondere zu den Fragestellungen, wie sie Vater und Mutter erlebte, autobiographische Quellen ihrer Geschwister miteinbezogen, um eine möglichst objektive Darstellung gewährleisten zu können.

1 ,,Kaum von seinen besten Freunden wisse man so viel wie von Thomas Mann, schrieb Hermann Kurzke, einer der neueren Mann-Biografen, [...]. Und das gilt keineswegs nur für die zentrale Figur dieser Familie, [...]." (Hage, 2001, S. 179).


Biographie 4

2 Biographie Erika Manns
2.1 Kindheit und Jugend in München

Am 9. November 1905 wird Erika Julia Hedwig Mann als erstes Kind des Schriftstellers Thomas Mann und dessen Frau Katia Mann, geb. Pringsheim, neun Monate nach deren Hochzeitsreise in München geboren. Ihren Rufnamen erhält Erika auf Wunsch der Mutter von deren ältestem Bruder Erik Pringsheim (Möller, 2004). Namensgeberinnen für den zweiten Namen Julia sind Erika Manns Großmutter und Tante väterlicherseits; Hedwig heißen Mutter und Großmutter Katia Manns. Fast genau ein Jahr nach Erika kommt Bruder Klaus Heinrich Thomas, genannt Klaus, zur Welt. Ihm folgen die Geschwister Angelus Gottfried Thomas, genannt Golo, und Monika in den Jahren 1909 und 1910. Als drittes Geschwisterpärchen folgen Elisabeth Veronika, genannt Medi, und Michael Thomas, genannt Bibi, 1918 und 1919; zur Zeit ihrer Geburt befindet sich Erika Mann bereits im Beginn des Jugendalters. Zu ihrem Bruder Klaus Mann hat sie bis zu dessen Tod ein äußerst enges Verhältnis. Die Nähe und gemeinsamen Aktivitäten der ältesten Geschwister werden innerhalb der Darstellung Erika Manns Biographie deutlich.
Erika Manns Kindheit verläuft insgesamt behütet und in einer ,,kulturgesättigten Atmosphäre" (Prestel, 1984, S. 7). Der Familie geht es finanziell gut, auch durch die Unter-stützung von Katia Manns Vater Alfred Pringsheim (Jüngling& Roßbeck, 2003). Thomas Mann gilt seit dem Erfolg seines Romans ,,Buddenbrooks" als vielversprechender Schriftsteller und ist bekannt und geachtet. Das Anwachsen der Familie erfordert mehrere Umzüge, die jedoch innerhalb Münchens stattfinden, sodass Erika Mann dort ihre gesamte Kindheit verlebt; 1914 beziehen die Manns schließlich das Haus in der Poschingerstraße nahe des Münchener Herzogparks, das bis 1933 Wohnsitz der Familie bleibt. Eng verbunden mit Kindheitserinnerungen ist Erika Mann und ihren Geschwistern das Sommerhaus der Familie (Mann, 1993), das die Eltern seit 1909 in Bad Tölz in Oberbayern besitzen und in dem sie mit ihnen die Sommermonate verbringen, bis der Vater es 1917 gegen Kriegsanleihen verkauft. Den Verlust des Landhauses erleben die Kinder, so Erika Mann, als stärksten Einschnitt, den die Zeit des Ersten Weltkriegs für sie bringt (im Gespräch mit R. Schmalenbach, 1968, in: Lühe& Naumann, 1996). Die Liebe und das Gefühl der Zughörigkeit zu ihrer Heimatstadt München und zu Bayern wird Erika Mann über ihr Leben erhalten bleiben. 2

2 Golo Mann beschreibt die Schwester in einem Text anlässlich ihres 60. Geburtstags als die ,,bodenständigste" von allen Geschwistern, ,,wobei ihre Anhänglichkeit [...] der bayerischen Urheimat galt. Sie war die einzige von uns, die mit Gusto münchnerisch sprach. Als Skiläuferin, Hockeyspielerin, Laienschauspielerin war sie Mitglied eines jugendlichen Kreises von entschieden bajuwarischem Charakter." (1965, in: Prestel, 1985, S. 242). Siehe ebenso Erika Manns Glosse ,,Liebeserklärung an Bayern" (1930, in: Lühe& Naumann, 2000, S. 77-79).


Biographie 5

Nachdem Erika Mann zunächst ein Jahr lang Privatunterricht erhalten hat, wird sie 1912 gemeinsam mit ihrem Bruder Klaus Mann in eine Privatschule aufgenommen. 1914, zur Zeit des Ersten Weltkriegs, erfolgt aus finanziellen Gründen der Wechsel auf eine höhere Töchterschule, 1920 der auf ein Mädchengymnasium. Im März 1924 besteht sie schließlich ihr Abitur (Dohrmann, 2003), wenn auch nur der Mutter zuliebe und mit sehr schlechten Noten (Krüll, 1993).

2.2 Die Schauspielerin

Erika Manns Talent zum Imitieren und Darstellen zeigt sich bereits in ihrer Kindheit (Mann, 1968, in: Lühe& Naumann, 1996). Gemeinsam mit ihrem Bruder und den mit ihnen befreundeten Kindern aus der Nachbarschaft gründet sie mit fünfzehn Jahren eine Schauspielgruppe, den ,,Laienbund deutscher Mimiker"; die Truppe führt in den Nachbarhäusern klassische Stücke auf und fordert von ihrem Publikum schriftliche Kritiken (Plessen& Mann, 1976). Bereits zu dieser Zeit weiß Erika Mann, dass sie Schauspielerin werden möchte (Mann, 1993). So beginnt sie direkt nach dem Abitur ein Schauspielstudium in Berlin und erhält im selben Jahr, 1924, ein Engagement an den Reinhardt-Bühnen in Berlin sowie im folgenden am Bremer Schauspielhaus. 1925 wird zudem Klaus Manns Stück ,,Anja und Esther" in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt; Erika wirkt zusammen mit den ihnen befreundeten Pamela Wedekind und Gustaf Gründgens, der außerdem die Regie führt, als Darstellerin mit. Pamela Wedekind, Tochter des 1918 verstorbenen Expressionisten Frank Wedekind, haben Erika und Klaus zuvor im Hause ihres Onkels Heinrich Mann kennengelernt; Gustaf Gründgens hat Erika Mann erstmals in Hamburg getroffen. Ein Jahr darauf folgt die Uraufführung des Stückes ,,Revue zu Vieren" von Klaus Mann im Leipziger Schauspielhaus mit ihm und Erika Mann sowie Pamela Wedekind und Gustaf Gründgens als Hauptdarstellern, letzterer ist zudem wieder der Regisseur. Es schließt sich eine Tournee durch Deutschland an. Das ,,schwache" Stück, so Golo Mann (1986, in: Hoffmeister, 1999, S. 211), ,,[...] war ein verdienter Misserfolg [...]", woran die enge Freundschaft der Vier zerbricht: Klaus Mann und Pamela Wedekind, die sich 1924 verlobt haben, entfernen sich voneinander, und die erst am 24. Juli 1926 geschlossene Ehe zwischen Erika Mann und Gustaf Gründgens geht auseinander; die Scheidung am 9. Januar 1929 habe bereits lange vor dem Termin festgestanden, so Lühe (1993). Briefe, die Erika Mann und Pamela Wedekind sich in dieser Zeit schreiben, lassen eine Liebesbeziehung der beiden vermuten ­ so wie die beiden Männer ein Liebespaar gewesen sind in dem Zeitraum, in dem Erika Mann mit Gustaf Gründgens verheiratet und Klaus Mann mit Pamela Wedekind verlobt gewesen ist3 (Weiss, 2000b).


Biographie 6

Von 1926 bis 1930 ist Erika Mann an den Kammerspielen, am Staatstheater und am Volkstheater in München verpflichtet und ebenso in Berlin, Frankfurt und Hamburg engagiert (Lühe, 1993). Ihre Schauspielkarriere scheitert jedoch kurze Zeit darauf an den politischen Veränderungen in Deutschland und Erika Manns Haltung gegenüber dem aufstrebenden Nationalsozialismus: Zum einen wird im November 1930 Klaus Manns Theaterstück ,,Geschwister" uraufgeführt, das die Inzest-Thematik seiner vorigen Werke verschärft fortsetzt; es basiert auf dem ein Jahr zuvor erschienenen Roman ,,Les enfants terribles" J. Cocteaus und stellt die inzestuöse Liebesbeziehung zwischen Bruder und Schwester dar, die gemeinsam in den Liebestod gehen. Nach einem öffentlichen Skandal steht Erika Mann weiterhin zu ihrem Bruder und gerät in den Inzest-Verdacht (Lühe, 1993). Zum anderen nimmt sie am 13. Januar 1932 als Rednerin an einer der Kundgebungen teil, mit denen deutsche und internationale pazifistische Organisationen versuchen, auf die Genfer Abrüstungskonferenzen Einfluss zu nehmen, die im März stattfinden sollen. Die Veranstaltung wird durch die SA massiv gestört, auch während Erika Manns Vortrag. Durch dieses Erlebnis sei ihr die Notwendigkeit deutlich geworden, sich politisch und aktiv gegen die Nationalsozialisten einzusetzen (Lühe, 1993).
Unabhängig von ihrem Entschluss reagiert die nationalsozialistische Presse auf die Kundgebung, woraufhin Erika Mann zwei Zeitungsschriftleiter erfolgreich verklagt und dadurch über München hinaus Aufsehen erregt (ebd.). Im folgenden Monat wehrt sie sich erneut mit einem Prozess, diesmal gegen eine Karikatur der ,,Brennessel", einer nationalsozialistischen Zeitschrift. Eine weitere Klage zieht ihre Teilnahme an der Kundgebung nach sich, als das Weißenburger Bergwaldtheater Erika Manns Engagement für den Sommer vor diesem Hintergrund kündigen will. Erika Mann erreicht eine Entschädigung und dadurch indirekt, dass dem Theater die Schließung droht (ebd.). Die Konsequenz dieser Ereignisse ist letztlich, dass sie nach dem 13. Januar kaum noch als Schauspielerin engagiert wird.

3 In einem Brief Erika Manns an Pamela Wedekind vom 23.7. 1924 redet sie diese mit ,,Liebes Leben" an und bittet: ,, ­ Es wäre so tausendschön, wenn Du noch kämest! [...] Schreibe mir alsbald! Liebe mich! [...]" (in: Prestel, 1984, S.11- 12).
Und zwei Jahre darauf berichtet sie in einem weiteren erhaltenen Brief an Pamela Wedekind von ihrer Hochzeit: ,,Viele, viele Grüße, meine (geliebte Göttin) von der Ehefrau. [...] Ja, Pamela, es war schon ein großer Schreck! Wie so der Herr auf dem Standesamt noch ganz freundlich ,,Fräulein Mann" zu mir sagte, als er uns ermahnte doch lieber richtig herum den Tatort zu betreten ­ G.G. links und ich rechts (wir hatten es natürlich falsch gemacht!) und dann plötzlich herrschte er mich an ,,jetzt unterschreiben Sie, Frau Gründgens!" [...] Und jetzt sind wir einfach im Kurgartenhotel, wo groß und klein uns frivol behandeln muß, da niemand und der Klügste nicht, den Ehestand uns glauben kann. Aber daß wir (Du und ich!) in der Kurliste des vorigen Monats stehen ­ ich als Schauspielerin und Du als Herr Wedekind aus München, ist mir lieb. ­ Meine Pamela, bitte, bitte, komm bald. So schrecklich gern möchte ich es, weil ich Dich eben doch über die Maßen liebe. Schau, das Kläuschen kommt wohl am Sonntag oder Montag. Willst Du nicht mit ihm reisen? ­ G.G. sprach ich schon davon und auch er sähe Dich gern [...]." (Mann, 1926, in: ebd., S.13).


Biographie 7

2.3 Reisen und erste schriftstellerische Versuche

Im Sommer 1927 brechen Erika und Klaus Mann auf eine Weltreise auf, die zunächst nach Amerika führt.4 Sie lernen viele Menschen kennen, darunter oft wohlhabende deutschstämmige Amerikaner, viele Prominente, Filmschauspieler und Intellektuelle, von denen sie sich einladen und herumreichen lassen; als Kinder Thomas Manns sind sie es gewohnt, sich in vornehmen Kreisen zu bewegen und die Vorteile zu nutzen, die sie als die Kinder des berühmten Schriftstellers haben (Naumann, in: Mann& Mann, 1982). Der Reise liegt der Plan zugrunde, eine kleine Vortragstournee durch Amerika zu unternehmen, so wie es Klaus Mann zuvor mit seinem amerikanischen Verleger vereinbart hat. Angekündigt worden sind die Geschwister als Kinder Thomas Manns sowie als Schriftsteller und Bühnendarstellerin. Ihre Vorträge über die Situation der europäischen Generation, die sie in New York, Princeton, Boston, Chicago und Milwaukee halten, empfinden beide als notwendige Verpflichtung (ebd.), da ihr Hauptinteresse dem Kennenlernen des Landes gilt; insbesondere überwältigt sie die Stadt New York, die sie zusammen mit ihrem ehemaligen Nachbarn und Freund Ricki Hallgarten erkunden. Dieser ist bereits seit längerem in New York und arbeitet dort ­ finanzielle Hilfe der wohlhabenden Mutter ablehnend ­ als Blumenverkäufer und Zeitungsjunge.
Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in Amerika reisen Erika und Klaus Mann weiter nach Japan und Korea; auf der Hinreise dorthin lernen sie Hawaii, auf der Rückreise Moskau und Warschau kennen. Nach einem dreiviertel Jahr, im Juli 1928, sind sie zurück in Berlin. Anfang 1929 berichten sie von den Erlebnissen dieser Zeit in dem gemeinsam verfassten Reisebericht ,,Rundherum. Abenteuer einer Weltreise".5 Anschließend unternimmt Erika Mann erste schriftstellerische Versuche als Journalistin, insbesondere für das Berliner Unterhaltungsmagazin ,,Tempo", für das sie Artikel, Glossen, Rezensionen, Kolumnen, Reportagen und kleine Feuilletons schreibt (Kröger, 2005). Da sie eigentlich nicht wie der Vater beruflich schreiben wollte (Mann, 1993), beschließt sie anfangs, ausschließlich für Zeitungen und lediglich, um ihr Einkommen als Schauspielerin aufzubessern, als Autorin tätig zu sein.

4 ,,,,Es gibt genug Dinge, vor denen man davonlaufen möchte." Ich dachte an meine häßlichen Kritiken und an meine kapriziöse Braut. Erst vor ein paar Tagen hatte Pamela mir mitgeteilt, ohne Umschweife, in sachlich knapper Form, daß sie den alternden Dramatiker Carl Sternheim liebe und ihn in absehbarer Zeit zu ehelichen gedenke." (Mann, 1993, S. 247) Ebenso Erika ,,[...] wäre lieber anderswo. Zehntausend Meilen weg von hier..." (Mann, 1993, S. 247).
5 Die Idee für den Bericht sei entstanden, als Erika und Klaus Mann in Tokio Geld für die Fortsetzung ihrer Reise benötigen, die sie als Vorschuss durch die Vertragsschließung erhalten. Insgesamt haben sie sich während der gesamten Reise wiederholt Geldbeträge leihen oder schenken lassen müssen, um Hotelrechnungen oder Tickets bezahlen zu können. Darüber hinaus haben sie wiederholt den Eltern telegraphiert, die für ihre Schulden aufgekommen sind (Naumann, in: Mann& Mann, 1982).


Biographie 8

In der Zeit von 1928 und 1933 verfasst Erika Mann rund 100 Beiträge. Ebenso versucht sie sich als Dramatikerin mit den Theaterstücken ,,Hotels", das im Sommer 1929 aus Reiseerinnerungen entstanden ist, und dem 1931 veröffentlichten ,,Plagiat. Komödie" (Lühe, 1993).
Im März 1930 unternimmt sie mit Klaus Mann eine weitere Reise, diesmal mit dem Auto; wofür sich Erika Mann zuvor in München als Automonteur ausbilden lassen hat.6 Die Geschwister fahren durch die Schweiz, Südfrankreich und Spanien bis nach Nordafrika, wo beide in Marokko erste Drogenerfahrungen sammeln (Mann, 1993). Nach der Rückreise über Italien treffen sie im Mai in München ein ­ Erika Manns Wohnsitz seit 1927. Im folgenden Jahr erscheint der zweite Reisebericht Erika und Klaus Manns: ,,Das Buch von der Riviera. Was nicht im Baedeker steht". Anschließend nimmt Erika Mann im Frühjahr 1931 mit Ricki Hallgarten an einer 10.000km-Rallye durch Europa als Rennfahrerin teil, die sie gewinnt (Lühe, 1993).7 Im Juli des nächsten Jahres fahren Klaus und Erika Mann mit ihrem Auto durch die skandinavischen Länder bis zum Nordkap (Prestel, 1984).

2.4 Im Kampf gegen den Nationalsozialismus
2.4.1 Das Kabarett ,,die Pfeffermühle"

Am 1. Januar 1933, einen Monat vor der ,Machtergreifung′ Hitlers wird Erika Manns literarisches und antifaschistisches Kabarett ,,Die Pfeffermühle" in München uraufgeführt. Ihr Bruder Golo Mann denkt, ,,die Jahre der ,,Pfeffermühle" [...] [seien] ungefähr ihre glücklichsten [gewesen];" (Mann, in: Prestel, 1985, S. 243). Und auch Erika Mann selbst betont in ihren letzten Lebensjahren, dass sie sich von allem, was sie je getan habe, am liebsten an die ,,Pfeffermühle" erinnere (Kröger, 2005, S. 9). Das Kabarett, ihr ,,liebstes Kind" (Mann, 2005, S. 285) wird sehr erfolgreich. Das Programm, das in insgesamt 1034 Vorstellungen gezeigt wird, soll auf indirekte Art auf die Gefahren des Nationalsozialismus hinweisen8: "Was wir uns vorstellten, waren ,,Chansons", Lieder, Dialoge und kurze Stücke, die Leichtigkeit mit Aktualität verbanden." (Mann, 1943, in: Lühe& Naumann, 2000, S. 38). "Die Pfeffermühle" war ein unpolitisches Theater. Aber es stand im generell humanen Sinn für die Ideale der Demokratie, während es gleichzeitig die Methoden der Diktatur geißelte.[...]. (Mann, 1941,

6 Siehe die Glosse ,,Wie ich Auto-Monteur lernte" (Mann, 1930, in: Lühe& Naumann, 2000, S. 73- 74).
7 Siehe die Glossen ,,Fahrt ohne Schlaf" (Mann, 1931, in: ebd., S. 87- 89), ,,Rom? ­ nur eine Waschgelegenheit" (Mann, 1931, in: ebd., S. 90- 92) und ,,Sport und Charakter" (Mann, 1931, in: ebd., S. 92- 93).
8 ""Immer indirekt!" hieß also unsere Losung. [...] Wir wirkten in der Parabel, im Gleichnis und Märchen ­ unmissverständlich, doch unschuldig, ­ dem Buchstaben nach (Mann, 1968, in: Prestel, 1985, S. 204).



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