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Termpaper, 2008, 28 Pages
Author: Anna Zielinska
Subject: Pedagogy - Nursery Pedagogy
Details
Institution/College: University of Osnabrück
Tags: Wandel, Kindheit, 50er, 60er, 70er
Year: 2008
Pages: 28
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-32329-6
ISBN (Book): 978-3-640-32131-5
Zwischenprüfungshausarbeit
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Abstract
Viele Menschen neigen dazu, ihre eigene Generation als die herausragende Generation anzusehen. Die eigene Kindheit wird häufig glorifiziert und die nachfolgenden Generationen von Kindern und Jugendlichen werden bestenfalls belächelt oder gar bemitleidet („Die Jugend von heute!“) wobei oftmals ein herabwürdigender Unterton mitschwingt. Ein gutes Beispiel für eine solche Perspektive ist der Text eines unbekannten Autors, der seit einigen Jahren im Internet kursiert und im Jahre 2004 vom „Stern“ unter dem Titel „Eine Generationengeschichte“ abgedruckt worden ist. Der Autor beschreibt in diesem Text seine eigene Kindheit und die der Kinder der 50er, 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Kindheit seit den 1950er Jahren bis heute gewandelt hat und inwiefern sich dieser Wandel auf die Kinder und ihre Entwicklung und auch Bildung auswirkt. Es wird die Kindheit „damals“ mit der Kindheit „heute“ verglichen um herauszufinden, wie die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern sowie ihre Lebensweise auf ihre Entwicklung Einfluss nehmen. Dafür wird zunächst der Versuch einer Definition von Kindheit unternommen. Nach einem historischen Überblick sollen zwei Ansichten über Kindheit als a) natürliche (psycho- und physiologische) Entwicklungsphase und b) soziales und kulturelles Konstrukt erläutert und diskutiert werden. Der zweite Teil der Arbeit gibt einen Einblick in die kindlichen Lebenswelten der letzten 50-60 Jahre. Die Bereiche „Familie und Erziehung“, „Schule“, „Freizeit“ und „räumliche Lebensbedingungen“ sollen dabei näher untersucht werden. Dafür werden diese Lebenswelten zunächst im Verlauf der 50er, 60er und 70er Jahre dargestellt, insbesondere unter dem Aspekt des Phänomens der „Straßenkindheit“, welches der unbekannte Autor so lobend beschreibt. Danach wendet sich die Arbeit der Kindheiten der 80er, 90er und 00er Jahre zu, hierbei soll ein besonderes Augenmerk auf den Sachverhalt der Verinselung kindlicher Lebensräume gerichtet werden. Es soll die Frage beantwortet werden, wie sich jeweilige historisch wandelbare Lebensumstände auf Kinder und auf Kindheiten auswirken. Nicht zuletzt soll auch untersucht werden, ob dem unbekannten Verfasser von „Eine Generationengeschichte“ widersprochen oder möglicherweise sogar Recht gegeben werden kann bei seiner Behauptung: „Kinder von heute werden in Watte gepackt“.
Excerpt (computer-generated)
,,Kinder von heute werden in Watte gepackt"
der Wandel der Kindheit seit den 1950er Jahren und seine
pädagogische Bedeutung
Schriftliche Hausarbeit für die Magisterzwischenprüfung
Im Fach Allgemeine Grundlagen der Erziehungswissenschaft
Eingereicht von: Anna Zielinska
Eingereicht am 10.Dezember 2008
Gliederung
1. Einleitung 2
2. Kindheit ein mehrdimensionaler Begriff 4
2.1. Historischer Überblick 4
2.2. Kindheit als natürliche Entwicklungsphase 5
2.3. Kindheit als Konstrukt 7
2.4 Zusammenfassung 8
3. Kindheit ,,früher" und Kindheit ,,heute" 8
3.1. ,,Früher": die 50er, 60er und 70er Jahre 9
3.2 Lebenswelten der Kinder 9
3.2.1 Familie 10
3.2.2 Schule 11
3.2.3 räumliche Lebensbedingungen 13
3.2.4 Freizeit 14
3.3 ,,Heute": die 80er, 90er und 00er Jahre 15
3.4 Lebenswelten der Kinder 15
3.4.1 Familie und Erziehung 15
3.4.2 Schule 16
3.4.3 Räumliche Lebensbedingungen 17
3.4.4 Freizeit 18
4. ,,Eine Generationengeschichte" nostalgische Illusion oder Tatsache? 20
5. Fazit 21
Literaturverzeichnis 23
Anlage A 25
1
1. Einleitung
Viele Menschen neigen dazu, ihre eigene Generation als die herausragende Generation anzu-
sehen. Die eigene Kindheit wird häufig glorifiziert und die nachfolgenden Generationen von
Kindern und Jugendlichen werden bestenfalls belächelt oder gar bemitleidet (,,Die Jugend von
heute!") wobei oftmals ein herabwürdigender Unterton mitschwingt. Ein gutes Beispiel für
eine solche Perspektive ist der Text eines unbekannten Autors, der seit einigen Jahren im In-
ternet kursiert und im Jahre 2004 vom ,,Stern" unter dem Titel ,,Eine Generationengeschichte"
abgedruckt worden ist.1 Der Autor beschreibt in diesem Text seine eigene Kindheit und die
der Kinder der 50er, 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Der Text erzählt von Kindern, die morgens zum Spielen das Haus verließen und erst abends
wiederkamen. Der Autor sagt, die Kinder lebten damals ohne die heute üblichen Sicherheits-
vorkehrungen und wenn mal etwas schief ging, dann waren es ,,eben Unfälle". Auch fehlte es
damals an Unterhaltungselektronik die Kinder ,,hatten Freunde", die sie auf der Straße tra-
fen und sie spielten mit Holzstöcken und Tennisbällen und ,,aßen Würmer" und ,,Brot mit
Butter dick".
Was im ersten Augenblick Schmunzeln und vielleicht auch Zustimmung hervorruft, stimmt
im Nachhinein beim Lesen auch nachdenklich. Der Verfasser behauptet am Schluss seines
Textes nämlich: ,,Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfin-
dern mit Risikobereitschaft hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Ver-
antwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen." Diese Aussage impliziert, dass es den
nachfolgenden Generationen folgerichtig der 80er, 90er und 00er Jahre an all diesen Attri-
buten mangelt oder sie darin zumindest seltener anzutreffen sind.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Kindheit seit den 1950er Jahren bis
heute gewandelt hat und inwiefern sich dieser Wandel auf die Kinder und ihre Entwicklung
und auch Bildung auswirkt. Es wird die Kindheit ,,damals" mit der Kindheit ,,heute" vergli-
chen um herauszufinden, wie die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern sowie ihre Le-
bensweise auf ihre Entwicklung Einfluss nehmen.
Dafür wird zunächst im ersten Abschnitt der Versuch einer Definition von Kindheit unter-
nommen. Nach einem historischen Überblick sollen zwei Ansichten über Kindheit als a) na-
türliche (psycho- und physiologische) Entwicklungsphase und b) soziales und kulturelles
Konstrukt erläutert und diskutiert werden.
Der zweite Teil der Arbeit gibt einen Einblick in die kindlichen Lebenswelten der letzten 50-
1 Der Text ist auf vielen Internetseiten zu finden, z.B. auf http://www.wiso.fh-osnabrueck.de/7948.html letzter
Zugriff am 09.12.2008
2
60 Jahre. Die Bereiche ,,Familie und Erziehung", ,,Schule", ,,Freizeit" und ,,räumliche Le-
bensbedingungen" sollen dabei näher untersucht werden. Dafür werden diese Lebenswelten
zunächst im Verlauf der 50er, 60er und 70er Jahre dargestellt, insbesondere unter dem Aspekt
des Phänomens der ,,Straßenkindheit", welches der unbekannte Autor so lobend beschreibt.
Danach wendet sich die Arbeit der Kindheiten der 80er, 90er und 00er Jahre zu, hierbei soll
ein besonderes Augenmerk auf den Sachverhalt der Verinselung kindlicher Lebensräume ge-
richtet werden.
Im Schlussteil möchte ich die Frage beantworten, wie sich jeweilige historisch wandelbare
Lebensumstände auf Kinder und auf Kindheiten auswirken. Nicht zuletzt soll auch untersucht
werden, ob dem unbekannten Verfasser von ,,Eine Generationengeschichte" widersprochen
oder möglicherweise sogar Recht gegeben werden kann bei seiner Behauptung: ,,Kinder von
heute werden in Watte gepackt".
3
2. Kindheit ein mehrdimensionaler Begriff
Dieses Kapitel befasst sich mit der Frage, was der Begriff Kindheit eigentlich bedeutet. Der
erste Teil gibt einen historischen Überblick darüber, wie Kindheit sich seit ihrer ,,Entde-
ckung" in der Aufklärung entwickelt hat. Danach folgt die Darstellung der beiden (Haupt-)
Ansätze der Kindheitsforschung: des ,,Entwicklungsparadigmas" und der Ansicht von Kind-
heit als gesellschaftlichem und kulturellen Konstrukt. Im Anschluss werden für diese Arbeit
wichtige Aspekte zusammengefasst und ein Versuch einer Definition von ,,Kindheit" unter-
nommen.
2.1. Historischer Überblick
Es gab immer schon Kinder, dies ist unbestritten. ,,Kindheit" jedoch, mit der Anerkennung
dessen, dass Kinder eine besondere Gruppe von Menschen sind, ist ein relativ neues Phäno-
men. So hatten Kinder früher bis zum Erreichen eines gewissen Alters so gut wie keinen rele-
vanten Status in der Familie und somit auch in der Gesellschaft. Bedingt war dies einerseits
durch die hohe Säuglingssterblichkeit, welche emotionale Bindungen erschwerte, andererseits
durch die Festlegung des Wertes des Kindes vornehmlich als Arbeitskraft oder nur im Hin-
blick auf seine zukünftige Rolle.
Die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie und ihre Etablierung als wichtigste und primäre
Einheit der Gesellschaft vollzogen sich erst im Zeitalter der Industrialisierung und der damit
einhergehenden zunehmenden Verstädterung. Kinder wurden zunehmend in Kleinfamilien
(Mutter und Vater) hineingeboren und die Erziehung lastete hauptsächlich auf den Eltern. Im
Zeitalter der Aufklärung entdeckte die Pädagogik die Aufgabe ,,Kind", ,,Kindheit" und ,,Er-
ziehung" neu. Die Kindheit wurde als eigenständige Lebensphase anerkannt und Kinder als
,,Menschen in Entwicklung"2 angesehen. Kinder galten von nun an als schutz- und erzie-
hungsbedürftige Wesen: ,,Eine Beziehung der Sorge und der Belehrung, institutionalisiert als
Familie und Schule."3
Im Jahre 1902 läutete die schwedische Pädagogin und Frauenrechtlerin Ellen Key ,,Das Jahr-
hundert des Kindes" durch ihr gleichnamiges Buch ein. Sie erhebt ,,(...) die Forderung zum
Programm, Kinder als eigenständige Persönlichkeiten anzuerkennen"4 und viele Pädagogen
folgten ihr. In dieser Zeit entstanden viele Einrichtungen für Kinder, die allgemeine Schul-
2 Honig 1999, S. 17
3 a.a.O.
4 a.a.O., S. 89
4
pflicht wird in Deutschland wirklich umgesetzt (um 1890)5 und das Verbot der Kinderarbeit
in Fabriken (für Kinder unter 13 Jahren) wird 1891 eingeführt. Kinder bekommen immer
mehr für sie eigens bestimmte Räume und Lebensbereiche. Immer mehr wird Kindheit zu
einem geschützten Raum, der nicht mehr untrennbar mit der Erwachsenenwelt verbunden ist.
Der Nationalsozialismus kennzeichnet einen Rückschritt in der historischen Entwicklung von
Kindheit. Kindheit verliert die Rolle eines Moratoriums und Kinder werden im Hinblick auf
ihre zukünftige Rolle als ,,gute Deutsche" erzogen bzw. durch politische Pflichtprogramme
indoktriniert. Während des Krieges sind sie endgültig wieder ,,kleine Erwachsene", müssen
mitarbeiten, zum Lebensunterhalt mitbeitragen und mitkämpfen.
Nach dem Krieg ist die Situation schwierig und Wiederaufbau das Ziel aller. Kinder haben
kaum eigenen Raum in der Familie und der Gesellschaft.
In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts macht sich auch eine Änderung der Einstel-
lungen sowohl von Kindern als auch zu Kindern bemerkbar. War das Verhältnis von Eltern zu
Kindern bis in die 60er Jahre von Autorität, Gehorsam und Pflichterfüllung gekennzeichnet,
so wird ab dieser Zeit Familie immer mehr zu einem von Emotionalität, Partnerschaftlichkeit
und Toleranz erfüllten Raum. Maßgeblich an diesem Wechsel beteiligt war die Studentenbe-
wegung mit ihren Kinderläden und Ansätzen der antiautoritären Erziehung. 6
In den folgenden Jahrzehnten kommt Kindheit und Kindern immer mehr Aufmerksamkeit
und Bedeutung zu; sie bekommen mehr Rechte, es gibt eine Flut von Debatten und Diskussi-
onen darüber, was ,,kindgerecht", ,,pädagogisch wertvoll" oder ,,Kindeswohl" ist.
Honig schreibt: ,,Kinder gewinnen ihre ökonomische Bedeutung im 20. Jahrhundert nicht als
Arbeitskraft, sondern als Humanvermögen; als solches werden sie zum öffentlichen Gut."7
Kinder haben nun einen festen Status in der Familie und in der Gesellschaft erlangt.
2.2. Kindheit als natürliche Entwicklungsphase
Lange Zeit wurde Kindheit als etwas Gegebenes gesehen, als eine Tatsache. Kind sein bedeu-
tete, ein Mensch in Entwicklung zu sein, etwas ,,werdendes", noch nicht Fertiges. Während
der Kindheit waren dem Zögling Werte der Gesellschaft sowie Bildung und Moral zu vermit-
teln. Ohne Erziehung wäre der Mensch verloren. Dieser Gedanke ist vor allem bei John Locke
besonders ausgeprägt. Nach Locke ist das Neugeborene eine ,,tabula rasa", eine unbeschrie-
5 vgl. Honig 1999 S. 91
6 vgl. Führ/Furck 1998 S. 176
7 Honig 1999 98
5
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