Subtitle: Das Goldene Zeitalter in Latium
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 28 Pages
Author: Anne-Mareike Franz
Subject: Latin
Details
Institution/College: University of Trier (Lateinische Philologie)
Year: 2007
Pages: 28
Grade: 2,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-35406-1
ISBN (Book): 978-3-640-35369-9
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Abstract
Mit diesen Worten lässt P. Vergilius Maro (70-19 v.Chr.) Latiums König Euander im achten Buch seines Heldenepos Aeneis ein Phänomen benennen, das als prägend für seine Zeit gesehen werden kann und demnach theoretisch auch in anderen Werken anderer Autoren gefunden werden könnte. Die Behandlung des goldenen Zeitalters und dessen Nachfolger bzw. Vorgänger sind sowohl bei Vergil, als auch bei Lukrez, Ovid, Horaz und Tibull, ein gängiges Motiv, denn „ ‚Goldene Zeit’ und ‚Verfall’ sind ewige Themen des Menschen und besonders in der Dichtung“. Jedoch ist eine Deutung des zugrundeliegenden Weltaltermythos, welcher seinen Ursprung in den Werken des Griechen Hesiod fand, bei jedem dieser Autoren nicht eindeutig und bedarf einer individuellen Erörterung sowohl in soziokultureller als auch in intentionaler Hinsicht. Dies bedeutet, insbesondere die Aussagen über das Goldene Zeitalter vor dem Hintergrund der Herrschaft des Augustus zu bewerten.
Excerpt (computer-generated)
Universität Trier
Fachbereich II: Lateinische Philologie
Hauptseminar: Vergil, Aeneis Buch 8
WS 2006/07
Aurea Saecula
Das Goldene Zeitalter in Latium
als literarisches Motiv
Hausarbeit von Anne-Mareike Franz
Anne-Mareike Franz
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Ursprung des Weltaltermythos 4
1. Vier Auffassungen über die Bewertung der Menschheitsgeschichte 4
2. Hesiod als Begründer des Weltaltermythos 5
III. Die römische Tradition des goldenen Zeitalters in Latium als literarisches Motiv 7
1. Die spätrepublikanische Zeit: Lukrez 7
2. Die Augusteische Zeit 9
2.1 Vergil 9
2.2 Horaz 14
2.3 Tibull 16
2.4 Ovid 18
IV. Intentionen zur Verwendung des Goldaltermythos und historischer Allegorien 21
V. Schlussfolgerung 24
VI. Literaturverzeichnis 26
2
I. Einleitung
Aurea quae perhibent illo sub rege fuere
saecula: sic placida populos in pace regebat,
deterior donec paulatim ac decolor aetas
et belli rabies et amor successit habendi.
(Vergil,
Aeneis
, 8, 324-327)
Mit diesen Worten lässt P. Vergilius Maro (70-19 v.Chr.)1 Latiums König Euander im
achten Buch seines Heldenepos
Aeneis
ein Phänomen benennen, das als prägend für seine
Zeit gesehen werden kann und demnach theoretisch auch in anderen Werken anderer Autoren
gefunden werden könnte. Die Behandlung des goldenen Zeitalters und dessen Nachfolger
bzw. Vorgänger sind sowohl bei Vergil, als auch bei Lukrez, Ovid, Horaz und Tibull, ein
gängiges Motiv, denn ,, ,Goldene Zeit′ und ,Verfall′ sind ewige Themen des Menschen und
besonders in der Dichtung"2. Jedoch ist eine Deutung des zugrundeliegenden Weltaltermy-
thos, welcher seinen Ursprung in den Werken des Griechen Hesiod fand, bei jedem dieser
Autoren nicht eindeutig und bedarf einer individuellen Erörterung sowohl in soziokultureller
als auch in intentionaler Hinsicht. Dies bedeutet, insbesondere die Aussagen über das Goldene
Zeitalter vor dem Hintergrund der Herrschaft des Augustus zu bewerten.
Vor allem die Relevanz einer Behauptung steht bei dieser Untersuchung im Mittel-
punkt: ,,Das Bewusstsein, in einer Zeit der Erfüllung historischer Erwartungen zu leben, ges-
tattet es Vergil, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft produktiv zusammenzuschauen und
Mythos und Geschichte miteinander zu versöhnen"3. Ausgehend von der bereits erwähnten
Stelle des achten Buches der Aeneis Vergils wird im Folgenden das goldene Zeitalter in Lati-
um als literarisches Motiv im Verhältnis zu anderen Darstellungen des Themas untersucht
werden. Aufgrund der Vielfalt der Zeugnisse wird die Behandlung der Thematik auf ausge-
wählte Dichter der spätrepublikanischen bzw. augusteischen Epoche, ihres Zeichens Blütezeit
der Kulturentstehungstheorien, eingegrenzt. Die Darstellungen des goldenen Zeitalters wer-
den stets im Vergleich mit den vorrangegangenen und folgenden Epochen gedeutet, da auf
diese Weise die Besonderheiten und Einschätzungen zur goldenen Epoche besonders zur Gel-
tung kommen. Aufgrund der oft komplexen Interpretation und noch andauernden Diskussion,
werden die Autoren in chronologischer Reihe genannt und nicht schon vorab in Kategorien
eingeteilt.
1 Riemer (u.a.), S.175.
2 Goerdt, S.51.
3 Von Albrecht, Band 3, S.15.
3
II. Ursprung des Weltaltermythos
1. Vier Auffassungen über die Bewertung der Menschheitsgeschichte
Zunächst ist zu konstatieren, dass bei der Behandlung des Weltaltermythos unweiger-
lich auch Theorien und Deutungen über die Kulturentstehungslehre der Menschheit getroffen
werden. Besonders Deutungen der goldenen Zeit sind in der antiken Literatur nicht deckungs-
gleich. Kubusch spricht sogar von einem Deutungswandel, den er durch Hesiod und Vergil
besonders anschaulich repräsentiert sieht: So preist Hesiod die erste Phase der Menschheits-
geschichte, Vergil seine eigene Zeit als goldene Zeit.4 Jedoch ist nicht nur die genaue chrono-
logische Festlegung des goldenen Zeitalters verschieden, sondern auch dessen Vor- und
Nachgeschichte.
Die diesem Bedeutungswandel zugrundeliegenden Theorien teilt Goerdt in vier Kate-
gorien ein: Die Aszendenztheorie, die Ambivalenz-Wahrnehmung, die Deszendenztheorie
und das zyklische Denken. Die Aszendenztheorie ist eng mit einem Fortschrittsdenken ver-
bunden, dass von einer stetigen Verbesserung der Menschheitsgeschichte ausgeht. Die Ambi-
valenz-Wahrnehmung wiederum lobt einen technischen Fortschritt auf der einen Seite, kriti-
siert aber auch den einhergehenden moralischen Verfall auf der anderen Seite. Im starken
Kontrast zur Aszendenztheorie, beurteilt die Deszendenztheorie die Menschheitsgeschichte
als Niedergang aus einem vormals paradiesischem Zustand. Das zyklische Denken wiederum
beinhaltet alle drei vorigen Theorien indem es davon ausgeht, dass die menschliche Kultur
einem stetigen auf und ab unterworfen ist, als Teil einer Natur, in der auch die Jahreszeiten
konstant wechseln.5
Die Existenz dieser Theorien und deren literarische Thematisierung wurde schon für
antike Zeiten festgestellt.6 Die Kenntnis dieser unterschiedlichen Kulturtheorien wird im spä-
teren Verlauf noch von Bedeutung sein, um diese, wenn möglich, den ausgewählten Autoren
zuzuordnen. Jedoch ist für alle Darstellungen der Weltalter folgendes festzustellen:
It seems impossible that one should be able to distinguish accurately between what is genuine
or `primitive′ myth and myths which are `secondary′, that is, `the products of antiquarian in-
dustry, literary activity, a desire for impressive antecedents, a good nose for suggestive analo-
gies and for what might pass for a credibly antique story, a talent for creating a seductive but
illusory pattern of hoarily ancient authenticity, and, lastly, wide reading′.7
4 Vgl. Kubusch, S.3.
5 Vgl. Goerdt, S.51.
6 Vgl. Ibid.
7 Smith, S.4; Horsfall bei Smith, ibid.
4
Demzufolge ging es auch den folgenden Autoren nicht vordergründig um eine
höchstmögliche Authentizität und detaillierte Geschichtsschreibung, sondern vielmehr um die
Darstellung eines Kulturellen Gedächtnisses und die eigene poetische Entfaltung. Deshalb
liegt die Annahme auch nicht fern, dass aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Befunde,
unbekannten Phänomenen, wie eben der Entstehung der Kultur und des Menschen im Allge-
meinen, eine göttliche Erklärung zugeschrieben wurde.8 Diese These erklärt zumindest die
,,Entstehung der mythologisch-idealistischen Ansichten"9 vieler Autoren.
2. Hesiod als Begründer des Weltaltermythos
Der Grieche Hesiod wird als der erste Dichter angesehen, der sich bewusst mit der
Entwicklung der Menschheit beschäftigte.10 Hesiod selbst wiederum soll, so lautet die ein-
gängige Forschungsliteratur, von orientalischen Mythen, zum Beispiel von babylonischen
Erzählungen inspiriert worden sein. Er behandelt die Weltzeitalter sowohl in seiner
Theogenie
als auch in den
Erga
. In der
Theogenie
beschreibt Hesiod die Anfänge der Welt und die Ent-
stehung der Götter, hierbei unterscheidet er zwischen den Zeitaltern unter Uranos, Kronos und
Zeus. In seinen
Erga
betrachtet Hesiod nun die Entwicklung der Menschen, von einem golde-
nen, paradiesischen Zustand hin zu einem silbernen und ehernen Geschlecht. Diese Deszen-
denz der Menschheit wird nur kurzfristig aufgehalten, nämlich durch das vierte Geschlecht
der Heroen, wie Herakles und Odysseus. Die Verschlechterung der Zustände nimmt jedoch
unweigerlich ihren Lauf und gelangt schließlich zu dem eisernen Geschlecht, dessen Zeit He-
siod auch seine eigene Person zuschreibt.11
Wie schon in II.1 erwähnt, bezeichnet Hesiod das erste Menschengeschlecht unter
Kronos als das einzig goldene. Seiner eigenen, der ehernen Zeit lässt er nur noch die Hoff-
nung, dass die letzten sittlichen Werte, personifiziert durch die Götter Aidos und Nemesis,
noch nicht wie alle anderen Werte von der Erde geflohen sind.12 Diese Gegenüberstellung der
paradiesischen Vergangenheit und harten Realität macht besonders die Intention Hesiods
deutlich. Die Beschreibungen dienen als Warnung für seine Zeitgenossen, dass eine weitere
8 Vgl. Tumová, S.3.
9 Ibid., S.3.
10 Vgl. Goerdt, S.52; Kubusch, S.3.
11 Vgl. Goerdt, S.52; Kubusch, S.3 ff.
12 Vgl. Kubusch, S.4.
5
Depravation der moralischen und sozialen Zustände stattfinden könnte, wenn diese sich nicht
zum rechtschaffenden Leben wenden würden.13
Obwohl bei Hesiod und den meisten seiner Nachfolger der Begriff des ,,goldenen
Zeitalters" verwendet wird, ist festzustellen, dass das Attribut ,,golden" nicht den Reichtum
dieser Zeit beschreiben soll, denn die Menschen kannten den Rohstoff des Goldes noch nicht.
Vielmehr bezeichnet Hesiod hiermit einen glückseligen Zustand der Menschen, bedingt durch
Sorglosigkeit ( , Erga, 112) und die Gaben der Natur ( ′
, Erga, 117/118).14 Dies ist
jedoch mehr als Wunschbild Hesiods zu interpretieren, ebenso wie das silberne Zeitalter.
Doch ist dieses Wunschbild aufgrund der Untätigkeit der Menschen in dieser Epoche, die
Hesiod für die psychische und physische Degeneration der Menschen verantwortlich macht,
nicht erstrebenswert.15
13 Vgl. Goerdt, S.52.
14 Vgl. Tumová, S.7.
15 Vgl. Roser, S.75.
6
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