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"Analytizität" – ein Dogma?

Subtitle: Ein philosophischer Begriff in der Kritik

Scholary Paper (Seminar), 2009, 20 Pages
Author: Roman Kuhn
Subject: Philosophy - Philosophy of the Present

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2009
Pages: 20
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V134023
ISBN (E-book): 978-3-640-41650-9


Abstract

Es gibt philosophische Begriffe, die selten durch eindeutige und unangreifbare formale Festlegungen erklärt werden und dennoch unmittelbar einsichtig erscheinen und sich vermutlich gerade deshalb einer weiten Verbreitung erfreuen.Ohne Zweifel gehört die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen zu dieser Art philosophischer Begriffe. Es scheint intuitiv unstrittig, dass sich Sätze in diese beiden Kategorien einteilen lassen. Oftmals wird dabei auf paradigmatische Beispiele zurückgegriffen, wie etwa den notorischen Beispielsatz: „Alle Junggesellen sind unverheiratet.“ Jedem kompetenten Sprecher der deutschen Sprache, so die im Beispiel unterstellte These, muss unmittelbar einsichtig sein, dass dieser Satz ein wahres Urteil enthält. Ergänzt durch weitere (Gegen-)Beispiele scheint es, dass alle (sinnvollen) Sätze tatsächlich in zwei Kategorien zerfallen. Von dem obigen Exempel scheint etwa der Satz„Der Autor dieser Zeilen ist Junggeselle“ grundsätzlich verschieden zu sein. Während man jenen ohne weitere Überprüfung für wahr halten kann, ja für wahr halten muss, ist bei diesem– wenngleich er wahr ist – eine Überprüfung an der Wirklichkeit nötig. Eine philosophische Theorie analytischer Urteile kann sich freilich nicht nur auf illustrierende Beispiele beziehen, sie muss darstellen, wie jene besonderen Urteile zu Stande kommen. Dies wird umso dringlicher, da sich ebenso Beispiele nennen lassen, die sich nicht ohne Weiteres in die dichotomen Klassen einordnen lassen, wie etwa die Aussage: „Ein Gegenstand, der vollständig rot ist, ist nicht blau.“ Dieses Urteil scheint zwar ebenso intuitiv wahr, ist es aber in gleicher Weise unmittelbar einsichtig und nicht vielmehr „wesentlich von der Art und Weise bestimmt, wie sich Farben in der Welt verhalten“?


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin

Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften

Institut für Philosophie

Wintersemester 2008/2009

GS: Theoretische Philosophie der Neuzeit: Descartes, Leibniz, Kant und Hegel


,,Analytizität" ­ ein Dogma?

Ein philosophischer Begriff in der Kritik

Roman Kuhn

Fachsemester: 6

Studienfächer:: Allgemeine und Vergleichende

Literaturwissenschaft,

Philosophie, Sprachen der 05.03.2009

klassischen

Antike


Inhaltsverzeichnis

I.

Einleitung 2

II.

Kant: Erläuterungs- und Erweiterungsurteile 3

III.

Analytizität bei Frege und Ayer 5

IV.

Quines Angriff: Analytizität als ,,Dogma" der Philosophie 7

1)

Keine informative Erklärung 8

2)

Holismus 11

V.

Verteidigung eines Dogmas 12

VI.

Zurück zu Kant? 14

VII.

Schlussbemerkung 16

Literaturverzeichnis 17

1


I.

Einleitung

Es gibt philosophische Begriffe, die selten durch eindeutige und unangreifbare formale Festle-

gungen erklärt werden und dennoch unmittelbar einsichtig erscheinen und sich vermutlich

gerade deshalb einer weiten Verbreitung erfreuen.Ohne Zweifel gehört die Unterscheidung

zwischen analytischen und synthetischen Urteilen zu dieser Art philosophischer Begriffe. Es

scheint intuitiv unstrittig, dass sich Sätze in diese beiden Kategorien einteilen lassen. Oftmals

wird dabei auf paradigmatische Beispiele zurückgegriffen, wie etwa den notorischen

Beispielsatz: ,,Alle Junggesellen sind unverheiratet." Jedem kompetenten Sprecher der

deutschen Sprache, so die im Beispiel unterstellte These, muss unmittelbar einsichtig sein,

dass dieser Satz ein wahres Urteil enthält. Ergänzt durch weitere (Gegen-)Beispiele scheint es,

dass alle (sinnvollen) Sätze tatsächlich in zwei Kategorien zerfallen. Von dem obigen

Exempel scheint etwa der Satz,,Der Autor dieser Zeilen ist Junggeselle" grundsätzlich

verschieden zu sein. Während man jenen ohne weitere Überprüfung für wahr halten kann, ja

für wahr halten muss, ist bei diesem­ wenngleich er wahr ist ­ eine Überprüfung an der

Wirklichkeit nötig.

Eine philosophische Theorie analytischer Urteile kann sich freilich nicht nur auf illustrierende

Beispiele beziehen, sie muss darstellen, wie jene besonderen Urteile zu Stande kommen. Dies

wird umso dringlicher, da sich ebenso Beispiele nennen lassen, die sich nicht ohne Weiteres

in die dichotomen Klassen einordnen lassen, wie etwa die Aussage: ,,Ein Gegenstand, der

vollständig rot ist, ist nicht blau." Dieses Urteil scheint zwar ebenso intuitiv wahr, ist es aber

in gleicher Weise unmittelbar einsichtig und nicht vielmehr ,,wesentlich von der Art und

Weise bestimmt, wie sich Farben in der Welt verhalten"1?

Das Beispiel macht deutlich, dass ohne eine genauere Bestimmung, was unter ,,analytisch" zu

verstehen sei, mehr Probleme entstehen als gelöst werden können. Im heutigen

philosophischen Gebrauch ist die Unterscheidung ,,ganz durch die von Kant gesetzte

Tradition und Konzeption bestimmt"2. Gleichwohl es bereits zuvor einige verschiedene

Definitionen der Begriffspaare

a priori

/

a posteriori

und analytisch/synthetischgab,3 kommt

Immanuel Kant hier die wichtigste Rolle zu: Er hat ,,einen Standard für die philosophische

Begrifflichkeit geschaffen"4, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er die Begriffspaare

scharf auseinanderhält.

Wenn es auch seit Kant ein genauer bestimmtesFundament gibt, in jeder Hinsicht klar und

durchsichtig wurde die Unterscheidung dadurch nicht.Spätestens seit der Mitte des 20.

1 Albert Newen/Joachim Horvath: ,,Apriorität und Analytizität: Zwei Grundbegriffe der Philosophie und ihre

Entwicklung ­ Eine Einleitung", in: Dies. (Hg.):

Apriorität und Analytizität

, Paderborn: mentis 2007 (= mentis

anthologien philosophie), S. 9-30, S. 10.

2 Harald Delius: ,,Analytisch/synthetisch", in: Joachim Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1971, S. 251-260, S. 251.

3 Vgl. die Darstellung der Definitionen von Locke, Leibniz und Hume in: Newen/Horvath: ,,Apriorität und

Analytizität", S. 13ff.

4 Ebd., S. 11.

2


Jahrhunderts scheint sie noch weniger tragfähig geworden zu sein, als bis dahin angenommen:

1951 veröffentlichte Willard Van OrmanQuine seinen berühmten Aufsatz ,,Two Dogmas of

Empiricism". Quine versucht darin jedoch nicht, lediglich die Schwächenbisheriger

Definitionen aufzuzeigen, um sie anschließend neu zu definieren, sondern legt dar, dass seiner

Ansicht nach eine derartige Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen

gänzlich unmöglich ist, mithin nicht existiert.

Quine hat die beiden Begriffe ,,analytisch" und ,,synthetisch" nicht zum Verschwinden

gebracht, aber seine Kritik ist zum notwendigen Durchgangspunkt für jede weitere

Auseinandersetzung mit ihnen geworden. Die Darstellung im Folgenden ist somit auf zwei

Fixpunkte ausgerichtet: Kants ,,Kritik der reinen Vernunft"als jenen Text, der die

analytisch/synthetisch Unterscheidung in der bestimmenden Form einführt, und Quines ,,Two

Dogmas". Die zentralen Fragen stellen sich in der Konfrontation dieser beiden Texte: Ist

Quines Kritik zwingend oder lässt sich die Unterscheidung dagegen verteidigen? Hierzu

sollen kurz einige wichtige Versuche, Analytizität zu retten vorgestellt werden. Was folgt,

wenn man die Unterscheidung wirklich fallen lässt? Trifft Quines Kritik überhaupt die

Unterscheidung, wie Kant sie formuliert, oder ist sie vielmehr auf eine Einengung des

Begriffs seit Kant ausgerichtet?

II.

Kant: Erläuterungs- und Erweiterungsurteile

Kant beginnt seine ,,Kritik der reinen Vernunft" mit einer Kategorisierung desuns möglichen

Wissens. Dieses scheidet sich an zwei unterschiedlichen Trennlinien in verschiedene

Abteilungen. All unser Wissen beginnt nach Kant mit Erfahrung. Würden äußere

Gegenstände unsere Sinne nicht anregen, nicht ,,unsere Verstandestätigkeit in Bewegung

bringen"5, würde die Möglichkeit zu Erkenntnis überhaupt nicht entstehen. Diese Priorität der

Erfahrung ist jedoch nur eine ,,

[d]er Zeit nach

"6. Wenngleich nämlich alle Erkenntnis mit

Erfahrung beginnt, so verfügen wir dennoch über ein unabhängiges ,,Erkenntnisvermögen"7,

das einerseits die sinnlichen Eindrücke erst verarbeitet und andererseits auch in der Lage ist,

Erkenntnis aus sich selbst zu produzieren. Die verschiedenen Möglichkeiten der Erkenntnis

teilt Kant folglich in ,,

Erkenntnisse a priori

" und Erkenntnisse ,,

a posteriori

"8 ein, und gibt

damit zugleich Auskunft über die ,,Herkunft" wie auch über die ,,Geltungsweise"9 von

Erkenntnis. Erkenntnisse

a priori

sind solche, die ohne Bezug auf empirische Erfahrungen

gewonnen werden,10 und sie gelten­ eben weil sie nicht auf Erfahrung beruhen, die eine

5 Immanuel Kant: ,,Kritik der reinen Vernunft" [1781], in: Ders.:

Werkausgabe

, hg. von Wilhelm Weischedel. 16.

Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004, S. B2.

6 Ebd., S. B1.

7 Ebd.

8 Ebd., S. B2.

9 Otfried Höffe:

Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grundlegung der modernen Philosophie

, 4. Auflage. München: C.H.

Beck 2004, S. 54.

10 Der Vollständigkeit wegen soll hier auch erwähnt werden, dass Kant zwei Arten der Erkenntnisse

a priori

unterscheidet: Erkenntnisse, die zwar ohne Erfahrung eingesehen werden können (wer etwa das Fundament seines

3


gegenteilige Erfahrung nie grundsätzlich ausschließen, sondern lediglich Wahr-

scheinlichkeiten ermittelnkann ­ streng allgemein.11 Dass es überhaupt Erkenntnisse gibt, die

wir unabhängig von Erfahrung gewinnen können, hält Kant für ,,leicht zu zeigen"12: Die Sätze

der Mathematik etwa gehören für ihn zu dieser Klasse.

Die zweite Trennlinie, die Kant an unser mögliches Wissen anlegt, betrifft hingegen ,,die

Legitimation und das Innovationspotential von Erkenntnis."13 Kant geht dabei von dem

einfachen Fall einer Subjekt-Prädikat-Aussage aus, die sich danach einteilen lässt, in welchem

Verhältnis das Prädikat zum Subjekt steht:

Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckter Weise)

enthalten ist; oder B liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in Verknüpfung steht.

Im ersten Fall nenne ich das Urteil

analytisch

, in dem andern

synthetisch

.14

Analytische Urteile setzen unseren Kenntnissen also nichts Neues hinzu, sondern erläutern

nur, was in einem Begriff schon steckt: Sie stehen im Verhältnis der Identität zu einem

Begriff (oder zu einem Teil eines Begriffs). Für das notorische Junggesellen-Beispiel würde

das also heißen: Der Satz ,,Junggeselllen sind unverheiratet" erweitert das Wissen desjenigen,

der weiß, was ,,Junggeselle" bedeutet, nicht. Die analytische Wahrheit des Satzes beruht

darauf, dass die Eigenschaft unverheiratet zu sein, bereits im Begriff ,,Junggeselle" enthalten

ist, sie ist identisch mit zumindest einem Teil des Begriffs.15 Aufgrund der Tatsache, dass

damit nichts eigentlich Neues geäußert wird, nennt Kant die analytischen Urteile auch

,,

Erläuterungs-

", die synthetischen ,,

Erweiterungsurteile

."16

Um analytische Urteile fällen zu können, ist also nichts weiter nötig, als einen Begriff zu

kennen und diesen, dem Widerspruchssatz (¬(p ¬p)) gemäß,17 auf ein Prädikat

anzuwenden. Ein Bezugauf Erfahrung ist unnötig, analytische Urteile gelten immer

a priori

:

Daß ein Körper ausgedehnt sei, ist ein Satz, der a priori feststeht, und kein Erfahrungsurteil. Denn, ehe

ich zur Erfahrung gehe, habe ich alle Bedingungen zu meinem Urteile schon in dem Begriffe, aus

welchem ich das Prädikat nach dem Satze des Widerspruchs nur herausziehen, und dadurch zugleich

der Notwendigkeit des Urteils bewußt werden kann, welche mir die Erfahrung nicht einmal lehren

würde.18

Die originäre Leistung der Kant′schen Unterteilung ist, dass sie die beiden Unterscheidungen

scharf voneinander trennt und somit einer ,,besonderen Erkenntnisart"19 den Weg öffnet: dem

Hauses untergräbt, muss nicht erst auf die Erfahrung warten, um zu wissen, dass es einstürzen wird), dennoch

aber auf Erfahrung (in diesem Beispiel der Schwere von Körpern) beruhen, könnte man als ,,relative" Erkennt-

nisse

a priori

bezeichnen (Vgl.: Ebd., S. 53.). Interessant für die weitere Untersuchung sind für Kant aber lediglich

jene ,,reinen" Erkenntnisse

a priori

, die vollständig unabhängig von jeder Erfahrung gewonnen werden können

(Vgl.: Kant: ,,Kritik", S. B3f.).

11 Vgl.: Kant: ,,Kritik", S. B2ff.

12 Ebd., S. B4.

13 Höffe:

Kants Kritik der reinen Vernunft

, S. 54.

14 Kant: ,,Kritik", S. B10.

15 Man könnte weitere Eigenschaften als konstitutiv für den Begriff Junggeselle ansehen (etwa die Eigenschaften in

einem heiratsfähigen Alter zu sein oder nicht verwitwet zu sein oder dergleichen), das Prädikat muss also nicht

vollständig mit dem Subjekt identisch sein, sondern nur mit einem seiner Teilbegriffe.

16 Kant: ,,Kritik", S. B11.

17 Dieser ist das ,,allgemeine und völlig hinreichende

Principium aller analytischen Erkenntnis

" (Ebd., S. B191.)

18 Ebd., S. B11f.

19 Höffe:

Kants Kritik der reinen Vernunft

, S. 55.

4



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