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'Le Misanthrope' und 'L'école des femmes' an der Comédie française im Vergleich close

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'Le Misanthrope' und 'L'école des femmes' an der Comédie française im Vergleich

Subtitle: Ein Inszenierungsvergleich hinsichtlich des Scheiterns der Hauptfiguren Alceste und Arnolphe

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 26 Pages
Author: Till Julian Nesta Wörfel
Subject: Romance Languages - French Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 26
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V126757
ISBN (E-book): 978-3-640-32716-4
ISBN (Book): 978-3-640-32758-4

Abstract

Molière ist wie „Shakespeare 'of all time', seine Stücke haben in immer wieder neuen, dem jeweiligen Zeitgeist entsprechenden Interpretationen [über] dreihundert Jahre frisch und lebendig überstanden, ein Ende ist nicht abzusehen“ (Gertrud Mander) Betrachtet man die Theatersaison 2007/2008 in Deutschland, ist festzustellen, dass die Stücke eines Autors, metteur en scène und Schauspielers des 17. Jahrhunderts häufig inszeniert werden. Die Werke Jean-Baptiste Poquelins, des nicht nur in Deutschland unter dem Namen Molière bekannten französischen Komödienschreibers, liefern noch immer den Bühnen dieser Welt abendfüllende Vorstellungen. Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Luk Perceval, letzterer führte Regie, adaptierten und transformierten vier Stücke1 des 'Roi de Rire' zu einem modernen, an die Missstände der heutigen Gesellschaft angelegten Drama, welches den kurzen Titel Molière trägt und während der Salzburger Festspiele 2007 Premiere feierte. Zwei Inszenierungen an der Comédie française sind Thema dieser Hausarbeit: die 1977 aufgeführte Komödie LE MISANTHROPE und die (Tragik)komödie L'ÉCOLE DES FEMMES, 1999 im Spielplan. Eine Einführung in das Zeitalter Molières wird einen kurzen Überblick geben, um die zwei im 17. Jahrhundert entstandene Stücke, welche mehrere hundert Jahre später noch adaptiert werden, objektiver einschätzen und darüber hinaus auch die theatergeschichtliche sowie kulturelle Entwicklung berücksichtigen zu können. Des Weiteren werden theaterwissenschaftlich relevante Begriffe vorgestellt, um in der anschließenden Analyse einen textlich inhaltlichen und einen inszenatorischen Vergleich hinsichtlich verschiedener Faktoren, die zuvor herausgearbeitet werden, durchzuführen. Die Semiotik des Theaters verwendet hierfür den Begriff interikonische Relation, mithilfe derer sich das Verhältnis einer Aufführung sowohl zu allen vorangegangenen, als auch zum Basistext und zu anderen Zeichensystemen beschreiben lässt.


Excerpt (computer-generated)

Universität Potsdam

Institut für Romanistik

WiSe 2007/2008

HS Molière an der Comédie française

LE MISANTHROPE und L′ÉCOLE DES FEMMES an der

Comédie française

im Vergleich.

Ein Inszenierungsvergleich hinsichtlich des Scheiterns der Hauptfiguren

Alceste und Arnolphe

eine Hauptseminararbeit im Studiengang

Französische Philologie (MA)

von Till Wörfel


Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung 3

2.Literatur- und Theatergeschichte 4

2.1 Molière damals und heute 6

3.Theatertext und -sprache, Text- und Regietheater, Inszenierungsanalyse 8

3.1 Textsprachlich inhaltlicher Vergleich von LE MISANTHROPE und L′ÉCOLE DES

FEMMES 12

3.2 Interikonischer Vergleich hinsichtlich des Prozesses des Scheiterns von Alceste und

Arnolphe 13

3.2.1 Anpassungsschwierigkeit/ Kompromisslosigkeit 13

3.2.2 Naivität 16

3.2.3 Kontrolle 18

3.2.4 Scheitern 21

4.Fazit 23

5.Bibliographie 25

5.1 Filmographie 25

2


1. Einleitung

Betrachtet man die Theatersaison 2007/2008 in Deutschland, ist festzustellen, dass die Stücke eines

Autors,

metteur en scène

und Schauspielers des 17. Jahrhunderts häufig inszeniert werden. Die

Werke Jean-Baptiste Poquelins, des nicht nur in Deutschland unter dem Namen Molière bekannten

französischen Komödienschreibers, liefern noch immer den Bühnen dieser Welt abendfüllende

Vorstellungen. Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Luk Perceval, letzterer führte Regie,

adaptierten und transformierten vier Stücke1 des

′Roi de Rire′

zu einem modernen, an die

Missstände der heutigen Gesellschaft angelegten Drama, welches den kurzen Titel

Molière

trägt und

während der Salzburger Festspiele 2007 Premiere feierte.

Im Gegensatz dazu sind klassische Adaptionen des

Misanthrope

in ihrer deutschen Übersetzung im

Schauspielhaus Köln und am Hans-Otto-Theater in Potsdam zu sehen. Nicht nur an den großen

Bühnen wird Molière zum Leben erweckt, sondern auch an kleinen und freien Bühnen von Hessen

bis in den Schwarzwald2. Auch das Kino hat Molière als historischen Stoff entdeckt, in diesem Fall

stellte der französische Regisseur Laurent Tirard im letzten Jahr den biografisch geprägten Film

Molière

vor.

Molière ist wie

,,Shakespeare ′of all time′, seine Stücke haben in immer wieder neuen, dem

jeweiligen Zeitgeist entsprechenden Interpretationen [über] dreihundert Jahre frisch und lebendig

überstanden, ein Ende ist nicht abzusehen"

3. Im Mutterland Molières ist das Interesse ebenfalls

groß. Ein Ende seiner Werke im Spielplan der

Comédie française

ist nicht in Sicht4.

Zwei Inszenierungen an jener

Comédie française

sind Thema dieser Hausarbeit: die 1977

aufgeführte Komödie

LE MISANTHROPE und die (Tragik)komödie L′ÉCOLE DES FEMMES, 1999 im

Spielplan.

Während der Recherchearbeiten stellte sich heraus, dass ein Inszenierungsvergleich der jeweils

eigenständigen Stücke nur bedingt geeignet ist. Einerseits ist der Vergleich verschiedener Stücke

hinsichtlich der Inszenierung schwierig, da sich durch die Verschiedenheit wenige

Vergleichsmöglichkeiten bieten, als dies bei einem Inszenierungsvergleich einander unabhängiger

Inszenierungen ein und desselben Stücks der Fall ist. Möglich erschien hier bspw. ein Vergleich der

L′ÉCOLE DES FEMMES mit L′ÉCOLE DES MARIS oder aber SGARANELLE OU LE COCU

IMAGINAIRE, welche thematisch eine höhere Ähnlichkeit im Vergleich zu LE MISANTHROPE haben.

1

Le Misanthrope

,

Tartuffe

,

Dom Juan

und

L′avare

.

2 Barock am Main Festival, ,,der hessische Molière", 1.8.-2.9. 2007 im Höchster Bolongarogarten; Tourneetheater

Stuttgart im Nabolder Burghof, ,,Die Gaunereien des Scapin", u.a. 3.9. 2007.

3 Mander S. 16.

4 u.a. Oktober, November, Dezember 2007:

Le malade imaginaire

;

Le presticieux ridicule

;

Januar 2008:

Hommage à

Molière

; Februar, März, April 2008:

Le Misanthrope.

3


Demnach ergibt sich für den Vergleich der beiden behandelten Stücke eine gewisse Restriktion

hinsichtlich der Analyse. Diese soll durch einen Fokus auf die beiden Hauptfiguren aufgehoben

werden. Die Charaktere Alcestes, des cholerischen Menschenfeinds, und Arnolphes, des naiven

Unterdrückers, besitzen Ähnlichkeiten und funktionieren nach Molières Schema, welches ebenfalls

analysiert werden soll. Die Methoden der Inszenierungsanalyse bzw. des Vergleichs (gegenüber

denen der Literaturwissenschaft), sollen vorgestellt werden, um anhand dieser ein passendes

Analyseverfahren für beide Inszenierungen herauszuarbeiten.

Zunächst wird eine Einführung in das Zeitalter Molières einen kurzen Überblick geben, um die

zwei im 17. Jahrhundert entstandene Stücke, welche mehrere hundert Jahre später noch adaptiert

werden, objektiver einschätzen und darüber hinaus auch die theatergeschichtliche sowie kulturelle

Entwicklung berücksichtigen zu können. Des Weiteren werden theaterwissenschaftlich relevante

Begriffe vorgestellt, um in der anschließenden Analyse einen textlich inhaltlichen und einen

inszenatorischen Vergleich hinsichtlich verschiedener Faktoren, die zuvor herausgearbeitet werden,

durchzuführen. Die Semiotik des Theaters verwendet hierfür den Begriff

interikonische Relation

,

mithilfe derer sich das Verhältnis einer Aufführung sowohl zu allen vorangegangenen, als auch zum

Basistext und zu anderen Zeichensystemen beschreiben lässt.

2. Literatur- und Theatergeschichte

In der Geschichtsforschung wird das Jahr 1622 als Jean-Baptiste Poquelins Geburtsjahr benannt5.

Sein Werk wird demnach dem 17. Jahrhundert zugerechnet, dem

siècle classique

, welches in den

Zeitraum von 1598 (

Edicte de Nantes

) bis 1715 (Tod Louis XIV) eingeordnet wird6. Ein noch

immer etwas mythisch beurteiltes Jahrhundert, in dem der

roi (de) soleil

Louis XIV. Frankreich zu

einem Nationalstaat vereinigte, was dem Land bis in das 18. Jahrhundert hohes Ansehen im

Ausland bescherte. Dieses Bild, Grimm nennt es Vorbildfunktion, erschließt ebenfalls das

′Klassische′ dieser Epoche, denn Frankreich erlebte nicht nur machtpolitisch seinen Höhepunkt,

sondern auch kunst- und literaturgeschichtlich.

Das

siècle classique

spiegelt aber vor allem die gesellschaftlichen und ideologischen Unterschiede

und ihre daraus resultierenden gegenseitigen Auseinandersetzung wider; diese dauerhaften

gesellschaftlichen Spannungen zeigen sich in einem Nebeneinander sehr unterschiedlicher Stile und

Ausdrucksformen in der Kunst.7 So eben auch bei Molière.

5 siehe u.a. in Mander S. 7; Molière: L′école des femmes S. 11. Es existieren in der Tat nur wenige offizielle

Dokumente, die bspw. seine Geburt bestätigen, noch eigens angefertigte Manuskripte. Daraus ist auch die

unendliche Legendenbildung um die Person und das Leben Molières abzuleiten.

6 Grimm (1999) S.136.

7 vgl. ebd. S.136ff.

4


Den Bemühungen um die absolute Monarchie am Anfang des 17. Jahrhunderts entspricht auch die

literarische Entwicklung, deren Quantität und Qualität hingegen während des Zeitraums von 1660

bis 1685 am größten angesehen wird. Es ist zu beobachten, dass während dieses Intervalls nicht nur

eine regimefreundliche Literatur hervorgebracht wurde, sondern ebenfalls eine das Individuum

unter höfischem Zwang beschreibende. Darunter fallen u.a. Molières wichtigen Werke wie L′ÉCOLE

DES FEMMES

(1962), TARTUFFE (1664), DOM JUAN (1665) und LE MISANTHROPE (1666). Jedoch

ist die uns heute zugängliche Literatur des 17. Jahrhunderts zum größten Teil auf ein damals kleines

Publikum beschränkt gewesen. Die Nöte und Ängste von ca. neunzig Prozent der zwanzig

Millionen Franzosen bleiben in jener Zeit inexistent, da die meisten Künstler keinen Anlass sahen

sich ihrer zu bedienen und der Hof ihnen gleichgültig gegenüberstand.8 Der Zeitraum, im

allgemeinen als Hochklassik bezeichnet, entspricht ungefähr dem Machtantritt Louis XIV. und der

Aufhebung des

Edicte de Nantes.

Das 17. Jahrhundert gilt zudem als ′goldenes Zeitalter′ des Theaters. Corneille, Molière und Racine

reihen sich in ein klassisches Theater der Vielfalt und Kühnheit.9 Die zielgerichtete und

absolutistische Kulturpolitik des Ministers und Begründers der

Académie française

, Armand-Jean

Richelieu, hatte erkannt, dass Theater die öffentlichkeitswirksamste literarische Kunst ist. Gerade

dieses Erkennen ihrer gesellschaftlichen und politischen Funktion begründete die Blütezeit des

französischen Theaters.

Richelieu wollte Dramenstoffe

vorschreiben, aus denen (vermeintlich politisch) wirksame

Theaterstücke entstehen sollten. Es entstand ein ′Propagandaapparat′, von dem wohl Corneille am

meisten profitierte.10 Die

honnêtété

spielte hierbei eine mindestens genauso große Rolle wie ihre

Funktion als gesellschaftliche Norm. Sie stellt eine Persönlichkeit um die Ideale Anständigkeit,

Schicklichkeit und Rechtschaffenheit dar.

Richelieu war hingegen ebenfalls an der Weiterntwicklung der klassischen Dramaturgie beteiligt,

die sich an Aristoteles zeitlicher Einheit der Dramenhandlung anlehnt und ein dramaturgisches

Regelwerk der

drei Einheiten

bildet: der Zeit, des Ortes und der Handlung.11 Trotz der versuchten

Vereinheitlichung der Dramen existierten verschiedene dramatische Produktionen nebeneinander:

Farce, Tragikomödie, Komödie und Tragödie. Ab 1630 änderte sich ebenfalls die Institution

Theater, welche bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich von reisenden Theatertruppen verkörpert

wurde, die zu Gastspielen angereist kamen. Die neue institutionelle Voraussetzung sah zwei feste

Bühnen in Paris vor: Das

Hôtel de Bourgôgne

(hauptsächlich Tragödien, später inszenierte Racine)

8 vgl. Grimm (1999) S.144.

9 vgl. ebd. S. 157 f.

10 vgl. ebd. S. 160

11 vgl Mander S. 23f.

5


und das

Theâtre du Marais

(u.a. mit Stücken neuer Autoren wie Corneille) lieferten sich einen

harten Konkurrenzkampf. Schon 1680 wurde aus Kontrollgründen und zur Fortsetzung der

Molièretradition unter königlichen Erlass das

Hôtel du Bourgôgne

mit der alten Molièretruppe

zusammengelegt und hieß ab diesem Moment

Comédie française

. Der Höhepunkt der Klassik war

zu diesem Zeitpunkt schon

,,längst überschritten"

12.

2.1

Molière damals und heute

Es ist anzunehmen, dass Molière schon früh bewusst war, dass seine Perspektive und sein Standort

die Bühne sein würde und nicht das Notariat, welches er durch ein Studium der

Rechtswissenschaften anvisiert hatte. Schon 1643 lehnte er die Nachfolgeschaft auf das väterliche

Hofamt ab und entschied sich für das Theater. Molière begann seine Theatertätigkeit bei einer

dreizehnköpfigen

compagnie

, die zunächst im

Illustre Theâtre

in Paris spielte, jedoch mit ihren

Aufführungen wenig Erfolg hatte, zudem Schulden machte. Molière entschloss sich gemeinsam mit

den Geschwistern Madeleine Joseph und Géneviève Béjart aus der alten Truppe zu der

Wandertruppe von Dufresne zu wechseln. Es folgte eine lange Zeit des Wandertheaters, die bis 1658

dauerte13. Von da an spielte die Truppe im

Théâtre du Petit-Bourbon

in Paris. Da dieses wegen

Vergrößerungsmaßnahmen des

Louvre

abgerissen wurde, musste man in den großen Saal des

Palais

Royal

umziehen,

wo u.a. auch zum ersten Mal

SGARANELLE OU LE COCU IMAGINAIRE

gespielt

wurde. L′ÉCOLE DES MARIS und LES FACHEUX wurden ein noch größerer Erfolg. Ende 1662 spielten

sie L′ÉCOLE DES FEMMES, welches zunächst ein finanzieller Erfolg, dann aber hart kritisiert wurde -

Ähnlichkeiten in der Reaktion sind bei Corneilles CID zu beobachten. 1665 folgte DOM JUAN und

1666 LE MISANTHROPE. Beide Stücke brachten diverse Probleme und vehemente Kritik mit sich.

Auch der TARTUFFE sollte zum Skandalstück werden. So wurde das Stück verboten und Molière

durfte es letztlich erst 1670 spielen. LE MALADE IMAGINAIRE blieb Molières letztes Stück, nach

dessen Aufführung verstarb er in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1673.

Betrachtet man Molières Werk und dessen Wirkung im 17. Jahrhundert, fällt auf, dass vor allem

seine Charakterkomödien, TARTUFFE, DOM JUAN, L′ÉCOLE DES FEMMES und LE MISANTHROPE,

Schwierigkeiten bereiteten und umgekehrt gerade in der heutigen Zeit besonders gut funktionieren.

Das Publikum des 17. Jahrhunderts, in Molières Pariser Zeit nach seinem Durchbruch, lässt sich als

,,heterogenes, sehr verwöhntes und meist sehr gebildetes Publikum [beschreiben]: die Bürger und

Großbürger in Paris, die Aristokraten und Beamten am Hof, die königliche Familie und [...] das

12 Grimm S. 162.

13 Lebensdaten und Werk vgl. Mander S. 7-15.

6



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