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Die Alltagsrealität des globalen Finanzmarktes

Subtitle: Wir-Gefühl und opportunistisches Verhalten der globalen Finanzelite

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2009, 32 Pages
Author: Andreas Blendinger
Subject: Sociology - Economy and Industry

Details

Institution/College: University of Bamberg
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2009
Pages: 32
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V132122
ISBN (E-book): 978-3-640-37848-7
ISBN (Book): 978-3-640-37888-3
Notes :
Kommentar des Dozenten: "Das Thema wird systematisch entfaltet, die zentrale Fragestellung wird von Anfang bis Ende durchgehalten und Schritt für Schritt in aufschlussreichen Aspekten behandelt. Sehr gut ist auch die theoretische Grundlegung durch Alfred Schütz. Sehr aufschlussreich ist die Analyse der lokalen Entwurzelung der Wertpapierhändler bei gleichzeitiger Bildung einer eigenständigen Mikrostruktur."


Abstract

Die Finanzkrise, welche ihren Ursprung in der Krise des Immobilienmarktes in den Vereinigten Staaten hat, wird allgemein durch Fehler der politischen Akteure, Zentralbanken, restriktiver Institutionen und der Gier von Wertpapierhändler und dem daraus resultierenden Vertrauensverlust in den Markt zu erklären versucht. Die Krise kann mit systemischen Erklärungsansätzen jedoch nur unzureichend erklärt werden. So ergibt sich die Möglichkeit den Infarkt des Marktes aus der Sicht der Akteure heraus zu erklären. Es wird hierbei versucht von der Betrachtung einer abstrakten makrosoziologischen Systemebene Abstand zu gewinnen. Vielmehr steht das handelnde Subjekt, welches mit seiner Umwelt in alltäglicher Wechselwirkung steht, im Vordergrund. Es handelt sich um eine ethnomethodologische Betrachtungsweise der Akteure, welche den Sinn hinter den Handlungsroutinen aufdecken will. Empirische Feldforschung, vorzugweise Beobachtungen und Interviews, bilden die Grundlage für diese Betrachtungsweise. So richtet dieser Aufsatz sein Hauptaugenmerk auf die Gruppe der Wertpapierhändler. Diese Gruppe kann als Vermittler zwischen Kreditgebenden Banken und Investoren gesehen werden, sozusagen als Überträger der sogenannten „faulen“ Wertpapiere. Es soll die vielzitierte Gier und der Verlust von Vertrauen in diesem Zusammenhang kritisch hinterfragt werden. Dies soll mit Hilfe des Konzeptes der Einbettung wirtschaftlichen Handelns als konstitutives Charakteristikum und aus dem Blickwinkel der Realität des Alltags vorgenommen werden.


Excerpt (computer-generated)

Die Alltagsrealität

des globalen

Finanzmarktes

WirGefühl und opportunistisches

Verhalten der globalen Finanzelite

Universität Bamberg

Allgemeine Soziologie

HS Gesellschaftstheorie:

Ökonomisierung, Quasi und

Wohlfahrtsmärkte 2008/09

Von Andreas Blendinger


INHALT

1. Vorwort 3

2. Theoretische Grundlagen 4

2.1 Die Einbettung wirtschaftlichen Handelns 4

2.2 Phänomenologische Ansätze 5

2.3 Die Realität des Alltags 7

2.4 Das Informationszeitalter 9

3. Die Alltagswelt des OTCHändlers 10

3.1 Die Handelsetage 10

3.2 Die Wissensdurchdringung des globalen Finanzmarktes 12

3.3 Globale Mikrostrukturen aus der Sicht der Netzwerkanalyse. 14

3.4 Die lokale Entwurzelung von Wertpapierhändlern 16

4. Die Moral im Markt 19

4.1 Eigentümer ohne Risiko 19

4.2 WirGefühl vs. Opportunismus 20

4.3 Werte und Normen von Märkten Im Zeitverlauf 25

5. Fazit 27

Quellenverzeichnis 30

2


1. VORWORT

Die Finanzkrise, welche ihren Ursprung in der Krise des Immobilienmarktes in

den Vereinigten Staaten hat, wird allgemein durch Fehler der politischen Ak

teure, Zentralbanken, restriktiver Institutionen und der Gier von Wertpapier

händler und dem daraus resultierenden Vertrauensverlust in den Markt zu

erklären versucht. Es wird von Fehlern im System des Marktes gesprochen

oder von einem allgemeinen Marktversagen bzw. sogar von einem Ende des

Kapitalismus. Ihren Anfang nahm die Spekulationsblase auf dem amerikani

schen Immobilienmarkt 2002, nach dem Platzen der Internetblase, nachdem

die amerikanische Regierung ein Programm auflegte, dass die Amerikaner

zum Häuserkauf bewegen und somit das Konjunkturtief abschwächen sollte.

Die Folge waren eine Senkung des Leitzinses, sowie implizite staatlich abgesi

cherte Billigkredite, vergeben durch Hypothekenbanken wie Fannie Mae,

Freddi Mac und New Century Financial. Dies führte zu einer massiven Kredit

ausweitung und somit einer massiv ansteigenden Verschuldung der amerika

nischen Bevölkerung und insbesondere der Hausbesitzer. Wäre das Risiko der

Kredite rein staatlich abgesichert gewesen, hätte es diesen massiven Einbruch

der globalen Wirtschaftskraft nicht gegeben. Das Risiko der Hypotheken wur

de jedoch üblicherweise verbrieft und als Wertpapier an die Börse gebracht.

Soweit ein weitverbreiteter Tenor zur Analyse der Krise.

Wie konnte es nun passieren, dass das Risiko dieser Anlagepapiere, sogenann

te

subprimes

, von Händlern und Ratingagenturen so grundlegend falsch einge

schätzt worden ist? Beziehungsweise falls das Risiko richtig eingeschätzt wur

de, warum ging man dieses vielleicht besseren Wissens ein? Dies kann mit

systemischen Erklärungsansätzen nur unzureichend erklärt werden. Natürlich

ist einsehbar, dass das Vergütungssystem von Wertpapierhändlern im Zu

sammenhang mit Bonuszahlungen systemeigene Anreize geschaffen hat, über

3


längerfristige systemimmanente Risiken hinwegzusehen. Jedoch kann dies als

Erklärungsversuch nicht alleine stehen. Es lohnt sich, dieses Phänomen aus

einer tieferen Betrachtungsebene heraus zu erklären.

So ergibt sich die Möglichkeit den Infarkt des Marktes aus der Sicht der Akteu

re heraus zu erklären. Es wird hierbei versucht von der Betrachtung einer abs

trakten makrosoziologischen Systemebene Abstand zu gewinnen. Vielmehr

steht das handelnde Subjekt, welches mit seiner Umwelt in alltäglicher Wech

selwirkung steht, im Vordergrund. Es handelt sich um eine ethnomethodologi

sche Betrachtungsweise der Akteure, welche den Sinn hinter den Handlungs

routinen aufdecken will. Empirische Feldforschung, vorzugweise Beobachtun

gen und Interviews, bilden die Grundlage für diese Betrachtungsweise.

So richtet dieser Aufsatz sein Hauptaugenmerk auf die Gruppe der Wertpa

pierhändler. Diese Gruppe kann als Vermittler zwischen Kreditgebenden Ban

ken und Investoren gesehen werden, sozusagen als Überträger der sogenann

ten ,,faulen" Wertpapiere. Es soll die vielzitierte Gier und der Verlust von Ver

trauen in diesem Zusammenhang kritisch hinterfragt werden. Dies soll mit

Hilfe des Konzeptes der Einbettung wirtschaftlichen Handelns als konstituti

ves Charakteristikum und aus dem Blickwinkel der Realität des Alltags vorge

nommen werden.

2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN

2.1 DIE EINBETTUNG WIRTSCHAFTLICHEN HANDELNS

Ein wichtiger Ansatz bei der Betrachtung wirtschaftlicher Netzwerke auf mik

rosoziologischer Ebene ist die soziale Einbettung wirtschaftlichen Handelns.

Es soll hierbei weder das klassische ökonomische Bild eines atomatisierten

einzelnen Akteurs gezeichnet werden, dem

homo oeconomicus

, welcher frei

von sozialen Einflüssen nach rein rationalen egoistischen Gesichtspunkten

4


entscheidet. Noch sollen Normen, Moralvorstellungen und Werte als gegebene

Faktoren angesehen werden, welche das Individuum in seinen Handlungen

einschränken, bzw. sogar determinieren. Die Theorie der sozialen Einbettung

wirtschaftlichen Handelns stellt vielmehr aktuelle soziale Bindungen, bzw.

Netzwerke in den Vordergrund der Beobachtung und versucht, aus diesen

Beweggründe für Handlungsentscheidungen abzuleiten (Granovetter (1985)

S.487). Handlungskultur ist in diesem Sinne kein fester Einfluss, sondern eine

permanente Konstruktion, welche sich aus den Interaktionen der Akteure des

Netzwerkes ergibt. Das heißt nicht, dass sich Moralvorstellungen mit einer

Interaktion plötzlich und unerwartet verändern. Die Vorstellung, was gutes

oder zumindest legitimes Handeln bedeutet wird durch einzelne intersubjek

tive Übereinkünfte geschliffen und geformt. Die Vorstellung von Moral verliert

dabei aber keinesfalls ihre Wichtigkeit in diesem Ansatz.

Diese Sichtweise ist insbesondere für den globalen Finanzmarkt interessant.

Dieser ist, im Unterschied zu den gängigen Händler oder Produzentenmärk

ten, als eigenständige Aktivität zu betrachten, welche nicht zur Sicherung ei

nes Güterangebotes für Produktion oder Konsum dient. Er ist damit losgelöst

von einem lokalen Kontext und greifbaren Gütern und konstituiert sich folg

lich hauptsächlich aus der Interaktion der Teilnehmer. Die Produkte, welche

sich auf den Bildschirmen der Händler manifestieren bestehen rein virtuell.

Die Entbettung aus einem lokalen Kontext und die enorme Vernetzung der

Akteure machen die aktuellen sozialen Beziehungen außerordentlich wichtig

in der Entscheidungsfindung der einzelnen Marktteilnehmer.

2.2 PHÄNOMENOLOGISCHE ANSÄTZE

Neben der vermuteten hohen Relevanz von aktuellen Beziehungsnetzwerken

für wirtschaftlichen Handel, wird in diesem Zusammenhang der Sichtweise

der Phänomenologie eine hohe Bedeutung beigemessen. Diese hilft, sich der

Sinnhaftigkeit der Handlung und das Selbstbewusstsein der Akteure bewusst

5


zu machen. Hierfür ist es unumgänglich sind eine ethnologische Betrach

tungsweise anzueignen und den Lebensraum des zu untersuchenden Indivi

duums genau zu betrachten (workplace studies). Nur so ist es möglich, die

subjektive Realität der zu untersuchenden Akteure zu erkunden und somit die

Motivation der Handlungen erklären zu können. Soziologische Erklärungskraft

entsteht jedoch erst, wenn sich subjektive Realitäten zu einem CommonSense

Denken des täglichen Lebens entwickeln. Dieses überwindet die Differenzen

individueller Perspektiven durch die Reziprozität der Perspektiven. Wissen

wird objektiviert und Handlungsmotive können auf soziale Gruppen übertra

gen werden. (Schütz (2004) S.164f)

Die Reziprozität der Perspektiven kann unter Umständen dazu führen, dass

rationales soziales Handeln nicht mehr durchführbar wird. Die Durchsetzung

des rationalen Handlungsentwurfes des Einzelnen gestaltet sich deshalb

schwierig, da dieses, vor allem in einem Markt, immer rationales Handeln oder

Reagieren eines Mitmenschen, Konkurrenten oder Handelspartner impliziert.

Es erfolgt eine Verkettung von Handlungsmotiven und den Handelspartnern

muss bewusst sein, welche rationalen Ziele der Andere verfolgt, um somit eine

Vorstellung dafür zu bekommen, wie sie ihre rational gestecktes Ziele in Ko

operation mit oder Reaktion des Anderen erreichen können. Dies wird Mög

lich durch eine WirBeziehung, dass heißt eine gegenseitige Teilnahme am

aktuellen Verlauf des Lebens des jeweils Anderen und das Teilen seiner Er

wartungen. Aber gerade diese WirBeziehung stellt ein irrationales Element in

der Beziehung zweier Menschen dar, welches rationales Handeln erst möglich

macht (Schütz (2004) S.183). Diese WirBeziehung lässt sich auf eine ganze

Gruppe von Zeitgenossen ausweiten, welche sich in dem Sinne an Maßstäben

orientieren, welche als Verhaltensregeln von dieser Gruppe gebilligt werden.

Rationales Handeln ist demzufolge ein Handeln, welches sich in einem nicht

weiter in Frage gestellten Rahmen von Handlungsalternativen erstreckt, wel

che als selbstverständlich angesehen werden. Dies wird als Rationalität des

CommonSense verstanden und macht die Analyse des subjektiven Stadtpunk

tes notwendig, um eine Interpretation des Handelns vornehmen zu können.

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