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Die Doppelgängergeschichten "The Tell-Tale Heart" und "William Wilson" von Edgar Allan Poe

Subtitle: Eine kurze Darstellung

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 28 Pages
Author: Anja Einhorn
Subject: American Studies - Literature

Details

Event: Doppelgänger in der Literatur
Institution/College: Ruhr-University of Bochum (Komparatistik)
Tags: Es, Über-Ich, Traum, Doppelgänger, Verdrängung
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 28
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V13235
ISBN (E-book): 978-3-638-18934-7
ISBN (Book): 978-3-638-64278-1
File size: 267 KB

Abstract

Unter dem Begriff des Doppelgängers versteht man das rätselhafte Pendant eines Menschen, welches in dessen gewohnter Alltagsumgebung in Erscheinung tritt. Bisweilen wirkt dieses Pendant wie von einem unbewussten Automatismus her geleitet - es scheint ihm eine höhere Intelligenz innezuwohnen. Dabei hat jeder Mensch einen unbewussten Schattenbereich, der wesenhaft durch einen Doppelgänger geprägt wird. Er ist ein Wesen, das uns unter Umständen quält oder in den Wahnsinn treibt. Mancher Mensch spürt dessen unbehagliche Nähe und empfindet seinen Doppelgänger als geistige Realität. Dabei wird lediglich ein Teil des eigenen Ichs auf das Feindbild projiziert. Denn es sind Teile von uns selbst, die unsere Abgründe verkörpern, seien sie positiv oder negativ. Wirkt der Doppelgänger auf den ersten Blick furchterregend, so kann er uns jedoch in vielen Bereichen des Lebens unterstützen. Berichte über Doppelgänger sind in der Literatur häufig anzutreffen. Die fremde Seite nimmt dabei verschiedenste Manifestationen an: Mal ist es der Schatten, der einen verfolgt, mal das zwillingshafte Ebenbild, manchmal auch nur eine flüsternde Stimme. Dabei stelle "der Schatten [...] immer die 'andere Seite' des Ich dar und verkörpert meistens gerade diejenigen Eigenschaften, die man an anderen Leuten am meisten hasst."1 Die Doppelung findet also in uns selbst statt, und die Erkenntnis unserer scheinbar gegensätzlichen Seite kann dazu dienen, sinnvoll mit ihr umzugehen. Denn ohne diese Seite wären wir nur ein ′′halber′′ Mensch.


Excerpt (computer-generated)

Ruhr-Uni-Bochum

Poes Doppelgängergeschichten

Hausarbeit

von

Anja Einhorn

16.04.2003

Gliederung:

I. Einleitung: Der Doppelgänger und Freuds Psychanalyse

II. Hauptteil: 
    The Tell-Tale Heart und die Unterdrückung der Libido
    William Wilson und der Kampf gegen das Gewissen

III. Schluss: Das geteilte Ich

Bibliografie

 

Einleitung: Der Doppelgänger und Freuds Psychanalyse

Unter dem Begriff des Doppelgängers versteht man das rätselhafte Pendant eines Menschen, welches in dessen gewohnter Alltagsumgebung in Erscheinung tritt. Bisweilen wirkt dieses Pendant wie von einem unbewussten Automatismus her geleitet - es scheint ihm eine höhere Intelligenz innezuwohnen. Dabei hat jeder Mensch einen unbewussten Schattenbereich, der wesenhaft durch einen Doppelgänger geprägt wird. Er ist ein Wesen, das uns unter Umständen quält oder in den Wahnsinn treibt. Mancher Mensch spürt dessen unbehagliche Nähe und empfindet seinen Doppelgänger als geistige Realität. Dabei wird lediglich ein Teil des eigenen Ichs auf das Feindbild projiziert. Denn es sind Teile von uns selbst, die unsere Abgründe verkörpern, seien sie positiv oder negativ. Wirkt der Doppelgänger auf den ersten Blick furchterregend, so kann er uns jedoch in vielen Bereichen des Lebens unterstützen.

Berichte über Doppelgänger sind in der Literatur häufig anzutreffen. Die fremde Seite nimmt dabei verschiedenste Manifestationen an: Mal ist es der Schatten, der einen verfolgt, mal das zwillingshafte Ebenbild, manchmal auch nur eine flüsternde Stimme. Dabei stelle


der Schatten [...] immer die ′′andere Seite′′ des Ich dar und verkörpert meistens gerade diejenigen Eigenschaften, die man an anderen Leuten am meisten hasst.1

Die Doppelung findet also in uns selbst statt, und die Erkenntnis unserer scheinbar gegensätzlichen Seite kann dazu dienen, sinnvoll mit ihr umzugehen. Denn ohne diese Seite wären wir nur ein ′′halber′′ Mensch.

Die Psychopathologie beschäftigt sich seit Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Phänomen der Schizophrenie. Der Schweizer Eugen Bleuler - ein Zeitgenosse Freuds und Jungs - führte 1908 den Ausdruck ′′Schizophrenie′′ ein, was wörtlich übersetzt ′′Geistesspaltung′′ bedeutet. Betroffene zeigen dabei unter anderem folgende Symptome:


[...] die Fehlinterpretation der Realität durch den Patienten - Wahnvorstellungen und Halluzinationen, unangemessene emotionale und soziale Reaktionen und zurückgezogenes, regressives oder bizarres Verhalten. [Oftmals zeigt sich auch] eine grundlegende Persönlichkeitsstörung und das häufig auftretende Gefühl [...], von äußeren Mächten kontrolliert zu werden.2

Edgar Allan Poe zeigt in vielen seiner Kurzgeschichten Menschen mit diesen schizophrenen Symptomen und die eigene innere Vielfalt an sich. So stellt sich für den Leser die Frage, ob die Einheitlichkeit der Psyche nicht mehr ist als eine bloße Illusion. Wie kann der Mensch mit seinen inneren Gegensätzen umgehen, ohne die schlechten Seiten zu verleugnen oder zu verdrängen?

So geht es bei Poe oftmals um die Selbstzerstörung des Menschen, indem er einen Teil seiner selbst vernichtet, denn die Probleme, die einen verfolgen, befinden sich in der eigenen Psyche und können nur - so glauben seine Protagonisten - durch Selbstzerstörung überwunden werden. Dass Verdrängung, Unterdrückung, Projektion und andere psychologische Mechanismen der Verarbeitung völlig nutzlos sind, zeigt Poe an Hand der Tatsache, dass die buchstäblich begrabenen Fremdseiten der Charaktere trotz bewusster Kontrolle am Ende zurückkehren.

[...]


1 von Franz, M.L.: ′′Der Individuationsprozess′′, in: Der Mensch und seine Symbole, hg. von C.G.Jung u.a. (Olten: Walter Verlag, 1985), S.160-229, hier S.172.

2 Gottesman, Irving I.: Schizophrenie: Ursachen, Diagnosen und Verlaufsformen (Oxf: Spektrum, 1993), S. 26.


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