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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 27 Pages
Author: Thomas Roghmann
Subject: French - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Details
Year: 2006
Pages: 27
Grade: 2,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-35755-0
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Excerpt (computer-generated)
Die mündliche Fehlerkorrektur im Fremdsprachenunterricht
Wissenschaftliche Hausarbeit
Universität Potsdam Professur für Übergreifende Fremdsprachendidaktik
Sommersemester 2006
Seminar: Grammatik im Französischunterricht
Planung und Gestaltung von Französischunterricht
Student: Thomas Roghmann
Inhaltsverzeichnis
1. Allgemeine Überlegungen zum Phänomen ,Fehler′ 3
1.1 Ansätze zur Fehlerdefinition 3
1.2 Mögliche Fehlerursachen 5
1.3 Zur wechselhaften Rolle des Fehlers in Forschung und Unterricht 8
2. Die mündliche Fehlerkorrektur 10
2.1 Abgrenzung des Korrekturbegriffs 10
2.2 Unterschiede zur schriftlichen Fehlerkorrektur - Forschungslage 11
2.3 Differenzierung des Korrekturverhaltens 12
2.3.1 Differenzierung in Fremd- und Selbstkorrektur 12
2.3.2 Differenzierung nach den Bedingungen der Lerngruppe 15
2.3.3 Differenzierung nach Unterrichtsphasen 15
2.3.4 Differenzierung nach der Art des Fehlers 18
2.3.5 Verhaltensmöglichkeiten nach der Korrektur 20
2.3.6 Differenzierung der Korrektursprachen 20
2.4 Zur affektiven Dimension der Korrektur 21
3. Längerfristige Lernziele 22
3.1 Positive Einstellung zu Fehlern im Bewertungskontext ? 22
3.2 Förderung des Sprach- und Fehlerbewußtseins 23
3.3 Vermittlung von Präventionsstrategien 24
4. Quellennachweise 26
2
Einleitung
Der Fehlerbegriff ist im schulischen Lernprozeß und in der schulischen Kommunikation
allgegenwärtig. Immer beschreibt er die Abweichung eines bestimmten Verhaltens von einer
Norm, welche keineswegs stabil ist, sondern in Abhängigkeit von situativen Variablen
modifiziert oder gar durch eine andere Norm ersetzt werden kann. Neben sachlichen und
fachwissenschaftlichen Bezugsgrößen kommen im Unterricht auch didaktische und
lernpsychologische Komponenten in Betracht, welche in Rechnung stellen, daß Fehler
weniger ,,Abfallprodukt" als vielmehr struktureller Bestandteil von Lernprozessen sind. Die
vorliegende Arbeit betrachtet das Thema aus der spezifischen Perspektive des
Fremdsprachenerwerbs. Ausgehend von allgemeinen Überlegungen zur Fehlerdefinition und
zu möglichen Fehlerursachen in diesem Bereich, beschäftigt sie sich im Schwerpunkt mit der
Korrektur als wichtigster Reaktion auf Fehler im Fremdsprachenunterricht. Im Mittelpunkt
steht die Korrektur von mündlich begangenen Fehlern, da sie in ein ungleich komplexeres
Gefüge kommunikativer Faktoren eingebunden ist als die Korrektur schriftlicher Texte und
zudem einen größeren Raum in der Unterrichtspraxis einnimmt. Mit Blick auf eine höhere
Wirksamkeit mündlicher Fehlerkorrekturen soll gezeigt werden, wie sich Korrekturverhalten
sinnvoll differenzieren läßt, wobei zugleich die Komplexität des Phänomens deutlich wird.
Als Grundlage dienen außer empirischen Daten und theoretischen Bezügen auch Erfahrungen
aus der Lehr- bzw. Lernpraxis. Abschließend geht es um die Frage, wie Lerner zu einem
möglichst selbständigen, autonomen Umgang mit Fehlern befähigt werden können.
1. Allgemeine Überlegungen zum Phänomen ,Fehler′
1.1 Ansätze zur Fehlerdefinition
Obgleich sich aus Sicht der Lehrpraxis primär die Frage nach einem geeigneten Umgang mit
Fehlern zu stellen scheint, darf nicht außer Acht gelassen werden, daß ein Fehler zuerst als
solcher identifiziert werden muß, bevor es überhaupt zu einer ,,Therapie" kommen kann. Der
jeweiligen Identifizierung muß eine subjektive Vorstellung von Korrektheit zugrunde liegen,
so daß als fehlerhaft gilt, was von dieser Norm abweicht. Einige Kriterien für Korrektheit
bzw. Fehlerhaftigkeit sollen im folgenden systematisiert und hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit
abgewogen werden1:
a) Am geläufigsten ist zweifellos das Kriterium der Grammatikalität, demzufolge ein Fehler
eine Abweichung vom System einer Sprache darstellt. Doch Unregelmäßigkeiten zeigen, daß
1 Kleppin 2000: 22.
3
systemkonforme Bildungen nicht immer akzeptabel sein müssen: *
Son vélo est plus bon que
le tien.
Hier liegt vielmehr ein Verstoß gegen die linguistische Norm vor.
b) Mit dem Kriterium der Akzeptabilität ließe sich überdies ein stärkerer Bezug zur Ebene der
Performanz und damit zur Realität einzelner Sprecher herstellen. Hierzu zählt allerdings auch
die Berücksichtigung der verschiedenen diatopischen, diastratischen und diaphasischen
Varietäten. Doch unter welchen Gesichtspunkten sollte eine Variante als für den Unterricht
gültige Bezugsnorm ausgewählt werden, ohne dabei Schüler aus anderen Regionen oder
anderen sozialen Schichten zu benachteiligen? Außerdem müßte für jede Varietät eine
hinreichende Beschreibung vorliegen, was nicht der Fall ist.2
c) Im Rahmen einer kommunikativ orientierten Definition ließe sich als Fehler nur werten,
was das Verständnis des Kommunikationspartners hemmt oder blockiert. In authentischen
Sprechsituationen können Verständnislücken, welche u.U. aus Strukturfehlern resultieren,
durch nonverbale Informationsträger wie Mimik oder Gestik, durch paralinguistische
Merkmale sowie durch kontextbezogenes und allgemeines Vorwissen geschlossen werden.3
Dies impliziert eine hohe Toleranz gegenüber agrammatischen Strukturen, die aufgrund ihrer
kommunikativen Wirksamkeit für korrekt gehalten werden und sich somit fossilieren können.
Es handelt sich außerdem um ein sehr subjektives, uneinheitliches Kriterium, da das
Vermögen von Rezipienten, die Bedeutung einer agrammatischen Struktur zu entschlüsseln,
stark variieren dürfte. So kann ein deutscher Mitlernender einen negativen Transfer aus der
gemeinsamen Ausgangssprache eher nachvollziehen als etwa ein französischer
Muttersprachler.
d) Legt man das Kriterium der Situationsangemessenheit zugrunde, also eine pragmatische
Norm, dann entspricht ein Fehler einer Verhaltensweise, die den kulturell determinierten
Konventionen und Kommunikationsritualen des Zielsprachenlandes zuwiderläuft. 4
e) In einigen Fällen realisieren Lerner Äußerungen, die zwar den bisher genannten Kriterien
genügen, da sie sowohl grammatisch und akzeptabel als auch verständlich und
situationsangemessen sind, aber nicht der Äußerungsabsicht ihres Produzenten entsprechen,
z.B. aufgrund einer falschen Hypothese über die Bedeutung eines Lexems. Nur mit dem
Kriterium der Übereinstimmung zwischen Äußerungsabsicht und tatsächlicher Aussage lassen
sich solche ,,verdeckten" Fehler erfassen. Ihre Identifizierung kann allenfalls im
kommunikativen Gesamtkontext der betreffenden Äußerung gelingen, sofern bestimmte
logische Widersprüche den Fehler enttarnen. Um zu verhindern, daß sich falsche Hypothesen
festigen, sollte die Lehrkraft bei entsprechendem Verdacht die tatsächliche Äußerungsabsicht
2 Ebd.: 20.
3 Polleti 2001: 5.
4 Kleppin 2000: 21.
4
erfragen und ggf. eine Korrektur vornehmen. Dies gestaltet sich schwierig, wenn der Lerner
die Realisierung der betreffenden Strukturen vermeidet. In solchen Fällen erfolgt keine
Überprüfung und Revision der falschen Hypothese, so daß die Fossilierung der fehlerhaften
Struktur droht.5
f) In der Unterrichtsrealität liefern häufig die verwendeten Lehrwerke und Grammatiken eine
präskriptive Norm und entlasten dadurch Lernende wie Lehrende. Sie orientieren sich
ihrerseits an einer oder mehreren der obengenannten Bezugsnormen. Gleiches sollte man von
der Lehrkraft annehmen, welche Regeln aus ihrem persönlichen Wissensfundus schöpft und
sie ebenfalls für verbindlich erklärt, ohne daß Schüler immer überprüfen können, in welchem
Verhältnis sie zu überindividuellen Normen stehen.6
Die dargestellten Definitionen weisen sowohl Schnittmengen als auch Widersprüche auf. In
der Lehrpraxis bietet sich ein flexibler Umgang mit Bezugsnormen an. Ob eine Struktur als
Fehler gewertet wird, kann so von didaktischen und lernpsychologischen Bedingungen wie
z.B. den fachlichen Voraussetzungen der Lerngruppe, der momentanen Arbeitsform oder der
individuellen Disposition eines Schülers abhängig gemacht werden.7
1.2 Mögliche Fehlerursachen
Das Wissen um typische Fehlerursachen kann hilfreich sein, wenn es darum geht, Fehler zu
identifizieren, bezüglich ihrer Schwere einzuschätzen und effizient zu korrigieren.
Ein häufiges Phänomen beim Fremdsprachenerwerb ist die Interferenz der Muttersprache
oder anderer Fremdsprachen des Lerners, d.h., die Übertragung einer Struktur aus der Mutter-
bzw. Ausgangssprache in die Zielsprache.8 Der interlinguale Transfer stellt im Sinne der
Lernökonomie zunächst eine sinnvolle Strategie dar, denn im Falle gleichartiger Strukturen ist
es in der Tat unnötig, diese doppelt im Gedächtnis zu speichern.9 Dort, wo Strukturen
voneinander abweichen, kommt es allerdings zu Fehlern:
Ich habe ihn gefragt... * Je l′ai demandé...
Ich glaube ihm. *Je lui crois.
Beim Verb ,fragen′/,demander′ wird die Person, an welche das Agens eine Frage richtet, im
Deutschen als direktes, im Französischen aber als indirektes Objekt realisiert. Im Fall von
,glauben′/,croire′ verhält es sich umgekehrt. Neben syntaktischen treten vor allem
semantische Interferenzen auf, und zwar insbesondere dort, wo in der Zielsprache eine
5 Ebd.: 28.
6 Ebd.:21.
7 Ebd.: 22f.
8 Ebd.: 30.
9 Polleti 2001: 7.
5
Wortdifferenzierung vorliegt, welche in der Ausgangssprache nicht existiert. So muß das
deutsche Substantiv ,Film′ je nach Bedeutung mit ,film′ oder ,pellicule′, das Wort ,Kalender′
entweder mit ,calendrier′ oder ,agenda′ ins Französische übersetzt werden.10 Vertreter der
kontrastiven Erwerbstheorie halten interlinguale Übertragungen für eine der wichtigsten
Fehlerursachen. Durch systematisches Kontrastieren von Ausgangs- und Zielsprache ließen
sich Fehler und Lernschwierigkeiten geradezu voraussagen, nämlich für jene Strukturen,
welche besondere Unterschiede zur Muttersprache aufweisen. Dagegen spricht die Erfahrung,
daß selbst deutliche strukturelle Abweichungen zuweilen keine nennenswerten Probleme
bereiten.11 Vielleicht erlaubt hier die Möglichkeit einer klaren Abgrenzung von der
Ausgangssprache eine sichere Verwendung. Demnach würden in erster Linie ähnliche
Strukturen Verwirrung stiften. Analog zu interlingualen können auch interkulturelle
Interferenzen auftreten. Dazu bedient sich der Lerner im Umgang mit Vertretern der
Zielsprachenkultur bestimmter (nicht)sprachlicher Verhaltensmuster, welche zwar innerhalb
seiner eigenen Kultur gebräuchlich sind, in der Zielsprachenkultur jedoch eine andere soziale
Bedeutung und Wertigkeit besitzen können. Anders als bei formalsprachlichen Fehlern führen
Sprecher der Zielkultur solche Verstöße oft nicht auf mangelnde Kenntnis, sondern
schlimmstenfalls auf charakterliche Schwächen zurück.12
Ferner kommt es auch im fremdsprachlichen Erwerbsprozeß immer wieder zu intralingualen
Interferenzen, d.h. zu Übertragungen innerhalb der Zielsprache. Dies betrifft in erster Linie
die Ausweitung erworbener Regeln auf Phänomene, die jedoch anders bzw. unregelmäßig
strukturiert sind:
plaire ils plaisent faire * ils faisent
Ausgehend von ähnlichen
Infinitivformen, wurde in diesem Beispiel für ,faire′ eine analoge Konjugation angenommen.
Fehler, die sich auf solche Übergeneralisierungs- und Regularisierungsprozesse zurückführen
lassen, zeugen keinesfalls von Lernschwierigkeiten, sondern zeigen lediglich, welche
Sprachregeln ein Lerner bereits erworben und welche Unregelmäßigkeiten er noch nicht
verinnerlicht hat. Theoretiker, die davon ausgehen, daß Erst- und Zweitsprachenerwerb im
wesentlichen identisch verlaufen, halten den Einfluß intralingualer Transfers auf den
Erwerbsprozeß für weitaus größer als jenen von interlingualen Übertragungen.13
Die Form
* ils faisent
könnte jedoch ebenso gut Folge einer retroaktiven Hemmung sein. In
diesem Fall wird die zu einem früheren Zeitpunkt gelernte Form
ils font
temporär durch die vor
kurzer Zeit erworbene funktionsgleiche Form
ils plaisent
überlagert, ihr Abruf durch letztere
blockiert.14 Derselbe lernpsychologische Effekt kann eintreten, wenn ein bestimmtes
10 Aßbeck 2001: 29.
11 Kleppin 2000: 30ff.
12 Ebd.: 37.
13 Ebd.: 32f.
14 Polleti 2001: 4f.
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